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39 Treffer für „frequenzen“
Täter weichen auf Messengerdienst Telegram aus
Ansichten vorliegen. Die tatsächliche Reichweite kann höher sein. 9 Die Nachrichtenfrequenz wurde auf Grundlage des Datums der ersten und letzten erhobenen Mitteilung berechnet. In die Hochrechnung fließen nur Angebote ein, bei denen mindestens ein
Forschung
gut 2000 Jahren geführt und die zurecht angesichts der Reichweite und Nutzungsfrequenz und schließlich auch der Nachhaltigkeit von Fernsehprogrammen immer wieder neu aufgegriffen wird, gilt als allgemeine Meinung, dass gerade für wichtig gehaltene
Über Uns
eines Programmmultiplexes für WDR und ZDF ein. (4) Aus Gründen der frequenztechnischen Versorgung oder zur Förderung der Umstellung von analoger zu digitaler Versorgung können Über- tragungskapazitäten befristet zugeordnet werden. (5) Zur
Forschung
Umfragen er mittelt werden. Details wie etwa genaue Werbekontakt zahlen (Dauer/Frequenz) können dagegen nicht ge neriert werden. Die limitierte Aus- sagekraft der Nettokontaktermitt lung wird beispiels weise bei der Betrach tung des Offline-Spiels
Sprachassistenten: Ich höre was, das du nicht hörst.
Zusätzlich wurde eine Scraperanalyse durchgeführt, um einen Eindruck über die Frequenz der Veränderungen des Angebots über die Projektlaufzeit von Februar bis Mai 2021 zu erhalten. Auch wurden regionale Unterschiede und Unterschiede zwischen dem
TikTok Studie
Challenges.indd CHALLENGE ACCEPTED: WELCHE CHALLENGES SICH AUF TIKTOK VERBREITEN UND WIE KINDER UND JUGENDLICHE SIE WAHRNEHMEN Zentrale Ergebnisse von Inhaltsanalyse und Befragung, Düsseldorf, Februar 2024 Dr. Lara Kobilke & Dr. Antonia Markiewitz 2 INHALTSVERZEICHNIS 1. EINFÜHRUNG: ZUM PHÄNOMEN TIKTOK-CHALLENGES 03 1.1 NOTWENDIGKEIT EINER AUSEINANDERSETZUNG MIT TIKTOK-CHALLENGES 03 1.2 WAS SIND TIKTOK-CHALLENGES? 03 1.3 WELCHE ARTEN VON TIKTOK-CHALLENGES GIBT ES? 04 2. METHODIK 07 2.1 ZUR INHALTSANALYSE VON VIDEOS RUND UM TIKTOK-CHALLENGES 07 2.2 ZUR BEFRAGUNG VON KINDERN UND JUGENDLICHEN ZU TIKTOK-CHALLENGES 07 3. ERGEBNISSE DER INHALTSANALYSE 09 3.1 ALLGEMEINE MERKMALE VON TIKTOK-CHALLENGES 09 3.2 INHALTLICHE AUSGESTALTUNG VON TIKTOK-CHALLENGES: 10 CHALLENGE IST NICHT GLEICH CHALLENGE 3.3 FAZIT 14 4. ERGEBNISSE DER BEFRAGUNG 15 4.1 TIKTOK-NUTZUNG VON KINDERN UND JUGENDLICHEN 15 4.2 TIKTOK-CHALLENGES 19 4.3 FAZIT 23 5. ZUR EINORDUNG DER ERGEBNISSE: 24 HANDLUNGSEMPFEHLUNG UND AUSBLICK 3 1. EINFÜHRUNG: ZUM PHÄNOMEN TIKTOK- CHALLENGES 1.1 NOTWENDIGKEIT EINER AUSEINANDERSETZUNG MIT TIKTOK-CHALLENGES TikTok-Challenges sind sehr beliebt bei Kindern und Jugendlichen. Es gibt viele verschiedene Arten von Chal- lenges: Manche Challenges machen einfach Spaß, aber andere können gefährlich sein. Deswegen ist es wichtig zu verstehen, warum Kinder und Jugendliche diese Challenges mögen, wie oft sie sich gefährliche Challenge-Videos anschauen oder selbst daran teilnehmen und wie sie überhaupt auf diese Challenges aufmerksam werden. So können wir besser verstehen, wie wir sie vor gefährlichen Inhalten schützen können, während sie trotzdem Spaß haben und kreativ auf TikTok sein dürfen. In diesem Bericht wird beleuchtet, welche Arten von Challenges es gibt, wie viel Reichweite sie erhalten und was die jungen Nutzerinnen und Nutzer bewegt, an diesen teilzunehmen. Ebenfalls wird die Rolle der Eltern, Lehrkräfte, tra- ditionellen Medien (wie Zeitung, Radio und Fernsehen) sowie der digitalen Plattformbetreiber diskutiert: Einerseits dabei, die Heranwachsenden überhaupt erst auf neue Challenges aufmerksam zu machen, andererseits auch bei der Verarbeitung von Medieninhalten, mit denen sich die Kinder und Jugendlichen unwohl fühlen. Zuletzt werden Hand- lungsempfehlungen gegeben, wie man die Heranwachsenden künftig am besten schützen und unterstützen kann. Ziel dieses Berichts ist es, ein breites Publikum über die Wichtigkeit und mögliche Problemfelder von TikTok-Chal- lenges zu informieren, ohne dabei die positiven Seiten von Challenges aus dem Blick zu verlieren. Junge Nutzer und Nutzerinnen sollen TikTok sicher genießen können. Dazu können Familien, Schulen, aber auch die Plattform selbst beitragen. Deswegen sind die Adressaten und Adressatinnen dieses Berichts Erziehungsverantwortliche, Medienpä- dagogen und -pädagoginnen, Lehrkräfte und Entscheidungsträger beziehungsweise -trägerinnen. 1.2 WAS SIND TIKTOK-CHALLENGES? Ein gemeinsames Duett, eine Choreografie zum neuesten Hit, ein lustiger Streich oder extrem scharfe Chips – Challenges kommen in den unterschiedlichsten Formen daher. Ihnen allen gemein ist, dass Challenges eine festgelegte Aktivität umfassen, deren Durchführung in Form von Videos festgehalten wird, die dann auf Social Media Plattformen hoch- geladen werden. Im vorliegenden Bericht liegt der Fokus auf TikTok, da diese Plattform unter Kindern und Jugend- lichen andere soziale Medien im Nutzungsranking Stück für Stück ablöst1. Um als Teil einer bestimmten Challenge erkennbar zu sein, benötigen diese Videos ein Wiedererkennungsmerkmal, das die Essenz der Challenge beschreibt und einzigartig für die jeweilige Challenge ist. Das kann beispielsweise der Name der Challenge sein, der dann häufig als Hashtag genutzt wird. Andere Wiedererkennungsmerkmale von Challenges umfassen visuelle (z. B. eine bestimmte Requisite, ein Kostüm) oder auditive Elemente (z. B. ein bestimmtes Lied). Diese Merkmale fördern die Auffindbarkeit, den Zugang und die Verbreitung der Challenge-Videos und somit deren typischen Mitmach-Charakter. Zudem lassen sich Challenges durch diese einzigartigen Wiedererkennungsmerkmale von anderen Online-Trends ab- grenzen, wie beispielsweise dem Risky-Selfie-Taking. Die zugrundeliegenden Motivationen mögen bei Challenges und anderen Online-Trends ähnlich sein; vor allem Spaß und Nervenkitzel sowie die Möglichkeit, die eigenen Fähigkeiten zu präsentieren, spielen hier eine Rolle. Die Grundidee, dass eine bestimmte Aktivität von möglichst vielen Menschen absolviert wird, sowie der teilweise explizite Aufruf zur Teilnahme, sind jedoch spezifische Merkmale von Challenges. 1 Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2023). JIM-Studie 2023. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Stuttgart. 4 1.3 WELCHE ARTEN VON TIKTOK-CHALLENGES GIBT ES? Es gibt unterschiedliche Versuche, Challenges in Gruppen zusammenzufassen. Die wohl gängigste und praktikabelste ist die Gruppierung von Challenges nach Zweck und Risiko- sowie Gefahrenpotenzial2. So lassen sich Challenges auf dem Spektrum von positiv über neutral bis zu negativ einordnen. Positive Challenges verfolgen einen guten Zweck, zum Beispiel durch wohltätige, gemeinschaftsfördernde oder persönlichkeitsfördernde Aktivitäten. Dabei kann es beispielsweise darum gehen, Geld für einen gemeinnützigen Zweck zu sammeln (z. B. Ice Bucket Challenge) sowie et- was Gutes für die eigene Nachbarschaft (z. B. Chalk your Walk Challenge) oder sich selbst zu tun (z. B. 30-Tage Chal- lenge). Andererseits gibt es auch eine Reihe von negativen Challenges, die potenziell schädliche und im schlimmsten Fall sogar potenziell tödliche Folgen haben können. Das beinhaltet insbesondere Challenges, die körperliche (z. B. Salt and Ice Challenge) oder psychische Schäden (z. B. Momo Challenge) nach sich ziehen. Zwischen den beiden Polen können diejenigen Challenges verortet werden, die harmlos sind, aber auch keinen gesellschaftlichen oder persön- lichen Mehrwert über den eigenen Spaß hinaus bieten. Dazu zählen beispielsweise Sing-, Tanz- oder andere geschick- lichkeitsbasierte Challenges (z. B. Bottle Cap Challenge). 2 vgl. Astorri, E., Clerici, G., Gallo, G., Raina, P., & Pellai, A. (2023). Online extreme challenges putting children at risk: what we know to date. Minerva pediatrics, 75(1), 98–109. doi.org/10.23736/S2724-5276.22.06892-6 Abbildung 1. Spektrum von Challenges und Beispiele wohltätig gemeinwohlorientiert Formen: politischer Aktivis- mus, Wohltätigkeit Beispiele: Ice Bucket Callenge gemeinschafts- oder persönlichkeitsfördernd Zugehörigkeitsgefühl, sinnstiftend fördern den Zusam- menhalt, das eigene Wohlbefinden Beispiele: Trashtag Callenge, Chalk your Walk Callenge, 30-Tage Challenge neutral harmlos, ohne un- mittelbaren Einfluss auf das (körperliche) Wohlbefinden Spaß und Unterhal- tung, Kreativität und Geschicklichkeit Beispiele: Mannequin Callenge, Bottle Cap Callenge schädlich risikobehaftet Ergebnis: bspw. körperliche Schäden Beispiele: Salt and Ice Callenge, Banana and Sprite Callenge, Duct Tape Callenge potenziell tödlich hohes Risiko Ergebnis: schwere bis tödliche Verletzung Beispiele: Tide Pot Callenge, Blackout Callenge, Blue Whale Callenge positive Challenges neutrale Challenges negative Challenges 5 BEISPIELE FÜR CHALLENGES, DIE IN DIESEM BERICHT BEHANDELT WERDEN: ABC Challenge: Bei dieser Challenge gibt das Alphabet vor, was getan werden muss. Zum Beispiel werden Dates verabredet (A – Abendessen bei Kerzenschein, B – Bowling, …) oder Konversationen geführt, bei denen jeder Satz mit einem anderen Buchstaben des Alphabets beginnt. 30-Tage Challenge: Bei dieser Challenge geht es darum, etwas 30 Tage lang zu tun, um es so zur Gewohnheit werden zu lassen. Das kann beispielsweise eine sportliche Routine oder Geld sparen umfassen, aber auch 30 Tage etwas Nettes für andere zu tun. Banana and Sprite Challenge: Bei dieser Challenge essen die Teilnehmenden zunächst Bananen und trinken dann schnell bis zu zwei Liter Sprite. Diese Kombination führt zu Magenbeschwerden. Blackout Challenge: Auch bekannt als das Choking Game, bei dem Teilnehmende sich absichtlich würgen, um einen Rauschzustand zu erleben. Bei Verlust des Bewusstseins können die Teilnehmenden ersticken, auch wenn dies nicht Ziel der Challenge ist. Blue Whale Challenge: Besteht aus Aufgaben, die den Teilnehmenden über 50 Tage hinweg gestellt werden, und gipfelt in Selbstverletzung oder Selbstmord. Bottle Cap Challenge: Ziel dieser Geschicklichkeitsherausforderung ist es, den Deckel einer Flasche mit einem präzisen Tritt zu lösen, ohne die Flasche umzuwerfen. Boredinthehouse Challenge: Eine kreative Antwort auf Langeweile während der pandemiebedingten Isolation im Jahr 2020. Teilnehmende filmen sich oder ihre Haustiere bei verschiedenen (humorvollen) Aktivitäten zu Hause, um die Zeit zu vertreiben, begleitet vom Lied ‘Bored in the House’ von Tyga und Curtis Roach. Chalk your Walk Challenge: Bei dieser Challenge bemalen Teilnehmende Gehwege oder Einfahrten mit bunter Kreidestraßenkunst, um positive Botschaften in ihrer Gemeinschaft zu verbreiten. Charlie Charlie Challenge: Zwei Bleistifte werden auf einem Blatt Papier mit einem Ja-Nein-Vierfelder-Raster zu einem Kreuz gelegt, um einen Geist namens „Charlie“ zu befragen. Die Teilnehmenden stellen reihum Fragen, und der sich bewegende Bleistift soll die Antworten von „Charlie“ in Form von „Ja“ oder „Nein“ anzeigen. Deo Challenge: Hierbei geht es darum, sich Deo möglichst lange auf eine Hautstelle oder in den Mund zu sprühen. Hierbei drohen Erfrierungen und Schädigung der Atemwege. Egg Crack Challenge: Bei dieser Challenge wird einer nichtsahnenden Person in einem unverdächtigen Moment ein Ei auf der Stirn aufgeschlagen. Häufig wird diese Challenge von Eltern an ihren Kindern ausgeführt. Face Wax Challenge: Hierbei wird heißes Wachs auf das Gesicht aufgetragen, vornehmlich um Haare zu entfernen. Das kann Verbrennungen hervorrufen. Fairy Flying Challenge: Es wird der Anschein erweckt, als würde die Person im Video schweben. Dies wird durch geschickte Positionierung des Körpers und spezielle Kamerawinkel erreicht, während der Körper eigentlich auf einem Möbelstück liegt. Filter Challenge: Teilnehmende benutzen spezielle Filter, die ihre Gesichtszüge auf humorvolle Weise verändern oder ihnen Posen vorgeben, die sie nachmachen müssen. Anschließend werden die Reaktionen auf die durch den Filter bewirkten Veränderungen gefilmt. 6 Hot Chip Challenge: Die Aufgabe besteht darin, sehr scharfe Chips zu verzehren, die das Risiko bergen, die Speise- röhre zu schädigen oder einen Schock hervorzurufen. Diese Chips sind nicht für Kinder geeignet. Nachdem es wiederholt zu Verletzungen bei Kindern kam, hat der Hersteller die Lieferung dieser Chips nach Deutschland mittlerweile eingestellt. Ice Bucket Challenge: Teilnehmende übergießen sich mit einem Eimer Eiswasser, um das Bewusstsein für die amyo- trophe Lateralsklerose (ALS) zu schärfen und Spenden zu sammeln. Mannequin Challenge: In dieser Challenge verharren die Teilnehmenden wie Schaufensterpuppen regungslos in einer Aktion, während eine bewegliche Kamera sie filmt, oft begleitet vom Lied ‚Black Beatles‘ von Rae Sremmurd. Momo Challenge: Die Teilnehmenden erhalten Anweisungen von einer Entität namens „Momo“, die ihnen eine Reihe gefährlicher, oft mit Selbstverletzung einhergehender Aufgaben stellt. Put a Finger Down Challenge: Es werden zehn Fakten oder Aussagen genannt und für jeden Punkt, der auf sie zu- trifft, müssen die Teilnehmenden einen Finger senken. Diese Challenge wird vornehmlich genutzt, um humorvolle Inhalte zu teilen, aber auch um Stellung zu ernsthaften privaten oder politischen Themen zu beziehen. Safehands Challenge: Diese von der World Health Organization (WHO) initiierte Challenge lehrt korrekte Hand- waschtechniken, um die Verbreitung von Krankheiten zu verhindern (insbesondere während einer Pandemie). Salt and Ice Challenge: Für diese Challenge müssen die Teilnehmenden Salz auf ihre Haut streuen und anschlie- ßend einen Eiswürfel darauf platzieren. Es können Verbrennungen durch Unterkühlung entstehen. Tide Pod Challenge: Bei dieser Challenge konsumieren Teilnehmende flüssige Waschmittelkapseln. Im schlimms- ten Fall kann das zu tödlichen Vergiftungen führen. Trashtag Challenge: Teilnehmende räumen vermüllte Landschaften auf und posten Vorher-Nachher-Fotos in den sozialen Medien. Wenigstens Challenge: Die Teilnehmenden beleidigen einander, indem sie alle schlechten Eigenschaften an ihrem Gegenüber aufzählen, begleitet von den Worten: „Wenigstens bin ich nicht…“, „Wenigstens habe ich nicht…“, „We- nigstens kann ich…“ 7 2. METHODIK 2.1 ZUR INHALTSANALYSE VON VIDEOS RUND UM TIKTOK-CHALLENGES Um beurteilen zu können, welche Art von Challenges stark auf TikTok verbreitet sind und welche konkreten Inhalte diese Challenge-Videos zeigen, wurde in einem ersten Schritt eine manuelle, quantitative Inhaltsanalyse von ins- gesamt 2.533 Challenge-Videos auf TikTok durchgeführt. Diese Videos wurden im Zeitraum Oktober bis November 2023 über TikTok mittels Scraping3 erhoben und von 26 Codiererinnen und Codierern auf ihre inhaltlichen Merkmale hin untersucht. Überblick über Untersuchungsdesign und -parameter der Inhaltsanalyse Stichprobe N = 2.533 Videos zu TikTok-Challenges, erhoben im Zeitraum 13. Oktober - 05. November 2023 Stichprobenziehung Suchbegriffe zum Aufgriff der Videos: allgemeine Challengebegriffe kombiniert mit challenge-spezifischen Begriffen Inklusionskriterien: Video bzw. Videoinhalte (Tonspur, Text im Video, Bildunterschrift) in deutscher oder englischer Sprache, Challengebezug, challenge-spezifischer, eindeutiger Identifikator (z. B. Hashtag, visuelles oder auditives Merkmal, Requisite) Untersuchungsmethode Quantitative Inhaltsanalyse von Videos zu TikTok-Challenges mittels standardisiertem Codebuch durch N = 26 Codie- rerinnen und Codierern (Qualitätskontrolle durch Live-Codierschulungen und Pretests von Codebuch und Codier- prozess) Untersuchungszeitraum Oktober - November 2023 2.2 ZUR BEFRAGUNG VON KINDERN UND JUGENDLICHEN ZU TIKTOK-CHALLENGES Mittels standardisierter Online-Erhebung wurden im zweiten Teil der Untersuchung insgesamt 755 in Deutschland lebende Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 16 Jahren befragt4. Die Fragen an die Kinder und Jugendlichen drehten sich um ihre TikTok-Nutzung und um das Phänomen TikTok-Chal- lenges. Hierbei standen insbesondere Fragen nach dem Wissen um Challenges, deren Rezeption und ob eine Teilnahme an einer Challenge bereits erfolgte oder prinzipiell in der Zukunft vorstellbar wäre, im Fokus. Der Großteil der Kinder und Jugendlichen lebt in einem Vier-Personen-Haushalt. Ihre Eltern bzw. Erziehungsberech- tigten sind im Durchschnitt 44 Jahre alt; Ferner haben 10% der Eltern einen Hauptschulabschluss, etwa 46% verfügen über einen Schulabschluss unterhalb des Abiturs, und 44% besitzen ein Abitur oder einen höheren Abschluss. 3 Als Zugang wurden mehrere Suchstrings aus verschiedenen, neutralen Challenge-Begriffen und Kombinationen (z. B. „challenge 2023“, „neue chal- lenge“, „fyp challenge“) herangezogen. Um problematische Challenge-Inhalte identifizieren zu können, wurden auch aktuelle, potenziell gefährliche Challenges als Suchbegriffe genutzt (z. B. „hot chip challenge“). 4 Um diese quotierte Stichprobe zu erreichen, wurden 3.405 potenziell passende Haushalte angefragt. Von diesen mussten 1.465 Haushalte vorab aus- geschlossen werden, weil die Eltern Bedenken gegen die Teilnahme vorbrachten, beispielsweise weil sie die Befragung ihres Kindes grundsätzlich oder die Datenverarbeitung für ihr Kind ablehnten. Der häufigste Grund, weshalb Haushalte von der Befragung vorab ausgeschlossen werden muss- ten, war die Angabe der Erziehungsberechtigten, ihr Kind würde TikTok überhaupt nicht nutzen (739 Haushalte; ca. 50% der Gründe für den Ausschluss von Haushalten). 8 Überblick über Untersuchungsdesign und -parameter der Befragung Zielgruppe In Deutschland lebende Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 16 Jahren Demografie Alle Altersgruppen gleichverteilt, jeweils etwa 100 Befragte pro Altersgruppe von 10 bis 16 Jahren. Davon 49,3% weiblich, 50,2% männlich und 0,5% divers. Unter 10% der Kinder befinden sich noch in der Grundschule oder Orien- tierungsstufe, etwas mehr als 50% besuchen eine Förder-, Haupt-, Real- oder Gesamtschule und etwa 40% besuchen ein Gymnasium oder eine vergleichbare Fachoberschule. Stichprobengröße und Quotierung 755 Befragte gesamt; quotiert nach Alter und Geschlecht Inklusionskriterium: diejenigen, die TikTok nutzen und die Alters- und Geschlechtsquoten erfüllen Befragungsmethode Quantitative Online-Befragung mittels standardisiertem Fragebogen, durchgeführt vom Marktforschungsinstitut iconKids & Youth Befragungszeitraum Oktober 2023 Befragungsinhalte TikTok-Nutzung, Begegnung mit Unwohlsein-auslösenden Inhalten, Challenges (Kenntnis, Rezeption/Nutzung, Teil- nahme) 9 3. ERGEBNISSE DER INHALTSANALYSE An dieser Stelle werden zunächst die Ergebnisse der quantitativen Inhaltsanalyse präsentiert. Dabei stehen die Inhalte der 2.533 untersuchten TikTok-Videos im Vordergrund, die mittels der Suchbegriffe identifiziert wurden und von denen 1.338 auch tatsächlich eine Aktivität zeigten oder thematisierten, die als Challenge bezeichnet werden kann (siehe Begriffsverständnis im ersten Kapitel dieses Berichts). Die nachfolgenden Prozentangaben beziehen sich auf diese 1.338 Challenge-Videos. Kurz und knapp: Die wichtigsten Ergebnisse auf einen Blick 1) Mehrheitlich handelt es sich bei den Challenges in TikTok-Videos um harmlose (neutrale) Challenges, wie beispiels- weise Sing- oder Tanz-Challenges. 2) Videos, die negative Challenges zeigen, haben keine höhere Reichweite als Videos, die andere Formen von Challen- ges zeigen. 3) In TikTok Challenge-Videos werden sehr selten Inhalte gezeigt, die die Entwicklung von Minderjährigen beeinträch- tigen könnten. Am häufigsten kommen Darstellungen von Schmerzen vor, die während der Ausführung einer Chal- lenge entstehen. Inhalte, die laut dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag absolut unzulässig sind, sind eine seltene Ausnahme. 4) TikTok reguliert gefährliche Inhalte: Speziell bei potenziell tödlichen Challenges greift TikTok durch, indem sowohl die Challenges als auch alle zugehörigen Suchbegriffe blockiert werden. Je riskanter die Challenge, desto effektiver gestaltet die Plattform die Blockade, sodass es kaum möglich ist, diese durch abgewandelte Suchbegriffe zu um- gehen. 5) Entscheidet TikTok, bei einer negativen Challenge nicht regulierend einzugreifen, können allerdings in wenigen Wochen viele hunderte Videos entstehen. Ein Beispiel dafür ist die Hot Chip Challenge. 3.1 ALLGEMEINE MERKMALE VON TIKTOK-CHALLENGES Die meisten – über 80% – der untersuchten Videos zeigen Personen „live in Action“, wie sie eine Challenge ausführen (Live-Demonstrationen). Weitere 10% der Challenge-Videos drehen sich um Information und Aufklärung (Aufklä- rungsvideos). Das sind Videos, die sich vornehmlich damit auseinandersetzen, über potenziell gefährliche Challenges und deren Konsequenzen aufzuklären. Die restlichen Darstellungsformen von Challenge-Videos verteilen sich vor allem auf Erlebnisberichte über in der Vergangenheit bereits absolvierte Challenges sowie auf Kunstproduktionen, z. B. Animationsvideos. Warnhinweise finden sich in den Videos zu Live-Demonstrationen negativer Challenges nur selten: In 3% der Videos wird ein automatisierter Warnhinweis von TikTok eingeblendet und in weiteren 4% der Videos gibt es einen manuell eingesprochenen Warnhinweis durch die Erstellerinnen und Ersteller. Was die in den Challenge-Videos gezeigten Personen anbelangt, so finden sich hier am häufigsten Erwachsene (in 49% aller Challenge-Videos) und junge Erwachsene unter 25 Jahren (in 45% aller Challenge-Videos). Jugendliche (5% aller Challenge-Videos) und Kinder (1% aller Challenge-Videos) tauchen dagegen sehr selten auf. Es scheint also, dass im virtuellen Raum vornehmlich ältere Social-Media-Nutzerinnen und -Nutzer Challenges absolvieren und entsprechende Videos verbreiten. Anscheinend spielen Kinder und Jugendliche bei der Produktion solcher Videos eher eine untergeordnete Rolle. Ein gravierenderes Problem könnte nicht so sehr in der Nachahmung der Challenges durch Minderjährige liegen, sondern eher darin, dass (junge) Erwachsene versuchen, ihre Popularität und Reichweite zu erhöhen, indem sie auf aktuelle Trends aufspringen, einschließlich negativer Challenges wie der Hot Chip Challen- ge, und diese als spaßige Freizeitbeschäftigung ihrer potenziell jungen Zuschauerschaft vorführen. 10 Um Inhalte bzw. Videos einer spezifischen Challenge zuordnen zu können, bedarf es eines – oder gegebenenfalls auch mehrerer – charakteristischer Identifikationsmerkmale, die diese Videos als zu einer Challenge zugehörig iden- tifizieren. Über ein solches Identifikationsmerkmal wird häufig auch der Zugang zu den Videos ermöglicht. Am häu- figsten (in ca. 62% der Fälle) wird ein Challenge-spezifischer Hashtag als entsprechendes Identifikationsmerkmal genutzt (z. B. #safehands), das auch den Aufgriff entsprechender Videos ermöglicht. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um den Namen der Challenge, der mit 47% auch das zweithäufigste Identifikationsmerkmal darstellt (z. B. #trashtagchallenge). Auch spezifische Requisiten (33%, z. B. bestimmte Chips bei der Hot Chip Challenge) und bestimmte Lieder bzw. Soundeffekte (28%, z. B. ‚Bored in the House‘ von Tyga und Curtis Roach für die Bored in the House Challenge) sind häufig Charakteristikum einer Challenge, gefolgt von konkreten visuellen Kompositionen (14%), wie es beispielsweise bei der Mannequin Challenge der Fall ist. In den wenigsten Fällen sind Kostüme das wiederkehrende Identifikationsmerkmal einer Challenge (3%). 3.2 INHALTLICHE AUSGESTALTUNG VON TIKTOK-CHALLENGES: CHALLENGE IST NICHT GLEICH CHALLENGE Wie eingangs festgestellt, gibt es Challenges in den unterschiedlichsten Formen: Von Nettigkeiten für andere oder der Herausforderung, neue Routinen zu entwickeln, über die Zurschaustellung der eigenen Gesangs- und Tanzküste oder Geschicklichkeit, bis hin zu gefährlichen Mutproben ist alles dabei. Der Zweck von Challenges kann also positi- ver, neutraler oder negativer Natur sein. Welchen Zweck TikTok-Challenges mehrheitlich verfolgen, wurde in einem zweistufigen Verfahren untersucht: Zunächst wurde der Zweck der im Video erwähnten oder vorgeführten Challenge bestimmt (ob positiv, neutral oder negativ). Anschließend wurden die konkreten Inhalte der Videos erfasst: Wurde die Challenge tatsächlich durchgeführt? Wurde sie im Rahmen eines Aufklärungsvideos kritisch hinterfragt? Ent- hielt das Video Inhalte, die gemäß des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags im Verdacht stehen, die Entwicklung von Minderjährigen zu beeinträchtigen? Oder sind die Inhalte gemäß des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags sogar gänzlich unzulässig? Darstellung und Charakter von TikTok-Challenges Alle Ergebnisse werden nachfolgend ohne Aufklärungsvideos ausgewiesen, da diese sich von klassischen Challenge- Videos, wie Live-Demonstrationen oder Erlebnisberichten, durch ihren pädagogischen Mehrwert und ihren präventiven Zweck deutlich unterscheiden. Die große Mehrheit – etwa zwei Drittel (64,6%) – der Challenge-Videos umfasst solche Challenges, die als neutral ein- zuordnen sind. Das sind Challenges, die Spaß und Unterhaltung bereiten, harmlos sind, aber auch keinen gesellschaft- lichen oder persönlichen Mehrwert bieten. Die zweitgrößte Gruppe an Challenge-Videos auf TikTok umfasst negative Challenges. Etwa ein Viertel (30,5%) aller untersuchten Videos zeigt Challenges, deren Umsetzung negative Folgen haben kann5. Von den insgesamt 365 als negativ einzuordnenden Challenge-Videos sind die meisten, nämlich 352 (also über 96%), als potenziell schädlich zu klassifizieren. Das beinhaltet Challenges, die körperliche oder seelische Schäden verursachen können, ohne dass dabei jedoch Langzeitfolgen zu erwarten sind (z. B. Banana and Sprite Challenge). Videos mit der höchsten Eskalationsstufe – sprich potenziell tödliche Challenges – konnten in 1,1% (also 13) der Fälle nachgewiesen werden. Zudem verfolgt nur ein geringer Anteil der Challenges einen positiven Zweck (4,9%, bzw. 59 Videos), bringt also etwas Positives, Nützliches oder gar Wohltätiges für sich oder andere. Die meisten dieser Videos (nämlich 52) betreffen Chal- lenges, die die eigene Persönlichkeit und Entwicklung fördern sollen. Diese Videos zu positiven Challenges haben im Durchschnitt auch die höchste Reichweite (M = 4.177.242 Aufrufe), gefolgt von neutralen Challenges (M = 4.085.599 Auf- rufe). Mit durchschnittlich rund 1.454.130 Aufrufen haben negative Challenge-Videos die niedrigste Reichweite. 5 Aufgrund des Zugangs zu den Challenge-Videos, der auch ganz gezielt Challenge-Begriffe von negativen Challenges beinhaltete (z. B. „Vampire Fangs Challenge“, „scharfe Challenge“), existiert hier eine deutliche anteilsmäßige Überrepräsentation von negativen Challenges. Rechnet man Videos ‚heraus, die durch diese Suchbegriffe in die Stichprobe gelangt sind, beträgt der Anteil negativer Challenges noch 13,5%. Doch auch die Videos, die nur durch challenge-spezifische Suchbegriffe aufgefunden werden konnten, existier(t)en in dieser Form auf TikTok und waren für Kinder und Jugendliche potenziell zugänglich, weshalb sie in der Stichprobe berücksichtigt werden. 11 Tabelle 1. Ausprägungen der Challenge-Videos auf TikTok6 Ausprägung positiv neutral negativ Ausprägung konkret Anzahl an Videos Relativer Anteil wohltätig gemeinschaftsfördernd persönlichkeitsfördernd potenziell schädlich potenziell tödlich 59 2 5 52 775 365 352 13 4,9% 0,2% 0,4% 4,3% 64,6% 30,5% 29,4% 1,1% Diese Erkenntnisse über die Arten von Challenges und ihre Reichweite spiegeln sich auch darin, welche konkreten Chal- lenges am häufigsten in Videos dargestellt werden. Auch hier dominieren mit großem Abstand Challenges, die sich um Tanz, Gesang, Sport oder Humor drehen: 6 An dieser Stelle werden Videos herausgerechnet und damit nicht aufgeführt, wenn sie im Kern zwar eine negative Challenge zeigen, diese aber von Dritten in einen übergeordneten Kontext eingeordnet und / oder über mögliche negative Konsequenzen aufgeklärt wird (Aufklärungsvideos). Dies ge- schieht vor dem Hintergrund, dass hierbei die negative Challenge nicht konkret ausgeführt bzw. gezeigt wird, sondern vielmehr aufgearbeitet werden, was einen präventiven Effekt haben kann. Einbezogen werden dagegen Videos, die gezielt über Challenge-Begriffe von negativen Challenges gefunden wurden (siehe vorangegangene Fußnote). 7 Zur besseren Übersicht wurden für diese Auswertung nur diejenigen Daten herangezogen, die auf neutrale Suchbegriffe zurückzuführen sind. Das heißt, es wurden die Daten derjenigen Videos herausgerechnet, die nur via einschlägiger, negativer Suchbegriffe (z. B. Suche nach konkreten, bekannten negativen Challenges) aufgegriffen werden konnten. Außerdem sind weiterhin keine Aufklärungsvideos inkludiert. Abbildung 2. Übersicht über dargestellte Challenges, die in wenigstens 1% der Videos vorkommen7 Water (Tyla) Use up / Aufbrauch Try not to Cringe Charlie Charlie kg Fitness Wipe it Down Saving Sprite MakeUp Beatbox Wenigstens Try not to Laugh Couple / BFF / Friends / Question Fussball / Football Salt and Ice Sport Filter Chili / Hot Chip Put a Finger Down Song Dance 0% 5% 10% 15% 20% 25% 1% 1% 1% 1% 1% 2% 2% 3% 4% 6% 21% 1% 1% 1% 1% 1% 2% 3% 4% 4% 8% Anteil der Videos in %, die diese Challenge thematisieren 12 Konkrete Inhalte der TikTok-Challenges Um nun zu verstehen, was konkret diese – insbesondere negativen – Challenge-Videos ausmacht, wurden alle Chal- lenge-Videos darüber hinaus auf ihre konkreten Inhalte hin untersucht. Dabei lag der Fokus vor allem darauf, ob die Challenge-Videos auf TikTok Inhalte zeigen und verbreiten, die nach dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag als pro- blematisch einzustufen sind. Das kann einerseits (versteckte) Werbung umfassen, andererseits aber auch potenziell entwicklungsbeeinträchtigende oder sogar unzulässige, menschenrechtsverletzende Inhalte. Dieser Zugang wurde gewählt, um beurteilen zu können, inwiefern Challenge-Videos auf TikTok in ihrer Gesamtheit problematische oder gar gefährliche Inhalte an ein junges Publikum vermitteln. Insgesamt hat sich gezeigt, dass in Challenge-Videos auf TikTok solche Inhalte kaum dargestellt werden. Nachfolgend werden nun verschiedene Ausprägungen von problema- tischen Inhalten innerhalb von Challenge-Videos auf TikTok samt deren Vorkommen aufgeschlüsselt: Challenge-Videos sind in großen Teilen darauf ausgelegt, ein launiger Zeitvertreib zu sein. Durch den partizipatori- schen Charakter und die generell hohe Reichweite von Challenge-Videos (siehe oben) verbreiten sich entsprechende Inhalte schnell und großflächig. Deswegen sind Challenge-Videos eine attraktive Möglichkeit, kommerzielle Inte- ressen voranzutreiben. Es liegt nahe, dass Influencerinnen oder Influencer sowie Unternehmen die Dynamik von Challenges nutzen, um die eigene Marke bekannter zu machen. Tatsächlich zeigt die Inhaltsanalyse, dass knapp jedes zwanzigste Challenge-Video Werbung enthält. Daneben wurden noch deutlich kritischere Inhalte und Darstellungsformen – nämlich potenziell entwicklungsbeein- trächtigende Inhalte einerseits und unzulässige Themen andererseits – in den Blick der inhaltsanalytischen Unter- suchung genommen. Abbildung 3. Potenziell entwicklungsbeeinträchtigende Inhalte 0% 2% 4% 6% 8% 10% 12% 14% 16% 0,1% 0,2% 0,3% 0,4% 0,4% 0,6% 2,4% 3,4% 3,7% 8,1% 15,1% Anteil potenziell entwicklungsbeeinträchtigender Inhalte in Challenge-Videos in % Darstellungen von Drogenkonsum Darstellungen von psychischem Missbrauch Diskriminierende Inhalte Darstellungen illegaler Aktivitäten Darstellungen von physischem Missbrauch Pornografische Inhalte Darstellungen von Selbstverletzung Sexualisierende Inhalte Gruselige Inhalte Ekelerregende Inhalte Schmerzdarstellungen 13 In den Bereich der potenziell problematischen Inhalte fallen verschiedene Formen und Darstellungen von Challen- ges, unter anderem solche, die gewaltvolle, pornographische oder illegale Inhalte darstellen8. In der Gesamtschau scheinen Challenge-Videos nur in wenigen Fällen Schauplatz solcher Darstellungen zu sein: Es gibt im Challenge- Bereich auf TikTok nur in Ausnahmefällen, nämlich in weniger als 1 pro 100 Videos, Hinweise auf diskriminierende Inhalte, Drogenkonsum, Darstellungen von illegalen Aktivitäten und Missbrauch (physisch und psychisch) sowie por- nographisches Material. Etwas häufiger, in 3% aller Challenge-Videos finden sich sexualisierende Inhalte. Besorg- niserregend ist, dass in immerhin 2% selbstverletzendes Verhalten gezeigt wird9. In sogar 15% aller untersuchten Challenge-Videos finden sich Formen von Schmerzdarstellungen, beispielsweise wenn Teilnehmer und Teilnehmerin- nen sich versehentlich bei der Durchführung der Challenge verletzen. Übliche Darstellungen sind hier beispielsweise Patzer bei Tanzkoreographien, die zu angeschlagenen Ellbögen oder Stolpern mit Stürzen führen. Ebenso fallen in diese Kategorie jedoch auch Darstellungen von Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die nach der Hot Chip Challenge weinen und um Luft ringen. Neben solchen schmerzhaften Darstellungen scheinen Challenge-Videos auch häufiger einen Grusel- (4%) bzw. Ekelfaktor (8% aller untersuchten Challenge-Videos auf TikTok) zu haben. Neben für Kinder und Jugendliche potenziell entwicklungsbeeinträchtigenden Inhalten wurden Videos zu TikTok- Challenges auch auf solche Inhalte untersucht, die absolut unzulässig sind. Dazu zählen Inhalte, die das im Grund- gesetz verankerte, unantastbare Recht auf Würde des Menschen verletzen, sowie extremistische Inhalte, wie bei- spielsweise politischer Fundamentalismus und Fanatismus oder Angriffe auf demokratische Grundordnung und Werte. Derlei Inhalte finden sich kaum in Challenge-Videos auf TikTok. Extremistische Inhalte konnten in keinem Challenge- Video auf TikTok identifiziert werden, aber in wenigen – genauer gesagt in 0,4% der Challenge-Videos auf TikTok – konnte menschenrechtsverletzendes Material gefunden werden. Diese Videos zeigen oft ein Machtgefälle, vorrangig dargestellt durch einen nicht sichtbaren Mann, der einen meist sichtlich verarmten Mann überredet, den Hot Chip gegen Bezahlung zu essen und sich dabei filmen zu lassen. In Einzelfällen wird die Auszahlung des Geldes schluss- endlich sogar verweigert. Sperrungen und Umgehungsstrategien Es zeigt sich also, dass problematische oder gar gefährliche Inhalte zumindest im Kontext von Challenges wenig Raum auf TikTok erhalten. Ein möglicher Grund hierfür ist, dass TikTok insbesondere sehr gefährliche Challenges recht schnell und stark reguliert. Allein im Zeitraum der Erhebung für die vorliegende Inhaltsanalyse wurden 2,9% der Videos von TikTok blockiert oder im Nachhinein von den Erstellerinnen und Erstellern offline genommen. Suchbe- griffe zu den bekanntesten, potenziell tödlichen Challenges (Blackout, Blue Whale, Momo und Deo Challenge) sind auf TikTok sogar gänzlich gesperrt. Gleichzeitig werden andere Challenges, die keine ähnlich fatalen Konsequenzen nach sich ziehen, kaum bis gar nicht von der Plattform reguliert. Das gilt beispielsweise für die aktuell sehr bekannte Hot Chip Challenge oder auch für die Sleepy Chicken Challenge, bei der ein Brathuhn in Hustensaft eingelegt, anschlie- ßend zubereitet und serviert wird. Allerdings hat die TikTok-Community die Sleepy Chicken Challenge über die Jahre humoristisch umgemünzt, sodass unter dem Suchbegriff vornehmlich Videos zu finden sind, in denen Personen ihre Hühner liebevoll in den Schlaf schaukeln. Das gebratene Huhn in charakteristisch blauem Hustensaft gibt es dagegen in Aufklärungsvideos zu sehen. Es gibt Versuche von Nutzerinnen und Nutzern, insbesondere sehr gefährliche Challenges über die Abwandlung gängiger Suchbegriffe anzuwählen bzw. sie unter entsprechenden Hashtags auffindbar zu machen. Eine häufig an- gewandte – und funktionale – Variante ist es, anstelle des Begriffs Challenge nun Challange als Hashtag zu ver- wenden. Auch die Verbindung zweier Suchwörter durch Weglassen des Leerzeichens oder durch Hinzufügen eines Unterstrichs findet sich vielfach. Solche Morphismen haben sich teilweise als erfolgreiche Umgehungsstrategien 8 Die Inhalte der TikTok-Challenges wurden nach dem Prinzip der „höchsten Eskalationsstufe“ codiert. Das bedeutet, dass beispielsweise Inhalte aus dem erotischen Bereich nicht mehr als „sexualisierende Inhalte“ verstanden wurden, wenn sie offensichtlich pornographisches Material beinhalten. In diesem Fall wurden sie direkt als Pornographie eingestuft. Das ermöglicht eine trennscharfe Codierung, die die einzelnen Kategorien unterscheidbar macht und entsprechend verlässlichere Werte liefert. Das gleiche Prinzip wurde bei der Abgrenzung von Darstellungen von Missbrauch versus Ver- letzung der Menschenwürde sowie bei diskriminierenden versus extremistischen Inhalten angewandt. 9 Einschlägige Forschung bestätigt das Ansteckungspotenzial solcher medialen Darstellungen von selbstverletzendem Verhalten. Diese können bei vulnerablen Rezipientinnen und Rezipienten zu einer Verschiebung wahrgenommener Normverständnisse führen, wodurch selbstverletzende Verhal- tensweisen (scheinbar) an Akzeptanz gewinnt und Nachahmung fördert (vgl. Markiewitz, A., Arendt, F., & Scherr, S. (2020). Problematische Suizid- und Selbstverletzungsdarstellungen auf Instagram: Inhaltsanalytische Evidenz und aktuelle Entwicklungen. In Gesundheitskommunikation und Digitalisie- rung (pp. 149-160). Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG.). 14 erwiesen und führen in einigen Fällen zum Auffinden auch sehr gefährlicher Challenges, deren ursprünglicher Name als Suchbegriff von TikTok gesperrt wurde. In sehr gefährlichen Fällen reguliert TikTok jedoch auch diese von den Nutzerinnen und Nutzern verwendeten Morphismen. Im Falle der Blackout Challenge ist keine einzige der gängigen Umgehungsstrategien erfolgreich, da sie alle durch TikTok gesperrt sind und bei Suche stattdessen die Notrufnum- mer der Seelsorge eingeblendet wird. 3.3 FAZIT Die Ergebnisse der Inhaltsanalyse von Challenge-Videos auf TikTok zeigen, dass sich der Großteil der Videos um neutrale Challenges dreht. Nur wenige Inhalte beschäftigen sich dagegen mit positiven Challenges. Die zweitgrößte Gruppe an Challenge-Videos machen dagegen negative Challenges aus, wobei sich diese vorwiegend im potenziell schädlichen und nicht im potenziell tödlichen Bereich bewegen. Dieser Befund mag dadurch zu erklären sein, dass TikTok regulierend einzugreifen scheint, wenn durch Challenges potenziell Leib und Leben geschädigt werden könn- ten. Der Grad der Regulierung – beispielsweise die Sperrung von abgewandelten Suchbegriffen, die Anzeige von eigens produzierten Aufklärungsvideos oder die Weiterleitung auf die Notrufnummer der Seelsorge– variiert je nach Gefahrenpotenzial der Challenge. Entsprechend finden sich in Challenge-Videos nur ganz vereinzelt absolut unzulässige Inhalte – potenziell entwick- lungsbeeinträchtigende finden sich dagegen durchaus in einem niedrigen, einstelligen Prozentbereich. Zwar spielen letztere im Gesamtkontext von Challenge-Videos ebenfalls eine eher untergeordnete Rolle, allerdings sind insbeson- dere Darstellungen von Schmerz zu finden. Dass gerade diese Schmerzdarstellungen Unwohlsein bei Kindern und Jugendlichen auslösen können, die TikTok nutzen, zeigen die Ergebnisse der Befragung im nächsten Abschnitt des Berichts. Insgesamt lassen sich mit Challenge-Videos hohe Reichweiten erzielen. Das gilt jedoch besonders für diejenigen Vi- deos, die sich um neutrale oder positive Challenges drehen, während negative Challenges – selbst nach dem Heraus- rechnen von Aufklärungsvideos – systematisch weniger Aufrufe erhalten. Durch die vorliegenden Daten kann jedoch nicht geklärt werden, ob diese geringere Reichweite negativer Inhalte auf das Desinteresse der Zuschauerschaft oder aber auf eine systematische Abwertung durch den Empfehlungsalgorithmus von TikTok zurückzuführen ist. 15 Der zweite Abschnitt des Berichts präsentiert die Umfrageergebnisse von Kindern und Jugendlichen im Alter von 10 bis 16 Jahren. Auswahlkriterium der Befragten war, dass sie nach Angaben ihrer Eltern TikTok nutzen. Nachfolgend wird dargelegt, wie oft diese Altersgruppen TikTok verwenden, wie häufig sie Videos zu verschiedenen Challenges anschauen, sowie die Anzahl der Challenges, die sie kennen und an denen sie möglicherweise selbst teilnehmen. Kurz und knapp: Die wichtigsten Ergebnisse auf einen Blick 1) Starke Verbreitung von TikTok bei Kindern und Jugendlichen: Etwa 70% der TikTok-Nutzenden verwenden die Platt- form täglich, wobei die Mehrheit angibt, die Plattform eher passiv zu nutzen und selbst keine Videos hochzuladen. 2) In der Regel sehen sich Kinder und Jugendliche Videos von harmlosen Challenges auf TikTok an und beteiligen sich – wenn überhaupt – auch in den meisten Fällen an dieser Art an Challenge. Trotzdem berichten ungefähr ein Viertel der Befragten, dass sie schon an Challenges teilgenommen haben, die entweder illegale Handlungen oder Verhal- tensweisen, die für sie selbst oder andere schädlich sein könnten, umfassen. 3) Die derzeit bekannteste Challenge unter Kindern und Jugendlichen ist die Hot Chip Challenge. Doch auch ältere Challenges (z. B. Blue Whale Challenge) sind durchaus noch bekannt – und werden von einigen wenigen Befragten sogar absolviert. 4) Für Kinder und Jugendliche ist die Schule der wichtigste Ort, um negative Erfahrungen mit Challenges zu verarbei- ten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Umfrage äußern den Wunsch, in der Schule öfter über solche Erleb- nisse zu sprechen, um im Bedarfsfall auf eine vertrauensvolle Basis für Unterstützung zurückgreifen zu können. 4.1 TIKTOK-NUTZUNG VON KINDERN UND JUGENDLICHEN Um die Erkenntnisse zur Nutzung von und gegebenenfalls Teilnahme an TikTok-Challenges der Kinder und Jugend- lichen einordnen zu können, wurden zunächst die Rahmenbedingungen der TikTok-Nutzung der 10- bis 16-Jährigen erhoben. Hier waren insbesondere Nutzungshäufigkeit, Nutzungsverhalten (passive versus aktive Nutzung, genutzte Inhalte) sowie Zugänge über (verschiedene) Account-Typen relevant, aber auch, inwieweit Kinder und Jugendliche problematischen Inhalten auf TikTok begegnen. Nutzungshäufigkeit von TikTok 4. ERGEBNISSE DER BEFRAGUNG Abbildung 4. Nutzungshäufigkeit von TikTok gesamt 2% 58% 12% 21% 3% 4% 1% Ich weiß nicht mehrmals am Tag einmal am Tag mehrmals pro Woche einmal in der Woche mehrmals im Monat einmal im Monat 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% Anteil der Kinder in % 16 Die große Mehrheit – knapp 70% – der befragten Kinder und Jugendlichen nutzt TikTok täglich, davon ca. 58% sogar mehrmals am Tag. Die Plattform wird von lediglich 8% der 10- bis 16-Jährigen einmal die Woche oder seltener an- gesteuert10. Obwohl die Plattformregularien die Nutzung der App erst ab einem Alter von 13 Jahren erlauben, zeigt die Befragung von 755 Kindern und Jugendlichen im Alter von 10 bis 16 Jahren, dass das durchschnittliche Alter, in dem TikTok erst- mals verwendet wird, bei zwölf Jahren liegt. Schon die Hälfte der befragten Zehnjährigen nutzt TikTok mindestens einmal pro Tag. 10 Diese Werte sind kongruent zu den Ergebnissen der Erhebungen zum Medienumgang der 12- bis 19-Jährigen, die in der JIM-Studie 2023 verzeichnet sind. 11 Die übrigen Befragten machten hierzu keine Angaben. Abbildung 5. Nutzungshäufigkeit TikTok nach Altersstufen 2%1% 1% 19% 11% 59% 2% 65%6%20%3% 1%3% 3% 9% 68%17%5% 1% 15% 59% 2%20%3%2% 2% 6% 3% 21% 54%14% 17% 11% 4%64%1%2%1% 2% 6% 30% 1%34%16%11% 16 Jahre 15 Jahre 14 Jahre 13 Jahre 12 Jahre 11 Jahre 10 Jahre 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Anteil der Kinder in % Einmal im Monat Einmal am Tag Mehrmals im Monat Mehrmals am Tag Einmal in der Woche weiß nicht Mehrmals in der Woche Anschließend steigt die Nutzungshäufigkeit von TikTok bei den 11-Jährigen sprunghaft an und erreicht hier auch ihr Hoch, denn knapp 75% der befragten elfjährigen Kinder geben an, mindestens einmal am Tag auf TikTok zu sein – und es sind sogar fast 100%, die TikTok mindestens mehrmals wöchentlich nutzen. Gleichwohl wird TikTok über alle Altersstufen hinweg stark frequentiert – nur die 10- und 12-Jährigen geben an, die Plattform weniger regelmäßig zu besuchen. Was die Nutzungshäufigkeit zwischen den Geschlechtern angeht, zeigen sich kaum Unterschiede. Sowohl Mädchen als auch Jungen sind gleichermaßen auf TikTok unterwegs. In diesem Zusammenhang ist relevant, dass etwa 80% der Kinder und Jugendlichen mit ihrem eigenen Account bei TikTok eingeloggt sind. Knapp 15% haben keinen eigenen TikTok-Account, sondern nutzen den eines Erwachsenen mit, wobei dies am häufigsten bei den 10- bis 12-Jährigen der Fall ist – die regulär noch gar keinen eigenen Account haben dürften. Von den Befragten, die einen eigenen Account besitzen, geben nur etwas mehr als 60% an, als Ju- gend-Account angemeldet zu sein. Dagegen geben etwa 17% an, dass sie als Ü18-Account registriert sind; wiederum 2% haben sowohl einen eigenen Jugend- als auch einen Erwachsenen-Account, den sie benutzen11. Offensichtlich gibt sich ein nicht unerheblicher Anteil der Befragten auf der Plattform als älter aus. www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2022/JIM_2023_web_final.pdf 17 Verhalten und genutzte Inhalte auf TikTok Abbildung 6. Tätigkeiten auf TikTok 17% 38% 41% 76% 77% 87% 94% Bei Duetten mitmachen Eigene Videos erstellen/teilen Zum Austausch von Nachrichten/Chatten... Liken/Teilen von Videos anderer Nutzer Liken/Teilen von Videos von Freunden Videos von Freunden ansehen Videos anderer TikTok-Nutzer ansehen 0% 20% 40% 60% 80% 100% Anteil der Kinder in % Die meisten Kinder und Jugendlichen nutzen TikTok eher passiv. TikTok wird als Streamingplattform genutzt, auf der man sich Videos von Freunden, Influencern und anderen Usern ansieht und gegebenenfalls mit Herzen (Likes) wertschätzt. Die aktive Nutzung im Sinne der Erstellung und Verbreitung eigener Videos ist für weniger als 40% der 10- bis 16-Jährigen relevant. Abbildung 7. Genutzte Inhalte auf TikTok 9% 12% 24% 25% 31% 35% 35% 38% 44% 46% 49% 53% 68% 74% NPC-Streams Politik &News Reisen Bildungs- und Lerninhalte Ernährung Fitness DIY & Basteln Life-Hacks Film-, Serien-, und TV-Inhalte Kosmetik & Lifestyle Tiervideos Gaming Influencer & Stars Comedy, Humor & Pranks 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% Anteil der Kinder in %, die diese Inhalte auf TikTok ansehen Rund drei Viertel der Kinder und Jugendlichen geben an, vor allem Comedy- oder Prank-Videos auf TikTok anzu- sehen, direkt gefolgt von Videos, die von Influencern und Influencerinnen bzw. anderen Stars und Prominenten hochgeladen wurden. Auch Videos zu Gaming-Inhalten sind für über die Hälfte der Befragten relevante Inhalte. Da- gegen sind TikTok-Videos zu NPC-Streams, Politik und Nachrichten sowie zu Reisen und anderen Bildungsinhalten für 10- bis 16-Jährige eher irrelevant. 18 Abbildung 8. Häufigkeit der Begegnung mit Unwohlsein-auslösenden Inhalten auf TikTok 15% 6% 4% 15% 7% 18% 14% 22% Ich weiß nicht Mehrmals am Tag Einmal am Tag Mehrmals pro Woche Einmal in der Woche Mehrmals im Monat Einmal im Monat Nie 0% 5% 10% 15% 20% 25% Anteil der Kinder in % Auch wenn die allgemein präferierten Inhalte der Kinder und Jugendlichen eher harmlos erscheinen, begegneten dennoch über 60% von ihnen Inhalten auf TikTok, die bei ihnen Unwohlsein verursachen. Rund ein Viertel begegnet solchen Inhalten mehrmals pro Woche und sogar knapp 10% (mehrfach) täglich. Dagegen geben nicht einmal ein Viertel der Befragten an, noch nie ein Video auf TikTok gesehen zu haben, das bei ihnen Unwohlsein verursacht hat. Dieser Wert ist stabil über die Altersgruppen hinweg. Abbildung 9. Unwohlsein-auslösende Inhalte 3% 32% 39% 39% 41% 43% 53% 57% 83% Anderes Drogen Extremistisches Gedankengut Illegales, z.B. Diebstahl Sexuelle Inhalte Selbstverletzung Absichtliche Verletzung Dritter Gruseliges Ekliges 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% Anteil der 479 Kinder in %, die angegeben haben, sich schon einmal unwohl mit Videos auf TikTok gefühlt zu haben Zu solchen Videos zählen vor allem Inhalte, die Ekel hervorrufen. Gleichwohl gibt mehr als die Hälfte der befragten Kinder und Jugendlichen an, dass hierzu vor allem Videos zählen, in denen anderen absichtlich wehgetan wird, gefolgt von Videos, in denen selbstverletzendes Verhalten dargestellt wird. Besorgniserregend ist in diesem Zu- sammenhang vor allem, dass beinahe 40% der Kinder und Jugendlichen angeben, dass hier auch extremistisches Gedankengut relevant wird12. Auch Videos mit sexuellen Inhalten und illegalen Aktivitäten haben schon bei rund 40% Unwohlsein ausgelöst, gefolgt von Videos, in denen Drogen eine Rolle spielen. Obwohl diese Daten auf Selbst- einschätzungen beruhen, die tendenziell zu einer Über- statt Unterschätzung führen, offenbart sie dennoch einen bedenklichen Trend13. 12 Hierbei wurden die Kinder und Jugendlichen gefragt, ob unter solchen Inhalten, die bei ihnen Unwohlsein auslösen, radikales politisches Gedankengut bzw. Meinungen (z. B. Fanatismus, Extremismus) zu finden waren. 13 Es ist möglich, dass die große Menge an Inhalten mit extremistischen Ansichten einerseits überschätzt wird, da die Fragestellung unter dem Begriff „politisch / Politik“ auch solche Situationen aus Sicht der Befragten eingeschlossen haben könnte, die zwar als extrem wahrgenommen wurden, aber nicht unbedingt extremistische Äußerungen waren. Andererseits könnte die Zahl sogar eher als zu gering eingeschätzt worden sein, da – das zeigt die einschlägige Forschung eindeutig – extremistische Botschaften häufig subtil kommuniziert werden, sodass sie nur schwer als solche identifiziert werden können (vgl. Rothut, S., Schulze, H., Hohner, J., Greipel, S., Rieger, D., & Döring, M. (2022). Radikalisierung im Internet: Ein systematischer Überblick über Forschungsstand, Wirkungsebenen sowie Implikationen für Wissenschaft und Praxis.). 19 Wenn Kinder und Jugendliche auf Videos stoßen, die ihnen Unbehagen bereiten, suchen etwa 80% zuerst das Ge- spräch mit ihren Eltern. Die nächsten wichtigen Ansprechpartner, um solche Gefühle zu bewältigen, sind Freundin- nen und Freunde und andere vertraute Erwachsene. Lehrkräfte könnten in diesem Zusammenhang zukünftig eine Schlüsselrolle bei der Verarbeitung solcher Inhalte spielen, da die Befragten sich eine häufigere Auseinandersetzung mit diesen Inhalten in der Schule wünschen. Etwa 61% der Kinder und Jugendlichen geben an, dass sie das Thema Challenges gerne stärker in der Schule behandeln würden14. Am zweitwichtigsten empfinden die Kinder und Jugend- lichen das Gespräch in der Familie. Zudem würden etwa 40% der befragten Kinder und Jugendlichen eine unabhängige Meldestelle begrüßen, bei der sie entsprechende negative Challenges und problematische Videos melden können. 14 Dieser Wunsch bestätigt bisherige Erkenntnisse zur Teilnahme von Kindern und Jugendlichen an Challenges, die zeigen, dass Aufklärung die wirk- samste Form der Prävention ist (vgl. Astorri et al., 2023). Wie eine Studie zu verschiedenen Interventionsmöglichkeit zeigt, ist in der Tat eine Kom- bination aus Interventionen auf familiärer und schulischer Ebene am besten geeignet, um die Verbreitung von potenziell schädlichen Challenges effektiv einzudämmen (vgl. Khasawneh, A., Madathil, K. C., Taaffe, K. M., Zinzow, H., Ponathil, A., Madathil, S. C., Nambiar, S., Nanda, G., & Rosopa, P. J., 2022. Dynamic simulation of social media challenge participation to examine intervention strategies. Journal of Computational Social Science, 5(2), 1637–1662. doi.org/10.1007/s42001-022-00183-7). Abbildung 10. Gewünschte Anlaufstellen und Unterstützungsmöglichkeiten 1% 10% 22% 23% 25% 38% 48% 55% 61% Etwas anderes Weiß nicht Kontaktmöglichkeiten zu vertrauenswürdigen Expertinnen und Experten Polizeiliche Meldestelle Thema mehr mit Geschwistern besprechen Unabhängige Meldestelle Thema mehr im Freundeskreis besprechen Thema mehr in der Familie besprechen Thema stärker in Schulen behandeln 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% Anteil der Kinder in % 4.2 TIKTOK-CHALLENGES Nachdem die Rahmenbedingungen bekannt sind, unter denen die Kinder und Jugendlichen TikTok nutzen, soll nun das Hauptaugenmerk auf Challenge-Videos liegen. Die Kinder und Jugendlichen wurden hierbei einerseits zu Ka- tegorien von Challenges befragt (z. B. Tanz-und Sing-Challenges), andererseits nach ganz konkreten Challenges (z. B. Hot Chip Challenge, Mannequin Challenge). Zunächst ging es in der Befragung darum, ob diese Challenges überhaupt bekannt sind, dann darum, wie häufig entsprechende Videos angesehen werden und schließlich darum, ob eine Teilnahme schon stattgefunden hat oder in Zukunft vorstellbar ist. Im Zuge dessen wurden die Kinder und Jugendlichen auch um Einschätzungen des Gefahrenpotenzials der jeweiligen Challenge gebeten sowie um Angaben dazu, ob Freundinnen oder Freunde bereits teilgenommen haben und welche Gründe diese Personen oder andere Gleichaltrige hatten oder haben könnten, an einer solchen Challenge teilzunehmen. Kategorien von TikTok-Challenges Die beliebtesten Kategorien von Challenges auf TikTok drehen sich um Sing- oder Tanz-Challenges, um Pranks (Streiche) sowie um Challenges, die sportliche Aktivitäten bzw. Geschicklichkeitselemente beinhalten. Rund 80% der Kinder und Jugendlichen sehen sich am häufigsten TikTok-Videos aus diesen Challenges an. 20 Abbildung 11. Rezeption verschiedener Challenges (Kategorien) 11% 28% 29% 49% 54% 55% 56% 66% 74% 76% 77% 77% 78% 80% Andere Challenges Illegales Verhalten (z. B. Stehlen) Selbst- oder Fremdschädigung Mutproben (Gruseliges, Angst) Schminken oder Stylen Schauspielen (Film/Theater) Selbstfürsorge (z.B. Sparen, Meditieren) Malen, Basteln oder Dekorieren Essen oder Trinken Geschicklichkeit Sport Tanzen Streiche Singen oder Rappen 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% Anteil der Kinder in %, die diese Art von Challenge auf TikTok mindestens einmal im Monat ansehen Die genannten Kategorien können allesamt im Bereich der neutralen Challenges verortet werden. Diese Challenges versprechen Spaß, richten dabei üblicherweise keinen Schaden an, erbringen aber auch keinen gesellschaftlichen oder persönlichen Nutzen abseits kurzfristiger Unterhaltung. Dem gegenübergestellt finden sich problematische Challenge- Videos aus den Bereichen von gruseligen oder angstauslösenden Mutproben, von selbst- und fremdschädigendem sowie illegalem Verhalten. Videos aus diesem Bereich der negativen, potenziell schädlichen Challenges werden von den Kindern und Jugendlichen im Vergleich am seltensten auf TikTok angesehen. Gleichwohl sieht immerhin fast die Hälfte der Be- fragten mindestens einmal monatlich Videos über Mutproben, die Angst oder Grusel hervorrufen. Bei den potenziell noch problematischeren Videos zu Challenges, die selbst- bzw. fremdschädigendes oder illegales Verhalten beinhalten, sind es immerhin fast 30%, die diese Inhalte mindestens einmal im Monat ansehen. Das zeigt, dass solche Challenge-Videos auf TikTok durchaus vorhanden sind und regelmäßig geguckt werden15 – auch wenn die Befunde aus der Inhaltsanalyse (siehe oben) nur geringe Fallzahlen für entsprechende Challenge-Videos ausweisen. Challenge-Videos, die Essen oder Trinken im weiteren Sinne umfassen, scheinen bei nahezu drei Viertel der befragten Kinder und Jugendlichen beliebt. Das Gefahren- potenzial lässt sich an dieser Stelle noch nicht verlässlich einschätzen, da hier sowohl potenziell Tödliches (z. B. Wasch- mittelkapseln wie bei der Tide Pod Challenge), potenziell Schädliches (z. B. scharfe Chips wie bei der Hot Chip Challenge) oder aber völlig Harmloses (z. B. Teigtaschen wie bei der humoristischen Version der Momo Challenge, bei der tibetische Momo-Teigtaschen gegessen werden) im Rahmen einer entsprechenden Challenge gegessen, getrunken oder geschluckt werden könnten. Bezüglich der aktiven Teilnahme an TikTok-Challenges ergibt sich ein ähnliches Muster wie beim Ansehen solcher Videos. Jedoch liegen die Teilnahmequoten merklich niedriger, was darauf hinweist, dass die Befragten solche Videos öfter an- schauen, als dass sie selbst an den Challenges teilnehmen. 15 Es ist anzumerken, dass „mindestens einmal im Monat“ die geringste Häufigkeitsoption in der Bewertungsskala darstellte, sofern die Befragten nicht „nie“ wählen wollten. Daher könnte es sein, dass die Befragten eine niedrigere Frequenz angegeben hätten, wenn eine solche Option verfügbar ge- wesen wäre. 21 Abbildung 12. Teilnahme an verschiedenen Challenges (Kategorien) 6% 12% 12% 16% 23% 26% 26% 27% 28% 28% 29% 32% 33% 34% Andere Challenges Illegales Verhalten (z. B. Stehlen) Selbst- oder Fremdschädigung Mutproben (Gruseliges, Angst) Schauspielen (Film/Theater) Schminken oder Stylen Selbstfürsorge (z.B. Sparen, Meditieren) Streiche Malen, Basteln oder Dekorieren Essen oder Trinken Singen oder Rappen Geschicklichkeit Sport Tanzen 0% 5% 10% 15% 20% 25% 30% 35% Anteil der Kinder in %, die an dieser Art von Challenge auf TikTok mindestens einmal im Monat teilnehmen Nichtsdestotrotz liefern die Ergebnisse hierzu besorgniserregende Kennzahlen: So haben ca. 16% der Kinder und Ju- gendlichen schon (mindestens) einmal an Challenges zu gruseligen oder angstauslösenden Mutproben teilgenommen. Bei Challenges zu selbst- oder fremdschädigendem sowie zu illegalem Verhalten sind es jeweils etwa 12% der befragten Kinder und Jugendlichen, die hier schon einmal mitgemacht haben. Was die als ambivalent einzuordnenden Challenges anbelangt, die das Essen oder Trinken bestimmter Substanzen umfassen, so haben circa 28% der Kinder und Jugendlichen entsprechende Challenges bereits absolviert. Zwar ist der anteilsmäßige Sprung vom bloßen Ansehen entsprechender Challenge-Videos hin zur aktiven Teilnahme an selbigen einigermaßen groß; allerdings zeigen sich die vorliegenden Zahlen zur Teilnahme insgesamt als recht hoch – insbesondere, was die Teilnahme an potenziell schädlichen Challenges angeht. Konkrete TikTok-Challenges Nachdem die Kinder und Jugendlichen zunächst nach Rezeption und Teilnahme hinsichtlich verschiedener Kategorien von Challenges befragt wurden, ging es im Anschluss um einzelne, spezifische Challenges16. Auffällig ist hierbei, dass die kritischeren, potenziell (sehr) schädlichen Challenges am bekanntesten sind. Das gilt insbesondere für die zum Zeitpunkt der Befragung neu aufgetretene und in den Medien stark thematisierte Hot Chip Challenge. Diese ist knapp 70% der Befragten ein Begriff. Das deckt sich mit den Erkenntnissen aus der Inhaltsana- lyse, die die massive Verbreitung von TikTok-Videos zur Hot Chip Challenge bestätigen, die ihrerseits von der Platt- form selbst kaum bis gar nicht reguliert werden. Die Deo Challenge, die 2023 wieder populär wurde, ist immerhin 40% der Befragten bekannt. Auffallend ist auch, dass selbst ältere und sehr gefährliche Challenges wie die Blackout, Momo oder Blue Whale Challenge noch mehr als 20% der Kinder und Jugendlichen bekannt sind, trotz der strengen Regulierung solcher Videos durch TikTok. Bei potenziell schädlichen Challenges sind Offline-Medien wie Zeitungen, Fernsehen und Radio durchaus Informationsquellen, durch die die Befragten zum ersten Mal von diesen Challenges hören können (bei knapp einem Viertel der Befragten). Bei ungefährlichen Challenges spielen Offline-Medien und Erwachsene (wie Lehrer und Eltern) kaum eine Rolle, was sich jedoch bei gefährlichen Challenges ändert. Zudem sind Personen aus dem Internet (z. B. Influencer und Influencerinnen) sowie Freundinnen und Freunde allgemein die wichtigsten Quellen, um verschiedene Arten von Challenges kennenzulernen, egal ob harmlos oder potenziell schäd- lich. Über die Hälfte aller Befragten erfährt durch diese Quelle von verschiedenen Arten von Challenges. 16 Hierbei wurde eine Auswahl von 16 Challenges getroffen, wobei darin das gesamte Spektrum von sehr gefährlichen (rot, siehe Abbildung 1) bis hin zu gänzlich harmlosen (grün, siehe Abbildung 1) Challenges abgebildet wurde; ebenso wurden einerseits etwas ältere, andererseits auch aktuelle Challenges miteinbezogen. Den Kindern und Jugendlichen wurden die Challenges in Form eines abstrahierten Bildes, das die Essenz der Challenge visualisiert, für einen kurzen Moment gezeigt, in dem sie schnell entscheiden mussten, ob sie die jeweilige Challenge kennen oder nicht. Im weiteren Verlauf der Befragung wurden sie ausschließlich zu den Challenges befragt, von denen sie angaben, sie bereits zu kennen. Auf diese Weise sollte ver- mieden werden, dass die Kinder und Jugendlichen erst durch die Befragung auf (negative) Challenges aufmerksam gemacht werden. 22 Abbildung 13. Kenntnis von konkreten Challenges 10% 12% 13% 14% 18% 19% 23% 23% 25% 27% 32% 33% 35% 36% 41% 69% Fairy Flying Challenge Sleepy Chicken Challenge Blue Whale Challenge Vampire Fang Challenge Mannequin Challenge Don´t Rush Challenge Momo Challenge ABC Challenge Blackout / Choking Challenge Banana and Sprite Challenge Egg Crack SmashChallenge Salt and Ice Challenge Face Wax Challenge 30-Tage Challenge Deo Challenge Hot Chip / Chili Challenge 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% Anteil der Kinder in %, die diese Challenge kennen Geht man von Kenntnis und Rezeption nun einen Schritt weiter hin zur Teilnahme an den konkreten Challenges, so werden die Fallzahlen deutlich kleiner. Weniger als 2% der befragten Kinder und Jugendlichen geben überhaupt an, an einer der Challenges teilgenommen zu haben – im Großteil der Fälle scheint eine solche Teilnahme auch un- kritisch zu sein, handelt es sich doch zuvorderst um tendenziell (eher) harmlose Challenges (z. B. ABC, Mannequin, Banana and Sprite oder 30-Tage Challenge). Weniger als 1% der Kinder und Jugendlichen geben an schädliche, sogar potenziell tödliche Challenges (z. B. Blue Whale, Momo, Deo oder Blackout Challenge) bereits absolviert zu haben. Sind es auch sehr kleine Fallzahlen, ist es doch ein relevanter Befund, dass die Teilnahme auch an solch kritischen Challenges nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann – nicht einmal, wenn es sich um Challenges handelt, deren Hochphase schon einige Jahre zurückliegt (z. B. Momo oder Blue Whale Challenge) oder deren Videos von TikTok gesperrt wurden (z. B. Blackout Challenge). Interessant ist hierbei auch, dass die Hot Chip Challenge – obwohl pro- minent auf TikTok vertreten und als bekannteste Challenge unter den Kindern und Jugendlichen deklariert – lediglich im Mittelfeld derjenigen Challenges liegt, an denen die Befragten laut eigenen Angaben bereits teilgenommen haben. Abbildung 14. Motive für die eigene Teilnahme an Challenges 2% 4% 4% 4% 4% 4% 4% 5% 7% 7% 13% 20% 29% ... ich dadurch herausfinden kann, wer ich wirklich bin. ... ich anderen etwas beibringen oder sie begeistern kann. ... ich dadurch mehr Freunde finden könnte. ... ich dadurch zeigen kann, wer ich wirklich bin. ... ich mehr Follower auf TikTok haben möchte. ... ich mich dadurch kreativ ausdrücken kann. ... es so leicht ist. ... ich es einmal einfach ausprobieren wollte. ... andere auch mitgemacht haben. ... ich vor meinen Freunden cool sein möchte. ... ich den anderen zeigen möchte, was ich alles kann. ... es Spaß macht. ... andere es gut finden, wenn ich mitmache. 0% 5% 10% 15% 20% 25% 30% Ich habe bei der Challenge mitgemacht, weil ... (n = 55) 23 Als Gründe für die Teilnahme wurden vor allem zwei Faktoren genannt: Einerseits scheinen Gleichaltrige bei der Teilnahme an Challenges eine wichtige Orientierungsgröße zu sein. Anderen zu zeigen, was man kann und dadurch Anerkennung zu generieren, ist ein wesentliches Leitmotiv für die Teilnahme. Andererseits ist Spaß ein relevanter Treiber. Auch aus der Forschung ist bekannt, dass Challenges, die Spaß versprechen, häufiger absolviert werden17. 4.3 FAZIT Die Befragung der Kinder und Jugendlichen zeigt insgesamt eine hohe Nutzungsfreudigkeit von TikTok. Dabei wird die Plattform allerdings in erster Linie passiv genutzt. Nur nachgeordnet spielt das Erstellen und Teilen eigener Videos eine Rolle. Es zeigt sich, dass die Kinder und Jugendlichen viele verschiedene Formen und Ausprägungen von Challenges ken- nen. Die überwiegende Mehrheit dieser Challenges umfasst harmlose Aktivitäten, die sich beispielsweise im Bereich von Singen, Rappen oder Tanzen bewegen. Obwohl Challenge-Videos deutlich häufiger angesehen werden, als dass die Challenges tatsächlich von Kindern und Jugendlichen nachgeahmt werden, hat doch ein Drittel der Kinder und Jugendlichen bereits mindestens eine solche Challenge absolviert. Gleichzeitig sind den Befragten auch problemati- sche, negative Challenges bekannt – darunter auch potenziell tödliche, wie beispielsweise die Blue Whale oder Black- out Challenge. Trotz der Tatsache, dass die Hochphase dieser Challenges bereits vergangen ist und TikTok Videos dazu stark reguliert oder sogar komplett sperrt, sind sie in den Gedanken einiger befragter Kinder und Jugendlicher noch immer präsent. Einige wenige haben sogar selbst schon einmal an diesen gefährlichen Challenges teilgenommen. Das schulische Umfeld, gefolgt von der eigenen Familie, stellen die wichtigsten Ressourcen bzw. Anlaufstellen dar, an die sich Kinder und Jugendliche wenden, wenn sie über unangenehme Challenges sprechen möchten. Insbesondere im schulischen Umfeld liegt demnach großes präventives Potenzial, um die Verbreitung negativer Challenges früh- zeitig einzudämmen. 17 Vgl. Falgoust, G., Winterlind, E., Moon, P., Parker, A., Zinzow, H., & Madathil, K. C. (2022). Applying the uses and gratifications theory to identify motivational factors behind young adult‘s participation in viral social media challenges on TikTok. Human Factors in Healthcare, 2, 100014. 24 5. ZUR EINORDUNG DER ERGEBNISSE: HANDLUNGS- EMPFEHLUNG UND AUSBLICK Die große Mehrheit der auf TikTok auffindbaren Challenge-Videos dreht sich um neutrale, harmlose Challenges. Dement- sprechend werden in Challenge-Videos wenige potenziell entwicklungsbeeinträchtigende oder sogar absolut unzulässige Inhalte dargestellt. 13,5% beziehungsweise 30,5% (wenn Videos berücksichtigt werden, die durch Challenge-spezifische Suchbegriffe von negativen Challenges in die Stichprobe gelangt sind) der untersuchten Videos zeigen negative Challen- ges. Fast alle dieser negativen Challenges beschäftigen sich mit Aktivitäten, von denen in der Regel keine langfristigen Schäden zu erwarten sind (z. B. Banana and Sprite Challenge oder Hot Chip Challenge) und die auch eine vergleichsweise geringere Reichweite erhalten. Tatsächlich blockiert TikTok ganze Challenges samt zugehöriger Suchbegriffe (und z. T. auch Abwandlungen selbiger). Das ist insbesondere bei potenziell tödlichen Challenges der Fall, wie beispielsweise der Blackout Challenge. Wie sich zeigt, scheint TikTok hier die Aufgabe der Contentmoderierung und -regulierung ernst zu nehmen und bei länger bekannten, gefährlichen Challenges durchzugreifen. Weniger gefährliche Challenges können dagegen gut durch ein paar simple Abwandlungen der Suchbegriffe aufgefunden werden, selbst wenn der ursprüngliche Name der Challenge und zugehörige Hashtags auf TikTok bereits gesperrt sind. Trotz Sperrungen existieren auf TikTok problematische Inhalte. Über 60% der befragten Kinder und Jugendlichen geben an, bereits auf Inhalte gestoßen zu sein, die bei ihnen Unwohlsein ausgelöst haben. Rund ein Viertel der Befragten berichtet sogar, mehrmals pro Woche auf solche Inhalte zu stoßen. Besonders beunruhigend sind hierbei Inhalte, die einerseits Ge- walt, andererseits extremistisches Gedankengut verbreiten. Allerdings scheinen diese Inhalte nur selten aus dem Bereich der Challenges zu stammen, sondern eher aus anderen Kontexten, die psychisch belastend sind. Eine Ausnahme sind Dar- stellungen von Schmerz, die häufiger als andere problematische Inhalte in Challenge-Videos auf TikTok zu finden sind (in 15% aller untersuchten Videos). Empfehlung: TikTok sollte die bisherigen Bemühungen fortsetzen und noch mehr tun, um junge Nutzer und Nutzerinnen zu schützen. Es wäre hilfreich, wenn die Plattform das Mindestalter von 13 Jahren erhöhen oder sicherstellen würde, dass das Alter der Nutzer spätestens bei Anwahl nicht-jugendgeeigneter Videos überprüft wird. So können Kinder und Jugendliche besser vor Inhalten bewahrt werden, die ihnen unangenehm sein könnten oder mit denen sie noch nicht umgehen können. Deutlich wird, dass Regulierungen durch die Plattformbetreiber positive Effekte auf die Eindämmung negativer Chal- lenges haben. Greift TikTok einmal nicht regulierend ein, können sich auch potenziell gefährliche Challenges stark verbreiten. Das lässt sich insbesondere an der Hot Chip Challenge nachvollziehen, die den Kindern und Jugendlichen mit Abstand am bekanntesten ist und um die sich auch ein beachtlicher Anteil der untersuchten Videos dreht. Gleich- zeitig kann auch die starke Präsenz dieser Challenge in den traditionellen Medien die hohe Zahl an Hot-Chip-Videos erklären. Grundsätzlich ist TikTok nämlich nicht die einzige Quelle, durch die Kinder und Jugendliche von entspre- chenden Challenges erfahren. Gerade auf sehr gefährliche Challenges werden Kinder und Jugendliche auch durch Offline-Quellen aufmerksam, wie beispielsweise Fernseh-, Zeitungs- oder Radionachrichten, wie sie in der Befragung berichteten. Empfehlung: Insbesondere potenziell gefährliche und tödliche Challenges sollten nicht prominent in den Medien diskutiert werden – und wenn doch, dann nicht ohne entsprechende Einordnung. Eine umsichtige Berichterstattung, die auf mögliche Gefahren von negativen Challenges, aber auch auf Möglichkeiten zum Schutz sowie auf Hilfsangebote und Anlaufstellen hinweist, ist eine hilfreiche Kontextualisierung. 25 Das schulische Umfeld ist für Kinder und Jugendliche der wichtigste Ort, um sich über potenziell negative bzw. ge- fährliche Inhalte auf Social Media auszutauschen. Etwa 60% der befragten Kinder und Jugendlichen wünschen sich, diese Themen verstärkt in der Schule zu besprechen. Auch die Eltern bzw. Erziehungsberechtigten sind hierbei für Kinder und Jugendliche ein wichtiger Bezugspunkt. Empfehlung: Aufklärung ist ein nicht zu unterschätzender Präventionsfaktor. Durch proaktive Gespräche kann Vertrauen geschaffen und der Risikosinn der Heranwachsenden geschärft werden. In einschlägigen Studien haben Teilnehmende negativer Chal- lenges berichtet, dass sie rückblickend nicht an der Challenge teilgenommen hätten, wären sie sich vorab der Risiken bewusst gewesen. Lehrkräfte, pädagogisches Personal und Erwachsene in Erziehungsfunktionen sollten versuchen, über aktuelle Trends unter Kindern und Jugendlichen auf dem Laufenden zu bleiben. Auch – oder insbesondere – schwierige, potenziell gefähr- liche Themen und Inhalte sollten proaktiv besprochen und mögliche negative Konsequenzen erklärt werden. Besonders hilfreich kann es sein, dass Bezugspersonen – nicht nur im Zuge von potenziell gefährlichen Challenges – die Mediennut- zung ihrer Kinder begleiten. Dies geschieht beispielweise, wenn Eltern die Lieblingsinhalte ihrer Kinder gelegentlich mit ihnen gemeinsam ansehen. Dabei können Sorgen, Gefühle und Wünsche besprochen werden, die im Zuge dieser Medien- nutzung bei den Kindern und Jugendlichen aufkommen können. Leitfäden für die Aufarbeitung entsprechender Themen im Unterricht könnten Lehrkräften helfen, diese in den Schulalltag zu integrieren. Die dezidierte Schulung von medienpädagogischem bzw. schulpsychologischen Personal, aber auch von Schülerlotsen für einen Peer-to-Peer-Austausch, kann eine unterstützende Maßnahme sein. Diese können entsprechendes Wissen im Schulkontext distribuieren. Auch für Erziehungsverantwortliche könnten Ratgeber helfen, die darauf eingehen, wie sich schwierige Inhalte – über die Kinder und Jugendliche vermutlich sogar besser Bescheid wissen als Erwachsene – einfacher im häuslichen Umfeld besprechen lassen. Zentral ist, einer breiten Basis die möglichen Gefahren, aber auch Dynamiken hinter negativen Chal- lenges kenntlich zu machen. Gleichzeitig können auch mögliche wertvolle Effekte von positiven und auch von neutralen Challenges einbezogen werden. Indem Erziehungsverantwortliche ein Verständnis für den Unterschied zwischen positi- ven, neutralen und negativen Challenges entwickeln, wird es ihnen ermöglicht, Kinder und Jugendliche besser in ihrer Lebenswelt zu unterstützen, ohne pauschal Medieninhalte zu untersagen, die für die jungen Menschen von Bedeutung sein können. Nicht zuletzt können und wollen die Kinder und Jugendlichen auch selbst aktiv werden und gegen problematische Inhalte vorgehen. Tatsächlich sind die Ausbildung von kritischer Reflexionsfähigkeit und Selbstwirksamkeit im Umgang mit pro- blematischen Medieninhalten wesentliche Erziehungsziele in der medienpädagogischen Schulung von Heranwachsenden. Etwa 40% der befragten Kinder und Jugendlichen würden die Nutzung einer unabhängigen Meldestelle begrüßen, bei der sie entsprechende negative Challenges und problematische Videos melden können. Empfehlung: Eine unabhängige Meldestelle, bei der Kinder und Jugendliche problematische Inhalte aus dem Online-Bereich melden können, wird von vielen der Befragten begrüßt. 26 Impressum Herausgeberin: Landesanstalt für Medien NRW Zollhof 2 40221 Düsseldorf Tel: 0211 / 77 00 7- 0 Fax: 0211 / 72 71 70 E-Mail: info@medienanstalt-nrw.de Direktor: Dr. Tobias Schmid Verantwortlich: Sabrina Nennstiel, Leiterin Kommunikation Dr. Meike Isenberg, Leiterin Medienpolitik und Forschung Gestaltung: Merten Durth, disegno kommunikation wuppertal Herausgegeben: Februar 2024 1. EINFÜHRUNG: ZUM PHÄNOMEN TIKTOK-CHALLENGES 1.1 NOTWENDIGKEIT EINER AUSEINANDERSETZUNG MIT TIKTOK-CHALLENGES 1.2 WAS SIND TIKTOK-CHALLENGES? 1.3 WELCHE ARTEN VON TIKTOK-CHALLENGES GIBT ES? 2. METHODIK 2.1 ZUR INHALTSANALYSE VON VIDEOS RUND UM TIKTOK-CHALLENGES 2.2 ZUR BEFRAGUNG VON KINDERN UND JUGENDLICHEN ZU TIKTOK-CHALLENGES 3. ERGEBNISSE DER INHALTSANALYSE 3.1 ALLGEMEINE MERKMALE VON TIKTOK-CHALLENGES 3.2 INHALTLICHE AUSGESTALTUNG VON TIKTOK-CHALLENGES: CHALLENGE IST NICHT GLEICH CHALLENGE 3.3 FAZIT 4. ERGEBNISSE DER BEFRAGUNG 4.1 TIKTOK-NUTZUNG VON KINDERN UND JUGENDLICHEN 4.2 TIKTOK-CHALLENGES 4.3 FAZIT 5. ZUR EINORDUNG DER ERGEBNISSE: HANDLUNGSEMPFEHLUNG UND AUSBLICK
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dessen Programm ein- gebettet. Nach 18 oder 20 Uhr können Radiohörer über die Frequenz ihres Lokalradios durchschnittlich ein bis zwei Stunden pro Tag den Bürgerfunk empfangen. Die eigentlichen Produzenten, die Bürgerfunker, sind in Bürger- funkgruppen
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eines Programmmultiplexes für WDR und ZDF ein. (4) Aus Gründen der frequenztechnischen Versorgung oder zur Förderung der Umstellung von analoger zu digitaler Versorgung können Übertragungskapazitäten befristet zugeordnet werden. (5) Zur Verbesserung
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Problemkontexte bei der Präsentation und Rezeption von Musikvideos : Musiksender wie MTV und VIVA haben sich in der Fernsehlandschaft erfolgreich etabliert und mit ihren Clip-Programmen nicht nur Jugendkulturen zentral geprägt sondern auch für einen radikalen Visualisierungsschub in unserer Gesellschaft gesorgt. In jüngster Zeit werden in der Öffentlichkeit verstärkt die teilweise provo- kanten Inszenierungen von Sexismus und Gewalt in beispielsweise HipHop-Clips thematisiert. Die vorliegende Sichtung der aktuellen Forschungsliteratur zu den Aspekten der Produktion, Distribution und Ästhetik sowie Rezeption und Aneignung von Clips und Musik-TV bilanziert den zurzeit verfügbaren internationalen Kenntnis- stand und formuliert Forschungsdefizite insbesondere auch unter der Fragestellung, welcher Handlungsbedarf gegenwärtig aus Sicht von Jugendmedienschutz und Medienkompetenzförderung besteht. Prof. Dr. Klaus Neumann-Braun Universität Basel, Institut für Medienwissenschaft Prof. Dr. Lothar Mikos Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf, Potsdam ISSN 1862-1090 ISBN 3-89158-426-1 Euro 10,- (D) Potentielle Problemkontexte bei der Präsentation und Rezeption von Musikvideos 52 Ne um an n- Br au n/ M ik os Vi de oc lip s un d M us ik fe rn se he n Videoclips und Musikfernsehen Eine problemorientierte Kommentierung der aktuellen Forschungsliteratur Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 52 Klaus Neumann-Braun, Lothar Mikos Bel. LfM-Bd_52.qxd 20.01.2006 14:54 Uhr Seite 1 Klaus Neumann-Braun, Lothar Mikos Videoclips und Musikfernsehen Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen Band 52 Klaus Neumann-Braun, Lothar Mikos Videoclips und Musikfernsehen Eine problemorientierte Kommentierung der aktuellen Forschungsliteratur unter Mitarbeit von Jörg Astheimer, Dirk Gerbode, Axel Schmidt und Birgit Richard Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.ddb.de abrufbar. Herausgeber: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) Zollhof 2 D – 40221 Düsseldorf Tel.: 0211 / 770 07 – 0 Fax: 0211 / 72 71 70 E-Mail: info@lfm-nrw.de Internet: www.lfm-nrw.de Copyright © 2006 by Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), Düsseldorf Verlag: VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 D – 10781 Berlin Tel.: 030 / 32 70 74 46 Fax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Alle Rechte vorbehalten ISSN 1862-1090 ISBN 3-89158-426-1 Umschlaggestaltung: disegno visuelle kommunikation, Wuppertal Satz: TYPOLINE – Karsten Lange, Berlin Druck: Bosch-Druck, Landshut Vorwort des Herausgebers Musiksender wie VIVA und MTV haben sich in den letzten 20 Jahren in der Fernsehlandschaft etabliert und Jugendkulturen zentral geprägt. Dabei wurden immer wieder die häufig progressiven Darstellungsformen von Sex und Gewalt in Videoclips diskutiert und ihre „Jugendtauglichkeit“ in Frage gestellt. Auch bei einigen aktuellen Musikvideos scheinen die Grenzen des gesellschaftlich Akzeptierten ausgereizt. Wie aber gehen die Jugendlichen mit den angebotenen Darstellungen von Gewalt und Geschlechterrollen um? Sind aus der Perspektive von Jugendmedienschutz und Medienpädagogik problematische Entwicklun- gen im Zusammenhang zwischen der Präsentation von Sex und Gewalt und der Rezeption von Musikvideos zu konstatieren? Ziel der Literaturanalyse „Potentielle Problemkontexte bei der Präsentation und Rezeption von Musikvideos“ war es, die hierzu vorliegenden wissenschaft- lichen Erkenntnisse zu systematisieren und mögliche Forschungs- und Hand- lungsbedarfe zu ermitteln. Im ersten Teil der Analyse wurden Studie über die Darstellung von Gewalt, Sexualität und Gender in Musikvideos ausgewertet. Der zweite Teil fokussierte auf Forschungsergebnisse zu den Nutzungsmotiva- tionen und Rezeptionsformen von Jugendlichen sowie auf potentielle Wirkun- gen von Musikvideos. Die Synopse der vorliegenden Studien verdeutlicht, dass offene Gewalt und aggressives Verhalten in Musikvideos kaum eine Rolle spielen, jedoch häufig die implizite Andeutung oder Latenz von Gewalt zu finden ist. Hinsichtlich der Darstellung von Sexualität und Geschlecht durchbrechen weibliche Stars zwar zunehmend die traditionellen Rollenstereotypen, nach wie vor sind diese jedoch in genrespezifischen Clips (z. B. HipHop-Videos) dominant. Ungeklärt ist allerdings unter anderem die Frage nach der Wahrnehmung des Inszenie- rungscharakters von Geschlecht-, Sexualität- und Gewaltpräsentationen in Musikvideos durch Jugendliche. Aus der Literatursichtung lässt sich insbesondere der Bedarf ableiten, die Medienkompetenzbildung von Jugendlichen zu stärken, wie z. B. die Fähigkeit, Sinnkomplexität, Vieldeutigkeit, Gewaltlatenz und Stereotypie in Videoclips reflektieren zu können. Die LfM will ihren Beitrag dazu leisten, konkreteres Wissen über die Wahrnehmung von Videoclips durch Jugendliche erhalten und auf dieser Basis die notwendigen medienpädagogischen Konzepte entwickeln zu können. Prof. Dr. Norbert Schneider Frauke Gerlach Direktor der LfM Vorsitzende der Medienkommission der LfM Inhalt Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Zur Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 1 Happy Birthday MTV? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 2 Entwarnung durch Veralltäglichung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 3 Aufbau der Literatursichtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 Teil I: Darstellung von Gewalt, Sexualität, Gender und Race in Musikvideos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 4 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 5 Darstellung von Gewalt in Musikvideos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 5.1 Inhaltsanalysen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 5.1.1 Gewaltdefinition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 5.1.2 Strukturelemente von Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 5.1.3 Differenzierung nach TV-Sender und musikalischen Genres . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 5.2 Produktanalysen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 5.2.1 Mediale Präsentationsform von Gewaltdarstellungen 30 5.2.2 Bedeutung und Funktion von Gewaltdarstellungen . . 32 5.3 Zwischenresumee: Forschungsschwerpunkte und Forschungsdesiderata zum Thema: Clip und Gewalt . . . . . . 36 6 Darstellung von Sexualität, Gender und Race in Musikvideos . . 38 6.1 Inhaltsanalysen und Stereotypenforschung . . . . . . . . . . . . . . 38 6.2 Produktanalysen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 6.2.1 Forschungsschwerpunkte und theoretische Prämissen 39 7 6.2.2 Geschlechterpräsentation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 6.2.3 Traditionelle Geschlechterdarstellungen . . . . . . . . . . . 43 6.2.4 Oppositionelle Geschlechterdarstellungen . . . . . . . . . 45 6.2.5 Überwindung männlicher Schaulust . . . . . . . . . . . . . . 49 6.3 Analyse weiblicher Stars . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 6.3.1 Madonna: Präsentation von Sexualität, Geschlechts- identität und Macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 6.3.2 Starinszenierungen zeitgenössischer weiblicher Superstars . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56 6.4 Gender und Sexualität im Kontext afro-amerikanischer Kultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 6.4.1 Traditionelle Geschlechterdarstellungen . . . . . . . . . . . 59 6.4.2 Oppositionelle Geschlechterdarstellungen . . . . . . . . . 61 6.5 Zwischenresumee: Forschungsschwerpunkte und Forschungsdesiderata zum Thema: Clip und Sexualität, Gender und Race in Musikvideos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 7 Fazit zu Teil I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 Teil II: Nutzungsmotivationen und Rezeptionsformen sowie Wirkungen von Musikvideos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 8 Allgemeine Nutzung und Rezeption von Musikvideos . . . . . . . . . 73 8.1 Nutzungsmotivationen und Rezeptionsformen . . . . . . . . . . . 74 8.2 Geschlechts-, alters- und schichtspezifische Unterschiede . . 79 8.2.1 Geschlecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 8.2.2 Alter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 8.2.3 Bildung und Schicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 8.3 Lebensstile und Musikvideonutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 8.4 Identifikation und Distinktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 8.5 Fangruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 8.6 Musikalische Präferenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 8.7 Bild versus Ton . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 8.8 Konsumorientierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 8.9 Zwischenresumee: Forschungsschwerpunkte und Forschungsdesiderata zum Thema: Allgemeine Nutzung und Rezeption von Musikvideos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 8 9 Musikvideos und ihre Wirkungen auf ZuschauerInnen . . . . . . . . 88 9.1 Einstellungen und Emotionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 9.2 Musikvideos und aggressives Verhalten . . . . . . . . . . . . . . . . 92 9.3 Musikvideos und die Wahrnehmung von Geschlecht und Sexualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 9.4 Zwischenresumee: Forschungsschwerpunkte und Forschungsdesiderata zum Thema: Zuschauerwirkungen von Musikvideos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 9.5 Aktive RezipientInnen von Musikvideos . . . . . . . . . . . . . . . . 100 9.5.1 Gender und Sex . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 9.5.2 Zwischenresumee: Forschungsschwerpunkte und Forschungsdesiderata zum Thema: Aktive RezipientInnen von Musikvideos . . . . . . . . . . . . . . . . 110 10 Fazit zu Teil II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Teil III: Veränderungen der Programmstrukturen von MTV und VIVA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 11 Programmübersicht MTV und VIVA von 2000 bis 2005 . . . . . . . 116 12 Programmtabellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 Teil IV: Gesamtfazit: Forschungsstand und Forschungsdesiderata zu potentiellen Problemkontexten bei der Präsentation und Rezeption von Musikvideos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 13 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 9 Danksagung Die vorliegende Publikation geht auf eine Initiative der Landesanstalt für Medien NRW (LfM), Düsseldorf, zurück, die Mitte 2004 die Durchführung einer Expertise zum Thema „Potentielle Problemkontexte bei der Präsentation und Rezeption von Musikvideos“ in Auftrag gab. Der Auftrag wurde an zwei kooperierende Forschergruppen vergeben, die sich seit langer Zeit mit dem Thema Videoclips und Musikfernsehen beschäfti- gen. Bei der ersten handelt es sich um die von Klaus Neumann-Braun an der Universität Koblenz-Landau/Campus Landau, seit April 2005 an der Universi- tät Basel, bei der zweiten um die von Lothar Mikos an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ geleiteten Arbeitsgruppe. An der Durchführung der Expertise waren viele beteiligt, denen hier zu danken gilt: Außer den Projektmitarbeitern Jörg Astheimer (Frankfurt /Basel) und Dirk Gerbode (Potsdam) war auch Axel Schmidt (Basel) an Konzeption und Diskussion der Studie beteiligt – anfänglich auch Sabrina Schäfer und Sandra Lehner (beide Potsdam). Birgit Richard (Frankfurt am Main) wirkte an der Ausarbeitung des Teilthemas: Clips und Gender mit – unterstützt von Harry Wolff (Frankfurt am Main) sowie Barbara Eder (Wien), die hierzu erste Vor- recherchen durchführte.e Die Durchsicht des Manuskripts hat Stefanie Bridge besorgt. Die Verwaltungsorganisation lag in den Händen von Uta Hüttl (Landau) und Barbara Hufft (Basel) sowie Sabine Fengler (Potsdam). Nicht zuletzt danken wir der Landesanstalt für Medien (LfM) NRW – ins- besondere Antje vom Berg – für die erfolgreiche Kooperation. Basel, Potsdam Im Januar 2006 Klaus Neumann-Braun und Lothar Mikos 11 Zur Einführung 1 Happy Birthday MTV? Vor fast 25 Jahren wurde ein neues Fernsehgenre geboren: Am 1. August 1981 ging der Musikfernsehsender MTV auf Sendung. 2001 feierte er seinen 20. Ge- burtstag. Mit ihm wandelte sich vor allem der Alltag der Kids, Jugendlichen und jungen Menschen. Die Sehgewohnheiten einer ganzen Generation ver- änderten sich. Videoclips sind bis heute ein in seiner Bedeutung nicht zu unter- schätzender Bestandteil unserer schnelllebigen „visuellen Kultur“ geworden. Dieser Visualisierungsschub ist weit fortgeschritten, die Bilderschau scheint inzwischen die anderen Weisen der Weltwahrnehmung zu dominieren. MTV setzte seinerzeit mit der Clip-Ästhetik für die Medienindustrie neue Maßstäbe: Songs erhalten einen begleitenden Promotion-Spot, in dem die Musik bildlich in einer bestimmten Art und Weise untermalt wird. Ein neues kulturelles und werbliches Genre war geschaffen, dessen Struktur nahezu aus- schließlich auf seine besondere Funktion zurückzuführen ist, nämlich die Be- bilderung und zugleich Vermarktung von Popmusik. Diese Art und Weise der bildlichen Inszenierung populärer Musik zeichnet sich durch Merkmale wie schnelle Schnitte, technische Experimentierfreudigkeit, inhaltliche Mehrdeutig- keit, häufiges Zitieren und Verflechten kulturhistorisch aufgeladener Symbolik und in vielen Fällen auch durch das Nichtvorhandensein von Erzählstrukturen aus. Dennoch sind Clips keine „sinnlosen Bilderfluten“, sondern besitzen eine regelhafte Struktur. Neue Maßstäbe wurden auch auf Seiten der Rezeptionskultur relevant und die ZuschauerInnen vor unbekannte Herausforderungen gestellt. Neben Clips, in denen die ProtagonistInnen beim Musikproduzieren oder Singen zu sehen sind, sind es vor allem solche Clips mit inhaltlicher und formaler Komplexität, die Sehvergnügen bereiten. In ihnen werden Geschichten angedeutet, ver- schiedene kulturelle Kontexte aufgerufen, es wird zitiert, ironisiert, persifliert. Diesem Zeichenspiel einen Sinn abzugewinnen, verlangt sowohl mediale als auch clipbezogene Kompetenz, ähnlich der Rezeption eines Kinofilms. Nicht von ungefähr befruchten sich die Arbeiten von Kino-, Werbespot- und Clip- 13 regisseuren wechselseitig, so dass Kultregisseure und Clips in Kurzfilmlänge ebenso zum popmusikalischen Kosmos gehören wie vergleichsweise konven- tionelle Standard-Produktionen. So gesehen kam es entsprechend zu einer Erweiterung und Bereicherung der kulturellen und popmusikalischen Land- schaft – allerdings auch um den Preis der Kommerzialisierung, Standardisie- rung und Domestizierung der Pop-Musik und Jugendkultur: Kommerzialisierung („Money makes the music world go round“): Populäre Musik in den 1990er Jahren ist weniger Ware als Werbung. Die Bedeutung der Musik selbst beginnt sich von der Warenform zum werbestrategischen Vehikel zu verschieben. Somit ist auch Musikfernsehen weniger eine Ware als vielmehr ein Mittel, Musik zu promoten, welche wiederum in steigendem Maße dazu eingesetzt wird, andere Waren – insbesondere Konsumgüterartikel wie Kleidung und Lebensmittel – zu promoten (Promotion-Kette). Auf diese Weise ist popu- läre Musik integraler Bestandteil einer global operierenden Medienindustrie, die die werbeökonomisch lukrative Trias „Jugend – Musik – TV“ intensiv nutzt. Die Entstehung eines „World-Music-Promotion-Modells“ als Resultat zunehmender Verflechtung von TV-, Musik- und Werbeindustrie bedeutet „Sell of Image“ statt „Hardsell“ – eine Entwicklung, die auch die Musikindustrie in das Korsett einer „doppelten Ökonomie“ presst: Da der Verkauf von Tonträgern als ehemals vorrangige Einnahmequelle zunehmend durch eine Finanzierung durch Werbeverträge abgelöst wird, erfährt populäre Musik – einst über Ver- kaufszahlen direkt an die Gunst des Publikums gebunden – einen kategorialen Bedeutungswandel. Die Produktion populärer Musik unterliegt nun der Logik eines werbekommunikativen Kalküls: Musik steht so weit weniger für sich selbst als vielmehr für zu bewerbende Organisationen/ Firmen (z. B. MTV oder Nike), Ereignisse (z. B. eine Fußballweltmeisterschaft) und Waren (z. B. Kinofilme, Konsumgüterartikel). Kurz: Dass Pop- und Rockmusik heutzutage ökonomischen und werbestrategischen Prämissen verpflichtet ist, bedeutet eine zusätzliche Instrumentalisierung, eine Indienstnahme der Musik durch ein welt- weit agierendes Medienverbundsystem. Eine derart umfassende Kommerziali- sierung populärer Musik verweist auf zwei weitere Tendenzen: die weltweite Vereinheitlichung und Domestizierung von Pop- und Rockmusik. Standardisierung („More of the same“): Die Tendenz zur Standardisierung populärer Musik erfolgt sowohl quantitativ als auch qualitativ. Zum einen ermöglicht eine global hoch integrierte Medienindustrie eine Gleichschaltung und eine – größtenteils damit verbundene – Amerikanisierung der Produkt- palette: Anfang der 1990er Jahre stammten über 90 Prozent aller Albenver- öffentlichungen von den sechs marktführenden Plattenfirmen. Zum anderen zwingen – auf der einen Seite – ökonomische Kriterien zu einer anwachsenden Rationalisierung des Musikgeschäfts und – auf der anderen Seite – werbe- ökonomische Überlegungen zu einer Orientierung an zielgruppenstrategischen Kalkülen. Ersteres bringt es mit sich, dass Maßnahmen zur Kostensenkung der 14 Musikproduktion – insbesondere Strategien des Product-Recyclings – einen Trend zu risikoarmen Billigproduktionen etablierten. Letzteres führt dazu, dass „Musik produzieren“ vielfach an externe Werbestrategen delegiert wird, mithin aber mit einem an international „funktionierenden“ Jugendsymboliken orien- tierten Packaging-Prozess verwoben ist. Kurz: Die globale Vereinheitlichung der an ökonomischen und werbestrategischen Kriterien orientierten Produktion setzt musikalischer Ausdrucksfreiheit enge Grenzen – Musik soll sich bei gleichzeitig geringem Kostenaufwand gut verkaufen und effektiv für andere Produkte werben – im Idealfall weltweit auf die gleiche Art und Weise. Domestizierung („(Rock-)Music goes (M)TV“): Die Indienstnahme der Musik durch die Werbung und die damit einhergehende Errichtung eines auf die Zielgruppe der Jugendlichen zugeschnittenen Medienverbundsystems bedeutete für die musikproduzierende und distribuierende Industrie ein Orientierungs- dilemma. Einerseits mussten die Bedürfnisse der jugendlichen Zielgruppe nach Unangepasstheit und Authentizität musikalischer Produkte berücksichtigt wer- den, andererseits war man auf Werbekunden angewiesen, deren Zumutbarkeits- grenzen schnell erreicht waren. Wie ließ sich also der rebellische Gestus einer jugendlichen Zielgruppe mit den verkaufsstrategischen Interessen der Werbe- partner vereinen? Die Strategie, über die diese Spannung aufgelöst werden sollte, lässt sich als eine Ästhetisierung von Werbung und Konsum begreifen. Zum einen beginnen sich die Grenzen zwischen Programm und Werbung auf- zulösen: Der Konflikt, eine Zielgruppe bedienen zu müssen, die traditioneller- weise Fernsehwerbung kritisch gegenüberstand, führte zu dem Versuch, die „doppelte Ökonomie“ auf die RezipientInnenseite zu verlängern. Werbung und Programm erfuhren eine ästhetische Annäherung und fielen im Falle MTVs gar gänzlich zusammen. Clips bewerben Songs, Spots bewerben Waren und Jingles den Sender selbst. Gestalterisch angelehnt an die als Videoclipästhetik bekannte Machart, erhalten alle Programmelemente auf diese Weise Unterhaltungs- und Werbe- funktion zugleich. MTV ist insofern kein „Werbeumfeld“ – wie andere Programme –, sondern vielmehr grenzenloses Werbefeld – gleichsam eine temporalisierte Plakatwand. Zum anderen erfahren Konsumgewohnheiten eine ästhetische Stilisierung und rücken so in das Zentrum selbstdefinitorischer Prozesse. Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken und Kleidung erfahren über die medial verbreitete Verbindung mit Musik eine sozialsymbolische Beset- zung, damit eine Ästhetisierung und auf diese Weise ein hoch distinktives Potential (Markenkult). MTV spielt eine Schlüsselrolle bei der globalen Er- richtung einer jugendlichen Sozialsymbolik, die sich um Artikel der Konsum- güterindustrie gruppiert. Jugendkulturen erscheinen auf diese Weise als um Konsumgewohnheiten und Musikvorlieben herumgruppierte mediale Konstrukte. Musik degeneriert zum globalen Werbecode, zum marketingstrategischen Such- raster, um über musikstilistische Klassifikationen Ordnung in einen zusehends 15 unübersichtlicher werdenden Jugendmarkt zu bringen. Die Interessen der ProduzentInnen und KonsumentInnen scheinen zur Deckung gebracht: Ver- gnügen durch Konsum. Populäre Musik und Videoclips – „aerodymamisiert“ im „Windkanal“ der Medienindustrie – tragen ihren Teil zur schönen, neuen Medienwelt bei. Infantile Aufsässigkeitsinszenierungen verschleiern die Ein- gebundenheit der Jugendmedien in ökonomische Strukturzwänge und die musi- kalische Message setzt auf Konsum und Hipness statt auf Kritik, die wehtun könnte. Ist die einst widerständige und schockierende (Rock-)Musik heute „eingemeindet“, glatt geschliffen, domestiziert? Einerseits hat die Instrumenta- lisierung populärer Musik durch internationale Medienkonglomerate in den 1990ern drastisch zugenommen, andererseits – so die Kritiker angesichts eines solchen, in ihren Augen überzogenen Ökonomismus – werde die Macht der RezipientInnen unterschätzt. Klagen über eine „Jugend ohne Werte“ lassen zumindest erahnen, dass man hier die Geister, die man rief, nun nicht mehr loswird: Die Generation X als eine lose Ansammlung vergnügungssüchtiger Egomanen avanciert zum Schreckgespenst sozial-planerischen Denkens. Die Diagnosen reichen somit von „purer Verblendung“ bis zu „Resistance through Pleasure“ (Cultural Studies) und oszillieren damit als Extrempole eines Konti- nuums zwischen einer Überbetonung der ProduzentInnen- bzw. RezipientInnen- seite. 2 Entwarnung durch Veralltäglichung? Die angesprochenen Aspekte sind ausführlich problematisiert und diskutiert worden (bspw. Neumann-Braun 1999). Längst haben sich die beiden Musik- sender MTV und VIVA (inzwischen von MTV übernommen) auf dem deut- schen Markt etablieren können. Hatte die Erwachsenenwelt anfangs mit Irrita- tion und auf einige extrem provokativ inszenierte Clips noch mit starker jugendschützerischer Besorgnis reagiert, ebbten diese Debatten in den letzten Jahren deutlich ab. Zum 20. Geburtstag standen nicht Zensurfragen im Mittel- punkt des öffentlichen Interesses (Feuilleton, Museumsausstellungen) sondern vielmehr die Frage, ob Popvideos nicht als anerkannte Kunstform, als die „wahre Avantgarde des Kinos“ zu betrachten seien. In jüngster Zeit hat sich das Bild verändert: Nun werden in der Öffentlich- keit wieder verstärkt die teilweise provokanten Clip-Inszenierungen von Sex und Gewalt – beispielsweise in HipHop-Videos – thematisiert. Erwachsene, die nicht einen unmittelbaren oder zumindest hinreichenden Zugang zu den heutigen, stark medial geprägten jugendlichen Lebenswelten haben, können nicht einschätzen, ob es sich um Einzelfälle handelt, die die Grenzen des gesellschaftlich Akzeptierten ausreizen und überschreiten. Sie können nicht entscheiden, ob es sich um ein Phänomen, das nur einem einzigen Musikgenre 16 zuzuordnen ist, handelt oder ob darin nicht doch ein Indikator für eine um- fassendere, gesellschaftlich problematische Entwicklung zu erkennen ist, die es zu thematisieren gilt. Neben dem Sex and Crime-Thema gerät auch das der Werbung in die aktuellen Schlagzeilen: Jüngste Programmanalysen bestätigen, dass der weitaus überwiegende Teil der Werbung bei den vier Musiksendern in Deutschland (MTV, MTV2 Pop, VIVA und VIVA Plus) derzeit aus Werbung für Klingeltöne besteht. Teilweise werden – zum Beispiel bei VIVA Plus – mehr als 90 Prozent der für Werbung nutzbaren Sendezeit ausschließlich dafür verwendet. Proble- matisch an dieser vor allem an Kinder und Jugendlichen adressierten Werbung ist die mangelnde Transparenz der Kosten, die mit dem Downloaden ver- bunden sind (DLM-Pressemitteilung 2/2005). Schließlich zeigen diese Programmanalysen auch, dass sich das Angebot der Musiksender selbst sehr gewandelt hat: Der Musikclip-Anteil an der Sende- zeit ist geschrumpft, andere Sendeformate wie z. B. Real-People-Formate und Comedies haben Konjunktur. Diese drei Entwicklungen zeigen, dass sich das Programmangebot der Musiksender in jüngster Zeit stark verändert hat. Es ist vor diesem Hintergrund sinnvoll zu fragen, in welcher Hinsicht sich das Angebot qualitativ und quanti- tativ gewandelt hat und – komplementär dazu – wie sich ggf. die Rezeptions- weisen und -kompetenzen der Kids, Jugendlichen und jungen Menschen ge- ändert haben. Nach wie vor dürfte generell davon auszugehen sein, dass Musik als domi- nanter Kristallisationspunkt der Jugendkulturen und Szenen ein Lebensgefühl transportiert, das in Teilen im Gegensatz zur Werte- und Handlungsorientie- rung der Erwachsenenwelt steht (inter-generationale Distinktion). Auch die sozial-stilistische Abgrenzung der Jugendlichen untereinander und ihre De- monstration der Zugehörigkeit zu einer Jugendszene werden tragend durch musikalische Vorlieben ausgedrückt (intra-generationale Distinktion). In-Sein und Mitreden-Können sind die beiden zentralen Handlungsorientierungen für die Jugendlichen in ihrer jeweiligen Peer Group. Jugendpresse und Musik- fernsehen wirken in diesem Zusammenhang stilbildend, sie bieten relevante Szene-Informationen an und dienen so als eine Art von Plattform (und „Kopier- vorlage“) für jugendkulturelle Lebenspraxen. Die Bedeutung, die Musik und Musiksender im Alltag von Jugendlichen zu- kommt, spiegeln auch die Ergebnisse der JIM-Studie (2003) wider: 88 Prozent der 12- bis 19-Jährigen stufen Musik als ein für sie wichtiges Thema ein und zählen daher auch die Musiksender MTV (21 Prozent) und VIVA (10 Prozent) auf den Plätzen vier und fünf zu ihren liebsten Fernsehsendern. Da Individual- und Massenmedien – und hier insbesondere das Fernsehen – neben Familie, Schule und Peer Group unbestritten eine zentrale Sozialisations- instanz darstellen, die die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen stark 17 beeinflusst, stellt sich vor diesem Hintergrund immer wieder die Frage, wie sich der Markt von Musikvideo und -fernsehen verändert hat (Produktion), wie sich Clips und TV-Programm gewandelt haben und wie Musikvideos inzwischen von den Jugendlichen rezipiert und verarbeitet werden. Vor dem angesprochenen Hintergrund der jüngst wieder vermehrt präsen- tierten Sex und Gewalt darstellenden Clips sowie der Veränderung des Werbe- und Programmangebots von VIVA und MTV stellt sich für die Landesanstalt für Medien (LfM, NRW) die Frage, ob aus der Perspektive von Jugendmedien- schutz und/oder Medienpädagogik problematische Entwicklungen im Zusam- menhang zwischen neuen inhaltlichen Schwerpunkten und der Rezeption von Musikvideos durch junge Menschen zu konstatieren sind (Untersuchungs- schritt 1), die es ggf. im Rahmen eines Folgeprojekts detaillierter zu unter- suchen gälte (Untersuchungsschritt 2). Der erste Analyseschritt – die hiesige Studie – besteht aus einer Literatursichtung. In ihr sollen die bisherigen Er- kenntnisse der einschlägigen Fachdiskussion und Studien systematisiert und die Notwendigkeit einer weiteren Auseinandersetzung mit der Thematik über- prüft werden. Folgende Leitfragen finden Berücksichtigung: (1.) Wie hat sich das Programm der Musiksender in den letzten Jahren ver- ändert (Programmanalyse)? (2.) Welche aktuellen Erkenntnisse liegen über derzeitige Inhalte und Präsen- tationsformen von Videoclips vor? Welche unterschiedlichen Bilder von (a) Männlichkeit und Weiblichkeit (Gender) sowie (b) Gewalt werden in den Clips vermittelt? Welche Sinnschemata dominieren und welche lden- tifikationsmuster („Kopiervorlagen“, s. o.) werden dem/der Zuschauer/ in angeboten (Produktanalysen)? Diese Frage stellt sich nicht zuletzt auch in Hinblick auf die Generierung von Vorstellungen über Gewaltanwendungs- kontexte und Geschlechterverhältnisse – hier insbesondere bezogen auf die Bedienung des gängigen Rollenklischees der Dominanz des Mannes und der Rolle der Frau als Sexualobjekt (Sozialisation durch Medien). (3.) Wie ist die Nutzung von Musiksendern gekennzeichnet? Was ist bekannt über den Umfang und die Art und Weise, wie Jugendliche Musikfernsehen und Videoclips rezipieren (Nutzung und Rezeption)? Medienrezeptions- studien belegen, dass Medienangebote wie Clips eine offene Sinnstruktur haben und dementsprechend dem/der Zuschauer/ in eine Vielzahl von Interpretations- und Gebrauchsmöglichkeiten bieten. Musikvideos stellen zwar verschiedene Identifikationsmuster bereit, gleichwohl ist die vom einzelnen Rezipienten entwickelte Lesart, also die Wahrnehmung des Textes/des Clips, von dem sozialen Kontext und der Lebenssituation des jeweiligen jugendlichen Zuschauers abhängig. Somit findet eine subjektive Auseinandersetzung mit den textuellen Angeboten statt. Neben anderen 18 Faktoren beeinflussen vor allem Alter, Geschlecht und Bildungsgrad die Wahrnehmung. (4.) Weiterhin sind auch die biographischen und lebensweltlichen Kontexte der jugendlichen RezipientInnen von Relevanz. Welche Wahrnehmungs- muster lassen sich bei den Jugendlichen identifizieren? Welche Bedeutung kommt den biographischen und lebensweltlichen Kontexten der jugend- lichen RezipientInnen bei der Bedeutungszuschreibung allgemein und ins- besondere bei der Vorstellung von Gewalt und Geschlechterrollen (Männ- lichkeit und Weiblichkeit) zu? Wie prägt das Vorhandensein oder nicht Vorhandensein von Wissen über Genrekonventionen die Interpretation des Gesehenen? Wie andere Texte auch, sind Musikvideos auf das Vorwissen und auf die Erwartungen von Zuschauern hin organisiert und bedienen sich gewisser Konventionen, die sich für ein Genre etabliert haben. So prägt auch das Vorwissen über bestimmte musikalische Subkulturen den Wahrnehmungsprozess und die Bedeutungszuschreibung (Genrewissen).m (5.) Welcher Forschungs- und Handlungsbedarf besteht ggf. aus der Perspek- tive von Jugendmedienschutz und Medienpädagogik (Medienkompetenz) mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen im Musikvideomarkt? 3 Aufbau der Literatursichtung Teil I widmet sich dem Thema der Darstellung von Gewalt, Sexualität, Gender und Race in Musikvideos – untergliedert in die Kapitel: Gewalt (Kap. 5), Sexualität, Gender und Race (Kap. 6), Fazit zu Teil I (Kap. 7). Teil II bearbeitet den Aspekt der Nutzungsmotivationen und Rezeptionsformen sowie Wirkun- gen von Musikvideos – untergliedert in die Kapitel: Allgemeine Nutzung und Rezeption von Musikvideos (Kap. 8), Musikvideos und ihre Wirkungen auf ZuschauerInnen (Kap. 9), Aktive RezipientInnen von Musikvideos (Kap. 9.5), Fazit zu Teil II (Kap. 10). Teil III untersucht die Veränderungen der Programm- strukturen von MTV und VIVA in den Jahren 2000 bis 2005 (Kap. 11, 12). Es schließen sich eine Schlusszusammenfassung und Ergebnisdiskussion an (Teil IV), gefolgt von der Literaturliste (Kap. 13). 19 Teil I: Darstellung von Gewalt, Sexualität, Gender und Race in Musikvideos 4 Einleitung Die Pionier- und Konsolidierungsphase des Musikfernsehens der 1980er und frühen 1990er Jahre steht im Zeichen eines öffentlichen „Kulturkampfes“. Ausgangspunkt ist eine binär (pro/contra) geführte Debatte über das Medium Musikfernsehen. Während BefürworterInnen den sozial-emanzipatorischen Beitrag des Mediums hervorheben, befürchten GegnerInnen die Gefahr der Identitätsdiffusion. Vor allem die Diskussion über die Präsentation von Sexuali- tät und Gewalt wird in diesem Zusammenhang vor dem Hintergrund ethischer und medienkritischer Prämissen geführt (vgl. Bastian 1999, Glogauer 1988). Gewalt, Sexualität, Gender und Race erweisen sich als die zentralen Pro- blemkontexte in Videoclips. Bei deren wissenschaftlicher Durchdringung zeich- nen sich unterschiedliche Entwicklungslinien ab: (1.) Im Kontext Sexualität und Geschlechtsidentität lässt sich, im Vergleich zur binär geführten Debatte der Anfangsjahre, anhand der Publikationen der 1990er Jahre bis heute ein deutlicher Trend zu einer Verwissenschaftlichung erkennen. Körperpräsentation und Sexualität werden vor allem vor dem Hinter- grund der Konstruktion von Geschlechtsidentität (Gender) und des Geschlechter- verhältnisses analysiert. Dabei zeichnet sich ein Ende der polarisierenden Debatte über Funktion und Wirkung von Musikfernsehen ab. Befürwortet wird vor allem die Pluralisierung von Weiblichkeitsbildern, die Übernahme männ- licher Handlungsmuster und Rollenstereotype durch weibliche Protagonistinnen und die Darstellung von Körperlichkeit und Sexualität als Ausdruck autonomer Weiblichkeit. In der überwiegenden Mehrzahl stammen die Forschungsarbeiten aus dem Kontext anglo-amerikanischer und deutscher Gender Studies. Diese haben sich von den Paradigmen feministischer Medien- und Geschlechter- forschung gelöst. Der Fokus liegt deutlich auf Fragen der Darstellung von Geschlechtsidentität und Geschlechterrollen; die Analyse sexistischer Frauen- darstellungen tritt dagegen in den Hintergrund. Dadurch wird eine differenzierte Sicht auf die Konstruktionsprinzipien von Männlichkeit und Weiblichkeit in 21 Videoclips erreicht. Allerdings stellt dies den Jugendmedienschutz zugleich vor neue Herausforderungen. Denn die Präsentation von Nacktheit und Sexua- lität wird nicht grundsätzlich als negativ bewertet. Dabei spielt die Veralltäg- lichung und Enttabuisierung von Nacktheit als gesellschaftlicher Referenz- rahmen eine wichtige Rolle. Entscheidend für die Bewertung körperlicher und sexualisierter Darstellungen in Videoclips ist der kontextuelle Rahmen, d. h. das clipimmanente Zusammenspiel visueller, musikalischer und verbaler Ebene, das im Bezug steht zu kulturellen Wissensformationen wie Starimage, Alltags- erfahrung der RezipientInnen und Spezifika musikalischer Genres. Für die Beurteilung der Jugendeignung von Musikvideos hat dies zur Folge, dass die Grenzlinie zwischen einer verdinglichten, sexistischen Frauendarstel- lung und der Darstellung selbstbestimmter, sexualisierter Weiblichkeit häufig schwer zu ziehen ist. So verdeutlichen die Analysen der Star-/Körperinszenie- rungen Madonnas, dass der Bruch mit patriarchalen Weiblichkeitsbildern häufig nuanciert und ambiguos stattfindet. Dies hat zur Folge, dass hinsichtlich der Frage der Jugendeignung angesichts mehrdeutiger, ambivalenter Zuschauer- adressierungen in Videoclips zunächst wenig Klarheit herrscht. Jedoch tendieren die meisten Frauendarstellungen latent in Richtung traditioneller Darstellungs- muster. Dominante Lesarten – unter der Perspektive männlicher Schaulust – bestimmen vermutlich die Rezeption weiblicher Körperpräsentationen in Musik- videos. Die Grenzen weiblicher Selbstständigkeit und Subjektivität sehen die meisten Autorinnen und Autoren jedoch durch zahlreiche verdinglichte Dar- stellungen von Frauen im Kontext von Rap resp. Gangsta-Rap verletzt, bei denen die Präsentation von Frauen als „Sexobjekte“ durch die Darstellung männlicher „Verfügbarkeit des Weiblichen“ auf die Spitze getrieben wird. Wie ist der Wissensstand der Forschungsliteratur hinsichtlich Reichweiten und Grenzen zu bewerten? Produktanalysen bzw. textuelle Analysen von Musik- videos aus der Perspektive der Gender Studies beschäftigen sich mit folgenden zentralen Forschungsschwerpunkten: (a) Den Darstellungsweisen von Frauen in Videoclips und die Bedeutung des männlichen Blicks, (b) dem Verhältnis weiblicher Adoleszenz zu Fantum, Konsumkultur und Musikvideos (weibliche kulturelle Praktiken und Erfahrungen), (c) der Analyse weiblicher Stars, (d) der Rolle von Frauen in der Musikindustrie, (e) dem Verhältnis von Gender, Sexualität und musikalischem Genre. Die Literatur der Gender Studies bietet damit vor allem einen systematischen Überblick über emanzipatorische bzw. progressive Weiblichkeitsbilder in Videoclips (vgl. Bechdolf 1999a). Da die Literatur dem Markt folgt, sind Studien und Analysen zu aktuellen Problem- kontexten jedoch sehr rar. Vor allem im deutschsprachigen Raum handelt es sich um eine begrenzte Forschungsinitiative resp. -gemeinschaft (zentrale Personen sind: Bechdolf, Blume, Bloss, Richard); die analysierten Videoclips stammen bei Bechdolf (1999a: Puzzling Gender) aus der ersten Hälfte der 1990er Jahre. Der theoretische Fokus dekonstruktivistischer Gender Studies 22 prägt die deutschen Forschungsarbeiten, wobei es zum einen an Sensibilität für kulturelle Differenzen (Nation, Ethnie, Kulturen) mangelt und zum anderen die Perspektive weiblicher Adoleszenz bzw. girl culture häufig vernachlässigt wird (z. B. Aufsätze in Helms/Phleps 2003: Clipped Differences). In methodi- scher Hinsicht stehen Einzelfallanalysen im Vordergrund. Diese sind star- bezogen und berücksichtigen nicht die Masse der Videoclips der heavy rotation der TV-Sender. Insgesamt lässt sich deutlich erkennen, dass innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses keine direkte Jugendschutzdebatte mehr geführt wird, wie dies zum Beispiel angesichts der Präsentation tabuisierter Themen in den Videoclips Madonnas der späten 1980er Jahre der Fall gewesen ist. (2.) Für die Inszenierung von Gewalt in Videoclips lässt sich ebenso festhalten, dass eine wissenschaftliche Auseinandersetzung über Fragen des Jugend- medienschutzes und der Medienethik nur am Rande geführt wird. Es lassen sich grundsätzlich kaum aktuelle inhalts- oder produktanalytische Studien und Analysen zu Gewalt in Videoclips finden. Da Gewalt und Aggression jedoch häufig in Videoclips dargestellt werden, greifen viele Autoren bei der Beurtei- lung auf die Ergebnisse US-amerikanischer Studien der 1980er Jahre zurück.m 5 Darstellung von Gewalt in Musikvideos 5.1 Inhaltsanalysen Die Analyse der potentiellen Problemkontexte Gewalt, Sexualität und Gender ist seit der Pionierphase von MTV (USA) Gegenstand zahlreicher inhalts- analytischer Studien. Einige deutsche Arbeiten (Bastian 1999, Bullerjahn 1998, Kloppenburg 2000, Müller 2004, Quandt 1997, Schmidbauer/Löhr 1996) geben einen kommentierten Überblick über den Wissensstand der inhaltsanalytischen Musikvideoforschung. Dabei werden die Ergebnisse prominenter Studien von unter anderem Baxter/Riemer/Landini et al. (1985), Caplan (1985), Kalis/ Neuendorf (1989), Sherman/Dominick (1986), Sommers-Flanagan/Sommers- Flanagan/Davis (1993) und Vincent/Davis/Boruszkowski (1987), aufgegriffen. Allerdings wird weitestgehend die Einschätzung geteilt, dass sich die Befunde der Studien nicht auf die Inhalte der deutschen TV-Sender MTV und VIVA übertragen lassen. Schmidbauer/Löhr (1996) bewerten den bisherigen Forschungsstand als gering. Quandt (1997) kritisiert die Heterogenität der Ergebnisse inhaltsanaly- tischer Studien. Grundsätzlich wird die Übertragbarkeit der Forschungsergeb- nisse von US-Studien aufgrund von Programmdifferenzen und abweichenden kulturellen Darstellungsmustern von Gewalt in Frage gestellt: Während im Pro- gramm von MTV (USA) personale Gewalt in Form von Rangeleien und Prüge- leien (hand-to-hand combats) dominiert, sind auf MTV (Europe) eher Formen 23 struktureller Gewalt vorherrschend (Quandt 1997, Makris 1997, Schmidbauer/ Löhr 1996, Sherman 1986). Auch die zeitliche Beschränktheit bisheriger Befunde erscheint evident: Angesichts der Weiterentwicklung musikalischer Genres, veränderten Subkulturen und veränderten visuellen Präsentationsfor- men mangelt es den meisten Studien an Aktualität (Kloppenburg 2000, Quandt 1997, Schmidbauer/Löhr 1996). Wandlungsprozesse im Programmkonzept von MTV und VIVA werden u. a. von Hachmeister/Lingemann (1999), Makris (1999) und Schmidt, A. (1999) besprochen. Müller (2004) sieht innerhalb der Musikvideoforschung einen Paradigmenwechsel von der Produktanalyse zur Rezeptionsforschung. Während sich die Studien der Anfangsjahre auf die Inhalte der Bildebene konzentrieren, begreifen neuere Ansätze die Rezeption von Videoclips als Prozess musikalischer Sozialisation und Identitätskonstruktion. Inhaltsanalysen lassen keine Aussagen bezüglich potentieller Wirkungen von Videoclips zu (Müller 2004). Weitestgehend geteilt wird die Forderung nach Rezeptionsanalysen, in denen ethnographisches Wissen über Jugendkulturen und komplexe Erfahrungen Jugendlicher zu berücksichtigen sind (Bullerjahn 1998, Quandt 1997). Dennoch plädieren Müller (2004) und Quandt (1997) für die Verschränkung von Produkt- und Rezeptionsanalysen, um Videoclips adäquat beurteilen zu können. Die Erkenntnisse inhaltsanalytischer Studien können bei der Lösung bestimmter Fragestellungen hilfreich sein, sollten jedoch nicht als einziges Mittel zur Erforschung von Videoclips eingesetzt werden (Quandt 1997). Als Fazit lässt sich festhalten, dass im deutschsprachigen Raum bislang keine quantitativen Inhaltsanalysen vorliegen, die sich mit der Präsenta- tion von Gewalt in Videoclips beschäftigen. Diese Leerstelle lässt sich aller- dings nicht mit Ergebnissen von US-Studien ausfüllen, da deren Aussagekraft für das deutsche Musikfernsehen nach Meinung der Mehrzahl der Kommen- tatoren zu gering ist. Im folgenden Überblick werden zentrale Forschungs- zusammenhänge und Fragestellungen von Inhaltsanalysen skizziert sowie deren Reichweiten und Grenzen aufgezeigt. Dabei steht nicht die Präsentation von Ergebnissen im Vordergrund, vielmehr soll offenen Fragen nachgegangen wer- den, die sich im Zusammenhang mit der Definition von Gewalt und Struktur- elementen von Gewaltdarstellungen ergeben. 5.1.1 Gewaltdefinition Eine überwiegende Zahl quantitativer Inhaltsanalysen orientiert sich an der weit gefassten, undifferenzierten Definition gewaltförmiger Inhalte in Video- clips, deren Hintergrund die Operationalisierung von Gewalt bei Gerbner (1976) ist. Der violence index von Gerbner (1976) stammt aus der Filmanalyse und ist die in der US-Medienforschung am häufigsten verwendete Definition von Gewalt (Makris 1997). Gewalt wird definiert als „the overt expression of physical force with or without a weapon, against self or other, compelling 24 action against one’s will on pain of being hurt or killed or actually hurting or killing“ (Gerbner/Gross 1976). Im Rahmen der inhaltsanalytischen Musik- videoforschung verfügt diese weit gefasste Definition medialer Gewaltpräsen- tation über eine gewisse Kontinuität. In den US-amerikanischen Studien von Caplan (1985), DuRant/Rome/Rich (1997), Jones (1996), Rich/Woods/Good- man (1998), Sherman/ Dominick (1986) und Vincent / Davis/Boruszkowski (1987) wird Gewalt nach dem violence index Gerbners operationalisiert, der unhinterfragt vom Film auf das Medium Videoclip übertragen wird. Die auf- gezeigten Inhaltsanalysen arbeiten mit eindimensionalen Wirkungsannahmen. Die isolierte Betrachtung gewaltförmiger Bildelemente unter Ausblendung formaler und funktionaler Charakteristika von Videoclips ist bei Rich/Woods/ Goodman et al. (1998) durch die Annahme begründet, dass die Rezeption medialer Gewalt kurz- oder langfristig aggressives Verhalten zur Folge hat. Quantitative Inhaltsanalysen lassen daher die Besonderheiten von Produktion, Formal-Ästhetik, Inhalt und Rezeption unberücksichtigt (Quandt 1997, Goodwin 1993a). Vieles spricht jedoch gegen die Prämisse, dass die Gewaltförmigkeit von Videoclips durch die numerische Erfassung isolierter, aggressiver oder gewaltförmiger Handlungen bestimmbar ist. Die vorliegenden Inhaltsanalysen stehen in vielfacher Hinsicht in der Kritik. Davon unberücksichtigt blieb jedoch bislang eine Auseinandersetzung um methodologische Fragen der Operationalisierung von Gewalt. Einiges weist darauf hin, dass bei Gewaltdarstellungen in Videoclips ein hohes Maß an Differenzierung vorliegt. Indem die meisten Studien in Anlehnung an die Ge- waltdefinition Gerbners (1976) die Differenz zwischen manifester und an- gedeuteter (bzw. latenter) Gewalt nivellieren, bleiben semantische Qualität und perzeptuelle Intensität der Gewaltdarstellungen außerhalb des Blickfelds. Diese gilt es jedoch von der Peripherie in den Mittelpunkt der Forschung zu rücken. Gewaltdarstellungen in Videoclips sind in mehrere Richtungen zu differenzie- ren: – manifeste und latente bzw. angedeutete Gewalt – instrumentelle und expressive Gewalt – personale, psychische und strukturelle Gewalt. Bereits in einer Studie aus der Pionierphase der Musikvideoforschung weisen Baxter/De Riemer/Landini et al. (1985) darauf hin, dass Gewaltdarstellungen in Videoclips häufig Anzeichen- bzw. Andeutungscharakter haben, es sich also um Formen latenter Gewaltinszenierungen handelt. Die Studie kommt zwar zu dem Ergebnis, dass Gewalt und/oder Kriminalität in mehr als der Hälfte der untersuchten Videoclips dargestellt werden. Es handelt sich in den überwiegen- den Fällen um physische Aggression. Allerdings haben die gewaltförmigen Handlungen (violent actions) Andeutungs- oder Anzeichencharakter, d. h. sie werden vor dem Ausführen einer Gewalttätigkeit (violent act) gestoppt. Nach 25 der Studie von Baxter/De Riemer/Landini et al. (1985) wird Gewalt oft als Anspielung bzw. Andeutung visualisiert (Jones 1996). Damit ist in Abgrenzung zu ikonischen und symbolischen Zeichen der Zeichentypus des Index bzw. Anzeichens (Peirce) angesprochen. In ähnlicher Weise versuchen Sommers- Flanagan/Sommers-Flanagan/ Davis (1993) durch die Differenzierung von explicit und implicit aggression Nuancen und Komplexität visueller Darstel- lungen in Videoclips Rechnung zu tragen. Implizite Aggression spielt sich auf der Ebene von Andeutungen ab und Gewalt wird nicht offen gezeigt. Statt- dessen werden Szenen vor oder nach einer gewaltförmigen Handlung dargestellt (vgl. exemplarisch die Videoclipanalyse Sie muss raus von Die Fantastischen Vier in Bloss 2001). Präsentiert werden Ereignisse, die nicht unmittelbar Ge- walt darstellen, stattdessen Aggression andeuten oder aggressive Themen oder Gewaltandrohungen schildern. Kalis/Neuendorf (1989) gehen bei der Analyse von Gewalt in Videoclips über manifeste Gewalthandlungen hinaus. Die Kate- gorie aggressive cues (Verweis, Hinweis) umfasst gewalttätige Handlungen und Objekte, die als gewalttätig gedeutet werden können (Quandt 1997). In weniger evidenter Gestalt zeigt sich angedeutete Gewalt im Tragen und Mit- führen von Gewaltsymbolen und -insignien etc. Die Studie von DuRant/Rome/ Rich (1997) berücksichtigt die Präsentation von Waffen bei der Analyse von Gewalt in Videoclips. Maas (1998) widerspricht der Auffassung, dass die Dar- stellung geballter Fäuste, Nieten oder Schlagring unmittelbar als Propagierung von Gewalt verstanden werden kann. Je weiter man in den Bereich der gewalt- bereiten Selbstinszenierung vordringt, desto mehr verunmöglichen sich unseres Erachtens Rückschlüsse darauf, ob und inwiefern solche Inszenierungsformen eine ernst zu nehmende Gefahr bergen, in manifeste Gewaltanwendungen um- zuschlagen. Latente Gewaltinszenierungen können schließlich vollends die Gestalt von Posen und expressiven Selbstinszenierungen annehmen, die keinen eindeutigen Adressaten haben. Zur Interpretation von Gewalt ist eine weitere Differenzierung angezeigt: Gewalt kann unterschieden werden in instrumentelle (z. B. Konfliktlösung, Schädigungsabsicht) und expressive Gewalt. Eine Unterscheidung zwischen personaler, psychischer und struktureller Gewalt wird in den aufgeführten inhaltsanalytischen Studien in der Regel aus- geblendet. Nur bei Sommers-Flanagan/Sommers-Flanagan/Davis (1993) wird der Zusammenhang zwischen psychischer Gewalt und Macht bzw. Dominanz berücksichtigt. Explizite Gewalt umfasst bei Sommers-Flanagan/Sommers- Flanagan/ Davis (1993) neben Gewalthandlungen auch die Herstellung von Dominanz gegenüber anderen durch starke Gemeinheiten (forceful means). Auch Mittel zur Herstellung von Macht und Dominanz werden als explizite Gewalt operationalisiert, weshalb eine weitere Differenzierung zwischen per- sonaler und psychischer Gewalt angezeigt scheint. Strukturelle Gewalt mani- festiert sich u. a. in sozialen Konflikten. Es erscheint unseres Erachtens er- forderlich, den Unterschied zwischen personaler und struktureller Gewalt zu 26 berücksichtigen. Denn nach Schmidbauer/Löhr (1996) sind insbesondere Dar- stellungen struktureller Gewalt typisch für die Inszenierung von Gewalt im deutschen Musikfernsehen (MTV Europe, VIVA). Fasst man die Ergebnisse der Studien zusammen, so dominieren in Video- clips Zeichenkomplexe, die auf Gewaltförmigkeiten von Ereignissen, Szenen und Handlungen oder Gewaltbereitschaft von Personen hindeuten und sich häufig im Modus der Potentialität bewegen. Typische Andeutungen bewegen sich auf der Ebene provokativer Gebärden (Schmidbauer/Löhr 1996), dem Zeigen von Gewaltsymbolen und -insignien (DuRant/Rome/Rich 1997) oder verbaler Gewalt (Jones 1996). Die an TV-Inhalten erprobten Gewaltdefinitio- nen greifen angesichts formaler und funktionaler Inszenierungsspezifika von Videoclips zu kurz. Explizite Gewaltdarstellungen, wie man sie aus einschlägi- gen, gewaltaffinen Filmgenres kennt (hard violence), kommen in Videoclips selten vor (vgl. Baxter/De Riemer/Landini et al. 1985, Kalis/Neuendorf 1989, Sommers-Flanagan/Sommers-Flanagan/Davis 1993). Gewalt wird in Video- clips stattdessen häufiger als latente bzw. angedeutete Gewalt in Szene gesetzt. Die Studie von Sommers-Flanagan/Sommers-Flanagan/ Davis (1993) zeigt, dass Gewalt in Videoclips in der überwiegenden Zahl der Fälle als implizite Aggression inszeniert wird. Während implizite Aggression in fast einem Viertel der untersuchten Videoclips enthalten ist, enthalten nur etwa 6 Prozent der Videoclips explizite Gewaltdarstellungen. 5.1.2 Strukturelemente von Gewalt Die Forschungsperspektive neuerer Studien liegt weniger auf der Auszählung gewaltförmiger Inhalte sondern auf der Betrachtung der Strukturelemente von Gewalt (vgl. Gewalt im Film; Kunczik 1996). Dadurch kommt das Verhältnis von Täter, Opfer, Handlung/Ereignis und Folgen zur Sprache. Aus inhaltlicher Sicht fließt der Konnex zwischen Gewalt und Sex sowie zwischen Gewalt und Gender-/Race-Stereotypen in die Untersuchungskonzeptionen ein. DuRant / Rome/Rich (1997) und Jones (1996) kommen zu dem Ergebnis, dass Gewalt in Videoclips eher selten mit sexuellen Konnotationen verbunden ist. Die AutorInnen widerlegen damit die gängige Vermutung des Zusammenhangs von Sex- und Gewaltdarstellungen. Sommers-Flanagan/Sommers-Flanagan/Davis (1993) hingegen kommen zu dem Ergebnis, dass Frauen häufiger Objekte von sexuellem Verhalten sind, welches mit impliziter Aggression verbunden ist. Als problematisch wird auch der Zusammenhang zwischen Gewalt und Gender- bzw. Race-Stereotypen eingestuft: Schwarze Aggressoren sind in Videoclips überrepräsentiert; Opfer von Gewalt sind in der Regel weiße Frauen. Weiße Aggressoren werden häufig als positive Vorbilder (role models) dargestellt (Rich/Woods/Goodman et al. 1998). Damit wird der Fokus auf die narrative Kontextualisierung von Gewalt gelenkt. Die Betrachtungsweise wird durch die 27 Berücksichtigung weiterer Strukturelemente narrativer Kontexte in Videoclips zunehmend differenzierter. Aggressor und Opfer werden hinsichtlich Geschlecht, Ethnie und Starinszenierung bzw. Rollenmodell bestimmt (Rich/Woods/Good- man et al. 1998). Kritik wird nicht mehr an der Häufigkeit von Gewalthand- lungen geübt, sondern auch an der narrativen Präsentationsform von Gewalt. Rich/Woods/Goodman et al. (1998) stellen fest, dass in US-Videoclips die Folgen gewaltförmigen Handelns – Leiden bzw. Schädigung der Opfer, Konse- quenzen für Aggressor – typischerweise ausgeblendet werden und sehen dies als Manifestation US-amerikanischer kultureller Strukturmuster (DuRant/Rome/ Rich 1997 und Rich/Woods/Goodman 1998). Somit folgen Gewaltdarstellun- gen von US-Videoclips in der Regel dem Muster „sauberer Gewalt“. Zudem weisen die AutorInnen auf die Funktion von Videoclips als Medium der Star- inszenierung und Werbung hin, im Rahmen dessen die gezeigten KünstlerInnen als Vorbilder fungieren. Damit findet ein Perspektivenwechsel von der Darstel- lungsebene auf die Ebene kultureller Sinn- und Wissensformationen statt. Dieser Ansatz ist außerdem auf die Frage von szene- bzw. genrespezifischen Symbolen der Gewaltinszenierungen in Videoclips (vgl. Jones 1996) und deren Bedeutung im Rahmen der Konstitution von Starimage und -habitus auszu- weiten (szenetypische Gewaltdarstellungen). 5.1.3 Differenzierung nach TV-Sender und musikalischen Genres In neueren quantitativen Inhaltsanalysen kommt – in Abgrenzung zu Studien der Pionierphase des Musikfernsehens – der Zusammenhang zwischen Gewalt- darstellung und TV-Sender bzw. musikalischen Genres zum Tragen (DuRant/ Rome/Rich 1997, Jones 1996, Rich/Woods/Goodman et al. 1998). Gewalt- darstellungen werden primär im jugendorientierten Programm von MTV (USA) und in den jugendkulturellen Genres Gangsta-Rap und Rock verortet. Bedeu- tung und Funktion von Gewaltinszenierungen im Kontext der erwähnten Jugend- kulturen wird jedoch nicht nachgegangen. Allerdings werden auch innerhalb jugendkultureller Szenen Differenzen aufgezeigt: Jones (1996) untersucht den Zusammenhang zwischen Gewaltdarstellungen und musikalischen Genres (Gangsta-Rap, HipHop) und kommt dabei zu dem Fazit, dass Gewalt eher im Genre des Gangsta-Rap vertreten ist, die Darstellung von Sex hingegen häufig in Videoclips des Musikstils HipHop. Zugleich hat eine Verschiebung der Gewaltinszenierung von der visuellen zur verbalen Ebene des Videoclips statt- gefunden: Verbale Gewaltandeutungen der Songtexte äußern sich in guntalk, drugtalk, bleeping of profanity, the presence of alcohol und gambling (Jones 1996). Die Ergebnisse bestätigen die Annahme von Genretheorien, dass Korre- lationen zwischen Musikstilen und visuellen Standards existieren und dass dieser Forschungszusammenhang weiterer Untersuchungen bedarf (Quandt 1997). 28 Insgesamt ist als Forschungstrend festzuhalten, dass die isolierte Betrach- tung von Gewalthandlungen zunehmend von einer kontextsensiblen Analyse- weise verdrängt wird. Die berücksichtigten Gewaltdimensionen lassen sich systematisieren und geben einen Überblick über die Qualität der dargestellten Gewalt und die relevanten Strukturelemente des narrativen Kontextes. Eine Differenzierung zwischen personaler und struktureller Gewalt sowie manifester und angedeuteter Gewalt findet jedoch nur in einem Teil der Arbeiten statt; auch die meisten neueren Studien (DuRant /Rome/Rich 1997, Jones 1996, Rich/Woods/Goodman 1998) benutzen erneut die undifferenzierte Definition von Gewalt Gerbners (1976). Insgesamt geraten Inhaltsanalysen an ihre Gren- zen: u. a. werden Gestaltungsprinzipien von Videoclips (videographische Prinzi- pien), das Zusammenspiel von visueller und akustischer Zeichenebene sowie die kulturelle bzw. szenespezifische Fundierung der Gewaltinszenierung aus- geblendet. Dadurch bleiben Konfliktsituationen bzw. Kontexte grundsätzlich außen vor. Zur Analyse und Interpretation von Gewaltdarstellungen liegen jedoch einige produktanalytische Arbeiten vor, die auf semiotische, hermeneu- tische und poststrukturalistische Ansätze aufbauen. 5.2 Produktanalysen Ob ein Videoclip zur Gewaltverherrlichung beiträgt, lässt sich durch die iso- lierte Betrachtung und Interpretation einzelner Bildelemente nicht bestimmen (Maas 1998). Damit steht die grundsätzliche Konzeption von Inhaltsanalysen in der Kritik. Ein enumeratives Erfassen von Gewaltakten lässt die Differenzen der jeweiligen Konfliktsituation unberücksichtigt (Kunczik 1996). Ähnlich wie hermeneutische und semiotische Verfahren der Bild- bzw. Filmanalyse berück- sichtigen qualitative Videoclipanalysen formale und inhaltliche Rahmungen bei der Interpretation von Gewaltdarstellungen. Als vereinzelte Bildelemente bedeuten gewaltförmige Darstellungen zunächst wenig, sie werden erst im Bezug auf die Bedeutung des Clips verständlich, die sich aus dem clipimma- nenten Zusammenspiel von visueller, musikalischer und verbaler Ebene ergibt und Bezug nimmt auf kulturelle Wissensformationen bzw. Rahmungen wie Starimage, Alltagserfahrung der RezipientInnen und Spezifika musikalischer Genres. Verständnis ist nicht nur aus der Entwicklung innerhalb des Videoclips gewährleistet, sondern ergibt sich aus den Verweisen auf verschiedene Elemente des kulturellen- oder szenetypischen Zeichenfundus (Sierek 1994). Zahlreiche qualitative Analysen verdeutlichen anhand von Fallbeispielen typische kulturelle Rahmungsmuster gewaltförmiger Darstellungen in Videoclips: Bachmair (1996), Batschari (1997), Bloss (2001), Bühler (2002), Holtschoppen (2004), Kopp (2002), Mertin (2004), Richard (2004), Röll (2001), Schmidbauer/Löhr (1996), Schmidt, E. (1999). Die besprochenen Videoclips zeichnen sich dadurch aus, dass Gewalt nicht als dekontextualisiertes Symbol präsentiert wird, sondern 29 eingebettet ist in die Kontinuität eines gewaltaffinen narrativen Kontextes bzw. Setting. Die Arbeiten orientieren sich an der Symbol- und Bedeutungssprache der visuellen Zeichenebene. Dabei bleiben die akustische Ebene der Videoclips und das Zusammenspiel formaler und semantischer Dimensionen von Bild und Ton (Altrogge 1994) weitestgehend unberücksichtigt. Verglichen mit Analysen zur Frage der Geschlechterrepräsentation in Video- clips (siehe u. a. Kaplan 1987, Lewis 1993) erscheint die Analyse von Gewalt- darstellungen bislang als Leerstelle; insbesondere systematische Darstellungen (siehe Bechdolf 1999a) sind unseres Erachtens nicht vorhanden. Im Folgenden soll daher aufgezeigt werden, welche Erkenntnisse sich über typische und spezifische Inszenierungsformen von Gewalt in Videoclips aus der Summe der exemplarischen Produktanalysen ziehen lassen. 5.2.1 Mediale Präsentationsform von Gewaltdarstellungen 5.2.1.1 Ordnung der Bilder Gewaltdarstellungen sind eingebunden in einen semantischen Horizont, der sich aus der Organisation der visuellen Zeichenebene und deren denotativen und konnotativen Bedeutungszuweisungen ergibt. Die visuelle Binnenstruktur der Bilder schwankt bei Videoclips typischerweise zwischen Bedeutungskohärenz und Strukturlosigkeit (Neumann-Braun/Barth/Schmidt 1997). Auf diese Weise kann die Anordnung der einzelnen Bildfragmente zu einer kohärenten Gesamt- aussage verbunden sein oder assoziativen Kohärenzprinzipien folgen. Erste Videoclip-Typologien finden sich bei Altrogge (1994), Goodwin (1993a), Kaplan (1987), Menge (1990) und Schwichtenberg (1992). Bis heute relevant und für die weiteren Analysen von Belang ist die analytische Trennung zwi- schen Konzept-, Semi-Narrations-, Narrations- und Performance-Clips bzw. -elementen in Musikvideos. Bei der Bewertung von Gewalt ist nach der spe- zifischen visuellen Binnenstruktur eines Videoclips und der Funktion der Gewaltdarstellung zu fragen. So zeigen Mertin (2004) und Richard (2004) am Beispiel des Videoclips Die another Day von Madonna die Aufteilung des Videoclips in jeweils eine reale und eine symbolische visuelle Zeichenebene. Häufig lassen sich in Videoclips distinkte visuelle Zeichenebenen wie Narra- tion und Performance unterscheiden (vgl. Bühler 2002). Gewalt kann daher durch einen narrativen Kontext und das Thema des Clips gerahmt sein oder als dekontextualisierte Darstellung erfolgen (Schmidbauer/Löhr 1996). Erst durch diese Rahmung werden Gewaltdarstellungen in einen Bedeutungs- bzw. Sinnzusammenhang gerückt. Dekontextualisierte Darstellungen hingegen setzen Gewalt eher situativ oder illustrativ ein (vgl. Altrogge/Amman 1991, Bechdolf 1999a). Durch die Vermittlung von Motiven oder Absichten lässt sich erahnen, ob die gewaltförmige Handlung instrumentellen (z. B. Schädigungsabsicht; 30 Konfliktlösung) oder expressiven Charakter hat. Dekontextualisiertes gewalt- förmiges Handeln hingegen bleibt in seinen psychischen und sozialen Implika- tionen unaufgeklärt (Schmidbauer/Löhr 1996); es fehlt der ideologische Hintergrund, der Gewaltanwendung verortbar und damit verstehbar macht. Solche Kurzpräsentation von Gewalt erscheint oft als spielerisches, künstliches Moment, welches in der Flut der Bilder verschwindet („kurz aufblitzendes Ornament“, ebd.). Vor allem in konzept- und semi-narrativen Videos werden Bildfragmente in assoziativer Weise verknüpft und aufeinander bezogen. Ihre semantische Struktur erscheint lose, inkohärent und bisweilen beliebig. In dem Videoclip Black or White ist der eruptive Gewaltausbruch Michael Jacksons zu sehen, bei dem der Protagonist Auto- und Fensterscheiben sowie Reklame- schilder zerstört. Die Darstellung unmotivierter, expressiver Gewalt führte zu moralisierender Kritik und die Gewalt-Sequenz wurde von der Plattenfirma Jacksons herausgenommen. In einer überarbeiteten Version des Musikvideos wurden Hauswände und Autos mit rassistischen Graffitis überzogen, um die präsentierte Gewalt „sinnvoll“ nachvollziehbar zu machen (Wenzel 1999). Zur Bewertung von Wahrnehmung und Wirkung dekontextualisierter Gewaltdarstel- lungen bedarf es nach Meinung von Schmidbauer/Löhr (1996) unbedingt der Analyse des Zusammenspiels von visueller und akustischer Dynamik. Denn bei visueller und akustischer Dynamisierung kann selbst das kurzzeitige Aufblenden von Gewalt ein Musikvideo in ein aggressions- und gewaltgefärbtes Programm verwandeln. Zu diesem Forschungszusammenhang existieren jedoch bislang keine aussagekräftigen und verlässlichen Studien (Schmidbauer/Löhr 1996). Der Mangel an narrativer Kontinuität isolierter Bildzeichen kann nach Sierek (1994) auch durch verdichtete visuelle Zeichen (Codes), die als Signifikate eines szene- typischen Bedeutungsfundus fungieren, überwunden werden. Die Bedeutung von Gewaltdarstellungen hängt demnach sowohl von der narrativen Kontextua- lisierung und dem Grad der Bedeutungshaftigkeit visueller Zeichen ab. 5.2.1.2 Filmische Darstellungsprinzipien Die Intensität von Gewaltdarstellungen ist abhängig vom dynamischen Zusam- menspiel formaler und inhaltlicher Dimensionen des Videoclips. Exemplarische Analysen gewaltförmiger Videoclips von Bühler (2002), Holtschoppen (2004), Röll (2001) und Schmidt, E. (1999) verweisen auf den Beitrag formaler film- stilistischer Mittel für Bedeutung und Wahrnehmung von Gewaltdarstellun- gen. Bei der Analyse sind u. a. Perspektive, Bildausschnitt, Bildgröße, Schnitt- tempo, Montage und Kameraführung zu berücksichtigen. Formale Mittel können zur Identifikation oder Distanzierung mit dargestellten Handlungen oder Pro- tagonistInnen beitragen. Röll (2001) bezeichnet die Kameraführung in Smack my bitch up (The Prodigy) als „gewalttätigstes Element“ des Videoclips. Schmidt, E. (1999) und Röll (2001) zeigen auf, dass durch den Einsatz der subjektiven Kamera dem Beobachter ein eigener Beobachtungspunkt verwehrt 31 bleibt. Die Kamera bewirkt einen immersiven Effekt, das distanzlose Ein- tauchen in die Bilderflut führt zur sinnlichen Überwältigung und emotionalen Einbeziehung. In ähnlicher Weise beschreibt Bühler (2002) den Effekt, den die formale Qualität der Bilder auf die Wahrnehmung von RezipientInnen haben kann. Gelb-grün getönten Bildern und einer dynamischen Handkamera haftet ein größeres Maß an Glaubwürdigkeit und Authentizität an. Der/die RezipientIn kann sich der Identifikation mit dem Protagonisten kaum entziehen. Bühler verdeutlicht – am Beispiel des Videoclips Anna der Gruppe Freundeskreis – wie der Eindruck von Unmittelbarkeit und Glaubwürdigkeit durch Setting und Handlung unterstützt wird. Es kommt zur Suggestion der Realitätsabbildung. Für Holtschoppen (2004) ist die Wahl von Bildausschnitt und Perspektive eine politische bzw. ideologische Wahl, durch die Sympathie mit Identifikations- figuren erzeugt und Gegenspieler als „böse“ gekennzeichnet werden. Die auf- gezeigten filmstilistischen Inszenierungsspezifika lassen u. a. den Videoclip Smack My Bitch Up als kohärente Einheit erscheinen und basieren gerade nicht auf assoziativen Kohärenzprinzipien oder Polysemie. Dadurch wird deut- lich, dass die Analyse von Gewalt im Videoclip nicht nur auf die Interpretation symbolischer Zeichenebenen reduziert werden kann, sondern auch die Bedeu- tungssprache der formal features berücksichtigen muss, bei der die gewalt- ähnliche Dimension der Kamerahandlung im Vordergrund steht (vgl. Röll 2001, Schmidt, E. 1999). 5.2.2 Bedeutung und Funktion von Gewaltdarstellungen Die Bedeutung von Gewaltdarstellungen erschließt sich erst vor dem Hinter- grund gesellschaftlich-kultureller Kontexte und Rahmungen. Verstehen von Videoclips setzt Deutungswissen der verschiedenen Ebenen des kulturellen- oder szenetypischen Zeichenfundus voraus. Clips sind immer auf InterpretInnen und ihre (potentiellen) Publika zugeschnitten und stehen im Dienst einer per- formativen Inszenierung des KünstlerInnen-Images. Bei der Frage der Rahmung deuten die Arbeiten von Schmidbauer/Löhr (1996) und Rich/Woods/Goodman et al. (1998) darauf hin, dass Formen der Gewaldarstellungen in Videoclips zum einen auf kulturelle Tiefendimensionen und zum anderen auf szenespezi- fische Semantiken verweisen. 5.2.2.1 Kulturtypische Darstellungsmuster Auf der Symbolebene von Videoclips werden Bezüge zu kulturellen Tiefen- dimensionen bzw. kulturellen Mentalitäten von Gesellschaften hergestellt. Schmidbauer/Löhr (1996) und Rich/Woods/Goodman et al. (1998) verweisen auf unterschiedliche Darstellungsstereotype von Gewalt in Videoclips in Japan, den USA und Europa. So unterscheiden sich die in deutschen Videoclips domi- nierenden Gewaltdarstellungen systematisch von den Gewaltpräsentationen in 32 US-Videoclips. Während im US-Programm sog. hand-to-hand combats das überwiegende Gewaltmuster darstellen, sind es im deutschen Musikfernsehen eher Formen (gesellschafts-)struktureller Gewalt, die sich in der Bedrohlich- keit von Städten, der Gleichgültigkeit der Technik, der Menschenfeindlichkeit militärischer Apparaturen, der Düsternis von Katastrophen und blindwütiger Zerstörung artikuliert (Schmidbauer/Löhr 1996). Der Akzent liegt deutlich auf dem politischen und sozialen Stellenwert von Gewalt (= strukturelle Gewalt), wohingegen in den USA Formen personaler Gewalt dominieren. Die Folgen von Gewalt für die Opfer werden im US-Musikfernsehen systematisch aus- geblendet (Rich/ Woods/Goodman et al. 1998). Nach Meinung von Rich/ Woods/Goodman et al. (1998) dominiert in US-amerikanischen Mediendarstel- lungen (in Differenz zu Japan) das Muster des aggressiven Helden, dessen gewalttätiges Handeln Vorbildfunktion hat. 5.2.2.2 Szenetypische Darstellungsmuster Verschiedene Studien deuten darauf hin, dass Gewalt hinsichtlich ihrer Bedeu- tung und Funktion in spezifischen Jugendszenen und Musikstilen getrennt zu untersuchen ist (Altrogge/Amann 1991 Jones 1996, Schmidbauer/Löhr 1996). Wahrnehmung und Nutzung von Videoclips hängt davon ab, wie mit Musik umgegangen wird und im Rahmen welcher musikalischen Jugendkultur dies geschieht (Müller/Behne 1996). Auch Quandt (1997) sieht weiteren Bedarf an empirischen Untersuchungen, die im Sinne einer Genretheorie der Frage der Korrelation von Musikstilen und visuellen Standards nachgehen. Vieles spricht dafür, dass Musikstile spezifische Formen konventionalisierter Gewaltdarstel- lungen (Ikonographien) entwickelt haben, die auf szenespezifische Images und Habitusformationen verweisen. So haben sich laut Schmidbauer/Löhr (1996) unterschiedliche Präsentationsformen von Gewaltinszenierungen im Rahmen der Symbolpolitik klassischer Heavy-Metal-Gruppen und Speed-, Trash- und Death-Metal-Bands etabliert: Bei Ersteren wird Gewalt als kurz aufblitzendes Ornament in Szene gesetzt; Letztere verbinden Gewaltinszenierungen mit un- konventionellen filmischen Stilmitteln und einem radikalisierten gesellschafts- kritischen Gestus. Die unterschiedlich inszenierten Gewaltsymboliken markie- ren die Trennung zwischen Affirmation und Gesellschaftskritik (Schmidbauer/ Löhr 1996). Das Genre Rap resp. Gangsta-Rap verbindet häufig inhaltliche Stereotype, die auf Gangsterism (Überfälle, Schießereien, Schlägereien u. a.) und auf die Schattenseiten bzw. Folgen des Gangstertums (Tod, Beerdigung, Gefängnis, verwaiste Kinder, verwitwete Frauen) verweisen (Richard 2003). Auch im Videoclip Smack My Bitch Up von The Prodigy werden die gezeigten Gewaltdarstellungen zu einem szenestilistischen Gesamtbild verdichtet, wie sich ein Ausgeh-Abend im anvisierten Milieu gestaltet. Die dargestellten Gewalt- tätigkeiten haben gemeinsam, dass sie auf einer ersten Ebene eine Form eindimensionaler, instrumenteller Gewalt im Dienste der Triebabfuhr symbo- 33 lisieren. Die Gewalt ist rauschhaft, impulsiv, spontan, Situations-bezogen, will- kürlich, beliebig und weist selbstzerstörerische und autoaggressive Züge auf. Auf der Ebene der Gesamtaussage des Clips kommt der eindimensionalen Form instrumenteller Gewalt vornehmlich expressive Funktion zu. Dies gilt zunächst wiederum für die Konstruktion eines der Techno-/ Party-Szene angemessenen (sub-)kulturellen Codes: Die dargestellten Handlungen tragen einen archaischen und rohen Charakter und zelebrieren mangelnde Selbst- beherrschung und Selbstkontrolle. Es geht nicht um Gewalttätigkeiten als ein Mittel zur Konfliktlösung, sondern um die Erschaffung eines Handlungsraums respektive um die Visualisierung einer szenetypischen Haltung. Ein anderer szenetypischer Umgang mit Gewalt deutet sich in dem Videoclip Bitter Sweet Symphony von The Verve an. Der Sänger der Band wird als mürrisch-narzisti- scher Einzelgänger und Außenseiter porträtiert und spiegelt prototypisch den Habitus der Brit-Pop-Szene wieder. Dargestellt werden nebensächliche körper- liche Übergriffe und latent aggressive Verhaltensweisen, die der szenetypischen Außenseiter-Stilisierung untergeordnet sind. Die Zeichensprache des Videoclips vermittelt in Kohärenz zur Stimmung von Songtext und Musik eine Haltung, die Melancholie, latente Verärgerung und Wut ausdrückt. Gewaltdarstellungen in Videoclips, so die These, dienen als Instrument der Herstellung einer der Musik respektive einer dem anvisierten Künstlerimage zuträglichen Stimmung und damit auch zur Schaffung von Identifikationspotential für eine spezifische Zielgruppe. Vor dem Hintergrund subkultureller Stile werden personale Stereo- type und Handlungen inszeniert, die kategorientypische Handlungen, Verhaltens- weisen und Lebensstile nahe legen. Bei vielen Gewaltinszenierungen in Videoclips fließen Starinszenierung, als eines der zentralen rahmenden Elemente von Videoclips (Neumann-Braun/ Barth/Schmidt 1997), und szenetypischer Habitus ineinander. Vieles spricht dafür, dass sich für bestimmte musikalische Genres spezifische Gewaltdarstel- lungskonventionen etabliert haben, die auf szenespezifische Images und Habitus- formationen verweisen. Sie korrespondieren zunächst häufig mit traditionellen Rock-Klischees wie Körperinszenierung im Tanz und in der Bühnenperfor- mance. Standards der Körperbewegung wie Pogo-Tanzen (im Punk), Head- banging (im Metal), Stage-Diving (v. a. im Hardcore) oder die Zerstörung von Gegenständen und die Inszenierung abstoßender, latent-aggressiver Szenen (wie etwa bei den Bühnenshows von Rammstein oder Bloodhound Gang) bringen Ausgelassenheit, Impulsivität, Rücksichtslosigkeit, Durchsetzungsfähig- keit, Widerstand, Waghalsigkeit und Wehrhaftigkeit zum Ausdruck. Aggressive Gesten, Posen und Inszenierungsstandards des Körpers fungieren als Kontextua- lisierungshinweise. In der Kommunikation von Star und Publikum kommt ihnen damit sozialsymbolisch-emblematisches Potential im Rahmen eines sub- kulturellen Kosmos zu. Vermutlich lässt sich innerhalb spezifischer musik- stilistischer Szenen (insbesondere in subkultur-affinen Musikstilen wie Rap, 34 Metal, Gothic, Punk oder Grunge/Cross-Over) die Andeutung von Gewalt- bereitschaft als eingebunden in eine konsistente Konstruktion von Stimmun- gen begreifen, innerhalb derer einzelne gewaltaffine Darstellungen, Musikstil, Imagepräsentation, Subkultur und Zielpublikum sowie anvisierte Habitusforma- tionen ineinander greifen. Verwiesen sei hier auf den durch Dick Hebdige (1979) geprägten Begriff der Homologie als ein konsistentes Zeichensystem.m 5.2.2.3 Metaphorische und kritische Verwendung von Gewalt Der Übergang von einer „realen“ Gewaltdarstellung zu einer metaphorischen bzw. allegorischen Verwendung von Gewalt erweist sich als fließend. Bühler (2002) interpretiert den im Videoclip California (2Pac/ Dr. Dre) gezeigten fiktionalen Krieg zweier Clans als metaphorische Verarbeitung sozialer Kon- flikte der US-Rap-Szene, in der blutige Auseinandersetzungen von Jugend- banden an der Tagesordnung sind. Die dargestellte Gewalt kann als kritische Spiegelung bzw. Verweis auf gesellschaftliche Lebensbedingungen – den „Ghetto-Alltag“ (Batschari 1996) oder entmenschlichte Großstädte (Kopp 2002) – fungieren. Im Gegensatz zur gängigen Darstellungspraxis in Video- clips (Rich/Woods/Goodman 1998) werden in den von Batschari (1996) ana- lysierten Videoclips die Folgen von Gewalt – die hier als Trauer, Verzweiflung und Hilflosigkeit dargestellt werden – nicht ausgeblendet, sondern dem Be- trachter vor Augen geführt. Die Gewaltdarstellungen in Videoclips sind häufig Indikator veralltäglichter Gewalt: Maas (1998) bewertet die in Rap-Videoclips dargestellte Gewalt als Spiegelung der Alltagserfahrungen von ProduzentInnen und RezipientInnen der Jugendszene. Die dargestellte Gewalt im Videoclip Come To Daddy (Aphex Twin) wiederum symbolisiert den Konnex zwischen Gewalt und technischen Bildmedien und zeigt die negativen Folgen der Aus- breitung der Technologie für die soziale Lebenswelt (Kopp 2002). Videoclips können in dieser Hinsicht als kritische Reflexion struktureller Gewalt, sozialer Ungerechtigkeiten und von Konflikten fungieren. Dabei spielt auch die Reprä- sentation des Geschlechterverhältnisses eine zentrale Rolle. Mertin (2004) und Richard (2004) besprechen den Videoclip Die another Day von Madonna und stellen dabei die Frage der Gewaltverherrlichung zur Diskussion. Die Kampf- szenen in Madonnas Die Another Day stellen eine zweite, metaphorische Bild- ebene dar, welche die innere Zerrissenheit der Protagonistin symbolisiert (Mertin 2004, Richard 2004). Für Richard sind die in dem Clip gezeigten Gewalt- darstellungen eine Kritik an männlichen Gewaltklischees durch Inversion der Geschlechterverhältnisse. Auch Mertin bewertet den Clip nicht als gewalt- verherrlichend, sondern als Beispiel einer Radikalisierung und Individualisie- rung von Gewaltpotentialen. Dass die Grenze zwischen legitimierter Gewalt und Gewaltverherrlichung mitunter schwer zu ziehen ist, zeigen außerdem die Analysen von Schmidt, E. (1999: The Prodigy Smack My Bitch Up) und Holt- schoppen (2004: Rammstein Links 2,3,4). 35 Bei metaphorischer und kritischer Verwendung von Gewalt in Videoclips werden die Darstellungen weder affirmativ noch bloß zur reinen Stimmungs- erzeugung oder konventionellen Bebilderung subkultureller Welten verwen- det. Stattdessen dienen sie dazu, Reflexionsprozesse anzuregen, die ihrerseits wiederum als angemessene Bebilderung eines subkulturellen Stils begriffen werden können. 5.2.2.4 Tabuverletzung als symbolische Rebellion Gewalt in Videoclips wird häufig vor dem Hintergrund jugendlichen Protests als Ausdruck des Generationenkonflikts oder als Gesellschaftskritik gedeutet. Schmidbauer/Löhr (1996) gehen davon aus, dass gewaltförmige Handlungen in Videoclips häufig als Darstellung anti-autoritärer Handlungen und Zustände zu verstehen sind. Sherman/Dominick (1986) kommen zu dem Ergebnis, dass eine Vielzahl gewalthaltige Handlungen im Zusammenhang mit Sexualität und der Konfrontation zwischen den Generationen steht. Gewalt kann zum Aus- druck einer anti-affirmativen, anti-autoritären Haltung und zum gesellschafts- kritischen Gestus werden (Schmidbauer/Löhr 1996). Bühler (2002) sieht in dem symbolischen Versuch der Abgrenzung und der Rebellion gegen Konven- tionen der Erwachsenenwelt den „metakommunikativen Aspekt der Zeichen- sprache von MTV“. Die Konzeption MTVs ist auf die Vermittlung kom- merzieller Massenkultur und auf Glaubwürdigkeit angelegt, die durch die symbolische Revolution gegen bestehende gesellschaftliche Werte erzeugt wird. Dabei spielen Tabuverletzungen in Form von demonstrativer Darstellung von Gewalt eine Schlüsselrolle (Kurp 2004). Kurp hält die Inszenierung von Gewalt oder die häufig zur Schau gestellte Negierung geschlechtlicher Gleichberechti- gung für eine moderne Attitude des Protests. Gewalt kann demnach als Protest gerahmt sein und als Tabuverletzung fungieren. Als Ausdruck der Konfronta- tion zwischen den Generationen bietet dieser Zusammenhang laut Schmid- bauer/Löhr (1996) einen reichen Fundus für weitere Forschungen. 5.3 Zwischenresumee: Forschungsschwerpunkte und Forschungsdesiderata zum Thema: Clip und Gewalt Die Literatursichtung hat einen Überblick über Grenzen und die Reichweite bisheriger Forschungsarbeiten zum Thema Musikvideos und Gewalt und Ag- gression gegeben. Der vorhandene Wissensstand insbesondere mit Blick auf den Sendeplatz Deutschland ist als vergleichsweise gering einzuschätzen. Quan- titative Inhaltsanalysen deutschsprachiger Musik-TV-Programme und Clips liegen nicht vor. Im Rahmen qualitativer Produktanalysen wird die „Gewalt- frage“ selten problematisiert, Gewaltdarstellungen werden nur als Seitenaspekte thematisiert. Hier besteht ohne jeden Zweifel ein grundsätzliches Forschungs- desiderat. Die Bezugnahme auf Ergebnisse der US-amerikanischen Forschung 36 gleicht diese Leerstelle nur bedingt aus. In breiter Übereinstimmung der AutorInnen werden aufgrund von Differenzen im angebotenen TV-Programm, der zeitlich beschränkten Geltung der Ergebnisse (mangelnde Aktualität, Ver- alten) und divergierender Gewaltdefinitionen die Befunde US-amerikanischer Studien in ihrer Relevanz für die deutsche „Clip-Landschaft“ in Zweifel ge- zogen. Dieses Resumee gilt nicht nur in allgemeiner Hinsicht, vielmehr sind weitere spezifische Forschungdesiderata zu konstatieren: (1.) genrespezifische Gewaltinszenierungen, (2.) das Zusammenspiel von Gewalt, Bildstruktur und Musik sowie (3.) Gewalt im Zusammenhang von Geschlechtsidentität, Sexuali- tät und Ethnizität. Aus Sicht des Jugendschutzes steht bekanntlich in der Regel die gewalt- betonte Handlung im Sinne der Aktionsmacht (violent action) im Fokus der Beobachtung. Unter dieser Prämisse wird die Frage der Sichtbarkeit zum ent- scheidenden Kriterium bei der Analyse und Beurteilung von Gewalt in Musik- videos. Die Schlussfolgerung, eine Handlung sei aggressiv, reduziert sich bei dieser Analyse medialer Gewalt auf die Beobachtung eines bestimmten motori- schen Verhaltens und dessen sichtbare Folgen (isolierte gewaltförmige Bild- elemente). Die Literatursichtung hat jedoch gezeigt, dass Videoclips einem solchen Kriterium in der Regel nicht entsprechen. Aufgrund formatspezifischer Merkmale der Musikvideos findet Gewalt häufig als versteckte (strukturelle Gewalt) resp. im Modus der Andeutung bzw. Latenz statt. Die aus Filmen bekannte hard violence ist selten Gegenstand von Musikvideos (Einzelfälle). Auch lässt sich die gängige Vermutung eines Zusammenhangs von Sex- und Gewaltdarstellungen nicht bestätigen. Damit ist die Notwendigkeit gegeben, den Gewaltbegriff zu differenzieren (manifeste vs. latente Gewalt, instrumentelle vs. expressive Gewalt, personale, psychische vs. strukturelle Gewalt). Die Bedeutung einer Szene im Sinne eines gewaltbetonten Handlungsszenarios lässt sich nur über die Berücksichtigung des gesellschaftlich-kulturellen Handlungskontextes erschließen, weshalb kontext- sensible Untersuchungen erforderlich sind. Die besprochenen produktanalytisch- interpretativen Arbeiten weisen darauf hin, dass dabei vor allem die format- spezifischen Inszenierungsspezifika von Musikvideos zu berücksichtigen sind. Dazu zählen vor allem die formal-ästhetische Ordnung der Bilder und die kultur- bzw. szenespezifische Starinszenierung der KünstlerInnen. Auf der Grundlage des leider unvollständigen Gesamtbildes der nationalen und internationalen Videoclipforschung kann für die Sicht des Jugendmedien- schutzes festgestellt werden, dass generell gesprochen das Genre Videoclip keines ist, dass auf die Darstellung von nackter Gewalt (hard violence) setzen würde. Vielmehr wird Gewalt und Aggressivität in diesen häufiger als latente bzw. angedeutete Gewalt in Szene gesetzt. Die Darstellungen bewegen sich in der Regel im Modus der Potentialität, d. h. z. B. in Gestalt von Posen und expressiven Selbstinszenierungen. Hier ist weniger der Medienjugendschutz 37 aufgerufen zu handeln als vielmehr die Medienpädagogik, der es bekanntlich um die Förderung der Medienkompetenz geht. Wenn Gewalt nicht mehr auf den ersten Blick unmittelbar als solche wahrnehmbar ist, wenn sie gar als „saubere Gewalt“ erscheint oder aber im Rahmen von aggressiver Komik und Kritik Grenzen des vertretbaren Miteinanders überschritten werden, dann ist es Aufgabe der Pädagogik, die Wahrnehmungs-, Reflexions- und Verarbeitungs- kompetenzen der jugendlichen ZuschauerInnen zu bilden. 6 Darstellung von Sexualität, Gender und Race in Musikvideos 6.1 Inhaltsanalysen und Stereotypenforschung Inhaltsanalysen von Musikvideos aus den 1980er und frühen 1990er Jahren zeigen übereinstimmend, dass vergleichsweise häufig traditionelle Geschlechter- rollenstereotype und Sexismus dargestellt werden (Neumann-Braun/Barth/ Schmidt 1997). Sexistische Darstellungen von Frauen zeigen diese in passiver, unterwürfiger Haltung. Frauen werden verdinglicht dargestellt und dienen ledig- lich als dekorative Objekte (Bechdolf 1999a). Im Vergleich zu „sexualisierten Darstellungen“ beziehen „sexistische Darstellungen“ sich auf Fragen der Macht, Hierarchie und Verdinglichung. Hervorzuheben sind die Studien von Baxter/ De Riemer/Landini et al. (1985), Brown/Campbell (1986), Seidman (1992), Sherman/ Dominick (1986), Vincent / Davies/Boruszkowski (1987), Vincent (1989). Einen Überblick geben Bechdolf (1994, 1999a), Bernold (1992), Gow (1990), Schmidbauer/Löhr (1996) und Quandt (1997). In den Studien werden zwei unterschiedliche, oft jedoch miteinander verbundene Fragestellungen, verfolgt: (1.) Sexualität /Sexismus und (2.) Geschlechterstereotype. Zu den am häufigsten zitierten inhaltsanalytischen Arbeiten der Musikvideoforschung zählt die Studie von Sherman/ Dominick (1986) (Quandt 1997). Das Verständnis von Sexualität wird in der Studie sehr weit gefasst, so dass mehr als 75 Prozent der untersuchten Videoclips Darstellungen sexueller Intimität enthalten. Aller- dings kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass die Präsentation von Sexua- lität mehr implizit (implied) als offen (overt) sei. Flirt und nicht-intime Berüh- rungen würden mehr als 50 Prozent der sexuellen Darstellungen umfassen. Trotz allem bilanzieren Sherman und Dominick (1986, S. 92) kritisch: „Music videos are violent, male-oriented, and loden with sexual content“. Zu bedenken ist außerdem, dass sich die Studie ausschließlich mit Konzept-Videoclips be- schäftigt (Quandt 1997, Kloppenburg 2000). In einem zweiten Themenkomplex geht es bei Inhaltsanalysen (1.) um die zahlenmäßige Zusammensetzung von Männern und Frauen in Videoclips und (2.) um Geschlechterstereotype. Der Frage der ungleichen Verteilung der Ge- 38 schlechter gehen u. a. Sherman/ Dominick (1986), Brown/Campbell (1986) und Caplan (1985) nach (Bechdolf 1999a, Quandt 1997). In den Untersuchun- gen wird laut Schmidbauer/Löhr (1996) davon ausgegangen, dass sich eine Tendenz zum Sexismus bereits an der Geschlechtszugehörigkeit des Personals ablesen lässt. Brown/Campell (1986), Vincent (1989), Vincent /Davis/Borus- zkowski (1987) und Seidman (1992) beschäftigen sich mit Geschlechterstereo- typen in Videoclips. Die Ergebnisse der Studien, die von Bechdolf (1999a), Quandt (1997) und Schmidbauer/Löhr (1996) zusammengefasst werden, zeich- net ein hohes Maß an Übereinstimmung aus. Dabei lässt sich ein „video- typisches Frauenbild“ (Schmidbauer/Löhr 1996) feststellen, das Ausdruck der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ist. Seidmann (1992) kommt zu dem Ergebnis, dass Frauen in Videoclips in der Regel als sexuell provozierend, gefühlsbetont, abhängig, mitleidvoll, opferbereit und unterwürfig dargestellt werden. Männer zeichnen sich als abenteuerlustig, technikbesessen, aggressiv und gewalttätig aus. Die Ergebnisse sieht Seidman (1999) durch eine Nach- folgestudie (aus dem Jahr 1993) bestätigt: Zwar hat die Darstellung weiblicher Abhängigkeit und Ängstlichkeit (vgl. McRobbie 1994) abgenommen. Jedoch besteht ein ununterbrochener Trend, Frauen als „Sexobjekte“ zu porträtieren. Vincent (1989) bewertet 75 Prozent der Videoclips als sexistisch, 17 Prozent als gleichberechtigt und 14 Prozent als ambivalent. Quandt (1997) sieht bei der Frage der Geschlechterrepräsentation Bedarf an aktuellen europäischen oder deutschen Studien. Bechdolf (1999a) wiederum stellt den Tenor der Studien in Frage, dass Videoclips stark stereotypisierte Bilder präsentieren, die auf traditionelle Rollenmuster verweisen. Denn nach Bechdolf differenzieren die wenigsten Studien nach Formen, Gattungen und musikalischen Genres der Musikvideos. So bieten verschiedene Musikstile und Videoclip-Gattungen unterschiedliche, zum Teil widersprüchliche Bilder. Vor allem Spezifität und Zusammenspiel von Bildstruktur, Musik und Narration bleiben bei Inhalts- analysen unberücksichtigt. (Zur Kritik an Konzeption und Ergebnissen von Inhaltsanalysen sei an dieser Stelle auf die Kritik im Kontext Gewalt ver- wiesen.) 6.2 Produktanalysen 6.2.1 Forschungsschwerpunkte und theoretische Prämissen Geschlechtsspezifische Darstellungsweisen in Videoclips werden im Kontext der feministischen Medien- und Geschlechterforschung und den – vor allem im anglo-amerikanischen Sprachraum angesiedelten – Gender Studies diskutiert. Einen guten Überblick über Schwerpunkte und Entwicklungen innerhalb der feministischen Medien- und Geschlechterforschung und der Gender Studies bieten Bechdolf (1996, 1997a, 1999), Funk-Hennigs (2003) und McRobbie 39 (1994). Die feministische Medien- und Geschlechterforschung konzentriert sich seit den 1970er Jahren auf inhaltsanalytische Stereotypenforschung und auf Repräsentations- bzw. Ideologiekritik, bei der die Entlarvung sexistischer Repräsentationsmuster im Vordergrund steht. Die Analysen finden vor der Fragestellung statt, wie Frauen aus der Realität ausgeklammert werden und welche geschlechtsspezifischen Stereotypisierungen durch mediale „Frauen- bilder“ stattfinden (Funk-Hennigs 2003, Bechdolf 1996). Die theoretischen Prämissen der Cultural Studies, des Poststrukturalismus und der Gender Studies führen zu einem Paradigmenwechsel innerhalb der feministischen Forschung. Frühe feministische Studien werden als reine Frauenforschung (Woman Studies) bewertet, die eine Marginalisierung weiblicher Erfahrungen und Lebenswelten bewirken. Damit wird der Status von Frauen als „das Andere“, oder gar „das problematische Geschlecht“ bestätigt. McRobbie (1994) gibt einen umfang- reichen Überblick über postmoderne feministische Theorie (Braidotti 1992, Butler 1990, Spivak 1992), deren Wert darin liegt, ein essenzialistisches Frauen- bild durch plurale Vorstellungen weiblicher Identität überwunden zu haben. Einhelliges Ziel der post-feministischen Arbeiten ist die Überwindung der dualistischen Logik, die Männer und Frauen als gegensätzlich bestimmt. In Auseinandersetzung mit Foucaults Werk „Technology of Sex“ vertritt die Film- wissenschaftlerin De Lauretis (1987) die Ansicht, dass Geschlechtsidentität in verschiedenen gesellschaftlichen Diskursen (z. B. Medien) produziert wird und dass differenzierte Formen weiblicher Subjektivität existieren. De Lauretis siedelt sexuelle Differenz auf der Seite des biologischen Determinismus und Gender auf der Seite kultureller Konstruktion an. Unter dem Einfluss von diskurstheoretischen Ansätzen und den Cultural Studies richtet sich der Analyse- fokus auf die Frage, wie Geschlechtsidentität im medialen Diskurs produziert und welche Machtverhältnisse daraus abgeleitet und legitimiert werden. Konsens der Videoclipanalysen, die sich an den Paradigmen von Feminismus und Gender Studies orientieren ist: Geschlecht wird als Grundkategorie betrachtet, die alle gesellschaftlichen Beziehungen strukturiert (Andsager/Roe 1999, Angerer/Dorer 1994, Bechdolf 1997a /1999, Funk-Hennigs 2003, Stockbridge 1990). Geschlechtsidentität ist eine Schlüsselkategorie in Videoclips; die Wahr- nehmung wird als „dichotome Optik“ (lenses of gender) charakterisiert. Medien sind diskurs-produzierende Instanzen, die im Prozess kultureller Bedeutungs- konstruktion fortwährend unterschiedliche Sichtweisen auf die Geschlechter erzeugen. Videoclips werden dahingehend analysiert, mit welchen diskursiven Strategien die Geschlechtsidentität repräsentiert und produziert wird. Innerhalb der Gender Studies lassen sich drei zentrale theoretische Positionen unter- scheiden. (1.) Poststrukturalistische, medienkritische Videoclipanalyse: Diese orientiert sich an den Grundsätzen der Psychoanalyse, der Kultur- bzw. Medienkritik 40 und der poststrukturalen Zeichentheorie. Kaplan (1987, 1988), Schulze/White/ Brown (1993) suchen nach Definitionen des Weiblichen außerhalb des männ- lichen visuellen Referenzsystems, welches sich durch die Inszenierung voyeuris- tischen Begehrens (male gaze) konstituiert. Die Arbeiten stehen in der psycho- analytischen Tradition Lacans und postmoderner Bildkritik (u. a. Baudrillard, Jameson). Hinterfragt wird die Bedeutung „hypersexueller“ Präsentationen weiblicher Identität (Baudrillard 1990, 1995), der Verlust der Referenz visueller Zeichen, sowie die Präsentation korporaler Dressur bzw. Konditionierung (Foucault). Kaplan (1988) und Hooks (1994) betrachten die visuellen Reprä- sentationsmuster in Videoclips psychoanalytisch in ihrer Eigenschaft als Stimulus eines unbefriedigt bleibenden Verlangens. Symbole werden auf ihren radical chic und auf Pornographie reduziert. (2.) Cultural Studies und Gender Studies: VertreterInnen der Cultural Studies knüpfen u. a. an die Videoclipanalysen von Lewis (1990, 1993), Fiske (1989, 2000) und Stockbridge (1990) an. Dabei spielen widerständige, eigensinnige Lesarten (De Certeau, Fiske) sowie semantische und formal-ästhetische Formen der Adressierung weiblicher Publika (Lewis, Stockbridge) eine Schlüsselrolle. Weibliche Starinszenierungen brechen häufig nuanciert mit den medial üblichen sexistischen Darstellungsweisen und bleiben oft im Bereich des Uneindeutigen und Widersprüchlichen (Fiske 2000, Blume 1993). Populäre Frauenbilder – wie Madonna oder die Spice Girls – können auf widersprüchliche Weise gelesen werden (Lemish 2003), da Videoclips häufig dominante Ideologien transpor- tieren und zugleich einen Rahmen für oppositionelle Lesarten bieten (Fiske 2000, Dibben 1999). Daher ist bei der Bedeutungsstruktur von Videoclips häufig von Mehrdeutigkeiten (Polysemie) und Ambivalenzen auszugehen. Die Bedeutung konstituiert sich im Prozess der Rezeption, bei dem RezipientInnen Bedeutungen in Abhängigkeit von Alltagserfahrungen herstellen. Einen weite- ren Schwerpunkt der Videoclipanalysen der Cultural Studies bilden die Arbei- ten von Stockbridge (1990) und Lewis (1990, 1993). Durch weibliche Adressie- rungen in Videoclips, die Lewis (1993) als female-address videos bezeichnet, werden distinkte Erfahrungen und Praktiken weiblicher Adoleszenz (Lewis 1993) und weibliches Verlangen (Stockbridge 1990) angesprochen. Die Ver- mittlung von Kultur- bzw. Bildkritik und Gender Studies wird im Kontext der Cultural Studies von McRobbie (1994) verwirklicht, an deren Prämissen wie- derum die Videoclipanalysen von Dibben (1999), Emerson (2002) und Lemish (2003) anknüpfen und die Überbetonung von Konsum, Körperlichkeit und weiblicher Individualität („superwoman“) als Kehrseite weiblicher Subjektivität in Videoclips in Frage stellen. (3.) Dekonstruktivistische Gender Studies: Innerhalb der Gender Studies ent- wickelte sich unter dem Einfluss von Judith Butlers „Gender Trouble“ (1990) 41 und postmodernen Identitätsdebatten (Jameson, Welsch, Hall) eine Schule, die von der biologischen Indifferenz der Geschlechter ausgeht und das System der Zweigeschlechtlichkeit in Frage stellt. Dazu zählen in der deutschen Musik- videoforschung u. a. Arbeiten von Bechdolf (1994, 1996, 1997a, 1997b, 1997c, 1998, 1999a, 1999b, 2000, 2002), Bergermann (2000), Funk-Hennigs (2003), Geuen/Rappe (2003). So bestimmt Bechdolf (1997a, 1999) die Differenz der Geschlechter als kulturelle Verhandlungssache, als kollektive Phantasie, die als ontologische Dualität ausgegeben wird. Weibliche Identität wird als frag- mentiert, dynamisch und diskontinuierlich betrachtet. Unter der Perspektive dekonstruktivistischer bzw. postmoderner Gender Studies geht es nicht nur um die Verschiebung von Geschlechtergrenzen bzw. Differenzierung von Weib- lichkeitsbildern, sondern um Transgression von Geschlecht und Geschlechts- identität, was als gender bending (Butler 1990, Schwichtenberg 1993) be- zeichnet wird. Prominentes Beispiel ist der Videoclip Justify Your Love von Madonna (Bechdolf 1999a, Funk-Hennigs 2003, Grigat 1995, Schwichtenberg 1993). Die Darstellung von Parodie, Travestie, Androgynie oder Homo- und Bi-Sexualität wird als Ausdruck der Dekonstruktion von Geschlechtsidentität bewertet. Dieser Ansatz ist jedoch (u. a. innerhalb des Feminismus) umstritten. Butlers These des „performativen Charakters des Geschlechts“ (doing gender) stellt für KritikerInnen eine Entweihung aller feministischen Versuche dar, sich um eine Auf- und Neubewertung des Weiblichen zu bemühen. Nach Meinung von Bloss (1998), McRobbie (1994) und Schmidbauer/Löhr (1996) führt die Darstellung sexueller Ambivalenz und Indifferenz androgyner Bühnenperfor- mances und Starinszenierungen nicht zur Nivellierung der Geschlechterdiffe- renz, sondern bestätigt diese auf hintersinnige Weise. 6.2.2 Geschlechterpräsentation Das „Bild der Frau“ im Videoclip setzt sich aus mehreren Faktoren zusammen. Im Vordergrund stehen (1.) Rollenstereotype, (2.) Geschlechterverhältnis und (3.) „visuelle Hierarchisierung“ bzw. „male gaze“ (Bechdolf 1999a). Visuelle Hierarchisierung betrifft die spezifische Repräsentation von Frauen durch Kameraeinstellung, Perspektive und „Blickkonstruktion“, was im Kontext der feministischen Filmwissenschaften (Mulvey 1975) als „male gaze“ bezeichnet wird (Bechdolf 1997b, Kaplan 1987/1988, Stockbridge 1990). Vor allem das Verhältnis zum anderen Geschlecht spielt bei Weiblichkeitsbildern eine Schlüsselrolle. Bestimmte Repräsentationsformen, wie die Imitation männ- lichen Verhaltens oder Parodie von Weiblichkeit, symbolisieren Kritik an der herrschenden Geschlechterhierarchie. Die in Videoclips dargestellten Geschlech- terpräsentationen chargieren zwischen traditionellen Geschlechterstereotypen und alternativen bzw. oppositionellen Darstellungsmustern. Einen umfang- reichen Überblick über typische traditionelle und oppositionelle Darstellungs- 42 muster der Geschlechter bieten u. a. Bechdolf (1999a) und Blume (1993). Unter den Prämissen dekonstruktivistischer Gender Studies besprechen Bech- dolf (1999a), Funk-Hennigs (2003), Geuen/Rappe (2003) und Schwichten- berg (1993) außerdem Weiblichkeits- und Männlichkeitsbilder in Videoclips, durch die biologische Geschlechterdifferenzen verwischt bzw. überwunden werden (gender bending). Damit werden unterschiedliche Forschungsperspek- tiven innerhalb der Gender Studies deutlich, aufgrund derer mögliche Über- windungen patriarchaler Repräsentationsformen kontrovers diskutiert werden. Im Folgenden werden verschiedene, in der Literatur besprochene Inszenie- rungsmuster von Weiblichkeit in Videoclips zusammengefasst. 6.2.3 Traditionelle Geschlechterdarstellungen 6.2.3.1 Inhaltliche Merkmale Einen guten Überblick über affirmative Darstellungen in Videoclips bieten Bechdolf (1999a), Blume (1993) und Lemish (2003). Das traditionelle Ge- schlechterverhältnis ist geprägt durch Differenz und Asymmetrie zwischen Mann und Frau. Die Geschlechterhierarchie konstituiert und reproduziert sich durch männliche Dominanz, Macht und Kontrolle. Affirmative Videoclips weisen zentrale Gemeinsamkeiten auf, zu denen die geschlechtsspezifische Ungleichbehandlung von SprecherInnenrollen, Handlungsspielräumen, visueller Aufmerksamkeit und musikalisch symbolisierter Wertschätzung zählt. Zu den konventionalisierten Visualisierungen weiblicher Rollen gehören Stereotype wie u. a. Frauen als inkompetentes Wesen, als Übermutter, als verfügbare Ver- führerin oder als „Accessoire“ für männlichen Lifestyle bzw. als Verkörperung männlicher Potenzwünsche (Blume 1993). Allgegenwärtig ist die Dichotomie „Heilige/Hure“, wonach Frauen entweder als melancholy victim oder iron bitch (Lemish 2003) dargestellt werden. Typische filmische Weiblichkeits- muster, die sich entlang der Dichotomie „Heilige/Hure“ bewegen, sind der Vamp, die Femme fatale, die Krankenschwester und die Nonne. Die unzähm- bare Furie und die Querulantin führen Weiblichkeitsvorstellungen ins Absurde. Hauptkennzeichen affirmativer Weiblichkeitsvorstellungen sind Exklusion oder Verfügbarkeit. Frauen werden in Videoclips männlicher Künstler entweder ausgeschlossen oder als Objekt der Verfügbarkeit präsentiert. (1.) Exklusion des Weiblichen: Die von Lewis (1990) als male-address videos bezeichneten Videoclips sprechen durch die Aktivierung des klassischen Rock- Diskurses in erster Linie ein männliches Publikum an. Die männliche Zu- schaueradressierung zeichnet sich dadurch aus, dass die Videoclips auf Fragen der Identitätsentwicklung männlicher Adoleszenz ausgerichtet sind und weib- liche Adoleszenz nur im Zusammenhang mit männlichen sexuellen Interessen 43 dargestellt wird. Dies ist vor allem in klassischen Rock- und Heavy-Metal- Videoclips der Fall (Walser 1993b, Lewis 1990, Altrogge 1996) und findet vermutlich seine Fortsetzung in aktuellen musikalischen Epigonen. Dargestellt wird ein Universum männlicher Adoleszenz („Männerwelt“), in dem Frauen nur am Rande vorkommen. Videoclips orientieren sich an der dichotomen Vorstellung von Öffentlichkeit und Privatheit (Fiske 2000) und inszenieren die Öffentlichkeit der street corner culture (Lewis 1993) als privilegierten Hand- lungsraum männlicher Protagonisten. Dargestellt werden männliche Abenteuer- lust, aggressive Konkurrenz und männerbündische Zusammenschlüsse (Bech- dolf 1999a, Blume 1993, Lewis 1990/1993, Walser 1993b). (2.) Verfügbarkeit des Weiblichen: Hintergrund ist die patriarchale Definition weiblicher Sexualität (Brown/Schulze 1990). Sexuelles Begehren wird als typisch männlich inszeniert und Liebe wird als romantische Erzählung (romance, love story) aus männlicher Perspektive geschildert (Bechdolf 1999a). Männer und Frauen sind durch Dualismen (z. B. Aktivität /Passivität; Kultur/ Natur) gekennzeichnet und können nur in der Vereinigung ein vollständiges Ganzes werden (Funk-Hennigs 2003). Dargestellt wird die weibliche Abhän- gigkeit von Männern (McRobbie 1994, Seidman 1999). Typisch ist auch die Idealisierung des Weiblichen bzw. die Romantisierung der „weiblichen Natur“ (Blume 1993). Insgesamt bewegt sich weibliches Verlangen innerhalb der Dichotomie „Heilige/Hure“ (Bechdolf 1999a, Blume 1993). Frauenkörper und Körperfragmente werden als Ornament bzw. dekoratives Accessoire in Szene gesetzt (Bechdolf 1999a, Blume 1993). In den meisten Videoclips werden die Geschlechter dadurch unterschieden, dass Frauen als erotische Objekte männ- licher Begierde („Sexobjekt“) repräsentiert werden, wodurch die Hierarchie der Geschlechter etabliert bzw. reproduziert wird. Dadurch werden männliche Omnipotenzwünsche signalisiert. Die Verfügbarkeit über Frauen dient der Ver- arbeitung männlicher Versagensängste (Blume 1993). Im Hinblick auf den Jugendschutz gilt anzumerken, dass die Darstellung der Verfügbarkeit des Weiblichen im Rahmen der Literatur als fragwürdigste Form der Frauendarstel- lung bewertet wird. Dabei lässt sich die potentielle Machtausübung durch den männlichen Blick (male gaze) von der faktischen Präsentation weiblicher Ver- fügbarkeit bzw. Eigentums unterscheiden. Wird männliche Dominanz als Ver- fügungsgewalt über Frauen in Szene gesetzt – d. h. findet eine Verbindung männlicher Dominanz (inhaltliche, narrative Clipebene) mit der Darstellung verdinglichter weiblicher Sexualität (Körperpräsentation und Formal-Ästhetik) statt – sehen die meisten Autorinnen und Autoren die Grenzen der Darstel- lungsfreiheit überschritten. Dies ist u. a. der Fall, wenn Frauen nicht nur im Aufmerksamkeitsfokus der Betrachtenden stehen, sondern sie zum beherrschten „Sexobjekt“ des männlichen „Sexsubjekts“ im Bild werden. Hierzu bedarf es jedoch weiterer Analysen. 44 6.2.3.2 Visuelle Hierarchisierung: Männliche Schaulust („male gaze“) Traditionellerweise gilt der männliche Blick als zentrale Weise, durch die Männer Macht auf Frauen ausüben (Bechdolf 1999a, Fiske 2000). Der male gaze, die männliche Schaulust, ist eines der zentralen Paradigmen feminis- tischer Filmtheorie und der Kunstgeschichte (Berger 1974, Mulvey 1975), welches u. a. von Kaplan (1987, 1988) und Stockbridge (1990) auf korporale Weiblichkeitsinszenierungen im Videoclip übertragen wird. In Videoclips kom- men Frauen als visual hooks (Goodwin 1993b) zum Einsatz; das Betrachten fetischisierter Körper evoziert die visuelle Lust des Betrachters (Bechdolf 1999a). Herausragendes Merkmal bei Frauendarstellungen ist die Inszenierung weiblicher Körpersprache und Mimik für den apostrophierten männlichen Betrachter. Hintergrund ist die eindimensionale Geschlechterrollenverteilung, nach der Männer sehen und Frauen angesehen werden. 6.2.4 Oppositionelle Geschlechterdarstellungen Die überwiegende Mehrzahl der Arbeiten aus den Gender Studies beschäftigt sich mit Frauendarstellungen in Videoclips, denen es gelingt, traditionelle, affirmative Geschlechterdarstellungen zu überwinden. Es geht um den Bruch mit traditionellen Geschlechterrollen. Zu progressiven medialen Frauenbildern zählt Blume (1998) u. a. die Erfolgsfrau (super- bzw. wonderwoman): die emanzipiert-kritische und sozial-engagierte Frau, die selbstbestimmte und extrovertierte Frau und die selbstbestimmte Verführerin. So lassen sich ver- schiedene Strategien weiblicher Opposition und Rebellion in Videoclips unter- scheiden. Übereinstimmung besteht in der Einschätzung, dass Musikvideos unterschiedliche weibliche Repräsentationsmuster und verschiedene Strategien der Adressierung weiblicher Zuschauerinnen enthalten (Bechdolf 1999a, Blume 1993/1998, Funk-Hennigs 2003, Kaplan 1988, Lewis 1993 und Reynolds/ Press 1995, Lemish 2003). Oppositionelle bzw. progressive Weiblichkeits- darstellungen lassen sich nach verschiedenen inhaltlichen, formal-ästhetischen und musikalischen Kriterien unterscheiden (Bechdolf 1999a). In der Literatur finden sich die folgenden Strategien weiblicher Adressierung in Videoclips: (1.) Imitation männlicher Geschlechtsidentität, (2.) Selbstbehauptung durch weibliche Qualitäten und (3.) ironisch-kritischer Umgang mit weiblicher oder männlicher Geschlechtsidentität (Bechdolf 1999a, Blume 1993, Curry 1999).m 6.2.4.1 Imitation männlicher Geschlechtsstereotype Die Imitation männlichen Verhaltens gilt als deutlicher Bruch mit weiblichen Rollenerwartungen. Bloss (1998) beschreibt die Übernahme männlicher Rock- symboliken wie Musikinstrumente oder Outfit bei Suzi Quatro, Patti Smith und Chrissie Hynde, die sich an der Grenze zur Androgynität bewegt. Courtney 45 Love, Sängerin der Punk-Band Hole, verdeutlicht in den Augen von Zellers (1998) prototypisch die Übernahme des Habitus männlicher Rockmusiker: „Courtney ist der einzige weibliche ‚Rockstar‘ im alten Sinn des Wortes: Sie verkörpert die Prahlerei von Mick Jagger, die schlüpfrige Herausforderung von Jim Morrison, die sexuelle Gefräßigkeit von Jimmy Page und den Scharf- sinn von John Lennon in einer Person. Mit anderen Worten das genaue Gegen- teil dessen, was eine Frau sein sollte“ (Zellers 1998, S. 129). Aggressivität, Kriminalität, Mobilität, Macht und Kontrolle sind Ausdruck männlicher Ge- schlechtsidentität und werden oft in dem Alltagsmythos „Straße“ versinnbild- licht (Shelton 1997, Richard 2003). Typische Übernahmen männlicher Rollen- stereotype in Videoclips von Girlgroups (Spice Girls, No Angels) stellen Dibben (1999) und Nolte (2004) dar. Bei der Aneignung von Männlichkeit durch Frauen geht es in der Regel um den Griff nach Macht (Bechdolf 1999a). Insbesondere von Frauen ausgeübte Aggression und Gewalt wird in der Litera- tur von Geuen/Rappe (2003), Lemish (2003), Richard (2003), Shelton (1997) und Troka (2002) als Inversion bestehender Geschlechterhierarchie interpretiert und befürwortet. Im Gegensatz dazu bewerten Dibben (1999) und Blume (1998) aggressiv gefärbte Rollenstereotype wie sexy Furie, Femme fatale oder Domi- natrix als Bestätigung patriarchaler Weiblichkeitsbilder. Im deutschsprachigen Raum wird vor allem die All-girl-band bzw. Girlgroup Tic Tac Toe (Leck mich am A, B, Zeh und Ich find Dich Scheiße) von Funk-Hennigs (2003) und Blume (1998) wegen ihrer aggressiven Auseinandersetzung mit Männern und der Inversion der Geschlechterhierarchie hervorgehoben. Die Gruppe verbindet sozialkritische Lyrik und Alltagsnähe mit männlich konnotiertem, lautem Sprechgesang. 6.2.4.2 Selbstbehauptung durch weibliche Qualitäten (1.) Protest gegen Diskriminierung: Dazu zählen zum einen Videoclips weib- licher Künstlerinnen, die Kritik an traditionellen Männer- und Frauenrollen aus weiblicher Perspektive äußern. Im Rekurs auf liberale oder radikale feministi- sche Diskurse wird in Videoclips vom Typus „give woman a voice“ Protest gegen weibliche Diskriminierung laut. Typische Videoclips sind laut Kaplan (1988) und Bechdolf (1999a) Tina Turner Typical Male, Salt’N’Pepa Start Me Up, Janet Jackson Nasty, Susan Vega Luca, Aretha Franklin/Annie Lennox Sisters Are Doin’ It for Themselves. In den 1990er Jahren rücken explizit gesellschaftskritische Protesthaltungen weiblicher Künstlerinnen an den media- len Rand und wurden eher in Videoclips der Riot-Grrrl-Bewegung (PJ Harvey, Babes in Toyland, Hole, Bikini Kill) und von kritischen weiblichen Rapperinnen (Monie Love, Queen Latifah) vertreten (Blume 1996, Bechdolf 1999a, Dibben 1999). Die Riot Grrrl Bewegung setzt auf die Vermittlung von Aggressivität und Sex und grenzt sich bewusst vom Second-Wave-Feminismus der 1970er Jahre ab, den man als zu lustfeindlich und streng empfand; sie gilt als Weg- 46 bereiter für die kommerziell erfolgreichere Alanis Morisette (Seibel/Williams 2001b, Zellers 1998). (2.) Erweiterung weiblicher Ausdrucksweisen (female adress videos): Vor allem Arbeiten aus dem Kontext der anglo-amerikanischen Cultural Studies, u. a. Dibben (1999), Emerson (2002), Fiske (2000), Lemish (2003), Lewis (1990, 1993) und Stockbridge (1987, 1990) haben sich mit weiblichen Adressierun- gen in Videoclips beschäftigt. Der Fokus der Cultural Studies lag lange Zeit auf devianten männlichen Subkulturen. Erst verspätet wurden in den 1980er und 1990er Jahren Funktion und Bedeutung der Wissensformationen, Prakti- ken und Übergangsriten weiblicher Adoleszenz analysiert (Emerson 2002, McRobbie 1994). Schwerpunkte bilden die Analyse der Konsum- und Freizeit- kultur weiblicher Jugendlicher (Fiske 2000, Lewis 1993, McRobbie 1994), weibliche Fankulturen (wannabees, look-alikes) (Lewis 1993), weibliches Ver- langen und Körpervergnügen (Blume 1998, McRobbie 1994, Stockbridge 1990) sowie Weiblichkeitsmuster in Teenagermagazinen (McRobbie 1994). Es werden Praktiken der girl culture aufgezeigt, die sich männlichen Privilegien, elter- licher Autorität und institutionellen Zwängen widersetzen (Brown/Schulze 1990, Lewis 1993). Strukturalistische und kulturkritische Prämissen werden aufgegriffen und weiterentwickelt (siehe McRobbie 1994). Bei der Produkt- analyse werden Praktiken und Rituale weiblicher Adoleszenz einbezogen, wo- durch der semiotische Ansatz um die Frage visuellen Vergnügens bei der Aneignung von Videoclips erweitert wird. Im Gegensatz zu Fiske (2000), Lewis (1993) und McRobbie (1994) setzen sich neuere Videoclipanalysen (Dibben 1999, Lemish 2003) kritisch mit der Repräsentation von Konsumkultur und Körperpolitik in den Videoclips weiblicher Stars auseinander. Lewis (1990, 1993) zeigt anhand der Videoclips erfolgreicher Künstlerinnen der 1980er Jahre (Madonna, Cindy Lauper, Pat Benatar), wie durch „visuelle Strategien“ eine direkte Adressierung adoleszenter weiblicher Publika statt- findet, die sich weniger an politischen Inhalten orientiert, sondern vielmehr die kulturellen Aktivitäten und Erfahrungen weiblicher Adoleszenz in den Vorder- grund stellt. Lewis (1993) geht davon aus, dass MTV (USA) keine homogene sexistische Adressierung konstituiert. Stattdessen wird durch weibliche Künstle- rinnen die häufig herablassend behandelte jugendliche girl culture aus einer neuen Perspektive sichtbar, wodurch eine Aufwertung distinkter weiblicher kultureller Praktiken stattfindet. McRobbie (1994) und Lemish (2003) sehen darin eine Legitimierung weiblicher Übergangsriten. Die Videoclips weiblicher Stars wie Cindy Lauper (Lewis 1993) oder der Spice Girls (Dibben 1999, Lemish 2003) repräsentieren die Erfahrungen weiblicher Adoleszenz. Neben genuin weiblichen Handlungsräumen und Aktivitäten – der girl culture, bed- room culture bzw. consumer culture – werden Handlungsräume und Symbole männlicher Jugendlicher aufgegriffen und mit weiblichen Erfahrungen und 47 Praktiken ausgefüllt. Nach Kaplan (2002) und Lewis (1993) werden durch symbolische Umdeutungsprozesse etablierte Bedeutungssysteme der Ge- schlechterrepräsentation aus den Angeln gehoben. (3.) Arbeiten aus musikwissenschaftlicher Perspektive betrachten die Rolle weiblicher Musikerinnen/Komponistinnen und die Bedeutung der musikali- schen Form hinsichtlich der Frage der Geschlechterrepräsentation. Musikali- sche Form: Wichtige Arbeiten zur Repräsentation von Geschlechtsidentität und Sexualität in Popmusik sind Walser (1993b) und McClary (1991). Vor allem McClary hebt eigenständige feminine musikalische Ausdrucksweisen in der Popmusik hervor. Den Ausschluss von Frauen in der Musikpraxis sieht Bech- dolf (1999a) darin begründet, dass Musik in der Lage ist, erotisches Begehren und sexuelle Macht auf eine nicht-rationale und damit nicht kontrollierbare Weise auszudrücken. Hawkins (1997) verbindet musikwissenschaftliche Video- clipanalyse mit den Prämissen dekonstruktivistischer Gender Studies. Nach Hawkins findet die visuell inszenierte Auflösung stabiler Geschlechtsidentität in den Videoclips Madonnas ihre Entsprechung in Stimme, Harmonie, Melodie und Rhythmus. Bechdolf (1999a) sieht in Übereinstimmung mit McClary (1991) und Walser (1994) eine Vergrößerung des Definitionsspielraums von Männlich- keit und Weiblichkeit durch innovative musikalische Struktur und Sounds. Nach Bechdolf (1999a) wird die weibliche Subjektposition dann gestärkt, wenn Frauen die Rolle von Instrumentalistinnen und Komponistinnen ein- nehmen (Tori Amos, Candy Dulfer, Sheryl Crow, Sheila E., Alanis Morisette).n 6.2.4.3 Ironisch-kritischer Umgang mit Geschlechtsidentität und Geschlechterdifferenz (1.) Parodie: Durch Parodien werden klassische Frauenrollen ironisch-kritisch in Frage gestellt. Oft ist der kritische Standpunkt jedoch nicht eindeutig fest- stellbar und die Darstellungen schwanken zwischen Parodie und Pastiche (Curry 1999). Parodie bzw. Pastiche weiblicher Rollenstereotype werden von Bechdolf (1999a), Curry (1999), Dibben (1999) und Fiske (2000) u. a. in Videoclips von Madonna und den Spice Girls erwähnt. Curry (1999) bezeichnet Madonnas Starimage als begrenzte Parodie, wodurch keine radikale Neuzu- schreibung weiblicher Identität stattfindet. (2.) Infragestellung stabiler Geschlechtsidentität (siehe Bechdolf 1999a, Funk- Hennigs 2003, Reynolds/Press 1995): Funk-Hennigs und Bechdolf benutzen, angelehnt an Butler (1990), die Bezeichnung doing gender, um die Prozess- haftigkeit weiblicher (Geschlechts-)Identität zu charakterisieren. Vor allem die Videoclips Madonnas werden als herausragende Beispiele „postmoderner Iden- titätspolitik“ hervorgehoben (Bechdolf 1999a, Geuen/Rappe 2003). Madonna inszeniert Weiblichkeit dabei als „Metamaskerade“, deren zentrale Eigenschaft Wandelbarkeit bzw. Diskontinuität darstellt (Curry 1999). 48 (3.) Travestie bzw. cross-dressing sind in der Regel parodistische Praxen männ- licher Musiker und fungieren häufig als ritualisiertes Spiel, in dem die Be- drohung der Verweiblichung heraufbeschworen und abgewehrt wird (Bechdolf 1999a, Bloss 1998). Die Strategien der Parodie, Maskerade oder Travestie stellen Geschlechtsidentität und Geschlechterrollen durch Überpointierung in Frage. Sie machen kulturelle Konstruktionsprozesse von Männlichkeit und Weiblichkeit durch die Dekonstruktion sichtbar. (4.) Inszenierung gleichgeschlechtlichen Begehrens: Die Darstellungen sind laut Bechdolf (1999a) in der Regel nur selten direkt vermittelt, sondern bewegen sich auf der Ebene der Konnotationen von gleichgeschlechtlich orientierter Sexualität (z. B. Madonna Justify My Love). (5.) Androgynie, Bi-Sexualität und utopische Indifferenzen (Bechdolf 1999a): Androgynie ist lange Zeit Privileg männlicher Bühnenperformance gewesen; seit den 1980er Jahren benutzen auch weibliche Musikerinnen androgyne Images (Bechdolf 1999a, Bloss 1998). Zur Androgynie zählen sexuelle Ambivalenz und Indifferenz (Bloss 1998). Die Strategie der Zweideutigkeit führt zu Irritation und Unsicherheit und stellt das Diktum der Heterosexualität in Frage. Bech- dolf (1999), Funk-Hennigs (2003) und Mercer (1999) begreifen Androgynie, Bi-Sexualität und utopische Differenzen als Repräsentationsmöglichkeiten, die eine Geschlechterindifferenz bzw. -neutralität im Sinne von Judith Butler (1990) aufzeigen. Dadurch findet eine Durchbrechung bzw. Verwischung der Geschlechterdifferenz (gender bending) statt. Die Inszenierung der Geschlechts- neutralität stellt aus Sicht der dekonstruktivistischen bzw. postmodernen Gender Studies die biologische Geschlechterdifferenz in Frage. Bloss (1998), Blume (1993) und Schmidbauer/Löhr (1996) hingegen bezweifeln die Möglichkeit der Verwischung der Geschlechterdifferenzen. Sie gehen stattdessen davon aus, dass das Phänomen der Androgynie konsequent auf dem Prinzip der Zwei- geschlechtlichkeit basiert, der sexuellen Differenz zwischen Mann und Frau, dessen „Natürlichkeit“ es voraussetzt. Das Paradoxe der Androgynität liegt darin, dass es nur in Bezug auf das vermeintlich Stabile abzuleiten ist. Blume (1993) zählt Androgynie zu den Extravaganzen der Superstarpräsentationen. Annie Lennox oder Grace Jones avancieren dabei nicht zu geschlechtsneutralen Künstlerinnen. 6.2.5 Überwindung männlicher Schaulust Konventionelle Darstellungen weiblicher Körperlichkeit, Gestik und Mimik porträtieren in der Regel den voyeuristischen männlichen Blick (male gaze) und werden dadurch zu Projektionsflächen männlicher Begierde. Die Über- windung männlicher Schaulust bzw. verdinglichter weiblicher Körperpräsenta- tion stellt im Gegensatz zur inhaltlichen Kritik der Geschlechterdifferenz ein 49 größeres Problem dar. Eine Überwindung voyeuristischer Darstellungsstereo- type ist vor allem dadurch erschwert, dass weibliche Künstlerinnen darauf an- gewiesen sind, für ein größeres Publikum sichtbar zu sein (Bechdolf 1999a). Die korporalen Inszenierungen weiblicher Musikerinnen bewegen sich damit strukturell im Spannungsfeld von Sichtbarkeit und Verdinglichung bzw. Kon- trolle weiblicher Sexualität. Blume (1993) sieht die Fokussierung des weib- lichen Körpers dadurch verstärkt, da weibliche Starpräsentationen weitest- gehend von der Tanz- und Gesangsrolle geprägt sind. Jedoch unterstützen korporale Weiblichkeitspräsentationen die konventionelle Vorstellung, dass die Frau den Erfolg über die Körperinszenierung erreiche (Blume 1993). Daraus resultiert ein, in Videoclips häufig ambivalentes Verhältnis von Inhalt und Formal-Ästhetik: Obwohl zahlreiche Weiblichkeitsdarstellungen sich auf der Ebene der Narration von konventionalisierten Repräsentationsweisen lösen, bleiben sie dennoch auf der Ebene der formal-ästhetischen Körperrepräsenta- tion den Konventionen des voyeuristischen Blicks verhaftet (Blume 1998, Fiske 2000, Bechdolf 1999a). In der Musikvideoforschung wird daher die Frage, inwiefern sich männliche Schaulust überwinden lässt, kontrovers be- sprochen: (1.) Die psychoanalytisch-kulturkritische Perspektive von Kaplan (1987, 1988, 2002) setzt den voyeuristischen Blick in Bezug zu männlichem, sexuellen Verlangen und sucht nach Darstellungsweisen weiblicher Körper, die sich dem male gaze entziehen. Nach Kaplan gelingt es kaum einem Videoclip, sich von der verdinglichenden Körperpräsentation zu lösen. Allenfalls im Kontext feministischer Videokunst würde dies gelingen. Nur in der Deformation, der Enthumanisierung oder der klaustrophoben Inszenierung weiblicher Körper sieht Kaplan (2002) eine Überwindung tradierter, fetischisierter Darstellungs- konventionen. Seibel/Williams (2001a, 2001b) und Willis (1994) beschreiben Erwartungsbrüche männlicher Begierde im Videoclip. Kaplan (1987, 1988, 2002) hebt Videoclips hervor, in denen die Dekonstruktion des männlichen Blicks und der männlichen Begierde dargestellt wird. So stellt Tina Turner mit dem Videoclip Private Dancer die ästhetischen und politischen Strategien des Feminismus der 1970er Jahre in Frage. Anstelle einer expliziten feministischen Botschaft entlarvt der Videoclip die Position der Frau in der dominanten männ- lichen Vorstellung. Der Videoclip kreiert eine Meta-Zeichensprache, die zeigt, wie der Körper der Heldin benutzt und missbraucht wird. (2.) Cultural Studies und Filmwissenschaften: Eine Reihe von AutorInnen sieht die Dominanz männlicher Blicke in Videoclips gebrochen. Anstelle eines monolithischen, weitestgehend männlichen Blicks, existieren für Bechdolf (1999a), Stockbridge (1990) und Turim (1996) eine Fülle von Blicken bzw. Zuschaueradressierungen mit unterschiedlichen Gender-Implikationen. In den Arbeiten der Cultural Studies werden die korporalen Inszenierungen in Musik- 50 videos in Bezug zu ihrer kulturellen Bedeutung bzw. Funktion gesetzt. Dibben (1999), Fiske (2000), McRobbie (1994), Stockbridge (1990) und Turim (1996) stellen die Bedeutung der Körperinszenierung für die weibliche Adoleszenz und die weibliche Betrachterin in den Vordergrund. Dabei geht es um weibliches Vergnügen, Identifikation, Blick und Körperkontrolle. Lewis (1993), Stock- bridge (1990) und Turim (1996) stellen die einseitige männliche Adressierung in Frage und weiten die Schaulust auf weibliche Betrachterinnen aus. Weib- liches Verlangen kann durch Männerdarstellungen, Identifikation mit weib- lichen Darstellungen kann durch auto-erotische Darstellungen repräsentiert werden. Die Filmwissenschaftlerin Turim (1996) betont die ambivalente Adres- sierung sexueller Frauendarstellungen. So oszilliere die Darstellung weiblicher Sexualität im Videoclip zwischen machtvoller und machtloser weiblicher Geste, d. h. zwischen Bestätigung autonomer Weiblichkeit (Identifikation weiblicher Betrachterinnen) und Unterwürfigkeit, sobald die sexuelle Geste einem männ- lichen Zuschauer dargeboten wird. Stockbridge (1990) und Turim (1996) heben neben der Identifikationsfunktion auch die Bedeutung von gleichgeschlecht- lichem Verlangen in Videoclips hervor. Bechdolf (1999a) beschreibt den Prozess der Umkehrung der Konventionen visueller Verdinglichung in Videoclips, in denen Männer Teil des „visuellen Spektakels“ sind. Eine solche „Attraktion der Umkehrung“ (Bechdolf) lässt sich laut Bechdolf (1999a), Blume (1998) und Stockbridge (1990) unter anderem bei Männerdarstellungen in Videoclips weiblicher Künstlerinnen und Videoclips von Boygroups, die vor allem jüngere Zuschauerinnen ansprechen, feststellen. Bechdolf (1997b, 1999), Lewis (1993) und Stockbridge (1990) sehen die Körperinszenierungen in Videoclips in der Tradition visueller Kultur und der Rockkultur, wobei Stockbridge (1990) die Körperinszenierung in Videoclip-Performances systematisch vom male gaze des narrativen spectacle im Film (Mulvey 1975) unterscheidet. Der male gaze im Film erzeuge eine indirekte Adressierung des Betrachters, wohingegen musi- kalische Performances den/die TV-ZuschauerIn direkt adressieren. Rock- und Popstars sind nach Lewis (1993) und Stockbridge (1990) immer schon Subjekt und Objekt von Blicken: Der Körper männlicher Rockstars ist Objekt weib- lichen Verlangens und die Gesichter der Rockstars sind immer schon wichtiger Teil der Starinszenierung und Promotion. Die visuelle Hierarchisierung durch Kameraeinstellung, Perspektive und „Blickkonstruktion“ besitzt laut Bechdolf (1997b) Kontinuität in der Kultur des Musikfilms. Be der Analyse und Inter- pretation von Körperpräsentationen in Videoclips ist aus Sicht des Jugend- schutzes auf die Differenz zwischen Performance und Narration zu achten. (3.) Aus der Perspektive dekonstruktivistischer Gender Studies werden Weib- lichkeitsdarstellungen in den Vordergrund gerückt, welche die Sichtweisen auf das „Weibliche“ in Frage stellen. Etablierte Konventionen der Kameraperspek- tive und des Bildausschnitts, die den weiblichen Körper als Fetisch präsentieren, 51 werden überwunden; Schaulust kann ironisch-kritisch thematisiert und dabei zerstört werden; Voyeurismus kann selbstreflexiv zur Schau gestellt werden (Madonna). Nico (1990) bewertet ultra-sexistische Darstellungen als Kritik männlicher Schaulust. 6.3 Analyse weiblicher Stars 6.3.1 Madonna: Präsentation von Sexualität, Geschlechtsidentität und Macht Unter den weiblichen Künstlerinnen, die das Medium Videoclip als Podium für künstlerische Arbeit und Ausweitung ihrer Ausdrucksmöglichkeiten nutzen, ist Madonna der herausragende und exzeptionelle Star. Madonna wird von vielen als Einzelphänomen bewertet. Keine Künstlerin hat es geschafft, gleicher- maßen populär wie innovativ zu sein (u. a. Bloss 2001). Die akademische Auf- merksamkeit, die Madonna zuteil wird, übertrifft alle anderen PopmusikerInnen, so dass eine Vielzahl wissenschaftlicher Publikationen vorliegt. Herausragende Beispiele sind: Schulze/Brown/White, Bordo, Kaplan und Schwichtenberg in Schwichtenberg (1993); Bechdolf (1996), Bloss (2001), R. Curry (1999), Fiske (1989, 1993, 2000), Grigat (1995), Hooks (1994c), Kaplan (1988), McClary (1991) und Sexton (1992). Ungeachtet der konträren Bewertung werden von BefürworterInnen und KritikerInnen Madonnas außergewöhnliche Kontrolle und konzeptionell tiefgehende sowie absichtsvolle Gestaltung der Videoclips hervorgehoben (Bloss 2001), was auf die Eigenständigkeit Madonnas im Pro- duktionsprozess und ihren „weiblichen Subjektstatus“ (Bechdolf 1999a) ver- weist. Die strukturell angelegte Polysemie der Videoclips bewirkt eine Mischung aus Attraktion und Provokation (Bechdolf 1996). Konstanter thematischer Schwerpunkt ist das Spiel mit Sexualität, Geschlechtsidentität und Macht. Madonna stellt die Sujets Geschlecht und Hautfarbe in den Mittelpunkt und verbindet sie mit der Frage von Macht, Kontrolle und Unterwerfung (Geuen/ Rappe 2003). Tetzlaff (1993) bezeichnet die „Aura der Macht“ als grund- legende Eigenart ihres Star-Images. Madonna avanciert zur kontroversen Ikone eines akademischen Diskurses. Die feministische Kritik hinsichtlich Madonna ist gespalten und pendelt zwischen der Einschätzung frauenfeindlicher Porno- graphisierung und der – in vielen akademischen Kontexten geäußerten – post- modernen Befreiung erstarrter Geschlechterrollen. KritikerInnen gilt Madonna als bunter dekontextualisierter Mix von Stilen, Zitaten und Bedeutungsspuren (Bechdolf 1996, Bloss 2001, Bullerjahn 2001, Geuen/Rappe 2003). Trotz ihres exzeptionellen Charakters kann die Starinszenierung Madonnas als para- digmatisches Beispiel für die Kontroversen, Ambivalenzen und Konflikte, innerhalb deren sich die Inszenierungen von Sexualität und Geschlechtsidentität zeitgenössischer Künstlerinnen bewegen, angesehen werden: 52 Die Starinszenierungen Madonnas basieren auf dem Wandel konventioneller Sichtweisen von Weiblichkeit, in der Vermittlung weiblicher Verführung und Eigenständigkeit und der Artikulation des Verlangens, begehrt zu sein (Fiske 2000, Kaplan 1996, Longhurst 1995, Schwichtenberg 1993). Vor allem die Videoclips Madonnas negieren die Vorstellung einer fixen geschlechtlichen Positionierung und zeigen Metamorphosen bzw. Wandlungen von Weiblichkeit und Frauenrollen. Der Körper wird zum Ort geschlechtlicher Identität, zum performativen Instrument unter der Regie bzw. Kontrolle Madonnas (Bloss 2001). Bei BefürworterInnen gelten die Starinszenierungen Madonnas als para- digmatisches Beispiel postmoderner Identitätspolitik: ihre Metamorphosen, welche die Grenzen von Ethnizität und Geschlecht zu negieren scheinen, wer- den als Ausdruck multipler, pluraler oder chromatischer Identität (Bechdolf 1996, Bloss 2001, Geuen/Rappe 2003) begriffen. Madonna dekonstruiert die klassische Idee eines einheitlichen Subjekts (McClary 1991). Frausein wird nicht als Essenz, sondern als Serie von Maskeraden porträtiert. Madonna bietet eine Vielzahl variierender Identifikationsmöglichkeiten – u. a. lüsterne Femme fatale, liebevolle Tochter, Retterin, Domina, Geschäftsfrau, Stripperin, eigen- sinniger Teenager – wodurch die polarisierende Dichotomie „Heilige/Hure“ ad absurdum geführt wird (Bechdolf 1996, Bullerjahn 2001, Fiske 1989). Die Dar- stellung verschiedener Möglichkeiten von Weiblichkeit und weiblicher Sexua- lität wird als Artikulation weiblichen Selbstbewusstseins und Selbstbestim- mung interpretiert (Bullerjahn 2001). Indem Madonna Männer als Spielzeug einsetzt, umgeht sie das Bild der Prostituierten und kehrt die traditionelle Geschlechterhierarchie um. Für Bechdolf (1999a), Grigat (1995) und Wilson/ Markle (1992) parodieren die Musikvideos Madonnas nicht nur Geschlechter- stereotype, sondern auch die Art und Weise der Herstellung. Madonnas Popu- larität besteht aus einem komplexen Gefüge von Macht und Widerstand, Be- deutung und alternativer Lesart, Vergnügen und Machtkämpfen. Den männlichen Voyeurismus unterläuft Madonna durch Kontrolle ihres eigenen Images (Fiske 1989, 2000). Madonnas Inszenierungen von Sexualität und Geschlechtsidentität werden vor allem von Seiten poststrukturalistischer und feministischer Medienkritik (Baudrillard 1995, Kaplan 1983, 1996, Schulze/White/Brown 1993) negativ bewertet. Da weibliche Identität bei Madonna auf die körperliche Erscheinung konzentriert ist, bleibt die Künstlerin der traditionellen, patriarchalen Ideologie verhaftet (Kaplan 1983). Baudrillard (1995) hinterfragt die permanente Steige- rung in die Überzeichnung sexueller Symbole in den Inszenierungen Madonnas. Sexualität ist in dem Universum der Künstlerin nur als Hypersexualität vor- stellbar. Madonnas multiple Identitäten stellen eine Arbeit an der Auflösung der Geschlechterdifferenz dar, die jedoch ein kategorischer Imperativ (Bloss 1998, Baudrillard 1995) der modernen Gesellschaft ist. Wenn Madonna alle sexuellen Identitäten nach und nach verkörpert, so verliert das sexuelle Sein 53 den Reiz des Anderen (Baudrillard 1995). In den Augen ihrer KritikerInnen verkörpert Madonna mit ihrem Konzept von Weiblichkeit als ständige Simula- tion (Schwichtenberg 1993) die „post-feministische ambitionierte Heroin“ (Kaplan 1988), die für den virtuosen Schein, Nihilismus und die Gier nach Geld, Sex und Macht steht (Penth/Wörner 1993). Schulze/White/Brown (1993) und Hooks (1994c) analysieren Madonnas Starinszenierung vor dem Hinter- grund der feministischen und afro-amerikanischen Kritik. Anstelle einer Be- freiung betrachten die Autoren die Identitätspolitik der Künstlerin als Ausbeu- tung weiblicher und afro-amerikanischer Identität. Feministische Kritik üben Schulze/White/Brown (1993): Indem Madonna die Grenzen sexueller Konven- tionen verwischt, stigmatisiert sie sich als weibliche, gesellschaftliche Außen- seiterin; die Figur des „freak“ (vgl. Turim 1996, Stephens/Phillips 2003) und der Prostituierten sind darin enthalten. Madonna verkauft sich und ihren Körper für Ruhm. Schulze/ White/Brown (1993) sehen in Madonnas performativer Hypersexualität die unterste Stufe von Weiblichkeit. Die sexuelle Identität Madonnas signalisiere ein falsches Versprechen von Freiheit. Die Darstellun- gen ignorieren die materiale Praxis des Alltags, die Kontinuität von Dominanz und Unterordnung in den Geschlechterbeziehungen. Zu einer ähnlichen Bewer- tung Madonnas gelangen Hooks (1994c) und Wallace (1993) vor dem Hinter- grund der Rassismuskritik. Die AutorInnen begreifen Madonnas Aneignung afro-amerikanischer Symboliken und Gesten als Ausdruck eines sinnentleerten radical chic. Madonna nimmt die afro-amerikanische Kultur durch die Aneig- nung und Imitation männlicher Sexualität und männlicher Codes (u. a. Nach- ahmung der Gestik Michael Jacksons oder Tina Turners) in Beschlag und ver- marktet sie als vermeintlich feministisches Programm sexueller Befreiung. Madonnas gestische Zitate afro-amerikanischer Künstler sind laut Turim (1996) vor dem Hintergrund praktizierter Rassentrennung innerhalb der Musikindustrie problematisch und insofern von Zitaten und Parodien weißer KünstlerInnen zu unterscheiden. 6.3.1.1 Ambivalente Bedeutungen in den Videoclips Madonnas Auf den ersten Blick scheinen die Inszenierungen Madonnas den patriarchalen Darstellungskonventionen von Weiblichkeit zu entsprechen, die in der kultur- geschichtlichen Ikonographie des Weiblichen ihren festen Platz haben. Die Produktanalyse bzw. textuelle Analyse der Videoclips orientiert sich an der Frage, ob es sich bei den Darstellungen um affirmative Reproduktionen weib- licher Stereotype und Mythen handelt, oder ob diese als Artefakte dekonstruiert werden, etwa durch parodistische Distanz zum Gezeigten oder durch Präsenta- tion der Darstellung innerhalb eines veränderten narrativen Kontextes (Grigat 1995). Insgesamt lassen sich folgende Strategien der Starinszenierung und ZuschauerInnenadressierung Madonnas zusammenfassen: 54 (1.) Parodie der Geschlechterrollen (2.) Kritik und Kontrolle männlichen Voyeurismus (3.) Inversion der Geschlechterhierarchie bzw. Imitation männlichen Verhaltens und (4.) Spiel mit Geschlechtergrenzen/Androgynie. (zu 1.) Am Beispiel des Videoclips Material Girl wird die Frage behandelt, inwiefern Madonna ihren Körper als Ware und Sexobjekt inszeniert. Fiske (1989), Hawkins (1997), Lewis (1993) und Schultz (1992) sehen in dem Video- clip eine Parodie der weiblichen Rolle von Marilyn Monroe, d. h. eine Parodie auf den Weiblichkeitstypus des „gold diggers“ (vgl. Stephens/Phillips 2003). Kaplan (1987) verneint den parodistischen Anspruch, da Madonnas Performance zu sehr dem Original gleiche. Grigat (1995) bringt beide Aspekte zusammen und verweist auf die Doppeldeutigkeit und Ambivalenz des Videoclips. (zu 2.) Madonnas Musikvideo Open Your Heart wird von Curry (1999) und McClary (1991) als Parodie männlicher Schaulust gedeutet, da Madonna sich selbst ermächtigt und ihre Rolle als Objekt männlicher Schaulust selbst be- stimmt. Dies befriedigt im Sinne einer doppelten Codierung auch traditionelles männliches Vergnügen (Lloyd 1993), denn Madonna bietet zugleich ihren Körper als „weibliches Spektakel“ dem männlichen Blick an. (zu 3.) Im Videoclip Express Yourself findet eine Inversion der Geschlechter- hierarchie statt. Madonna wird zur selbstbewussten Aggressorin und der männ- liche Darsteller zum Objekt ihrer sexuellen Wünsche (Curry 1999, Grigat 1995). Szenen, die Madonna auf dem Boden kriechend und mit Sklavenhals- band zeigen, wurden von Seiten der feministischen Kritik dagegen als Zeichen der Erniedrigung und Unterdrückung von Frauen gelesen (Paglia 1993). Durch den Gestus der Unterwürfigkeit gelingt es Madonna, einer sexistischen Ideolo- gie zu entsprechen und gleichzeitig einen Widerspruch zu ihren Herrschafts- posen aufzubauen (Grigat 1995). Die Weiblichkeitsbilder pendeln zwischen Macht und Unterwerfung, zwischen Sexualsubjekt und -objekt hin und her und entziehen sich einer eindeutigen Interpretation. (zu 4.) Eine Kritik gesellschaftlicher Geschlechtsidentitäten wird in dem Video- clip Justify My Love vermittelt (Funk-Hennigs 2003). Es werden sexuelle Praktiken und Identitäten angedeutet, die nicht als gesellschaftliche Norm gelten, so dass der Videoclip als Selbstbestimmungsrecht transgressiver Sexua- lität gelesen werden kann. Allerdings entspricht auch die Darstellung weib- licher Homosexualität den Konventionen des male gaze in der Pornographie, bei dem Madonna als Vermarktungsobjekt im Mittelpunkt steht (Grigat 1995). Henderson (1993) bezeichnet die Botschaften des Videoclips als double edged, als Ambivalenz von vertraut und neu, befreiend und angepasst. Zusammen- 55 gefasst orientieren sich die ZuschauerInnenadressierungen in den Videoclips entlang von Ambivalenz und Doppel- bzw. Mehrfachcodierung. Die Inszenie- rung von Geschlechterverhältnis, Geschlechterrollen und dem Blick auf den weiblichen Körper bewegt sich zwar auf der Ebene der Mehrdeutigkeit, adres- siert aber stets die dominante, männliche Lesart. Auch eine parodistische Distanz ist nicht in allen Videoclips Madonnas enthalten (Bullerjahn 2001). Aus diesem Grund betonen unter anderem Curry (1999), Fiske (1989, 2000) und McClary (1991) die Relevanz, die den Deutungs- und Interpretationsakten im Kontext der Rezeption zukommt. Der Videoclip Justify My Love bringt den Konflikt zwischen einem anwen- dungsbezogenen Jugendschutz und der Position der Gender Studies auf den Punkt. Während Funk-Hennigs (2003) und Bechdolf (1999) den Videoclip als ausgezeichnetes Beispiel der Auflösung von Geschlechtergrenzen hervorheben, wurde Justify My Love von MTV (USA) von der Playlist des Senders gestri- chen (Schmidt, A. 1999). Nacktheit und Sexualität sind aus Sicht der Gender Studies erwünscht, wenn sie als Kritik traditioneller Geschlechtsidentität fun- gieren. Madonna verweigerte die Zensur ihres Videos und es gelang ihr, statt- dessen 500.000 Exemplare des unzensierten „verbotenen Clips“ zu verkaufen (Schmidt, A. 1999). 6.3.2 Starinszenierungen zeitgenössischer weiblicher Superstars Blume (1996, 1998), Dibben (1999), Lemish (2003), McRobbie (1994) und Peitz (2003) besprechen Weiblichkeitsmuster in Videoclips weiblicher Stars der späten 1990er Jahre. Zu den wichtigen Skripts weiblicher Identität zählt das Konzept der girl power bzw. superwoman (Blume 1998, Dibben 1999, Lemish 2003). Damit sind die Identitätskonzepte weiblicher Stars und Girl- groups wie Spice Girls, Tic Tac Toe, No Angels, Kylie Minogue oder Britney Spears gemeint. McRobbie (1994) geht aus Sicht der Cultural Studies von einem Wandel adoleszenter weiblicher Identität in Großbritannien in den 1980er und 1990er Jahren aus. Es kommt zu einer Loslösung traditioneller Geschlechter- rollen. Allerdings ist die Bedeutung von Weiblichkeit unklar und neu zu defi- nieren. Weibliche Identität zeichnet sich durch neue Formen von Selbstbewusst- sein und Eigenständigkeit aus (vgl. Blume 1998). Mädchen erlangen neue Stärke im Geschlechterverhältnis durch Verdrängung der romantischen Idee von Liebe und neurotischen Formen der Abhängigkeit von Männern, was ebenso durch die Ergebnisse der Inhaltsanalysen von Seidman (1999) angezeigt scheint. Sexualität erhält den gleichen Stellenwert wie Liebe. Weiblichkeit wird nicht geleugnet, um Gleichberechtigung zu erzielen, stattdessen wird exzessiv darauf bestanden. Dabei etablieren sich zugleich hypersexuelle Formen von Weiblich- keit und sexualisierter Frauenbilder, für die prototypisch Kylie Minogue steht (McRobbie 1994). Als Orientierungspunkte von Weiblichkeit treten Attraktivi- 56 tät, Erfolg (u. a. durch Modekonsum) und Zufriedenheit (in Liebe und Partner- schaft) in den Vordergrund. Die Leerstelle, die durch die Abkehr von der romantischen Narration entsteht, wird durch neue Informationsflüsse ersetzt: Das Leben von Pop-Stars, Film-Stars und TV-celebrities wird zum Rohmaterial weiblicher Phantasie, was häufig zum Exzess von Information und Gerüchten führt (McRobbie 1994). Insofern zeichnen sich differenzierte Weiblichkeits- bilder ab, die sich jenseits der Dichotomien „Heilige/Hure“ und „Öffentlichkeit/ Privatheit“ befinden: So geht Lewis (1993) davon aus, dass die Ikonographie der Prostituierten ins Wanken geraten ist; Lemish (2003) sieht die Spice Girls in öffentlichen Räumen agieren, die von Künstlerinnen der 1980er Jahre kulti- viert wurden. Blume (1998) und Nolte (2004) wiederum zeigen auf, wie die weiblichen deutschen Stars No Angels und Tic Tac Toe selbstverständlich in männlichen Handlungsräumen agieren und ihr Recht auf sexuelle Selbstbestim- mung einfordern. Im Hinblick auf Fragen des Jugendschutzes gilt anzumerken, dass vor allem sexualisierte Frauendarstellungen sich im Rahmen gesellschaft- licher Moral bewegen. Kameraeinstellung, Blickkonstruktion und Körperprä- sentation in Musikvideos bleiben den Konventionen des male gaze verhaftet. Allerdings lösen sich die Inszenierungen weiblicher Superstars der 1990er Jahre auf der Ebene der Narration von hierarchischen Geschlechterdarstellun- gen. Als Verkörperung des Begriffs „girl power“ gilt vielen die britische Mäd- chenband Spice Girls, die auch als super- oder wonderwomen bezeichnet werden (Blume 1998, Dibben 1999, Lemish 2003). Die Gruppe verbindet ver- führerische Attraktivität, Selbstbewusstsein und Angriffslust. Die Identitäts- konzepte Madonnas und der Riot Grrrls, bei denen Sexualität und Aggressivität verschmelzen, werden unter dem Vorzeichen von Vermarktbarkeit aufgegriffen (Dibben 1999, Blume 1998). Die Videoclips der Spice Girls verbinden laut Lemish (2003) mentale und physische Stärke der girl power, Freundschaft (sisterhood, female bonding) und Überwindung der Dichotomie „Heilige/Hure“. Dibben (1999) ordnet das weibliche Identitätsschema girl power den historisch- kulturellen Bedingungen Großbritanniens der 1990er zu, die von Individualis- mus, Spätkapitalismus und Post-Feminismus geprägt sind. Die Starideologie der Spice Girls steht unter dem Vorzeichen von Optimismus, Erfolg und Individualismus (Blume 1998). In Deutschland etablierte sich Mitte der 1990er Jahre u. a. die deutlich aggressivere Gruppe Tic Tac Toe, deren Videoclips u. a. von Funk-Hennigs (2003) und Blume (1998) besprochen werden. Tic Tac Toe repräsentieren ein widerständiges Frauenbild, das mit Geschlechterkonventio- nen bricht. Von Seiten der Kultur- bzw. Medienkritik und der Cultural Studies – ins- besondere bei Dibben (1999) und Lemish (2003) – stehen überzeichnete For- men von Individualismus, Sexualität, Konditionierung und Körperkontrolle im Mittelpunkt der Kritik. Peitz (2003) betrachtet die zeitgenössischen weiblichen 57 Stars Kylie Minogue, Britney Spears und Christina Aguilera unter dem Aspekt der Kontrolle und Konditionierung von Körper und Sexualität (hypersexuelle Körperinszenierung und sportive Konditionierung). Die Starinszenierungen bewertet Peitz als „sexuell überkodierte Sportwerdung des Pop“ (a. a. O., S. 13). Sexualität, wie Foucault (1984) hervorhebt, erscheint als Repräsentation der Wahrhaftigkeit des Körpers und des Selbst. Als Prototyp aktueller Frauen- bilder gilt Kylie Minogue (McRobbie 1994, Peitz 2003), die Britney Spears, Christina Aguilera und Beyoncé Knowles als Vorlage dient. Kennzeichen sind frühe mediale Präsenz in TV-Shows während der Kindheit (Spears, Aguilera) und Jugend (Minogue) und die Körperpolitik der Entblößung. Die „Trainings- und Leistungsideologie“ (Peitz) des Sports prägt den Karriereverlauf der Stars. So wurde laut Peitz (2003) Beyoncé Knowles von ihrem Vater im Stile eines Tenniskindes trainiert. Leistung, Konditionierung und der Glaube an die optische Gestaltung des Körpers werden zu Orientierungspunkten weiblicher Identität und lassen Individualität und künstlerische Subjektivität in den Hintergrund treten. Die Künstlerinnen sind alle auf den vorderen Plätzen der MTV Show Weekend Stunt – 69 Hottest Clips (MTV, 26. 03. 05) vertreten: Kylie Minogue Slow, Christina Aguilera Dirty, Britney Spears Toxic. Auch Lemish (2003) kritisiert die Weiblichkeitsskripts der superwoman bzw. girl power der Spice Girls. Körperliche Attraktivität ist verbunden mit endloser Energie, Selbst- vertrauen und Selbstbewusstsein, Unabhängigkeit, Kontrolle über Verhalten und Aussehen (Hyper-Weiblichkeit). Hinter dem konstruierten Bild der super- woman, so Lemish, stehe die Angst vor Kontrollverlust, die ein typisches Charakteristika aktueller Weiblichkeit darstellt. So wird der Kontrollverlust von Frauen – wie Übergewicht oder Promiskuität – gesellschaftlich mit Sank- tionen belegt. Die Angst vor Kontrollverlust erweist sich daher als Kehrseite praktizierter Image-Kontrolle, die u. a. bei Madonna (Fiske 2000) und den Spice Girls (Lemish 2003) als positiver Aspekt weiblicher Star-Identität hervor- gehoben wird. Für Blume (1993) beinhaltet die Fokussierung korporaler Identi- tät die Ideologie, dass die Frau den Erfolg durch den Körper zum Ausdruck bringe. Weibliche Staridentitäten verkörpern dabei häufig den Typus der jugend- lichen Heldin. Während Madonna, Janet Jackson und Whitney Houston Mitte der 1990er Jahre von Blume (1996) dem Typus der „souveränen Erfolgsfrau“ zugeordnet werden, sieht Peitz (2003) heute die Folgen der Logik körperlicher Abnutzung bei Stars wie Whitney Houston (Magersucht), Mariah Carey (körper- licher Zusammenbruch) und Janet Jackson (Übergewicht). Der Einzug der Trainings- und Leistungsideologie in der Musikbranche wird idealtypisch durch Castingshows vermittelt. Nolte (2004) analysiert anhand verschiedener Bild- und Textquellen das Starimage der deutschen Casting-Girlgroup No Angels. Sie stellt dabei fest, dass die Videoclips darauf ausgerichtet sind, künstlerische Fähigkeiten (Gesang, Tanz), Natürlichkeit, Sorglosigkeit, Einheitlichkeit und körperliche Perfektion zu belegen, während die Castingshow „Popstars“ die 58 Konstituierung der Gruppe unter Training, Disziplinierung und Stress ver- mittelt. Dabei besteht die Faszination von Castingshows (Popstars, Deutschland sucht den Superstar, Star Search) aus der Identifikation mit den an ihren Leistungsgrenzen arbeitenden KandidatInnen. Gezeigt wird die professionelle „Arbeit am Erfolg“. 6.4 Gender und Sexualität im Kontext afro-amerikanischer Kultur Ethnische Stereotypen in Musikvideos werden in der Literatur unter anderem von Beatty (2002), Berry (1994), Best /Kellner (1999), Emerson (2002), Hen- scher (2003), Hoffmann/Buß/ Wulf (2001), Hooks (1994), Richard (2003), Rose (1994) Shelton (1997), Stephens/Phillips (2003) und Troka (2002) be- handelt. Vor dem Hintergrund praktizierter Rassentrennung und -diskriminie- rung ist die Frage oppositioneller bzw. emanzipatorischer Schemata afro- amerikanischer Weiblichkeit und Geschlechtsidentität jedoch Gegenstand zahlreicher Kontroversen. Vor allem im Hinblick auf rassistische Stereotype schwarzer Frauen, die Aufgrund von Hautfarbe und Geschlecht einer doppelten Diskriminierung unterliegen (Troka 2002, Hooks 1994), werfen die Inszenie- rungen von Weiblichkeit und Geschlechtsidentität im Kontext der black culture neue Fragen auf. Kontrovers diskutiert werden vor allem Weiblichkeitsdarstel- lungen, die männliches Verhalten imitieren (gangsta bitch, she-devil) oder weibliche Sexualität weiter auf die Spitze treiben (gangsta bitch, freak). Wäh- rend Rose (1994) die aggressiven, sexualisierten Inszenierungen so genannter gangsta bitches (z. B. Foxy Brown, Lil’ Kim) als Geste der Solidarisierung mit ihren männlichen Kollegen bewertet, sieht die Kulturkritikerin Hooks (1993, 1994) in den hypersexualisierten Frauendarstellungen eine Wiederkehr rassisti- scher Ikonographien. 6.4.1 Traditionelle Geschlechterdarstellungen Berry (1994), Best /Kellner (1999), Hooks (1994), Richard (2003) und Troka (2002) betonen, im Einklang mit Ergebnissen der inhaltsanalytischen Stereo- typenforschung, dass in den meisten Rap-Videoclips besonders sexistische Bilder von Frauen wiedergeben werden. Rap resp. Gangsta-Rap gilt vielen als der einflussreichste, aber zugleich gewaltförmigste und sexistischste Teil US- amerikanischer HipHop-Kultur (Ayanna 2005, Best /Kellner 1999). Es hat sich ein hypersexueller und gewaltförmiger Diskurs im Rap etabliert; Sexualität und Gewalt durchziehen alle Formen des Rap, von hedonistisch-narzistischen bis politisch-gesellschaftskritischen Varianten (Beatty 2002, Best/Kellner 1999). Best /Kellner zeigen die konflikthaltigen, in Widersprüchen verwickelten Posi- tionen des Rap auf. So gelte dieser einerseits als autonome kulturelle und 59 künstlerische Form afro-amerikanischer Künstler, die Gesellschaftskritik und Subversivität beinhalte. Extreme Darstellungen von Sexualität und Gewalt sprengen dabei andererseits häufig die Grenzen des guten Geschmacks. Rap ist zugleich – vor allem in der Variante des Gangsta-Rap (bzw. G-Funk, G-Rap) – Gegenstand narzisstischer, unpolitischer, gewaltverherrlichender und sexisti- scher Starinszenierungen. Typische Männlichkeitsstereotypen des Gangsta- Rap sind: outlaw, pimp, hedonistic pleasure seeker und drug dealer. Zum Teil präsentieren die visuellen Inszenierungen im Rap unmotivierte, zufällige Ge- walt; andere Darstellungen richten sich gegen gesellschaftliche Kräfte der Unterdrückung. Stichwort Handlungsräume: Urbane Räume nehmen einen zentralen Stellenwert in Rap-Videoclips ein. Im Gangsta-Rap wird häufig die männliche Dominanz über urbane Räume symbolisiert; männliche Künstler inszenieren sich als Autorität einer spezifischen Umgebung (Richard 2003, Shelton 1997). Dokumentarische Elemente betonen den in vielen Rap-Video- clips avisierten Realitätsanspruch und die street credibility der Protagonisten (Bloss 2001, Queeley 2003). Der Mythos Straße (street corner culture) scheint ebenso wie die Frage der Mobilität (cruising) sowohl in der weißen, wie auch der afro-amerikanischen Kultur der USA verwurzelt zu sein. Symbolisiert wer- den Freiheit und lokale Herrschaft. In den Videoclips wird ein Ghetto-Alltag geschildert, der zwischen Party und Kriminalität oszilliert und das Prinzip des „living on the edge“, eines Lebens zwischen Gefahr und Vergnügen visualisiert (Hooks 1994a, Richard 2003). Rap konstituiert den männlichen schwarzen Körper als Ort des Vergnügens und der Macht. Schwarze Männer stellen sich als gefährlich und begehrenswert dar (Hooks 1994a). Lokale Autorität ist ver- bunden mit der Verfügungsgewalt über Frauen; Rapper charakterisieren ihr Lebens als das eines pimps (Zuhälter), hos, hustlers, players oder mack-daddies (Ayanna 2005). Repräsentationsstrategien schwarzer Männlichkeit sind (Hyper-) Konsum und Luxus: Der Vorwurf der Verdinglichung und des Warencharakters von Sexualität im Rap richtet sich gegen Präsentationsformen, in denen Frauen als Besitzstand, neben Autos und anderen Luxusartikeln, präsentiert werden (Hoffmann/Buß/Wulf 2001, Queenley 2003, Richard 2003, Vitt 2004). Damit ist für den Jugendschutz angezeigt, dass sexualisierte Körperpräsentation und Blickkonstruktion (male gaze) in Verbindung mit dargestellter Dominanz bzw. Verfügungsgewalt über Frauen von nahezu allen AutorInnen als problematisch eingestuft werden. Frauen sind verdinglichte Ornamente in einer gefährlich-luxuriösen Männer- welt. Die Kulturkritikerin Hooks (1993, 1994) betrachtet die unterwürfige, dienende Rolle schwarzer Frauen als Bestandteil afro-amerikanischer Sozia- lisation. Ayanna (2005) sieht eine Wiederkehr misogyner Praktiken und Er- fahrungen der Sklaverei (Ausbeutung, Leibeigenschaft) in der heutigen Hip- Hop-Kultur. Beatty (2002), Queeley (2003) und Troka (2002) bewerten die Misogynie im Rap als Ausdruck der Feindseligkeit gegenüber Frauen, die sich 60 gegen Männer zur Wehr setzen. Im Zusammenhang mit Rassenkonflikten be- tonen Bechdolf (1999a), Hooks (1994) und Wallace (1993), dass die Demons- tration stolzer männlicher Dominanz aus einem Gefühl der Inferiorität gegen- über Weißen entspringt; Männlichkeit wird deswegen hervorgehoben, weil sie von weißen Männern immer wieder streitbar gemacht wurde. Demonstrative Sexualität, körperliche Potenz und kriegerisches Verhalten sind Ausdruck stolzer Männlichkeit, die Queeley (2002) als „Hyper-Maskulinität“ bezeichnet. Bech- dolf (1999a) geht davon aus, dass Frauen in Rap-Videoclips in besonderem Maße den weiblichen Körper ausschließlich in seiner dekorativen Funktion einsetzen. In der Kritik steht bei Ayanna (2005), Hooks (1994), Queeley (2003), Sanders (1997), Shelton (1997) und Troka (2002) vor allem die verdinglichte und rassistische Darstellung schwarzer Frauen. Dabei geht es zum einen um das Geschlechterverhältnis, zum anderen aber auch um die Rolle schwarzer Frauen in der amerikanischen Gesellschaft. Zahlreiche AutorInnen setzen stereotype Darstellungen schwarzer Frauen in Bezug zu kulturellen Tiefen- dimensionen der amerikanischen Gesellschaft. Nach Hooks (1993) existieren zwei grundlegende Weiblichkeitsbilder in der schwarzen Gesellschaft: bitch und nährende, sorgende mammie. Shelton (1997) differenziert Weiblichkeits- schematas in: the celibrate mammie, the hypersexual tragic mulatto, the weak hysteric oder the welfare mother. Dabei wird deutlich, inwiefern weibliche Darstellungen in der Tradition rassistischer, schwarzer Ikonographien während der Sklaverei stehen (Beatty 2002, Hooks 1993, Queeley 2003, Sanders 1997, Stephens/Phillips 2003). 6.4.2 Oppositionelle Geschlechterdarstellungen (1.) Kulturkritische Arbeiten in der Tradition von Hooks (1993, 1994) beziehen kritisch Stellung gegenüber sexualisierten Darstellungen aggressiver Frauen. Queeley (2003) und Stephens/Phillips (2003) kommen zu dem Ergebnis, dass sich die Darstellung schwarzer Frauen in Videoclips zwar von den mit love and romance verbundenen Weiblichkeitsklischees gelöst hat. Zeitgenössische weibliche schwarze Performances in Videoclips verkörpern stattdessen häufig hypersexuelle Frauenbilder, wodurch multiple und widersprüchliche rassistische Stereotype „schwarzer Sexualität“ verstärkt werden. Schwarze Frauen porträtie- ren typischerweise aggressives sexuelles Verhalten, verkörpert durch Weiblich- keitsschemata wie gangsta bitch, freak oder she-devil (Beatty 2002, Henscher 2003, Queeley 2003, Stephens/ Phillips 2003). Zeitgenössische sexualisierte Frauenbilder stehen in der Tradition schwarzer aggressiver, sexueller Exotinnen (z. B. jezebel), und lösen sich damit nicht von rassistischen Konnotationen, nach denen die Sexualität schwarzer Männer und Frauen Sinnbild abweichen- der Sexualität ist (Hooks 1994). Provokative, sexualisierte Darstellungen von Tänzerinnen sind derart übertrieben dargestellt, dass sie überzogen komisch 61 wirken; Frauen bestätigen die Verfügbarkeit als Sexobjekt, nehmen zugleich aber keine untergeordnete, traditionelle weibliche Rolle ein (Queenley 2003). Sie entsprechen dem weiblichen Typus, den Hooks (1994b) mit Tina Turner verbindet: „wild and out of control“. Nach Queeley (2003) wird Farbigkeit als deviant und grotesk porträtiert. Die Darstellung im Rap folgt Marktgesetzen und konstruiert schwarze Jugend nach der Ideologie der weißen Mittelschicht: als nihilistisch, kriminell, promisk, verantwortungslos, materialistisch; ver- bunden mit dem Authentizitäts-Versprechen „keeping it real“. Körperdarstel- lungen folgen der „Ästhetik der Kriminalisierung“ (Queeley 2003) und den Klischees weiblicher schwarzer Sexualität. Stephens/Phillips (2003) zeichnen die sozio-historische Entwicklung von Weiblichkeitsmustern nach und zeigen aktuelle afro-amerikanische, sexuali- sierte weibliche Habitusschemata auf: Diva, gold digger, freak, dyke, gangsta bitch, sister savior, earth mother oder baby mama. Diese stehen in der Tra- dition sozio-kultureller Frauenbilder wie: jezebel, mammy, matriarch oder welfare mother. Trotz Differenzierung habe in den Grundmustern keine Ver- änderung stattgefunden (Staples 1994), so dass Sexualität mit zunehmender Tendenz das Leitmotiv der Weiblichkeitsinszenierungen der HipHop-Kultur ist (Queeley 2003, Stephens/Phillips 2003). Stephens/Phillips (2003) zeigen auch: Im Typus der gangsta bitch werden Sexualität und Macht konvergiert. Schwarze Sexualität wird als bitchiness konstruiert und als Prostitution, Macht und Respekt vermarktet. Erotik wird durch Sexualität ersetzt, verliert ihre auf Verlangen und Lust basierende Begründung und wird rücksichtslos und gewalt- tätig (Beatty 2002) oder als sportiver Event (Stephens/Phillips 2003) präsen- tiert. Durch den Typus des gold diggers oder des freaks wird Sexualität zum Symbol des „lokalen sozialen Status“ und als Waffe inszeniert. Die Weiblich- keitsschemata reflektieren männliche Sicht, Begehren und Erwartungen. Inner- halb dieses Paradigmas ist Sexualität das mächtigste Instrument, das afro- amerikanische Frauen besitzen (Stephen/Phillips 2003). In der Tradition von Kaplan und Hooks wendet Queeley (2002) das Konzept des male gaze auf die Betrachtung schwarzer weiblicher Körper und Sexualität an. Typischerweise sind weibliche Darstellerinnen im intimen Kontakt mit männlichen Protagonisten und im Blickkontakt mit dem (weißen) Betrachter, der zum Voyeur schwarzer sexueller Praxis wird. Aus der Perspektive kultu- reller Tiefendimensionen dramatisieren die Darstellungen in Videoclips die rassistische Betrachtung afro-amerikanischer weiblicher Sexualität. Dabei unter- liegt der schwarze weibliche Körper ambivalenten Konnotationen: Er repräsen- tiert Bedrohung in Form von Kriminalität und kriminalisierter Fruchtbarkeit. Andererseits ist dieser Bedrohung eine Erotisierung zugeordnet, insofern der schwarze weibliche Körper als Ort der Lust durch Tabuverletzung und Grenz- überschreitung imaginiert wird (Sexualität und „Ästhetik der Kriminalisie- rung“) (Queeley 2002). 62 (2.) Henscher (2003), Rose (1994), Shelton (1997) und Troka (2002) hingegen bewerten die Imitation männlicher Aggressivität und sexualisierte Weiblichkeits- schemata als kritisch. Shelton beschäftigt sich aus semiotischer Sicht mit der Übernahme männlicher Handlungsräume und Rollenmuster in Videoclips afro- amerikanischer Künstlerinnen. Durch Aufgreifen einer Ästhetik der Gangsta- Kultur wenden sich weibliche Rapperinnen gegen ideologische Weiblichkeits- bilder der häuslichen, freizeit- und konsumorientierten Frau. Sie übernehmen die Rollen männlicher Afro-Amerikaner und integrieren sich in die afro- amerikanische Männerkultur. Shelton bewertet die Gender-Repräsentationen weiblicher Gangsta-Rapperinnen als positiv; sie weisen auf die Stellung afro- amerikanischer Frauen in der amerikanischen Gesellschaft hin. Auch Rose (1994) macht deutlich, dass die Problematik von Gender und Race im HipHop miteinander verknüpft ist (vgl. Bloss 2001). Nach ihrer Einschätzung lehnen es die meisten Rapperinnen ab, ihre männlichen Kollegen pauschal zu kritisie- ren und solidarisieren sich mit ihnen. Eine oppositionelle Geschlechterrolle käme einem Schulterschluss mit der herrschenden weißen Klasse gleich. Rapperinnen kritisieren den sexuellen Diskurs auf widerspruchvolle Weise und gestalten ihn mit „selbstbewusstem erotischen Körperengagement“ Bloss (2001). Laut Rose (1994) bietet die HipHop-Kultur schwarzen Frauen sogar Raum für Unabhängigkeit und Kontrolle über Sexualität. Weibliche schwarze Rapperinnen können u. a. ihren männlichen schwarzen Kollegen gegenüber Stellung beziehen (vs. Exklusion) und vor allem einen Gegendiskurs zur schwarzen womanhood (Tüchtigkeit, Frömmigkeit, Tugendhaftigkeit) etablie- ren. Außerdem bleiben gesellschafts-kulturelle Schönheitsstandards für schwarze Frauen unerreichbar, weshalb diese sich den Mustern exzessiver Sexualisierun- gen (jezebel, hot momma) bedienen. Turim (1996) bedient sich einer ähnlich paradoxen Argumentation, denn sie sieht in der sexuellen Geste afro-amerika- nischer Künstlerinnen die Differenz zwischen Respekt und Selbsterniedrigung aufgehoben. Die Gesten stellen die Subjektivität und die Kontrolle weiblicher schwarzer Stars in den Mittelpunkt und sind Teil einer Rückforderung der Black Power. Hoffmann/Buß/Wulf (2001) und Henscher (2003) stellen bei der Videoclipanalyse aus musik- und kulturwissenschaftlicher Perspektive die spezifischen musikalischen und textlichen Stilmittel afro-amerikanischer Musik in den Vordergrund. Die Darstellung exzessiver Sexualität und Aggressivität weiblicher Rapperinnen interpretieren sie – im Gegensatz zu Gender Studies und Kulturkritik – als „visuelles boasting“, als Form der Übertreibung und Prahlerei mit finanzieller und sexueller Potenz, die ihren Ursprung in der Poetik des Blues hat. Beide deutschen AutorenInnen berücksichtigen lediglich die Praxis musikalischer Performance und blenden dabei kulturelle Aspekte der Problematik von Gender und Race aus. Dementsprechend bewertet Henscher (2003) die, in der Starinszenierung Lil’ Kims dargestellte, überzogene Zurschau- stellung sexueller Reize und die sexuelle Animation der im Videoclip ver- 63 tretenen Männer als Parodie des eigenen Images resp. als Parodie der Images anderer afro-amerikanischer Künstlerinnen. Mit der Verortung ritualisierter Praktiken – wie dissing and toasting – im afro-amerikanischen Blues, bestäti- gen Hoffmann/Buß/Wulf (2001) zugleich, dass die Misogynie im Rap ihre Wurzeln in der schwarzen männlichen Kultur hat (vgl. Best /Kellner 1999). Aus Sicht des Jugendschutzes ist unseres Erachtens in Frage zu stellen, ob die Gesten exzessiver bzw. parodistischer Sexualisierung (Rose) und Selbsterniedri- gung (Turim) für jugendliche RezipientInnen von MTV und VIVA nachvoll- ziehbar sind. Allerdings lässt sich dies nur durch die Analyse von Aneignungs- prozessen beantworten. 6.4.2.1 Geschlechterverhältnis Die meisten AutorInnen heben beim Geschlechterverhältnis in der afro-ameri- kanischen Kultur die Dominanz von Männern hervor. Verglichen mit den Star- inszenierungen weißer KünstlerInnen herrscht eine deutlichere Form der Bi- polarität vor. Im Rap werden laut Bloss (2001) die „bittersten Seiten der patriarchalen Geschlechterverhältnisse am Leben erhalten“. Schwarze Frauen sind im Alltag und in medialen Inszenierungen Opfer von Unterdrückung, Ausbeutung, Marginalisierung, Machtlosigkeit, Diskriminierung und Gewalt. Schwarze Frauen sind Objekt einer zweifachen Diskriminierung: aus Gründen der Hautfarbe und des Geschlechts (Troka 2002). Vor allem die Beziehung zwischen den Geschlechtern ist in den Videoclips afro-amerikanischer Künstler Ausgangspunkt aggressiver Auseinandersetzungen, die sich deutlich von der Gewaltförmigkeit weißer Künstler unterscheiden. Dabei geht es um eine dra- matisierte Variante der Imitation männlichen Verhaltens. Die von Troka (2002) und Beatty (2002) analysierten Videoclips setzen sich mit der Frage häuslicher Gewalt (domestic violence) auseinander. Gezeigt werden missbrauchte Frauen, die „den Spieß umdrehen“ und Rache üben. Troka (2002) beschreibt den weiblichen Rache-Mord in dem Videoclip Love Is Blind der Künstlerin Eve, die von Stephens/ Phillips (2003) als gangsta bitch bezeichnet wird. Der Videoclip fungiert laut Troka als Kritik häuslicher Gewalt gegen Frauen und deren Duldung von Männern. Häusliche Gewalt gilt als geduldete kulturelle Praxis der farbigen Bevölkerung. Troka (2002) sieht in der gewaltförmigen Auseinandersetzung eine Strategie des Widerstands gegen die Praxis der Unterdrückung schwarzer Frauen. Der Rachemord folgt formal-ästhetisch dem Inszenierungsmuster der Andeutung und hebt die Bedeu- tung weiblicher Gemeinschaft (sisterhood, womanhood) bzw. weiblichen Zu- sammenhalts (female bonding) hervor. Nur durch die Imitation männlicher Gewalt kann laut Troka (2002) ein Wandel stereotyper Geschlechter-Diskurse stattfinden, die als „master narratives“ die HipHop-Videoclips beherrschen. Auch Beatty (2002) setzt sich mit dem Motiv des Rachemords am Beispiel des Videoclips Spend A Little Doe von Lil’ Kim auseinander. Beide Beispiele 64 zeigen, inwiefern missbrauchte Frauen den Spieß umdrehen und Rache an Männern üben. Allerdings geht Beatty im Gegensatz zu Troka davon aus, dass sexistische und rassistische Stereotype durch Rollenhandeln und Stereotype weiblicher Gangsta-Rapperinnen nicht überwunden werden (so auch der Kon- sens im Kontext weißer Künstlerinnen). Beatty (2002) und Stephens/Phillips (2003) gehen davon aus, dass durch die hypersexuellen und gewaltdominierten Weiblichkeitsmuster der she-devils oder gangsta bitches rassistische Stereotype eher verstärkt werden und Gewalt gegen sie legitimiert wird. Auch bei der Frage der Inversion der Geschlechterverhältnisse durch Gewalt ist aus der Perspektive des Jugendschutzes unklar, ob die Kritik häuslicher Gewalt bzw. männlicher Dominanz im deutschsprachigen Rezeptionskontext nachvollzogen werden kann. Der narrative Rahmen im Kontext afro-amerikanischer Geschlechterverhält- nisse ist – zusammenfassend – vor allem geprägt durch die „pimp narratives“ (Queeley 2003). In diesem Kontext enthält die Symbolsprache von Rap-Musik- videos häufig auf die Spitze getriebene Formen von Männlichkeit, Sexualität, Aggressivität, Konsum und Verdinglichung. Zentrale semantische Größen sind Gewalt und Sexualität, die sowohl in den Videoclips männlicher Künstler als auch den Imitationen weiblicher Kolleginnen (gangsta bitches) enthalten sind. Damit wird deutlich, dass oppositionelle Repräsentationsformen und Diskurse von Weiblichkeit im Kontext afro-amerikanischer Kultur signifikant von den Darstellungsstereotypen weißer Frauen abweichen. Die kulturell divergierenden Muster von Weiblichkeit und Geschlechtsidentität sind vermutlich in der kulturellen Differenz der Geschlechterverhältnisse bzw. -hierarchien begründet. Während es in den Videoclips weißer Künstlerinnen um Fragen gesellschaft- licher Benachteiligung, hierarchische Machtbeziehungen und um strukturelle Gewalt gegen Frauen geht, werden in der Literatur zu Videoclips afro- amerikanischer Künstlerinnen in erster Linie aggressives und gewaltförmiges Verhalten in privaten (domestic violence) bzw. lokalen Kontexten (Banden- kriminalität) besprochen (vgl. außerdem Bloss 2001, Richard 2003). Gewalt- förmige Auseinandersetzungen zwischen den Geschlechtern finden nicht psy- chisch oder strukturell, sondern als gewaltbetonte Handlungen statt. Geschlechter- und Rassenproblematik sind konflikthaltig miteinander ver- schränkt: Emerson (2002) weist darauf hin, dass schwarze Frauen vor dem Widerspruch zwischen Feminismus und schwarzer girl culture stehen. Orien- tieren sie sich an feministischen Idealen bleibt der gesellschaftliche Status weißer Frauen für sie unerreichbar. Die bipolare Gegenüberstellung von Weib- lichkeit und Feminismus, deren Überwindung die Arbeiten der Gender Studies kennzeichnet (vgl. McRobbie 1994, Brunsdon 1992), liegt den Arbeiten der Medien- und Rassismuskritik (Hooks 1993, 1994) zugrunde. Die doppelte Diskriminierung schwarzer Frauen (vgl. Rose 1994, Hooks 1993, 1994) unter- läuft die Möglichkeiten alternativer bzw. oppositioneller Weiblichkeitsmuster. 65 Dementsprechend wird die Frage nach dominanten und oppositionellen Dis- kursen in der vorliegenden Literatur kontrovers behandelt (konfliktäre Diskurse vs. Dichotomie affirmativ/oppositionell): VertreterInnen der Gender Studies würdigen die Darstellungen von gangsta bitches bzw. she-devils als progressiv, wohingegen diese aus Sicht der afro-amerikanischen Kulturkritik rassistische Stereotype verkörpern. Im Vergleich zur Adoleszenz weißer Jugendlicher bleibt laut Emerson (2002) die Analyse kultureller Praktiken schwarzer weiblicher Teenager in den Studien der Cultural Studies weitestgehend unberücksichtigt und bedarf weiterer Forschung. (Die Studien von Goodall (1994), Roberts (1991) und Skeggs (1993) sind problematisch, da sie kritische Themen männ- licher schwarzer Jugendkultur privilegieren.) Vor dem gegebenen Hintergrund steht die deutsche Forschung vor der Frage, wie im Kontext globalisierter medialer Bedeutungsangebote kulturell divergierende Weiblichkeits- und Ge- schlechterdiskurse von männlichen und weiblichen RezipientInnen interpretativ erschlossen werden können. Die bisherige Literatur bietet hierfür wenig Ant- worten. Insgesamt erscheint es notwendig, die US-amerikanische Diskussion über Sexualität und Gewalt in Videoclips unter deutscher Perspektive neu zu erschließen. 6.5 Zwischenresumee: Forschungsschwerpunkte und Forschungsdesiderata zum Thema: Clip und Sexualität, Gender und Race in Musikvideos Die gängige Einschätzung der Darstellungsmuster weiblicher und männlicher Geschlechtsidentität in Musikvideos lautet, dass das Programm von MTV und VIVA den traditionellen Darstellungen der Geschlechter entspricht (u. a. Bech- dolf 2002). Allerdings ist im medialen Angebot das Spektrum der Ge- schlechterrepräsentation sehr breit: Ein sexistischer Rap-Videoclip kann nach einem feministischen Protestsong gezeigt werden, der wiederum von Cross- Dressing-Bildern abgelöst wird (Bechdolf 1999a). Fiske (2000), Lewis (1993) und Zellers (1998) betonen den positiven Beitrag des Bildmediums Musik- fernsehen an der Popularität weiblicher Künstlerinnen im Laufe der 1980er und 1990er Jahre. So haben MTV und VIVA ein Vordringen weiblicher Stars in die „Männerdomäne“ Rockmusik begünstigt. Bechdolf (1997b, 1999), Blume (1996, 1998), Reynolds/Press (1995) und Zellers (1998) geben einen Überblick über die Bedeutung weiblicher Künstlerinnen in der Populärmusik und typische weibliche Adressierungsformen in Videoclips. Die Darstellungs- formen weiblicher Künstlerinnen in Videoclips bewegen sich grundsätzlich im Spannungsfeld von Star-/Körperinszenierung und Promotionfunktion auf der einen Seite sowie der Adressierung männlicher Schaulust und Inszenierung weiblicher Geschlechterrollenklischees auf der anderen Seite. Dies lässt sich auch als Ambivalenz zwischen Promotionfunktion und Verdinglichung be- 66 greifen. Blume (1993, 1998), Fiske (2000), Lemish (2003), McRobbie (1994), Schmidbauer/Löhr (1999) und Turim (1996) verdeutlichen außerdem, dass sich vor allem die Darstellung von Sexualität im Spannungsfeld patriarchaler Deutungsmuster (Macht und Abhängigkeit, Verdinglichung und Kontrolle, romantische Erzählung und Sanktionierung wie „Heilige/Hure“) und distinkten Erfahrungen und Bedürfnissen weiblicher Adoleszenz bewegt. Für Jugend- medienschutz und Medienpädagogik ist primär zu berücksichtigen, dass Kör- perpräsentationen weiblicher Stars aus Sicht der Gender Studies vor allem erwünscht sind, wenn sie im Zusammenhang der Adressierung weiblicher jugendlicher Fans stehen (female adress videos). Zum Einfluss der Videoclip-Kultur MTVs und VIVAs betonen verschiedene AutorInnen unter diachroner Perspektive die Zunahme weiblicher Adressierun- gen (female adress videos) in Videoclips im Laufe der 1980er und 1990er Jahre (Lewis 1993). Dazu zählen die spezifisch weiblichen Zuschaueradressie- rungen der girl culture, mit denen weibliche kulturelle Erfahrungen von Ge- schlechtsidentität und Adoleszenz angesprochen und widergespiegelt werden (vgl. Lemis 2003, Lewis 1993, McRobbie 1994). Weibliche Künstlerinnen der 1980er Jahre wie Madonna oder Cindy Lauper haben männliche Domänen und Handlungsräume kultiviert, in denen Stars der 1990er Jahre wie die Spice Girls oder Tic Tac Toe selbstbewusst agieren (Lemish 2003). Weibliche Adres- sierungen werden auch im Kontext männlicher Körperdarstellung – am promi- nentesten bei Boygroups – angesprochen. Bechdolf (1999a), Blume (1998) und Stockbridge (1990) zeigen, wie im Zuge der „Umkehrung der Attraktion“ der männliche Körper zum Gegenstand weiblicher Schaulust und weiblichen Begehrens wird. Zu einer exzeptionell euphorischen Einschätzung pluraler Geschlechterdarstellungen gelangt Zellers (1998), die einen emanzipatorischen Fortschritt durch MTV verwirklicht sieht. MTV habe die Einstellung der Ge- sellschaft gegenüber Frauen verändert und Frauen bestimmen das Programm auf MTV. Bechdolf (1999a) widerspricht der Einschätzung einer Gegenbewe- gung durch weibliche Adressierungen in Videoclips und geht von einem syn- chronen Vorhandensein affirmativ-sexistischer und progressiv-utopischer Video- clips aus. Vor allem Lemish (2003) und Kaplan (1988) stellen ebenso wie Bechdolf utopische Handlungsentwürfe in Musikvideos in Frage. Insbesondere symbolisches Aufbegehren in Tanzszenen repräsentiere eine Überwindung von Geschlechterrollen und -hierarchien außerhalb realer Handlungsräume und -kontexte. Auch Funk-Hennigs (2003) äußert sich unter diachroner Perspektive kritisch gegenüber den durch Videoclips vermittelten Weiblichkeitsbildern und sieht innerhalb der 1990er Jahre tendenziell eine Rückkehr zu traditionellen Geschlechterrollen. Insbesondere die Frauenbilder von Bands aus Castingshows werden von Funk-Hennigs (2003) und Nolte (2004) aufgrund mangelnder Selbst- und Mitbestimmung als negativ bewertet. Die Frage der Mitbestim- mung und künstlerischen Eigenständigkeit weiblicher Musikerinnen ist Gegen- 67 stand produktionsanalytischer Betrachtungen (u. a. Lewis 1993, Bechdolf 1999a). In der Regel wird die Musikindustrie als klassische „Männerdomäne“ (Blume 1996) bezeichnet, in der weibliche Künstlerinnen ausgegrenzt werden (Lewis 1993), was sich im Kontext afro-amerikanischer Musik (u. a. Shelton 1997) und Castingshows weiter verschärft. In Bezug auf die Ausdrucksmög- lichkeiten weiblicher Identität gehen zahlreiche AutorInnen von einer Aus- differenzierung und Erweiterung populärer Frauenbilder aus. Bechdolf (1999), Bloss (1998), Blume (1998) und Zellers (1998) sprechen von einem Pluralis- mus der auf MTV und VIVA vermittelten Weiblichkeits- und Männlichkeits- bilder, im Zuge dessen es zu einer Umbewertung der Geschlechterkonstruk- tionen komme. Bloss (1998) zufolge scheinen die Medien- und Klangbilder der Rock- und Popmusik seit den 1980er Jahren die normativen Grenzen von Weiblichkeit und Männlichkeit zu verwischen. Dabei sind jedoch die Differen- zen der musikalischen Genres zu berücksichtigen. Aktuell haben Musikstile wie HipHop, R’n’B, Gangsta-Rap oder Dancehall Konjunktur, in denen opposi- tionelle Formen weiblicher Körperpolitik und Geschlechterrollen (siehe Bech- dolf 1999a) zu verschwinden scheinen, weshalb von Seiten des Feminismus und der Gender Studies ein backlash tradierter Geschlechterverhältnisse ver- zeichnet wird (vgl. Queeley 2003, Richard 2003). Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für einen anwendungsbezogenen Jugendschutz und welche weiteren Forschungsdesiderate sind aufgrund des bisherigen Wissensstands angezeigt? Die vorhandene Literatur weist deutlich auf eine Entdramatisierung bei Fragen der Körperpräsentation und Sexualität hin. Die Ergebnisse der Verwissenschaftlichung zeigen, dass Nacktheit als tole- rierbar, gesellschaftlich normal oder – aus der Perspektive weiblicher Adoles- zenz – als erwünscht angesehen wird. Frauen in Videoclips sind dabei auch Objekte des männlichen Betrachters. Allerdings hängt es von der Kontextuali- sierung, d. h. der Inszenierung von Rollenmustern und narrativen Handlungs- räumen im Videoclip ab, ob eine Darstellung als sexistisch bzw. diskriminie- rend zu bewerten ist. Aus Sicht eines anwendungsbezogenen Jugendschutzes fehlen jedoch Bewertungskriterien, nach denen bestimmte Körperpräsentatio- nen und Darstellungen von Sexualität zu befürworten sind. Als Konsens der Gender Studies hat sich herauskristallisiert, dass sexualisierte Körperpräsenta- tionen (u. a. Nacktheit) und Blickkonstruktionen des male gaze zu typischen, dominanten Weiblichkeitsbildern zählen. Geschieht diese Präsentation jedoch in Verbindung mit deutlicher männlicher Dominanz, die bis hin zu Verfügungs- gewalt über Frauen reichen kann, so bewegt sich die Darstellung von Weiblich- keit außerhalb eines tolerierbaren Rahmens. Die vorhandene Literatur bietet zwar einen systematischen Überblick über potentielle Inszenierungsformen, stellt den Jugendschutz allerdings vor Heraus- forderungen: 68 (1.) Der Mehrzahl der Forschungsliteratur mangelt es vor allem an Aktualität: Ausgangspunkt sind in der Regel ältere Videoclips und Weiblichkeitsbilder der 1980er und 1990er Jahre. (2.) Das deutsche Programm von MTV und VIVA wird zu wenig berücksich- tigt bzw. mit den Inhalten von MTV (USA) gleichgesetzt (vgl. u. a. Bastian 1999). Grundsätzlich ist ein Mangel an Programm-, Genre- und Formatanalysen deutschen Musikfernsehens festzuhalten (siehe auch Teil III dieser Literatur- sichtung). Unter dieser Perspektive bieten die häufig zitierten Ergebnisse US- amerikanischer Inhaltsanalysen der 1980er Jahre keine Antwort auf die Frage der Darstellung von Sexualität in Videoclips des Programms von MTV und VIVA. Auch Analysen weiblicher deutscher Stars finden nur am Rande statt; zu den wenigen Ausnahmen zählen die Analysen der Girlgroups No Angels und Tic Tac Toe von Blume (1998), Funk-Hennigs (2003) und Nolte (2004). Stattdessen ist die aktuelle, deutschsprachige Musikvideoforschung immer noch beherrscht von dem Phänomen „Madonna“, deren Videoclips u. a. von Bergermann (1997), Bloss (2001), Bühler (2002), Bullerjahn (2001), Funk- Hennings (2003), Geuen/Rappe (2003), Grigat (1995), Mertin (2004), Richard (2004) und Volkmann (2003) besprochen werden. Auch hierbei zeigt sich deutlich, inwiefern die Literatur dem Markt folgt, und welche – immer noch beschränkten – Wege der Verwissenschaftlichung der Debatte gegangen worden sind. (3.) Die Literatur der Gender Studies fokussiert deutlich weibliche Starinsze- nierungen; die Inszenierung weiblicher „Nebenrollen“ in Videoclips wird kaum berücksichtigt. Dies ist kein unwichtiger Aspekt, da bspw. in HipHop-Videos keine weibliche Protagonistinnen in Hauptrollen zu sehen sind, sondern nur Nebenrollen vergeben werden – und zwar an Stripperinnen! (4.) Neben den im deutschsprachigen Raum dominierenden dekonstruktivisti- schen Gender Studies bedarf es Analysen, welche die Relevanz von Ge- schlechtsidentität und Sexualität im jugendlichen Alltag und der Sozialisation berücksichtigen (vgl. Dibben 1999, Lemish 2003, McRobbie 1994). Neumann- Braun (1999a) und Hachmeister/Lingemann (1999) zeigen, wie das Thema Sexualität in den Werbekampagnen VIVAs aus der Perspektive der Adoleszenz angesprochen wird. (5.) Hinsichtlich der Präsentation männlicher Geschlechtsidentität liegen laut Neumann-Braun/Schmidt (1999) wenig Arbeiten vor, wobei auch kulturspezi- fische Darstellungsweisen männlicher Adoleszenz (vgl. Schmidbauer/Löhr 1996) zu berücksichtigen sind. (6.) Auch das Zusammenspiel sexueller Inhalte mit musikalischen und visuel- len formal features von Musikvideos bedarf weiterer Analyse (vgl. Schmid- 69 bauer/Löhr 1996). Bisherige Analysen der Gender Studies konzentrieren sich vor allem auf inhaltliche Gesichtspunkte. (7.) Weibliche Körperpräsentationen stehen unter zwei verschiedenen Vor- zeichen: (7a.) Die US-amerikanische HipHop-Kultur und Rap-Musikszene stellt ein weiteres Forschungsdesiderat dar. Zu sexistischen Repräsentationen in Rap- resp. Gangsta-Rap-Videoclips liegen zahlreiche US-amerikanische Studien vor. Es besteht jedoch Forschungsbedarf hinsichtlich lokaler Aneignung globaler Semantiken; d. h. wie sexuelle und/oder aggressive Inszenierungen afro-amerikanischer Künstlerinnen und Künstler vom deutschen jugend- lichen Publikum rezipiert werden. Die Rezeptionsforschung steht damit vor der Frage, wie die Problematik von Gender und Race in Deutschland ver- schränkt ist. (7b.) Der Starkult weiblicher Heldinnen in Videoclips führt mitunter zu exzessiver Betonung und Überbewertung von Körperlichkeit, Konditionie- rung und Kontrolle. Die sexualisierten Körperpräsentationen weiblicher super- bzw. wonder women im Stil von Kylie Minogue, Britney Spears und Christina Aguilera können sich zwar innerhalb gesellschaftlich akzep- tierter Grenzen bewegen, führen nach Tiggemann/Slater (2003) aber auch zu sozialem Vergleich und körperlicher Unzufriedenheit unter Mädchen und Frauen. Die Beschäftigung mit hypersexuellen und hyperweiblichen Starinszenierungen in Videoclips steht erst am Anfang (vgl. Dibben 1999, Lemish 2003) und bedarf weiterer Produktanalysen. Außerdem sind in dieser Hinsicht Rezeptionsstudien unter Rezipientinnen angezeigt. (8.) Bei der geplanten Neupositionierung der TV-Sender scheinen gerade Ge- schlechterdifferenzen eine entscheidende Rolle zu spielen. Bei einer komple- mentären Programmstruktur – „VIVA für Mädchen, MTV für die Jungs“ – ist denkbar, dass die spezifische Musikfarbe der TV-Sender MTV und VIVA durch male bzw. femal adress videos (Lewis 1993) strukturiert wird (vgl. laut. de 2004, FAZ.NET 2004). Derzeit ist die Differenzierung nach Geschlechtern im Programm MTVs zu beobachten. Der Nachmittag steht mit Celebrity- und Datingshows unter dem Vorzeichen weiblicher Konsumkultur, Lifestyle und Romantik, wohingegen Semantiken männlicher Adoleszenz mit „Pimp my Ride“, „Jackass“, „Freakshow“ oder „Beavis and Butthead“ das Abendpro- gramm bestimmen (vgl. Sendeschema MTV 07. 01. – 13. 01. 05). (9.) Bedeutung intertextueller Starimages: Starimages von MusikerInnen kon- stituieren sich mitunter durch vielfältige TV- und Medien-Formate: z. B. durch Celebrity- oder Castingshows (No Angels, BroSis, Max Mutzke, Daniel Kübl- böck), Daily Soaps und TV-Serien (Kylie Minogue, Britney Spears, Christina Aguilera, Yvonne Catterfeld), Film (Jennifer Lopez) und Computerspielen 70 (weibliche und männliche US-Rapper in „Fight for N. Y.“). Dies bedeutet, dass zu fordernde weitere Videoclipanalysen in einem erweiterten Untersuchungs- horizont durchzuführen sind, nämlich im Rahmen einer umfassenden Medien- verbund-Analyse. Nur so kann aufgezeigt werden, auf welche umfassend inte- grierte Weise sich Musikfirmen und ProduzentInnen den MusikkonsumentInnen gegenübertreten (siehe in der Einführung das Stichwort Kommerzialisierung).n 7 Fazit zu Teil I Die Teilsichtung der Literatur zu den Aspekten Videoclips und Gewalt sowie Aggression, Sexualität, Gender und Race führt zu einem zwiespältigen Ergeb- nis: Im Zuge der erfolgreichen Etablierung des Musikfernsehens im deutschen Markt ist es zu einer Veralltäglichung dieses Programmangebots gekommen. Die öffentliche Debatte ist nicht länger aufgeregt und besorgt wie seinerzeit vor gut 20 Jahren, als Musik-TV und Videoclips weltweit auf Sendung gin- gen. Entsprechend ruhiger ist es auch in den einschlägigen wissenschaftlichen Debatten geworden. Insbesondere im Bereich der Gender Studies sind bis heute interessante Forschungen zur Rolle der Frau resp. zum Wandel der Ge- schlechterverhältnisse im Clip entstanden. In jüngster Zeit haben neue Formen der Präsentation von sexistischen Ins- zenierungen vor allem in HipHop-Clips die öffentliche Meinung mobilisiert, und auch im Bereich der Inszenierung von Gewalt und Aggression geben aktuelle Entwicklungen Anlass, sich dem Musik-TV und den Clips auch wissenschaftlich wieder genauer zuzuwenden. Die einzelnen Ergebnisse der beiden Literaturteilstudien brauchen an dieser Stelle nicht wiederholt werden. Vielmehr geht es im Weiteren darum, diese im Lichte von Medienjugendschutz und Medienpädagogik zu bewerten. Generell fehlt uns aktuelles Wissen über die Programmstrukturen und -angebote der deutschen Musiksender. Die vorliegenden Daten sind entweder veraltet oder entstammen dem angelsächsischen Raum. Deren Reichweite ist jedoch sehr begrenzt, da die jeweiligen nationalen Gegebenheiten zu berück- sichtigen und zu gewichten sind. Alle folgenden Einschätzungen beruhen also auf einer unzureichenden Wissensgrundlage. Die Inszenierung von Gewalt und Aggression in Clips scheint – allgemein gesprochen – kein Fall für den Jugendmedienschutz zu sein, der prüfend und zensierend einzugreifen hätte: hard violance wird nur in Ausnahme- und Einzelfällen gezeigt (was ein systematisches Screening jedoch erst noch zu bestätigen hätte). Was hingegen einen Handlungsbedarf anzeigt, ist der Trend, in Videoclips Gewalt und Aggression gleichsam unter der Hand, latent, auf den ersten Blick „sauber“ darzustellen. Einige Studien haben erste Unter- suchungsperspektiven dieses Phänomens aufgezeigt. Diese Form der Gewalt 71 zu erkennen und sachangemessen einschätzen und bewerten zu können, ist für junge Menschen ohne Zweifel alles andere als eine leichte Aufgabe. Hier ist an eine gezielte Förderung der Medienkompetenz zu denken. Vermittelt werden müsste einerseits ein Wissen um die medialen Clip-Spezifika, Genres und Formen dieser Art von Gewaltinszenierung, geübt werden müsste aber auch die Leistung der Interpretation, Entschlüsselung und Einordnung des Clips und der Präsentation von aggressiven Posen und gewaltaffinen Inszenierungspraxen. Dies ist kein leichtes Unterfangen, da keine klaren allgemeinen „Interpreta- tionsrichtlinien“ zu lernen sind, sondern nur ein kontextsensibles fallspezifi- sches Sinnverstehen eingeübt werden kann. Entsprechende medienpädagogi- sche Konzepte und Materialien wären zu entwickeln. Ein ähnliches Bild zeigt sich im Bereich der Präsentation von Sexualität, Gender und Race in Clips und Musikfernsehen. Auch hier ist die Datenlage nicht zufrieden stellend, viele Arbeiten sind älteren Datums und entstammen dem angelsächsischen kulturellen Kontext. Zwei Trends lassen sich in der Literatur jedoch erkennen: Zum einen werden in den Clips alte wie neue Rollenstereotype gezeigt, was bei jungen RezipientInnen die Frage entstehen lässt, welche Rolle als „Kopiervorlage“ gelten sollte; zum anderen werden die oppositionellen Frauenbilder oft in parodistischer, überzogener Weise darge- boten mit der Schwierigkeit, wie diese zu deuten sind – konkret: Ist Madonna eine alte oder eine neue Frau, kämpft sie für das Gestern oder für das Morgen? Auch die ExpertInnen sind sich hier uneinig. Wie sollen dann jedoch junge Menschen mit dieser Ambivalenz und Mehrdeutigkeit umgehen (lernen) kön- nen? Weiterhin zeigt sich insbesondere am Genre HipHop, dass die Präsentation von Frauen und Männern und ihren Lebensstilen interkulturelles Wissen er- fordert. Nur mit einem entsprechenden Hintergrundwissen erschließt sich der kulturelle Kontext, in dem diese Clips ursprünglich erdacht worden und ent- standen sind. Auch hier gilt, dass dieses Wissen ein komplexes ist, das erlernt werden muss. Auch wenn heute viele Jugendliche sich selbst viel erschließen und beibringen, bleibt zu bezweifeln, ob sie das notwendige Wissen allein im Rahmen von Selbstsozialisationsprozessen erwerben können. 72 Teil II: Nutzungsmotivationen und Rezeptionsformen sowie Wirkungen von Musikvideos 8 Allgemeine Nutzung und Rezeption von Musikvideos Die Studien, die sich mit der Nutzung und Rezeption von Musikvideos be- fassen, lassen sich grob in drei Bereiche einteilen: (1.) Studien, die sich mit der Motivation zur Nutzung von Musikvideos und den Rezeptionsformen beschäftigen (2.) Studien, die sich vorwiegend aus sozialpsychologischer Sicht mit den Wirkungen von Musikvideos auseinander setzen, und (3.) Studien, die von aktiven RezipientInnen ausgehen und verschiedene Les- arten in der Rezeption von Musikvideos herausarbeiten. Zu den sozialpsychologischen Studien ist einschränkend anzumerken, dass sie häufig versuchen, monokausale Erklärungen für Wirkungen aus einfachen Korrelationen zu extrahieren. Abgesehen davon, dass die Ergebnisse in experi- mentellen Laborsituationen gewonnen wurden, lassen sich derart vereinfachte, monokausale Beziehungen nur sehr bedingt auf die komplexe Alltagswirklich- keit von Kindern und Jugendlichen übertragen. Im Hinblick auf die Studien, die von aktiven RezipientInnen ausgehen, muss einschränkend angemerkt wer- den, dass sie manchmal dazu tendieren, die Aktivität der RezipientInnen im Wechselspiel mit den medialen Darstellungen zu prominent zu bewerten, vor allem dann, wenn Kinder und Jugendliche untersucht werden. Zwar sind diese auch als Rezipientinnen aktiv, eignen sich sowohl mediale Darstellungen als auch ihre Umwelt aktiv an, doch hängen die Bedeutungen, die sie den Medien- produkten beimessen, von ihrem erworbenen Wissen und ihrer Medienkompe- tenz ab. Das gilt auch für die Sexualitäts- und Gewaltdarstellungen in Musik- videos. Allerdings muss hier angemerkt werden, dass sich die Programme der Musiksender MTV und VIVA in den letzten Jahren stark gewandelt haben. Reine Clipsendungen, in denen moderiert oder unmoderiert Musikvideos laufen, haben ihre dominanten Positionen in der Programmstruktur der Sender ver- 73 loren. Stattdessen haben Informationssendungen und vor allem Reality-Formate an Bedeutung gewonnen. Diese Entwicklung wird nach der Referierung der Ergebnisse der Studien zur Nutzung und Rezeption von Musikvideos anhand einer stichprobenartigen Untersuchung der Programmstruktur von MTV und VIVA belegt. 8.1 Nutzungsmotivationen und Rezeptionsformen Seit Mitte der 1980er Jahre wurden Studien zur allgemeinen Rezeption und Nutzungsmotivation von MTV und ab den neunziger Jahren auch zu anderen Musiksendern durchgeführt, die vor allem Eines deutlich machen: Es gibt eine Vielzahl von Rezeptionshaltungen und -motiven sowie von Orientierungen im Umgang mit Videoclips – nur auf die Musik, auf die Verbindung von Musik und Bildern, auf das eigene Versenken in die Bilderflut, auf sexuelle und gewalthaltige Themen oder auf Lebensstil-Informationen bezogen (Schmid- bauer/Löhr 1996, 1999a, 1999b). Die Studie von Sun und Lull (1986) gehört sowohl zu den frühesten, als auch am häufigsten zitierten Untersuchungen, die sich nicht auf Produktanalysen oder potentielle Wirkungen, sondern auf Motive und Rezeptionshaltungen der jugendlichen ZuschauerInnen konzentriert. Spätere empirische Forschungser- gebnisse, sowohl aus dem anglo-amerikanischen Raum, als auch aus Deutsch- land decken sich im Wesentlichen mit den Erkenntnissen dieser Studie. 603 SchülerInnen zwischen 15 und 18 Jahren wurden zu ihrer Musikvideo- rezeption befragt und die Ergebnisse quantitativ-statistisch ausgewertet. Nach Sun und Lull unterscheiden sich die Nutzungsmotive für MTV von jenen, die dem allgemeinen Fernseh- oder Musikkonsum zugeschrieben werden, und können deshalb mit Variablen aus den entsprechenden Forschungen nicht adäquat erfasst werden, denn zentrale Ergebnisse sind musikvideospezifisch (ebd., S. 119). Neben einem konkreten Interesse an Musik und InterpretInnen und einem unspezifischen Unterhaltungswert für die RezipientInnen wird von den Befragten vor allem angegeben, dass die visuellen Interpretationen, welche die Videos zu den Songs liefern, einen wichtigen Motivationsgrund für das Sehen von Musikvideos darstellen. Weitere Gründe waren unspezifischer Zeit- vertreib, Informationssuche zu Musik, das Ansprechen von Emotionen, soziales Lernen, zum Beispiel von Modetrends, Alltagsflucht und Material für soziale Interaktion – die Musikvideos dienen als kommunikative Ressource, als Ge- sprächsthema in der Peergroup. Einige Studien betonen die Funktion von Musikfernsehen als „Nebenbei- medium“, das im Hintergrund zu anderen Tätigkeiten eingeschaltet wird. Hier wird auch der Begriff vom Musikfernsehen als „visuellem Radio“ geprägt (Altrogge/Amann 1991, Barth/Neumann-Braun 1996, Roe/Cammaer 1993). Roe/Cammaer (1993) stellen in einer Befragung von 800 belgischen Jugend- 74 lichen zwischen 12 und 18 Jahren zu ihrer Nutzung von MTV fest, dass der Sender in erster Linie als Hintergrundmedium ohne Selektion spezifischer Angebote des Senders genutzt wird. Auch Altrogge und Amann (1991) kommen zu dem Schluss, dass Videoclips allgemein von Jugendlichen tätigkeitsbegleitend genutzt werden – neben Hobbys, Telefonieren, Hausaufgaben und häufig als soziale Aktivität mit Freunden, wobei das Musikfernsehen im Hintergrund zu gemeinsamen Gesprächen „laufengelassen“ wird. In einer US-amerikanischen Erhebung mit 499 TeilnehmerInnen von Paugh (1988) gibt ebenfalls die Mehr- heit der Befragten an, MTV als Hintergrundmedium zu nutzen. Grüninger und Lindemann (1995) befragten 172 GymnasialschülerInnen zu ihrer Nutzung des Musikkanals VIVA. Auch sie erhielten vergleichbare Ergebnisse. Auf 76 Prozent der befragten SchülerInnen hat VIVA den größten Einfluss als Informations- und Anregungsquelle in Bezug auf Musikkultur. Die Videoclips sind in den Medienalltag der Jugendlichen integriert, sie werden genutzt, um in gute Laune versetzt zu werden (74 Prozent), Langeweile zu vertreiben (60 Prozent) oder sich musikalisch zu orientieren (60 Prozent). Für 57 Prozent der SchülerInnen dient VIVA als kommunikative Ressource und fördert den Austausch mit FreundInnen und Bekannten. 70 Prozent sehen täglich bis zu einer Stunde VIVA, 24 Prozent bis zu zwei Stunden, 6 Prozent mehr als zwei Stunden. VIVA wird sehr stark als „Nebenbeimedium“ genutzt, das läuft, während andere Aktivitäten ausgeführt werden, vor allem Hausaufgaben, Lesen, Besuch von FreundInnen, Telefonieren und Essen. „Die aufgezählten Tätig- keiten sind keine Nebenbeschäftigungen parallel zum VIVA-Konsum, sondern umgekehrt, VIVA ist die eigentliche Nebenbeschäftigung“ (ebd., S. 421). Frielingsdorf und Haas (1995) untersuchen die Bedeutung und Nutzung von Musikfernsehen durch 14- bis 29-jährige Jugendliche und junge Erwach- sene in einer umfangreich angelegten Studie in Nordrhein-Westfalen. In einer qualitativen Vorstudie, in der es um erste Hinweise auf Stellenwert und Nut- zung von Musikfernsehen ging, wurden vier Gruppendiskussionen mit 6 bis 10 TeilnehmerInnen qualitativ-interpretierend ausgewertet. Darauf folgte eine Telefonbefragung von 533 Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Bezug auf Mediennutzungsverhalten, Gesamtakzeptanz der Musiksender und Akzeptanz einzelner Programmbestandteile. Die Ergebnisse wurden quantitativ-statistisch analysiert und decken sich weitgehend mit den Ergebnissen der weiteren Musik- video-Rezeptions- und Nutzungsforschung. Musikfernsehen wird als Musik- medium alternativ zu Radio und Tonträgern und auch alternativ zu anderen Fernsehprogrammen genutzt. Es erfüllt eine wichtige Kommunikationsfunk- tion in den subkulturellen Lebensbezügen der Jugendlichen. Sie sammeln dort Informationen und eignen sich Wissen an, um mitreden zu können. Dieser vielschichtigen Bedeutsamkeit steht jedoch die oberflächliche Nutzung von Musikfernsehen als Begleitmedium gegenüber, die auch in dieser Studie domi- nant ist. 61 Prozent der 14- bis 19-jährigen NutzerInnen geben an, etwas 75 anderes nebenher zu tun. Diese Nebenbeinutzung ist bei jungen Erwachsenen noch stärker ausgeprägt (70 Prozent) als bei Jugendlichen, für die Musik in ihrer Alltagspraxis noch eine stärkere Bedeutung hat und die aus diesem Grund auch die Musiksender intensiver und bewusster nutzen. Verschiedene qualitative Studien eröffnen ein differenzierteres Feld von allgemeinen Nutzungsmotivationen und Rezeptionsformen, vor allem in Hin- blick auf den Stellenwert des Musikfernsehens als Vordergrund-/Hintergrund- medium. Quandt (1997) untersucht die Rezeption und Nutzung von Musikvideos durch Jugendliche mit offenen, halbstrukturierten, problemzentrierten Inter- views mit fünf weiblichen und fünf männlichen Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren. Die qualitativ-interpretative Auswertung zeigt, dass das Ausmaß und die Formen der Musikrezeption sehr stark variieren. Ein hoher Musik- konsum bedeutet nicht unbedingt eine hohe Involviertheit. Der Stellenwert, den die Musik im Leben einnimmt, ist nicht notwendig vom Ausmaß der Rezeption bestimmt. Die Nutzung der Clips läuft sowohl tätigkeitsbegleitend im Hintergrund als auch ohne Nebenbeschäftigung im Vordergrund ab. Selbst hier ist die Auseinandersetzung mit den Clips unterschiedlich gewichtet; man macht sich Gedanken über die Videos, oder der/die RezipientIn „lauscht“ einfach der Musik und lässt die Bilder an sich vorbeiziehen. Teilweise vermischen sich die Rezeptionsweisen auch. Beispielsweise lässt ein/e RezipientIn die Videos als Begleitmedium zu den Hausaufgaben im Hintergrund laufen, dann erregen auffällige Bilder oder Musik die Aufmerksamkeit, die Konzentration verlagert sich auf das Musikvideo, um anschließend die Beschäftigung mit den Haus- aufgaben wieder aufzunehmen. Die Motivationen für die Nutzung sind sehr verschieden. Sie reichen von Zeitvertreib, Entspannung, Ablenkung und Spaß über die emotionale Stimula- tion bis zu einer Rezeption mit differenziertem Interesse an bildlichen und musikalischen Inhalten. Die Videos haben eine soziale Funktion als kommuni- kative Ressource. Im Freundeskreis werden Unterhaltungen über Videos ge- führt, wobei die Spannbreite vom oberflächlichen Neuigkeitsaustausch bis zur Diskussion über die Inhalte und die technische Umsetzung reicht. Musikvideos liefern den Jugendlichen Informationen. In erster Linie unter- stützen sie das Verständnis der Songs, und entsprechend werden narrative Videos, die sich an den Songtexten orientieren, bevorzugt. Weitere Informatio- nen, die Jugendliche aus den Videos beziehen, sind neue musikalische Trends, Tanzstile, Weltanschauungen der InterpretInnen und Modetrends. Durch die Videos wird die Phantasie der Befragten sowohl angeregt, als auch beeinflusst. Sie geben an, dass sich eigene Phantasien mit Bildern aus Musikvideos verknüpfen oder dass beim reinen Hören eines Stückes das dazu- gehörige Video im Kopf abläuft. 76 Die Befragten nehmen soziale und politische Aussagen in Musikvideo be- sonders wahr und kommen in den Interviews von selbst darauf zu sprechen. Die Bewertung dieser Aussagen ist ambivalent. Einerseits werden diese als sinnvoll und positiv bewertet, andererseits sind die Jugendlichen der Meinung, dass vorrangig kommerzielle Interessen hinter dem vorgeblichen Engagement der KünstlerInnen stehen und es der Imagebildung dient. Hier zeigt sich, dass sich die Befragten durchaus differenziert mit dem Medium auseinander setzen und sich auch der Interessen der KommunikatorInnen bewusst sein können.m Die Informationsaspekte finden sich auch bei Reetze (1989). In dieser Studie ist die Informationsbeschaffung, zum Beispiel über neue Tanzstile, und das bessere Verständnis von Songtexten der Hauptgrund für die Nutzung. Auch hier werden aus diesem Grund narrative Videos präferiert, die Bilder zeigen, welche zu dem Liedinhalt passen. Bilandzic und Trapp (2000) betonen ebenfalls (vgl. Sun/Lull 1986) die Sonderrolle von Musikfernsehen zum übrigen Fernsehprogramm. In Clips, Interviews und Reportagen thematisieren sie permanent Musik als Jugend- thema schlechthin. „Hopping“ zwischen den Musikprogrammen stellt eine jugendspezifische Fernsehnutzungsweise dar. Dabei steht nicht nur das ästheti- sche, akustische oder visuelle Rezeptionserlebnis im Vordergrund, sondern auch das kulturelle Angebot, über vielfache Aspekte an einer – symbolisch über Musik repräsentierten – Szene teilzuhaben. Modeaspekte, Gesten der InterpretInnen oder deren Interaktionen mit dem Publikum (in den Videos) werden intensiv gedanklich bearbeitet und weisen auf Nutzungsgratifikationen wie Information, soziale Orientierung und Selbstvergewisserung hin. Auch die Ergebnisse der qualitativen Befragung von Fincke (1999) deuten darauf hin, dass Musikvideos nicht nur passiv rezipiertes Begleitmedium sind, sondern beispielsweise zu eigenen musikalischen Aktivitäten anregen. Ebenfalls werden hier die Funktionen von Musikvideos als kommunikativere Ressource betont; sie haben eine soziale Funktion, indem über sie gesprochen und disku- tiert wird. Trotz der für Erwachsene möglicherweise verwirrenden Ästhetik von Musik- clips, enthalten diese für Jugendliche spezifische Sinnangebote, wie zum Bei- spiel beliebte Bands visuell zur Musik wahrnehmen zu können. Jugendliche nutzen sie, um die Inhalte der Musik besser zu verstehen, oder als Anregung, selbst Musik zu machen, zu singen oder zu tanzen. Schorb (1988) unterscheidet hypothetisch zwischen sechs möglichen Rezep- tionsweisen von Musikvideos: (1.) Die subkutane Rezeption: Der Clip wird ohne Bewusstsein rezipiert, einzelne Bilder/Sequenzen werden im Gedächtnis gespeichert und in unvorher- gesehenen Situationen aktiviert. 77 (2.) Die selektive Rezeption: Die Videos werden bewusst angesehen, im Unter- bewusstsein werden bestimmte Bilder gespeichert, die mit bestimmten Erinne- rungen, Wünschen und Ängsten der RezipientInnen korrespondieren. (3.) Die goutierende Rezeption: „Der Clip wird in Bild und Ton als das ge- nossen, was er ist“ (ebd., S. 135). Die Rezeption ist bewusst und kritisch. (4.) Die nivellierende Rezeption: Die Clipästhetik überfordert die Wahrneh- mung, die Reize werden zurückgewiesen und nicht gespeichert. (5.) Die desorientierende Rezeption: Divergente Inhalte verhindern die Orien- tierung, hinterlassen Ratlosigkeit und den Wunsch nach Fremdorientierungen. Hier besteht die Gefahr direkter Übernahme von Gewaltmodellen. (6.) Die sedierende Rezeption: Eine rauschartige Rezeption mit voller Auf- merksamkeit ohne kritische Distanz; es handelt sich um eskapistisches Rezep- tionsverhalten. Gerade bei der desorientierenden Rezeption bestehe die Gefahr der direkten Übernahme von Gewaltmodellen. Bei einer entsprechenden Rezeptionsweise, vor allem von nicht gefestigten Kindern und Jugendlichen, aber auch von labilen Erwachsenen „kann es tatsächlich dazu kommen, dass die Darstellung von Brachialgewalt etwa die – bereits vorhandene – Bereitschaft zu eben- solchem Handeln aktiviert“ (ebd., S. 136). Schmidbauer/Löhr (1996, S. 24 ff.) weisen darauf hin, dass diese Hypothesen mit bestimmten Nutzungsverhaltens- weisen, welche mit empirischen Studien erhoben wurden, korrespondieren (zum Beispiel in Hinblick auf die Nutzung als Hintergrundmedium), eine Operationalisierung für weitere Studien bisher jedoch noch nicht erfolgte. Kinder (1984, vgl. Harvey 1990, Mikos 1992, Mikos 1993) erörtert theo- retische Überlegungen zum Zusammenhang zwischen der MTV-Rezeption, Ideologie und Träumen. Der/die FernsehzuschauerIn rezipiert beim MTV- Sehen traumähnliche Strukturen: unbegrenzter Zugang, strukturelle Diskonti- nuität, Dezentralisierung, Fernsehen als konstanter „flow“, Omnipräsenz des/ der Zuschauers/ in durch direkte Adressierung. Das Wahrgenommene wird in Träumen weiterverarbeitet. Diese „Traumrezeption“ spielt eine wichtige Rolle beim Internalisieren und Reprozessieren von Ideologie, die – besonders intensiv von Musikvideos auf MTV – durch das Fernsehen vermittelt wird. Mikos (1992, 1993) beschreibt MTV als kulturelles Phänomen. Die Nutzung stellt eine kulturelle Aktivität dar, in der symbolisch die Erfahrungsmöglich- keiten eines Rock’n’Roll-Lebensstils vermittelt werden. Im Rahmen der sym- bolischen Verständigung – durch Musik, Tanz, Bilder und Montage – über dieses Lebensgefühl, die sich dem diskursiven, sprachlichen Zugang entzieht, werden kulturelle, politische, historische, gesellschaftliche und ganze mythische Komplexe thematisiert. 78 8.2 Geschlechts-, alters- und schichtspezifische Unterschiede 8.2.1 Geschlecht Schmidbauer und Löhr (1996, 1999a, 1999b) arbeiten geschlechtsspezifische Unterschiede in der Musikvideorezeption heraus. Für Mädchen stellt das An- schauen von Videos eine soziale und beiläufige Aktivität dar, Jungen be- schäftigen sich intensiver mit den Videos und sind eher an Darstellungen sexueller, gewaltförmiger und „cooler“ Szenen interessiert. Müller und Behne (1996a, 1996b) stellen ebenfalls fest, dass Jungen eine größere Hingabe an Musikvideos zeigen und eher an Sex und Gewalt interes- siert sind, während die Rezeption für Mädchen stärker durch soziale Aspekte bestimmt ist. Diese Gewichtung wird durch die Befragung von Reetze (1989) gestützt, in der jeder dritte Schüler, aber nur jede vierte Schülerin sich als „sehr interessiert“ an Musikvideos bezeichnet. In einer schwedischen Nutzungs- studie stellen Roe und Löfgren (1988) ebenfalls fest, dass Musikfernsehen stärker von Jungen genutzt wird. Am Wochenende kehrt sich dieses Verhältnis jedoch um: Hier werden Musikvideos verstärkt von Mädchen gesehen. Die AutorInnen erklären dies mit erhöhten, außerhäuslichen Freizeitaktivitäten von männlichen Jugendlichen in dieser Zeit. Auch bei der Präferenz für bestimmte Musikstile ist das Geschlecht relevant. Die Erhebung von Altrogge (2000) ergibt, dass der Anteil von Heavy-Metal- und HipHop-Fans unter den männlichen Befragten deutlich höher ist, als unter den weiblichen. In der auf diese Musikrichtung ausgerichteten Studie von Altrogge und Amann (1991) wird festgestellt, dass Heavy-Metal-Musik am ehesten dem Gestus und Lebensgefühl von männlichen jungen Erwachsenen der Unterschicht und unteren Mittelschicht entspricht. Mädchen und jüngere männliche Jugendliche beurteilen die Musik teilweise auch positiv, doch gibt es in diesen Gruppen mehr negative Vorbehalte gegen bestimmte Bildinhalte, die eher auf die Lebenswelt der erstgenannten Gruppe abzielen, vor allem performanceorientiertes Imponiergehabe oder Vater-Sohn-Konflikte. 8.2.2 Alter Die Nutzung von Musikvideos ist abhängig vom Alter der RezipientInnen. Müller und Behne (1996a, vgl. 1996b) befragten 154 14-jährige SchülerInnen und 248 StudentInnen zu ihrer Musikvideorezeption. Für die 14-Jährigen ist die Nutzung von Clips wichtiger als für die StudentInnen; sie erleben die Musik intensiver und nutzen sie vielfältiger. Auch in der Erhebung von Paugh (1988) mit 499 TeilnehmerInnen zwischen 18 und 34 Jahren wird festgestellt, dass je jünger die Befragten sind, desto häufiger MTV gesehen wird. Frielingsdorf und Haas (1995) stellen fest, dass die Hintergrundnutzung von Musikfernsehen bei jungen Erwachsenen stärker ausgeprägt ist, als bei 79 Jugendlichen, für die Musik in ihrer Alltagspraxis noch eine stärkere Bedeu- tung hat und die aus diesem Grund auch die Musiksender intensiver und be- wusster nutzen. Jugendliche sind damit die zentrale RezipientInnengruppe von Musikvideos. Kinder schauen sie weitaus weniger an: Bofinger, Lutz und Spanhel (1999) stellten bei einer Befragung von SchülerInnen im Alter von fünf bis neun Jahren fest, dass je älter die SchülerInnen waren, desto stärker war die Bedeutung von Musikfernsehen und Videoclips für die Nutzung von Musik. In einer US-amerikanischen Studie untersucht Christenson (1992, vgl. auch Gleich 1995) die Wahrnehmung und Interpretation von Musikvideos durch Pre-Teens. 100 Kinder zwischen neun und zwölf Jahren wurden in Einzel- interviews mit offenen und geschlossenen Fragen zu ihren Nutzungsgewohn- heiten, Vorlieben und Abneigungen und ihren Wahrnehmungen des Inhalts von Musikvideos befragt. Fünfzig von ihnen wurde anschließend ein Video gezeigt (Billy Ocean Get Outta My Dreams, Get Into My Car), danach wurden sie befragt, wie sie den Inhalt wahrgenommen haben. Der Großteil der 9- bis 12-Jährigen sieht zumindest gelegentlich Musik- videos. 60 Prozent schauten MTV mehrmals die Woche, 17 Prozent täglich. Im Gegensatz zu Jugendlichen haben sie jedoch eine starke Präferenz für die rein auditive Nutzung von Popmusik. Entsprechend ist der Hauptgrund für ihre Musikvideonutzung auch, dass sie die Musik mögen. An zweiter Stelle wird genannt, dass die Videos helfen, die Bedeutungen der Songs zu verstehen. An dritter Stelle steht die visuelle Stimulation (Animation, Spezialeffekte, die extravagante Kleidung der Stars). Über die Hälfte der befragten Kinder war der Meinung, dass Videos Inhalte zeigen, die nicht angemessen für sie sind (vor allem sexuelle Bilder). Ein Teil der Kinder fühlte sich von verwirrenden, formalen Aspekten gestört. Je älter die Kinder waren, desto abstrakter nahmen sie den Inhalt des Videos war (von einer reinen Wiedergabe des Geschehens bis zu abstrakten Aussagen über die repräsentierte zwischengeschlechtliche Beziehung). Rettberg (1997) weist darauf hin, dass Kinder ganz selbstverständlich Musik- fernsehen rezipieren. Durch ihre Mediensozialisation ist ihnen die Ästhetik von Videoclips geläufig und sie können diesen Erzählweisen folgen, die Er- wachsenen allgemein gesehen häufig sowie mitunter auch MedienpädagogInnen fremd sind. 8.2.3 Bildung und Schicht Neben dem Geschlecht ist die Nutzung und Rezeption von Musikvideos auch von bildungs- und schichtspezifischen Aspekten abhängig. Die Studie von Altrogge (2000) ergab, dass Jugendliche mit engem Bildungshorizont mehr an Musikvideos interessiert sind, als andere. Bei ihnen sind alle abgefragten 80 Motivdimensionen (Hedonismus, Orientierung Jugendmusikkultur, Orientie- rung Jugendstile) in starkem Maß relevant für die Nutzung von Musikfern- sehen. Auch die Vorliebe für Heavy-Metal zeigt einen klaren Zusammenhang mit der Herkunft. Je höher die Schicht, desto niedriger der Anteil an ent- sprechenden Fans. Rockmusik wird auf der anderen Seite deutlich stärker von Jugendlichen der mittleren und oberen Bildungsschichten präferiert. In einer Studie zur allgemeinen Mediennutzung stellten Bofinger, Lutz und Spanhel (1999) fest, dass deutsche SchülerInnen überdurchschnittlich häufig Musik im Radio hören, während ausländische SchülerInnen eher dazu neigen, TV-Musikclips anzuschauen. Besonders die undisziplinierten Durchschnitts- schülerInnen sowie die sozial- und leistungsschwachen SchülerInnen zeigten eine besondere Neigung zu Videoclips und Musiksendungen. Auch in der US-amerikanischen Erhebung von Paugh (1988) zeigt sich, dass MTV-Viel- SeherInnen weniger gebildet sind als Wenig-SeherInnen. Roe und Löfgren (1988) untersuchten in einer schwedischen Studie, vor dem Hintergrund des Uses-and-Gratification-Ansatzes, den Zusammenhang zwischen Musikvideorezeption und Schulnoten, schulischem Engagement und Einstellungen zur Schule. 124 SchülerInnen zwischen 15 bis 16 Jahren wurden mit einem Fragebogen befragt, die Ergebnisse quantitativ-statistisch ausgewer- tet. Von den befragten SchülerInnen nutzen die meisten Jugendlichen Musik- videos regelmäßig, vor allem jedoch Jugendliche mit geringeren schulischen Leistungen. Unterhalb der Woche werden die Videos in größerem Maße von schlechteren SchülerInnen mit negativen Einstellungen zur Schule und weniger Engagement rezipiert. Grundsätzlich nutzen diese SchülerInnen die Videos eher als Hintergrundmedium, während bessere SchülerInnen sich den Videos stärker zuwenden. Für sie, vor allem für Mädchen, spielen auch die visuellen Aspekte eine größere Rolle. 8.3 Lebensstile und Musikvideonutzung Eine geringe Anzahl von Studien bezieht die Nutzung von Musikfernsehen auf Lebensstilaspekte von jugendlichen ZuschauerInnen. Potts, Dedmon und Halford (1996) untersuchen den Zusammenhang zwischen Action-Orientierung/ „Sensation Seeking“ und Fernsehpräferenzen mit einer Fragebogenerhebung mit 189 TeilnehmerInnen zwischen 18 und 35 Jahren (Durchschnitt: 19 Jahre). Im Vergleich zu TeilnehmerInnen mit dem Merkmal „geringe Sensationsorien- tierung“ bevorzugen die starken „SensationssucherInnen“ vor allem Musik- videos, Daily-Talk, Stand-Up-Comedy, Dokumentationen, Cartoons und schauen weniger Nachrichten und Serien. Mayer et al. (1999) erarbeiten ein Lebensstil-Schema für jugendliche Zu- schauerInnen und beziehen dies auf die Nutzung und Rezeption von Videoclips. Die Studie untersucht, inwieweit sich Jugendliche nach ihren Werthierarchien 81 und Lebensstilen zu Gruppen zusammenfassen lassen und welchen Einfluss die Unterschiede zwischen diesen Gruppen auf das Mediennutzungsverhalten haben. Es handelt sich um eine Fragebogenbefragung mit quantitativ-statisti- scher Auswertung von 555 Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren. Es wur- den sechs Gruppen identifiziert („Die Indifferenten“, „Die Stammtischbrüder“, „Die häuslichen Mädchen“, „Die Unkritisch-Sozialen“, „Die aktiven Egoisten“ und „Die Nein-Sager“), deren Lebenswelten sich deutlich voneinander ab- grenzen und die in ihrer soziodemographischen Struktur teilweise sehr unter- schiedlich sind. Die „häuslichen Mädchen“ nutzen Musiksender signifikant weniger als die anderen Gruppen. Die „aktiven Egoisten“, die sich auch durch ein starkes Interesse an Musik auszeichnen, nutzen von allen Fernsehsendern die Musik- sender am meisten. Dies wird damit erklärt, dass vor allem Musikfernsehen in Gemeinschaft mit anderen Jugendlichen rezipiert werden kann, was mit dem Wunsch der „aktiven Egoisten“, ihre Freizeit in Gesellschaft zu verbringen, korrespondiert. Paugh (1988) stellt fest, dass die häufigen MTV-NutzerInnen der Befra- gung weniger kulturinteressiert, materialistischer und weniger konservativ sind als die geringeren MTV-NutzerInnen. Sie erwerben mehr Platten und werden dabei stärker vom Musiksender beeinflusst. Die Viel-SeherInnen haben auch allgemein einen intensiveren Fernsehkonsum. Religiöse Orientierung und Ge- schlecht korrelieren nicht mit der Nutzungsintensität von MTV. 8.4 Identifikation und Distinktion Die Nutzung von Musikvideos dient den jugendlichen ZuschauerInnen zur Identitätsarbeit vor allem über Zugehörigkeits- und Abgrenzungsangebote (vgl. das Kapitel über die aktiven RezipientInnen von Musikvideos). Altrogge (2000) beschreibt, dass Heavy-Metal- und HipHop-/Rap-Fans ein deutlich konturier- tes, von der Mehrheit der Jugendlichen abweichendes, Freizeitverhalten zeigen. Dieses ist nicht unabhängig von ihrer musikstilistischen Vorliebe. Der Musikstil ist bestimmend für die Praktizierung eines Lebensstils, der charakteristische, von der Mehrheit abweichende Merkmale aufweist und damit Identifikations- und Distinktionsfunktionen übernehmen kann. Nach Schmidbauer und Löhr (1996, 1999a, 1999b) ist Pop- und Rockmusik als Folie zu interpretieren, auf die sich Jugendliche bei der Ausbildung und Stabilisierung ihrer personalen und sozialen Identität beziehen. Musik und Musikvideos sind ein Medium der Selbstverwirklichung, der Abgrenzung und der Vergemeinschaftung. „Gerade die Pop/Rockmusik eröffnet für die Jugend- lichen offenbar die Möglichkeit, sich an einen ‚Stil‘ binden zu können, der […] Bezug und Zugehörigkeit zu einer Gruppe und die Distanz zur Er- wachsenengeneration ausdrückt“ (Schmidbauer/Löhr 1996, S. 28). 82 8.5 Fangruppen In dem oben genannten Zusammenhang von Distinktionsmechanismen bei der Videoclipnutzung spielt das Fan-Sein eine wichtige Rolle. Altrogge (2000) beschreibt, dass Fangruppen sich deutlich in der Häufigkeit der Musikvideo- nutzung unterscheiden. Rap-/HipHop- und Heavy-Metal-Fans sehen am häu- figsten Musikfernsehen, im Mittelfeld bewegen sich die Jugendlichen, die Pop bevorzugen, und am wenigsten rezipieren die Rock-Fans, die überwiegend eine rein akustische Darbietung den Videoclips vorziehen. Musikvideos erhöhen grundsätzlich die Akzeptanz der Musik insgesamt, d. h. Musik wird eher positiv bewertet, wenn sie als Clip und nicht rein akustisch rezipiert wird. Differenzierungen ergeben sich jedoch in Fankulturen, je nach- dem, ob die Musikstile in der Videoclipwelt verwurzelt sind, wie bei Rap und HipHop, oder nicht, wie bei Heavy-Metal. Hier wird ein zugehöriger Clip eher kritisch im Verhältnis zur Musik betrachtet, während bei Rap-Videos die Diffe- renzierung zwischen Musik und Clip keine Rolle spielt. Böhm (2004) erforscht, welche Medien jugendliche Fans und Nicht-Fans auf welche Weise nutzen, um ihre musikbezogenen Bedürfnisse zu befriedigen. In der Studie wurden 16 problemzentrierte Interviews mit Jugendlichen zwi- schen 13 und 18 Jahren durchgeführt. Jugendliche handeln medienkonvergent, d. h. sie nutzen Fernsehen, Internet, Tonträger, Radio und Printmedien zur Befriedigung ihrer musikspezifischen Bedürfnisse. Nicht-Fans zeichnen sich durch ein breiteres, aber unspezifisches Medienhandeln aus, während Fans – durch ausgeprägte Musikpräferenzen motiviert – das Medienensemble ge- zielter und tiefschürfender nutzen. Vor allem das Internet ist für sie das primäre Informationsmedium, aber auch Spezialsendungen der Musiksender zu be- stimmten Musikrichtungen (vgl. Altrogge/Amann 1991). 8.6 Musikalische Präferenzen Rezeptionsformen und Nutzungsmotivationen hängen auch stark von den musi- kalischen Präferenzen der jugendlichen ZuschauerInnen ab. Fincke (1999) stellt in seiner qualitativen Befragung fest, dass analog zu den verschiedenen Stilrichtungen auch die musikalischen Präferenzen der Jugendlichen vielgestal- tig sind und ihre Bewertung der Videoclips eng damit zusammenhängt (vgl. auch Quandt 1997). Die Ergebnisse der Untersuchung zur Rezeption von Heavy-Metal-Videos von Altrogge und Amann (1991) zeigen, dass die beliebtesten Musiksendun- gen diejenigen sind, die mit Videoclips illustrierte „Charts“ zeigen, also eine Mischung aus verschiedenen Musikrichtungen. Heavy-Metal-spezifische Spe- zialsendungen werden weitaus weniger eingeschaltet. Altrogge (2000) stellt fest, dass sich für den Musikstil Pop in allen Altersgruppen jeweils die größte 83 Gruppe der Anhänger findet. In ihrer Studie zur Nutzung des Musiksenders VIVA kommen Grüninger/Lindemann (1995) zum gleichen Ergebnis: Die stärksten Präferenzen liegen bei den Mainstream-Sendungen auf VIVA, wäh- rend die genrespezifischen Sendungen („Wah Wah“, „Metalla“, „Freestyle“) nur von einer geringen Anzahl der Befragten bevorzugt wird. Im Gegensatz dazu stehen die Ergebnisse einer niederländischen Studie (Van der Rijt et al. 2000) zur unterschiedlichen Nutzung von MTV und TMF (The Music Factory, ein niederländischer Musiksender). Die Ergebnisse einer telefonischen Befragung von 400 Jugendlichen zeigen, dass TMF beliebter ist und häufiger gesehen wird als MTV, vor allem weil eine bestimmte lokale Techno-Subkultur, die unter niederländischen Jugendlichen weit verbreitet ist („Gabbers“), durch das TMF-Programm besser bedient wird. Die Affinität zu bestimmten Musikrichtungen ist eine entscheidende Deter- minante für die Nutzung und Bewertung von Videoclips. In der Studie von Altrogge/Amann (1991) ist Heavy-Metal mit einigem Abstand die drittpopu- lärste Stilrichtung (9 Prozent) nach Popmusik (45 Prozent) und Rap/HipHop (15 Prozent). Die Heavy-Metal-affinen Jugendlichen nutzen jedoch gezielt die Heavy-Metal-Spezialsendungen, während die Chartsendungen eher nebenbei rezipiert werden (vgl. auch Quandt 1997). Bei der Bewertung von Heavy-Metal- Videoclips durch die Heavy-Metal-Fans ist die Musik der entscheidende Ein- flussfaktor, Bildinhalte und Ästhetik stehen an zweiter Stelle. Die AutorInnen sehen dies als einen Beleg dafür, „dass die Affinität zur Musik und die damit verbundene (sub-)kulturelle Verortung der möglichen Beeinflussung durch Videoclips eindeutig vorausgeht und dieser enge Grenzen setzt“ (Altrogge/ Amann 1991, S. 178). 8.7 Bild versus Ton Eine breit untersuchte Forschungsperspektive ist das Verhältnis von Bild und Ton bei der Rezeption von Musikvideos. Schmidbauer und Löhr (1996, 1999a) und Gleich (1995) arbeiten aus verschiedenen Studien Hypothesen zum Ver- hältnis von Bild und Ton bei der Rezeption von Musikvideos heraus: Ob das Musikerlebnis oder die visuelle Wahrnehmung dominiert, hängt vom Video- material und der Rezeptionssituation ab. Eine starke Divergenz zwischen auditiver und visueller Ebene behindert die Verarbeitung und produziert Ver- wirrung über den Gehalt des Musikvideos. Durch die Kombination von visuellen und auditiven Reizen werden die ZuschauerInnen in positive Erregungszustände versetzt, die intensiver sind als bei rein auditiven Reizen. Altrogge (1994) nimmt eine experimentelle Untersuchung mit 700 Schü- lerInnen (13 bis 20 Jahre) vor. Den TeilnehmerInnen werden verschiedene Versionen eines Clips (Nur-Ton, Nur-Bild, Ton und Bild) präsentiert, an- schließend leisten diese eine inhaltliche Rekonstruktion. Als Ergebnis lässt 84 sich feststellen, dass bei der Rezeption von Popmusikvideos eher die Bilder und die Art der Darstellung zählen. Sie sind die signifikanten Hinweisreize, welche die Wahrnehmung von und die Erinnerung an die Clips determinieren. Bei Heavy-Metal-Videos spielt im Gegensatz dazu die Musik eine größere Rolle. Die Ergebnisse der Studie von Altrogge (2000) zeigen, dass sich in Ab- hängigkeit von Musikstil und der visuellen Struktur der Ton unterschiedlich auf die Bildwahrnehmung auswirkt. Die Bildorientierung folgt musikbedingten Strukturen. Diese liefern den Pfad für die Orientierung der Wahrnehmung, entweder zu einer Selektion einzelner Bilder oder zu einer generalisierenden Verknüpfung. Musikvideos erhöhen grundsätzlich die Akzeptanz der Musik insgesamt, d. h. Musik wird eher positiv bewertet, wenn sie als Clip und nicht rein akustisch rezipiert wird. Goldberg et al. (1993) nehmen eine experimentelle Untersuchung mit 255 StudentInnen vor, welche die Bewertung von verschiedenen Formen (auditiv oder audiovisuell) der Musikpräsentation erforscht. Sie stellen fest, dass die Visualisierung von Musik einen „Wear-Out“-Effekt verzögert, d. h. nach wiederholtem Hören bzw. Sehen des gleichen Songs als reines Musikstück bzw. als Clip wird der Song in der rein auditiven Form schneller als negativ beurteilt. Die Studie von Rubin et al. (1986) geht den Fragen nach, ob bei der Rezep- tion von Musikvideos andere Bedeutungen gebildet werden, als bei der Rezep- tion der Musik in einer rein akustischen Version und ob mögliche Unterschiede einen Einfluss auf das Kaufverhalten haben. Die experimentelle Untersuchung verknüpft den Uses-and-Gratifications-Ansatz mit kognitionspsychologischen Überlegungen. 156 TeilnehmerInnen mit einem Altersdurchschnitt von 21 Jah- ren wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Der einen Gruppe wurde ein Musik- video (Nothing bad ever happens von Oingo Boingo), der anderen nur der Song vorgespielt, anschließend füllten die Gruppenmitglieder einen Fragebogen zu ihrer Wahrnehmung aus. Als Ergebnis wurde festgestellt, dass Musikvideos positiver bewertet und als aktiver und nachdrücklicher empfunden werden als die reinen Songs (vgl. Altrogge 2000). Die günstigere Bewertung der Musik- videos wirkt sich positiv auf das Kaufverhalten aus. Rötter (2000) zitiert in diesem Zusammenhang eine unveröffentlichte Studie von Haack (1995), in der 700 SchülerInnen elf Videoclips mittels eines seman- tischen Differenzials unter verschiedenen Bedingungen (mit Ton, ohne Ton, nur die Musik) beurteilen mussten. Die Werturteile der TeilnehmerInnen fallen bei reiner Musik wesentlich unterschiedlicher aus, die Bebilderung im Video schwächt das Distinktionspotential für die Jugendlichen. Der semantische Gehalt der Bilder erschließt sich über die Struktur und Grundstimmung (und teilweise durch den Text) der Musik. Videoclips werden vornehmlich emotional wahrgenommen, d. h. der Sinngehalt der Clips liegt in der Regel nicht im 85 Narrativen. Videoclips werden intensiver und aktiver wahrgenommen als die unbebilderte Musik. Walbott (1989) geht der gleichen Frage nach. Die Studie untersucht die Wahrnehmung von Musik abhängig davon, ob diese bebildert ist (also als Musikvideo präsentiert wird) oder nur auditiv wahrgenommen wird. In einer Multikanal-Untersuchung wurden 62 TeilnehmerInnen entweder nur der akusti- sche Kanal (die Musikstücke), nur der visuelle Kanal (Videos ohne Ton) oder die vollständigen Musikvideos vorgespielt. Anschließend wurden auf semanti- schen Differenzialskalen und auf Skalen, die den jeweiligen emotionalen Ein- druck erfassen, Urteile abgegeben und statistisch ausgewertet. Die Ergebnisse decken sich mit denen der oben genannten Studien. Die Videos verändern in relevantem Maß die Eindrücke von der Musik. Die ver- mittelten Emotionen werden „euphorisiert“, d. h. bei den reinen Musikstücken werden negative Emotionen intensiver bewertet, bei dem gleichen Song als Video werden die positiven Emotionen intensiver beurteilt. Das Musikstück als Video erscheint als aktiver und interessanter. Sowohl auf visueller als auch auf akustischer Seite spielen eine Vielzahl von Faktoren eine Rolle für die Ein- drücke von der Musik, zum Beispiel das Tempo der Musik oder die Schnitt- geschwindigkeit des Videos. Williams (2003) vertritt hingegen in seiner theoretischen Abhandlung über Videoclipkommunikation aus phänomenologischer Sicht eine Position, die die theoretische Trennung von Bild und Ton hinterfragt. Musikvideos präsentieren Aspekte ästhetischer Erfahrung, des Körpers, der Technologie und der Welt. Dabei ist die ästhetische Kommunikation von Musikvideos ein reziproker Pro- zess von Expression und Perzeption, in dem phänomenologischen Sinn, dass expressive Akte die Wahrnehmung der Welt bedingen und umgekehrt die Wahr- nehmung der Welt in den Kommunikationsakten ausgedrückt wird. Ein neuer Ausdrucksstil – wie Musikvideos – kann so neue Möglichkeiten der Welt- wahrnehmung eröffnen. In diesem Zusammenhang ist die Synästhetik (s. auch Goodwin 1993) von Musikvideos von Bedeutung. Weder die akustische noch die visuelle Dimension der Clips stehen im Vordergrund. Die Grundlage der Clipästhetik ist die musikalische Visualität – Sehen der Musik und das Hören der Bilder. 8.8 Konsumorientierung Fry und Fry (1987) verweisen vor dem Hintergrund eines Cultural-Studies- Ansatzes auf die Konsumorientierung und -aufforderung von Musikvideos. Musikvideos sind geschlossene Texte in der Hinsicht, dass sie nicht Bedeutun- gen über Inhalte der Songtexte kommunizieren, sondern über visuelle Codes ein „style“-Angebot geben. Stil wird als die soziale Ausstellung von Waren be- trachtet. Die dominante Bedeutung, die im Kommunikationsprozess enkodiert 86 wird, ist demnach eine Konsumaufforderung. Es wird ein Stilangebot kommu- niziert, das in unterschiedlichen Bedeutungen dekodiert werden kann – den ZuschauerInnen ist es möglich, sich unterschiedlichen Stilen zuzuordnen. Die dominante Lesart umfasst diese Unterschiede jedoch, denn es geht um Konsum als grundsätzliche Lebensart. Barth und Neumann-Braun (1996, vgl. auch Schmidbauer/Löhr 1996) be- tonen auch diese Perspektive, indem sie auf die Zielgruppenorientierung der 14- bis 30-Jährigen verweisen. Bei Musikfernsehen geht es aus Sicht der Pro- duzentInnen in erster Linie um die Vermarktung von Konsumgütern – Ton- träger, Popbands oder „käuflich zu erwerbenden Lebensstil“ (ebd., S. 258). „Aus der Sicht der Medienmacher ist Jugendöffentlichkeit nichts anderes als ein Markt, in den Jugendliche zu locken ihre eigentliche Aufgabe ist“ (ebd.).m Banks (1996) liefert in dieser Hinsicht eine umfangreiche Analyse von MTV in Hinblick auf die ökonomischen Kontexte: die Verknüpfung mit der Musikindustrie, Monopolstrukturen, Globalisierung von populärer Kultur, Pro- duktions- und Distributionsstrukturen und die Bedeutung der Produktionskon- texte für die Programmierung und Gestaltung der Musikvideos, die essenziell für die wirtschaftlichen Kontexte von Musikvideos und Musikfernsehen ist, jedoch kein Material zur Rezeption durch jugendliche ZuschauerInnen bereit- stellt. 8.9 Zwischenresumee: Forschungsschwerpunkte und Forschungsdesiderata zum Thema: Allgemeine Nutzung und Rezeption von Musikvideos Zum Forschungsstand in Bezug auf die allgemeine Rezeption und Nutzung von Musikvideos, der sich in den letzten zehn Jahren kaum erweitert hat (der überwiegende Teil der Forschung stammt aus dem Zeitraum von Ende der achtziger bis Mitte der neunziger Jahre), stellen Neumann-Braun, Barth und Schmidt (1997) in einer umfassenden Literaturübersicht zur Geschichte, Ökonomie und Produktion von visueller Musik und Musikvideos sowie zu Produktanalysen von Videoclips im Spannungsfeld von Bild-, Musik- und Starinszenierung sowie zur Nutzung und Rezeption von Videoclips und Musik- fernsehen fest, dass es an Arbeiten, die die „natürliche“ Rezeptionssituation von Jugendlichen und jungen Erwachsenen erfassen, fehlt. Hier ist ein gravie- rendes Forschungsdesiderat festzustellen, dessen Bedeutung durch den Wandel des Musikfernsehens in den letzten Jahren noch deutlicher wird. Das Programm von MTV und VIVA ist aktuell ein völlig anderes, als es zum Zeitpunkt der meisten Studien zu diesem Thema Anfang der neunziger Jahre war. Die Be- deutung von Videoclips und Musikfernsehen für die Jugendlichen und die Funktion für die Kommunikation in der Peer Group kann daher aktuell kaum spezifisch beantwortet werden. Es gibt nur pauschale Hinweise darauf, dass 87 Musik für junge Menschen wichtig ist und dass über Musik Jugend(medien) kulturen gebildet werden, die sich gegenüber der Erwachsenenwelt und unter- einander abgrenzen. Um diese empirische Forschungslücke zu füllen, werden in der oben genannten Literaturübersicht Studien mit einem ethnographischen Ansatz vorgeschlagen. „Eine viel versprechende Untersuchungsstrategie ist sicherlich darin zu sehen, Jugendliche an den Orten ihres Zusammenkommens aufzusuchen und ihr Kommunikationsverhalten zu beobachten sowie ihren Kommunikationshaushalt zu analysieren“ (ebd., S. 79). Angesichts der struktu- rellen und inhaltlichen Änderungen des Musikfernsehens und Veränderungen von jugendlichen Subkulturen erscheint dies Vorgehen weiterhin als relevant.m 9 Musikvideos und ihre Wirkungen auf ZuschauerInnen Potentiell negative Wirkungen der Rezeption von Musikvideos werden vor allem in den USA erforscht. Es handelt sich in der Regel um experimentelle Studien mit sozialpsychologischem Hintergrund, die sich auf Kultivierungs- theorien der Medienwirkungsforschung und Theorien sozialen Modelllernens beziehen. In ihrer Zusammenfassung von Forschungsergebnissen zur Gefährdung von Kindern und Jugendlichen durch Songtexte und Musikvideos stellen Hogan et al. (1996) fest, dass Musikvideos in hohem Maße Darstellungen von sexuellen Stereotypen, explizitem Sex und Gewalt, sowie Alkohol-, Tabak- und Drogen- missbrauch enthalten. Aus diesem Grund desensibilisiert häufiger Musikvideo- konsum in Bezug auf Gewalt und beeinflusst Teenager dahingehend, vorehe- liche Sexualität zu billigen. Villani (2001) liefert einen Forschungsüberblick zu Medienwirkungsstudien in den USA aus den neunziger Jahren in Bezug auf Kinder und Jugendliche. Sie konstatiert, dass Medien eine Verstärkung von gewalttätigem und aggres- sivem Verhalten, erhöhtes Risikoverhalten, erhöhten Alkohol- und Tabakkon- sum sowie frühzeitige sexuelle Aktivität verursachen. Das trifft nach den zu- grunde liegenden Studien auch im speziellen auf Rockmusik und Musikvideos zu. Baron et al. (2001) verweisen in ihrem Forschungsüberblick auf inhalts- analytische Studien zu dem quantitativen Vorkommen von gewalttätigen Inhal- ten und Darstellungen von Drogenmissbrauch auf MTV und sehen darin einen Zusammenhang zu negativen Auswirkungen der Musikvideorezeption: „Many younger children cannot discriminate between what they see and what is real. Research has shown primary negative health effects on violence and aggressive behavior; sexuality; academic performance; body concept and self image; nutrition, dieting, and obesity; and substance abuse and abuse patterns“ (ebd., S. 423). 88 Im Gegensatz dazu stellen Schmidbauer und Löhr (1996, 1999a, 1999b) in ihrer Forschungsübersicht fest, dass die These, dass gewaltförmige und sexistische Darstellungen zur ideologischen Beeinflussung und Verrohung der Jugendlichen führen, bisher empirisch nicht bestätigt werden kann. Greeson (1991) untersucht Alters-, Geschlechts- und sozio-kulturelle Unter- schiede beim Erkennen und Bewerten der Inhalte von Musikvideos und bezieht sich dabei auf die soziale Lerntheorie Banduras. Es handelt sich um eine experimentelle Studie, in der verschiedenen Gruppen – in Bezug auf Alter, Geschlecht und sozialen Status – Musikvideos, denen nach einer Inhaltsanalyse bestimmte Merkmale (explizit in Bezug auf Sex, Gewalt oder deviantes Ver- halten, neutral, christlich) zugeordnet wurden, gezeigt wurden. Eine anschlie- ßende Fragebogenerhebung wurde quantitiv-statistisch ausgewertet. Alle Altersgruppen (14 bis 16 Jahre, 18 bis 24 Jahre und 25 bis 46 Jahre) können die Inhalte der Videos klar identifizieren. Ältere Befragte und Teil- nehmerinnen bewerten Videos mit explizitem Inhalt schlechter als männliche und jüngere TeilnehmerInnen. TeilnehmerInnen, die einen niedrigeren sozialen Status haben, häufig MTV sehen und wenig in die Kirche gehen, mögen Musikvideos lieber als TeilnehmerInnen mit höherem sozialen Status, Teil- nehmerInnen, die selten oder nie MTV sehen, oder die häufig in die Kirche gehen. Grundsätzlich können explizite Darstellungen von sexuellen Aktivitä- ten, Aggression, Drogengebrauch problematische Effekte hervorrufen: „These themes […] may serve to prime preexisting thoughts and feelings or present social scripts depicting acceptable or desirable attitudes and behavior patterns for adolescents“ (ebd., S. 1909). Glogauer (1999) beschreibt konkrete Gesundheitsschäden durch Medien: Mediensucht, negative psycho-soziale Wirkungen von sexuellen und gewalt- haltigen Medieninhalten, Ernährungsstörungen, Schäden des Bewegungsappara- tes und der Lernfähigkeit. Er stellt einen Zusammenhang zwischen Musikvideos und Drogenkonsum fest. Vor allem bei Heavy-Metal wird in den Songtexten direkt und indirekt – durch auf das Unterbewusstsein zielende rückwärts aufgenommene Gesang- parts – zum Drogengebrauch animiert. Die Lautstärke und Rhythmik der Musik sowie Stroboskoplichteffekte auf Konzerten und in Diskotheken bewirken, dass die Gehirnaktivitäten nicht mehr bewusst gesteuert werden können. Als Belege werden US-amerikanische Wirkungsstudien und Einzelfallbeschreibungen herangezogen, die jedoch nicht wissenschaftlich-systematisch aufbereitet sind.n Wingood et al. (2003) stellen einen Zusammenhang zwischen der Rezep- tion von Musikvideos und gesundheitsgefährdendem Verhalten sowie dem Vorkommen von Geschlechtskrankheiten bei afro-amerikanischen weiblichen Jugendlichen fest. In einer Fragebogenerhebung mit 522 Teilnehmerinnen kom- men sie zu dem Schluss, dass starker Konsum von Rapvideos mit erhöhtem Vorkommen von Geschlechtskrankheiten und gesundheitsschädigendem Ver- 89 halten korreliert. Der Zusammenhang wird mit der Theorie sozialen Modell- lernens erklärt. 9.1 Einstellungen und Emotionen Greeson und Williams (1986) erforschen den Zusammenhang von Musik- videoinhalten und Einstellungen Jugendlicher zu Gewalt, Drogengebrauch und vorehelichem Sex vor dem Hintergrund der sozialen Lerntheorie. Sie führten eine Fragebogenerhebung mit 1.100 Jugendlichen zwischen 13 und 16 Jahren durch, nachdem diese entweder eine Videokassette mit zufällig ausgewählten Musikvideos oder eine mit Clips, die speziell Referenzen zu Gewalt, Sex und rebellischem Verhalten beinhalteten, gesehen hatten. Die quantitativ-statistische Auswertung ergab, dass nach Sichtung der Videos mit den expliziten Darstel- lungen aggressives Verhalten und Sex eher akzeptiert wurden als bei der neutralen Videoauswahl. Aus diesem Grund werden mögliche negative Effekte des MTV-Konsums befürchtet: Eine Herabsetzung der Hemmschwelle für gewalttätiges Verhalten, größere Akzeptanz von vorehelichem Sex und eine stärkere Neigung, Produkte erwerben zu wollen, die mit den Videos vermarktet werden. Die AutorInnen merken jedoch an, dass es keinen empirisch fundierten Nachweis zwischen den Einstellungen und tatsächlichen Verhaltensänderungen gibt und sie nichts über langfristige Effekte aussagen können. Sie befürchten jedoch im Hinblick auf ihren theoretischen Hintergrund der sozialen Lern- theorie negative Auswirkungen. Rich et al. (1998) führen eine quantitative Inhaltsanalyse von 518 Musik- videos zum Vorkommen von Gewalthandlungen und der Täter/Opfer-Vertei- lung in Bezug auf Gender und Race durch. 15 Prozent der Videos zeigten gewalttätige Interaktionen mit durchschnittlich sechs Gewaltakten. In 80 Pro- zent dieser Videos war der Hauptakteur des Videos der Aggressor, in 18 Pro- zent das Opfer. 80 Prozent der Aggressoren waren männlich, während die Gewaltopfer in gleichem Maße männlich und weiblich waren. Verglichen mit der Demographie der USA sind überdurchschnittlich viele ProtagonistInnen – sowohl Aggressoren als auch Opfer – Schwarze. Die AutorInnen beziehen sich ebenfalls auf die Lerntheorie und vermuten einen negativen Effekt der Videos auf die normativen Erwartungen Jugendlicher in Hinblick auf Konflikt- bewältigung, Ethnie und zwischengeschlechtliche Beziehungen. In der experimentellen Studie von Anderson und Carnagey (2003) wird die Wirkung von gewalthaltigen Songtexten auf aggressive Gedanken und feind- selige Gefühle untersucht. Gruppen von StudentInnen hörten verschiedene Songs mit gewalthaltigen oder gewaltfreien Texten und füllten danach Fragebögen aus bzw. nahmen an Experimenten teil, welche die kognitiven Prozesse in Bezug auf die Verfüg- 90 barkeit und Verarbeitung von aggressiven Worten untersuchten. Die quantitativ- statische Analyse ergab, dass Lieder mit gewalttätigen Inhalten aggressions- bezogene Kognitionen und Affekte bewirken. Diese spezifische Wirkung geht von den Texten aus und ist unabhängig von Musikstil, Interpreten, Geschlecht der RezipientInnen und „Feindseligkeit“ als Persönlichkeitsmerkmal der Stu- dienteilnehmerInnen. Zillmann und Mundorf (1987) erforschen, ob sexuelle oder gewalthaltige Bilder bzw. eine Kombination von beidem, die Einschätzung von Rockmusik- videos positiv beeinflusst. Ein in Bezug auf die Fragestellung inhaltlich neu- trales Musikvideo wurde bearbeitet und verschiedene Versionen erstellt, in denen jeweils Sequenzen durch Ausschnitte aus Spielfilmen ersetzt wurden, die sexuelle oder gewalttätige Handlungen beinhalteten. Verschiedenen Probanden- gruppen wurden die unterschiedlichen Versionen vorgeführt, anschließend be- werteten sie die Videos mittels eines Fragebogens, der quantitativ-statistisch ausgewertet wurde. Zillmann/Mundorf kommen zu dem Ergebnis, dass der Genuss der Videos sowohl durch hinzugefügte sexuelle als auch gewalttätige Inhalte gesteigert wurde. Die Kombination von sexuellen und gewalttätigen Inhalten hatte keinen Effekt auf die Bewertung des Videos. Männliche Teil- nehmer empfanden die Musik romantischer, wenn sexuelle Bilder zum Video hinzugefügt wurden, weibliche Teilnehmerinnen empfanden die neutralen Videos als romantischer und bewerteten diese besser als die männlichen Jugend- lichen. Eine ähnliche Untersuchung führten Hansen und Hansen (1990) durch. Die experimentelle Studie untersucht, ob sexuelle und gewalttätige Inhalte von Rockmusik-Videos deren Attraktivität für die ZuschauerInnen steigern. In Bezug zu sexuellen Inhalten wurden 170 männlichen und 196 weiblichen jungen Erwachsenen in verschiedenen Gruppen Videos mit niedrigem, mittlerem und hohem Level an visuellen sexuellen Inhalten gezeigt. In Bezug auf gewalttätige Inhalte wurde das gleiche Experiment mit 213 weiblichen und 174 männlichen TeilnehmerInnen und Videos mit geringen, mittleren und hohen Anteilen an visueller Gewalt durchgeführt. Eine anschließende quantitative Erhebung mit einem Fragebogen zur Bewertung und Wahrnehmung der Videos ergab: (a) Je höher der Level an sexuellen visuellen Stimuli in den Videos ist, desto mehr positive Emotionen wurden damit verknüpft und desto besser wurden sowohl die Bilder als auch die Musik des Videos bewertet. (b) Je höher der Level an gewalttätigen Inhalten ist, desto schlechter wurde das Video und die Musik bewertet und es wurden verstärkt negative Emotionen mit dem Video verknüpft. (c) Anregende Musik, zum Beispiel durch Rhythmus und Geschwindigkeit, verstärkte in beiden Experimenten die Effekte. 91 In einer deutschen Forschung zu diesem Thema untersuchte Walbott (1992), ob Musikvideos mit gewalttätigen und sexuellen Inhalten noch stärker euphori- sieren als es Musikvideos (im Vergleich zu rein auditiv rezipierter Musik – vgl. Walbott 1989) ohnehin tun. 40 StudentInnen wurden 30 verschiedene Musikvideos mit aggressiven, sexuellen oder neutralen Inhalten vorgespielt, jeweils in einer Nur-Ton-, Nur-Bild-, sowie Bild- und Tonfassung. Anschließend wurden die Videos auf Skalen bezüglich der ihnen zugeschriebenen Emotiona- lität bewertet. Die Ergebnisse der quantitativ-statistischen Auswertung waren, dass die Visualisierung von Musik die übermittelten Emotionen und Eindrücke beeinflusst. Sexuelle und neutrale Videos „euphorisieren“ die RezipientInnen, während aggressive Videos verstärkt negative Emotionen, wie Wut, Ärger und Trauer hervorrufen. Dieser Zusammenhang entsteht nicht durch das Musik- stück sondern durch die Bebilderung. Es kann keine Aussage darüber getroffen werden, ob dies zu einer Gefährdung Jugendlicher führt; dies wird jedoch bezweifelt. 9.2 Musikvideos und aggressives Verhalten Schooler und Flora (1996) stellen in ihrem Forschungsüberblick zur Medien- gewaltforschung in den USA fest, dass mediale Gewaltdarstellung reale Gewalt in der Gesellschaft bestätigen und verstärken kann. Sie beziehen sich zur Er- klärung dieses Zusammenhangs auf Kultivierungstheorien der Medienwirkungs- forschung und fordern empirische Studien zur Wirksamkeit von Präventions- programmen ein. Ein Zusammenhang zwischen medial präsentierter Gewalt und aggressivem Verhalten Jugendlicher wird auch in Studien zur Wirkung von Musikvideos gesehen. Waite, Hillbrand und Foster (1992) untersuchten potentielle kausale Effekte von Musikfernsehen auf das aggressive Verhalten von PatientInnen einer ge- schlossenen psychiatrischen Station. Sie konnten nachweisen, dass durch Ver- hinderung des Zugangs zu MTV in den Aufenthaltsräumen die Frequenz gewalt- tätigen Verhaltens von jugendlichen PatientInnen reduziert wurde. Nachdem der Musikkanal, der vorher das Programm dominierte, nicht mehr in den dorti- gen Fernsehern zu sehen war, verringerte sich die Anzahl der gewalttätigen Vorfälle in einer Woche von 44 auf 27. In ihrer Inhaltsanalyse zu Gewaltdarstellung in verschiedenen Musiksendern und in Bezug zu verschiedenen Musikgenres stellen Smith und Boyson (2002) maßgebliche Unterschiede bei entsprechenden Präsentationen in Bezug auf unterschiedliche Genres fest. Die Videos bestimmter Musikrichtungen, wie Gangsta-Rap und Rock stellen damit ein größeres Gefährdungspotential dar. In der Diskussion ihrer Ergebnisse beziehen sich die AutorInnen auf die Theorie sozialen Lernens: „Together these findings suggest that White viewers are most at risk for learning aggression from attractive White initiators of violence 92 in rock videos. Further, rock videos share a few similarities with rap videos in the presentation of aggression. Both genres are likely to feature justified acts of aggression that go punished, which heightens the risk of learning“ (ebd., S. 80). In einer umfassenden Befragung von über 4.000 SchülerInnen zu ihrer Mediennutzung kommt Bofinger (2001) zu Ergebnissen, die mit den oben genannten genrespezifischen Zusammenhängen zur Aggression korrespon- dieren. In der Studie wird auf die Affinität zu musikalischen Subkulturen eingegangen, vor allem in Beziehung zum Gewaltverständnis der befragten Jugendlichen. SchülerInnen, deren Gewaltverständnis erst bei schweren körper- lichen Formen begann, gehörten überdurchschnittlich häufig zur Szene der Raver, der Techno-Fans, der Hardrocker und Punker. SchülerInnen, die An- hängerInnen traditioneller Unterhaltungsmusik (Jazz, Beat, Rock’n’Roll) oder konservativer Musik (Klassik, Schlager, Volksmusik) sind, hatten ein sensible- res Gewaltverständnis. Die AutorInnen weisen jedoch darauf hin, dass die Ergebnisse in Bezug auf die erste Gruppe nicht zwangsläufig auf eine erhöhte Gewaltbereitschaft hindeuten. Altrogge und Amann (1991) untersuchen in einer Studie Heavy-Metal- Videos und ihre Rezeption in Hinblick auf eine mögliche Gefährdung der ZuschauerInnen durch Darstellungen gewalttätigen, sexuellen, nekrophilen oder blasphemischen Inhalts. Die Studie unterteilt sich in eine strukturanalytische Untersuchung der Videoclips und eine mehrstufige RezipientInnenbefragung von insgesamt 517 Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Für die Strukturanalyse wurden nach einer sechswöchigen Programmbeobachtung 23 Videos ausgewählt, die in einem textwissenschaftlich und semiotisch orien- tierten Verfahren analysiert wurden. Die RezipientInnenbefragung gliederte sich in zwei Teile. Zuerst wurden mittels eines teilstandardisierten Fragebogens soziodemographische Grunddaten, Daten zur Mediennutzung allgemein, zur Nutzung von Videoclips und der Affinität zu bestimmten musikalischen Stil- richtungen/ jugendlichen Subkulturen erhoben. Im zweiten Schritt wurden den TeilnehmerInnen Videoclips gezeigt, die sie wiederum anhand eines teil- standardisierten Fragebogens bewerteten, der auch offene Fragen zu den Inter- pretInnen, zur Musik, zu den Bildern, der Montage und dem Textverständnis beinhaltete. Altrogge/Amann kommen zu dem Ergebnis, dass die Affinität zu bestimm- ten Musikrichtungen eine entscheidende Determinante für die Nutzung von Clips ist. Bei der Bewertung von Heavy-Metal-Videoclips ist die Musik der entscheidende Einflussfaktor, Bildinhalte und Ästhetik stehen an zweiter Stelle. Heavy-Metal-Videoclips werden von allen Jugendlichen als „schnell“, „dunkel“, „aggressiv“, „hektisch“ etc. beurteilt. Für eine Akzeptanz von Gewalt und Vergewaltigungsszenen konnten keinerlei Indizien bei den Reaktionen der Jugendlichen auf die getesteten Videoclips festgestellt werden. Ein handlungs- 93 leitender Einfluss ist entsprechend nicht festzustellen. Bei sexual- oder gewalt- konnotativen Bildern kommt es eher zu einer Ablehnung gepaart mit morali- schem Bedenken. Es gibt bei den RezipientInnen eine klare Unterscheidung zwischen moralischem und ästhetischem Urteil. Es zeigt sich eine „ästhetisch- moralische Schere“, die die moralische Komponente der Bildinhalte von der ästhetischen der Bildgestaltung trennt und zu einer unterschiedlichen Gewich- tung in der Beurteilung der Videos führt. In einer Entgegnung auf diese Studie führt Glogauer (1995) quantitative Daten über Gewaltinhalte in Musikvideos aus unterschiedlichen amerikanischen Studien, die eine gefährdende Wirkung von Heavy-Metal-Musik und Musik- videos festgestellt haben, an. Diese Angaben werden durch eine unsystemati- sche Beschreibung von Liedtexten mit gewalttätigen Inhalten und von Presse- berichten sowie privat zugetragenen Fallbeispielen negativer Auswirkungen von Heavy-Metal-Konsum ergänzt. Nach Glogauer lässt sich ein wechsel- seitiges Kumulationsmodell von Medienkonsum und Medienwirkungen – auch bezogen auf Musikvideos – nachweisen, das einen Zusammenhang von Medien- konsum mit „Sexual- und Vergewaltigungsdelikten, Morden, Mordversuchen, Körperverletzungen u. a.“ (ebd., S. 183) herstellt. Knoll und Müller (1998) bemerken unter Bezug auf Glogauer (1995) Hin- weis auf sozial-ethische Desorientierungen und Anstandsverletzungen in einigen genretypischen Musikvideos eine Gefährdung durch monokausale Wirkungs- zusammenhänge, betrachten sie jedoch skeptisch. Die Studie von Bleich, Zillmann und Weaver (1991) untersucht den Konsum von und das Vergnügen an Rockmusik mit Inhalten, die eine aufsässige Haltung ausdrücken, in Abhängigkeit zum Vorhandensein des Merkmals „rebellisch“ bei Jugendlichen – mit einem Schwerpunkt auf der Rezeption von Musik- videos. Die AutorInnen stellen eine Reihe von Hypothesen auf, die empirisch überprüft werden: (1.) Rebellische Jugendliche haben ein größeres Vergnügen an „aufsässiger“ Rockmusik als weniger rebellische Jugendliche. (2.) Rebellische Jugendliche besitzen mehr Aufnahmen „aufsässiger“ Rock- musik und konsumieren sie häufiger. (3.) Rebellische Jugendliche haben ein geringeres Vergnügen an Rockmusik ohne diese Thematik als weniger rebellische Jugendliche. (4.) Rebellische Jugendliche besitzen weniger Aufnahmen dieser Rockmusik und konsumieren sie weniger. 82 Jugendlichen im Alter von 16 bis 19 Jahren wurde mittels einer Fragebogen- analyse das Merkmal „rebellisch“ bzw. „nicht-rebellisch“ zugeordnet. In einer zweiten Stufe der Studie wurden den Jugendlichen eine Auswahl „aufsässiger“ 94 bzw. „nicht-aufsässiger“ Rockvideos gezeigt, die sie per Fragebogen bewerte- ten. Der Fragebogen erfasste zusätzlich den Besitz und die Nutzungsgewohn- heiten entsprechender Rockmusikaufnahmen. Die statistische Analyse ergab, dass rebellische Jugendliche weder mehr „aufsässige“ Rockmusik konsumieren, noch ein größeres Vergnügen daran haben, als nicht-rebellische Jugendliche. Sie haben allerdings geringeres Vergnügen an „nicht-aufsässiger“ Rockmusik und konsumieren diese weniger. Ein kausaler Zusammenhang zwischen der rebellischen Haltung und den entsprechenden Inhalten kann nicht nachgewiesen werden, wird jedoch in Hinblick auf Kultivierungstheorien nicht ausgeschlossen. Ausgehend von der gleichen theoretischen Überlegung, dass sich schädi- gende Wirkungen von Mediengewalt nicht in einer konkreten Rezeptions- situation manifestieren sondern über ein langsames Anreichern von Gewalt- botschaften über längere Zeiträume und durch verschiedene Medienformen realisieren, untersucht Walker (1987) den Zusammenhang zwischen MTV- Rezeption und der Rezeption gewalthaltiger Fernsehformate und anderer Medien. Zu diesem Zweck nahmen 223 SchülerInnen zwischen 12 und 15 Jahren an einer Fragebogenerhebung mit quantitativ-statistischer Auswertung teil. MTV-Rezeption steht in einer negativen Beziehung zu der Rezeption von anderen Formaten und Medien mit gewalttätigen Inhalten, d. h. je mehr MTV gesehen wird, desto weniger mediale Gewaltdarstellung wird darüber hinaus rezipiert. Auch unter der Voraussetzung, dass die Musikvideos Gewaltdarstel- lungen beinhalten, wird ihnen aus diesem Grund kein schädigender Einfluss zugeschrieben. 9.3 Musikvideos und die Wahrnehmung von Geschlecht und Sexualität Ward (2002) untersucht die Frage, ob Jugendliche und junge Erwachsene durch sexuelle Stereotypen denen sie durch Fernsehen ausgesetzt sind, in ihren Einstellungen zu sexuellen Beziehungen beeinflusst werden. Die Studie um- fasst sowohl eine experimentelle Rezeptionssituation als auch eine Erhebung über die alltäglichen Fernsehgewohnheiten. 259 TeilnehmerInnen im Alter von 18 bis 22 Jahren wurden Ausschnitte aus Fernsehsendungen gezeigt, in denen bestimmte sexuelle Stereotype bzw. keine sexuellen Inhalte dargestellt wurden. Anschließend füllten sie einen Fragebogen zu ihren Einstellungen über sexuelle Rollen und Beziehungen, Annahmen über sexuelle Erfahrungen ihrer Peer Group und ihre Fernsehgewohnheiten aus. Die Untersuchung ergab, dass starke Fernsehnutzung mit stereotypen Ein- stellungen über Sexualität (sexuelle Beziehungen dienen der Erholung/Freizeit, Männer sind sexbestimmt, Frauen sind sexuelle Objekte) korreliert. Vor allem Frauen, die viel und stark involviert fernsehen, neigen zu einer stärkeren 95 Akzeptanz/geringeren Ablehnung dieser Stereotype. Diese Ergebnisse decken sich mit Studien die sich in dieser Hinsicht speziell mit der Rezeption von Musikclips befassen. Toney und Weaver (1994) untersuchten den Einfluss von Geschlecht und der Geschlechterrollen-Selbstwahrnehmung auf die affektiven Reaktionen auf Musikvideos. 69 weiblichen und 96 männlichen TeilnehmerInnen wurden Hard-Rock- und Soft-Rock-Videos vorgespielt, anschließend füllten sie einen Fragebogen zu ihrer geschlechtsspezifischen Selbstwahrnehmung und zur affek- tiven Wahrnehmung der Videos aus. Die quantitativ-statistische Auswertung ergab, dass die affektive Wahrnehmung von Musikvideos und das Geschlecht der RezipientInnen miteinander korrelieren. Männliche Rezipienten zeigen die stärksten positiven Affekte für Hard-Rock, Frauen für Soft-Rock. Da die Ge- schlechterrollen auch über die massenmediale Sozialisation ausgebildet werden, werden traditionelle Geschlechterrollen bestätigt, denn der männliche Musik- geschmack orientiert sich an härteren Sounds mit Songtexten, die männliche Dominanz und gefühlsmäßige Härte betonen. Den Einfluss von Musikvideos auf die Geschlechterrollenwahrnehmung können auch Frable, Johnson und Kellman (1997) in ihrer Studie zur Wirkung von Pornographie nachweisen. Ein Teil der Untersuchung bezieht sich auf die Musikvideo-Rezeption. Die AutorInnen untersuchen, inwiefern die Rezeption von Musikvideos mit romantischem, sexuellem oder gewalttätigem Inhalt die Wahrnehmung von Unterschieden oder Gemeinsamkeiten zwischen den Ge- schlechtern von männlichen Jugendlichen, die viel bzw. wenig Pornographie konsumieren, beeinflusst. 42 (männlichen) Teilnehmern mit hohem Porno- konsum und 47 (männlichen) Teilnehmern mit geringem Pornokonsum wurden je drei 20-minütige Videobänder mit Musikvideos gezeigt, die romantische, sexuelle oder gewalttätige Darstellungen beinhalteten. Die anschließende Frage- bogenerhebung mit quantitativ-statistischer Auswertung ergab, dass junge Männer, die viel Pornographie konsumieren, sich nach der Rezeption von sexuellen oder gewalttätigen Musikvideos stärker auf Unterschiede zwischen Frauen und Männern beziehen, nach der Rezeption von romantischen Videos stärker auf die Gemeinsamkeiten. Junge Männer, die wenig Pornographie sehen, beziehen sich nach der Re- zeption von romantischen und sexuellen Videos stärker auf die Unterschiede, nach gewalttätigen Videos stärker auf Gemeinsamkeiten. Allgemein und un- abhängig von den Videos werden von den (männlichen) Pornographiekonsu- menten Frauen sexualisierter wahrgenommen. Die Studie von Strouse, Buerkel-Rothfuss und Long (1995) untersucht die Zusammenhänge von Musikvideo-Rezeption und sexueller Freizügigkeit von Jugendlichen unter Berücksichtigung von Geschlecht und familiärem Umfeld als relevante Kontexte. Den theoretischen Hintergrund bilden sowohl Kultivie- rungstheorien als auch ein Uses-and-Gratifications-Ansatz. Die Fragebogen- 96 erhebung mit quantitativ-statistischer Auswertung bei 214 SchülerInnen von 13 bis 18 Jahren ergab, dass Musikvideos bei weiblichen Rezipientinnen in einem stärkeren Zusammenhang mit der Entwicklung von freizügigen sexuellen Einstellungen als bei männlichen stehen, u. a. weil sie mehr und stärker invol- viert Musik rezipieren und da bei ihnen ein größeres Potential zu Einstellungs- änderungen vorliegt, denn sie sind – so die These – grundsätzlich konservativer eingestellt als Jungen. Dieser Zusammenhang wird noch deutlicher, wenn die Mädchen aus einem „unbefriedigenden“ Familienumfeld kommen. Die sozialpsychologische Studie von Kalof (1999) untersucht den Einfluss von Geschlecht der RezipientInnen und Geschlechterstereotype in Musik- videos auf sexuelle Einstellungen. Bei der experimentellen Untersuchung mit quantitativ-statistischer Auswertung wurden 44 StudentInnen im Alter von 21 Jahren in zwei Gruppen aufgeteilt. Einer Gruppe wurde ein Video mit Geschlechts- und sexuellen Stereotypen, der anderen ein in dieser Hinsicht neutrales Video gezeigt. Die anschließende Fragebogenerhebung zu den sexuel- len Einstellungen der TeilnehmerInnen zeigte, dass Videos mit sexuell stereo- typen Inhalten stereotype Einstellungen in Hinblick auf sexuelle Beziehungen verstärken, jedoch nicht in Hinblick auf Geschlechterrollen. Sie unterstützen nicht die Akzeptanz von Gewalt und Vergewaltigungsmythen. Unabhängig von den Musikvideos entsprechen die Einstellungen von jungen Männern in Bezug zu Geschlechterrollen und sexuellen Beziehungen stärker traditionellen Stereo- typen. Hansen und Hansen (1988) erforschen die Bedingungen, unter denen Wahr- nehmungsschemata von Personen und sozialen Interaktionen, in Bezug auf Musikvideos und sexuelle Stereotype aktiviert werden. Sie entwerfen eine Hypo- these, nach der zwei Faktoren die Anwendung eines bestimmten Schemas ver- stärken: Die Frequenz seiner Aktivierung und Priming-Effekte, d. h. die kurz- fristig vorangehende Aktivierung des gleichen oder eines strukturell ähnlichen Schemas. Sie führten eine experimentelle psychologische Untersuchung mit 100 TeilnehmerInnen durch. Verschiedene Gruppen sahen Rockmusikvideos, in denen entweder stereotype Geschlechterrollen dargestellt wurden, oder die in dieser Hinsicht neutral waren. Anschließend wurden ihnen Videos mit einer nachgestellten Szene vorgeführt, in der sich eine Frau um einen Job bei einem Mann bewirbt. Danach füllten die TeilnehmerInnen Fragebögen zur ihrer Wahrnehmung der beiden Personen und deren Interaktion aus. Die quantitativ- statistische Auswertung ergab, dass es zu kurzfristigen Priming-Effekten kommt, d. h. wenn in dem Rockvideo stereotype Geschlechterrollen dargestellt wurden, wurden die anschließend rezipierte Interaktion und die beteiligten Personen signifikant stärker in entsprechenden Stereotypen eingeschätzt als wenn dies nicht der Fall war. Da die Frequenz der Anwendung von Schemata die weitere Aktivierung bestimmt, vermuten Hansen und Hansen bei intensivem Konsum entsprechender Videos auch Langzeiteffekte. 97 Die Ergebnisse dieser Studie werden in der Untersuchung von Hansen und Krygowski (1994) erweitert. In der ebenfalls experimentellen, psychologischen Studie wurden die Priming-Effekte von Videoclips in Beziehung zu physiolo- gischen Erregungszuständen untersucht. Zwei ProbandInnengruppen, die mit unterschiedlicher Intensität auf einem Fahrradergometer fuhren, wurde jeweils ein Videos mit unterschiedlichen sexuellen Inhalten gezeigt (sexuell attraktive und unattraktive ProtagonistInnen in verschiedenen sexuellen Situationen), danach jeweils ein Werbeclip mit attraktiven männlichen/weiblichen Prota- gonistInnen, jedoch ohne sexuelle Inhalte. Anschließend mussten die Teil- nehmerInnen einen Fragebogen zu ihrer Wahrnehmung der ProtagonistInnen ausfüllen, der quantitativ-statistisch analysiert wurde. Die Wahrnehmung der ProtagonistInnen der Videos bestimmte die Wahrnehmung der ProtagonistInnen der Werbeclips. Bei einem höheren physiologischen Erregungszustand während der Rezeption wurde dieser Effekt noch verstärkt. Da Musikvideorezeption mit erhöhten Erregungszuständen verbunden ist, lassen sich die entsprechende Effekte der experimentell induzierten Erregung übertragen: „Rock music videos (and the myriad settings in which viewers experience them) contain a great many potential sources of arousal […] which might be one reason that they engender such strong schematic priming effects“ (ebd., S. 44). Anhand der Theorie des „Primings“ von kognitiven Schemata erklärt Hansen (1995) die scheinbar widersprüchlichen Ergebnisse zweier experimenteller sozialpsychologischer Studien zu den Wirkungen von Gangsta-Rap und ent- sprechenden Musikvideos auf jugendliche RezipientInnen. Bei Johnson et al. (1995) sollten die Studienteilnehmer – männliche jugend- liche Afro-Amerikaner – nach der Sichtung von Gangsta-Rap-Videos bzw. ohne vorherige Sichtung ein hypothetisches Szenario bewerten, in dem ein Mann einen Nebenbuhler niederschlägt, als er diesen dabei ertappt, seine Freundin zu küssen. Nach der Sichtung der Musikvideos war die Akzeptanz des gewalt- tätigen Verhaltens signifikant höher als ohne die Videosichtung. Bei Zillmann et al. (1995) wurden einer Gruppe von weißen und afro-ameri- kanischen Highschool-Schülern und Schülerinnen Gangsta-Rap-Videos mit politischen Inhalten gezeigt, einer anderen nicht. Anschließend nahmen sie an einer inszenierten Studentenparlamentswahl mit politisch sehr unterschiedlich ausgerichteten KandidatInnen teil. Während die Musikvideos bei den schwar- zen Jugendlichen keinen Effekt hatten, hatten sie einen prosozialen Effekt auf die weißen Jugendlichen. Diese stimmten verstärkt für einen liberalen, schwar- zen Kandidaten und weniger für einen rechten „White-Power“-Kandidaten im Vergleich zu der Gruppe ohne die Musikvideosichtung. Die scheinbar widersprüchlichen Ergebnisse – antisoziale Effekte bei John- son, prosoziale bei Zillmann – erklärt Hansen mit der oben beschriebenen Priming-Theorie. Die kurzfristig vorangehende Aktivierung eines gleichen oder eines strukturell ähnlichen Schemas bestimmt die kognitive Verarbeitung einer 98 aktuellen Situation. In beiden Experimenten beinhalteten die Musikvideos Gewalt, aber durch die Anlage von Johnsons Studie wurden dort kognitive Schemata von Selbstermächtigung und Durchsetzung aktiviert, bei Zillmann in Hinblick auf politische Emanzipation und Kampf gegen Unterdrückung von Afro-AmerikanerInnen. Entsprechend reagieren die StudienteilnehmerInnen auf die nachfolgenden Szenarien einerseits mit der Akzeptanz von Gewalt, andererseits mit prosozialem politischem Engagement. Einen relativ aktuellen Überblick über die empirische Forschung in den USA zur Rolle der Medien bei der sexuellen Sozialisation Jugendlicher, auch bezogen auf die Bedeutung von Musikvideos, präsentiert Ward (2003). Der Ergebnisüberblick deutet – mit einem Schwerpunkt auf Studien vor dem Hintergrund von Kultivierungstheorien – darauf hin, dass regelmäßige und stark involvierte Rezeption von sexuell orientierten Genres (z. B. Musik- videos) mit großer Akzeptanz von sexuellen Stereotypen, hohen Erwartungen an das Vorkommen von sexuellen Handlungen und an bestimmte Verläufe dieser Handlungen und teilweise mehr tatsächlichen sexuellen Erfahrungen verknüpft ist. 9.4 Zwischenresumee: Forschungsschwerpunkte und Forschungsdesiderata zum Thema: Zuschauerwirkungen von Musikvideos Die Forschung zu Wirkungen von Musikvideos wird vor allem unter Rückgriff auf Kultivierungstheorien der Medienwirkungsforschung und Theorien sozialen Modelllernens unternommen. In den Fokus dieser Forschungsrichtung fallen unterschiedliche Bereiche: Zum einen Auswirkungen auf Einstellungen und die Emotionen der RezipientInnenen, zum anderen konkrete Verhaltensände- rungen mit negativen sozialen und gesundheitlichen Folgen. In vielen ent- sprechenden Studien gibt es dazu jedoch keine empirische Forschung. Die Befunde werden vielmehr aus quantitativen Inhaltsanalysen abgeleitet, die mit den oben genannten Theorien verknüpft werden. Studien, die die negativen Auswirkungen von Musikvideos empirisch unter- suchen, gewinnen ihre Daten aus Laborexperimenten, die wenig mit der Alltags- wirklichkeit von Jugendlichen gemein haben. Die in der Regel daraus resultie- renden monokausalen Erklärungen in Bezug auf schädigende Wirkungen der Cliprezeption sind deshalb nur bedingt relevant, da die sozio-kulturellen Kontexte der RezipientInnen sowie deren „natürliche“ Rezeptionssituationen außer Acht gelassen werden. Einige Ergebnisse zu den Auswirkungen auf die Emotionen der Zu- schauerInnen sind jedoch interessant. Sexuelle Inhalte rufen bei den jugend- lichen ZuschauerInnen eher positive Emotionen hervor, gewalthaltige Inhalte erzeugen die entgegengesetzten Effekte. Gewalt in Videoclips stößt deshalb 99 häufig auf Ablehnung bei den ZuschauerInnen. Ob dies eine mediale Wirkung auf passive ZuschauerInnen ist, oder – wie angesichts der Forschung zu aktiven RezipientInnen und der allgemeinen Nutzung von Musikfernsehen eher zu vermuten wäre – medienkompetente Jugendliche aufgrund ihrer Normen und Werte die Musikvideos differenziert bewerten, müsste in zukünftigen Studien geklärt werden. Neben diesen emotionalen Wirkungen ist vor allem der Zusammenhang zwischen der Präsentation von sexuellen Inhalten und den Einstellungen zu Geschlechterrollen und sexuellen Beziehungen untersucht werden. Die ent- sprechenden Studien kommen zu dem Schluss, dass stereotype und traditionelle Geschlechterdarstellungen in den Videos analoge Einstellungen der Rezi- pientInnen bestätigen und verstärken. Es fehlen jedoch sowohl qualitative Analysen von Medieninhalten mit sexueller Thematik, vor allem über eine „positive“ Darstellung von sexuellen Inhalten, als auch aktuelle qualitative und biografische Erhebungen über die Videoclipnutzung von Jugendlichen. In der vorliegenden Forschung werden auch die unterschiedlichen kontextuellen Be- dingungen für männliche und weibliche RezipientInnen nicht differenziert betrachtet. Hier ist wiederum ein Forschungsdesiderat festzustellen, denn diese Schwerpunkte dürften auch im Besonderen für die Rezeption von Musikvideos und die Bedeutung für die sexuelle Sozialisation von Jugendlichen relevant sein. 9.5 Aktive RezipientInnen von Musikvideos Gegenüber den wirkungszentrierten Studien, die vornehmlich potentiell negative Effekte von sexuellen und gewalthaltigen Inhalten der Musikvideos betonen, gibt es eine Forschungsrichtung, die die RezipientInnen nicht als passive EmpfängerInnen von medialen Botschaften konzipiert, sondern als ein aktives Publikum, das aufgrund seiner jeweiligen sozio-kulturellen Kontexte aus dem angebotenen Material Bedeutungen generiert und sich in Bezug zur jeweiligen Lebenssituation aneignet. Kurp, Hausschild und Wiese (2002) beschreiben eine theoretische Position zur Rezeption und Perzeption von Musikfernsehen als Bestandteil jugendlicher Medienrealität vor dem Hintergrund der Cultural Studies. Medienrezeption wird als personaler Interaktions- und Kommunikationszusammenhang begriffen. Musikvideos sind wichtige Bestandteile der sozialen Alltagspraxis Jugend- licher. Die Rezeption und Aneignung ist ein Mittel der Selbstverwirklichung und der Selbstdefinition sowie Katalysator bei Abgrenzungsprozessen (vgl. Altrogge 2000, Schmidbauer/Löhr 1996). Die den Musikstilen immanenten Lebensentwürfe prägen das Bewusstsein, zum Beispiel über Kleidung, Tanz- stile, Drogenkonsum oder Freizeitaktivitäten. Die Musiksender liefern Vorlagen für den Lebensstil der RezipientInnen, die Dekodierung ist jedoch von den verschiedenen sozialen Kontexten und Lebenssituationen abhängig. 100 Die Rezeption von Musikvideos ermöglicht sowohl Adaptionen als auch Transferprozesse und trägt damit zur individuellen Identitätsbildung bei. Dabei können die vorgegebenen Inhalte unbesehen für die Lebenswelt übernommen werden oder die medialen Angebote werden als Transportmedium für eine weitere Auseinandersetzung in der individuellen Lebenspraxis genutzt. Müller (2004) kommt in ihrem Übersichtsartikel zur jugendlichen Aneig- nung von Musik und Musikvideos zu dem Ergebnis, dass Jugendliche ihre musikalischen Erfahrungen innerhalb sozialer Kontexte machen. Ihr Umgang mit Musik ist mit audiovisuellen Symbolwelten verknüpft. Die Jugendlichen nutzen ihre musikkulturellen Erfahrungen, um sich gesellschaftlich zu ver- orten, sich zugehörig zu fühlen, sich abzugrenzen und anerkannt zu werden: „Jugendliche bearbeiten nicht nur jugendspezifische Probleme durch ihr musik- kulturelles Engagement, sondern spezialisieren sich jugendmusikkulturell je nach schichtspezifischen, geschlechtsspezifischen, ethnospezifischen Erfah- rungen wie Marginalisierung, Bedeutungslosigkeit, Unterdrückung, Devianz“ (ebd., S. 12). Bilandzic und Trapp (2000) erläutern in ihrer qualitativen Studie zum Um- schaltverhalten Jugendlicher, dass das Fernsehen die Jugendlichen als aktive RezipientInnen mit lebensweltlichen Identifikationsangeboten und Rollen- modellen versorgt, indem es die symbolische Ausgestaltung von Lebensstilen beispielhaft sichtbar macht. Es vermittelt Sekundärerfahrungen, die eine spiele- rische Auseinandersetzung mit Jugendszenen und der Erwachsenenwelt ermög- lichen. In Bezug auf das Musikfernsehen stellen sie fest: „Rezeptionsleitend ist die Verbindung der Musikprogramme über gemeinsame Symbole, die als Stilreferenzen zur eigenen jugendkulturellen Identifikation und Identitäts- bestimmung dienen“ (ebd., S. 202). Goodwin (1993) stellt in seiner theoretischen Auseinandersetzung mit Musikfernsehen fest, dass Musikclips keine oberflächlichen fragmentarischen „Pastiche“ sind, sondern inhaltliche Bedeutungsangebote bieten, die von sozia- ler Kritik bis zu den vielfältigen Promotion- und Konsumaspekten reichen. Musikfernsehen ist dabei konkret in einem sozialen Kontext situiert und muss im Verhältnis von Musikindustrie und Musikkonsum analysiert werden. Ähnlich argumentieren Fry und Fry (1987), die ein theoretisches Modell von Encoding/ Decoding-Prozessen von medialen Bedeutungen in Hinblick auf MTV vor dem Hintergrund von Cultural Studies und der semiotischen Theorie von Eco (1976) erarbeiten. Musikvideos sind geschlossene Texte in der Hinsicht, dass sie nicht Bedeutungen über Inhalte der Songtexte kommuni- zieren, sondern über visuelle Codes ein „style“-Angebot. Stil wird als die soziale Ausstellung von Waren betrachtet. Die dominante Bedeutung, die im Kommunikationsprozess enkodiert wird, ist demnach eine Konsumaufforde- rung. Es wird ein Stilangebot kommuniziert, das von RezipientInnen unter- schiedlich interpretiert werden kann. Die dominante Lesart umfasst diese 101 Unterschiede jedoch, denn es geht bei ihr um Konsum als grundsätzliche „Lebensphilosophie“. Bennett und Ferrell (1987) analysieren ausgehend von der Hypothese, das populäre Kultur als Agent in der Wissenssozialisation von Jugendlichen wirkt, 100 Videos in Bezug auf repräsentative Aspekte. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass Repräsentationen in Musikvideos bestimmte epistemische „cues“ liefern, die mit bestimmten Themen verknüpft sind. Zum Beispiel sind Darstellungen von Politik mit Fragen der Macht und Autorität verknüpft und liefern den RezipientInnen Hinweise zum Verstehen dieser Themen. Das Gleiche trifft auf romantische Beziehungen und Sexualität zu. Gemeinsam ist den Repräsenta- tionen in Musikvideos ihre Ambivalenz und Ambiguität, wodurch eine Vielfalt an Bedeutungs- und Rezeptionsangeboten für die ZuschauerInnen besteht. Harvey (1990) liefert eine theoretische Auseinandersetzung mit Musik- videos vor einem interdisziplinären Hintergrund, der sich auf Cultural Studies, Strukturalismus, Psychoanalyse und Filmwissenschaft bezieht. Sie beschreibt, dass Musikfernsehen in der Tradition von rituellen Transformationen, wie Karneval oder Maskenball, steht, in denen bestimmte soziale Funktionen erfüllt werden: Das zeitlich und räumlich beschränkte Überschreiten kultureller Tabus, symbolische Umkehrungen von Status und Geschlechtszuschreibungen, die anschließend wieder hergestellt sind. Hier liegt ein Unterschied von Musik- clips zu anderen kulturellen Produkten. Sie sind polysemer und in ihrem quasi endlosen „flow“ offen. Dadurch fehlt ein Endpunkt, in dem die normale gesell- schaftliche Ordnung wiederhergestellt wird. Die Struktur von Musikvideos ähnelt dabei auch Träumen (vgl. auch Kinder 1984). Sie bieten damit vielfältige Bedeutungsangebote für die RezipientInnen. Mikos (1993) beschreibt entsprechend Musikfernsehen als kulturelles Phäno- men. Die Nutzung ist eine kulturelle Aktivität, in der symbolisch die Erfahrungs- möglichkeiten eines Rock’n’Roll-Lebensstils über vielfache Bedeutungsange- bote vermittelt werden: „Die kulturelle Bedeutung des Musikkanals MTV liegt darin, dass mit der in der Bilderflut angelegten Mehrdeutigkeit Interpretations- raster einhergehen, die sich in den aktuellen historischen Situationen nicht der Erfahrung des Lebensgefühls ‚Rock’n’Roll‘ in seiner gerade aktuellen Bedeu- tung als symbolisches Verständigungsmittel verschließen“ (ebd., S. 19). Die qualitative empirische Studie von Berry und Shelton (1999) untersucht die Fragen: Wie werden Musikvideos vom Publikum interpretiert und ver- standen? Welche Rolle spielen personale, soziale und kulturelle Kontexte? Welchen Einfluss haben Geschlecht und Hautfarbe auf die Rezeption? Theo- retischer Hintergrund der Untersuchung ist ein Cultural-Studies-Ansatz. Die AutorInnen gehen davon aus, dass sozio-kulturelle Kontexte, speziell Geschlecht und Ethnie die Bedeutungsgenerierung durch ein aktives Publikum bestimmen. Die Musikvideos als zugrunde liegende Texte sind polysem und offen für unterschiedliche Bedeutungszuschreibungen. 102 25 StudentInnen im Alter von 23 Jahren, demographisch geordnet nach Geschlecht und Hautfarbe, sahen fünf Videos und nahmen danach an einer Gruppendiskussion teil, die durch einen Frageboden zu ihrer Wahrnehmung der Videos ergänzt wurde. Berry und Shelton stellten fest, dass die Interpreta- tion der Videos zum einen stark von der Konsistenz zwischen Songtexten und Bildern abhängt. Sind diese konsistent, gibt es starke Gemeinsamkeiten in den intersubjektiven Interpretationen. Bei wenig Konsistenz kommt es zu stärkeren Variationen in den Interpretationen. Die Bedeutungen sind jedoch auch vor allem mit personalen, sozialen und kulturellen Erfahrungen und Relevanzen der RezipientInnen verknüpft. Dabei sind Unterschiede zwischen Geschlecht und Hautfarbe ebenfalls relevant. Zum Beispiel interpretierten die weißen TeilnehmerInnen eine Szene, in der ein schwarzer Mann von einem Tanz mit einer weißen geisterhaften Frau träumt, im Hinblick auf Engel, den Himmel und Schönheit im Allgemeinen. Die schwarzen TeilnehmerInnen sahen die Szene eher aus einer gesellschaftspolitischen Perspektive und interpretierten sie in Hinblick auf reale Probleme bei Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen. McKee und Pardun (1999) erforschten, wie Rezipientinnen religiöse Symbo- lik in Videoclips mit säkularen Themen wahrnehmen und dabei unterschied- liche Bedeutungen generiert werden. Sieben StudentInnengruppen wurden zwei Musikvideos gezeigt: Zombie von den Cranberries und Murder was the case von Snoop Doggy Dog. Nach jeder Vorführung schrieben die StudentInnen nach einem „stream-of-consciousness“-Prinzip in zehn Minuten die Eindrücke ihrer Wahrnehmung und Interpretationen zu den Videos auf. Daran schloss sich jeweils eine Gruppendiskussion an. Die erhobenen Daten wurden qualitativ analysiert. Die AutorInnen stellen fest, dass die visuellen Elemente der Videos die mentale Verarbeitung strukturieren – unabhängig, ob parallel die Songtexte wahrgenommen werden oder nicht. Die RezipientInnen knüpfen an die religiöse Symbolik an und benutzen sie, um individuelle Bedeutungen zu generieren, die sich interpersonal sehr unterscheiden. Die religiöse Symbolik wird sowohl im Kontext der säkularen Thematik im Cranberries-Video und im Kontext von Sex und Gewaltdarstellungen im Snoop Doggy Dog-Video in erster Linie unter spirituellen Gesichtspunkten interpretiert. In einer ethnographischen Forschung, die vor allem auf Feldbeobachtungen in der Technoszene rekurriert, analysiert Pfadenhauer (2001) das Techno-Video Sonic Empire in Hinblick auf vier unterschiedliche Rezeptionsperspektiven: In einer alltäglichen Betrachtungsweise, aus der Perspektive eines Technofans, eines/r wissenschaftlichen Interpreten/in und eines Szene-Insiders. Die Analyse ergibt, dass je nach Wissenshorizont und Relevanzen der Betrachtenden das Video unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert wird. In ihrer ethnographischen Studie zur HipHop-Kultur gehen Klein und Fried- rich (2003) auch auf die Rolle von Musikvideos ein. Sie zeigen, wie sich die 103 globale Bilderwelt des HipHop, in deren Zentrum die MCs, die Rapper, stehen, in die lokalen Kulturen der HipHop-Szene einfügt. Die Bilder werden im lebensweltlichen lokalen Kontext neu gerahmt, indem sie mit Erfahrung auf- geladen werden. Sie stellen zu diesem Prozess fest: „Die lokale Aneignung globaler Bilder lässt sich aus dieser Perspektive nicht als ein Vorgang der Manipulation, sondern eher als ein interaktiver Prozess von Medialität und Wirklichkeit beschreiben. Denn zum einen geben die Bilder zwar Stile, Ästheti- ken, Gesten und Bewegungsabläufe vor, die in der lokalen popkulturellen Praxis sowohl nachgeahmt, aber auch immer weiter entwickelt werden. Zum zweiten werden die AkteurInnen in der lokalen Praxis über die Aneignung der Bild-Angebote in die Lage versetzt, selbst zu sprechen, das Bild zur Erfahrung werden zu lassen. Bilderwelt und Erfahrungswelt gleichen sich aneinander an, gehen aber nicht vollständig ineinander auf. Die Bilder entsprechen eher einem Passepartout, das in den verschiedenen lokalen Lebenswelten kontextualisiert und mit ‚Inhalt‘ gefüllt wird“ (ebd., S. 133 f.). Diese Kontextualisierung findet auch in Bezug auf die dargestellten Geschlechterrollen statt, in denen meist männliche Rapper sich „klischeehaft männlich“ (ebd., S. 125) in Szene setzen und Frauen lediglich als Beiwerk fungieren. 9.5.1 Gender und Sex Viele Studien dieser Forschungsperspektive untersuchen die Aspekte von Gender und Sex bei der Rezeption von Musikfernsehen. Die entsprechende Forschung zur Cliprezeption ist im theoretischen Ansatz der Cultural Studies sowie femi- nistischen Theorien verankert und bezieht sich in erster Linie auf die unter- schiedlichen Rezeptions- und Aneignungsweisen von männlichen und weib- lichen Jugendlichen in Hinblick auf die Darstellung von Geschlechterrollen und sexuellen Situationen in den Videoclips. So konstatiert Müller (1996, für eine weitere Forschungszusammenfassung siehe Bernold 1992) in ihrer Über- blicksdarstellung zu diesem Thema die zentralen Fragestellungen: „Entwickeln Mädchen andere Gefühle als Jungen im Umgehen mit Videoclips? Schreiben Mädchen Videoclips andere Bedeutungen zu, d. h. interpretieren sie Clips anders als Jungen? Denken Mädchen auf andere Weise über Clips nach als Jungen? Geben Mädchen Videoclips einen anderen Stellenwert in ihrem Leben, benutzen sie sie auf andere Weise als Jungen?“ (ebd., S. 75). Es gibt geschlechtsspezifi- sche Unterschiede bei der Rezeption und Aneignung von Videoclips, denn die Interpretationen von Musikvideos hängen von sozialen Faktoren und kulturellen Bedingungen ab. Männliche und weibliche RezipientInnen lesen unterschied- liche Bedeutungen aus den Videos heraus. Arnett (2002) beschreibt ausgehend von vorhandener Literatur die Dominanz von sexuellen Themen in populärer Musik und Musikvideos als einen theoreti- schen Rahmen, innerhalb dessen die jugendliche Rezeption und Aneignung von 104 Musik mit sexuellen Inhalten erforscht werden sollte. Ausgehend vom Uses- and-Gratifications-Ansatz werden drei Aspekte der entsprechenden Medien- nutzung angeführt: Die Nutzung zu Unterhaltungszwecken, Identitätsarbeit in der Auseinandersetzung mit den Videos und „Coping“, d. h. Videos werden als Material zum Umgang mit eigenen sexuellen Erfahrungen genutzt. Methodisch wird ein ethnographisches Vorgehen vorgeschlagen. Die empirische Studie von Brown und Schulze (1990) untersucht – vor dem theoretischen Hintergrund der Cultural Studies – inwiefern Ethnie, Ge- schlecht und Fankultur die Rezeption von Musikvideos bestimmen. 376 Stu- dentInnen wurden zwei Madonna-Videos (Open Your Heart und Papa Don’t Preach) vorgeführt, anschließend füllten sie einen offenen Fragebogen zu ihrer Fanzugehörigkeit und ihren Interpretationen der Videos aus. Die Analyse suchte nach Unterschieden in der Interpretation und war dabei aufgeschlüsselt nach Geschlecht, Hautfarbe und Madonna-Fanzugehörigkeit. Brown/Schulze stellen fest, dass es große Unterschiede in der Interpretation der Videos in Bezug auf alle Kategorien gibt. Während zum Beispiel alle weißen TeilnehmerInnen die Textzeile „I’m keeping my Baby“ aus dem Video Papa Don’t Preach in Bezug zu einer Teenagerschwangerschaft setzten, interpretierte ein großer Teil der schwarzen TeilnehmerInnen die Worte „my Baby“ als den Freund der Prota- gonistin, den der Vater ablehnt. Die schwarzen TeilnehmerInnen, die eine Schwangerschaft mit dem Text verbanden, räumten dieser eine wesentlich geringere Bedeutung bei, als die weißen Befragten. Bei Open Your Heart wurden von männlichen Befragten die sexuellen Aspekte des Videos als zentral angesehen, während die weiblichen TeilnehmerInnen eher die platonische Be- ziehung der Tänzerin (Madonna) zu dem Jungen als zentrales Thema des Videos ansahen. Es gibt also unterschiedliche Dekodierungen desselben Video- clips bei Jugendlichen verschiedener Ethnien und verschiedenen Geschlechts. Die Bedeutungszuschreibungen zu Videoclips hängen demnach von unter- schiedlichen Lebenssituationen, Subkulturen und kulturellen Codes ab (siehe auch Kalof 1993). Aufgrund der Ergebnisse halten die Autorinnen weitere Forschung für notwendig und sprechen sich ebenfalls für einen ethnographi- schen Ansatz aus: „The data generated by this study ask for further critical interpretation and point toward the need for deeper empirical investigation – perhaps ethnographic studies of fans and music video viewers – in an effort to learn more about how audiences use popular media to develop their own understandings of sexuality and sexual pleasure“ (ebd., S. 101). Auch Thompson et al. (1991) untersuchten die Rezeption von Madonnas Papa Don’t Preach-Video. Sie fragen, wie in der Rezeption Muster der Familienkommunikation, Erfahrungen mit Sex und Schwangerschaft, allgemeine Rezeptionsmotivationen für Musikvideos und die kognitiven Prozesse jugend- licher ZuschauerInnen miteinander verknüpft sind. 105 Vor dem Hintergrund des Uses-and-Gratifications-Ansatzes und kognitions- theoretischen Überlegungen wurden 186 High-School-SchülerInnen in einem zweistufigen Erhebungsprozess mittels Fragebögen befragt: (1.) Erhebung der demographischen Daten, Muster von Familienkommunika- tion, Sex und Schwangerschaftserfahrungen und die allgemeine Musikvideo- nutzung. (2.) Nach gemeinsamer Sichtung von Papa Don’t Preach füllten die Teil- nehmerInnen einen Fragebogen zur individuellen Wahrnehmung des Videos aus. Die Ergebnisse zeigen, dass die Wahrnehmung und Beurteilung des Inhalts bei den Mädchen stark von den familiären Kommunikationsmustern sowie von eigenen Erfahrungen mit Sexualität und Schwangerschaft abhängig war. Bei den Jungen standen die familiären Kommunikationsmuster und allgemeine Nutzungsmotivationen, zum Beispiel eine Vorliebe für die Interpretin, im Vordergrund, eigene Erfahrungen spielten keine Rolle. Allgemein spielen die normativen Muster der Familienkommunikation eine zentrale Rolle für die kognitiven Aktivitäten bei der Musikvideorezeption, noch vor eigenen Erfah- rungen mit dem Thema des Videos oder allgemeinen Nutzungsstrukturen. Die kognitiven Prozesse bei der Rezeption von Papa don’t Preach von Madonna hängen bei Jungen und Mädchen also von unterschiedlichen Bedingungen ab.m Lewis (1990) verknüpft eine Institutionsgeschichte von MTV mit exemplari- schen Inhaltsanalysen von Videoclips mit männlicher und weiblicher Adressie- rung sowie einer Quellenanalyse von weiblicher Fankultur. Vor dem Hinter- grund der Cultural Studies und feministischen Theorien wird die Etablierung von weiblichen Perspektiven und Musikerinnen auf MTV in Bezug auf die zugrunde liegenden politischen, ökonomischen und kulturellen Prozesse be- schrieben. Lewis analysiert jeweils vier männlich und vier weiblich adressierte Videos und beschreibt weibliche Aneignung anhand von verschiedenen Fan- ereignissen. Über Fanpraktiken können Mädchen ihre Erfahrungen von Weib- lichkeit symbolisch ausdrücken und so an ihrer Identität arbeiten. Die Antholo- gie von Baldauf und Weingartner (1998), die popkulturelle Texte, Interviews und feministische Artikel, die sich im weitesten Sinne mit dem „Girl“-Phäno- men in den neunziger Jahren beschäftigen, umfasst, zeigt in dieser Hinsicht vielfache Möglichkeiten der Aneignung von kulturellen Produkten im Kontext der Lebenswelten von Mädchen und jungen Frauen auf, ohne jedoch eine wissenschaftlich-theoretischen Annäherung an die Rezeption von Musikvideos zu liefern. Hurley (1994) führt eine qualitative Studie mit 50 TeilnehmerInnen zwi- schen 15 und 16 Jahren durch, die in Bezug zu feministischer Theorie Musik- videorezeption und die Entwicklung von Geschlechtsidentität untersucht. Dabei wendet sie eine Methodentriangulation aus quantitativ ausgewerteten Über- 106 blicksbefragungen, Gruppeninterviews, Erinnerungsarbeit und strukturierten Interviews an. Als zentrale Ergebnisse stellt sie fest, dass für beide Geschlech- ter die Videos als kommunikative Ressourcen dienen, über die sich in der Peer Group auseinander gesetzt wird. Die Bedeutungen und Erzählungen der Musik- videos sind für Mädchen dabei sehr relevant, spielen bei Jungen jedoch keine Rolle. Jungen kommunizieren über die Musikvideos eher, um diese zu kritisie- ren und damit die eigene Meinungsführerschaft zu bekräftigen. Sie interessieren sich außerdem maßgeblich für die dargestellten Frauen in den Clips, eine sexuelle Orientierung wird hier sehr deutlich. Sowohl Jungen als auch Mädchen benutzen die Videos zur Konstruktion und Rekonstruktion traditioneller Ge- schlechtsidentitäten. Da in der Regel in Musikvideos Frauen als passiv oder unterwürfig dargestellt werden und Objekte männlicher Begierde sind, empfiehlt die Autorin dringend weitere Forschung, denn diese Inhalte werden von den Jugendlichen als symbolisches Material benutzt, mit dem sie ihre Identitäts- arbeit leisten: „Clearly, young people are measuring themselves against the standards they see in music video or other cultural texts in order to produce themselves as individuals“ (Hurley 1994, S. 336). Bechdolf (1993, 1996, 1999, 2002) kommt in dieser Hinsicht zu differen- zierteren Ergebnissen. Sie kann in verschiedenen qualitativen Studien Mög- lichkeiten von Gegenlesarten bei traditionellen und stereotypen Geschlechter- darstellungen in Musikvideos nachweisen. Andererseits kommt es auch bei Musikvideos, die subversive und dekonstruktive Bedeutungsangebote in Hin- blick auf Geschlechtsrollen anbieten, zu Lesarten, die dominante Perspektiven bestätigen. Bechdolf (1996) liefert eine Übersicht über Tendenzen feministi- scher Medienforschung. Am Beispiel Madonna erläutert die Autorin den theoretischen Hintergrund ihrer Forschung, der sich vor allem auf die Cultural Studies bezieht. Zuschauer und Zuschauerinnen rezipieren und eignen sich Medienprodukte im Kontext ihres Alltags und vor dem Hintergrund ihres bis- herigen Wissens an. Dabei arbeiten sie auch eigene Identitätsthemen ab. In Bezug auf das Geschlecht stellt sie die Frage, wie Jugendliche medial ver- mittelte Repräsentationen von Geschlecht wahrnehmen, diskutieren, umdeuten oder verweigern. Nach dieser Perspektive gibt es keine einfache Übernahme falscher, reaktionärer oder stereotyper Geschlechterdarstellungen. Die Rezi- pientInnen leisten in Auseinandersetzung mit den Medieninhalten aktiv Identi- tätsarbeit. Als Beispiele führt Bechdolf Ausschnitte aus Interviews mit Jugend- lichen an, die sie einer „empathisch-interpretativen“ Analyse unterzogen hat. Sie führen zu dem Schluss, dass Identitätsarbeit anhand von Musikvideos als ein komplexer alltäglicher Prozess zu sehen ist, „in dem einerseits die dominante Geschlechterideologie rekonstruiert wird, andererseits aber auch ein utopischer Freiraum mit Möglichkeiten für emanzipatorische Selbstkonstruktionen eröffnet wird, unter bestimmten Vorzeichen auch einen spielerischen Umgang mit Ge- schlechtsidentitäten“ (ebd., S. 38). 107 Bechdolf (1993) erörtert, inwiefern Musikvideos von männlichen und weib- lichen Jugendlichen unterschiedlich rezipiert werden und welche Rolle dabei Alltagskontexte spielen. Die qualitative Studie findet vor dem Hintergrund theoretischer Überlegungen zum/zur aktiven Rezipienten/ in statt, der/die im Prozess der Rezeption abhängig von sozio-kulturellen Kontexten Bedeutungen herstellt. Verschiedene Jugendliche wurden in Einzel- und Gruppeninterviews zu dem Video Cradle of Love von Billy Idol befragt. In dem Video wird eine Frau von der Musik Billy Idols und seinem Auftreten als Computeranimation so erregt, das sie sich im Bild herumwälzt und auszieht. Die Interviews wurden qualitativ-interpretativ ausgewertet. Bechdolf stellt fest, dass die Jugendlichen aktiv Bedeutungen in der Rezeption des Videos generieren, vor allem in Zu- sammenhang mit eigener Identitätsarbeit. Dabei kommt es auch zu Gegen- lesarten, in denen dominante Bedeutungsangebote umgedreht werden. „Da mehrere Zuschauerpositionen möglich sind, können die Jugendlichen eigene Beziehungen zum Text herstellen. In diesem Fall [von Billy Idols Cradle of Love] konnten einige Zuschauerinnen die nahe liegende dominante Interpreta- tion umgehen, kritisieren oder sogar umkehren“ (ebd., S. 130). Eine Teilnehme- rin der Gruppendiskussion trat aus dem heterosexuellen Diskurs, der die Inter- views grundsätzlich prägte, heraus und sprach von ihrem Vergnügen an dem Video, das von anderen Frauen als „sexistisch“ bezeichnet wurde. Sie über- nahm die Perspektive des Mannes und stellte erotische Gefühle gegenüber der weiblichen Figur fest. In einer umfangreicheren Studie untersucht Bechdolf (1999, siehe auch zusammenfassend Bechdolf 2002) in Bezug zu konstruktivistischen Gender- Theorien und dem Cultural-Studies-Ansatz, wie jugendliche RezipientInnen mit den unterschiedlichen medialen Repräsentationen von Geschlecht in Musik- videos umgehen, welchen Sinn sie diesen verleihen und sie in ihre Weltsicht einordnen. Die Studie verbindet eine Produktanalyse mit 22 qualitativen Inter- views. Die zentralen Ergebnisse der Forschung sind, dass der überwiegende Teil der Musikvideos traditionelle und stereotype Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit darstellt. Ein wesentlich geringerer Anteil bietet oppositionelle oder dekonstruierende Repräsentationen an. Die interviewten Jugendlichen gehen mit diesen medialen Angeboten sehr unterschiedlich um, affirmative Repräsentationsstrategien können durch abweichende Rezeptionshaltungen eine völlig entgegengesetzte Bedeutung zugeschrieben bekommen, und Clips, die traditionelle Geschlechterrollen dekonstruieren, können auf die dominanten Geschlechterdiskurse bezogen und zur Stabilisierung von Hierarchien ein- gesetzt werden: „Musikvideos, die Brüche und Widersprüche hinsichtlich der Geschlechterdifferenz enthalten, können entweder verspielt bis verunsichernd wirken oder im Gegenteil für identitätsfixierende Maßnahmen eingesetzt wer- den. Mit anderen Worten: Musik und Bilder, die auf die eine Zuschauerin vor- 108 bildhaft oder ermächtigend wirken, kann ein anderer Zuschauer als traditio- nelles Machtinstrument kritisieren“ (Bechdolf 2002, S. 225). Auch wenn textuelle Widersprüche, Irritationen und Grenzüberschreitungen in Bezug auf das Geschlecht von einigen Jugendlichen als interessant empfun- den werden, gibt es allerdings eine klare Präferenz für eindeutige Geschlechts- bilder. Das zeigt sich auch in einer britischen Studie zum Umgang von Kindern und Jugendlichen mit Sexualitätsdarstellungen in den Medien (Buckingham/ Bragg 2004). Unter anderem wurde hier auch der Umgang mit sexualisierten Darstellungen in Musikvideos untersucht. Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren diskutierten Musikvideos von Britney Spears und Robbie Williams sowie ein Video mit explizit sexualisierter Darstellung, in dem die Rocksängerinnen Christina Aguilera und Pink sowie die beiden Rapperinnen Missy Elliot und Lil’ Kim gemeinsam auftreten. Die älteren Kinder waren in der Lage, die Musikvideos aus einer kritischen Perspektive zu betrachten und sie als kommerzielle Produkte zu sehen, die so kalkuliert sind, dass sie ein spezifisches Publikum ansprechen. Die jüngeren Kinder konnten zwar die Mechanismen der Musikindustrie noch nicht durchschauen, waren aber in der Lage, die Medien dafür zu kritisieren, Sex zu verkaufen. Die älteren Kinder konnten die Darstellung von Sexualität gar generell in die Geschichte der kulturellen Repräsentation von Sexualität einordnen. Im Hinblick auf geschlechtsspezifische Unterschiede in der Rezeption konn- ten Buckingham und Bragg feststellen, dass Mädchen in der Regel weniger Probleme hatten, mit den Darstellungen von Sexualität in Musikvideos umzu- gehen und ihnen vor dem Hintergrund ihres eigenen Wissens eine Bedeutung zuzuweisen. Anders die jüngeren männlichen Videoclip-Rezipienten: Diese konnten mit der sexualisierten Performance von Robbie Williams sehr wenig anfangen, während die Mädchen sich an seinem Sexappeal erfreuten. Bei den jüngeren Jungen zeigten sich dagegen Anzeichen von Homophobie. Diese resultierten auch aus dem Wissen der Jungen um die Berichte über Robbie Williams’ angeblicher Homosexualität aus der Boulevard-Presse und Jugend- zeitschriften. Dieses breite Wissen, das alle Jugendlichen aufwiesen, bildete einen wesentlichen Hintergrund für die Lesarten der Videos. Das Video mit den Rock- und Rapsängerinnen, die sich dort aktiv sexuell inszenierten, ver- unsicherte die Jungen stark und führte teilweise zu starker Ablehnung des Videos. Vor allem jüngere Rezipienten hatten Probleme, mit der aktiven Sexua- lität der Frauen in dem Musikvideo umzugehen. Als Fazit halten Buckingham und Bragg fest, dass die Mädchen und Jungen sich als selbst-regulierende KonsumentInnen sehen, auch wenn, wie die Forscher feststellten, sie nicht immer die sexuelle Dimension des Bildmaterials er- kannten. Ob die Kinder und Jugendlichen von den medialen Darstellungen etwas lernen, hängt im Wesentlichen von ihrem bereits erworbenen Wissen ab – oder wie sie es nennen: „[…] it may well be that what you don’t under- 109 stand can’t hurt you“ (ebd., S. 125). Für die Ergebnisse feministischer For- schung, die von der Bestätigung klassischer Rollenstereotype einerseits sowie die Möglichkeiten subversiver Lesarten dieser Darstellungen in den Musik- videos andererseits ausgehen, konnten hier keine Belege gefunden werden. Als Gegenthese stellen sie fest: „[…] we might even suggest that the media play a greater role in disturbing gender and sexual identities than they do in confirming them“ (ebd., S. 126). Diese These mag auch aus dem Ergebnis resultieren, dass die älteren Kinder bereits erkennen, dass die sexuelle Bedeu- tung sehr stark von den Kontexten abhängt (ebd., S. 250). Buckingham und Bragg plädieren daher für eine permanente empirische Überprüfung des Wissens und der Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen, da von diesem Wissen ihr Umgang mit Darstellungen von Sexualität in den Medien abhängt.m 9.5.2 Zwischenresumee: Forschungsschwerpunkte und Forschungsdesiderata zum Thema: Aktive RezipientInnen von Musikvideos In der Forschungsperspektive zu aktiven Rezipienten von Musikvideos, die sich vor allem auf die Cultural Studies und die ethnographische Soziologie bezieht, wird die Rezeption als Interaktion zwischen Musikclip und Zu- schauerInnen verstanden, in der Bedeutungsangebote auf die unterschiedlichen Rezeptionssituationen und sozio-kulturellen Kontexte der jugendlichen Zu- schauerInnen trifft. Diese konsumieren die Clips nicht passiv, sondern generieren aktiv Bedeutungen und eignen sich darüber und in Bezug zu ihrer Alltags- wirklichkeit die Musikvideos an – im Sinne von Selbstverwirklichung, Identi- tätsfindung und Selbstdefinition sowie Abgrenzungsprozessen. Vor allem werden hier Musikvideos in Zusammenhang mit Geschlechter- rollen und Sexualität erforscht. Im Gegensatz zu den einfachen kausalen Er- klärungen der Wirkungsforschung rücken die komplexen und vielfältigen Rezeptions- und Aneignungsweisen in den Blickpunkt, die mit den ganz unter- schiedlichen sozio-kulturellen Kontexten der ZuschauerInnen korrespondieren. Sowohl männliche als auch weibliche Jugendliche nutzen die Videos vor allem, um ihre Geschlechtsidentität zu festigen und traditionelle Rollen zu bestäti- gen – dabei können sogar Videos, die mit den traditionellen Geschlechter- darstellungen spielen und diese dekonstruieren, auf die vorherrschenden Rollen- vorstellungen bezogen und in deren Sinn interpretiert werden. Allerdings werden auch Videos mit stereotypen Darstellungen von Geschlecht und Sexua- lität von manchen Jugendlichen subversiv gelesen und die Bedeutungen um- gekehrt. Da dies jedoch eher eine Ausnahme bildet, wird auch in dieser Forschungs- perspektive auf mögliche negative Zusammenhänge hingewiesen. Inhaltsanaly- tische Forschung zeigt, dass in der Regel bei sexuellen Darstellungen in Clips 110 die Frau als sexuelles Objekt des aktiven und begehrenden Mannes dargestellt wird. Es überwiegen Präsentationen stereotyper Geschlechterrollen. Über dieses symbolische Material, das in der Regel affirmativ angeeignet wird, setzen sich Jugendliche mit ihrer Sexualität auseinander. Hier ist weitere Forschung not- wendig, um die Rolle von stereotypen Geschlechtsdarstellungen in Musik- videos für die Ausbildung von Geschlechtsidentitäten der Jugendlichen zu untersuchen. Sowohl hier, als auch in Hinblick auf die Aneignung von Gewalt- inhalten gibt es aus dieser Perspektive große Lücken, die auf deutliche For- schungsdesiderata verweisen. 10 Fazit zu Teil II Das Verhältnis zwischen Musikfernsehen und seinen jugendlichen ZuschauerIn- nen zeichnet sich durch ein Möglichkeitsspektrum an unterschiedlichen Rezep- tionshaltungen und -motiven aus. Dabei werden verschiedene Orientierungen im Umgang mit Videoclips deutlich, zum Beispiel werden Videos gesehen, um Informationen über Lebensstile zu erhalten oder einfach um „abzuschalten“ und sich zu entspannen. Die Orientierung kann aber auch durchaus auf sexuelle oder gewalthaltige Inhalte ausgerichtet sein, wobei die Ursachen hierfür und mögliche negative Folgen in der bisherigen Forschung ganz unterschiedlich betrachtet werden. Allgemein sehen Jugendliche Musikfernsehen, weil sie sich für die Musik und Bands interessieren, diese gerne visuell wahrnehmen und Informationen dazu erhalten. Musikvideos dienen dem Gefühlsmanagement, um gute Laune zu bekommen, sich zu entspannen, oder sich von den Bildern und der Musik gleichsam berauschen zu lassen. Musikvideos haben eine sehr wichtige soziale Funktion als kommunikative Ressource. In der Peer Group wird über die Videos geredet, wobei die Spannbreite vom oberflächlichen Neuigkeitsaustausch bis zur Diskussion über Inhalte und deren technische Umsetzung reicht. Neben den musikspezifischen Informationen erhalten die ZuschauerInnen auch Hinweise zu aktuellen und für die Jugendlichen bedeutsamen Lebens- stilen, wie Modetrends oder neue Tanzstile. Ein weiterer sehr wichtiger Grund Musikvideos zu rezipieren liegt in den visuellen Interpretationen, die die Videos zu den Songs liefern. Die Videos unterstützen das Verständnis der Songs, entsprechend werden auch narrative Videos, die sich an den Songtexten orientieren, von jugendlichen ZuschauerIn- nen bevorzugt. Dieser sehr bewussten Rezeptionshaltung mit einer starken gedanklichen Auseinandersetzung steht die Funktion von Musikfernsehen als Hintergrundmedium, als „visuelles Radio“, gegenüber. Hier werden Videoclips nur nebenbei genutzt, während andere Aktivitäten, wie Hobbys, Telefonieren oder Hausaufgaben im Vordergrund stehen. 111 In der tatsächlichen Rezeptionssituation ist es dabei üblich, dass sich beide Rezeptionshaltungen in einem ständigen Fluss abwechseln. Beispielsweise laufen Videos als Begleitmedium, während ein/e Jugendliche/r Hausaufgaben erledigt; dann erregt ein bestimmtes Video die Aufmerksamkeit, weil er/sie sich möglicherweise für den/die InterpretIn interessiert, und er/sie verfolgt konzentriert das Video. Anschließend wendet er/sie sich wieder den Haus- aufgaben zu. Musikvideorezeption ist durch alters-, geschlechts-, und schicht-/bildungs- spezifische Unterschiede gekennzeichnet. Für Mädchen stellt das Anschauen von Videos eine soziale und beiläufige Aktivität dar, bei ihnen läuft Musik- fernsehen häufig im Hintergrund, während sie mit Freundinnen zusammen- sitzen und sich unterhalten oder telefonieren. Jungen beschäftigen sich intensiver und häufiger mit den Videos. Sie interessieren sich für sexuelle und gewalt- tätige Präsentationen, bestimmte Musikrichtungen, die sie bevorzugen oder die technische Ausführung der Videos. Das stärkste Interesse an Musikvideos hat die Altersgruppe zwischen 14 und 18 Jahren. Jüngere und ältere Kinder und Jugendliche rezipieren zwar auch Musikfernsehen, das Interesse ist jedoch noch weniger ausgeprägt bzw. nimmt wieder ab. Entsprechend ist die Hintergrundnutzung bei jungen Erwachsenen stärker ausgeprägt als bei Jugendlichen. Bei diesen hat die Musik in ihrer Alltags- praxis noch eine stärkere Bedeutung. Jugendliche mit geringerer Bildung sind mehr an Musikvideos interessiert als Jugendliche mit einem weiteren Bildungshorizont. Besonders Durchschnitts- schülerInnen sowie sozial- und leistungsschwache SchülerInnen zeigen eine ausgeprägte Tendenz Musikfernsehen zu rezipieren. Bild und Ton bestimmen in unterschiedlichem Maß die Rezeption von Videoclips. Die Dominanz von Musikerlebnis oder visueller Wahrnehmung hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie der Rezeptionshaltung (Vorder- grund-/Hintergrundmedium), dem spezifischen Interesse des Zuschauers oder auch der Struktur des Videomaterials. Grundsätzlich erhöht die Kombination von visuellen und auditiven Reizen die Erregungszustände der ZuschauerInnen und verstärkt positive Affekte. Ebenso bleibt das Video im Vergleich zum reinen Musikstück länger interessant und wird auch nach wiederholtem Sehen positiv bewertet, während entspre- chende Bewertungen bei wiederholtem Hören des Stücks immer negativer aus- fallen. Wenn eine große Divergenz zwischen den Bildern und der Musik bzw. den Songtexten besteht, entstehen bei den ZuschauerInnen Irritationen. Deshalb präferieren Sender Videos, die narrativ aufgebaut sind und bei denen bildliche Präsentation und die Songtexte korrespondieren. Potentiell negative Wirkungen der Rezeption von Musikvideos werden vor allem in experimentellen Studien mit sozialpsychologischem Hintergrund er- 112 forscht, die sich auf Kultivierungstheorien der Medienwirkungsforschung und Theorien sozialen Modelllernens beziehen. Dabei geht es sowohl um Beeinflus- sungen und Änderungen von Einstellungen und des Emotionshaushaltes als auch um (befürchtete) Verhaltensänderungen in Hinblick auf gesundheitsschä- digendes und aggressives Verhalten. Diese wurden jedoch weniger konkret er- forscht, als vielmehr vor allem in Hinblick auf die oben genannten theoreti- schen Bezüge aus quantitativen Inhaltsanalysen zum Vorkommen von Gewalt und sexuellen Handlungen in Musikvideos abgeleitet. Dabei sind die Videos bestimmter Musikrichtungen besonders relevant, da sich entsprechende Präsenta- tionen dort besonders ausgeprägt wiederfinden. In diesem Zusammenhang werden vor allem Rock, Heavy-Metal und – etwas zeitgemäßer – Gangsta-Rap genannt, die das größte Gefährdungspotential darstellen. Bei der Betrachtung der Rezeption und möglichen Wirkungen muss zwischen sexuellen und aggressiven Inhalten unterschieden werden. Während sexuelle visuelle Stimuli positive Emotionen hervorrufen und die Bewertung des Videos verbessern, erzeugen gewalthaltige Inhalte die entgegengesetzten Effekte. Je höher hier der Level der Präsentation aggressiver Interaktionen ist, desto schlechter wird sowohl das Video als auch die Musik bewertet. Gewalt in Videoclips löst negative Emotionen aus und stößt auf Ablehnung bei den Zu- schauerInnen. Neben diesen emotionalen Wirkungen ist vor allem der Zusammenhang zwischen der Präsentation von sexuellen Inhalten und den Einstellungen zu Geschlechterrollen und sexuellen Beziehungen untersucht. Die entsprechenden Studien kommen zu dem Schluss, dass stereotype und traditionelle Geschlech- terdarstellungen in den Videos analoge Einstellungen der RezipientInnen be- stätigen und verstärken. Dies betrifft auch die Entwicklung von freizügigen sexuellen Einstellungen, wobei wiederum Auswirkungen auf das tatsächliche Verhalten befürchtet werden, die negative Folgen wie Ausbreitung von Ge- schlechtskrankheiten und Teenagerschwangerschaften haben. Eine andere Perspektive als die wirkungszentrierten Studien nimmt die Forschung ein, welche die RezipientInnen nicht als passive EmpfängerInnen von medialen Botschaften konzipiert, sondern als ein aktives Publikum, welches aufgrund seiner jeweiligen sozio-kulturellen Kontexte aus dem angebotenen Material Bedeutungen generiert und sich in Bezug zur jeweiligen Lebenssitua- tion aneignet. Die Rezeption wird als Interaktion zwischen Medientext, also Musikvideo, und ZuschauerInnen aufgefasst, in der ein vielfältiges Bedeutungsangebot auf die unterschiedlichen Rezeptions- und Lebenssituationen der Jugendlichen trifft, die sich die Videoclips aktiv aneignen. Musikvideos sind dabei wichtige Bestandteile der sozialen Alltagspraxis Jugendlicher. Die Rezeption und An- eignung dient der Selbstverwirklichung, der Selbstdefinition und den Abgren- zungsprozessen – sowohl von der Erwachsenenwelt als auch zwischen den 113 Jugendlichen untereinander. Die Musiksender liefern Vorlagen für die Identi- tätsarbeit der jungen RezipientInnen, wobei die Interpretationen der medialen Angebote von den verschiedenen sozialen Kontexten und Lebenssituationen abhängig sind. In dieser Forschungsperspektive werden in erster Linie die Aspekte von Geschlechterrollen und Sexualität erforscht. Es geht um die unterschiedlichen Rezeptions- und Aneignungsweisen von männlichen und weiblichen Jugend- lichen in Hinblick auf die Darstellung von Geschlechtsrollen und sexuellen Situationen in Musikvideos. Das kann sehr unterschiedlich sein: Durch sub- versive Lesarten können sexuellen Stereotypen und traditionellen Geschlechter- darstellungen ganz andere Bedeutungen zugeschrieben werden, die traditionelle, heterosexuell dominierte Beziehungs- und Rollenmuster umkehren. Anderer- seits können auch Videos, die traditionelle Geschlechterrollen dekonstruieren (ein sehr häufiger Forschungsgegenstand sind hier die Videos von Madonna), auf die dominanten Geschlechterdiskurse bezogen und zur Stabilisierung von Hierarchien eingesetzt werden. Die entsprechenden Musikclips mit ihren Grenz- überschreitungen in Hinblick auf Geschlecht und Sexualität werden zwar häufig als interessant empfunden, grundsätzlich werden jedoch eindeutige und traditio- nelle Geschlechterbilder von den jugendlichen RezipientInnen bevorzugt. Sowohl Jungen als auch Mädchen benutzen daher die Videos in erster Linie zur Konstruktion und Rekonstruktion traditioneller Geschlechtsidentitäten. Hier werden auch in der Forschung, die den/die aktive/n Rezipienten/ in in das Zentrum stellt, potenziell negative Zusammenhänge hervorgehoben, da in der Regel in Musikvideos Frauen als passiv oder unterwürfig dargestellt werden und Objekte männlicher Begierde sind. Dieses symbolische Material wird von den Jugendlichen genutzt, um sich mit ihrer Lebenssituation und Identität auseinander zu setzen. Aktuell finden sich diese Präsentationen verstärkt in Gangsta-Rap-Videos, häufig auch in Zusammenhang mit Gewaltdarstellungen. Forschungen zur Rezeption von Musikvideos, die diesem Genre zuzuordnen sind, gibt es bisher allerdings nicht. Hier besteht dringender Forschungsbedarf.n 114 Teil III: Veränderungen der Programmstrukturen von MTV und VIVA Zum Start der Sender MTV und VIVA waren diese eindeutig der Kategorie Musiksender zuzuordnen. Das Programm bestand zum großen Teil aus Musik- videos, die moderiert und/oder unmoderiert nacheinander gesendet wurden. Beschränkte man sich zunächst auf die Präsentation von Mainstream-Musik- stilen kamen später auch andere Stile wie Independent und HipHop hinzu. Die Ausdifferenzierung der Musikszene in zahlreiche verschiedene Stile und Substile fand sich auch im Programm der Musiksender wieder. Je mehr Musik- stile in die lebensweltlichen Kontexte jugendlicher Szenen integriert wurden, umso mehr griffen die Musiksender diesen Trend auf und verabschiedeten sich vom Konzept, eine reine Abspielstation von Musikvideos zu sein. Es kamen immer mehr andere Formate von Animationen wie „Beavis and Butthead“ über Reality-Show-Formate wie „The Real World“ bis hin zu Dokumentationen über Prominente und Stars der Musikszenen hinzu. Vor allem MTV setzte hier seit Mitte der 1990er Jahre Trends. Die Show „The Real World“, in der der Alltag von Jugendlichen gezeigt wurde, kann als Prototyp späterer Mainstream-Reality- Formate wie „Big Brother“ gesehen werden. Die betonte Fokussierung auf Shows und Reality-Formate ist für die Sender erfolgreich. Mit diesem ver- änderten Konzept haben MTV und VIVA ihre Marktanteile in der Zielgruppe der 14- bis 19-Jährigen im ersten Halbjahr 2005 deutlich steigern können. Diese Schwerpunkverlagerung zeigt sich auch in den öffentlichen Diskussio- nen um das Musikfernsehen, die in den vergangenen Jahren vor allem proble- matische Kontexte im Zusammenhang mit Fragen des Jugendschutzes und der Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen an drei Beispielen diskutierte: (1.) Die Werbung für Klingeltöne, die von einer mangelnden Transparenz der Kosten für Downloads gekennzeichnet ist; (2.) die Show „Jackass“, in der sich Jugendliche allerlei merkwürdigen Mut- proben aussetzen, mit manchmal fatalen Folgen; (3.) die Doku-Serie „I Want a Famous Face“, in der Jugendliche gezeigt wur- den, die mit Hilfe von Schönheitsoperationen ihr Gesicht nach dem Vorbild von Musik- oder Filmstars gestalten lassen. 115 Die Beispiele zeigen, dass sich die problematischen Kontexte der Darstellung von Gewalt, Gender und Sexualität von den Musikvideos auf andere Sende- formate verlagern. Nach der Übernahme von VIVA durch den Konzern Viacom befinden sich die zwei Musiksender MTV und VIVA in einer Hand (der dritte Sender Onyx TV, der von der französischen AB Groupe betrieben wurde, ist im Sommer 2004 eingestellt worden). Das hat eine Neuausrichtung der vier Programme zur Folge. Im Herbst 2005 wird MTV2 Pop eingestellt und durch das TV- Kinderprogramm „Nick“ (Anbieter: Nickelodeon) ersetzt. Die drei übrigen Programme werden auf spezielle Zielgruppen ausgerichtet. MTV soll künftig überwiegend Showformate und weniger Musik enthalten und sich vor allem an männliche 16- bis 25-Jährige als Zielgruppe richten. VIVA soll sich mit Chartmusik und Unterhaltungsformaten vor allem an Mädchen zwischen zehn und 29 Jahren richten. VIVA Plus wiederum soll sich mit Spielen und Musik an männliche Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 10 und 34 Jahren richten. Neben neuen Shows wird MTV künftig auch eine eigene Telenovela senden. Die Veränderungen bei den Musiksendern zeigen, dass sie sich auf dem Markt neu orientieren – weg vom reinen Musikfernsehen hin zu einem Jugend- fernsehen mit einer Vielzahl von Programmformaten, bei denen Musikvideos nicht mehr die herausragende Rolle spielen, die sie noch in den 1980er und 1990er Jahren hatten. Damit werden sich auch die problematischen Darstel- lungen von Gewalt, Gender und Sexualität auf andere Formate und Sende- formen verlagern. Zugleich bedeutet die stärkere Zielgruppenorientierung der einzelnen Programme, dass auch ihre Zuschauerstruktur sich verändern wird. Mit der Ausrichtung auf Zielgruppen, die sich durch Alter und vor allem Geschlecht definieren, rücken die (Medien-)Kompetenzen eben dieser Ziel- gruppen und ihrer jugendspezifischen Milieus in den Blickpunkt. Die proble- matischen Kontexte, die sich in der Präsentation von Gewalt, Gender und Sexualität zeigen, sind dann noch stärker auf die Kompetenzen und die Medien- bildung der verschiedenen Zielgruppen zu beziehen, weil sich die verschiede- nen jugendlichen ZuschauerInnen auf geschlechtsspezifisch unterschiedliche Weise mit dem dargebotenen symbolischen Material auseinander setzen. Vor diesem Hintergrund wurde die Veränderung der Programmstruktur von MTV und VIVA in den letzten fünf Jahren untersucht. 11 Programmübersicht MTV und VIVA von 2000 bis 2005 Die Übersicht umfasst das Programm von MTV und VIVA seit Anfang 2000. Aus jedem Halbjahr wurde eine Woche zufällig ausgewählt, von der jeweils für jedes Programm ein Wochentag und das Wochenende dargestellt werden.m 116 Die Formate sind in fünf Kategorien unterteilt: (1.) Musikvideoformate (2.) Musikshows (3.) Information/Dokumentation/ Infotainment (4.) Personality-/Reality-Shows (5.) Fiktionale Serien/Zeichentrick. Die Kategorien umfassen jeweils eine Vielzahl von sehr unterschiedlichen Formaten. So gibt es reine Clipsendungen, die Musikvideos ohne Moderation aneinander reihen („Clubrotation“), moderierte Musikvideoformate („Hot“), Formate mit Studiogästen, mit Infobeiträgen oder interaktive Angebote, bei denen die ZuschauerInnen per Mobiltelefon Einfluss auf die gezeigten Videos nehmen können. Es gibt Sendungen, die bestimmte Musikrichtungen präsen- tieren („Alternative Nation“, „Fett“) oder sich auf bestimmte Musikcharts konzentrieren („European Top 20“). In der Kategorie Musikshows sind alle Formate eingeordnet, die in erster Linie Musik spielen, jedoch nicht in der Form von Videoclips. Dazu gehören zum Beispiel Live-Mitschnitte im Studio („Unplugged“), reine Konzertmit- schnitte oder Konzertberichte mit aufbereitetem Live-Material. Die Kategorie Information/Dokumentation/ Infotainment umfasst alle Sen- dungen, die in der Regel zu popkulturellen Themen, aber auch darüber hinaus, informieren. Hier sind auch Formate erfasst, die sich auf Musikthemen be- ziehen, wo sich jedoch das Abspielen von Musik auf wenige Ausschnitte von Konzerten oder Clips beschränkt, während die Berichterstattung über beispiels- weise eine bestimmte Band überwiegt. In dieser Kategorie finden sich Kino- magazine („Film ab“), Fashion- („Stylissimo“) und Reisesendungen („Travel Sick“) oder kurze News-Sendungen über die Musikszene. Der Kategorie Personality-/Reality-Shows sind Formate wie diese, Promi- nente („The Osbournes“) oder normale Jugendliche („The Real World“) durch ihren – medial gerahmten – Alltag zu begleiten, „Prank“-Sendungen, in denen („Punk’d“, „Jackass“) Streiche gespielt und Stunts vorgeführt werden, oder Reality-Spielshows wie das Beziehungsformat „Dismissed“. In der letzen Kategorie finden sich vor allem amerikanische Zeichentrickserien („Daria“) oder japanische Animés („X – Die Serie“). In Bezug auf die Programmierung in diesen Formatkategorien lassen sich über die letzten fünf Jahre deutliche Tendenzen feststellen: Zu Beginn des Jahrtausends werden im Musikfernsehen zwar schon Sendun- gen aus allen Themen-Bereichen angeboten, doch überwiegen sowohl bei MTV als auch bei VIVA Musikvideoformate. Andere Sendungen bilden eher die Aus- nahme. In der Beispielwoche aus dem Januar 2000 gibt es bei MTV wochen- tags nur eine halbstündige Sendung („The Tom Green Show“), die nicht Musik- videoformaten zuzuordnen ist. Am Wochenende gibt es 2,5 bzw. 1,5 Stunden 117 pro Tag Programm, in dem nicht in erster Linie Musik oder Musikvideos gespielt werden. Bei VIVA ist das Bild noch deutlicher. Bis auf die einstündige Kinosendung „Film ab“ wochentags werden ausschließlich Musikvideoformate gezeigt bzw. zwei Sendungen mit Livemitschnitten von Bands. Ein Jahr später im Januar 2001 nimmt der Anteil der Info-Formate leicht zu, das Programm beider Sender wird jedoch immer noch deutlich von Musik- videos dominiert. Im Jahr 2002 bleibt dieses Verhältnis bestehen, auch hier werden auf beiden Sendern in erster Linie Musikvideoformate präsentiert, wobei sich schon ein leichter Unterschied zwischen VIVA und MTV zeigt: Bei MTV wendet man sich bereits jetzt schon verstärkt anderen (Nicht-Musik-) Formaten zu. Während VIVA seine Programmstruktur auch im folgenden Jahr in dieser genannten Gewichtung belässt, wurde mit den Formaten „The Osbournes“ und „Jackass“ bei MTV eine deutliche Umverteilung in der Programmgestaltung eingeleitet. Vor allem am Wochenende bekommen Reality- und Zeichentrick- sendungen eine verstärkte Präsenz. Seit dem Jahr 2004 machen Musikvideoformate nur noch etwa die Hälfte des MTV-Programms aus, während es eine Vielzahl von neuen Reality- und Infoshows gibt, die das Profil des Senders dominieren. Auch VIVA passt sich dieser Entwicklung an, indem verstärkt Infoshows gezeigt werden und das Programm durch Reality- und Personalityformate („Da Ali G Show“, „Elton TV“) wie auch durch Animé-Serien („X – Die Serie“, „Aika“, „Hellsing“, „Candidate for Goddess“) ergänzt wird. Sowohl Vielfalt als auch Quantität der Musikvideoformate sind auf beiden Sendern in den letzten fünf Jahren deutlich reduziert worden. Aktuell nehmen Reality-Formate auf MTV nahezu zwei Drittel des gesamten Programms ein, Musikvideosendungen laufen fast nur noch vormittags. 12 Programmtabellen Legende 118 Musikvideoformate Musikshows Information/Dokumentation/Infotainment Personality-/Realityshows Fiktionale Serien/Zeichentrick 1. Halbjahr 2000 119 MTV 01/00 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Kickstart Kickstart Kickstart 07.00–08.00 Kickstart Kickstart Kickstart 08.00–09.00 Hot Music Hot Music Hot Music 09.00–10.00 Hot Music Hot Music Hot Music 10.00–11.00 Bytesize Bytesize Bytesize 11.00–12.00 Easy In Touch Stylissimo 12.00–13.00 Easy European Top 20 Hitlist Germany 13.00–14.00 Hitlist Germany European Top 20 Hitlist Germany 14.00–15.00 Best of Select Live: Skunk Anansie 14.30 Road Rules brand:neu 15.00–16.00 Best of Select WebChart In Touch 16.00–17.00 Mad 4 Hits Mad 4 Hits Mad 4 Hits 17.00–18.00 Kitchen Kitchen Star Trax: The Cardigans 18.00–19.00 Hot@MTV Brand:neu Live: The Cardigans 19.00–20.00 In Touch Stylissimo 19.30 Tom Green Show Sushi 20.00–21.00 Hitlist UK Celebrity Deathmatch 20.30 News WebChart 21.00–22.00 Mad 4 Hits 21.30 Fett Dancefloor Charts News Weekend Edition 21.30 Best of Fett 22.00–23.00 Urban Urban Best of Urban 23.00–24.00 Tom Green Show 23.30 Alternative Nation Unplugged: The Cranberries + 23.30 Hole Station Zero 23.30 Amour 00.00–01.00 Alternative Nation Megamix Amour VIVA 01/00 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Wecker Energiza Hits 07.00–08.00 Wecker Energiza Hits 08.00–09.00 Wecker Push-up Hits 09.00–10.00 Energiza Push-up Top 100 10.00–11.00 Push-up Sunshine Top 100 11.00–12.00 Sunshine Sunshine Hits 12.00–13.00 Hits Hits Lämmermann-Show 13.00–14.00 Film ab Top 100 Club Rotation 14.00–15.00 Was geht ab? Top 100 S Club 7 in Miami 15.00–16.00 Interaktiv Charts Neu bei VIVA 16.00–17.00 Interaktiv Interaktiv Spezial Hits 17.00–18.00 Lämmermann-Show Planet VIVA Jam 18.00–19.00 kEwl Planet VIVA Interaktiv Spezial 19.00–20.00 Planet VIVA Club Rotation Planet VIVA 20.00–21.00 Hits Hits Charts 21.00–22.00 Chartsurfer Chartsurfer WordCup 22.00–23.00 WordCup Overdrive Niteclub 23.00–24.00 Hits Berlin House Jam 00.00–01.00 Nachtexpress Dance Night Nachtvideos 2. Halbjahr 2000 120 MTV 12/00 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Kickstart Kickstart Kickstart 07.00–08.00 Kickstart Kickstart Kickstart 08.00–09.00 Hot Music Hot Music Hot Music 09.00–10.00 Hot Music Hot Music Hot Music 9.30 News w/e Edition 10.00–11.00 News 10.07 Bytesize Bytesize Bytesize 11.00–12.00 Easy In Touch Fashion Zone 12.00–13.00 Easy European Top 20 Hitlist Germany 13.00–14.00 Dancefloor Charts European Top 20 Hitlist Germany 14.00–15.00 Select Select brand:neu 15.00–16.00 Select Select In Touch 16.00–17.00 Mad 4 Hits Mad 4 Hits Mad 4 Hits 17.00–18.00 News 17.07 Hot@MTV Masters Sports 17.30 News w/e Edition 18.00–19.00 Bytesize Bytesize Bytesize 19.00–20.00 Unter Ulmen Unter Ulmen Unter Ulmen 20.00–21.00 Hitlist Germany Webchart Album Top 50 21.00–22.00 Hitlist Germany 21.45 News Mad 4 Hits Mad 4 Hits 22.00–23.00 Fett Celebrity Deathmatch 22.30 News w/e Edition Urban 23.00–24.00 Urban Unplugged: Björk Sushi 00.00–01.00 The Late Lick Schlingensiefs U3000 Amour VIVA 01/00 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Wecker Energiza Hits 07.00–08.00 Wecker Push-up Hits 08.00–09.00 Wecker Sunshine Interaktiv Spezial 09.00–10.00 Energiza Hits Top 100 10.00–11.00 Push-up Lämmermann Top 100 11.00–12.00 Sunshine Interaktiv Spezial Lämmermann 12.00–13.00 Hits Top 100 Club Rotation 13.00–14.00 Pop 2000 Top 100 Inside 14.00–15.00 Was geht ab? 14.55 McClip Call Charts Hits 14.55 McClip Call 15.00–16.00 Interaktiv Neu bei VIVA Neu bei VIVA 16.00–17.00 Interaktiv Hits Hits 17.00–18.00 Hits Hits Pop 2000 18.00–19.00 Chartsurfer Chartsurfer Charts 19.00–20.00 Schlegel, übernehmen Sie! Club Rotation Planet VIVA 20.00–21.00 World of Bites Planet VIVA Ritmo 21.00–22.00 Planet VIVA Planet VIVA Mixery Raw Deluxe 22.00–23.00 Niteclub Overdrive Niteclub 23.00–24.00 Berlinhouse Berlinhouse Kamikaze 00.00–01.00 Ritmo Kamikaze Nachtexpress 1. Halbjahr 2001 121 MTV 01/01 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Kickstart Kickstart Kickstart 07.00–08.00 Kickstart Kickstart Kickstart 08.00–09.00 Hot Music Hot Music Hot Music 09.00–10.00 Hot Music Hot Music Hot Music 9.30 News w/e Edition 10.00–11.00 News 10.07 Bytesize Bytesize Bytesize 11.00–12.00 Easy In Touch Fashion Zone 12.00–13.00 Hitlist Germany European Top 20 Hitlist Germany 13.00–14.00 Hitlist Germany European Top 20 Hitlist Germany 14.00–15.00 Select Select brand:neu 15.00–16.00 Select Select In Touch 16.00–17.00 Mad 4 Hits Mad 4 Hits Mad 4 Hits 17.00–18.00 News 17.07 Hot@MTV Masters Sports 17.30 News w/e Edition 18.00–19.00 Bytesize Bytesize 18.30 News w/e Edition Christina`s Greatest MTV Moments 19.00–20.00 Fashion Zone Unter Ulmen Unter Ulmen 20.00–21.00 Hitlist UK Webchart Album Top 50 21.00–22.00 Mad 4 Hits 21.45 News Mad 4 Hits Mad 4 Hits 22.00–23.00 Schlingensiefs U3000 22.30 Musikclips Celebrity Deathmatch 22.30 News w/e Edition Urban 23.00–24.00 Celebrity Deathmatch 23.30 Tom Green Unplugged: Bryan Adams Sushi 00.00–01.00 Alternative Nation Schlingensiefs U3000 0.30 Megamix Amour VIVA 01/00 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Wecker Energiza Hits 07.00–08.00 Wecker Push-up Hits 08.00–09.00 Wecker Sunshine Interaktiv Spezial 09.00–10.00 Energiza Hits Top 100 10.00–11.00 Push-up Lämmermann Top 100 11.00–12.00 Sunshine Interaktiv Spezial Lämmermann 12.00–13.00 Hits Top 100 Club Rotation 13.00–14.00 Film ab Top 100 Inside 14.00–15.00 Was geht ab? 14.55 McClip Call Charts Hits 14.55 McClip Call 15.00–16.00 Interaktiv Neu bei VIVA Neu bei VIVA 16.00–17.00 Interaktiv Hits Hits 17.00–18.00 Hits Hits Pop 2000 18.00–19.00 Chartsurfer Chartsurfer Charts 19.00–20.00 Schlegel, übernehmen Sie! Club Rotation Planet VIVA 20.00–21.00 Inside Planet VIVA Ritmo - Spezial 21.00–22.00 Planet VIVA Planet VIVA Mixery Raw Deluxe 22.00–23.00 Mixery Raw Deluxe Overdrive Niteclub 23.00–24.00 Overdrive Berlinhouse Kamikaze 00.00–01.00 Pop 2000 Kamikaze Nachtexpress 2. Halbjahr 2001 122 MTV 10/01 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Kickstart Kickstart Kickstart 07.00–08.00 Kickstart Kickstart Kickstart 08.00–09.00 Kickstart Kickstart Kickstart 09.00–10.00 Hitlist Germany Hot Music Hot Music 10.00–11.00 Hitlist Germany Hot Music Hot Music 11.00–12.00 News w/e Edition 11.30 Easy brand:neu Fashion Zone 12.00–13.00 Easy European Top 20 Hitlist Germany 13.00–14.00 Album Top 50 European Top 20 Hitlist Germany 14.00–15.00 Select Select brand:neu 15.00–16.00 Select Select In Touch 16.00–17.00 Videoclash Fashion Zone Mad 4 Hits 16.30 2gether 17.00–18.00 Access All Areas: Making the Video 17.30 News Flash 17.33 Mad 4 Hits Masters Making the band 17.30 News w/e Edition 18.00–19.00 Hot@MTV News w/e Edition Spygroove Birthday Party – 20 Years of MTV 19.00–20.00 Unter Ulmen Unter Ulmen Birthday Party – 20 Years of MTV 20.00–21.00 European Top 20 Webchart Birthday Party – 20 Years of MTV 21.00–22.00 European Top 20 21.45 News Mag Mad 4 Hits Mad 4 Hits 22.00–23.00 Masters Access All Areas: Making the Video 22.30 Celebrity Deathmatch 2gether 22.30 Spygroove 23.00–24.00 Spin Live Unplugged: Eric Clapton 00.00–01.00 Benjamin v. Stuckrad-Barre Lesezirkel Jackass Amour VIVA 10/01 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Wecker Voll VIVA! Voll VIVA! 07.00–08.00 Wecker Energiza Voll VIVA! 08.00–09.00 Wecker Push-up Club Rotation 09.00–10.00 Energiza Sunshine Top 100 10.00–11.00 Push-up Voll VIVA! Top 100 11.00–12.00 Sunshine Interaktiv Spezial Lämmermann 12.00–13.00 Voll VIVA! Top 100 Voll VIVA! 13.00–14.00 Neu bei VIVA Top 100 Inside 14.00–15.00 Was geht ab? 14.55 McClip Call Charts Voll VIVA! 14.55 McClip Call 15.00–16.00 Interaktiv Neu bei VIVA Neu bei VIVA 16.00–17.00 Interaktiv Voll VIVA! Interaktiv Spezial 17.00–18.00 Voll VIVA! Voll VIVA! Voll VIVA! 18.00–19.00 Chartsurfer Chartsurfer Charts 19.00–20.00 Fast Forward Club Rotation Planet VIVA 20.00–21.00 Club Rotation Club Rotation Ritmo 21.00–22.00 Club Rotation Planet VIVA Mixery Raw Deluxe 22.00–23.00 Neuigkeiten 22.05 Planet VIVA Niteclub Niteclub 23.00–24.00 Niteclub Berlinhouse Nachtexpress 00.00–01.00 Charts Nachtexpress Nachtexpress 1. Halbjahr 2002 123 MTV 02/02 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Kickstart Frühprogramm Kickstart 07.00–08.00 Kickstart Frühprogramm Kickstart 08.00–09.00 Kickstart Frühprogramm Kickstart 09.00–10.00 Hot Music Frühprogramm Hot Music 10.00–11.00 Hot Music 10.45 News Mag Frühprogramm Hot Music 10.30 Daria 11.00–12.00 MTV`s Greatest Hits Frühprogramm MTV Cribs 12.00–13.00 Hitlist Germany European Top 20 Hitlist Germany 13.00–14.00 Hitlist Germany European Top 20 Hitlist Germany 14.00–15.00 Select Select Weekend brand:neu 15.00–16.00 Select dazwsch. 15.30 News Select Weekend Greatest Hits 16.00–17.00 Videoclash dazwsch. 16.30 News Videoclash Greatest Hits 16.30 News w/e Edition 17.00–18.00 2gether 17.30 News 17.33 MTV weltweit Masters: O-Town Jackass 17.30 2gether 18.00–19.00 MTV weltweit dazwsch. 18.30 News News w/e Edition Spygroove 20 Years on MTV: 1999 19.00–20.00 MTV`s Greatest Hits 19.45 News Mag Unter Ulmen Masters: O-Town 20.00–21.00 Hitlist UK Dancefloor Charts US Top 40 21.00–22.00 Unter Ulmen 21.45 News Mag MTV Cribs: P. Anderson u.a. US Top 40 22.00–23.00 20 Years on MTV: 1983 MTV Cribs: P. Anderson u.a. 22.30 Celebrity Deathmatch 2gether 22.30 Spygroove 23.00–24.00 Soul of MTV MTV Live: Kid Rock/ Uncle Kracker Unplugged: A. Morissette 00.00–01.00 Night Videos Jackass Soul of MTV VIVA 02/02 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Wecker Wecker Wecker 07.00–08.00 Wecker Wecker Wecker 08.00–09.00 Wecker Wecker Wecker 09.00–10.00 VIVAmat VIVAmat Neu bei VIVA 10.00–11.00 VIVAmat VIVAmat Top 100 11.00–12.00 VIVAmat VIVAmat Top 100 12.00–13.00 Voll VIVA! Voll VIVA! Voll VIVA! 13.00–14.00 McClip Show Neu bei VIVA Inside 14.00–15.00 Was geht ab? Was geht ab? Was geht ab? 15.00–16.00 Interaktiv Top 100 Interaktiv 16.00–17.00 Interaktiv Top 100 Voll VIVA! 17.00–18.00 Interaktiv McClip Show Neu bei VIVA 18.00–19.00 Neuigkeiten 18.05 PlanetVIVA Planet VIVA Planet VIVA 19.00–20.00 Inside Alles Pocher, ... oder was? Film ab 20.00–21.00 Chartsurfer US Club Rotation Ritmo 21.00–22.00 Neuigkeiten 21.05 Fast Forward VIVA Spezial Mixery Raw Deluxe 22.00–23.00 Mixery Raw Deluxe Voll VIVA! Voll VIVA! 23.00–24.00 Voll VIVA! Niteclub Alles Pocher, ... oder was? 00.00–01.00 Fast Forward Electronic Beats Niteclub 2. Halbjahr 2002 124 MTV 09/02 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Kickstart Kickstart Kickstart 07.00–08.00 Kickstart Kickstart Kickstart 08.00–09.00 Kickstart Kickstart Kickstart 09.00–10.00 Hot Music Hot Music Hot Music 10.00–11.00 Hot Music 10.45 News Mag Hot Music 10.30 Access All Areas Hot Music 10.30 Daria 11.00–12.00 Greatest Hits brand:neu MTV Cribs 12.00–13.00 Hitlist Germany European Top 20 Hitlist Germany 13.00–14.00 Hitlist Germany European Top 20 Hitlist Germany 14.00–15.00 Select Select brand:neu 15.00–16.00 Select dazwsch. 15.30 News Select Greatest Hits 16.00–17.00 Videoclash 16.30 News Videoclash Greatest Hits 16.30 Becoming 17.00–18.00 2gether 17.30 News Masters News w/e Edition 17.30 The Osbournes 18.00–19.00 MTV weltweit dazwsch. 18.30 News News w/e Edition King of the Hill 20 Years on MTV 19.00–20.00 Greatest Hits 19.45 News Mag Unter Ulmen Masters 20.00–21.00 Hitlist UK Dancefloor Charts US Top 40 21.00–22.00 Unter Ulmen 21.45 News Mag MTV Cribs The Osbournes US Top 40 22.00–23.00 20 Years on MTV Access All Areas 22.30 Isle of MTV Main Show King of the Hill 22.30 Daria 23.00–24.00 Soul of MTV Isle of MTV Main Show Unplugged 00.00–01.00 Night Videos Jackass Isle of MTV Highlights VIVA 09/02 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Wecker Wecker Wecker 07.00–08.00 Wecker Wecker Wecker 08.00–09.00 Wecker Wecker Wecker 09.00–10.00 VIVAmat VIVAmat Neu bei VIVA 10.00–11.00 VIVAmat Inside Top 100 11.00–12.00 VIVAmat Interaktiv Spezial Top 100 12.00–13.00 McClip Show Voll VIVA! Club Rotation 13.00–14.00 Chartsurfer UK Neu bei VIVA Inside 14.00–15.00 Was geht ab? Was geht ab? Trendspotting 14.10 Was geht ab? 15.00–16.00 Interaktiv Top 100 Interaktiv Spezial 16.00–17.00 Interaktiv Top 100 Voll VIVA! 17.00–18.00 Interaktiv McClip Show Neu bei VIVA 18.00–19.00 Neuigkeiten 18.05 PlanetVIVA Planet VIVA Planet VIVA 19.00–20.00 Inside Alles Pocher, ... oder was? Film ab 20.00–21.00 Chartsurfer D Club Rotation Ritmo 21.00–22.00 Neuigkeiten 21.05 Fast Forward Overdrive Mixery Raw Deluxe 22.00–23.00 Mixery Raw Deluxe Voll VIVA! Voll VIVA! 23.00–24.00 Voll VIVA! Niteclub Alles Pocher, ... oder was? 00.00–01.00 Fast Forward Electronic Beats Niteclub 1. Halbjahr 2003 125 MTV 02/03 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Kickstart Kickstart Kickstart 07.00–08.00 Kickstart Kickstart Kickstart 08.00–09.00 Kickstart Kickstart Kickstart 09.00–10.00 Hot Music Hot Music Hot Music 10.00–11.00 Hot Music 10.45 News Mag Hot Music Access All Areas Hot Music 10.30 Access All Areas 11.00–12.00 Greatest Hits brand:neu MTV Cribs 11.30 The Osbournes 12.00–13.00 Hitlist Germany European Top 20 Hitlist Germany 13.00–14.00 Hitlist Germany European Top 20 Hitlist Germany 14.00–15.00 Select (live) VH-1 Big in 2002 Awards brand:neu 15.00–16.00 Select (live) dazwischen 15.30 News VH-1 Big in 2002 Awards Greatest Hits 16.00–17.00 Videoclash (live) 16.30 News 16.33 Making the Band Videoclash (live) Greatest Hits 16.30 News w/e Edition 17.00–18.00 Dismissed dazwischen 17.30 News Masters The Osbournes 17.30 Dismissed 18.00–19.00 Greatest Hits 18.45 News Mag News w/e Edition Funky Cops 20 Years on MTV: 2000 19.00–20.00 Greatest Hits Daria Greatest Hits Masters 20.00–21.00 Hitlist UK 20.45 News Mag Dancefloor Charts VH-1 Big in 2002 Awards 21.00–22.00 Access All Areas 21.30 Making the Video Greatest Hits VH-1 Big in 2002 Awards 22.00–23.00 20 Years on MTV: 1983 The Osbournes 22.30 Cribs Dismissed 23.00–24.00 Fett Access All Areas MTV Live Unplugged 00.00–01.00 Masters Jackass Soul of MTV VIVA 02/03 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Wecker Wecker Wecker 07.00–08.00 Neuigkeiten 7.05 Wecker Neuigkeiten 7.05 Wecker Wecker 08.00–09.00 Wecker Wecker Wecker 09.00–10.00 VIVAmat Film ab Top 100 10.00–11.00 VIVAmat Inside Top 100 11.00–12.00 VIVAmat Interaktiv Spezial Club Rotation 12.00–13.00 Chartsurfer D Top 100 Albumcharts 13.00–14.00 Chartsurfer D Top 100 Albumcharts 14.00–15.00 Was geht ab? Was geht ab? Was geht ab? 15.00–16.00 Interaktiv Neu bei VIVA Interaktiv Spezial 16.00–17.00 Interaktiv VIVA Spezial Neu bei VIVA 17.00–18.00 Interaktiv Planet VIVA VIVA Spezial 18.00–19.00 Neuigkeiten 18.05 PlanetVIVA Das jüngste Gericht Planet VIVA 19.00–20.00 Inside Club Rotation Club R`n`B 20.00–21.00 Chartsurfer X Albumcharts Chartsurfer US 21.00–22.00 Planet VIVA Albumcharts Planet VIVA 22.00–23.00 Fast Forward Fast Forward Fast Forward 23.00–24.00 Inside Overdrive Mixery Raw Deluxe 00.00–01.00 Neuigkeiten 0.05 Nachtexpress Nachtexpress Nachtexpress 2. Halbjahr 2003 126 MTV 09/03 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Kickstart Kickstart Kickstart 07.00–08.00 Kickstart Kickstart Kickstart 08.00–09.00 Kickstart Kickstart Dismissed 09.00–10.00 Hot Music Hot Music Cribs 9.30 Dismissed 10.00–11.00 Hot Music 10.45 News Burned Access All Areas Dismissed 10.30 Access All Areas 11.00–12.00 European Top 20 Access All Areas 11.30 brand:neu The Real World Chicago 11.30 The Osbournes 12.00–13.00 European Top 20 Hitlist Germany European Top 20 13.00–14.00 Taildaters 13.30 Dismissed Hitlist Germany European Top 20 14.00–15.00 Making the HipHop-Band 14.30 Select Select Weekend Edition Greatest Hits 15.00–16.00 Select 15.30 Meet at MTV TRL Charts brand:neu 15.30 News w/e Edition 16.00–17.00 TRL Videoclash Videoclash 17.00–18.00 Burned 17.30 Dismissed Masters The Osbournes 17.30 Dismissed 18.00–19.00 Undressed 18.30 Greatest Hits The Osbournes 18.30 Dismissed Made 19.00–20.00 Travel `n Trend Travel `n Trend Masters 20.00–21.00 Hitlist UK 20.45 News Dancefloor Charts Album Top 50 21.00–22.00 Undressed 21.30 Dismissed Battle of the DJ`s Becoming 22.00–23.00 The Osbournes Jackass I bet you will Dismissed 23.00–24.00 Cribs Access All Areas I bet you will VH-1 All Access 00.00–01.00 Punk`d Dancefloor Charts Jackass MTV Unplugged: Herbert Grönemeyer VIVA 09/03 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Wecker Wecker Wecker 07.00–08.00 News 7.05 Wecker News 7.15 Wecker Wecker 08.00–09.00 Wecker Wecker Wecker 09.00–10.00 VIVAmat Planet VIVA Top 100 10.00–11.00 VIVAmat Special: 10 Jahre VIVA Top 100 11.00–12.00 News 11.15 VIVAmat Inside Film ab Club Rotation 12.00–13.00 VIVAmat Top 100 Albumcharts 13.00–14.00 News 13.15 Chartsurfer D Top 100 Albumcharts 14.00–15.00 Was geht ab? Was geht ab? Was geht ab? 15.00–16.00 Interaktiv Neu bei VIVA VIVA Feat. 16.00–17.00 Interaktiv VIVA Feat. Neu bei VIVA 17.00–18.00 News 17.15 X – Die Serie 17.45 Candidate for Goddess (CFG) VIVA News Weekend 17.15 Planet VIVA VIVA News Weekend 17.15 Fleischmann. tv 18.00–19.00 18.15 News 18.30 PlanetVIVA Das jüngste Gericht X – Die Serie 18.30 CFG 19.00–20.00 Inside Film ab Club Rotation Special 10 Jahre Clips 20.00–21.00 News 20.15 Chartsurfer X Albumcharts Chartsurfer US 21.00–22.00 elton.tv Best of Alles Pocher ... Albumcharts Crank Yankers 18.30 Da Ali G Show 22.00–23.00 South Park Angel Sanctury Das jüngste Gericht Mixery Raw Deluxe 23.00–24.00 Fast Forward Fast Forward Fast Forward 00.00–01.00 News 0.15 South Park 0.45 Nachtexpress Hellsing 0.30 Nachtexpress VIVA Feat. 1. Halbjahr 2004 127 MTV 01/04 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Kickstart Kickstart Kickstart 07.00–08.00 Kickstart Kickstart Kickstart 08.00–09.00 Kickstart Kickstart Kickstart 09.00–10.00 Hot Music Hot Music Hot Music 10.00–11.00 Hot Music Punk`d Access All Areas Cribs 10.30 Access All Areas 11.00–12.00 Hot Music Access All Areas 11.30 brand:neu The Real World Chicago 11.30 The Osbournes 12.00–13.00 Hitlist UK Hitlist Germany European Top 20 13.00–14.00 Punk`d 13.30 Access All Areas Hitlist Germany European Top 20 14.00–15.00 VH-1 The fabulous Life of 14.30 Select VH-1 All Access Greatest Hits 15.00–16.00 Select 15.30 Meet at MTV TRL Charts brand:neu 15.30 News w/e Edition 16.00–17.00 TRL Videoclash Videoclash 17.00–18.00 Access All Areas 17.30 Dismissed Masters The Osbournes 17.30 Dismissed 18.00–19.00 The Real World Chicago 18.30 Cribs 18.45 News Mag The Osbournes 18.30 Dismissed 20 Years on MTV: 1982 19.00–20.00 US Top 40 Made Masters 20.00–21.00 US Top 40 20.45 News Dancefloor Charts Album Top 50 21.00–22.00 Mission MTV 21.30 Dismissed Mash 21.30 News w/e Edition VH-1 The fabulous Life of 21.30 Taildaters 22.00–23.00 Doggy Fizzle Televizzle 22.30 Punk`d The Osbournes Dismissed 23.00–24.00 Big Urban Myths Celebrity Deathmatch The Osbournes VH-1 All Access 00.00–01.00 Masters Jackass Golden Boy VIVA 01/04 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Wecker Frühprogramm Wecker 07.00–08.00 News 7.05 Wecker Frühprogramm Wecker 08.00–09.00 Wecker Frühprogramm Wecker 09.00–10.00 Planet VIVA Frühprogramm Top 100 dazwischen 9.15 News Weekend 10.00–11.00 Planet VIVA Frühprogramm 10.30 Studio Line Special FX Sports Top 100 11.00–12.00 10 Jahre VIVA – Die Clips 11.15 News 11.30 Planet VIVA Neu bei VIVA Club Rotation Spezial 12.00–13.00 Planet VIVA Top 100 Planet VIVA 13.00–14.00 News 13.15 Albumcharts VIVA News Weekend 13.15 Top 100 Film ab 13.30 Inside 14.00–15.00 Da Ali G Show (OmU) 14.30 Crank Yankers Planet VIVA 14.30 Travel Sick Neu bei VIVA 15.00–16.00 Interaktiv elton.tv 15.30 Best of Alles Pocher Top of the Pops 16.00–17.00 Interaktiv 16.45 News CFG 16.30 X – Die Serie Depeche Mode: 101 17.00–18.00 Travel Sick 17.30 Euroclash VIVA Feat. Depeche Mode: 101 18.00–19.00 Planet VIVA Da Ali G Show (OmU) 18.30 Crank Yankers Depeche Mode: 101 19.00–20.00 Top 100 Club Rotation Spezial 10 Jahre VIVA – Die Clips 20.00–21.00 News 20.15 Top 100 Depeche Mode: 101 (Dokfilm) News w/e 20.15 Chartsurfer 21.00–22.00 Candidate for Goddess (CFG) Studio Line Special FX Sports Depeche Mode: 101 X – Die Serie CFG 22.00–23.00 Hellsing Hell`s Kitchen Depeche Mode: 101 Aika 22.30 Hellsing 23.00–24.00 Fast Forward 23.45 News Fast Forward 23.45 News w/e Fast Forward 23.45 Mixery Raw Deluxe 00.00–01.00 South Park 0.30 WOM Music Shop Hellsing 0.30 WOM Music Shop Mixery Raw Deluxe 0.30 WOM Music Shop 2. Halbjahr 2004 128 MTV 11/04 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Frühprogramm Frühprogramm Kickstart 07.00–08.00 Frühprogramm Frühprogramm Kickstart 08.00–09.00 Frühprogramm Frühprogramm Kickstart 09.00–10.00 Frühprogramm Frühprogramm Hot Music 9.30 Shakedown with Wade Robson 10.00–11.00 Frühprogramm Frühprogramm Shakedown with Wade Robson 10.30 Camp Jim 11.00–12.00 Frühprogramm VH-1 All Access VH-1 All Access 12.00–13.00 Frühprogramm Hitlist Germany European Top 20 13.00–14.00 The Wade Robson Project 13.30 Newlyweds Hitlist Germany European Top 20 14.00–15.00 The Real World Chicago 14.30 Select Select w/e Edition Punk`d 15.00–16.00 Select 15.30 Room Raiders VH-1 All Access streetLive 15.30 News w/e Edition 16.00–17.00 TRL Videoclash Made 17.00–18.00 Friss oder stirb 17.30 The Real World San Diego Masters American High 17.30 Dismissed 18.00–19.00 Dismissed 18.30 Special 18.45 News Mag Newlyweds 18.30 streetLive 20 Years on MTV: Die Awards Shows 19.00–20.00 VH-1 All Access Made Masters 20.00–21.00 TRL 20.45 News Mag News 20.30 Boiling Points The Wade Robson Project 20.30 Pimp my Ride 21.00–22.00 Celebrities Uncensored Punk`d 21.30 Room Raiders Pimp my Ride 21.30 Wanna Come in? 22.00–23.00 Made Room Raiders 22.30 Special VH-1 All Access 23.00–24.00 Masters 23.34 News Mag Special I want a famous face & True Life 00.00–01.00 Beavis & Butthead 0.30 Spin Jackass Beavis & Butthead 0.30 Rock Zone VIVA 11/04 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Frühprogramm Frühprogramm Wecker 07.00–08.00 Frühprogramm Frühprogramm Wecker 08.00–09.00 Frühprogramm Frühprogramm Wecker 8.55 Top 100 09.00–10.00 Frühprogramm Frühprogramm Top 100 dazwischen News w/e 10.00–11.00 Frühprogramm Frühprogramm 10.30 Film ab Club Rotation 11.00–12.00 Frühprogramm Planet VIVA Club Rotation 12.00–13.00 Frühprogramm 12.30 Switched 12.55 It`s good to be Top 100 Switched 13.00–14.00 It`s good to be 13.30 Planet VIVA Spezial News w/e 13.10 Top 100 News 13.10 Retro Top 10 14.00–15.00 Chart Show Neu 14.30 VIVA Feat. Inside 14.30 Film ab 15.00–16.00 Sarah Kuttner 101 Reasons the 90s Ruled 15.30 101 Most Starlicious Makeovers Chart Show 16.00–17.00 Interaktiv 16.50 News Brainiac Weekend Special Depeche Mode 17.00–18.00 101 Reasons the 90s Ruled 17.30 101 Most Starlicious Makeovers Elton.tv 17.30 Die Trash Top 100 Weekend Special Depeche Mode 18.00–19.00 Switched 18.30 Planet VIVA Spezial Club Rotation Weekend Special Depeche Mode 19.00–20.00 News 19.10 Euro Top 20 News 19.10 Retro Top 10 News w/e 19.10 Album Top 20 20.00–21.00 Euro Top 20 20.15 Robbie Williams Special Retro Top 10 20.15 Depeche Mode: 101 (Dokfilm) Album Top 20 20.15 CFG 20.30 Noir 21.00–22.00 Robbie Williams Special 21.15 Sarah Kuttner Depeche Mode: 101 Noir 21.30 Arjuna 22.00–23.00 Sarah Kuttner 22.15 South Park 22.40 Film ab Depeche Mode: 101 Najica 22.30 Hell`s Kitchen 23.00–24.00 Film ab 23.10 Fast Forward 23.50 Da Ali G Show (OmU) Fast Forward 23.45 Travel Sick Fast Forward 23.45 Mixery Raw Deluxe 00.00–01.00 Da Ali G Show (OmU) 0.15 Sarah Kuttner Travel Sick 0.15 Fast Forward Mixery Raw Deluxe 0.15 Planet VIVA 1. Halbjahr 2005 129 MTV 04/05 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Kickstart Kickstart Kickstart 07.00–08.00 Kickstart Kickstart Kickstart 08.00–09.00 Kickstart Kickstart Kickstart 09.00–10.00 Hot Music Hot Music Hot Music 10.00–11.00 Hot Music European Top 20 Hot Music 11.00–12.00 Hot Music European Top 20 Hot Music 12.00–13.00 Hot Music True Life brand:neu 12.30 News Mag 13.00–14.00 Hot Music 13.30 News Mag Boiling Points 13.30 Cribs The Ashlee Simpson Show 13.30 Newlyleds 14.00–15.00 Making the HipHop-Band 14.30 Room Raiders One Bad Trip 14.30 The Ashlee Sipson Show Punk`d 14.30 The Trip 15.00–16.00 The Trip 15.30 Punk`d Made Boiling Points 15.30 Pimp My Ride 16.00–17.00 TRL My Super Sweet Sixteen 16.30 Newlyleds Made 17.00–18.00 streetLive 17.30 Making the HipHop- Band Masters Wanna Come in? 17.30 Special 18.00–19.00 Room Raiders 18.30 Dismissed Room Raiders 18.30 Dismissed TRL Weekend 19.00–20.00 Pimp my Ride 19.30 News Mag VIVA La Bam 19.30 Pimp My Ride Masters 20.00–21.00 I bet you will 20.30 Punk`d Pimp My Fahrrad 20.30 Wanna Come in? Pimp my Ride 21.00–22.00 Friss oder stirb 21.30 Pimp My Ride Wir sind Helden VH!1`s ILL- ustraded 21.30 Free For All 22.00–23.00 Pimp My Fahrrad 22.30 Scare Tactics Wir sind Helden True Life 23.00–24.00 Masters Pimp My Ride VIVA La Bam 23.30 Wild Boyz 00.00–01.00 VIVA La Bam Jackass VIVA La Bam 0.30 Celebrity Deathmatch VIVA 04/05 (Monat/Jahr) Wochentag Samstag Sonntag 06.00–07.00 Wecker Frühprogramm Wecker 07.00–08.00 Wecker Frühprogramm Wecker 08.00–09.00 Wecker Frühprogramm Wecker 09.00–10.00 Planet VIVA Frühprogramm Top 100 10.00–11.00 Planet VIVA Frühprogramm Top 100 11.00–12.00 Planet VIVA Top 100 Retro Charts 12.00–13.00 Planet VIVA 12.30 Hitbuster Top 100 Retro Charts 13.00–14.00 Loveline 13.30 UK Top 20 Pocher vs. Jackson 13.30 Jacko – Der Prozess 101 Most Starlicious Makeover 13.30 Jacko – Der Prozess 14.00–15.00 UK Top 20 14.30 Jacko – Der Prozess VIVA Feat. 14.30 Film ab Club Rotation 15.00–16.00 Sarah Kuttner Neu 15.30 The Fabulous Life of Pocher vs. Jackson 15.30 Die Trash Top 100 16.00–17.00 101 The Ultimate Hollywood Blondes 101 Most Awesome Moments in Entertainment Celebrities Uncensored 17.00–18.00 17 Planet VIVA 17.30 Sarah Kuttner Die Trash Top 100 18.00–19.00 17 18.30 Jacko – Der Prozess Sarah Kuttner 18.30 Jacko – Der Prozess Die Trash Top 100 19.00–20.00 VIVA Top 100 101 The Ultimate Hollywood Blondes Die Trash Top 100 20.00–21.00 VIVA Top 100 Topseller. AC/DC bis Xavier Naidoo Special Charts 21.00–22.00 Planet VIVA 21.15 Die Trash Top 100 21.45 Pocher vs. Jackson Topseller Planet VIVA 21.15 Jacko – Der Prozess 22.00–23.00 Pocher vs. Jackson 22.15 Jacko – Der Prozess 22.45 The Fabulous Life of Topseller Jacko – Der Prozess 22.15 101 Most Awesome Moments in Entertainment 23.00–24.00 The Fabulous Life of 23.15 Club Rotation Planet VIVA 23.15 Jacko – Der Prozess 23.45 Planet Party 101 Most Awesome Moments in Entertainment 23.15 Loveline 00.00–01.00 Club Rotation 0.15 Planet Party Planet Party Loveline Teil IV: Gesamtfazit: Forschungsstand und Forschungs- desiderata zu potentiellen Problemkontexten bei der Präsentation und Rezeption von Musikvideos In der Gesamtschau der Ergebnisse der Literatursichtung zu Forschungen über die Präsentation von Sexualität und Gewalt in Musikvideos sowie deren Rezep- tion zeigt sich, dass Musikvideos im Leben von Jugendlichen quantitativ und qualitativ eine wichtige Rolle spielen. Allerdings geht ihre Bedeutung zugunsten anderer Fernsehformate wie Games und Reality Shows zurück. Das liegt aber weniger an den Musikinteressen der Jugendlichen als an der veränderten Pro- grammstruktur der Musiksender. Die Übernahme von VIVA durch den MTV- Eigner Viacom hat zu einer forcierten Veränderung der Programme geführt. Das Musikfernsehen als eine reine Abspielstation für Musikvideos hat sich zu einem mit anderen Formaten gefüllten Jugendfernsehen entwickeln. Die Präsentation problematischer Inhalte und deren Präsentation findet daher nicht mehr ausschließlich in Musikvideos statt, sondern in Showformaten wie „Jackass“ oder Doku-Serien wie „I Want a Famous Face“, die bereits jugend- schutzrelevant geworden sind. Die Programmstudien, die sich mit der Präsentation von Sexualität und Gewalt befassen, gehen auf diese veränderten Programmstrukturen nicht ein. Das liegt unter anderem daran, dass die meisten Studien älteren Datums sind. Diesem Umstand ist es auch geschuldet, dass vor allem Musikvideos älteren Datums analysiert werden. Neuere Clips sind kaum untersucht worden. Das ist aber dringend notwendig, wenn man bedenkt, dass sich Musikstile und die ihnen eigene Ästhetisierung und Visualisierung in den entsprechenden Musik- clips immer weiter ausdifferenzieren. Zugleich sind sie Ausdruck bestimmter Geschmacksstile, deren Moden sich schnell ändern, da der Markt künstlich dynamisiert wird. Dies gilt auch, wenn die jugendlichen Szenen, Milieus und Subkulturen, in die die Musikstile eingebettet sind, einen relativ stabilen Rahmen bilden – in dem es allerdings auch zu weiteren Ausdifferenzierungen kommt. Die Literatursichtung zeigt, dass offene Gewalt und aggressives Verhalten in Musikvideos kaum eine Rolle spielen, weil sie nur äußerst selten explizit 131 gezeigt werden – und wenn doch, dann in der Regel im Modus der impliziten Andeutung oder Latenz. Diese Andeutungen sind häufig mit der genrespezifi- schen Inszenierung von Stars verknüpft – so spielen sie vor allem in Gangsta- Rap-Videos eine Rolle. Dieses Beispiel zeigt, dass die Darstellungsformen in Musikvideos eng an die genrespezifischen Präsentationsweisen bestimmter Musikstile gebunden sind. Das trifft auch auf die Darstellung von Sexualität und Geschlecht zu. Die Präsentation von weiblichen Stars hat zu einer starken Betonung weiblicher Körperlichkeit geführt. Dabei hängt es aber vom Musikstil ab, ob der weibliche Gesangsstar als aktiv (handelndes Subjekt) oder passiv (Objekt der männlichen Begierde/male gaze) inszeniert wird. Zwar werden in der Literatur – vor allem am Beispiel von älteren Madonna-Videos – auf eine Inszenierung von Sexualität und Weiblichkeit eingegangen und die traditionellen Rollenstereotype dekonstruiert, doch sind diese Ergebnisse durch Rezeptions- studien zu relativieren, nach denen Jugendliche eindeutige Geschlechterrollen- stereotype in den medialen Darstellungen bevorzugen. Ob damit die Bildung eines konservativen Rollenmodells als ein durchgängiges Deutungsmuster des Geschlechterverhältnisses einhergeht, ist bisher nicht erforscht worden. Die Literatursichtung der Rezeptionsstudien hat gezeigt, dass es noch zahl- reiche Forschungslücken gibt: Sozialpsychologische Studien produzieren Ergebnisse, die nur selten auf die Alltagswirklichkeit von Jugendlichen übertragen werden können. Studien zur Nutzung und den Auswirkungen von Gewaltdarstellungen, d. h. latenten Gewaltandeutungen, liegen kaum vor. Untersuchungen geschlechtsspezifischer Rezeptionsweisen zeigen in der Nutzung von Musikvideos deutliche Unterschiede zwischen Jungen und Mäd- chen sowohl hinsichtlich der Art und Weise des Musikvideo-Konsums als auch in der Zuwendung zu bestimmten Inhalten. Während Mädchen die Musik- videos vor allem als Nebenbeimedium nutzen und sich – so die These – nur oberflächlich mit ihnen auseinander setzen, widmen sich Jungen den Clips und ihren Inhalten intensiver. Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen um sexistische Darstellungen in HipHop-Videos und dem Wissen um die männ- liche Dominanz dieser Musik-Szene stellt sich nachdrücklich die Frage, wie männliche Jugendliche die sexbetonten Darstellungsweisen wahrnehmen und ob und wie sie diese in ihre alltäglichen Lebenswelten integrieren. Im Mittelpunkt künftiger Forschungen müssten daher die lokalen – und auch biographischen – Aneignungsweisen der globalen Ästhetiken und Stile stehen. In ihrer ethnographischen Studie zu HipHop-Kulturen in Deutschland haben Klein und Friedrich (2003, S. 210 f.) auch festgestellt: „Auch handelt es sich bei den lokalen Stilen nicht um bloße Imitationen einer globalisierten Bilderwelt, sondern um die Erschaffung einer eigenen Welt, die sich in Differenz zu anderen lokalen Stilen formuliert. Es ist eine Welt, die ihren Akteuren die Chance eröffnet, sich auf den theatralen Bühnen des HipHop als real zu insze- 132 nieren. Gerade diese Möglichkeit ist angesichts der mit der Medialisierung des Sozialen einhergehenden Schwierigkeit, zwischen Wirklichkeit und Fiktion, echt und künstlich zu unterscheiden, von großer Bedeutung.“ Vor dem Hintergrund der sich ändernden Programmstrukturen aber auch im Hinblick auf andere, neue Fernsehformate wie Game- und Reality-Shows stellt sich nachdrücklich die Frage nach der Wahrnehmung des Inszenierungscharak- ters von Geschlechts-, Sexualitäts- und Gewaltpräsentationen in Musikvideos durch Jugendliche und junge Erwachsene. Diese wichtige Frage bleibt in den vorliegenden Studien unbeantwortet. Aus der Perspektive von Jugendmedienschutz und Medienpädagogik ergibt sich aus der Literatursichtung vor allem Handlungsbedarf für die Medien- kompetenzbildung von Jugendlichen. Hier ist insbesondere die Kompetenz notwendig, die Sinnkomplexität, Vieldeutigkeit und Gewalt-Latenz von Clips auf der einen Seite und die Stereotypisierung genrespezifischer Clips (Hip- Hop-, Heavy-Metal-Videos) auf der anderen Seite zu reflektieren sowie diese audiovisuellen Darstellungen von Sexualität, Gender und Gewalt autonom zur eigenen Lebenswelt in Bezug setzen zu können. Die Literatursichtung hat gezeigt, dass mit Blick auf die zentrale Fragestel- lung der vorliegenden Expertise „Potentielle Problemkontexte bei der Präsenta- tion und Rezeption von Musikvideos“ fast alle Fragen unbeantwortet geblieben sind. Allein die Tatsache, dass die meisten Studien älteren Datums und aus dem anglo-amerikanischen Kulturraum sind, hat zur Folge, dass deren Ergeb- nisse sich nicht ohne Weiteres auf Deutschland und die hiesige aktuelle Pro- grammlandschaft übertragen lassen. Unseres Erachtens besteht Forschungsbedarf hinsichtlich folgender Frage- stellungen: (1.) Wie hat sich die Programmstruktur des Musikfernsehens in Deutschland in den letzten Jahren gewandelt? (2.) In welchen Formaten des Musikfernsehens gibt es neben den Musik- videos explizite Darstellungen von Gewalt, Gender und Sexualität? (3.) Wie sind diese Darstellungen mit der Ästhetik jugendspezifischer Milieus und Szenen verbunden? (4.) Wie nehmen Jugendliche unterschiedlichen Geschlechts diese Darstel- lungen wahr? (5.) Wie sind die Wahrnehmungsweisen der Jugendlichen mit ihren Milieus und Szenen verknüpft? (6.) Ordnen die Jugendlichen bestimmte Darstellungsweisen von Gewalt, Gender und Sexualität bestimmten Formaten oder – im Hinblick auf Musik- videos – bestimmten Musikstilen zu? 133 (7.) Welche Einstellungen zu Gewalt, Gender und Sexualität prägen die Wahr- nehmung von Musikvideos und Musikfernsehen durch Jugendliche? (8.) Welche Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit spielen bei Jugendlichen in deren Wahrnehmung von Musikvideos eine Rolle? (9.) Wie werden Musikvideos und andere Formate in der Lebenswelt der Jugendlichen angeeignet? (10.) Welche Rolle spielen dabei die Peer Groups und lassen sich in diesen markante geschlechtsspezifische Unterschiede erkennen? (11.) Welche Bedeutung hat die Unterscheidung von Fiktion und Realität, Künstlichkeit und Authentizität für das Selbstverständnis der Jugendlichen und ihre Bewertung und Aneignung von Gewalt, Gender und Sexualität? (12.) Wie unterscheiden sich lokale Aneignungen der globalen Bilderwelt von Musik und Star-Welt? (13.) Gibt es Unterschiede zwischen der spielerischen und der gleichsam ernsten Aneignung von Musikvideos und anderen Sendeformaten? (14.) Welche Bedeutung haben Musikvideos für Jugendliche vor dem Hinter- grund der veränderten Programmstrukturen: Wie wichtig sind Clips, wie wich- tig sind Reality-Soaps? (15.) Welches generelle Verständnis von Videoclips und Musikfernsehen haben Jugendliche heute? Die Literatursichtung zeigt als Hauptergebnis, dass ein großer Forschungs- bedarf an aktuellen Produktions-, Produkt- und Rezeptionsanalysen zum Thema Videoclips und Musikfernsehen speziell mit Blick auf die Lebenswelten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen besteht. In der Perspektive von Jugend- medienschutz und Medienpädagogik besteht vor allem Handlungsbedarf in dem Punkt, die Medienkompetenz von Jugendlichen zu fördern: Überkomple- xität, Latenz aber auch Stereotypisierung stellen die Wahrnehmungs- und Ver- arbeitungsfähigkeiten der jüngeren ZuschauerInnen vor große Herausforderun- gen. Auch hier stehen überzeugende Förderungskonzepte aus. 134 13 Literatur Abt, D. (1987): Music Video. Impact of the Visual Dimension. In: Lull, J. (Hg.): Popular Music and Communication. Beverly Hills; London. Sage. S. 96–111. Ahn, D. (1996): Living with Music Television: Adolescents Music Video Use. Disser- tation an der University of Utah. Akintunde, O. (1998): Rap, Race and Ebonics. 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In jüngster Zeit werden in der Öffentlichkeit verstärkt die teilweise provo- kanten Inszenierungen von Sexismus und Gewalt in beispielsweise HipHop-Clips thematisiert. Die vorliegende Sichtung der aktuellen Forschungsliteratur zu den Aspekten der Produktion, Distribution und Ästhetik sowie Rezeption und Aneignung von Clips und Musik-TV bilanziert den zurzeit verfügbaren internationalen Kenntnis- stand und formuliert Forschungsdefizite insbesondere auch unter der Fragestellung, welcher Handlungsbedarf gegenwärtig aus Sicht von Jugendmedienschutz und Medienkompetenzförderung besteht. Prof. Dr. Klaus Neumann-Braun Universität Basel, Institut für Medienwissenschaft Prof. Dr. Lothar Mikos Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf, Potsdam ISSN 1862-1090 ISBN 3-89158-426-1 Euro 10,- (D) Potentielle Problemkontexte bei der Präsentation und Rezeption von Musikvideos 52 Ne um an n- Br au n/ M ik os Vi de oc lip s un d M us ik fe rn se he n Videoclips und Musikfernsehen Eine problemorientierte Kommentierung der aktuellen Forschungsliteratur Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 52 Klaus Neumann-Braun, Lothar Mikos Bel. LfM-Bd_52.qxd 20.01.2006 14:54 Uhr Seite 1
Forschung
Privatsphäre: Heranwachsende und Datenschutz auf Sozialen Netzwerkplattformen (LfM Band 71) : Soziale Netzwerkplattformen sind aus dem Internet nicht mehr wegzudenken. Gerade Jugendliche und junge Erwachsene nutzen sie, um Kontakte zu pflegen und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Dabei müssen und wollen sie zahlreiche Informationen über sich preisgeben. Dies kann dazu führen, dass sie ihre eigene Privatsphäre gefährden. Die Nutzung der Plattformen erfolgt in einem Spannungsfeld zwischen wahrgenommenen Chancen und Risiken. Die vorliegende Studie untersucht, wie 12- bis 24-Jährige Soziale Netzwerkplattformen nutzen, welche Informationen sie von sich dort preisgeben, wie sie die Risiken einschätzen und ihre Privatsphäre online schützen. Diese Fragestellungen wurden in einer empirischen Untersuchung mit einer Kombination aus qualitativen und quantitativen Methoden beantwortet. Neben qualitativen Interviews mit jungen Nutzern und Experten, wurde eine standardisierte Befragung inklusive einer Trackingstudie durchgeführt. Außerdem be inhaltet der Band ein ausführliches Rechtsgutachten zum Datenschutz. Anhand der Ergebnisse wurden Gestaltungsvorschläge für den Gesetzgeber und die Medienpädagogik formuliert. Die Herausgeber: V Prof. Dr. Dr. habil. Michael Schenk Leiter der „Forschungsstelle für Medienwirtschaft und Kommunikationsforschung“ der Universität Hohenheim V Julia Niemann M.A. Wissenschaftliche Mitarbeiterin der „Forschungsstelle für Medienwirtschaft und Kommunikationsforschung“ an der Universität Hohenheim V Prof. Dr. Gabi Reinmann Professorin für Lehren und Lernen mit Medien an der Universität der Bundeswehr München V Prof. Dr. jur. Alexander Roßnagel Leiter der „Projektgruppe verfassungsverträgliche Technikgestaltung (provet)“ im Forschungszentrum für Informationstechnik-Gestaltung der Universität Kassel Weitere Autoren: V Dr. jur. Silke Jandt Geschäftsführerin der „Projektgruppe verfassungsverträgliche Technikgestaltung (provet)“ im Forschungs- zentrum für Informationstechnik-Gestaltung der Universität Kassel V Jan-Mathis Schnurr M.A. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Lehren und Lernen mit Medien an der Universität der Bundeswehr München ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-577-1 Euro 25,- (D) Digitale Privatsphäre 71 Sc he nk , N ie m an n, R ei nm an n, R oß na ge l ( H rs g. ) Di gi ta le P ri va ts ph är e VV V V Heranwachsende und Datenschutz auf Sozialen Netzwerkplattformen Digitale Privatsphäre Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 71 Michael Schenk, Julia Niemann, Gabi Reinmann, Alexander Roßnagel (Hrsg.) Arbeitet bei: Goethe Schule Wohnt in Neustadt, Germany In einer Beziehung Geboren am 28.09.1978 Layout_LfM-Schriftenreihe_Band_71 Korr 5_. 05.09.12 08:12 Seite 1 Michael Schenk, Julia Niemann, Gabi Reinmann, Alexander Roßnagel (Hrsg.) Digitale Privatsphäre: Heranwachsende und Datenschutz auf Sozialen Netzwerkplattformen Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen Band 71 Michael Schenk, Julia Niemann, Gabi Reinmann, Alexander Roßnagel (Hrsg.) Digitale Privatsphäre: Heranwachsende und Datenschutz auf Sozialen Netzwerkplattformen unter Mitarbeit von Silke Jandt und Jan-Mathis Schnurr Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. Herausgeber: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) Zollhof 2 40221 Düsseldorf Tel.: 0211 / 770 07 – 0 Fax: 0211 / 72 71 70 E-Mail: info@lfm-nrw.de Internet: www.lfm-nrw.de Copyright © 2012 by Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), Düsseldorf Verlag: VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 10781 Berlin Tel.: 030 / 32 70 74 46 Fax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Alle Rechte vorbehalten ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-577-1 Bildnachweis/Umschlag: © Fotolia.com Umschlaggestaltung: disegno visuelle kommunikation, Wuppertal Satz: Schriftsetzerei – Karsten Lange, Berlin Druck: Bosch-Druck, Landshut Vorwort des Herausgebers Insbesondere Jugend liche und junge Erwachsene bewegen sich ganz selbst verständ lich in Sozialen Netz werken – ein Profil bei Facebook, Google+, werkenntwen & Co. gehört heutzutage zur Jugendkultur, zum Lebens stil einer ganzen Genera tion. Online werden Kontakte ge knüpft und ge pflegt und es wird sich mit „Freun den“ aus getauscht. Hierfür geben die Nutzer zahl reiche Informa tionen über sich preis – teils weil sie es wollen, teils weil sie es müssen, wenn sie die Sozialen Netz werke aktiv nutzen und an ihnen teilhaben wollen. Soziale Netz werke bergen für den Nutzer Spaß und Chancen – aber auch Risiken: Durch einen sorg losen Umgang mit den eigenen Daten sowie den Daten Dritter können sowohl die eigene Privatsphäre als auch die Urheber und Persönlich keits rechte anderer ge fährdet werden. Vor diesem Hinter grund hat die LfM die Forschungs stelle für Medien wirtschaft und Kommunika tions forschung der Universi tät Hohenheim gemein sam mit dem Lehrstuhl für Lehren und Lernen an der Universi tät der Bundes wehr München und die Projekt gruppe ver fassungs verträg liche Technik gestal tung (provet) der Universi tät Kassel mit einem interdis ziplinär an gelegten Forschungs projekt zum Thema „Heran wachsende und Daten schutz in Sozialen Netz werken“ be auftragt. Ziel dieses Forschungs vorhabens ist es ge wesen, detaillierte Kennt nisse über die Motive, die dem jugend lichen Ver halten in Sozialen Netz werken zu Grunde liegen, über das Wissen zu Daten schutz und zur Rechts lage sowie über die Einstel lungen von Jugend lichen und jungen Erwachsenen zu Fragen von Privat heit und Intimität zu er langen und wissen schaft lich zu fundie ren. Die interdis ziplinär an gelegte Studie unter sucht mittels einer Kombina tion aus qualitativen und quantitativen Methoden das Nutzungs verhalten von 12 bis 24Jährige in sozialen Netz werken. Hierbei wird der Frage nach gegangen, welche Informa tionen preis gegeben werden, wie die Heran wachsen den selbst potenzielle Risiken einschätzen und welche Vor kehrungen sie treffen, ihre Privatsphäre zu schützen. Zudem werden die daten schutz recht lichen Implika tionen in einem aus führ lichen Rechts gutachten be leuchtet. Aus den voran gegangenen Erkennt nissen werden schließ lich konkrete Hand lungs empfeh lungen ab geleitet, die sowohl Gestal tungs vorschläge für den Gesetz geber als auch für die Medien pädagogik beinhalten. Dr. Jürgen Brautmeier Dr. Frauke Gerlach Direktor der Landes anstalt Vorsitzende der für Medien NRW (LfM) Medienkommission der LfM 7 Inhalt Teil I Privatsphäre und Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen: Eine Einfüh rung 1 Einlei tung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 2 Der Unter suchungs gegen stand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 2.1 Soziale Netz werk platt formen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 2.1.1 Einfüh rung und Ab gren zung . . . . . . . . . . . . . . . 19 2.1.2 Soziale Netz werk platt formen in Deutschland – Nutzung und Markt überblick . . . . . . . . . . . . . . . 21 2.1.3 Nutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 2.1.4 Nutzungs motive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 2.2 Identi täts konstruk tion auf Sozialen Netz werk platt formen . . . 32 2.3 Privatsphäre im Social Web . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 2.3.1 Privatsphäre als psychologi sches Konstrukt . . . . . . . 39 2.3.2 Besondere Bedin gungen der Privatsphäre im Social Web 43 2.3.3 Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen . . 48 2.3.4 Erklä rungs modell der OnlineSelbstoffenba rung . . . . 53 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 Teil II Empirische Forschung: Privat heit und Öffentlich keit auf Sozialen Netz werk platt formen 1 Das Erhe bungs design . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 1.1 Forschungs leitende Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 1.2 Über blick über das Forschungs design . . . . . . . . . . . . . . 77 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 8 2 Qualitative Befra gung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 2.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens . . . . . . . . . . . . 83 2.1.1 Qualitative Interviews . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 2.1.2 Stichprobe und Erhebung . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 2.1.3 Aus wertung und Darstel lung . . . . . . . . . . . . . . . 86 2.2 Ergeb nisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 2.2.1 Profile der Jugend lichen/jungen Erwachsenen . . . . . 88 2.2.2 Konstanten und individuelle Besonder heiten . . . . . . 112 2.2.3 Folge rungen: Präferenz dimensionen . . . . . . . . . . . 124 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 3 Digital Natives und Digital Immigrants – eine Sekundäranalyse 131 3.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens . . . . . . . . . . . . 133 3.2 Ergeb nisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 3.2.1 Nutzungs aktivi tät . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 3.2.2 Selbst wirksam keit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 3.2.3 Neigung zur Selbstoffenba rung . . . . . . . . . . . . . . 140 3.2.4 Sorge um die Privatsphäre und techni scher Schutz im Social Web . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 3.3 Selbstoffenba rung im Social Web . . . . . . . . . . . . . . . . 142 3.3.1 Zugang zu den ge teilten Informa tionen . . . . . . . . . 145 3.3.2 Einflüsse auf die OnlineSelbstoffenba rung . . . . . . . 150 3.4 Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 4 Quantitative Befra gung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 4.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens . . . . . . . . . . . . 159 4.1.1 Standardisierte OnlineBefra gung . . . . . . . . . . . . 159 4.1.2 Tracking mit Befra gung in der Nutzungs situa tion . . . . 164 4.2 Ergeb nisse zur Nutzung des Internet und von Sozialen Netz werk platt formen . . . . . . . . . . . . . . . 172 4.2.1 Der Rahmen: Internetnut zung . . . . . . . . . . . . . . 173 4.2.2 Nutzung Sozialer Netz werk platt formen . . . . . . . . . 179 4.2.3 Nutzungs motive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194 4.3 Ergeb nisse zur Selbstoffenba rung . . . . . . . . . . . . . . . . 198 4.3.1 Das Nutzer profil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 4.3.2 Kommunika tion auf Sozialen Netz werk platt formen . . . 209 4.3.3 Nutzung der PrivatsphäreOptionen . . . . . . . . . . . 219 4.3.4 Kontakte und Freunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 4.3.5 Selbstoffenba rungs typen . . . . . . . . . . . . . . . . . 230 9 4.4 Ergeb nisse zur Privatsphäre und zum Daten schutz . . . . . . . 235 4.4.1 Sorge um die Privatsphäre und Beurtei lung der Risiken 235 4.4.2 Negative Erfah rungen und Einstel lung zu Persönlich keits und Urheber rechten . . . . . . . . . . . 243 4.5 Ergeb nisse zum PrivacyParadox . . . . . . . . . . . . . . . . 250 4.5.1 Regres sions analyti sche Betrach tung des PrivacyParadox 250 4.5.2 Der Einfluss von Motiven, Einstel lungen, sozialen Normen und Selbst wirksam keit . . . . . . . . . . . . . 253 4.6 Ergeb nisse im inter nationalen Ver gleich . . . . . . . . . . . . . 263 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 5 Qualitative Befra gung von Experten . . . . . . . . . . . . . . . . 271 5.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens . . . . . . . . . . . . 271 5.1.1 Qualitative Interviews . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 5.1.2 Stichprobe und Erhebung . . . . . . . . . . . . . . . . . 272 5.1.3 Aus wertung und Darstel lung . . . . . . . . . . . . . . . 273 5.2 Ergeb nisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275 5.2.1 Profile der Experten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275 5.2.2 Konstanten und Besonder heiten bei den Experten . . . . 288 5.2.3 Folge rungen: Empfeh lungs tendenzen . . . . . . . . . . 297 6 Zusammen fassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303 Teil III Rechts gutachten zum Daten schutz und zu Persönlich keits rechten im Social Web, insbesondere von Social Networking-Sites 1 Fragestel lung des Gutachtens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309 2 Social Network-Dienste, Foren & Co. . . . . . . . . . . . . . . . 311 3 Chancen und Risiken sozialer Netz werk dienste . . . . . . . . . . 315 3.1 Chancen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315 3.2 Risiken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318 4 Privatsphäre in der Psychologie und im Recht . . . . . . . . . . 321 10 5 Grundlagen des Daten schutz rechts . . . . . . . . . . . . . . . . . 325 5.1 Daten schutz im welt weiten Web 2.0 . . . . . . . . . . . . . . 325 5.2 Schutz konzept des Daten schutz rechts . . . . . . . . . . . . . . 328 5.2.1 Zulassungs vorausset zung . . . . . . . . . . . . . . . . . 329 5.2.2 Daten vermei dung und Daten sparsam keit . . . . . . . . . 330 5.2.3 Zweck bindung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330 5.2.4 Erforderlich keit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331 5.2.5 Transparenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331 5.2.6 Mitwir kung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332 5.2.7 Kontrolle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332 5.3 Daten schutz für Kinder und Jugend liche . . . . . . . . . . . . 333 5.3.1 Grundrechts fähig keit und Grundrechts mündig keit . . . . 334 5.3.2 Einwilli gungs und Geschäfts fähig keit . . . . . . . . . . 336 5.3.3 Interessen abwä gung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339 6 Daten verarbei tung in Social Network-Diensten . . . . . . . . . . 341 6.1 Anwend bares Daten schutz recht . . . . . . . . . . . . . . . . . 341 6.2 Personen bezogene Daten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 342 6.3 Ver antwort liche Stelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 346 6.4 Zulässig keit der Daten verarbei tung . . . . . . . . . . . . . . . 350 6.4.1 Daten verarbei tung durch die Nutzer von sozialen Netz werk diensten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 350 6.4.2 Daten verarbei tung durch den Anbieter des Social NetworkDienstes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 355 6.4.3 Daten verwen dung durch andere Anbieter . . . . . . . . 363 6.4.4 Zulässig keit der Ver brei tung von Bildern . . . . . . . . 365 6.5 Transparenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367 6.6 Rechte der Betroffenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371 7 Daten schutz recht liche Rege lungs defizite . . . . . . . . . . . . . . 375 8 Geplante Rechts ände rungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 381 8.1 Novellie rung des Telemedien gesetzes . . . . . . . . . . . . . . 381 8.2 Reform des europäi schen Daten schutz rechts . . . . . . . . . . 387 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 390 11 Teil IV Fazit & Hand lungs empfeh lungen 1 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 412 2 Hand lungs empfeh lungen an die Medien pädagogik . . . . . . . . 413 2.1 Akteure und Adressaten von Hand lungs empfeh lungen . . . . . 413 2.2 Empfeh lungen für das Handeln im Span nungs feld Wissen und Handeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 415 2.2.1 Das Span nungs feld Wissen und Handeln . . . . . . . . 415 2.2.2 Inhalte für pädagogi sche Interven tionen . . . . . . . . . 417 2.2.3 Pädagogi sche Hand lungs empfeh lungen zwischen Sensibilisie rung und Aktivie rung . . . . . . . . . . . . . 419 2.3 Empfeh lungen für das Handeln im Span nungs feld Steue rung und Kontroll verlust . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 422 2.3.1 Das Span nungs feld Steue rung und Kontroll verlust . . . 422 2.3.2 Pädagogi sche Hand lungs empfeh lungen zwischen Steue rung und Kontroll verlust . . . . . . . . . . . . . . 426 2.4 Zusammen fassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 429 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 431 3 Gestal tungs vorschläge für den Gesetz geber . . . . . . . . . . . . 435 3.1 Anmel dung und Profiler stel lung . . . . . . . . . . . . . . . . . 436 3.2 Nutzungs funk tionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 438 3.3 Ab meldung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 440 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . 441 Die Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 445 Teil I Privatsphäre und Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen: Eine Einfüh rung Julia Niemann & Michael Schenk unter Mitarbeit von Kim Wlach, Yvonne Allgeier & Doris Teutsch 15 1 Einlei tung Die sozialen Aspekte des Internet sind heute aus dem Alltags leben nicht mehr wegzu denken. Insbesondere Jugend liche und junge Erwachsene organisie ren und synchronisie ren ihr Leben online. Netz werk platt formen, insbesondere der welt weite Markt führer Facebook, sind die zentralen Knoten punkte der sozialen Ver netzung im World Wide Web. Die Nutzer1 müssen – zumindest in Teilen – ihre Privatsphäre auf geben, wenn sie teilhaben wollen, denn die aktive Nutzung setzt voraus, dass die User freiwillig Informa tionen über sich, ihre Aktivi täten, Meinun gen und Wünsche und auch Daten über Dritte zusammentragen. Im Gegen zug er halten sie aus ihrem Freundes netz werk Informa tionen, die unmittel bar relevant für ihren sozialen Alltag sind. Die im Social Web ge nerierten Daten mengen sind immens. Allein die 600 Mio. aktiven FacebookNutzer ver bringen zusammen 9,3 Mrd. Stunden pro Monat auf der Site. Jeder Nutzer lädt dabei im Durch schnitt 90 ver schiedene Inhalte hoch, z. B. Posts, Notizen, Fotos oder Links (Manyika et al., 2011). Ein solches Daten volumen weckt natür lich Begehrlich keiten. Einer seits auf Seiten der Anbieter, deren Geschäfts modell zumeist den Ver kauf personalisierter Werbung vor sieht. Anderer seits melden auch Dritte ihr Interesse an, die Daten für sich nutz bar zu machen. Im Frühjahr 2012 sorgte ein Vorstoß der Schufa für Auf sehen, die in einem Forschungs projekt in Koopera tion mit dem Hasso PlattnerInstitut die Nutzbar keit der öffent lich zugäng lichen Daten auf Facebook für ihre Zwecke evaluie ren wollte. Dies wurde von Daten schützern und der Politik äußerst negativ auf genommen und auf grund der Proteste schnell ein gestellt (Lochmaier, 2012; Medick & Reiß mann, 2012). Das „Geschäft mit den Nutzer daten“ (Welt Online, 2007) wurde schon früher in der Presse häufig kritisch reflektiert (z. B. Dworschak, 2011). Ob es den Sozialen Netz werk platt formen wie Facebook und Co. tatsäch lich anzu lasten ist, dass sie ihr Kapital aus den persön lichen Daten der Nutzer ziehen, die dafür ihre Privatsphäre auf geben oder zumindest einschränken, sei zunächst 1 Aus Gründen der Lesbar keit wird die maskuline Form ver wendet, ab gesehen von expliziten Ver gleichen der Geschlechter sind jedoch stets beide Formen ge meint. 16 dahin gestellt. Tatsache ist, dass Soziale Netz werk platt formen intensiv, ins beson dere von Jugend lichen und jungen Erwachsenen, ge nutzt werden und diese dabei selbst verständ lich persön liche Daten wie Name, Geburts tag, Hobbys etc. an geben (MPFS, 2011; Palfrey & Gasser, 2008). Seltener werden im Web auch Gefühle oder gar Ängste geäußert (Tad dicken & Schenk, 2011). Dass die User Sozialer Netz werk platt formen viel von sich preis geben, be deutet nicht, dass der Schutz ihrer Privatsphäre für sie irrelevant ist oder sie gar nicht darauf achten. Vielmehr ist es so, dass sich aus dem Nutzen, den Soziale Netz werk platt formen bspw. durch erhöhte Erreich bar keit und er weiterte Kommunika tions möglich keiten zweifel los stiften, ein Span nungs feld aus Chancen der Teilhabe und potenziellen Gefahren ergibt. Die „Digital Natives“ richten den Blick zunächst auf die Vor teile, die die Partizipa tion mit sich bringt (Boyd, 2010) und ihr Ver ständnis dafür, welche Informa tionen als privat gelten sollten, ist ein anderes, als das ihrer Eltern und Großelterngenera tion. Es ist das Ziel der vor liegen den Studie, dieses Ver ständnis zu explorie ren und Unter schiede sowie Einflüsse auf das Selbstoffenba rungs verhalten in Sozialen Netz werk platt formen aufzu decken. Auch wenn junge Nutzer auch an anderen Stellen im Social Web Informa tionen über sich preis geben, nehmen die Sozialen Netz werk platt formen eine heraus ragende Stellung ein, einer seits was die Quantität der Teilnehmer und der dort ver öffent lichten Daten be trifft, anderer seits auch in Bezug auf die Qualität: In Sozialen Netz werk platt formen weisen die preis gegebenen Informa tionen in der Regel einen – mehr oder weniger offensicht lichen – Bezug zur (Offline)Identität des Nutzers auf. Die Kommunika tion auf Netz werk platt formen ist in der Regel nicht durch Anonymi tät ge kennzeichnet, wie beispiels weise in vielen InternetDiskus sions foren üblich. Selbst wenn ein Nutzer seine Identität durch Ver wendung eines Nicknames oder des Vornamens schützt, wird er vor dem Hinter grund seines sozialen Netz werks aus Freunden und Bekannten oft identifizier bar. Aus diesen Gründen er scheinen Soziale Netz werk platt formen beim Blick auf die Privatsphäre und die Risiken, die durch Partizipa tion am Social Web ent stehen, be sonders relevant. Die vor liegende Studie fokussiert daher auf diese Anwen dungen. Zur umfassen den Explora tion des Forschungs feldes wurde ein interdis ziplinärer Ansatz aus Kommunika tions, Erziehungs und Rechts wissenschaft lern ge wählt. Dabei arbei teten Teams von der Universi tät Hohenheim (Prof. Dr. Dr. habil. Michael Schenk und Julia Niemann), der Universi tät der Bundes wehr München (Prof. Dr. Gabi Reinmann und JanMathis Schnurr) und der Universi tät Kassel (Prof. Dr. Alexander Roßnagel und Dr. Silke Jandt) zusam men. Die Studie gliedert sich in insgesamt vier Teile. Zunächst wird in Teil I ein Über blick über die Forschungs gegenstände Soziale Netz werk platt formen und Privatsphäre ge geben. Den Teil II bildet eine Kombina tion ver schiedener empiri scher Methoden, die den Unter suchungs gegen stand auf qualitativer und 17 quantitativer Basis be leuchten. Die Methoden kombina tion umfasst dabei eine Sekundäranalyse, qualitative Interviews und eine quantitative Befra gung von 12 bis 24Jährigen sowie qualitative Interviews mit Experten aus den Domänen Schule, Jugendarbeit und Medien. Im Teil III erfolgt eine Einord nung aus daten schutz recht licher Perspektive. Im letzten Teil folgen, neben einer inter nationalen Einord nung der Ergeb nisse, Hand lungs empfeh lungen an die Medien pädagogik und den Gesetz geber. 19 2 Der Unter suchungs gegen stand 2.1 Soziale Netz werk platt formen 2.1.1 Einfüh rung und Ab gren zung Soziale Netz werk platt formen, wie Facebook, studiVZ oder XING, ge hören zu den am häufigsten und am intensivsten ge nutzten Webseiten. Die kommunika tions wissen schaft liche Ab gren zung dieser An gebote ge staltet sich jedoch schwie rig, denn sie sind weder den klassi schen Massen medien zuzu ordnen, noch lassen sie sich als aus schließ liche Medien der Individual kommunika tion ein stufen. Sie zählen zu den partizipativen An geboten des Internet (Neuberger, 2011, S. 34), die unter dem Schlagwort Web 2.0 oder auch als Social Web2 öffent liches und wissen schaft liches Interesse ge weckt haben. Beide Begriffe ver deut lichen die Wandlung des Internet von einem Medium, das von den meisten Nutzern vor rangig zur Informa tions beschaf fung und zu Recherche zwecken ge nutzt wurde, hin zu einem Medium der Kommunika tion und sozialen Inter aktion. Durch neue Softwareober flächen wurde es möglich, dass zuneh mend auch Nutzer ohne techni sches Wissen eigene Inhalte online ver öffent lichten und dass sie so von reinen Rezipienten zu „Produsern“ wurden, die die Inhalte des Netzes aktiv mitgestalten. Es herrscht eine ver wirrende Begriffs vielfalt, mit der das Phänomen Soziale Netz werk platt form be schrieben wird. So sind neben dem Begriff Soziale Netz werk platt form auch die Bezeich nungen Social Network(ing) Site, soziale Netz werkseite, OnlineCommunity, soziale Netz werk dienste o. Ä. üblich. Diese Begriffe werden in der vor liegen den Studie synonym ver wendet. Ab zugrenzen ist jedoch der Begriff „soziale Netz werke“. Dieser be zeichnet in den Sozial wissen schaften ein Geflecht aus direkt oder indirekt miteinander ver bundenen Akteuren, welches auch außerhalb des Internet existie ren kann, also z. B. die Gesamt heit aller Freunde, Familien mitglieder und Arbeits kollegen, die eine Person auf weist. Auf Sozialen Netz werk platt formen werden soziale Netz werke 2 Wir ver wenden im vor liegen den Bericht beide Begriffe synonym (vgl. zur Ab gren zung Schmidt, 2011). 20 ab gebildet, jedoch ist die Infrastruktur, die durch die Platt formen bereit gestellt wird, von den eigent lichen sozialen Netz werken abzu grenzen (vgl. Schmidt, 2009, S. 64; Weissens teiner & Leiner, 2011). Eine viel zitierte Defini tion webbasierter Sozialer Netz werk platt formen liefern Boyd und Ellison (2008, S. 211). Sie stellen dabei drei Aspekte der Anwen dungen be sonders heraus: Erstens er möglichen die Platt formen es, ein öffent liches oder semiöffent liches Profil der eigenen Person innerhalb eines vom rest lichen Internet ab gegrenzten Bereichs anzu legen. Zweitens können die Nutzer Kontakte mit ihrem Profil ver knüpfen. Auch die Listen dieser Kontakte sind für andere einseh bar. Drittens können die Kontakt listen zur Naviga tion innerhalb der Sozialen Netz werk platt form ge nutzt werden, so dass Browsen in den sozialen Netz werken der Nutzer möglich wird. Ein User wird in Sozialen Netz werk platt formen nicht nur durch die Selbst darstel lung auf dem eigenen Profil sicht bar, sondern auch vor dem Hinter grund seiner sozialen Kontakte. Soziale Netz werk platt formen bilden die Netz werkstruktur des sozialen Umfelds nicht nur ab, sondern stellen auch eine gemeinsame Infrastruktur zur Kommuni ka tion und Inter aktion der Kontakte unter einander bereit (Schmidt, 2009, S. 64). Die Kontakte sind jederzeit er reich bar, wodurch es einfacher wird, nicht nur auf das eigene soziale Netz werk, sondern auch auf ein er weitertes Netz werk zuzu greifen und um gekehrt von diesem er reicht zu werden. Die Defini tion von Boyd und Ellison be schreibt das Phänomen Soziale Netz werk platt formen anhand seiner Funktionen. Dies ist problematisch, denn die Ab gren zung zu anderen Anwen dungen des Social Web ist nicht eindeutig, wie am Beispiel der Weblogs deut lich wird: Auch Weblogs stellen Profile ihrer Nutzer dar, sind in der Blogosphäre miteinander ver linkt und es kann durch sie hindurch navigiert werden. Außerdem bieten sie eben falls die Möglich keit zur Kommunika tion. Wie Weissens teiner und Leiner (2011) anmerken, ist die funktionale Defini tion dennoch „mehr als ein theoreti sches Feigen blatt“ (S. 529). Für die Nutzer ist es weit gehend unerheb lich, in welcher Applika tion eine be stimmte Funktio nali tät bereit gestellt wird. Sie schlagen vor, die funktionale Defini tion um Nutzenaspekte zu er weitern, um der subjektiven Realität des Nutzers besser gerecht zu werden. Diese Funktionali tät besteht insbesondere in der Bedeu tung sozialer Aspekte, wie etliche Studien zu den Nutzungs motiven der Platt formen zeigen (Gleich, 2011; Joinson, 2008; QuanHaase & Young, 2010; Schmidt & Gutjahr, 2009; vgl. Ab schnitt 2.1.4). Dieser Umstand trifft jedoch eben falls auf das gesamte Social Web zu (Jers, 2012). Von anderen Applika tionen müssen Soziale Netz werk platt formen daher einzeln ab gegrenzt werden. So zeichnen sie sich gegen über InstantMessagingDiensten durch einen höheren Grad an Öffentlich keit aus. Gegen über Weblogs fällt auf, dass es sich bei Sozialen Netz werk platt formen um zentrale, durch Registrie rung ab gegrenzte Bereiche handelt, bei denen die sozialen Beziehungen mehr im Fokus stehen. Bei Multimediaplatt formen, die dem Teilen von Inhalten wie Fotos oder Videos 21 dienen (z. B. Flickr, YouTube), tritt die Präsenta tion der eigenen Person in einem Profil und die Inter aktion der Teilnehmer hinter die Inhalte zurück. Zwar ist auch hier die Ver knüp fung mit anderen Nutzern möglich, jedoch er scheint diese eher nebensäch lich. Bei Diskus sions foren stehen eben falls Inhalte, nämlich der Aus tausch und die schrift liche Speiche rung von Informa tionen, meist mit einem klar ab gegrenzten themati schen Schwerpunkt, im Vordergrund. Soziale Netz werk platt formen integrie ren zunehmend die Funktionali täten dieser und anderer Anwen dungen (Smock, Ellison, Lampe & Wohn, 2011) und können – auch weil sie ver gleichs weise viele Nutzer auf weisen – als prototypi sche Anwen dungen des Social Web be trachtet werden. Die An gebote Sozialer Netz werk platt formen lassen sich ver schiedenen Unter formen zuordnen. So gibt es die klassi schen, privatpersön lichen Kontakt netz werke (Schmidt, 2009, S. 64), die inter national oder national, bzw. lokal aus gerichtet sind und mit denen wir uns in dieser Studie be schäfti gen. Daneben be stehen Communitys, die vor rangig be ruflichen Zwecken dienen (z. B. XING, LinkedIn). Außerdem sind Platt formen abzu grenzen, die thematisch auf be stimmte Beziehungs aspekte oder Bereiche wie Sport, Essen und Trinken, Tiere etc. be schränkt sind (z. B. Netzathleten, Chefkoch. de, My Social Petwork). Privatpersön liche Kontakt netz werke ge hören zu den Webangeboten, die gerade bei jungen Nutzern sehr beliebt sind (Busemann & Gscheidle, 2009, S. 358; Initiative D21, 2010). In unseren Aus führungen werden wir uns daher auf diese spezielle Kategorie von Netz werk platt formen be schränken. Im Folgen den wird zunächst ein Markt überblick ge geben, bevor auf die gängigen Features von Social Networking Sites und auf die Regelun gen zur Privatsphäre ein gegangen wird. 2.1.2 Soziale Netz werk platt formen in Deutschland – Nutzung und Markt überblick Weil der Markt sehr stark zergliedert ist und viele Anbieter Nischen produkte anbieten, die keine über regionale Bedeu tung er langen, kann die Zahl der Sozialen Netz werk platt formen nicht mit Bestimm theit fest gelegt werden. Die größten deutschen An gebote werden in der Reichweiten messung der AGOF (Arbeits gemein schaft Online Forschung) erfasst (Tabelle 1). Unter den in der AGOF ver tretenen Netz werken waren zum Zeitpunkt unserer Erhebung die drei VZNetz werke am reichweiten stärksten, ge folgt von werkenntwen. 22 Tabelle 1: Soziale Netz werk platt formen in Deutschland An gebot Netto-Reichweite in Mio. Unique User* August 2011 Netto-Reichweite in Mio. Unique User* Juni 2012 VZ-Netz werke 6,96 2,72 wer-kennt-wen. de 5,61 4,00 Myspace. de 3,63 2,47 Lokalisten 1,02 0,60 Schueler.CC 0,62 – * Basis: Weitester Nutzer kreis (User pro Monat) Quelle: AGOF internet facts, eigene Darstel lung Der Markt führer Facebook wird in diesem Ranking nicht erfasst, daher müssen hier andere Ver gleichs zahlen heran gezogen werden. Nielsen (2011) weist im August 2011 25,1 Mio. FacebookNutzer in Deutschland aus. Auch wenn dieser Wert auf einem anderen methodi schen Ver fahren beruht, werden die Dimensionen deut lich: Facebook ist die bei weitem be liebteste Platt form. Die Markt führer schaft er langte das USamerikani sche An gebot im März 2010, als erstmals höhere Nutzer zahlen für Facebook als für die VZNetz werke, die bis dahin Markt führer waren, aus gewiesen wurden (Welt Online, 2010). Facebook wurde 2004 zunächst als soziales Netz werk für HarvardStudenten von Mark Zuckerberg ent wickelt. Als Mitbegründer gelten zudem Dustin Moskovitz, Chris Hughes und Eduardo Saverin. Konnten anfangs nur Studenten mit EMailAdressen aus gewählter USHoch schulen Mitglieder werden (Boyd & Ellison, 2008, S. 218), wurde das An gebot zwei Jahre später für alle Personen über 13 Jahren geöffnet. Ab dem Jahr 2006 war Facebook auch für aus ländi sche Studenten zugäng lich, seit 2008 ist die Platt form in den Sprachen Deutsch, Spanisch und Französisch ver fügbar. Heute ist Facebook in 74 Sprach versionen und mit 750 Millionen Mitgliedern (Facebook, 2010) über den gesamten Globus ver teilt. Nach Angaben von Facebook loggt sich die Hälfte der Mitglieder täglich auf der Seite ein, und der durch schnitt liche User besitzt 130 Kontakte auf dem Netz werk. Schon 2010 konnte Facebook Google als meist besuchte Website in den USA über holen. Im Mai 2012 er folgte der auf sehen erregende Start der FacebookAktie an der NewYorker Börse Nasdaq. Mit 104 Mrd. Dollar war es der bisher am höchsten be wertete Börsengang in den USA. Eine einzelne Aktie kostete bei der Ausgabe 38 Dollar. Im Ver lauf des ersten Quartals mussten die Anleger jedoch hohe Ver luste hinnehmen, der Kurs fiel zwischen zeit lich auf 24 Dollar (FTD. de, 26. Juli 2012). Zu geschrieben wird der mangelnde Erfolg vor allem dem Fehlen von Monetarisie rungs strategien. Insbesondere bei mobilem Zugriff auf die Platt form ent gehen die Werbe einnahmen. Neben dem Markt führer Facebook konnten sich im deutschen Markt zunächst noch weitere, nationale Anbieter be haupten. Insbesondere die An gebote der 23 VZGruppe, zu der die drei Platt formen studiVZ, schülerVZ und meinVZ ge hören, sind hier zu nennen. Die StudentenPlatt form studiVZ wurde 2005 nach dem Vorbild von Facebook ge gründet und war zunächst nur für Studenten ge dacht. Im Januar 2007 über nahm der Holtz brinckVerlag studiVZ für etwa 80 Millionen Euro (Bernau, 2007). Die Produkt palette wurde schon im selben Jahr um schülerVZ, eine Ver sion speziell für Schüler, ergänzt. Ein Jahr später folgte meinVZ, das sich an ältere und nichtakademi sche Nutzer richtet. Die An gebote studiVZ und meinVZ sind miteinander ver knüpft, d. h. die Nutzer beider Netz werke können sich kommunikativ aus tauschen. Das Schülernetz werk schülerVZ ist von beiden Platt formen ge trennt. schülerVZ ist ein geschlossenes Netz werk: Neue Nutzer können sich nur auf Einla dung eines Mitglieds an melden. Diese Maßnahme soll laut Eigenangaben ver hindern, dass Dritte oder auch Lehrer und Eltern Zugang zu dieser Platt form er halten. Im November 2011 hatten die Platt formen studiVZ. net, schülerVZ. net und meinVZ. net nach eigenen Angaben mehr als 16 Millionen Nutzer (VZNetz werke, o. J.), davon ver teilen sich 6 Millionen auf studiVZ, 5,5 Millionen Schüler sind im schülerVZ und 4 Millionen Nutzer bei meinVZ an gemeldet. Von diesen über 16 Millionen Nutzern sind aber nur Bruchteile aktiv. Laut AGOF wiesen alle drei Netz werke zusammen im August 2011 6,96 Millionen Nutzer auf. Die Reichweiten und Nutzer zahlen zeigen sich aber stetig sinkend, ein knappes Jahr später ist die Zahl der aktiven Nutzer nur noch bei 2,72 Millionen (vgl. auch Amann, 2011). Der im September 2011 durch geführte Relaunch konnte diesen Rück gang nicht umkehren. Die themati sche Neu ausrich tung, und die Namens ände rung von schülerVZ in Idpool. de sind für das vierte Quartal 2012 ge plant (Süd deutsche. de, 2012). Die Platt form soll dann zu einem „edukativen An gebot“ werden, bei dem die OnlineWissens vermitt lung im Vordergrund steht. Für die Netz werk platt formen studiVZ und meinVZ existie ren bislang keine Ver ände rungs konzepte. Auch wenn über die Nutzer wande rung zwischen den Netz werken keine gesicherten Zahlen vor handen sind, er scheint es wahr schein lich, dass die Nutzer zur inter nationalen Platt form Facebook wechseln, die einen höheren Funk tions umfang auf weist und im Hinblick auf die Integra tion neuer Funktionali tät immer einen Schritt schneller zu sein scheint. Neben der VZGruppe und Facebook er reichen in Deutschland die An gebote werkenntwen und Lokalisten relevante Nutzer zahlen. Sie zeichnen sich durch ihre lokale Ver brei tung aus. werkenntwen wurde im Oktober 2006 ge gründet und richtet sich an alle Personen ohne Einschrän kungen ab 14 Jahren. Mit einem Firmensitz in Köln wird diese Community durch die Gesell schaft RTL Inter active be trieben. Fünf Jahre nach der Gründung weist die AGOF 5,61 Millionen Nutzer für werkenntwen aus, ein knappes Jahr später noch 4 Millionen. Die Mehrheit der Mitglieder kommt aus RheinlandPfalz, Hessen und dem Saarland. Seit 2009 ist die Platt form auch in Öster reich und der Schweiz zugäng lich. Das Netz werk Lokalisten wurde im Mai 2005 ge gründet 24 und zählte im Sommer 2011 1,2 Millionen Nutzer. Auch diese Platt form ver zeichnet einen Mitglieder schwund und so viel die Reichweite laut AGOF im Juni 2012 auf 0,6 Millionen Nutzer. Der Großteil der Mitglieder wohnt im süd deutschen Raum. Seit Ende Mai 2008 hält ProSiebenSat.1 Media 90 Prozent an der Lokalisten Media GmbH. Ab gesehen von den bisher auf gezählten Netz werken gibt es weitere kleinere Platt formen, die sich speziell an Schüler richten. Ein Beispiel hierfür stellt das Schüler Community Center, kurz Schueler.CC, dar. Dieses ist im Besitz der Community Center GmbH und existiert seit Januar 2007. Es wird vor allem im Osten Deutschlands stärker ge nutzt. Nennens wert ist zudem Myspace als inter nationale Platt form, deren Fokus auf Musik und der Darstel lung und Ver mark tung von Bands und Künstlern liegt. Die Platt form kann aber auch als themen unabhängige Social Networking Site ge nutzt werden. Ähnlich wie hier zulande die VZNetz werke musste sich Myspace diesbezüg lich aber schon zuvor dem Konkurrenten Facebook unter ordnen. Im Jahr 2006 war MySpace das populärste soziale Netz werk in den USA, nachdem es im Jahr zuvor von Rupert Murdochs News Corpora tion ge kauft worden war. In der Blütezeit hatte Myspace mehr als 220 Millionen Nutzer. Die AGOF wies im Sommer 2011 3,63 Millionen deutsche Nutzer für die Platt form aus, im Juni 2012 nur noch 2,47 Millionen. Im September 2011 trat mit Google+ ein neuer Anbieter in den deutschen Markt ein. Die Platt form der Google Inc. wird ebenso wie Facebook nicht über die AGOF erfasst. Nach einer ComscoreMessung lagen die Besuchs zahlen für Deutschland im November 2011 bei 3,6 Millionen Nutzern (Steuer, 2012). Für Jugend liche ist das An gebot von Google+ ver mutlich wenig relevant: Momentan müssen neue Nutzer für die Registrie rung das Mindestalter von 18 Jahren er reicht haben. Lang fristig ist ge plant diese Alters begren zung auf 13 Jahre zu senken. Obwohl Facebook auch der inter nationale Markt führer ist, haben sich in einzelnen Ländern und Regionen teil weise andere Anbieter durch gesetzt. Die größte Soziale Netz werk platt form in China3 heißt Qzone und hat vor allem dort 480 Mio. Nutzer (RiaNovosti, 2011). Hinter Facebook ist diese Platt form die welt weit zweit größte. Auch in Brasilien (Orkut), Russ land (Vkontakte) und Japan (Mixi) sind andere Anbieter jeweils weiter ver breitet als der Platz hirsch Facebook. In den meisten europäi schen Ländern ist das USamerikani sche Netz werk der jeweils größte Anbieter. Die einzige Aus nahme bildet hier Lettland (Draugiem). Freizeitorientierte Soziale Netz werk platt formen stellen ihre Dienste in der Regel für die Nutzer kosten los zur Ver fügung. Die Betreiber finanzie ren sich 3 Aufgrund der restriktiven Netzpolitik der Chinesi schen Regie rung werden inter nationale Netz werk platt formen dort ge filtert und sind nicht für die Öffentlich keit zugäng lich. 25 hauptsäch lich durch den Anzeigen verkauf. Durch die von den Nutzern selbst bereit gestellten persön lichen Informa tionen eröffnen sich breite Möglich keiten für personalisierte Werbung. Sehr spitze Zielgruppen können über sogenanntes Targeting4 er reicht werden. Nachdem in den vorigen Ab sätzen ein Über blick über die Anbieter sozialer Netz werkseiten ge geben wurde, sollen im Folgenden die wichtigsten Funktionen der Platt formen be schrieben werden. Dabei kann nicht jede Funktion einzeln be rücksichtigt werden, da der Funk tions umfang zum Teil sehr hoch ist und auch nicht alle An gebote dieselben Funktionen auf weisen. Eine der zentralen Funktionen, die auch in der Defini tion von Boyd und Ellison auf gegriffen wird, ist das Anlegen des Nutzer profils. Die Teilnehmer von SocialNetworkPlatt formen bewegen sich in einem sozialen Raum, der es mit sich bringt, dass sie sich auch selbst präsentie ren müssen. Deshalb ver wundert es nicht, dass Selbstmarketing ein – wenn auch nicht immer das primäre – Ziel bei der Teilnahme an SocialCommunityPlatt formen ist (Utz, 2008, S. 243). Beim Beitritt zu einer SocialNetworkingSite muss zunächst ein „Profil“ der eigenen Person an gelegt werden. Boyd (2007) spricht beim Anlegen des Profils von einem „Initia tions ritus“ (S. 12). Online sind die Eigen schaften einer Person nicht automatisch ver fügbar: „People must write themselves into being“ (ebd.). Die Selbst darstel lung erfolgt dabei nicht völlig flexibel, der Nutzer füllt ein OnlineFormular aus, welches diverse Informa tionen abfragt: Dazu zählen typischer weise neben den Basisinforma tionen Name, Geschlecht und Geburts datum sowie Name der Schule, Hoch schule bzw. des Aus bil dungs platzes auch Kontaktinforma tionen, wie EMailAdresse und Telefon nummern. Angaben zu Interessen und Hobbys und Lieblings büchern, filmen und musik zählen eben falls bei vielen Anbietern zu den Profilinforma tionen. Zum Teil werden auch wesent lich intimere Informa tionen, wie der Beziehungs status, die politi sche Einstel lung oder die sexuelle Orientie rung ab gefragt. Außerdem hat ein User die Möglich keit, ein Profilfoto hochzuladen. Die User werden in der Regel nicht ge zwungen, alle Angaben vollständig auszu füllen, zudem wird die Korrekt heit der Angaben nicht über prüft. Dennoch ist die authenti sche Selbst darstel lung auf Sozialen Netz werk platt formen sinn stiftend: Es geht darum, eine mit der Selbst wahrneh mung über einstimmende Identi täts konstruk tion zu schaffen, um im sozialen Netz werk online inter agie ren zu können (vgl. Ab schnitt 2.2). Nachdem der Nutzer ein Profil an gelegt hat, wird er zumeist dazu auf gefordert, Beziehungen zu anderen Mitgliedern der Sozialen Netz werk platt form anzu geben. Die Bezeich nung dieser Beziehungen unter scheidet sich je Anbieter. 4 Beim Targeting werden die an gezeigten Werbemittel automatisiert an be stimmte, zuvor definierte Zielgruppen aus geliefert. Weil Rezipienten hinsicht lich ihrer soziodemografi schen oder nach anderen Merkmalen aus gewählt werden, können Streu verluste minimiert werden (BVDW, 2009). 26 So lautet die Bezeich nung für die FacebookKontakte „Freunde“, ebenso wie auf studiVZ, bei manchen Netz werken wird aber auch die Bezeich nung „Kon takte“ ver wendet. Die Beziehungen, die auf Sozialen Netz werk platt formen ab gebildet werden, sind in der Regel reziprok: Beim Hinzufügen des neuen Freundes muss dieser die Bekannt schaft be stäti gen. Im Anschluss ist die Ver bindung zwischen beiden Nutzern auf dem Profil in einer Freundes liste, die Fotos und Namen der Kontakte ent hält, sicht bar. Die Freundes liste bildet neben dem Profil einen weiteren zentralen Bestand teil Sozialer Netz werk platt formen. Sie ist – je nach Einstel lung der PrivatsphäreOptionen – mehr oder weniger öffent lich einseh bar und er möglicht es, durch Links zu den Profilen der Kontakte im persön lichen sozialen Netz des Nutzers zu browsen (Boyd & Heer, 2006, S. 4). Die Freundes listen helfen dabei, die Nutzer in ihrem sozialen Umfeld sicht bar zu machen. Freunde können diese Liste aus dem Kontakt netz werk des Nutzers einsehen und durch Anklicken direkt auf die Seite der auf gelis teten Person ge langen (Boyd & Ellison, 2008, S. 213). Die Kontakt liste der meisten Nutzer besteht hauptsäch lich aus Kontakten, die offline ge knüpft wurden (vgl. Livingstone, Haddon, Görzig & Ólafsson, 2010, S. 46): Freunden aus dem Alltag, Bekannt schaften, Familien angehöri gen und Kollegen. Reine Online Kontakte, die z. B. über die Social Networking Site ge knüpft wurden, kommen vor, sind aber seltener als OfflineBeziehungen (Uzler & Schenk, 2011). Der Begriff „Freund“ bzw. „Freund schaft“ als Bezeich nung für die Kontakte auf Social Networking Sites stieß in der öffent lichen Diskussion auf Kritik. Die Bezeich nung „Freund“ er schien nicht für alle Kontakte, die auf den Social Networking Sites zu den Freundes listen hinzu gefügt werden, treffend. Viele Platt formen unter scheiden ledig lich nach einem binären Code „Freund/Nicht Freund“ und dieser kann die Vielschichtig keit sozialer Beziehungen nur unzu reichend ab bilden. Im Durch schnitt haben die be fragten jugend lichen Nutzer der JIMStudie auf den Netz werken 206 Kontakte (MPFS, 2011). Einzelne Nutzer er reichen aber deut lich mehr Kontakte – es ist schlichtweg nicht möglich, dass sie zu allen eine sehr enge Beziehung unter halten, die im allgemeinen deutschen Sprach gebrauch als Freund schaft be zeichnet wird. Befürchtet wurde die Ent wertung des Begriffs, von der insbesondere Jugend liche be troffen sein könnten (vgl. WynneJones, 2009). Auf diesen Umstand machte bspw. eine Werbekampagne der Tages zeitung Welt Kompakt mit der Aussage „Wir haben so viele Freunde im Internet, dass wir ein neues Wort für die echten brauchen“ (vgl. Koch, 2010) auf merksam. Ob der Begriff Freund schaft in seiner Bedeu tung jedoch durch die Ver wendung von den Platt formAnbietern tatsäch lich ent wertet wird, ist fragwürdig. Die Nutzer der Platt formen ver stehen durch aus, dass es sich bei den Kontakten auf den Platt formen nicht um Freunde im engen Sinn handelt. Sorgte die Begrifflich keit „Freund“ in der Presse und evtl. auch bei älteren Usern für Irrita tionen, differenzie ren die jungen Nutzer den Begriff. Sie unter scheiden beispiels weise zwischen „SocialNetworkFreunden“ und 27 „echten“ Freunden und ihnen ist zumeist klar, dass nicht zu allen auf den Platt formen gesammelten Kontakten enge Bindun gen be stehen (Boyd, 2006). Nur wenige Nutzer ver folgen die Strategie, sich über das Sammeln von Kon tak ten als sozial beliebt darzu stellen (Niemann, Scherer & Schlütz, 2010). Diese Strategie wird zudem schnell von anderen Nutzern durch schaut und als unangebracht be wertet (Krämer & Haferkamp, 2011). Hat ein Nutzer „zu viele“ SocialNetworkingFreunde, nimmt seine Attraktivi tät in den Augen anderer Nutzer ab (Tom Tong, Van Der Heide, Langwell & Walther, 2008). Neben den reziproken Beziehungen sind auf einigen Sozialen Netz werk platt formen, z. B. auf Facebook, auch einseitige Beziehungen möglich. Ein Nutzer, der eine solche Beziehung ein geht, wird „Fan“ oder „Follower“ ge nannt, die Seite, von der er Fan wird, ist eine Fanpage. Personen des öffent lichen Lebens, aber auch Unter nehmen und Marken und andere Körperschaften unter halten solche Fanpages. Fans bzw. Follower wurden nach dem Vorbild von MicrobloggingPlatt formen auf Facebook und anderen Platt formen ein gerichtet (Spiegel Online, 2011). Zum einen können solche Beziehungen dazu dienen, über die Neuig keiten, die auf der Fanpage ge postet werden, auf dem Laufenden zu bleiben, zum anderen kann durch das Liken der Fanpage die Identifika tion des Nutzers mit dieser Seite symbolisiert werden. Soziale Netz werk platt formen er möglichen und er leichtern die Kommunika tion zwischen ihren Nutzern. Sie kommen damit dem in der modernen Gesell schaft ge wachsenen „Bedürfnis nach individueller und aktiv be triebener Bezie hungs pflege“ (Neuberger, 2011, S. 38, im Original kursiv) nach und eignen sich auf grund ihrer Struktur in einigen Fällen vielleicht sogar besser als andere Medien dafür. Die Kommunika tion kann innerhalb der Platt formen auf ver schiedenen Kanälen er folgen, die unter schied liche Eigen schaften auf weisen. Neuberger (2011) unter scheidet zwischen Zugänglich keit und Relevanz (öffent lich, privat), Teilnehmerzahl und Rollen vertei lung (‚onetoone‘, ‚onetomany‘, ‚manytoone‘, ‚manytomany‘), zeit licher Struktur (synchron, asynchron) sowie ver schiedenen Codes (Text, Bild, Video, etc.) (S. 38). Zu den gängigsten Kommu ni ka tionsTools, die auf den meisten Sozialen Netz werk platt formen vor handen sind, ge hören private Nachrichten, Chat, Status meldun gen und Pinnwand einträge. Diese und ihre speziellen Eigen schaften sollen im Folgenden kurz be schrieben werden, da es für die Privatsphäre relevant ist, auf welchem Kanal eine Selbstoffenba rung erfolgt. Bei privaten Nachrichten werden Informa tionen zwischen zwei oder mehr Kommunikatoren aus getauscht. Die ver sendete Nachricht ist nur für die Adressa ten der Konversa tion einseh bar. Die Kommunika tion kann, ähnlich wie bei EMails, asynchron ver laufen und im Nach hinein von den Kommunika tions partnern immer wieder ab gerufen werden. Der Chat ist eine andere Möglich keit der privaten Kommunika tion, mit dem Unter schied, dass die Kommunika tion hier synchron ver läuft. D. h. alle Kommunika tions partner sind während 28 des Chattens anwesend und sie kommunizie ren wechselseitig. Ab gesehen von den be teiligten Kommunika tions partnern kann kein anderer Nutzer die Kom munika tion einsehen. Status meldun gen und Pinnwandeinträge bilden hingegen Formen der (semi)öffent lichen Kommunika tion und ver laufen in der Regel asynchron. Sie sind für alle Dritten, die Zugang zum Profil des Nutzers haben, sicht bar. Beim Pinnwandeintrag wird ein anderer Nutzer direkt adressiert, während eine Status meldung sich allgemein an das gesamte Netz werk des Nutzers richtet. Wer genau zum potenziellen Publikum gehört, kann der Kommunikator über die Wahl der PrivatsphäreEinstel lungen fest legen. Wir be zeichnen Status meldun gen und Pinnwandeinträge daher als Formen der (semi)öffent lichen Kommunika tion, weil in der Regel der Empfänger kreis nicht genau definiert ist oder exakt ab gegrenzt wird. Die Kommunika tion erfolgt gegen über einem Publikum, das in der Regel unspezifisch ist. Eine Nachricht, die ein Nutzer einem anderen an die FacebookPinnwand postet, kann in der Regel5 von allen Kontakten des Kommunikators sowie von allen Kontakten des Empfängers rezipiert werden. Möglicher weise sind unter den Kontakten des Empfängers auch Personen, die der Sender der Informa tion nicht kennt. Alle vier hier auf geführten Formen der Kommunika tion auf Sozialen Netz werk platt formen sind in ihrem Ursprung textbasiert. Sie können aber durch das Anhängen von Bildern oder Videos bzw. Links auch multimedial werden. Der Upload von Fotos und Videos auf das Nutzer profil bzw. in FotoAlben gehört eben falls zum StandardRepertoire der Netz werk platt formen. Bei vielen Platt formen ist es möglich, andere User auf dem Bild zu ver linken, so dass erkenn bar ist, wer darauf ab gebildet ist. Gleiches ist auch mit Videos möglich. Der Upload von Fotos wird gerade in letzter Zeit auch auf grund der fortschrei ten den techni schen Ent wick lung, die Gesichts erken nung möglich macht, dis kutiert. Durch die Gesichts erken nung wird es möglich, Personen in den visuellen Informa tionen zu identifizie ren, obwohl sie nicht ver linkt wurden. Einen nonverbalen Aus druck von Zustim mung bietet der Gefälltmir oder LikeButton. Diesen Button betäti gen Nutzer, wenn sie aus drücken möchten, dass ihnen der Post, das Foto oder ein anderer öffent licher Beitrag eines anderen Nutzers ge fällt. Der ge likte Beitrag er scheint danach nicht nur im Profil des Urhebers, sondern auch in dem Profil der Person, die den LikeButton ge drückt hat. Somit wird der Inhalt für einen weiteren Personen kreis sicht bar und kann eine höhere Auf merksam keit in der Community er halten. Zum Schutz der sozialen Privatsphäre können auf den Sozialen Netz werk platt formen PrivatsphäreOptionen ein gestellt werden. Ein Nutzer kann damit fest legen, welche anderen Nutzer(gruppen) Zugriff auf Profildaten und andere 5 Je nach Einstel lung der PrivatsphäreOptionen. 29 Bereiche seiner Präsenz in den Platt formen haben. Mittlerweile bieten die meisten Anbieter sehr differenzierte Einstell möglich keiten, die es er lauben, die Kontakte hinsicht lich ver schiedener Aspekte in unter schied liche Gruppen zu unter teilen, z. B. in Bekannte und enge Freunde. Außerdem ist es zumindest auf Facebook möglich, für jeden kommunikativen Akt und für einzelne Bereiche des eigenen Profils das Publikum dezidiert fest zulegen. Das Publikum ist – je nach Einstel lungen in den PrivatsphäreOptionen – mehr oder weniger groß, es besteht aus engen Freunden oder auch einer er weiterten persön lichen Öffent lich keit. So wird es möglich, bspw. Kontaktinforma tionen nur einem kleinen Kreis zugäng lich zu machen, ein Wohnungs angebot aber innerhalb des ganzen eigenen Netz werks zu posten. Neben den hier geschilderten Funktionen und Bestand teilen gibt es viele weitere Features, die an dieser Stelle nicht im Detail be handelt werden können. So können Nutzer auf einigen Platt formen z. B. Ver anstal tungen planen, themati schen (Diskus sions)Gruppen beitreten und Spiele spielen. Insbesondere Face book zeichnet sich durch einen hohen Funk tions umfang aus und dadurch, dass es Drittanbietern erlaubt, Applika tionen in die Platt form einzu binden. 2.1.3 Nutzung Aus der ARD/ZDFOnlinestudie (2011) geht hervor, dass 42 Prozent der deutschen Onliner ab 14 Jahren mindestens ge legent lich private Netz werke und Communitys nutzen. Dieser Wert ist im Ver gleich zum Vorjahr weiter an gestiegen, wenn auch nicht mehr so stark, wie in den Jahren zuvor. Von allen weib lichen Bundes bürgern über 14 Jahren nutzen 37 Prozent der Frauen die Platt formen. Dieser Anteil ist gering fügig höher als bei den Männern (35 Pro zent). Unter gliedert nach Alter zeigen sich deut liche Unter schiede. Bei den 14 bis 29jähri gen Internetnutzern be suchen 71 Prozent mindestens einmal wöchent lich ein privates Netz werk. Ältere Personen nutzen die An gebote in geringe rem Maße, holen bei den Nutzer zahlen aber in den letzten Jahren auf. In der Gruppe der 30 bis 49Jährigen be suchen nur 28 Prozent, bei den 50 bis 69Jährigen 14 Prozent und in der Gruppe der Über70Jährigen zumindest noch 10 Prozent wöchent lich Soziale Netz werk platt formen. Die An gebote werden häufig frequentiert, von 23 Prozent der deutsch sprachigen Onlinenutzer sogar täglich. Die Nutzung be ruflicher Platt formen ist im Ver gleich zu den privaten als gering einzu stufen, nur 6 Prozent nutzen solche An gebote zumindest ge legent lich (vgl. Busemann & Gscheidle, 2011). Insbesondere für Jugend liche und junge Erwachsene sind Soziale Netz werk platt formen attraktiv. Der Prozent satz der 12 bis 24jähri gen Befragten, die angaben eine Platt form mindestens mehrmals wöchent lich zu nutzen, lag 2009 in der Studie „Heran wachsen im Social Web“ bereits bei 70 Prozent (Hase brink & Rohde, 2009). Die JIMStudie des Medien pädagogi schen Forschungs 30 verbunds Südwest aus demselben Jahr dokumentiert einen ähnlichen Wert von 72 Prozent. Die aktuelle JIMStudie 2011 zeigt, dass dieser Anteil weiter ge stiegen ist. Sie liegt in der von der JIMStudie be trach teten Alters gruppe 12 bis 19 Jahre mittlerweile bei 78 Prozent (MPFS, 2011). Nur 12 Prozent der Befragten der JIMStudie 2011 geben hingegen an, gar keinen Gebrauch von Sozialen Netz werk platt formen zu machen. Sowohl die Studie von Schmidt et al. als auch die JIMStudien zeigen, dass weib liche Jugend liche die An gebote etwas häufiger nutzen als männ liche. Die Nutzungs frequenz er reicht im Alter von etwa 16 Jahren ein Maximum (Hasebrink & Rohde, 2009). Die Jugend lichen sind bei durch schnitt lich 1,4 Platt formen an gemeldet, am häufigsten wird auch in dieser Alters gruppe der Markt führer Facebook ge nutzt (MPFS, 2011). Ledig lich bei den sehr jungen, den 12 bis 15jähri gen Nutzern er reicht auch schülerVZ eine ge wisse Relevanz. Neben der Nutzung des eigenen Profils und dem Stöbern in den Profilen anderer, sind die ver schiedenen Kommunika tions formen für die Jugend lichen und jungen Erwachsenen relevant. Die privaten Kommunika tions formen Chat und das Schreiben privater Nachrichten werden dabei am häufigsten ge nutzt. Über 70 Prozent der Befragten führen diese Tätig keiten mindestens mehrmals pro Woche aus (MPFS, 2011). Öffent liche Formen der Kommunika tion, wie das Schreiben an die Pinnwände anderer (46 Prozent) und das Posten einer Status meldung (32 Prozent) sind eben falls ver breitet, kommen aber insgesamt seltener vor. 2.1.4 Nutzungs motive Wenn man ver stehen will, warum sich gerade die jungen Nutzer in diesem Maße Sozialen Netz werk platt formen zuwenden, muss man sich mit dem Nutzen be schäfti gen, den sie daraus ziehen. Eine in der Kommunika tions wissen schaft weit ver breitete Heran gehens weise an diese Fragestel lungen bietet der Uses andGratifica tionsApproach (NutzenundBeloh nungsAnsatz; Blumler & Katz, 1974; vgl. Schenk, 2007, S. 686). Der Ansatz besagt, dass Bedürf nisse, welche soziale und psychologi sche Ursprünge haben, zu Erwar tungen an die (Massen) Medien und andere Quellen führen, wie diese Bedürf nisse zu be friedi gen sind. Ein Rezipient be wertet die funktionalen Alternativen, z. B. die Nutzung eines Medien angebotes, wie einer be stimmten TVSendung, im Hinblick darauf, ob sie zur Bedürfnis befriedi gung beitragen können. Die Bedürf nisse schlagen sich dabei in den Motiven, mit denen sich der Rezipient den Massen medien zuwen det, nieder und führen ggf. zur Medien nutzung. Als Resultat der Medien nutzung kann einer seits die Bedürfnis gratifika tion ent stehen, wenn die Nutzung tatsäch lich zum vom Rezipienten antizipierten Ziel führt. Anderer seits können andere, vom Rezipient unvorher gesehene oder un beabsichtigte Konsequenzen ent stehen; bspw. können Gratifika tionen nicht eintreten oder andere als die er warteten 31 Gratifika tionen ent stehen. Die Konsequenzen führen zu einer Neubewer tung der ge nutzten Hand lungs alternative. Erhaltene Gratifika tionen schlagen sich daher auch in den Nutzungs motiven, die zur Hinwen dung zu einem be stimmten Medien angebot führen, nieder. Wie Neuberger (2011) fest stellt, weisen Soziale Netz werk platt formen im Ver gleich zu den Print und Rundfunkmedien, auf die der UsesandGratifica tionsAnsatz ursprüng lich an gewendet wurde, einige Besonder heiten auf. Zum einen konkurrie ren die Platt formen als Unter hal tungs oder Informa tions medien nicht nur mit den klassi schen Massen medien. Medien der inter personalen Kommunika tion stellen eben falls funktionale Alternativen dar. Als „Produser“ ziehen die Nutzer eventuell einen Teil ihrer Gratifika tion auch aus ihren eigenen kommunikativen Handlun gen. Gerade diese Gratifika tionen sind zudem ab hängig vom Publikum, der persön lichen Öffentlich keit, auf die sich User auf den Platt formen be ziehen. Sie ent stehen eventuell auch erst im Rahmen der Inter aktion mit anderen. Daher dürfen bei einer Betrach tung der Netz werk platt formen unter motivationalen Gesichtspunkten nicht nur klassi sche Medien nut zungs motive ge messen, sondern müssen soziale Gratifika tionen ver stärkt mit be rücksichtigt werden. Viele Studien haben sich bereits auf Basis des UsesandGratifica tions Ansatzes mit den Nutzungs motiven und den Gratifika tionen befasst, die der Hinwen dung zu Sozialen Netz werk platt formen zugrunde liegen. Dabei wurden zum einen die Motive klassi scher Massen medien auf die OnlineAngebote über tragen, zum anderen wurden spezielle Nutzungs motive für die Platt formen auf gezeigt (vgl. Weissens teiner & Leiner, 2011). Ebenso divers wie die heraus gestellten Nutzungs motive ge staltet sich auch das methodi sche Vor gehen bei ihrer Messung, die teils auf qualitativen, teils auf quantitativen Methoden oder auf Methoden kombina tionen beruht (ebd.). Bei der Messung wird zumeist auf einen Selbst bericht der Teilnehmer zurück gegriffen, indem die ver schiedenen Nutzungs motive (= ge suchte Gratifika tionen) ab gefragt werden. Allgemein lässt sich fest stellen, dass durch Soziale Netz werk platt formen eine multifunktionale Nutzen befriedi gung er reicht wird (Stern & Taylor, 2007; Sheldon, 2008). Es fällt aber auf, dass insbesondere soziale Motive oder Gratifika tionen in den meisten Studien eine heraus ragende Stellung einnehmen (Brand tzæg & Heim, 2009; Cheung, Chiu & Lee, 2011; Flöck, Schäfer & Steinkamp, 2011; Joinson, 2008; Lampe, Ellison & Steinfield, 2008; Park, Kee & Valenzuela, 2009; Prommer et al., 2009; QuanHaase & Young, 2010; Raacke & BondsRaacke, 2008; Schorb, Kießling, Würfel & Keilhauer, 2011; Stern & Taylor, 2007). Das Pflegen von be stehen den Kontakten, zu denen ent weder aktuell ein sehr enger Kontakt besteht (strong ties) oder ent fernte ren Bekannten bzw. alten Freund schaften (weak ties), steht dabei im Vordergrund, deut lich vor dem Knüpfen neuer Bekannt schaften (Schorb et al., 2011; Stern & Taylor, 2007). Für die engen Beziehungen stellen Soziale Netz werk platt formen 32 einen zusätz lichen Kommunika tions kanal dar, der er gänzend zu anderen Kanä len ge nutzt wird (Enz, 2010). Für das Wieder auffri schen bereits ab gebrochener Kontakte und das Auf rechterhalten von Beziehungen bei hoher räum licher Distanz, was z. B. beim Wechsel in eine andere Lebens phase oft vor kommt, sind Soziale Netz werk platt formen be sonders gut ge eignet (Ellison, Steinfield & Lampe, 2007). Die Pflege dieser Kontakte er fordert nur einen minimalen Aufwand. Die sozialen Motive umfassen aber nicht nur die Pflege von Kon takten, sondern auch ganz allgemein die Integra tion und Bindung an die Gruppe der Gleichaltri gen. Neben den sozialen Aspekten gibt es viele weitere Motive, die zwar eine geringere Bedeu tung haben, aber über ver schiedene Studien hinweg wieder kehren. Dazu ge hören Eskapismus und Zeit vertreib (Barker, 2009; Flöck et al., 2011; QuanHaase & Young, 2010; Schorb et al., 2011), Unter haltung (Barker, 2009; Krisanic, 2008; Park et al., 2009), Informa tion (Flöck et al., 2011; Krisanic, 2008; Raacke & BondsRaacke, 2008) und Selbst darstel lung (Joinson, 2008; Krisanic, 2008; Prommer et al., 2009; Raacke & BondsRaacke, 2008; Schorb et al., 2011; Urista, Dong & Day, 2009; Utz, 2008). 2.2 Identi täts konstruk tion auf Sozialen Netz werk platt formen Nachdem im vorigen Ab schnitt auf gezeigt wurde, dass Soziale Netz werk platt formen insbesondere von Jugend lichen und jungen Erwachsenen ge nutzt werden, zeigen wir an dieser Stelle auf, weshalb sie gerade für diese Zielgruppe so attraktiv sind: Die Anwen dungen des Social Web und insbesondere Sozialer Netz werk platt formen kommen den Ent wick lungs aufgaben zwischen (Vor) Pubertät und jungem Erwachsenenalter ent gegen. In dieser Lebens phase finden psychi sche und geistigseelische Ent wick lungs aufgaben statt, die durch Soziale Netz werk platt formen be sonders gut unter stützt werden können. Der Terminus „Ent wick lungs aufgabe“ (Harvinghurst, 1984/1972) weist darauf hin, dass die Ent wick lungen nicht zwangs läufig und automatisch ab laufen, sondern von den Jugend lichen aktiv auf genommen und be wältigt wer den müssen. Im Vordergrund steht in der Adoles zenz – neben der körper lichen Ver ände rung – die Ent wick lung einer eigenen Identität (Stier & Weissen rieder, 2006). Der Begriff Identität wird in der Psychologie als die „einzigartige Persönlich keits struktur, ver bunden mit dem Bild, das andere von dieser Per sönlich keits struktur haben“, definiert (Oerter & Dreher, 2008, S. 303). Zusätz lich sind auch „das eigene Ver ständnis für die Identität, die Selbsterkenntnis und der Sinn für das, was man ist bzw. sein will“ (ebd.) Teil der Identität. Sie definiert über einen längeren Zeitraum und ver schiedene Situa tionen hinweg, wie eine Person sich selbst wahrnimmt (Wiswede, 2004). 33 Dennoch ist die Identität so variabel, dass sie sich im Ver lauf eines Lebens ver ändern kann. Der Begriff Identität ist nicht leicht von den Begriffen Selbst und Selbst konzept abzu grenzen. Mummendey (2006) stellt fest, dass die Begriffe Selbst, Selbst konzept und Identität grundsätz lich dasselbe aus drücken: „Ein Mensch besitzt ver schiedene soziale und situative Identi täten und ist doch stets mit sich selbst identisch. Er repräsentiert und präsentiert unter schied liche Arten des ‚Selbst‘ und ver fügt zugleich über ein mehr oder weniger stabiles Konzept von der eigenen Person“ (S. 86). Die heutige Jugendforschung in der Tradi tion Eriksons (1976) be greift die Identi täts bildung als lebens langen Prozess, der nach der Adoles zenz zwar nicht als final ab geschlossen gilt, dort jedoch seinen Schwerpunkt hat (Poser, 2005). Dass gerade in der Adoles zenz die Frage nach der eigenen Identität in den Vordergrund rückt, kann auf den Stand der kognitiven Ent wick lung, äußeren Druck, sich mit der eigenen Zukunft zu be schäfti gen, und auf körper liche, psy chi sche und soziale Ver ände rungen zurück geführt werden (Fuhrer & Trautner, 2005). Die Aufgabe der Identi täts entwick lung ist alles andere als einfach. Der Jugend liche steht zwischen dem gesell schaft lichen Werte system und den unter schied lichen Lebens konzepten auf der einen Seite und den Individualisie rungs prozessen unserer Gesell schaft auf der anderen Seite (Schmidt, PausHasebrink, Hasebrink & Lampert, 2009). Bei der Identi täts konstruk tion findet ein permanentes Aus handeln zwischen Innen und Außen perspektive statt (Kraus & Mitz scher lich, 1998). Eine Vielzahl möglicher Selbst entwürfe muss ge prüft und an schließend über nommen oder ver worfen werden (Fuhrer & Trautner, 2005). Der Prozess basiert auf einem Zusammen spiel zwischen Selbstanalyse und der Analyse der Reaktionen, die Bezugs personen auf das Handeln zeigen. Der Jugend liche bildet zunächst ein Selbst konzept und gleicht es damit ab, wie andere darauf reagie ren. Mit steigen dem Alter werden die Selbst beschrei bungen von Jugend lichen zunehmend differenzierter und organisierter (Oerter & Dreher, 2008). Jugend liche konstruie ren ihr Selbst – im Gegen satz zu Kindern – kontextspezifisch, geben sich bspw. in der Familie anders als in der Schule. Ihnen wird die Diskrepanz zwischen tatsäch lichem und idealisiertem Selbst bild klar, und sie unter scheiden bei sich und anderen zwischen dem authenti schen, „wahren“ Selbst und dem unauthen ti schen, „vor getäuschten“ (Pinquart & Silbereisen, 2000). Authentisch ist die „Selbst darstel lung dann, wenn sie im Kern mit dem wahrgenommenen Selbst über einstimmt“ (Scherer & Wirth, 2002, S. 342). Die Peergroup steht als Referenz gruppe für die Identi täts konstruk tion in der Adoles zenz be sonders im Vordergrund. Peers bieten während der zunehmen den Distanzie rung vom Elternhaus emotionale Geborgen heit, machen neue Identifika tions möglich keiten sicht bar und helfen bei der Auswahl persön licher Ziele (Grob, 2007). Gleichaltrige können auch deshalb be sonders zur Identi 34 täts bildung beitragen, weil sie sich in einer ähnlichen Ent wick lungs phase be finden, ver schiedene Lebens stile auf zeigen und Bestäti gung der Selbst darstel lung bieten (Oerter & Dreher, 2008). Die Ent wick lungs aufgaben der Pubertät sind heutzutage nicht nur auf die OfflineWelt be schränkt, sondern finden auch im Social Web statt. Schmidt (2011; Schmidt, PausHasebrink & Hasebrink, 2009) unter scheidet in Bezug auf die Ent wick lungs aufgaben, die online statt finden, zwischen dem Informa tions, dem Identi täts und dem Beziehungs management. Er ver steht darunter folgende Hand lungs komponenten (Schmidt, 2011, S. 73): – Identi täts management: Zugäng lich machen von Aspekten der eigenen Person – Beziehungs management: Pflege be stehen der und Knüpfen neuer Relationen – Informa tions management: Selektie ren, Filtern, Bewerten und Ver walten von Informa tionen Diese Auf gaben, die bisher vor allem im Privaten ab liefen, ver lagern sich mit der Ent stehung des Social Web zunehmend in einen (semi)öffent lichen Bereich. Insbesondere Identi täts und Beziehungs management, also die Selbst und die Sozial auseinander setzung, er scheinen im Kontext der Privatsphäre auf Sozialen Netz werk platt formen bei jungen Nutzern relevant, da es sich hierbei um Auf gaben handelt, bei denen etwas über das Selbst preis gegeben werden muss. Wir werden kurz darauf ein gehen. Beide Aspekte sind stark miteinander ver knüpft: Die Identität bekommt erst mit Bezug auf das Gegen über eine Bedeu tung und das Beziehungs management ent hält immer die Relation zwischen den Repräsenta tionen der be teiligten Individuen. Es ist daher ohne Aus druck des Selbst nicht möglich. In der frühen Internet forschung und bisweilen auch heute noch wurde zwischen der Offline und der OnlineIdentität oder auch der „virtuellen Identität“ unter schieden (z. B. Opaschowski, 1999; Rötzer, 1996; Schelske, 2007). Zwischen den persön lichen Informa tionen, die digital und somit öffent lich ver fügbar sind, und denen aus dem OfflineLeben zu trennen, ist praktisch nicht immer sinn voll, denn beide Bereiche existie ren simultan, sind unter Umständen eng miteinander ver knüpft und wirken aufeinander. Gerade auf Sozialen Netz werk platt formen inter agie ren die Nutzer ver stärkt mit den Perso nen, die auch offline ihr soziales Umfeld bilden (vgl. Ab schnitt 2.1.2). Daher sind sie in der Regel daran interessiert, dort zu ihrer OfflineDarstel lung kongruente Selbst bilder zu ver mitteln (McKenna, Buffardi & Seidman, 2005) und streben eine im Sinne ihres Selbst konzepts authenti sche Darstel lung an (Schmidt et al., 2009). Dennoch sind die Bedin gungen, unter denen die Online Selbst darstel lung statt findet, speziell. Das Nutzer profil und die private und (semi)öffent liche Kommunika tion auf Sozialen Netz werk platt formen er möglichen neue Formen des Experi men tierens mit der Identität, die aus ver schiedenen Gründen attraktiv sind. Technisch 35 ist es sehr einfach, sich dort zu präsentie ren und die Hemmschwelle ist gering. Trotz möglicher Risiken für die Privatsphäre (vgl. Kap. 2.3) ist es relativ sicher, sich dort auszu probie ren und die sozialpsychologi schen Auf gaben der Adoles zenz zu be wälti gen (Livingstone, 2008). Online besteht zunächst eine erhöhte Kontrolle darüber, wie sich eine Person präsentie ren möchte (McKenna et al., 2005; AmichaiHamburger, 2007). Die Inszenie rung des Selbst kann genau ge plant und jederzeit aktualisiert werden. Spontanes, flexibles Handeln wie in FacetoFaceInterak tions situa tionen ist nicht er forder lich. Dadurch eignen sich OnlineUmgebun gen be sonders zur er weiterten Selbstreflek tion und Selbsterfah rung, zum Einholen von Feedback und zur sozialen und kulturellen Ver ortung (Stern, 2008). Insbesondere für schüchterne Personen könnte daher die Online Selbstoffenba rung im Ver gleich zur OfflineSelbstoffenba rung Potenzial bieten, da die Inszenie rung der eigenen Person plan barer ist (Orr et al., 2009; Sheeks & Birchmeier, 2007). Angleichungen der OnlineSelbst darstel lungen an das idealisierte Selbst sind durch ge zielte Manipula tion und Beschöni gungen theoretisch sehr einfach möglich. Persönlich keits aspekte können durch Texteingaben oder den Upload von Fotos und anderen Dateien heraus gestellt und jederzeit variabel an gepasst werden. Die Frage, inwiefern das online präsentierte Selbst mit dem tatsäch lichen Selbst oder einer idealisierten Ver sion davon über einstimmt, wurde bereits mehrfach unter sucht. Die Ergeb nisse zeigen, dass junge Erwachsene strategisch vor gehen, wenn es darum geht, sich selbst online darzu stellen (Krämer & Winter, 2008). Von den Nutzern selbst werden die Identi täten, die sie durch ihre Profile kreieren, als ver besserte, aber dennoch authenti sche Ver sion ihres Selbst gesehen (Stern, 2008). Die eigene Selbst wahrneh mung von Profil besitzern stimmt dabei tatsäch lich mit der Fremdeinschät zung ihrer Profile überein (Back et al., 2010). Die OnlineSelbst darstel lungen sind also mit der Identität, die auch außerhalb des Internet präsentiert wird, ver knüpft. Interessanter weise unter stellten die Interviewten in einer Studie von Hafer kamp (2011) bei fremden Profilen die ge zielte Manipula tion und nehmen, insbesondere bei der Präsenta tion heraus ragen der Vorzüge, eine nicht wahr heits gemäße Darstel lung an. Für sich selbst weisen sie ein solches Ver halten von sich. Der Ver such, das eigene Image in den Augen von anderen zu be einflussen, ist kein Aspekt, der erst mit Sozialen Netz werk platt formen auf gekommen ist. Diese zielorientierte Kontrollaktivi tät, bei der ver sucht wird, das eigene Bild in den Augen anderer zu be einflussen, wird als Impression Management be zeichnet. Der strategi sche Einsatz der Selbst präsenta tion einer Person gegen über ihrer sozialen Umgebung steht dabei im Mittelpunkt, und die Kommunika tion über die eigene Person wird an den sozialen Umständen aus gerichtet. Prinzipiell kann jede Form der Kommunika tion zum Impression Management benutzt werden (Mummendey, 2006). Die medial ver mittelten sozialen Räume, die auf Netz werk platt formen ent stehen, eignen sich dafür 36 natür lich auch, sie bilden aber eine be sondere Heraus forde rung. Paradoxer weise wird die Selbst darstel lung in Sozialen Netz werk platt formen durch die Eigen schaften von OnlineUmgebun gen auf der einen Seite kontrollier barer, auf der anderen Seite birgt sie große Unsicher heiten, wie wir im nächsten Ab schnitt auf zeigen. In FacetoFaceSitua tionen nehmen die Akteure – wie Schauspieler – be stimmte Rollen an, die die Situa tion definie ren (Goffman, 1959). In Inter aktionen richtet eine agierende Person normaler weise das Ver ständnis der Rolle, die sie über nimmt, am Gegen über aus. So wird sie anders auf treten, je nachdem, ob sie mit Freunden ver abredet ist oder ein Vor stel lungs gespräch hat. Auf Sozialen Netz werk platt formen ist dies jedoch nicht so einfach, da die OnlineSelbst darstel lung nicht so ge zielt an das jeweilige Gegen über an gepasst werden kann. Erstens ist das Publikum der Inter aktion häufig un bekannt oder zumindest nicht klar abzu grenzen. Zweitens ist unter Umständen kein unmittel bares Feedback vor handen, so dass die Selbst darstel lung nicht (umgehend) nach korrigiert werden kann. Drittens können online unter schied liche Selbst darstel lungen parallel existie ren, bspw. ein be rufliches Profil bei XING und ein freizeitorientiertes auf Facebook. Die Identi täts informa tionen aus ver schiedenen Kontexten liegen zeit gleich und parallel vor. Ein Betrachter kann sie theoretisch neben einanderlegen, ver gleichen und Unstimmig keiten auf decken. Das Heraus lösen der Selbst darstel lung, die mit einer be stimmten Inten tion an ein definiertes Publikum gerichtet war, aus ihrem Kontext wird möglicher weise vom sich selbst darstellen den Individuum als unangenehm und unangemessen empfunden. Durch die Eigen schaften des Web (vgl. Kap. 2.3.2) ist die Gefahr der Rekontex tua lisie rung von Selbst darstel lungen erhöht. Deshalb er weitert die Ver netzung auf Sozialen Netz werk platt formen die Möglich keit, die Wahrneh mung der OnlineIdentität durch andere zu be einflussen nicht nur, sondern sie ver ringert sie auf der anderen Seite auch. Obwohl das Experimentie ren mit der Identität im Social Web sehr einfach ge worden ist, ist ein User des Social Web daher stärker an seine Einzelidenti täten ge bunden, als dies offline der Fall ist (Palfrey & Gasser, 2008). In der OnlineSelbst darstel lung ist es, wie oben be schrieben, möglich, die Wirkung, die bei anderen erzielt werden soll, zu manipulie ren. Gerade Nutzer profile, die über einen längeren Zeitraum hinweg be stehen, werden intentional an gelegt (Haferkamp & Krämer, 2010). Ver mutlich werden jedoch nicht alle Eindrücke, die bei anderen erzeugt werden, bewusst ge steuert, so dass Inkonsis tenzen ent stehen können. Z. B. können hoch geladene Bilder der text lichen Selbst darstel lung wider sprechen (Boyle & Johnson, 2010). Eine ständige Kon trolle und Ab gleichung jeglicher Kommunika tion mit einem fiktiven Image, das ver mittelt werden soll, ist praktisch kaum zu leisten, und schon um kognitive Dissonanzen zu ver meiden, ist es aus Sicht der Nutzer zielführend, sich auf Sozialen Netz werk platt formen ent sprechend ihres Selbst bildes zu präsentie ren. 37 Außerdem wird die OnlineIdentität nicht nur vom Nutzer alleine be stimmt. Über die (semi)öffent liche Kommunika tion der Nutzer unter einander, bspw. den Upload von persön lichen Fotos und Videos sowie das Ver linken von Beiträgen, tragen zu einem großen Teil auch andere User persön liche Informa tionen zusammen. Diese Beiträge können zum Problem werden, wenn sie nicht mit der Selbst wahrneh mung des Nutzers über einstimmen. Die OnlineSelbst darstel lung kann auch auf die Wahrneh mung des Selbst und die Identität zurück wirken: Bei positivem Feedback auf eine möglicher weise optimierte Ver sion des Selbst, ist die Chance groß, dass sich die Online Darstel lung auf die OfflineDarstel lung über trägt (Stern, 2008). Dies führt dann zu einem ge steigerten Selbst wert gefühl (Gonzales & Hancock, 2011). Damit so eine Rück wirkung möglich ist, ist eine Selbst darstel lung, die kongruent zur Selbst wahrneh mung ist, wichtig: Würden sich die Jugend liche auf den Sozialen Netz werk platt formen nicht glaubwürdig darstellen, wäre die Reaktion, die sie von ihrer Umwelt und ihrer Peergroup er halten, bedeu tungs los. In ihrer Suche nach Bestäti gung und Kontakt wird schließ lich auf schluss reiches Feed back be nötigt. Tatsäch lich nehmen Profil besitzer und Rezipienten die Persönlich keit der Profil besitzer sehr ähnlich wahr. Auf den Profilen findet keine unrealisti sche Selbsterhöhung, sondern authenti sche SelbstPräsenta tion statt (Gosling, Gaddis & Vazire, 2007). In den OnlineSelbst darstel lungen stellen die Nutzer zwar ihre positiven Seiten be sonders heraus und idealisie ren sie bis zu einem ge wissen Grad, dennoch be findet sich die präsentierte Identität im Einklang mit dem Selbst. Aus unseren Aus führungen zum Identi täts management wird schnell klar, dass es nur schwer vom Beziehungs management zu trennen ist. Die Beziehung zum Gegen über und sein Feedback spielen stets eine Rolle. Durch Ver ände rungen der Selbst präsenta tion sind die Relationen zum Gegen über potenziell be troffen. Bspw. fördert das Kommunizie ren einer optimierten Ver sion des Selbst online das Knüpfen von Freund schaften (Bargh, McKenna & Fitz simons, 2002). Daran kann man ablesen, dass das Aus handeln der eigenen Identität in der Adoles zenz kein Selbst zweck ist. Es dient dazu, eine soziale Rolle zu finden – ohne den sozialen Kontext ist die Selbst darstel lung kaum denk bar. Auf Sozialen Netz werk platt formen handelt es sich dabei vor rangig um Beziehungen zu den Peers (Boyd, 2007; Boyd, 2010). Ähnlich wie das Identi täts management er reicht die Bedeu tung der Peergroup im Jugendalter einen Höhepunkt. Einer seits können Peers wie geschildert bei der Ent wick lung der Identität helfen, anderer seits wird durch Inter aktions prozesse unter Gleichaltri gen auch die gegen seitige Sozialisa tion ge fördert (Oswald & Uhlendorff, 2008). Peers liefern wichtige Regeln für den Aufbau und die Auf rechterhal tung von sozialen Beziehungen und er möglichen Freiraum, neue Ver haltens weisen aus testen zu können (Grob, 2007). Außerdem er leichtert es die Peergroup, die von 38 den Jugend lichen an gestrebte Autonomie zu er reichen, ohne dass auf soziale Beziehungen ver zichtet werden muss (Oerter & Dreher, 2008). Soziale Netz werk platt formen dienen der Organisa tion des persön lichen sozialen Netz werks. Sie stellen durch die Speiche rung von Kontakt daten und durch die vielfälti gen Kommunika tions kanäle, die sie integrie ren, Werkzeuge für das Beziehungs management dar, was sich auch in der Nutzen erwar tung an diese Anwen dungen zeigt (vgl. Ab schnitt 2.1.3). Die Komplexi tät sozialer Beziehungen, man denke nur an die Unter schei dung zwischen Freunden und Bekannten, können sie durch die dichotome Struktur von Ver bindungen, die auf den Platt formen zumeist vor herrscht, nur unzu reichend ab bilden. Viele An gebote unter scheiden nur, ob ein Kontakt besteht oder nicht. Soziale Nähe, Dauer des Kennens oder Art der Beziehung können nicht differenziert werden. Dennoch scheinen Soziale Netz werk platt formen auch in Hinblick auf die Sozial auseinander setzung für die Jugend lichen be sonders attraktiv zu sein. Auch wenn Außen stehende Beziehungs art und tiefe nicht evaluie ren können, kann der Nutzer dies selbst verständ lich tun. Über die Wahl ver schiedener Kommunika tions kanäle definiert sich dabei auch die Beziehung zum Gegen über und zum Umfeld. So kann eine Nachricht, die auf der Pinnwand eines anderen Nutzers hinter lassen wird, einer seits dem Empfänger eine Botschaft signalisie ren, anderer seits wird die Bedeu tung der Beziehung auch Dritten gegen über demonstriert. Zudem er möglichen Soziale Netz werk platt formen es, soziale und persön liche Anerken nung zu er halten, z. B. durch einen Klick auf den LikeButton oder wenn ein Kommentar unter ein ge poste tes Foto geschrie ben wird. Solche Gesten der Anerken nung durch die Peergroup sind wichtig, sie geben Feedback darüber, ob die Nutzer in ihren Wünschen, Gedanken und Erfah rungen der sozialen Norm ent sprechen. Durch die Speiche rung im Internet wird das (positive) Feedback manifest. Es ist jederzeit ab rufbar und wird einem er weiterten Empfänger kreis zugäng lich ge macht. Gerade für Jugend liche können Soziale Netz werk platt formen eine be sonders heraus ragende Bedeu tung er langen, denn sie sind Rückzugs orte, die nicht so stark reglementiert sind, wie ihr rest liches Leben (z. B. in der Schule und im Elternhaus). Sie er möglichen es, sich zusammen zufinden und auszu tauschen, insbesondere auch in Situa tionen, in denen Erwachsene nicht in die Inter aktion einbezogen sind und bieten so Räume, in denen sich Kinder und Jugend liche ver gleichs weise „unkontrollierter“ bewegen können (Boyd, 2007, S. 21). Zudem sind die Peers, die in diesem Alter so wichtig sind, dort rund um die Uhr er reich bar. Es nimmt daher nicht wunder, dass Jugend liche „ihre persön lichen Öffentlich keiten auf Netz werk platt formen als eigenen und selbst bestimmt ange eigneten Raum wahr[nehmen]“ (Schmidt et al., 2009, S. 11). Über wachungs versuche oder gar Kontakt aufnahmen von Eltern, Lehrern oder Fremden werden dementsprechend als störend empfunden (Boyd & Marwick, 2011; Stutzman, 2006). Soziale Netz werk platt formen sind Orte der PeerKommunika tion, in 39 denen die Jugend lichen unter sich bleiben wollen. Sie geben den Jugend lichen und jungen Erwachsenen das Gefühl, zu einer Gemein schaft zu ge hören und gleichzeitig bieten sie eine Platt form, um Grenzen auszu testen und die Rolle in der Peergroup zu finden (Stern, 2008). Deshalb nehmen sie eine be sondere Rolle in der Adoles zenz ein. 2.3 Privatsphäre im Social Web Die Partizipa tion an Sozialen Netz werk diensten bringt es mit sich, dass an ver schiedenen Stellen Informa tionen über das Selbst preis gegeben werden müssen. Diese Preis gabe hat natür lich Aus wirkungen auf die Privatsphäre der Nutzer, was vor allem in den Medien kritisch be wertet wird. Von „Selbst ent blößung im Netz“ (Süd deutsche. de, 2009) und „SeelenStriptease bei schülerVZ“ (Müller, 2009) ist die Rede. Die Daten, die auf den Platt formen preis gegeben werden, seien „wesent lich dichter und detaillierter, als die StandardErfassungs bögen der Staats sicher heit“ bemerkt Hendrik Speck, Professor für Informatik an der Fach hoch schule Kaisers lautern auf Süd deutsche. de (2009). Fälle, bei denen ein unvorsichti ger Umgang mit den eigenen Daten zu negativen Kon sequen zen auch außerhalb des Internet ge führt hat, ergeben immer wieder auf sehen erregende Schlagzeilen in den Medien. Bekannt ge worden ist im Sommer 2011 beispiels weise der Fall einer Schülerin, die ver sehent lich öffent lich zu ihrem 16. Geburts tag einlud. Mehrere Tausend Gäste meldeten sich zu der Party an, und obwohl diese ab gesagt wurde, folgten trotzdem 1.600 Per sonen der Einla dung, ver ursachten Ruhestö rungen und Sach beschädi gungen (Süddeutsche. de, 2011). Warum genau gerade Soziale Netz werk platt formen als be sonders invasiv für die Privatsphäre an gesehen werden können, be sprechen wir am Ende dieses Ab schnitts. Zunächst möchten wir den Begriff der Privatsphäre aus psychologi scher Perspektive be leuchten und greifen dabei auf die wissen schaft lich etablier ten Kon zepte von Westin (1967), Altman (1975; 1977) und Petronio (2002; vgl. Margulis, 2011) sowie die philosophi schen Über legungen von Rössler (2001) zurück. 2.3.1 Privatsphäre als psychologi sches Konstrukt Westin definiert Privatsphäre als „the claim of an individual to determine what information about himself or herself should be known to others“ (Westin, 2003, S. 431; 1967, S. 7). Diese Defini tion ent hält zwei Aspekte, die wir hervor heben möchten: Erstens geht es bei der Privatsphäre darum, eine Unter schei dung zwischen privaten und nichtprivaten Informa tionen zu treffen. Zweitens kann diese Grenze zwischen Privatem und NichtPrivatem nicht normativ ge zogen werden, sondern muss vom be troffenen Individuum persön lich definiert werden. 40 Wie Rössler (2001) fest stellt, „ist die Trenn linie zwischen dem, was als öffent lich, und dem was als privat zu gelten hat […] konstruiert und liegt nicht fest; die Grenzen selbst stehen in liberalen Gesell schaften zur Debatte“ (S. 25). Der Wert der Privatsphäre liegt nicht alleine darin, sich um jeden Preis gegen andere abzu schotten. Es geht darum, die Kontrolle zu be halten, also selbst be stimmen zu können, wer wann welche Informa tionen über die eigene Person be sitzen und ver wenden darf. Aus dieser Ver teilung von Informa tionen ent stehen Hand lungs spiel räume. Aus Privat heit resultiert folg lich persön liche Autonomie (Rössler, 2001). Burgoon et al (1989) stellt vier Teil bereiche der Privatsphäre heraus: (1) Unter physischer Privatsphäre ver stehen sie den Wunsch danach allein zu sein und nicht heim lich be obachtet zu werden. Ein wichti ger Aspekt ist hier der persön liche Raum. (2) Die psychologi sche Privatsphäre beinhaltet den Wunsch nach Kontrolle darüber, welche persön lichen Daten ver öffent licht werden und welche nicht. Dabei kommt es sowohl auf die Art der preis gegebenen Informa tionen, als auch auf die Detailtiefe an. Ziel ist es, die eigenen Gedanken und Gefühle vor äußerer Einfluss nahme zu schützen. Die psychologi sche Privatsphäre ist im Kontext des Social Web be sonders relevant und ge fährdet. (3) Die inter aktionale Privatsphäre be trifft den Schutz sozialer Aus tausch prozesse. Sie ist der Wunsch nach Kontrolle darüber, wo und mit wem soziale Beziehungen statt finden. (4) Die informatio nelle Privatsphäre ist der Wunsch nach Kontrolle darüber, wer Informa tionen über das Selbst sammelt, ver wendet und ver breitet. Das Moment der Kontrolle ist auch bei Rössler zentral: „als privat gilt etwas dann, wenn man selbst den Zugang zu diesem ‚etwas‘ kontrollie ren kann“ (2001, S. 23), wobei sie „kann“ auch im Sinne von „sollte“ und „darf“ ver standen wissen will. Für Westin wirkt Privatsphäre sowohl auf individuellem Level als auch auf der Gruppen und Organisa tions ebene. Eingriffe in die ver schiedenen Bereiche der Privatsphäre von Einzelnen werden wahrgenommen, be sonders kritisch sind Eingriffe in die informatio nelle und psychologi sche Privatsphäre (Burgoon et al., 1989; Cho & LaRose, 1999). Ein empfundener Mangel an Privatsphäre kann zu psychi schen Problemen führen, denn Menschen brauchen Privatsphäre, um sich emotional an inter perso nelle Alltags situa tionen anzu passen und sich selbst ver wirk lichen zu können. Ebenso kann ein Über fluss an Privatsphäre als be lastend empfunden werden, nämlich dann, wenn eine Person keine Möglich keit hat, sich in privatem Rahmen über persön liche Gedanken und Sorgen auszu tauschen und Feedback einzu holen. Die Privatsphäre erfüllt als psychologi sche Ressource vier zentrale Funktionen (Westin, 1967): Erstens er möglicht sie persön liche Autonomie, d. h. sie erfüllt den Wunsch danach, nicht von anderen manipuliert, dominiert oder bloß gestellt zu werden. Zweitens bietet sie emotionale Erleichte rung, denn durch sie ist es möglich, den (Rollen)Zwängen des sozialen Lebens eine Zeit lang zu ent gehen. Darüber hinaus besteht drittens durch Privatsphäre die Möglich 41 keit der Selbstevalua tion. Ver gangene Erfah rungen und auf genommene Informa tionen können ver arbeitet und be wertet werden, zukünftige Schritte und Ver haltens weisen können ge plant werden. Außerdem ist viertens in einem privaten Rahmen geschützte Kommunika tion möglich, die das Teilen persön licher (intimer) Informa tionen mit anderen ge stattet. Privatsphäre dient auch dazu, den Intimi täts gehalt von sozialen Kontakten zu regulie ren und eine Preis gabe privater Informa tionen auf ver traute Personen zu be schränken. Sie ist daher ein wichti ger Faktor in Beziehungen zwischen Freunden, in der Familie und in Liebes beziehungen. Der Sozialpsychologe Altman (1975) definiert Privatsphäre als die selektive Kontrolle des Zugangs zum Selbst. Altman be schreibt in seiner Privatsphäre theorie Privat heit als einen dialekti schen und dynami schen Regula tions prozess, in dem die Grenze zwischen Privat heit und Publizi tät individuell „aus gehandelt“ und kontinuier lich den jeweili gen Umständen und Situa tionen an gepasst wird. Er be handelt Privatsphäre eben falls auf individuellem Level wie auch auf Gruppen level und ver steht Privatsphäre als Optimie rungs prozess, bei dem es neben dem als optimal empfundenen Level an Privatsphäre auch zu viel oder zu wenig Privatsphäre geben kann. Ein Mensch, der sozial isoliert ist und keine Möglich keit hat, seine Emotionen oder Meinun gen mit anderen zu teilen, empfindet in diesem Sinne zu viel Privatsphäre. Ein anderer, der keinen Rückzugs ort hat, oder dessen Sorgen und Probleme öffent lich diskutiert werden, hat auf der anderen Seite zu wenig Privatsphäre. Die Regulie rung der Privat heit ist weder statisch noch regelgeleitet, sondern erfolgt in Ab hängig keit vom jeweili gen sozialen Kontext: Personen optimie ren ihre „Zugänglich keit“ ent lang eines Spektrums, von „Offen heit“ bis „Geschlossen heit“ (Altman, 1977). An gestrebt wird eine intrapsychi sche Balance von Privat heit und Selbstoffenba rung, die individuell ver schieden ist: Die Privatsphäre wird dann als optimal empfunden, wenn an gestrebtes und tatsäch lich er reichtes Niveau über einstimmen (Altman, 1975) und wenn Kontrolle über die Weiter verbrei tung von Informa tionen besteht (Boyd, 2010, Abs. 2). Öffentlich keit und Privat heit sind daher keine Gegen sätze (ebd.: Abs. 3). Es geht vielmehr darum, eine Balance zwischen Öffnung und Ver schließung des Selbst gegen über anderen zu finden. Altman geht von einem System ver schiedener Hand lungs mechanismen, mit denen die Privatsphäre reguliert werden kann, aus. Zentral ist dabei das Maß, in dem Personen sich gegen über anderen öffnen. In der Sozialpsychologie wird dies als Selbstoffenba rung be zeichnet. Die Selbstoffenba rung umfasst dabei „jede Informa tion über das Selbst, die eine Person einer anderen mitteilt“ (Wheeless & Grotz, 1976, S. 338, Über setzung vgl. Tad dicken & Schenk, 2011, S. 320). Mit Selbstoffenba rung ist sowohl die ge wollte, mehr oder weniger be wusste Selbst darstel lung im Rahmen des ImpressionManagement ge meint, als auch die un gewollte Selbstenthül lung (Schulz von Thun, 1981/2011). Sie findet in jedem Kommunika tions prozess statt und erfolgt immer kontextspezifisch 42 und ab gestimmt auf die jeweili gen Kommunika tions partner (Cozby, 1973; Wheeless, 1976). Selbstoffenba rung ist dabei kein Selbst zweck. Dadurch, dass anderen Personen Informa tionen über das Selbst, z. B. Meinun gen oder Gefühle, mitgeteilt werden, wird der Aufbau und die Pflege sozialer Beziehungen über haupt erst möglich (Altman & Taylor, 1973; Lauren ceau, Feldman Barret & Pietromaco, 1998). Inwiefern Personen sich selbst anderen offen baren (möchten), ist von ihren individuellen Voraus setzungen ab hängig. Frauen geben generell mehr von sich preis als Männer (Archer, 1979). Persönlich keits eigen schaften (Traits), wie beispiels weise die Extra version, be einflussen die Selbstoffenba rung ebenso wie aktuelle Zustände (States). Gerade der Wunsch, emotional eng mit anderen Menschen ver bunden zu sein („emotional closeness“), führt zu einer Öffnung und zu mehr Selbstenthül lung, Über legungen zur Privatsphäre ver lieren dann an Gewicht. Hinzu kommt, dass – ab gesehen von Freunden – die Personen, mit denen signifikante Beziehungen be stehen, es er warten, dass sich der Einzelne öffnet, sich also durch die Selbstenthül lung ver letz lich macht (Ben Ze’ev, 2003). Es besteht ein Reziprozi täts effekt: Selbstoffenba rung von Seiten eines Teilnehmers einer Konversa tion erhöht die Bereit schaft der anderen Teilnehmer, intime Informa tionen mitzu teilen (Cozby, 1973). Im Prozess, sich emotional näher zu kommen, wird die Bandbreite von Privatsphäre definiert. Dabei ist Privatsphäre kontextabhängig: Die Grenzen der Privatsphäre werden vom Typ der Beziehung und der Art der ent hüllten Informa tionen be stimmt (BenZe’ev, 2003; Nissen baum, 2004). In Petronios (2002) „Privacy Management Theorie“ werden in Fortfüh rung der Arbeiten von Altman die Grenzen der Privatsphäre eben falls als dynami scher und dialekti scher Prozess charakterisiert. Privatsphäre reicht von völli ger Offen heit bis zu kompletter Geschlossen heit. Wir passen unseren Level von Privatsphäre und Selbstoffenba rung ständig an interne und externe Zustände an. Um unsere Autonomie zu er halten, müssen wir gleichzeitig offen und sozial sein wie privat und reserviert. Den Aus gangs punkt bildet ein regel basiertes PrivatsphäreManagementSystem, mit dem der Grad der Durch lässig keit von Grenzen (wie viel Informa tion wird preis gegeben) reguliert wird und die Ver bindungen (wer soll etwas er fahren, wissen) ge managt werden. Die individuellen Privatsphäreregeln basieren auf kulturellen Werten und Orientie rungen, Motiven und KostenNutzenAbwägun gen, die in Ab hängig keit vom jeweili gen Kontext ge troffen werden. Wird private Informa tion ge teilt, werden andere MitBesitzer der Informa tion, unter liegen jedoch aus Sicht des Besitzers be stimmten Ver pflich tungen und sollen den Regeln des Original besitzers nach kommen. Diese Regeln werden zwischen Besitzer und CoBesitzer aus gehandelt. Es gibt etwa Ver bin dungs regeln (wer darf davon wissen), Regeln zum Umfang an Informa tionen (wie viel dürfen andere wissen) und Regeln zum Besitz (wie viel Kontrolle haben die CoBesitzer über die Informa tionen). 43 Gerade bei den in dieser Arbeit im Vordergrund stehen den Netz werk platt formen sind diese Regeln von Belang, werden doch auf den Platt formen viele Informa tionen preis gegeben und mit anderen ge teilt, in der Erwar tung, dass solche Regeln von anderen ein gehalten werden. So ist das Weiter leiten von Informa tionen seitens der CoBesitzer nicht unproblematisch und es kann Turbulenzen geben, wenn Regeln nicht ein gehalten werden oder die Koor di nation fehlschlägt (Petronio, 2002). Die Grenzen der Privatsphäre müssen daher nicht nur auf individuellem Level, sondern auch auf kollektiver Ebene ge managt werden. Kollektives Grenzmanagement er fordert die Inter aktion mit anderen. Privat heit hat – wie ge zeigt – zahl reiche Funktionen. Der Nutzen der Privat heit ist als weitreichend anzu sehen; in psychologi scher Hinsicht ist vor allem auf die Ent wick lung des Selbst, den Schutz der persön lichen Autonomie, Ent lastung usw. zu ver weisen. Die Kosten, keine Privat heit zu er langen, liegen in vielerlei Hinsicht im Bereich der psychologi schen und sozialen Kontrolle (Margulis, 2003). Die vor gestellten Privatsphärekontexte sind empirisch schwer zu er fassen, weil sie elastisch sind und philosophi sche, recht liche und ver haltens wissen schaft liche Aspekte einschließen. Über die Ansätze hinweg wird eine Perspek tive er sicht lich, die auf eine „Limitie rung des Zugangs zum Selbst“ hinaus läuft (Allen, 1988; Margulis, 1977). Allerdings dürften die individuellen Ver haltens weisen im Hinblick auf die Wahrung der Privatsphäre recht unter schied lich sein, da ver schiedene weitere Einflüsse, wie z. B. Kontext, persön liche Werte und Orientie rungen, Kosten und Nutzen überle gungen zu be rücksichti gen sind. 2.3.2 Besondere Bedin gungen der Privatsphäre im Social Web Das Social Web ist in ver schiedener Hinsicht ein spezieller Privatsphärekontext, dessen Konsequenzen mittlerweile ein viel diskutiertes Thema sind, das deut lich in den Fokus der Öffentlich keit gerückt ist. Es stellt sich uns nun die Frage, welche Eigen schaften die OnlineUmgebun gen auf weisen, die sie mit Blick auf die Privatsphäre zu be sonde ren Räumen machen. Warum wird gerade im Internet so viel offenbart, und warum sind gerade dort die Konsequenzen be sonders weitreichend? Diese Fragen sollen in den ver bleiben den Ab sätzen dieses Kapitels ge klärt werden. Zunächst wurde für die computer vermittelte Kommunika tion ein im Ver gleich zu FacetoFaceSitua tionen ent hemmen der Effekt in Bezug auf die Preis gabe persön licher Informa tionen nach gewiesen: Es zeigt sich eine gene rell erhöhte Aus kunfts bereit schaft und eine größere Offen heit (Joinson, 2001; Tad dicken, 2008). Über die Anonymi tät und das Fehlen von Gestik, Mimik und Stimme in der vornehm lich textbasierten OnlineKommunika tion kann erklärt werden, dass die Nutzer die informa tions arme Umgebung durch eine 44 erhöhte Preis gabe aus gleichen. Es wäre aber zu kurz ge griffen, die erhöhte Selbstoffenba rung der jungen Nutzer ledig lich auf die Gegeben heiten des Mediums Internet zurück zuführen. Kinder und Jugend lichen wollen eigene Öffentlich keiten schaffen und das Social Web bietet den mediatisierten Rahmen dafür. Boyd und Marwick (2011) sprechen von Netz werkÖffentlich keiten („network publics“), die vier Eigen schaften be sitzen und die typischer weise nicht in einem durch FacetoFaceKommunika tion ge prägten öffent lichen Leben vor handen sind. Mittels dieser Eigen schaften können unmittel bare Öffentlich keiten von Netz werköffentlich keiten ab gegrenzt werden (Boyd, 2007; 2008): 1. Persistenz: Anders als bei kommunikativen Handlun gen in unmittel baren Öffentlich keiten werden in Netz werköffentlich keiten die kommunikativen Handlun gen für post kommunikative Zwecke und Situa tionen auf gezeichnet und archiviert. Die einzelnen kommunikativen Handlun gen existie ren da durch lange Zeit. 2. Durchsuch bar keit: Da die kommunikativen Handlun gen textuell auf gezeich net werden, ist es möglich, über eine Suche sehr leicht Ver knüp fungen herzu stellen und so Informa tionen zu einer Person, die an unter schied lichen Stellen im Social Web ge speichert sind, zu aggregie ren. 3. Replizier bar keit: Kommunikative Handlun gen in Netz werköffentlich keiten können von einem Platz zum anderen kopiert werden, so dass das „Original“ nicht von der „Kopie“ unter schieden werden kann. Digitale Inhalte können leicht dupliziert werden. 4. Skalier bar keit: Obwohl auch die Kommunika tion im Social Web stets in einem be stimmten Kontext und an ein intendiertes Publikum gerichtet wird, ist die potenzielle Reichweite der Inhalte gegen über der Kommunika tion in FacetoFaceSitua tionen sehr hoch. Die Inhalte können leicht an eine breite Öffentlich keit ge langen. 5. Unsicht bares Publikum: Während die meisten Personen bei kommunikativen Handlun gen in unmittel baren Räumen erkannt werden können, sind die Personen in der virtuellen Öffentlich keit, die unsere kommunikativen Hand lun gen wahrnehmen, nicht alle erkenn bar. Hinzu kommt, dass unsere kom munikativen Handlun gen an ganz anderen Plätzen und zu unter schied lichen Zeiten wahrgenommen werden können als im Original. Die potenzielle Sicht bar keit digitaler Inhalte ist sehr groß. Die vier Eigen schaften be einflussen sowohl die Größe des potenziellen Publi kums als auch den Kontext, in welchem die kommunikativen Handlun gen von anderen auf genommen werden. Durch die Beschaffen heit des Social Web ent steht die Gefahr der Rekontextualisie rung (vgl. Tad dicken, 2010). Die Selbst offenba rung, die immer vor einem kontextspezifi schen Hinter grund und in Bezug zu einem intendierten Publikum besteht, kann im Social Web aus diesem 45 Kontext heraus gelöst werden und dabei unangebracht er scheinen. Die Netz werköffentlich keiten be stehen aus diversen sozialen Beziehungen, die in der großen Gruppe der „Freunde“ zusammen gefasst sind, ver schiedene soziale Welten können dabei durch aus kollidie ren (Boyd & Marwick, 2011). Die Kommunika tion in Netz werköffentlich keiten, wie z. B. auf Facebook, bewegt sich auf einem Kontinuum, das als Publizi tät und Privat heit charakteri siert werden kann. Die Profile, die die User anlegen, sind prinzipiell öffent lich zugäng lich. Durch die von den Anbietern bereit gestellten PrivatsphäreEinstel lungen können die Teilnehmer allerdings restringie ren, wer was sehen oder lesen darf. Durch be wusste Ent schei dungen kann die Privat heit in ge wisser Weise gesichert und die Publizi tät ein geschränkt werden. Öffent liches Zurver fügungs tellen persön licher Informa tionen und restringiertes bzw. limitiertes Zugänglichmachen solcher Informa tionen stehen in einem Span nungs verhältnis, so dass die Nutzer stets ent scheiden müssen, wie viel sie von sich preis geben möchten. Es erfolgt ein kontinuier liches Management zwischen den ver schie denen Sphären des kommunikativen Handelns und dem Ausmaß der Selbst ent hül lung innerhalb dieser Sphären. Die Partizipa tion in der sozialen Welt er fordert die selektive Ent hüllung persön licher Informa tionen – insbesondere auch in der Netz werköffentlich keit. Die Auf rechterhal tung eines ge wünschten Maßes an Privat heit oder „Geschlossen heit“ er fordert häufig eine Ent hüllung persön licher Informa tionen (Palen & Dourish, 2003). Dabei können selbst persön liche Informa tionen, die nur wenigen Freunden preis gegeben werden, eine Ver letzung der Privatsphäre nach sich ziehen. Auch sind die Ver suche, die Privatsphäre zu regulie ren, nicht immer erfolg reich, können doch persön liche Informa tionen auf grund der Ignoranz von „Freunden“ unter Missach tung der Privat heit und Sicher heit an andere Personen weiter gegeben werden, für die sie nicht ge dacht waren (Xu, Parks, Chu & Zhang, 2010). Die CoBesitzer von persön lichen Informa tionen halten sich nicht an die Regeln, die Informa tionen geraten in die falschen Hände. Die „Kosten des Ver lustes“ der Privat heit können im Einzelfall be trächt lich sein (Margulis, 2003, S. 247). Solche Komplika tionen bei der Ver brei tung von Informa tionen über Dritte sind wahrschein lich, deshalb gehen die Nutzer auch durch aus unter schied lich mit der Aus hand lung von Privat heit und Öffentlich keit um. Sie ver folgen dabei unter schied liche Konzepte. Wildemuth (2006) weist in Anleh nung an Umfrage ergeb nisse aus den USA darauf hin, dass es drei Kategorien von Personen gibt, die sich im Hinblick auf die Privatsphären wahrneh mung unter scheiden: 1. Privat sphäreFundamentalisten, denen ihre Privatsphären wahrung überaus wichtig ist, 2. Gleichgültige, die sich hinsicht lich ihrer OnlinePrivatsphäre keine Sorgen machen und 3. Pragmatisten, denen die Wahrung ihrer Privatsphäre sehr wichtig ist, und die deshalb daran arbeiten, ihre OnlinePrivatsphäre zu schützen. Sie werden auch ver suchen, in der Kommunika tion und Inter aktion mit anderen die Wahrung ihrer Privatsphäre zu regeln. Die Privatsphäre einstel lungen, die 46 die Netz werk betreiber technisch er möglichen, dürften in dem Zusammen hang von großer Bedeu tung sein. Zwischen Privat heit und Publizi tät (allgemeiner Öffentlich keit) ist ein Span nungs verhältnis zu konstatie ren, das jedoch nicht nur auf inter perso neller Ebene besteht, sondern zunächst vom Nutzer individuell aus gehandelt werden muss: Um persön liche und soziale Beziehungen zu er halten, ist grundsätz lich ein Kompromiss hinsicht lich der Privat heit er forder lich. Studien, die dieses Span nungs verhältnis er forschen und den Zusammen hang zwischen den Einstel lungen von Personen zur Privatsphäre und ihrem Grad an Öffentlich keit im Internet unter suchen, kommen regelmäßig zu dem Ergebnis, dass beides nicht im an genommenen Maße korrespondiert (Acquisti & Gross, 2006; Christofides, Muise & Desmarais, 2009; Joinson, Reips, Buchanan, Schofield & Paine, 2010; Tad dicken & Schenk, 2011). Das PrivacyParadox be schreibt, dass Onliner einer seits an geben, sich um ihre Privatsphäre zu sorgen und diese zu schützen, aber anderer seits bereit willig Informa tionen über sich preis geben. Das PrivacyParadox ist dabei unter Umständen auch darauf zurück zuführen, dass Internetnutzer unter schied liche Arten der Privatsphären differenzie ren, wenn sie von OnlinePrivatsphäre sprechen, nämlich die Privatsphäre gegen über ihrem sozialen Umfeld und gegen über einem weiteren Kreis von un bekannten Personen oder Institu tionen. Die Nutzer wollen mit ihrer Netz öffentlich keit in Kontakt treten, aber nicht, dass Unter nehmen ihre Daten aus schlachten. Bei der Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen werden die Informa tionen einer seits mit anderen Nutzern ge teilt, anderer seits zwangs läufig mit dem Anbieter des An gebots. Dadurch ent stehen Risiken für die Privatsphäre an zwei Fronten. Wenn die Risiken durch andere Internetnutzer ent stehen, be treffen sie die soziale Privatsphäre; wenn die Risiken durch den Anbieter oder andere daten verarbeitende Institu tionen, wie z. B. Werbetreibende, ent stehen, be treffen sie die institutio nelle Privatsphäre (vgl. RaynesGoldie, 2010). Auf beide Aspekte werden wir im Folgenden kurz ein gehen. Die soziale Privatsphäre wird einer seits durch die Personen ge fährdet, die der Nutzer adressiert, wenn er online eine Selbstoffenba rungs hand lung durch führt. Dieses intendierte Publikum besteht auf Sozialen Netz werk platt formen vielleicht aus seinen engeren Freunden und Bekannten, ver mutlich aus Personen, die der Nutzer mehr oder weniger gut kennt. Darüber hinaus könnten aber unter Umständen auch weitere Personen, die der Nutzer nicht an sprechen wollte, auf die Inhalte zugreifen. Je nachdem, wie die Inhalte durch die Privatsphäre Optionen geschützt werden, können das potenzielle und das tatsäch liche Publi kum er heblich vom intendierten Publikum ab weichen. Unter Umständen können völlig un bekannte Personen auf die Selbstoffenba rung zugreifen. Diese Personen sind vielleicht nicht nur vom Nutzer nicht adressiert, eventuell rechnet er nicht einmal damit, dass sie auf seine Inhalte zugreifen, oder dieser Zugriff ist unter Umständen sogar unerwünscht. Wer zum tatsäch lichen Empfänger kreis der 47 Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen gehört, wird er heblich davon be stimmt, welche PrivatsphäreOptionen ein Nutzer wählt. Die institutio nelle Privatsphäre ist auf Sozialen Netz werk platt formen ge fährdet, weil Informa tionen nicht nur anderen Personen mitgeteilt werden, sondern auch dem Anbieter der Platt form und über diesen eventuell auch weiteren Organisa tionen, z. B. der werbetreiben den Wirtschaft. Darüber hinaus könnten auch daten verarbeitende Unter nehmen auf die Inhalte der Nutzer zugreifen, wenn diese nicht durch PrivatsphäreOptionen geschützt werden. Die Anbieter werden in den meisten Fällen keine intendierten Adressaten der kommunikativen Äußerun gen auf den Platt formen sein. Unabhängig von den ge wählten PrivatsphäreOptionen haben sie dennoch zwangs läufig Zugriff auf die dort ver öffent lichten Informa tionen und be halten sich zumeist in ihren AGBs vor, diese Daten zu sammeln, zu speichern und für ihre Zwecke auszu werten und zu bewirt schaften. Es gibt zudem oft Unklar heiten bei den Löschrege lungen von Daten (Reiß mann, 2009). Aus Sicht der Nutzer ist die Bewirtschaf tung der von ihnen bereit gestellten persön lichen Daten möglicher weise ein (zwangs läufiges) Tausch geschäft, das sie für die kosten lose Nutzung der Platt formen mit den Betreibern ein gehen. Der Nutzen, den die Anwen dungen stiften, über trifft dabei Risiken der Offen legung von Informa tionen (Debatin, Lovejoy, Horn & Hughes, 2009). Ein zusätz lich brisanter Aspekt für die Privatsphäre ist, dass personen bezogene Informa tionen in den Daten banken der Anbieter unter Umständen nicht hinreichend gegen Data Mining6 geschützt sind (FraunhoferSIT, 2008, S. 66). Auf grund der Komplexi tät der Anwen dungen kann ein HackerAngriff nie völlig aus geschlossen werden, und solche Angriffe wurden in der Ver gan gen heit auch schon erfolg reich durch geführt (vgl. stern.de/DPA/ AP, 2009). Auch die Stiftung Warentest be tätigte sich 2010 als Hacker, um die Daten sicher heit in Onlinenetz werken zu über prüfen. Sechs Netz werk betreiber, darunter die VZNetz werke und werkenntwen, ge nehmigten den Test, bei dem Nutzer daten aus gespäht werden sollten. Dabei wurden bei allen Netz werken Sicher heits mängel auf gedeckt. Als be sonders bedenk lich stellten die Tester fest, dass der Zugang zu den Netz werken von mobilen Endgeräten wie Handys völlig un geschützt ist. Die Betreiber von XING sowie der USamerikani schen Netz werke Facebook, Myspace und LinkedIn ver weigerten hingegen die Koopera tion und wurden daher im Bereich Transparenz ab gewertet. Deutliche Mängel in den AGB und schlechte Noten für Jugendschutz, Nutzungs rechte, Umgang mit Nutzer daten und Daten sicher heit ver wiesen die USNetz werke auf die hinter sten Plätze. schülerVZ und studiVZ schnitten dagegen ver gleichs weise positiv ab, Umgang mit Nutzer daten und die Nutzungs rechte wurden mit gut 6 Data Mining be zeichnet Algorithmen zum Auf spüren von Zusammen hängen in großen Daten beständen. 48 bis sehr gut be wertet. Aber auch hier wurden Mängel bei der Daten sicher heit und beim Jugendschutz fest gestellt (Stiftung Warentest, 2010). Gerade, weil die Aus gestal tung der PrivatsphäreOptionen insbesondere bei den USamerikani schen Netz werken als komplex und ver wirrend be wertet wird, werden relativ lockere Vor einstel lungen, die einen hohen Einblick in die ver öffent lichten Daten geben, als un genügend kritisiert (vgl. Butler, McCann & Thomas, 2011, S. 41; IWGDPT, 2008). Es liegt natür lich im ökonomi schen Interesse der Anbieter, dass die ge teilten Informa tionen möglichst öffent lich sind: Zum einen ver bessert sich durch eine hohe Menge persön licher Daten für die Anbieter und ihre Werbekunden die Möglich keit, personalisierte Wer bung zu schalten. Applika tionen und Fanpages können automatisiert auf die Daten zugreifen und diese aus werten. Zum anderen sind öffent liche Daten auch von externen Suchmaschinen durch such bar, was den Traffic auf der Seite steigert. Auch der potenzielle Nutzen aus Sicht der User könnte sich dadurch steigern, wenn möglichst viele Daten öffent lich zugäng lich sind. Die Suche nach sozialen Informa tionen über ent ferntere Kontakte wird dadurch er leichtert (Westerman, Van Der Heide, Klein & Walther, 2008). Durch die Ver öffent lichung des vollen Namens, eines aktuellen Fotos und von Kontaktinforma tio nen, steigt die Wahrscheinlich keit, von anderen ge funden zu werden und somit er reich bar zu sein und das eigene Netz werk weiter aus bauen zu können. 2.3.3 Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen Im vorigen Ab schnitt wurden die Besonder heiten von OnlineUmgebun gen mit Bezug auf die Privatsphäre auf gezeigt. Für die Teilnahme am Social Web ist die Selbstoffenba rung eine notwendige Voraus setzung, gerade, wenn neben rezeptiven Gratifika tionen auch kommunikative erfüllt werden sollen (Taddicken & Jers, 2011; Trepte & Reinecke, 2009). Die Nutzer schaffen durch die Ver öffent lichung und das Feedback bei den anderen Nutzern Ver trauen, um sich im Gegen zug in ein soziales Netz integrie ren zu können und Informa tionen aus dem Netz werk zu er halten (Ellison, Steinfield & Lampe, 2006; Burke, Marlow & Lento, 2009). Besonders diejenigen, die einen starken sozialen Druck zum Erwidern von Informa tionen spüren, geben viele Informa tionen über sich preis (Blumberg, Möhring & Schneider, 2010). In diesem Ab schnitt schildern wir die Ergeb nisse, die die bisherige empiri sche Forschung zur Selbstoffenba rung bereits er bracht hat. Wir gehen dabei auf vier Aspekte ein, die die Selbstoffenba rung in Sozialen Netz werk platt formen kennzeichnen: (1) Die Informa tionen, die die Nutzer in ihrem Nutzer profil ver öffent lichen, (2) die dynami schen Inhalte, die sie z. B. durch (semi)öffent liche Kommunika tion ge nerie ren, (3) die Einstel lungen, die sie in den PrivatsphäreOptionen wählen und (4) die Kontakte, mit denen sie sich in den Anwen dungen ver knüpfen. 49 Die kommunika tions wissen schaft liche Forschung hat sich bei der Frage nach der Selbstoffenba rung im Social Web und auf Sozialen Netz werk platt formen bisher stark auf die Informa tionen konzentriert, welche die User in den Profilen bereit stellen (z. B. Boyle & Johnson, 2010; Christofides, Muise & Desmarais, 2009). Das ist sehr naheliegend, denn die Selbstoffenba rung ist dort ver gleichs weise umfassend und wird zudem an einer zentralen Stelle aggregiert. Meist ent halten die Profile recht detaillierte Selbst beschrei bungen, in denen bisweilen mehr preis gegeben wird als in der FacetoFaceKommunika tion (Christofides et al., 2009; Haferkamp, 2010). Die Informa tionen können dabei nach ihrem Intimi täts grad geordnet werden. So er scheint die Angabe des Vornamens oder des Geschlechts weniger intim zu sein als die Angabe von Telefon nummer oder politi scher Orientie rung. Allgemeine Informa tionen wie Geschlecht, Sternzeichen, ethnische Zu gehörig keit und Heimatort werden von mehr Personen preis gegeben als intime (Boyle & Johnson, 2010; Stutzman, 2006). Dementsprechend werden die Kontaktinforma tionen auch von den Nut zern be sonders restriktiv be handelt (Dwyer, Hiltz & Passerini, 2007; Taraszow, Aristodemou, Shitta, Laouris & Arsoy, 2010). Dies be gründet sich durch die höhere Vulnerabili tät, die durch die Angabe von Kontakt oder anderen intimen Informa tionen aus gelöst werden kann (Tad dicken, 2010). Doch auch, wenn nicht explizit Kontakt daten an gegeben werden, er möglichen die Nutzer durch ihre Angaben die Identifika tion ihrer Person. Die meisten geben ihren wahren Namen inkl. Nachnamen an und laden ein Profil bild hoch, auf dem sie erkenn bar sind (Prommer et al., 2009). Anzahl und Intimi täts grad der ge teilten Informa tionen hängen miteinander zusammen: Wer eher allgemeine Daten wie Name und Geschlecht offenbart, offenbart auch eher intime Informa tionen (Nosko, Wood & Molema, 2010). Die Informa tionen, die die Nutzer selbst auf dem Profil in der Eingabemaske eintragen, werden durch weitere Elemente, zum Beispiel die Mitglied schaft in Gruppen oder das Liken einer Fanpage, ergänzt. Gruppen namen und Marken, die auf dem Profil an gezeigt werden, werden als identi täts stiftend empfunden und bilden daher be liebte er gänzende Elemente (Utz, 2008). Ver gleicht man die Geschlechter hinsicht lich der Anzahl der Profilinfor ma tionen und Wahr heits gehalt, so geben sich Männer auf Sozialen Netz werk platt formen offener als Frauen (Prommer et al., 2009; Boyd, 2006). Sie geben auch eher ihre Kontakt daten an (Fogel & Nehmad, 2009; Taraszow et al., 2010). Möglicher weise ist die Vor sicht der Mädchen und Frauen auf eine unter schied liche Erziehung zurück zuführen, oder darauf, dass weib liche Jugend liche potenziell häufiger Opfer unerwünschter sexueller Über griffe werden (Herrmann, Schäfer & Schmetz, 2006). Zweifels frei handelt es sich bei der Aus gestal tung des persön lichen Profils auf einer Netz werk platt form um einen wichti gen Aspekt der OnlineSelbst offenba rung. Es muss jedoch be achtet werden, dass diese Selbst darstel lung 50 unter be sonde ren Gesichtspunkten statt findet: Die Aus gestal tung und Instandhal tung des eigenen Profils stellt die Nutzer sehr explizit vor die Ent schei dung, welche Informa tionen (semi)öffent lich und welche privat sein sollen. Bei der Auswahl und Formulie rung der Profilinforma tionen handelt es sich um eine reflektierte Handlung, die vor allem zu Beginn der Mitglied schaft bei einer Sozialen Netz werk platt form vor kommt, und die als be wusste Selbst darstel lung im Sinne des Impression Management ver standen werden kann (Boyd, 2007; Haferkamp & Krämer, 2010). Die vom Nutzer ein getragenen Profilinforma tionen sind heute längst nicht mehr die einzigen Stellen, an denen die Selbstoffenba rung in Sozialen Netz werk platt formen sicht bar wird. Die Anbieter integrie ren zunehmend Features, die die Netz werke dynami scher machen, wie bspw. den News feed bei Facebook oder das Taggen von Personen auf einem hoch geladenen Foto. Durch diese techni schen Erweite rungen wird der Nutzer zusätz lich sicht bar, die Online Identität wird darauf aus gedehnt. In der Wahrneh mung von Personen nimmt die Bedeu tung der dynami schen Inhalte zu (Boyd & Marwick, 2011). Im Prinzip können viele Handlun gen, die ein Nutzer auf der Platt form vollzieht, als Selbstoffenba rungs hand lung ver standen werden. Auf Facebook wird dies sehr deut lich: Ruft ein Nutzer die Seite eines anderen Nutzers auf, so werden ihm zunächst dessen Aktionen wie Status meldun gen und Posts an gezeigt, die er in der ver gangenen Zeit ge tätigt hat. Das statische Profil ist erst über einen weiteren Klick auf rufbar, und somit wirkt die dort hinter legte Informa tion zweitrangig. Bei dem Feed, der zunächst sicht bar wird, handelt es sich aber nicht nur um vom User selbst ge nerierte Inhalte, also eigene Selbst offenba rungs hand lungen: Es können auch die öffent lich publizierten Nachrichten anderer ent halten sein und Informa tionen, die durch den Anbieter ge neriert wurden, bspw. wenn der Nutzer eine Freundschafts anfrage annimmt oder auf einen GefälltmirButton klickt. Die Selbstoffenba rung, die durch das Posten von Beiträgen oder das Aus führen von Aktionen ent steht, ist dabei für den Nutzer weniger offensicht lich als die beim Anlegen des (statischen) Profils. Sie geschieht beiläufiger. Bei der Generie rung solcher eher dynami schen Inhalte steht die Selbst präsenta tion eventuell weniger stark und explizit im Vordergrund. Ver mutlich hat ein Nutzer beim Posten eines Kommentars nicht zwangs läufig ein Gesamt konzept für seine OnlineSelbstoffenba rung im Hinter kopf. Ob diese Handlun gen eher spontan und weniger strategisch ge plant ab laufen, wurde bislang nicht ge prüft. In Bezug auf die soziale Privatsphäre auf Sozialen Netz werk platt formen sind nicht allein die Anzahl und der Intimi täts grad der preis gegebenen Informa tionen relevant. Darüber hinaus spielt auch die Zugänglich keit der Selbstoffenba rung eine Rolle. Selbst darstel lung findet nicht kontext los, sondern immer in Ab hängig keit von einem Publikum statt. Wer zum Publikum der Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen gehört, wird einer seits durch die Privat 51 sphäreOptionen be stimmt, die der Nutzer fest gelegt hat (vgl. Ab schnitt 2.1.2). Häufig sind die PrivatsphäreOptionen von den Anbietern so vor eingestellt, dass die Inhalte, die ein Nutzer ver öffent licht, nur den Kontakten, die er auf der Platt form be stätigt hat, zugäng lich sind. Insbesondere frühe und USameri kani sche Erhebun gen belegen, dass nur wenige Nutzer Gebrauch von den PrivatsphäreOptionen machten (Lange & Lampe, 2008; Lewis, Kaufman & Christakis, 2008). Eine Studie an Studenten aus Großbritannien ergab, dass Nutzer sich kaum die Zeit nehmen, ihre PrivatsphäreEinstel lungen zu über prüfen und sie bleiben nicht auf dem Laufenden, wenn die Anbieter die Einstel lungs möglich keiten abändern. Die antizipierten und die tatsäch lich ge tätigten Einstel lungen stimmen oft nicht überein (Butler et al., 2011). Lewis, Kaufman und Christakis (2008) stellen heraus, dass CollegeStudenten eher private Profile haben, wenn ihre Freunde eben falls die PrivatsphäreEinstel lungen an gepasst haben, sie sehr aktive Nutzer des Social Web sind und sie weib lich sind. Insbesondere Nutzungs erfah rung ist ein relevantes Kriterium. Im Gegen satz zu landläufig ver tretenen Meinun gen führt eine aktive Nutzung der Anwen dungen nicht dazu, dass offener mit den eigenen Daten um gegangen wird. In der Längs schnitt studie von Patchin und Hinduja (2010) war der Anteil der jeni gen, die ihr Profil privat hielten, nach einem Jahr deut lich ge stiegen. Ein damit in Ver bindung stehen der Einfluss faktor sind die Erfah rungen, die Personen bereits im Umgang mit den Platt formen ge macht haben. Eigene negative Erleb nisse führen dazu, dass die Nutzer sensibler für die Nutzung der Optionen sind (Debatin et al., 2009). Debatin et al. (2009) ver muten, dass die nach lässige Handha bung der PrivatsphäreOptionen auf den hohen Gratifika tionen, die eine weitere Ver brei tung der eigenen Inhalte bietet, auf speziellen Nutzungs mustern und einer Art ThirdPersonEffekt beruht. Die Nutzer sehen die Gefahren zwar bei anderen, fühlen sich selbst davon aber nicht be troffen. Die Ergeb nisse gerade USamerikani scher Studien sind aber auf grund unter schied licher kultureller Hinter gründe nicht ohne weiteres auf Deutschland über trag bar. Der Schutz der Privatsphäre ist offen bar stark in der deutschen Kultur ver ankert (Stöcker, 2011). Dementsprechend scheint – gerade in neueren Studien – eine höhere Sensibili tät gegen über den Daten schutz einstel lungen zu be stehen. Die meisten deutschen Nutzer (86 Prozent) be schäfti gen sich nach ihrer Anmel dung oder später mit den Einstel lungs möglich keiten und passen diese an (77 Prozent; Bitcom, 2011). Insbesondere bei den unter 30Jährigen ist die Sensibili tät für die Nutzung der PrivatsphäreOptionen hoch (ebd.). Dieses Bewusstsein für die eigene Privatsphäre in OnlineUmgebun gen scheint gerade bei den jungen Nutzern in den letzten Jahren ge stiegen zu sein (Utz & Krämer, 2009). Neuere Erhebun gen aus den USA spiegeln diese positive Ent wick lung eben falls (Boyd & Hargittai, 2010; Patchin & Hinduja, 2010). Neben den vom Anbieter vor gesehenen Möglich keiten, haben einige Nutzer weitere Strategien ent wickelt, um ihre Privatsphäre zu schützen. Eine häufig 52 ge wählte Strategie ist die der Anonymisie rung oder Pseudonymisie rung. Manche Nutzer ver wenden einen falschen oder ver fremdeten Namen, einen Nickname und/oder spicken ihr Profil mit Falschangaben, so dass die Identifika tion er schwert wird (RaynesGoldie, 2010; Youn, 2005; Blumberg et al., 2010; Boyd, 2007, Strater & Lipford, 2008). Auch das Anlegen von mehreren Profilen, die an ver schiedene Publika gerichtet sind, kann dazu dienen, die Privatsphäre zu schützen (z. B. ein Profil auf das nur die engsten Freunde Zugriff haben, und ein „offizielles“ Profil, für Eltern und Lehrer mit weniger expliziten Inhalten; Boyd, 2007). Viele Nutzer wahren ihre Konformi tät, indem sie nur un verfäng liche Informa tionen über sich preis geben und darauf achten, Informa tionen, die sie als zu privat empfinden, gar nicht erst ins Internet zu stellen (Brand tzæg, Lüders & Skjetne, 2010). Andere ver suchen, die digitalen Spuren, die sie hinter lassen, möglichst zu be seiti gen (RaynesGoldie, 2010). Sie löschen dabei Einträge auf den Pinnwänden und die Tags von Fotos, auf denen sie ab gebildet sind, ent weder sofort oder nach einiger Zeit. Neben der Zugänglich keit spielt die Größe und Zusammen setzung des Publikums eine Rolle. Je nach ge wählten Einstel lungen in den Privatsphäre Optionen können aus gewählte Personen, alle Kontakte die ein Nutzer auf dem Netz werk hat, alle Nutzer des Netz werks oder gar alle Internetnutzer zum potenziellen Publikum der Selbstoffenba rung ge hören. Besonders im Fokus stehen hier die Kontakte, die ein Nutzer auf der Platt form selbst hinzu gefügt oder be stätigt hat und die dadurch in seiner Kontakt liste an gezeigt werden. Die Strategie, die eigene Privatsphäre dadurch zu managen, dass nur be kannte Personen auf die eigenen Inhalte zugreifen können, ist sehr beliebt (Stutz mann & KramerDuffield, 2010). Jeder neue Kontakt auf den Platt formen schränkt die Freiheit, die ein Nutzer in der Selbst darstel lung hat, jedoch potenziell ein, da durch ein heterogenes Publikum Rollenkonflikte auf treten können (Boyd, 2006). Wang (2010) be obachtet, dass die Anzahl der Netz werk kontakte zunimmt. Insbesondere stark aktive Nutzer haben viele Kontakte. Neben der reinen Anzahl der Kontakte ist relevant, ob der Nutzer seine Kontakte persön lich kennt und in welchem Ver hältnis der Nutzer zu ihnen steht. Wie bereits be schrieben, sind Soziale Netz werke Orte der PeerKommunika tion, auf denen die Nutzer vor rangig unter ihres gleichen bleiben. Allerdings handelt es sich oft auch um eher flüchtige Bekannt schaften oder ent fernte Bekannte im Sinne des Bridging Social Capital (Adkins, 2009; Brand tzæg et al., 2010; Ellison et al., 2007). Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen ist ein vielschichti ges Konzept, das ver schiedene Aspekte umfasst. Neben den Profilinforma tionen, die bereits umfassend unter sucht wurden, sind zunehmend dynami sche Aspekte der (semi)öffent lichen Kommunika tion relevant, die integrativer Bestand teil der OnlineSelbst darstel lung werden, weil die Anbieter sie aggregie ren und mit den Profilmerkmalen ver knüpfen. Die Selbstoffenba rung wird durch die Nutzung der PrivatsphäreOptionen ein geschränkt, und 53 so können die Nutzer ihre Privatsphäre zumindest in sozialer Hinsicht schützen. Die soziale Privatsphäre wird eben falls durch Art und Zusammen setzung des Publikums determiniert, welches die persön liche Öffentlich keit des Nutzers bildet. Der Nutzer kann die Zusammen setzung und Größe dieses Publikums durch Nutzung der PrivatsphäreOptionen und seine Strategie beim Hinzufügen und Bestäti gen von Kontakten auf der Platt form selbst be stimmen. 2.3.4 Erklä rungs modell der OnlineSelbstoffenba rung So vielfältig die Studien, die die Selbstoffenba rung im Social Web be schreiben, auch sind, so un befriedigend sind die Ergeb nisse der Studien, die ver suchen, die Selbstoffenba rung auf das Wissen über die möglichen Risiken und die Sorge um die Privatsphäre zurück zuführen (vgl. Ab schnitt 2.3.1 zum Privacy Paradox). Reine KostenNutzenErwägun gen, die zudem nur die Seite der unangenehmen Konsequenzen be leuchten, können das Handeln der Nutzer Sozialer Netz werk platt formen nicht oder nur unzu reichend er klären. In diesem Ab schnitt werden daher noch weitere mögliche Einfluss faktoren einbezogen. In einem Modell werden ver schiedene er klärende Faktoren heran gezogen und auch die gegen sätz lichen Bedürf nisse zwischen Privat heit und Öffentlich keit der Nutzer be rücksichtigt. Folgt man den dem PrivacyParadox zugrunde liegen den Annahmen, so ist es zunächst naheliegend, dass sich die Sorge um die Privatsphäre hand lungs leitend aus wirkt. Die Sorge um die Privatsphäre stellt eine wesent liche Einstel lungs komponente dar, die das Ver halten in der Netzöffentlich keit be einflusst. Daneben könnten aber auch weitere Einstel lungs komponenten das Selbst offenbarungs verhalten prägen, nämlich solche, die auf den Nutzen und die Vor teile gerichtet sind, die die Nutzer aus den Netz werk platt formen ziehen: Die Nutzungs motive, deren kognitive Zielorientie rung eben falls als Einstel lungen ver standen werden können (KroeberRiel, 1992), be einflussen mit, was die Nutzer in den Netz werk platt formen über sich preis geben (Blumberg et al., 2010; Krisanic, 2008). Wie Neuberger (2011) fest stellt, sind die Nutzer Sozialer Netz werk platt formen keine reinen ‚homines oeconomici‘, sondern richten ihr eigenes Handeln daran aus, wie sich ihr Umfeld ver hält (‚homo sociologicus‘). Sie nehmen z. B. wahr, wer und wie viele ihrer Freunde und Bekannten auf den jeweili gen Platt formen sind und was sie von sich preis geben. Darin, wie viel sie von sich selbst preis geben, orientie ren sie sich an anderen (Burke et al., 2009), und auch die Einstel lungen der PrivatsphäreOptionen wählen sie so, dass sie mit denen ihrer Freunde und Bekannten über einstimmen (Lewis et al., 2008; Utz & Krämer, 2009). Neben Vor stel lungen über die Nutzen erwar tung und Vor stel lungen über die Risiken, die das Selbstoffenba rungs verhalten auf sozialen Netz werk platt formen birgt, spielen daher die sozialen Normen, die ein Nutzer 54 in seiner Umgebung wahrnimmt, eine Rolle. Hierbei können sich auch be stimmte Erwar tungen seitens wichtig empfundener Peers auf die Selbst präsenta tionen der Nutzer aus wirken. Die Kombina tion aus Einstel lungen einer seits und sozialen Normen anderer seits be findet sich in Über einstim mung mit der von Fishbein (1967) vor gestellten Theory of Reasoned Action (TRA), die Ver halten über die Ver haltens inten tion erklärt. Die Ver haltens inten tion wird ihrer seits von den Einstel lungen und subjektiven Normen be stimmt. In Weiter führung der Theorie des ge planten Ver haltens (TRB) haben Ajzen und Fishbein (2010) als dritte Komponente die wahrgenommene Ver haltens kontrolle auf genommen, welche die wahrgenommene Leichtig keit oder Schwierig keit be schreibt, mit der ein be stimmtes Ver halten aus geführt werden kann (Ajzen, 2005). Ver halten ist demnach auch ab hängig von den Fähig keiten einer Person und den durch die Umwelt ge gebenen Grenzen7. In seinem integrierten Ver haltens modell (IBM) führt Fishbein (2000) das Konstrukt der Selbst wirksam keit ein. Auch diese er scheint für die Erklä rung des Selbstoffenba rungs verhaltens in der Netz werköffentlich keit zweckmäßig. Die Selbst wirksam keit wurde bereits in Zusammen hang mit dem Ver halten im Social Web ge bracht (Schenk, Jers & Gölz, 2012; Jers, 2012). Dieses Konstrukt, das auf die sozial kognitive Theorie Banduras (2001) zurück geht, ist dem der wahrgenommenen Ver haltens kontrolle sehr ähnlich, aber nicht völlig deckungs gleich (Ross mann, 2011). Je nach der ge wählten Operationalisie rung be schreiben die Konstrukte sogar identi sche Phänomene. Die Selbst wirksam keit be schreibt das generelle Ver trauen in die eigene Fähig keit, ein be stimmtes Ver halten trotz eventueller Schwierig keiten aus führen zu können, nicht die wahrgenommene Schwierig keit des Ver haltens an sich. Bezogen auf die Themen stel lung der vor liegen den Arbeit, kann die Selbst wirksam keit als Ver trauen in die eigene Fähig keit an gesehen werden, in der Netz werköffentlich keit an gemessen zu agieren. Abbil dung 1 zeigt die drei Komponenten im Zu sam men hang auf. Die drei ab gelei teten Komponenten sind relevant für das Ver halten und er scheinen allesamt ge eignet, die Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen zu er klären. Die Selbstoffenba rung steht jedoch wie in Ab schnitt 2.3.1 ab geleitet in einem Span nungs feld aus wider sprüch lichen Einflüssen. Wir nehmen dabei an, dass in jedem der Bereiche ein Faktor oder eine Gruppe von Faktoren existiert, die das Selbstoffenba rungs verhalten fördern und einer bzw. solche, die es hemmen. Wir haben es jeweils mit konkurrie ren den Einstel lungen und Vor stel lungen sowie Normen und Selbst wirksam keits erwar tungen zu tun, die sich wider sprechen können. Die jeweils konkurrie ren den Einflüsse sind in Abbil dung 2 dargestellt. 7 Die Anwend bar keit der TPB auf den Gegen stand der Privatsphäre im Social Web wird bei Yao (2011) diskutiert. Allerdings wird dort aus schließ lich auf Schutz verhalten, nicht auf Selbstoffenba rung, ab gestellt. 55 Abbil dung 2: Konkurrierende Einfluss dimensionen auf das Selbst darstel lungs verhalten Sehr deut lich wird das Span nungs feld am Beispiel der Normen: Einer seits dürfte jeder Nutzer einer Sozialen Netz werk platt form subjektiv in seinem Umfeld wahrnehmen, in welchem Rahmen es an gebracht ist, online zu parti zipie ren und selbst aktiv Inhalte einzu stellen, um nicht sozial isoliert zu werden und Kontakte pflegen zu können. Anderer seits be stehen auch Normen zur Zurück haltung und zum Schutz der eigenen Privatsphäre. Beispiels weise wäre auch eine Norm dazu denk bar, wie die Privatsphäreop tionen ein gestellt werden sollen und ob auch Personen zu den Kontakten ge hören sollen, die nur flüchtig bekannt sind. So besteht vielleicht für einen jungen Nutzer einer seits ein sozialer Druck, auf Facebook oder einer anderen Platt form präsent zu sein und dort möglichst viel zu kommunizie ren. Anderer seits können der Umfang und der Verhaltensspezifische Vorstellungen und Einstellungen Subjektive Norm Selbstwirksamkeit Selbstoffenbarung auf Sozialen Netzwerkplattformen Verhaltensintention Motive zur Nutzung von SNP Bewusstsein für Risiken Norm zur Nutzung von SNP Norm zum Erhalt der Privatsphäre Social-Web- Selbstwirksamkeit Privatsphäre- Selbstwirksamkeit Selbstoffenbarung auf Sozialen Netzwerkplattformen Vorstellungen Normen Selbstwirksamkeit + – + – – + Abbil dung 1: Einfluss variablen in Anleh nung an das integrierte Ver haltens modell 56 Intimi täts grad der dort ver öffent lichten Inhalte mehr oder weniger an gebracht sein und eine Norm zur Zurück haltung be stehen. Auch die Vor stel lungen in Bezug auf die Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen stehen in Konkurrenz zueinander. Erstens können die Nutzungs motive, mit denen die User die Sozialen Netz werk platt formen ver wenden, als positive Ergebnis erwar tungen in Bezug auf den Nutzen gesehen werden. Motive sind er lernte Gratifika tions erwar tungen, die Nutzer in Bezug auf ihre Partizipa tion haben. Sie geben an, inwiefern die Nutzung der Platt form zur Befriedi gung von Bedürf nissen beiträgt und bilden somit positive Vor stel lungen in Bezug auf den Nutzen. Durch die Zuschrei bung von hohem Nutzen in be stimmten Bereichen könnte daher das Selbstoffenba rungs verhalten ge fördert werden. Zweitens schwingen aber im Hinter grund eventuell die Sorgen und Ängste mit, die die Nutzer sich in Bezug auf ihre OnlinePrivatsphäre und die daraus resultierende Einschrän kung ihrer Autonomie machen. Diese Vor stel lungen hemmen die Selbstoffenba rung unter Umständen. Bei der Selbst wirksam keit ist es ähnlich. Einer seits kann sich diese auf die Fähig keit be ziehen, ein Ver halten aus führen zu können – also beispiels weise auf einer Sozialen Netz werk platt form eine Status meldung posten zu können. Anderer seits kann sich die Selbst wirksam keit auf die Fähig keit be ziehen, die eigene Privatsphäre schützen zu können. Es ist zu er warten, dass beide Selbst wirksam keits erwar tungen in hohem Maße miteinander zusammen hängen, da anzu nehmen ist, dass Personen, die generell ein hohes Ver trauen in ihre Fähig keiten be sitzen, auf beiden spezifi schen Selbst wirksam keits erwar tungen hohe Werte auf weisen. Daher ist zu er warten, dass in dem Modell nur eine der beiden Variablen zur Selbst wirksam keit greifen wird. Weitere Zusammen hänge zwischen allen unabhängi gen Variablen sind zudem anzu nehmen. Wir haben in den vorigen Ab schnitten die Komplexi tät des Themas Privat heit und Öffentlich keit auf Sozialen Netz werk platt formen be leuchtet. Dabei haben wir neben einem Einblick in die Welt der Sozialen Netz werk platt formen und ihrer Ver brei tung (Ab schnitt 2.1) auch die be sondere Bedeu tung auf gezeigt, die sie für Jugend liche und junge Erwachsene haben (Ab schnitt 2.2). Im Anschluss wurde das Konstrukt der Privatsphäre detailliert be schrieben und die be sonde ren Umstände, denen sie im Social Web unter liegt, auf gezeigt. Auch die jungen Nutzer be dürfen der Privat heit, um sich zu ent wickeln und zu ent falten. Netz werköffentlich keiten sind Räume, in denen sie sich mit Peers und Gleich gesinnten „unkontrolliert“ aus tauschen können. Aus diesem Grund sind sehr viele Kinder und Jugend liche auf diesen Platt formen zu finden. Trotz vieler Vor teile, die mit der Nutzung solcher Platt formen assoziiert werden, sind Nachteile und Risiken, die vor allem ein Ver lust der OnlinePrivatsphäre mit sich bringen kann, nicht unerheb lich. In der vor liegen den Studie sollen daher die auf die Privatsphäre be zogenen Einstel lungen und Ver haltens weisen der Jugend lichen und jungen Erwachsenen ein gehend unter sucht werden. 57 Literatur ARD/ZDFOnlinestudie (2011). Ver fügbar unter: www. ardzdfonlinestudie.de/ index. php Acquisti, A. & Gross, R. (2006, June 28–30). Imagined Communities: Awareness, Information Sharing, and Privacy on the Facebook. Privacy Enhancing Technologies Workshop (PET), Cambridge. Adkins, A. M. (2009). Myspace, Facebook, and the Strength of Internet Ties: Online Social Networking and Bridging Social Capital (Dissertation). University of Akron. Ver fügbar unter: etd.ohiolink.edu/etd/sendpdf.cgi/Adkins%20Angela%20 M. pdf?akron1239389919 Ajzen, I. (2005). Attitudes, personality, and behavior (2. Aufl.). Maidenhead, Berkshire, England, New York: Open University Press. Fishbein, M. & Ajzen, I. (2010). Predicting and changing behavior: The reasoned action approach. New York: Psychology Press. 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Im Rahmen unserer Studie soll zunächst aus differenziert werden, welchen Stellen wert Jugend liche und junge Erwachsene der Privatsphäre zuschreiben und inwiefern sie diese als schützens wertes Gut be trachten (kogni tiver Aspekt). Des Weiteren gilt es zu unter suchen, wie das psychologi sche Bedürfnis nach Privatsphäre einer seits und Öffentlich keit anderer seits be schaffen ist (emotionaler Aspekt). Auf dieser Grundlage stellt sich dann die zentrale Frage, was Jugend liche und junge Erwachsene unter „privat“ und „öffent lich“ ver stehen und welche persön lichen Informa tionen in der Folge als eher privat oder öffent lich ein gestuft werden. Die erste Forschungs frage lautet daher: FF1: Welche Bedeu tungs konzepte von Öffentlich keit und Privat heit legen Digital Natives zugrunde? Diese Forschungs frage beinhaltet vor dem Hinter grund des Kontextes auch die Beziehung zwischen Bedeu tungs konzepten von Privat heit und Öffentlich keit einer seits und deren Umset zung in Online und OfflineUmgebun gen anderer seits. Es soll daher auch exploriert werden, wie Jugend liche und junge Erwach sene ihr Ver ständnis von Privat heit und Öffentlich keit in der sozialen Inter aktion mit anderen realisie ren (sozialer Aspekt). Die Besonder heiten in der Konstruk tion von Privat heit und Öffentlich keit durch Digital Natives werden be sonders deut lich, wenn sie mit den Vor stel lungen älterer Genera tionen verg lichen werden können. Junge Nutzer ver wenden Soziale Netz werk platt formen ganz anders als ältere (Boyd, 2008). Sie ver bringen 72 dort insgesamt mehr Zeit und be schäfti gen sich mit Personen aus ihrem sozialen Umfeld, ver ändern ihre Profile häufiger und ver fassen Kommentare. Erwachsene hingegen be treiben eher wirk liches „Networking“. Sie nutzen SocialNetworking Sites, um alte Bekannte wieder zufinden, Geschäfts kontakte zu pflegen oder als Informa tions quelle. Die Heraus forde rungen von OnlineIdenti täten be treffen aber nicht aus schließ lich die Digital Natives. Heute sind sehr viele digitale Informa tionen über jeden ver fügbar, der sich im Social Web bewegt. Auch An gehörige älterer Genera tionen er schaffen OnlineIdenti täten. Auch bei ihnen lassen sich Hand lungs weisen be obachten, die nicht von einem vor sichti gen Umgang mit der eigenen Privatsphäre zeugen. So sind be sonders ältere Menschen ge fährdet, Opfer von OnlineBetrug zu werden (Görgen, 2009) und beim OnlineDating geben Singles jeden Alters intime Details über sich preis (Gibbs, Ellison & Heino, 2006). Im Unter schied zu den Digital Natives er lernen die Digital Immigrants den Umgang mit den neuen Technologien meist nicht beiläufig, sondern durch selbstorganisiertes oder selbst gesteuertes Lernen (Fromme, 2002, S. 159). Die Art, wie Menschen online mit der Privatsphäre umgehen, hängt zum Teil von ihren Fähig keiten ab (Boyd & Hargittai, 2010), die Unter schiede sind aber (auch) durch frühere Erfah rungen aus der OfflineWelt bedingt. Die Digital Immigrants haben strukturell andere Sozialisa tions prozesse hinter sich, die sie zu anderen Formen der Selbst darstel lung und zu einem anderen Konzept von Privat heit und Öffentlich keit ge führt haben können: „youth focus on all that they have to gain when ent ering into public spaces while adults are talking about all that they have to lose“ (Boyd, 2010, Abs. 5). Ab hängig von ihren persön lichen be ruflichen und privaten Erfah rungen und ihrer Expertise im Umgang mit den digitalen Medien reagie ren Menschen also anders auf die Chancen und Risiken des Social Web. Dadurch, dass die Digital Natives mit den digitalen Medien auf gewachsen sind, besteht bei ihnen wahrschein lich ein größeres Ver trauen in die neuen Technologien. Dieser Umstand könnte sich auch auf den Umgang und die Ver öffent lichung von eigenen und fremden personen bezogenen Daten aus wirken: Es er scheint daher plausibel, dass Digital Natives und Digital Immigrants mit anderen Maßstäben be urteilen, was als privat gelten sollte und auf grund dessen anders handeln. Die zweite Forschungs frage be schäftigt sich deshalb damit, ob es einen Unter schied zwischen den Digital Natives und Immigrants gibt: 73 FF2: Wie unter scheiden sich ältere und jüngere Nutzer des Social Web hinsicht lich ihrer Neigung zur Selbstoffenba rung und ihrer Sorge um die Privatsphäre im Social Web? Die zunehmende Integra tion des Internet in den Alltag und die steigende Bedeu tung des Social Web führen dazu, dass immer mehr Personen Inhalte im Netz publizie ren. Vor allem Soziale Netz werk platt formen dienen den Nutzern zur Kontakt aufnahme, pflege und zum Meinungs austausch, mit der Bedin gung, dass persön liche Informa tionen preis gegeben werden. Die Selbstoffen ba rung ist Voraus setzung für die Partizipa tion und soziale Inter aktion auf den Anwen dungen (Buchanan et al., 2007; speziell für das Social Web: Tad dicken, 2010). Wie und in welchem Umfang die Selbstoffenba rung auf den Platt formen statt findet, soll auch in unserer Studie evaluiert werden: FF3: In welchem Maße offen baren sich Jugend liche und junge Erwachsene auf Sozialen Netz werk platt formen? Die Risiken, die online ge speicherte Daten mit sich bringen, haben wir in Teil I bereits er läutert. In der Regel ver bleiben digital gesammelte Daten nicht un genutzt in be liebigen Daten banken: Sie werden be wirtschaftet, Firmen tauschen sie unter Umständen aus. Die Daten be finden sich in unter schied lichen Händen und ihre Nutzung unter liegt unter schied lichen Regeln. Die Ver brei tung und Ver vielfälti gung der Informa tionen ent zieht sich von Anfang an einer Kontrolle, denn die Ent schei dungs gewalt darüber, was mit den Daten geschieht, liegt zumeist beim Daten sammler und nicht beim Nutzer, wenn dieser erst einmal den Nutzungs bestim mungen eines Webangebots zu gestimmt hat. Es konnte bereits auf gezeigt werden, dass Nutzer unter schied lich besorgt sind, was den Schutz ihrer OnlinePrivatsphäre angeht. Erfreu licher weise scheint bei einem großen Teil der jungen User ein Problembewusstsein in Hinblick auf den eigenen Daten schutz vor handen zu sein (Boyd & Hargittai, 2010; Hasebrink & Rohde, 2009). Gerade jüngere Jugend liche zeigen sich jedoch im Umgang mit den Risiken eher un bekümmert (Wagner, Brüggen & Gebel, 2009). Die Konsequenzen der Selbstoffenba rung im Social Web sind eher diffus und ab strakt. Personen, die bisher keine negativen Erfah rungen ge macht haben, fühlen sich im Umgang mit dem Internet sicherer, als solche, die bereits schlechte Erfah rungen ge macht haben (Hasebrink & Rohde, 2009). Für sie ist es schwieri ger, die negativen Folgen ihrer Social WebNutzung abzu schätzen. Die Gefahr, dass Daten über sie systematisch zusammen getragen und aus gewertet werden könnten, wird von den Digital Natives allgemein als eher gering ein geschätzt (Palfrey & Gasser, 2008). Zu den Risiken, die durch eine wirtschaft liche Nutzung der Daten ent stehen, kommen noch zusätz lich diejenigen, die sich durch andere Nutzer ergeben. Denn nicht nur die eigenen personen bezogenen Daten werden auf sozialen Netz werk platt formen ge teilt. Wie in Teil III Ab schnitt 2.4 erwähnt, sind neben der Kommunika tion über 74 das Selbst auch Informa tionen über andere Personen Bestand teile der Online Identität. Häufig handelt es sich um Personen aus dem Umfeld, die Peers, die viel zur Ver brei tung personen bezogener Daten beitragen. Es gibt Hinweise darauf, dass im Social Web von einer Art „MainstreamEffekt“ auszu gehen ist: Die einzelnen User fühlen sich in ihrer Hand lungs weise be stätigt, weil die meisten anderen genauso handeln. Das Ver öffent lichen von fremden Daten ohne vor herige Ab sprache ist eine übliche Praxis, bei der unter Umständen kein Unrechts bewusstsein besteht (vgl. Teil III, Rechts gutachten). Diese Über legungen führen zu folgen den Forschungs fragen: FF4: In welchem Maße machen sich Jugend liche und junge Erwachsene Sorgen um ihre Privatsphäre auf Sozialen Netz werk platt formen? FF5: Über welche Einstel lung zu den Risiken von digitaler Informa tions- freizügig keit mit Blick auf ihre eigenen Persönlich keits rechte und die Persönlich keits rechte Dritter ver fügen junge Menschen? Neben den problemati schen Aspekten des Social Web und den mit der Nutzung ver bundenen Risiken halten wir es für unumgäng lich, den positiven Nutzen in den Blick zu nehmen, der Jugend lichen und jungen Erwachsenen durch Soziale Netz werk platt formen ent stehen kann. Im Sinne des UsesandGratifica tions Ansatzes der Kommunika tions wissen schaft wählen Menschen die Medien angebote aus, die ihre Bedürf nisse am besten er füllen (vgl. Schenk, 2007). Nur, wenn man auch diese Nutzen seite be trachtet, ist es möglich, die Handlun gen auf Sozialen Netz werk platt formen, die häufig auch Risiken mit sich bringen, nach zuvollziehen. Auch bietet das Social Web – wie in Teil I, Ab schnitt 2.2 dargestellt – positives Potenzial für Jugend liche sowohl im Hinblick auf ihre Identi täts entwick lung als auch beispiels weise für die Organisa tion ihres Alltags oder ihre be ruflichen Chancen. Interessant ist hierbei, welche Vor teile des Social Web und welche positiven Folgen der Nutzung die Jugend lichen und jungen Erwachsenen selbst wahrnehmen und erleben. Es sollen daher im Rahmen der Studie eben falls die positiven Folgen der Social WebNutzung aus Sicht der jungen Nutzer in den Blick ge nommen werden: FF6: Welchen Nutzen ziehen Jugend liche und junge Erwachsene aus der (aktiven) Teilhabe an Sozialen Netz werk platt formen? In früheren Studien konnte bereits be obachtet werden, dass eine Diskrepanz zwischen dem Wissen und der Einstel lung zur Privatsphäre auf der einen und der Preis gabe von Informa tionen auf der anderen Seite besteht (Acquisti & Gross, 2006; Blumberg, Möhring & Schneider, 2010). Dieses Phänomen wird als „PrivatsphäreParadoxon“ be zeichnet. In einer früheren Studie zum Zusam men hang von PrivatsphäreEinstel lungen und Selbstoffenba rung im Social Web zeigt sich, dass die Personen, die am aktivsten am Social Web teilhaben, die stärkste Sorge um ihre Privatsphäre zeigen (Schenk, Jers & Gölz, 2012). Selbst 75 jeder zweite Internetnutzer, der angibt, grundsätz lich eine geringe Bereit schaft zur Selbstoffenba rung zu haben, offenbart im Social Web persön liche Informa tionen (vgl. Tad dicken & Schenk, 2010). Diese Diskrepanz zwischen Einstel lungen zur Privatsphäre einer seits und selbstoffenbaren dem Handeln anderer seits ist auf fällig. Es ist daher notwendig, den Zusammen hang zwischen Einstel lungen und Handeln genauer zu unter suchen und insbesondere auch für junge Nutzer zu über prüfen, bei denen dieses Paradox möglicher weise noch stärker aus geprägt ist als bei Internetnutzern im Allgemeinen. In Forschungs frage 7 soll daher unter sucht werden, wie das Wissen und der Stellen wert der Privatsphäre die tatsäch lichen Hand lungs schemata von jungen Nutzern be einflusst: FF7: Welchen Einfluss hat die Sorge um die Privatsphäre auf das Handeln auf Sozialen Netz werk platt formen? Die Sensibilisie rung für die Risiken und die Zuschrei bung von Relevanz sind erste Voraus setzungen für den ver antwor tungs bewussten Umgang mit eigenen und fremden Daten im Social Web. Sie sind notwendig, jedoch ist der Prozess, der zur Ver öffent lichung personen bezogener Daten führt, komplex. Einige Autoren gehen von einer permanenten KostenNutzenAbwägung aus. Die Risiken der öffent lichen Personendaten werden gegen den Nutzen, den die Social WebNutzung bringt, ab gewogen (Blumberg et al., 2010; Palfrey & Gasser, 2008). Ob der Prozess der Selbstoffenba rung tatsäch lich durch Einzel entschei dungen ge steuert wird oder implizit durch Hand lungs schemata geschieht, wurde bisher nicht ge klärt. Ziel unserer Studie ist es heraus zufinden, in welcher Form bei Jugend lichen und jungen Erwachsenen Über legungen zur Privatsphäre bei der Ver öffent lichung von Informa tionen in Sozialen Netz werk platt formen eine Rolle spielen und welche weiteren Variablen, z. B. Persönlich keits merkmale wichtig sind. Gruppen normen sowie Selbst wirksam keits erwar tungen könnten die Nutzungs weisen eben falls be einflussen. FF8: Welche weiteren Variablen be einflussen die Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen? Zur Beantwor tung dieser Forschungs frage soll insbesondere das in Teil I, Kap. 2.3.4 auf gestellte Modell ge prüft werden. Digital Natives ver fügen einer seits über beacht liches Wissen und Kreativi tät im alltäg lichen und „handwerk lichen“ Umgang mit Informa tions und Kommunika tions technologien und sind dabei ihren Eltern und Lehrern oft über legen. Anderer seits ver wenden sie digitale Medien zum großen Teil auch einseitig zu einer spezifi schen Form der Kommunika tion (und nicht etwa zur Artikula tion und inhalt lichen Kollabora tion) und ohne aus geprägte kritische Haltung (vgl. zusammen fassend Schulmeister, 2009). Die neuen – auch hand werk lichen – techni schen Fähig keiten sind notwendig, um in der digitalen Welt 76 im Allgemeinen und im Social Web im Besonde ren be stehen zu können. Weil sich Lehrer und Eltern nicht zwangs läufig aktiv mit dem Social Web auseinan der setzen, können sie diese Welt oft nicht nach vollziehen und treffen dann womög lich Ent schei dungen (in Form von Ver boten und anderen Restrik tionen), deren Konsequenzen sie nicht ab schätzen können. Hinzu kommt, dass An gehö rige der älteren Genera tionen das Social Web vor einem anderen Hinter grund interpretie ren als Jugend liche und junge Erwachsene. „Die Erfah rungen der eigenen Mediensozialisa tion im Kindes und Jugendalter fließen in das auf Medien be zogene er zieheri sche Denken und Handeln ein, ohne dass dieser Zu sammen hang i. d. R. hinreichend reflektiert würde“ (Fromme, 2002, S. 158). Einige Digital Natives sind im Schutz ihrer Privatsphäre wahrschein lich schon ver sierter als ihre Eltern und Lehrer. Viele aber schätzen die Risiken gering oder zumindest anders ein als ältere Genera tionen. Eltern und Lehrer können den Digital Natives auf grund ihrer Lebens erfah rung Denkanstöße mit auf den Weg geben. Ein erster Schritt für Eltern und Lehrer ist es, kluges Handeln vorzu leben. Bisher wissen Eltern und Lehrer jedoch noch nicht, wie sich die Lebens erfah rung in der digitalen Welt anwenden lässt. Hier bietet sich eine Chance für den ge nera tions übergreifen den Dialog: Die gemeinsamen Normen für an gebrachtes Handeln im Social Web müssen die Digital Natives selbst ent wickeln. Sie können jedoch darin unter stützt werden, sich in der Daten flut zurecht zufinden und ihre persön lichen Informa tionen zu schützen. Damit sie in die Lage ver setzt werden, kluge Ent schei dungen zu treffen und ihre Schüler bzw. Kinder anleiten zu können, ist es wichtig, dass sie die digitalen OnlineWelten und die darin herrschen den Normen zu ver stehen lernen. Eltern haus und Schule müssten hier gemeinsam agieren. Es er scheint wenig gewinn bringend, allein den Eltern diese Aufgabe zu über tragen. Gerade „für die Schule gilt, dass [ihr] große Bedeu tung bei der Stärkung des Bewusstseins für Chancen und Risiken im Umgang mit dem Social Web zukommt. Dies gilt es, in Bezug auf medien pädagogi sche Konzepte und Projekte zu be achten“ (PausHasebrink, Wijnen & Brüssel, 2009, S. 206). Daher wird im Rahmen der vor liegen den Arbeit auch der Blick auf die folgende Frage ge lenkt: FF9: Über welches Wissen müssen Eltern, Pädagogen und weitere gesell- schaft liche Ent scheider ver fügen, um junge Menschen adäquat in ihrer digitalen Nutzung zu be gleiten bzw. auf den Ordnungs rahmen einzu wirken? Wenn mehr Klarheit darüber besteht, über welches Wissen Eltern, Pädagogen und weitere gesell schaft liche Ent scheider ver fügen müssen, um junge Menschen adäquat in ihrer digitalen Nutzung zu be gleiten bzw. auf den Ordnungs rahmen einzu wirken, stellt sich die Frage, wie diese Zielgruppen ein solches Wissen er langen und wie sie es im Umgang mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen umsetzen sollen. Ähnlich wie bei jungen Menschen reichen auch bei Erwachse 77 nen bloße Informa tionen für den Erwerb von Wissen oder gar den Aufbau von Kompetenzen in der Regel nicht aus. Insbesondere Eltern und Pädagogen benöti gen Bera tungs und Fortbil dungs angebote, die über eine bloße Rezep tion von Informa tion hinaus gehen. Wie derartige Bera tungs und Fortbil dungs angebote aus sehen könnten, dürfte aber noch einmal deut licher werden, wenn die Frage be antwortet ist, wie man junge Menschen über Daten schutz und Wahrung von Persönlich keits rechten am besten informie ren, auf die damit ver bundenen Heraus forde rungen vor bereiten und ihnen dabei helfen kann, diese Aspekte in ihrem digitalen Handeln auch zu be rücksichti gen. Auch dies er fordert nämlich medien pädagogi sche Kompetenzen, die Eltern und Pädagogen oft erst ent wickeln müssen. Es stellt sich daher die Frage: FF10: Wie kann Medien pädagogik junge Menschen zielgruppen gerecht für Fragen des Daten schutzes und der Wahrung von Persönlich keits- rechten sensibilisie ren? 1.2 Über blick über das Forschungs design Dieses Einfüh rungs kapitel gibt eine kurze Zusammen fassung des Forschungs designs. Detailliertere Informa tionen zur Umset zung können den einzelnen Methoden kapiteln ent nommen werden. Zur Beantwor tung der Forschungs fragen wurde eine Kombina tion aus qualitativen und quantitativen Methoden an gewendet. Die einzelnen Phasen wurden ineinander ver schränkt. Insgesamt gliedert sich das Projekt in vier Studien phasen, von denen je zwei den quali tativen und den quantitativen Methoden der empiri schen Sozialforschung zuzu rechnen sind: – Sekundäranalyse der Daten des DFGProjekts „Die Diffusion der Medien innova tion Web 2.0“ – Qualitative Einzelinterviews mit Jugend lichen – Standardisierte Befra gung und Tracking in der Nutzungs situa tion – Qualitative Experten interviews Eine Zuord nung der im vorigen Ab schnitt auf gestellten Forschungs fragen zu den Erhe bungs schritten bietet Tabelle 2. 78 Tabelle 2: Zuord nung der Forschungs fragen zu den Unter suchungs schritten Qualitative Interviews mit Jugend- lichen Sekundär- analyse Standar- disierte Befra gung mit Tracking Qualitative Interviews mit Experten FF1: Welche Bedeu tungs konzepte von Öffen- tlich keit und Privat heit legen Digital Natives zugrunde? × FF2: Wie unter scheiden sich ältere und jüngere Nutzer des Social Web hinsicht lich ihrer Neigung zur Selbstoffenba rung und ihrer Sorge um die Privatsphäre im Social Web? × FF3: In welchem Maße offen baren sich Jugend- liche und junge Erwachsene auf Sozialen Netz werk platt formen? × × FF4: In welchem Maße machen sich Jugend liche und junge Erwachsene Sorgen um ihre Privatsphäre auf Sozialen Netz werk platt- formen? × × FF5: Über welche Einstel lung zu den Risiken von digitaler Informa tions freizügig keit mit Blick auf ihre eigenen Persönlich keits rechte und die Persönlich keits rechte Dritter ver fügen junge Menschen? × × FF6: Welchen Nutzen ziehen Jugend liche und junge Erwachsene aus der (aktiven) Teil- habe an Sozialen Netz werk platt formen? × × FF7: Welchen Einfluss hat die Sorge um die Privatsphäre auf das Handeln auf Sozialen Netz werk platt formen? × FF8: Welche weiteren Variablen be einflussen die Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk- platt formen? × FF9: Über welches Wissen müssen Eltern, Pädagogen und weitere gesell schaft liche Ent scheider ver fügen, um junge Menschen adäquat in ihrer digitalen Nutzung zu be- gleiten bzw. auf den Ordnungs rahmen einzu wirken? × FF10: Wie kann Medien pädagogik junge Men- schen zielgruppen gerecht für Fragen des Daten schutzes und der Wahrung von Persönlich keits rechten sensibilisie ren? × Zunächst wurde in der ersten Studien phase mit Hilfe einer Sekundäranalyse das unter schied liche Ver halten von jüngeren und älteren Nutzern gegen über gestellt. Die Daten der durch die DFG finanzierten Studie „Die Diffusion der Medien innova tion Web 2.0“ eigneten sich hierzu be sonders gut, da an einer Quoten stichprobe, die die deutsche OnlineBevölke rung ab 14 Jahren ab deckte, Aspekte des Nutzungs verhaltens und der Sorge um die Privatsphäre unter sucht wurden. Die Nutzungs weisen, Nutzungs motive und Sorge um die Privatsphäre der Digital Natives konnten so denen der Digital Immigrants gegen über gestellt werden. 79 Als nächster Unter suchungs schritt er folgten qualitative Einzelinterviews mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen. Zur Beantwor tung der Forschungs frage, die die Bedeu tungs konzepte von Öffentlich keit und Privat heit be trifft, war diese qualitative Vor gehens weise an gebracht, da nicht vom prinzipiell be obacht baren Umgang mit Privat heit und Öffentlich keit (der leichter zu operationalisie ren wäre) auf die Auffas sung von Privat heit und Öffentlich keit geschlossen werden kann. Auch hat man beim Ver halten als Indikator das Problem, dass man vor der Unter suchung mangels Alternativen eine traditio nelle Auf fassung von Privat heit und Öffentlich keit als Defini tion ver wenden müsste. Wenn man dann den Umgang mit der so definierten Privat heit und Öffentlich keit unter sucht, ist es kaum möglich, daraus auf die Auf fassung junger Menschen zu schließen. Folglich muss man an den mentalen Konzepten direkt ansetzen. Das heißt allerdings nicht, dass man diese auch direkt er fragen kann, denn derartige Konzepte lassen sich nicht leicht artikulie ren. Dies gilt vor allem dann, wenn sie implizit wirken, wovon im ge gebenen Fall auszu gehen ist. Man be nötigt also zumindest auch indirekte Fragen, die sehr sorgfältig konzipiert und den jeweili gen Alters gruppen an gepasst werden müssen. Insgesamt wurden 24 Ein zel interviews mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen ge führt. Dabei kamen teilstrukturierte Interviewleit fäden zum Einsatz, in denen aus schließ lich offene Fragen ge stellt wurden. Da bereits theoretisch wie auch empirisch be gründ bare Annahmen be stehen, wurde eine fokussierte Befra gung bevor zugt, die einen Ver gleich der qualitativ er hobenen Daten er möglicht. Die Aus wertung er folgte nach einem reduktiven Ver fahren. Parallel dazu wurde eine standardisierte OnlineUmfrage konzipiert, mit der die Fragestel lungen der qualitativen Interviews mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen quantifiziert wurden. Befragt wurden Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen im Alter zwischen 12 und 24 Jahren. Die Befra gungs teilnehmer wurden über ein OnlineAccessPanel rekrutiert, dabei gab es Quoten vorgaben für Alter, Geschlecht und formale Bildung. Insgesamt besteht die Stichprobe aus 1.301 Nutzern. Im zweiten Teil der standardisierten Erhebung wurde mit Hilfe eines BrowserPlugins an einer Teilstichprobe ein Online Tracking durch geführt, das es er möglichte, während die User auf den interessie ren den Social Networking Sites surften, zusätz liche Befra gungen einzu blen den. Diese Kontext fragebögen wurden auf gerufen, nachdem eine privatsphäre sensitive Handlung durch geführt wurde. Diese Form der OnlineBeobach tung wurde bisher vor allem in der Markt und UsabilityForschung als Methode zur Erforschung der Medien nutzung ein gesetzt, in der Kommunika tions wissen schaft stellt sie eine Innova tion dar. Da OnlineTrackings sehr auf wendig und zudem privatsphäreinvasiv sind, wurde das Tracking nur mit einer Teilstich probe von 199 Teilnehmern durch geführt. Alle Teilnehmer des Trackings hatten zuvor an der standardisierten OnlineBefra gung teilgenommen. Die Kombina tion aus Befra gung und Tracking bietet den Vorteil, dass neben Meinun gen 80 und Einstel lungen auch Handlun gen im Social Web optimal erfasst werden konnten. Um zu explorie ren, über welches Wissen Eltern, Pädagogen und weitere gesell schaft liche Ent scheider als Voraus setzung für adäquates Handeln gegen über Jugend lichen ver fügen sollten, waren erneut qualitative Ver fahren an gezeigt. Es wurden Experten interviews mit Personen, die bereits Erfah rungen etwa in der Informa tion, Beratung und Fortbil dung von Eltern und Pädagogen sowie Erfah rung in der Medienarbeit mit Jugend lichen haben, durch geführt. Insgesamt wurden 13 Einzelinterviews, mit Teilnehmern aus den Domänen Schule (Lehrer), Jugendarbeit (Medien pädagogen) und Medien (Portal betreiber, ContentErsteller) ge führt. 81 Literatur Acquisti, A. & Gross, R. (2006, June 28–30). Imagined Communities: Awareness, Information Sharing, and Privacy on the Facebook: Preproceedings version. 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Konstanz: UVK Ver lags gesell schaft. 83 2 Qualitative Befra gung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen Gabi Reinmann & JanMathis Schnurr unter Mitarbeit von Tamara Ranner, Alexander Florian & Marianne Kamper 2.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens 2.1.1 Qualitative Interviews Bei der Konstruk tion des Interviewleit fadens1, mit dem wir insgesamt 24 Jugend liche und junge Erwachsene befragt haben, haben wir uns inhalt lich zum einen an den Forschungs fragen der Gesamt studie orientiert, zum anderen flossen Erkennt nisse einer sekundären Analyse der Interviews der Vor gänger studie (Schmidt, Hasebrink & PausHasebrink, 2009) ein. Bei der Gestal tung des Leitfadens haben wir uns an folgen den Kriterien orientiert: Erstens sollte die Sicht weise der Interviewten durch die Fragen möglichst wenig be einflusst werden. Zweitens sollte die Besonder heit der Perspektive und Situa tions defini tion der Interviewten so gut es geht er halten bleiben. Drittens sollte zwar ein breites Spektrum an Antworten zu den Forschungs fragen in der Studie ge neriert, die Offen heit für eigene Ideen der Interviewten dabei aber nicht zu stark be einträchtigt werden. Viertens sollten der persön liche Bezugs rahmen der Interviewten und damit die individuellen Lebens umstände und Lebens erfah rungen be rücksichtigt werden. Der Interviewleit faden folgt in dieser Ausrich tung dem ent decken den Ver fahren der Heuristi schen Sozialforschung (Kleining, 1982; Krotz, 2005). Dieser Forschungs typus be schreibt ein regel geleite tes, im besten Fall auch theoriegen erieren des Ver fahren, bei dem Aus sagen von Interviewten erst einzeln be trachtet und an schließend auf Gemeinsam keiten hin analysiert werden. 1 Der Interviewleit faden kann im OnlineAnhang ein gesehen werden, ebenso wie der VorabFragebogen und das Informa tions schreiben für die Eltern. 84 Das Ziel der Interviews bestand darin, mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen ins Gespräch zu kommen, Informa tionen über ihre Ver haltens weisen und Meinun gen einzu holen und darüber hinaus Einblick in das nicht unmittel bar ver fügbare implizite Wissen zu er halten und dieses, soweit es geht, zu explizie ren. Die Heraus forde rung bei der Formulie rung der Interviewfragen bestand ent sprechend darin, diese einer seits präzise zu ge stalten, um unnötige „Daten berge“ zu ver hindern, sie anderer seits auch offen zu lassen, um die Jugend lichen und jungen Erwachsenen zu eigenen Darstel lungs und Sicht weisen zu er muntern. Für die Dauer der Einzelinterviews waren 60 Minuten als Obergrenze an gesetzt. Der Leitfaden gliedert sich dieser Vorgabe folgend in die drei Bereiche Öffentlich keit und Privat heit in OfflineUmgebun gen (ca. 15 Minuten), Nut zungs weise des Internet (ca. 10 Minuten) sowie Öffentlich keit und Privat heit in OnlineUmgebun gen (ca. 25 Minuten). Ein vierter Bereich zielt auf Angaben zum biografi schen Kontext und zur Lebens situa tion der Interviewten (ca. 10 Minuten) ab. 2.1.2 Stichprobe und Erhebung Im Rahmen der Studie wurden 24 Jugend liche und junge Erwachsene interviewt. Die Auswahl der Interviewten zielte auf eine Varia tion der Perspektiven ab. Kriterien waren Alter, Geschlecht, Wohnort im städti schen oder länd lichen Gebiet, Bildungs hintergrund, Geräten utzung beim Zugriff auf Internetange bote und dienste, Gratifika tionen der Internetnut zung sowie ge nutzte Internet angebote und dienste. Angaben zu diesen Daten wurden über einen Vorab Fragebogen erfasst. Die Zusammen stel lung der Stichprobe begann im Februar 2011. Die primären Ansprechpartner hierfür waren leitende Personen in nichtstaat lichen Schulen sowie in Sport vereinen. Ein sekundärer Weg, um Interviewte zu akquirie ren, ver lief über Soziale Netz werk platt formen. Dazu wurden Kontakte von Kontakten aus den Netz werken der Forschergruppe aktiviert. Die er mittelten Personen er hielten Anfragen zur Teilnahme an einem Interview, sofern sie in das Raster der Stichprobe passten. Für das Raster der Stichproben zusammen stel lung wurde aus der Vor gänger studie (Schmidt, Hasebrink & PausHasebrink, 2009) die Eintei lung in vier Alters gruppen über nommen: 12 bis 14 Jahre, 15 bis 17 Jahre, 18 bis 20 Jahre sowie 21 bis 24 Jahre. Differenziert wurde in dem VorabFragebogen ferner nach Bildungs niveau, nach der Internetnut zung bzw. affini tät sowie danach, ob die Interviewten ihrer Aus bildung oder ihrem Beruf in der Stadt (München) 85 oder im Umland (von München) nach gehen. Die folgende Tabelle liefert eine Über sicht über die Zusammen stel lung der Stichprobe2. Tabelle 3: Zusammen stel lung der Stichprobe für die Interviews mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre Geschlecht 4 männ lich 3 männ lich 2 männ lich 3 männ lich 2 weib lich 3 weib lich 4 weib lich 3 weib lich Schule/Aus - bildung/Beruf 2 Gymnasium 2 Gymnasium 2 Gymnasium 2 Hoch schule 2 Realschule 2 Realschule 2 Hoch schule 2 Aus bildung 2 Haupt schule 2 Haupt schule 2 Aus bildung 2 Beruf Netznut zung/ Netzaffini tät 2 gering 0 gering 1 gering 0 gering 3 mittel 4 mittel 2 mittel 3 mittel 1 hoch 2 hoch 3 hoch 3 hoch Stadt/Umland 3 Umland 3 Umland 3 Umland 3 Umland 3 Stadt 3 Stadt 3 Stadt 3 Stadt Die Erziehungs berechtigten von Minderjähri gen wurden vor der Ver ein barung eines Interviews über einen Elternbrief und ge gebenen falls Gespräche über die Ziele der Studie und die konkreten Fragen informiert. Daten schutz hinweise er folgten sowohl zu Beginn als auch am Ende jedes Interviews3. Die Interviews fanden in fast allen Fällen in privaten Wohnräumen der Interviewten statt, in manchen Fällen auch in ruhigen Um gebun gen öffent licher Einrich tungen. Die Situie rung der Interviews an Orten, welche die Interviewten bereits kannten, zielte darauf ab, dass diese sich wohl fühlten. Dies sollte die Offen heit der Interviewsitua tionen erhöhen. Kosten für die Anmie tung von Räumlich keiten ent fielen zugunsten von geringen Kosten für Anfahrten zu den Interviews im Raum München. Die Interviewten er hielten eine kleine Auf wandsentschädi gung in Form eines Gutscheins für einen OnlineHändler. Die Dauer der Interviews betrug zwischen 45 und 70 Minuten. In den meisten Interviews wurde der Zeitrahmen von 60 Minuten aus geschöpft. Der Leitfaden erwies sich als passend für die an gesetzte Zeit. Bei Interviewten, die umfang reiche Reflexionen äußerten, konnte über die Fragen auf der ersten Ebene (im 2 Anzumerken ist an dieser Stelle, dass ursprüng lich jeweils drei weib liche und drei männ liche Interviewte in allen vier Alters gruppen sowie jeweils zwei Nutzer mit geringer, mittle rer und intensiver Netznut zung in allen vier Alters gruppen ge plant waren. Die GenderVertei lung ließ sich aus organisatori schen Gründen nicht ganz so umsetzen; bei der Netznut zung/Netzaffini tät er kannten wir bei der Aus wertung, dass nicht alle Fragebogen angaben sinn voll waren. München und Umland wurden ge wählt, um trotz knapper Ressourcen FacetoFaceGespräche mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen führen zu können. 3 Für jedes Interview wurde bei Minderjähri gen eine Einverständnis erklä rung der Erziehungs berechtigten, von Volljähri gen eine Einwilli gungs erklä rung ein geholt. Erläute rungen zum Daten schutz und deren eventuelle Fragen er folgten in allen Fällen gleich. Über die Ver wertung der Daten im Rahmen von Forschungs zwecken wurden die Interviewten ebenso informiert wie über das späteste Datum der Löschung der digitalen Gesprächs aufzeich nungen und die Möglich keit der Einsicht in die Forschungs ergeb nisse. 86 Leitfaden mit schwarzen Kreisen markiert) ein breites Spektrum von Antworten zu den intendierten Forschungs fragen er mittelt werden. Für Interviewte, die eher knapp antwor teten, standen ge zielte Nach und Folgefragen in aus reichen dem Umfang zur Ver fügung (weiße Kreise). Alle Interviews wurden von demselben wissen schaft lichen Mitarbeiter ge führt. Forschungs relevante Elemente in den Interviewsitua tionen, die über die auf genommenen und trans kribierten Gespräche hinaus gehen (Gesprächs atmo sphäre, Rapport, Gesprächsverlauf, auf fallende Themen etc.), wurden notiert und in der Aus wertung be rücksichtigt. 2.1.3 Aus wertung und Darstel lung In der Interviewstudie mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen war ein Relevanz system aus Kategorien und Kodes durch die Forschungs fragen vor gegeben. Der Interviewleit faden folgte diesem Relevanz system. Die Aus wertung sah daher eine zusammen fassende Inhalts analyse (Mayring, 2000) vor: Theore ti sche Vor arbeiten legen be stimmte Kategorien und Kodes nahe, deren Existenz im Material ge prüft wird. Der Aus wer tungs leit faden be gründet Kategorien und Kodes mit Bezug zu den Forschungs fragen und gibt zudem Beispiele und Vor gehens weisen für die Kodie rung vor, da die Aus wertung von mehreren wissen schaft lichen Mitarbeitern durch geführt wurde. Die Trans kripte der Interviews wurden zunächst mit MAXQDA kodiert. Nach der Kodie rung wurde für jedes Interview eine ca. vier bis sechs seitige zusammen fassende Aus wertung an gefertigt. Diese wiederum bildete die Grundlage für die ab schließende Suche nach Gemeinsam keiten und Unter schieden zwischen den Interviewten. Wir haben bei der Akquise der Stichprobe von 24 Jugend lichen und jungen Erwachsenen zwischen 12 und 24 Jahren darauf ge achtet (siehe oben), dass kein spezieller, vor allem soziodemografi scher Faktor systemati sche Effekte bei unseren Interviews hervor ruft: So haben wir insgesamt be trachtet gleich viele Mädchen und Jungen befragt sowie gleich viele Personen, die eher in städti scher und eher in länd licher Umgebung wohnen. Wir haben alle Schularten (Haupt schule, Realschule, Gymnasium) be rücksichtigt und junge Erwachsene sowohl im Beruf oder in der Berufs ausbil dung als auch im Studium einbezogen. Dies darf aber kein Anlass dafür sein, wie im quantitativen Teil der Studie nach Zusammen hängen zu suchen, denn hierfür ist selbstredend die Stichprobe zu klein. Beim Fest legen des Umfangs der Stichprobe haben wir uns dafür ent schieden, eine Anzahl zu be rücksichti gen, die einen Blick auf ver schiedene Lebens bedin gungen erlaubt. Gleichzeitig be deutet das im Kontext der Ressour cen für diese Studie, dass wir keine 24 biografisch orientierten Einzelfall auswer tungen und systemati schen Fall vergleiche vornehmen konnten. Was die Ergeb nisse der Interviews also leisten können, ist ein Einblick in die Nutzungs weisen, Kennt nisse, Bedürf nisse und Einstel lungen, die man bei Jugend lichen 87 und junge Erwachsenen im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen be obachtet. Dabei besteht die Chance, sowohl Konstanten als auch Individuali tät zu er kennen sowie die Ab hängig keit von persön lichen Lebens bedin gungen exemplarisch zu ver deut lichen. Dieses Ziel hat auch die Darstel lung der Ergeb nisse be einflusst: In einem ersten Schritt wird jeder unserer Interviewpartner in einem Profil kurz vor gestellt. Diese Profile umfassen die Angaben zur Lebens situa tion sowie einen knappen Über blick über die Interviewergeb nisse und machen nicht ganz zwei Drittel der Ergebnis darstel lung aus. In einem zweiten Schritt werden die Interviewergeb nisse über alle Befragten, gruppiert nach den vier Alters gruppen, in Bezug auf Fragen zu Nutzungs mustern, Gratifika tionen, Risikobewusstsein sowie Umgang mit und Einstel lung zu Privat heit und Öffentlich keit zusammen gefasst. Eine Gruppie rung nach Alters gruppen er schien nach den ersten Ana lysen des Daten materials sinn voll, da deut liche Ver ände rungen mit zunehmen dem Alter auf fast allen Aus wer tungs dimensionen zu er kennen sind. Dabei haben wir auf konkrete Quantifizie rungen zugunsten von qualitativen Angaben ver zichtet: Es geht nicht darum, einzelne Aus sagen zu zählen, sondern sie zu einem Bild zusammen zusetzen. Die bei Schritt 2 und 3 ver wendeten Zitate dienen der exemplari schen Ver anschau lichung und nicht dem direkten Beleg einzelner Interpreta tionen. Letzteres hätte den Rahmen der Darstel lungen in diesem Bericht ge sprengt. In einem dritten Schritt (eine Art Aus blick) stellen wir erste Über legungen dazu an, welche Präferenzen uns nach den Interviews mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen auf gefallen sind, und formulie ren auf dieser Basis drei Präferenz dimensionen. Vom Ver such einer Typen bildung haben wir nach Aus wertung der Interviews Abstand ge nommen. Zum einen sind die Persönlich keiten der von uns interviewten Jugend lichen und jungen Erwachsenen so vielschichtig, dass eine Zuord nung zu einem Typus nicht adäquat er scheint. Zum anderen ist die Alters spanne von 12 Jahren zu weit, um über alle Alters gruppen hinweg über haupt sinn voll Typen bilden zu können. 88 2.2 Ergeb nisse 2.2.1 Profile der Jugend lichen/jungen Erwachsenen Jugend liche zwischen 12 und 14 Jahren Robert (12 Jahre) Robert besucht eine Haupt schule in der Stadt. Seine Mutter ist alleinerziehend und schließt derzeit eine Aus bildung im Erziehungs bereich ab; sein Vater arbeitet im Handwerk. Robert hat einen Bruder, der die erste Klasse besucht. Von sich aus weist Robert darauf hin, dass er sich vor einer Lehrerin fürchtet. In der Schule scheint er sich nicht wohl zu fühlen. Besser fühlt er sich, wenn er sich mit seinen Freunden über gemeinsame Interessen aus tauschen kann. Er kennt eine breite Palette von Internetangeboten wie YouTube, Facebook, Lokalisten, Habbo und Skype und nutzt diese oft, um unter haltsame Inhalte zu suchen. Er spricht offen darüber, dass er sich gerne Filme und andere Medien inhalte über ver schiedene Dienste herunter lädt. In seiner Freizeit ist Robert in einem Sport verein aktiv. Sein Traum ist es, später einmal Pilot zu werden. ■■ Früher nutzte Robert die Soziale Netz werk platt form Lokalisten. Kürzlich wechselte er zu Facebook, wo er mit einer über schau baren Anzahl an Freunden, Mitschülern und Ver wandten Kontakt hat und chattet. Teilweise spielt er auch in Facebook zusammen mit anderen. Robert greift zudem auf Skype zurück, um mit Ver wandten im Ausland zu sprechen. ■■ Robert dient das Internet vor allem der Unter haltung (Musik, Video, Spiele), zum Download von Videospielen und ge legent lich zur Informa tions recherche. Soziale Netz werk platt formen und Messenger-Dienste nutzt er zur Kommunika tion. ■■ Robert zeigt in seinem Profil bei Facebook, welchen Sportarten er nach geht und welche Filme er gesehen hat. Über seine Ängste oder Probleme in der Schule schreibt er in Sozialen Netz werk platt formen dagegen nicht. Er hat seinen Namen an gegeben und will noch ein Profil bild einstellen. Privatsphäre-Einstel lungen hat er an scheinend nicht an gepasst. Er will keine Daten über Dritte preis geben, weil er Sorge hat, dass diese es dann auch mit seinen Daten tun. ■■ Was Risiken auf Sozialen Netz werk platt formen oder im Internet generell sind, kann Robert teil weise sagen; teil weise äußert er sich auch wider sprüch lich und wirkt ver unsichert. Welche Informa tionen privat sind und welche nicht, oder was alles zum Privaten gehört, kann Robert nicht genau sagen. Er spricht pein liche Bilder an, die er schon gesehen und selbst nicht ver öffent licht hätte. Dabei äußert er auch Angst vor Sanktionen anderer, wenn er ohne ihr Einverständnis Fotos ver öffent lichen würde. Robert orientiert sich bei der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen in hohem Maße an seinem Freundes kreis, der ihm wichtig ist. Er ist in vieler Hinsicht besorgt, aus geschlossen zu werden, und passt sich in seinem Ver halten den Freunden an. „Meine Freunde haben immer nur über Facebook geredet. Viele haben ge fragt: Bist du in Facebook? Ich sagte nein. Sie sagten: Melde dich an … Das hab ich auch jetzt ge macht.“ 89 Felix (12 Jahre) Felix lebt mit seiner Familie in einiger Ent fernung zur Stadt in einer länd lichen Gegend. Er besucht eine Realschule. Sein Vater ist Mitarbeiter in einem mittelständi schen Unter nehmen, seine Mutter arbeitet in einem Reisebüro. Die Empfeh lung, er solle sich bei den Lokalisten registrie ren, kam aus seinem Freundes kreis. Seine ältere Schwester hat ihm ge zeigt, wie er sich ein eigenes Profil einrichten und sich mit seinen Freunden aus tauschen kann. Beim Interview ist sein letzter Besuch auf der Seite Lokalisten bereits zwei Wochen her. Er sagt, dass er manchmal ver gisst, die Seite aufzu rufen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Im Interview ist Felix eher schüchtern. Er ist Mitglied in zwei Sport vereinen, spielt Fußball und macht Wintersport. Außerdem lernt er Gitarre. ■■ Felix ist ver hältnis mäßig selten im Internet. Er nutzt die Soziale Netz werk platt form Loka- listen, ist dabei aber recht zurück haltend. In Lokalisten hat er nur zu seinen Freunden Kontakt, und zwar aus schließ lich asynchron über die Nachrichten funk tion. ■■ Felix sieht den Nutzen Sozialer Netz werke wie Lokalisten ver halten: Eines seiner wenigen Ziele bei der Nutzung ist, sich mit Freunden zu ver abreden. Er möchte sich jedoch bald bei Lokalisten ab melden, weil viele seiner Freunde zu Facebook ge wechselt sind. ■■ Mit seinen privaten Daten geht Felix auf der Sozialen Netz werk platt form Lokalisten sehr restriktiv um, ver wendet einen ab geänderten Namen und hat kein Profil bild ein gestellt. Er ver öffent licht nur sein Alter. Bei der Nutzung des Netz werks orientiert er sich vor allem an seiner großen Schwester, die bei Lokalisten wie auch Facebook aktiv ist. ■■ Aus mehreren Äußerun gen lässt sich ent nehmen, dass sich Felix vor möglichen Konse- quenzen seiner Internetnut zung fürchtet, etwa dass Einbrecher kommen, wenn er den Wohnort angibt, dass die Polizei vor der Türe steht, wenn im Internet über Delikte kom- muniziert wird oder dass er Geld be zahlen muss, wenn er auf Links klickt, die ihm un bekannt sind. Seine Kompetenzen im Umgang mit sozialen Netz werken sind ein geschränkt. Trotzdem glaubt er nicht, dass er einen weiteren Bera tungs bedarf im Hinblick auf „sichere Internet- nut zung“ hat. ■■ Für Felix fallen sein Wohnort sowie seine Schulleis tungen in einen privaten Bereich, den er nur mit guten Freunden be spricht. Ärger liche An gelegen heiten, wie z. B. Streit mit den Eltern, klärt er im Kreis der Familie und trägt nichts davon nach außen. Felix hat eine eher gering aus geprägte Netzaffini tät und ist äußerst vor sichtig im Umgang mit dem Internet. Im Interview antwortet er sehr knapp und scheint auch hier eher vor sichtig zu sein. Mit dem Wort Privatsphäre kann Felix trotz Nach hakens seitens des Interviewers nichts anfangen. Er hat aber eine Vor stel lung davon, was für ihn privat ist. „Ich find das nicht so gut, weil dann kommt irgendein Hacker, der weiß das dann, wo man wohnt und dann bricht der dann ins Haus ein, wenn niemand da ist oder so etwas.“ 90 Stefanie (12 Jahre) Stefanie besucht das Gymnasium in einem länd lichen Bereich. Das Wohnhaus ihrer Eltern liegt in direkter Nähe ihrer Großeltern. Im Alltag außerhalb der Schule und ihres Freundes- kreises hat sie sehr viel mit ihren Eltern, ihrer jüngeren Schwester und ihren Großeltern zu tun. Beide Eltern sind be rufstätig: der Vater im Handel, die Mutter im Finanzwesen. In ihrer Freizeit übt Stefanie alleine oder mit Freundinnen auf dem Trampolin. Zusätz lich geht sie zwei- oder dreimal in der Woche in ein Leis tungs training. Im Internet informiert sie sich über Trainingstipps und neue Tricks. Sie spielt darüber hinaus Klavier. Das Internet ist für sie die schnellste Möglich keit, bei Langeweile etwas zu tun zu haben. Vor allem Facebook bietet ihr ständig Neuig keiten aus dem Freundes kreis. Ohne das Internet wäre ihr öfter langweilig. ■■ Stefanie greift auf Internet-Angebote von ver schiedenen PCs aus zu oder auch mobil mit einem iPod. Sie nutzt Internetportale, Facebook, Messenger und E-Mails. In der Facebook- Kontakt liste hat sie nur Bekannte, wobei diese auch aus dem weiteren Umfeld kommen können. Die Kommunika tion mit anderen ist ihr wichtig. ■■ Das Internet dient Stefanie zur Unter haltung (Videos oder Spiele), zur Informa tion (etwa für die eigene Sportart) sowie zur Kommunika tion und Kontakt pflege mit ihren Freunden. Sie möchte sich online nicht anders präsentie ren als offline. ■■ Stefanie macht nur wenige Informa tionen über sich öffent lich und diese auch nur für ihre Kontakte. Insbesondere achtet sie darauf, möglichst wenige Bilder zu ver öffent lichen. Sie nutzt Facebook auch, um Beiträge zu kommentie ren oder zu „liken“; zudem ver öffent licht sie ge legent lich Links zu YouTube-Videos oder witzige Einträge von anderen Seiten. Über Dritte gibt sie nur Informa tionen weiter, die sie als un verfäng lich einschätzt. Sie orientiert sich in ihrer Internetnut zung an ihrem Vater und wendet sich daneben bei Fragen an ihre Mitschüler. ■■ Stefanie wird regelmäßig über sicher heits relevantes Ver halten im Internet informiert, vor allem in der Schule. Sie hat ihre Privatsphäre-Einstel lungen an gepasst und ver sucht, sich risikobewusst zu ver halten. Außerdem hat sie schon über prüft, was von ihr ge funden werden kann. Im Umfeld hat sie schon erlebt, dass sich hinter schein bar be kannten Profilen fremde Personen ver bergen können. ■■ Mit dem Begriff Privatsphäre kann Stefanie nicht viel anfangen, aber ihr ist bewusst, was private Informa tionen sind und achtet darauf, diese nur aus gewählten Personen mitzu teilen. Stefanie ist für ihr Alter gut mit digitalen Medien aus gerüstet und ver wendet diese recht ge zielt. Spaß und prakti sche Vor teile sind ihr wichtig, aber sie ist auch gut über Risiken informiert und ver sucht, diese zu ver meiden. Sie gehört zu einigen der wenigen, die die Schule als Quelle für relevante Informa tionen nennen, und fühlt sich gut informiert. „Oft schau ich einfach nur in Facebook, ob es grad was Neues gibt oder so. Und wenn nichts da ist, seh’ ich halt, ah da ist jemand on, oder mich schreibt jemand an, und wenn ich grad Lust habe, dann schreib ich halt zurück …“ 91 Patrick (13 Jahre) Patrick besucht die Unter stufe eines Gymnasiums in der Stadt. Sein Vater ist Geschäfts- mann; seine Mutter arbeitet als Dolmetscherin. Im Internet ist er noch nicht lange aktiv und be schränkt sich auf E-Mail-Kommunika tion und wenige Internet seiten. Sein Interesse gilt vor allem Videospielen. Mit Flugsimulatoren ver bringt er viel Zeit. Bei seiner Internetnut zung orientiert er sich stark an seinen Eltern, die nicht möchten, dass er in seinem Alter schon Soziale Netz werk platt formen nutzt. Im Internet ver bringt er deswegen nicht allzu viel Zeit. In seiner Freizeit interessiert sich Patrick für mehrere Aktivi täten wie Klavier spiel oder Wintersport. Außerdem ist er gerade dabei, Chinesisch zu lernen. Er weist für sein Alter ein hohes Sprachniveau und Refle xions vermögen auf. ■■ Im Internet interessiert sich Patrick für Wikipedia, Flugsimulatoren und Google-Anwen- dungen. Er hat eine eigene E-Mail-Adresse und greift auf das Internet mit seinem eigenen Computer zu. Soziale Netz werk platt formen nutzt er nicht. ■■ Für Patrick besteht der Nutzen des Internet vor allem darin, Informa tionen (z. B. für die Schule) zu suchen und Unter haltung zu finden. Er würde auch gerne Facebook nutzen, weil ein Teil seiner Freunde schon dort ist und er einen ge wissen Gruppen druck spürt. Seine Eltern er lauben ihm das aber noch nicht. ■■ Patrick möchte selbst die Kontrolle darüber be halten, was er von sich wem ver fügbar macht, z. B. ist sein Profil bild bei Google Mail (ein Hubschrauber) nur für seine Kontakte sicht bar. Bei seiner Internetnut zung orientiert er sich an seinen Eltern, die er fragt, bevor er sich bei einer neuen Anwen dung anmeldet. ■■ Trotz der eher geringen Interneterfah rung kennt Patrick die Risiken gut, die es gibt, wenn man zu viel über sich online offen legt. Ihm ist klar, dass z. B. Partybilder auf Facebook zu einem negativen Eindruck bei einem späteren Arbeit geber führen könnten. Seine eigenen Internet kennt nisse reflektiert er kritisch und weiß, dass er noch dazu lernen kann. ■■ Probleme be spricht Patrick vor allem mit seinen Eltern und manchmal auch mit Freunden. Konflikte mit Freunden regelt er persön lich und würde das nicht online machen. Die Kontrolle über seine Daten im Internet ist ihm wichtig. Aus dem Grund ver wendet er z. B. auf Spiele- Portalen eine anonymisierte E-Mail-Adresse. Patrick ist einer seits als wenig er fahrener Internet-Nutzer einzu schätzen, zeigt sich aber dennoch sehr risikobewusst. Bei seiner Internetnut zung orientiert er sich stark an seinen Eltern und richtet sich nach deren Vor gaben. Deswegen ist er auch auf Sozialen Netz werk- platt formen (noch) nicht unter wegs. Er ist spielebegeistert und greift in diesem Zusammen- hang auch auf das Internet zurück, ver hält sich dabei aber sehr vor sichtig. Insgesamt ver bringt er ver gleichs weise wenig Zeit im Internet. Seine zahl reichen Hobbys und Aktivi- täten haben in seinem Alltag eine höhere Bedeu tung. „Die meinen halt, wenn ich noch so zwei, drei Jahre älter bin, dann würden sie mich da hinlassen, weil ich dann vielleicht noch besser damit umgehen könnte, weil ich jetzt ja noch ein bisschen jung wäre und nicht gut mit meinen Daten vielleicht umgehen könnte.“ 92 Florian (14 Jahre) Florian besucht eine Realschule in der Stadt. Die meisten seiner Freunde hat er in der Schule kennen gelernt. Seine Eltern sind geschieden. Florian wohnt bei der Mutter. An jedem zweiten Wochen ende besucht er seinen Vater. Außerdem kümmern sich seine Großeltern um ihn. Sein Vater arbeitet im Energiebereich, seine Mutter in der Tourismus branche. Florian geht aktiv zwei Sportarten nach. Er kennt sich nach eigener Einschät zung gut mit Computern aus und be geistert sich für Videospiele. Mit Freunden tauscht er sich darüber hinaus gerne über aktuelle Mode und digitale Spiele aus. Er sagt von sich, er sei ein sehr guter Koch und möchte sich – so seine derzeitige Idee – von einem kleinen Hilfs koch zum Chefkoch hocharbeiten. ■■ Im Internet nutzt Florian vor allem Facebook und YouTube. Über Facebook tauscht er sich vor rangig mit seinen Freunden aus. Er nimmt dort auch Anfragen von Personen an, die er bislang nicht kannte. Er ver sucht, sich vorher über die Profilinforma tionen ein Bild von den Anfragen den zu machen. ■■ Der primäre Gewinn von Facebook besteht für Florian darin, mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben, die eben falls alle Facebook nutzen. Dort kann er sich über seine Kontakte genauer informie ren, mit ihnen Ver abre dungen treffen und ihnen von seinen Erleb- nissen be richten. ■■ Florian gibt in Facebook seinen Namen an und be richtet offen von seinen Hobbys und Interessen. Er ver meidet es aber, seine Kontakt daten, pein liche Informa tionen oder Fotos von sich, aber auch von anderen, dort einzu stellen. Sein Profil ist für Personen, die nicht in seiner Kontakt liste sind, nicht einseh bar. ■■ Spezifi sche Sorgen in Bezug auf Daten schutz macht sich Florian tendenziell nicht. Er kann aber sagen, was er im Internet nicht machen würde, weil es anderen schaden könnte, z. B. zu lästern oder pein liche Fotos von anderen zu ver öffent lichen. Außerdem findet er es nicht gut, wenn Lehrer auf sein Profil zugreifen können oder Firmen für Werbung seine Daten abrufen. ■■ Private Dinge wie Sorgen, Probleme oder Gefühle ge hören für Florian nicht ins Internet. Sport oder Partys sind für ihn allerdings nichts, was er geheim halten möchte. Wenn andere auf Facebook falsche Angaben machen, vor allem beim Namen, findet er das nicht gut, weil er wissen möchte, mit wem er es zu tun hat. Florian ist als durch schnitt licher Internetnutzer einzu stufen, der vor allem Facebook gerne nutzt, um mit Freunden, die auch weiter weg wohnen, in Kontakt zu bleiben. Er macht in Facebook einige Daten von sich öffent lich (Name, Hobbys, Fotos), schützt aber sein Profil, indem nur be stätigte Kontakte Zugriff auf seine Daten er halten. Eine be sonders kritische Haltung zum Umgang mit eigenen Daten im Internet legt Florian nicht an den Tag. Seiner Meinung nach gibt es Dinge, die jeder über ihn wissen kann. Anderes dagegen, z. B. pein- liche Fotos, die in Facebook ein gestellt werden, sieht er kritisch. „Ich schau mir die Bilder an, da erfährt man so den ersten Eindruck. Dann schau ich auch noch mal die Info nach, welche Interessen haben die, was machen die so. Darüber erfahr ich sehr viel.“ 93 Anna (14 Jahre) Anna besucht eine Haupt schule im länd lichen Raum. Da beide Eltern be rufstätig sind, ver- sorgt sie sich nach der Schule zu Hause meistens selbst. Ihr Vater arbeitet in einem Hotel, die Mutter ist Ver käuferin. Sie hat einen Bruder, der in einer Fabrik arbeitet. In ihrer Freizeit trifft sich Anna mit Freunden und Bekannten. Früher waren ein paar Sportarten ihr Hobby; das ist derzeit nicht mehr so. Weitere Hobbys nennt sie nicht. Anna glaubt, dass andere über sie denken, sie würde ziem lich viel Zeit in ihrem Zimmer ver bringen. Die Nutzung des Internet zum Aus tausch im Freundes kreis und zur Unter haltung nimmt in ihrem Alltag eine wichtige Rolle ein. Nach dem Schulabschluss möchte sie eine Aus bildung als pharma- zeutisch-techni sche Assistentin machen. ■■ Anna ist in Facebook und in einer lokalen Sozialen Netz werk platt form registriert, nutzt Skype und YouTube. Sie geht mehrmals täglich online und hat in Sozialen Netz werken auch Freunde, die sie nur über einen Nachrichten austausch kennen gelernt hat. ■■ Soziale Netz werk platt formen dienen Anna vor allem dazu, mit all ihren Bekannten jederzeit in Kontakt treten zu können und über Neuig keiten wie Ver anstal tungen oder Erleb nisse ihrer Freundinnen informiert zu werden. Zudem sieht sie den Vorteil, Konflikte besser mit Hilfe dieser Dienste als persön lich lösen zu können. ■■ Anna hat auf den Netz werk platt formen ihren Namen, Hobbys sowie ein Profil bild öffent- lich ge macht – weitere Informa tionen wie Geburts tag, Wohnort und Telefon nummer, Schul- noten und An gelegen heiten ihrer Familie sind für sie privat. Einen öffent lich sicht baren Aus tausch im Netz werk pflegt sie zu Themen wie Musik, Film, Serien, sofern sie sicher ist, mit ihren Vor lieben nicht alleine dazu stehen. ■■ Vor unerwünschten Kontaktanfragen hat Anna keine Angst: Sie kontrolliert die Daten von Personen, die sie kontaktie ren und erkennt auf diesem Wege auch Fake-Accounts, deren Anfragen sie dann ignoriert. Dass Freundinnen pein liche Videos auf Facebook zeigen, findet sie lustig, geht aber selbst vor sichtig damit um: Familie und Ver wandte könnten darauf zugreifen. Sind Informa tionen von ihr ohne ihr Einverständnis öffent lich, so sorgt sie dafür, dass diese ge löscht werden. ■■ Familiäre An gelegen heiten und Beziehungs fragen sind für Anna private Themen. Sie hat ein aus geklügeltes System, mit wem sie über welche Themen spricht: mit Eltern über den Schulabschluss, aber nicht das Wochen ende; mit besten Freundinnen über Wochen end- aktivi täten, aber nicht über Probleme ihrer Familie und so weiter. Für Anna sind das Internet und speziell Soziale Netz werk platt formen ein sehr wichti ges Medium, um sich mit Freunden offen auszu tauschen. Durch die Mitglied schaft im Netz werk fühlt sie sich sozial ein gebunden und präsentiert sich dort ihrer Meinung nach weniger schüchtern als real. Sie geht relativ offen, aber auch „ab gestuft“ mit ihren Daten im Internet um. Auf un gewollte Kontaktanfragen reagiert sie selbst bewusst. „Ja, also im Internet schreibt man halt offener so … – da muss man halt nicht jemandem ins Gesicht sehen, wenn man mit dem reden will oder so und irgendeinen Streit auf klären will.“ 94 Jugend liche zwischen 15 und 17 Jahren Jonas (15 Jahre) Jonas besucht ein Gymnasium in der Stadt. Er lebt zusammen mit seinen Eltern und zwei jüngeren Geschwistern in einem Vorort. Sein Vater arbeitet in einer staat lichen Einrich tung. Seine Mutter ist freiberuf lich tätig. Jonas gibt an, er habe nach einem Umzug Schwierig- keiten damit gehabt, neue Freunde zu finden. Er be schäftigt sich in seiner Freizeit mit einer Vielzahl von Spielen, die er alleine oder in seinem kleinen Freundes kreis spielt: Strategiespiele, Karten spiele, Offline- oder Online-Videospiele. Im Internet nutzt er vor allem An gebote aus dem Bereich des Online-Gaming. Für diese be nötigt er selten mehr Angaben als ein Pseudonym und eine E-Mail-Adresse. Umfang reiche Profile hat er im Internet nicht. Über Soziale Netz werk platt formen tauscht sich Jonas mit seinen Freunden kaum aus. Nach dem Abitur möchte er Chemie oder Informatik studie ren. ■■ Jonas ist nicht täglich im Netz aktiv, unter anderem, weil ihm das die Eltern mit dem Ziel ver bieten, dass er sich besser in der Schule konzentrie ren soll. Er hat einen Laptop und einen Desktop-Rechner und nutzt diese Geräte vor rangig zum Spielen. Skype ver wendet er ab und zu zur Kommunika tion, um mit seinen Freunden Kontakt zu halten. ■■ Soziale Netz werk platt formen ver wendet Jonas kaum und inzwischen so gut wie gar nicht mehr. Der einzige mögliche Nutzen, den er sieht, besteht darin, sich bei Social Games auf Facebook unter einander zu helfen. ■■ Entsprechend hat Jonas auf Facebook wenige persön liche Daten von sich ein gestellt: nämlich nur den Namen und das Geburts datum. Bei Online-Spielen ver wendet er Pseudo- nyme. Fotos möchte er nicht von sich ver öffent lichen. ■■ Ob er in Facebook schon einmal Privatsphäre-Einstel lungen vor genommen hat, kann Jonas nicht sagen. Da er Soziale Netz werk platt formen kaum nutzt und nur wenige Daten ein gegeben hat, sieht er keinen Anlass, sich darüber Gedanken zu machen. Speziell mit Bank daten ist er vor sichtig, weil er durch aus Betrüger im Netz ver mutet. ■■ Privat sind für Jonas vor allem das Familien leben und Sorgen rund um die Schule. Aber auch die eigenen Einkäufe sind etwas, was er nicht mit anderen teilen möchte. Welche Interessen er hat, dürfen andere dagegen von ihm wissen. Jonas Beispiel im Umgang mit dem Internet zeigt, dass es auch Jugend liche gibt, die kein Interesse an Sozialen Netz werken haben. Der Grund hierfür scheint darin zu liegen, dass er nur wenige Freunde hat, mit denen er sich ver netzen kann. Für das Interessens gebiet Spiel sind andere Internetanwen dungen wichti ger; Selbst darstel lung und Kommunika tion spielen dabei keine nennens werte Rolle. Ent sprechend gering ist Jonas Wissen und Risikobewusstsein in punkto Soziale Netz werk platt formen. „Es ist mir relativ egal, was Leute, die ich nicht kenne, von mir denken, weil die mich wahrschein lich auch nicht kennen. Höchstens übers Internet und dann dürfen sie ruhig denken, was sie wollen. Meine Freunde, die sehe ich ja mehr oder weniger auf täglicher Basis dann, die wissen ja sowieso, dass ich anders bin, wie’s vielleicht rüberkommt im Internet.“ 95 Sarah (15 Jahre) Sarah besucht eine Haupt schule in der Stadt. Sie ist Einzel kind und wohnt zusammen mit ihren Eltern in einem ge hobenen Viertel im innerstädti schen Bereich. Ihr Vater arbeitet in einem inter nationalen Groß konzern, ihre Mutter ist Haus frau. Nach mehreren Umzügen innerhalb von Deutschland ist ihr Freundes kreis über das Bundes gebiet ver teilt. Sarah investiert viel Zeit, um frühere Freund schaften mittels Sozialer Netz werk platt formen zu halten. Neue Freund schaften knüpfte sie nach eigenem Empfinden mühe los am jeweils neuen Wohnort ihrer Familie. Soziale Netz werk platt formen empfindet sie dabei als Erleichte- rung. Mit Freunden ver bringt sie viel Zeit in der Stadt und beim Einkaufen. Sie nimmt sich als beliebt wahr. Sie möchte in der nächsten Zeit möglichst am selben Ort wohnen. Wenn es in der Schule gut läuft, möchte sie auf eine weiter führende Schule. ■■ Sarah ist es ge wohnt, mit ihrem Smartphone immer im Internet zu sein. Dass ihr in der Schule die Nutzung des Geräts für die Dauer des Unter richts ver wehrt wird, empfindet sie als autoritären Eingriff in ihren Hand lungs spiel raum. ■■ Facebook gibt Sarah die Möglich keit, Personen, mit denen sie das erste Mal zu tun hatte, leichter kennen zulernen als durch persön liche Gespräche. Nach Umzügen ist Facebook für Sarah eine einfache Möglich keit, neuen Klassen kameraden Einblicke zu geben, wer sie ist und was sie macht. Facebook ist für Sarah außerdem ein Kommunika tions raum, in dem sie von Lehrern und Eltern unabhängig ist. ■■ Sarah hat einmal die Daten schutz einstel lungen in Facebook so geändert, dass nur ihre Freunde auf ihre Beiträge zugreifen können. Telefon nummern, E-Mail-Adressen und alle anderen Daten macht sie ihren Freunden zugäng lich. Sarah schreibt gerne Beiträge über andere oder nimmt an Umfragen über andere teil. Wenn sie Fotos von anderen ver öffent- licht, fragt sie nicht nach, ob die ab gebildeten Personen damit einverstanden sind. Sarah schreibt in ihrer Pinnwand bei Facebook über alles, was sie in ihrem Alltag be schäftigt. ■■ Sarahs Risikobewusstsein ist gering aus geprägt. Wie sich der Anbieter Facebook finanziert, weiß sie nicht. Sie hat noch nicht darüber nach gedacht, wie ihre Daten ver arbeitet werden. Mit den Einstel lungen für den Daten schutz hat sie sich bisher kaum be schäftigt. ■■ Sarah hat ein aus geprägtes Bedürfnis nach Privat heit außerhalb der Kontrolle von Autori- täts figuren. Es gibt Themen, die sie nur mit Freunden be spricht; der Raum dafür ist Facebook. Als privat empfindet sie aber auch das Zuhause, in dem sie wohnt. Dort gibt es Themen, die sie nur mit ihrer Familie be spricht. Facebook ist für Sarah ein sehr wichti ger und eigenständi ger Kommunika tions raum, in dem sie sich von Erwachsenen unabhängig fühlt. Sie ist wenig risikobewusst und macht sich wenig Gedanken über die Sicher heit in Sozialen Netz werk platt formen. „Ich find’s gut, wenn meine Lehrer oder meine Eltern nicht mitlesen können, was ich auf Facebook so schreibe. Ich würde da sonst nicht so viel schreiben und ich will nicht, dass die mich da aus spionie ren.“ 96 Julia (15 Jahre) Julia besucht eine Realschule in der Stadt. Sie wohnt zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder in einer Reihen haussied lung. Ihre Mutter ist im Pflegebereich tätig. Ihr Vater hat eine kaufmänni sche Aus bildung, ist aber momentan ohne Arbeits stelle. Julia empfindet sich in der Klassen gemein schaft als eher isoliert und ärgert sich über das Ver halten ihrer Klassen- kameraden, die sie häufig als kindisch wahrnimmt. Auf der einen Seite fühlt sich Julia ihnen über legen, auf der anderen Seite be drücken sie die Probleme im Umgang mit anderen offen bar. Ihre Internetnut zung ist analog zum Ver hältnis zu ihren Mitschülern: Sie ver wendet nur wenig Zeit darauf, sich mit Personen aus ihrem Schulalltag über Soziale Netz werk platt- formen zu ver netzen. Die Beiträge ihrer Peers findet sie wenig interessant. Sie hat Berufs- wünsche wie Archäologin oder Rechts anwältin. Wenn ihre Noten gut genug sind, möchte sie das Abitur nach holen und studie ren. ■■ Julia ver sucht, jeden Tag online zu gehen, aber nur kurz, um E-Mails zu ver schicken und in Facebook nach neuen Nachrichten zu sehen. Am Computer zu sitzen, findet sie eher langweilig. Bei Facebook nimmt sie nur Kontaktanfragen von Personen an, die sie schon einmal persön lich ge troffen hat. ■■ Soziale Netz werkseiten sind für Julia vor allem dazu da, um mit Freunden und Mitschülern Kontakt zu halten. Dazu wurde ihr auch geraten. Sie hat in Facebook weniger als 40 Kontakte. ■■ Julia geht mit ihren Daten im Internet sehr vor sichtig um und macht kaum etwas über sich öffent lich – keine Fotos und keinen vollen Namen. Sie diskutiert auch keine Themen mit anderen online, wenn die Beiträge für andere sicht bar sind. Wenn andere falsche Angaben im Internet machen, stört es sie nicht. Dass Fotos von ihr ohne ihr Wissen online sind, möchte sie möglichst ver hindern. ■■ Julia schildert von sich aus zahl reiche Risiken im Umgang mit Sozialen Netz werk platt- formen, die sie insbesondere aus dem Fernsehen kennt, aber auch durch Eltern und Lehrer er fahren hat. ■■ Privat sind für Julia persön liche oder familiäre Probleme, die sie nur mit Personen be- spricht, die ihr sehr nahe stehen. Solche Dinge ge hören für sie nicht ins Internet. Julia will zudem keinen Kontakt mit fremden Personen in Netz werken und lehnt es ab, dass man Informa tionen über sie im Internet findet. Julia ist eher unerfahren im Umgang mit dem Internet, weil sie darauf ver gleichs weise wenig Zeit ver wendet. Sie findet es nicht gut, wenn andere viel Zeit im Internet ver bringen. Sie ist wegen ver schiedener Gefahren im Internet (Daten klau, Mobbing etc.), die sie kennt, be- unruhigt. Sie be zeichnet sich selbst als anders im Ver gleich zu anderen, be urteilt das aber ambivalent. Die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen ist für sie eher ein soziales „Muss“ und weniger ein An gebot, das sie persön lich schätzt. „Ich hab immer allgemein Angst, wenn ich was an klicke, dass irgendwas dann gleich passie ren kann. Ent weder ich frage meinen Bruder oder meinen Vater oder meine Freundin. Also die eigent lich mehr Ahnung haben.“ 97 Martin (16 Jahre) Martin besucht eine Haupt schule im länd lichen Raum. Er be zeichnet sich selbst als lusti gen Menschen, der manchmal ein wenig unzu verlässig sein kann. In seiner Freizeit trifft er sich mit Freunden, spielt Videospiele oder liest im Internet aktuelle Meldun gen. Soziale Netz- werk platt formen sind ein täglicher Begleiter. Er ist sehr an Sport themen interessiert und selbst sport lich aktiv. Zusammen mit seinem Vater be geistert er sich für Rennsport. Martin gibt an, sich früher zu dick ge funden zu haben. Außerdem macht er sich Gedanken darüber, dass er am Gymnasium gescheitert ist, das er früher besucht hat. Er möchte jetzt seinen Schulabschluss ziel strebiger ver folgen und eventuell sogar studie ren, um später Sport- journa list werden zu können. ■■ Martin nutzt täglich Facebook und eine lokale Netz werk platt form. Zudem besucht er Internet seiten, die sein Sport-Interesse be dienen. In seinen Kontakt listen gibt es viele Personen, die er nicht persön lich, sondern nur vom Namen her oder nur über die Platt form kennt. Mit Kontaktanfragen geht er kulant um und nimmt sie meistens an. ■■ Soziale Netz werk platt formen nutzt Martin vor allem, um sich mit anderen zu ver abreden, sich über andere zu informie ren und sich auszu tauschen. Er ver wendet auch Status meldun- gen, um sich über spannende Erleb nisse zu äußern und Meinun gen zu ver treten, mit denen er bei seinen Freunden durch aus aneckt oder in Streit gerät. ■■ Martin unter scheidet bei privaten Daten zwischen Freunden, die sein Profil sehen können, und anderen Netz werknutzern, mit denen er nicht be freundet ist. Freunde informiert er in Facebook über Beziehungs status, Interessen und Alltags erleb nisse, Außen stehende dagegen nicht. Das einzige, was er nicht im Netz angibt, ist sein Wohnort. Sensible Informa tionen anderer, wie z. B. Ärger mit Freundinnen oder Erleb nisse, die mit Drogen zu tun haben, gibt er grundsätz lich nicht weiter. ■■ Vor Recherchen nach seiner Person hat Martin keine Angst, weil er aus seiner Sicht keine problemati schen Beiträge ver öffent licht. Bei seinen Mitschülerinnen sieht er die Gefahr, dass sie Opfer von Kontakt aufforde rungen älterer Männer werden, weiß aber auch um Hilfen bei solchen Problemen (z. B. Meldung an Netz werk betreiber). ■■ Privat sind für Martin familiäre und Beziehungs angelegen heiten, aber auch sein Schul- abstieg vom Gymnasium. Sein Wohnraum zu Hause sowie die sexuelle Beziehung zu seiner Freundin sind für ihn eben falls privat. Martin gibt sehr offen Aus kunft darüber, wie er Soziale Netz werk platt formen nutzt. Auch im Internet äußert er sich offen und begibt sich schon mal in hitzige Diskussionen. Die Konsequenzen seiner Ver öffent lichungen (auch Schimpfwörter; sich über andere lustig machen usw.) sind ihm teils bewusst, teils äußert er sich hierzu aber auch wider sprüch lich. „Ja so wenn ich auf Fotos markiert bin, auf denen dann – also ich lieber nicht drauf [bin], auf denen meine ganzen Freunde dann rauchen und stehen mit der Kippe herum und der Bierfla sche …, – dann mache ich die Markie rung weg.“ 98 Bastian (16 Jahre) Bastian besucht eine Realschule im länd lichen Raum. Nach der Grundschule wechselte er zunächst in die Haupt schule; später be suchte er ein Gymnasium und zuletzt wechselte er auf die Realschule. Seine Eltern leben ge trennt; beide sind im Handwerk tätig. Sein Bruder studiert. Seine Haupt bezugs gruppe in der Freizeit sind Freunde aus seinem Fußball verein und weitere Fußball begeisterte aus anderen Städten. Er interessiert sich für Graffiti-Kunst und möchte nach dem Schulabschluss eine Aus bildung zum Produk tions designer oder zum Medien gestalter be ginnen. Bastian nutzt seit mehreren Jahren eine lokale soziale Netz werk platt form, ver lagert seine Aktivität in letzter Zeit aber zu Facebook. Er informiert sich darin vor allem über Trainingstermine seiner Fußball gruppe. ■■ Bastian ist in Facebook und einer lokalen Netz werk platt form registriert und greift auf diese täglich am Nachmittag und abends zu. Er hat nur Personen in seinen Kontakt listen, die er persön lich kennt und sympathisch findet. ■■ In Sozialen Netz werken hat sich Bastian auf Ratschlag seiner Freunde registriert. In- zwischen schätzt er dort vor allem die Möglich keit, sich per Nachrichten auszu tauschen. Zudem informiert er sich in Facebook z. B. über Sport-Termine. ■■ Bastian ver öffent licht Informa tionen zu seinen Interessen (z. B. Musik) und Hobbys, sowie sein Alter und seine aktuelle Schule. Bei Fotos von Partys ist er dagegen vor sichtig. Informa- tionen über seine Freunde, z. B. zu ihren Aktivi täten oder privaten An gelegen heiten, würde er nicht un gefragt weiter geben. An ihnen orientiert er sich auch, wenn er Fragen zur Nutzung von Facebook hat. ■■ Dass andere Personen nach seinem Profil recherchie ren können, ist Bastian bewusst und er trifft daher auch Vor kehrungen: Zum einen achtet er darauf, dass seine Postings un verfäng lich sind; zum anderen ist er Mitglied in der Gruppe „Achtung, Facebook“, in der Diskussionen zum Daten schutz ge führt werden. ■■ Zur Privatsphäre ge hören für Bastian Informa tionen darüber, wo er wohnt oder sich gerade aufhält, die Beziehung zu seiner Freundin sowie schuli sche und familiäre An gelegen heiten. Diese persön lichen Informa tionen teilt er nur unter besten Freunden. In Facebook nutzt er einen Spitz namen, um vor rangig mit guten Freunden, die ihn und seinen Spitz namen kennen, Kontakt zu pflegen. Bastian zeigt im Interview, dass er sich Gedanken zur Nutzung von Sozialen Netz werk- platt formen macht: Er ver gleicht ver schiedene Dienste und passt auch sein Profil an die unter schied lichen Daten schutz einstel lungen der beiden Netz werke an, die er ver wendet. Seine Mitglied schaft in einer Gruppe zum Daten schutz bei Facebook zeigt, dass er für Fragen der Privatsphäre und Sicher heit von Daten im Internet sensibilisiert ist. „Ja, also, ich finde, dass man nicht sein ganzes Leben auf Facebook posten muss, wo man immer ist oder so. Ja, und wie’s einem geht. Da gibt’s schon so Leute, die machen das.“ 99 Lisa (17 Jahre) Lisa besucht die Oberstufe eines Gymnasiums in einem Stadt vorort. Ihr Vater arbeitet in der Technik branche, ihre Mutter im Medizinbereich. Im Haus der Familie wohnen außerdem zwei Brüder. Sie greift auf das Internet hauptsäch lich mit einem Desktop-Rechner in ihrem eigenen Zimmer zu. Sie besitzt zwar ein Smartphone, ver fügt aber nicht über einen Ver trag, der ihr damit einen Zugang zum Internet er möglicht. Damit sie schnell auf neue Nachrichten aus ihrem weit ver zweigten Bekannten kreis reagie ren kann, ist Lisa zu Hause ständig im Internet, auch wenn sie sich gerade mit anderen Dingen be schäftigt. Zu ihren Aktivi täten gehört ihre Arbeit als Schüler sprecherin. Sie geht in Ver einen mehreren Sportarten nach und spielt Klavier. Sie hat vielseitige Hobbys und einen breiten Bekannten kreis. Sie hat noch keine Ziele für die Zeit nach der Schule. ■■ Lisa ist zu Hause stets online, nicht aber unter wegs. Soziale Netz werk platt formen spielen eine große Rolle für sie, um immer er reich bar zu sein. Sie nutzt vor allem Facebook, den Internet-Messenger ICQ und den Webmailer Web. de. ■■ Sie schätzt an den Sozialen Netz werk platt formen die Integra tion von ver schiedenen Kommunika tions werkzeugen, mit denen sie die Form der Kommunika tion an ihre Anforde- rungen anpassen kann: z. B. längere Texte an einzelne Personen über persön liche Nach- richten, schnelle Fragen und Antworten über den Chat, dauer hafte Darstel lungen von Erfolgen (z. B. sport licher Art) und interessante Themen aus ihrem Bekannten kreis über die Pinnwand. ■■ Für Lisa sind in Facebook vor allem Kommunika tions werkzeuge wichtig. Daher ist sie nicht sonder lich interessiert daran, viel von sich zu zeigen. Sie möchte nicht, dass andere Personen detaillierte Angaben über sie finden. ■■ In ihrer Art der Nutzung sieht Lisa wenig Grund zur Besorgnis in Sachen Daten schutz und Privatsphäre. Sie glaubt, über Risiken gut informiert zu sein, und kann auch konkret be nennen, welche Daten sie wem zeigt. Eine ge wisse Orientie rung scheint ihr hier ihr Vater zu geben. Lehrern traut Lisa nicht zu, Jugend liche für sichere Nutzungs weisen sensibilisie- ren zu können, da zu ihnen ein Ver trauens verhältnis fehle. ■■ Lisa möchte nicht den Eindruck er wecken, jemand zu sein, der viel Zeit in das eigene Profil steckt, so dass man meinen könnte, man habe keine anderen Interessen. Interessen hat Lisa nämlich viele. Allerdings ist sie auch der Ansicht, Angaben wie der echte Name oder ein echtes Bild seien er forder lich, um ge funden zu werden und kommunizie ren zu können. Das solle aber jeder selbst ent scheiden. Lisa ist viel im Internet und möchte sich dort vor allem mit anderen aus tauschen, auch über ihre Interessen und Freizeitaktivi täten, die breit ge streut sind. Der schnelle Aus tausch mit ge zielt einsetz baren Werkzeugen steht bei ihrer Nutzungs weise im Vordergrund. Damit sie schnell auf neue Nachrichten reagie ren kann, ist sie zuhause ständig im Internet, auch wenn sie sich gerade mit anderen Dingen be schäftigt. „Ich mache nicht so viele Angaben. Es ist mir eigent lich schon wichtig, dass ich eben nicht so rüberkomme, als hätte ich kein Leben und müsste alles da an geben im Internet.“ 100 Jugend liche zwischen 18 und 20 Jahren Johanna (18 Jahre) Johanna durch läuft eine Aus bildung als Kauffrau im Einzelhandel. Eine frühere Aus bildung im Friseurhandwerk hat sie nach Konflikten ab gebrochen. An ihrem jetzigen Arbeits platz schätzt sie den Umgang zwischen den Mitarbeiterinnen. Ihr Vater und ihr Mutter gehen kaufmänni schen Berufen nach. Sie kommt sehr gut mit ihren Eltern aus und sucht häufig bei ihnen Rat, wenn sie Unter stüt zung oder Rück halt in schwieri gen Situa tionen be nötigt. Gleichzeitig betont sie, dass es ihr wichtig ist, ein eigenes Leben zu haben und nicht alle Gedanken mit ihren Eltern zu teilen. In ihrer Freizeit geht sie mit ihren Freunden gerne lange aus. Soziale Netz werk platt formen spielen für sie keine Rolle. Derzeit be reitet sie sich auf ihre Ab schlussprü fung vor. ■■ Johanna nutzt bislang aus schließ lich Internetdienste, die nur wenige persön liche Daten er fordern: E-Mail und Internet seiten, keine Sozialen Netz werk platt formen oder Messenger- Dienste. Mit diesem Nutzungs muster ist sie im Kreis ihrer Freundinnen zunehmend isoliert, weil diese ver mehrt diese Dienste nutzen. ■■ Johanna informiert sich im Internet über Themen, die sie interessie ren und die für ihre Aus bildung wichtig sind. Einen Aus tausch mit engen Bezugs personen praktiziert sie über E-Mail. Soziale Netz werk platt formen ver sprechen nach ihrem Wissens stand keinen ver tieften Aus tausch, der über die Möglich keiten der E-Mail hinaus ginge. ■■ Was die Regula tion ihrer Privatsphäre angeht, fühlt sich Johanna sicher, weil sie nur sehr wenige An gebote nutzt und das Erstellen von umfang reichen Profilen im Netz bislang für sich aus schließt. Dabei gerät sie allerdings in den Konflikt mit den Erwar tungen aus ihrem Freundes kreis. ■■ Johanna ver öffent licht so gut wie keine Informa tionen über sich im Internet. Ihre Erfah- rungen mit, aber auch Kennt nisse über Dienste des Social Web sind gering. Sie legt eine skepti sche bis ab lehnende Haltung gegen über Sozialen Netz werk platt formen an den Tag und ver weist dabei auf die Negativberichterstat tung der Medien. ■■ Enge, ver trauens volle Beziehungen haben für Johanna eine hohe Bedeu tung. Gegen über fremden Personen ist sie sehr vor sichtig. Sie kommuniziert daher im Internet nur mit bereits be kannten Personen und, weil es nicht anders geht, mit Personen, mit denen sie sich über Ver anstal tungen im Rahmen ihrer Aus bildung ab stimmen muss. Dienste mit persön lichen Profilen, die fremden Personen dargeboten werden, sind ihr ein Gräuel. Soziale Netz werk- platt formen ver letzen Johannas Bedürfnis, welche ihrer persön lichen Daten privat bleiben sollten. Im Ver gleich zu den anderen Interviews mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen sticht Johanna mit ihrer ab lehnen den Haltung stark heraus, die andere so nicht teilen können. Ein wichti ger Grund scheint bei ihr die Negativberichterstat tung in den Medien zu sein. In der Folge weiß sie auch kaum etwas über Soziale Netz werk platt formen. „Wenn man da mal Probleme hat mit Beziehungen, Freund, was weiß ich, dann schreib ich schon auch mal eine E-Mail … Ich würd das nie bei Lokalisten machen, wo es dann jeder sehen kann.“ 101 Dennis (18 Jahre) Dennis besucht die Oberstufe eines Gymnasiums in einem Vorort der Stadt. Sein Vater leitet eine Agentur, die unter anderem Kampagnen auf Sozialen Netz werk platt formen betreut. Sein älterer Bruder studiert. Dennis gibt an, sowohl mit seinem Vater als auch mit seiner Mutter über alles reden zu können. Seine Bezugs gruppen in der Freizeit sind seine Fußball- mann schaft sowie Freundes kreise an seinem Wohnort. Seine Freunde lernt er nur außerhalb des Internet kennen. In der Schule war Dennis in einer sogenannten Laptopklasse; dort war der eigene Computer für ihn ein alltäg liches Arbeits gerät. Nach dem Abitur möchte er ein Studium be ginnen, um später als Wirtschafts ingenieur, Sportjournalist oder Marketing- berater arbeiten zu können. ■■ Dennis ist bis zu drei Stunden am Tag online; nur einen geringen Teil davon wendet er für die schuli sche Nutzung auf. Er nutzt vor allem Facebook sowie Informa tions- (Fußball), Unter hal tungs- und Spieleseiten, zusätz lich noch Messenger und E-Mails. Die Endgeräte hierfür sind ein Laptop und ein iPhone. In seiner Kontakt liste hat Dennis primär Bekannte aus dem schuli schen Umfeld, wobei ihm manche Kontakte kaum persön lich bekannt sind. ■■ Für Dennis liegt der Nutzen Sozialer Netz werk platt formen darin, dass er damit Zugang zu Informa tionen hat und sich mit anderen aus tauschen, koordinie ren oder ver abreden kann. In seinem Profil will er sich möglichst natür lich präsentie ren. ■■ Informa tionen ver öffent licht Dennis sehr ge zielt an aus gewählte Benutzer gruppen, wobei er sich mit persön lichen Daten über Dritte stark zurück hält und private An gelegen heit lieber persön lich be spricht. Er achtet darauf, dass nur un verfäng liche Partybilder oder Aufenthalts- orts angaben ver fügbar sind. Er ver öffent licht aber Informa tionen über seine Interessen und Aktivi täten. Er orientiert sich vor allem an seinen Freunden. In Aus nahmefällen wendet er sich auch an seinen Vater. ■■ Dennis ist sich der Risiken von Sozialen Netz werken bewusst und kennt sich mit Privat- sphäre-Optionen und anderen Einstel lungen gut aus. Insgesamt gibt er kaum bzw. nur sehr ge zielt an aus gewählte Personen persön liche Daten weiter. ■■ Privat sind für Dennis vor allem Gefühle, z. B. ver liebt zu sein oder Ärger zu haben, was er aus schließ lich mit Freunden be spricht. Intime Gefühle haben seiner Ansicht nach nichts im Internet zu suchen. Dennis hat viel Erfah rung im Umgang mit Computer und Internet. Er nutzt auch Soziale Netz werk platt formen reflektiert und mit klarem Bezug zu den eigenen Zielen. Beratung sowohl in der Familie (professio nelle Beschäfti gung mit digitalen Medien) als auch in der Schule (Besuch einer Laptop-Klasse) scheinen Dennis gut „ge wappnet“ zu haben. Was privat und für Soziale Netz werk platt formen unge eignet ist, benennt er klar und knapp. Online-Netz werke sind in seine realen sozialen Beziehungen ein gebettet. „Meine Freunde such ich mir eigent lich nicht über die sozialen Netz werke; eher pfleg ich den Kontakt, den ich mit denen hab, einfach darüber weiter. Die Freunde, die ich hab, hab ich zum Beispiel über die Schule oder den Sport verein oder die lern ich auf … Partys kennen.“ 102 Erik (19 Jahre) Erik hat zum Zeitpunkt des Gesprächs gerade sein Abitur an einem Gymnasium in der Stadt ab geschlossen. In Bezug auf seinen weiteren Werdegang ist er noch unsicher. Er weiß nicht genau, was er studie ren soll, hat sich aber auch noch wenig informiert. Er spielt seit der vierten Klasse Handball in ver schiedenen Ver einen. Zu den meisten seiner Freunde hat er kein Ver trauens verhältnis. Über persön liche Themen spricht er nur mit der Familie oder wenigen engen Freunden. Weder das Internet generell noch speziell Soziale Netz- werk platt formen wie Facebook nutzt Erik sonder lich oft. Während ihn der Aus tausch mit Freunden und Bekannten nur wenig interessiert, be geistert er sich für die Möglich keiten von Facebook, mit Menschen aus der ganzen Welt in Kontakt zu kommen, die seinen Familiennamen tragen. ■■ Erik nutzt das Internet nur sporadisch und wenig aktiv. Am häufigsten greift er auf Facebook und seine E-Mail-Adresse bei MSN zu. Dafür ver wendet er in der Regel seinen eigenen Computer. Eigene Beiträge auf Facebook ver fasst er nicht. ■■ Dass Erik Facebook nutzt, liegt vor allem daran, dass seine Freunde und Schul kameraden das auch tun und es beinahe schon einen Zwang dazu gibt. So liefen z. B. die Planun gen seines Abiturjahrgangs zur Abi-Fahrt komplett über Facebook. Weil er nicht so oft im Netz ist, hat er manches zu spät mitbekommen. ■■ Erik hat in Facebook seinen Namen ein gegeben; mit Aus nahme einiger alter Fotos sowie Ver linkungen auf Fotos seiner Freunde findet sich kaum etwas über ihn. Für Fremde hat er sein Profil ge sperrt. Daten anderer gibt er online nicht weiter, kommentiert nur ab und zu Fotos. Ver linkungen auf sein Profil, die ihm nicht ge fallen, löscht er. ■■ Mit möglichen Risiken in Bezug auf Daten miss brauch im Internet kennt sich Erik wenig aus und ist unsicher in Bezug auf seine Privatsphäre-Einstel lungen bei Facebook. Daher geht er lieber vor sichtig mit seinen eigenen Daten um. ■■ Eigene Probleme stellen für Erik Themen dar, die er nur mit seiner Familie oder einigen wenigen Freunden be spricht. Im Internet möchte er das nicht. Er lehnt es auch ab, dass Fremde Zugriff auf seine Daten haben; wenn sein Profil dadurch langweilig er scheint, ist ihm das egal. Nachrichten von anderen auf seiner Pinnwand findet er unangenehm, da ihm diese Form der Kommunika tion schon zu öffent lich ist. Erik ist kein intensiver Internetnutzer. Auch in Facebook ist er wenig aktiv und macht kaum etwas über sich öffent lich. Zu seinen Freunden scheint er kein richti ges Ver trauens verhältnis zu haben. Über private Dinge spricht er nur mit der Familie oder einigen wenigen Freunden. Soziale Netz werk platt formen spielen in seinem Alltag kaum eine Rolle. Am ehesten ver folgt er noch ein spezielles Interesse (Familiennamen) im Internet. „Bei diesen Profilen im Internet für Fremde habe ich jetzt eigent lich, hoffe ich, glaube ich, alles ge sperrt. Für Freunde, da habe ich das Profil einmal so ungefähr aktualisiert, ganz am Anfang, als ich mich an gemeldet habe, und seitdem steht da quasi so gut wie nichts drin, aber ein bisschen was halt.“ 103 Franziska (20 Jahre) Franziska studiert und strebt einen Ab schluss in einem Bachelorstudiengang an. In ihrer Freizeit ist sie in einem Handball verein aktiv. Derzeit lebt sie noch im Haus ihrer Familie in einem Vorort ihrer Universi täts stadt. Ihre Mutter ist vor einigen Jahren ver storben. Seitdem nimmt sie sich häufiger in der Rolle einer Ver trauens person in ihrem Freundes kreis wahr. Sie wird an gesprochen, wenn sich ihre Freunde Rat in schwieri gen Situa tionen er hoffen. Franziska ver mutet, dies läge daran, dass sie schon Erfah rungen mit Kummer und der Ver arbei tung schwieri ger Lebens situa tionen habe. Internet und Soziale Netz werk platt formen nutzt sie pragmatisch. Nach ihrem Studium möchte sie in einem Ver siche rungs unternehmen arbeiten oder einer Tätig keit im Umwelt sektor nach gehen. ■■ Franziska nutzt neben der Homepage ihres Studien faches be sonders häufig Facebook. In ihrer Kontakt liste be finden sich Menschen, die sie kennt und regelmäßig trifft. Bekommt sie Freundschafts anfragen von jemandem, den sie nicht leiden kann, ignoriert sie die Anfrage. ■■ Auf Facebook kann Franziska über Informa tionen und Fotos an den Aktivi täten ihres Handball vereins teilhaben. Zudem tauscht sie sich auf Facebook innerhalb von Lerngruppen ihres Studiengangs sowie mit alten Schul kameraden aus. Bei Profil bildern achtet sie darauf, sich dort aus ihrer Sicht gut zu präsentie ren. ■■ Ihre Daten kontrolliert Franziska in Facebook bewusst: Sie ver öffent licht ihre Telefon- nummer, E-Mail-Adresse, Wohnort und den kompletten Namen nicht. Die Daten anderer Personen gibt sie nicht un gefragt weiter. Themen, über die sie in Facebook kommuniziert, sind z. B. Musik oder Videos, die sie unter haltsam findet. ■■ Dass andere nach ihren persön lichen Daten suchen könnten, erfüllt Franziska mit Sorge. Sie be fürchtet, dass Leute ihr – sofern sie viel über ihre Person er fahren – etwas „antun“ könnten. Um sich davor zu schützen, nutzt sie zum einen eine Firewall und selektiert zum anderen sehr über legt die persön lichen Informa tionen, die sie im Internet öffent lich macht. ■■ Für Franziska sind ihr Zimmer, ihre Gefühle, Informa tionen zu ihrer Aus bildung und ihrem Leben sowie ihre Familie Teil eines privaten Raumes, den sie vor Eingriffen von Fremden schützen möchte. Informa tionen aus diesem privaten Raum gibt sie nur Personen weiter, denen sie ver traut. Bei Personen, denen sie ver traut, erhofft sie sich Ver ständnis für ihre Gefühle oder Einschät zungen. Die Nutzung des Internet spielt für einen Aus tausch mit ver trauten Personen kaum eine Rolle. Franziska achtet sowohl im als auch außerhalb des Internet sehr bewusst darauf, welche persön lichen Informa tionen sie mit wem teilt. Für sie sind Ver trauen in Freundschafts- oder Familien beziehungen die Voraus setzung dafür, sich bzw. die eigene Person zu öffnen. Nach außen kontrolliert sie das Bild, das andere von ihr haben sollen, sehr genau. „Ich kann mir vor stellen, dass man da schon ganz schön jemanden damit irgendwie in der Hand hat, wenn man so seinen ganzen Lebens lauf kennt.“ 104 Michaela (20 Jahre) Michaela hat nach dem Abitur eine dreijährige Aus bildung zur Medien gestalterin be gonnen. Sie nimmt ein Aus bil dungs angebot in einer Berufs schule in der Stadt wahr und arbeitet parallel in einem Unter nehmen der Druck- und Medien wirtschaft. Ihr Vater und ihre Mutter arbeiten in einem gemeinsamen Betrieb; der Bruder ist im Elektrohandwerk tätig. Michaelas Kontakt zu ihren Eltern ist vor einiger Zeit nach einem familien internen Streit ab gekühlt. Nach einem Umzug in die Stadt baut sie sich nun ein neues Leben auf. Dabei nutzt sie neben Ver eins angeboten in starkem Umfang das Internet. Michaela möchte später in einer Marketingagentur arbeiten, um sich stärker auf den Bereich der Gestal tung von digitalen Marketingkampagnen zu konzentrie ren. ■■ Michaela besitzt schon seit ihrer Jugend digitale Geräte, auch für ihr Hobby und ihren heuti gen Beruf. Soziale Netz werk platt formen, Foren, Blogs und E-Mails sind für Michaela ein un verzicht barer Bestand teil ihres täglichen Lebens. Sie kommuniziert täglich und sammelt viele Kontakte in Facebook. Facebook hat für sie inzwischen fast alle anderen Anwen dungen zur Kommunika tion ersetzt. ■■ Michaela nutzt das Internet als Werkzeug, um ihre handwerk lichen Leiden schaften und sozialen Kontakte zu intensivie ren. Soziale Netz werk platt formen wie Facebook er möglichen es ihr, ein bewusst ge stalte tes Schaufenster in ihr privates Leben und in ihre be ruflichen Fortschritte aufzu bauen. Im Internet soll man ihre besten Seiten sehen können und Kontakt mit ihr auf nehmen können. Sie ist sehr oft online. ■■ Michaela macht alle persön lichen Daten öffent lich, die sie gut darstellen und es anderen er lauben, sie zu kontaktie ren. Konflikte (z. B. Ärger mit jemandem) oder Krank heiten dagegen ver lagert sie in den Bereich von persön lichen Gesprächen. Risiken dieser öffent lichen Präsenz im Internet sieht sie für sich nicht. ■■ Michaela geht davon aus, dass Jugend liche und junge Erwachsene ähnlich hohe Kom- petenzen in der sicheren Nutzung des Social Web mitbringen wie sie selbst. Sie ver weist dabei vor allem auf ihr persön liches Umfeld; gegen läufigen Medien berichten glaubt sie nicht. Fotosamm lungen, Kontakt daten oder Beiträge über persön liche Erleb nisse sind für Michaela nicht zwingend sensitive Daten. ■■ Michaela möchte sich nicht in einen privaten Raum zurück ziehen, sondern eine öffent liche Person sein. Jeder soll sich über sie informie ren und sie an sprechen können. Sie möchte im Internet nur wenige Informa tionen über sich (Konflikte, Krank heiten, Kontodaten) zurück- halten. Michaela möchte nichts ver passen und nutzt Soziale Netz werk platt formen intensiv. Es besteht eine ge wisse Sammelleiden schaft von Kontakten und im Interview gibt es Momente, in denen Michaela mit der Masse von Beiträgen und Nachrichten, die sie täglich erhält, über fordert wirkt. Ihr Risikobewusstsein ist eher gering; ihr ist es allerdings wichtig, eigen- ständig über ihr Nutzungs verhalten ent scheiden zu können. „Facebook und mein Blog sind für mich wie ein Schaufenster in mein Leben. Ich schreib da nicht über alles, aber das, was ich da schreibe, das stimmt schon. Das können andere gerne mitlesen.“ 105 Nina (20 Jahre) Nina studiert an einer Universi tät außerhalb der Stadt. Ihr Vater und ihre Mutter sind Kaufleute; der Bruder ist be rufstätig. Seit ihrem Umzug aus der Heimat an den Studien ort nutzt sie das Internet intensiv zum ständi gen Aus tausch mit ihrer Familie, mit ihrem Freund und Freundes kreis. Hauptsäch lich greift sie auf die Soziale Netz werk platt form Facebook, manch- mal auch auf Chat-Platt formen zurück. Sie ist sehr daran interessiert, auf dem Laufenden zu bleiben, was sich im Leben von Personen ab spielt, die sie seit ihrem Umzug seltener sieht. Sie geht vor sichtig mit ihren persön lichen Daten um, was auch mit dem ein geschla- genen Berufsweg zu tun hat. Sie wurde in der mit dem Studium ver bundenen Aus bildung zu daten schutz recht lichen Vor gaben ver pflichtet. ■■ Nina ist eine sehr aktive Internet-Nutzerin, die auch von unter wegs über ihr Handy auf das Internet zugreift und ihren Facebook-Status aktualisiert. In ihrer Kontakt liste hat sie aber nur Personen, die sie auch kennt. Personen, mit denen sie wenig bis gar keinen Kontakt hat, ent fernt sie wieder aus ihrer Kontakt liste. ■■ Nina ist von studiVZ auf Facebook um gestiegen und nutzt es, um mit Familie, Freunden und Bekannten im Kontakt zu bleiben, und sich unter einander zu informie ren. Sie möchte im Internet nicht anders er scheinen als in ihrem Offline-Leben, auch wenn sie im Internet nicht so viel von sich zeigt wie im Alltag. Das Internet dient ihr aber auch dazu, an für sie wichtige Informa tionen zu ge langen. ■■ Nina macht einige Informa tionen über sich in ihrem Profil auf Facebook öffent lich, die aber nur für ihre Kontakte sicht bar sind. Diskussionen über private und ernste Themen wie Politik meidet sie in der Kommunika tion über Facebook. Daten anderer gibt sie im Internet nicht weiter und ver öffent licht z. B. Fotos von anderen nur mit deren Zustim mung. Es ist Nina wichtig, selbst darüber zu ent scheiden, welche Daten und Informa tionen über sie öffent lich werden. ■■ Den Sicher heits- und Privatsphäre-Einstel lungen im Internet ver traut Nina nur bedingt, weshalb sie Daten wie die genaue Adresse oder Kontodaten nicht angibt. Sie zeigt sich besorgt, dass kritische Beiträge, die online sind, ver breitet werden, und meidet deshalb be stimmte Themen. Für den Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen fühlt sie sich gerüstet und nutzt alle ihr be kannten Sicher heits vorkeh rungen. ■■ Private Dinge wie Familien- oder Beziehungs probleme ge hören für Nina nicht in die Öffentlich keit und daher auch nicht ins Internet. Sie möchte nicht, dass fremde Personen zu viel über sie er fahren und auch nicht, dass solche Personen sie online kontaktie ren können. Nina nutzt das Internet intensiv und oft, geht aber reflektiert damit um, ver meidet es z. B., private Dinge oder kritische Themen online zu diskutie ren. Ihre privaten Daten ver sucht sie zu schützen, so gut es geht. „Zum Beispiel Facebook. Also da ist mir schon wichtig, dass sich jetzt mein Handy nicht sofort irgendwo einloggt und sagt, jetzt ist die gerade da und jetzt macht sie gerade das. Sondern da möchte ich schon noch Kontrolle drüber haben.“ 106 Jugend liche und junge Erwachsene zwischen 21 und 24 Jahren Christian (21 Jahre) Christian hat vor kurzer Zeit eine Aus bildung zum Ver käufer in der Branche der Unter hal- tungs elektronik ab geschlossen und wurde von seinem Arbeit geber über nommen. Dies sieht er als Wende in seinem Leben, da er in den Jahren zuvor erst sein Abitur ver fehlt und an- schließend zu lange Zeit mit niedrig be zahlten Tätig keiten ver schwendet habe. Sein Vater ist Ver treter, seine Mutter Haus frau. In seiner Jugend war er stark in E-Sportarten involviert und be nötigte für dieses Hobby leis tungs starke Rechner. Mittlerweile hat Christian seine Aktivi täten in diesem Bereich reduziert. Seine Technikaffini tät war bereits an seinem Aus- bil dungs platz von Vorteil. Außerdem unter stützt er einen Lehrer seiner ehemali gen Schule bei der Zusammen stel lung und Wartung der Computer ausstat tung. Er will be ruflich weiter auf steigen, weil er mehr ver dienen möchte und der Über zeugung ist, in seiner be ruflichen Tätig keit mehr leisten zu können. ■■ Christian hat seit langem eine hohe Technikaffini tät. Er nutzt täglich und primär Foren zu Computer- oder Unter hal tungs themen. Soziale Netz werk platt formen sind nicht sein Haupt- interesse, er nutzt aber inzwischen mehrmals die Woche Facebook. ■■ Soziale Netz werk platt formen dienen Christian vor rangig zur Koordina tion mit Personen, mit denen er außerhalb des Internet Kontakt hat. In Foren tauscht er sich mit ihm persön- lich nicht be kannten Personen über Themen aus, die aus seiner Sicht nicht gesell schaft lich akzeptiert sind. Den Aus tausch über Pseudonyme nutzt er, um Seiten seiner Persönlich keit auszu leben, die er vor anderen ver bergen will. ■■ Pseudonyme spielen für Christian eine große Rolle. Er findet es gut, in Foren ver schiedene Identi täten aus probie ren zu können. Er kann dies ohne die Preis gabe persön licher Daten tun, was in Sozialen Netz werken nicht möglich ist. Sein Umgang mit Privat heit bzw. Öffentlich keit ist über Pseudonyme in Foren ent sprechend anders als in Sozialen Netz werk- platt formen. ■■ Christian will im Netz nicht identifiziert werden können – jeden falls nicht in Foren. Er be- fürchtet, dass sowohl Fremde als auch Freunde durch seine Beiträge einen falschen Eindruck von ihm er halten könnten. ■■ Problemati sche Themen sollten Christian zufolge nicht in Diensten wie Facebook thema- tisiert werden. So möchte er auch selbst be stimmte Informa tionen über seine Freunde nicht haben, weil er be fürchtet, dass Dinge zu Tage kommen könnten, die zum Ende der Freund- schaft führen. Für Christian spielen Soziale Netz werk platt formen nur eine geringe Rolle. Wichti ger sind ihm Foren mit Pseudonymen, wo er sich über Themen und Interessen aus tauscht, die er in Sozialen Netz werk platt formen nicht thematisie ren möchte. Andere sollen kein falsches Bild von ihm haben. „So etwas schreibe ich wenn über haupt nur über Pseudonym und am besten noch über einen Proxy-Server, damit ganz be stimmt niemand auf die Idee kommt, herauszufinden, wer ich bin …“ 107 Claudia (23 Jahre) Claudia studiert derzeit ein geistes wissen schaft liches Fach an einer Universi tät. Die Eltern sind Akademiker. Sie hat zwei Brüder; einer studiert eben falls, der zweite ist bereits fertig. Sie selbst will ihr Studium möglichst schnell hinter sich bringen, sich an schließend bei Filmhoch schulen be werben und dann erst anfangen, zu arbeiten. Claudia arbeitet darauf hin, mit eigenen Filmen ihr Geld ver dienen zu können. Erfah rungen dazu hat sie in einem Volontariat gesammelt. Außerdem dreht sie momentan Dokumentarfilme. Daneben ver fügt sie über langjährige Erfah rungen mit digitalen Technologien. Sie arbeitet als Community- Administratorin für ein großes Nachrichten portal. Zur Nutzung von Sozialen Netz werk platt- formen hat sie eine eher kritische Haltung. Sie ver sucht, so wenige Informa tionen wie möglich über sich im Internet zu ver öffent lichen. ■■ Claudia ist ständig online: Sie nutzt das Internet privat, für das Studium und Bank geschäfte sowie im Rahmen ihrer Arbeit als Community-Administratorin. In ihrer Kontakt liste bei Facebook sind zahl reiche Personen, die sie nicht kennt, da sie auf grund ihrer Arbeits stelle mit flüchtig Bekannten be freundet sein „muss“. ■■ Der individuelle Nutzen von Facebook ist für Claudia sehr be grenzt: Registriert hat sie sich auf Anwei sung ihrer Chefin. Zwar liest sie ab und zu Beiträge zu interessanten Links oder ver abredet sich manchmal per Facebook. Die Selbst darstel lung in Netz werken empfindet sie aber als Wichtigtuerei und ignoriert dies weit gehend. ■■ Claudia sorgt dafür, dass kaum Informa tionen über sie öffent lich sind. Sie gibt nur Namen, Wohnort und Studien fach an und nutzt fast nie Status meldun gen oder persön liche Nach- richten. Sie recherchiert in den Profilen ihrer Freunde, um zu sehen, wie schwer oder leicht es ist, im Netz an sensible Daten von Personen zu kommen. ■■ Aufgrund ihrer Vor erfah rungen im Internet (z. B. Schulung für die Arbeit als Community- Managerin) kennt sie sich mit Sicher heits einstel lungen gut aus. Sie ver wendet Nicknames und Fake-E-Mail-Adressen, um bei be stimmten Foren oder Webseiten unerkannt zu bleiben. Sie hat Sorge, dass sich andere über sie lustig machen oder sie ver letzen, wenn sie persön- liche Inhalte, etwa selbst ge drehte Filme, ver öffent licht. ■■ Claudia teilt Beziehungen zu Menschen in ihrem Umfeld in drei Grade ein: sehr eng (Familie, beste Freunde), mittel (Kommilitonen), ent fernt (Arbeits kollegen). Je nach Beziehungs- grad teilt sie private Informa tionen oder nicht. Privat sind für sie familiäre und Beziehungs- angelegen heiten, Ängste und Fragen der Selbst wahrneh mung. Claudia hat schon lange Erfah rungen mit dem Internet und nutzt es ge zielt und ge konnt. Der Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen steht sie dennoch relativ kritisch gegen über und sorgt dafür, dass ihre Person im Internet schlecht zu finden ist. In Bezug auf ihre Privatsphäre hat sie eine klare Vor stel lung und Praxis, wem sie welche Informa tionen weiter- gibt. „Es ist glaube ich dann auch schon so eine Art Selbst aufwer tung, wenn man die Status meldun gen von andern Leuten sieht … Ist vielleicht ein bisschen so wie so ein RTL 2 Frauentausch angucken und dann sich denken, hach Leute, was habt ihr doch für ein komischen Alltag.“ 108 Tanja (23 Jahre) Tanja hat nach dem Abitur eine Schreinerlehre be gonnen. Ihr Stiefvater ist Designer, ihre Mutter schließt gerade eine neue Aus bildung ab. Eine jüngere Schwester besucht noch das Gymnasium. Tanja ist mit sechzehn Jahren bereits aus der Wohnung der Eltern aus- gezogen. Sie lebt in einer Wohngemein schaft in der Stadt. In ihrer Freizeit be schäftigt sie sich mit Literatur, Fotografie und Reisen. Computer und Internet sind selbst verständ licher Bestand teil ihres Alltags. Sie be treibt Mannschafts sport und geht Bergsteigen. Für ihr Alter untypisch empfindet Tanja an sich, dass sie zwar viel unter wegs ist, am Wochen ende aber Ruhe sucht und deshalb nicht lange aus geht oder feiert. In der nahen Zukunft möchte sie ein gutes Gesellenstück ab liefern und Innen architektur studie ren. ■■ Am häufigsten ver wendet Tanja Facebook, daneben Informa tions portale, Fotoforen und Skype. Sie ist täglich mehrmals online und ver wendet neben einem Laptop auch ein iPhone. Sie nimmt nur Kontaktanfragen aus dem eigenen Umfeld an. ■■ Facebook hilft Tanja, auf dem Laufenden zu bleiben, sich auszu tauschen und mit anderen zu koordinie ren. Auf die Selbst darstel lung legt sie wenig Wert. Dennoch findet sie es schmeichel haft, wenn andere Informa tionen von ihr suchen. Eigene Fotoprojekte teilt und diskutiert sie gerne mit be stimmten Personen. ■■ Eigene Beiträge (z. B. Musik- und Lektüre-Vorlieben) und Bilder macht Tanja aus gewählten Personen ver fügbar. Wenn ihr Beiträge nicht ge fallen, löscht sie diese oder bittet andere darum, diese zu löschen. Mit den Daten Dritter geht sie sorgfältig um und fragt nach, bevor sie Informa tionen ver öffent licht. Bei Fragen oder Problemen kontaktiert sie einen Ver wandten, der als Anwalt auf Online-Recht spezialisiert ist. ■■ Tanja ist bewusst, dass sie sich im Internet nicht so frei wie bei persön lichen Gesprächen aus drücken kann, weshalb sie darauf achtet, was sie wo für wen sicht bar ver öffent licht. Sie kontrolliert regelmäßig die von ihr ver fügbaren Bilder, meint aber auch, dass sie bisweilen zu nach lässig ist. Wenn sie auf Funk tions ände rungen in der Platt form hin gewiesen wird, die Anpas sungen in den Privatsphäre-Einstel lungen er fordern, reagiert sie rasch. Sie hat Ver ständnis, dass andere Personen auf Sozialen Netz werk platt formen anonym sein möchten, findet es aber gleichzeitig bei der Kontakt aufnahme unpraktisch, weil diese Personen über die Suche nicht zu finden sind. ■■ Zu den ver trauten Personen im Alltag zählt Tanja eine Freundin, ihren Partner und in ge wisser Weise auch den Chef und eine Kollegin. Als Themen des Privatlebens gelten Beziehungen, Familien probleme und eigene, noch unaus gereifte Gedanken. Einen öffent- lichen Aus tausch über ihr Privatleben im Internet möchte sie nicht. Tanja nutzt das Internet viel, aber ge zielt und ist am prakti schen Nutzen orientiert. Es stört sie nicht, wenn andere Personen nach schauen, welche Informa tionen über sie im Internet zu finden sind, da sie nicht viele Informa tionen von sich ver öffent licht. „… also man kriegt doch immer so Mittei lungen, was jetzt wo irgendwie geändert wurde oder dass die Seite für irgendwelche Werbezwecke ver wendet werden könnte. Bei so was schalt ich sofort immer alles aus. Also des möchte ich natür lich auf keinen Fall.“ 109 Ralf (23 Jahre) Ralf studiert an einer Universi tät außerhalb der Stadt. Sein Vater arbeitet im Baugewerbe, seine Mutter im Telekommunika tions bereich, seine Schwester bei der Polizei. Er nutzt das Internet recht intensiv, geht dabei jedoch vor sichtig mit seinen Daten um. Er ist bei seiner Internetnut zung vor allem an Informa tionen und Unter haltung interessiert, aber auch daran, Kontakt zu Freunden und Bekannten zu halten. Ralf informiert sich im Internet über ver- schiedene Themen, die ihn interessie ren, wie zum Beispiel Sport, Politik, Umwelt oder Videospiele. Er glaubt, dass sein großes Interesse an Videospielen in seinem Freundes kreis nicht anerkannt wird, weshalb er dieses im Aus tausch mit seinen Freunden eher ver birgt. ■■ Ralf nutzt das Internet täglich und beinahe rund um die Uhr. Dabei kommuniziert er mit Freunden und Bekannten via Facebook, in der Regel über Chat; Informa tionen holt er sich auch in einem Forum. Er akzeptiert Kontaktanfragen von Fremden bzw. stellt selbst welche, wenn er zu diesen Personen einen Bezug über Freunde herstellen kann. Unter wegs nutzt auch mal sein Handy, um ins Internet zu kommen. ■■ Für Ralf ist das Internet in erster Linie wichtig, um sich über Themen, die ihn interessie- ren zu informie ren und sich mit seinen Freunden und Bekannten auszu tauschen. Er schreibt nur selten Beiträge, die für alle seine Kontakte sicht bar sind, weil er über wichtige Themen nur etwas sagen möchte, wenn er sich gut damit aus kennt. ■■ Auf Facebook gibt Ralf zwar einige Daten, wie seinen Namen, die Universi tät, an der er studiert, oder seine Lieblings serie, an, ver zichtet aber auf ein Profil bild von sich selbst und auf die automati sche Standortbestim mung. Wenn er sich mit anderen über ihn interessierende Themen aus tauscht, achtet er darauf, dass er nur dann online Beiträge dazu ver fasst, wenn er sich mit dem Thema aus kennt. ■■ Christian ist bewusst, dass es nach teilig sein kann, zu viel von sich im Internet anzu geben, dass z. B. Partybilder oder private Status meldun gen negative Wirkun gen auf die Karriere haben könnten. Er macht sich Gedanken über seine Medien nutzung und informiert sich im Internet über Themen, bei denen er sich unsicher ist. ■■ Private Probleme und einige seiner Interessen macht Christian nicht öffent lich, weil er der Meinung ist, dass nicht jeder alles über ihn wissen muss und er auch nicht falsch ver- standen werden möchte. Wenn seine Facebook-Kontakte alles in ihrem Leben online kommentie ren, setzt er sie auf die Ignorie ren-Liste, weil es ihn nervt. Ralf nutzt das Internet intensiv, geht dabei jedoch vor sichtig mit seinen Daten um. Informa- tionen, Kontakte und Unter haltung sind ihm wichtig, nicht aber, sich zu profilie ren. Was er öffent lich von sich gibt, soll Hand und Fuß haben. Seine Interessen und Hobbys will er nicht alle mit anderen teilen, weil er einige davon gesell schaft lich als nicht akzeptiert einschätzt. „Ich lege eben Wert darauf, dass wenn ich meine Meinung sage, dass es eine gewisse Qualität hat und ich das auch schrift lich einiger maßen sauber hin bringe. Von dem her ist es auch gar nicht möglich, so viel zu schreiben. … Alle zwei Monate vielleicht schreib ich dann selber was.“ 110 Moritz (24 Jahre) Moritz arbeitet als Mechatroniker. Berufs begleitend durch läuft er an einer Schule für Techniker eine Weiter bildung zum staat lich ge prüften Elektrotechniker. Sein Vater ist in der Technik- Branche, seine Mutter im Büro tätig; er hat eine jüngere Schwester. Moritz wohnt zusammen mit zwei anderen jungen Erwachsenen in einer Wohngemein schaft. Er spielt in einer Band, fährt zum Klettern in die Berge und engagiert sich als Techniker in einem Jugendzentrum. Seine Hauptinteressen fasst er mit „Musik, Bier, Berge“ zusammen. Er sieht sich als Teil einer Randgruppe, die neben einem harten Musik geschmack ähnliche Aus gren zungs erfah- rungen in der Jugend teilt. Moritz hat eine ab lehnende Haltung gegen über Neonazis und der Subkultur Hip Hop. Er möchte in nächster Zeit in erster Linie seine Techniker ausbil dung ab schließen. ■■ Das Internet ist für Moritz ein ständi ger Begleiter im Alltag. Er nutzt die Sozialen Netz- werk platt formen Lokalisten (häufiger) und Facebook (seltener). Er ist in mehreren Foren aktiv und ver wendet auch Chat-Platt formen und Portale zur Informa tion. Er besitzt ein Smartphone, nutzt dies allerdings nur selten für den Zugriff auf das Internet und dann nur, um schnell Informa tionen nach zusehen. ■■ Soziale Netz werk platt formen er leichtern Moritz den Kontakt mit Personen aus seinem er weiterten Bekannten kreis. Für die Kommunika tion mit Personen aus seinem engeren Bekannten kreis nutzt er andere Kommunika tions werkzeuge. ■■ Moritz ver öffent licht nur Daten und Informa tionen, die seiner Einschät zung nach keine nach teili gen Aus wirkungen für ihn haben können. Dabei macht er sich mehr Gedanken darüber, wie er auf Vor gesetzte und potenzielle Arbeit geber wirkt, als darüber, wie er auf Freunde oder Bekannte wirkt. ■■ Wenn er die Netz-Beiträge anderer be obachtet, hält sich Moritz für vor sichti ger als andere Personen. Er ist sich bewusst, dass sich persön liche Daten leicht und unkontrolliert im Internet ver breiten können. Seine Strategie für den Umgang mit diesem Risiko, ist, nichts zu ver öffent lichen, was für ihn unangenehm werden könnte. ■■ Die Ver fügbar keit von Informa tionen über Tätig keiten, Interessen oder Zu gehörig keiten von Personen, die gesell schaft lich nicht negativ sanktioniert werden, empfindet Moritz als praktisch, weil sie es ihm er möglicht, sich über das Internet ein Bild von Personen zu machen, die er noch nicht be sonders gut kennt. Dazu ge hören Name, Bilder oder Interessen der Menschen, für die er sich interessiert. Moritz will sich im Internet einer seits offen und un verfälscht darstellen, achtet anderer seits aber streng darauf, dass nichts dabei ist, was negative Folgen nach sich ziehen könnte. Moritz sieht sich als Teil einer gesell schaft lichen „Randgruppe“, ver tritt seine Interessen und Meinun gen aber offensiv. „Wenn ich mich im Internet darstelle … dann so, wie ich wirk lich bin. Ich dichte da nichts dazu und ich lass nichts weg; einfach so, wie ich wirk lich bin.“ 111 Ariane (24 Jahre) Ariane arbeitet in einer Gemeinschafts praxis in der Stadt. Sie durch läuft derzeit außerdem eine Aus bildung als Assistentin. Darüber hinaus gibt sie Schulun gen zum Krank heits bild Diabetes mellitus. Ihr Vater arbeitet in einer öffent lichen Einrich tung; die Mutter ist Haus frau, die Schwester studiert. Beruf lich kommt sie vor allem mit Ärzten, Pflegekräften, Apotheken- mitarbeitern sowie Patienten und deren An gehöri gen in Kontakt. Ein be sonde res Thema im Gespräch mit Ariane ist die Ver schwiegen heits pflicht, zu der sie in ihrer be ruflichen Tätig keit in der medizini schen Praxis ver pflichtet ist. Ihre Eltern er laubten Ariane mit sechzehn Jahren eine unbe aufsichtigte Nutzung des Internet. In ihrem Empfinden war dies ein später Zeitpunkt. ■■ Ariane be zeichnet sich selbst als „dauer-online“; sie nutzt neben dem Computer auch ihr iPhone für den Internet-Zugang. Dabei ruft sie primär Facebook auf, nutzt aber auch diverse Informa tions angebote (für be rufliche Zwecke) sowie E-Mails und Messenger. Im Messenger hat sie nur engste Freunde in der Kontakt liste, bei Facebook auch Bekannte aus dem Freundes kreis. Bei Lokalisten erhält sie regelmäßig Kontaktanfragen von Un- bekannten, die sie aber allesamt löscht. ■■ Online möchte sich Ariane ebenso ver halten, wie sie es offline praktiziert, und sich selbst- bewusst präsentie ren. Allerdings achtet sie darauf, nicht zu viele Informa tionen von sich zu ver öffent lichen. Primär nutzt sie Facebook für den Aus tausch und die Koordina tion mit Freunden und Bekannten. ■■ Ariane hat die Privatsphäre-Einstel lungen in Facebook aktiviert und ver öffent licht nur ge zielt Informa tionen für ihre Freunde. Insbesondere über ihr Privatleben und auch über Daten Dritter schreibt sie keine bzw. kaum Beiträge. ■■ Ariane ist sich der Risiken in Sozialen Netz werken bewusst. Sie hat ihre Privatsphäre- Einstel lungen relativ genau im Blick. Zudem kontrolliert sie regelmäßig, welche Informa tionen über sie online ver fügbar sind und ent fernt Personen aus ihrer Kontakt liste, die sie nicht mehr einordnen kann. Ergänzend fordert sie, dass die Sicher heits einstel lungen standardmäßig hoch sein sollten. Ihr ist nicht bekannt, dass Werbung auf ihre Profil-Daten bzw. -Einträge ab gestimmt ist. ■■ Für Ariane gibt es zwischen online und offline einen klaren Unter schied, was das Private be trifft: Sowohl private als auch be rufliche Informa tionen stellt sie aus ihrer Sicht wenig online. Für private Gespräche bevor zugt sie meist persön liche Treffen. Was alles unter „privat“ fällt, kann sie nicht genau darstellen. Ariane ist eine intensive Internet-Nutzerin – auch unter wegs. Sie ver hält sich risikobewusst und hat auch die be rufliche Ver antwor tung präsent, wenn sie Soziale Netz werk platt formen nutzt. Ihr Profil in Facebook ist nicht leicht zu finden. Sie ist wenig besorgt und ver hält sich sowohl offline als auch online nach eigenen Angaben selbst bewusst. „Meine Chefinnen wissen ja, wenn ich mich ärgere, aber ich find das geht Dritte nichts an, denen ich das nicht auch persön lich erzähle. Am Schluss kriegt das mal ein Patient mit oder es ist was Praxisinternes … ich finde Patienten z. B. würde des jetzt nichts an gehen.“ 112 2.2.2 Konstanten und individuelle Besonder heiten Wie 12 bis 24Jährige das Internet und Soziale Netz werk platt formen nutzen Die von uns interviewten Jugend lichen zwischen 12 und 14 Jahren ge hören noch nicht zur Gruppe derjenigen, die immer und überall mit mobilen End geräten wie Smartphones online sind. Die meisten von ihnen greifen nicht mobil auf das Internet zu. Facebook nutzen im Interview vier von sechs Jugend lichen aus dieser Alters gruppe. Ein Jugend licher aus der Alters gruppe ist Mitglied der Lokalisten. Gleichzeitig ver weisen die Interviewten auch auf andere InternetAnwen dungen wie lokale Netz werk platt formen, Chat und EMailAnwen dungen ver schiedener Anbieter sowie Wikipedia und YouTube. Diese Anwen dungen werden individuell sehr unter schied lich ge nutzt. Es kommt auch vor, dass sich Jugend liche nicht für Soziale Netz werk platt formen interessie ren: Zwei unserer Gesprächspartner haben ihre Präferenzen beim Spielen und meiden Soziale Netz werk platt formen eher. Auch das zeit liche Nutzungs muster ist höchst variabel. Die Jugend lichen zwischen 12 und 14 Jahren, mit denen wir ge sprochen haben, akzeptie ren keines wegs wahl los ein gehende Kontakt anfragen in Sozialen Netz werken. Sie betonen, dass sie die Anfragen den kennen (oder kennen lernen) wollen, bevor sie sie akzeptie ren. Die Vor stel lung von „Kennen“ ist allerdings durch aus unter schied lich und steckt einen breiten Rahmen ab: Kennen als „schon mal gesehen“, über „Name ist mir bekannt“ bis zu „lerne ich eben über einen Nachrichten austausch erst noch kennen“. Die sechs Jugend lichen zwischen 15 und 17 Jahren, die wir interviewt haben, gehen eben falls noch vor rangig über einen DesktopComputer ins Internet. Es gibt nur eine Aus nahme, die bereits einen mobilen InternetZugang nutzt. Bis auf eine Person sind alle Interviewten in Facebook aktiv, be schrän ken sich darauf aber nicht. Auch in dieser Alters gruppe werden wie bei den Jüngeren viele weitere Anwen dungen zur Informa tion und Unter haltung ge nannt, häufig ergänzt durch YouTube als be liebtes Videoportal. Die Jugend lichen, mit denen wir ge sprochen haben, gehen fast täglich ins Netz und be suchen dabei auch jeden Tag Facebook. Es wird deut lich, dass unsere Gesprächspartner in dieser Alters gruppe die OnlineKommunika tion bereits als festen Bestand teil in ihr tägliches Handeln integriert haben, wobei es aber eine Aus nahme gibt. Während die jüngeren Interview partner das Kennen von Personen, die Kontaktanfragen senden, in den Vorder grund rücken, betonen die 15 bis 17Jährigen öfter und aus führ licher, dass auch die Sympathie eine Rolle spielt, ob man jemanden in seine Kontakt liste auf nimmt oder nicht. Kennen wird nicht mehr als alleinige, ver einzelt auch „Ich hab jeden Tag das Handy dabei und geh damit auch ins Internet. Auch in der Schule. Da ist es eigent lich nicht erlaubt, aber ich tu das immer unten in die Tasche rein und schalte auf stumm.“ (Sarah, 15) 113 nicht als zwingende Bedin gung ge nannt, um mit jemandem online in Kontakt zu treten. Mehrere der von uns interviewten sechs Jugend lichen zwischen 18 und 20 Jahren nutzen netzfähige Handys oder Smartphones, um ins Internet zu ge langen. Praktische Anwen dungen wie Suchdienste und Portale etwa für die (akademi sche) Aus bildung kommen zu den Anwen dungen hinzu, die auch die beiden jüngeren Alters gruppen an geben. Die Individuali tät der InternetNutzung wie auch der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen ist in dieser Alters gruppe groß. Es finden sich bei unseren sechs Gesprächspartnern mehrere Varianten an Haltun gen und Nutzungs weisen: Von einer großen Distanz zu allen WebAnwen dungen über eine prag mati sche Nutzung mit täglichem Abruf wichti ger Informa tionen bis zu ständi ger Erreich bar keit im Netz. Alle Interviewten können dafür Gründe an geben; einige fühlen sich bei eher ab stinenter Hal tung gegen über sozialen Netz werken inzwischen unter Druck gesetzt. Die große Spann breite an Nut zungs mustern spiegelt sich auch bei der konkrete Fragen nach dem Umgang mit Kontaktanfragen wider. Hier finden sich Äußerun gen, die bereits bei den jüngsten InterviewPartnern zu finden sind: z. B., dass nur be kannte Personen auf genommen werden oder dass Sympathie eine Voraus setzung zur Auf nahme in die Kontakt liste ist. Es gibt aber auch Aus sagen, die zeigen, dass die Hürden zu Kontakt aufnahme und annahme klein ge halten werden. Für die sechs von uns interviewten jungen Erwachsenen zwischen 21 und 24 Jahren werden mobile Geräte und die Möglich keit, auch von unter wegs ins Internet zu kommen, immer wichti ger. Facebook wird von allen Interviewten dieses Alters ver wendet, aber zu durch aus unter schied lichen Zwecken ge nutzt. Dazu kommen etliche andere Anwen dungen, die jeweils eng mit den Interessen und be ruflichen oder aus bil dungs bezogenen Anforde rungen zu tun haben. Mehrere unserer Gesprächspartner in dieser Alters gruppe tendie ren dazu, wo immer es geht online zu sein („rund um die Uhr“). Soziale Netz werk platt formen wie Facebook spielen dabei eine große, aber nicht die einzige Rolle. Die jungen Erwachsenen, die mit uns ge sprochen haben, suchen darüber hinaus auch ver mehrt Foren auf, in denen die Diskussion von Themen ganz offensicht lich eine größere Rolle spielt als in Sozialen Netz werken. Der Umgang mit Kontaktanfragen ist bei ihnen sehr heterogen: Restriktive Vor gehens weisen, nur mit be kannten Personen „Ich bin eher so der Mensch, der sich dann eher mit den Leuten trifft oder eher telefoniert, weniger der, der sich übers Internet über haupt unter hält oder der sich im Internet trifft oder über haupt im Internet ist.“ (Erik, 19) „Ich habe auf der Arbeit immer Facebook offen und E-Mails. Ich schaue da immer mal wieder rein, ob jemand was Neues ge postet hat und schreib dann zurück, wenn ich es gut finde. Ich schreib auch immer so kurz, dass mich das mittlerweile praktisch nicht mehr ablenkt.“ (Michaela, 20) 114 Kontakt aufzu nehmen, werden genauso ge nannt wie ein eher sorg loses Sammeln vieler Kontakte; ein pragmati scher Umgang mit dem Ziel, Personen leicht zu kontaktie ren, ist ebenso zu finden wie ein sehr ge zielter Umgang, ab gestimmt auf spezielle Freundschafts und Bekannt schafts grade (inklusive notwendi ger Geschäfts kontakte). Warum 12 bis 24Jährige Soziale Netz werk platt formen nutzen Mit Freunden in Kontakt zu bleiben, sich auszu tauschen, Kontakt zu anderen zu haben und dazu zugehören, ist für die von uns interviewten 12 bis 14Jähri gen der eindeutig wichtigste Grund, warum sie einer Sozialen Netz werk platt form an gehören (falls sie es tun und die Eltern es nicht ver bieten, wie in einem Fall). Dabei äußern mehrere Jugend liche explizit oder implizit, dass es bereits eine Art Gruppen zwang ist, in einer Netz werk platt form dabei zu sein. Einige finden es aber einfach nur praktisch, Soziale Netz werk platt formen zu nutzen, um sich über Treffen abzu stimmen. Wenn sie sich über die Dinge infor mie ren wollen, die nicht konkret mit Personen (z. B. Informa tion über das Aus sehen oder die Interessen) zu tun haben, greifen die Jugend lichen lieber auf andere Anwen dungen wie Wikipedia oder spezifische Internetangebote wie Nach richtenPortale zurück. Wer eher schüchtern ist, kann von einer Sozialen Netz werk platt form noch anderweitig profitie ren und sich in der Inter aktion mit anderen auf diesem Wege mehr trauen. In punkto Selbst darstel lung zeigen sich unsere Gesprächspartner in dieser Alters gruppe zurück haltend. Es sind die direkten Kommunika tions funk tionen, welche die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen für sie attraktiv machen. Bei den von uns interviewten 15 bis 17Jährigen sind KontaktHalten, Kommunika tion und Koordina tion ähnlich wie bei den Jüngeren die wichtigsten Vorzüge, die über die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen erlebt werden. Auch in dieser Alters gruppe klingt an, dass man z. B. in Facebook registriert sein müsse – nicht nur weil es „cool“ sei, sondern auch deswegen, weil man sonst wichtige Termine ver passe und nicht mehr auf dem Laufenden sei. Explizit wird auf die Möglich keit ver wiesen, dass man mithilfe Sozialer Netz werk platt formen auch mit Menschen in Kontakt bleiben kann, die weiter weg wohnen – ein Umstand, der etwa nach Umzügen für diese Alters gruppe eine wichtige Rolle spielt. Das Thema Selbst darstel lung wird wenig und allen falls implizit an gesprochen. Spezielle „Gewinne“ bei der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen offen baren sich, wenn man mit Jugend lichen dieses Alters tiefer ins Gespräch kommt: Zu solchen Gewinnen ge hören dann beispiels weise die „Ich wollte eigent lich auch mal mit ein paar Freunden chatten und ich fand es halt auch einfach cool, da [bei Facebook] dabei zu sein. Da kann man auch mehr über andere er fahren, was machen die so, wie sind die eigent lich so drauf.“ (Florian, 14) 115 Möglich keit, ver schlüsselte Botschaften via Status leisten zu ver senden, aber auch verbale Aggressionen loszu werden, ohne sich direkt zeigen zu müssen. Ein Interviewter hat vor zwei Jahren das Interesse an Sozialen Netz werk platt formen ver loren und be schäftigt sich lieber mit OnlineSpielen. Die von uns interviewten 18 bis 20Jährigen zeigen sich in ihren Gründen, warum sie Soziale Netz werk platt formen nutzen oder eben nicht nutzen, noch mals heterogener als die beiden jüngeren Alters gruppen, was auf die komplexer werden den Lebens situa tionen zurück zuführen sein dürfte: Auch hier sind soziale Gründe zwar führend – und zwar sowohl prakti sche soziale Gründe wie Informa tionen über Termine, die man aus sozialen Netz werken holt, als auch emotional ge färbte soziale Gründe wie die Auf rechterhal tung von Freundschafts beziehungen mit Personen, die weiter weg wohnen. Häufiger ge nannt wird von unseren Gesprächspartnern dieser Alters gruppe als von den Jüngeren, dass Online Com mu nities hilf reich sind, um sich ein Bild von anderen Personen zu machen und das im wört lichen Sinne (über Fotos) wie auch im über tragenen Sinne (über Profildaten). Die eigene Selbst darstel lung spielt nur bei wenigen unserer Gesprächspartner eine Rolle; dieser Aspekt scheint als Grund für die Platt formNutzung eher wenig relevant zu sein. Wenn man sich in sozialen Netz werken zeigen möchte, dann authentisch, aber nicht mit zu vielen Informa tionen. Ver einzelt wird auch in dieser Alters gruppe über einen sozialen Zwang ge klagt, Soziale Netz werk platt formen in das eigene Kommunika tions verhalten zu inte grie ren, um in den eigenen Bezugs gruppen nicht außen vor zu bleiben. Die von uns interviewten 21 bis 24Jährigen nennen und er läutern viele unter schied liche Gründe, warum sie Soziale Netz werk platt formen nutzen. Diese ähneln den Gründen, die auch die jüngeren Nutzer nennen, werden aber auch ergänzt: Häufiger kommen die jungen Erwachsenen z. B. darauf zu sprechen, dass Soziale Netz werk platt formen eine Möglich keit sind, sich über Inhalte zu informie ren. Öfter als von den Jüngeren werden zudem Status meldun gen in Facebook ge nannt, die einem Informa tionen darüber geben, wo jemand gerade ist oder wo gerade etwas passiert. Während genau das einige sehr gut finden, gibt es dazu auch eine gegen teilige Meinung. Selbst darstel lung im Netz mittels Sozialer Netz werk platt formen scheint bei den Ältesten unserer „Bei mir ist es schon so, dass ich ganz gern mit Leuten übers Internet spreche, … also vor allem auf Facebook, weil auch bei mir die meisten Leute eigent lich auf Facebook sind und ich mit denen eigent lich auch viel über den ihren Alltag und auch über meinen Alltag mit denen kommuniziere.“ (Nina, 20) „Wenn ich jetzt irgendwo ein Mädel kennen lerne und weiß den Namen, dann schau ich auch mal bei Loka- listen [oder] bei Face- book. Es ist im Internet natür lich einfacher, etwas über die raus zufinden, als sie persön lich zu fragen. Ganz klar. Ich finde das schon praktisch.“ (Moritz, 24) 116 Gesprächspartner eher ambivalent ein geschätzt zu werden. Große Ambitionen zu einer be sonde ren Präsenta tion der eigenen Person hat keiner der Interviewten von sich aus geäußert. Der unkomplizierte Aus tausch und die Kontakt pflege bleibt auch in dieser Alters gruppe das offen bar stärkste Motiv zur Nutzung. Eine Art gemeinsamer Nenner in den Aus sagen der Interviewten aller Alters gruppen ist, dass Jugend liche und junge Erwachsene ihre eigenen Status und/oder Pinnwandbeiträge und die ihrer Kontakte als „nicht be sonders“ empfinden. Weil sie die Beiträge als nicht be sonders empfinden und daher davon aus gehen, dass niemand sich an ihnen stören könnte, nehmen sie die Ver öffent lichung tendenziell nicht oder kaum als Risiko wahr. Jugend liche und junge Erwachsene schreiben so gesehen nicht wahl los Beiträge über ihren Alltag, sondern nur das, was aus ihrer Sicht „nichts Besonde res“ und damit eher „risikofrei“ ist. Wie 12 bis 24Jährige in Sozialen Netz werk platt formen mit Privat heit bzw. Öffentlich keit umgehen Wohnort, Telefon nummern oder das genaue Geburts datum macht kaum einer der von uns Interviewten in der Alters gruppe zwischen 12 und 14 in Sozialen Netz werk platt formen öffent lich. Bank daten oder Krank heits fälle schließen sie aus nahms los von der Ver öffent lichung aus. Unter den sechs Jugend lichen findet sich sowohl eine sehr ängst liche als auch eine ver gleichs weise sorg lose und recht wider sprüch liche Person im Umgang mit persön lichen Daten. Alle dif ferenzie ren mindestens zwischen Fremden und Freunden, denen man mehr oder weniger von sich zeigen kann, und nutzen dazu meistens auch ent sprechende Einstel lungen in Sozialen Netz werk platt formen. Fast alle von uns Interviewten in diesem Alter haben keine Bedenken, ihre Interessen und Hobbys (Sport, Mode, Spiele etc.) sowie Lieblings filme, Musik präferenzen und ähnliches (inklusive dazu gehöri ger Links und z. B. Videos) in Sozialen Netz werk platt formen öffent lich zu machen. Dies sind auch die bevor zugten Themen, über die in Sozialen Netz werken geschrieben und ge sprochen wird. Die Schule wird als Thema dagegen kaum ge nannt. Der Umgang mit eigenen Fotos ist sehr heterogen: Während manche Interviewten nichts dagegen haben, wenn Fotos von ihnen zu sehen sind, möchten andere dies ver meiden. Gemeinsam ist allen Interviewten, dass niemand von ihnen potenziell pein liche Fotos von sich im Netz sehen möchte. Gegen über den Daten anderer zeigen sich die meisten sehr vor sichtig, wobei man in den Gesprächen zu diesem Thema deut lich merkt, dass Jugend liche das gegen seitige Ver trauen unter einander für sehr wichtig halten, sich aber auch nicht immer darauf ver lassen möchten oder können. Zur Orientie rung in punkto Umgang mit Privat heit bzw. Öffentlich keit „Man muss ja nicht jeden kleinsten Gedanken in die ganze Welt rausschreien.“ (Patrick, 13) 117 dienen den Jugend lichen zwischen 12 und 14, mit denen wir ge sprochen haben, vor allem die Eltern und Geschwister, in einem Fall auch ein guter Freund. Die Schule spielt nur bei einem Interviewten aus dieser Alters gruppe eine Rolle. In der Alters gruppe zwischen 15 und 17 haben uns unsere Gesprächspartner tendenziell mehr über ihren Umgang mit Privat heit und Öffentlich keit be richtet als die Jüngeren. Die sechs Interviews machen deut lich, dass die Ver haltens weisen in Sozialen Netz werk platt formen als Teil der gesamten Lebens situa tion gesehen werden müssen. Ver gleicht man die Aus sagen der sechs Jugend lichen, die damit zu tun haben, welche Daten und Informa tionen wem öffent lich ge macht werden und welche nicht, lassen sich kaum über greifende Tendenzen aus machen. Eindeutige TabuThemen sind allerdings und allein An gelegen heiten der Familie (z. B. die Eltern be treffend), in einem einzelnen Fall auch Wissen um krimi nelle Handlun gen. Bei allen ande ren Daten und Themen hat jeder Interviewte eine weit gehend eigene Meinung: Während eine Person am liebsten gar nichts im Internet öffent lich macht und nur angibt, was man für eine Registrie rung in Sozialen Netz werk platt formen zwingend braucht, gibt eine andere Person Einblick in fast alle die eigene Person be treffen den Informa tionen. Die meisten differenzie ren klar zwischen engen Freunden und Bekannten und nutzen die PrivatsphäreEinstel lungen sozialer Netz werk platt formen ge zielt, sofern sie sich in Sozialen Netz werken auf halten. Die Einschät zungen darüber, wie es zu be werten ist, wenn Mitglieder Sozialer Netz werk platt formen falsche Angaben machen, gehen auseinander: Einige finden dies in Ordnung, weil ihnen wichtig ist, alle Ent schei dungen im Netz selbst zu treffen. Andere sprechen sich dagegen aus, weil es die prakti schen Vor teile, z. B. schnell jemanden zu finden und in Kontakt zu treten, er heblich stört. Wie bei den Jüngeren, so zeigt sich auch in der Alters gruppe zwischen 15 und 17, dass fast alle von uns Interviewten kein Problem darin sehen, im Internet über die eigenen Interessen, Hobbys, musikali sche Vor lieben und Ähnliches zu schreiben – als private Informa tion wird dies in der Regel nicht ge wertet. Persön lich wichtige Ereig nisse machen dagegen nur wenige Interviewte anderen zugäng lich. Wiederum ähnlich wie bei den Jünge ren, scheint es auch bei den 15 bis 17Jährigen implizite Normen zu geben, was die Weiter gabe von Informa tionen anderer be trifft, insbesondere die Weiter gabe von problemati schen Fotos. Allerdings gibt es hier durch aus „Aus reißer“. Wenn es um den Umgang mit Privat heit bzw. Öffentlich keit geht, orientie ren „Ich nehme seit neuestem nur die, die ich kenne oder vom Sehen her kenne aus meiner alten Schule oder so als Kontakte an. Nur wenigstens ungefähr oder vom Hören auch, damit ich ungefähr weiß, wie die Person ist.“ (Julia, 15) „Über so Probleme daheim, wenn es Stress gibt bei den Eltern, wenn die Eltern Stress haben, das erzähle ich nur wirk- lich sehr guten Freunden dann.“ (Martin, 16) 118 sich die Jugend lichen zwischen 15 und 17, mit denen wir ge sprochen haben, ähnlich wie die Jüngeren, noch an Eltern und Geschwistern, zunehmend häufiger aber auch an Freunden, die besser Bescheid wissen. Die Schule wiederum hat auch in dieser Alters gruppe keine Orientie rungs funk tion. In der Alters gruppe zwischen 18 und 20 zeigt sich ein ähnliches Bild wie in der Alters gruppe zwischen 15 und 17: Was Jugend liche bzw. junge Erwach sene in diesem Alter öffent lich machen, ist individuell sehr ver schieden und lässt sich in der Regel nur im Zusammen hang mit der jeweili gen Lebens situa tion sinn voll deuten. Für manche sind Präferenzen im Freizeitbereich oder politi sche Meinun gen nicht in dem Sinne privat, dass man sie nicht öffent lich machen dürfte, für andere schon. Erklären lässt sich das in der Regel, wenn man die Lebens umstände (z. B. Besonder heiten in Schule, Beruf oder Studium) be rücksichtigt. Von sich aus häufiger thematisie ren die Interviewten in dieser Alters spanne die Bedeu tung von Status meldun gen, mit denen unter schied lich ver fahren wird: Dass andere wissen, was man gerade macht, was man erlebt hat und wo man sich aufhält, finden die einen gut und nicht problematisch, andere empfinden dies als Angriff auf ihre Privatsphäre. Konstant ist an sich nur die durch aus ge zielte Gestal tung der Zu gänglich keit ver schiedener Informa tio nen, die in Sozialen Netz werk platt formen ein gestellt werden. Was den Umgang mit Daten und Informa tionen anderer be trifft, so lassen die Äußerun gen der von uns interviewten sechs Jugend lichen bzw. jungen Erwachsenen ein klares morali sches Bewusst sein er kennen, das aber nicht immer mit dem not wendi gen Wissen ver knüpft ist, das man bräuchte, um es im Internet auch umzu setzen (z. B. Wissen im Bereich Fotos, persön liche Mittei lungen etc.). Wenn es um die Frage geht, wo sie sich Orientie rung im Umgang mit Privat heit bzw. Öffentlich keit holen, ver weisen die von uns Inter viewten manchmal auf Eltern, häufiger aber auf Freunde. Nur in einem Fall diente die Schule als Orientie rung im Umgang mit dem Internet. Auf fällig ist, dass mehrere Inter viewte die Schule als Ort der Orientie rung explizit ab lehnen. Generell ist eine große Skepsis gegen über der Vor stel lung zu ver spüren, in Sachen Sicher heit in irgendeiner Weise „belehrt“ zu werden. Wenn man jeman den etwas fragt, weil man sich unsicher ist, dann muss dies bei den meisten eine Person sein, der man ver traut, die aber auch gut Bescheid wissen muss. In der Alters gruppe zwischen 21 und 24 fällt in den Interviews auf, dass die sechs jungen Erwachsenen mögliche Ver haltens weisen und Haltun gen des Umfelds in Aus bildung, Studium und Beruf stärker als die Jüngeren als Ent schei dungs grundlage für Fragen der Ver öffent lichung von Daten und Informa tionen über die eigene Person mit einbeziehen. Die Bekanntgabe von Name, „Also politisch würd ich mich immer sehr raushalten, weil das einfach viele einfach falsch ver stehen. (…) So auf kritische Themen, was weiß ich so Ab trei- bung oder so was oder Todes strafe, (…) da würd ich mich jetzt ein bisschen zurück halten.“ (Dennis, 18) 119 Wohnort, aktueller Tätig keit und Ähnliches scheint darüber hinaus einen anderen Charakter zu be kommen als dies bei Jüngeren der Fall ist: Die Sorge, dass der Zugang zu diesen Daten ein Problem sein könnte, wird kleiner; eher gelten diese als notwendige Eckdaten. Dagegen werden Themen, die die persön lichen Interessen oder Vor lieben be treffen, von mehreren der von uns inter viewten jungen Erwachsenen nicht mehr oder nur einem sehr kleinen Freundes kreis zugäng lich ge macht. Dasselbe gilt für persön liche Eigen schaften. Deutlich ist in dieser Alters gruppe die Ab hängig keit der Ent schei dungen von der persön lichen Lebens situa tion: Es ist eben auch für den Umgang mit persön lichen Daten und Informa tionen ein Unter schied, ob man sich noch in der Berufs ausbil dung, schon im Beruf oder im Studium be findet, welcher Organisa tion man sich ver pflichtet fühlt, wie weit weg man von Freunden und Bekannten wohnt etc. In dieser Alters gruppe finden die Interviewten im Bedarfs fall andere WebAnwen dungen (Themen foren oder FlirtPortale), in denen sie unerkannt andere Identi täten aus probie ren oder genau die Informa tionen von sich weiter geben können, die sie in Sozialen Netz werk platt formen nicht ver breiten. Der Umgang mit Status meldun gen ist ähnlich heterogen wie in der Alters gruppe zwischen 18 und 20. Dies gilt weit gehend auch für den Umgang mit Daten und Informa tionen Dritter: Fast alle machen deut lich, dass sie hier keine morali schen Grenzen durch Ver breiten unangenehmer Fotos oder Informa tionen über private Beziehungen und Ähnliches über schreiten möchten. Die meisten jungen Erwachsenen zwischen 21 und 24, mit denen wir ge sprochen haben, sind in ge wissem Sinne Autodidakten, was ihr Wissen und Können im Umgang mit Privat heit und Öffentlich keit im Internet be trifft. Dies er staunt wenig, wird doch erst seit einigen Jahren ver mehrt auf das Thema etwa in den Medien hin gewiesen – zu einer Zeit, in der die von uns Interviewten bereits allein ihre ersten Erfah rungen ge macht haben und Eltern und Peers kaum Vor sprung haben konnten. Orientie rungs personen sind am ehesten noch Freunde. In einem Fall wird ein Ver wandter mit profes sio nellen Kennt nissen als Ansprechpartner ge nannt. Ent gegen der Erwar tung findet sich unter den sechs jungen Erwach senen, mit denen wir ge sprochen haben, eine Person, die in der Schule zum Thema Sicher heit im Internet unter richtet bzw. beraten worden ist. Wie 12 bis 24Jährige die Risiken in Sozialen Netz werk platt formen wahrnehmen Die von uns interviewten Jugend lichen zwischen 12 und 14 Jahren haben im Ver gleich zu den älteren Interviewten tendenziell extreme Gefahren der Nutzung des Internet im Allgemeinen und der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen im Speziellen präsent, wenn man auf dieses Thema zu sprechen kommt oder indirekt Anker dafür bietet: Befürchtet werden (nicht von allen, aber von einigen) Einbrüche, wenn Wohn und Aufenthaltsort bekannt ge geben werden, 120 finanzielle Kosten, die man aus Ver sehen ver ursacht, indem man auf etwas klickt, oder Selbst mord nach Cybermobbing. Genannt werden aber auch Nach teile in der Schule (z. B. wenn Lehrer auf Facebook sind) oder für das spätere Berufs leben (z. B. wenn potenziellen Arbeit gebern das eigene Profil miss fällt). Gleichzeitig sind Aspekte wie Spaß und Witz bei der Bewer tung dessen wichtig, was man öffent lich machen oder zumindest selbst in sozialen Netz werken an schauen kann und darf. Nur wenige haben ein tatsäch lich aus geprägtes Wissen über die heute be kannten Risiken und deren Wahrscheinlich keit und Tragweite. In der jüngsten Alters gruppe lassen die Interviews darauf schließen, dass Warnun gen von Eltern wie auch in den Medien bei vielen (wenn auch nicht allen) jungen Nutzern an gekommen sind und zumindest verbal wieder gege ben werden. Teils stimmt dies mit den tatsäch lichen (vor sichti gen) Umgangs weisen im Zusammen hang mit privaten Daten und Informa tionen überein, teils gibt es eine Diskrepanz zwischen dem, was die Jugend lichen sagen, und dem, was sie tun. Von sich aus thematisie ren allerdings nur zwei der Jugend lichen, mit denen wir ge sprochen haben, einen Bera tungs bedarf zu Risiken im Netz. Die Jugend lichen zwischen 15 und 17 Jahren aus unseren Interviews be nennen weniger Ängste vor extremen Gefahren und thematisie ren von sich aus häufiger als die Jüngeren ökonomi sche Risiken im Zusammen hang mit Sozialen Netz werk platt formen: So werden z. B. „Daten klau“ und eine für Firmen zweck dien liche Ver arbei tung privater Daten be fürch tet. Die meisten äußern sich darüber ver ärgert und arti kulie ren bei diesem Thema einen deut lichen Be darf an mehr Informa tionen: Was macht Facebook mit meinen Daten? Wie kommt individualisierte Werbung zustande? Wer kann meine Daten, eventuell aber auch die ganze Identität, stehlen? Dies sind Fragen, auf welche die Jugend lichen, mit denen wir ge sprochen haben, gerne eine Antwort hätten. Für andere Risiken dagegen scheinen sich die meisten der von uns interviewten Jugend lichen aus dieser Alters gruppe aus reichend ge wappnet zu fühlen und nennen Strategien, wie man sich dagegen wehren kann. Zudem wird von einigen ver mutet, es schon mitzu bekommen, wenn etwas gefähr lich ist oder wird. Es gibt aber auch Jugend liche, die sich explizit als ver unsichert be zeichnen. Die Spann breite im Risikobewusstsein bei den uns interviewten 15 bis 17Jährigen ist groß. Die Jugend lichen zwischen 18 und 20 Jahren zeigen sich in unseren Inter views eben falls unter schied lich risikobewusst und nennen eine ganze Reihe von Aspekten, die ihnen Angst machen oder Sorgen be reiten. Wie schon bei „Ich finde das, ja, total schlecht, wenn die da gucken, was ich da schreibe, und dann bei meinen Freunden rechts auf der Seite auf taucht: [Dein Kontakt] mag [das Produkt]. Ich finde, Werbung wie das stört und man sollte das auch ab schalten können. Werbung hat auf Facebook nichts zu suchen.“ (Sarah, 15) 121 den 15 bis 17Jährigen wird die Ver wendung persön licher Daten zu Werbe zwecken kritisiert, wobei eine Person thematisch auf Interessen zu geschnittene Werbung für unproblematisch hält; ge nannt werden in dem Zusammen hang auch andere Formen von „Daten klau“. Im Hinblick auf die Ver ände rungen in der Lebens situa tion dieser Alters gruppe ist es nach vollzieh bar, dass faktische oder potenzielle Arbeit geber eine zunehmend wich ti ger werdende Rolle im Risikobewusstsein der Interviewten spielen: Daten und Informa tionen nur restriktiv in Sozialen Netz werk platt formen einzu stellen bzw. zugäng lich zu machen, wird oft damit be gründet, dass hier Fehler große Karrieren achteile nach sich ziehen könnten. In einem Fall werden auch Ängste vor drasti schen Gefahren wie bei der jüngsten Interviewgruppe ge nannt; dies ist gleichzeitig mit be sonders geringen Kennt nissen zum Thema Daten sicher heit ver bunden. Schließ lich werden ver einzelt auch „falsche Bilder oder Eindrücke“, die die Dar stel lung der eigenen Person im Netz ver ursachen könnten, als Risiko themati siert. Stärker als die Jüngeren geben die von uns interviewten 18 bis 20Jährigen an, dass sowohl Schulen als auch Netz werk betreiber mehr, bessere und vor allem leichter ver ständ liche Informa tionen zum Thema Daten sicher heit in Sozialen Netz werk platt formen bereit stellen könnten. Die jungen Erwachsenen zwischen 21 und 24 Jahren aus unseren Interviews zeigen sich in Sachen Risikobewusstsein ähnlich wie die Alters gruppe zwischen 18 und 20. Es werden ver gleich bare Sorgen und Ängste ge nannt, wobei zusätz liche Hinweise etwa zur Problematik mit Spam ge macht werden. Selbstredend hat der Beruf für diese Alters gruppe eine wichtige Bedeu tung und wird beim Umgang mit Risiken in hohem Maße be rück sichtigt. Die Skepsis der Inter viewten gegen über Ver sprechungen der Anbieter Sozialer Netz werk platt formen wird tendenziell größer. Zudem wird von Einzelnen ver mutet, dass sich techni sche Hürden ver gleichs weise einfach über winden lassen. Keiner der jungen Erwachsenen, mit denen wir ge sprochen haben, zeigt gravierende Lücken im Wissen um Sicher heits probleme in Sozialen Netz werk platt for men und Strategien, damit umzu gehen, auch wenn es hier durch aus individuelle Unter schiede gibt (ins besondere beim Thema Werbung). Dennoch wird von mehreren ein deut licher Bera tungs bedarf signali siert, wobei ganz konkrete Themen ge nannt werden, „Die [Sicher heits einstel- lungen bei Facebook] waren halt irgendwann. Da kam keine große Nachricht und irgend- wann hab ich das halt dann so beim Durch- klicken mal gesehen. Und dass sie diese Sicher heits einstel lungen nicht von Anfang an gleich hoch gesetzt haben, sondern immer niedrig ge blieben sind, fand ich auch schade.“ (Ariane, 24) „Das ist was, das schreibst du anonym in so ein Forum, damit jeder darüber lachen kann. Aber ich mache mich doch nicht vor meinen Freunden lächer- lich, damit die das in Facebook alle sehen. Das, glaube ich, ist klar.“ (Christian, 21) 122 wie z. B. PrivatsphäreEinstel lungen bei Facebook oder Fragen zu legalem und illegalem Downloaden von Musik dateien. Was 12 bis 24Jährige über Privat heit bzw. Öffentlich keit im Internet denken In der Alters gruppe zwischen 12 und 14 Jahren haben einige der von uns interviewten Jugend lichen eine relativ klare Vor stel lung davon, was Privat heit für sie be deutet: Alles, was zu Hause in den eigenen vier Wänden, im eigenen Zimmer und mit der Familie passiert, ist privat. Als privat gelten vor allem familiäre An gelegen heiten, über die man nicht gerne spricht, weil sie negativ be lastet sind (Arbeits losig keit, Krank heiten etc.). „Richtig privat“ ist das, was man nicht mal mit den besten Freunden be spricht. Ansprechpartner für ernst hafte Probleme sind bei den von uns Inter viewten meist die Eltern. Zwei unserer Fälle zeigen jedoch, dass Soziale Netz werk platt formen „ein sprin gen“ können bzw. müssen, wenn es kein aus reichend großes Ver trauens verhältnis zu den Eltern gibt. Dies kann ge lingen, aber auch zu neuen Problemen (Angst vor Aus gren zung) führen. Gedanken und Gefühle werden von einigen aus dieser Alters gruppe eben falls zur Privatsphäre ge zählt, die man in Sozialen Netz werk platt formen normaler weise nicht öffent lich macht. Soziodemografi sche Angaben wie das Alter, der Wohnort etc. werden im realen Leben meist nicht mit Privat heit assoziiert, aber im Internet als sensible und folg lich private Daten ein gestuft. Ein ge wisses Dilemma wird offen kundig, wenn man in den Ge sprächen mit den Jugend lichen auf soziale Inter aktionen in Ver bindung mit der Frage nach Privat heit kommt: Einer seits haben die sechs Jugend lichen zwischen 12 und 14 aus unseren Interviews ein hohes Sicher heits bedürfnis, wünschen sich aber anderer seits von Kontakten in sozialen Netz werken, dass diese ihren echten Namen, even tuell ein Bild und authenti sche Informa tionen über sich ver fügbar machen. Dass es sich dabei um sich wider sprechende Bedürf nisse (PrivacyParadox) han delt, ist den Jugend lichen nicht bewusst. Auch in der Alters gruppe zwischen 15 und 17 Jah ren gelten den interviewten Jugend lichen vor allem familiäre An gelegen heiten als privat. Ver mehrt wer den nun auch Beziehungen zu Freund oder Freundin zur Privatsphäre gerechnet, über die man allen falls „Bei Privatsphäre denke ich an meine persön lichen Sachen, also was ich jetzt hier daheim mache oder ob ich jetzt die oder die Sendung an schaue, wo die anderen denken könnten, die ist ja total langweilig oder total blöd.“ (Florian, 14) „Daten sind für mich eigent lich meine privaten Sachen, wie z. B. wenn ich irgendein Foto habe oder halt so was, dann sag ich halt, das ist mein Foto, das will ich vielleicht nicht, dass du das an schaust, das [sind] meine Daten und ich will nicht, dass jemand anderes sie an- schaut.“ (Patrick, 13) 123 mit engen Freunden persön lich spricht. Während die Eltern nach wie vor oft als Ver trauens personen für Privates ge nannt werden, wird im Ver gleich zu den Jüngeren der Freundes kreis wichti ger. Ähnlich wie die Jüngeren werden vor allem Konflikte und Probleme mit sich, der Familie und in der Schule als privat definiert, was man in Sozialen Netz werk platt formen in der Regel weder ver breiten noch diskutie ren möchte. In einigen Interviews mit den 15 bis 17Jährigen wurde deut lich, dass Merkmale, die als persön licher Makel (wie z. B. Fettleibig keit oder schlechte Noten in der Schule) interpretiert werden, be sonders sensible Aspekte sind, die als Privatsphäre an gesehen werden. In diesen Punkten gibt es wenig Dissens unter den sechs Interviewten. Unter schied liche Meinun gen dagegen treten auf, wenn es um Eckdaten wie Namen, Wohnort und Geburts datum geht: Die Jugend lichen zwischen 15 und 17 Jahren, mit denen wir ge sprochen haben, ver weisen teil weise selbst darauf, dass es schwierig ist, einer seits die Identität zu ver stecken und anderer seits bei Kontakten auf authenti sche Informa tionen zu hoffen. Das Ver ständnis für unscharfe Profil bilder, Spitz namen oder Pseudonyme aber ist insgesamt groß, weil dies die Privatsphäre schütze. Schließ lich wird in unseren Interviews ver einzelt auch die Position ver treten, dass Soziale Netz werk platt formen wie Facebook neue private Räume schaffen können, von denen sich Lehrer und Eltern systematisch aus schließen lassen. Die von uns interviewten Jugend lichen bzw. jungen Erwachsenen in der Alters gruppe zwischen 18 und 20 Jahren nennen von sich aus weniger häufig als Jüngere den eigenen physischen Raum oder soziodemografi sche Angaben, wenn es um Privatsphäre generell und im Internet geht. Vielmehr thematisie ren sie ver stärkt emotionale Zustände und Gefühle, wie Ver liebt sein oder Trauer. Als privat gelten aber auch ihnen auf jeden Fall Familien probleme; dazu kommen nun auch Beziehungs probleme sowie Probleme in Aus bildung oder Studium und Zukunfts ängste. Diese Dinge werden von den meisten als unge eignete Themen für Soziale Netz werk platt formen ge nannt, wobei es auch eine Aus nahme gibt, die in der digitalen Diskussion eine mögliche Bewälti gungs strategie sieht. Zur Privatsphäre zählen einige persön liche Vor lieben und Eitel keiten sowie politi sche Meinun gen. Allzu persön liche oder zu „ernste“ Themen bringen die Interviewten in dieser Alters gruppe nicht gerne öffent lich zur Sprache. Eine Auf fassung aus dem Kreis der von uns interviewten 18 bis 20Jährigen fällt aus dem Rahmen: Sie besteht darin, dass Privatsphäre das Recht sei, öffent lich sagen und denken zu können, was man will, und dennoch in Ruhe ge lassen zu werden. Diese Auf fassung – das macht das gesamte Interview deut lich – er wächst aus einem großen Erfah rungs schatz im Umgang mit sozialen Netz werken und anderen InternetAnwen dungen und zeigt, dass es bei VielNutzern des Internet durch aus Ver schie bungen in der Auf fassung dessen geben kann, was zur Privat heit zählt. Deutlich ist, dass Defini tionen von Privat heit stark mit der Frage ver knüpft werden, wem man etwas anvertraut: 124 Die 18 bis 20Jährigen nennen hier seltener die Eltern, öfter enge Freunde, und leider gibt es auch einen Fall, in dem keine Ver trauens personen vor handen sind. Soziale Netz werk platt formen können hier nicht helfen, weil sich in diesen in der Regel die realen sozialen Beziehungen wider spiegeln. Die Äußerun gen zur Auf fassung von Privat heit und Öffentlich keit der jungen Erwachsenen in der Alters gruppe zwischen 21 und 24 Jahren, mit denen wir ge sprochen haben, gleichen in vielen Aspekten denen der 18 bis 20Jährigen. Zu den „eigenen vier Wänden“ als physische Privat heit kommt auch der eigene Körper. Gefühle und Erleb nisse in der Beziehung zu Freund oder Freundin werden oft als Privatangelegen heit dargestellt, ebenso die bereits mehrfach ge nannten Probleme in den ver schiedenen Systemen, an denen man teilhat. Mehr fach und in dieser Alters gruppe neu ge nannt werden eigene finanzielle Schwierig keiten, die man in Sozia len Netz werken nicht preis gibt. Die von uns inter viewten jungen Erwachsenen ver weisen expliziter als die anderen Alters gruppen auf das „Innen leben“ als Privatangelegen heit, zu dem neben ver schiedenen Gefühlslagen auch die Selbst wahrneh mung sowie politi sche und religiöse Auf fassungen ge hören. Zu Letzterem gibt es allerdings unter schied liche Meinun gen. Einige der 21 bis 24Jährigen, möchten ihren Alltag auf keinen Fall öffent lich werden lassen, was zu ihrer Ab lehnung von Status meldun gen führt. Andere dagegen sehen Angaben zum Alltag (einschließ lich Aufent haltsort) als potenziell öffent lichen Aspekt an. Fast alle aber betonen, dass es ihnen wichtig ist, selbst fest legen zu können, was privat und was öffent lich ist – gerade auch in Sozialen Netz werk platt formen. 2.2.3 Folge rungen: Präferenz dimensionen Typen bildung im Zusammen hang mit der Unter suchung des Nutzungs verhaltens von Menschen im Umgang mit dem Internet oder speziellen WebAnwen dungen reduzie ren einer seits die unüber sicht liche Komplexi tät und legen anderer seits – auf den ersten Blick zumindest – Hand lungs strategien nahe, speziell wenn es darum geht, be stimmte Ver haltens weisen von Personen zu fördern oder zu ver hindern, ihnen etwas zu ver kaufen oder sie zu beraten. Wie zu Beginn des Kapitels bereits an gedeutet, halten wir eine Typen bildung auf der Basis unserer Interviewdaten mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen zwischen 12 und 24 Jahren nicht für sinn voll. Stattdessen wollen wir drei Dimensionen vor stellen, die uns ge eignet er scheinen, um in künfti gen Forschungs und/oder Ent wick lungs projekten als theoreti sche Grundlage ver wendet zu werden. Wir nennen diese Dimensionen Präferenz dimensionen, auf denen unsere jungen Gesprächspartner ganz ver schiedene, in Bezug auf ihre konkrete Lebens situa „Bei Privatsphäre denke ich sofort ans Internet und vielleicht auch an diesen Konflikt, einer seits Privatsphäre, anderer seits Sicher heit, also wie weit darf man jemanden über wachen.“ (Ralf, 23) 125 tion aber durch aus nach vollzieh bare Ent schei dungen treffen, Einstel lungen aus bilden und dabei ihr subjektives Wohl befinden zu regulie ren scheinen. Es handelt sich um die Dimensionen Nähe versus Distanz, Einzigartig keit versus Zu gehörig keit sowie Freiheit versus Sicher heit. Präferenz Nähe versus Distanz (Zugänglich keit) Soziale Netz werk platt formen ver binden, wie die Bezeich nung nahelegt, konkrete Personen miteinander. Sie er füllen das Bedürfnis, sich über gemeinsame Inte ressen zu orientie ren, Kontakte zu knüpfen, auf recht zuerhalten und zu ver tiefen, Personen zu suchen und zu finden und mitunter auch Ver trauen zu einzelnen Personen aufzu bauen. Von daher muss man sich über die Mitglieder Sozialer Netz werk platt formen ein „Bild“ im wört lichen und über tragenen Sinne machen können. Vor diesem Hinter grund ist es nach vollzieh bar, dass Nutzer persön liche Daten auf Sozialen Netz werk platt formen an geben müssen, um diese ihrem Zweck ent sprechend ver wenden zu können. Dazu ge hören zunächst der reale Namen und einige Eckdaten (z. B. Alter und Geschlecht). Das eigene Profilfoto liefert z. B. weitere Hinweise, ob es sich um die ge suchte Person handelt. Profilinforma tionen ver tiefen die Vor stel lung, die Teilnehmer in Sozialen Netz werken von sich auf bauen. Soziale Netz werk platt formen er lauben es, sich über standardisierte und kontrollierte Felder einen ersten Eindruck von Personen zu machen, diese als die ge suchten Personen zu identifizie ren oder eben näher „kennen zulernen“ bzw. ihnen näherzukommen. Die meisten Interviewten geben denn auch zunächst an, dass mindestens der reale Name auf den Platt formen an gegeben werden sollte. Auch Bilder und (vor allem bei jüngeren Nutzern) Interessen gelten vielen als wichtige Informa tionen über die Person. Einige der Jugend lichen und jungen Erwachsenen weisen darauf hin, dass man in Foren, bei OnlineSpielen oder zur Nutzung von MessengerDiensten deut lich weniger persön liche Daten preis gegeben müsse und solle, weil bei der Teilnahme die Identität der Personen nicht im Vordergrund steht. Die jungen Nutzer nehmen vor diesem Hinter grund den ge nuinen Zweck Sozialer Netz werk platt formen also intuitiv „richtig“ wahr und ver halten sich ent sprechend. Gleichzeitig aber geben nicht wenige unserer Gesprächspartner an, dass sie „gar nichts“ über sich im Internet preis geben, auch wenn sie im Interview nicht direkt danach ge fragt werden. Bei konkreten (Nach)Fragen machen sie dann Einschrän kungen zu dieser Aussage und relativie ren sie wieder. Dabei kann es sich um einen Effekt sozialer Erwünscht heit handeln: Die jungen Nutzer er fahren aus den Medien, in der Schule oder von den Eltern von Risiken im Internet und ver suchen dann, den Erwar tungen ihrer sozialen Bezugs personen zumindest in Gesprächen zu ent sprechen – selbst dann, wenn es gar nicht ihrer Lebens realität ent spricht. Es kann aber ebenso sein, dass tatsäch lich ein Bedürfnis besteht, nicht nur Nähe aufzu bauen, sondern auch eine ge wisse Distanz zu anderen 126 oder gar zu ihrem „digitalen Lebens umfeld“ zu halten. Die Tatsache, dass einige der Interviewten von sich aus einen sozialen Druck oder gar Zwang zur Teilnahme an Sozialen Netz werken an gesprochen haben, weist darauf hin, dass nicht alle Jugend lichen und jungen Erwachsenen Nähe im Internet suchen und wollen, die auf Sozialen Netz werk platt formen möglich ist oder auch ver langt wird. Was in den Äußerun gen zu diesem Thema seitens der jungen Nutzer nur Wieder holungen vor gegebener Normen sind, die als sozial er wünscht gelten, und was tatsäch lich Aus druck des Wunsches nach Distanz ist, lässt sich schwer einschätzen. Zusammen fassend kann man fest halten: Auf der PräferenzDimension Nähe versus Distanz regulie ren Jugend liche und junge Erwachsene ihre Zugänglich keit, indem sie diese individuell, situativ oder nach sozialen Normen anpassen. Dazu gibt es auf Sozialen Netz werk platt formen zahl reiche Möglich keiten: Man kann im Chat sicht bar sein oder bewusst die Sicht bar keit im Chat ver bergen; man kann seine EMailAdresse an geben, um kontaktiert werden zu können, oder sie ver stecken; man kann die Kontakt daten auf den physischen Ort er weitern oder Wohnort bzw. Adresse nicht an geben; man kann ein Profil bild hochladen, darauf ver zichten oder undeut liche Bilder ver wenden; man kann seinen richti gen Namen nennen, oder auch einen er fundenen oder ver änderten; man kann seinen aktuellen Aufenthaltsort ver öffent lichen oder darauf ver zichten. Diese Möglich keiten nehmen die von uns interviewten Jugend lichen und jungen Erwachsenen teils ent sprechend ihrer Bedürf nisse wahr, teils in Anpas sung an vor gegebene Normen und soziale Erwar tungen. In der Folge ver stricken sie sich mitunter in deut liche Wider sprüche und Konflikte (PrivacyParadox). Präferenz Einzigartig keit versus Zu gehörig keit (Selbst wert) In den Medien und aus der Sicht vieler Experten (siehe hierzu auch Kap. 5.2) dienen Soziale Netz werk platt formen nicht nur der Kommunika tion, sondern auch als Ort der Selbst darstel lung bis hin zur Identi täts entwick lung. Wenn sich Personen vor allem selbst darstellen wollen, dann kommt es ihnen darauf an, einzigartig zu sein, dabei vor allem positive oder aus gefallene Eigen schaften der eigenen Person zu zeigen oder auch be sonders authentisch (und damit un verwechsel bar) aufzu treten. Profile auf Sozialen Netz werk platt formen bieten be liebig viele Möglich keiten, die eigene Person darzu stellen. Interessanter weise wird dieses Bedürfnis von den interviewten Jugend lichen und jungen Erwach senen ver gleichs weise wenig direkt in unseren Interviews artikuliert. Im Ver gleich zur Kommunika tion wird die Selbst darstel lung offen bar nicht als primäre Funktion Sozialer Netz werk platt formen wahrgenommen. Es finden sich aber indirekte Aus sagen, die darauf hindeuten, dass sich junge InternetNutzer durch aus abheben und ab grenzen, also nicht (immer) genauso sein und genauso 127 handeln wollen wie die anderen: So weisen sie oft darauf hin, dass andere Nutzer irrelevante Informa tionen preis geben, unvorteil hafte Fotos von sich ver öffent lichen oder sich in Sozialen Netz werken in Beiträgen nicht an ständig ver halten – ge paart mit der Fest stel lung, dass sie dies anders handhaben. Auch bei diesen Äußerun gen ist selbstredend eine soziale Erwünscht heit nicht aus geschlossen. Allerdings zeigen die Einzelinterviews, dass Hinweise dieser Art zusammen mit anderen Aus sagen manchmal die Ent wick lung einer eigenen Identität andeuten. Ver einzelt teilen Interviewte aber auch un vermittelt mit, dass sie stolz darauf sind, anders zu sein oder anders zu handeln und dies dann gerade deswegen öffent lich machen (wollen). Der Wunsch, in relevanten Bezugs gruppen „nichts zu ver passen“, mitreden zu können und in der Folge vor allem dazu zugehören, scheint allerdings bei den meisten jungen Platt formenNutzern aus geprägter zu sein. Etablie rung, Erhal tung und Ver tiefung von Freund schaften ge hören relativ deut lich zu den wichtigsten Gratifika tionen der Teilhabe an Sozialen Netz werken. Dies kann so weit gehen, dass man lieber darauf ver zichtet, die eigene Meinung darzu stellen, wenn man diese als ab weichend von der Mehr heits meinung einschätzt oder ver mutet, dass dies bei anderen einen „falschen Eindruck“ von der eigenen Person hinter lasse. Merkmale, die einen von den anderen abheben, werden dann nicht öffent lich ge macht, um keinen Anlass für Aus gren zung zu bieten. Die interviewten Jugend lichen und jungen Erwachsenen haben mehrfach an gegeben, eher „nicht be sondere“, risikofreie Dinge zu ver öffent lichen, damit Gespräche in Sozialen Netz werken ent stehen können. Deutlich wird das im um gekehrten Sinne z. B. an Interviewten, die in ihrem Schulalltag nur gering sozial integriert sind: Sie haben kein großes Interesse, sich auf Sozialen Netz werk platt formen mit ihren Mitschülern zu ver netzen und sich dort darzu stellen, weil sie ohnehin nicht be sonders gut mit ihnen aus kommen. Der Wunsch nach Einzigartig keit kann, muss aber nicht, mit dem Bedürfnis nach Distanz zusammen hängen; dasselbe gilt für den Zusammen hang zwischen dem Wunsch nach Zu gehörig keit und dem Bedürfnis nach Nähe. Während Nähe versus Distanz eher eine Dimension ist, die mit Zugänglich keit zu tun hat und sich rasch, auch situativ, ändern kann, stellt Einzigartig keit versus Zu gehörig keit eher eine Dimension dar, die den Selbst wert einer Person tangiert. Zusammen fassend kann man fest halten: Auf der PräferenzDimension Ein zigartig keit versus Zu gehörig keit regulie ren Jugend liche und junge Erwachsene Aspekte ihres Selbst werts. Soziale Netz werk platt formen bieten für beides prinzipiell einen Rahmen: Man sieht dort, wie andere denken und handeln, kann sich an schließen und dann dazu gehören. Genauso aber bieten Soziale Netz werk platt formen einen breiten Raum zur Darstel lung der eigenen Person in ihrer Einzigartig keit. Auch diese beiden Bedürf nisse können in Konflikt geraten. Hinweise darauf finden sich in den Interviews allerdings nur indirekt. 128 Präferenz Freiheit versus Sicher heit (Hand lungs spiel raum) Im Vordergrund stehen bei der Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen affirmative Ziele, also die Einbet tung in die soziale Gruppe, emotionaler Zu spruch und der Aus tausch über Gemeinsam keiten. Konflikt themen be sprechen auch die von uns interviewten Jugend lichen und jungen Erwachsenen in privaten Nachrichten, nicht aber in Teilöffentlich keiten von Pinnwänden. Hierfür suchen sie eher die Sicher heit einer EinszueinsSitua tion ent weder im Internet über persön liche Nachrichten, über Foren beiträge unter Nutzung von Pseudonymen oder außerhalb des Internet über Telefonate oder persön liche Gespräche. Damit zeigen die Jugend lichen und jungen Erwachsenen ein Bewusstsein dafür, wer bei einem öffent lich aus gehandelten Konflikt noch alles mitlesen könnte. Soziale Netz werk platt formen werden primär dazu ge nutzt, das außerhalb des Internet be stehende soziale Netz werk abzu bilden. Das Sammeln von Kontakten über den persön lichen Bekannten kreis hinaus spielt bei den Interviewten dagegen kaum eine Rolle. Auf Sozialen Netz werk platt formen suchen junge Nutzer also eben falls primär die Sicher heit persön licher Bekannt schaften und die Sicher heit vor Eingriffen fremder oder unerwünschter Personen, was schon in anderen Studien er mittelt werden konnte (Schmidt, PausHasebrink & Hasebrink, 2009). Gleichzeitig finden sich aber auch Äußerun gen in unseren Interviews, die darauf hinweisen, dass der Aspekte der Freiheit in Sozialen Netz werken eben falls ein Gut ist, das Jugend liche und junge Erwachsene nutzen wollen: z. B. die Freiheit, sich eigene soziale Bezugs gruppen, im Bedarfs fall auch einmal fernab der realen Bezugs gruppe oder ent gegen der Erwar tungen der Elterngenera tion, zu suchen und Kontakte zu knüpfen, die man ohne das Internet nicht knüpfen könnte. Ver einzelt wird auch das Bedürfnis nach Freiheit in dem Sinne geäußert, sich auf Sozialen Netz werk platt formen geben zu können, wie man ist, oder auch eine öffent liche Person sein zu dürfen. Zudem betonen viele junge Nutzer, dass es ihnen wichtig ist, selbst und damit frei ent scheiden zu können, welche Daten und Informa tionen sie freigeben und mit wem sie sich ver netzen oder eben nicht. Dass der Wunsch nach Sicher heit einer seits und nach Freiheit anderer seits auf Sozialen Netz werk platt formen unter schied lich aus gelebt werden kann, lässt sich leicht ver anschau lichen: Man kann z. B. in Facebook ein Profil be stehend aus Minimaldaten mit dem aus schließ lichen Ziel anlegen, Zugriff auf OnlineSpiele zu haben (oder andere Dienste zu nutzen) und maximiert damit seine Sicher heit. Man kann Scheinnetz werke mit ge fälschten Profil anga ben anlegen, um beispiels weise unerkannt Mitschüler kennen zulernen, in die man ver liebt ist, und bleibt auch dabei eher „auf der sicheren Seite“. Wenn man sich aus schließ lich mit Personen ver netzt, die man außerhalb des Internet kennt, fühlt man sich eben falls tendenziell sicher. Ein stärke rer Wunsch nach Freiheit dagegen kommt zum Aus druck, wenn man (bewusst) ver schiedene Netz werke mischt (z. B. be rufliche und private Kontakte) oder diese so weit 129 öffnet, dass auch Personen integriert werden, die man nur aus dem Internet kennt oder erst noch kennen lernen will. Alle diese ver schiedenen Formen der Aus gestal tung des eigenen Netz werks in Sozialen Netz werk platt formen finden sich in den Aus sagen der interviewten Jugend lichen und jungen Erwachsenen wieder. Zusammen fassend kann man fest halten: Auf der PräferenzDimension Sicher heit versus Freiheit regulie ren Jugend liche und junge Erwachsene ihren Hand lungs spiel raum, indem sie zum einen selbst die Art und Rolle ihrer Netz werke bzw. ihrer Netz werk zugehörig keit definie ren und aus gestalten. Zum anderen tun sie dies durch ihre Ent schei dung, wie frei sie mit ihren eigenen Daten umgehen und als Person öffent lich sein wollen. Letzteres wird in unseren Interviews eher von jungen Erwachsenen explizit an gesprochen. Diese Gruppe lebt gegen über den jüngeren Interviewten in komplexe ren Lebens umständen und kennt mehr Kontakte aus dem persön lichen Umfeld außerhalb des Internet. Ihr Hand lungs spiel raum ist dadurch größer. Dass Soziale Netz werk platt formen sowohl eine Chance als auch ein Risiko sind, ist allen Nutzern, auch den jungen, wohl bewusst. Keiner der Interviewten zeigte sich hier völlig un bedarft. Wie man die ver schiedenen Chancen und Risiken ge wichtet und gegen einander auf wiegt, ist von drei Wissens bereichen ab hängig: dem Sachwissen über die Möglich keiten von Sozialen Netz werk platt formen; dem Hand lungs wissen da rüber, wie Funktionen ge nutzt werden können, um er wünschte Ziele zu er reichen und unerwünschte Effekte zu ver meiden; und dem Begrün dungs wissen, wie wichtig einem „Werte“ wie Sicher heit und Freiheit sind. 130 Literatur Kleining, G. (1982). Umriß zu einer Methodologie qualitativer Sozialforschung. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 34(2), 224–253. Krotz, F. (2005). Neue Theorien ent wickeln: Eine Einfüh rung in die Grounded Theory, die Heuristi sche Sozialforschung und Ethnographie anhand von Beispielen aus der Kommunika tions forschung. Köln: von Halem. Mayring, P. (2000). Qualitative Inhalts analyse: Grundlagen und Techniken (7. Aufl.). Weinheim: Deutscher Studien Verlag. Schmidt, J.H., PausHasebrink, I. & Hasebrink, U. (2009). Heranwachsen mit dem Social Web: Zur Rolle von Web 2.0Angeboten im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen. Schriften reihe Medien forschung der Landes anstalt für Medien NordrheinWest falen: Bd. 62. Berlin: VISTAS. 131 3 Digital Natives und Digital Immigrants – eine Sekundäranalyse Julia Niemann & Michael Schenk Die Heraus forde rungen von OnlineIdenti täten und der Selbstoffenba rung im Social Web be treffen nicht aus schließ lich die jungen Nutzer oder Digital Natives. Heute sind sehr viele digitale Informa tionen über jeden Internetnutzer ver fügbar. Auch An gehörige älterer Genera tionen bewegen sich im Social Web und er schaffen OnlineIdenti täten. Bei ihnen lassen sich ebenso Hand lungs weisen be obachten, die nicht von einem vor sichti gen Umgang mit der eigenen Privat sphäre zeugen. So sind be sonders ältere Menschen ge fährdet, Opfer von Online Betrug zu werden, da sie krimi nelle Ab sichten bisweilen schlecht durch schauen (Görgen, 2009), und beim OnlineDating geben Singles jeden Alters intime Details über sich preis (Gibbs, Ellison & Heino, 2006). Jugend liche und junge Erwachsene nutzen das Internet jedoch anders als ältere Erwachsene, daher stellt sich die Forschungs frage „Wie unter scheiden sich ältere und jüngere Nutzer des Social Web hinsicht lich ihrer Neigung zur Selbstoffenba rung und ihrer Sorge um die Privatsphäre im Social Web?“. Einer seits sind junge User wesent lich häufiger online und nutzen das Netz intensiver. Die ARDZDFOnlinestudie (2011) zeigt, dass die Ver brei tung der Internetnut zung weiter zunimmt, aber dass sie auch stark vom Alter abhängt. Nahezu alle unter 20Jährigen gaben in der Umfrage an, das Internet innerhalb der letzten vier Wochen ge nutzt zu haben. Dieser Anteil sinkt bei steigen dem Alter und bei den über 60Jährigen beträgt der Anteil der Internetnutzer gerade noch 35 Prozent. Auch bei der Nutzung einzelner Anwen dungen des Social Web lassen sich deut liche Alters unterschiede fest stellen (Busemann & Gscheidle, 2011). Schon rein quantitativ ergeben sich also Unter schiede ver schiedener Genera tionen, nicht nur bei der Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen. Insbesondere Jugend liche im Alter zwischen etwa 15 und 17 Jahren nutzen die Platt formen be sonders stark (Hasebrink & Rohde, 2009), in den Alters gruppen der 18 bis 20 und 21 bis 24Jährigen hingegen nimmt die Nutzung leicht ab. Die Nutzung des Internet und insbesondere des Social Web und von Sozialen Netz werk platt formen durch ver schiedene Alters gruppen unter scheidet sich aber 132 nicht nur quantitativ sondern auch funktional, wie Boyd (2008) be schreibt: Jugend liche be schäfti gen sich auf Sozialen Netz werk platt formen mit Personen aus ihrem sozialen Umfeld, sie ver ändern ihre Profile häufiger und ver fassen Kommentare auf den Profilseiten ihrer Freunde. Das Netz ist stark in die Lebens welt der Digital Natives integriert, sie finden dort einen Ort, an dem sie – weit gehend un beobachtet durch Eltern oder Lehrer – auf ihre Peergroup treffen (Boyd & Marwick, 2011). Erwachsene hingegen be treiben auf Sozialen Netz werk platt formen eher wirk liches „Networking“, sie nutzen sie zur Auf rechterhal tung oder zum Ausbau ihres sozialen Kapitals. Ihnen ist es be sonders wichtig, dort alte Bekannte wieder zufinden, Geschäfts kontakte zu pflegen oder die Platt formen als Informa tions quelle zu ver wenden (Boyd, 2008). Die Unter schiede zwischen jüngeren und älteren Nutzern auf das Geburts jahr zurück zuführen, wäre jedoch zu kurz ge griffen. „Der Genera tionen zusam men hang ent steht […] nicht auf grund der chronologi schen Gleichzeitig keit der Geburt, sondern vielmehr durch die gemeinsame Teilhabe an be stimmten histo ri schen Ereig nissen oder umfassen den Ver ände rungen, welche Lebens stil und Weltanschauung mass geblich [sic!] prägen.“ (Seufert, 2007, S. 6). Genera tionen werden durch politi sche Ereig nisse, Mode und Zeit geist sowie durch technologi sche Innova tionen, mit denen sie auf wachsen, ge prägt. Die Zusam men gehörig keit einer solchen „soziologi schen Genera tion“ ist daher an Geburts jahrgängen fest zumachen, der Geburts jahrgang ist aber nicht die Ursache für die Zu gehörig keit. Die Genera tion der Digital Natives ist mit den neuen Informa tions techno logien, mit Internet und Mobilfunk auf gewachsen, die der Digital Immigrants nicht. Als groben Richt wert findet man in der Literatur die Geburts jahrgänge ab den 1980ern als Digital Natives (Fromme, 2002; Palfrey & Gasser, 2008). Im Gegen satz zu den Digital Natives sind die älteren Nutzer nicht mit dem Internet auf gewachsen. Anders als die jungen Nutzer er lernen sie den Umgang mit den neuen Technologien meist nicht beiläufig, sondern durch selbst organi siertes oder selbst gesteuertes Lernen (Fromme, 2002). Die Digital Immigrants haben strukturell andere Sozialisa tions prozesse hinter sich, die sie zu anderen Formen der Selbst darstel lung und zu einem anderen Konzept von Privat heit und Öffentlich keit ge führt haben. Zum Teil hängen die Unter schiede in Bezug auf die Selbstoffenba rung im Internet auch von den generellen techni schen Fertig keiten ab (Boyd & Hargittai, 2010). Die Unter schiede in der Art, wie Menschen online mit ihrer Privatsphäre umgehen, sind durch frühere Erfah rungen, auch aus der OfflineWelt, bedingt. Das Konzept der Älteren ist gegenüber dem der Jüngeren negativ geprägt: „youth focus on all that they have to gain when entering into public spaces while adults are talking about all that they have to lose“ (Boyd, 2010, Abs. 5). Abhängig von ihren persön lichen be ruflichen und privaten Erfah rungen und ihrer Expertise im Umgang mit den digitalen Medien reagie ren Menschen anders auf die Chancen und Risiken des Social Web. Dadurch, dass die Digital Natives mit den digitalen 133 Medien auf gewachsen sind, besteht bei ihnen ver mutlich ein größeres Ver trauen in die neuen Technologien. Da sie auf eine jahrelange Erfah rung im Umgang mit den Technologien zurück blicken und diese beiläufig erlernt haben, wähnen sie sich in der Lage, Konsequenzen und Gefahren im Netz ab schätzen zu können. Dieser Umstand könnte sich auch auf den Umgang und die Ver öffent lichung von eigenen und fremden personen bezogenen Daten aus wirken: Es er scheint daher plausibel, dass Digital Natives und Digital Immigrants mit anderen Maßstäben be urteilen, was als privat gelten sollte und was nicht. Es liegt nahe, dass es zwischen den Digital Natives und den Digital Immi grants einen Unter schied hinsicht lich der Hand lungs weisen im Social Web und der Einstel lung zur Privatsphäre gibt. Die Besonder heiten des Umgangs mit dem Social Web und mit Privat heit und Öffentlich keit im Internet, die bei jungen Nutzern eventuell vor liegen, können zudem be sonders deut lich auf gezeigt werden, wenn sie einer Ver gleichs gruppe älterer Internetnutzer gegen über gestellt werden. Dieser Ver gleich soll im Folgenden unter Rück griff auf eine sekundär analyti sche Unter suchung geschehen. 3.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens Zur Kontrastie rung der Unter schiede zwischen Digital Natives und Digital Immigrants hinsicht lich ihrer Nutzung des Social Web, ihrer Sorge um die eigene Privatsphäre und dem Selbstoffenba rungs verhalten, wird auf die Studie „Die Diffusion der Medien innova tion Social Web: Determinanten und Aus wirkungen aus der Perspektive des Nutzers“ zurück gegriffen. Dieses Projekt wurde von 2008 bis 2011 an der Universi tät Hohenheim unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. habil. Michael Schenk durch geführt und von der Deutschen Forschungs gemein schaft ge fördert. Die Studie liefert ein umfassen des Bild von der Nutzung und den Nutzungs motiven sowie eventuellen Folgen des Social Web in der deutschen InternetNutzer schaft. Dabei wurden nicht nur Fragestel lungen auf individueller Ebene auf gestellt, sondern auch Aus wirkungen für Gruppen und Gesellschafts prozesse diskutiert. Das Projekt umfasste ein mehrstufiges Forschungs design, das quantitative und qualitative Methoden integrierte. Dabei wurden nicht nur Soziale Netz werk platt formen, sondern auch fünf weitere Anwen dungen des Social Web fokussiert. Es handelt sich um Bilder und Videoplatt formen, Blogs, Wikis und Diskus sions foren. Für die Beantwor tung der Forschungs frage 2, wie unter scheiden sich ältere und jüngere Nutzer des Social Web hinsicht lich ihrer Neigung zur Selbstoffen ba rung und ihrer Sorge um die Privatsphäre im Social Web?, wurden die quantitativen Daten des DFG Projekts sekundäranalytisch unter sucht. Diese wurden im Rahmen einer WebBefra gung, bei der die Teilnehmer über ein OnlineAccessPanel rekrutiert wurden, gesammelt. Die Struktur des Samples 134 ent spricht hinsicht lich Alter, Geschlecht und Bundes land der Grundgesamt heit der deutschen OnlineBevölke rung laut AGOF zum Erhe bungs zeitpunkt (vgl. Schenk, Jers & Gölz, 2012). Die Teilnehmer der Umfrage sind jedoch deut lich höher ge bildet als der Durch schnitt der OnlineBevölke rung. Insgesamt nahmen 3.030 Personen zwischen 13 und 83 Jahren an der Umfrage teil. Um Digital Natives und Digital Immigrants hinsicht lich der Sorge um die Privatsphäre und dem OnlineSelbstoffenba rungs verhalten miteinander ver gleichen zu können, wurden drei Alters gruppen ge bildet. Als Gruppe der Digital Natives wurden Personen im Alter zwischen 13 und 24 Jahren definiert (n = 624). Diese sind deut lich später als 1980 ge boren und somit eindeutig nach und während der Ver brei tung des Internet auf gewachsen. Da die Alters grenze zwischen Digital Natives und Digital Immigrants fließend ver läuft und nicht an einem be stimmten Geburts jahr fest zumachen ist, wurde zusätz lich eine Mittelgruppe ge bildet, die die beiden interessie ren den Gruppen Digital Natives und Digital Immigrants voneinander separiert. Diese Mittelgruppe reicht von 24 bis zu 34 Jahren (n = 565). Es handelt sich um Personen, die zwar in ihrer Jugend die Anfänge der Ent wick lung neuer Informa tions technologien miterlebt haben, deren Jugendphase aber nicht zwangs läufig so stark von der zunehmen den Mediatisie rung durch Informa tions technologien ge prägt war, wie die der Digital Natives. Personen über 35 Jahren bilden die Gruppe der Digital Immi grants (n = 1.841). Diese Gruppe konnte die Informa tions technologien Internet und Mobilfunk nicht in ihrer Kindheit und Adoles zenz er lernen, sondern kam erst in einer späteren Lebens phase damit in Berüh rung. Sie ge hören diesbezüg lich einer anderen soziologi schen Genera tion an. Der Schilde rung der Ergeb nisse der Sekundäranalyse geht im Folgenden jeweils eine Beschrei bung der operationalisierten Konstrukte voraus. Die Um frage ent hielt neben der Abfrage der Nutzungs häufig keit der ver schiedenen Social WebAnwen dungen auch eine Skala zum Persönlich keits merkmal Nei gung zur Selbstoffenba rung und zur Internet und Social WebSelbst wirksam keit. Außerdem wurden die Sorge um die Privatsphäre im Social Web und das Selbstoffenba rungs verhalten ab gefragt. Die hier auf gezählten Konstrukte wurden dahin gehend unter sucht, ob sie sich bei den drei Alters gruppen unter scheiden. 3.2 Ergeb nisse 3.2.1 Nutzungs aktivi tät Zunächst wurde in der Onlinebefra gung nach der Nutzungs häufig keit ver schiedener Anwen dungen des Social Web ge fragt (Abbil dung 3). Insgesamt be suchen die Digital Natives deut lich häufiger die ver schiedenen Anwen dungen des Social Web. Soziale Netz werk platt formen stechen heraus, denn sie werden 135 in jeder Alters gruppe am häufigsten frequentiert. Die Digital Immigrants nutzen sie im Durch schnitt zumindest mehrmals wöchent lich und auch die anderen Alters gruppen weisen bei den Sozialen Netz werk platt formen jeweils ihre höchste Nutzungs frequenz auf. Auf fallend ist jedoch das starke Gefälle zwischen den Alters gruppen. Während die jungen Nutzer an geben, diese An gebote im Schnitt mindestens wöchent lich zu nutzen, sinkt der Durch schnitts wert bei den anderen Alters gruppen deut lich, was auch den Erwar tungen ent spricht. Abbil dung 3: Nutzungs häufig keit der Social Web-Anwen dungen Skala: 1 = nie; 2 = seltener; 3 = mehrmals monatlich; 4 = einmal wöchentlich; 5 = mehrmals wöchentlich; 6 = einmal täglich; 7 = mehrmals täglich Der Aktivi täts grad im Social Web bemisst sich nicht nur an der Nutzungs frequenz oder dauer, die die User mit SocialWebAktivi täten ver bringen. Viel relevanter in Bezug auf die Privatsphäre ist es, welche Aktivi täten die User im Social Web aus führen und wie sie dies jeweils tun. Einer seits ist es möglich, die An gebote des Social Web passivrezipierend zu nutzen, anderer seits zeichnet sich das Social Web gerade dadurch aus, dass Nutzer sich einbringen und vom Rezipient zum „Produser“ werden, der aktiv eigene Inhalte ge neriert. Um die SocialWebNutzung nicht über eine reine Häufig keits abfrage zu er fassen, wurde in der Diffu sionsStudie eine Nutzer typologie ge bildet, die den Aktivi täts grad ab bildet. Für die sechs unter suchten Anwen dungsTypen des Social Web wurden Aus sagen formuliert, die die rezipierende, partizipierende oder produzierende Nutzung des jeweili gen Anwen dungsTyps aus drücken. So wurde 5,15 4,60 3,61 2,81 4,15 3,41 2,61 3,24 4,21 3,48 3,09 3,71 2,70 2,58 2,47 2,09 2,70 2,60 0 1 2 3 4 5 6 7 Soziale Netzwerk- plattformen Video- plattformen Bilder- plattformen Blogs Wikis Diskussions- foren Digital Natives (n = 624) Mittelgruppe (n = 565) Digital Immigrants (n = 1.841) 136 für Videoplatt formen beispiels weise ab gefragt, ob ein Nutzer dort nur Videos ansieht (rezipierende Nutzung), sie darüber hinaus auch kommentiert (partizi pierende Nutzung) oder zudem auch eigene Videos hochlädt (produzierende Nutzung). Die Anwen dungen differenzie ren hinsicht lich der Nutzungs aktivi tät sehr stark (Abbil dung 4). Es fällt auf, dass sich insbesondere Soziale Netz werk platt formen durch eine hohe partizipierende und produzierende Nutzungs weise aus zeichnen. Sie werden also nicht nur be sonders häufig, sondern auch mit sehr hohem Partizipa tions grad ge nutzt. Abbil dung 4: Aktivi täts grad pro Anwen dung Basierend auf den je drei Items zu den sechs ab gefragten Anwen dungs typen und der Nutzungs aktivi tät wurde eine Nutzer typologie auf gestellt, die den Aktivi täts grad der User im Social Web wider spiegelt. Die fünf Nutzer gruppen werden in Tabelle 4 be schrieben (vgl. Jers et al., 2010). 77% 12% 64% 36% 46% 50% 7% 31% 16% 25% 11% 14% 15% 57% 20% 39% 43% 36% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Wikis (n = 1.965) Soziale Netzwerk- plattformen (n = 1.964) Video- plattformen (n = 1.944) Diskussions- foren (n = 1.912) Bilder- plattformen (n = 1.891) Blogs (n = 1.312) rezipierende Nutzung partizipierende Nutzung produzierende Nutzung 137 Tabelle 4: Nutzer typologie nach Aktivi täts grad Gruppe n Nichtnutzer Diese Gruppe nutzt keine der sechs ab gefragten Social Web- Anwen dungen in irgendeiner Weise. Diese Gruppe ist nicht im Social Web aktiv. 291 Konsumierende Nutzer Rezipierende Nutzer nutzen zwar eine oder mehrere der ab- gefragten Social Web-Anwen dungen, jedoch be richten sie nur von rezipie ren der Nutzung. Diese Nutzer ge nerie ren weder eigene Inhalte, noch partizipie ren sie, indem sie die Inhalte anderer kommentie ren oder be werten. Umgangs sprach lich könnten sie auch als „Lurker“ be zeichnet werden. Ihr Aktivi täts- niveau ist daher gering. 573 Partizipierende Nutzer Mitglieder dieser Gruppe nutzen mindestens eine der ab- gefragten Social Web-Anwen dungen in partizipie ren der Weise. Sie stellen zwar keine eigenen Inhalte bereit, aber sie reagie ren auf die Inhalte anderer, indem sie sie kommentie ren oder be- werten. 534 Produzierende Nutzer Diese Nutzer produzie ren eigene Inhalte und ge nerie ren damit Content in einer oder zwei der ab gefragten Social Web-Anwen- dungen. 1.072 Vielseitig produzierende Nutzer Bei den vielseitig produzie ren den Nutzern handelt es sich um Personen, die in drei oder mehr Anwen dungen eigene Inhalte bereit stellen und das höchste Aktivi täts niveau in der Typologie auf weisen. 560 Basis: N = 3.030 Zunächst soll ge zeigt werden, inwiefern die ge bildeten Alters gruppen hin sicht lich der SocialWebNutzung variieren. Für diesen Ver gleich wurde eine Häufig keits auszäh lung des Aktivi täts grades, auf gesplittet nach den drei Alters gruppen, vor genommen, die in Abbil dung 5 dargestellt ist. Es zeigt sich, dass die Alters gruppen hinsicht lich ihres Aktivi täts grades deut lich differie ren. Wie er wartet, ist die produzierende Nutzung im Jugend und jungen Erwachsenen alter am aus geprägtesten. Eine deut liche Mehrheit von 83 Prozent der 13 bis 24Jährigen produziert und ver öffent licht eigene Inhalte in mindestens einer der sechs unter suchten Social WebAnwen dungen. In der Ver gleichs gruppe der Digital Immigrants geben nur 40 Prozent der be fragten Internetnutzer an, schon einmal eigene Inhalte ins Netz ge stellt zu haben. Die Gruppe der Nichtnutzer ist im Gegen zug in dieser Gruppe am größten (14 Prozent). In der Gruppe der jungen Nutzer sind hingegen kaum NichtNutzer zu finden (1 Prozent). Die deskriptiven Ergeb nisse be stätigten sich auch in einem χ²Test (χ² = 399,53; p < ,001) und auch die er klärte Varianz (η = ,34) spricht für einen starken Zusammen hang zwischen Alters gruppe und Aktivi täts grad. Folglich kann fest gehalten werden, dass wie er wartet die jungen Nutzer das Social Web intensiver und vor allem mit einem höheren Partizipa tions grad nutzen als die älteren. 138 Abbil dung 5: Alters gruppen nach Aktivi täts grad im Social Web 3.2.2 Selbst wirksam keit Nicht nur die Erfah rung im produzie ren den Umgang mit dem Social Web liefert eine Begrün dung, inwiefern Personen unter schied lich mit den Heraus forde rungen von Selbstoffenba rung und Privatsphäre im Social Web umgehen. Auch die Einschät zung der Selbst wirksam keit eigener techni scher Fähig keiten bedingt, inwiefern Personen das Gefühl haben, die OnlineSelbstoffenba rung selbst kontrollie ren zu können. Dies kann auch Aus wirkungen auf Art und Umfang der OnlineSelbst darstel lung haben. Die Abfrage der InternetSelbst wirksam keit basierte auf drei Items aus einer Skala von Eastin und LaRose (2000), die ins Deutsche über setzt wurden. Um auch die Social Webspezifi sche Selbst wirksam keit ab fragen zu können, wurden innerhalb des Ursp rungs projekts fünf weitere Items formuliert, die unter schied liche Social WebAnwen dungen ab decken4. Diese Sub skala wurde innerhalb eines Pretest validiert. Die Abfrage er folgte sowohl bei der Internet als auch bei der Social WebSelbst wirksam keit über eine fünfstufige Antwort skala. Beide Subs kalen ver fügten über eine aus reichend hohe Reliabili tät, so dass zur weiteren Aus wertung 4 Die Items aller ver wendeten Skalen be finden sich im OnlineAnhang. 29% 24% 13% 54% 41% 27% 9% 17% 21% 7% 12% 25% 1% 6% 14% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Digital Natives 13–24 Jahre (n = 624) Mittelgruppe 25–34 Jahre (n = 565) Digital Immigrants 35+ Jahre (n = 1.841) Vielseitig produzierende Nutzer Produzierende Nutzer Partizipierende Nutzer Konsumierende Nutzer Nichtnutzer 139 Mittelwertindices ge bildet wurden. Das Cronbach’s α betrug für InternetSelbst wirksam keit α = ,76 und für Social WebSelbst wirksam keit α = ,91. Ob die Einschät zung der eigenen Selbst wirksam keit in Bezug auf das Internet und das Social Web zwischen den Alters gruppen variiert, wurde mit zwei einfaktoriellen Varianzanalysen und an schließen dem PostHocTest ge prüft (Tabelle 5). Es zeigen sich nur sehr geringe Mittelwert unterschiede und kleine Effekt stärken. Den Ergeb nissen der Analyse zu Folge haben die Digital Natives und Personen unter 35 Jahren eine leicht höhere InternetSelbst wirksam keit gegen über den Digital Immigrants. Ältere Personen fühlen sich im Umgang mit dem Internet demnach nur ein wenig unsiche rer als jüngere Personen. Insgesamt ist die Internetselbst wirksam keit jedoch hoch aus geprägt; mit einem Durschnitt von M = 3,90 liegen selbst die älteren Nutzer deut lich über dem Mittelwert der Skala. Tabelle 5: Internet- und Social-Web-Selbst wirksam keit nach Alters gruppen Digital Natives 13–24 Jahre Mittelgruppe 25–34 Jahre Digital Immigrants 35+ Jahre F Sign. (n = 623) (n = 565) (n = 1.841) Index Internet- Selbst wirksam keit* M 4,09a 4,09a 3,90b 23,15 p < ,001 SD 0,69 0,70 0,76 Index Social Web- Selbst wirksam keit* M 3,79a 3,70a 3,07b 142,64 p < ,001 SD 0,92 1,02 1,14 Varianzanalysen; Basis N = 3.029 Skala 1 = sehr niedrig bis 5 = sehr hoch a, b Mittelwerte mit unter schied lichen Kennbuchstaben unter scheiden sich signifikant nach dem Games HowellPostHocTest (p < ,05) * LeveneTest auf Homogeni tät der Varianzen signifikant (p < ,05) Bei der Social WebSelbst wirksam keit fallen die Differenzen zum Mittelwert der Skala nicht so stark aus wie bei der InternetSelbst wirksam keit. Insbesondere bei den beiden jüngeren Alters gruppen liegen die Mittelwerte aber dennoch deut lich darüber. Dementsprechend fällt bei der Social WebSelbst wirksam keit auch der Mittelwert unterschied zwischen den jüngeren beiden Alters gruppen und der älteren Gruppe deut licher aus. Die jüngste Alters gruppe unter schei det sich signifikant von der ältesten und der Mittelwert unterschied beträgt 0,72 Skalen punkte. Das be deutet, die jüngeren Nutzer ver fügen über eine deut lich höhere Selbst wirksam keits erwar tung als die älteren. Dies ver wundert nicht, denn wie bereits in der Analyse des Aktivi täts grades fest gestellt, ver fügen die jüngeren Nutzer über eine deut lich höhere Praxis erfah rung. Diese könnte wechselseitig zu dem ge steigerten Selbst wirksam keits empfinden führen, aus dem wiederum eine aktiv partizipierende oder produzierende Nutzung hervor gehen könnte. 140 3.2.3 Neigung zur Selbstoffenba rung Die generelle Neigung zur Selbstoffenba rung ist – unabhängig von der Selbst enthül lung im Internet – bei ver schiedenen Personen ganz unter schied lich stark aus geprägt. Schon per Defini tion geben extro vertierte Menschen mehr von sich preis als intro vertierte, und Frauen neigen bspw. eher zur Selbstoffenba rung als Männer (Dindia & Allena, 1992). Es er scheint naheliegend, dass Personen, die generell in FacetoFaceSitua tionen zu einer er höhten Selbstoffenba rung neigen, dies auch online tun. Für die Einschät zung der generellen Neigung zur Selbstenthül lung wurde eine Sub skala der von Buss (2001) ent wickelten Privacy Scale ver wendet. Diese SelfDisclosure Scale ent hält sechs Items, die das Ausmaß der Selbstenthül lung des Befragten in OfflineGesprächs situa tionen er mittelt und wurde auf einer fünfstufigen Skala ab gefragt. Wegen geringer interner Konsistenz der Skala wurde ein Item aus der Analyse aus geschlossen, so dass der ge bildete Mittelwertindex auf fünf Items basiert und ein Cronbach’s α = ,75 auf weist. Um zu prüfen, ob die Bereit schaft zur Selbstenthül lung zwischen den Alters gruppen differiert, wurde in einer einfaktoriellen Varianzanalyse ge prüft, ob bei dem ge bildeten Index Mittelwert unterschiede in den ver schiedenen Alters gruppen vor liegen. Ein Mittelwert unterschied würde auf eine Ver ände rung hinsicht lich der Normen zur Selbstoffenba rung über die unter suchten Genera tionen hinweg hindeuten. Eine solche Ver ände rung kann jedoch mit den vor liegen den Daten nicht fest gestellt werden (Tabelle 6). Wie er wartet variiert das Merkmal Neigung zur Selbstoffenba rung nicht zwischen den Gruppen. Jugend liche und junge Erwachsene weisen keine, gegen über den anderen Alters gruppen erhöhte Selbst offenba rungs tendenz in Gesprächen auf. Die Neigung zur Selbstoffenba rung face to face ist folg lich über die ver schiedenen soziologi schen Genera tionen hinweg stabil. Insgesamt ist die Neigung zur Selbstoffenba rung in der Stichprobe weder als be sonders niedrig, noch als be sonders hoch zu be zeichnen. Die Mittelwerte aller Alters gruppen liegen sehr nah am Durch schnitts wert der Skala. Tabelle 6: Neigung zur Selbstoffenba rung nach Alters gruppen Digital Natives 13–24 Jahre Mittelgruppe 25–34 Jahre Digital Immigrants 35+ Jahre F Sign. (n = 621) (n = 563) (n = 1.835) Neigung zur Selbstoffenba rung* M 3,29 3,30 3,24 2,09 n. s. SD 0,78 0,72 0,73 Varianzanalysen; Basis N = 3.019 Skala der zu gehöri gen Items von 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu * LeveneTest auf Homogeni tät der Varianzen signifikant (p < ,05) 141 Es kann daher davon aus gegangen werden, dass heutige Jugend liche und junge Erwachsene sich hinsicht lich ihrer Selbstoffenba rungs tendenzen im OfflineLeben nicht unter scheiden und dass diesbezüg lich (bisher) keine gravie rende, durch das Social Web be günstigte Ver ände rung statt gefunden hat. Digital Immigrants und Digital Natives ver halten sich gleich. Dies kann jedoch in Bezug auf die OnlineSelbstoffenba rung und in Hinblick auf die Sorge um die eigene Privatsphäre in OnlineUmgebun gen anders aus sehen. Die „visuelle Anonymi tät“, die online weitest gehend noch immer vor herrscht, be günstigt einen höheren Level der Selbstoffenba rung (Joinson, 2001). 3.2.4 Sorge um die Privatsphäre und techni scher Schutz im Social Web Zur Messung der Sorge um die Privatsphäre wurde auf die Skala Adapted PCP (APCP) zurück gegriffen. Es handelt sich um eine Adaption der Skala Privacy Concern and Protec tion for Use on the Internet (PCP) von Buchanan, Paine, Joinson und Reips (2007). Die PCP wurde zu diesem Zweck auf die Gegeben heiten des Social Web an gepasst und ins Deutsche über setzt (Tad dicken, 2010, June 22). Die 27 Items lange APCP ent hält drei Subs kalen: Sorge um Privat sphäre, Generelle Vor sicht und Technischer Schutz. Die Abfrage er folgte wiederum über eine fünfstufige Antwort skala, und die drei Subs kalen wiesen eine aus reichende Reliabili tät auf, so dass auch hier Mittelwertindices ge bildet wurden (Sorge um die Privatsphäre: Cronbach’s α = ,92; Generelle Vor sicht: Cronbach’s α = ,81; Technischer Schutz: Cronbach’s α = ,72). Ob die Sorge um die eigene Privatsphäre bei der Nutzung des Internet und insbesondere des SocialWeb zwischen den Alters gruppen variiert, wurde wiederum mit einfaktoriellen Varianzanalysen und PostHocTests analysiert. Bei allen drei Subs kalen zeigen sich nur schwache, aber signifikante Mittelwert unterschiede (Tabelle 7). Demnach sind Jüngere online etwas unvorsichti ger und achten etwas weniger auf techni sche Schutz maßnahmen. Insbesondere bei der Sorge um die eigene Privatsphäre unter scheiden sich die Gruppen aber nur auf sehr geringem Niveau. 142 Tabelle 7: Sorge um Privatsphäre und techni scher Schutz im Social Web nach Alters gruppen Digital Natives 13–24 Jahre Mittelgruppe 25–34 Jahre Digital Immigrants 35+ Jahre F Sign. (n = 624) (n = 565) (n = 1.841) Generelle Vor sicht M 3,17a 3,34b 3,61c 62,78 p < ,001 SD 0,91 0,88 0,91 Technischer Schutz M 3,49a 3,74b 3,75b 29,07 p < ,001 SD 0,74 0,70 0,76 Sorge um die Privatsphäre M 3,30a 3,38ab 3,39b 3,00 p < ,05 SD 0,69 0,69 0,76 Varianzanalysen; Basis N = 3.030 Skala der zu gehöri gen Items von 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu a, b, c Mittelwerte mit unter schied lichen Kennbuchstaben unter scheiden sich signifikant nach dem Tukey PostHocTest (p < ,05) * LeveneTest auf Homogeni tät der Varianzen signifikant (p < ,05) Die Ergeb nisse weisen darauf hin, dass die Befragten aus unter schied lichen Alters gruppen sich in ähnlichem Umfang um die eigene Privatsphäre sorgen und auf techni schen Schutz bedacht sind. Die leichten Mittelwert unterschiede deuten eine Tendenz dahin gehend an, dass Jugend liche und junge Erwachsene hinsicht lich genereller Vor sicht, techni scher Schutz maßnahmen und ihrer Sorge um die Privatsphäre leicht von den älteren Alters gruppen differie ren, sie sind also etwas weniger vor sichtig. Dies unter streicht die Relevanz der weiteren empiri schen Parts der vor liegen den Studie. 3.3 Selbstoffenba rung im Social Web Um das Ausmaß der Selbstoffenba rung im Social Web zu er fassen, wurde ge fragt, welche Informa tionen die Teilnehmer bereits mindestens einmal im Internet ver öffent lich haben. Es handelt sich dabei um Basisinforma tionen (Vor name, Nachname, Geburts tag, Beruf), Kontaktinforma tionen (EMailAdresse, PostAdresse), visuelle Informa tionen (Fotos) und Informa tionen über be stehende Kontakte (private und be rufliche). Außerdem wurde nach eigenen Erleb nissen und Gedanken, eigenen Gefühlen und den negativen Gefühlen, nämlich Sorgen und Ängsten, ge fragt. Zusätz lich wurde für jede Informa tion erfasst, ob der Zugriff auf diese Informa tion auf be stimmte Gruppen be schränkt wurde (z. B. Ver öffent lichung der PostAdresse nur für persön liche Kontakte auf einer Sozialen Netz werk platt form). Nahezu durch gängig zeigt sich, dass die jüngeren Nutzer mehr Daten von sich im Internet preis geben als die älteren. Aber auch die Informa tions arten variieren hinsicht lich der Häufig keit, mit der sie ge teilt werden. Die Basisinfor 143 ma tionen Vorname, Nachname und Geburts tag ge hören, ebenso wie die EMail Adresse, zu den Informa tionen, die generell oft im Internet mitgeteilt werden. In allen Alters gruppen geben die Befragten zu über 80 Prozent an, diese Informa tion schon einmal über das Internet offenbart zu haben. Da es sich bei Name, Geburts tag und EMailAdresse um die Angaben handelt, die während der Registrie rung bei einem SocialWebDienst häufig be nötigt werden, ver wundert die hohe Rate nicht (Tad dicken & Schenk, 2010). Die Digital Natives teilen jedoch generell mehr Informa tionen mit als die älteren Alters gruppen. Einzige Aus nahme bilden offen bar Kontaktinforma tionen. Bei EMailAdresse und PostAdresse geben eher ältere Personen an, diese schon einmal ver öffent licht zu haben. Eine mögliche Erklä rung für dieses in Bezug auf die anderen Ergeb nisse konträre Resultat könnte sein, dass diese Angaben vor allem beim OnlineShopping be nötigt werden. OnlineShopping ist eher untypisch für die jüngeren Alters gruppen (ARDZDFOnlinestudie 2011). Darüber hinaus könnte es sein, dass die Angabe der PostAdresse vor rangig in einem be ruflichen Kontext erfolgt, z. B. im Rahmen der Impressums pflicht für Webseiten. Besonders die Angabe der PostAdresse könnte jedoch als sensitiv ein gestuft werden, da hier nicht nur Aus wirkungen auf die infor matio nelle, sondern auch auf die physische Privatsphäre ent stehen könnten. Daher ist dieses Ergebnis be merkens wert: Gerade bei den sehr sensitiven Kontaktinforma tionen weisen sich die älteren Nutzer durch eine hohe Selbst offenba rung aus. Eben falls als sensitiv einzu stufen ist das Teilen von Fotos, da diese unter Umständen eben falls die ab gebildete Person mit einem OfflineKontext sicht bar werden lassen. Hier be stehen deut liche Alters unterschiede. Die jungen Nutzer ver öffent lichen viel häufiger Bilder im Social Web. Ähnlich große Unter schiede finden sich auch beim Teilen privater Kontakte. Werden diese Informa tionen im Social Web ver öffent licht, wird die Person innerhalb ihres, auch in der OfflineWelt existie ren den, sozialen Netz werks sicht bar. Das Teilen privater Kontakte findet ver mutlich vor allem auf Sozialen Netz werk platt formen statt, die zwar nicht nur, aber vor rangig von jungen Nutzern besucht werden. Beruf liche Kontakte werden im Social Web generell nicht so häufig preis gegeben. Dies könnte daran liegen, dass üblicher weise be rufliche Kontakte nur in sehr speziellen Social WebFormaten ge teilt werden. Karriereorientierte SocialNetworkingSites, wie LinkedIn und XING, oder be ruflich orientierte Blogs sind Beispiele für solche Anwen dungen. Die Durch drin gung dieser An gebote ist insgesamt nicht sehr hoch (z. B. 7,5 Prozent Reichweite von XING laut AGOF internet facts 2010III). Die Mitglied schaft bei karriereorientierten SocialNetworkingSites macht zudem vor allem zu Beginn der be ruflichen Laufbahn Sinn, was daher er klären kann, dass die Nutzer unter 35 Jahren diese Informa tion be sonders häufig teilen. 144 97 % 90 % 97 % 87 % 86 % 52 % 90 % 76 % 33 % 67 % 64 % 53 % 41 % 96 % 89 % 92 % 80 % 87 % 54 % 76 % 64 % 33 % 53 % 53 % 43 % 32 % 90 % 82 % 84 % 71 % 89 % 59 % 53 % 35 % 24 % 43 % 47 % 35 % 30 % 0%10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 10 0% V or - na m e N ac h- na m e G eb ur ts - ta g B er uf E -M ai l Po st - A dr es se Fo to s Pr iv at e K on ta kt e B er uf lic he K on ta kt e E ig en e E rl eb - ni ss e E ig en e G ed an ke n E ig en e G ef üh le E ig en e So rg en un d Ä ng st e D ig ita l N at iv es 13 –2 4 Ja hr e (n = 6 24 ) M itt el gr up pe 25 –3 4 Ja hr e (n = 5 65 ) D ig ita l I m m ig ra nt s 35 + J ah re (n = 1 .8 41 ) A bb il du ng 6 : G et ei lt e In fo rm at io ne n im S oc ia l W eb n ac h A lt er sg ru pp en 145 Eher emotionale Aspekte wie eigene Erleb nisse, Gefühle, Gedanken, Ängste und Sorgen werden weit weniger häufig offenbart als die zur Registrie rung notwendi gen Daten Name und EMailAdresse. Dennoch, der Anteil der User, die an geben, diese doch eher sensitiven Informa tionen bereits über das Internet mit anderen ge teilt zu haben, ist er staun lich hoch. Er liegt in allen Alters gruppen und bei allen emotionalen Aspekten immer bei mindestens 30 Prozent. Gerade bei diesen Angaben finden sich tatsäch lich er hebliche Alters unterschiede. Jüngere Nutzer teilen diese Informa tionen häufiger im Social Web mit anderen. Jüngere Nutzer er weisen sich daher insgesamt als freigiebiger bei Fotos, privaten Kontakten, eigenen Erleb nissen, Gedanken und Gefühlen. 3.3.1 Zugang zu den ge teilten Informa tionen Die Tatsache, dass eine be stimmte Informa tion, bspw. die EMailAdresse, über das Internet ge teilt wird, be deutet nicht, dass sie dort öffent lich ver fügbar und für jedermann auf find bar ist. Die meisten Anwen dungen des Social Web bieten PrivatsphäreEinstel lungen, die die Zugänglich keit zu diesen Informa tionen regeln. Die Teilnehmer, die angaben, eine be stimmte Informa tion bereits ver öffent licht zu haben, wurden ge beten anzu kreuzen, ob diese Informa tion für die gesamte InternetÖffentlich keit oder nur für be stimmte Gruppen, z. B. die Freunde auf einer Sozialen Netz werk platt form, sicht bar sind. Mit der Einschrän kung der Zugänglich keit, z. B. durch PrivatsphäreOptionen, er langen die User eine ge wisse Kontrolle über ihre Selbstoffenba rung im Social Web. Der User kann selbst be stimmen, wer die eigenen Daten sehen darf und wer nicht. Deshalb ist eine differenzierte Betrach tung, ob und bei welchen Informa tionen diese Möglich keit ge nutzt wird, an gebracht. Sie wird in diesem Ab schnitt vor genommen. Bei der Differenzie rung zeigen sich zum Teil nur sehr geringe, zum Teil aber auch deut liche Unter schiede zwischen den Alters gruppen (Abbil dung 7 bis Abbil dung 9, S. 146–148). Im Folgenden wird insbesondere auf die Ab weichungen zwischen Digital Natives und Digital Immigrants ein gegangen. Bei den Basisinforma tionen zeigt sich, dass insbesondere der Vorname, der generell schon eher als öffent liche Informa tion be trachtet wird (vgl. Abbil dung 6), von den jungen Nutzern eher einer breiten Öffentlich keit zugäng lich ge macht wird als von älteren. Gleiches trifft auch im selben Umfang auf den Geburts tag und in geringe rem Maße auf den Nachnamen zu. Die Angabe dieser Merkmale im Social Web er leichtert die Auf find bar keit einer Person im Web. Offline und OnlineSelbst können so von anderen leicht miteinander in Ver bindung ge bracht werden. Dass junge User diese Daten eher an geben, könnte ein Hinweis darauf sein, dass sie ihre OnlineIdentität sehr eng mit ihrer OfflineIdentität ver knüpfen. 146 26 % 56 % 41 % 48 % 80 % 94 % 50 % 51 % 67 % 66 % 68 % 69 % 70 % 74 % 44 % 59 % 52 % 20 % 6% 50 % 49 % 33 % 34 % 32 % 31 % 30 % 0%10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 10 0% V or - na m e (n = 6 04 ) N ac h- na m e (n = 5 59 ) G eb ur ts - ta g (n = 6 01 ) B er uf (n = 5 38 ) E -M ai l- A dr es se (n = 5 32 ) Po st - A dr es se (n = 3 19 ) Fo to s (n = 5 56 ) Pr iv at e K on ta kt e (n = 4 72 ) B er uf - lic he K on ta kt e (n = 1 99 ) E ig en e E rl eb - ni ss e (n = 4 12 ) E ig en e G ed an ke n (n = 3 95 ) E ig en e G ef üh le (n = 3 25 ) E ig en e So rg en un d Ä ng st e (n = 2 56 ) nu r fü r be st im m te G ru pp e si ch tb ar al lg em ei n zu gä ng lic h A bb il du ng 7 : Z ug an g zu d en g e t ei lt en I n fo rm a t io ne n (A lt er s g ru pp e 13 –2 4 Ja hr e) 147 38 % 52 % 59 % 58 % 82 % 92 % 58 % 69 % 70 % 69 % 68 % 72 % 72 % 62 % 48 % 41 % 42 % 18 % 8% 42 % 31 % 30 % 31 % 32 % 28 % 28 % 0%10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 10 0% V or - na m e (n = 5 42 ) N ac h- na m e (n = 5 02 ) G eb ur ts - ta g (n = 5 13 ) B er uf (n = 4 53 ) E -M ai l- A dr es se (n = 4 90 ) Po st - A dr es se (n = 2 96 ) Fo to s (n = 4 28 ) Pr iv at e K on ta kt e (n = 3 58 ) B er uf - lic he K on ta kt e (n = 1 84 ) E ig en e E rl eb - ni ss e (n = 2 99 ) E ig en e G ed an ke n (n = 2 93 ) E ig en e G ef üh le (n = 2 37 ) E ig en e So rg en un d Ä ng st e (n = 1 80 ) nu r fü r be st im m te G ru pp e si ch tb ar al lg em ei n zu gä ng lic h A bb il du ng 8 : Z ug an g zu d en g e t ei lt en I n fo rm a t io ne n (A lt er s g ru pp e 25 –3 4 Ja hr e) 148 nu r fü r be st im m te G ru pp e si ch tb ar al lg em ei n zu gä ng lic h 56 % 68 % 74 % 72 % 74 % 88 % 58 % 75 % 79 % 68 % 68 % 70 % 69 % 44 % 32 % 26 % 28 % 26 % 12 % 42 % 25 % 21 % 32 % 32 % 30 % 31 % 0%10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 10 0% V or - na m e (n = 1 65 9) N ac h- na m e (n = 1 48 4) G eb ur ts - ta g (n = 1 54 3) B er uf (n = 1 30 0) E -M ai l- A dr es se (n = 1 63 3) Po st - A dr es se (n = 1 06 3) Fo to s (n = 9 56 ) Pr iv at e K on ta kt e (n = 6 44 ) B er uf - lic he K on ta kt e (n = 4 35 ) E ig en e E rl eb - ni ss e (n = 7 77 ) E ig en e G ed an ke n (n = 8 62 ) E ig en e G ef üh le (n = 6 25 ) E ig en e So rg en un d Ä ng st e (n = 5 42 ) A bb il du ng 9 : Z ug an g zu d en g e t ei lt en I n fo rm a t io ne n (A lt er s g ru pp e 35 + Ja hr e) 149 Auch die Angabe des Berufs ist bei den jungen Nutzern seltener auf be stimmte Gruppen be schränkt als bei älteren. Dies könnte zum einen daran liegen, dass ein Großteil der Befragten Digital Natives den Status Schüler oder Student hat und diese Informa tion deshalb so allgemein ist, dass sie nicht als privat ein geordnet wird. Zum anderen trägt die Identifika tion mit dem ge wähl ten Beruf eventuell im Jugendalter be deuten der zur Selbstidenti tät bei als im Alter. Bei den Kontaktinforma tionen, die als eher sensible Daten einzu ordnen sind, zeigt sich, dass diese, wenn sie im Internet an gegeben werden, normaler weise nicht der Allgemein heit zugäng lich ge macht werden. Hier be stehen nur kleine Unter schiede zwischen den Alters gruppen. Die älteren User schränken den Zugriff auf diese sensiblen Informa tionen jedoch weniger oft ein als die jungen. Dies ist be merkens wert, da Kontakt daten offen bar die einzigen Informa tions arten sind, bei denen ältere eher zur OnlineSelbstoffenba rung neigen (s. o.). Auch bei den Fotos ist der Unter schied zwischen den Alters gruppen nicht so groß. Hier sind es aber wieder die Jüngeren, die den Zugriff auf die Bilder seltener auf be stimmte Gruppen einschränken. Junge Nutzer ver öffent lichen also nicht nur eher Bilder im Web, sie schränken den Zugriff darauf auch weniger stark ein. Ein deut licher Unter schied zeigt sich bei den Kontakten zu Freunden und Bekannten. Wesent lich mehr junge Nutzer machen ihre be ruflichen und ins besondere privaten Kontakte öffent lich sicht bar als ältere. Eventuell ist das Sichtbarsein im sozialen Kontext, z. B. im Sinne einer Gruppen identi tät während der Adoles zenz und im jungen Erwachsenenalter, wichti ger als in späteren Lebens phasen. Ein über raschen des Ergebnis liefern die emotionalen Aspekte, das Teilen eigener Erleb nisse, Gedanken und Gefühle (inkl. Sorgen und Ängsten). Anders als intuitiv er wartet, gibt es bei ihnen keine oder nur minimale Ab weichungen zwischen den Alters gruppen. Die Gründe dafür, warum die Alters gruppen hier nicht voneinander ab weichen, können dennoch für jede Gruppe unter schied lich sein. Es kann ver mutet werden, dass die eigenen Erlebnis, Gedanken und Gefühlswelten ohnehin generell als sensible Informa tionen be wertet werden. Ältere Personen können ihre, in FacetoFaceSitua tionen er worbene Einstel lung zur Privatsphäre online anwenden; Junge haben eventuell bereits spezielle Medien kompetenz oder auch OnlinePrivatsphäreNormen ge bildet, die regeln, ob die Offenba rung dieser Informa tionen an gebracht ist oder nicht. Dennoch ist der Anteil derer, die emotionale Aspekte wie eigene Sorgen im Internet offen baren und diese Informa tionen nicht auf spezielle Gruppen einschränken, über alle Alters gruppen hinweg recht hoch. Insgesamt 30 Prozent der Personen, die solche Aspekte von sich öffent lich machen, offen baren diese emotionalen Aspekte ihres Selbst online in einem nicht durch Privatsphäre Optionen geschützten Rahmen. Ob sich jedoch tatsäch lich Bezüge zur Identität 150 der Personen herstellen lassen, bspw. über die Ver knüp fung mit Name oder Foto, kann an dieser Stelle nicht ge klärt werden. 3.3.2 Einflüsse auf die OnlineSelbstoffenba rung Um zu testen, ob das Alter – und die damit ver bundene Zu gehörig keit zu einer soziologi schen Genera tion wie bspw. den Digital Natives – eine ent scheidende Einfluss variable für das OnlineSelbstoffenba rungs verhalten ist, wurde eine multiple Regres sions analyse be rechnet. Neben dem Alter wurden auch weitere Faktoren einbezogen, denn es soll ge prüft werden, welches die ent scheiden den Einflüsse sind. Es handelt sich um den Social WebAktivi täts grad, Selbst wirksam keit, die soziodemografi schen Variablen sowie die generelle Neigung zur Selbstoffenba rung. Diese Variablen wurden aus gewählt, weil ein Einfluss auf das OnlineSelbstoffenba rungs verhalten plausibel er scheint, wie im nächsten Absatz einzeln er läutert wird. Es konnte bereits nach gewiesen werden, dass Selbstoffenba rung in Sozialen Netz werk platt formen und die Frequenz der Nutzung wechselseitig ver stärkend aufeinander wirken (Trepte, 2010). Die Nutzungs häufig keit ist jedoch vom Aktivi täts grad abzu grenzen. Personen, die regelmäßig im Social Web partizipie ren und eventuell auch eigene Inhalte produzie ren, haben ver mutlich eher den Willen und die Gelegen heit, Informa tionen über die eigene Person preis zugeben, als Personen, die das Social Web nur rezipierend oder gar nicht nutzen. Ebenso konnte bereits ge zeigt werden, dass Personen mit einer hohen Selbst wirksam keit zu aus führ licheren und aus gefallen eren Selbst präsenta tionen auf Social NetworkingSites neigen (Krämer & Winter, 2008). Bei der Selbst wirksam keit wurde zwischen der InternetSelbst wirksam keit und der Social WebSelbst wirksam keit unter schieden. Außerdem wurden Geschlecht und formale Bildung als soziodemografi sche Variablen und die Neigung zur Selbstoffenba rung in FacetoFaceSitua tionen, die als Persönlich keits eigen schaft interpretiert wird, einbezogen. Als ab hängige Variable wurde für die Analyse ein Summen index ge bildet, der die ver öffent lichten Informa tionen zur Selbstoffenba rung beinhaltet. Je nach Grad der Öffentlich keit der ent sprechen den Informa tion wurde eine unter schied liche Gewich tung vor genommen: Eine einzelne Informa tion wurde nicht ge zählt, wenn ein Befragter sie noch nie im Internet ver öffent licht hat, sie wurde einfach ge zählt, wenn er sie bereits ver öffent licht hat, aber den Zugriff auf be stimmte Personen gruppen ein geschränkt hat, und sie wurde doppelt ge zählt, wenn er die Informa tion ohne Einschrän kung für jeden Internetuser zugäng lich ins Netz ge stellt hat. Der so ge bildete Index variiert zwischen 0 = keine Informa tion jemals im Internet ver öffent licht und 26 = alle 13 ab gefragten Informa tionen wurden bereits im Netz öffent lich ver fügbar ge macht, der Zugriff wurde dabei nicht auf be stimmte Teilnehmer be schränkt. 151 In Tabelle 8 sind die Ergeb nisse der multiplen linearen Regression ab getragen. Drei der Prädiktoren weisen ein signifikantes βGewicht auf, das über ,10 liegt. Es handelt sich um den Social WebAktivi täts grad, das Alter und die Social WebSelbst wirksam keit. Formale Bildung und die generelle Neigung zur Selbstoffenba rung liefern zwar einen signifikanten, aber ver schwindend geringen Erklä rungs beitrag, daher werden sie an dieser Stelle nicht interpretiert. Geschlecht und InternetSelbst wirksam keit zeigen hingegen keinen signifikanten Einfluss und sind deshalb als Prädiktoren für das OnlineSelbst offenba rungs verhalten unge eignet. Tabelle 8: Prädiktoren der Online-Selbstoffenba rung B SE B β T Sig. Konfidenzinwtervall Untergr. Obergr. Konstante 10,05 0,85 11,80 p < ,001 8,38 11,72 Social Web-Aktivi täts grad (1 = Nichtnutzer bis 5 = Vielseitig partizipierende Nutzer) 1,29 0,08 0,32 16,21 p < ,001 1,14 1,45 Alter (in Jahren) – 0,06 0,01 – 0,16 – 8,64 p < ,001 – 0,07 – 0,04 Social Web-Selbst wirksam keit (1 = sehr niedrig bis 5 = sehr hoch) 0,59 0,10 0,13 5,77 p < ,001 0,39 0,79 Formale Bildung (1 = kein Ab schluss bis 5 = Abitur) – 0,28 0,08 – 0,06 – 3,55 p < ,001 – 0,44 – 0,13 Neigung zur Selbstenthül lung (1 = sehr niedrig bis 5 = sehr hoch) – 0,42 0,11 – 0,06 – 3,64 p < ,001 – 0,64 – 0,19 Geschlecht (1 = männ lich, 2 = weib lich) 0,14 0,18 0,01 0,81 n. s. – 0,20 0,49 Internet-Selbst wirksam keit (1 = sehr niedrig bis 5 = sehr hoch) 0,02 0,14 0,00 0,14 n. s. – 0,26 0,30 Multiple Regres sions analyse, EinschlussVerfahren, listen weiser Fall ausschluss. Sign. Effekte mit β ≥ ,1 wurden in der Darstel lung hervor gehoben. R² = ,23; R²Korr. = ,23; F = 120,82; p < ,001 Das Modell weist ein korrigiertes R² = ,229 auf. Dieser Wert ist als mittle rer Effekt zu be zeichnen. Es ist nicht ver wunder lich, dass die OnlineSelbst offenba rung nicht komplett durch die einbezogenen Variablen erklärt werden kann, da sie zumeist in einen komplexen Kontext ein gebunden ist, der über eine nach träg liche Befra gung nur schwer komplett erfasst werden kann. Sie hängt ver mutlich von weiteren, z. B. situativen Faktoren, ab, die nicht Teil der Erhebung waren. Der beste Indikator für die OnlineSelbstoffenba rung ist der Social Web Aktivi täts grad (β = ,32). Dies ist nicht weiter ver wunder lich, da die aktive 152 Teilnahme am Social Web eine erhöhte Selbstoffenba rung geradezu voraus setzt. Die Social WebSelbst wirksam keit ist eben falls ein ge eigneter Prädik tor (β = ,13). Personen, die für sich selbst einen souveränen Umgang mit dem Social Web proklamie ren, neigen demnach eher zur Selbstoffenba rung im Netz. Aber auch der prognostizierte Zusammen hang zwischen Alter und dem OnlineSelbstoffenba rungs verhalten zeigt sich in den Daten (β = –,16). Je jünger eine Person ist, desto höher ist auch der Selbstoffenba rungs index, der eine Kombina tion aus Anzahl und Öffentlich keits grad der ge teilten Informa tionen darstellt. Das βGewicht des Alters ist das zweithöchste im Modell. Wie an genommen ist das Lebens alter – und die darüber operationalisierte Zu gehörig keit zur Genera tion der Digital Natives – tatsäch lich ein ent scheiden der Prädiktor für das OnlineSelbstoffenba rungs verhalten. Der zuvor deskriptiv be schriebene Unter schied im Offenba rungs verhalten zwischen jungen und älteren Nutzern konnte somit auch in der Regression ge zeigt werden. Wie oben be schrieben, nutzen junge User das Social Web aktiver, und sie geben dabei mehr von sich preis als ältere. Da beide Regressoren in der Analyse einen – wenn auch im Fall des Alters relativ geringen – Effekt auf weisen, stellen sie relevante Ein fluss variablen dar, die unabhängig voneinander existie ren. Da bei der Analyse der Nutzung ver schiedener Anwen dungen bereits eine Sonder rolle der Sozialen Netz werk platt formen fest gestellt werden konnte, wurde eine zusätz liche Regression be rechnet, die als Einfluss faktoren statt der gene rellen Nutzer typologie die einzelne Nutzungs aktivi tät der sechs analysierten Social WebAnwen dungen ver wendet. Als Regressand ver bleibt weiter hin der ge bildete Selbstoffenba rungs index in der Analyse. Das Modell zeigt deut lich den Einfluss des Aktivi täts grades innerhalb von Sozialen Netz werk platt formen auf die OnlineSelbstoffenba rung. Dieser Regres sor hat in der neuen Analyse bei weitem den stärksten Einfluss auf die ab hängige Variable. Alter und Social WebSelbst wirksam keit ver bleiben als weitere Regressoren mit einem ge wissen Einfluss. Es fällt jedoch auf, dass keine der anderen Social WebAnwen dungen an die Erklä rungs kraft, die Soziale Netz werk platt formen für die OnlineSelbstoffenba rung bieten, heran reicht. Einer seits ist dies ver mutlich der Messung der OnlineSelbstoffenba rung ge schuldet. Diese erinnert sehr stark an die Profilinforma tionen, die auf Sozialen Netz werk platt formen ab gefragt werden. Auch hinsicht lich der Privatsphäre Einstel lungen kommen die Sozialen Netz werk platt formen der Abfrage eher ent gegen als andere Anwen dungen, die häufig nicht standardmäßig Privatsphäre Optionen bieten. Anderer seits unter streicht dieses Ergebnis die Relevanz, die gerade Soziale Netz werk platt formen für die OnlineSelbstoffenba rung haben. Diese Anwen dungen sind nicht nur be sonders beliebt, sie laden auch durch aktive Partizipa tion dazu ein, be sonders viele personen bezogene Informa tionen zu ver öffent lichen. 153 Tabelle 9: Prädiktoren der Online-Selbstoffenba rung inkl. Nutzungs aktivi tät der Social Web-Anwen dungen B SE B β T Sig. Konfidenzintervall Untergr. Obergr. Konstante 9,35 ,87 10,71 p < ,001 7,64 11,06 Soziale Netz werk platt formen* 0,62 ,05 ,27 12,19 p < ,001 ,52 ,72 Videoplatt formen* 0,11 ,07 ,04 1,54 n. s. –,03 ,25 Bilderplatt formen* 0,15 ,07 ,05 1,98 p < ,05 ,00 ,29 Blogs* 0,06 ,07 ,02 ,81 n. s. –,08 ,20 Wikis* – 0,12 ,06 –,05 – 1,94 p < ,05 –,24 ,00 Diskus sions foren* 0,11 ,06 ,04 1,91 n. s. –,00 ,23 Alter (in Jahren) – 0,04 ,01 –,11 – 5,55 p < ,001 –,05 –,03 Internet-Selbst wirksam keit (1 = sehr niedrig bis 5 = sehr hoch) – 0,01 ,14 –,00 –,10 n. s. –,29 ,27 Social Web-Selbst wirksam keit (1 = sehr niedrig bis 5 = sehr hoch) 0,72 ,10 ,16 7,12 p < ,001 ,53 ,92 Geschlecht (1 = männ lich, 2 = weib lich) 0,20 ,18 ,02 1,11 n. s. –,15 ,55 Formale Bildung (1 = kein Ab schluss bis 5 = Abitur) – 0,32 ,08 –,07 – 3,93 p < ,001 –,48 –,16 Neigung zur Selbstenthül lung (1 = sehr niedrig bis 5 = sehr hoch) – 0,47 ,12 –,07 – 4,13 p < ,001 –,70 –,25 Multiple Regres sions analyse, EinschlussVerfahren. Listen weiser Fall ausschluss. R² = ,23; Korr. R² = ,23; F = 71,27; p < ,001 * Skala: 1 = rezipierende Nutzung; 2 = partizipierende Nutzung; 3 = produzierende Nutzung 3.4 Diskussion Mit der sekundäranalyti schen Aus wertung konnte ein detaillierter Ver gleich von Digital Natives und Digital Immigrants hergestellt werden, der Aus sagen über die Gemeinsam keiten und Unter schiede hinsicht lich der Nutzung des und der Selbstoffenba rung im Social Web er möglicht. Auch die Sorge um die Privatsphäre wurde unter sucht. Der wichtigste Befund der Analyse ist, dass das Alter neben anderen Faktoren tatsäch lich einen Einfluss faktor für die OnlineSelbstoffenba rung darstellt. Das Alter wurde im be rechneten Regres sionsModell jedoch nicht als ursäch liche Variable ver standen, sondern als Operationalisie rung der sukzessiven Zu gehörig keit zu einer be stimmten soziolo gi schen Genera tion. Als ursäch lich ist nicht alleine der Geburts jahrgang zu ver stehen, sondern die damit ver bundene Prägung durch erlebte histori sche Ereig nisse, kulturelle Erfah rungen und den daraus resultie ren den Lebens stil, die in der Zu gehörig keit zu einer be stimmten soziologi schen Genera tion mündet. 154 Zwischen den ver schiedenen Genera tionen konnten zudem einige Unter schiede hinsicht lich der Nutzung des SocialWeb, des OnlineSelbstoffenba rungs verhaltens und der Sorge um die eigene OnlinePrivatsphäre fest gestellt werden. Diese Unter schiede be ziehen sich jedoch nur auf OnlineKontexte. Es konnte kein Unter schied zwischen den Genera tionen hinsicht lich des Selbstoffen barungs verhaltens in FacetoFaceSitua tionen fest gestellt werden. Darin lässt sich ablesen, dass eine eventuelle Ver ände rung hinsicht lich der Selbstoffen barungs gewohn heiten zwischen unter schied lichen Genera tionen sich (bisher) nicht auf OfflineKontexte aus gewirkt hat. Es gibt jedoch auch deut liche Unter schiede zwischen den Genera tionen. Die 13 bis 24jähri gen Nutzer ver fügen nicht nur über eine leicht höhere Internet Selbst wirksam keit als die über 35Jährigen, sondern auch über eine deut lich höhere Social WebSelbst wirksam keit. Hinsicht lich der Sorge um die Privat sphäre ergaben sich nur kleine Unter schiede zwischen den Gruppen, die darauf hindeuten, dass die jüngeren Nutzer nur leicht weniger besorgt um ihre Privat sphäre sind, sich weniger um ihren techni schen Schutz kümmern und auch etwas weniger vor sichtig sind. Die ge fundenen Differenzen sind jedoch so gering, dass eine finale Aussage über die Unter schiede hinsicht lich der Sorge der Digital Natives um die eigene Privatsphäre im Internet unangemessen er scheinen würde. Eine weitere Analyse er scheint hier an gebracht. Es lässt sich fest halten, dass sowohl ältere als auch jüngere Nutzer sich um ihre Privatsphäre im Internet sorgen. Die Sensibili tät hinsicht lich dieser Themen ist über alle unter suchten Alters gruppen in etwa gleich hoch, und die Indices der Subs kalen weisen Mittelwerte auf, die leicht im Zustimmungs bereich der Skala liegen. Die Analyse des Selbstoffenba rungs verhaltens zeigte, dass einige Informa tionen eher als öffent lich ver standen werden als andere. So zählen der Name, das Geburts datum und die EMailAdresse zu den Informa tionen, die öffent lich im Netz mitgeteilt werden. PostAdresse, private und be rufliche Kontakte, sowie Erleb nisse, Gedanken und Emotionen zählen weniger dazu. Hier gibt es jedoch zum Teil deut liche Alters unterschiede. Insbesondere Fotos, private Kontakte, sowie eigene Erleb nisse, Gedanken und Emotionen wurden bereits von mehr jüngeren Nutzern ge teilt. Die fest gestellten Unter schiede können darauf hinweisen, dass es in den Genera tionen unter schied liche Normen dahin gehend gibt, bei welchen Informa tionen es an gemessen er scheint, sie zu teilen und bei welchen nicht. Jugend liche und junge Erwachsene scheinen hinsicht lich der ge nannten Informa tionen etwas offener zu sein, was den Erwar tungen an die Genera tion der Digital Natives ent spricht (Palfrey & Gasser, 2008). Über raschend ist hingegen das Ergebnis, dass Kontaktinforma tionen etwas stärker von älteren Nutzern ge teilt werden. Solche Informa tionen könnten vor dem Hinter grund dessen, dass sie eine Inter aktion mit dem Nutzer er möglichen und dadurch weitreichendere Konsequenzen nicht nur für die informatio nelle, sondern z. B. auch für die physische Privatsphäre haben könnten, als be sonders 155 sensibel ein gestuft werden. Dies er scheint jedoch vor dem Hinter grund einer geschäfts mäßigen Internetnut zung plausibel. Zudem wähnen sich Erwachsene eher als Jugend liche in der Lage, sich gegen unerwünschte Eingriffe in die Privatsphäre wehren zu können und gehen vielleicht auch deswegen offener mit diesen Daten um. Die Nutzung der Möglich keit, ge teilte Informa tionen auf einen be stimmten Nutzer kreis einzu schränken, wird für die Informa tions arten recht unter schied lich häufig ge nutzt. Insbesondere bei KontaktInforma tionen wird davon Ge brauch ge macht, was aber wiederum auf die jüngeren Nutzer gruppen stärker zutrifft als auf die älteste. Name und Geburts datum sowie Fotos und private Kontakte werden hingegen weniger oft von den jüngeren Nutzern in ihrer Zugänglich keit ein geschränkt. Bei den emotionalen Aspekten liegt das Niveau der Zugänglich keit in allen Alters gruppen ungefähr auf gleicher Höhe. Die Unter schiede und Gemeinsam keiten hinsicht lich der Zugänglich keit von im Web ver öffent lichten Informa tionen könnten auf ein jeweils leicht unter schied liches Ver ständnis davon, welche Informa tionen als privat und welche als öffent lich gelten sollten, hinweisen. Dass sensitive Informa tionen ge teilt werden, be deutet nicht zwangs läufig, dass immer eine Ver knüp fung mit der Identität des Users statt findet. Es ist möglich, dass die User, die an geben, Erleb nisse, Gedanken und Gefühle zu teilen, dies während einer pseudonymen Nutzungs episode tun. Auch hier kann die sekundäranalyti sche Aus wertung keine tiefen Einblicke geben, weshalb eine detaillierte Analyse, wie sie im Weiteren folgt, weiter hin er forder lich er scheint. Ab schließend ist fest zustellen, dass ein zentraler Befund der Sekundäranalyse ist, dass Soziale Netz werk platt formen tatsäch lich eine Sonder rolle unter den Anwen dungen des Social Web darstellen. Über alle Alters gruppen hinweg bilden sie die am stärksten frequentierte Anwen dungsArt. Insbesondere von den jungen Nutzern werden sie sehr häufig ge nutzt. Soziale Netz werk platt formen werden aber nicht nur be sonders häufig auf gerufen, sie werden auch mit einem deut lich höheren Partizipa tions grad ge nutzt als andere Anwen dungen. Zudem hat eine er gänzende Regres sions analyse ge zeigt, dass insbesondere die aktive Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen die OnlineSelbstoffen barung be günstigt. Darin unter scheidet sich dieser Anwen dungs typ stark von den anderen An geboten des Social Web. Da gerade junge Nutzer diese Anwen dungen ver stärkt ver wenden und weil die Nutzungs aktivi tät insbesondere auf diesen Platt formen offen bar mit einer ge steigerten Selbstoffenba rung zusammen hängt, er scheint es sinn voll, in den folgen den empiri schen Analysen insbeson dere Soziale Netz werk platt formen zu fokussie ren. 156 Literatur ARD/ZDFOnlinestudie. (2011). Ver fügbar unter: www.ardzdfonlinestudie.de index.php Boyd, D. (2008). Taken Out of Context. American Teen Sociality in Networked Publics (Dissertation). University of California, Berkley. Verfügbar unter: www.danah. org/papers/TakenOutOfContext. pdf Boyd, D. (2010, 10.–15. April). Making Sense of Privacy and Publicity. Computer/ Human Interaction Conference (CHI), Atlanta. Verfüg bar unter: www.danah. org/papers/talks/2010/SXSW2010. html Boyd, D. & Hargittai, E. (2010). Facebook privacy settings: Who cares? First Monday, 15(8). Ver fügbar unter: firstmonday.org/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index.php/ fm/ article/view/3086/2589 Boyd, D. & Marwick, A. E. (2011, May 26–30). Social Steganography: Privacy in Networked Publics. Annual Conference of the International Communication Asso ciation, Boston, MA, USA. Buchanan, T., Paine, C. B., Joinson, A. N. & Reips, U.D. (2007). Development of measures of online privacy concern and protection for use on the Internet. 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Wissen schaft liches Symposium zum 25jähri gen Bestehen des Instituts für Journalistik und Kommunika tions forschung (IJK) der Hoch schule für Musik und Theater, Hannover. 159 4 Quantitative Befra gung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen Julia Niemann & Michael Schenk unter Mitarbeit von Doris Teutsch, Kim Wlach & Yvonne Allgeier 4.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens Um ver allgemeiner bare Aus sagen über die Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen, die Einstel lung zu Privat heit und Öffentlich keit sowie die Einschät zung der Risiken im Social Web treffen zu können, haben wir zusätz lich zu den qualitativen Phasen dieser Studie auch quantitative Ver fahren ein gesetzt. Zunächst wurden im Rahmen einer sekundäranalyti schen Aus wertung Unter schiede zwischen Digital Natives und Digital Immigrants exploriert (vgl. Kap. 3). Im Anschluss haben wir eine standardisierte OnlineBefra gung durch geführt und diese mit einer TrackingStudie kombiniert. Im Folgenden fokussie ren wir auf das Vor gehen bei der standardisierten OnlineBefra gung, die wir durch geführt haben und be schreiben die Stichprobe. Im Anschluss gehen wir auf die methodi schen Besonder heiten des Tracking ein. 4.1.1 Standardisierte OnlineBefra gung Als Modus der standardisierten Befra gung er schien die OnlineBefra gung an gebracht, da auf diese Weise kein Medien bruch statt fand – weder zum Gegen stand der Umfrage, noch zum nächsten Erhe bungs schritt, dem Tracking (siehe Ab schnitt 4.1.2). Rekrutiert wurde über ein OnlineAccessPanel. Als Nachteil der Rekrutie rung durch OnlineAccessPanels und von OnlineBefra gungen allgemein wird häufig an geführt, dass nur Teilnehmer er reicht werden können, die Internetnutzer sind. Dies fällt jedoch bei der vor liegen den Studie nicht ins Gewicht, da aus schließ lich Onliner, nämlich die Nutzer Sozialer Netz werk platt formen er reicht werden sollten. Ein weiterer Aspekt der Ver zerrung durch die Rekrutie rung in AccessPanels sind Aus wahlprozesse. Dass die Panelisten 160 nicht rein zufällig aus gewählt werden, sondern sich selbst zur Teilnahme in Panels anmelden, führt unter Umständen zu einem Bias und damit zu mangeln der Repräsentativi tät und Ver allgemeiner bar keit (Göritz, 2003, S. 235). Gegen über herkömm lichen, eben falls selbstselektierten Onlinestichproben fällt der Interessen bias in OnlineAccessPanels jedoch geringer aus (ebd., S. 232). Die Rekrutie rung über OnlineAccessPanels bietet neben der guten Erreich bar keit der Zielpersonen auch weitere methodi sche Vor teile: Im Laufe der Zeit ent wickeln die Panelteilnehmer (Panelisten) eine ver trauens volle Bindung zum Panelanbieter. Diese bewirkt, dass die Antworten der Panelisten gerade bei sensiblen Themen – wie dem Thema Privatsphäre – valider sein könnten als bei anderen Er hebungs formen (Göritz, Reinhold & Batinic, 2002). Ohnehin führen OnlineBefra gungen bei intimen Unter suchungs gegenständen zu valide rem Antwort verhalten als andere Befra gungs modi (Tad dicken, 2008). Ein weiterer Pluspunkt ist, dass die Teilnehmer den Fragebogen in Ruhe und zu einem selbst gewählten Zeitpunkt aus füllen konnten. Damit die Ergeb nisse mit früheren Studien (Schmidt, PausHasebrink & Hasebrink, 2009b) und mit regelmäßig durch geführten Studien (ARD/ZDF Onlinestudie, 2011; MPFS, 2011) ver gleich bar sind, haben wir das Erhe bungs instrument an diese an gelehnt. Neben den Bereichen des Fragebogens, die direkt der Beantwor tung der Forschungs fragen dienen (z. B. Selbstoffen barungs verhalten, Nutzungs motive), fragten wir weitere Konstrukte ab, die auf grund der theoreti schen Vorüber legungen Einfluss variablen bilden. Tabelle 10 gibt einen Über blick über den Fragebogen. Bei der Ent wick lung des Fragebogens haben wir, wenn möglich, auf etablierte Skalen zurück gegriffen. An vielen Stellen war dies jedoch nicht zielführend, da keine ge eigneten Skalen existierten, die im Hinblick auf den Kontext und die sehr junge Zielgruppe treffend er schienen. Denn diese Zielgruppe stellt be sondere Anforde rungen an die Auswahl ge eigneter Skalen und Formulie rungen. Da Kinder und Jugend liche ab 12 Jahren befragt wurden, haben wir die Fragen und Antwortmöglich keiten sehr leicht ver ständ lich formuliert und ver sucht, der Lebens wirklich keit der Zielpersonen zu ent sprechen. Anderer seits umfasste das Sample auch junge Erwachsene bis zu 24 Jahren, weshalb wir von speziellen Skalen für Kinder und zu kindgerech ten Formulie rungen ab gesehen haben. 161 Tabelle 10: Programm blöcke der standardisierten Online-Befra gung Programm block Fragen Internetnut zung Erfah rung der Internetnut zung Häufig keit der Internetnut zung Ort der Internetnut zung Social Web-Nutzung Häufig keit ge nutzter Applika tionen Nutzung Sozialer Netz werk platt formen Häufig keit ge nutzter Platt formen Haupt netz werk Anzahl der Freunde Nähe und Bekannt heit der Freunde Selbstoffenba rungs verhalten Häufig keit ge nutzter Features Upload von Fotos und Videos Schreiben von Status meldun gen Nutzung von Privatsphäre-Optionen Vor teile der Nutzung Nutzungs motive des Haupt netz werks (an gelehnt an Langzeit studie Massen kommunika tion, Ergän zung um soziale Motive) Soziales Kapital5 Risiken der Nutzung Einstel lung zur Online-Privatsphäre Einstel lung zu Risiken, die aus der Nutzung resultie ren Einschät zung eigener Rechte, Rechte Dritter und Copyright Soziale Normen Injunktive und deskriptive Normen in Bezug auf die Nutzung Injunktive und deskriptive Normen in Bezug auf die Privatsphäre Selbst wirksam keit Mit Bezug auf das Internet Mit Bezug auf das Social Web Mit Bezug auf den Schutz der Privatsphäre im Haupt netz werk Generelle Einstel lung zur Privatsphäre Physische Privatsphäre6 Psychologi sche Privatsphäre7 Inter aktionale Privatsphäre Informatio nelle Privatsphäre Persönlich keits merkmale Big-Five-Persönlich keits dimensionen8 Need to Belong9 Sozio-Demografie Alter Geschlecht Bildung Bundes land Nationali tät Wohnsitua tion Größe des Wohnorts Geld zur freien Ver fügung 5 6 7 8 9 5 Williamson, 2006 (5 Items) 6 Burger, 1995; Buss, 2001 (je 2 Items) 7 Buss, 2001 (1 Item) 8 BFI10 (John & Sistavara, 1999; SOAP) 9 Leary, Kelly, Cotrell & Schreindorfer, 2005 162 Wir haben den Fragebogen vorab in einem Pretest mit 124 jungen Nutzern Sozialer Netz werk platt formen ge testet. Anschließend haben wir die ver wendeten Skalen auf ihre Konsistenz ge prüft und gering fügige Änderun gen in den Formulie rungen der Items und Kürzun gen vor genommen. Bspw. wurden Items, die der Konsistenz von Skalen ent gegen liefen oder die eine extrem schiefe Ver teilung auf wiesen, ent fernt. Das Fragen programm wurde für den finalen Fragebogen in der Reihen folge ver ändert, da einige soziodemografi sche Anga ben im Screener des Fragebogens be nötigt wurden und um Reihen folge effekte zu ver meiden. Die Rekrutie rung der Befragten für die Haupt befra gung er folgte über das OnlineAccessPanel der Panelbiz GmbH (Berlin). Ziel der quantitativen Befra gung war es, eine Stichprobe zu er halten, die der Grundgesamt heit der 12 bis 24jähri gen deutschen User von Sozialen Netz werk platt formen möglichst gut ent sprach, und die wichtige soziodemografi sche Merkmale ab bildet. Bei der Rekrutie rung wurde neben einer Kreuzquote von Alter und Geschlecht zusätz lich nach formaler Bildung quotiert. Die Quotie rung orientiert sich dabei an Daten der Statisti schen Ämter des Bundes und der Länder (2011, 14. Februar). Zwar werden vom statisti schen Bundesamt keine Zahlen über die Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen aus gewiesen, jedoch kann an genommen werden, dass die meisten Nutzer dieser Alters klasse über einen Zugang zum Internet ver fügen. Zudem sind die meisten Internetnutzer im Jugendalter Mitglied einer Netz werk platt form (MPFS, 2011, S. 31). Wir nehmen dennoch an, dass es sich bei den be fragten Teilnehmern um typische Jugend liche und junge Erwachsene handelt, deren Einschät zung zu Privat heit und Öffentlich keit im Social Web gerade deshalb eine be sondere Relevanz erlangt, weil es sich um eher online affine Personen handelt. Die Mehrzahl der Befragten sind Personen, die sich selbst im AccessPanel registriert haben und die daher regelmäßig an Befra gungen teilnehmen. Bei Befragten, die zum Zeitpunkt der Befra gung 14 Jahre und älter waren, wurde die Einsichts fähig keit, die zur Teilnahme an Befra gungen zum Zweck der wissen schaft lichen Forschung notwendig ist, voraus gesetzt. Sie wurden direkt über ihre eigene Panel mitglied schaft rekrutiert. Diese Praxis ent spricht den forschungs ethischen Richtlinien des Arbeits kreises Deutsche Markt forscher e. V. (ADM, 2006). Nur 12 bis 14jährige Teilnehmer wurden über die Panel mitglied schaft ihrer Eltern ein geladen, denn so konnten wir sicherstellen, dass die Eltern der Befra gung ihrer evtl. noch nicht einsichts fähigen Kinder zu stimmten. Die Eltern wurden an schließend ge beten, den Raum zu ver lassen, damit die jugend lichen Teilnehmer den Fragebogen unbe einflusst aus füllen konnten. 163 Die Feldzeit reichte vom 25. August bis 29. September 2011. An geschriebene Teilnehmer wurden, falls nötig, durch den PanelAnbieter mehrfach an den Fragebogen erinnert, um die Aus schöp fungs quote zu erhöhen. Die lange Zeit spanne der Erhebung ergibt sich dadurch, dass während der Laufzeit be schlossen wurde, das Sample zu ver größern. Insgesamt nahmen 1.430 Personen teil. Einige dieser Teilnehmer wurden in der Daten bereini gung wegen einer unrealis tisch kurzen Ausfüll dauer, unplausiblem oder monotonem Ankreuz verhalten aus geschlossen, so dass sich eine endgültige Fallzahl von 1.301 ergab. Die Ab weichungen der ge planten Quotie rung von der tatsäch lichen Stichprobe können Tabelle 11 ent nommen werden. Sie sind – mit Aus nahme der Bildungs variablen – extrem gering und be tragen zumeist unter einem Prozent. Während der Erhebung erwies es sich als schwierig, formal niedrig ge bildete Teilnehmer zu mobilisie ren. Formal sehr hoch ge bildete Teilnehmer sind hingegen über repräsentiert. Daher wurde eine Gewich tungs variable be rechnet, die die Über bzw. Unter repräsentie rung aus gleicht. Die Gewich tung wird in allen folgen den Aus wertungen an gewendet, sofern nicht anders an gegeben. Tabelle 11: Quoten erfül lung der standardisierten Online-Umfrage Geplante Quote Bereinigte Stichprobe Ab weichung (N = 1.301) Bildung Haupt schule bzw. Haupt schulabschluss 25,0 19,2 – 5,8 Realschule bzw. Realschulabschluss 35,0 35,9 0,9 Gymnasium bzw. Abitur 40,0 44,9 4,9 Kreuzquote Alter/Geschlecht männ lich, 12–14 Jahre 10,4 9,9 – 0,4 männ lich, 15–17 Jahre 11,1 10,9 – 0,2 männ lich, 18–20 Jahre 12,8 12,2 – 0,6 männ lich, 21–24 Jahre 16,9 16,1 – 0,7 weib lich, 12–14 Jahre 9,8 10,2 0,4 weib lich, 15–17 Jahre 10,6 11,0 0,4 weib lich, 18–20 Jahre 12,2 12,7 0,5 weib lich, 21–24 Jahre 16,3 16,9 0,6 Angaben in Prozent Obwohl nicht nach Bundes ländern quotiert wurde, ergab sich eine Ver teilung, die den Ver gleichs daten des Statisti schen Bundesamtes sehr gut ent spricht (Tabelle 12). Zusätz lich wurde anhand des Fragebogens eine Auf teilung nach Einwohner anzahl des Wohnortes vor genommen. In länd lichen Regionen leben demnach 20 Prozent, zwei von zehn der Befragten leben in einer Kleinstadt und 23 Prozent leben in einer mittelgroßen Stadt mit 20.000 bis 100.000 Ein wohnern. Die Mehrheit der Befragten lebt in einer Groß stadt mit 100.000 und mehr Einwohnern (29 Prozent). 164 Tabelle 12: Teilnehmer nach Bundes ländern Soll Ist Differenz Baden-Würt temberg 13 10 – 3 Bayern 15 13 – 2 Berlin 4 6 2 Branden burg 3 2 – 1 Bremen 1 1 0 Hamburg 2 2 0 Hessen 7 6 – 1 Mecklen burg-Vorpommern 2 3 1 Nieder sachsen 10 13 3 Nordrhein-West falen 22 22 0 Rheinland-Pfalz 5 3 – 2 Saarland 1 0 – 1 Sachsen 5 6 1 Sachsen-Anhalt 3 3 0 Schleswig-Holstein 4 6 2 Thüringen 3 2 – 1 Angaben in Prozent Die Abfrage des be ruflichen Status ergab, dass der Großteil der Teilnehmer noch zur Schule geht. Etwa ein Fünftel be findet sich in einer be ruflichen Aus bildung, fast ebenso viele sind voll/teilberufstätig. Die Minder heit der Befrag ten bilden die 17 Prozent der Studenten, ein sehr geringer Anteil ist zur Zeit arbeits los (4 Prozent) bzw. nicht be rufstätig oder leistet seinen Dienst bei der Bun des wehr oder im Zivildienst (5 Prozent). Die Ver teilung des be ruflichen Status er scheint für die Alters gruppe der 12 bis 24Jährigen insgesamt plausibel. Da die meisten Befragten Schüler sind, ist es nicht ver wunder lich, dass die Jugend lichen und jungen Erwachsenen der Stichprobe zum Großteil noch bei ihren Eltern leben (62 Prozent). Nur selten wohnen sie schon allein (12 Prozent) oder zusammen mit ihrem Partner (16 Prozent), ein eher geringer Anteil (6 Prozent) wohnt in einer WG und 4 Prozent in sonsti ger Wohnsitua tion. Dabei leben die meisten zu viert (26 Prozent) bzw. zu dritt (26 Prozent) in einem Haushalt, ein Fünftel zu zweit und 16 Prozent mit fünf oder mehr Personen. Der über wiegende Teil der Befragten ist deutscher Nationali tät (97 Prozent), die rest lichen Befragten be sitzen die Staats bürger schaft anderer EULänder (3 Prozent), einige wenige kommen aus NichtEULändern wie der Türkei, Korea, Vietnam, Eritrea, USA und dem arabischen Raum. 4.1.2 Tracking mit Befra gung in der Nutzungs situa tion Die Befra gung ist die optimale Methode, um Wissen, Einstel lungen und Meinun gen zu erheben (Möhring & Schlütz, 2002, S. 15). Handlun gen kön nen in be stimmten Fällen jedoch besser durch eine Beobach tung oder eine 165 Methoden kombina tion erfasst werden. Zusätz lich zu Wissen und Einstel lungen unter suchen wir im quantitativen Teil dieser Studie die Hand lungs weisen der Zielgruppe auf Sozialen Netz werk platt formen, um insbesondere mögliche Diskrepanzen zwischen Wissen und Einstel lungen einer seits und Handeln anderer seits auf decken zu können. Es wurde daher ein OnlineTracking durch geführt, das einige methodi sche Besonder heiten auf weist, die in diesem Ab schnitt er läutert werden sollen. Als Methode zur Erfas sung von Hand lungs weisen in der Rezep tions forschung eignet sich die Befra gung nur bedingt, da sie sowohl zeit lich als auch situativ unabhängig von der Medien nutzung geschieht (Scherer & Schlütz, 2002, S. 134). Dem Befragten werden große Gedächtnis leis tungen ab verlangt, wenn er sich detailliert an die Nutzungs situa tion zurück erinnern soll. Gerade bei alltäg lichen, routinearti gen Handlun gen ist die Erinne rungs leis tung der Befragten ver zerrt. Darüber hinaus spielen soziale Erwünscht heit und nach träg liches Rationalisie ren des eigenen Handelns in Befra gungen gerade bei sensiblen Themen wie dem Daten schutz eine Rolle. Bei den Routinehand lungen im Social Web steht das Thema Privatsphäre nicht un bedingt immer im Vordergrund. Die Motive für oder wider eine Ent schei dung, die zu einer be stimmten Handlung führt, können im Nach hinein nur schwer ab gerufen werden. Die starke Diskrepanz zwischen Einstel lung und Hand lungs weisen kann daher ver mutlich teil weise durch die methodi schen Probleme der nach träg lichen Befra gung erklärt werden. Von der Explora tion privatsphäresensitiver Hand lungs weisen im Social Web allein durch herkömm liche, standardisierte Befra gungen ist deshalb abzu sehen. Zusätz lich zu der umfang reichen Befra gung haben wir mit einer Teilstich probe ein OnlineTracking durch geführt. Das TrackingTool zeichnete dabei anonymisiert alle auf vier aus gewählten Sozialen Netz werk platt formen auf gerufenen URLs inklusive ihrer Ver weildauer auf. Im Zuge des Trackings haben wir zudem Handlun gen („Events“) definiert, die auf Sozialen Netz werk platt formen vor kommen und die das Thema Daten schutz und Privatsphäre im Social Web in be sonde rer Weise be treffen. Beim Tracking wurde ge speichert, wie oft der Teilnehmer innerhalb der Feldzeit die folgen den Handlun gen auf einer SocialNetworkingSite aus führte: – Änderun gen im Profil vornehmen – Upload eines neuen ProfilFotos – Upload von Fotos in Fotoalben – Änderung an den Daten schutz einstel lungen vornehmen – Neue Freunde hinzu fügen – Freundschafts anfragen be stäti gen – Etwas an eine Pinnwand schreiben – Status meldun gen ab geben – Fan einer Seite werden 166 Die von uns aus gewählten Events stellen eine Auswahl aller möglichen Aktionen auf SocialNetworkingSites dar, die aus inhalt lichen Über legungen ge troffen wurde. Es handelt sich um die Aktionen, die ver gleichs weise häufig auf treten und/oder die Privatsphäre und Selbstenthül lung eines Users be treffen können, weil der Teilnehmer beim Aus führen der Handlung ent weder eine Selbstoffen barung aus führt oder weil er das potenzielle Publikum zukünfti ger und ver gangener Selbstoffenba rungs hand lungen er weitert. Dadurch, dass ein Event be obachtet wird, kann jedoch noch nicht auf die Inten tion des Handelnden oder auf Risiken für den Daten schutz geschlossen werden. Der Inhalt der Handlung ist unklar, wie dieses Beispiel ver deut licht: Ein User be stätigt einen neuen Freund auf einer SocialNetworkingPlatt form. Er teilt durch diese Handlung seine Profilinforma tionen mit dem neuen Kontakt. Es ist jedoch nicht sicher, ob es sich bei dem neuen Freund um eine tatsäch lich aus dem OfflineLeben be kannte Person handelt oder um einen mehr oder weniger un bekannten Kontakt rein virtueller Natur: Zwei Möglich keiten, die ganz unter schied lich zu be werten sind hinsicht lich ihrer Wirkung auf die Privatsphäre des Users. Um die auf geführten Handlun gen noch detaillierter unter suchen zu können, er folgte eine kurze Kontextbefra gung direkt in der Nutzungs situa tion. Dieses Vor gehen ent spricht der „Experience Sampling Method“, bei der ver sucht wird, bei den Teilnehmern eine be stimmte Anzahl an Selbst beobach tungen zu initiie ren. Wenn der Teilnehmer eines der neun definierten Events aus führte, wurde ein kurzer Fragebogen an gezeigt. Gegen über der reinen Befra gung bietet die kombinierte Beobach tung mit Kontextbefra gung einige Vorzüge: Dieses Ver fahren ist nicht auf die Erinne rungs leis tung der Befragten an gewiesen. Mit Hilfe des Tracking können auch wenig be wusste Ver haltens weisen erfasst werden, und da direkt in der Nutzungs situa tion befragt wird, ist nach träg liches Einordnen und Rationalisie ren weniger stark aus geprägt als bei einer Befra gung, die erst später und ohne konkreten Bezug zur Nutzungs situa tion durch geführt wird. Anders als herkömm liche Laborbeobach tungen findet das Tracking in natür licher Umgebung statt. Im Gegen satz zu den üblichen Feldbeobach tungen ist trotzdem die Anwesen heit des Beobachters nicht notwendig. Es kann daher davon aus gegangen werden, dass die Teilnehmer weitest gehend ihre üblichen Nutzungs muster zeigen. Scherer und Schlütz (2002) er zielten in einer ähnlich an gelegten Studie zu situativen Gratifika tionen bei der Medien rezep tion bereits auf schluss reiche Ergeb nisse. Waren es 2002 bei Scherer und Schlütz noch Pager, die den Befragten viermal täglich zu unter schied lichen Tages zeiten auf forderten einen PaperPencilFragebogen auszu füllen, be nutzten Karnowski und Doedens (2010) zur Unter suchung des mobilen Medien nut zungs verhaltens elektroni sche Einla dungen direkt auf dem mobilen Endgerät. Vorteil dieses Vor gehens ist, dass die Befra gung situativ, direkt in der Nutzungs situa tion und ohne Medien bruch statt findet. Ähnlich sind wir auch in der vor liegen den Studie vor gegangen, nur dass die Einla dung zur 167 Kontextbefra gung nicht zu einem zufälli gen Zeitpunkt geschah, sondern direkt im Anschluss an das Aus führen einer relevanten Handlung. Die Erhebung ist also sehr nah an der Nutzungs situa tion. Ein herkömm liches TrackingTool registriert das Aus lösen eines Events, bietet jedoch keinerlei inhalt liche Informa tionen. Daher wurden jeweils im ersten Teil jedes Kontext fragebogens zunächst Details zum aus geführten Event erhoben. Da die Events unter schied licher Natur sind, unter schieden sich die Kontext fragebögen, vor allem im vorderen Teil der jeweili gen Befra gung. Zur Ver anschau lichung: Wurde die Freundschafts anfrage eines anderen Netz werknutzers be stätigt, erhob der Fragebogen, woher und wie gut der Befragte diese Person kennt. So kann nach vollzogen werden, ob ein guter Freund Zugang zu den Profildaten des Befragten erhält, oder ob es sich dabei um einen flüch ti gen Bekannten oder um einen Fremden handelt. Wurde dagegen eine Profil angabe hinzu gefügt oder geändert, sollen die Teilnehmer an geben, um was für eine Informa tion es sich handelt und ob ihre Angabe der Wahrheit ent spricht. So kann ein geschätzt werden, ob die Befragten eher sensible Informa tionen wie ihre Adresse ver öffent lichen oder einen Interpreten zu den Angaben über ihre Lieblings musik hinzu fügen. Wenn der Fragebogen durch das Ver öffent lichen einer Status meldung oder eines Posts auf der Pinnwand eines anderen Nutzers aus gelöst wurde, wurden die Bestand teile und der Inhalt des Posts erhoben. Außerdem machten die Befragten Angaben zum imaginierten Publi kum. Sie kreuzten an, wer ihrer Meinung nach den Eintrag sehen wird. Der zweite Block der Kontext fragebögen wurde soweit wie möglich konstant ge halten, indem nur die Formulie rungen an die Events an gepasst und einzelne Items bei Bedarf ergänzt wurden. Zunächst wurde das Bewusstsein für die Sensibili tät einer Handlung erhoben. Die Befragten gaben auf einer fünfstufigen Skala an, für wie privat sie die eben aus geführte Handlung einschätzen. Die Antwortmöglich keiten reichen von überhaupt nicht privat bis zu sehr privat. Diese Angaben geben Auf schluss darüber, ob die Privat heit der ver schiedenen Events in der Nutzungs situa tion unter schied lich be wertet wird. Vor allem kann nach vollzogen werden, ob die Einschät zung der Nutzer vom Inhalt ihrer Hand lung ab hängig ist. Außerdem war es von Interesse zu er fahren, ob be stimmten Aktivi täten auf Sozialen Netz werk platt formen längeres Abwägen voraus geht oder ob die Ent schei dungen eher spontan und un überlegt ge troffen werden. Daher wurde in allen Kontext fragebögen zum einen die subjektive Dauer des Ent schei dungs prozesses erhoben, zum anderen sollten die Befragten an geben, ob sie über mögliche Konsequenzen ihrer Handlung nach gedacht haben. Die Dauer wird auf einer fünfstufigen Skala ab gefragt. Hier können die Befragten an kreuzen, ob sie spontan handelten oder ob sie länger nach dachten, bevor sie eine Aktion aus führten. Die zweite Frage zum Ent schei dungs prozess gibt mehrere Aspekte vor, über die ein Nutzer sich Gedanken machen könnte, bevor er innerhalb des 168 Netz werks aktiv wird: Welche Folgen hat die Handlung für die Privatsphäre, welche Nutzer werden sehen, dass man die Aktion aus geführt hat, wie wirkt man dadurch auf andere Nutzer und welches sind die Vor und Nachteile? Die Befragten können jeweils auf einer fünfstufigen Skala an geben, ob sie sich über diese Aspekte Gedanken ge macht haben. Die Antwortmöglich keiten reichen von trifft über haupt nicht zu bis trifft voll und ganz zu. Zum Ab schluss wurde in jedem Fragebogen nach den Motiven für die Handlung auf der Sozialen Netz werk platt form ge fragt. Eine Aus nahme bildete dabei die Änderung der PrivatsphäreEinstel lungen: Hier wurden keine Motive ab gefragt, da herkömm liche Medien nut zungs motive für dieses Event unzu treffend er scheinen. Um die Hand lungs motive für die ver schiedenen Events ver gleichen zu können, ist der Großteil der Antwort vorgaben konstant. Elf Motive wurden aus der Haupt befra gung in jeden Kontext fragebogen über nom men. Diese wurden um ein weiteres Item, das auf die Selbst darstel lung abzielt, sowie um eventspezifi sche Motive ergänzt. So können die Befragten im Frage bogen zur Bestäti gung einer Freundschafts anfrage beispiels weise an kreuzen, diese an genommen zu haben, weil sie es unhöf lich finden, eine Freundschafts anfrage abzu lehnen. Auch hier sollen die Probanden auf einer fünfstufigen Skala an geben, wie sehr die ge nannten Motive für ihre Handlung relevant waren. Die Durch führung des Tracking er folgte in Zusammen arbeit mit der eyesquare GmbH (Berlin), die die notwendige Programmierarbeit über nahm. Die Teilnehmer des Tracking, die sich be reiterklärten und deren Computer die techni schen Voraus setzungen er füllte, installierten das Tool i²server auf dem Rechner, den sie am häufigsten nutzen. Das TrackingTool leitete den Traffic, der von den Teilnehmern produziert wurde, über einen eigenen Server um und zeichnete Surf verhalten und die Anzahl der auf treten den Events auf. Außerdem sorgte das Tool dafür, dass – ge steuert über eine Zufalls variable – die Kontext fragebögen ein geblendet wurden, wenn ein Teilnehmer eines der definierten Events aus löste. Da die Haupt befra gung ergeben hatte, dass Facebook und die VZNetz werke die am häufigsten ge nutzten An gebote Sozialer Netz werk platt formen waren, wurden diese für das Tracking aus gewählt. Die Feldzeit dauerte vom 13. September bis zum 19. Oktober 2011. Rekru tiert wurde innerhalb der Stichprobe der zuvor be fragten Teilnehmer im Online AccessPanel von Panelbiz. Dazu er folgte eine kurze Informa tion über den zweiten Teil der Studie und die Incentivie rung am Ende des standardisierten Fragebogens der Haupt befra gung. Die Rekrutie rung innerhalb der Befra gungs Stichprobe bot den Vorteil, dass über die be obach teten Teilnehmer bereits Daten aus der standardisierten Befra gung vor lagen und diese in Beziehung zu den Ergeb nissen der Beobach tungs studie gesetzt werden konnten. Knapp 60 Pro zent der Teilnehmer der standardisierten OnlineBefra gung er klärten sich grundsätz lich bereit dazu, an der RemoteStudie teilzunehmen. Diese wurden 169 zum Tracking ein geladen, es zeigte sich jedoch, dass einige der Teilnehmer nach detaillierter Informa tion über das Vor gehen bei der Studie doch von einer Teilnahme absahen oder dass sie die techni schen Voraus setzungen, die für die Teilnahme notwendig waren, nicht er füllten. Insbesondere durch die techni schen Voraus setzungen10 wurde die Anzahl der Teilnahmewilli gen er heblich dezimiert, weshalb bereits während der Erhebung be schlossen wurde, das Sample der Haupt befra gung auszu weiten, um auf eine an gemessene Stich proben größe im Tracking nach rekrutie ren zu können. Insgesamt haben 211 Teil nehmer das TrackingTool installiert. Einige brachen jedoch in der Erhe bungs phase ab. Die finale Stichprobe bilden N = 199 Teilnehmer, die das Tool über einen Zeitraum von mindesten fünf, durch schnitt lich aber 30 Tagen installiert hatten. Da während der Erhebung nach rekrutiert wurde, ist die Feldzeit der einzelnen Teilnehmer unein heit lich, was bei der Aus wertung be rücksichtigt wurde. Etwas über die Hälfte der Teilnehmer des Tracking waren weib lich (54 Pro zent). Das Durch schnitts alter lag bei 18,7 Jahren. Die meisten Teilnehmer waren 18 bis 20 Jahre alt (33 Prozent). Der Anteil der 21 bis 24Jährigen war am zweit größten (29 Prozent). 24 Prozent der Befragten waren zwischen 15 und 17 Jahre alt, während nur 14 Prozent der Alters gruppe der 12 bis 14Jährigen zuzu ordnen waren. Über die Hälfte der Teilnehmer waren Gymnasiasten oder hatten Abitur (52 Prozent). Der Anteil der Realschüler bzw. Personen mit Realschulabschluss lag bei 31 Prozent. In nur 18 Prozent der Fälle, die die Stichprobe für das Tracking bildeten, waren die Teilnehmer Haupt schüler oder hatten einen Haupt schulabschluss. Die Stichprobe ver teilt sich sehr ungleichmäßig auf die vier Sozialen Netz werk platt formen. Es zeigte sich, dass die große Mehrheit der Teilnehmer Facebook als einziges Netz werk (56 Prozent) nutzte, ein weiterer großer Teil nutzte Facebook und eines oder mehrere der VZNetz werke (43 Prozent). Nur zwei Teilnehmer waren aus schließ liche VZNutzer. Im Schnitt be suchten die User einmal am Tag eine Netz werk platt form. Während der Feldzeit wurde insgesamt 5.409 Mal eines der ge trackten Events aus gelöst. Diese Anzahl ist auf 175 Teilnehmer zurück zuführen. Die übrigen 29 Teilnehmer be suchten zwar die ge trackten An gebote von Facebook und den VZNetz werken, führten dabei aber keine der be obach teten Events aus. Pro Tag und User sind damit im Durch schnitt 1,1 der definierten Events auf getreten. Das TrackingTool speicherte außerdem die URLs aller Seiten, die die Teil nehmer im Ver lauf der Feldphase auf den vier aus gewählten Netz werk platt formen be suchten. 97.628 URLVisits wurden erfasst und an schließend codiert. 10 Die Teilnehmer mussten bereit sein, das TrackingTool auf dem Rechner, den sie zu Hause nutzten, zu installie ren. Als Betriebs system war eine be liebige Ver sion von Windows vor gegeben und der Computer musste zudem über eine aktuelle Ver sion des Internet Explorers (ab Ver sion 7) oder Firefox ver fügen. 170 Dabei wurde induktiv vor gegangen: Die ver schiedenen URLs wurden auf gerufen, um den Inhalt der Seite mit einem Schlagwort be schreiben zu können, das als Kategorie auf genommen wurde. Auf diese Weise kamen 76 Kategorien zustande. Diese wurden schließ lich zusammen gefasst, so dass alle URLVisits einer von 28 Kategorien zu geordnet sind (Vgl. Kap. 4.2). In die Aus wertung der Trackingdaten gingen nur Studienteilnehmern ein, die das TrackingTool mindestens 5 Tage lang auf ihrem Rechner installiert hatten. Bei Personen, die weniger als 5 Tage an der Studie teilgenommen haben, besteht die Gefahr, dass ihre Daten das Ergebnis ver zerren. In diesen Fällen ist der Zeitraum zu kurz, um einen ver läss lichen Eindruck vom Nutzungs verhalten der Teilnehmer zu er halten. Die Installa tions dauer innerhalb der Stichprobe schwankt zwischen 5 und 37 Tagen, was dazu führt, dass die Anzahl der er zeugten URLVisits stark in Ab hängig keit von der Installa tions dauer variiert. Anstatt die ab soluten Seiten aufrufe in den Kategorien zu ver gleichen, werden die Häufig keiten pro Tag und User verg lichen. So kann man er kennen, wie oft Seiten einer be stimmten Kategorie durch schnitt lich am Tag von einem Nutzer auf gerufen werden. Neben der Häufig keit, mit der die ver schiedenen Anwen dungen auf Sozialen Netz werk platt formen ge nutzt werden, interessiert auch die Dauer. Die Tracking Daten er teilen Aus kunft darüber, wie oft und wie lange sich die Nutzer auf den Seiten der ver schiedenen Kategorien auf gehalten haben. Für die Aus wertung wurden all die URLVisits aus geschlossen, bei denen sich ein Studienteilnehmer weniger als eine Sekunde auf einer Seite auf gehalten hat. Es ist anzu nehmen, dass Nutzer den Inhalt einer Seite kaum wahrnehmen können, wenn sie diese kürzer als eine Sekunde be trachten. In diesen Fällen kann daher auch nicht von der Nutzung der Seite ge sprochen werden. Anders als die Häufig keit wurden die Mittelwerte der Dauer nicht pro Tag und User be rechnet, sondern ent sprechen dem Durch schnitts wert aller Studienteilnehmer für den gesamten Unter suchungs zeitraum. Vor dem Start der Kontextbefra gungen wurde eine zweiwöchige Vor phase durch geführt, in der zwar das Surf verhalten ge trackt wurde, aber keine Kontext befra gungen an gezeigt wurden. Dieses Vor gehen diente dazu, die Teilnehmer an die Handha bung des Tools zu ge wöhnen, eventuell auf tretende Paneleffekte zu neutralisie ren und eine Zufalls zahl für die Anzeigewahrscheinlich keit der Kontext fragebögen der neun Events zu er mitteln. Die neun Kontext fragebögen waren sehr kurz ge halten, um die Teilnehmer nur minimal in ihrer Nutzungs situa tion zu stören. Mit einem Pretest wurde sicher gestellt, dass die Ausfüll dauer zwei Minuten nicht über schritt. Da anzu nehmen war, dass die Events im Unter suchungs zeitraum, ab hängig vom Nut zungs verhalten des Teilnehmers, sehr häufig auf treten könnten und um eine Zufalls auswahl zu gewährleisten, wurde das Anzeigen der Kontextbefra gung durch eine Zufalls zahl ge steuert. Außerdem wurde ein Capping ein gerichtet, 171 das sicherstellte, dass ein Befragter maximal drei Fragebögen pro Tag be antworten konnte11. Eine völlige Gleich vertei lung der Fragebögen über Events und Teilnehmer hinweg war nicht möglich und wurde auch nicht an gestrebt, da die User in ihrem Aktivi täts grad variieren und auch die Events unter schied lich häufig auf treten. Zudem gab es die Möglich keit, den Fragebogen zu schließen und nicht zu be antworten, was die Ausfall quote natür lich erhöhte. Diese Maßnahme er schien uns jedoch notwendig, um Reaktanzen zu ver meiden und die Abbruchquote gering zu halten. Inhalt lich wurden die Kontext frage bögen an die ent sprechen den Events an gepasst, wobei ver sucht wurde, die Fragen weit gehend zu parallelisie ren und in allen neun Fragebögen abzu fragen, um einen Ver gleich zu er möglichen (z. B. bei der Frage nach den Nutzungs motiven). Insgesamt wurden 1.354 Kontext fragebögen aus gefüllt, von denen 1.016 als vollständig an gesehen wurden. Leider mussten einige Fragebögen wegen Mustern, die sich in den Ergeb nissen zeigten, aus sortiert werden, oder weil nach der Erhebung fest gestellt wurde, dass die Teilnehmer in der standar disierten OnlineBefra gung keine gülti gen Fragebögen ge liefert hatten. Bei den 116 Teilnehmern der Kontextbefra gung lag der Anteil der Frauen noch etwas höher als in der Stichprobe der TrackingBefra gung: 59 Prozent der Teilnehmer waren weib lich. Auch war der Anteil der 18 bis 20Jährigen am höchsten (42 Prozent) ge folgt von den 15 bis 17Jährigen (27 Prozent). Der Anteil der Teilnehmer zwischen 21 und 24 Jahren lag bei 2 Prozent. Die 12 bis 14Jährigen bilden mit 8 Prozent wiederum die kleinste Alters gruppe. Das Durch schnitts alter der Befragten beträgt 18,6 Jahre. Die Bildung der Teilnehmer der Kontextbefra gung ist ähnlich ver teilt wie bei der gesamten Tracking Stichprobe: Der Großteil besucht das Gymnasium oder hat Abitur (57,8 Prozent), der Anteil der Realschüler liegt bei 29 Prozent und der der Haupt schüler bei 13 Prozent. Nur drei Personen, die Kontext fragebögen aus gefüllt hatten, hatten in der Haupt befra gung eines der VZNetz werke als Haupt netz werk an gegeben. Dagegen nannten 110 Teilnehmer (94,8 Prozent) Facebook als Haupt netz werk, und drei weitere Personen hatten eine andere soziale Netz werk platt form als Haupt netz werk an gegeben. Wie zu er warten war, traten einige Events wesent lich häufiger auf als andere und dementsprechend wurden auch die Kontextbefra gungen sehr unter schied lich oft aus gefüllt. Die Fallzahlen der Events können Tabelle 13 ent nommen werden. Gegen übergestellt wird in der Tabelle die Anzahl der aus gefüllten Kontext fragebögen zum jeweili gen Event. Da die Events Upload eines neuen ProfilFotos, Upload Foto in ein Fotoalbum und Änderun gen an den Daten schutz einstel lungen insgesamt sehr selten auf traten und eine für statisti sche Zwecke unzu reichende Anzahl an Kontext fragebögen zu diesen Events aus 11 Eine Aus nahme hiervon bildeten nur die Events, die sich als sehr selten heraus stellten. Kontext fragebögen zu diesen Events wurden auch an gezeigt, wenn ein Befragter bereits drei andere Fragebögen aus gefüllt hatte. 172 gefüllt wurde, wurde von einer ge sonderten Analyse dieser Fragebögen ab gesehen. Eine Über sicht über die Anzahl der Events, der Befragten, die ein Event über haupt aus lösten und die gültige Fallzahl der Kontextbefra gungen gibt Tabelle 13 (siehe ausführlich Kapitel 4.3. Tabelle 13: Auf treten der Events und Fallzahl der Kontext fragebögen im Ver gleich Event Auf treten des Events Anzahl Befragte Gültige Fallzahl Kontext- befra gung Anzahl Befragte Änderun gen im Profil vornehmen 243 76 27 19 Upload neues Profil-Foto 115 46 18 13 Upload Foto in Fotoalbum 84 30 9 6 Änderung an den Daten schutz - einstel lungen vornehmen 65 24 13 11 Neue Freunde hinzu fügen 946 130 215 72 Freundschafts anfragen be stäti gen 746 128 116 54 Etwas an eine Pinnwand schreiben 1.093 138 320 79 Status meldun gen ab geben 1.403 128 191 65 VZ-Gruppe beitreten/ Eine Fanpage liken (Facebook) 714 111 107 50 Summe 5.409 175 1.016 116 4.2 Ergeb nisse zur Nutzung des Internet und von Sozialen Netz werk platt formen In diesem Kapitel zeigen wir auf, wie Jugend liche und junge Erwachsene das Internet und insbesondere Soziale Netz werk platt formen ver wenden, und welchen Nutzen sie daraus ziehen. Dabei be trachten wir zunächst die relevanten Aspekte des Internetnut zungs verhaltens und ihre Ver brei tung in der Gruppe der 12 bis 24Jährigen. Im Anschluss werden Soziale Netz werk platt formen fokussiert, wobei hier ein Hauptaugen merk auch auf den Nutzungs motiven liegt, mit denen die jungen Nutzer sich diesen An geboten zuwenden. Bei der Analyse wurde sowohl auf die Daten der standardisierten OnlineUmfrage als auch auf die TrackingDaten zurück gegriffen. Die Ergeb nisse der qualitativen Interviews mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen werden auf gegriffen und dienen zur Illustra tion und dazu, die Interpreta tion zu stützen. Das Kapitel gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil be leuchten wir die Internetnut zung der 12 bis 24Jährigen. Dabei gehen wir speziell auf ihre Nutzungs erfah rung mit dem Internet ein und be schreiben wie oft, wie lange und wo sie das Internet nutzen und welche unter schied lichen Aktivi täten sie aus führen. Im zweiten Teil des Kapitels gehen wir auf die Nutzung der Sozialen Netz werk platt formen ein und be leuchten die hauptsäch lich ge nutzten Anbieter der 12 bis 24Jährigen sowie ihre genauen Aktivi täten auf diesen Seiten. Der 173 dritte und letzte Teil des Kapitels umfasst die Nutzungs motive der Jugend lichen und jungen Erwachsenen. 4.2.1 Der Rahmen: Internetnut zung Nutzungs erfah rung, Häufig keit, Dauer und Ort der Internetnut zung Die Grundgesamt heit der standardisierten OnlineBefra gung bilden 12 bis 24jährige Onliner, die zumindest mehrfach pro Monat Soziale Netz werk platt formen nutzen. Obwohl die Ver brei tung dieser WebAngebote in dieser Ziel gruppe sehr hoch ist, ist anzu nehmen, dass die hier präsentierte Stichprobe im Ver gleich mit der Grundgesamt heit aller 12 bis 24jähri gen Deutschen als internetaffiner zu be zeichnen ist. Die Internetnut zungs erfah rung in der Stichprobe ist dementsprechend hoch (Tabelle 14). Insgesamt über 89 Prozent der Nutzer geben an, dass sie sich bereits seit mindestens drei Jahren im Internet bewegen. Der Anteil der Nutzer, die ledig lich über eine geringe Nutzungs erfah rung von unter einem Jahr ver fügen, ist mit 1 Prozent sehr gering. In der jüngsten be trach teten Alters gruppe ist dieser Anteil mit 4 Prozent etwas höher. Die Internetnut zungs erfah rung der älteren Teilnehmer ist plausibler weise auch insgesamt gesehen höher als die der jüngeren. Die Nutzungs erfah rung korreliert mit dem Alter auf dem Niveau von Pearson’s r = ,57 (p < ,001). Dieser Wert ent spricht einem hohen, aber nicht perfekten Zusammen hang, und so finden sich auch in der ältesten Alters gruppe einige wenige Fälle mit geringer Nutzungs erfah rung. Zwischen den Geschlech tern zeigen sich hingegen kaum Unter schiede. Mit Blick auf die formale Bildung (Tabelle 15) ver fügen höher Gebildete über eine längere Nutzungs erfah rung (Pearson’s r = ,16; p < ,001). Tabelle 14: Interneterfah rung in Jahren nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) weniger als 1 Jahr 1 1 0 4 0 0 0 1 bis 2 Jahre 11 9 13 38 7 3 3 3 bis 5 Jahre 40 40 40 47 65 39 20 6 bis 10 Jahre 41 43 38 10 27 52 60 mehr als 10 Jahre 8 8 9 1 1 7 18 Gesamt 100 100 100 100 100 100 100 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent 174 Tabelle 15: Interneterfah rung in Jahren nach formaler Bildung Gesamt Haupt schule Realschule Gymnasium (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) weniger als 1 Jahr 1 3 1 0 1 bis 2 Jahre 11 15 12 7 3 bis 5 Jahre 40 44 40 37 6 bis 10 Jahre 41 32 38 49 mehr als 10 Jahre 8 7 9 8 Gesamt 100 100 100 100 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Die Häufig keit der Internetnut zung in einer normalen Woche ist eben falls hoch. Die allermeisten Befragten (82 Prozent) nutzen das Internet täglich, der Durch schnitt beträgt 6,6 Tage pro Woche. Nur die allerjüngste Teilnehmergruppe der 12 bis 14Jährigen weist einen gering fügig niedrige ren Durch schnitts wert von 6,2 Tagen auf. Unter schiede zwischen männ lichen und weib lichen Teil nehmern be stehen nicht. Beim Ver gleich der formalen Bildung stechen die Gymnasiasten und Abiturienten leicht mit einer über durch schnitt lichen Nut zungs häufig keit von 6,8 Tagen pro Woche hervor. Insgesamt lässt sich sagen, dass die quasi tägliche Nutzung unter den jungen Nutzern Sozialer Netz werk platt formen Standard ist. Die tägliche Nutzungs dauer des Internet wurde nicht absolut in Stunden und Minuten, sondern in Kategorien ab gefragt, daher kann keine durch schnitt liche tägliche Nutzungs dauer an gegeben werden12. Dennoch lassen sich generelle Tendenzen be schreiben (Tabelle 16). Ledig lich eine Minder heit der Befragten nutzt das Internet weniger als eine Stunde pro Tag (15 Prozent). Die Anteile derjenigen, die das Internet ein bis zwei Stunden nutzen und derer, die es zwei bis vier Stunden nutzen, sind in etwa gleich hoch (30 bzw. 32 Prozent). Mehr als vier Stunden wird das Netz von etwas über einem Fünftel der Stichprobe ge nutzt. Die tägliche Nutzungs dauer steigt mit dem Alter an, was neben einer steigen den Nutzung für private Zwecke auch auf die Nutzung für Beruf und Aus bil dungs zwecke zurück zuführen sein kann. Bei der Betrach tung der forma len Bildung fällt auf, dass die tägliche Nutzungs dauer bei steigen dem Bildungs grad abnimmt (Tabelle 17). Zwischen männ lichen und weib lichen Nutzern ergeben sich hingegen keine nennens werten Unter schiede. 12 Diese Abfrage wurde ge wählt, um den zum Teil noch sehr jungen Aus füllern das Antworten zu er leichtern und unplausible Werte sowie eine hohe Abbruchquote zu ver meiden. 175 Tabelle 16: Dauer der täglichen Internetnut zung nach Geschlecht und Alters gruppe Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Weniger als eine Stunde 15 14 17 30 13 13 10 Eine Stunde bis zwei Stunden 30 30 30 39 32 25 28 Zwei Stunden bis vier Stunden 32 33 31 23 34 34 36 Mehr als vier Stunden 22 22 22 7 21 28 26 Gesamt 100 100 100 100 100 100 100 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Tabelle 17: Dauer der täglichen Internetnut zung nach formaler Bildung Gesamt Haupt schule Realschule Gymnasium (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) Weniger als eine Stunde 15 12 16 17 Eine Stunde bis zwei Stunden 30 32 30 29 Zwei Stunden bis vier Stunden 32 30 31 35 Mehr als vier Stunden 22 26 22 19 Gesamt 100 100 100 100 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Bei der Abfrage möglicher Nutzungs orte waren Mehrfachnen nungen möglich. Der mit Abstand von den meisten an gegebene Ort war der Zugriff auf das Internet von zu Hause aus, und zwar mit dem eigenen Computer (90 Prozent). Im Umkehrschluss be deutet dies, dass nur 10 Prozent der von uns unter suchten Jugend lichen nicht über einen eigenen Computer mit Internetanschluss ver fügen. Der Anteil der Befragten mit eigenem Internetanschluss ist in unserem Sample ver gleichs weise hoch. Den Befunden der JIMStudie 2011 zufolge be sitzen zwar 79 Prozent der Jugend lichen zwischen 12 und 19 Jahren einen eigenen Rechner, aber nur 45 Prozent ver fügen auch über einen eigenen Internet zugang (MPFS, 2011). Dies könnte dafür sprechen, dass der eigene Internetanschluss für die Jugend lichen und jungen Erwachsenen die Teilnahme an Sozialen Netz werk platt formen fördert. Erwar tungs gemäß ist der Anteil der Nutzer mit eigenem Computer bei den männ lichen Teilnehmern, den älteren beiden Alters gruppen und bei den höher Gebildeten über durch schnitt lich. Der Anteil der Befragten, die an geben, das Internet zwar von zu Hause aus, aber über einen Rechner, der ihnen nicht persön lich gehört, zu nutzen, ist mit 21 Prozent ver gleichs weise geringer. Weibliche Teilnehmer, jüngere Nutzer und Personen mit niedri gem 176 oder mittle rem Bildungs grad geben häufiger an, sich zu Hause einen Computer mit anderen Nutzern zu teilen. Mit 45 Prozent liegt die Nutzung an Orten wie dem Aus bil dungs oder Arbeits platz bzw. der Schule oder Hoch schule auf dem gleichen Level wie die Nutzung über mobile Endgeräte, wie aus Tabelle 18 zu ent nehmen ist. Die mobile Nutzung ist in den letzten Jahren stark an gestiegen (MPFS, 2011). Tabelle 18: Ort der Internetnut zung nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Zu Hause, eigener Computer 90 93 88 79 89 95 95 Zu Hause, ge teilter Computer 21 16 27 32 26 17 15 Schule/Universi tät/ Arbeits platz 45 48 42 34 43 46 53 Mobile Nutzung 45 49 40 27 50 46 52 Bei Freunden oder Bekannten 35 34 35 25 45 36 32 Internet-Café 5 7 4 5 6 7 4 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Mehrfachnen nungen waren möglich Wiederum sind es die männ lichen Teilnehmer, die höher Gebildeten und die Älteren, die eher zur mobilen Nutzung neigen. Auf fallend ist aber ins besondere der Zuwachs zwischen der jüngsten Alters gruppe und der Gruppe der 15 bis 17Jährigen. Der Anteil ver doppelt sich zwischen diesen Alters gruppen nahezu. Diese Alters gruppe, die sich auch ansonsten durch eine über durch schnitt liche Internetnut zung aus zeichnet, markiert den Einstieg in die mobile Nutzung. Der Zugang über Freunde und Bekannte wird von einem guten Drittel der Befragten ver wendet. Dieser Zugang wird eben falls gerade im Alter zwischen 15 und 17 Jahren und von niedri ger ge bildeten Personen be sonders stark ge nutzt (Tabelle 19), was für eine intensivere gemein schaft liche Nutzung des Internet in diesen Gruppen spricht. InternetCafés haben eher eine geringe Bedeu tung. 177 Tabelle 19: Ort der Internetnut zung nach formaler Bildung Gesamt Hauptschule Realschule Gymnasium (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) Zu Hause, eigener Computer 90 87 89 94 Zu Hause, ge teilter Computer 21 26 23 17 Schule/Universi tät/Arbeits platz 45 32 41 57 Mobile Nutzung 45 42 44 47 Bei Freunden oder Bekannten 35 39 37 30 Internet-Café 5 8 5 5 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Mehrfachnen nungen waren möglich Aktivi täten beim Umgang mit dem Internet Ver gleicht man die Häufig keit, mit der ver schiedene Aktivi täten des Social Web ge nutzt werden, ist zu be rücksichti gen, dass nur Personen in die Stichprobe ge langt sind, die an gegeben haben, Soziale Netz werk platt formen zumindest mehrfach im Monat zu nutzen (Tabelle 20). Der sehr hohe Wert von 97 Prozent zumindest wöchent licher Nutzung bei den Sozialen Netz werk platt formen erklärt sich daher teil weise über das Screening. Aber auch aus anderen Studien ist bekannt, dass Soziale Netz werk platt formen mittlerweile andere WebAnwen dungen wie EMail und InstantMessaging über holt haben (MPFS, 2011). Aus den Daten lässt sich schließen, dass für die Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen diese An gebote so be deutsam sind, dass sie sie häufiger frequen tie ren als andere Anwen dungen und dass die Nutzung mit einer sehr hohen Nutzungs frequenz erfolgt. Auf geteilt nach soziodemografi schen Merkmalen lassen sich nur leichte Unter schiede in der wöchent lichen Nutzung Sozialer Netz werk platt formen fest stellen. Der Anteil fällt bei den weib lichen Teilnehmern gering fügig höher aus und auch beim Alter ergeben sich leichte Unter schiede. Die beiden mittle ren Alters gruppen weisen einen etwas höheren Prozent satz wöchent licher Nutzer auf als die jüngsten und die ältesten. Auch diese Ergeb nisse – eine leichte Hochphase der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen in der späten Jugend und eine höhere Nutzungs frequenz durch weib liche Teilnehmer – stimmen mit Ergeb nissen anderer Studien überein (MPFS, 2011; Schenk, Jers, & Gölz, 2012; Schmidt & Gutjahr, 2009). Gerade in der späten Jugend haben die Sozialen Netz werk platt formen eventuell eine be sondere Anziehungs kraft. Die Bedeu tung der Peergruppe für die Ent wick lung ist in dieser Lebens phase be sonders hoch (Oswald & Uhlendorff, 2008) und Soziale Netz werk platt formen sind ein Ort, an dem sich die Nutzer außerhalb des Einflusses von Erwachsenen aus tauschen können (Boyd & Marwick, 2011). 178 Des Weiteren wurde die EMailNutzung der Jugend lichen und jungen Erwachsenen unter sucht. Diese wurde deshalb in die Studie auf genommen, da EMails zwar nicht im engeren Sinne zum SocialWeb ge hören, sie aber als Tool zur Kommunika tion ver wendet werden, das prinzipiell ähnliche Funktionen ab decken könnte wie Soziale Netz werk platt formen. Zwischen den Geschlechtern gibt es keinen Unter schied bei der EMailNutzung. Ledig lich beim Alter lässt sich fest stellen, dass die 12 bis 14Jährigen etwas weniger diese Form der Kom munika tion nutzen, ganz im Gegen satz zu den drei älteren Alters gruppen. Hinsicht lich der wöchent lichen Nutzung von Videoplatt formen und Instant Messaging lässt sich er kennen, dass männ liche Jugend liche und junge Erwach sene deut lich eher zu dieser Form der Aktivität greifen als weib liche. Bei der Unter teilung nach Alter liegen die 15 bis 17Jährigen klar vor allen anderen Alters gruppen. Bei den Wikis, die gut die Hälfte aller Befragten nutzen, sprechen sich ver mehrt die männ lichen Jugend lichen für deren Ver wendung aus. Bei dieser Form der Aktivität liegen die 15 bis 17Jährigen und die älteste Alters gruppe vorn. Bei der Ver wendung von OnlineShops ändert sich das Bild etwas. Zwar ist auch hier der Anteil der männ lichen Teilnehmer höher, unter teilt in Alters gruppen aber weisen die beiden ältesten Gruppen einen höheren Prozent satz aus. Bei der Nutzung der OnlineGames liegt der Anteil der weib lichen Teilnehmer leicht unter dem der männ lichen. Beim Alter ergeben sich größere Unter schiede. Die jüngste Gruppe nutzt diese Form der Aktivität am häufigsten, ge folgt von den 21 bis 24Jährigen. Am Wenigsten sprechen sich die 15 bis 17Jährigen für diese Aktion aus. Tabelle 20: Internetaktivi täten nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Soziale Netz werk- platt formen 97 96 99 96 98 99 96 E-Mail 95 96 95 85 97 98 98 Videoplatt formen 87 91 82 89 94 87 80 Instant-Messaging 67 74 61 61 74 70 64 Wikis 55 61 50 49 61 53 58 Online-Shops 49 54 45 35 43 53 60 Online-Games 42 43 41 49 36 40 43 Internettelefonie 33 40 25 40 35 30 29 Diskus sions foren 22 29 15 18 20 26 24 Weblogs 20 25 15 14 23 18 23 Chats 19 21 16 23 15 20 18 Bilderplatt formen 17 19 14 21 14 14 18 Microblogging 17 19 14 19 19 16 14 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die an geben eine Anwen dung zumindest wöchent lich zu nutzen, in Prozent Mehrfachnen nungen waren möglich 179 Nur jeweils wenige Nutzer be schäfti gen sich hingegen mehrmals pro Woche mit Diskus sions foren, Weblogs, Chats, Bilderplatt formen und Microblogging. Bei diesen Anwen dungen ist ein Unter schied zwischen männ lichen und weib lichen Nutzern zu sehen. Der Anteil der männ lichen Teilnehmer fällt deut lich höher aus. Bezüg lich des Alters gibt es keinen Trend. Bei den Diskus sions foren liegen die zwei ältesten Gruppen vorn. Weblogs spielen für die 15 bis 17Jähri gen sowie für die 21 bis 24Jährigen eine größere Rolle und Chats, Bilderplatt formen und Microblogging werden eher von der jüngsten Alters gruppe ver wendet. Ver glichen mit den Nutzungs zahlen aus der aktuellen JIMStudie lässt sich fest stellen, dass einige Anwen dungen von der von uns unter suchten Stichprobe deut lich stärker frequentiert werden (z. B. InstantMessaging, Internettelefonie und Microblogging). Dies kann – neben Unter schieden beim methodi schen Vor gehen – daran liegen, dass es sich bei der von uns unter suchten Popula tion um die Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen handelt, die möglicher weise per se aktivere Nutzer darstellen als die Internetnutzer allgemein. Andere Platt formen werden also nicht durch den Gebrauch von Sozialen Netz werk platt formen substituiert, sondern sie er gänzen den Gebrauch. Eine Aus nahme bilden allerdings Chats, die nach unseren Daten im Ver gleich zur aktuellen JIMStudie weniger stark ge nutzt werden (19 Prozent gegen über 40 Prozent). Es ist möglich, dass die ChatFunktion, die in vielen Sozialen Netz werk platt formen bereits integriert ist, für die be sonders aktiven Nutzer dieser Platt formen eigenständige ChatAnwen dungen ersetzt. 4.2.2 Nutzung Sozialer Netz werk platt formen Lieblings angebote Wie bereits bemerkt, sind auf dem deutschen Markt viele Anbieter von Sozialen Netz werk platt formen ver treten, die zum Teil spezielle Themen interessen ab decken. Da es möglich ist, dass ein Nutzer das An gebot mehrerer Sozialer Netz werk platt formen ver wendet, wurde zunächst ab gefragt, welche An gebote wie häufig auf gerufen werden. Neben einer Auswahl liste von Netz werken, die anhand der AGOFStatistiken er mittelt wurde, hatten die Nutzer auch die Möglich keit, ein Netz werk frei anzu geben. Im zweiten Schritt wurde er mittelt, welche Platt form von den Teilnehmern am häufigsten besucht wird, somit das hauptsäch lich ge nutzte Netz werk – das Haupt netz werk (HNW) – darstellt. Nachfolgende Fragen im Fragebogen be ziehen sich auf das vom Teilnehmer an gegebene Haupt netz werk. Die Mehrfachnut zung ver schiedener Netz werk platt formen ist in der Stich probe recht ver breitet: 68 Prozent der Nutzer gaben an, mehrmals im Monat mindestens zwei ver schiedene Netz werk platt formen zu nutzen. Im Durch schnitt 180 be suchen die Nutzer sogar 2,5 Platt formen im Monat. Die Ver brei tung der Netz werke, die auch die Mehrfachnut zung einschließt, ist in Tabelle 21 an gegeben. Tabelle 21: Genutzte Netz werk platt formen nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Facebook 92 94 89 84 98 93 90 schülerVZ 25 27 24 62 31 15 7 meinVZ 16 14 18 13 6 18 23 studiVZ 14 13 15 11 3 14 24 wer-kennt-wen 13 13 13 23 7 11 13 Sonstige 12 10 15 12 13 11 12 Myspace 9 10 8 13 6 10 8 Schüler. cc 8 9 7 17 8 6 3 Lokalisten 6 7 6 10 3 5 7 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die an geben eine Soziale Netz werk platt form zumindest wöchent lich zu nutzen, in Prozent Mit 92 Prozent liegt Facebook mit weitem Abstand vor allen anderen Netz werken. Der einstige Markt führer studiVZ macht in unserer Stichprobe nur noch einen geringen Anteil aus. Dieses Netz werk liegt auf gleichem Niveau wie meinVZ. Einzig das SchülerNetz werk schülerVZ wird noch von jedem vierten Teilnehmer ge nutzt und liegt somit an zweiter Stelle. Hinsicht lich des Geschlechts ergeben sich keine Netz werk präferenzen von weib lichen oder männ lichen Nutzern. Beim Alter sah die Situa tion zum Er hebungs zeitpunkt noch etwas anders aus. Zwar ist selbst bei den jungen 12 bis 14Jährigen Facebook Markt führer, jedoch hat schülerVZ mit 62 Prozent auch eine hohe Bedeu tung. Der Anteil von werkenntwen ist eben falls auf fallend hoch (23 Prozent). Bei den ältesten Befragten spielen neben Facebook noch meinVZ (23 Prozent) und studiVZ (24 Prozent) eine ge wisse Rolle. Eine interessante Beobach tung ist, dass Facebook bei den Realschülern und Realschulabsolventen eine geringere Ver brei tung auf weist als bei den beiden anderen Bildungs niveaus. meinVZ spielt bei Haupt schülern und Haupt schul absolventen eine ver gleichs weise höhere Rolle, während es bei Gymnasiasten und Abiturienten kaum ver breitet ist. studiVZ spricht eher Gymnasiasten und Abiturienten an – was ver mutlich auf den Namen und die ursprüng liche Begren zung auf die Zielgruppe der Studenten zurück zuführen ist (Tabelle 22). 181 Tabelle 22: Genutzte Netz werk platt formen nach formaler Bildung Gesamt Haupt schule Realschule Gymnasium (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) Facebook 92 93 88 94 schülerVZ 25 29 25 23 meinVZ 16 25 19 7 studiVZ 14 14 11 17 wer-kennt-wen 13 19 15 8 Sonstige 12 17 12 9 Myspace 9 13 8 7 Schüler. cc 8 13 8 5 Lokalisten 6 9 6 4 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die an geben eine Soziale Netz werk platt form zumindest wöchent lich zu nutzen, in Prozent Im Ganzen zeigt sich, dass der Markt der Sozialen Netz werk platt formen sehr differenziert ist, so dass auch viele Nischen anbieter wie Myspace, Schüler. cc oder Lokalisten von Zielgruppen er reicht werden, die sie regelmäßig frequen tie ren. Im Gegen satz zu Facebook sind diese Zielgruppen größen mäßig jedoch sehr klein. Die Markt führer schaft von Facebook be stätigt sich, wenn an statt der Mehrfachnut zung die hauptsäch lich ge nutzte Platt form er mittelt wird (Tabelle 23). Mehr als vier von fünf Befragten geben an, dass es sich bei dem USamerikani schen Anbieter um ihr hauptsäch lich ge nutztes Netz werk handelt. Bei den 15 bis 17jähri gen Nutzern ist die Ver brei tung be sonders hoch, außer dem geben mehr männ liche und hoch ge bildete Befragte als weib liche und niedrig ge bildete Personen Facebook als Haupt netz werk an (Tabelle 24). Mit Aus nahme von schülerVZ, das bei den unter 15Jährigen mit einem Nutzer anteil von 22 Prozent eine ge wisse Relevanz er reicht, liegt der Anteil aller anderen Netz werke in jeder be trach teten Gruppe deut lich unter 10 Prozent. Der Markt besteht demnach aus einem großen und sehr vielen kleinen Anbietern. Diese kleine ren Anbieter haben für einzelne Zielgruppen segmente ver mutlich dennoch eine wichtige Bedeu tung, denn es gibt bei den meisten Anbietern einen geringen Anteil an Personen, die sie intensiv nutzen. 182 Tabelle 23: Haupt netz werk nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Facebook 82 85 80 63 93 87 83 schülerVZ 6 7 5 22 4 2 0 Sonstige 3 2 4 4 2 2 5 meinVZ 3 2 3 1 – 3 5 studiVZ 2 1 3 1 – 1 5 wer-kennt-wen 2 2 2 4 1 2 2 Schüler. cc 1 1 1 5 0 – 0 Myspace 1 1 1 0 – 2 0 Lokalisten 0 0 0 1 – 0 0 Gesamt 101 99 101 100 99 100 101 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Tabelle 24: Haupt netz werk nach formaler Bildung Gesamt Haupt schule Realschule Gymnasium (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) Facebook 82 77 80 87 schülerVZ 6 7 6 5 Sonstige 3 7 3 2 meinVZ 3 3 5 1 studiVZ 2 1 2 3 wer-kennt-wen 2 3 3 1 Schüler. cc 1 2 1 1 Myspace 1 2 0 0 Lokalisten 0 – 0 0 Gesamt 100 102 100 100 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Als Fazit der Betrach tung der Internetnut zung und der soziodemografi schen Merkmale der Nutzer Sozialer Netz werk platt formen lässt sich fest stellen, dass es den prototypi schen Nutzer nicht gibt. Soziale Netz werk platt formen haben sich bei den 12 bis 24Jährigen voll etabliert. Die Nutzer in dieser Zielgruppe variieren in ihrer Interneterfah rung, der Dauer der täglichen Nutzung und den Anwen dungen, die sie zusätz lich nutzen. Was alle Nutzer Sozialer Netz werk platt formen ver bindet, ist, dass sie sehr häufig, d. h. nahezu täglich, das Internet nutzen. Den typischen Nutzer mag es zwar nicht geben, die typische Netz werk platt form gibt es mittlerweile durch aus. Die Ent wick lung hin zur Monopol stel lung von Facebook war während der Erhe bungs phase im Herbst 2011 bereits ab sehbar, dennoch über rascht die Deutlich keit der Markt führer schaft Facebooks in unseren Ergeb nissen zu diesem Zeitpunkt, auch wenn sie nicht unplausibel 183 er scheint. Das Ende der VZNetz werke wurde intensiv Ende des Jahres 2011 in der Blogosphäre thematisiert (Vogel, 2011) und Mitte 2012 gab Holtz brinck Pläne für eine Umbenen nung und themati sche Neu ausrich tung von schülerVZ bekannt (Sued deutsche. de, 2012). Durch den Netzeffekt, der besagt, dass der Nutzen eines Netz werks für den Einzelnen wächst, wenn die Nutzer zahl ins gesamt steigt, ist die Monopolisie rung plausibel erklär bar. Da es für den Nutzer Aufwand ver ursacht, mehrere SocialNetworkingSites parallel zu pflegen, ist eine Ab wande rung der Nutzer kleine rer Netz werk platt formen hin zum Markt führer wahrschein lich. Im Hinblick auf den Daten schutz und die Achtung der Persönlich keits rechte ist das Ergebnis be achtens wert, da Experten und Unter suchungen zu dem Schluss kommen, dass Facebook im Ver gleich zu den deutschen Anbietern diesbezüg lich Mängel auf weist (Stiftung Warentest, 2010). Aktivi täten auf Sozialen Netz werk platt formen Ergeb nisse aus der standardisierten Befra gung Wenn User ein Netz werk als ihr Haupt netz werk be zeichnen und es häufig be suchen, be deutet das nicht, dass sie dort be sonders aktiv sind oder sich dort be sonders stark exponie ren. Deshalb haben wir in der Befra gung und mit Hilfe der TrackingDaten unter sucht, welche Aktivi täten die Nutzer wie oft aus führen. Nicht alle Aktionen, die die User auf Sozialen Netz werk platt formen durch führen, fallen in die Kategorie der für die Privatsphäre sensitiven Handlun gen, die für die Selbstoffenba rung der Jugend lichen und jungen Erwachsenen inte ressant er scheinen und Aus wirkungen auf die soziale Privatsphäre haben. In Abbil dung 10 wurden die Handlun gen ent sprechend ihres Kommunika tions modus in fünf Kategorien ein geteilt. Diese sind: rezeptive Nutzung, private und (semi)öffent liche Kommunika tion, multimediale Kommunika tion und sonstige Handlun gen. Die häufigste Tätig keit der rezeptiven Nutzung ist das Lesen von Neuig keiten. Dies wird von den Befragten mindestens täglich durch geführt (MW = 4,15). An zweiter und dritter Stelle folgen das Ansehen von Fotos (MW = 3,48) und das Stöbern in den Profilen der anderen Netz werk mitglieder (MW = 3,28). Die Suchfunk tion wird von den Jugend lichen und jungen Erwachsenen häufiger ge nutzt (MW = 2,87) als die Möglich keit in Gruppen zu lesen (MW = 2,80). Beide Handlun gen liegen im unteren Bereich der Skala, jedoch noch nahe am Mittel. Videos anzu sehen und Nachrichten auf Fanseiten zu lesen, nutzen die Befragten mehrmals im Monat und somit am wenigsten aus der Kategorie der rezeptiven Nutzung. Im Bereich der priva ten Kommunika tion liegt das Chatten (MW = 3,71) an erster Stelle vor dem Schreiben von privaten Nachrichten (MW = 3,39). Das Kommentie ren von Neuig keiten wird am häufigsten von den Befragten im Bereich der (semi) öffent lichen Kommunika tion ge tätigt (MW = 3,19). Danach folgt das Posten 184 von Status meldun gen (MW = 2,88) und das Schreiben auf die Pinnwand von anderen Netz werk mitgliedern (MW = 2,80). Auf fallend bei den Kategorien der multimedialen Kommunika tion und der sonsti gen Handlun gen ist, dass alle Werte im Ableh nungs bereich der Skala liegen. Die Jugend lichen und jungen Erwachsenen nutzen diese Hand lungs möglich keiten mehrmals im Monat bis seltener oder nie. Bei der multimedialen Kommunika tion sticht heraus, dass die Befragten über wiegend Fotos kommentie ren (MW = 2,62). An zweiter Stelle Abbildung 10: Durchschnittliche Häufigkeit kommunikativer Handlungen 4,15 3,48 3,28 2,87 2,80 2,36 2,18 3,71 3,39 3,19 2,88 2,80 2,62 2,08 2,04 1,87 1,53 2,34 2,19 1,95 1,48 1,43 0 1 2 3 4 5 Neuigkeiten lesen Fotos ansehen Stöbern in Profilen Suchfunktion In Gruppen lesen Videos ansehen Nachrichten auf Fanseiten lesen Chatten Private Nachrichten schreiben Neuigkeiten kommentieren Statusmeldungen posten Auf Pinnwände schreiben Fotos kommentieren Fotos hochladen Videos kommentieren Personen auf Fotos verlinken Videos hochladen Rezeptive Nutzung Private Kommunikation (Semi-)Öffentliche Kommunikation Multimediale Kommunikation Sonstige Handlungen Profil aktualisieren Games spielen Apps nutzen Veranstaltungen organisieren Gruppen/Fanseiten gründen Basis: N = 1.301, gewichtete Stichprobe Mittelwertindices, Skala: 1 = seltener/nie, 2 = mehrmals im Monat, 3 = mehrmals pro Woche, 4 = täglich, 5 = mehrmals täglich 185 kommt das Hochladen von Fotos (MW = 2,08). Das Kommentie ren und Hoch laden von Videos und auch das Ver linken von Personen auf Fotos werden weniger häufig durch geführt. Bei den sonsti gen Handlun gen wird meist das eigene Profil aktualisiert (MW = 2,34). Danach folgen die Möglich keiten Games zu spielen (MW = 2,19) und Apps zu nutzen (MW = 1,95). Die Jugend lichen und jungen Erwachsenen gründen eher selten Gruppen oder Fanseiten oder organisie ren Ver anstal tungen. Die mit 93 Prozent von den meisten Nutzern mindestens wöchent lich aus geführte Aktivität ist rein rezeptiv (Tabelle 25). Es handelt sich um das Lesen der Neuig keiten, die seit dem letzten Besuch auf der Platt form passiert sind. Auch die rezeptiven Aktivi täten wie Fotos ansehen (83 Prozent) und Stöbern in den Profilen anderer (72 Prozent) stellen häufige Aktivi täten dar. Sie rezipie ren so ver mutlich vor allem die durch ihr soziales Netz werk bereit gestellten Inhalte. Die Inhalte, die potenziell nicht aus dem eigenen sozialen Netz werk stammen, wie News in Gruppen und Nachrichten auf Fanseiten, werden weniger oft ge nutzt. Bei den Handlun gen, bei denen der Nutzer als Kommunikator auf tritt, haben wir drei Kategorien differenziert. Die private Kommunika tion, die sich an einen klar ab gegrenzten, ver mutlich eher kleinen Empfänger kreis richtet (Eins zueinsKommunika tion), ist von der (semi)öffent lichen Kommunika tion, bei der der Inhalt an ein prinzipiell breite res, nicht genau definiertes Publikum gerichtet wird, abzu grenzen. Bei der (semi)öffent lichen Kommunika tion hat ein Nutzer keine direkte Kontrolle über die Rezep tion durch andere13. Zudem fiel in der faktoren analyti schen Betrach tung der Daten auf, dass die Beschäfti gung mit multimedialen Inhalten, der Upload und das Kommentie ren von Fotos und Videos, eine ge sonderte Kategorie darstellt, die separat zu be trachten ist. Im Rahmen der privaten Kommunika tion chatten 84 Prozent der Nutzer mehrmals pro Woche mit ihren Kontakten und 79 Prozent schreiben private Nachrichten. Diese Aktivi täten treten damit häufiger auf als die der (semi) öffent lichen Kommunika tion. Bei der (semi)öffent lichen Kommunika tion ist das Kommentie ren von Beiträgen anderer Nutzer die häufigste Aktivität, 74 Prozent kommentie ren zumindest wöchent lich. Es kommt öfter vor, dass Nutzer auf andere reagie ren, als dass sie auf ihrer Seite eigene Status meldun gen posten (61 Prozent) oder an die Pinnwände anderer schreiben (59 Prozent). Dennoch lässt sich sagen, dass die Handlun gen der (semi)öffent lichen Kom mu nika tion von vielen Nutzern häufig aus geübt werden. Auch im Bereich der Beschäfti gung mit multimedialer Kommunika tion kommentie ren mehr Befragte Fotos (52 Prozent) und Videos (31 Prozent). Nur jeweils etwa halb so viele (25 bzw. 21 Prozent) laden hingegen eigene Inhalte hoch. 13 Zum Zeitpunkt der Studie war die individuelle Einstel lung von PrivatsphäreOptionen pro Post auf den unter suchten Netz werken nicht möglich. Facebook führte dieses Feature im Herbst 2011 ein. 186 Tabelle 25: Aktivi täten auf Sozialen Netz werk platt formen nach Geschlecht und Alter Gesamt männ- lich weib- lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Rezeptive Nutzung Neuig keiten lesen 93 91 94 89 96 95 91 Fotos ansehen 83 82 83 78 88 85 81 Stöbern in Profilen 72 70 75 69 77 73 71 Suchfunk tion 60 62 58 56 70 61 56 In Gruppen lesen 57 62 52 63 58 56 54 Videos ansehen 42 48 34 53 39 39 38 Nachrichten auf Fanseiten lesen 35 37 32 44 41 30 29 Private Kommunika tion Chatten 84 83 85 84 90 85 80 Private Nachrichten schreiben 79 79 79 70 85 79 79 (Semi-)Öffent liche Kommunika tion Neuig keiten kommen- tie ren 74 73 74 66 83 77 70 Status meldun gen posten 61 62 59 64 67 60 55 Anderen auf die Pinnwand schreiben 59 56 63 58 67 60 54 Multimediale Kommunika tion Fotos kommentie ren 52 52 52 49 64 52 47 Fotos hochladen 25 25 25 32 24 24 21 Videos kommentie ren 31 37 24 33 32 30 28 Personen auf Fotos ver linken 21 21 20 24 22 21 18 Videos hochladen 14 19 10 21 11 16 12 Sonstige Handlun gen Profil aktualisie ren 35 34 36 39 38 33 32 Games spielen 35 33 38 49 27 32 35 Apps nutzen 28 30 26 35 26 29 25 Ver anstal tungen organisie ren 12 15 9 14 8 15 12 Gruppen/Fanseiten gründen 12 16 8 17 10 12 11 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die an geben, eine Aktivität zumindest wöchent lich auszu führen, in Prozent Mehrfachnen nungen waren möglich Die Zahlen be stäti gen das Ergebnis der qualitativen Befra gung, nachdem die Sozialen Netz werk platt formen vor rangig als Kommunika tions platt form ge nutzt werden, auf der im engeren Bekannten kreis kommuniziert wird. Wir halten fest, dass die Aktivi täten der privaten Kommunika tion von mehr Personen häufig praktiziert werden als die der (semi)öffent lichen Kommunika tion. Es ist also nicht so, dass Jugend liche und junge Erwachsene – nur weil sie die 187 Möglich keiten einer sozialen Netz werk platt form nutzen – auf hören zu differen zie ren, welche Kommunika tion in welchem sozialen Kreis statt finden soll. Die Sozialen Netz werk platt formen ver einen dabei ver schiedene Kommunika tions formen, die in ihrem speziellen Gebrauch ver mutlich unter schied lichen Zwecken dienen. Wie bereits aus der qualitativen Befra gung hervor ging, ver fügen die Digital Natives über ein aus geklügeltes System, welche Informa tionen sie in welchem Rahmen öffent lich machen. Auf geschlüsselt nach soziodemografi schen Merkmalen gibt es gering fügige Unter schiede bei den Befragten, die Neuig keiten lesen, die seit ihrem letzten Besuch der Sozialen Netz werk platt form passiert sind. Die weib lichen Teil nehmerinnen weisen einen minimal höheren Prozent satz auf als die männ lichen. Auf geteilt nach Alter tätigen die 15 bis 17Jährigen diese Aktivität am häufigsten, ge folgt von der zweitältesten Gruppe. Fotos ansehen wird von beiden Geschlechtern im gleichen Maße ge tätigt. Hier sind auch wieder die 15 bis 17Jährigen vorn, die jüngste Alters gruppe nutzt diese Möglich keit am wenigsten. Das Stöbern in den Profilen der anderen Netz werk mitglieder wird eher von den weib lichen Jugend lichen und jungen Erwachsenen wahrgenommen. Bei dieser Aktivität liegen auch wieder die beiden mittle ren Alters gruppen vorne. Die Möglich keit in Gruppen zu lesen, Videos anzu sehen und Fanseiten zu be suchen, um dort Nachrichten zu lesen, nehmen eher die männ lichen Teilnehmer in Anspruch. Auf geteilt nach Alter liegt hier, bei allen drei Aktivi täten, die jüngste Alters gruppe klar vor den anderen. Die weib lichen Befragten chatten ein wenig mehr als die männ lichen. Am wenigsten wird diese Art der privaten Kommunika tion von den Personen im Alter von 21 bis 24 Jahren ver wendet, am häufigsten von den 15 bis 17Jähri gen. Beim Schreiben von privaten Nachrichten gibt es keinen Unter schied zwischen den männ lichen und den weib lichen Teilnehmern. Spitzen reiter hier sind wieder die 15 bis 17Jährigen, ge folgt von den beiden älteren Alters gruppen. Beim Kommentie ren von Neuig keiten, was als (semi)öffent liche Kommu ni ka tion erfasst wird, gibt es keinen nennens werten Unter schied zwischen den Geschlechtern. Die jüngste Alters gruppe nimmt diese Aktivität am wenigsten in Anspruch. Diese wird von der zweitjüngsten Gruppe am häufigsten aus geführt. Status meldun gen posten eher die männ lichen Jugend lichen und jungen Erwachsenen. Hier liegen auch wieder die 15 bis 17Jährigen vorn. Pinn wand einträge schreiben hingegen eher die weib lichen Befragten. Auch hier liegen die 15 bis 17Jährigen an erster Stelle, ge folgt von der jüngsten Alters gruppe. Die Aktivität Fotos kommentie ren, welche gut die Hälfte aller Teilnehmer auf wöchent licher Basis aus führt, weist keinen Geschlechter unterschied auf. Hier liegt die zweitjüngste Alters gruppe mit großem Abstand vorn. Auch das Hochladen von Fotos wird von den männ lichen und weib lichen Teilnehmern in gleichem Maße ge nutzt. Vor allem 12 bis 14Jährige nehmen diese Form 188 der multimedialen Kommunika tion wahr. Bei der Aktivität des Kommentierens von Videos weisen die männ lichen Teilnehmer einen be deutend höheren Anteil auf. Es ergeben sich jedoch keine nennens werten Unter schiede be züglich des Alters. Sonstige Handlun gen wie Profile aktualisie ren und Games spielen werden eher von den weib lichen Jugend lichen und jungen Erwachsenen durch geführt. Hier liegt die jüngste Alters gruppe vor allen anderen. Auf geschlüsselt nach dem Haupt netz werk werden die Tätig keiten der rezep tiven Nutzung, in allen Fällen von Befragten mit einem FacebookAccount am häufigsten aus geführt (Tabelle 26). Gymnasiasten lesen etwas häufiger die Neuig keiten aus ihrem Netz werk als die beiden anderen Bildungs niveaus. Realschüler und Realschulabsolventen sehen sich eher Fotos an und stöbern in Profilen. Minimal liegen die Haupt schüler und Haupt schulabsolventen vorn, wenn es darum geht, etwas zu suchen und Nachrichten auf Fanseiten zu lesen. In Gruppen lesen und Videos ansehen wird eher von Gymnasiasten und Abiturienten bejaht. Facebook ist auch das Haupt netz werk der Befragten, wenn es um Aktivi täten der privaten und (semi)öffent lichen Kommunika tion geht. Beim Chatten weisen die Haupt schüler und Haupt schulabsolventen den größten Anteil auf, ge folgt von den Realschülern und Realschulabsolventen. Private Nachrichten schreiben hingegen wird von den Gymnasiasten und Abiturienten am häufigsten aus geführt. Haupt schüler und Haupt schulabsolventen kommentie ren eher Neuig keiten und posten Status meldun gen. Die Aktivi täten der multimedialen Kommunika tion, wie Fotos und Videos kommentie ren und hochladen, sowie Personen auf Fotos ver linken, werden am häufigsten und meist mit einem deut lichen Vor sprung von Haupt schülern und Haupt schulabsolventen aus geführt. Hier zeigt sich jedoch ein differenziertes Bild, wenn es um das Haupt netz werk geht. Das Kommentie ren von Fotos und Videos wird in den meisten Fällen von Personen mit einem FacebookAccount aus geführt. Hochladen von Videos und Fotos hingegen wird eher von Personen mit sonsti gen Netz werken durch geführt. Bei den sonsti gen Handlun gen, zu denen die Aktualisie rung des Profils, Games spielen, Apps nutzen und Gruppen/Fanseiten gründen ge hören, liegen auch hier wieder die Haupt schüler und Haupt schulabsolventen vorn. Hier steht bei keiner der Aktivi täten Facebook an erster Stelle der Haupt netz werke. Games spielen und Apps nutzen wird eher von Mitgliedern der VZNetz werke in Anspruch ge nommen. Die Befragten, die sonstige Netz werke als ihr Haupt netz werk an gegeben haben, aktualisie ren eher ihr Profil und gründen Gruppen/ Fanseiten. 189 Tabelle 26: Aktivi täten auf Sozialen Netz werk platt formen nach formaler Bildung und Haupt netz werk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) Rezeptive Nutzung Neuig keiten lesen 93 92 92 94 96 76 79 Fotos ansehen 83 82 85 82 86 58 76 Stöbern in Profilen 72 72 73 72 74 63 72 Suchfunk tion 60 62 58 61 63 51 48 In Gruppen lesen 57 56 54 60 60 42 49 Videos ansehen 42 43 42 40 43 30 38 Nachrichten auf Fan- seiten lesen 35 40 35 32 37 26 23 Private Kommunika tion Chatten 84 92 83 80 87 66 76 Private Nachrichten schreiben 79 78 75 82 81 64 74 (Semi-)Öffent liche Kommunika tion Neuig keiten kommen- tie ren 74 77 71 74 80 38 53 Status meldun gen posten 61 75 59 53 64 41 55 Auf die Pinnwand von anderen schreiben 59 58 57 62 62 38 51 Multimediale Kommunika tion Fotos kommentie ren 52 56 53 49 57 25 39 Fotos hochladen 25 32 26 20 25 20 28 Videos kommentie ren 31 38 31 26 33 13 26 Personen auf Fotos ver linken 21 29 22 14 21 15 24 Videos hochladen 14 20 15 11 15 9 17 Sonstige Handlun gen Profil aktualisie ren 35 47 37 26 35 28 42 Games spielen 35 47 36 28 35 48 26 Apps nutzen 28 32 30 24 29 30 20 Ver anstal tungen organisie ren 12 14 14 9 12 12 17 Gruppen/Fanseiten gründen 12 20 11 9 12 14 15 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die an geben eine Aktivität zumindest wöchent lich auszu führen, in Prozent 190 Ergeb nisse aus der Tracking-Studie Mit Hilfe der TrackingDaten konnten wir das tatsäch liche Nutzungs verhalten eines Teils der Teilnehmer über den Zeitraum von einem Monat auf zeichnen. So lässt sich fest stellen, welche Seiten die Nutzer am häufigsten be suchen und welche Anwen dungen auf Sozialen Netz werk platt formen am intensivsten ge nutzt werden. Das TrackingTool er fasste jede URL, die die Teilnehmer auf riefen und zusätz lich die Dauer eines Besuchs. Diese Angaben er möglichen es, Aus sagen über Häufig keit und Intensi tät der Nutzung einer be stimmten Seite oder Anwen dung auf der Sozialen Netz werk platt form zu machen und zu ver gleichen. Da für das Forschungs interesse nicht einzelne Subseiten oder Applika tionen auf Sozialen Netz werk platt formen von Interesse sind, sondern vielmehr Typen von An geboten, wurden die 97.628 URLVisits zu 21 inhalt lich relevanten Kategorien ver dichtet14. Um die Strukturie rung, die sich aus der Befra gung ergeben hat, beizu behalten, wurden die Codes sachlogisch denselben fünf Kategorien zu geordnet (rezeptive Nutzung, private Kommunika tion, (semi) öffent liche Kommunika tion, multimediale Kommunika tion, sonstige URLs). Im Durch schnitt rufen die User etwa einmal am Tag eine Soziale Netz werk platt form auf. Dieser Wert schwankt sehr stark zwischen den Nutzern. Der aktivste User im Tracking kam auf über 21 Aufrufe pro Tag, er war auf drei Platt formen aktiv. Allerdings be finden sich in unserem Sample auch viele wenig aktive Nutzer, die sich während der Feldzeit seltener als alle zwei Tage ein geloggt haben (67 Prozent). Da uns dieser Wert sehr gering vorkam, haben wir die Befra gungs daten dieser wenig aktiven Nutzer erneut analysiert. Die Ergeb nisse deuten darauf hin, dass diese weniger aktiven Nutzer ihre Nutzungs frequenz über schätzen. Über 90 Prozent gaben in der Befra gung an, zumindest täglich die ge trackten Sozialen Netz werk platt formen zu be suchen und dabei zumeist oder aus schließ lich von zu Hause aus auf das Internet zuzu greifen. Die Diskrepanz zwischen den ge trackten und dem be obachte tem Ver halten kann zum einen die Ursache haben, dass die Nutzer ihr Nutzungs verhalten über schätzen, zum anderen wäre es möglich, dass bei der techni schen Messung des Tracking nicht alle Vor gänge auf gezeichnet wurden, z. B. weil die Teil nehmer einen nicht mit dem TrackingTool kompatiblen Browser nutzten. 14 Die beiden Kategorien, Fehlermel dungen und Skripte wurden bei der Aus wertung nicht be rücksichtigt, weil davon auszu gehen ist, dass diese URLs nicht bewusst von den Nutzern auf gerufen wurden. Sie sind daher unge eignet, das Nutzungs verhalten auf Sozialen Netz werk platt formen zu be schreiben. Auch die Kategorie Logout wird nicht be trachtet. Zwar machen die LogoutURLs einen großen Anteil aus, dennoch bieten sie keine Einblicke in das Nutzungs verhalten auf der Seite. Da der LoginVorgang nicht als eigenständige Kategorie erfasst werden konnte, ist auch kein Ver gleich zwischen der Häufig keit des Logins und des Logouts möglich. 191 Tabelle 27: Häufig keit, Anzahl der Nutzer und Dauer der Domain-Visits und URL-Aufrufe je Nutzungs aktivi tät Durch schnitt- liche Auf ruf- häufig keit (pro Tag und Nutzer) Nutzer, die diese Seiten aufrufen Anzahl der URL- Aufrufe Dauer des Seiten aufrufs in Minuten Anzahl in Prozent N M SD Rezeptive Nutzung (Persön liche) Start seite 5,80 195 98 34.657 12,11 30,43 Eigenes Profil ansehen* 1,12 166 83 6.677 13,10 16,28 Fotos ansehen (eigene und andere) 1,05 163 82 6.288 6,21 11,00 Profile (anderer) ansehen 0,80 164 82 4.805 6,52 10,73 Gruppen und Fanpages 0,80 169 85 4.767 7,73 11,58 Suchfunktion 0,10 88 44 588 3,06 7,75 Ver anstal tungen ansehen 0,07 76 38 399 9,56 11,67 Betrach tung reiner Werbe-Seiten 0,01 11 6 59 1,94 6,58 Private Kommunikation Private Nachrichten schreiben 0,23 131 66 1.390 7,25 11,13 Chatten 0,12 31 16 734 5,74 10,51 Gruscheln/poken 0,00 5 3 12 0,14 0,21 (Semi-)Öffent liche Kommunikation Pinnwand 0,07 68 34 429 8,24 11,41 Multimediale Kommunikation Fotos hochladen und be arbeiten 0,01 27 14 84 0,21 0,68 Videos hochladen und be arbeiten 0,00 12 6 22 8,20 11,73 Sonstiges Games** 0,98 98 49 5.878 8,18 11,87 Apps und Umfragen 0,82 121 61 4.897 3,72 7,96 Kontakte be arbeiten 0,17 82 41 1.036 1,93 6,28 Account-Settings 0,08 112 56 459 3,47 7,56 Eigenes Profil be arbeiten 0,08 97 49 446 4,40 8,66 Infos des Betreibers lesen 0,07 61 31 389 5,75 9,85 Geschäft liche Nutzung und Marketplace 0,02 15 8 131 10,90 15,63 Gesamt 199 100 87.364 * nur Facebook, da bei den VZNetz werken nicht vom Ansehen fremder Profile differenzierbar ** nur Facebook, da bei den VZNetz werken nicht von sonsti gen Applika tionen differenzierbar Die durch schnitt liche Dauer eines Besuchs auf Sozialen Netz werk platt formen liegt bei 128 Minuten. Die Dauer variiert sehr stark (SD = 499,8). Ein großer Teil der Besuche dauert nur bis zu fünf Minuten (39 Prozent), und etwa ebenso viele sind zwischen fünf Minuten und einer Stunde lang (38 Prozent). Sehr aus giebige Besuche von über einer Stunde kommen zwar etwas seltener vor (23 Prozent), ver zerren aber den Mittelwert der Durch schnitts dauer stark nach oben. Der längste ge messen Login in unserem Sample dauerte knapp sieben 192 Tage. Aus sagekräfti ger für die Dauer der Besuche auf Sozialen Netz werk platt formen ist daher der Median, der bei 17 Minuten liegt. Pro Tag rufen die TrackingTeilnehmer im Durch schnitt 14,6 ver schiedene URLs auf Sozialen Netz werk platt formen auf. Diese ver teilen sich wie zu er warten war recht ungleichmäßig auf die von uns ge bildeten Kategorien. Ver gleicht man die ver schiedenen Kategorien miteinander (Tabelle 27), wird schnell deut lich, dass Soziale Netz werk platt formen tatsäch lich am häufigsten und die meiste Zeit rezeptiv ge nutzt werden. Die mit Abstand am häufigsten ge nutzte Seite ist die persön liche Start seite, ein Nutzer ruft sie pro Tag im Durch schnitt 5,8 mal auf und ver weilt dort mit über zwölf Minuten auch relativ lange. Dies ver wundert nicht, denn auf den ge trackten Netz werk platt formen bietet die Start seite Orientie rung, was seit dem letzten Besuch Neues passiert ist. Auf Facebook ist dies die Seite mit dem News feed, auf dem alle Aktualisie rungen der Kontakte und abonnierten Fanpages an gezeigt werden und auch in den VZNetz werken wird auf dieser Seite der „Busch funk“ an gezeigt. Das eigene FacebookProfil15 haben 83 Prozent der Teilnehmer im Er hebungs zeitraum auf gerufen, was um gerechnet auf alle Nutzer einen durch schnitt lichen Aufruf von 1,1 mal pro Tag ergibt. So ein Besuch auf dem eigenen Profil dauert im Mittel 13 Minuten und damit etwas länger als der Besuch der Start seite. Auf der ProfilSeite können die Nutzer Beiträge ansehen, die andere auf ihrer Pinnwand hinter lassen haben, oder eigene Aktivi täten und Angaben auf dem Profil über prüfen. Eben falls etwa 1,1 mal täglich und für 6,2 Minuten sehen sich die Nutzer Sozialer Netz werk platt formen Fotos an, die dort ein gestellt wurden. Dass dies relativ häufig vor kommt, liegt ver mutlich auch daran, dass die Netz werk platt formen einen Hinweis ge nerie ren, wenn ein Nutzer neue Bilder hoch geladen hat. Dieser er scheint prominent auf der persön lichen Start seite aller Freunde. Profile anderer Nutzer werden seltener als einmal täglich auf gerufen (0,8 mal). Ein Aufenthalt auf dem Profil eines anderen Netz werkNutzers dauert etwa 6,5 Minuten. Da vor allem FacebookNutzer über jede Änderung auf dem Profil ihrer Freunde durch den „News feed“ auf ihrer persön lichen Start seite informiert werden, scheint es plausibel, dass andere Profile eher selten auf gesucht werden. Möglicher weise sehen sich die Nutzer eher Profile von Personen an, mit denen sie noch nicht be freundet sind oder die sie eben erst als Freund hinzu gefügt haben. Gruppen und Fanpages werden eben falls durch schnitt lich 0,8 mal besucht. Die Nutzer ver bringen pro Aufruf fast 8 Minuten damit, Informa tionen zu lesen, die auf den Seiten ver öffent licht wurden. 15 Bei FacebookNutzern konnte anhand der URL identifiziert werden, dass sie das eigene Profil auf gerufen haben. Die URLs der VZNetz werke lassen hingegen nicht er kennen, ob die User ihr eigenes Profil oder das eines anderen Nutzers be trachten. Daher kann das Auf rufen des persön lichen Profils nur für Facebook separat aus gewiesen werden. 193 Ferner fallen die Nutzung der Suchfunk tion, das Ansehen von Ver anstal tungen und reinen Werbeseiten unter die rezeptive Nutzung Sozialer Netz werk platt formen. Diese Seiten werden im Durch schnitt nur sehr selten pro Tag besucht. Weniger als die Hälfte der Nutzer haben solche Handlun gen im Ver lauf der TrackingStudie aus geführt. Seiten, auf denen Werbeanzeigen präsentiert werden, wurden nur von 6 Prozent der Teilnehmer auf gerufen. Für die alltäg liche Nutzung Sozialer Netz werk platt formen scheinen diese Seiten eine ver gleichs weise geringe Bedeu tung zu haben. Private Kommunika tion, bei der der Aus tausch von Informa tion auf zwei oder wenige Nutzer be schränkt ist, findet auf Sozialen Netz werk platt formen seltener statt als rezeptive Handlun gen. Im Ver lauf der TrackingStudie haben 66 Nutzer private Nachrichten geschrieben, durch schnitt lich 0,2 pro Tag, wobei sie etwa sieben Minuten damit ver bracht haben, eine private Nachricht zu schreiben. Nur 16 Prozent der Studienteilnehmer nutzten die Chatfunk tion ihrer Sozialen Netz werk platt form. Im Durch schnitt wurde 0,1 mal am Tag knapp sechs Minuten lang gechattet. Der Anteil derjenigen, die nonverbal via „Gruscheln“ oder „Poken“ kommuniziert haben, liegt bei nur 3 Prozent16. Unter die Kategorie (semi)öffent liche Kommunika tion fällt in der Tracking Studie nur das Ver öffent lichen von Pinnwandeinträgen17. Diese kommunikative Handlung wurde von 34 Prozent der Studienteilnehmer aus geführt. Knapp 0,1 mal pro Tag hinter lassen die Nutzer einen Eintrag auf der Pinnwand eines anderen Mitglieds der Netz werk platt form und benöti gen dafür durch schnitt lich etwas mehr als acht Minuten. Ver gleicht man private und (semi)öffent liche Kommunika tion, be stätigt sich das Ver hältnis aus der Befra gung: Es wird etwas häufiger privat kommuniziert als (semi)öffent lich. Allerdings wird den Trackingdaten zufolge deut lich seltener gechattet, als in der Befra gung an gegeben wurde. Dort hatten die Befragten an gegeben, täglich die ChatFunktion ihrer Netz werk platt form zu nutzen, aber nur mehrmals pro Woche private Nachrichten zu schreiben. Diese Selbst auskunft stimmt nicht mit den Tracking Daten überein. Dies könnte aber auch der Konvergenz von Chat und Nach richtenFunktion geschuldet sein. Bei Facebook wird der Ver lauf eines Chats unter den privaten Nachrichten ge speichert. Wird eine Nachricht an einen User ver sendet, der zur gleichen Zeit auf der Sozialen Netz werk platt form ein geloggt ist, öffnet sich bei diesem das ChatFenster. Es ist daher möglich, dass sich die Trennung, die Nutzer zwischen Chatten und Nachrichten schreiben ziehen, nicht mit den Daten deckt, die beim Tracking erfasst wurden. 16 „Gruscheln“ und „Poken“ sind nonverbale Hilfs mittel, um mit anderen Mitgliedern des Netz werks Kontakt aufzu nehmen. Das Wort „Gruscheln“ setzt sich aus Grüßen und Kuscheln zusammen. „Poken“ kommt aus dem englischen Sprach gebrauch und lässt sich am ehesten mit „an stupsen“ über setzen. Beim Gruscheln und Poken bekommt der andere Teilnehmer eine Informa tion darüber, wer Kontakt mit ihm auf nimmt. 17 Status meldun gen oder Kommentare zu Beiträgen anderer Nutzer konnten nicht anhand der URL erkannt werden. 194 In die Kategorie Multimediale Kommunika tion wurden die URLs ein geordnet, die beim Hochladen und Bearbeiten von Fotos und Videos erzeugt wurden. Der Anteil derjenigen, die multimediale Inhalte auf einer Sozialen Netz werk platt form einbinden oder be arbeiten, ist mit 14 Prozent bei Fotos und 6 Prozent bei Videos in beiden Fällen gering. Auch die durch schnitt liche Häufig keit pro Tag ist sehr gering. Hier spiegeln die Ergeb nisse des Trackings die Einschät zung aus der Befra gung wider, dass Fotos oder Videos höchstens mehrmals pro Monat hoch geladen werden. Bei sonsti gen Anwen dungen Sozialer Netz werk platt formen zeigt sich, dass knapp die Hälfte der Teilnehmer 0,98 mal pro Tag ein Game auf Facebook nutzt und damit im Mittel acht Minuten ver bringt. Apps und Umfragen werden von 61 Prozent der Nutzer im Durch schnitt 0,82 mal pro Tag knapp vier Minuten lang ge nutzt. Damit wurden Games und Apps, die auf Sozialen Netz werk platt formen an geboten werden, von den Teilnehmern der TrackingStudie häufiger ge nutzt als die Ergeb nisse der Befra gung nahelegen: Hier hatten nur 35 Prozent der Nutzer an gegeben, mehrmals wöchent lich Games zu spielen. Weitere Tätig keiten, die eher selten aus geführt werden, sind unter anderem das Bearbeiten der eigenen Kontakt liste, um beispiels weise FreundesListen anzu legen, Über prüfen oder Ändern der AccountSettings oder des eigenen Profils sowie Lesen der vom Betreiber zur Ver fügung ge stellten Informa tionen. Im Wesent lichen be stäti gen die Ergeb nisse der TrackingStudie die der Befra gung: Der Großteil der kommunikativen Handlun gen ist rezeptiv. Bei der Kommunika tion über wiegen nichtöffent liche Formen gegen über der (semi) öffent lichen Kommunika tion. Multimediale Inhalte werden nur von einem geringen Anteil der Nutzer – und auch von dem nur selten – ver öffent licht. 4.2.3 Nutzungs motive Nachdem wir be trachtet haben, wie die Nutzer Soziale Netz werk platt formen ver wenden, richten wir nun den Blick darauf, welchen Nutzen sie daraus ziehen, bzw. welche Gratifika tions erwar tungen sie an die Platt formen stellen. Die standardisierte Befra gung ent hielt eine umfang reiche ItemBatterie mit ver schiedenen Medien nut zungs motiven. Ent sprechend den Ergeb nissen aus der qualitativen Studie sind auch klassi sche Medien nut zungs motive mit ent halten. Wir haben darüber hinaus einen be sonde ren Schwerpunkt auf soziale Motive gelegt. Insgesamt werden sechs Motive zur Nutzung Sozialer Netz werk platt formen unter sucht: Informa tion, Unter haltung, Eskapismus, Selbst darstel lung, Pflege sozialer Beziehungen und ein eher allgemeines Zu gehörig keits gefühl, das sich nicht auf konkrete soziale Kontakte bezieht. Alle MotivSubs kalen weisen eine aus reichende Skalen reliabili tät auf, so dass wir pro Motivdimension einen Mittelwertindex ge bildet haben (Tabelle 28). 195 Tabelle 28: Mittelwerte und Standardabweichung der Nutzungs motive M SD Cronbach’s α Informa tion 2,83 0,84 ,769 … damit ich mitreden kann. 3,02 1,23 … weil ich mich informie ren möchte. 3,38 1,11 … weil ich dort Dinge erfahre, die für meinen Alltag nütz lich sind. 3,07 1,16 Unter haltung 3,83 0,92 ,766 … weil es mir Spaß macht. 3,88 1,04 … weil es unter haltsam ist. 3,79 1,01 Eskapismus 2,87 0,98 ,712 … weil ich damit den Alltag ver gessen möchte. 2,39 1,26 … weil es aus Gewohn heit dazu gehört. 3,26 1,23 … weil ich mich ab lenken möchte. 2,96 1,21 Selbst darstel lung 2,68 0,97 ,766 … um anderen meine Meinung mitzu teilen. 3,05 1,17 … um Auf merksam keit von anderen zu be kommen. 2,23 1,15 … weil ich etwas über mich mitteilen möchte. 2,75 1,21 Pflege sozialer Beziehungen 3,53 0,72 ,757 … um mich mit anderen auszu tauschen. 3,87 1,00 … um für andere da zu sein. 3,21 1,18 … um in Kontakt mit Freunden zu bleiben, die ich oft sehe. 3,75 1,13 … um Beziehungen mit Personen zu pflegen, die ich nicht sehr oft sehe. 4,04 1,03 … um den Kontakt zu alten Freunden wieder herzu stellen. 3,77 1,08 … um mir die Profile von anderen anzu sehen. 3,37 1,15 Knüpfen neuer Kontakte … weil ich dort neue Leute kennen lerne. 2,72 1,30 – Motiv Zu gehörig keit 2,64 1,03 ,758 … weil ich mich dann nicht allein fühle. 2,37 1,28 … um mich mit anderen ver bunden zu fühlen. 3,00 1,19 … um dazu zugehören. 2,56 1,29 Items und Mittelwertindices auf einer Skala von 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu Bei einem Ver gleich der unter schied lichen Motive für die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen stechen zwei Dimensionen heraus, deren Mittelwerte im Annahmebereich der Skala liegen (Abbil dung 11). Soziale Netz werk platt formen dienen insbesondere der Unter haltung und der Pflege sozialer Beziehungen, denn diese Motive sind den be fragten Nutzern be sonders wichtig. Auch die Interviewpartner der qualitativen Studie be tonten die Bedeu tung der Platt formen für die Pflege ihrer sozialen Beziehungen und zu Unter hal tungs zwecken. Tatsäch lich scheinen dies die beiden Haupt gründe für die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen zu sein. Die anderen fünf Motive liegen im Ableh nungs bereich der Skala, weisen aber dennoch Werte auf, die noch nah am Mittel der Skala sind. Soziale Netz werk platt formen dienen einigen Befragten durch aus auch zum Eskapismus, zu Informa tions zwecken und zum Knüpfen neuer Kontakte sowie zur Selbst darstel lung und zur Erzeu gung eines eher allgemeinen 196 Zu gehörig keits gefühls. Diese fünf Motive werden nicht von allen Befragten kategorisch ab gelehnt, stehen aber weniger im Vordergrund. Interessant ist insbesondere das Ver hältnis von Selbst darstel lung und Beziehungs pflege. Beide Motive korrelie ren auf dem Niveau Pearson’s r = ,57 (p < ,001) miteinander. Wie sich aus den qualitativen Parts dieser Studie ergibt, geht es den jungen Nutzern nicht primär darum, sich selbst zu präsentie ren und in den Mittelpunkt zu rücken, sondern darum, über ihre Selbstoffenba rung Inter aktion mit anderen zu er möglichen. Auch die Daten lage der quantitativen Befra gung spricht dafür, dass Selbst darstel lung nicht das primäre Ziel der Teilnahme an Sozialen Netz werk platt formen ist. Vielmehr ist sie Mittel zum Zweck. Ohne eine ge wisse Selbst darstel lung (Selbstoffenba rung) wäre die soziale Inter aktion online nicht möglich. Abbil dung 11: Nutzungs motive Sozialer Netz werk platt formen Basis: N = 1.301, gewichtete Stichprobe Skala: 1 = sehr unwichtig bis 5 = sehr wichtig Interessante Ergeb nisse liefert die Betrach tung der Motive nach Geschlech tern und den Alters gruppen (Tabelle 29): Jungen und junge Männer sehen eher als die weib lichen Nutzer den Informa tions nutzen und geben auch höhere Werte beim Motiv Selbst darstel lung und beim Knüpfen neuer Kontakte an. Nutze rinnen dagegen stimmen den Motiven Unter haltung, Eskapismus und Bezie hungs pflege mehr zu als männ liche Nutzer. Hinsicht lich der ver schiedenen 3,83 3,53 2,87 2,83 2,72 2,68 2,64 0 1 2 3 4 5 Unter- haltung Beziehungs- pflege Eskapis- mus Information Knüpfen neuer Kontakte Selbst- darstellung Zugehörig- keitsgefühl 197 Alters gruppen weisen jüngere Teilnehmer über alle MotivIndices eine höhere Zustimmungs tendenz auf. Junge Nutzer ziehen ver mutlich einen höheren Nutzen aus der Ver wendung Sozialer Netz werk platt formen. Dies könnte der Fall sein, weil sie in ihren inter aktiven Möglich keiten außerhalb des Social Web stärker ein geschränkt sind als ältere Jugend liche und junge Erwachsene. Tabelle 29: Nutzungs motive nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Informa tion 2,83 2,91 2,75 3,01 2,86 2,83 2,69 Unter haltung 3,83 3,70 3,98 3,98 3,90 3,78 3,75 Eskapismus 2,87 2,80 2,94 2,96 2,67 2,66 2,55 Selbst darstel lung 2,68 2,75 2,61 2,95 2,55 2,61 2,47 Beziehungs pflege 3,53 3,44 3,64 3,57 3,59 3,51 3,49 Knüpfen neuer Kontakte 2,72 2,80 2,64 3,14 2,71 2,61 2,56 Zu gehörig keits gefühl 2,64 2,68 2,61 3,05 2,89 2,90 2,80 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Mittelwertindices, Skala der zu gehöri gen Items von 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu Bei der Analyse der Mittelwerte der MotivIndices nach formaler Bildung ergibt sich ein ähnliches Bild wie bei der Unter suchung nach alters spezifi schen Unter schieden (Tabelle 30). Haupt schüler stimmen den Nutzungs motiven stärker zu als höher ge bildete Jugend liche. Ergänzend zur Betrach tung soziodemografi scher Merkmale der Nutzer haben wir auch eine Analyse durch geführt, bei der die Nutzer ver schiedener An gebote miteinander verg lichen wurden (Tabelle 30). Auf Grund geringer Fallzahlen wurden dabei jeweils alle drei VZNetz werke und alle Sonsti gen Netz werke zusammen gefasst und dem Markt führer Facebook gegen über gestellt. Hinsicht lich der Nutzungs motive ergaben sich kaum signifikanten Unter schiede18. Ledig lich bei den Sonsti gen Netz werken weist das Motiv Knüpfen neuer Kontakte einen höheren Mittelwert auf. Dies ist ver mutlich deshalb der Fall, weil einige Teilnehmer in dieser Gruppe Platt formen an gegeben haben, bei denen Dating mehr im Vordergrund steht. Dennoch stellen wir fest, dass die unter suchten Anbieter aus Nutzer sicht ähnliche Funktionen er füllen und dass sie somit zu Recht unter dem Sammel begriff Soziale Netz werk platt formen zusammen gefasst werden können, obwohl sie im Einzelnen unter schied liche techni sche Features auf weisen mögen. 18 Die vollständige varianzanalyti sche Aus wertung be findet sich im OnlineAnhang. 198 Tabelle 30: Nutzungs motive nach formaler Bildung und Haupt netz werk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) Informa tion 2,83 2,91 2,83 2,78 2,85 2,77 2,68 Unter haltung 3,83 3,95 3,83 3,77 3,85 3,69 3,93 Eskapismus 2,87 3,12 2,90 2,69 2,88 2,73 2,93 Selbst darstel lung 2,68 2,93 2,73 2,48 2,68 2,66 2,72 Beziehungs pflege 3,53 3,65 3,56 3,44 3,54 3,50 3,53 Knüpfen neuer Kontakte 2,72 3,10 2,84 2,38 2,65 2,99 3,13 Zu gehörig keits gefühl 2,64 2,76 2,67 2,55 2,62 2,75 2,78 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Mittelwertindices, Skala der zu gehöri gen Items von 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu Im Ver gleich zu früheren Studien be stätigt sich auch in unserer Studie eine multifunktionale Nutzen befriedi gung. Soziale Motive, und hier insbesondere die Pflege bereits be stehen der Kontakte, sind wichtige Beweggründe der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen (vgl. Teil I Ab schnitt 2.1.4). Daneben stellt die Unter haltung eine be deutende Gratifika tion dar, was nahelegt, dass die soziale Inter aktion auf den Platt formen als unter haltsam empfunden wird. Die Selbst darstel lung spielt hingegen eine unter geordnete Rolle. Wie in Ab schnitt 2.2 bereits fest gestellt, dient sie ver mutlich eher dazu, die Partizipa tion zu er möglichen und dadurch darüber hinaus gehende Gratifika tionen zugäng lich zu machen. Wie genau die Selbstoffenba rung der jungen Nutzer aus gestaltet ist, wird im nächsten Kapitel er läutert. 4.3 Ergeb nisse zur Selbstoffenba rung Zur Beantwor tung der Forschungs frage „In welchem Maße offen baren Jugend liche sich selbst auf Sozialen Netz werk platt formen?“ werden im Folgenden die vier in Teil I Ab schnitt 2.3.3 ab gelei teten Aspekte der Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen – Profilinforma tionen, (semi)öffent liche Kommunika tion, PrivatsphäreOptionen und Kontakte – be trachtet und auf Basis der Daten der standardisierten Befra gung be schrieben. Zusätz lich zur deskriptiven Aus wertung be findet sich im OnlineAnhang eine varianzanalyti sche Betrach tung, die die ge fundenen Ergeb nisse nach Alters gruppen, Ge schlecht, formaler Bildung und nach der ge nutzten Sozialen Netz werk platt form unter scheidet. Da den kommunikativen Aktivi täten, die die Nutzer auf Sozialen Netz werk platt formen aus führen, eine zunehmend be deutsame Rolle bei der Selbst offenba rung zukommt, wurden diese detailliert auch während der Trackingstudie mit Hilfe der Kontextbefra gungen unter sucht. Im Anschluss werden cluster analytisch ge bildete Selbstoffenba rungs typen vor gestellt. 199 4.3.1 Das Nutzer profil Inhalte des Nutzer profils Die Pflege von Profilseiten ist für viele Jugend liche und junge Erwachsene eine der wichtigsten und zugleich offensicht lichsten Formen des Identi täts managements im Social Web (Schmidt, PausHasebrink & Hasebrink, 2009a). Beim Anlegen und der Pflege der Profilseiten setzen sich die Nutzer mehr oder weniger bewusst damit auseinander, wer sie sind und wie sie sich online darstellen möchten. Das Profil auf einer Sozialen Netz werk platt form ist eine eher statische Repräsentanz der Grundeigen schaften des Nutzers auf der Platt form. Die meisten Befragten unserer Studie scheinen die Informa tionen auf ihrem Profil dennoch aktuell zu halten: Drei Viertel gaben an, das eigene Profil mehrmals im Monat oder sogar noch öfter anzu passen. Insgesamt 15 Prozent aktualisie ren es sogar täglich. Ein knappes Viertel der Befragten aktualisiert sein Profil selten oder nie (24 Prozent). Um zu er fahren, welche Informa tionen die Nutzer auf ihren Profilen ver öffent lichen, wurde eine Frage konzipiert, die sich an den FormularFeldern orientiert, die eine Soziale Netz werk platt form in der Eingabemaske für das Nutzer profil üblicher weise auf weist. Dabei wurde zurück gegriffen auf die Netz werke Facebook, die VZNetz werke, werkenntwen, Lokalisten, Schüler. cc und Myspace. Aus früheren Studien ist bekannt, dass einige Nutzer des Social Web die Strategie der Pseudonymisie rung ver folgen und dabei Falschangaben oder Nicknames nutzen, um anonym zu bleiben. Wenn diese Strategie an gewendet wird, ist damit die Selbstoffenba rung ein geschränkt und ein poten zielles Risiko für die Privatsphäre wäre geringer. Nicht das bloße Aus füllen der Angaben in den Profilinforma tionen ist daher relevant, sondern vor allem der „Wahr heits gehalt“ der dort präsentierten Selbst auskünfte. Daher wurde in der Frageformulie rung explizit nach den Informa tionen ge fragt, die auch tatsäch lich der Wahrheit ent sprechen. Bei der Betrach tung der Eingabemasken fiel der unter schied liche Intimitäts grad der von den Anbietern ab gefragten Informa tionen auf, die hier anhand der vier Kategorien Name, allgemeine Informa tionen, Kontaktinforma tionen und intime Informa tionen unter schieden werden19. Einige Informa tionen wie der Name oder das Geschlecht können als sehr allgemein und offensicht lich gelten, während andere wie die sexuelle Orientie rung und die Anschrift eher intim sind und einen potenziell größeren Eingriff in die Privatsphäre be deuten könnten, wenn sie bekannt sind. Die ver schiedenen Kategorien von Profil Informa tionen werden von den Jugend lichen und jungen Erwachsenen in sehr 19 Diese vier Kategorien sind das Ergebnis einer explanativen Faktoren analyse der Profilinforma tionen mit VarimaxRotation nach Kaiserkriterium (er klärte Gesamtvarianz: 47 Prozent; KMO = ,80). 200 unter schied lichem Maße ver öffent licht. Die in Abbil dung 12 auf geführten Werte zeigen, wie viel Prozent der Befragten die jeweilige Informa tion in ihrem Profil wahr heits gemäß an gegeben haben, geben aber keinen Auf schluss darüber, wie öffent lich die ge teilten Daten jeweils sind. Es ist möglich, dass die Nutzer, die diese Angaben machen, den Zugriff darauf durch restriktive Einstel lungen in den PrivatsphäreOptionen einschränken, so dass nur eine kleine Anzahl von aus gewählten Dritten darauf Zugriff bekommt. Unabhängig von der sozialen Privatsphäre erhält jedoch der Anbieter in jedem Fall Zugriff auf die Daten, und auch die Speiche rung in einer Daten bank kann Risiken in sich bergen. Abbil dung 12: Preis gabe von Profilinforma tion Basis: N = 1.301, gewichtete Stichprobe In der ersten Kategorie, beim Namen, zeichnet sich be sonders der Vorname durch eine hohe Ver öffentlichungs quote aus. Über 90 Prozent der Befragten geben ihren richti gen Vornamen auf der von ihnen am häufigsten ge nutzten Netz werk platt form an. Da es sich üblicher weise um eine Pflichtangabe handelt, steht zu ver muten, dass die übrigen 8 Prozent der Nutzer eine Falschangabe, Lieblingsbücher/-filme/-musik 92% 75% 94% 82% 80% 73% 66% 59% 58% 56% 46% 16% 4% 4% 29% 20% 19% 0 20% 40% 60% 80% 100% Vorname Nachname Geschlecht Geburtsdatum Profil-Foto Interessen, Hobbys Ausbildung/Beruf Wohnort Beziehungsstatus E-Mail-Adresse Instant Messenger Anschrift Telefon-/Handynummer Name Allgemeine Informationen Kontaktinformationen Intime Informationen Sexuelle Orientierung Religion Politische Einstellung 201 einen Nickname oder eine Ab kürzung ihres Vornamens ver wenden, und somit die Privatsphäreschutz strategien Anonymisie rung und Pseudonymisie rung zur Anwen dung kommen, die sich zum Teil auch im qualitativen Teil der Studie wieder finden. Insgesamt machen von diesen Strategien aber nur wenige Nutzer Gebrauch. Auch der Nachname ist eine Informa tion, die drei Viertel der Befragten ehrlich aus füllen. Im Sinne der Auf find bar keit und der Ver knüp fung der OnlineIdentität mit dem subjektiven Selbst sind die hohen Quoten des Vor und Nachnamens plausibel, denn ohne dass zumindest der Vorname an gegeben wird, ist eine Person auf der Sozialen Netz werk platt form schwer zu finden und wieder zuerkennen. Die Ver ifika tion wird durch die fehlende Angabe eventuell ver hindert, was das Knüpfen neuer Kontakte, das Über tragen von FacetoFaceKontakten in die Platt form und das Wieder herstellen alter Bekannt schaften er schwert. Einige Interviewte der qualitativen Studie weisen eben falls auf diesen Aspekt hin. Zu den allgemeinen Informa tionen, die auf dem Profil präsentiert werden, ge hören Geburts datum, Geschlecht sowie die Angabe des Wohnortes und Informa tionen über die Aus bildung, wie Schule und Hoch schule oder bisherige und aktuelle Arbeit geber. In diese Kategorie fallen eben falls Interessen und Hobbys und Angaben zu Lieblings büchern, filmen oder musik. Auch das Profilfoto ist den allgemeinen Informa tionen zuzu ordnen. Interessanter weise fällt der Beziehungs status/Familien stand eben falls in diese Kategorie, obwohl es sich bei dieser Angabe um eine ver gleichs weise intime Informa tion handelt. Die allgemeinen Informa tionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr unter schied lich häufig an gegeben werden. Dass die jungen Nutzer Sozialer Netz werk platt formen stark differenzie ren, welche Informa tionen für sie jeweils als öffent lich gelten und welche als privat und dass dieses Empfinden individuell sehr unter schied lich sein kann, haben wir in der Analyse der qualitativen Erhebung bereits deut lich ge macht. Gerade bei den allgemeinen Profilinforma tio nen scheinen sehr unter schied liche Ansichten dazu zu gelten, ob sie zur OnlineIdentität auf einer Sozialen Netz werk platt form dazu gehören oder nicht. Die Angabe des Geschlechts (94 Prozent) stellt für den Großteil der Befragten eine Selbst verständlich keit dar und auch das Geburts datum wird von einer großen Mehrheit der Befragten preis gegeben. Zwei Drittel stellen in ihrer Netz werk platt form Informa tionen zu Aus bildung und Beruf bereit, wie bspw. ihre Schule bzw. Hoch schule, ihre Aus bildung oder ihren Arbeit geber. Sechs von zehn Teilnehmern geben zudem ihren Wohnort und beinahe ebenso viele ihren Beziehungs status an. Die bisher in der Kategorie der allgemeinen Informa tionen auf gezählten Daten könnten ebenso wie der Name das „Gefunden werden“ innerhalb der Platt form er leichtern. Diese Angaben dienen eventuell eben falls der Herstel lung von Ver bindlich keit und Ver trauen. In die Kategorie der all gemeinen Profilinforma tionen ge hören aber noch zwei weitere Typen von Informa tionen, nämlich das Profilfoto, das eine visuelle Subkategorie dar 202 stellt, die von 80 Prozent der Befragten offenbart wird, und Informa tionen zu Lieblings büchern, filmen und musik sowie Hobbys, die als Aus druck des Geschmacks oder der eigenen Persönlich keit ver standen werden können. Ins besondere für Jugend liche und junge Erwachsene stellen diese Angaben evtl. einen Weg dar, mit dem sie sich von anderen ab grenzen und ihr Selbst aus drücken können. Daher ver wundert es nicht, dass 73 Prozent der Teilnehmer Angaben zu ihren Hobbys und immerhin noch 56 Prozent Angaben über Lieblings medien machen. Vier von fünf Befragten geben an, ein Profilfoto auf der Platt form hoch geladen zu haben. Der Upload von visuellen Informa tionen ins Internet wird gerade in letzter Zeit und vor dem Hinter grund der Gesichts erken nung pro blematisiert. Das plasti sche Beispiel des Partyfotos, das in einer Sozialen Netz werk platt form hoch geladen wurde und während eines Bewer bungs prozesses dem Personal verantwort lichen negativ auf fällt, wird häufig zitiert um die Pro blematik zu ver anschau lichen (Palfrey & Gasser, 2008; Tad dicken, 2011). Kontaktinforma tionen werden ver gleichs weise selten ge teilt. Am häufigsten findet sich die Angabe der EMailAdresse auf den Profilen der Befragten wieder (46 Prozent). Dies ver wundert nicht, da es sich bei allen unter suchten Sozialen Netz werk platt formen um eine Pflichtangabe handelt, die während der Registrie rung ge macht werden muss. Viel seltener findet sich die Angabe der InstantMessengerAdresse (16 Prozent). Nur 4 Prozent der Befragten geben ihre Telefon/Handynummer oder gar ihre Anschrift an. Letztere Informa tionen können als sehr sensibel für die eigene Privatsphäre be trachtet werden, denn ein Eingriff in die Privatsphäre unter Nutzung von Telefon und Anschrift könnte weitreichende Konsequenzen mit sich bringen. Eine unerwünschte EMail oder InstantMessengerNachricht kann im Gegen satz dazu sehr leicht ignoriert und der Ab sender technisch ge blockt werden, so dass der Eingriff in die Privatsphäre weniger stark ist als bei unerwünschten Anrufen oder gar Besuchen. Sexuelle Orientie rung, Religion und politi sche Einstel lung wurden in der Kategorie „intime Informa tionen“ zusammen gefasst. Diese Angaben werden jeweils nur von einer Minder heit der Nutzer ver öffent licht. Drei von zehn Nutzern teilen ihre sexuelle Orientie rung mit, jeweils ein Fünftel informiert über Religion und politi sche Einstel lung. Ein Teil der Nutzer macht eventuell Angaben zu be stimmten Profilinforma tionen, einfach weil diese ab gefragt werden. Das leere Formular ver führt beim Erstellen des eigenen Profils unter Umständen dazu, detailliertere Angaben zu machen als ohne diese Vor gaben (Utz, 2008). Die relativ niedri gen Ausfüll quoten in dieser Kategorie geben aber einen Hinweis darauf, dass dies nur in geringem Maße der Fall sein kann. Die Mehrheit der Befragten der Stichprobe hat sich gegen das Aus füllen der intimen Informa tionen zu sexueller Orientie rung, Religion und politi scher Einstel lung ent schieden. 203 Ver glichen mit den Werten, die für die SocialWebNutzung im DFGProjekt „Die Diffusion der Medien innova tion Web 2.0“ ge messen wurden (vgl. Kap. 3.3, Abbil dung 6), sind die Angaben, die die jungen Nutzer auf Sozialen Netz werk platt formen machen, weniger detailliert. Beispiels weise teilen weniger Personen in unserer Stichprobe ihren vollen Namen mit, und auch bei der Angabe von EMail und PostAdresse sind die Nutzer deut lich zurück halten der. Dies kann zum einen daran liegen, dass die Nutzer in den zwei Jahren, die zwischen der Erhebung liegen, tatsäch lich vor sichti ger im Umgang mit ihren persön lichen Daten ge worden sind. Zum anderen ist es eventuell darauf zurück zuführen, dass die Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen – im Gegen satz zu anderen WebAnwen dungen, wie bspw. OnlineShopping – diese Angaben nicht zwangs läufig er fordert. Um den möglichen Einfluss soziodemografi scher Variablen und des jeweili gen Netz werks zu klären, wurden in Tabelle 31 und Tabelle 32 die Anteile der Teilnehmer, die eine Profilinforma tion an gegeben haben, gegen über gestellt. Zwischen den Geschlechtern zeigen sich ein paar interessante Unter schiede. Tendenziell scheinen junge Frauen eher allgemeine Profilinforma tionen mitzu teilen und insbesondere ist ihnen die Darstel lung des Profilfotos wichtig. Junge Männer hingegen geben eher intime Informa tionen, ihren vollen Namen und Kontakt daten preis. Diese Ergeb nisse decken sich mit denen aus früheren USamerikani schen Studien (Fogel & Nehmad, 2009; Tufekci, 2008). Für das Alter zeigen die Ergeb nisse, dass es einen Anstieg der ge teilten Profilinforma tionen vor allem in der Alters gruppe 15 bis 17 Jahre gibt. Ins besondere der richtige Name, die allgemeinen und die intimen Profilinforma tionen werden in dieser Alters gruppe von be sonders vielen Personen ge teilt. Die sehr jungen 12 bis 14Jährigen und die Befragten in der Alters gruppe 21 bis 24 Jahre teilen tendenziell weniger Informa tionen. Diese Ergeb nisse könnten als Hinweis darauf ge deutet werden, dass in den mittle ren Alters klassen die Nutzung der Sozialen Netz werk platt formen und die damit ver bundene Selbstoffenba rung be sonders be deutsam sind. Die 12 bis 14Jährigen sind seltener dazu bereit ihren Nachnamen anzu geben, jedoch gibt es einen relativ hohen Prozent satz derjenigen, die ihre Anschrift ver öffent lichen. Generell lässt sich fest halten, dass das Mitteilen von Informa tionen, sei es der Name, all gemeine Profilinforma tionen, Kontakt und intime Profilinforma tionen, mit dem Alter zunächst zunimmt. Bei den 18 bis 20Jährigen ist die Bereit schaft, Informa tionen über sich selbst preis zugeben am höchsten, noch ältere Befragte gaben jedoch an, weniger Informa tionen auf ihren Profilen bereit zustellen. 204 Tabelle 31: Profilinforma tionen nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Name Vorname 92 93 91 94 94 94 88 Nachname 75 77 72 63 84 79 73 Allgemeine Profilinforma tionen Geschlecht 94 95 94 90 97 95 95 Geburts datum 82 80 84 65 90 86 84 Profil-Foto 80 76 84 62 86 85 83 Interessen, Hobbys 73 74 72 70 79 76 67 Aus bildung/Beruf 66 66 67 62 75 68 62 Wohnort 59 57 61 52 56 61 64 Beziehungs status 58 55 60 42 61 61 63 Lieblings bücher, -filme, -musik 56 53 59 50 66 59 52 Kontaktinforma tionen E-Mail-Adresse 46 50 42 45 56 46 41 Instant-Messenger- Adresse 16 18 14 12 19 20 14 Anschrift 4 5 3 6 3 3 5 Telefon-/Handynummer 4 5 3 3 6 4 3 Intime Profilinforma tionen Sexuelle Orientie rung 29 34 23 19 37 33 24 Religion 20 21 19 10 30 21 17 Politische Einstel lung 19 22 15 12 26 21 16 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Bei der Betrach tung der formalen Bildung zeigen sich kaum Unter schiede, das Ausfüll verhalten ist in den drei be trach teten Gruppen sehr ähnlich. Ledig lich bei den intimen Informa tionen be stehen Unter schiede. Mit steigen der Bildung nimmt der Anteil der Befragten ab, die die Kategorien sexuelle Orientie rung, Religion und politi sche Einstel lung auf ihrem Profil ein getragen haben. Bei der Analyse nach Netz werken ist be merkens wert, dass die Nutzer der Platt form Facebook häufiger ihren Namen an geben als die Nutzer der VZNetz werke und sonsti ger Netz werke. Dies könnte auf die Policy der USamerikani schen Platt form zurück zuführen sein. Facebook hält seine Nutzer explizit zur Angabe ihrer wahren Identität an, anders die deutschen Netz werke, die eine pseudonyme Nutzung explizit er möglichen. Eventuell legen die Nutzer von Facebook aber auch tatsäch lich mehr Wert darauf, im Netz werk auf find bar zu sein. 205 Tabelle 32: Profilinforma tionen nach formaler Bildung und Haupt netz werk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) Name Vorname 92 90 92 93 94 89 75 Nachname 75 73 75 76 81 50 45 Allgemeine Profilinforma tionen Geschlecht 94 95 94 95 95 90 94 Geburts datum 82 85 82 80 83 76 75 Profil-Foto 80 75 78 84 83 63 71 Interessen, Hobbys 73 69 76 72 73 67 82 Aus bildung/Beruf 66 53 65 75 67 74 45 Wohnort 59 60 61 57 61 47 52 Beziehungs status 58 65 61 50 57 54 68 Lieblings bücher, -filme, -musik 56 50 59 59 57 55 50 Kontaktinforma tionen E-Mail-Adresse 46 48 44 47 49 32 38 Instant-Messenger- Adresse 16 17 17 15 15 22 14 Anschrift 4 6 5 2 4 4 4 Telefon-/Handynummer 4 4 4 4 4 1 2 Intime Profilinforma tionen Sexuelle Orientie rung 29 33 33 23 29 –* 39 Religion 20 24 21 17 20 –* 11 Politische Einstel lung 19 23 19 16 18 24 47 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent * Sexuelle Orientie rung und Religion sind kein Teil der Eingabemaske bei den VZNetz werken. Änderun gen im Profil vornehmen Mit Hilfe der TrackingStudie konnten wir heraus finden, welche Profilangaben die Nutzer ändern und aus welchen Gründen sie dies tun. Der Fragebogen zum Event Änderun gen im Profil vornehmen, wurde 27 Mal aus gefüllt. In 63 Prozent der Fälle hatten die Nutzer eine Angabe im Profil aktualisiert, die nicht mehr aktuell war. Die übrigen 37 Prozent hatten eine Informa tion hinzu gefügt, die sie bisher noch nicht ein getragen hatten. In keinem Fall wurde eine Angabe aus dem Profil ge löscht. Am häufigsten wurden Informa tionen zur Aus bildung, Interessen und Hobbys, der Beziehungs status sowie sonstige Informa tionen wie Zitate oder frei formulierte Beschrei bungen der eigenen Person geändert (jeweils n = 5). Die Ent schei dung, diese Profilinforma tionen zu ändern, trafen die 206 Teilnehmer eher spontan (M = 2,37; SD = 1,33)20. Dabei dachten die Befragten vor allem darüber nach, wie sie auf ihrem Profil wirken (M = 3,37; SD = 1,36). Über die Vor teile (M = 2,78; SD = 1,37) und Nachteile (M = 2,48; SD = 1,55) der Änderung und deren Bedeu tung für ihre Privatsphäre (M = 2,85, SD = 1,32) machten sich die Nutzer weniger Gedanken (Abbil dung 13). Auch dachten sie eher nicht darüber nach, wer die geänderten Informa tionen sehen darf und damit zum Publikum ihrer Selbstoffenba rung gehört (M = 2,52; SD = 1,48). Abbil dung 13: Über legungen beim Ändern des Profils (Mittelwerte) Basis: n = 27; Anzahl Befragte = 19 Skala: 1 = trifft überhaupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu Mit der Änderung ihres Profils wollen die Befragten vor allem anderen Nutzern etwas mitteilen (M = 3,44; SD = 1,25)21. Betrachtet man die Informa tionen, die geändert wurden – Aus bildung, Interessen oder der Beziehungs stand – er scheint es plausibel, dass Nutzer anderen Netz werkMitgliedern etwas mitteilen, wenn sie diese Angaben be arbeiten. So werden die Kontakte über Ver ände rungen im Leben des Nutzers auf dem Laufenden ge halten. Weitere Motive sind Spaß (M = 2,81; SD = 1,47) und der Aus tausch mit anderen 20 Fünfstufige Skala: 1 = spontan; 2 = eher spontan; 3 = teils/teils; 4 = eher längeres Nachdenken; 5 = längeres Nachdenken 21 Fünfstufige Skala: 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu 2,85 2,52 3,37 2,78 2,48 0 1 2 3 4 5 … was es für meine Privatsphäre bedeutet. … wer diese neuen Informationen sehen darf. … wie ich auf dem Profil wirke. … welche Vorteile es für mich hat, das Profil zu ändern. … welche Nachteile es für mich hat, das Profil zu ändern. Ich habe beim Ändern des Profils darüber nachgedacht, … 207 (M = 2,81; SD = 1,42). Das Profil wird jedoch eher nicht geändert, um „dazu zugehören“ (M = 1,70; SD = 0,99) oder aus be ruflichen Gründen (M = 1,70; SD = 1,27). Dass Letzteres kein Motiv für die Selbst darstel lung auf Sozialen Netz werk platt formen darstellt, ist ein Indiz dafür, dass Handlun gen an die Peers gerichtet sind und keine profes sio nellen Ziele damit ver folgt werden. Fan einer Seite werden Auch das Fan werden einer Seite von einem Künstler, einem Unter nehmen oder einer anderen Institu tion hat Aus wirkungen auf das Nutzer profil. Die Mitglied schaft bei der Fanseite wird – ebenso wie die Gruppen, denen ein Nutzer beitritt – auf seinem Profil an gezeigt. Witzige Namen, sowie Seiten, die den Geschmack der Person aus drücken, können der Selbst darstel lung und dem ImpressionManagement dienen. Der Meinungs austausch, der auf diesen Seiten passiert, ist für die Profil besitzer dabei unter Umständen zweitrangig (Haferkamp, 2011). Daher werden in diesem Ab schnitt die Events des Trackings be trachtet, bei denen FacebookNutzer durch Klicken des GefälltmirButtons Fan einer Seite ge worden sind. Der ent sprechende Fragebogen zum Beitritt zu einer Gruppe in einem der VZNetz werke wurde nur drei Mal be antwortet. Diese Fallzahl war zu gering, um Berech nungen anzu stellen und es er schien nicht sinn voll, die Fälle gemeinsam auszu werten. Wann immer ein Nutzer den GefälltmirButton einer Fanpage an klickt, hinter lässt diese Aktion Spuren. Zum einen er scheint ein Hinweis im News Feed aller Freunde des Nutzers, der ihnen mitteilt, dass dem Nutzer diese Seite ge fällt. Zum anderen ver bleibt ein Link zur Fanpage auf dem Profil des Nutzers. Je nachdem, ob es sich bei der Fanpage um die Seite eines Autors oder eines Sportlers handelt, wird diese automatisch in die ent sprechende Kategorie „Bücher“ oder „Lieblings sportler“ ein geordnet. Kann eine Fanpage nicht zu geordnet werden, er scheint sie unter „Sonsti ges“ bei den Profilinforma tionen des Nutzers. Alle Fanpages, die auf diese Weise auf dem Profil eines Nutzers er scheinen, können als Teil der Selbst darstel lung be trachtet werden. Wie die Ergeb nisse zeigen, ist es für die Nutzer von Bedeu tung, welche Vor teile damit ver knüpft sind, Fan einer Seite zu werden. Ein Link zu einer Fanpage auf dem persön lichen Profil ist dann er wünscht, wenn er für die Selbst darstel lung vorteil haft ist. In 24 Prozent der Fälle ist ein Nutzer Fan einer Seite ge worden, die der Kategorie Unter haltung zu geordnet wird (Abbil dung 14). Am zweithäufigsten handelte es sich um eine Seite aus dem Bereich Musik oder um eine Seite, deren Titel ein Motto oder eine Lebens weis heit ent hielt. In mehr als 70 Prozent der Fälle hatten die Befragten nicht vor, in Form von Einträgen auf der Pinnwand der Seite aktiv zu werden. Nur knapp 3 Prozent planten, an der Kommunika tion auf der Seite aktiv teilzunehmen. Das übrige Viertel konnte 208 sich nicht fest legen. Fanpages werden demnach auch in erster Linie rezeptiv ge nutzt. Abbil dung 14: Thema der Seite Basis: n = 104; Anzahl Befragte = 50 Mehrfachantworten möglich Die Befragten haben sich spontan dazu ent schlossen, den LikeButton einer Seite zu klicken (Abbil dung 15). Dabei haben sie am ehesten darüber nach gedacht, welche Vor teile dies für sie hat (M = 2,91; SD = 1,48). Am wenigsten dachten sie dabei über die Nachteile ihrer Handlung nach (M = 1,82; SD = 1,13) und darüber, was es für ihre Privatsphäre be deutet (M = 1,97; SD = 1,23). Da die Werte aller Angaben im Ableh nungs bereich der Skala liegen, können wir davon aus gehen, dass generell nicht viel über die Folgen dieser Handlung nach gedacht wird. 24% 18% 18% 15% 12% 10% 7% 5% 4% 4% 3% 3% 2% 2% 1% 0% 5% 10% 15% 20% 25% 30% Unterhaltung Musik Motto/Spruch Veranstaltung, Café, Bar Sonstiges Marke Hobbys Website Sport Essen Mode Engagement/Politik Stadt Beziehungen Kultur 209 Abbil dung 15: Über legungen beim Fan einer Seite werden (Mittelwerte) Basis: n = 104; Anzahl Befragte = 48 Skala: 1 = trifft überhaupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu Fan einer Seite werden die Nutzer vor allem, weil es ihnen Spaß macht (M = 3,18; SD = 1,36) und weil sie sich über etwas informie ren möchten (M = 3,10; SD = 1,28). Es er scheint plausibel, dass Fanseiten beide Funktionen er füllen. Die Inhalte der Seiten können je nach Aus rich tung Unter haltung oder Informa tion bieten. Darüber hinaus kann das eigene Profil auf gepeppt werden, wenn der Nutzer Fan einer Seite wird, die einen lusti gen Spruch als Titel hat. Dagegen spielt es keine Rolle, ob die Seite einen Befragten gut be schreibt (M = 1,59; SD = 1,09) oder ob er be ruflich etwas davon hat (M = 1,50; SD = 1,42). ImpressionManagement spielt also beim Fan einer Seite werden durch aus eine Rolle, steht aber nicht im Vordergrund. 4.3.2 Kommunika tion auf Sozialen Netz werk platt formen Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen ist nicht allein auf die Angaben be schränkt, die Nutzer auf ihren Profilen ver öffent lichen. Alle Hand lun gen, die (semi)öffent licher Kommunika tion ent sprechen oder zu system generierten Informa tionen auf der Pinnwand der Nutzer führen, bleiben lange Zeit auf den Netz werk platt formen sicht bar und werden so zu einem Teil der Selbstoffenba rung. Im vorigen Ab schnitt wurde fest gestellt, dass die User Sozialer Netz werk platt formen sich vielfach rezeptiv ver halten und vor allem Ich habe mir zuvor Gedanken gemacht, … 1,97 2,26 2,91 1,82 0 1 2 3 4 5 … was es für meine Privatsphäre bedeutet. … wer sehen wird, dass ich Fan dieser Seite bin. … welche Vorteile es für mich hat, Fan dieser Seite zu sein. … welche Nachteile es für mich hat, Fan dieser Seite zu sein. 210 privat mit anderen kommunizie ren. Kommunika tion, bei der Nutzer sich bei der OnetomanyKommunika tion einem nicht immer über schau baren Publikum offen baren, spielt aber eben falls eine wichtige Rolle bei der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen. Die ver schiedenen Formen der kommunikativen Nutzung Sozialer Netz werk platt formen werden im Folgenden näher be trachtet. Dazu werden zum einen Daten zu den kommunikativen Aktivi täten der Haupt befra gung, die auch schon in Kapitel 4.2.2 er läutert wurden und die in diesem Ab schnitt hinsicht lich soziodemografi scher Unter schiede verg lichen werden, heran gezogen. Zum anderen präsentie ren wir einige Detail ergeb nisse zu Status meldun gen und multimedialer Kommunika tion aus der standardisierten Befra gung und den Ergeb nissen der Kontextbefra gungen aus der TrackingStudie zu diesem Thema. Die Aktivi täten der privaten, (semi)öffent lichen und multimedialen Kom mu nika tion auf Sozialen Netz werk platt formen wurden zu Indices zusammen gefasst, die aus drücken, ob mindestens eine der in diesem Bereich zusammen gefassten Aktivi täten wöchent lich aus geführt wird. Sehr deut lich zeigt sich, dass ein Großteil der Befragten auf Sozialen Netz werk platt formen privat (91 Prozent) und (semi) öffent lich (84 Prozent) kommuniziert, die multimediale Kommunika tion ist mit 59 Prozent weniger häufig, wird aber auch von der Mehrheit der Befragten aus geführt. Betrachtet man das Geschlecht ergeben sich nur wenige Unter schiede. Junge Frauen nutzen etwas weniger oft als junge Männer die Möglich keiten der multimedialen Kommunika tion auf Sozialen Netz werk platt formen, bei der privaten und (semi)öffent lichen Kommunika tion ist es um gekehrt. Über die vier Alters gruppen hinweg werden die Kommunika tions möglich keiten auf Sozialen Netz werk platt formen häufig ge nutzt (Tabelle 33). Die Gruppe der 15 bis 17Jährigen zeigt sich jedoch be sonders kommunikativ, genauso wie Haupt schüler und Haupt schulabsolventen (Tabelle 34). Bei der Unter schei dung nach Haupt netz werk lässt sich fest stellen, dass die Nutzer von Facebook kom munikativ wesent lich aktiver sind und im Ver gleich zu den VZNetz werkUsern alle Kommunika tions arten deut lich häufiger aus führen. Tabelle 33: Kommunika tion nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Private Kommunika tion 91 90 92 90 94 93 89 (Semi-)Öffent liche Kommunika tion 84 82 86 82 90 87 78 Multimediale Kommunika tion 59 61 57 58 68 60 52 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die mindestens eine der jeweili gen Aktivi täten mehrmals pro Woche aus führen, in Prozent 211 Tabelle 34: Kommunika tion nach formaler Bildung und Haupt netz werk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) Private Kommunika tion 91 93 89 92 94 78 82 (Semi-)Öffent liche Kommunika tion 84 86 82 83 87 62 72 Multimediale Kommunika tion 59 63 59 56 63 34 46 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die mindestens eine der jeweili gen Aktivi täten mehrmals pro Woche aus führen, in Prozent Im Kontext der OnlineSelbstoffenba rung er scheinen be sonders die Inhalte der Status meldun gen und die multimedialen Informa tionen, die die jungen Nutzer hochladen, interessant. Bei Status meldun gen handeln die Nutzer auf eigene Inten tion und be ziehen sich nicht direkt auf voraus gegangene kommu nikative Handlun gen anderer. Fotos und Videos eröffnen durch ihre visuelle/ multimediale Form er weiterte Möglich keiten der Selbst darstel lung. Inhalte der Status meldun gen Ergeb nisse aus der standardisierten Befra gung In der standardisierten Befra gung wurden diejenigen Personen, die an gegeben hatten, zumindest mehrmals im Monat Status meldun gen zu posten, nach den Inhalten ihrer Beiträge ge fragt. Mehrfachnen nungen waren dabei möglich. In einer Faktoren analyse wurden die Inhalte zu vier Faktoren ver dichtet (Tabelle 35). Wir differenzie ren zwischen dem Aus druck der eigenen Meinung, positiven und negativen Emotionen und Links. Positive Emotionen werden ganz klar am häufigsten ver öffent licht (M = 3,52; SD = 0,93). Darauf folgen Meinun gen (M = 2,93; SD = 1,02) und negative Emotionen (M = 2,74; SD = 1,14). Viel seltener werden Links (M = 2,22; SD = 0,96) zu eigenen oder anderen Websites publik ge macht (Abbil dung 16). 212 Tabelle 35: Faktoren analyse der Status meldun gen Meinun - gen positive Emotionen Links negative Emotionen Dinge, in denen du anderen nicht zustimmst ,76 Dinge, in denen du anderen zustimmst ,74 Dinge, vor denen du andere warnen möchtest ,60 Dinge, die du anderen empfehlen möchtest ,58 ,42 Etwas, das du gut findest ,80 Etwas, das dich freut ,72 Links zu den Webseiten von Bekannten und Freunden ,86 Links zu eigener Webseite/Blog ,76 Links zu anderen Webseiten ,44 Etwas, das dir Sorgen/Angst macht ,76 Etwas, das dich ärgert ,69 Erklärte Varianz 20,67 15,91 15,63 13,81 Eigen wert 2,27 1,75 1,72 1,52 Cronbach’s α ,86 ,84 ,74 ,84 Mittelwert 2,93 3,52 2,22 2,74 Standardabweichung 1,02 0,93 0,96 1,14 Haupt komponenten analyse, VarimaxRotation, Extrak tion nach ScreeKriterium Erklärte Gesamtvarianz: 77,9 Prozent; KMO = ,85 Ladungen < .4 wurden in der Darstel lung aus geblendet Mittelwertindices auf einer Skala von 1 = seltener/nie, 2 = mehrmals im Monat, 3 = mehrmals wöchent lich; 4 = täglich; 5 = mehrmals täglich Abbil dung 16: Typen von Status meldun gen Basis: N = 1.053, gewichtete Stichprobe Mittelwertindices, Skala: 1 = überhaupt nicht/nie; 5 = sehr häufig 3,52 2,93 2,74 2,22 0 1 2 3 4 5 Ausdruck positiver Emotionen Ausdruck von Meinungen Ausdruck negativer Emotionen Links 213 Dass positive Emotionen die am häufigsten ge teilten Inhalte in Status mel dun gen sind, ver wundert nicht. Schließ lich hilft das Teilen positiver Erleb nisse und Gefühle dem Kommunikator dabei, seine Glücksmomente auszu kosten, während er gleichzeitig inter personale Beziehungen aus bauen kann (Reis et al., 2010). Das Mitteilen der positiven Erleb nisse erhöht ihren Wert, gerade wenn andere ent husiastisch darauf reagie ren. Möglich keiten zum positiven Feedback sind auf Sozialen Netz werk platt formen durch das Kommentie ren des Posts oder auch nonverbal durch klicken des LikeButtons ge geben. Da das Feedback auf der Platt form ge speichert wird, ist es eventuell sogar manifester als in einer flüchti gen FacetoFaceSitua tion, wodurch sich die Sozialen Netz werk platt formen möglicher weise be sonders für diese positive Ver stär kung eignen. Negative Emotionen werden insgesamt seltener, von einigen Nutzern dennoch ab und zu ge teilt. Der Nutzer erhält im Gegen zug evtl. Auf merksam keit, Ver ständnis, Mitgefühl oder Trost, was er klären könnte, warum Nutzer diese sehr sensiblen Informa tionen dennoch teilen. Anders als in der qualitativen Befra gung geben in der quantitativen Befra gung doch einige Personen an, dass sie auch negative Gefühle wie Ärger und Sorge online auf Sozialen Netz werk platt formen teilen. Es sind jedoch ver hältnis mäßig wenige. Das Mitteilen von Meinun gen über be stimmte Sach verhalte, also eine subjektive Ansicht oder auf der Grundlage eigener Erfah rung ge bildete Einstel lungen zu Personen und Ereig nissen, soll den eigenen Standpunkt ver deut lichen. Jedoch nehmen auch hier soziale Normen Einfluss und werden immer dann sicht bar, wenn sich die Nutzer über be stimmte Themen ab grenzen wollen (Boyd & Marwick, 2011). Meinun gen ge hören damit eben falls zu den Informa tionen, die von Digital Natives bewusst ver öffent licht werden, um die eigene Identität zu konstruie ren (Palfrey & Gasser, 2008). Das Teilen von Links für den Neuig keitenFeed oder an der Pinnwand von Freunden soll andere an dem Gefundenen teilhaben lassen und kann als Inter aktions hand lung ver standen werden. Oftmals wird der ver öffentlichte Link von ver schiedenen Nutzern kommentiert und bietet Anregung für einen kommunikativen Aus tausch. Ergeb nisse aus der Kontextbefra gung Was die Nutzer Sozialer Netz werk platt formen tatsäch lich auf ihrer eigenen oder auf der Pinnwand eines Freundes mitteilen, haben wir im Rahmen der TrackingStudie unter sucht. Der Fragebogen zum Event „Etwas an eine Pinn wand schreiben“ wurde 320 Mal von Teilnehmern der TrackingStudie be antwortet, auf das Ab geben einer Status meldung folgte in 191 Fällen eine Befra gung. Nahezu jeder Eintrag auf der eigenen Pinnwand oder auf der eines anderen Nutzers ent hielt Text (Abbil dung 17). In weniger als einem Prozent der Fälle wurde ein Link oder ein Foto auf der Seite eines anderen Netz werk Users ge postet. Status meldun gen ent hielten in vier Prozent der Fälle einen Link 214 und in weniger als drei Prozent der Fälle wurde ein Foto via Status meldung ver öffent licht. Ein Video wurde in keinem Fall ge postet. Auf grund der geringen Zahl der Fälle, in denen ein Link oder ein Foto ver öffent licht wurde, werden spezifi sche Angaben zum Inhalt des Fotos oder des Links in den folgen den Aus wertungen nicht be rücksichtigt. Abbil dung 17: Form von Status meldun gen und Pinnwandeinträgen Mehrfachantworten möglich Auf der Pinnwand eines anderen Nutzers wurden am häufigsten Glück wünsche hinter lassen (Abbil dung 18). Dabei handelt es sich ver mutlich vor allem um Glück wünsche zum Geburts tag. Die unter suchten Netz werk platt formen ver fügen über eine Funktion, durch die Nutzer an den Geburts tag einer Person erinnert werden, mit der sie ver netzt sind. Darüber hinaus er scheinen Glück wünsche, die gemeinsame Freunde bereits auf der Pinnwand des Geburts tags kinds hinter lassen haben, im NewsFeed der Nutzer. Es ent steht ver mutlich ein ge wisser Druck, sich den Gratulanten anzu schließen und eben falls einen Glück wunsch zu hinter lassen. Außerdem brachten die Befragten auf den Pinn wänden anderer Nutzer positive Emotionen oder ihre Meinung zum Aus druck. Negative Emotionen werden in diesem Kontext dagegen kaum ver öffent licht. Auch Status meldun gen werden in den meisten Fällen ver fasst, um positive Emotionen oder Meinun gen mit den Kontakten auf der Sozialen Netz werk platt form zu teilen. Auch persön liche Erleb nisse des Ver fassers oder etwas, das er lustig findet, zählen zu den Inhalten der Status meldun gen. Deutlich 96% 4% 3% 0% 99% 1% 1% 0% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Text Link Foto Video Statusmeldungen abgeben: n = 191; Anzahl Befragte = 65 Etwas an eine Pinnwand schreiben: n = 320; Anzahl Befragte = 79 215 häufiger als bei den Pinnwandeinträgen werden auf dem eigenen Profil auch negative Emotionen zum Aus druck ge bracht. Glück wünsche kommen ver ständ licher weise äußerst selten vor. Was erfreu lich ist: Informa tionen über den aktuellen Aufenthaltsort haben die Befragten nur in wenigen Fällen ge postet. Dies gilt gleichermaßen für Pinnwandeinträge und Status meldun gen. In der Befra gung hatten die Teilnehmer ihr Ver halten hinsicht lich (semi)öffent licher Kommunika tion recht gut ein geschätzt: Die Ergeb nisse der TrackingStudie zeigen, dass positive Emotionen und Meinun gen tatsäch lich oft Inhalt von Status meldun gen und Pinnwandeinträgen sind. Negative Emotionen werden allerdings noch seltener ge teilt, als von den Befragten an gegeben. Es scheint, dass die Nutzer vor allem un verfäng liche Informa tionen posten, die in keinem Kontext und von keinem Publikum negativ aus gelegt werden können (vgl. Ellison, Vitak, Steinfeld, Gray & Lampe, 2011). Abbil dung 18: Inhalte von Status meldun gen und Pinnwandeinträgen Mehrfachantworten möglich Unabhängig davon, ob ein Pinnwandeintrag ver fasst oder eine Status meldung ver öffent licht wurde, stellen die Befragten sich vor, dass ihr Eintrag vor allem von guten Freunden, ihren besten Freunden sowie Bekannten und Ver wandten ge lesen wird (Abbil dung 19). Lehrer, Dozenten, Arbeit geber sowie die eigenen Eltern ge hören zumeist nicht zum imaginierten Publikum. Dieses Ergebnis betont erneut, dass die Adressaten kommunikativer Handlun gen Alters genossen sind. Allerdings geben die Befragten in über 40 Prozent der Fälle, in denen 34% 24% 14% 12% 11% 3% 1% 14% 13% 6% 8% 2% 1% 55% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% Positive Emotionen Meinungen Erlebnisse Etwas Lustiges Negative Emotionen Aufent- haltsort Glück- wünsche Statusmeldungen: n = 191; Anzahl Befragte = 65 Pinnwand: n = 320; Anzahl Befragte = 79 216 ein Pinnwandeintrag ver öffent licht wurde, an, dass Personen, die sie nicht kennen, den Eintrag sehen können. Bei Status meldun gen trifft dies nur in 20 Prozent der Fälle zu. Dies können wir als Hinweis darauf nehmen, dass den Nutzern durch aus bewusst ist, dass Un bekannte Botschaften lesen können, die sie auf der Pinnwand eines Freundes hinter lassen. Die Nutzer differenzie ren also den Grad der Öffentlich keit beider Publika tions formen. Abbil dung 19: Imaginiertes Publikum von Status meldun gen und Pinnwandeinträgen Mehrfachantworten möglich Eine Über sicht über die Bewer tung der Ent schei dungs prozesse bei Pinn wand einträgen und Status meldun gen liefert Abbil dung 20. In den Fällen, in denen ein Pinnwandeintrag ver fasst wurde, denken die Befragten am ehesten darüber nach, welche Vor teile diese Handlung für sie hat (M = 2,68; SD = 1,45) und wie sie dadurch auf andere wirken (M = 2,47; SD = 1,34). Allerdings liegen selbst die Mittelwerte für diese Items im Ableh nungs bereich der Skala. Die Bedeu tung der Handlung für die Privatsphäre des Befragten (M = 1,96; SD = 1,26) sowie deren Nachteile werden noch weniger reflektiert (M = 2,04; SD = 1,26). Die Wirkung auf andere (M = 2,56; SD = 1,43) sowie die Vor teile (M = 2,52; SD = 1,51) be schäfti gen die Befragten auch beim Ab geben einer Status meldung mehr als die Bedeu tung für die Privatsphäre (M = 2,07; SD = 1,38) und die Nachteile ihrer Handlung (M = 2,15; SD = 1,37). Zu beiden Handlun gen ent schieden sich die Teilnehmer eher spontan, ohne großes Ab wägen. engster Freundes- kreis Freundes- kreis Bekannte/ Verwandte Eltern Lehrer/ Dozenten/ Arbeitgeber Unbekannte Pinnwand: n = 320; Anzahl Befragte = 79 Statusmeldungen: n = 191; Anzahl Befragte = 65 64% 78% 68% 15% 9% 44% 76% 84% 72% 34% 12% 21% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% 217 Abbil dung 20: Über legungen beim Posten von Pinnwandeinträgen und Status meldun gen Skala: 1 = trifft überhaupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu Während Pinnwandeinträge vor allem der Beziehungs pflege dienen (M = 3,65; SD = 1,29), ver öffent lichen die Befragten Status meldun gen zum Spaß (M = 3,20; SD = 1,46) und um etwas über sich mitzu teilen (M = 3,09; SD = 1,46). Die eigene Meinung mitzu teilen (M = 2,89; SD = 1,48), Auf merksam keit (M = 2,64; SD = 1,38) und Unter stüt zung (M = 2,27; SD = 1,34) von anderen zu be kommen sowie sich mit anderen auszu tauschen (M = 2,94; SD = 1,47) spielt beim Ver öffent lichen einer Status meldung eine signifikant größere Rolle als beim Ver fassen eines Pinnwandeintrags. Letzteres wird dagegen eher aus Gewohn heit getan (M = 2,66; SD = 1,42). Beide Formen der öffent lichen Kommunika tion dienen nicht dazu, neue Leute kennen zulernen oder be ruflich etwas davon zu haben. Multimediale Inhalte Visuelle Inhalte sind deshalb so interessant, weil sie der OnlineSelbstoffen barung eine neue Qualität ver leihen. Sie können gegen über rein textbasierter Kommunika tion Nähe und Präsenz schaffen, so dass die Kommunika tions qualität online steigt. Zudem dient die Produk tion und Präsenta tion eigener 1,96 2,34 2,47 2,68 2,042,07 2,36 2,56 2,52 2,15 0 1 2 3 4 5 … was es für meine Privatsphäre bedeutet. … wer diesen Eintrag lesen darf. … wie ich dadurch auf andere wirke. … welche Vorteile es für mich hat, diesen Eintrag zu schreiben. … welche Nachteile es für mich hat, diesen Eintrag zu schreiben. Etwas an eine Pinnwand schreiben: n = 320; Anzahl Befragte = 79 Statusmeldungen abgeben: n = 191; Anzahl Befragte = 65 Ich hatte mir zuvor Gedanken gemacht, … 218 kreativer Inhalte dem Aus druck der Persönlich keit und der Ent wick lung des Selbst (Stern, 2008). Aus diesem Grund haben wir uns dazu ent schlossen, die visuellen und multimedialen Inhalte hier ge sondert aufzu greifen. Beim Teilen multimedialer Inhalte dominie ren Fotos deut lich gegen über Videos. Insgesamt 69 Prozent der Nutzer zwischen 12 und 24 Jahren laden mindestens mehrmals im Monat Fotos hoch, bei Videos ist der Anteil deut lich geringer, aber mit 32 Prozent der Nutzer ist der Anteil bei den VideoUploads dennoch nicht klein. Für die Analyse des visuellen Selbstoffenba rungs verhaltens sollten die Befragten Angaben zur Art der Fotos machen, die sie schon einmal in Alben auf Sozialen Netz werk platt formen hoch geladen haben. Hierbei waren Mehr fach nen nungen möglich. Unter den hoch geladenen Bildern über wiegen Fotos, auf denen die Personen selbst zu er kennen sind. Neben sach licher, personen zentrierter Selbst darstel lung in Form von Profilfotos werden auch die Kontexte Urlaub und Party häufig visualisiert. Mehr als die Hälfte derjenigen Nutzer, die berich teten, mehrfach im Monat Fotos hochzuladen, haben demnach schon einmal Urlaubs fotos ge teilt, auf denen sie ab gebildet sind (54 Prozent). Bei Bildern von Partys und Feiern ver hält es sich ähnlich. Sehr viele Nutzer (47 Prozent) haben schon einmal Partyfotos online ge stellt, auf denen sie zu er kennen sind. Zwar werden auch Urlaubs und Partyfotos, auf denen die Personen selbst nicht zu er kennen sind, ver öffent licht (26 bzw. 22 Prozent), jedoch geschieht dies in be deutend geringe rem Maße. Wenn Bilder auf Sozialen Netz werk platt formen dem Aus druck der eigenen Identität dienen, sind anonyme visuelle Darstel lungen eventuell wider sinnig. Den Nutzern ist es ver mutlich wichtig, dass sie selbst ab gebildet sind, um von den Rezipienten direkt zu geordnet zu werden und um ihr Selbst durch die visuellen Informa tionen zu er weitern und Nähe herstellen zu können. Obwohl es ge meinhin als un verzicht bar für die Erweite rung des Selbst gilt, sich nicht als sozial isoliert darzu stellen, scheint die visuelle Darstel lung der eigenen Person auf Sozialen Netz werk platt formen wichti ger zu sein (Abbil dung 21). Der Anteil derjenigen, die schon einmal Porträt fotos (48 Prozent), Urlaubs (54 Prozent) oder Partyfotos (47 Prozent), auf denen sie zu er kennen sind, hoch geladen haben, ist signifikant höher als der Anteil jener Nutzer, die bereits Fotos von Ver wandten und Freunden hoch geladen haben (38 Prozent). Ver gleicht man die Werte bei den ab gefragten Bildarten, kann man daraus schließen, dass es insbesondere wichtig ist, das Selbst durch die Fotos in einen Kontext zu rücken. Beim Teilen von Videos dominie ren fremde Inhalte aus dem Internet – 56 Prozent der User, die angaben, bisweilen Videos zu teilen, haben schon einmal Videos hoch geladen, die sie zuvor im Netz ge funden hatten (in Bezug auf die Gesamtstichprobe handelt es sich um 18 Prozent der Nutzer). Ein etwas geringe rer Anteil von Personen teilt auf Sozialen Netz werk platt formen selbst 219 ge drehte Clips. Von den 387 Teilnehmern, die an geben mehrmals pro Monat Videos in ihrem Haupt netz werk zu ver öffent lichen, be richten 45 Prozent, dass es sich dabei um selbst ge drehte Videos handelt. Bezogen auf die Gesamt stichprobe be deutet das, dass 14 Prozent der Nutzer zwischen 12 und 24 Jahren eigene Videos drehen und auf Sozialen Netz werk platt formen ver öffent lichen. 4.3.3 Nutzung der PrivatsphäreOptionen Aus den vorigen Ergeb nissen alleine kann nicht geschlossen werden, dass sich die Jugend lichen und jungen Erwachsenen stark exponie ren. Es kommt darauf an, welcher Öffentlich keit sie diese Daten zugäng lich machen. Schreibt ein Jugend licher bspw. sehr viele und intime Details über sich selbst in sein Profil, macht dieses aber nur seinem engsten Freundes kreis zugäng lich, dem diese Informa tionen ohnehin schon bekannt sind, be deutet dies eventuell weniger Einschrän kungen für die Privatsphäre als weniger sensitive Details, die einem sehr großen und dispersen Publikum mitgeteilt werden. Gerade das Bewusstsein für die PrivatsphäreOptionen scheint in jüngster Ver gangen heit stark ge stiegen zu sein (MPFS, 2011). Im Folgenden wird ge prüft, ob dies auch für die deutschen Nutzer zwischen 12 und 24 Jahren zutrifft. 48% 54% 26% 47% 22% 38% 34% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% Pass- oder Porträt- fotos Urlaubs- fotos, erkennbar Urlaubs- fotos, anonym Party- fotos, erkennbar Party- fotos, anonym Fotos von Verwandten oder Freunden Sonstige Fotos Basis: n = 895, gewichtete Stichprobe; Mehrfachantworten möglich Abbil dung 21: Fotos in Fotoalben 220 Bei der Messung und dem Ver gleich der PrivatsphäreOptionen auf ver schiedenen Platt formen ergab sich eine Problematik bei der Operationalisie rung, da auf unter schied lichen Platt formen unter schied liche Optionen zur Ver fügung stehen und diese zum Teil sehr differenziert auch für einzelne Elemente ein gestellt werden können. In Facebook kann der Nutzer die Sicht bar keit von Informa tionen auf seinem Profil, Fotos, aber auch Status meldun gen kleinteilig auf ver schiedene Personen kreise be schränken. Diese Einstel lungs möglich keiten reichen von der vollständi gen Zugänglich keit aller Internetnutzer bis hin zur Begren zung auf aus gewählte Freunde. Es ist auch möglich, ver schiedene Kon takt listen anzu legen und diesen den Zugang zu nur be stimmten Inhalten zu er lauben. Theoretisch ist es möglich, ein spezielles Album nur seinen engsten Freunden zu zeigen, ein anderes von der Firmen feier dann z. B. wiederum nur den Arbeits kollegen. Bei Schüler. CC geht dies nicht so explizit, Jugend liche können auf dieser Platt form nur die Optionen „nur meine Freunde“ anwählen oder die ver öffent lichten Inhalte allen Nutzern der Platt form zugäng lich machen. Wir haben daher be schlossen, die fünf Bereiche Profilinforma tionen, Status meldun gen, Fotos, Kontakt liste und Kontaktinforma tionen allgemein abzu fragen. Als Antwortop tionen wurden jedem Teilnehmer die Optionen an geboten, die auf seiner hauptsäch lich ge nutzten Netz werk platt form zur Ver fügung stehen. Bei den in der Studie unter suchten Netz werken wurden insgesamt sechs ver schiedene Stufen der Einschrän kungen der Öffentlich keit mit unter schied licher Restriktivi tät aus gemacht. Die restriktivste Stufe ist, wenn niemand außer dem Nutzer selbst Zugriff auf eine Informa tion hat22. Danach folgt die Möglich keit, den Zugriff auf be stimmte Freunde aus der Freundes liste einzu schränken und dann die Option, die ent sprechende Informa tion allen Kontakten aus der Freundes liste bereit zustellen. Eine weitere Einstel lungs möglich keit ist auf vielen Netz werk platt formen ein er weiterter Freundes kreis, in den auch Freunde von Freunden einbezogen werden. Als eher offene PrivatsphäreEinstel lung wurde es an gesehen, wenn die Befragten ihre Informa tionen allen Teilnehmern ihrer Sozialen Netz werk platt form zugäng lich machten. Noch offener ist nur die Möglich keit, die Informa tionen auch außerhalb der Netz werk platt form, theore tisch mit der gesamten Internet gemeinde, zu teilen. Von den 1.301 Befragten haben neun Prozent ihre PrivatsphäreOptionen noch nie an gepasst. Diese Befragten haben also die Standardeinstel lungen des jeweili gen Netz werks, die häufig als unzu reichend kritisiert werden, beibehal ten23. Die übrige, große Mehrheit der Befragten hat sich bereits mindestens einmal mit der Einstel lung dieser Optionen befasst. Nur wenige Personen geben 22 Dies ist zum Beispiel bei der EMailAdresse auf einigen Netz werken der Fall. Die EMailAdresse muss im Rahmen der Registrie rung zwangs läufig an gegeben werden, kann dann aber vor anderen Nutzern ver borgen werden. 23 In der folgen den Aus wertung wurde bei diesen Teilnehmern die Standardeinstel lung ihres jeweili gen Netz werks an genommen. 221 in den fünf ab gefragten Bereichen an, nicht genau zu wissen wie die Privat sphäreOptionen dort jeweils ein gestellt sind (je unter ein Prozent). Bei dem Ver gleich der PrivatsphäreOptionen fällt auf, dass alle ab gefragten Informa tions bereiche sehr ähnlich ge handhabt werden (Abbil dung 22). Insge samt nur wenige Nutzer machen einzelne Informa tionen der breite ren Öffentlich keit ver fügbar. Die Option „sicht bar für die Kontakte“, die in vielen Netz werk plattformen die Standardop tion ist, wird von den Nutzern auch am häufigsten ver wendet. Diese Option scheint von der breiten Masse der User als adäquat akzeptiert zu werden. Insgesamt machen wenige User sich die Mühe, innerhalb ihrer Kontakte Listen zu pflegen, mit denen sie die Zugänglich keit zu be stimmten Informa tionen präzise steuern können. Die Kontaktinforma tionen stechen in Abbil dung 22 heraus, sie werden etwas restriktiver be handelt als andere Bereiche. Im Ab schnitt zu den Profilinforma tionen haben wir bereits heraus gestellt, dass diese Informa tionen ohnehin nur von wenigen Nutzern ge teilt werden. Die Nutzer haben die Sensibili tät dieser Daten offen bar erkannt und schützen sie daher be sonders. Am wenigsten Einschrän kungen machen Nutzer bei der Sicht bar keit ihrer Kontakt liste, dies liegt ver mutlich auch daran, dass auf einigen Netz werk platt formen das ge sonderte Einstellen der Sicht bar keit der Kontakt liste nicht möglich ist. Auf Facebook wurde diese Option beispiels weise erst nach träg lich ein geführt. Da eben diese Kontakte auf den Platt formen, das zentrale Publikum oder auch die persön liche Öffentlich keit der jeweili gen Nutzer darstellt, ist es relevant zu evaluie ren, wer zu dem Publikum, also zu den vom Nutzer hinzu gefügten oder be stätigten Kontakten, gehört. Dies erfolgt in Ab schnitt 4.3.4. Abbil dung 22: Restriktivi tät der Privatsphäre-Optionen Basis: N = 1.301, gewichtete Stichprobe; Beschriftungen von Zellen < 5 % wurden in der Darstellung ausgeblendet 5% 23% 12% 13% 11% 11% 65% 56% 63% 61% 63% 5% 12% 17% 13% 12% 18% 5% 13% 12% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Kontaktinformationen Kontaktliste Fotos Statusmeldungen Profilinformationen Nur der Nutzer selbst Ausgewählte Freunde/Kontakte Alle Freunde/Kontakte Freunde/Kontakte und deren Freunde/Kontakte Alle Mitglieder der Netzwerkplattform Öffentlich im Internet 222 Die Einschrän kung der PrivatsphäreOptionen auf das Kontakt netz werk wird von weib lichen Nutzern eher ver wendet als von männ lichen (Tabelle 36). Die gilt für die meisten Bereiche, nur die Kontakt liste, die ohnehin weniger restriktiv be handelt wird, bildet eine Aus nahme. Gründe dafür können in der Erziehung oder in einem höheren Risikobewusstsein liegen. Eventuell sind die Konsequenzen, die bei der Heraus gabe von Kontaktinforma tionen be stehen und die sich bis auf die physische Ebene der Privatsphäre aus wirken können, den Mädchen und jungen Frauen be wusster als den männ lichen Teilnehmern. Bei der Betrach tung soziodemografi scher Unter schiede ergeben sich hin sicht lich der PrivatsphäreOptionen nur wenige Besonder heiten. Es fällt auf, dass es in der Gruppe der Jüngsten, der 12 bis 14Jährigen einen höheren Anteil an Nutzern gibt, die ihre PrivatsphäreOptionen noch nie ein gestellt haben (17 Prozent). Insbesondere bei den Status meldun gen schränken weniger junge Nutzer die Zugänglich keit auf ihr Kontakt netz werk ein. Der Anteil der 12 bis 14Jährigen, die die Sicht bar keit ihrer Kontakt liste einschränken, ist dagegen höher als bei den anderen Alters gruppen. Dies er scheint plausibel, da sie sich häufiger auf Platt formen mit standardmäßig restriktiven Daten schutz einstel lungen, wie schülerVZ, bewegen. Tabelle 36: Privatsphäre-Optionen nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Sicht bar keit der Profilinforma tionen 74 70 79 71 73 76 77 Sicht bar keit der Status - meldun gen 72 70 75 65 70 77 76 Sicht bar keit der Fotos 77 74 81 71 75 80 80 Sicht bar keit der Kontakt - liste 69 68 69 68 59 73 72 Sicht bar keit der Kontakt- informa tionen 93 91 95 90 90 96 94 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die die jeweili gen PrivatsphäreOptionen auf ihre Kontakte oder noch restriktiver ein gestellt haben, in Prozent Auch bei der Bildung ergeben sich leichte Unter schiede (Tabelle 37). Haupt schüler und Haupt schulabsolventen haben etwas häufiger ihre Privatsphäre Optionen noch nie an gepasst (14 Prozent), aber sie be richten dennoch nicht, wesent lich offenere Einstel lungen in den PrivatsphäreOptionen zu ver wenden. Dies könnte darauf zurück zuführen sein, dass Haupt schüler weniger häufig USamerikani sche Netz werke als Haupt platt form nutzen. Diese stehen in der Kritik, offenere StandardEinstel lungen bei den PrivatsphäreOptionen zu haben als die Netz werke mit Firmensitz in Deutschland. 223 Tabelle 37: Privatsphäre-Optionen nach formaler Bildung und Haupt netz werk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) Sicht bar keit der Profilinforma tionen 74 71 72 79 75 75 72 Sicht bar keit der Status - meldun gen 72 66 71 78 73 75 61 Sicht bar keit der Fotos 77 73 76 81 77 80 80 Sicht bar keit der Kontakt - liste 69 70 69 67 66 76 84 Sicht bar keit der Kontakt- informa tionen 93 91 93 94 93 89 98 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die die jeweili gen PrivatsphäreOptionen auf ihre Kontakte oder noch restriktiver ein gestellt haben, in Prozent Der Ver gleich mit den Netz werk platt formen ist nicht eindeutig. Bei Profil informa tionen und Fotos liegen die Werte generell auf gleicher Höhe. Die Status meldun gen werden auf den Sonsti gen Netz werken offener be handelt, während die Kontakt liste bei Facebook sehr öffent lich ist und die Kontaktinfor ma tionen am ehesten auf den VZNetz werken nicht auf das persön liche Netz werk be schränkt werden. 4.3.4 Kontakte und Freunde Anzahl, Bekannt heit und Nähe zu den Kontakten Auch die Anzahl von und die Nähe zu den Kontakten sind ein Aspekt der Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen. Wie bei der Analyse der PrivatsphäreOptionen fest gestellt, geben die meisten der be fragten 12 bis 24jähri gen Nutzer ihre Informa tionen für ein Publikum frei, das aus eben diesen Kontakten besteht. Im Durch schnitt haben die Befragten 185 Kontakte. Die hohe Standardabweichung dieses Mittelwerts (SD = 169) zeigt jedoch, dass dieser Wert stark schwankt. So reicht die Spann weite in der Stichprobe von einem Kontakt bis hin zu maximal 2.500 Kontakten. Nutzer, die weniger als 50 bzw. mehr als 500 Kontakte haben, bilden aber eher die Aus nahme (Abbil dung 23). 224 Abbil dung 23: Anzahl der Kontakte Bei der zum Teil sehr hohen Anzahl von Freunden wird schnell klar, dass es sich hier nicht um den engsten Freundes kreis handelt, sondern dass von einem er weiterten Bekannten kreis auszu gehen ist. Der persön liche Bekannt heits grad und die Nähe zu den Kontakten sind dabei stark unter schied lich aus geprägt. Beim Bekannt heits grad wurde ab gefragt, welche Kontakte der Befragte schon einmal persön lich ge troffen hat. Ein großer Anteil von 44 Pro zent der Befragten gibt an, alle Kontakte in der eigenen Kontakt liste persön lich zu kennen (Abbil dung 24). Um gekehrt be deutet dies aber auch, dass über die Hälfte der Befragten, nämlich 56 Prozent, mit Personen ver netzt sind, die sie zum Teil noch nie facetoface ge troffen haben. Knapp ein Fünftel der Teil nehmer gibt sogar an, nur die Hälfte oder noch weniger ihrer Kontakte per sön lich zu kennen. Es er scheint plausibel, dass es diejenigen sind, die über be sonders große Netz werke ver fügen. Tatsäch lich haben sie aber mit im Durch schnitt 193 Kontakten nur leicht größere OnlineNetz werke. Wie er wartet, ist die durch schnitt liche Nähe zu den Kontakten im OnlineNetz werk gering. Nur 3 Prozent der Befragten geben an, allen ihren Kontakten so nahe zu stehen, dass sie diese zu ihrer Geburts tags feier einladen würden. Diese Personen haben mit 77 Kontakten be sonders kleine Netz werke. Es ver wundert nicht, dass sich die meisten Befragten bei den Antwortop tionen etwa die Hälfte und weniger als die Hälfte einordnen. Die Frage kann auf grund ihrer Formulie rung nur als Annähe rung an den NäheBegriff, wie er durch Generatoren im Rahmen von sozialen Netz werkanalysen erhoben wird, ver standen werden. Es wird deut lich, dass die Kontakte auf Sozialen Netz werk platt formen sich nicht als enge Freund 16% 17% 16% 11% 11% 8% 6% 5% 3% 2% 5% 0% 5% 10% 15% 20% 1 bis 49 50 bis 99 100 bis 149 150 bis 199 200 bis 249 250 bis 299 300 bis 349 350 bis 399 400 bis 449 450 bis 499 500 und mehr 225 schaften, aber zum Großteil zumindest als Bekannt schaften charakterisie ren lassen. Abbil dung 24: Bekannt heits grad und Nähe der Kontakte Basis: N = 1.301, gewichtete Stichprobe Allgemeine Normen zum Vor gehen beim Hinzufügen von Freunden scheinen sich noch nicht endgültig ge formt zu haben. Jeder ent scheidet individuell, ob er den Kontakt nach einmali gem Treffen mit einer Person im realen Leben anhand einer Freundschafts anfrage oder auch annahme intensivie ren will oder nicht. Auch in den qualitativen Interviews äußerten die Befragten unter schied liche Ver haltens weisen beim Herstellen von Kontakten auf den Netz werk platt formen. Zwischen dem einen Extrem, eine Ver bindung herzu stellen, sobald ein Bezug fest gestellt werden kann, oder gar aktiv neue Kontakte zu akquirie ren, und dem anderen Extrem, nur Personen zu be stäti gen und hinzu zufügen, die persön lich bekannt und sympathisch sind, ist viel Spiel raum. Bei den Geschlechtern ergaben sich nur geringe Unter schiede (Tabelle 38). Junge Frauen und Männer haben etwa gleich viele Freunde und sie unter scheiden sich auch nicht darin, ob sie ihnen nahe stehen oder ob sie die Personen schon einmal persön lich ge troffen haben. Hinsicht lich der Unter schei dung nach Alters gruppen ergab sich bei der Betrach tung der 12 bis 14Jährigen ein plausibles Ergebnis. Jugend liche in diesem Alter haben weniger Kontakte (M = 116) und kennen diese auch besser. Sie empfinden eine im Ver hältnis zu den anderen Alters gruppen geringere Nähe zu diesen Personen. Prozentsatz der Befragten, die angeben, wieviele ihrer Kontakte sie persönlich kennen, bzw. wieviele ihnen so nahestehen, dass sie sie zu ihrer Geburtstagsparty einladen würden. 44% 37% 8% 9% 2%3% 14% 20% 52% 12% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% Alle Die meisten Etwa die Hälfte Weniger als die Hälfte Kaum jemand Bekanntheit Nähe 226 Tabelle 38: Kontakte nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Anzahl der Kontakte 185 194 177 116 266 211 155 Persön liche Bekannt heit* 2,46 2,50 2,42 2,63 2,46 2,38 2,42 Nähe zu den Kontakten* 4,12 4,12 4,13 3,63 4,18 4,26 4,28 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe * An gegeben sind Mittelwerte über die Antwort kategorien 1 = kaum jemand 2 = weniger als die Hälfte, 3 = etwa die Hälfte, 4 = die meisten, 5 = alle Die formale Bildung hingegen scheint ein be deutende rer Einfluss faktor zu sein, wie in Tabelle 39 zu sehen ist. Auf fällig ist, dass Haupt schüler und Haupt schulabsolventen weniger Kontakte haben (M = 147). Realschüler und Realschulabsolventen haben im Schnitt etwa 25 Kontakte mehr und Gymna siasten bzw. Abiturienten haben wiederum 45 Kontakte mehr als die Realschüler und Realschulabsolventen. Ver mutlich ist dieser lineare Anstieg der Kontakte zum Bildungs grad auf den mit der höheren Bildung einher gehenden Wirkungs kreis im Alltag zurück zuführen. Ähnlich der jüngsten Alters gruppe kennen Haupt und Realschüler bzw. absolventen ihre Kontakte eher persön lich und empfinden tendenziell eine geringere Nähe zu ihren Kontakten als Nutzer höherer Bildungs grade. Tabelle 39: Kontakte nach formaler Bildung und Haupt netz werk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) Anzahl der Kontakte 185 147 174 219 202 103 116 Persön liche Bekannt heit* 2,46 2,67 2,54 2,26 2,44 2,58 2,49 Nähe zu den Kontakten* 4,12 3,80 4,11 4,34 4,20 3,85 3,72 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe * An gegeben sind Mittelwerte über die Antwort kategorien 1 = kaum jemand 2 = weniger als die Hälfte, 3 = etwa die Hälfte, 4 = die meisten, 5 = alle Geht man möglichen Unter schieden je Haupt netz werk nach, so ergibt sich, dass Nutzer auf Facebook im Schnitt 202 Kontakte haben. Das sind be deutend mehr als bei Usern auf den VZNetz werken, aber auch auf sonsti gen Netz werk platt formen. Dies könnte vor allem an der Inter nationali tät von Facebook liegen, so dass Nutzer die Möglich keit haben, auch Freunde aus dem Ausland hinzu zufügen. Zusätz lich kämpfen die VZNetz werke gegen den Ab wande rungs strom an. Es bleiben immer weniger Nutzer dort, damit minimiert sich eben falls der Kreis an Kontakten. Der Grad der Bekannt heit der Kontakte ist 227 auf Facebook geringer, während eine höhere Nähe zu den Kontakten empfun den wird. Kontakte hinzu fügen und Kontakte be stäti gen Wie gut die Nutzer ihre Kontakte wirk lich kennen und warum eine Person in die Freundes liste auf genommen wird, konnte durch die Kontextbefra gung besser be leuchtet werden. Das Hinzufügen eines neuen Freundes löste 215 situative Befra gungen aus, und der Fragebogen zur Bestäti gung einer Freundschafts anfrage wurde in 116 Fällen be antwortet (Abbil dung 25). Es zeigt sich, dass in beiden Fällen der größte Anteil der neuen Freunde auf der Sozialen Netz werk platt form Personen waren, die die Befragten eher flüchtig kannten. Mehr als ein Viertel der neuen Freunde zählte zum Freundes kreis der Nutzer. In knapp 22 Prozent der Fälle wurde eine eingehende Freundschafts anfrage eines „Freundes von einem Freund“ be stätigt, wohingegen nur in knapp 11 Prozent der Fälle „Freunde von Freunden“ aktiv hinzu gefügt wurden. Während bei weniger als 2 Prozent der Events eine Freundschafts anfrage von fremden Personen an genommen wurde, wurden in über 10 Prozent der Fälle Personen zur Freundes liste hinzu gefügt, die der Befragte gar nicht kannte. Ein interessan tes Ergebnis, das offenbart, dass ein Teil der Nutzer Sozialer Netz werk platt formen Freundschafts anfragen an un bekannte Personen sendet. Abbil dung 25: Bekannt heits grad der hinzu gefügten und be stätigten Kontakte (Tracking) 10% 4% 11% 48% 27% 2% 3% 22% 45% 28% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% Unbekannte Person Internetkontakt Freund eines Freundes Bekannter Person aus dem Freundeskreis Freunde hinzufügen: n = 215; Anzahl Befragte = 72 Freundschaftsanfragen bestätigen: n = 116; Anzahl Befragte = 54 228 Sowohl beim Hinzufügen eines Freundes als auch beim Annehmen einer Freundschafts anfrage kannten die Befragten in der Mehrheit der Fälle die Person bereits seit einem Jahr oder länger (Abbil dung 26). Die Zahl der Fälle, in denen die Befragten eine Person zu ihrer Freundes liste hinzu fügten, die sie kürzer als eine Woche kannten, lag bei knapp 11 Prozent. In 15 Prozent der Fälle wurde die Freundschafts anfrage einer Person be stätigt, die der Befragte erst seit wenigen Tagen kannte. Demnach besteht nicht die Tendenz, dass die Teilnehmer Personen, denen sie in einer realen Situa tion im Alltag be gegnet sind, sofort auf einer Sozialen Netz werk platt form aus findig machen, um sie zur Liste ihrer Freunde hinzu zufügen. Der hohe Anteil der Personen, mit denen die Nutzer schon mehr als ein Jahr be freundet sind, spricht dafür, dass Jugend liche auf Sozialen Netz werk platt formen auch Bekannte wieder finden, die ihnen in der Ver gangen heit nahegestanden haben, zum Beispiel Klassen kameraden aus der Grundschule oder ehemalige Nachbarn. „Totes“ soziales Kapital kann so wieder belebt und eventuell zu einem späteren Zeitpunkt ab gerufen werden (Ellison, Steinfield & Lampe, 2007). Abbil dung 26: Dauer des Kennens Beim Hinzufügen eines neuen Freundes (M = 2,76; SD = 1,47) und beim Bestäti gen einer Freundschafts anfrage (M = 2,42; SD = 1,52) dachten die Pro banden am ehesten darüber nach, welche Vor teile es für sie hat, die Person zu ihren Kontakten hinzu zufügen (Abbil dung 27). Bei beiden Events machten sich die Befragten eher keine Gedanken darüber, was andere von ihnen denken. kürzer als eine Woche eine Woche bis zu einem Monat ein Monat bis zu einem Jahr ein Jahr oder länger Freunde hinzufügen: n = 215; Anzahl Befragte = 72 Freundschaftsanfragen bestätigen: n = 116; Anzahl Befragte = 54 11% 12% 16% 51% 15% 8% 14% 62% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% 229 Wird eine Freundschafts anfrage an genommen, denken die Befragten tenden ziell mehr darüber nach, was diese Handlung für ihre Privatsphäre be deutet (M = 2,13; SD = 1,49), welche Nachteile sich daraus ergeben könnten (M = 2,19; SD = 1,49) und welche Informa tionen der neue Freund von ihnen sehen wird (M = 2,35; SD = 1,55), als beim Hinzufügen eines neuen Freundes. Sowohl das Ver senden als auch das Bestäti gen einer Freundschafts anfrage sind Handlun gen, die spontan aus geführt werden, ohne länger über die Konsequenzen nach zudenken. Abbil dung 27: Über legungen beim Freunde hinzu fügen und Freundschafts anfragen be- antworten Skala: 1 = trifft überhaupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu Das Hinzufügen eines neuen Freundes dient vor allem dem Aus tausch mit anderen (M = 3,12; SD = 1,45) und der Beziehungs pflege (M = 2,98; SD = 1,39). Außerdem fügen die Befragten Personen zu ihrer Freundes liste hinzu, um sich deren Profil ansehen zu können (M = 3,08; SD = 1,45). Voyeurismus ist demnach ein Motiv, das eine ent scheidende Rolle spielt, wenn ein neuer Freund hinzu gefügt wird. Freundschafts anfragen werden vor allem be stätigt, um Beziehungen zu pflegen (M = 3,09; SD = 1,40). Außerdem nannten die Befragten Spaß (M = 2,84; SD = 1,43) und Gewohn heit (M = 2,83; SD = 1,42) als weitere Motive Ich habe mir zuvor Gedanken gemacht, … 1,92 2,24 1,95 2,76 2,032,13 2,35 1,84 2,42 2,19 0 1 2 3 4 5 … was es für meine Privatsphäre bedeutet. … welche Informationen er/sie von mir sehen wird. … was andere von mir denken. … welche Vorteile es für mich hat, diese Person hinzuzufügen. … welche Nachteile es für mich hat, diese Person hinzuzufügen. Freunde hinzufügen: n = 215; Anzahl Befragte = 72 Freundschaftsanfragen bestätigen: n = 116; Anzahl Befragte = 54 230 für das Annehmen von Freundschafts anfragen. Bei beiden Events er halten die Motive „Freundes liste er weitern“, „sich mit anderen ver bunden fühlen“ und „neue Leute kennen lernen“ moderate Zustim mung. In den Fällen, in denen eine Freundschafts anfrage an genommen wurde, hielten die Befragten es für unhöf lich, diese abzu lehnen (M = 2,29; SD = 1,31). Die Befragten wollen durch das Hinzufügen neuer Freunde und Bestäti gen von Freundschafts anfragen weder etwas mitteilen, noch Auf merksam keit von anderen be kommen, dazu gehören oder be ruflich etwas davon haben. 4.3.5 Selbstoffenba rungs typen Insgesamt lässt sich fest stellen, dass die in den Ab schnitten 4.3.1 bis 4.3.4 analysierten Unter schiede in den ver schiedenen Selbstoffenba rungs dimensionen hinsicht lich Alter, Geschlecht und formaler Bildung gering sind. Da sozio demografi sche Variablen offen bar nur ein geschränkt Einfluss auf das Online Selbstoffenba rungs verhalten haben, müssen andere Strukturen be dingen, wie sich die Jugend lichen und jungen Erwachsenen auf Sozialen Netz werk platt formen präsentie ren. Um das Selbstoffenba rungs verhalten detaillierter be trachten zu können, wurden die Befra gungs teilnehmer anhand der vier Dimensionen der OnlineSelbstoffenba rung in einer Cluster analyse24 zu Selbstoffenba rungs Typen ver dichtet. Als clusterbildend wurden dabei die schon zuvor be schriebe nen Variablen aus den Bereichen Profilinforma tionen, kommunikative Handlun gen, Nutzung der PrivatsphäreOptionen und Kontakte ver wendet. Dabei wurden Mittelwertindices der Variablen ver wendet. Die Anzahl der Kontakte floss in gruppierter Form ein, um extreme Aus reißer nach oben zu ver meiden. Eine varianzanalyti sche Aus wertung der clusterbilden den Variablen nach den drei ge bildeten Selbstoffenba rungs typen findet sich in Tabelle 40. Die Cluster wurden auf grund ihres spezifi schen Selbstoffenba rungs verhaltens auf Sozialen Netz werk platt formen als Vieloffen barer, Wenigoffen barer und Privatsphäre Manager benannt. Diese Klassifizie rung erinnert sehr an die bereits durch Taylor (2006) identifizierten Gruppen, der die Einstel lungen zur OnlinePrivat sphäre an einer repräsentativen Stichprobe von USBürgern unter suchte. 24 Als clusterbilden des Ver fahren wurde die TwoStepCluster analyse mit euklidi schem Distanzmaß und einer Rausch verzer rung von 1 Prozent ver wendet. Die Ent schei dung für drei Cluster er folgte auf grund einer Analyse mit dem WardVerfahren und aus Gründen der Interpretier bar keit. 231 Tabelle 40: Selbstoffenba rung nach Selbstoffenba rungs typ Viel- offen barer Wenig- offen barer Privatsphäre- Manager F Sign. (n = 164) (n = 581) (n = 468) M SD M SD M SD Profil-Informa tionen Name 0,89a 0,26 0,80b 0,32 0,90a 0,22 21,66 p < ,001 Allgemeine Informa tionen 0,74a 0,26 0,62b 0,26 0,82c 0,19 85,46 p < ,001 Kontaktinforma tionen 0,21a 0,21 0,14b 0,17 0,22a 0,23 24,97 p < ,001 Intime Profilinforma tionen 0,26a 0,38 0,12b 0,26 0,34c 0,38 62,43 p < ,001 (Skala: 0 = keine Informa tion an gegeben, 1 = alle Informa tionen an gegeben) Kommunikative Handlun gen Private Kommunika tion 3,28a 0,99 3,03b 0,84 4,27c 0,67 323,57 p < ,001 (Semi-)Öffent liche Kommunika tion 2,76a 0,98 2,38b 0,77 3,79c 0,74 424,99 p < ,001 Kommunika tion durch und über multimediale Inhalte 1,98a 0,87 1,63b 0,58 2,57c 0,94 190,53 p < ,001 (Mittelwertindices auf einer Skala von 1 = seltener/nie, 2 = mehrmals im Monat, 3 = mehrmals wöchent lich; 4 = täglich; 5 = mehrmals täglich) Nutzung der Privatsphäre-Optionen Sicht bar keit Profilinforma tionen 4,78a 0,94 3,04b 0,62 3,00b 0,61 270,60 p < ,001 Sicht bar keit Status meldun gen 4,89a 0,77 3,09b 0,66 2,98c 0,59 303,75 p < ,001 Sicht bar keit Fotos 4,64a 0,93 2,97b 0,61 2,94b 0,59 261,48 p < ,001 Sicht bar keit Liste der Kontakte 4,77a 0,86 3,15b 0,77 3,13b 0,80 156,66 p < ,001 Sicht bar keit Kontaktinforma tionen 3,34a 1,25 2,72b 0,71 2,76b 0,59 26,01 p < ,001 (Skala 1 = sehr restriktiv, 6 = sehr offen) Kontakte Anzahl Kontakte 3,71a 2,73 3,28a 2,01 5,80b 2,90 138,79 p < ,001 (gruppiert: 1 = 1–50 Kontakte, 2 = 51–100 Kontakte … 11 = 500 und mehr Kontakte) Nähe zu Kontakten 3,54 1,01 3,48 1,04 3,42 0,89 0,95 n. s. (Skala 1 = kaum jemand, 6 = alle) Bekannt heit der Kontakte 4,76a 1,11 5,31b 0,96 5,10c 0,95 21,07 p < ,001 (Skala 1 = kaum jemand, 6 = alle) Varianzanalysen; Basis N = 1.213, ge wichtete Stichprobe a, b, c Mittelwerte mit unter schied lichen Kennbuchstaben unter scheiden sich signifikant nach dem Games HowellPostHocTest (p < ,05) * LeveneTest sign. mit p < ,05 Der Cluster der Vieloffen barer ist mit 164 Befragten am kleinsten (14 Pro zent). Personen, die zu dieser Gruppe ge hören, fallen vor allem durch ihre ver hältnis mäßig offenen PrivatsphäreEinstel lungen auf. Sie teilen auch häufiger ihren echten Namen und Kontaktinforma tionen mit als die Wenigoffen barer. Bei der Durch führung kommunikativer Handlun gen liegen sie im mittle ren Bereich, zwischen den Wenigoffenbarern und den PrivatsphäreManagern. Sie haben zwar in etwa genauso viele Kontakte wie die Wenigoffen barer, kennen diese aber persön lich seltener als die anderen Gruppen. Daraus könnte man schließen, dass es sich bei den Vieloffenbarern evtl. um Personen handelt, bei denen das Knüpfen neuer Kontakte über die Platt formen be sonders im Vorder 232 grund steht. Sie er leichtern durch Angabe ihres echten Namens und der Kontakt informa tionen ihre Auf find bar keit und das An geschrieben werden. Die relativ gesehen lockere ren PrivatsphäreOptionen tragen zusätz lich dazu bei, Kontakte knüpfen zu können. Dafür, dass die Vieloffen barer tatsäch lich auf Kontakt suche in den Netz werken sind, könnte auch der relativ gesehen geringe Bekannt heits grad ihrer Kontakte sprechen. Die Wenigoffen barer sind mit 581 Befragten in unserem Sample die größte Gruppe (48 Prozent). Sie fallen dadurch auf, dass sie nur wenige Informa tionen auf ihrem Profil teilen und weniger oft kommunikative Handlun gen auf den Platt formen aus führen als die anderen Gruppen. Ihre PrivatsphäreOptionen sind restriktiver und obwohl sie ähnlich viele Kontakte wie die Vieloffen barer auf weisen, kennen sie diese Kontakte am häufigsten persön lich. Die Gruppe der Wenigoffen barer zeichnet sich vor allem durch Zurück haltung in der Selbstoffenba rung aus. Man kann sie jedoch nicht als passiv be zeichnen. Obwohl die Werte bei den kommunikativen Handlun gen relativ zu den anderen Gruppen gering er scheinen, sprechen sie doch für eine regelmäßige Beteili gung an der Kommunika tion auf Sozialen Netz werk platt formen. Außerdem zeigen die relativ gesehen restriktiv ein gestellten PrivatsphäreOptionen, dass die Wenigoffen barer sich mit ihnen be schäftigt und sie aktiv ein gestellt haben. Bei den Wenig offenbarern findet sich am ehesten die PrivatsphäreStrategie der Anonymi sie rung/Pseudonymisie rung wieder. In dieser Gruppe haben nur 80 Prozent ihren vollen Namen an gegeben. In Hinblick auf ihre Selbstoffen barung auf Sozialen Netz werk platt formen könnte man die Wenigoffen barer auch als „un auffällige Mitläufer“ be zeichnen, die zwar die Netz werke nutzen wollen, um mit ihnen be kannten Personen kommunizie ren zu können, aber die nicht mit Fremden inter agie ren möchten. Die dritte und letzte von uns identifizierte Gruppe sind die Privatsphäre Manager, es handelt sich um 468 Befragte (39 Prozent). Die Privatsphäre Manager gehen – ebenso wie die Wenigoffen barer – restriktiv bei der Einstel lung ihrer PrivatsphäreOptionen vor. Im Gegen satz zu ihnen offen baren sie aber viele Informa tionen innerhalb des Kreises ihrer Kontakte, zum einen über die Profilinforma tionen, zum anderen durch Kommunika tion auf den Platt formen. Sie sind deut lich kommunikativer als andere Nutzer und haben die mit Abstand größten Kontakt netz werke. Zusammen fassend ist diese Gruppe zwar sehr kommunikativ und offen herzig, aber sie schützt ihre Daten im Rahmen der sozialen Privatsphäre gegen über Außen stehen den durch die Nutzung der PrivatsphäreOptionen. Es lässt sich ver muten, dass diese Nutzer die Netz werk platt formEnthusiasten darstellen. Sie nutzen die kommunikativen Features intensiver als andere und „managen“ den Zugang zu ihren Informa tionen durch die Benut zung der vom Anbieter bereit gestellten Optionen. Im nächsten Analyseschritt be schreiben wir, wie sich die ge bildeten Cluster hinsicht lich soziodemografi scher Variablen und hinsicht lich der Nutzung 233 Sozialer Netz werk platt formen und der Nutzungs motive, die sie den An geboten zuschreiben, unter scheiden (Tabelle 41). Interessant ist zunächst, dass sich be züglich des Geschlechts keine signifikanten Unter schiede zwischen den drei Gruppen ergeben. Männliche und weib liche Befragte ver teilen sich in allen drei Clustern gleichmäßig. Beim Alter und der Bildung hingegen ergeben sich leichte Differenzen. Tabelle 41: Sozio-Demografie, Nutzungs häufig keit und Nutzungs motive nach Selbstoffen- barungs typ Viel- offen barer Wenig- offen barer Privatsphäre- Manager F Sign. (n = 164) (n = 581) (n = 468) M SD M SD M SD Alter* in Jahren 17,81a 3,69 18,94b 3,72 18,28a 3,21 8,46 p < ,001 Geschlecht* 1,41 0,49 1,51 0,50 1,47 0,50 2,62 n. s. (1 = männ lich, 2 = weib lich) Formale Bildung 1,97a 0,80 2,22b 0,78 2,19b 0,79 6,85 p < ,01 (1 = Haupt schule/Haupt schulabschluss; 2 = Realschule/Realschulabschluss; 3 = Gymnasium/Abitur) Facebook als Haupt netz werk* 0,90a 0,31 0,81b 0,39 0,96a 0,20 28,05 p < ,001 VZ-Netz werk als Haupt netz werk* 0,09a 0,29 0,18b 0,38 0,04a 0,20 26,34 p < ,001 Nutzungs häufig keit von SNS* 4,35a 0,90 4,33a 0,88 4,82b 0,46 59,39 p < ,001 (1 = seltener/nie, 2 = mehrmals im Monat, 3 = mehrmals wöchent lich; 4 = täglich; 5 = mehrmals täglich) Motiv Informa tion* 2,81a 0,84 2,59b 0,72 3,16a 0,85 69,33 p < ,001 Motiv Unter haltung 3,84a 0,90 3,57b 0,94 4,14c 0,82 52,92 p < ,001 Motiv Eskapismus 2,98a 0,94 2,59b 0,92 3,17a 0,95 52,39 p < ,001 Motiv Selbst darstel lung 2,92a 0,99 2,34b 0,86 3,02a 0,93 79,52 p < ,001 Motiv Pflege sozialer Beziehungen 3,50a 0,70 3,28b 0,68 3,86c 0,61 99,92 p < ,001 Motiv Knüpfen neuer Kontakte* 3,02a 1,18 2,34b 1,18 3,03a 1,34 46,35 p < ,001 Motiv Zu gehörig keits gefühl* 2,77a 1,05 2,41b 0,95 2,85a 1,05 27,02 p < ,001 (Skala: 1 = sehr unwichtig, 5 = sehr wichtig) Varianzanalysen; Basis N = 1.213, ge wichtete Stichprobe a, b, c Mittelwerte mit unter schied lichen Kennbuchstaben unter scheiden sich signifikant nach dem Games HowellPostHocTest (p < ,05) * LeveneTest sign. mit p < ,05 Die Vieloffen barer sind am jüngsten (M = 17,81; SD = 3,69) und weniger ge bildet (M = 1,97; SD = 0,80) als die beiden anderen Gruppen. Wie alle Gruppen sind sie am häufigsten bei Facebook aktiv (M = 0,90; SD = 0,31) und sie nutzen die Platt form im Durch schnitt täglich. Da es sich bei dem Selbst offenba rungs verhalten der Vieloffen barer im Ver gleich zu den anderen um das relativ gesehen riskanteste handelt, kann man ab leiten, dass es bei dem Umgang mit den PrivatsphäreOptionen auf Sozialen Netz werk platt formen noch ein leichtes Defizit bei Personen mit niedri ger Bildung und jüngeren Personen gibt. Soziale Netz werk platt formen werden, wie bereits fest gestellt, vor allem aus 234 dem Motiv der Unter haltung und der Beziehungs pflege heraus ge nutzt. Die Vieloffen barer liegen hinsicht lich ihrer Zustim mung zu diesen beiden Motiven im mittle ren Bereich zwischen den Wenigoffenbarern und den Privatsphäre Managern. Die Wenigoffen barer sind im Gegen satz zu den anderen Gruppen leicht älter (M = 19,94, SD = 3,72). Auf fallend ist, dass sie weniger oft Facebook als Haupt netz werk nutzen als die anderen Gruppen (M = 0,81; SD = 0,39). Dieser Umstand be stätigt den Eindruck von der Trägheit und des „Mitläufertums“ dieser Gruppe. Sie ge hören nicht zu den EarlyAdoptern von Facebook. Dem allgemeinen Sog hin zu dem USamerikani schen Anbieter haben die Wenig offen barer bisher offen bar am stärksten wieder standen. Natür lich ist die Markt führer schaft von Facebook in dieser Gruppe dennoch unangefochten und deut lich. Kaum über raschend ist, dass die Wenigoffen barer die Sozialen Netz werk platt formen seltener nutzen. Ver blüffend hingegen ist, dass sie dennoch im Mittel zumindest täglich auf die An gebote zugreifen (M = 4,33; SD = 0,88). Dieses Ergebnis zeigt sehr deut lich, dass selbst Personen, die auf Sozialen Netz werk platt formen hinsicht lich kommunikativer Aktionen weniger aktiv sind, die An gebote durch aus regelmäßig rezeptiv nutzen. Das Dabeisein und nichts zu ver passen scheint für diese relativ gesehen große Gruppe an Nutzern ein wichti ger Punkt bei der Teilnahme zu sein. Sie nehmen zwar nicht täglich aktiv an der Selbstoffenba rung teil, möchten aber über die Neuig keiten auf der Platt form informiert bleiben. Dieses Ver haltens muster wurde auch schon in den qualitativen Interviews identifiziert. Den Motiven Unter haltung und Be ziehungs pflege stimmen auch die Wenigoffen barer über wiegend zu. Insgesamt weisen sie aber bei allen Motiven geringere Werte auf als die anderen Cluster. Ihre zurück haltende, im Ver gleich zu den anderen Clustern als passiv zu be zeichnende Nutzung, könnte sowohl als Grund als auch als Folge der ver gleichs weise geringen Gratifika tionen gesehen werden. Die PrivatsphäreManager liegen beim Alter im mittle ren Bereich (M = 18,28; SD = 3,21) und heben sich nicht durch die formale Bildung von den Wenig offenbarern ab (M = 2,19; SD = 0,79). Sie nutzen Facebook als hauptsäch liches Netz werk (M = 0,96; SD = 0,20). Wie er wartet, handelt es sich bei ihnen um die aktivsten Nutzer. Sie frequentie ren ihre Soziale Netz werk platt form mit einem Mittelwert von M = 4,82 noch häufiger als die anderen Gruppen. Die PrivatsphäreManager stimmen allen von uns ab gefragten Motiven ver hältnis mäßig stark zu, dem Unter hal tungs motiv und dem Motiv, das die Pflege und Auf rechterhal tung sozialer Beziehung be schreibt, sogar noch stärker als die Vieloffen barer. Und auch bei den Motiven Informa tion und Eskapismus liegen ihre Mittelwerte deut lich im Zustimmungs bereich der Skala. Dieser Umstand ver stärkt den Eindruck, dass es sich bei ihnen um die Netz werk platt form Enthusiasten handelt, die dort am aktivsten sind und die höchste Gratifika tion aus den Platt formen ziehen können. 235 4.4 Ergeb nisse zur Privatsphäre und zum Daten schutz Jugend liche und junge Erwachsene nutzen Soziale Netz werk platt formen sehr intensiv und ziehen daraus vielfältige Gratifika tionen. Vielleicht wird ihnen deshalb so schnell unter stellt, dass sie sich weniger um den Schutz ihrer Privatsphäre sorgen als ältere Nutzer. Ein undifferenziertes Pauschalurteil kann jedoch auf Basis der durch geführten Sekundäranalyse und auf grund der Ergeb nisse der qualitativen Befra gung so nicht beibehalten werden. Die Analyse der Daten aus der quantitativen Befra gung wird im ersten Ab schnitt dieses Kapitels ein detaillierte res Bild liefern. Ein wichti ger Aspekt im Rahmen der Sorge um die Privatsphäre ist der mögliche Ver lust von Autonomie, der Kontroll verlust, den Selbstoffenba rungs hand lungen im Social Web mit sich bringen. Zudem sollen die möglichen Risiken, die durch die Ver öffent lichung gegen über dem Betreiber und durch Dritte ent stehen können, quantifiziert werden. Im zweiten Teil dieses Kapitels widmen wir uns den negativen Erfah rungen, die junge Nutzer auf Sozialen Netz werk platt formen und im Internet bereits ge macht haben. Im letzten Ab schnitt dieses Kapitels be schäfti gen wir uns mit Urheber rechten und den Persönlich keits rechten. 4.4.1 Sorge um die Privatsphäre und Beurtei lung der Risiken Um der Frage nach der Sorge und Privatsphäre auf quantitativer Basis nach zukommen, wurde eine neue Kurz skala ent wickelt, da herkömm liche Skalen für den Gegen stand Sozialer Netz werk platt formen und insbesondere für die unter suchte Alters gruppe unge eignet er schienen. Die Skala teilt sich in einer explorativen Faktoren analyse in zwei Subdimensionen, das Autonomiebedürfnis und die Sorge um die eigene Privatsphäre hinsicht lich bereits online ver öffentlichter Informa tionen (Tabelle 42). Die Dimension Autonomiebedürfnis mag zunächst über raschen; da die Einschrän kung des autonomen Handelns aber die Haupt konsequenz einer ein geschränkten Privatsphäre ist (Rössler, 2001), stellt das Autonomiebedürfnis um gekehrt einen wichti gen Teil der Sorge um die Privatsphäre dar. Die andere Dimension deckt Sorgen ab, die sich auf bereits ver öffentlichte Inhalte der Nutzer be ziehen. Beide Dimensionen korrelie ren schwach negativ miteinander (Pearson’s r = –,13; p < ,001). Demnach hängt ein ver stärktes Autonomiebedürfnis hinsicht lich der OnlinePrivatsphäre mit weniger starken Sorgen auf grund bereits ver öffentlichter Inhalte zusammen. 236 Tabelle 42: Faktoren analyse zur Sorge um die Privatsphäre Autonomie- bedürfnis Sorge auf grund ver- öffentlichter Inhalte Es ist mir wichtig, selbst be stimmen zu können, wer im Internet etwas über mich erfährt und wer nicht. ,85 Es ist mir wichtig, selbst zu be stimmen, wer im Internet Kontakt mit mir auf nehmen kann. ,81 Ich über lege mir sehr genau, welche Informa tionen ich auf Sozialen Netz werk platt formen über mich preis gebe und welche nicht. ,81 Ich finde es be ängstigend, wie viele Informa tionen online über mich ver fügbar sind. ,80 Einige Inhalte, die über mich im Netz zu finden sind, sind mir pein lich. ,79 Jemand, der un bedingt etwas Persön liches über mich heraus finden möchte, kann das im Internet sehr leicht tun. ,78 Erklärte Varianz 34,51 31,36 Eigen wert 2,07 1,88 Cronbach’s α ,77 ,70 Mittelwert 4,15 2,52 Standardabweichung 0,83 0,96 Haupt komponenten analyse, VarimaxRotation, Extrak tion nach Kaiserkriterium Erklärte Gesamtvarianz: 65,8 Prozent; KMO = ,7 Ladungen < .4 wurden in der Darstel lung aus geblendet Skala:1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu In Ergän zung zu der im vorigen Absatz geschilderten Skala wurden die Teilnehmer zu ihrer Einschät zung potenzieller Gefahren quellen auf der von ihnen hauptsäch lich ge nutzten Netz werk platt form ge fragt. Dabei wurden neben Risiken, die durch den Anbieter ent stehen können, vor allem Risiken durch die Peergroup, aber auch Risiken durch Eltern und Lehrer, sowie Krimi nelle ab gefragt. Über raschender weise zeigte eine explorative Faktoren analyse, dass sich die Items in die Subdimensionen Risiken durch natür liche Personen und Risiken durch den Anbieter auf teilen (Tabelle 43). Alle natür lichen Personen, sogar solche, die Krimi nelles im Schilde führen, laden auf demselben Faktor. Diese Zweitei lung ent spricht der Annahme von RaynesGoldie (2010), dass die Nutzer zwischen einer sozialen und einer institu tio nellen Privatsphäre differen zie ren. Die soziale Privatsphäre bezieht sich auf die Privatsphäre im sozialen Umfeld, gegen über Personen, die mehr oder weniger bekannt sind. Die institutio nelle Privatsphäre bezieht sich auf die Privat heit gegen über daten verarbeiten den Organisa tionen und der werbetreiben den Wirtschaft, von der an genommen werden kann, dass sie zwar personen bezogene Daten ver knüpft, aber anonymi siert ver arbeitet. Die beiden Subdimensionen korrelie ren auf dem Niveau Pearson’s r = ,38 (p < ,001). Je misstraui scher ein Nutzer gegen über dem Betreiber ist, desto misstraui scher ist er auch gegen über natür lichen Personen. 237 Tabelle 43: Faktoren analyse zur Risikoeinschät zung Ich halte es für wahrschein lich, dass … Risiken durch natür lich Personen Risiken durch den Anbieter … Bekannte oder Freunde von mir auf [Netz werk platt form] Informa tionen über mich ver öffent lichen, von denen ich nicht möchte, dass sie öffent lich sind. 0,84 … Bekannte von mir Informa tionen auf [Netz werk platt form] dazu be nutzen, um mich zu ärgern und zu ver spotten. 0,84 … Bekannte oder Freunde von mir Fotos auf [Netz werk- platt form] hochladen, von denen ich nicht möchte, dass sie öffent lich sind. 0,82 … ein Krimi neller mein Profil auf [Netz werk platt form] dazu benutzt, um mich heim lich zu be obachten. 0,76 … Bekannte oder Freunde von mir mein Profil auf [Netz werk platt form] dazu be nutzen, um mich heim lich zu be obachten. 0,69 … andere Personen (z. B. Eltern, Lehrer/Dozenten, Arbeit- geber) mein Profil auf [Netz werk platt form] dazu be nutzen, um mich auszu spionie ren. 0,62 … die Betreiber von [Netz werk platt form] meine Daten für Werbung nutzen. 0,91 … die Betreiber von [Netz werk platt form] meine persön- lichen Daten an andere Firmen weiter geben. 0,87 Erklärte Varianz 3,57 1,81 Eigen wert 44,61 22,62 Cronbach’s α ,87 ,80 Mittelwert 2,49 3,34 Standardabweichung 0,95 1,18 Haupt komponenten analyse, VarimaxRotation, Extrak tion nach Kaiserkriterium Erklärte Gesamtvarianz: 67,2 Prozent; KMO = ,85 Ladungen < .4 wurden in der Darstel lung aus geblendet Skala: Von 1 = stimme über haupt nicht zu bis 5 = stimme voll und ganz zu Die vier Faktoren aus beiden Fragen wiesen jeweils eine aus reichende Reliabili tät von Cronbach’s α ≥ ,7 auf und wurden als Mittelwertindices ge bildet. Drei der Indices ver teilen sich annähernd normal, der Index zum Autonomiebedürfnis weist eine deut lich links schiefe Ver teilung und einen Decken effekt auf. Über 28 Prozent der Stichprobe stimmten allen drei Auto nomieItems voll und ganz zu. Den Teilnehmern ist ihre Autonomie im Social Web also durch aus wichtig, wie auch der hohe Mittelwert von M = 4,15 (SD = 0,83) aus drückt. Der Durch schnitt des Indices, der be schreibt, inwiefern sich die Nutzer Sorgen auf grund der von ihnen bereits ver öffent lichten Inhalte machen, ist dagegen mit M = 2,52 (SD = 0,96) geringer und liegt im Ableh nungs bereich der Skala. Die Befragten sorgen sich also insgesamt gesehen weniger darum, dass die von ihnen ver öffent lichten Inhalte dazu beitragen könnten, ihre Privatsphäre zu ver letzen. Neben der Erklä rung, dass junge Men schen sich keine Sorgen machen, obwohl sie viele Daten über sich ver öffent licht 238 haben, ist es ebenso plausibel anzu nehmen, dass sie ihr eigenes Selbstoffen barungs verhalten auf Sozialen Netz werk platt formen als an gemessen empfinden und dass es im Einklang mit ihrem subjektiven Privatsphäre empfinden steht. In Kombina tion mit den Ergeb nissen zum Selbstoffen barungsverhalten aus Ab schnitt 4.3 kann dies als erneute Bestäti gung für das PrivacyParadox an gesehen werden. Obwohl die Teilnehmer Sozialer Netz werk platt formen zum Teil sehr detaillierte Informa tionen über sich offen baren, sorgen sie sich gleich wohl um ihre Privatsphäre und geben an, ein hohes Bedürfnis nach Autonomie zu haben. Von welchen Gruppen Bedrohungen für die eigene Privatsphäre aus gehen, wird von den Jugend lichen unter schied lich ein geschätzt. Die Risiken zur sozialen Privatsphäre (M = 2,49; SD = 0,95) werden dabei als geringer ein geschätzt als die zur institu tio nellen (M = 3,34; SD = 1,18). Dieses Ergebnis ver wundert nicht, da eines der Items, auf denen der Index „Risiken durch den Betreiber“ basiert, auf die Nutzung der persön lichen Daten für Werbezwecke abzielt. Diese Praxis ent spricht der Realität und den Geschäfts modellen der Anbieter, was auch der Mehrzahl der Jugend lichen und jungen Erwachsenen bekannt ist. Aber auch das andere Item, das die Einschät zung der Weiter gabe personen bezogener Daten erfasst, weist einen ähnlich hohen Durch schnitts wert auf, so dass von einem Misstrauen gegen über den Geschäfts praktiken der Betreiber Sozialer Netz werk platt formen ge sprochen werden kann. Der ver gleichs weise hohe Mittelwert der Einschät zung von Risiken durch den Betreiber zeigt, dass den Jugend lichen und jungen Erwachsenen durch aus bewusst ist, dass hinter der von ihnen ge nutzten Sozialen Netz werk platt form ein Anbieter steht, der mit der Bereit stel lung der von ihnen ge nutzten Infrastruktur Geld ver dient. Wenn diese Risiken bewusst in Kauf ge nommen werden, gehen die Nutzer damit eine Art Tausch handel – kosten lose Nutzung der Platt form gegen Bewirtschaf tung ihrer persön lichen Daten – ein (Hann, Hui, Lee & Png, 2002). Die Gefahr, dass natür liche Personen die Angaben in Sozialen Netz werk platt formen missbräuch lich ver wenden könnten, wird aber dennoch von den Befragten wahrgenommen, wie der Mittelwert des Indices nahe dem Skalen mittel zeigt. Da in dem Index, der die Risikoeinschät zung durch natür liche Personen be schreibt, sehr unter schied liche Gefahren zusammen gefasst wurden, erfolgt in Tabelle 44 eine Auf listung der Mittelwerte der einzelnen Items. Es fällt auf, dass die Gefahr, der heim lichen Beobach tung durch Peers oder Dritte höher ein geschätzt wird als der Upload unerwünschter Inhalte. Die Gefahr wegen der Inhalte, die auf Sozialen Netz werk platt formen ver fügbar sind, Opfer von Spott und Hänseleien oder gar CyberMobbing zu werden, wird eben falls eher gering ein geschätzt. Die Gefahr, dass ihre Angaben auf Sozialen Netz werk platt formen krimi nellen Machen schaften dien lich sein könnten, hat eben falls einen relativ geringen Mittelwert. 239 Tabelle 44: Mittelwerte und Standardabweichung der Risikoeinschät zung Ich halte es für wahrschein lich, dass … Mittelwert Standard- ab weichung Risiken durch den Anbieter … die Betreiber von [Haupt netz werk] meine persön lichen Daten an andere Firmen weiter geben. 3,21 1,24 … die Betreiber von [Haupt netz werk] meine Daten für Werbung nutzen. 3,47 1,34 Risiken durch natür liche Personen … Bekannte oder Freunde von mir auf [Haupt netz werk] Informa- tionen über mich ver öffent lichen, von denen ich nicht möchte, dass sie öffent lich sind. 2,42 1,18 … Bekannte oder Freunde von mir Fotos auf [Haupt netz werk] hochladen, von denen ich nicht möchte, dass sie öffent lich sind. 2,49 1,20 … Bekannte oder Freunde von mir mein Profil auf [Haupt netz- werk] dazu be nutzen, um mich heim lich zu be obachten. 2,71 1,26 … Bekannte von mir Informa tionen auf [Haupt netz werk] dazu be nutzen, um mich zu ärgern und zu ver spotten. 2,23 1,23 … andere Personen (z. B. Eltern, Lehrer/Dozenten, Arbeit geber) mein Profil auf [Haupt netz werk] dazu be nutzen, um mich auszu- spionie ren. 2,71 1,28 … ein Krimi neller mein Profil auf [Haupt netz werk] dazu benutzt, um mich heim lich zu be obachten. 2,37 1,19 N = 1.301, ge wichtete Stichprobe Skala: 1 = stimme über haupt nicht zu bis 5 = stimme voll und ganz zu Ein interessantes Detail ergebnis liefert ein Blick auf die Korrela tionen zwischen den vier Einstel lungs indices, die die Sorge um die Privatsphäre aus drücken, wie in Tabelle 45 zu sehen ist. Der stärkste Zusammen hang findet sich zwischen der Sorge, die sich Personen auf grund der von ihnen ver öffent lichten Inhalte machen und den Risiken, die sie durch die missbräuch liche Nutzung von Privatpersonen sehen (Pearsons’s r = ,54; p < ,001). Den Befragten ist bewusst, dass sich die Risiken, die für ihre soziale Privatsphäre ent stehen können, erhöhen, wenn sie viel von sich preis geben. Die hier ge messene Risikoeinschät zung ist ver mutlich ab hängig vom Selbstoffenba rungs verhalten der Nutzer. Da die Unter suchung als Querschnitt an gelegt wurde, kann die Frage der Kausali tät an dieser Stelle nicht ab schließend ge klärt werden. 240 Tabelle 45: Korrela tionen zwischen den Indices zur Sorge um die Privatsphäre Autonomie- bedürfnis Sorge auf- grund ver- öffentlichter Inhalte Risiken durch natür lich Personen Risiken durch den Anbieter Autonomiebedürfnis – –,13* –,16* ,02 Sorge auf grund ver öffentlichter Inhalte – ,54* ,20* Risiken durch natür liche Personen – ,38* Risiken durch den Anbieter – N = 1.301, ge wichtete Stichprobe Zweiseitige Korrela tion nach Pearson * signifikant auf dem Level p < ,001 Wie bereits in den Ab schnitten 4.2.2 und 4.3.1, sollen nun die Unter schiede in der Sorge um die Privatsphäre hinsicht lich der soziodemografi schen Merk male Geschlecht, Alter und Bildung sowie der ge nutzten Netz werk platt form fest gestellt werden. Tabelle 46: Sorge, Autonomiebedürfnis und Risiken nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Autonomiebedürfnis 4,15 4,03 4,26 4,11 4,05 4,11 4,26 Sorge durch bereits ver öffentlichte Inhalte 2,52 2,59 2,44 2,55 2,52 2,59 2,44 Risiken durch Betreiber 3,34 3,51 3,16 3,02 3,31 3,53 3,40 Risiken durch natür liche Personen 2,49 2,57 2,40 2,52 2,52 2,55 2,40 N = 1.301, ge wichtete Stichprobe Mittelwertindices, Skala: 1 = stimme über haupt nicht zu bis 5 = stimme voll und ganz zu Die Mittelwert unterschiede hinsicht lich des Geschlechts sind wenig über raschend (Tabelle 46). Während weib liche Nutzer ihr Bedürfnis nach Autonomie betonen, sind männ liche Nutzer ver gleichs weise eher besorgt auf grund der Inhalte, die bereits im Netz über sie öffent lich sind, und sie schätzen die Risiken hinsicht lich der institu tio nellen und sozialen Privatsphäre höher ein. Aus den Daten lässt sich ab leiten, dass gerade für junge Frauen die Autonomie noch wichti ger ist als für junge Männer. Männliche Jugend liche und junge Erwach sene hingegen schätzen die Risiken durch den Betreiber oder natür liche Personen höher ein. Beim Ver gleich der Indices nach Alters gruppen fällt zunächst auf, dass weder die Sorge auf grund bereits ver öffentlichter Inhalte, noch die Einschät zung von Risiken, die durch das Umfeld oder andere Personen ent stehen könnten, variieren. Beide steigen also nicht im Laufe des Alters an. Dieses 241 Ergebnis ist zunächst ver blüffend, da ver mutet werden könnte, dass mit zuneh men dem Alter und damit gleichzeitig zunehmen der Zeit, die online ver bracht wurde, die Zahl an OnlineSelbstoffenba rungs akten an steigt. Ein kleiner Unter schied zeigt sich aber bei der Einschät zung von Risiken durch den Betreiber. 12 bis 14jährige Nutzer schätzen diese als geringer ein als alle anderen Alters gruppen. Dies ist plausibel, da sie ver mutlich noch ein geringe res Ver ständnis für die Business modelle und die Geschäfts absicht der Anbieter mit bringen. Plausibler weise ist das Autonomiebedürfnis der 21 bis 24Jährigen am höchsten. Diese Alters gruppe hat die Lebens phase Jugend bereits hinter sich ge lassen und be findet sich im jungen Erwachsenenalter. Es sind jedoch nicht die Jüngsten, die einen signifikanten Mittelwert unterschied zu den Ältesten auf weisen, sondern die Gruppe der 15 bis 17Jährigen, die durch ein vergleichs weise geringes Autonomiebedürfnis auf fällt. Diese Alters gruppe zeichnete sich bereits in Kapitel 4.3 durch eine hohe Selbstoffenba rung aus. Die erneute Auf fällig keit kann als Hinweis darauf ge deutet werden, dass die Selbstoffen barung auf Sozialen Netz werk platt formen speziell in der späten Jugend eine be sondere Funktion einnimmt und dass Zusammen hänge zwischen der Sorge um die Privat sphäre und dem Alter nicht als linear an genommen werden dürfen. In Bezug auf die Bildung sind den höher Gebildeten zwar die Risiken durch die Betreiber der Sozialen Netz werk platt formen be wusster, jedoch sorgen sich Haupt schüler eher als Gymnasiasten um Risiken, die durch natür liche Personen ver ursacht werden (Tabelle 47). Bei der Unter schei dung nach den ge nutzten Haupt netz werken ergibt sich ein be sonders be merkens werter Unter schied: Demnach sehen die Nutzer von Facebook in dem Betreiber eher einen Risiko verursacher (M = 3,45; SD = 1,16) als die Nutzer der VZNetz werke (M = 3,02; SD = 1,10) oder sonsti ger Netz werke (M = 2,52; SD = 1,12). Den FacebookNutzern ist eventuell be sonders bewusst, dass sich der Anbieter über die wirtschaft liche Nutzung ihrer personen bezogenen Daten finanziert, da gerade der USamerika ni sche Anbieter diesbezüg lich anhalten der Medien kritik aus gesetzt ist. Tabelle 47: Sorge, Autonomiebedürfnis und Risiken nach formaler Bildung und Haupt- netzwerk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) Autonomiebedürfnis 4,15 4,11 4,17 4,14 4,12 4,21 4,29 Sorge durch bereits ver öffentlichte Inhalte 2,52 2,59 2,54 2,46 2,54 2,43 2,41 Risiken durch Betreiber 3,34 2,98 3,31 3,59 3,45 3,02 2,52 Risiken durch natür liche Personen 2,49 2,57 2,54 2,39 2,49 2,55 2,39 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Mittelwertindices auf einer Skala von 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu 242 In der varianzanalyti schen Betrach tung der Selbstoffenba rungs typen hinsicht lich der Sorge um die Privatsphäre fällt zunächst auf, dass sich die Vieloffen barer durch ein, im Ver hältnis zu den anderen Typen, geringes Autonomie bedürf nis aus zeichnen (Tabelle 48). Ihnen ist es offen bar weniger wichtig, dass sie ihren zukünfti gen Hand lungs spiel raum durch Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen einschränken, oder das Bewusstsein dafür ist bei ihnen geringer aus geprägt. Insgesamt geben aber auch die Vieloffen barer an, ein hohes Bedürfnis nach Autonomie zu haben (M = 3,76). Die Wenigoffen barer machen sich geringere Sorgen auf grund der von ihnen bereits ver öffent lichten Inhalte als die anderen Gruppen. Das ist nicht ver wunder lich, schließ lich ver öffent lichen sie kaum etwas. Obwohl die PrivatsphäreManager den Zugriff auf ihre Daten stark einschränken, unter scheidet sich die von dieser Gruppe aus gedrückte Sorge auf grund der von ihnen ver öffent lichten Inhalte nicht von der der Vieloffen barer. Hinsicht lich der Einschät zung von Risiken durch den Betreiber unter scheiden sich die drei Cluster nicht. Gegen über den Risiken be züglich der sozialen Privatsphäre zeigen sich insbesondere die Privatsphäre Manager sensibel, sie schätzen diese signifikant höher ein als beispiels weise die Wenigoffen barer. Die Gruppe der PrivatsphäreManager zeichnet sich insgesamt durch ein hohes Risikobewusstsein aus, was ihr kontrolliertes Han deln, bei dem zwar viel ver öffent licht wird, aber auch ver sucht wird, Kontrolle über das Publikum zu be halten, plausibel er scheinen lässt. Tabelle 48: Sorge, Autonomiebedürfnis und Risiken nach Selbstoffenba rungs typ Viel- offen barer Wenig- offenbarer Privatsphäre- Manager F Sign. (n = 164) (n = 581) (n = 468) M SD M SD M SD Autonomiebedürfnis* 3,76a 0,95 4,23b 0,80 4,14b 0,80 20,83 p < ,001 Sorge durch bereits ver öffentlichte Inhalte* 2,67a 0,93 2,38b 0,89 2,66a 1,01 13,14 p < ,001 Risiken durch den Betreiber 3,38 1,20 3,36 1,12 3,45 1,18 0,84 n. s. Risiken durch natür liche Personen* 2,50 0,96 2,35a 0,85 2,69b 1,02 16,89 p < ,001 Varianzanalysen; Basis N = 1.213, ge wichtete Stichprobe a, b Mittelwerte mit unter schied lichen Kennbuchstaben unter scheiden sich signifikant nach dem Games HowellPostHocTest (p < ,05) * LeveneTest sign. mit p < ,05 Skala: 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu 243 4.4.2 Negative Erfah rungen und Einstel lung zu Persönlich keits und Urheber rechten Dass Jugend liche auf unter schied liche Weise in Sozialen Netz werk platt formen Informa tionen von sich preis geben, haben wir bereits fest gestellt (Kap. 4.3). Dass sie dabei zum Teil sehr freizügig mit den eigenen Informa tionen umgehen, er scheint bedenk lich, wenn diese Freizügig keit un beabsichtigt oder auf grund der Unkenntnis von PrivatsphäreOptionen geschieht. Wenn Personen selbst ihre eigene Privatsphäre durch unvorsichti ges Ver halten ge fährden, ist dies eine Sache – eine andere, neue Qualität bekommt das Thema jedoch, wenn durch das Ver öffent lichen von Textinforma tionen oder Bildern die Rechte Dritter missachtet werden. Darauf werden wir in diesem Ab schnitt ein gehen. Zunächst be trachten wir die negativen Erfah rungen, die die Nutzer bereits auf Sozialen Netz werk platt formen ge macht haben. Im Anschluss fokussie ren wir auf die Ver letzung von Persönlich keits rechten im Internet und die Einstel lung der Nutzer Sozialer Netz werk platt formen diesbezüg lich. Danach gehen wir auf Ver letzungen des Urheber rechts ein. Zum Ab schluss evaluie ren wir, wie sich diese Punkte hinsicht lich der drei von uns ge bildeten Selbstoffenba rungs typen unter scheiden. Von den von uns be fragten Jugend lichen und jungen Erwachsenen geben 14 Prozent an, dass sie ganz allgemein bereits negative Erfah rungen auf Sozia len Netz werk platt formen ge macht haben. Männliche Teilnehmer, die 15 bis 17Jährigen und Gymnasiasten stimmen dieser Frage eher zu als ihre jeweiligen Ver gleichs gruppen (Tabelle 49). Außerdem weisen auch die Nutzer kleine rer Netz werke (Sonstige) hier einen höheren Wert auf als die Nutzer von Facebook oder der VZNetz werke. In der offenen Abfrage, die der Frage nach negativen Erleb nissen folgte, wurden vor allem das un gewollte Ver öffent lichen von Fotos ohne vor herige Erlaubnis ge nannt (29 Nennun gen). Auf Platz zwei und drei folgen Beleidi gungen (19 Nennun gen) und das Einfangen von Viren durch FakeLinks (18 Nennun gen). Aber auch, dass keine Kontrolle über die ver öffentlichte Informa tion besteht, thematisie ren die Befragten (14 Nennun gen). Zudem geben einige an, bereits von Cybermobbing be troffen ge wesen zu sein (13 Nennun gen). Technische Probleme (12 Nennun gen) und (sexuelle) Belästi gung sind weitere Punkte, die häufiger ge nannt werden (11 Nennun gen). Da das un gefragte Ver öffent lichen von Fotos oder anderen Informa tionen ein Problem auf Sozialen Netz werk platt formen darstellt, das die Privatsphäre in be sonde rer Weise be trifft, wurden nach folgend alle Teilnehmer ge fragt, inwiefern sie bereits davon be troffen waren und ob sie bereits selbst Inhalte ins Netz ge stellt haben, über die sich andere be schwert haben (Tabelle 49). Es zeigt sich, dass insgesamt 38 Prozent der Stichprobe – also viel mehr als auf die allgemeine Frage reagiert haben – bereits mit Inhalten im Netz konfrontiert wurden, mit denen sie nicht einverstanden waren. Um gekehrt geben nur 23 Pro 244 zent an, dass bereits Beschwerden von anderen über die von ihnen ver öffent lichten Inhalte ein gegangen sind. Männliche Teilnehmer und Jugend liche der mittle ren beiden Alters gruppen stimmen den Items eher zu. Zudem nimmt in unserer Stichprobe die Zustim mung zu beiden Items mit steigen der Bildung ab. Gegen über den Sonsti gen Netz werken geben die Nutzer von Facebook an, häufiger mit den Inhalten, die andere von ihnen ins Netz stellen, nicht ein verstanden zu sein (Tabelle 50). Dass Jungen und junge Männer eher von diesen Erfah rungen be troffen sind, deckt sich mit den Ergeb nissen der Studie von Hasebrink und Rohde (2009). Die Autoren stellen jedoch auch einen be deutsamen Anstieg gerade in der Alters klasse der 18 bis 20Jährigen fest, der bei unseren Daten schon in der Alters klasse der 15 bis 17Jährigen statt findet und geringer aus fällt. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass sich das Alter, in dem die ersten negativen Erfah rungen mit dem Internet geschehen, etwas weiter ab gesenkt hat. Zudem ist fest zustellen, dass die von uns er mittelten Werte ein deut lich höheres Niveau auf weisen, das neben Unter schieden im methodi schen Vor gehen und be züglich der Stichprobe25 auch darauf zurück zuführen sein kann, dass der Umgang mit der Ver öffent lichung von Inhalten, die andere zeigen oder be treffen, sich zwischen 2009 und 2011 weiter liberalisiert hat. Tabelle 49: Negative Erfah rungen nach Geschlecht und Alter Befragte, … Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) … die bereits negative Erfah rungen auf Sozialen Netz werk platt formen ge- macht haben. 14 17 11 15 17 14 13 … von denen jemand Fotos oder Informa tionen ins Netz ge stellt hat, mit denen sie nicht einver- standen waren. 38 41 34 30 42 44 34 … die selbst schon einmal Dinge ins Internet ge stellt haben, über die sich jemand be schwert hat. 23 29 16 23 26 24 20 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die dem jeweili gen Item zumindest teil weise zustimmen, in Prozent 25 Bei der Stichprobe des HansBredowInstituts handelte es sich um 12 bis 24jährige Onliner, die per CATI interviewt wurden. Die Frage wurde zudem dichotom formuliert. 245 Tabelle 50: Negative Erfah rungen nach formaler Bildung und Haupt netz werk Befragte, … Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) … die bereits negative Erfah rungen auf Sozialen Netz werk platt formen ge- macht haben. 14 14 13 16 14 14 20 … von denen jemand Fotos oder Informa tionen ins Netz ge stellt hat, mit denen sie nicht einver- standen waren. 38 41 39 35 39 35 29 … die selbst schon einmal Dinge ins Internet ge stellt haben, über die sich jemand be schwert hat. 23 28 24 19 23 20 22 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die dem jeweili gen Item zumindest teil weise zustimmen, in Prozent Insgesamt stellen wir fest, dass ein Großteil der jungen Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen bereits negative Erfah rungen, die sich insbesondere auf das Ver öffent lichen von Inhalten be ziehen, ge macht hat. Es muss sich dabei nicht aus schließ lich um böswillige Ver öffent lichungen handeln, sondern auch das Hochladen von Inhalten, das zwar in guter Absicht geschah, aber dennoch als unangemessen empfunden wird, kann zu Beschwerden führen. Darum ist es relevant, welche Einstel lung die Nutzer gegen über der Wahrung ihrer eigenen und der Persönlich keits rechte anderer haben (Tabelle 51 und Tabelle 52). Wir haben die Teilnehmer ge fragt, inwiefern sie es in Ordnung finden, Inhalte zu ver öffent lichen, die andere Personen be treffen, ohne diese vorher zu fragen. Außerdem haben wir ab gefragt, wie die Befragten es selbst be werten, wenn ohne ihre Erlaubnis Inhalte über sie online ge stellt werden. Mit 39 Prozent hat ein großer Teil der Stichprobe keine Bedenken, Fotos (oder andere Inhalte) online zu stellen, auf denen auch andere Personen ab gebildet sind, ohne zuvor die Zustim mung dieser einzu holen. Ihre Einstel lung zur Achtung der Persönlich keits rechte anderer ist also recht locker. Um gekehrt finden es sogar 42 Prozent der Teilnehmer auch okay, wenn sie selbst von dieser Praxis be troffen sind. Die Mehrheit der Nutzer sieht sich aber dadurch in ihren Persönlich keits rechten be einträchtigt. Beide Items korrelie ren auf sehr hohem Niveau von Pearson’s r = ,73 (p < ,001). Das be deutet, dass die Bereit schaft, die Persönlich keits rechte anderer zu missachten, mit einer ge steigerten Akzeptanz dieses Ver haltens einher geht, wenn die Nutzer selbst be troffen sind und um gekehrt. Wiederum zeigen männ liche Teilnehmer eine höhere Toleranz gegen über Ver letzungen von Persönlich keits rechten durch Dritte, und auch die beiden 246 mittle ren Alters gruppen weisen einen höheren Anteil an Personen auf, die diesen Items zustimmen (Tabelle 51). Die Unter schiede bei der Bildung sind hingegen nur gering (Tabelle 52). Beim Haupt netz werk sticht Facebook be sonders hervor. Die Nutzer dieses Netz werks zeigen sich wesent lich toleranter, sowohl mit Blick auf die Ver letzung der eigenen als auch auf die Persönlich keits rechte anderer. Tabelle 51: Einstel lung zu Persönlich keits rechten nach Geschlecht und Alter Befragte, … Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) … die es in Ordnung finden, Inhalte, in denen andere auf tauchen, ins Internet zu stellen, ohne diese vorher zu fragen. 39 42 35 29 42 45 37 … die es in Ordnung finden, wenn andere Informa tionen über sie ins Internet stellen, ohne sie vorher zu fragen. 42 45 38 29 48 46 42 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Tabelle 52: Einstel lung zu Persönlich keits rechten nach formaler Bildung und Haupt netz werk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) … die es in Ordnung finden, Inhalte, in denen andere auf tauchen, ins In- ternet zu stellen, ohne diese vorher zu fragen. 39 40 37 39 41 27 24 … die es in Ordnung finden, wenn andere Informa tionen über sie ins Internet stellen, ohne sie vorher zu fragen. 42 43 41 42 44 28 34 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Aus den qualitativen Leitfaden interviews wissen wir, dass es zu dem Umgang mit den Persönlich keits rechten recht differenzierte Meinun gen gibt. Einige Interviewte äußerten dort, dass sie unter allen Umständen stets darüber infor miert sein wollen, was über sie im Netz zu finden ist. Andere machen sich darüber kaum Gedanken oder gehen davon aus, dass der Upload von Fotos und Videos im Sinne ihrer Freunde und Bekannten in Ordnung ist, und dass die eigenen Kontakte im Sinne der Betroffenen handeln und schon nichts 247 Negatives online stellen werden. Dass die Digital Natives in dieser Frage ge spalten sind, zeigen auch die quantitativen Ergeb nisse ganz deut lich. Eine allgemeingültige Norm, wie mit der Wahrung der Persönlich keits rechte anderer umzu gehen ist, existiert bisher nicht. Auch wenn die Mehrheit das un gefragte Teilen persön licher Inhalte Dritter über das Netz ablehnt, findet es ein beacht licher Anteil der 12 bis 24Jährigen in Ordnung, die Persönlich keits rechte anderer nicht zu wahren, indem zuvor die Zustim mung ein geholt wird. Ein weiterer Punkt, der viel diskutiert wird, ist der Umgang der Digital Natives mit Urheber rechten. Wir haben im Fragebogen danach ge fragt, ob die Nutzer schon einmal Inhalte (Texte, Fotos, Videos) online ge stellt haben, an denen sie kein Urheber recht besaßen, und inwiefern sie dieses Ver halten tolerie ren. Insgesamt 47 Prozent der Stichprobe stimmten beiden Items mehr heit lich zu. Der Umgang mit Urheber rechten ist damit noch etwas laxer als bei den Persönlich keits rechten. Die Korrela tion zwischen beiden Items zum Urheber recht beträgt Pearson’s r = ,41 (p < ,001), was verg lichen mit den anderen be rechneten Koeffizienten in diesem Ab schnitt gering ist. Der Zusammen hang zwischen der Einstel lung zum Urheber recht und tatsäch lichen Ver letzungen desselben ist weniger groß. Eventuell ist den Befragten, die bereits gegen das Urheber recht ver stoßen haben, indem sie Inhalte hoch geladen haben, dieser Rechts verstoß bewusst. Insgesamt lässt sich fest stellen, dass den jungen Nutzern die im Rechts gutachten (Teil III) be handelten Problematiken damit wenig bewusst sind oder sie diese ignorie ren. Hinsicht lich soziodemografi scher Merkmale und dem Haupt netz werk zeich net sich dasselbe Muster wie bei den Persönlich keits rechten ab. Männliche Nutzer haben bereits häufiger gegen das Urheber recht ver stoßen als weib liche und tolerie ren dies auch eher. Die 15 bis 17Jährigen geben am häufigsten an, bereits gegen das Urheber recht ver stoßen zu haben (Tabelle 53). Die Akzeptanz von Ver stößen hingegen ist bei der Alters gruppe 18 bis 20 Jahre be sonders hoch. Formale Bildung scheint die Einstel lung und das Ver halten mit Bezug auf das Urheber recht in ge wisser Weise zu be einflussen. Haupt schüler geben be sonders häufig an, bereits gegen das Urheber recht ver stoßen zu haben, wäh rend Gymnasiasten Ver stöße gegen das Urheber recht eher tolerie ren (Tabelle 54). Erneut sind es die FacebookNutzer, die zu einem be sonders hohen Prozent satz an geben, gegen das Urheber recht ver stoßen zu haben und dieses Ver halten auch in Ordnung finden. 248 Tabelle 53: Umgang mit Urheber rechten nach Geschlecht und Alter Befragte, … Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) … die selbst schon Dinge ins Internet ge stellt haben, an denen sie kein Urheber recht besaßen. 47 49 45 45 52 48 44 … die es in Ordnung finden, etwas ins Internet zu stellen, woran sie kein Urheber recht be sitzen. 47 52 41 39 49 54 44 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Tabelle 54: Umgang mit Urheber rechten nach formaler Bildung und Haupt netz werk Befragte, … Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) … die selbst schon Dinge ins Internet ge stellt haben, an denen sie kein Urheber recht besaßen. 47 50 47 45 49 34 40 … die es in Ordnung finden, etwas ins Internet zu stellen, woran sie kein Urheber recht be sitzen. 47 44 46 49 49 36 35 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Zum Schluss dieses Ab schnitts werfen wir erneut einen Blick auf die Selbstoffenba rungs typologie, die wir in Ab schnitt 4.3.5 ge bildet haben und ver gleichen sie hinsicht lich der negativen Erfah rungen, die sie bereits ge macht haben, ihren Einstel lungen zu Persönlich keits rechten und zum Urheber recht. Diese Ver gleiche er folgen mittels einfaktorieller Varianzanalysen, deshalb wurden nicht die prozentuierten Werte der Zustim mung zu den Items ver wendet, sondern die Originalitems auf der fünfstufigen Skala (Tabelle 55). Über raschender weise sind es insbesondere die PrivatsphäreManager, die sich dadurch aus zeichnen, eher negative Erfah rungen auf Sozialen Netz werk platt formen ge macht zu haben (M = 0,18; SD = 0,39). Sie unter scheiden sich damit signifikant von den Wenigoffenbarern (M = 0,11; SD = 0,32), aber nicht von den Vieloffenbarern (M = ,12; SD = ,33). Dies ist be merkens wert, denn das Ver öffentlichungs verhalten der Vieloffen barer ist ver gleichs weise riskanter. Das Muster, dass die PrivatsphäreManager hohe Werte auf weisen, sich aber nicht signifikant von den Vieloffenbarern unter scheiden, zeigt sich in allen unter suchten Bereichen. Die PrivatsphäreManager und Vieloffen barer scheinen eher 249 schlechte Erfah rungen ge macht zu haben. Sie neigen eher zu Ver stößen gegen Persönlich keits und Urheber recht und sind gegen über diesen auch toleranter ein gestellt als die Wenigoffen barer. Die Wenigoffen barer zeichnen sich durch niedrige Werte in allen Bereichen aus. Sie haben weniger oft etwas ins Internet ge stellt, über das sich andere be schwert haben und waren auch um gekehrt bisher weniger oft davon be troffen, dass jemand etwas über sie ins Internet ge stellt hat, mit dem sie nicht ein verstanden waren. Auch bei Persönlich keits rechten und Urheber recht fallen sie durch geringe Zustimmungs werte auf. Die zurück haltende und vor sichtige Selbstoffenba rungs strategie der Wenigoffen barer auf Sozialen Netz werk platt Tabelle 55: Negative Erfah rungen, Umgang mit Persönlich keits rechten und Urheber recht nach Selbstoffenba rungs typ Befragte, … Viel- offen barer Wenig- offenbarer Privatsphäre- Manager F Sign. (n = 164) (n = 581) (n = 468) M SD M SD M SD Negative Erfah rungen … die bereits negative Erfah run- gen auf Sozialen Netz werk platt- formen ge macht haben. (0 = nein, 1 = ja) 0,12 0,33 0,11a 0,32 0,18b 0,39 5,07 p < ,01 … von denen jemand Fotos oder Informa tionen ins Netz ge stellt hat, mit denen sie nicht einverstanden waren.* 1,90a 1,27 1,56b 1,06 1,98a 1,33 17,78 p < ,001 … die selbst schon einmal Dinge ins Internet ge stellt haben, über die sich jemand be schwert hat.* 2,37 1,42 2,11a 1,34 2,52b 1,45 11,58 p < ,001 Umgang mit Persönlich keits rechten … die es in Ordnung finden, Inhalte, in denen andere auf- tauchen, ins Internet zu stellen, ohne diese vorher zu fragen. 2,33a 1,26 2,07b 1,09 2,48a 1,25 16,05 p < ,001 … die es in Ordnung finden, wenn andere Informa tionen über sie ins Internet stellen, ohne sie vorher zu fragen. 2,40a 1,29 2,07b 1,09 2,55a 1,23 22,18 p < ,001 Umgang mit Urheber rechten … die selbst schon Dinge ins Internet ge stellt haben, an denen sie kein Urheber recht besaßen. 2,74a 1,47 2,17b 1,37 2,97a 1,49 42,45 p < ,001 … die es in Ordnung finden, etwas ins Internet zu stellen, woran sie kein Urheber recht be sitzen. 2,49 1,24 2,28a 1,16 2,69b 1,28 14,94 p < ,001 Varianzanalysen; Basis: N = 1.213, ge wichtete Stichprobe a, b Mittelwerte mit unter schied lichen Kennbuchstaben unter scheiden sich signifikant nach dem Games HowellPostHocTest (p < ,05) * LeveneTest sign. mit p < ,05 Skala: 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu, sofern nicht anders an gegeben 250 formen ist also nicht darauf zurück zuführen, dass sie bereits eigene schlechte Erfah rungen ge macht haben. 4.5 Ergeb nisse zum PrivacyParadox 4.5.1 Regres sions analyti sche Betrach tung des PrivacyParadox Unsere nächste empiri sche Forschungs frage bezieht sich auf den Einfluss, den die Sorge um die Privatsphäre auf das tatsäch liche Selbstoffenba rungs verhalten hat. Es er scheint plausibel anzu nehmen, dass Personen, die sich in hohem Maße um die eigene Privatsphäre sorgen, weniger ver öffent lichen und sich auch sonst im Onlinebereich vor sichti ger ver halten. Tatsäch lich zeigen frühere Studien jedoch, dass dies nicht, oder nur in sehr geringem Umfang, der Fall ist (vgl. Ab schnitt 4.3.5). Dieser Umstand wird als PrivacyParadox be zeichnet. Zur Über prüfung des PrivacyParadox mit unseren Daten haben wir zunächst vier Regressionen be rechnet. Dabei wurde der Einfluss der unabhängi gen Variablen (Sorge um die Privatsphäre und Risikoeinschät zung) auf die vier Selbstoffenba rungs dimensionen fest gestellt. Wir haben dabei die gleichen Dimensionen der Selbstoffenba rung ver wendet wie in Ab schnitt 4.3.5, allerdings wurden zur Ver einfachung der Darstel lung be stimmte Kennwerte aus gewählt. So wird die Dimension Profilinforma tionen durch einen Summen index aus gedrückt, der angibt, wie viele Einzelinforma tionen ein Befragter auf seinem Profil aus gefüllt hat (maximal 17). Bei den Selbstoffenba rungs hand lungen wurden das Schreiben von Status meldun gen und Pinnwandeinträgen, sowie das Hochladen und Kommentie ren von Fotos als be sonders typische Handlun gen der Kommunika tion auf Sozialen Netz werk platt formen zu einem Mittelwert index zusammen gefasst. Bei den PrivatsphäreOptionen wurden alle ab gefragten Bereiche, in denen diese ein gestellt werden können, eben falls zu einem Summen index zusammen gefasst. Obgleich die so ge bildete Skala ordinales Daten niveau besitzt, wird sie im Folgenden als quasimetrisch be trachtet. In Bezug auf das Publikum wurde die Anzahl der Freunde heraus gegriffen. Die Ergeb nisse der Regres sions analysen finden sich in Tabelle 56. Insgesamt zeigt sich, dass die Ergeb nisse zwar signifikant sind, aber die Variablen der Selbstoffenba rung meist nur zu einem sehr geringen Anteil durch die unabhän gi gen Variablen erklärt werden können. Das korrigierte R² liegt bis auf eine Aus nahme nahe Null. Die Summe der Profilinforma tionen, die Restriktivi tät der PrivatsphäreOptionen und die Anzahl der Kontakte auf Sozialen Netz werk platt formen lassen sich nicht durch die Sorge er klären. 251 Tabelle 56: Einfluss der Sorge um die Privatsphäre auf die Online-Selbstoffenba rung Unabhängige Variablen Ab hängige Variablen Anzahl Profilinfor- ma tionen Selbstoffen- ba rungs- Handlun gen Privat- sphäre- Optionen Anzahl Kontakte Modell 1 2 4 5 Beta Beta Beta Beta Sorge auf grund ver öffentlichter Inhalte –,00 ,20*** –,10*** –,09** Autonomiebedürfnis –,08** ,02 ,05 ,04 Risiken durch den Betreiber ,09** –,10*** ,01 ,17*** Risiken durch natür liche Personen –,04 ,20*** –,12** ,00 R² 0,01 ,33 0,02 0,04 Korr. R² 0,01 ,11 0,02 0,04 F 3,54** 40,17*** 5,67*** 13,07*** df 4 4 4 4 Basis: N = 1.301, ge wichtete Stichprobe Multiple Regres sions analyse, EinschlussVerfahren, listen weiser Fall ausschluss * p < ,05 ** p < ,01 *** p < ,001 Einzig bei den Handlun gen wird eine er klärte Varianz von korr. R² = ,11 er reicht. Der Einfluss der Einschät zung von Risiken durch den Betreiber liefert dabei einen geringen negativen Erklä rungs beitrag β = –,10. Eine höhere Ein schät zung der Risiken, die durch den Betreiber drohen, führt demnach zu weniger Aktivi täten der (semi)öffent lichen Kommunika tion auf den Netz werk platt formen. Die Erklä rungs beiträge der Variablen Sorge auf grund bereits ver öffentlichter Inhalte und Risiken durch natür liche Personen sind mit β = ,20 höher. Diese sind jedoch, anders als er wartet, positiv gerichtet. Es scheint demnach so zu sein, dass Personen, die sich diesbezüg lich mehr Sorgen machen, auch mehr Inhalte ver öffent lichen. Plausibel wäre es, anzu nehmen, dass die Sorge um die Privatsphäre aus dem bereits ge tätigten Ver halten resultiert. Mit den Querschnittdaten kann die Kausali tät des Zusammen hangs nicht ab schließend ge klärt werden. Fest zuhalten ist jedoch, dass der Einfluss der Sorge auf das Selbstoffenba rungs verhalten auch in unserer Studie gering ist und sich somit das PrivacyParadox erneut be stätigt. Wie auch aus den quali tativen Parts dieser Studie zu schließen ist, ist das Ver hältnis der jungen Nutzer zu ihrer Privatsphäre konträr. Einer seits sind sie sich der Risiken bewusst, die die Teilnahme an Sozialen Netz werk platt formen mit sich bringt. Anderer seits er fordert die Teilnahme tendenziell eine Aufgabe der eigenen Privatsphäre und eine Restrukturie rung dessen, was als privat und was als öffent lich gelten soll. Dies führt zu einem Wider spruch zwischen Einstel lungen und Handlun gen. Da die Sorge um die Privatsphäre nicht das ent scheidende Element bei der Erklä rung der Selbstoffenba rung zu sein scheint, wurde nach anderen Einfluss variablen ge sucht. In einigen früheren Studien wurden bereits Zusammen hänge 252 zwischen Persönlich keits merkmalen und der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen hergestellt. Der BigFiveAnsatz hat sich als psychologi sches Konzept zur Erfas sung der Persönlich keit bereits in den 1980er Jahren zur Beschrei bung von individuellen Unter schieden durch gesetzt und etabliert (Asendorpf, 2007; John & Srivastava, 1999). Die BigFivePersönlich keits eigen schaften wurden im Fragebogen mittels einer Kurz skala ab gefragt und zu Mittelwertindices zusammen gefasst. Zusätz lich wurde er gänzend das Persönlich keits merkmal „Need to Belong“ auf gegriffen, weil es als sich gerade in jüngeren Studien als be deutsamer Einfluss faktor für die Beteili gung auf Sozialen Netz werk platt formen er wiesen hat (Winter, Haferkamp, Stock & Kramer, 2011). Auch hier wurde ein Mittelwertindex ge bildet26. Eine regres sions analyti sche Betrach tung mit den sechs Persönlich keits variablen als Regressoren, er brachte eben falls nur geringe Erklä rungs beiträge und un befriedigende Ergeb nisse (Tabelle 57). Wieder ist das Modell, in dem 26 Die Skalen zu Ver träglich keit, Neurotizismus und Offen heit für Erfah rungen wiesen Cronbach’s α < ,7 auf. Die ver gleichs weise geringe interne Konsistenz der Skalen resultiert ver mutlich aus der inhalt lich breiten Erfas sung der Faktoren, die nur auf drei Items pro Skala beruht („Reliabili tätsValidi tätsDilemma“ vgl. Lang and Lüdtke, 2005, S. 35). Da an genommen werden kann, dass die BigFiveDimensionen tatsäch lich ver schiedene Unter dimensionen ab bilden, werden die niedri gen Reliabili täts werte akzeptiert und die Skalen wurden dennoch als Mittelwertindices ge bildet, nachdem die Items, die der Konsistenz der Skalen stark ent gegen standen, ent fernt wurden. Tabelle 57: Einfluss der Persönlich keits eigen schaften auf die Online-Selbstoffenba rung Unabhängige Variablen Ab hängige Variablen Anzahl Profilinfor- ma tionen Selbstoffen- ba rungs- Handlun gen Privat- sphäre- Optionen Anzahl Kontakte Modell 1 2 3 4 Beta Beta Beta Beta Ver träglich keit 0,06 – 0,06* 0,12*** – 0,03 Gewissen haftig keit – 0,02 0,00 – 0,07* – 0,09** Extra version 0,09** 0,22*** – 0,11*** 0,26*** Neurotizismus 0,00 0,11*** – 0,119*** – 0,01 Offen heit für Erfah rungen 0,03 0,09 – 0,03 – 0,03 Need to Belong 0,05 0,13*** 0,06 0,08* R² 0,02 0,11 0,03 0,06 Korr. R² 0,02 ,10 0,03 0,06 F 4,84*** 26,16*** 6,81*** 14,08*** df 6 6 6 6 Basis: N = 1.301, ge wichtete Stichprobe Multiple Regres sions analyse, EinschlussVerfahren, listen weiser Fall ausschluss * p < ,05 ** p < ,01 *** p < ,001 253 die Selbstoffenba rungsAktivi täten die ab hängige Variable bilden, am besten durch die BigFiveMerkmale erklär bar, doch auch hier ist das korrigierte R² gering. Die Variable, die über alle Modelle hinweg den höchsten Erklä rungs beitrag liefert, ist Extra version. Extra vertierte Personen offen baren sich mehr als andere. 4.5.2 Der Einfluss von Motiven, Einstel lungen, sozialen Normen und Selbst wirksam keit Da auch die Betrach tung der Persönlich keits merkmale zu Ergeb nissen führte, die das Selbstoffenba rungs verhalten auf Sozialen Netz werk platt formen nur unzu reichend er klären können, prüfen wir im Anschluss das in Teil I Ab schnitt 2.3.4 ab geleitete Modell. Es bezieht Nutzungs motive und Einstel lungen, Normen und Selbst wirksam keits erwar tungen als Prädiktoren der Selbstoffen barung ein. Da in unserer Querschnitts erhe bung eine vollständige Prüfung des integrierten Ver haltens modells nicht möglich war – hierzu wären mindestens zwei Erhe bungs zeitpunkte notwendig ge wesen und die zusätz liche Abfrage der Bewer tung von Vor stel lungen – be trachten wir nur die in Abbil dung 2 (Teil I, Kap. 2.3.4) wieder gegebenen Einfluss dimensionen und be rechnen ihren Einfluss auf die von den Befragten an gegebene Selbstoffenba rung. Um das Modell kompakt zu halten, wurden nur aus gewählte Einfluss variablen auf genommen. Auf die Auf nahme von Persönlich keits merkmalen und soziodemografi schen Eigen schaften, die ihrer seits Einfluss auf Motive, Einstel lungen, Normen und Selbst wirksam keit ausüben könnten, haben wir bewusst ver zichtet. Bei den Motiven haben wir uns für die Selbst darstel lung und die Beziehungs pflege ent schieden, da diese beiden Variablen im Gegen satz zu den anderen Dimensionen die Selbstoffenba rung be sonders be einflussen könnten. Unter haltung, Eskapismus und Informa tion sind Gratifika tionen, die schon durch eine rein rezeptive Nutzung Sozialer Netz werk platt formen er reicht werden können; auch das Zu gehörig keits gefühl kann, so wie es in unserer Studie operationalisiert wurde, bereits durch rein rezeptive Handlun gen be friedigt werden. Selbst darstel lung und Beziehungs pflege hingegen nicht27. Hinsicht lich der Einstel lungen, die die Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen hemmen könnten, haben wir uns für die soziale Privatsphäre, also die Wahrneh mung von Risiken, die durch natür liche Personen ver ursacht werden, ent schieden. Außerdem geht die Ansicht der Befragten zur Autonomie ein, weil unsere vorher gehenden Analysen ge zeigt haben, dass hier ein ge wisser 27 Es wird nicht aus geschlossen, dass auch die anderen vier Gratifika tionen sich durch aktive Teilhabe an Sozialen Netz werken erhöhen. Da das Motiv Knüpfen neuer Kontakte nur durch ein einzelnes Item ab gefragt wurde und dieses Motiv bei den Nutzern nicht im Vordergrund stand, wurde es eben falls aus der Analyse aus geschlossen. 254 Zusammen hang mit der Selbstoffenba rung besteht. Bei den subjektiven Normen zur Nutzung Sozialer Netz werk platt formen und zur Privatsphäre haben wir uns auf deskriptive Normen be schränkt, die in zwei Mess modellen ab gebildet wurden; sie be schreiben, welches Ver halten ein Nutzer in seiner sozialen Umgebung bei den anderen wahrnimmt. Die deskriptiven Normen sind im Ver gleich zu den injunktiven Normen im Kontext der Social Networking Sites evtl. kognitiv leichter ab rufbar. Bezüg lich der Selbst wirksam keit unter scheiden wir die SocialWebSelbst wirksam keit von der PrivatsphäreSelbst wirksam keit. Die SocialWebSelbst wirksam keit drückt aus, inwiefern die Befragten sich in der Lage sehen, eigene Inhalte im Social Web zu ver öffent lichen, während sich die PrivatsphäreSelbst wirksam keit darauf bezieht, inwiefern sie es für möglich halten, ihre Privatsphäre dort schützen zu können. Wir prüfen im Folgenden unser Modell dahin gehend, welche unabhängi gen Variablen die Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werkseiten be einflussen. Ins gesamt analysie ren wir das Modell für jede der vier Dimensionen der Selbst offenba rung ge sondert: Erstens für die Anzahl der Profilinforma tionen, zweitens für die kommunikativen Selbstoffenba rungs aktivi täten, drittens für die Restrik tivi tät der PrivatsphäreEinstel lungen, und viertens für die Anzahl der Kontakte. Tabelle 58: Korrela tionen zwischen Motiven, Einstel lungen, Normen und Selbst wirksam keit Motiv Selbst- darstel - lung Motiv Bezie- hungs- pflege Risiken der sozialen Privat- sphäre Einstel - lung zur Autono- mie Normen zur Nutzung von SNP Normen zur Privat- sphäre in SNP Social- Web- Selbst- wirksam- keit Motiv Beziehungs- pflege ,74*** – – – – – – Risiken der sozialen Privatsphäre ,39*** ,16*** – – – – – Autonomie –,17*** ,16*** –,22*** – – – – Normen zur Nutzung von SNP ,25*** ,51*** ,11** ,22*** – – – Normen zur Privat- sphäre in SNP ,22*** ,31*** –,04 ,31*** ,15*** – – Social-Web- Selbst wirksam keit ,04 ,20*** –,06 ,19*** ,28*** ,06 – Privatsphäre- Selbstwirksam keit ,01 ,21*** –,17*** ,34*** ,26*** ,24*** ,62*** Basis: N = 1.301 Zweiseitige Korrela tion nach Pearson * p < ,05 ** p < ,01 *** p < ,001 In den nach stehen den Abbil dungen (Abbil dung 28 bis Abbil dung 31) wurden die unabhängi gen Variablen aus Darstel lungs gründen durch Ellipsen symboli siert. Hinter jeder unabhängi gen Variable steht ein Mess modell, das einen 255 aus reichen den Modelfit von CFI > ,90 und RMSEA < ,10 auf weist. Detaillierte Angaben zu den Mess modellen können dem OnlineAnhang ent nommen wer den. In den Strukturgleichungs modellen wurden Korrela tionen zwischen den unabhängi gen Variablen zu gelassen, denn es er scheint plausibel, dass diese unter einander zusammen hängen und/oder von Drittvariablen, wie z. B. den Persönlich keits eigen schaften, be einflusst werden. Die Korrela tionen zwischen den unabhängi gen Variablen können Tabelle 58 ent nommen werden. Diese Korrela tionen werden später in den Darstel lungen der Strukturgleichungs modelle durch graue Pfeile symbolisiert. Die Werte der Korrela tionen werden aus Darstel lungs gründen nicht in diese Abbil dungen über tragen. Als ab hängige Variablen werden im Modell die bereits ge nannten vier Dimensionen der Selbstoffenba rung be trachtet. Das Modell wurde daher ins gesamt viermal empirisch ge prüft. Die vier Modelle werden im Folgenden be schrieben und an schließend verg lichen. Die erste ab hängige Variable in Modell 1 bildet die Anzahl der Profilinforma tionen, die ein Nutzer insgesamt auf seinem Profil ver öffent licht hat (Abbil dung 28). Abbil dung 28: Modell 1 – Strukturmodell mit der Anzahl der Profilinforma tionen als ab- hängige Variable χ² = 6262,4; p < ,001 df = 1840 CFI = ,937 RMSEA = ,021 N = 1.301 * p < ,05; ** p < ,01; *** p < ,001 Motiv Selbstdarstellung Motiv Beziehungspflege Risiken der sozia- len Privatsphäre Einstellung zur Autonomie Normen zur Nutzung von SNP Normen zur Privatsphäre in SNP Social-Web- Selbstwirksamkeit Privatsphäre- Selbstwirksamkeit Motive, Einstellungen und Vorstellungen Subjektive Normen Selbst- wirksamkeit Anzahl der Profilinformationen ,16 –,07 ,29** –,20*** –,09* ,10* –,07* ,19*** ,02 256 Das Modell er reicht eine Varianz aufklä rung von R² = 16, die als eher klein zu be werten ist. Dennoch lässt sich fest stellen, dass die von uns integrierten Variablen die Summe der auf dem Profil ver öffent lichten Informa tionen – im Gegen satz zur reinen Betrach tung der Risikowahrneh mung und der Sorge um die Privatsphäre (Tabelle 56) – zu einem ge wissen Grad er klären können. Es tragen jedoch nicht alle Faktoren in gleicher Weise zur Varianz aufklä rung bei: Drei Variablen, das Motiv Selbst darstel lung, die Norm zur Nutzung Sozialer Netz werk platt formen und die PrivatsphäreSelbst wirksam keit, leisten keinen signifikanten Beitrag. Die Anzahl der Profilinforma tionen ist also nicht von diesen Regressoren ab hängig. Insbesondere das Motiv der Beziehungs pflege ist be deutsam (β = ,29). Dies ist plausibel, denn viele aus gefüllte Informa tionen auf dem Profil können die Beziehungs pflege er leichtern, z. B. können durch die Angabe von Hobbys und Interessen Gemeinsam keiten betont werden und durch die Angabe von weite ren Kontakt möglich keiten, wie z. B. der InstantMessengerAdresse, kann die Kontakt aufnahme er möglicht werden. Ein ge steigertes Nutzungs motiv zur Pflege sozialer Beziehungen führt daher dazu, mehr Informa tionen auf dem Profil zu ver öffent lichen. Ein weiterer Regressor, der einen ge wissen Einfluss ausübt, ist die SocialWebSelbst wirksam keit (β = ,19). Personen, die sich in der Lage sehen, das Social Web wirksam zu be dienen, neigen eben falls dazu, mehr Profilinforma tionen auszu füllen. Wie er wartet, üben die subjektiven Normen zur Privatsphäre einen negativen Einfluss aus (β = –,07), während die Normen zur Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen einen positiven Beitrag leisten (β = ,10). Insgesamt haben die subjektiven Normen für die Selbstoffen barung über Profilinforma tionen eine ver gleichs weise geringe Bedeu tung. Bei den Einstel lungen zu den Risiken ist es so, dass sowohl eine hohe Wahrneh mung der Risiken zur sozialen Privatsphäre zu weniger aus gefüllten Informa tionen auf dem Profil führt (β = –,09), als auch eine höhere Wertschät zung der Autonomie (β = –,20). Diese Variablen haben also durch aus einen Einfluss auf die OnlineSelbstoffenba rung, jedoch ist dieser im Zusammen spiel mit dem Nutzen, sozialen Normen und der Selbst wirksam keit zu sehen, die die Selbstoffenba rung eben falls be einflussen. Bei den Nutzer profilen handelt es sich um eher statische Formen der Selbstoffenba rung. Sie bleiben über einen längeren Zeitraum be stehen und werden nur selten ver ändert, wie die TrackingAnalyse ge zeigt hat. Dynamische Formen der Selbstoffenba rung – einzelne Kommunika tions akte – gewinnen zunehmend an Bedeu tung und haben gerade auf Facebook – dem von unserer Stichprobe am häufigsten ge nutzten Netz werk – einen identi täts stiften den Stellen wert. Dieser Teil bereich der Selbstoffenba rung er scheint be sonders relevant, da sich hier die Selbstoffenba rung durch Hinzufügen von immer neuen Inhalten aggregiert und be ständig im Umfang zunimmt und sich ver ändert. Daher be trachten wir im zweiten Modell als ab hängige Variable die Häufig keit, 257 mit der solche Handlun gen aus geführt werden (Abbil dung 29). Die Variable Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen aggregiert dabei als Mittel wertindex die durch schnitt liche Häufig keit, mit der die Aktivi täten Status mel dun gen posten, an Pinnwände schreiben, Fotos hochladen und Fotos kommen tie ren aus geführt werden. Abbil dung 29: Modell 2 – Strukturmodell mit den Selbstoffenba rungs-Aktivi täten als ab- hängige Variable Das Modell liefert eine gute Varianz aufklä rung von R² = ,43. Das von uns ver mutete Zusammen spiel von Motiven, Einstel lungen und Normen leistet einen wichti gen Beitrag zur Erklä rung von Selbstoffenba rungs hand lungen auf Sozialen Netz werk platt formen. Selbst wirksam keits erwar tungen spielen hingegen keine Rolle, sie sind keine signifikanten Prädiktoren. Den höchsten Einzel betrag liefert das Motiv Selbst darstel lung (β = ,37). Das Posten von Inhalten erfüllt offen bar diese Gratifika tions leis tung. Dem Uses andGratifica tionsAnsatz folgend ist es plausibel, dass daher Personen, die mit diesem Motiv die Platt formen nutzen, ver stärkt dazu neigen, häufiger Selbstoffenba rungsAktivi täten in Form von Posts und FotoUploads auszu χ² = 6293,6; p < ,001 df = 1840 CFI = ,938 RMSEA = ,022 N = 1.301 * p < ,05; ** p < ,01; *** p < ,001 Motiv Selbstdarstellung Motiv Beziehungspflege Risiken der sozia- len Privatsphäre Einstellung zur Autonomie Normen zur Nutzung von SNP Normen zur Privatsphäre in SNP Social-Web- Selbstwirksamkeit Privatsphäre- Selbstwirksamkeit Motive, Einstellungen und Vorstellungen Subjektive Normen Selbst- wirksamkeit Selbstoffenbarungs- Aktivitäten aus SNP ,43 ,37*** ,07 –,15*** ,07* ,22*** ,17*** ,06 ,02 258 führen und so ihre OnlineIdentität aktiv zu ge stalten. Interessanter weise spielt die Beziehungs pflege als Prädiktor für die Selbstoffenba rungs aktivi täten keine Rolle. Obwohl es sich um kommunikative Aktivi täten handelt, scheint die Präsenta tion der eigenen Person als Motiv bei der (semi)öffent lichen Kommu ni ka tion deut lich im Vordergrund zu stehen. Während die Einschät zung von Risiken zur sozialen Privatsphäre (β = ,07) kaum einen Einfluss hat, führt eine erhöhte Sensitivi tät in Bezug auf die Autonomie dazu, dass weniger ge postet, hoch geladen und kommentiert wird (β = –,15). Selbstoffenba rungs hand lungen könnten schließ lich die Autonomie zukünftig einschränken. Personen, die sehr viel Wert darauf legen, ver halten sich dementsprechend zurück halten der. Der Einfluss der Normen, sowohl zur Nutzung Sozialer Netz werk platt formen (β = ,22) als auch der zum Umgang mit der Privatsphäre auf den Netz werk platt formen, ist positiv (β = ,17). Für die Nutzung der Platt formen er scheint die positive Richtung auf Anhieb schlüssig. Dass auch der Einfluss der Normen zur Privatsphäre positiv ist, mag zunächst über raschen: Ein als gering wahr genommener Privatsphäreschutz der Referenz gruppe führt nicht dazu, dass auch weniger auf die eigene Privatsphäre ge achtet wird, indem ver stärkt eigene Inhalte hoch geladen werden. Stattdessen ist es so, dass Personen, die in ihrem Umfeld den sorgsamen Umgang mit der Privatsphäre fest stellen, dazu neigen, öfter Selbstoffenba rungsAktivi täten auszu führen. In einem Klima des gegen seiti gen Ver trauens ist der Upload von Inhalten an gemessener und wird häufiger durch geführt. Nutzer, die in ihrem Umfeld einen nach lässigen Umgang be obachten, ver halten sich hingegen zurück haltend. Wer zum sozialen Umfeld, in dem die Informa tionen ge postet werden, gehört, kann der Nutzer theoretisch einschränken, indem er die Privatsphäre Optionen ent sprechend anpasst. Die Zugänglich keit zu den ge teilten Informa tionen ist die ab hängige Variable in Modell 3 (Abbil dung 30). Dabei wurde ein Mittelwertindex über alle ab gefragten Bereiche, für die PrivatsphäreEinstel lungen vor genommen wurden, ge bildet. Aus der deskriptiven Aus wertung wissen wir, dass die Varianz in der Stichprobe bei den Privatsphäreop tionen gering ist. Die meisten Nutzer wählen die Einstel lung so, dass alle ihre Inhalte nur ihren Freunden auf der Kontakt liste zugäng lich sind. Das dritte Modell weist die geringste Varianz aufklä rung auf (R² = ,07)28. Vor stel lungen, Normen und Selbst wirksam keit er klären die Restriktivi tät der PrivatsphäreOptionen nur unzu reichend. Die ab hängige Variable ist unter Umständen aus zwei Gründen unge eignet für die Betrach tung in einem Struktur gleichungs modell. Streng genommen besitzt sie nur ordinales Daten niveau und außerdem weist die Mehrzahl der Befragten denselben Wert auf (M = 3,18; 28 Da die Frage nach der Einstel lung der PrivatsphäreOptionen nicht von allen Befragten be antwortet wurde, weißt Modell 3 eine geringere Fallzahl von N = 1.220 auf. 259 SD = ,66): Die Nutzer be schränken den Zugriff auf ihre Informa tionen auf die Kontakte, mit denen sie auf den Sozialen Netz werk platt formen ver bunden sind. In Kapitel 4.3 haben wir bereits fest gestellt, dass sich dieser Standard offen bar etabliert hat. Nur wenige weichen davon ab und ver wenden restriktivere oder offenere Einstel lungen in den PrivatsphäreOptionen. Dieses Ver halten ist offen bar nur bis zu einem ge wissen Grad ab hängig von Einstel lungen, subjek tiven Normen und der Selbst wirksam keit. Ver gleicht man die Einflüsse der Regressoren in dem Modell unter einander, sind diese einleuchtend: Die beiden Nutzungs motive haben keinen Einfluss, ebenso wenig wie die Normen zur Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen und die SocialWebSelbst wirksam keit. Die PrivatsphäreSelbst wirksam keit liefert den höchsten Erklä rungs beitrag (β = –,18). Die wahrgenommene Fähig keit, die eigene Privatsphäre schützen zu können, führt demnach dazu, dass die PrivatsphäreOptionen restriktiver ein gestellt werden. Je höher die Teil nehmer die Risiken der sozialen Privatsphäre be werten (β = –,13) und ihre Autonomie wertschätzen (β = –,14), desto restriktiver sind ihre Privatsphäre χ² = 4069,3; p < ,001 df = 1840 CFI = ,928 RMSEA = ,022 N = 1.220 * p < ,05; ** p < ,01; *** p < ,001 Motiv Selbstdarstellung Motiv Beziehungspflege Risiken der sozia- len Privatsphäre Einstellung zur Autonomie Normen zur Nutzung von SNP Normen zur Privatsphäre in SNP Social-Web- Selbstwirksamkeit Privatsphäre- Selbstwirksamkeit Motive, Einstellungen und Vorstellungen Subjektive Normen Selbst- wirksamkeit Privatsphäre-Optionen (1 = sehr restriktiv, 6 = sehr offen) ,07 –,02 ,10 –,14*** –,13*** –,05 –,08* ,07 –,18*** Abbil dung 30: Modell 3 – Strukturmodell mit den Privatsphäre-Optionen als ab hängige Variable 260 Optionen ein gestellt. Die Normen zur Privatsphäre weisen nur einen schwachen Einfluss auf (β = –,08). In der Tendenz spielen in Modell 3 vor allem die auf die Privatsphäre gerich teten Bestand teile eine Rolle, während die Motive, soziale Normen und Selbst wirksam keits einschät zung, die sich auf die Partizipa tion be ziehen, keine signifikanten Effekte auf weisen. Dies er scheint plausibel, denn Gratifika tionen in Form von Selbst darstel lung und Beziehungs pflege können unabhängig von den ge wählten PrivatsphäreOptionen realisiert werden. Obwohl die Zusam men hänge innerhalb des Modells schlüssig er scheinen, stellen wir fest, dass sich diese Ver haltens dimension nur unzu reichend durch die Kombina tion aus Motiven, Einstel lungen, sozialen Normen und Selbst wirksam keit er klären lässt. Wir richten unseren Blick daher wieder auf die Größe der Netz werke, die zu dem Publikum der Selbstoffenba rungs hand lungen ge hören. In Modell 4 be trachten wir die Anzahl der Kontakte als ab hängige Variable (Abbil dung 31). Abbil dung 31: Modell 4 – Strukturmodell mit der Anzahl der Kontakte als ab hängige Variable χ² = 6256,4; p < ,001 df = 1840 CFI = ,937 RMSEA = ,021 N = 1.301 * p < ,05; ** p < ,01; *** p < ,001 Motiv Selbstdarstellung Motiv Beziehungspflege Risiken der sozia- len Privatsphäre Autonomie Normen zur Nutzung von SNP Normen zur Privatsphäre in SNP Social-Web- Selbstwirksamkeit Privatsphäre- Selbstwirksamkeit Motive, Einstellungen und Vorstellungen Subjektive Normen Selbst- wirksamkeit Anzahl Kontakte ,15 –,30*** ,31** –,25*** ,08* ,15*** –,01 ,15*** ,07 261 Auch dieses Modell hat eine insgesamt kleine Varianz aufklä rung (R² = ,15). Die Motive haben auf die Kontaktanzahl einen ver gleichs weise starken Einfluss, der jedoch bei beiden Motivdimensionen unter schied lich gerichtet ist. Das Motiv Selbst darstel lung (β = –,30) wirkt sich negativ auf die Anzahl der Kontakte aus, während Beziehungs pflege sich positiv darauf aus wirkt (β = ,31). Ver wunder lich daran ist, dass die Personen, denen die Selbst darstel lung auf Sozialen Netz werk platt formen be sonders wichtig ist, offen bar nicht über be sonders große Publika ver fügen. Die Einschät zung der Risiken für die soziale Privatsphäre ist ein signifikanter Prädiktor, der jedoch nur eine geringe Effekt stärke auf weist (β = ,08). Die jenigen, die diese Risiken als be sonders hoch einschätzen, haben also nicht weniger Kontakte, sondern tendenziell sogar etwas mehr. Personen, die Autono mie be sonders hoch be werten, haben hingegen kleinere Kontakt netz werke (β = –,25). Die Wertschät zung der eigenen Autonomie führt folg lich dazu, dass weniger Kontakte auf Sozialen Netz werk platt formen ge knüpft werden. Dieser Zusammen hang ist äußerst plausibel: Ein größeres Publikum hieße, eventuell Personen aus ver schiedenen Kontexten zu integrie ren (z. B. Klassen kameraden, Ver wandte und Vor gesetzte). Dadurch würden Rollenkonflikte wahrschein licher und ein autonomes Ver halten wäre nicht mehr uneingeschränkt möglich. Wenn Personen in ihrem Umfeld eine be sonders starke Norm zur Nutzung Sozialer Netz werk platt formen wahrnehmen, führt dies zu mehr Kontakten auf der Platt form (β = ,15). Wer ver stärkt aus seinem Umfeld wahrnimmt, dass es an gebracht ist, auf den Platt formen präsent zu sein, hat dort mehr Kontakte. Auch die SocialWebSelbst wirksam keit hängt mit einer größeren Kontaktanzahl zusammen (β = ,15). Das Ver trauen in die eigenen Fähig keiten bei der Nutzung des Social Web führt also auch dazu, dass dort in höherem Umfang Kontakte be stehen. Die höhere Anzahl an Kontakten könnte dadurch erklärt werden, dass es sich eventuell nicht nur um aus dem OfflineLeben be kannte Personen, sondern auch um neue Bekannt schaften handelt, die im Internet ge knüpft wurden. Insbesondere bei Modell 4 ist jedoch eine um gekehrte Wirkrich tung der Einflüsse denk bar. Eventuell ist es so, dass eine hohe Kontaktanzahl dazu führt, dass die soziale Norm zur Nutzung der Platt formen ver stärkt wahr genom men wird. Die große Kontaktanzahl kann den sozialen Druck erhöhen, auf den Platt formen präsent zu sein. Außerdem könnte mit zunehmen der Anzahl der Kontakte das Ver trauen in die eigenen Fähig keiten steigen, das Netz nutzen zu können. Die Kontakte bieten eventuell Hilfestel lung bei Problemen, die die Nutzung er leichtern. 262 Zusammen fassung Die vier von uns unter suchten Teil bereiche der Selbstoffenba rung lassen sich unter schied lich gut durch die einzelnen Modelle er klären. Die Selbst darstel lung auf Sozialen Netz werk platt formen findet tatsäch lich in einem Span nungs feld aus positiven und negativen Vor stel lungen statt. Subjektiv wahrgenommene Normen und Selbst wirksam keits erwar tungen haben sich als zweckmäßige Erklä rungs variablen be wiesen. Jedoch spielen nicht alle ver muteten Einfluss variablen in allen Teil bereichen der Selbstoffenba rung dieselbe Rolle. Dass die Dimensionen der Selbstoffenba rung sich stark unter schied lich gut er klären lassen und dass die Einflüsse der Normen zum Teil gegen sätz lich sind, spricht dafür, dass wir es bei der Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werkseiten tatsäch lich mit unter schied lichen Teil bereichen zu tun haben. Das Selbstoffen barungs verhalten setzt sich aus diesen zusammen. Besonders bei den kommunikativen Aktivi täten (Modell 2) wird deut lich, dass ein Span nungs feld zwischen Motiven der Nutzung und dem Schutz der Privatsphäre existiert. Das Motiv Beziehungs pflege und die sozialen Normen leisten hohe Erklä rungs beiträge, die die der Risikoeinschät zung und der Sorge um die Privatsphäre über steigen. Es ist daher richtig, den Blick nicht auf die negativen Folgen, die neue Kommunika tions medien wie Soziale Netz werk plattformen haben können, einzu schränken, sondern auch die positive Seite zu be trachten. Für Jugend liche und junge Erwachsene steht weniger im Mittelpunkt, was sie bei der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen ver lieren können, sondern das, was sie dadurch gewinnen (vgl. Boyd, 2010): Der Nutzen, der aus der Teilhabe an Sozialen Netz werk platt formen ent steht, scheint die Risiken zu über wiegen. Auch die sozialen Normen sind treibende Kräfte, die das OnlineVerhalten der jungen Nutzer zu einem ge wissen Grad be einflussen. Die Nutzer nehmen das Ver halten ihrer Referenz gruppen wahr und stimmen ihr eigenes Handeln darauf ab. Dabei kann man nicht davon sprechen, dass sie das, was sie bei anderen be obachten, unreflektiert kopieren, wie die Ergeb nisse zu den kommu nikativen Aktivi täten (Modell 2) zeigen. Anders als an genommen, wird die Anzahl der Selbstoffenba rungs aktivi täten nicht negativ von den Normen zur Privatsphäre be einflusst, sondern positiv. Die Nutzer reagie ren auf die von ihnen im Umfeld wahrgenommenen Normen beim Umgang mit der Privatsphäre, indem sie sich bei einem als defizitär wahrgenommenen Umfeld zurück haltend ver halten und sich in einem ver trauens würdi gen häufiger offen baren. Wie bereits erwähnt, wäre eine Prüfung der Zusammen hänge im Längs schnitt wünschens wert. Einer seits, um lang fristige Ver ände rungen fest stellen zu können, anderer seits, um die Kausali tät und mögliche Wechselwir kungen zwischen Motiven, Einstel lungen, Normen, der Selbst wirksam keit und der Selbstoffenba rung klären zu können. Die im Modell an genommene Wirkrich 263 tung er scheint uns logisch, aber Rück und Wechselwir kungen der Selbstoffen barung auf die im Modell als Regressoren be trach teten Variablen schließen wir nicht aus. Zudem ist zu be achten, dass die von uns be trach teten Dimensio nen der Selbstoffenba rung ver mutlich nicht unabhängig voneinander existie ren, sondern in einer Wechsel beziehung stehen. Insgesamt sind die von uns ver muteten Zusammen hänge nach weis bar. Motive, Einstel lungen, subjektive Normen und Selbst wirksam keit bieten viel versprechende Ansatz punkte bei medien pädagogi schen Vor haben zur Privat sphäre und Selbstoffenba rung im Social Web. Besonders das Modell 2, welches die Selbstoffenba rungs aktivi täten als ab hängige Variable be trachtet, zeigt einen guten Erklä rungs beitrag. Bei diesem Modell handelt es sich von allen vier Modellen um das interessanteste, da hier die Häufig keit der Selbstoffen barungs aktivi täten als ab hängige Variable unmittel bar im Vordergrund steht. Die anderen drei ab hängi gen Variablen bilden eher länger fristige Zustände ab. Nutzer ent scheiden nicht jeden Tag aufs Neue, auf ihrem Profil mehr oder weniger von sich preis zugeben, und sie stellen auch nicht täglich ihre Privat sphäreOptionen neu ein. Wie die Ergeb nisse des Trackings ge zeigt haben, sind Änderun gen im Profil oder das Anpassen der PrivatsphäreOptionen sehr selten (vgl. Kap. 4.3) und daher sind die beiden Selbstoffenba rungs dimensionen eher als lang fristige Ent schei dungen zu ver stehen. Eben falls lang fristig ist die Ent schei dung, wer zu den Kontakten und Freunden auf Sozialen Netz werk platt formen gehört und damit auch die un gefähre Anzahl dieser Kontakte. Auch in den qualitativen Interviews wurde fest gestellt, dass einige Nutzer eine Policy dazu ent wickeln, mit wem und mit wie vielen Personen sie be freundet sein möchten (vgl. Kap. 2.2). In den Selbstoffenba rungs hand lungen, den Foto Uploads und der Häufig keit von Textbeiträgen drückt sich hingegen tägliches Ver halten aus. Ob den einzelnen Aktivi täten im Sinne der Theory of Planned Behavior tatsäch lich jedes Mal einen Ab wägungs prozess voraus geht, bei dem rationale Ent schei dungen ge troffen werden oder ob diese Handlun gen routiniert ab laufen, kann mit unserer Studie nicht ab schließend ge klärt werden. Die Ergeb nisse aus der Tracking Studie (z. B. Abbil dung 13) weisen aber darauf hin, dass be stimmte Selbstoffenba rungs akte eher spontan und wenig reflektiert er folgen. 4.6 Ergeb nisse im inter nationalen Ver gleich Im Anschluss an unsere eigene quantitative empiri sche Erhebung möchten wir die Ergeb nisse noch einmal im Rück bezug auf Teil I und inter national ver orten. Obwohl Soziale Netz werk platt formen mittlerweile ein gut unter suchtes For schungs feld darstellen und sowohl die Selbst darstel lung, als auch die Ein stellung zur Privatsphäre als eigene Forschungs bereiche innerhalb der kommunika tions 264 wissen schaft lichen Forschung zu Sozialen Netz werk platt formen zu identifizie ren sind (Weissens teiner & Leiner, 2011), gibt es inter national nur wenige Studien, die die Sach verhalte umfassend und an einer Stichprobe ab 12 Jahren be trachten. Zum Ver gleich be sonders relevant und ge eignet er scheinen die Studie EUKidsOnline, die das Internet verhalten von 9 bis 16Jährigen in 23 Europäi schen Ländern unter sucht und die Forschungs berichte des Pew American LifeProject, die sich auf USamerikani sche Grundgesamt heiten be ziehen. Im Folgenden werden daher Ergeb nisse aus diesen beiden Quellen unseren Ergeb nissen gegen über gestellt. Sie werden – wenn es sich anbietet – um weitere Forschungs berichte ergänzt. Auch wenn die Grundgesamt heiten ab weichen, können dennoch Hinweise auf Unter schiede und Gemeinsam keiten hinsicht lich der Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen heraus gestellt werden. Zunächst stellten wir einen deut lichen Unter schied in der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen zwischen älteren und jüngeren Nutzern fest (vgl. Teil III, Kap. 3). Dieser Unter schied zeigt sich auch in weiteren Studien, die als Grund gesamt heit die deutsche Bevölke rung ab bilden. Die älteren Nutzer holen zwar sowohl bei der Internetnut zung als auch bei der Nutzung Sozialer Netz werke auf, dennoch haben diese Platt formen vor allem in der jungen Zielgruppe der unter 30Jährigen eine hohe Reichweite (ARD/ZDFOnlinestudie, 2011; Bitcom, 2011). Auch inter national und in den USA klafft eine Schere zwischen Jung und Alt, was die Adaption der OnlineCommunities angeht. Madden und Zickuhr (2011) stellen in einem Bericht des Pew Internet & American Life Project fest, dass die älteren Onliner bei der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen eben falls auf holen. Den 83 Prozent der unter 30jähri gen Nutzer stehen mittlerweile 70 Prozent 30 bis 49Jährige, 51 Prozent 50 bis 64Jährige und immerhin 33 Prozent über 65Jährige gegen über. Wie Madden (2012) zeigt, posten junge Nutzer zwar häufiger Informa tionen, die sie später bereuen, sie ver halten sich aber auch beim Management ihrer OnlineIdentität offensiver und löschen unerwünschte Kommentare und Tags auf Fotos. Außerdem ent fernen sie eher als ältere Nutzer Personen aus ihrer Kontakt liste. Generell kann ein Trend zur Einschrän kung der OnlineIdentität fest gestellt werden. Auch in Bezug auf Sicher heits vorkeh rungen im Internet besagt die EUKidsOnlineStudie, dass zwei Drittel der europäi schen Jugend lichen im Alter von 9 bis 16 Jahren der Meinung sind, sich im Internet und mit dorti gen Sicher heits vorkeh rungen besser auszu kennen als ihre Eltern (Livingstone, Haddon, Görzig & Ólafsson, 2010). Die Beliebt heit und hohe Nutzungs frequenz von Facebook und Co. unter jungen Nutzern lässt sich auch inter national fest stellen. In Europa sind Soziale Netz werk platt formen vor allem in den Niederlanden beliebt, denn dort besaßen 2010 bereits 78 Prozent der 9 bis 16Jährigen ein eigenes Profil. Eben falls zu den Spitzen reitern ge hören Slowenien (76 Prozent) und Litauen (75 Prozent). 265 Deutschland (50 Prozent) zählt dagegen neben der Türkei und Rumänien (jeweils 47 Prozent) zu den Schluss lichtern (Livingstone & Haddon, 2009). In den USA ver wendeten zu selben Zeit fast drei Viertel (73 Prozent) der Jugend lichen und 72 Prozent der jungen Erwachsenen soziale Netz werkseiten (Lenhart, Purcell, Smith & Zickuhr, 2010). Die Befragten unserer Studie griffen am häufigsten mit dem eigenen Com puter von zu Hause aus auf das Internet zu (90 Prozent). Etwa die Hälfte (45 Prozent) der Befragten nutzt das Internet zusätz lich an Orten wie dem Aus bil dungs oder Arbeits platz bzw. der Schule oder Hoch schule. Lampert (2010) stellt fest, dass auch in anderen Ländern die Nutzung daheim sehr hoch aus geprägt ist. In manchen Ländern findet dies aber auch in hohem Maße von der Schule aus statt: In Großbritannien sind dies 92 Prozent (zu Hause) bzw. 89 Prozent (Schule) und in Dänemark 99 Prozent (zu Hause) bzw. 80 Prozent (Schule). Deutschland liegt in ihrer Betrach tung im Mittelfeld (92 Prozent nutzen das Internet von zu Hause aus, 55 Prozent in der Schule). Große Diskrepanzen zwischen den Orten ergeben sich in Litauen (95 Prozent vs. 25 Prozent), Rumänien (87 Prozent vs. 28 Prozent) und Bulgarien (85 Prozent vs. 29 Prozent). Auch in den USA ge hören die Sozialen Netz werk platt formen zu den be liebtesten An geboten (Lenhart et al., 2010). Im Kontext zum European Safer InternetProjekt EUKidsOnline unter suchen Taraszow, Aristodemou, Shitta, Laouris und Arsoy (2010) die Preis gabe von Informa tionen über das Selbst auf Sozialen Netz werk platt formen. Obwohl fast alle der Befragten angaben, sich Sorgen um den Schutz ihrer Daten zu machen, zeigen die Ergeb nisse, dass es trotzdem eine sehr hohe Bereit schaft zur Preis gabe persön licher Informa tionen gibt. Fast alle (96 Prozent) gaben ihren echten Namen an, genauso wie alle ihr Geburts datum und ihr Geschlecht (97 Prozent) ver öffent lichten. Ein ebenso hoher Anteil ver öffent licht ein Profil foto von sich. Diese Ergeb nisse können wir in unserer Studie für deutsche Jugend liche nicht in so hohem Maße fest stellen. Zwar weisen auch die meisten Profile der deutschen Nutzer einen echten Namen, die Angabe des Geschlechts und ein Profilfoto auf, jedoch sind die von uns er mittelten Werte etwas geringer. Taraszow et al. (2010) stellen fest, dass drei Viertel der Nutzer ihr Profil nur für Freunde zugäng lich machen. Mit 82 Prozent sind auch die meisten Profile in unserer Stichprobe nach Nutzer angaben nur für ihr eigenes Kontakt netz werk zugäng lich. Die allgemeine Einschät zung der Forscher des EUKidsOnlineProjekts ordnet die Jugend lichen aus Finnland, Slowenien und den Niederlanden als über durch schnitt lich kompetent be züglich ihrer Kennt nisse über das Internet und dortige Sicher heits vorkeh rungen ein (Livingstone et al., 2010). Diese gaben an, über vier der acht ab gefragten Fähig keiten zu ver fügen. Zu diesen zählt unter anderem, dass die Nutzer sich in der Lage fühlen, Informa tionen über den sicheren Umgang im Internet heraus zufinden. Seine PrivatsphäreEinstel 266 lungen für das eigene Profil auf einer Sozialen Netz werk platt form ändern zu können, stellt eine weitere Fähig keit dar. Deutschland liegt dabei knapp unter dem Durch schnitt. Die Schluss lichter bilden Irland, Ungarn, Italien, Rumänien und die Türkei. Diese Einschät zung deckt sich nicht mit der Selbsteinstu fung der von uns be fragten Jugend lichen und jungen Erwachsenen, die sich eine relativ hohe Internet, SocialWeb und PrivatsphäreSelbst wirksam keit zuschrei ben. Die von uns unter suchte Stichprobe belegt im Gegen satz zu den in EUKidsOnline unter suchten, dass sich deutsche Jugend liche als kompetent zeigen, was die Einstel lungen ihrer Privatsphäreop tionen angeht. Ledig lich die ganz jungen 12 bis 14jähri gen Nutzer und Personen mit niedri gem formalen Bildungs grad weisen Defizite auf und haben ihre PrivatsphäreEinstel lungen weniger oft an gepasst. Den Gender Gap in der Nutzung von Privatsphäre Einstel lungen (Madden, 2012) können wir für Deutschland tendenziell be stäti gen. Weibliche Nutzer haben die PrivatsphäreOptionen bereits häufiger an gepasst und stellen ihre Privatsphäre restriktiver ein. Livingstone (2008) unter sucht das Nutzungs verhalten Jugend licher auf Sozia len Netz werk platt formen anhand der qualitativen Befra gung von britischen 13 bis 16Jährigen, um die Ver bindungen zwischen Chancen und Risiken des Internet aus findig zu machen. Vielen Jugend lichen ist eine aus giebige Beschäfti gung mit den Sicher heits einstel lungen oft zu auf wendig, dennoch ist ihnen der Daten schutz und die Privatsphäre ein Anliegen. Sie achten deshalb darauf, nicht allzu viele persön liche Informa tionen über sich online zu stellen. Teenager gehen nach dem Aus schlussprinzip vor und über legen eher, welche Inhalte sie nicht ver öffent lichen wollen, an statt sich Gedanken darüber zu machen, was sie preis geben möchten (Boyd & Marwick, 2011). Das spiegelt sich auch in unseren Ergeb nissen wider. Die Ergeb nisse unserer standardisierten Befra gung zur Sorge um die Privat sphäre weisen darauf hin, dass sich die be fragten Jugend lichen und jungen Erwachsenen über die unter suchten Alters gruppen hinweg in ähnlichem Umfang um die eigene Privatsphäre sorgen und sich anhand techni scher Einstel lungen schützen wollen. Jüngere Nutzer sind ebenso wie junge Erwachsene sensibilisiert für dieses Thema. Ebenso wie die USamerikani schen Jugend lichen in einer Studie des Pew Internet & American Life Project ver walten die meisten ihre persön lichen Informa tionen aktiv (Lenhart & Madden, 2007). 267 Literatur ADM (2006). ADM Richtlinie Daten schutz. 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Ziel der Interviews war es, das Wissen, die Erfah rungen und die Ansichten von ver schiedenen Experten dazu zu eruieren, welche Heraus forde rungen und Möglich keiten das Internet im Allgemeinen und Soziale Netz werk platt formen im Besonde ren für Jugend liche und junge Erwachsene bieten und wie man sie darin unter stützen kann, mit diesen Heraus forde rungen und Möglich keiten umzu gehen. Auf gegriffen wurde damit die der Gesamt studie zugrunde liegende Fragestel lung, über welches Wissen Eltern, Pädagogen und weitere gesell schaft liche Ent scheider als Voraus setzung für adäquates Handeln gegen über Jugend lichen ver fügen sollten. Dieses Erkenntnis interesse gliederte den ver wendeten Inter view leit faden (siehe OnlineAnhang) in drei Bereiche: In einem ersten Bereich (Sachwissen) zielten unsere Fragen darauf ab, welche Nutzungs weisen des Social Web durch Jugend liche und junge Erwachsene den Experten bekannt sind, was sie über die Interessen und Deutungs muster der Jugend lichen und jungen Erwachsenen bei der Nutzung wissen und welche Risikobereiche der Ver öffent lichung persön licher Daten für sie be deutsam sind. In einem zweiten Bereich (Hand lungs wissen) sind wir im Interview der Frage nach gegangen, wie nach Ansicht der Interviewten Jugend liche und junge Erwachsene an die sichere Internetnut zung heran geführt werden könnten (proaktive Maßnahmen) und welche Möglich keiten es gibt, junge Nutzer im Umgang mit z. B. nicht intendierten Konsequenzen der Ver öffent lichung persön licher Daten zu unter stützen (reaktive Maßnahmen). In einem dritten Bereich (Begrün dungs wissen) schließ lich ging es darum, welche Werte und Einstel lungen die Experten im 272 Zusammen hang mit dem Social Web verbalisie ren, welche Empfeh lungen sie vor diesem Hinter grund für den Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen haben und welche Effekte sie bei Jugend lichen und jungen Erwachsenen er warten. Die methodi schen Leitlinien hinter der Konstruk tion des Interviewleit fadens (siehe OnlineAnhang) ent sprechen weit gehend denen, die wir auch bei der Konstruk tion des Interviewleit fadens für Jugend liche und junge Erwachsene zugrunde gelegt haben (siehe Kap. 3.1). Die Regeldauer der Experten interviews war mit 45 Minuten an gesetzt. Die Interviews dauerten zusammen mit dem Gesprächs einstieg und ende zwischen 35 Minuten und einer knappen Stunde. 11 der 13 Interviews dauerten 45 Minuten und länger; die beiden anderen Interviews fielen mit 35 und 39 Minuten etwas kürzer aus. 9 der 13 Interviews wurden – je nach techni scher Aus stat tung der Interviewten und mit deren Einverständnis – am Telefon oder über einen Internettelefondienst auf gezeichnet. Drei Interviews fanden in den Arbeits räumen der Interviewten statt. Ein Interview wurde spontan – da alle Konferenz räume belegt und die Arbeits räume nicht un gestört waren – in ein öffent liches Café ver lagert. 5.1.2 Stichprobe und Erhebung Die Interviews fanden im Zeitraum von August bis November 2011 statt. Ziel bei der Akquise der Experten aus ganz Deutschland war es, zusätz lich zu den Interviews mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen ein breites Spektrum an Erfah rungen und Einstel lungen auch aus Experten sicht einzu fangen. Kriterien bei der Auswahl der Interviewten waren Alter, Tätig keiten (Schule, Jugendarbeit, Medien), Berufs erfah rung sowie institutio nelle Einbet tung (Führungs kraft, An gestellte, Freiberufler, Ehren amtliche). Das Profil der Interviewten recher chier ten wir jeweils vor der Kontakt aufnahme. Die Tabelle 59 liefert eine knappe Über sicht der Interviewten. Wir haben bei der Zusammen stel lung der Stichprobe darauf ge achtet, dass die Experten aus ver schiedenen Kontexten kommen. Experten aus der Domäne Schule sollten Lehrer mit der Fähig keit zur kritischen Reflexion ihrer Berufs praxis oder im schuli schen Umfeld aktive Mitarbeiter von Initiativen mit Erfah rungen in der Fortbil dung von Pädagogen sein. Experten aus der Domäne Jugendarbeit sollten selbst in medien pädagogi schen Projekten mit Jugend lichen arbeiten oder Erfah rungen in der Sensibilisie rung von Pädagogen und Eltern auf weisen. Experten aus der Domäne Medien sind Personen, die von Jugend lichen und jungen Erwachsenen ge nutzte Medien angebote im Internet selbst ge stalten oder sich kritisch mit diesen auseinander setzen. Über die Ver wertung der Daten im Rahmen von Forschungs zwecken wurden die Interviewten ebenso informiert wie über das späteste Datum der Löschung der digitalen Gesprächs aufzeich nungen und die Möglich keit der Einsicht in die Aus wertungen nach 273 deren Publika tion. Alle Interviews wurden von demselben wissen schaft lichen Mitarbeiter ge führt. Forschungs relevante Elemente in den Interviewsitua tionen, die über die auf genommenen Gespräche hinaus gehen, wurden notiert und in der Aus wertung be rücksichtigt. 5.1.3 Aus wertung und Darstel lung In der Interviewstudie mit Experten ist in analoger Form zur Interviewstudie mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen das Relevanz system durch die Forschungs fragen vor gegeben und der Interviewleit faden ent sprechend vor geprägt. Die Aus wertung wurde nach demselben Muster in Form einer zusam men fassen den Inhalts analyse und anhand eines ähnlichen Aus wer tungs leit fadens mit Kategorien, Kodes, Begrün dungen und Beispielen vor genommen wie bei den Jugend lichen und jungen Erwachsenen (vgl. Ab schnitt 2.1.3). Auch die Tabelle 59: Zusammen stel lung der Stichprobe für die Interviews mit Experten Name, Alter und Tätig keits beschrei bung D o m än e S ch ul e Richard R. (Mitte 40) Fachlehrer an einem Gymnasium. Sein pädagogisch-didakti scher Schwerpunkt liegt in der Nutzung moderner Medien im Unter richt. Tom F. (Ende 50) Oberstudienrat an einem Gymnasium. Engagiert sich für medien pädagogi sche Projekte. Betreut derzeit ein Projekt der Peer-Educa tion. Karl E. (Anfang 40) Mitarbeiter in einer Stiftung. Ver netzt Leh- rende und unter stützt sie in der Nutzung digitaler Technologien im Unter richt. Matthias S. (Anfang 40) Selbst ständi ger Unter nehmer und externer Daten schutz beauftragter. Informiert in Schulen Jugend liche über Daten schutz im Internet. D o m än e Ju g en d ar b ei t Sabine R. (Ende 40) Freiberuf liche Medien pädagogin. Arbeitet mit Jugend lichen und deren Eltern und informiert zur Medien nutzung. Peter P. (Mitte 50) Vor stand einer medien pädagogi schen Fach- einrich tung. Leitet An gebote für Kinder und Jugend liche. Ver öffent licht Projekterfah rungen. Frank O. (Mitte 40) Selbst ständi ger Rechts anwalt mit Spezialisie rung auf Jugend und Sozial- recht. Schult Jugendarbeiter im Jugend- medien schutz recht. Alexander M. (Mitte 30) Referent eines von der Europäi schen Union ge förderten Projekts zur Sensibilisie rung für Internet sicher heit und Medien kompetenz. Kerstin H. (Mitte 30) Medien pädagogi sche Ansprechpartnerin einer Medien fach bera tung. Bietet Projekte mit Jugend lichen an und berät Jugend- arbeiter. D o m än e M ed ie n Karsten S. (Mitte 30) Freiberuf licher Autor. Ver tritt die These, dass die Ver brei tung von persön lichen Daten im Internet nicht reguliert werden kann. Tamara N. (Mitte 20) Media Educa tion Manager einer Sozialen Netz- werk platt form. Unter stützt Lehrer, Schüler und Eltern im Umgang mit persön lichen Daten. Klaus G. (Ende 20) Social Media Manager in einer Online- Marketing-Agentur. Konzipiert und betreut Kampagnen in Sozialen Netz werk platt- formen. Bernd D. (Anfang 30) Jugendmedien schutz referent in einer Selbst- kontrollorganisa tion von Medien verbänden und Unter nehmen der Online-Wirtschaft. 274 Experten interviews wurden trans kribiert, mit MAXQDA kodiert, danach auf ca. vier bis sechs Seiten zusammen gefasst und als Basis für die Suche nach Gemeinsam keiten und Unter schieden zwischen den Interviewten ver wendet. Noch mehr als bei der Interviewstudie mit den 24 Jugend lichen und jungen Erwachsenen gilt, dass sich aus unseren qualitativen Daten keine Zusammen hänge zwischen der Domänen zugehörig keit der Experten einer seits und deren Wissen, Einschät zungen und Empfeh lungen anderer seits ab leiten lassen. Wenn dennoch an einigen Stellen die Aus führungen der Experten nach Domänen ge bündelt werden, dann geschieht dies nur an Stellen, wo sich tendenziell Unter schiede er kennen lassen. Ver gleich bar zur Darstel lung der Resultate unserer qualitativen Studie mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen be ginnen wir die Darstel lung der Ergeb nisse in einem ersten Schritt mit kurzen Profilen der 13 Experten, mit denen wir ge sprochen haben. Diese Profile umfassen zum einen Angaben zum be ruflichen Hinter grund und zur Tätig keit, welche die Interviewten zu Experten in Sachen Nutzung sozialer Netz werke machen, und zum anderen einen kurzen Über blick über die Resultate. In einem zweiten Schritt werden die Interview ergeb nisse wiederum über alle Befragten hinweg zusammen gefasst, und zwar in Bezug auf das Fremdbild über die jugend liche Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen, die eigene Auf fassung von Privat heit und Öffentlich keit, die Einschät zung von Chancen und Risiken Sozialer Netz werk platt formen sowie in Bezug auf Annahmen über er forder liche Kompetenzen im Umgang mit diesen und über mögliche und wünschens werte Maßnahmen zur Kompetenz förde rung. In einem dritten Schritt formulie ren wir Empfeh lungen, die man aus den Experten interviews heraus lesen kann, und gruppie ren diese zu insgesamt vier ver schiedenen Tendenzen. 275 5.2 Ergeb nisse 5.2.1 Profile der Experten Experten aus der Domäne Schule Richard R. Richard R. (Mitte 40) unter richtet seit Ende der 1990er Jahre die Fächer Englisch und Deutsch an einem Gymnasium. Nach einem Kompakt studium unter richtet er seit Mitte des Jahres 2000 zusätz lich das Fach Informatik. Sein pädagogisch-didakti scher Schwerpunkt ist die Nutzung moderner Medien im Unter richt. Er ist zudem Mitarbeiter in der Lehrer- ausbil dung an einer Universi tät. Richard R. führt einen Blog, in dem er öffent lich über seinen Alltag in der Schule be richtete. Er thematisiert Daten schutz und Persönlich keits rechte im Social Web in seinem Unter richt. Er ist stark an Werkzeugen der digitalen Öffentlich keit interessiert und pflegt Profile in Diensten wie Facebook, Twitter, Google+, Flickr, YouTube, Delicious, Mister Wong und Skype. ■■ Richard R. ver wendet selbst mehrere Platt formen, um zu kommunizie ren. Er geht davon aus, dass Schüler ab der siebten Klasse Soziale Netz werk platt formen nutzen und vor allem in Facebook aktiv sind, wo sie nur wenig Text selbst produzie ren. In Facebook ist er selbst mit seinen Schülern be freundet. ■■ Als privat be wertet Richard R. Informa tionen über die eigene Familie und Stimmungs lage. In Twitter schreibt er kürzere Bemer kungen und Status meldun gen, jedoch nicht über Kollegen, Schüler oder die Schullei tung. ■■ Ein Risiko der Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen sieht Richard R. darin, dass Personen unerlaubt auf Fotos markiert werden oder Cybermobbing be trieben wird. Dennoch könnten Medien, auch Facebook, im Unter richt ver wendet werden. Jugend liche schätzt Richard R. so ein, dass sie eher nach komfortablen Lösungen (wie Facebook) suchen, die sie einfach und ohne Aufwand anwenden können, an statt sich mit ver schiedenen Medien intensiv auseinander zusetzen. ■■ Richard R. fordert, dass Jugend liche Lese verstehen und techni sches Wissen er werben sollten. Sie sollten ein Bewusstsein für Öffentlich keit und Privat heit ent wickeln. Um die Jugend lichen zu unter stützen, müssten sie aktiviert werden, eigene Erfah rungen zu sammeln; das sei effektiv. Lehrer sollten den Schülern als kompetente Ansprechpartner bei Problemen zur Ver fügung stehen. An sich, so Richard R., müsse man die Themen Daten schutz und Persönlich keits rechte mit in den Lehrplan auf nehmen. Ver mitt lung und Wissens austausch durch Peers sieht er kritisch. Richard R. kann auf vielfältige Erfah rungen aus dem Schulalltag zurück greifen. Er ist selbst in sozialen Netz werken aktiv und bringt viele Vor schläge dafür ein, welche Kompetenzen man wie für eine Nutzung Sozialer Netz werk platt formen fördern sollte. „Ich mache es so, dass ich eigent lich von den aktuellen Schülern, die ich in dem Jahr habe, die Freundschafts anfragen akzeptiere und am Ende des Schuljahres dann wieder lösche. So bin ich doch für die Schüler er reich bar, wenn sie etwas wissen wollen.“ 276 Tom F. Tom F. (Ende 50) ist Oberstudienrat an einem Gymnasium. Er unter richtet die Fächer Biologie, Politik und Sozialwissen schaften. Früher war er Mitarbeiter im Bereich digitale Medien an einem Landesinstitut. Seit 2011 betreut er ein Projekt, das dem Ansatz der „Peer-Educa tion“ folgt, bei dem Schüler andere Schüler in der Medien nutzung unter stützen. Schon früher hat er sich im Bereich Medien kompetenz engagiert. Er schrieb für das Portal Lehrer-Online und initiierte Medien-Initiativen an Schulen. Für das Portal Klicksafe ver fasst er Publika tionen und Unter richts material für Lehrende. Darunter sind auch Unter richts materialien zu Sozialen Netz werken, Daten schutz und Cyber-Mobbing. ■■ Tom F. nutzt selbst ver schiedene Medien und ver sucht, immer auf dem Laufenden zu bleiben. Er denkt, dass die Medien nutzung für Jugend liche eine große Rolle spielt, vor allem für die Kommunika tion. Die digitale Welt generell (nicht nur Soziale Netz werk platt formen) empfindet er als sehr schnell lebig und hochdynamisch. ■■ Es gibt einige Daten, die Tom F. zufolge nicht im Internet ver öffent licht werden sollten; dazu zählt unter anderem die persön liche Stimmungs lage. Ver öffent licht werden sollte nur, was man kontrollie ren kann. Jeder Nutzer sollte sich immer Gedanken darüber machen, was auf welcher Platt form ver öffent licht wird. ■■ Risiken in der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen sieht Tom F. darin, dass nur schwer zu kontrollie ren ist, wer ver öffentlichte Daten sehen kann, und dass diese auch noch nach Jahren im Internet zu finden sind. Jugend liche schätzt Tom F. so ein, dass sie kein Gespür für ihre Daten haben. Mit Sorge be obachtet er den Trend, dass immer mehr ver öffent licht wird und nur noch Weniges privat bleibt. ■■ Einer seits schätzt Tom F. Jugend liche als durch aus kompetent im Umgang mit dem Internet ein. Anderer seits be obachtet er eine große Sorglosig keit. Um Jugend liche zu unter- stützen, ein höheres Bewusstsein für die „Trageweite“ ihrer Ver öffent lichungen im Netz zu er langen, sollten Beispiele aus ihren Lebens welten ver wendet werden. Zudem sollte man Jugend lichen die Möglich keit geben, möglichst viel selbst auszu probie ren. Für Tom F. haben die Peers große Einfluss möglich keiten, was man nutzen sollte, um Jugend liche zu sensibilisie- ren. Er plädiert für eine positive Grundstim mung bei allen Beteiligten, weil nur so Unter stüt- zung in Sachen Daten schutz ge lingen könne. Die Peer-Gruppe hat für Tom F. in Sachen Unter stüt zung von Jugend lichen einen sehr hohen Stellen wert. Er hat viel Erfah rung und weiß, dass Freunde, aber auch Eltern, einen anderen Einfluss als Lehrer oder Vor tragende haben. Seine Über zeugung setzt Tom F. auch in konkreten Projekten um, die er neben seiner Lehrtätig keit betreut. „Was ich hoffent lich er reiche, ist natür lich eine Sensibilisie rung. Ich muss sagen, viele Jugend liche gehen nicht sehr sensibel mit ihren Daten um. Sie haben einfach kein Gespür dafür, was jetzt eigent lich öffent lich sein darf und wo man ein bisschen auf- passen sollte …“ 277 Karl E. Karl E. (Anfang 40) studierte die Fächer Englisch, Deutsch und Biologie auf Lehramt. Er unter richtete an einer Realschule neben Englisch und Biologie auch Informa tions- und Kommunika tions technologien. Aus Passion für das Lernen mit neuen Medien unter stützte er in einem Internetportal den Aufbau eines Bereichs zum Online-Lernen für Schüler und Lehrkräfte. Seit 2004 ist er Mitarbeiter einer Stiftung. In einem Schul- bzw. Lehrer-Projekt, das sich mit Fragen der Heterogeni tät be schäftigt, arbeitet er aktuell daran, dass Lehrende ihre Erfah rungen aus tauschen und sich ver netzen und dabei digitale Technologien nutzen, Anwen dungen des Social Web im Unter richt ver wenden und mit dem Elternhaus zusammen- arbeiten. Soziale Netz werk platt formen sieht Karl E. auch als Chance für die Kommunika tion zwischen Lehrenden. Er ist seit einigen Jahren Mitorganisator von Barcamps und EduCamps. ■■ Bedingt durch sein Projekt nutzt Karl E. unter anderem auch Facebook. Infolge seiner bisheri gen und aktuellen Tätig keiten ist er mit neuen digitalen Anwen dungen sehr ver traut. Aus seiner Sicht nutzen Lehrer das Internet primär zur Informa tions beschaf fung. Jugend- liche dagegen seien eher an den Kommunika tions möglich keiten im Netz, aber auch an Spielen am Computer interessiert. ■■ Private Familien bilder oder Fotos von Feiern sind für Karl E. nicht für die Öffentlich keit ge eignet, sondern allen falls für den privaten Kreis, zu dem man Ver trauen hat. Generell be wertet er personen bezogene Daten im Internet kritisch und ist der Meinung, dass die Wahrung der Persönlich keits rechte zunehmend schwierig wird. Wichtig ist Karl E. jedoch die Möglich keit einer freien Meinungs äuße rung. ■■ Als Risiko be wertet Karl E. die Tatsache, dass alles, was im Internet und damit auch auf Sozialen Netz werk platt formen ver öffent licht wird, für jeden einseh bar ist und daraus Nachteile ent stehen können. Eine große Chance von Sozialen Netz werk platt formen erkennt er in Möglich keiten der hierarchiefreien Kommunika tion. ■■ Karl E. fordert, vor allem kritische Medien kompetenz zu fördern, unter anderem im Umgang mit personen bezogenen Daten. Hier dürfe man auch nicht zu spät be ginnen – bereits in der Grundschule müsse hier an gesetzt werden. Schüler müssen laut Karl E. aktiviert werden und selbst lernen. Aber auch die Eltern sollten sich in die Medien bildung der Schüler einbringen, dafür den Kontakt zur Schule suchen und sich selbst im Umgang mit digitalen Medien fortbilden. Karl E. sieht viele Vor teile und Möglich keiten von sozialen Netz werken – gerade auch für Lehrer. Er ist jedoch auch sehr kritisch, wenn es um personen bezogene Daten geht. Seine Zielgruppe sind weniger die Jugend lichen selbst als vielmehr deren Lehrer. Diese sieht er in Sachen Unter stüt zung ebenso in der Pflicht wie die Eltern. „Aber spätestens in der Grundschule, finde ich, wäre es schon an der Zeit, um auch wirk lich in engere Gespräche einzu tauchen, das kann ein Informa tions abend für Eltern sein, wo auch jemand ein geladen wird, der sich richtig mit dem Thema aus- kennt, das kann jemand aus dem Kollegium sein, das kann aber auch jemand von außerhalb sein.“ 278 Matthias S. Matthias S. (Anfang 40) ist Diplom-Betriebs wirt mit Schwerpunkt Wirtschafts informatik und leitet eine Unter nehmens bera tung. Als externer Daten schutz beauftragter berät er Firmen in Fragen zu Daten schutz und Daten sicher heit. Seit Mitte 2000 ist er Mitglied im Berufs verband der Daten schutz beauftragten Deutschland e. V. (BvD) und engagiert sich als Regionalgruppen- und Arbeits kreis leiter. Über dieses Engagement kam er mit dem Arbeits kreis „Daten schutz geht zur Schule“ in Kontakt. Darin be suchen er und Kollegen aus dem BvD Schulen in ganz Deutschland und ver mitteln Schülern, wie sie in der Nutzung von Mobiltelefonen, Sozialen Netz werk platt formen oder anderen Diensten die Kontrolle über ihre persön lichen Daten zurück gewinnen. Im Rahmen dieser Tätig keit hat Matthias S. bisher mehrere tausend Jugend liche betreut. In Zukunft will der BvD ein bundes weites Netz von Referenten auf- bauen. ■■ Matthias S. ist medienerfahren, äußert sich aber nicht zu seinem konkreten Nutzungs- verhalten. Er geht davon aus, dass Jugend liche die meiste Zeit im Internet ver bringen, um nichts zu ver passen; das gelte insbesondere für Soziale Netz werk platt formen. Er ver mutet, dass sich Jugend liche in ihrer Selbst darstel lung im Internet vor allem an der Werbung orientie ren. ■■ Für Matthias S. ist ein sehr sorgsamer Umgang mit seinen Daten wichtig. So achtet er genau darauf, welche Daten über ihn im Internet zu finden sind und ver nichtet Post mit personen bezogenen Inhalten. Er ist der Ansicht, dass man mit digitalen Medien gut umgehen kann, wenn es einem ge lingt, die Risiken zu minimie ren. ■■ Jugend liche ver stehen Matthias S. zufolge oftmals nicht die Tragweite dessen, was sie im Internet ver öffent lichen. Ein weiteres Risiko sieht er in der Ver brei tung von Trojanern. Er betont aber auch die Vor teile des Internet, die darin be stehen, dass man einfach und schnell miteinander kommunizie ren kann. ■■ Jugend liche müssten ein Bewusstsein dafür ent wickeln, dass einmal ver öffentlichte Inhalte im Internet nicht ver schwinden, sondern auch noch nach Jahren auf find bar sind. Matthias S. plädiert vor diesem Hinter grund für Vor träge über den Daten schutz, um Jugend liche über dieses Risiko in sozialen Netz werken zu informie ren. Schulen, Eltern und Lehrer sollten solche An gebote annehmen. Zudem wäre es wünschens wert, wenn Anbieter von sozialen Netz werken Jugend liche darin unter stützen würden, Daten zu löschen. Für Matthias S. sind, infolge seines Berufes, daten schutz recht liche Aspekte bei der Internet- nut zung zentral. Seine Argumente spiegeln vor allem seine Rolle als Daten schutz beauftragten wider. Obschon er vor allem die Gefahren, die von Sozialen Netz werk platt formen aus gehen, benennt, hält er es durch aus für möglich, mit diesen ver nünftig umzu gehen und junge Menschen durch Informa tion für die Risiken zu sensibilisie ren. „Ich denke einfach, wenn man weiß, was man tut und wenn man die Risiken so weit wie möglich minimiert, dann kann man auch mit den ganzen Neuen Medien umgehen. Das Problem ist bloß: Wer weiß eigent lich noch wirk lich, was er tut?“ 279 Experten aus der Domäne Jugendarbeit Sabine R. Sabine R. (Ende 40) ist Diplom-Pädagogin und arbeitet seit Ende der 1990er Jahre als freiberuf liche Medien pädagogin. Sie ver fügt über Aus bildungen als Familien mediatorin und systemati sche Beraterin. Sie arbeitete als freie Mitarbeiterin für ver schiedene Institute und Landes anstalten sowie als Beraterin im Bereich Senioren und inter kulturelle Bildung. Sie ist durch ihre Arbeit mit vielen Jugend lichen ver netzt, und kommt dadurch immer wieder in Kontakt mit privaten Beiträgen, die in Platt formen wie Facebook oder schülerVZ unabsicht- lich und teil weise bewusst öffent lich sicht bar ge macht werden. Es ist ihr ein Anliegen, Eltern zu ver mitteln, dass es zu ihren wichtigsten Erziehungs aufgaben gehört, mit ihren Kindern gemeinsam positive Medien erleb nisse zu haben. ■■ Soziale Netz werk platt formen wie Facebook werden auch von Sabine R. ge nutzt. Sie denkt allerdings, dass Jugend liche weniger Erfah rungen und Weit sicht im Umgang mit dem Internet haben als Erwachsene und sich weniger Gedanken über den Schutz der Privatsphäre machen. Die Nutzung von Netz werken ist bei den Jugend lichen aus ihrer Sicht stark vom Trend ab hängig. ■■ Persön liche Daten wie Wohnort, Fotos, Freunde, Hobbys ver öffent licht Sabine R. selbst nicht. Öffent lich schreibt sie nur über be rufliche Aspekte. Wichtig ist ihr, dass das Ver linken von Fotos kontrolliert wird und wenn möglich, Bilder im Internet ganz ver mieden werden. ■■ Sabine R. sieht in Fotos, die auf Sozialen Netz werk platt formen kursie ren, ein be sonde res Risiko. Dass man auf diesen Platt formen sehr einfach kommunizie ren kann, findet sie dagegen gut. Die Medien kompetenz von Jugend lichen schätzt Sabine R. als eher gering ein; die nötige Ernst haftig keit und Reflexion über die Konsequenzen des eigenen Tuns sei gerade bei Jüngeren nicht vor handen. ■■ Eltern können ihre Kinder Sabine R. zufolge dadurch unter stützen, dass sie sich selbst über den Daten schutz informie ren und ver suchen, das Handeln der Jugend lichen nach- zuvollziehen. Dazu müssten sie selbst das Internet, vor allem Spiele oder Chaträume, aus- probie ren. Lehrer sollten dem Thema Medien deut lich mehr Raum geben und sich darauf einlassen. Internetdienst leister sieht Sabine R. in der Pflicht, ihre Privatsphäre-Einstel lungen transparenter und intuitiver zu ge stalten. Sabine R. kennt sich mit der prakti schen Handha bung von Sozialen Netz werk platt formen gut aus und hat viel Kontakt zu Jugend lichen. Ihr ist es ein Anliegen, Jugend liche und ihre Eltern zu informie ren wie auch zu sensibilisie ren. Von den Eltern er wartet sie, dass sie die Aktivi täten ihrer Kinder im Internet nicht ver urteilen, sondern das selbst aus probie ren, um sich eine Meinung zu bilden. „Es ist eine Ambivalenz vor handen: Wenn mich einer persön lich nach Daten fragt, bin ich ganz skeptisch und misstrauisch und sage ‚Warum fragen Sie mich das? Sag ich Ihnen nicht‘, aber anderer seits bin ich ganz selbst verständ lich und dränge den Leuten meine Daten auf mit den Möglich keiten, die ich habe.“ 280 Peter P. Peter P. (Mitte 50) ist geschäfts führen der Vor stand eines Mitte der 1990er Jahre ge gründeten Ver eins, der eine bundes weit agierende medien pädagogi sche Facheinrich tung trägt. Diese ist als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt. Mit seinen fest an gestellten und freien Mitarbeitern bietet der Verein unter anderem regelmäßige Computerclubs, Ver anstal tungen und pädagogi sche Handreichungen im Bereich Computer/Internet und Kinder/Jugend liche an. Ziel des Ver eins ist es, digitale Heraus forde rungen praxisnah und kritisch aufzu greifen und die ge wonnenen Erfah rungen an pädagogisch Ver antwort liche und Interessierte weiter- zugeben. Peter P. ist selbst aktiver Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen und ver öffent- licht darüber hinaus Artikel und Bücher. ■■ Peter P. ist auf mehreren Netz werk platt formen aktiv, ver netzt sich dort aber nicht mit Jugend lichen und Kollegen. Er postet keine privaten Dinge oder Belanglosig keiten und findet dies auch bei der Internetnut zung Jugend licher nicht gut. Im Internet ist aus be- ruflichen Gründen dennoch viel über ihn zu finden. ■■ Privat heit und Öffentlich keit haben für Peter P. auch eine politi sche Komponente. Er ver- weist auf die Volks zählung 1984, bei der er selbst engagiert gegen die Erhebung von persön lichen Daten ge kämpft hat. Auch heute gibt er keine personen bezogenen Daten preis. Was Privat heit ist, be findet sich seiner Meinung nach im Wandel und ist auch davon ab hängig, auf welche (Teil-)Öffentlich keit man sich bezieht. ■■ Neben Mobbing nennt Peter P. als weiteres Risiko für Jugend liche, dass sich diese nicht darüber bewusst sind, was mit ihren Daten passiert (kein Weitblick) und für welche Zwecke ihre Daten (politisch) ge nutzt werden können. Hier sollten die Jugend lichen auch ruhig mal auf den Rat von Erwachsenen hören. ■■ Jugend liche sollten Peter P. zufolge die Tragweite ihrer Ent schei dungen besser einschätzen lernen. Zudem sei es wichtig, dass ver stärkt Werte und Normen gelebt und soziale Kompe- tenzen in und für das Internet aus gebildet werden. Aktive Medienarbeit biete die Chance, mit den Jugend lichen ins Gespräch zu kommen und sie zu aktivie ren. Eltern seien oft zu wenig informiert und oft zu negativ ein gestellt, so dass ihre Beleh rungen ihre Kinder nicht er reichen. Eltern und andere Unter stüt zungs personen müssen laut Peter P. mit dem Internet ver traut, aber auch offen sein, ihre Kinder wertschätzen und ihnen Ver trauen ent gegen- bringen. Peter P. kennt sich mit sozialen Netz werken gut aus und hat vielfach engen Kontakt mit Jugend lichen. Politische Aktivität ist ihm wichtig – auch oder gerade im Zusammen hang mit Sozialen Netz werk platt formen. Er kritisiert, dass sich Jugend liche und junge Erwachsene zu wenig Gedanken um die politi schen und gesell schaft lichen Konsequenzen ihrer Handlun- gen machen. Er fände es gut, wenn sie bei be stimmten Themen auch mal auf den Rat der Älteren hören würden, betont dabei aber die große Rolle des Ver trauens. „Also Facebook ist ja darauf an gelegt, dass man alles von sich preis gibt oder möglichst viel. Es ist ja ein Forum. Also das ist der Wider spruch. Facebook ist gegen den gesamten Daten schutz, weil die Philosophie, die dahinter steht, dem Daten- schutz wider spricht.“ 281 Frank O. Frank O. (Mitte 40) ist seit Mitte der 1990er Jahre selbst ständi ger Rechts anwalt und hat sich in seiner Kanzlei auf die Themen Jugend und Sozial recht spezialisiert. Er engagiert sich seit seiner eigenen Jugend ehren amtlich in der Jugendarbeit. Jedes Jahr ist er in ungefähr 50 Ver anstal tungen als Referent in der deutschlandweiten Aus bildung von Mit- arbeitern der Jugendarbeit tätig. Hierzu hat er auch ein Handbuch ver öffent licht. Er über- nimmt Schulun gen zur Auf sichtspf licht im Rahmen von Ferien fahrten, Lagern oder Internet- projekten, berät zu Rechts fragen der offenen Kinder- und Jugendarbeit und informiert über den Jugendmedien schutz im Internet. Ein immer stärke rer Themen punkt seiner Referenten- tätig keit sind Möglich keiten, wie Jugendleiter die von ihnen be treuten Jugend lichen und jungen Erwachsenen im Umgang mit digitalen Medien unter stützen können. ■■ Selbst nutzt Frank O. digitale Medien eher in geringem Umfang. Er ist zwar in einigen Sozialen Netz werk platt formen an gemeldet, dies aber vor allem, um sich im Hinblick auf die Internetnut zung seiner eigenen Kinder „weiter zubilden“ und um bei Vor trägen eigene Erfah- rungen einfließen lassen zu können. ■■ Seine Einstel lung zu Privat heit bzw. Öffentlich keit wird nicht ganz klar. Er stellt vor allem Fotos als wichtige private An gelegen heit heraus, die nicht öffent lich ge macht werden sollten. ■■ Frank O. schildert die Risiken wie auch Chancen der Internetnut zung eher aus der „Drittperspektive“ denn aus seiner eigenen Beobach tung heraus. Er weist darauf hin, dass in den Medien eine Darstel lung der Risiken über wiege. Dies ist nach seiner Auf fassung nur eine Seite der Medaille: Das Internet und damit auch Soziale Netz werk platt formen könnten zu Bildungs zwecken, zur Koordina tion in Jugendgruppen und ähnlichem eben falls ein gesetzt werden. Kinder und Jugend liche hält Frank O. für technisch ver sierter als ihre Eltern, sieht aber dennoch Bera tungs bedarf. ■■ Jugendarbeiter haben nach Frank O. oft die be sseren Chancen als Eltern und Lehrer, positiven Einfluss auf das Ver halten von Jugend lichen zu nehmen. Er be gründet dies damit, dass Jugendarbeiter häufig jünger (als Eltern und Lehrer) sind, selbst digitale Medien nutzen und Streitig keiten oder andere kritische Themen einem offenen Dialog nicht im Weg stehen. Wichtig sei, auf Augenhöhe mit den Jugend lichen zu kommunizie ren und keine Vor schriften zu machen, sondern eher zu sensibilisie ren. Frank O. hat beim Thema Privat heit bzw. Öffentlich keit in Sozialen Netz werken und die hierfür er forder lichen Kompetenzen vor allem die Jugendarbeit im Blick. Ihm ist es sehr wichtig, Kinder und Jugend liche für die sichere Nutzung neuer Medien zu sensibilisie ren. Anders als einige andere Experten ver knüpft er das aber nicht mit intensive ren eigenen Netz-Aktivi täten, sondern konzentriert sich auf Informa tion für Multiplikatoren. „Die Eltern wissen durch die Presse, dass diese sozialen Netz werke möglicher weise schäd lich sein können. […] Die Eltern stellen sehr stark gegen über ihren Kindern die möglichen Gefahren heraus und ver suchen dann eher auf der Ver bots schiene dieses Problem zu regeln.“ 282 Alexander M. Alexander M. (Mitte 30) ist aus gebildeter Lehrer und Diplom-Soziologe. Er arbeitet als Referent eines von der Europäi schen Union ge förderten Projekts, das die Bevölke rung für das Thema Internet sicher heit sensibilisie ren und Medien kompetenz fördern soll. Über ein Internet-Portal ver öffent lichen die Projekt verantwort lichen Informa tionen zu aktuellen Ent- wick lungen im Internet. Unter richts materialien für die Lehrer schaft machen mit dem Thema ver traut und liefern methodisch-didakti sche Hinweise dazu, Jugend liche im Unter richt und deren Erziehungs berechtigte auf Elternaben den zu sensibilisie ren. Darüber hinaus werden Multiplikatoren-Schulun gen und regelmäßige Diskussionen mit Jugend lichen durch geführt. ■■ Alexander M. nutzt selbst nur die Soziale Netz werk platt form Xing. Bei Facebook oder anderen vor rangig privat ge nutzten Sozialen Netz werk platt formen ist er nicht „persön lich“ aktiv, sondern nur über ein anonymes Profil im Rahmen des Projekts ver treten. Für Jugend- liche aber seien Facebook, YouTube und Spiele sehr wichtig. ■■ Der Privatsphäre-Begriff von Alexander M. ist ver gleichs weise eng: Er möchte sowohl offline als auch online „Herr seiner Daten“ sein. Offline zeigt sich dies darin, dass er z. B. selten an Gewinn spielen teilnimmt und keine Kunden karten nutzt. Online trennt er strikt zwischen Beruf lichem und Privatem und stellt keine persön lichen Informa tionen über sich ein. Die Defini tion, was privat und was öffent lich ist, be findet sich seiner Ansicht nach – nicht zuletzt durch Online-Communities – im Wandel. ■■ Als Haupt risiko schätzt Alexander M. ein, dass man keine Kontrolle darüber hat, was z. B. Dritte über die eigene Person im Internet ver öffent lichen (insbesondere Fotos). Speziell auf die Gruppe der Jugend lichen bezogen, hält er es für riskant, dass diese sich nicht der Reichweite und Dynamik Sozialer Netz werkseiten bewusst sind. Daneben seien Soziale Netz werkseiten aber auch ein Raum, wo Jugend liche unter sich sein könnten. ■■ Alexander M. be obachtet, dass das Thema Daten sicher heit ganz oben auf der Agenda steht und Jugend liche inzwischen sensibilisiert sind. Er plädiert dafür, Jugend liche als „Experten“ ernst zu nehmen und bei Unter stüt zungs angeboten auch die positiven Seiten der Internetnut zung zu thematisie ren. Eltern und Lehrer müssten sich mit den Möglich keiten von Internetdiensten ver traut machen, bevor sie in den Dialog mit Jugend lichen treten. Bei Anbietern ist Alexander M. für ver einfachte Sicher heits einstel lungen und ein stufen weises Freischalten von Funk tions möglich keiten. Alexander M. kennt zahl reiche Funk tions möglich keiten des Internet, obwohl er selbst die für Jugend liche aus seiner Sicht wichtigste Soziale Netz werk platt form Facebook nicht nutzt. Er zeigt sich eher besorgt in Sachen Daten schutz und -sicher heit und ver weist auf das Dilemma, das sich dadurch ergibt, denn zum Funktionie ren einer Sozialen Netz werk platt- form gehöre es eben dazu, be stimmte Daten mit anderen zu teilen. „Und die sozialen Netz werke sind natür lich auch für viele Jugend liche ganz klar ein Raum, wo sie sich eben auch außerhalb von Erwachsenen welten bewegen möchten und da eben auch frei agieren können in weiten Teilen.“ 283 Kerstin H. Kerstin H. (Mitte 30) arbeitet als medien pädagogi sche Ansprechpartnerin in einer Medien- fach bera tung. Sie organisiert regionale und über regionale medien pädagogi sche Projekte mit Kindern und Jugend lichen in den Bereichen Video, Audio, Foto und Multimedia, unter- stützt Institu tionen und Jugendmedien gruppen, ver mittelt Kontakte zu Fachreferenten, organisiert Seminare, Fortbil dungen, Fachta gungen, Vor träge und Elternabende und berät zu Finanzie rungs möglich keiten von Medien projekten. Sie studierte Diplom-Pädagogik mit dem Wahlpflicht fach Medien pädagogik und arbeitete zunächst in einer städti schen Medienste- lle. Von Mitte bis Ende 2010 war sie ehren amtliche Medien fach beraterin. Seit Ende 2010 arbeitet sie hauptamt lich in dieser Domäne weiter. ■■ Kerstin H. nutzt Facebook be ruflich, um Kontakte zu Personen und Institu tionen zu halten, die ihr wichtig sind. Ein privates Benutzer konto dient nur dem eigenen Experimentie ren. In ihren Augen kommunizie ren Jugend liche fast nur noch über Soziale Netz werk platt formen, weil dies schneller und einfacher gehe als beispiels weise via E-Mail. Dabei schätzt sie die Jugend lichen nur bedingt risikobewusst ein. ■■ Für Kerstin H. be deutet Privatsphäre, selbst ent scheiden zu können, mit wem sie welche Daten teilt. Bei persön lichen Informa tionen trennt sie zwischen privaten und be ruflichen. Private Daten vollständig zu schützen hält sie für nicht möglich. In Zukunft werde man wohl die Privatsphäre nicht mehr so hoch halten. ■■ Dass unerwünscht Fotos auf Sozialen Netz werk platt formen ver öffent licht werden, er scheint Kerstin H. als eines der größten Risiken. Ihr kommen aber noch zahl reiche weitere Gefahren in den Sinn, so z. B. Daten ab fangende Gewinn spiele, gegen seitige Ver letzungen durch be leidigende Beiträge, aber auch drastischere Probleme wie Einbrüche infolge von Informa- tionen über Ab wesen heits zeiten. ■■ Kerstin M. beklagt das gering aus geprägte Bewusstsein Jugend licher im Umgang mit Fotos. Gleichzeitig be obachtet sie, dass Jugend liche in den letzten Jahren vor sichti ger ge worden sind. Wichtig ist aus ihrer Sicht ein stärke rer Aus tausch zwischen Jugend lichen und ihren Eltern, wobei die Eltern nicht nur die Gefahren des Netzes sehen dürften. Des Weiteren kommen der Jugendarbeit, informellen Gesprächen und konstruktiven Rückmel- dungen eine wichtige Funktion zu. Auch die Medien anbieter sieht sie in der Pflicht, leichter ver ständ liche Einstel lungs optionen anzu bieten. Kerstin H. hat viele Erfah rungen mit Jugend lichen und kennt sowohl die Vorzüge als auch die Gefahren auf Sozialen Netz werk platt formen aus der eigenen Erfah rung in der medien- pädagogi schen Arbeit. Auch sie thematisiert das Span nungs verhältnis zwischen hohem Daten schutz und Privatsphäre einer seits und einem offenen Aus tausch in sozialen Netz- werken anderer seits. Eine be sondere Rolle weist sie den Eltern zu, die ihren Kindern Orientie rung geben müssten, auch wenn diese ihnen technisch über legen sein sollten. „Seine Daten komplett zu schützen, ist meiner Meinung nach nicht mehr un bedingt möglich. […] Ich denke, die Einstel lung dazu wird sich ver schieben und mit der nach- kommen den Genera tion wahrschein lich auch lockern.“ 284 Experten aus der Domäne Medien Karsten S. Karsten S. (Mitte 30) lebt in einer Groß stadt und ist im Netz unter einem Pseudonym bekannt. Seit Mitte 2000 ist er mit ver schiedenen Projekten im Internet aktiv. Er gründete eigene Initiativen rund um Twitter, be treibt einen Podcast und mehrere Blogs. Er schreibt Zeitungs artikel und Beiträge in Online-Publika tionen. Karsten S. be schäftigt sich in seinen Texten und Vor trägen primär mit dem Ver lust der Kontrolle über die persön lichen Daten im Internet. Er ver tritt die These, dass Informa tionen im Zeitalter des Internet nicht be herrsch- bar sind und damit das Konzept der informa tio nellen Selbst bestim mung, wie es das Daten- schutz recht vor sieht, nicht mehr greift. Karsten S. studierte Kulturwissen schaften und arbeitet gegen wärtig an seiner Doktorarbeit. ■■ Berufs bedingt nutzt Karsten S. das Internet sehr intensiv. Er ver wendet Kurznachrichten- Dienste, Blogs und Podcasts und ist ent sprechend viel im Netz unter wegs. Ob und wie er auch Soziale Netz werk platt formen ver wendet, wird nicht ganz klar. Dass Facebook bei Jugend lichen primär ist, steht für ihn fest. Aber auch YouTube spiele bei ihnen eine große Rolle, was nach wie vor unter schätzt werde. ■■ Im Internet gibt es Privatsphäre laut Karsten S. höchstens bei Kommunika tion zwischen zwei Personen (E-Mail, Chat). Alles andere sei per se öffent lich – auch dann, wenn es zunächst nur an eine ein geschränkte Öffentlich keit gerichtet ist. Das Konzept von Privatsphäre werde sich in den nächsten 20 Jahren ändern, da sich unsere Gesell schaft mit den Jugend- lichen ver ändert. Für Karsten S. selbst gibt es nichts, bei dem er nicht er tragen könnte, wenn es im Internet auf taucht. ■■ Die wahren Risiken des Internet sieht Karsten S. nicht in Privatsphäre-Fragen oder Pornographie, sondern im Mobbing. Hier gibt es seiner Ansicht nach Bedarf, Jugend lichen unter stützend zur Seite zu stehen. In der Diskussion über den Daten schutz sieht er hingegen eher eine Gefahr, da vor dem Hinter grund der Kontroll verlust these schnell eine falsche Sicher heit ent stehe. ■■ Karsten S. schlägt vor, dass Jugend liche eine Einfüh rung in die Daten banktechnik er halten sollten, da man so am besten die Chancen und Risiken, die bei der Ver knüp fung von Daten ent stehen, er kennen kann. Hier sieht er auch die Schulen in der Pflicht. Eltern sollten bei der Internetnut zung Ansprechpartner für ihre Kinder sein. Jugend lichen zu sagen, wie sie handeln sollten, lehnt Karsten S. allerdings ab. Privatsphäre-Einstel lungen auf Sozialen Netz werk platt formen sollten auf ein binäres Maß ver einfacht werden, da sie sowieso eine falsche Sicher heit vor gaukeln. Karsten S. konzentriert sich auf das aus seiner Sicht nicht mehr greifende Konzept der informa tio nellen Selbst bestim mung. Seine Kernthese ist, dass Daten im Internet per se nicht zu kontrollie ren sind. Aus seiner Perspektive ist die Daten schutz-Diskussion sinn los. Jugend- liche sollten besten falls eine „informierte Ent schei dung“ treffen können. „Also wir sind auf jeden Fall an einem Punkt, wo die Rede von informa tio neller Selbst bestim mung zunehmend absurd wird.“ 285 Tamara N. Tamara N. (Ende 20) arbeitet seit Ende 2000 als „Media Educa tion Manager“ einer großen Sozialen Netz werk platt form. Unter ihrer Leitung sensibilisiert ihr Team junge Nutzer für eine ver antwor tungs bewusste, respekt volle und sichere Nutzung des Internet. Neben der direkten Arbeit in der Platt form be suchen die Mitarbeiter Schulen in ganz Deutschland, um zusammen mit Schülern, Eltern und Lehrern durch das Internet zu surfen und über Chancen und Risiken zu sprechen. Der Fokus dieser Aktivi täten liegt auf dem Umgang mit persön lichen Daten und auf dem Schutz der eigenen Privatsphäre. Tamara N. findet die Chancen der Dienste in der öffent lichen Debatte unter repräsentiert. Sie studierte bis vor kurzem Sprach-, Kommunika tions- und Medien wissen schaft. ■■ Tamara N. nutzt be ruflich wie privat das Internet und ist auch in Sozialen Netz werk platt- formen aktiv. Sie ist eher zurück haltend, was das Ver öffent lichen von Daten angeht und findet die strengen deutschen Daten schutz richtlinien gut. Jugend liche ver bringen ihrer Wahrneh mung nach sehr viel Zeit in Sozialen Netz werk platt formen und würden sich dabei zu wenig für den Daten schutz interessie ren. ■■ Privatsphäre online und offline sind für Tamara N. schwer voneinander zu trennen. Im Zentrum steht jeweils die Kontrolle darüber, welche persön lichen Daten welchen (Teil-) Öffentlich keiten oder gar nicht weiter gegeben werden. Tamara N. denkt, dass sich im Wandel be findet, was man unter privat und öffent lich ver steht. ■■ Für Tamara N. ist es riskant, wenn Jugend liche nur un genügend darüber nach denken, was alles mit ihren Daten passie ren kann. Die Jugend lichen wüssten zu wenig über Unter- schiede zwischen ver schiedenen Platt formen Bescheid (z. B. dass man bei Facebook sein Recht am Bild abtritt). Sie kritisiert außerdem, dass Schüler zu „lasch“ mit ihrer eigenen Daten sicher heit umgingen. Auch wenn die Sensibili tät dafür langsam steige, ver- mutet Tamara N., dass es noch lange Bera tungs bedarf geben wird. ■■ Jugend liche sollten aus Sicht von Tamara N. eine reflektierte Ent schei dung im Umgang mit ihren Daten fällen, wozu auch die Kenntnis der Daten schutz bestim mungen der Anbieter gehört. Weiter hin wichtig seien soziale Kompetenzen. Sie sieht Eltern wie auch Lehrer in der Pflicht, Jugend liche zu unter stützen. Diese hätten aber zu viel Angst und würden erst bei Gefahren hell hörig werden. Internetanbieter müssten die Daten schutz vorgaben alters- gerecht und klar ver ständ lich formulie ren. Tamara N. arbeitet ge wissermaßen an der Schnitt fläche von Jugendarbeit und Medien und ist inhalt lich in Sachen Internetnut zung und Soziale Netz werk sehr ver siert. Es fällt auf, dass sie den eigenen Anbieter, bei dem sie arbeitet, in Sachen Daten schutz besser einschätzt als die Konkurrenten. Tamara N. sieht klar die Anbieter in der Pflicht, was die Unter stüt zung Jugend licher angeht, appelliert aber auch an die Eltern, neben Risiken die Chancen wahrzunehmen und über haupt Interesse zu zeigen. „Es ist leider oft so, dass man [bei Eltern] oftmals mit dem Negativen ansetzen muss. Also immer wenn irgendwie was passiert oder wenn Eltern er fahren, dass ihrem Kind was im Netz passiert ist, dass es ge mobbt wird und so weiter, dann ist das Interesse sehr groß.“ 286 Klaus G. Klaus G. (Ende 20) ist Social Media Manager einer Online-Marketing-Agentur. Er konzipiert und betreut die Aktivi täten von Unter nehmen im Bereich Social Media. Haupt schwerpunkt seiner Arbeit sind Marketing-Kampagnen auf der Sozialen Netz werk platt form Facebook mit bis zu 300.000 aktiven Teilnehmern. Im Berufsalltag be obachtet Klaus G. täglich die Beiträge von Jugend lichen und jungen Erwachsenen und schreitet ge gebenen falls ein, wenn diese persön liche Daten über sich oder über andere Nutzer preis geben. Ende 2000 hat er sein Studium im Medien bereich ab geschlossen. Während der Olympischen Spiele 2008 arbeitete er als Berichterstatter für zwei Zeitun gen. Privat betrieb er zwischen Mitte und Ende 2010 ein eigenes Blog. ■■ Klaus G. ist selbst aktiver Nutzer von Facebook. Auch mit anderen Web-Anwen dungen hat er Erfah rung. In mobilen Anwen dungen sieht er die Zukunft. Von der Regulie rung Sozialer Netz werk platt formen hält er wenig, obschon er bei Jugend lichen wahrnimmt, dass diese zu viel von sich ver öffent lichen. Dabei würden sich allerdings auch viele belang lose Dinge be finden. ■■ Privatsphäre bilden für Klaus G. die Informa tionen, die er nicht mit allen Menschen teilen will. Privat sind für ihn auch Daten wie Adresse und Telefon nummer. Gleichzeitig sieht er sich aber als Person, die öffent lich die eigene Meinung ver tritt. ■■ Klaus G. ver mutet, dass speziell schnell wachsende Dienste dem Wachstum zuliebe den Daten schutz ver nachlässigen. Das sei dann für die jugend lichen Nutzer auf jeden Fall ein Risiko, insbesondere weil diese recht freizügig mit ihren Daten umgehen würden. Auf der anderen Seite meint Klaus G. aber auch, dass sich deutsche Nutzer noch ver gleichs weise vor sichtig auf Sozialen Netz werk platt formen ver halten würden. ■■ Klaus G. stellt klar, dass das Community Management von Unter nehmen keine Erziehungs- funk tionen über nehmen könnte. Er selbst aber und seine Kollegen würden immerhin sensitive Daten, die er im Rahmen seiner be ruflichen Tätig keit ent deckt, ent fernen. Unter stützen könnten laut Klaus G. vor allem die Eltern, be sonders, wenn sie selbst Soziale Netz werk- platt formen nutzen, aber auch Schule, Jugendarbeit sowie die (Massen-)Medien mit ihrer Berichterstat tung. Außerdem sollten die Nutzer selbst lernen, z. B. kritische Beiträge zu melden. Klaus G. ist infolge seiner Tätig keit (werb liche Kampagnen auf Sozialen Netz werk platt formen) ge wissermaßen ge zwungen, eine genuin pädagogi sche Perspektive auf Fragen zu Privat heit und Öffentlich keit der jugend lichen Nutzer eher außer Acht zu lassen. Er hält eine Regulie- rung Sozialer Netz werk platt formen für schwierig, plädiert aber für Unter stüt zung von vielen Seiten, damit Jugend liche informierte Ent schei dungen treffen können. „Es gibt ja immer diesen irrigen Glauben, dass alles, was ich irgendwie auf Facebook poste, jeder sehen kann. Das ist eine immer noch weit ver breitete Ansicht, obwohl es so ja nicht praktiziert wird. Es ist ja tatsäch lich so, dass die Profile noch größtenteils ab geschottet sind.“ 287 Bernd D. Bernd D. (Anfang 30) ist Rechts anwalt und arbeitet derzeit im Jugendmedien schutz recht für die Freiwillige Selbst kontrolle Multimedia-Dienste anbieter e. V. (FSM). Die Selbst kontroll- organisa tion wurde 1997 von Medien verbänden und Unter nehmen der Online-Wirtschaft ge gründet. Sie fungiert als Beschwerdestelle, an die sich auch Jugend liche und junge Erwachsene wenden können, wenn sie mit problemati schen Inhalten oder problemati schen Ver haltens weisen im Internet konfrontiert sind. Vor zwei Jahren hat der Verein einen Ver- haltens kodex für Anbieter von Sozialen Netz werk platt formen initiiert, dem sich die drei deutschen Anbieter VZ-Netz werke, Lokalisten Media und RTL inter active ver pflich teten. Bernd D. referiert in Bildungs einrich tungen über recht liche Fragen der Internetnut zung und berät Unter nehmen in der Gestal tung ihrer An gebote. ■■ Bernd D. ist selbst aktiver Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen und war früher Moderator in einem Computer spieleforum. Nicht alle Aktivi täten von Jugend lichen, aber auch die von Erwachsenen, kann er be fürworten, z. B. das exzessive Teilen von privaten Fotos und Videos sowie das Beschreiben von aktuellen Aktivi täten. ■■ Privatsphäre offline be schreibt Bernd D. als das Recht, allein ge lassen zu werden und darüber be stimmen zu können, was andere (z. B. Staat, Ver mieter, Nachbar) über einen wissen dürfen. Online fasst er den Begriff der Privatsphäre enger: Es gehe primär darum, welche digitalen Informa tionen von einer Person im Netz ver fügbar sind, wer Zugang dazu hat und was derjenige damit machen darf. ■■ Risiken sieht Bernd D. speziell in Cyberbullying, Ehrverlet zungen und darin, dass für die Jugend lichen nicht abzu schätzen sei, was mit ihren Informa tionen tatsäch lich passiert. Er sieht große Unter schiede in der Medien kompetenz der Jugend lichen. Manche seien komplett sorg los, andere würden sehr vor sichtig mit ihren Daten umgehen. Die Mehrheit hätte inzwischen aber eine differenzierte Sicht weise und wüsste, dass man nicht alles, was technisch geht, auch wirk lich machen sollte. ■■ Jugend liche sollten laut Bernd D. die gesetz lichen Vor gaben (Urheber recht, Recht am Bild) kennen, sich aber auch un geschriebener Gesetze bewusst sein (soziale Kompetenz). Jugend liche in der sicheren Internetnut zung zu unter stützen, sei eine gesamt gesell schaft- liche Aufgabe (Eltern, Lehrer, Peers, Jugendarbeiter). Die Internetdienst leister sieht Bernd D. inter national in der Pflicht. Bernd D. hat umfang reiche Kennt nisse und Erfah rungen mit dem Internet und Sozialen Netz werk platt formen. Um Jugend liche in der sicheren Internetnut zung zu unter stützen, plädiert er für einen „globalen Ansatz“. Es ist ihm wichtig, auf die inter nationale Problematik bei Sicher heits bestim mungen hinzu weisen. Hier einheit liche Schutz maßnahmen zu finden, sei noch ein langer Weg. „Es gibt Jugend liche, die völlig sorgen frei sind, … völlig undifferenziert Internetdienste nutzen und alle Informa tionen von sich preis geben … Es gibt das andere Extrem, dass junge Leute sagen ‚Ich möchte über haupt nichts von mir preis geben, ich möchte Internetdienste so passiv und so anonym wie möglich nutzen, wie’s nur geht‘.“ 288 5.2.2 Konstanten und Besonder heiten bei den Experten Wie Experten die Internetnut zung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen einschätzen Alle 13 Experten aus den Domänen Schule, Jugendarbeit und Medien, mit denen wir ge sprochen haben, sind sich darin einig, dass Soziale Netz werk platt formen un verzicht barer Bestand teil im Leben Jugend licher ge worden sind, um unter einander in Kontakt zu bleiben, zu kommunizie ren, nichts zu ver passen und sich zu koordinie ren. Facebook, so eben falls die fast einhellige Meinung der interviewten Experten, habe unter den Sozialen Netz werk platt formen den Siegeszug an getreten und eine heraus ragende Stellung im Alltag junger Internetnutzer erlangt. Die Hälfte der Experten betont darüber hinaus, dass es für Jugend liche wichtig sei, vor allem Fotos und Videos ins Internet zu stellen und anzu sehen. Eine ent sprechend große Bedeu tung habe die Platt form YouTube. Einer der Experten weist im Interview darauf hin, dass YouTube nicht nur zum Hochladen und Anschauen von Videos, sondern in ge wisser Weise auch zur Kommunika tion ge nutzt und in dieser Funktion von den Erwachsenen unter schätzt werde. Computer spiele halten vor allem Experten aus der Jugendarbeit und ansatz weise auch die aus der Domäne Schule be sonders für männ liche Jugend liche neben Sozialen Netz werk platt formen für eine be deutsame Computer und InternetAnwen dung. Alle interviewten Experten aus der Domäne Schule äußern sich eher skep tisch zum Risikobewusstsein von Jugend lichen im Internet und in Sozialen Netz werk platt formen, betonen aber, eine erhöhte Sensibilisie rung für Sicher heits fragen in der letzten Zeit wahrzunehmen. Ver gleichs weise aus führ liche Darstel lungen zum mangelnden Wissen und Können junger Nutzer finden sich in den Interviews mit Experten aus der Domäne Jugendarbeit. Doch auch sie meinen hier einen ge wissen Wandel er kennen zu können. Viele Beiträge von Jugend lichen im Netz – so diese Experten – seien aber eher banal. Das Wissen und Können in Sachen Sicher heit halten auch die vier von uns interviewten Medien experten für nicht allzu hoch aus geprägt, er läutern dies aber weni ger aus führ lich und weniger negativ. Insgesamt be trachtet ergibt sich durch aus eine Diskrepanz zwischen dem Selbst bild der von uns interviewten 24 Jugend lichen und jungen Erwachsenen zwischen 12 und 24 Jahren einer seits und dem Fremdbild der 13 Experten aus Schule, Jugendarbeit und Medien, mit denen wir ge sprochen haben, anderer seits: Jugend liche und junge Erwachsene geben zwar einige Wissens lücken im „Ich muss sagen, viele Jugend liche gehen nicht sehr sensibel mit ihren Daten um. Sie haben einfach kein Gespür dafür, was jetzt eigent- lich öffent lich sein darf und wo man ein bisschen auf passen sollte und wie man damit umgehen muss.“ (Tom F., Domäne Schule) 289 Umgang mit dem Internet und Sozialen Netz werk platt formen zu und zeigen sich in einigen Fällen auch offen sorg los. Das Bild, das man nach den Ge sprächen mit ihnen von ihrem Nutzungs verhalten und Risikobewusstsein hat, ist aber weitaus hetero gener als das, welches die Experten aus unseren Interviews in dieser Hinsicht von den jungen Nutzern zeichnen. Die be fragten Experten nehmen auch bei der Internetnut zung Jugend licher und junger Erwach sener offen bar eine relativ große Homogeni tät an, die wir in den Interviews mit unserer Zielgruppe so nicht fest stellen können. Allerdings geben viele der Experten aus allen drei Domänen an, eine positive Ver ände rung im Sicher heits verhalten und in Kennt nissen bei Jugend lichen und jungen Erwachsenen in letzter Zeit zu er kennen. Zudem stimmen die Ein schät zungen der Experten im Hinblick auf die hohe Bedeu tung von Fotos und Videos in Sozialen Netz werk platt formen mit vielen Aus sagen der Jugend lichen und jungen Erwachsenen überein. Erwähnt wird von mehreren Experten zudem, dass Soziale Netz werk platt formen vor allem für die Kommunika tion von banalen Inhalten ge nutzt werden würden. Hier stimmen auch einige (aber keines wegs alle) der Jugend lichen und jungen Erwachsenen in den Inter views zu: In Sozialen Netz werk platt formen kursiert auch ihrer Ansicht nach viel Belang loses, was in ihren Augen aber vor allem für die Beiträge anderer gilt, und man ver breite Dinge, die „nicht be sonders“ sind, was dann auch auf die eigenen Beiträge bezogen wird. Was Experten über Privat heit bzw. Öffentlich keit im Netz denken Was für die von uns interviewten Experten als privat gilt und ent sprechend nicht im Internet ver öffent licht werden sollte, unter scheidet sich nicht wesent lich von dem, was auch viele Jugend liche und junge Erwachsene, mit denen wir ge sprochen haben, über Privat heit und Öffentlich keit denken. Zumindest wird so gut wie alles, was auch Jugend liche und junge Erwachsene ge nannt haben, von mindestens einem der 13 Experten exemplarisch als zur Privatsphäre zu gehörig empfunden, darunter: Daten zu Wohnort und Telefon nummern, Informa tionen über Familie und Partner schaft, über Gemüts lagen und Erkran kungen, über Aufenthaltsorte und Ver mögens verhält nisse sowie Bilder von einem selbst. Unter schiede zwischen den Experten aus den ver schiedenen „Ich denke, es ist mittlerweile tatsäch lich so, dass viele jugend- liche Nutzer schon sehr informiert damit umgehen und sich auch sehr bewusst dafür entscheiden, welche Informa tion sie teilen und welche nicht und welchen Risiken sie sich damit möglicher weise aus setzen.“ (Bernd D., Domäne Medien) „Wenn ich immer so lese, ‚War heute Laufen‘ und ‚Mache jetzt gerade das‘, da denke ich: ‚Wen interessiert’s?‘ Da kann man jetzt sagen, okay, das ist die Banalität des Alltags.“ (Peter P., Domäne Jugendarbeit) 290 Domänen sind nur in einigen wenigen Punkten zu er kennen. Fast alle Experten definie ren Privatsphäre im Internet ab strakt als das, worüber man Kontrolle hat und worauf man selbst Einfluss nehmen kann. Experten speziell aus der Domäne Medien neigen dazu, Privat heit mit dem Recht zu ver knüpfen, sich zurück ziehen zu können – auch von Kontakten im Internet. Dies dürfte damit zu tun haben, dass diese Experten eine be sonders hohe und intensive Medien nutzung (schon allein aus be ruflichen Gründen) aufzu weisen haben und eine hohe Ver bindung der eigenen Identität mit der OnlineWelt naheliegt. Diese Lesart von Privat heit wurde im Übrigen auch bei den Jugend lichen und jungen Erwachsenen deut lich, die starke Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen sind. Mehrere Experten aus den Domänen Jugend arbeit und Medien äußern explizit die Ver mutung, dass das, was man als privat und öffent lich definiert, einem steti gen, wenn auch langsamen Wandel unter zogen sei und gerade gesell schaft lich neu ver handelt werde (oder werden müsse). Ver einzelt wird von den von uns interviewten Experten auch darauf hin gewiesen, dass es schwierig sei, Privatsphäre bzw. Daten schutz in Sozialen Netz werken eng zu definie ren, da dies im Wider spruch zu deren Philosophie und Funk tions weise stehe – eine Erkenntnis, die, wenn auch einfacher formuliert, einige der Jugend lichen und jungen Erwachsenen im Gespräch mit uns eben falls an gedeutet haben. Wie Experten die Risiken in sozialen Netz werken einschätzen Was Experten als Risiken im Internet im Allgemei nen und in Sozialen Netz werk platt formen im Spe ziellen einschätzen, ergibt – ver gleicht man die Ein schät zungen der Experten aus den drei Domänen Schule, Jugendarbeit und Medien – ein relativ homo genes Bild: Fast alle weisen auf das große Problem hin, dass einmal ver öffentlichte Daten „nicht ver gessen“ werden, also potenziell sehr lange zugäng lich bleiben, nicht komplett „zurück geholt“ werden und auf ver schiedenste Weise zum Nachteil der Betroffenen ver wendet werden könnten. Dies wird mehrfach auch direkt oder indirekt als Kontroll verlust be zeichnet. Eben falls häufig und damit zusammen hängend werden MobbingPhänomene (CyberMobbing, Cyberbullying) vor allem, aber nicht „Privatsphäre gibt es für mich im Internet eigent- lich nicht. Ich ver suche meine persön lichen Daten eher aus dem Internet raus zuhalten.“ (Kerstin H., Domäne Jugendarbeit) „Privatsphäre be deutet für mich, dass ich selbst ent scheiden kann, welche Informa tionen ich im Internet … öffent lich ver fügbar mache oder nicht.“ (Karl E., Domäne Schule) „Ein Problem ist natür- lich auch heute noch, dass vor allem gerade die jüngeren Jugend- lichen die Reichweite, Dynamik und Nach haltig- keit von ein gestellten Inhalten noch nicht ab- schätzen können.“ (Alexander M., Domäne Jugendarbeit) 291 nur, von den interviewten Experten aus den Domänen Schule und Jugendarbeit als großes Risiko benannt. Mehrfach wird schließ lich die Gefahr artikuliert, dass es zu Daten miss brauch speziell zu Werbe zwecken, zu „Identi täts klau“ und zur Ver brei tung von Troja nern infolge eines zu sorg losen Umgangs mit privaten Daten in Sozialen Netz werk platt formen kommen könne. Eine Person aus unseren Interviews ver weist auch auf die Einbruchs gefahr infolge von Status meldun gen und Voyeurismus. Zwei Experten aus der Domäne Medien er gänzen diese, auch in den Inter views mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen oft auf tauchen den, Risiko beschrei bun gen durch zwei weitere, etwas anders ge lagerte Pro bleme: Dabei handelt es sich zum einen um die Inter nationali tät des Internet, die effektive Daten schutz vorkeh rungen schwierig und für junge Nutzer auch undurchschau bar macht, und zum anderen um die Wachstums gier von WebUnternehmen, denen steigende Nutzer zahlen wichti ger seien als Daten schutz. Einer der Medien experten, mit denen wir ge sprochen haben, gibt zudem an, welche Risiken er für über schätzt hält, nämlich beispiels weise Google Street View oder LikeButtons bei Facebook. Man kann fest stellen, dass die meisten Experten in unseren Interviews zwar tendenziell mehr und aus führ licher Risiken als Chancen Sozialer Netz werk platt formen thematisie ren, aber über alle Domänen hinweg auch Vor teile und positive Nutzungs möglich keiten er kennen. Fast alle Experten betonen, dass Soziale Netz werk platt formen die Kommunika tion einfacher und schneller machen, dabei helfen, soziale Kontakte zu pflegen, manchmal auch herzu stellen, und sich effektiv zu koordinie ren. Dies haben uns auch fast alle interviewten Jugend lichen und jungen Erwachsenen, die Soziale Netz werk platt formen nutzen, in hohem Maße be stätigt. Nicht so einhellig, aber von der Tendenz her klar, betonen viele Experten die Chance Sozialer Netz werk platt formen, sich selbst darzu stellen bzw. sich zu präsentie ren (Stichwort Identi täts bildung). Die Angaben der jungen Nutzer, mit denen wir ge spro chen haben, sind hier im Ver gleich zu den Experten einschät zungen allerdings weniger einheit lich: Selbst darstel lung wird eher nicht als be sondere Chance Sozialer Netz werk platt formen bzw. nur von wenigen so wahrgenommen. Über die Domänen ver streut nennen die von uns be fragten „Wenn wir ein Gewinn- spiel durch führen, fragen wir auf Facebook die Daten innerhalb einer Applika tion ab, weil die dürfen nicht öffent lich an der Pinnwand ab gefragt werden. Und da sind Jugend liche teil weise doch schon relativ freizügig und posten direkt auf der Pinnwand – was wir natür lich dann sofort wieder löschen.“ (Klaus G., Medien) „Ich ver suche immer zu ermuti gen und zu sagen: ‚Ihr habt ja die Experten hier an der Schule. Das sind nämlich eure Schüler. Lasst … die doch mal kommen, es kann doch nur noch einen guten Fluss geben, und ihr könnt ganz viel lernen von denen‘.“ (Sabine R., Domäne Jugendarbeit) 292 Experten ver einzelt weitere Chancen, die Online Communities mit sich bringen können: deren Nut zung zum Lernen, zur Ent wick lung sozialer Fertig keiten, zur hierarchiefreien Kommunika tion und zur Ab gren zung von der Erwachsenen welt. Auch für Lehrer werden von einem unserer Experten Vor teile Sozialer Netz werk platt formen an gesprochen: Sie könn ten die Koopera tion in der Lehrer schaft er leichtern und als Werkzeuge im Schul unterricht ein gesetzt werden. Welche Kompetenzen Experten für Jugend liche und junge Erwachsene als notwendig erachten Welche Kompetenzen Jugend liche und junge Erwach sene für einen sicheren Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen benöti gen, darüber besteht bei den von uns interviewten Experten über die Domänen Schule, Jugendarbeit und Medien hinweg eine relativ über einstimmende Meinung – jeden falls im Kern dessen, was man diesbezüg lich als Medien kompe tenz definie ren könnte: Alle nennen hier unter Ver wendung teils gleicher, teils unter schied licher Be zeich nungen eine kritische Medien kompetenz, die insbesondere das Bewusstsein für die Risiken in Sozialen Netz werken (siehe oben) einschließt. Man könnte die Einschät zung der Experten also auch so formulie ren: Wer die Risiken, die mit der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen einher gehen (potenzieller Kontroll verlust über private Daten, Urheber rechts verlet zungen, Mobbing etc.) kennt und diese bei seinem Handeln im Internet be rücksichtigt, sei kom pe tent. Daneben nennen Experten aus der Domäne Schule noch konkreter folgende Fähig keiten und Fertig keiten, die sie für notwendig halten: Infor mationen recherchie ren und im Hinblick auf ihren Wahr heits gehalt be urteilen können, die Qualität und die Aus wirkungen von Beiträgen einschätzen und be urteilen können sowie Freundschafts beziehungen in sozialen Netz werken richtig einord nen können. Ein Experte sieht auch Lesekompetenz als wichtig für eine ver antwor tungs volle Nutzung des Internet. Aus allen Domänen heraus ver weisen mehrere Ex per ten zudem darauf, dass junge Nutzer neben recht „Dann ist es natür lich wichtig bei solchen An- geboten im Internet, dass man sich von den Erwachsenen ein bisschen ab grenzt.“ (Tamara N., Domäne Medien) „Und da kann man dann schon ver suchen, den Kindern mal die Rechts lage klar zu machen. Da haben sie einfach Defizite, so dass sie ein illegales Ver halten nicht richtig einschätzen können.“ (Frank O., Domäne Jugendarbeit) „… kritische Medien- nut zungs kompetenz … heißt, dass erst einmal das Bewusstsein dafür geschaffen werden muss, dass alles, was im Internet steht, wirk lich … öffent lich ver fügbar ist, und dass darin auch ein großes Risiko liegen kann.“ (Karl E., Domäne Schule) 293 lichen Vor gaben auch „un geschriebene Gesetze“ kennen müssten, die mit gegen seiti gem Respekt und Einfüh lungs vermögen zu tun haben. Genannt werden auch techni sches Wissen und Ver ständnis (etwa über Daten banken und den Aufbau von Sozialen Netz werk platt formen) sowie ganz konkret BedienKom petenzen etwa bei Privat sphäreEinstel lungen. Einige Experten aus der Domäne Jugendarbeit, mit denen wir ge sprochen haben, fügen noch einen weiteren Aspekt von Kompetenz im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen an: Man sollte wissen, an wen man sich wenden kann, wenn man Hilfe braucht, und nicht glauben, alle Probleme allein lösen zu müssen oder zu können. Wie man diese Kompetenzen bei Jugend lichen und jungen Erwachsenen aus der Sicht der Experten fördern könnte oder sollte Während sich die insgesamt 13 Experten aus den Domänen Schule, Jugend arbeit und Medien nur wenig in ihren Einschät zungen voneinander unter scheiden, welche Kompetenzen Jugend liche und junge Erwachsene im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen haben oder aus bilden sollten, zeigen sich zwischen ihnen in der Frage nach der Kompetenzförde rung neben einigen Gemeinsam keiten doch deut liche Unter schiede. Die größte Gemeinsam keit besteht darin, dass fast jeder der Experten, mit denen wir ge sprochen haben, die Ver antwor tung für den Aufbau und die Förde rung von Kompetenzen bei Jugend lichen und jungen Er wachsenen auf mehrere Schultern ver teilt sehen will: Eltern, Lehrer bzw. die Schule, Pädagogen außerhalb der Schule bzw. Jugendeinrich tungen, aber auch die Anbieter Sozialer Netz werk platt formen und der Gesetz geber seien in der Pflicht. Allerdings sind die Gewich tungen, wie effektiv die ver schiedenen Per so nen und Institu tionen agieren können, durch aus unter schied lich. Unter schied licher argumentie ren die Experten dagegen in Sachen Kompetenzförde rung. Erstaun lich sind die Meinungs unterschiede einer seits nicht, bringen doch Personen aus ver schiedenen Domänen infolge ihrer be ruflichen Tätig keit, ihres Tätig keits umfelds und ihrer Erfah rungen jeweils andere Perspektiven auf die Thematik mit. Anderer seits haben alle von uns interviewten Experten mehr oder weniger aus geprägten Kontakt zu den jeweils anderen Domänen, so dass die fest zustellen den Unter schiede durch aus be achtens wert er scheinen. Die von uns interviewten vier Experten aus der Domäne Schule thematisie ren stärker als die anderen Interviewpartner die Möglich keiten der Kompetenz förde rung in und durch die Schule, insbesondere auch die Rolle des Unter richts. „Ich hab es oft genug erlebt, dass man zum Beispiel Urheber rechts- regeln thematisiert und be spricht. Und das können die Schüler auch. Aber völlig unab hängig davon … und zwei Wochen später spielt es für die Praxis keine Rolle … denn für den Alltag gelten ganz andere Regeln.“ (Richard R., Domäne Schule) 294 Während ver einzelt auch Experten aus den Domänen Jugendarbeit und Medien auf die Bedeu tung von Schule und Unter richt ver weisen, dabei aber recht vage bleiben, be nennen die Experten aus der Schule eine Reihe konkreter Möglich keiten: Man könne im Unter richt über Risiken und Sicher heits fragen informie ren. Man könne Projekte im Unter richt an stoßen, in denen vor allem Web Anwen dungen wie Blogs, Wikis sowie Soziale Netz werk platt formen zum Einsatz kommen und den Schülern eigene Erfah rungen er möglichen. Man könne Schüler aber auch individuell an sprechen und für Gespräche mit ihnen offen sein. Die von uns be fragten Experten aus der Domäne Schule sprechen sich zudem dafür aus, dass Schulen die Eltern informie ren und diese für Gefahren sensibilisie ren, ohne aber bei den Risiken stehen zubleiben. Allerdings bestehe ein Problem darin, dass die Schule zwar Wissen ver mitteln kann, der Alltag der Jugend lichen und jungen Erwachsenen aber nach anderen Regeln funktioniert, so dass sie Gelerntes ignorierten. Dies sei z. B. dann der Fall, wenn sie be stimmte persön liche Daten wider be sseres Wissen in Sozialen Netz werk platt formen preis gäben, um sich den Erwar tungen ihrer Mitschüler anzu passen. Die von uns interviewten Experten aus der Domäne Schule fordern mehrfach von den Eltern, dass sie Interesse an den Aktivi täten ihrer Kinder im Netz haben sollten. Eltern, aber auch die Lehrer, so ihre Meinung, müssten sich weiter bilden, Informa tions angebote annehmen und selbst kompetent im Umgang mit Medien sein, um als Vorbild wirken zu können. Einer der Experten schlägt Koopera tions verein ba rungen zwischen Schule und Eltern vor. Die Peer group erwähnt nur eine Person aus der Domäne Schule als wichtig für die Kompetenz förde rung. Neben diesen personalen Voraus setzungen sind nach Ansicht der Experten aus dem Schul bereich auch schuli sche Bedin gungen er forder lich: Um den Um gang mit dem Internet und damit auch mit Sozialen Netz werk platt formen in der Schule be handeln zu können, müsse man dafür Platz im Lehrplan schaf fen, aus reichend Zeit einräumen, die er forder liche techni sche Infrastruktur bereit stellen und den Leh rern Fortbil dungs möglich keiten (die auch von außen stammen könnten) bieten. Von Internetdienst leistern fordern die Experten, die mit uns ge sprochen haben, PrivatsphäreEinstel lungen zu ver einfachen, besser über Rechts fragen zu infor mie ren und beim Löschen von Daten aktiv zu helfen. Ver einzelt wird auch für bessere gesetz liche Lösungen an stelle bloßen Ver trauens auf Selbstregula tion plädiert. Die fünf Experten aus der Domäne Jugendarbeit, mit denen wir ge sprochen haben, sehen zwar eben falls unter anderem die Schule in der Pflicht, wenn es „In der Schule ist es doch so: man will dazu- gehören, also muss man sich be stimmten Regeln unter werfen, manchmal in der Clique, manchmal, weil man bei irgendwas dabei sein will. Im Internet ist es natür lich noch viel schlimmer.“ (Matthias S., Domäne Schule) 295 um die Kompetenzförde rung im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen geht. Stärker als die von uns be fragten Experten aus der Schule aber werden explizit Dialog und informeller Aus tausch ohne „er hobenen Zeigefinger“ in den Vordergrund gerückt: Genannt werden Dialog und Aus tauschmöglich keiten auf Messen und anderen Ver anstal tungen, in Projekten der aktiven Medienarbeit und bei unge plan ten konkreten Anlässen. Zwar wird auch in dieser Experten gruppe auf Informa tions material (z. B. Broschüren) zur Kompetenzförde rung ver wie sen: Hier hat man dabei allerdings vor allem Eltern und Pädagogen im Blick, die wiederum Jugend liche und junge Erwachsene sensibilisie ren sollen. Als schwierig für Fördermaßnahmen wird mitunter ein geschätzt, dass Jugend liche um die Risiken von Sozialen Netz werk platt formen wüssten, diese aber in Kauf nehmen, da für sie die Mehrwerte über wiegen. Zweimal werden in dieser Experten gruppe die Peers ge nannt, wenn es darum geht, Kompeten zen zu ent wickeln: Jugend liche könnten sich zum einen gegen seitig unter stützen und z. B. auch gegen seitig vor Gefahren warnen und sie könnten zum anderen als „Experten“ für weniger er fahrene, aber auch ältere Personen fungie ren und etwas er klären, was sie selbst schon wissen. Im Ver gleich zu den Experten aus der Domäne Schule zeigen sich die von uns interviewten Experten aus der Domäne Jugendarbeit etwas skepti scher, was die Möglich keiten der Eltern für die Kompetenzförde rung ihrer Kinder be trifft: Zwar gehen auch diese Experten davon aus, dass es alle in der Gesell schaft angehe, wie Jugend liche und junge Erwachsene mit dem Internet im Allgemeinen und Sozialen Netz werk platt formen im Besonde ren umgehen. Es wird aber von ihnen häufi ger thematisiert, dass Ver bote und Ängste sowie zu wenig Wissen und Erfah rung gerade bei den Eltern eine effektive Unter stüt zung oft schwierig machen. Offen heit, gute Kennt nisse und prakti sches Können werden generell als Voraus setzung für diejenigen Personen an gesehen, die Kompetenz entwick lung wirkungs voll initiie ren und be gleiten. Experten aus der Domäne Jugendarbeit weisen in unseren Interviews be sonders oft und intensiv darauf hin, wie wichtig ein Ver trauens verhältnis zwischen Jugend lichen und ihren „Betreuern“ ist: Letztere müssten den Jugend lichen auf Augenhöhe be gegnen, diese ernst nehmen und dürften sie nicht bevor munden. Besonders „Der ein oder andere Jugend liche sagt vielleicht ‚Ich weiß, dass all das, was eben in sozialen Netz werken ein- gestellt wird [vom Anbieter] als Daten aus- gewertet oder für personalisierte Werbung ge nutzt wird …, aber trotz alledem ist einfach dieser Mehrwert dieses sozialen Netz werks für mich höher an gesiedelt.‘“ (Alexander M., Domäne Jugendarbeit) „Diese starke Ver- trauens posi tion [der Jugendarbeiter], die in vielen Fällen deut lich mehr Einfluss er möglicht als die Eltern, die wollen wir aus nutzen, um hier den Kindern einen ver- nünfti gen Umgang zu ver mitteln.“ (Frank O., Domäne Jugendarbeit) 296 problematisch sei es, wenn Eltern (oder Pädagogen) Jugend lichen im Netz hinter herspionie ren, denn dies zerstöre die dringend er forder liche Ver trauens basis. Neben den Eltern sehen Experten aus der Jugendarbeit daher Pädagogen außerhalb der Schule als wirkungs volle Unter stüt zungs personen; zu diesen, so einer der Experten, würden auch Trainer im Sportbereich ge hören. Schulen, so ihre Forde rung, sollten Lehrer besser fortbilden, damit diese Sicher heitsthemen im Internet zum Unter richts gegen stand machen können. Einer der Experten weist darauf hin, dass auch Jugendeinrich tungen auf holen müssten, denn deren Strategien der Kontakt aufnahme zu Jugend lichen seien teil weise ver altet. Im Ver gleich zu den Experten aus der Domäne Schule machen die fünf von uns interviewten Experten aus der Domäne Jugendarbeit mehr und noch konkretere Vor schläge, was speziell die Internetdienst leister tun müssten: Die Daten schutz optionen in sozialen Netz werken müssten einfacher und ver ständ licher sein; Vor einstel lungen sollten einen hohen Daten schutz umsetzen; jüngeren Nutzern könnte man ver schiedene Funktionali täten erst nach und nach freischalten; Neuerun gen (z. B. personalisierte Werbung) müssten zunächst deaktiviert sein; über Ver ände rungen müsste klarer informiert werden; bei der er stmali gen Anmel dung sollte ein Identi täts check statt finden; bei krimi nellen Delikten müsste man mehr Möglich keiten haben, Personen aufzu spüren, die Netz werke zu krimi nellen Zwecken nutzen; man sollte z. B. nach Pädophilen aktiv suchen; nach zehn Jahren sollten Anbieter alles löschen; und schließ lich sollten Internet dienst leister mehr mit Pädagogen und Jugend lichen kooperie ren. Die von uns be fragten vier Experten aus der Domäne Medien neigen dazu, die Möglich keiten der Kompetenzförde rung nicht allzu hoch einzu schätzen – jeden falls lässt sich das indirekt aus einigen der Aus sagen in den Interviews er schließen. Am häufigsten wird in diesen Interviews zunächst die eigene Ver antwor tung als Ver treter der Medien reflektiert und in diesem Zusammen hang fest gestellt, dass es hier enge Grenzen gäbe. Bis auf eine Aus nahme werden „er zieheri sche“ Maßnahmen ab gelehnt und teil weise auch als wirkungs los be urteilt. Es wird aber durch aus auch die Schule in der Plicht gesehen, wobei kaum einer der Interviewten genauer darlegt, wie dies (neben der Ver teilung von Informa tion) im Detail aus sehen könnte. Einer der Experten aus der Domäne Medien ver weist allerdings auf eigene OnlineAktivi täten seiner Organisa tion, die aktivie ren den Charakter haben und Jugend liche dabei unter stützen sollen, Erfah rungen zu sammeln und dabei Kompetenzen aufzu bauen. Informa tionen, Gespräche, „LearningbyDoing“ sowie die allgemeine Medien berichterstat tung bzw. die Rezep tion von Medien berichten werden als weitere Möglich keiten zur Kom petenz entwick lung in Sachen sozialer Netz werke ge nannt. „Als Anbieter von sozialen Netz werken, Messenger-Systemen oder Chatprogrammen hab ich immer die Pflicht, dem Nutzer die Privatsphäre-Einstel- lungen näher zu bringen.“ (Tamara N., Domäne Medien) 297 Einig sind sich die Experten aus der Domäne Medien mit denen aus den Domänen Schule und Jugendarbeit allerdings darin, dass die Unter stüt zung junger Nutzer für einen ver antwor tungs vollen Um gang mit dem Internet und Sozialen Netz werk platt formen eine gesamt gesell schaft liche Aufgabe ist. Ähnlich wie die Experten aus der Jugendarbeit warnen die von uns interviewten Medien experten davor, diffuse Ängste zu schüren, und plädie ren dafür, dass Unter stüt zungs personen interessiert, offen und gut informiert sein müssten sowie ein Ver trauens verhältnis zu den Jugend lichen bräuchten. Die Schule wird zwar als ein wichti ger Lernort ein geschätzt, dessen Wirksam keit in Sachen Kompe tenz förde rung bei Jugend lichen allerdings tendenziell an gezweifelt oder zumin dest als schwierig be urteilt wird. Auch Experten aus der Domäne Medien, mit denen wir ge sprochen haben, sehen Ver besse rungs möglich keiten bei Internet dienst leistern, ohne aller dings so umfang reiche Maßnahmen zu nennen wie die Experten aus der Domäne Jugendarbeit: Genannt werden die Gestal tung der An gebote, so dass man sie auf geklärt nutzen kann, die Ent wick lung und Umset zung eines Ver haltens kodex (wobei vor allem inter nationale Soziale Netz werk platt formen ein Pro blem seien, da sie sich nicht an schließen würden), Daten schutz bestim mungen in deutscher Sprache und generell neue Standards. In einem Fall wird jedoch auch die Ansicht ver treten, dass PrivatsphäreEinstel lungen auf Sozialen Netz werk platt formen nur eine falsche Sicher heit vor gaukeln würden. Selbstregulie rungs ansätze werden tendenziell als wichti ger an gesehen als gesetz liche Rege lun gen. 5.2.3 Folge rungen: Empfeh lungs tendenzen Selbstredend ist es nicht möglich, aus Interviews mit nur 13 Experten empirisch gesicherte Leitlinien zu extrahie ren, mit denen man pädagogi sche Maßnahmen zur Kompetenz entwick lung im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen ge stalten kann. Ähnlich wie bei den Jugend lichen und jungen Erwachsenen, muss man unserer Ansicht nach auch bei den Experten aus den ver schiedenen Domänen nicht nur deren aktuelle Tätig keit, sondern auch deren Alter, be ruf liche Sozialisa tion und eigene Medienerfah rung sowie Einstel lungen be rück sichti gen, will man ihre Vor schläge an gemessen einordnen. Aus diesem Grund „Also ich halte grundsätz lich nicht so viel von Privatsphäre- Einstel lungen auf Social Networks, weil sie eine falsche Sicher heit vor- gaukeln.“ (Karsten S., Domäne Medien) „Es ist aber in der Tat richtig, dass es schwierig ist, wenn so ein Ver- haltens kodex nicht alle maß geblichen Player einer Branche umfasst. … Deshalb ist es natür lich ein ganz starker Anspruch, auch die inter nationalen Netz- werke mit an Bord zu holen. … Da ist noch viel Über zeu gungs arbeit zu leisten …“ (Bernd D., Domäne Medien) 298 haben wir uns auch dafür ent schieden, bei den Experten ähnlich wie bei den Jugend lichen und jungen Erwachsenen neben einer zusammen fassen den Aus wertung auf den uns interessie ren den Dimensionen kurze Profile zu er stellen. Ab schließend be schränken wir uns daher auf einige Empfeh lungs tendenzen, die in den Interviews mit den Experten über die drei Domänen hinweg deut lich ge worden sind. Dabei geht es nicht darum, die häufigsten Empfeh lungen zu nennen, sondern die artikulierten Vor schläge zu ordnen und in eine Reihung zu bringen. Tendenz „externe Regula tion“ Ein nicht unerheb licher Teil von Experten vorschlägen geht in die Richtung, recht liche und techni sche Mechanismen zu implementie ren, mit denen man einen höheren Schutz der Privatsphäre gewährleisten kann. Gesetz liche Vor gaben in Deutschland werden bereits als relativ restriktiv erachtet. Probleme be reiten daher vor allem inter nationale Internetdienst leister und bringen einen ent sprechen den Hand lungs bedarf mit sich. Mehr noch als gesetz liche Vor gaben aber richten sich viele Vor schläge an die Technik und streben eine Regulie rung von außen durch eine spezielle Gestal tung Sozialer Netz werk platt formen an. Der Grund tenor ver schiedener Aus führungen hierzu geht dahin, „konservative“ Vor gaben zur Privat heit als Vor einstel lungen zu ver wenden, so dass Nutzer die Voraus setzungen für eine groß zügigere Freigabe privater Daten und Informa tionen aktiv herstellen müssen (statt um gekehrt). Durch diese Vor einstel lungen wird der Rahmen ver ändert, innerhalb dessen Nutzer mit Privat heit und Öffent lich keit umgehen, was indirekt zu einer externen Regula tion führt. Einen Schritt weiter in diese Richtung geht der Vor schlag, einzelne Einstel lungen, die mit einer großen Reichweite online publizierter Daten und Informa tionen einher gehen, ent sprechend des Alters der Nutzer erst sukzessive freizugeben. Es werden aber auch direkte Formen der externen Regula tion vor geschlagen, so z. B. die Über prüfung der Identität von Nutzern, um falsche Angaben zu ver hindern, was im Übrigen auch eine Bedin gung für die Umset zung des voran gegangen Vor schlags wäre. Eine solche Regula tions maßnahme würde allerdings mit dem Bemühen mancher Jugend licher und junger Erwachsener kollidie ren, durch leicht geänderte Angaben ihre Privatsphäre gerade zu schützen. Nochmals eingreifen der sind Vor schläge, die Internetdienst leister dazu ver pflichten wollen, aktiv nach Personen im Netz zu suchen, die krimi nelle Handlun gen planen oder aus führen könnten. Externe Regula tion allein führt noch nicht zum Kompetenz aufbau; eher handelt es sich um SchutzMaßnahmen. 299 Tendenz „Sensibilisie rung“ Viele Vor schläge der von uns interviewten Experten setzen auf die Wirkung von Informa tionen über Aufbau, Funk tions weise und Rahmen bedin gungen Sozialer Netz werk platt formen sowie über Folgen einer un bedachten Nutzung derselben einer seits und einen Dialog über diese Informa tionen anderer seits. An gemessene Ent schei dungen beim Handeln in Sozialen Netz werk platt formen, so die meist ge wählte Argumenta tion, setzen voraus, dass man Kennt nisse über die Technik und die damit möglichen Prozesse hat. Nur dann nämlich kann man von „informierten Ent schei dungen“ sprechen, die von allen Seiten ge fordert werden. Informa tions angebote sind eine ver gleichs weise einfache und hoch skalier bare Möglich keit, den Kenntnis erwerb zu initiie ren und zu unter stützen. Als Argument für Informa tion als Fördermaßnahme scheint zu sprechen, dass der Kenntnis stand bei jungen Nutzern Sozialer Netz werk platt formen in Sachen Sicher heit im Internet in den letzten Jahren ge stiegen ist, was auf eine wachsende Informa tion darüber zurück geführt werden könnte. Wichtig dabei ist, wie die Informa tion ge staltet ist und durch wen sie ver mittelt wird. Konkrete Informa tionen mit Beispielen aus der Lebens welt von jungen Menschen sollten ab strakten Informa tionen vor gezogen werden. In den Interviews wird deut lich, dass man Eltern mit der Aufgabe, Jugend liche und junge Erwachsene sach lich zu informie ren, in der Regel über fordert. Eher sind sie eine weitere Zielgruppe für Informa tion. Vor diesem Hinter grund rücken die Schule sowie Jugendeinrich tungen und initiativen, aber auch die Massen medien als Informa tions geber in den Mittelpunkt. Eltern spielen dagegen eine heraus ragende Rolle, wenn es um den Dialog über Nutzungs weisen und um die Ver mitt lung von Werten geht: Selbst wenn Eltern kein aus geprägtes Wissen über Soziale Netz werk platt formen haben, können sie als ver trauens würdige Dialogpartner positiven Einfluss auf einen ver antwor tungs vollen Umgang mit Privat heit und Öffentlich keit ihrer Kinder nehmen. Dialoge mit Eltern, aber auch mit Lehrern und Pädagogen in der Jugendarbeit helfen Jugend lichen und jungen Erwachsenen vor allem dann, wenn sie sich auf konkret erlebte Anlässe be ziehen und man sich dabei „auf Augenhöhe“ be gegnet. Informie ren und miteinander sprechen sind Maßnahmen, die noch nicht per se das Können im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen erhöhen, aber ein Bewusstsein für Risiken und Chancen schaffen können und damit Maßnahmen der Sensibilisie rung sind. Tendenz „Aktivie rung“ Manchen der von uns interviewten Experten sind Maßnahmen zur Sensibilisie rung in Form von Informa tion und Dialog zu wenig, um Kompetenzen im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen zu erhöhen. Sie plädie ren für eine Aktivie rung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen in der Weise, dass sie 300 darin an geleitet und unter stützt werden, eigene Erfah rungen im Internet im Allgemeinen und in Sozialen Netz werken im Besonde ren zu sammeln. Maß nahmen zur Aktivie rung zielen darauf ab, dass junge Nutzer über Risiken, aber auch über Chancen nicht nur nach denken und sprechen, sondern selbst aktiv werden. Dazu gehört einer seits, dass man z. B. PrivatsphäreEinstel lungen eigenständig aus probiert, mit ver schiedenen Funktionali täten diverser Platt formen experimentiert oder andere Bedien fertig keiten direkt einübt. Anderer seits ge hören dazu auch Projekte der aktiven Medienarbeit: Indem man eigene multimediale Inhalte produziert, ver breitet und sich mit anderen darüber aus tauscht, kann man ge wissermaßen am eigenen Leib spüren, was passiert und wie es sich anfühlt, wenn man in Sozialen Netz werk platt formen erfolg reich oder auch zu sorg los agiert. Da junge Nutzer natür lich infolge der Ver wendung Sozialer Netz werk platt formen ohnehin praktisch tätig sind, man also auch argumentie ren könnte, dass eine Aktivie rung gar nicht nötig sei, muss zu dieser eine pädagogi sche Beglei tung kommen, damit die ge machten Erfah rungen von ver schiedenen Seiten be leuchtet und reflektiert werden können. An dieser Stelle kommt erneut der oben schon be schriebene Dialog ins Spiel, der, so einige Hinweise, Bestand teil aktiver Medienarbeit sein muss. Ähnlich wie bei Informa tions angeboten ist es auch bei Erfah rungs angeboten eine wichtige Frage, wie man diese ge staltet, um positive Wirkun gen zu er zielen. Dazu finden sich in den Aus sagen der interviewten Experten leider kaum konkrete Anhaltspunkte. In ver gleich barer Weise wie bei Maßnahmen der Sensibilisie rung ist auch bei Maßnahmen der Aktivie rung zu fragen, wo der am besten ge eignete Ort dafür ist: Hier kommt zunächst die Schule in Frage, die dazu aber deut lich mehr Freiräume geben müsste, als es in der Regel der Fall ist. Vor diesem Hinter grund er scheinen aktuell zumindest außerschuli sche Orte für Maßnahmen der Aktivie rung offen bar die bessere Wahl. Eigene Erfah rungen zu machen und darin be gleitet zu werden, hat wohl die größte Chance, Einfluss nicht nur auf Einstel lungen, sondern auf konkrete Ver haltens weisen von Jugend lichen und jungen Erwachsenen zu nehmen. Tendenz „Selbstregula tion“ Ein kleiner Teil der Experten vorschläge wählt ge wissermaßen das Gegen teil der ersten Tendenz, die wir als „externe Regula tion“ be zeichnet haben. Vor schläge, die sich in Richtung „Selbstregula tion“ als Gegen pol zur externen Regula tion bewegen, nehmen die Annahme zum Aus gangs punkt, dass wir im Internet im Allgemeinen und auf Sozialen Netz werk platt formen im Besonde ren längst die Kontrolle über private Daten und Informa tionen ver loren haben bzw. eine solche Kontrolle gar nicht möglich sei. Diese Annahme geht mit der Forde rung einher, dass wir einen Wandel in der Auf fassung über Privat heit und Öffentlich keit brauchen. Damit ist nicht ge meint, dass man sich mit der 301 unkontrollierten Ver brei tung persön licher privater Daten und Informa tionen ge wissermaßen passiv ab findet und vor dieser neuen Situa tion resigniert. Vielmehr geht es darum, die Idee von informa tio neller Selbst bestim mung zu über denken und zu lernen, dass im Internet publizierte Informa tionen öffent liche Informa tionen per se sind. Ändern müssten sich daher nicht die Platt formen, sondern die Handlun gen und das Bewusstsein der Nutzer, die selbst Ver antwor tung dafür über nehmen müssen, wie sie mit ihren Daten im Internet umgehen. Im weitesten Sinne zur Selbstregula tion könnte man zudem Vor schläge zählen, die darauf hinaus laufen, dass die Nutzer das Netz im Allge meinen und Soziale Netz werk platt formen im Besonde ren selbst kontrollie ren und sich auf diesem Wege gegen seitig schützen. Dazu gehört z. B., Auf fällig keiten an Internetdienst leister zu melden, aber auch „un geschriebene Gesetze“ zu etablie ren und weiter zugeben, die insbesondere den gegen seiti gen Respekt aus drücken und fördern. Empfeh lungen dieser Art propagie ren einen kulturellen Wandel in der netzbasierten sozialen Inter aktion, der sich nicht extern ver ordnen und auch nicht direkt be einflussen lässt, sondern sich nur allmäh lich ent wickeln kann. 303 6 Zusammen fassung Julia Niemann & Michael Schenk Zum Ab schluss des empiri schen Teils und bevor in Teil III eine juristi sche Betrach tung erfolgt, werden hier die wichtigsten Ergeb nisse der durch geführten Studien noch einmal kurz zusammen gefasst. Ein resümie ren des Fazit erfolgt zu Beginn von Teil IV, der auch Hand lungs empfeh lungen ent hält. Zur Beantwor tung der Forschungs fragen wurde eine Kombina tion aus quantitativen und qualitativen Methoden ver wendet, die Leitfaden interviews mit jungen Nutzern und Experten, eine Sekundäranalyse und eine standardisierte Befra gung mit Tracking beinhaltete. Über die ver schiedenen Einzelstudien hinweg lassen sich Parallelen und allgemeine Trends be obachten. Die Sekundäranalyse der Daten aus dem von der DFG ge förderten Projekt ergab deut liche Unter schiede zwischen Digital Natives und Digital Immigrants. Die jungen Nutzer ver halten sich bei der SocialWebNutzung insgesamt aktiver. Soziale Netz werk platt formen werden von den Digital Natives deut lich häufiger ge nutzt. Digital Natives geben häufiger ihren Namen, Geburts tag und ihren Beruf an. Sensible Daten wie Kontaktinforma tionen werden von allen Alters gruppen seltener ge teilt. Junge Nutzer ver öffent lichen öfter Bilder als die älteren und schränken den Zugriff auf diese weniger oft ein. Ein ähnlicher Unter schied ist bei der Sicht bar keit von Kontakten fest zustellen. Dennoch gibt es bei der Sorge um die eigene Privatsphäre keine Unter schiede zwischen den Alters gruppen. Jüngere Personen sind jedoch etwas unvorsichti ger als ältere, wenn es um techni sche Schutz maßnahmen geht. Mit Hilfe einer Regres sions analyse konnte ge zeigt werden, dass das Alter einen Einfluss auf die Selbstoffenba rung im Social Web ausübt. Dieser fällt jedoch geringer aus, wenn die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen als zusätz licher Einfluss faktor in das Modell ein geführt wird. Da die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen den größten Erklä rungs beitrag für die OnlineSelbstoffenba rung liefert, er scheinen die Platt formen in diesem Kontext be sonders relevant zu sein. Die Daten der aktuellen standardisierten Befra gung und auch der qualitativen Interviews be stäti gen, dass Soziale Netz werk platt formen in der Alters gruppe 304 der 12 bis 24Jährigen tatsäch lich die am häufigsten ver wendeten SocialWeb Anwen dungen darstellen. Dabei ist Facebook das am weitesten ver breitete An gebot. Die Dauer und Häufig keit, mit der Netz werk platt formen ge nutzt werden, steigt mit zunehmen dem Alter an. Grundsätz lich können unter schied liche Gratifika tionen bei der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen ent stehen, primär dienen sie aber dazu, bereits be stehende, offline ge knüpfte Kontakte zu pflegen. Dass die rezeptive Nutzung gegen über der kommunikativen über wiegt, ver wundert nicht. Die ver schiedenen Kommunika tions funk tionen der Platt formen sind dennoch die zentralen Elemente und werden differenziert ge nutzt. Die Möglich keit, sich selbst darzu stellen und über die Platt formen das eigene Identi täts management voran zutreiben, steht aus Sicht der Nutzer gegen über der sozialen Inter aktion im Hinter grund. Die eigene Selbst darstel lung wird notwendig, um online inter agie ren zu können. Es ist den jungen Nutzern wichtig, auch online authentisch, einzigartig und positiv zu er scheinen. Zum Selbstoffenba rungs verhalten haben wir insbesondere im quantitativen Part vier Bereiche differenziert: Das Teilen von Informa tionen im Nutzer profil, die Kommunika tion auf den Platt formen, Schutz verhalten über die Nutzung der PrivatsphäreOptionen und die Größe und Zusammen setzung der Kontakt listen, die die jungen Nutzer pflegen. Auf dem Nutzer profil teilen die Befragten viele Informa tionen mit, wie Name, Geschlecht, Geburts datum und Hobby, die sie identifizier bar machen. Kontaktinforma tionen und intime Details, die dort mitunter ab gefragt werden, be handeln sie aber ver hältnis mäßig restriktiv. Wenn über die Platt formen kommuniziert wird, erfolgt zumeist eine differenzierte Wahl der Kommunika tions mittel. Für private Konversa tionen werden private Kommunika tions kanäle, wie der Chat oder die private Nachricht, ver wendet. (Semi)öffent liche Kom mu ni ka tion erfolgt seltener und die Jugend lichen und jungen Erwachsenen posten dabei vor rangig positive oder wertneutrale Inhalte, die sie selbst als risikofrei ansehen. So können sie sicherstellen, dass ihre OnlineSelbst darstel lung in keinem sozialen Kontext als unangemessen empfunden wird. Der Großteil der Nutzer hat sich bereits mit den PrivatsphäreOptionen be schäftigt. Der Zugriff auf die Inhalte wird mehr heit lich auf die be stätigten und selbst hinzu gefügten Kontakte be schränkt, weshalb diesem Kontakt netz werk eine hohe Bedeu tung zukommt. Die Befragten ver fügen im Durch schnitt über 169 Kontakte. Nur 44 Prozent geben an, dass sie alle dieser Kontakte bereits persön lich ge troffen haben. Im Umkehrschluss be deutet das, dass die Mehrheit der jungen Nutzer Kontakte in ihrer Kontakt liste hat, die sie nicht aus dem OfflineLeben kennen. Aus den Variablen zur Selbstoffenba rung konnten drei grundständige Ver haltens typen ge bildet werden, die in ihrer Aus rich tung differie ren. Nur eine Gruppe zeigt als Vieloffen barer ein in Bezug auf die eigene Privatsphäre irrationales Ver halten. Sie ist mit 14 Prozent der Nutzer die kleinste. Die anderen 305 beiden Gruppen zeichnen sich ent weder durch generelle Zurück haltung bei der OnlineSelbstoffenba rung aus (Wenigoffen barer) oder regulie ren ihre Privat sphäre über die restriktive Einstel lung der PrivatsphäreOptionen und kom munizie ren innerhalb ihrer ver hältnis mäßig großen Netz werke (Privatsphäre Manager). Dass die Digital Natives un bedacht und sorg los mit ihren Daten umgehen, können wir nicht be stäti gen. Ein Pauschalurteil er scheint ohnehin unangebracht. Diesen Eindruck be stäti gen auch die be fragten Experten. Die jungen Nutzer sehen in den Anwen dungen Gefahren, die sich jedoch eher auf die institutio nelle Privatsphäre, also die Nutzung ihrer Daten durch den Anbieter be ziehen. Soziale Risiken werden geringer ein geschätzt. In Bezug auf die Privatsphäre gibt es be stimmte Tabuthemen, die online nicht thematisiert werden, wie Familien angelegen heiten und persön liche Probleme in der Be zie hung, der Aus bildung oder im Beruf und finanzielle Schwierig keiten. Allein durch die Sorge um die Privatsphäre kann das Handeln auf Sozialen Netz werk platt formen hingegen kaum erklärt werden. Weitere Einfluss variablen, wie die subjektiv wahrgenommenen sozialen Normen und die Nutzungs motive, spielen eine wichtige Rolle. Teil III Rechts gutachten zum Daten schutz und zu Persönlich keits rechten im Social Web, insbesondere von Social Networking-Sites Silke Jandt & Alexander Roßnagel 309 1 Fragestel lung des Gutachtens Thema der Unter suchung ist die Fragestel lung, wie der Daten schutz und die Gewährleis tung der Persönlich keits rechte auf Social NetworkingSites effektiv um gesetzt werden können. Die neuen Dienste angebote des Web 2.0 be gründen neue Chancen und Risiken für den Daten schutz und die Persönlich keits rechte, indem sie neue Hand lungs möglich keiten eröffnen. Die neuen techni schen Möglich keiten dürfen nicht dazu führen, dass die ver fassungs recht lich garan tierten Schutz güter des Daten schutzes und der freien Persönlich keits entfal tung faktisch unter laufen werden. Die Effektivi tät und Wirksam keit der Rechts ordnung muss daher immer wieder im Hinblick auf die techni sche Fort entwick lung über prüft und ge gebenen falls in Bezug auf die neuen Risiken an gepasst werden. Um den Gefähr dungen des Internet für den Daten schutz und die Persönlich keits rechte zu be gegnen, wurden in der Ver gangen heit bereits vom Gesetz geber be reichs spezifi sche Vor schriften er lassen, und in der Literatur finden sich zahl reiche Ver öffent lichungen, die sich mit Einzelfragen be schäfti gen. Diesen Vor schriften und Unter suchungen ist jedoch gemeinsam, dass sie in Bezug auf die Internetdienste von einem klaren AnbieterNutzerVerhältnis aus gehen. Dies hat zur Folge, dass gesetz liche Rechte und Pflichten eindeutig zu geordnet werden konnten. Im Web 2.0 kann potenziell jeder sowohl Anbieter als auch Nutzer von Informa tion sein, so dass auch die Rechte und Pflichten nicht mehr eindeutig adressiert werden können. Im Folgenden wird unter sucht, wo durch die An gebote des Web 2.0 der gesetz liche Daten und Persönlich keits schutz an seine Grenzen stößt und welche Schutz defizite ent stehen. Dies erfolgt durch die Ermitt lung der Chancen und Risiken anhand von beispiel haft aus gewählten An geboten sozialer Netz werk dienste. Des Weiteren wird eine detaillierte Prüfung der für Soziale Netz werk platt formen gelten den daten schutz recht lichen Anforde rungen unter Berücksichti gung der spezifi schen Anforde rungen für Kinder und Jugend liche vor genommen. Ab schließend werden die recht lichen Rege lungs defizite zusammen fassend dargestellt. 311 2 Social NetworkDienste, Foren & Co. Das Internet hat sich mit rasender Geschwindig keit in der Bevölke rung ver breitet und nimmt mittlerweile einen be deuten den Stellen wert nicht nur im Berufs, sondern auch im Privatleben ein. Mit dem Web 2.0 hat das World Wide Web (WWW) bereits eine neue Stufe er reicht. Die ursprüng lich be stehende Trennung zwischen Anbietern des WWW auf der einen und Nutzern des WWW auf der anderen Seite wird zunehmend auf gehoben. Im so ge nannten MitmachInternet hat sich eine neue Konstella tion ergeben. Jeder kann zum Akteur, jeder kann zum Autor von Inhalten im Internet avancie ren. Die Provider über nehmen nicht mehr primär die Funktion, Inhalte und Dienste angebote im Internet zur Ver fügung zu stellen, sondern zielen durch die Bereit stel lung von Mitmachplatt formen auf die Aktivie rung der breiten Masse der Internetnutzer ab. Diese werden in immer stärke rem Maß auf gefordert, das World Wide Web aktiv mitzu gestalten. Zu den zahl reichen An geboten des Social Web zählen Film und Bildsamm lungen, Weblogs, Foren und Wikis, Podcasts und NetworkingPlatt formen, Feed Reader und FeedAggregatoren, kollektive Ver schlagwor tungs systeme und SocialNewsDienste. Einige der in Deutschland be kanntesten und er folgreichsten Beispiele sind studiVZ, Myspace, Xing, Twitter, Facebook oder spickmich, die für Millionen eher junger Menschen zu Platt formen der Selbst darstel lung und des Aus tauschs ge worden sind. Im allgemeinen Sprach gebrauch werden soziale Netz werk dienste als Kom mu nika tions platt formen im OnlineBereich definiert, die es dem Einzelnen er möglichen, sich Netz werken von gleich gesinnten Nutzern anzu schließen oder solche zu be gründen (Art. 29Daten schutz gruppe, 2009, S. 163). Im recht lichen Sinne handelt es sich beim An gebot Sozialer Netz werk platt formen um Dienst leis tungen der Informa tions gesell schaft gemäß Art. 1 Nr. 2 der Richtlinie für die Dienste der Informa tions gesell schaft. Faktisch weisen alle sozialen Netz werk dienste be stimmte gemeinsame Merkmale auf (Art. 29Daten schutz gruppe, 2009, S. 163). Erstens werden die Nutzer auf gefordert, personen bezogene Daten zur Erstel lung einer Beschrei bung von sich selbst anzu geben, die ein persön liches Profil ergeben. Zweitens bieten die Sozialen Netz werk platt formen Funk 312 tionen an, mit denen die Nutzer selbst ge nerierte Inhalte, wie zum Beispiel Bilder, Tagebuch einträge, Musik oder Videoclips ver öffent lichen können. Drittens, die Nutzung des sozialen Netz werks erfolgt über vor gegebene Platt formfunk tionen wie zum Beispiel Kontakt listen oder Adress bücher, mittels derer die Ver weise auf die anderen Mitglieder der Netzgemein schaft ver waltet und zu Inter aktionen mit diesen ge nutzt werden können. Soziale Netz werk platt formen sind in vielerlei Hinsicht für die Nutzer funk tional. Zu den wichtigsten Gratifika tionen gehört, neben sozialkommunikativen, auch die Selbst darstel lung der Nutzer (vgl. Teil I Ab schnitt 2.1.4). Das Internet ist das moderne Nach schlagewerk schlechthin. Gegen über herkömm lichen Informa tions samm lungen und medien wie zum Beispiel Zeit schriften und Zeitun gen, TV und Radioprogrammen oder Lexika weist die Informa tions vermitt lung über das Web 2.0 zahl reiche Vor teile auf. Die Vielfalt der Informa tionen steigt enorm an, indem grundsätz lich jeder Internetnutzer sein „Experten“Wissen über dieses Medium ver breiten kann. Eine Filte rung oder Kontrolle der Informa tionen findet nicht statt. Die Kenntnis nahme ist eben falls grundsätz lich durch jeden Internetnutzer möglich. Zudem findet auf den Informa tions platt formen vielfach eine Reflexion der Informa tionen durch die Empfänger statt, indem ihnen Werkzeuge zur Korrektur und Bewer tung zur Ver fügung ge stellt werden. Neben der Vielfalt liegt auch eine stark ver besserte Ver fügbar keit der Informa tionen vor. Das Internet ver gisst grundsätz lich nicht. Selbst Internet seiten, die deaktiviert oder ge löscht worden sind, können häufig noch in einer ge spiegelten Form im Internet auf gefunden werden. Mittlerweile werden auf grund der Schnell lebig keit des Internet auch Archive von Internet seiten er stellt.1 Durch diese Maßnahmen soll der Zeitraum der Ver fügbar keit von Informa tionen im Internet demjenigen medien gebundener Informa tionen auf Papier oder elektroni schen Daten speichern an genähert wer den. Über mobile Endgeräte, die den Zugriff auf das Internet oder spezifi sche Apps er möglichen, ist es technisch möglich, die Informa tionen jederzeit und von jedem Ort aus abzu rufen. Während Informa tions bereit stel lung und abruf jeweils als einseitige und voneinander unabhängige Nutzungs formen des Internet charakterisiert werden können, er fordert Kommunika tion und Inter aktion bi oder multipolare Bezie hungen der Internetnutzer. Im ursprüng lichen Ver ständnis ist Kommunika tion eine soziale Handlung, die der Problemlö sung und der Über windung von Hinder nissen dient. Etwas spezifi scher wird unter Kommunika tion der Aus tausch sowohl von Wissen, Erkenntnis und Erfah rungen als auch von Gedanken, Vor stel lungen und Meinun gen zwischen Individuen ver standen. Im Zusammen hang mit der Informa tions und Kommunika tions technologie fließen auch 1 S. www.archive. org/. 313 techni sche Aspekte wie die Signal übertra gung, wechselseitige Steue rung oder auch einfach die Ver bindung techni scher Geräte in die Begriffs defini tion mit ein. Die Vor teile, die das Web 2.0 im Kontext der Informa tion bietet, gelten auch für den Bereich Kommunika tion und Inter aktion. Die Anzahl der Personen, die von jedermann über das Web 2.0 er reicht werden kann, ist ungleich höher, als die bei den bisheri gen Kommunika tions medien. Rundfunk und Fernsehen können zwar eine ver gleich bare Breiten wirkung er reichen, bieten aber nur sehr be grenzte Möglich keiten für Aus tausch und Inter aktion. Im Web 2.0 können sich dagegen neue Ideen durch Blogs inter aktiv heraus bilden und in kurzer Zeit zu be eindrucken den Projekten weiter entwickeln. Neue Partner für unter schied lichste Projekte können über Social Software auf grund ihrer EPortfolios ge funden und in Projekt netz werke ein gebunden werden (Beyer, Kirchner, Kreuzberger & Schmeling, 2008, S. 598). Multi User OnlineSpiele wie Second Life oder World of Warcraft er lauben den Teilnehmern in neue Rollen zu schlüpfen und sich in einer Phantasiewelt auszu leben und zu ent wickeln.2 Der Aufbau und die Pflege sozialer Beziehungen basiert im Wesent lichen auf Kommunika tion und Inter aktion. Dennoch kommt dieser Kategorie eine darüber hinaus gehende Bedeu tung zu. Kommunika tion und Inter aktion findet zwischen Individuen auch einmalig zum Beispiel zu einem isolierten Thema oder einem Projekt statt. Soziale Beziehungen setzen dagegen Inter aktions ketten voraus und be stehen nur dann, wenn das Denken, Handeln und Fühlen von zwei Individuen oder Gruppen gegen seitig aufeinander bezogen ist. Unabhängig von der Frage, ob soziale Beziehungen, die nur im Cyberspace statt finden, reale soziale Beziehungen vollständig er setzen können oder sollten, existie ren beide Beziehungs formen. Insbesondere die SocialNetworkSites Stay Friends, VZNetz werke (studi, schüler oder mein) oder werkenntwen sind darauf aus gerichtet, dass die Nutzer ihnen be kannte Personen, die sie im realen Leben aus den Augen ver loren haben, wieder finden. Sie leisten damit einen wesent lichen Beitrag zur Beziehungs pflege. Auf grund der immer weiter zunehmen den Mobilität der Menschen kann diese nicht mehr nur durch ein unmittel bares Zusammentreffen gewährleistet werden, das zudem immer auf wendi ger wird. Die gleiche Funktion er füllen auch Facebook, Myspace, spickmich oder Xing, die allerdings als weiteren Schwerpunkt die Gründung von OnlineCommunitys erfolg reich fokussie ren. Schließ lich ist das Web 2.0 ein neues und optimales Forum für die Selbst darstel lung. Darunter sind alle be wussten Handlun gen einer Person oder Per sonen gruppe zu ver stehen, die ihr Erschei nungs bild in der öffent lichen Wahr 2 S. zu Massive Multiplayer Online Roleplay Games (MMORPG) und ihren Rechtsproblemen z. B. Krasemann, MMR 2006, S. 351; Koch, JurPC WebDok. 57/2006; Lober/Weber, MMR 2005, S. 653; dies., CR 2006, S. 837; Trump/Wedemeyer, K&R 2006, S. 397; Rippert/Weimer, ZUM 2007, S. 272. 314 neh mung be einflussen. Selbst darstel lung im Web 2.0 erfolgt sowohl, wenn über YouTube eigene Darbie tungen präsentiert werden als auch durch die Teilnahme an Blogs und Meinungs foren. Das für die Selbst darstel lung er forder liche Publikum findet sich im Internet ohne Probleme, da die Nutzung der sozialen Netz werk dienste in der Regel kosten los ist. Das Web 2.0 eröffnet gegen über der Selbst darstel lung in der realen Welt wesent liche neue Möglich keiten. Die Virtuali tät und grundsätz liche Anonymi tät des Internet erlaubt es, in ganz unter schied lichen Kontexten unter schied liche Identi täten anzu nehmen und damit die Selbst darstel lung viel facetten reicher zu ge stalten, als dies im realen Leben möglich ist. 315 3 Chancen und Risiken sozialer Netz werk dienste Die bisheri gen Aus führungen lassen den Eindruck ent stehen, dass das Web 2.0 zu einem enormen Gewinn an Freiheit führt: Die Freiheit, un gefiltert Informa tionen zu ver breiten und zu konsumie ren. Die Freiheit, über räum liche Ent fernungen und Ländergrenzen hinweg zu kommunizie ren und zu inter agie ren. Schließ lich die Freiheit, sich selbst der Weltöffentlich keit in Form von Bildern, Filmen, Sprachsequenzen, Geschichten, Gewohn heiten, Meinun gen und Einstel lungen darzu stellen und Gemein schaften zuzu ordnen. Die Kehrseite der Frei heits ausü bung ist allerdings häufig die mit ihr einher gehende Frei heits begren zung anderer. Wird die Freiheit im Web 2.0 nicht ver antwor tungs voll aus geübt, sondern missbraucht, werden die Rechte Dritter ver letzt. Das Web 2.0 bietet auch einen neuen Raum für krimi nelle Aktionen, Kriegs und Gewalt verherr lichungen sowie Kinder und Jugendgefähr dungen. Von be sonde rem Interesse sind jedoch die Missbräuche, die die spezifi schen Stärken des Web 2.0 aus nutzen. Im Folgenden werden daher die Chancen und Risiken dargestellt, die das Web 2.0 in Bezug auf die frei heit lich demokrati sche Grundord nung und insbesondere die im Grundgesetz ver bürgten Frei heits rechte hat. 3.1 Chancen Web 2.0 ver spricht die Träume von Freiheit und Demokratie in einer „civil informa tion society“, die ursprüng lich mit dem Internet ver bunden waren (Roßnagel, 1997, S. 26 ff.), zu er füllen. Die dargestellten Funktionen des Web 2.0 fördern unmittel bar die Persönlich keits entfal tung und informatio nelle Selbst bestim mung, Meinungs und Informa tions frei heit, die soziale Kommunika tion und Bildung sowie die Gemeinschafts bildung. Sie er weitern den Kreis der Freiheit und ver bessern die Ver wirklichungs bedin gungen der ge nannten Grund rechte. Neue Chancen für die freie Persönlich keits entfal tung bietet das Web 2.0 nicht nur durch den freien Zugang zu SocialWebAngeboten, sondern vor allem durch die neuen Hand lungs optionen, die diese offerie ren. Web 2.0 fördert 316 allgemein die freie Ent faltung der Persönlich keit und – so wider sprüch lich es zunächst auch klingen mag – die informatio nelle Selbst bestim mung des Einzel nen als be sondere Aus prägung dieses Grundrechts. Das Grundgesetz (GG) schützt durch Art. 2 Abs. 1 die freie Ent faltung der Persönlich keit. Dieses Grund recht ist vom Bundes verfassungs gericht einer seits zur allgemeinen Hand lungs frei heit aus geweitet worden, anderer seits wurde es unter Berufung auf Art. 1 Abs. 1 GG zu einzelnen Persönlich keits rechten fort entwickelt. Als Antwort auf die „modernen Bedin gungen der Daten verarbei tung“ hat das Bundes verfassungs gericht auch das Recht auf informatio nelle Selbst bestim mung aus den ge nannten Grundrechten ab geleitet. „Das Grundrecht gewährleistet die Befugnis des Einzelnen, grundsätz lich selbst über die Preis gabe und Ver wendung seiner persön lichen Daten zu be stimmen“ (BVerfGE 65, 1, 43). Es schützt als be sondere Aus prägung des Rechts auf freie Ent faltung der Persönlich keit die selbst bestimmte Ent wick lung und Ent faltung des Einzelnen. Diese kann nur in einer für ihn kontrollier baren Selbst darstel lung in unter schied lichen sozialen Rollen und der Rückspiege lung durch die Kommunika tion mit anderen ge lingen. Dementsprechend muss er in der Lage sein, selbst zu ent scheiden, welche Daten er über sich in welcher Rolle und in welcher Kommunika tion preis gibt. Die informatio nelle Selbst bestim mung richtet sich dagegen, dass Dritte personen bezogene Daten über den Betroffenen gegen dessen Willen erheben, ver arbeiten oder nutzen. Sie richtet sich jedoch nicht gegen die selbst bestimmte Ver öffent lichung eigener Daten. Durch sie be stimmt der Betroffene vielmehr selbst über die Preis gabe seiner Daten und übt damit gerade seine informatio nelle Selbst bestim mung aus. Sie umfasst auch die Freiheit zur Selbstexhibi tion, der im Web 2.0 kaum Grenzen gesetzt werden. Wenn Nutzer un gefiltert durch Mediatoren unmittel bar mit anderen Nutzern kommunizie ren können, er weitert das Web 2.0 ihre aktive Kommunika tions, Informa tions und Meinungs frei heit und dies nicht nur in Bezug auf Themen des Privatlebens, sondern auch auf gesell schaft licher und insbesondere politi scher Ebene. Diese Grundrechte beruhen auf Art. 5 Abs. 1 und Abs. 2 GG. Die Meinungs äuße rungs frei heit gemäß Art. 5 Abs. 1 Satz 1, 1. Halbsatz GG gewähr leistet das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu ver breiten. Die Informa tions frei heit ist in Art. 5 Abs. 1 Satz 1, 2. Halbsatz GG als das Recht definiert, sich aus allgemein zugäng lichen Quellen un gehindert zu unter richten. Die Kommunika tions frei heit wird aus der Gesamt heit der in Art. 5 GG gewährleis teten Freiheiten als auch der Pressefrei heit sowie der Freiheit der Rundfunk und Filmberichterstat tung ab geleitet. Die Meinungs frei heit be trifft die Perspektive des Kommunikators, die Informa tions frei heit diejenige des Rezipienten und die Medien frei heit schützt die Mittler der Kom munika tion. Neue Chancen für die Kommunika tions frei heit bietet das Web 2.0, indem nicht mehr nur Zeitun gen und Rundfunksen der, sondern vor allem Blogs zu ent scheiden den Medien in der politi schen Willens bildung und zu relevanten 317 Instrumenten von Wahl kämpfen werden. Für den letzten amerikani schen Wahl kampf billigten Medien analysen diesen Web 2.0Anwen dungen sogar eine größere politi sche Relevanz zu als „Mainstream Media“ (Moll, 2008, S. 36 f.; Brauck, Hornig & Hülsen, 2008, S. 95 f.). Web 2.0 be seitigt Hierarchien und er möglicht jedem die direkte Teilnahme an der Bildung von Meinun gen, dem Ent stehen von Moden, an der Fort entwick lung der Kultur und an der demokrati schen Willens bildung. Während in Art. 26 der Allgemeinen Erklä rung der Menschen rechte aus drück lich ein Recht auf Bildung deklariert wird, formuliert das Grundgesetz kein derarti ges Grundrecht. Es kann aber aus ver schiedenen Grundrechten die Pflicht des Staates ab geleitet werden, Bildungs chancen zu offerie ren. Die Pflicht zur Einrich tung des Bildungs wesens ergibt sich zum einem aus dem Gleich heits grundsatz gemäß Art. 3 Abs. 3 GG. Die Chancen gleich heit fordert, dass jeder die gleichen Zugangs möglich keiten zur Bildung er halten muss. Daneben hat Art. 7 GG das Wohl von Kindern und Jugend lichen im Auge und ist eben falls ein Aus druck der staat lichen Ver pflich tung zur möglichst gleichen Ver gabe der Bildungs chancen. Schließ lich lässt sich das Recht auf Bildung auch aus dem Sozialstaatsprinzip ab leiten. Soziale Netz werk dienste er lauben einen un kontrollierten und un begrenzten Zugang zu unzähli gen Informa tions und Bildungs angeboten. Das Web 2.0 er möglicht vielfach den Zugriff auf Tages zeitun gen, Lehrbücher, wissen schaft liche Publika tionen, OnlineEnzyklopädien, Fernseh und Rundfunk programme. Daneben finden sich auch konkrete Lern angebote zum Beispiel für Fremdsprachen. Die Gemeinschafts bildung wird im Grundgesetz maß geblich durch die sogenannten Kollektivgrundrechte gewährleistet. Hierzu ge hören die Ver samm lungs frei heit gemäß Art. 8 GG und die Ver eini gungs und Koali tions frei heit gemäß Art. 9 GG. Zwar umfasst die Ver samm lungs frei heit nur ein tatsäch liches Zusammen kommen der Grundrechts träger an einem physischen Ort (Depen heuer, 2011, Art. 8 GG, Rn. 45). Allerdings können diese Ver samm lungen durch das Web 2.0 er heblich leichter organisiert werden, wie die Beispiele zahl reicher Flashmobs zeigen, so dass sie die Chancen der Grundrechts ausü bung er weitern. Die allgemeine Ver eini gungs frei heit schützt die Freiheit natür licher oder juristi scher Personen, sich für längere Zeit zu einem gemeinsamen Zweck zu einer Ver eini gung zusammen zuschließen und einer gemeinsamen Willens bildung zu unter werfen. Web 2.0 bietet, wie die statt findende aus geprägte Community Bildung zeigt, ver besserte Möglich keiten über Landes grenzen hinweg Personen aufzu spüren, die die gleichen Interessen ver binden, und die Kommunika tion und Organisa tion der WebCommunitys zu ver einfachen. 318 3.2 Risiken Web 2.0 wäre ein ideales Medium für die Persönlich keits entfal tung und für die Stärkung der Meinungs und Informa tions frei heit, wenn immer nur ver antwort lich mit ihm um gegangen würde. Da dies nicht der Fall ist, wird es auch zu einem Instrument massiver Beeinträchti gungen der gleichen Frei heits gewährleis tungen, die das Web 2.0 fördert. Die Ausübung der freien Ent faltung der Persönlich keit des Einzelnen kann gleichzeitig Risiken für den Persönlich keits schutz der anderen Grundrechts träger ent falten. Soziale OnlineNetz werke werden zunehmend ge nutzt, um andere Personen an den Pranger zu stellen oder persön liche „Rachefeldzüge“ durch zuführen. Durch die Anonymi tät des Internet und die fehlende persön liche Präsenz ent steht offensicht lich eine Distanz, die solche Hand lungs weisen fördert. Immer mehr Menschen finden sich gegen ihren Willen mit ihrem Foto, ihrem Namen, ihrer Adresse, Lebens weg und Vor lieben auf Websites wieder, weil sie anderen miss liebig auf gefallen sind. Der be kannteste Fall ist der elektroni sche Pranger des „Dog Shit Girl“, einer jungen Koreanerin, deren Schoß hund in der UBahn seinen Darm ent leeren musste. Da sie den Haufen nicht be seiti gen wollte, fotografierte ein Zeuge das Geschehen und lud die Bilder in einen populären Blog hoch. Innerhalb von Stunden hatten andere Namen und Lebens geschichte der Hundehalterin zusam men getragen und im Internet ver öffent licht. Monatelang wurde über das Ver halten, aber auch die Persönlich keit des Mädchens öffent lich im Web diskutiert (Oehmke, Spiegel 31/2008, S. 144). Inzwischen sind in Flickr Menschen zu sehen, denen vor geworfen wird, zu laut in ihr Handy zu sprechen. In Meinprof werden Tausende von Professoren be wertet (Heise Online vom 28. 4. 2008) und in spickmich eine sehr große Zahl von Lehrern be urteilt (OLG Köln, K&R 2008, S. 40; LG Duisburg, ZUM 2008, S. 700; LG Köln, MMR 2007, S. 734). In YouTube gibt es massen haft mit der Handykamera auf genommene Kurzfilme über „aus flippende Lehrer“ oder sich blamierende Mitschüler. Ent täuschte Ehepartner rächen sich an ihren Ehemali gen durch „InternetShaming“, indem sie intime Details ver öffent lichen. Auf Dontdatehimgirl warnen Frauen vor schlechten Liebhabern. Auf Plate Wire werden Nummernschilder von an geblich schlechten Autofahrern gesammelt. In Rottenneighbor sind Häuser in Stadt plänen markiert, in denen an geblich ver kommene Menschen, streitsüchtige Nachbarn oder gar Kinder schänder leben (Oehmke, Spiegel 31/2008, S. 144; Roggen kamp, 2008, S. 326). Rechts radikale ver öffent lichen die persön lichen Daten linker Aktivisten im Netz (Kleinhubbert, 2008, S. 52). Die von diesen Aktionen be troffenen Personen werden durch Diffamie rungen, Beleidi gungen und Rufschädi gung in ihren Persönlich keits rechten ver letzt. Diesen Personen wird die Möglich keit ge nommen, über ihre Selbst darstel lung und ihr Auf treten in der Öffentlich keit frei zu be stimmen. Sie 319 können weder die Inhalte noch die Empfänger dieser Inhalte be einflussen, geschweige denn kontrollie ren. Sobald die Bilder, Videos oder Bewer tungen einen konkreten Personen bezug – wenn auch nur für einzelne Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen – auf weisen, wird durch diese Ver öffent lichungen zudem die informatio nelle Selbst bestim mung der be troffenen Personen massiv be einträchtigt. Das Recht darüber zu ent scheiden, wer was wann bei welcher Gelegen heit über mich weiß, wird nahezu auf gehoben. Hinzu kommt das Risiko der Daten auswer tung. Dritte können die im Internet ver fügbaren Daten aus werten, mit anderen Daten zusammen führen, zu Bezie hungs, Interessen und Persönlich keits profilen ver arbeiten und diese ver kaufen oder nutzen. Interessiert an den Daten könnten viele sein: Arbeit geber, Ver mieter, Aus kunfteien, Ver siche rungen, Ver trags partner, Kollegen, Konkurrenten und auch Behörden. Wer etwa zur Imagepolitur Bilder oder Videos vom Koma Trinken oder von Extremsport ins Web stellt oder in seinem Blog über persön liche Konflikte oder Schulden be richtet, darf sich nicht wundern, wenn er später Schwierig keiten hat, einen Arbeits platz oder eine Wohnung zu finden. Aber auch wer weniger brisante Informa tionen ver öffent licht, muss damit rechnen, dass Daten aus dem Kontext gerissen werden und in andere Zusammen hänge ge stellt ein unzu treffen des Bild über ihn ergeben. Teilweise zerren Medien unternehmen einzelne Personen und ihre Geschichte in die Öffentlich keit und er zielen Auf merksam keit damit, dass sie Kuriosi täten dieser Personen darstellen (BVerfGE 101, 361; BVerfG, NJW 2008, 1793; EGMR, NJW 2004, 2674; Gounalakis & Rhode, 2002, S. 99, 186 ff.; HoffmannRiem, 2009, S. 20). Diese Risiken bilden die be kannten Probleme des Presse, Daten, Arbeitnehmer und Ver braucher schutzes. Nicht nur der Umfang der zur Aus wertung im Web 2.0 zur Ver fügung stehen den Daten steigt, sondern auch die techni schen Möglich keiten der Daten auswer tung werden immer weiter ver bessert. Aktuell weisen zwar häufig Bilder und Videos von Personen nur für diejenigen SocialNet worker einen Personen bezug auf, die die Person im realen Leben kennen. Dies wird sich aber ver mutlich mit den immer größeren Fortschritten von Bilderken nungs programmen in kürzester Zeit ändern (Heise Online vom 13. 3. 2009 und vom 4. 5. 2010). Ein be sonde res Risiko ent steht im MitmachInternet durch die Unkontrolliert heit der Inhalte. Niemand über prüft die Richtig keit oder den Wahr heits gehalt vor der Ver öffent lichung. Diese Publika tionen können ganze Lebens wege zerstören – in einer Zeit, in der immer mehr Menschen – vom potenziellen Arbeit geber über den ehemali gen Schulfreund bis hin zum Flirtpartner – andere Menschen vor einem näheren Kennen lernen erst mal „googeln“. Diese Nach richten sind nicht mehr erfolg reich zu löschen. Sie werden irgendwo im Internet immer ge speichert bleiben und über Suchmaschinen für alle er reich bar bleiben. Dies gilt für die proaktive Imagepflege durch EPortfolios und sonstige Formen der Selbst darstel lung, die die Nutzer selbst ins Netz stellen, ebenso wie für die 320 Abbil dung sozialer OnlineNetz werke, die stolz zur Demonstra tion sozialer Bedeu tung präsentiert werden. Auch wenn be stimmte Darstel lungen der eigenen Persönlich keit oder der Kontakt zu be stimmten Personen zu einem späteren Zeitpunkt lieber ge leugnet würden – das Internet ver gisst nichts. Prinzipiell kann alles ge funden werden, was jemals zu der ge suchten Person im Netz er schienen ist. Der Nutzer ver liert die Kontrolle über seine Daten (Beyer, Kirchner, Kreuzberger et al., 2008, S. 598). Die Förde rung der Kommunika tions frei heit durch Bildung von Social Com munities setzt die Möglich keit des Zugangs zum Internet voraus. Seit Mitte der neunziger Jahre hat sich in diesem Zusammen hang der Begriff „Digital Divide“ etabliert. Der Begriff steht für die Befürch tung und damit das Risiko, dass die Chancen auf den Zugang zum Internet und anderen (digitalen) Informa tions und Kommunika tions techniken ungleich ver teilt und stark von sozialen Faktoren ab hängig sind. Diese Chancen unterschiede wirken sich als gesell schaft liches Risiko aus, dass nicht alle sozialen Gruppen die gleichen Chancen auf Informa tion und Bildung haben. Der Förde rung sozialer Kommunika tion und Gemeinschafts bildung durch soziale Netz werk dienste stehen die Risiken der Ab stempe lung und Aus gren zung gegen über. Dies bezieht sich nicht auf die techni sche Möglich keit der Teilnahme, sondern die faktisch statt findende Aus gren zung einzelner Personen, wie sie in jeder sozialen Gruppe aus unter schied lichen Gründen er folgen kann. Jeder hat zwar auch das Recht, auf den sozialen Aus tausch und die Mitglied schaft in Communitys freiwillig zu ver zichten. In der Regel gibt es zwar keine Zugangs vorausset zungen zu den sozialen Netz werk diensten und SocialCommu nities, allerdings kann das Ignorie ren von Beiträgen faktisch dazu führen, nicht in eine Gruppe integriert zu werden. Zudem werden zum Beispiel durch die Rückmel dung und Bewer tung von ge posteten Beiträgen häufig einzelne Personen ab gestempelt. Zusammen gefasst kann fest gehalten werden: Die neuen Möglich keiten der Frei heits ausü bung bieten auch neue Formen des Frei heits missbrauchs. Das Web 2.0 er weitert nicht nur die Persönlich keits entfal tung, sondern schränkt sie auch ein. 321 4 Privatsphäre in der Psychologie und im Recht In sozialen Netz werk diensten werden Handlun gen durch geführt, die die freie Ent faltung der Person fördern und die Privatsphäre in unter schied licher Weise be treffen. Wie bereits dargestellt, ist es eine essenzielle Aufgabe des Rechts, die Persönlich keits entfal tung und die Privatsphäre zu schützen. Umfang und Grenzen der Schutz bereiche werden allerdings nicht ab strakt durch den Gesetz geber fest gelegt, sondern sie folgen aus der individuellen Lebens wirklich keit des Einzelnen sowie der Aus gestal tung und Ent wick lung der Gesell schaft. Diese werden wiederum maß geblich durch techni sche Ent wick lungen be einflusst. Das Recht muss dabei die Funktion über nehmen, die Technik zu steuern, indem rechts widrige Technologien ver hindert werden und grundsätz lich rechtmäßige Technologien die recht liche Werteord nung nicht unter laufen. Dabei ist jedoch zu be achten, dass auch die gesell schaft lichen Werte einem Wandel unter liegen. Die computer vermittelte Kommunika tion weist zum Beispiel einen ent hemmen den Effekt in Bezug auf die Selbstoffenba rung auf (vgl. Teil I, Ab schnitt 2.3.3). Faktisch kann dies dazu führen, dass der Nutzer die Grenzen seiner Privatsphäre aktiv ver schiebt. Immer mehr Aspekte des Privatlebens werden im Social Web ein gestellt und somit zum Gegen stand des öffent lichen Lebens ge macht. Aus recht licher Sicht muss daher über prüft werden, ob auch der ver fassungs recht lich gewährte Schutz bereich der Privatsphäre den gesell schaft lichen Bedürf nissen an gepasst werden sollte. Der Begriff der Privatsphäre wird jedoch nicht nur im juristi schen Kontext, sondern gleichermaßen in der Psychologie ver wendet und als selektive Kontrolle des Zugangs zum Selbst ver standen (vgl. Teil I, Ab schnitt 2.3.1). Das Ausmaß der an gestrebten Privatsphäre ist für jede Person und in Ab hängig keit von der jeweili gen Situa tion ver schieden. Es unter liegt daher ebenso wie das recht liche Ver ständnis von der Privatsphäre einem zeit lichen Wandel. Um in dem For schungs projekt die recht lichen und die psychologi schen Unter suchungen zur Privatsphäre miteinander zu ver knüpfen, wird vor der Über prüfung des An passungs bedarfs der recht lichen Schutz bereichs gewährleis tung eine fachspezifi sche Gegen überstel lung der ver schiedenen Dimensionen und Teilaspekte vor genommen. 322 Die Psychologie unter scheidet vier unter schied liche Dimensionen der Privat sphäre, die einen zunehmen den Öffentlich keits bezug auf weisen. Den Kernbereich der Privatsphäre bildet die physische Privatsphäre, die in einem persön lichen räum lichen Rückzugs bereich des Individuums besteht. Die psychologi sche Privatsphäre der zweiten Dimension schützt dagegen den Einzelnen vor der äußeren Einfluss nahme auf persön liche Gedanken, Werte und Einstel lungen. Die dritte Dimension der inter aktionalen Privatsphäre er fordert die Kontrolle darüber, wo und mit wem soziale Beziehungen statt finden und schließ lich umfasst die informatio nelle Privatsphäre als vierte Dimension die Kontrolle darüber, wer Informa tionen über das Selbst sammelt und ver breitet. Jeder dieser psychologi schen Dimensionen der Privatsphäre kann ein spezifi sches Grundrecht und damit eine recht liche Schutz gewährleis tung gegen über gestellt werden. Ein physischräum licher Schutz der Privatsphäre wird durch die Un verletzlich keit der Wohnung gemäß Art. 13 Abs. 1 GG gewährleistet. Das Grundrecht soll dem Einzelnen einen elementaren Raum zur freien Ent faltung der Persönlich keit gewährleisten (BVerfGE 42, 212, 219; 51, 97, 110) und ihm das Recht geben, in Ruhe ge lassen zu werden (BVerfGE 27, 1, 6). Der Begriff Wohnung soll aus drück lich die räum liche Privatsphäre er fassen (BVerfGE 65, 1, 40). Der psychologi schen Privatsphäre der zweiten Dimension kann aus dem recht lichen Kontext die durch Art. 5 Abs. 1 GG gewährleistete Meinungs und Willens bil dungs frei heit gegen über gestellt werden. Diese sind der primäre Zweck, dem die Meinungs äuße rungs und Informa tions frei heit dienen. Ohne den Diskurs und die Möglich keit, sich umfassend aus unter schied lichen Quellen zu informie ren, ist eine für die Persönlich keits entfal tung ent scheidende freie Meinungs und Willens bildung nicht denk bar. Die Inter aktion mit anderen – die dritte Dimen sion der Privatsphäre in der Psychologie – wird in der Ver fassung, soweit sie nicht von der Kommunika tions frei heit umfasst ist, durch die Kollektivgrund rechte der Ver samm lungs und Ver eini gungs frei heit gemäß Art. 8 und Art. 9 GG und das Auffang grundrecht der allgemeinen Hand lungs frei heit des Art. 2 Abs. 1 GG geschützt. Die Kollektivgrundrechte gewährleisten jeweils auch die negative Ausübung der Grundrechte, indem es jedem freisteht, an keiner Ver samm lung teilzunehmen und sich keiner Ver eini gung anzu schließen. Die allgemeine Hand lungs frei heit in dem weiten Ver ständnis, dass jeder tun und lassen kann, was er will, schließt auch ein, keine Kontakte zu anderen Personen zu pflegen. Schließ lich ent spricht die vierte Dimension der informa tio nellen Privatsphäre dem Schutz bereich der informa tio nellen Selbst bestim mung gemäß Art. 2 Abs. 1 in Ver bindung mit Art. 1 Abs. 1 GG. Jeder soll selbst darüber ent scheiden können, wann und innerhalb welcher Grenzen persön liche Lebens sach verhalte über ihn offenbart werden (BVerfGE 65, 1, 42). Dies hat das Bundes verfassungs gericht aus drück lich in Bezug auf die be sonde ren Risiken, die mit der elektroni schen Daten verarbei tung einher gehen, fest gestellt (BVerfGE 65, 1, 43). Ergänzend gewährleistet das Grundgesetz in weiteren Einzel bestim 323 mungen die Privatsphäre insbesondere durch den be reichs spezifi schen Schutz der Ehe in Art. 6 GG sowie den Ver traulich keits schutz der Kommunika tion durch das Brief und Fern meldegeheimnis in Art. 10 GG (Nettes heim, 2010, S. 5). Über greifend zu diesen spezifi schen Grundrechten greift das Auffang grundrecht des allgemeinen Persönlich keits rechts. Durch dieses wird zum Beispiel die räum liche Privatsphäre auch über den Schutz bereich des Art. 13 Abs. 1 GG hinaus geschützt, auch wenn deut lich weitere Beschrän kungen des Grundrechts aus Art. 2 Abs. 1 GG möglich sind. Abbil dung 32: Privatsphäre in der Psychologie und im Recht Psychologie Recht Physische Privatsphäre: Raum Schutz der Wohnung: Art. 13 GG Psychologische Privatsphäre: Meinungs-, Willensbildungs- & Werte und Einstellungen Informationsfreiheit: Art. 5 I GG Interaktionale Privatsphäre: Versammlungs- & Vereinigungs- soziale Beziehungen freiheit: Art. 8 & Art. 9 | GG Handlungsfreiheit: Art. 2 I GG Informationelle Privatsphäre: Informationelle Selbstdarstellung durch Selbstbestimmung: Informationen Art. 2 I i.V.m. 1 I GG A llg . P e r sö n lic h k e itsre c h t: A r t. 2 I i.V .m . 1 I G G 325 5 Grundlagen des Daten schutz rechts Die Risiken, die durch die automatisierte Daten verarbei tung anderer ent stehen, zu minimie ren oder zu ver hindern, ist eigent lich die normative Aufgabe der informa tio nellen Selbst bestim mung. Um sie zu schützen, regeln viele Daten schutz gesetze Anforde rungen an die Zulässig keit und die Art und Weise des Umgangs mit personen bezogenen Daten. Diese Regelun gen sind jedoch aus zwei Gründen nicht ge eignet, den Daten schutz im Web 2.0 aus reichend zu gewährleisten. Erstens ist die Anwend bar keit und Durch setz barkeit nationaler Gesetze grundsätz lich auf das jeweilige staat liche Territorium be grenzt, für das der Gesetz geber über die Gesetz gebungs hoheit ver fügt (Ipsen, 2004, S. 244). Das Web 2.0 kennt dem gegen über keine staat lichen Grenzen, so dass den inter nationalen daten schutz recht lichen Gefähr dungen nicht mit einem rein nationalen Schutz konzept wirksam be gegnet werden kann. Zweitens ent halten auch die be sonde ren Vor schriften des Telemedien gesetzes, das den Daten schutz in der Internet kommunika tion regelt, keine risikospezifi schen Vor gaben für die Dienste angebote des Web 2.0. Zum Schutz der personen bezogenen Daten in Blogs, Chatrooms, Video und Fotosamm lungen können allen falls die allgemeinen Daten schutz regeln heran gezogen werden. Sofern man den Daten schutz über die be stehen den gesetz lichen Vor schriften hinaus als Gestal tungs aufgabe sowohl der Technik entwick lung als auch der Rechts fortbil dung be greift, kann zudem auf die allgemeinen daten schutz recht lichen Grundprinzipien zurück gegriffen werden. 5.1 Daten schutz im welt weiten Web 2.0 Das Web 2.0 kennt keine staat lichen Grenzen. Wer im Web 2.0 agiert, wird sehr schnell in die Situa tion geraten, dass bei seinen Handlun gen ein Aus lands bezug ent steht, ohne dass er sich dessen bewusst sein muss. Sei es, weil er eine im Ausland ge hostete SocialNetworkSite benutzt, wie zum Beispiel facebook. com, mit aus ländi schen Nutzern der Social Community kommuniziert oder die von ihm über die Soziale Netz werk platt form zur Ver fügung ge stellten 326 Informa tionen im Ausland ab gerufen werden. Es stellt sich immer die Frage, ob der Daten und Persönlich keits schutz im Web 2.0 und somit in einer Rege lungs materie, die sowohl auf der rein techni schen als auch auf der Anwen dungs ebene inter national aus gerichtet ist, effektiv durch recht liche Vor gaben gewährleistet wird. Im recht lichen Kontext stellen sich bei Sach verhalten mit Aus lands bezug parallel immer die beiden Fragen, welche Rechts ordnung anwend bar ist sowie in welchem Staat die Rechte geltend zu machen und durch zusetzen sind. Grund vorausset zung für den Schutz der Persönlich keit im Web 2.0 für deutsche Nutzer wäre eine lücken lose Anwend bar keit und Durch setz barkeit nationaler und inter nationaler Daten schutz vorschriften. Zu be achten ist allerdings, dass nicht in allen Ländern ein ent sprechend hohes Daten schutz niveau wie in Deutschland besteht be ziehungs weise in einigen Ländern auch gar keine Daten schutz gesetze vor handen sind. In Deutschland existie ren mit dem Telemedien gesetz und den Daten schutz gesetzen des Bundes und der Länder gesetz liche Vor schriften, die dem Schutz der informa tio nellen Selbst bestim mung der Web 2.0Nutzer dienen. Diese Regelun gen ent halten insbesondere detaillierte Bestim mungen, unter welchen Voraus setzungen personen bezogene Daten rechtmäßig erhoben, ver arbeitet und ge nutzt werden dürfen, welche Rechte den Betroffenen der Daten verarbei tung zustehen und wie die Einhal tung der Daten schutz vorschriften kontrolliert und ge ahndet werden kann. Die Durch setzung der Daten schutz vorschriften obliegt dabei zum einen den deutschen Daten schutz behörden als Kontrollorgane und zum anderen können individuelle Rechts verlet zungen von den Betroffenen selbst an deutschen Gerichten geltend ge macht werden. Das deutsche Daten schutz recht wurde maß geblich durch die europäi schen Vor gaben ge prägt. Zahl reiche deutsche Daten schutz vorschriften dienen der Umset zung ent sprechen der europäi scher Richtlinien, wie zum Beispiel die allgemeine Daten schutz richtlinie (DSRL) vom 24. Oktober 1995,3 die Daten schutz richtlinie für die elektroni sche Kommunika tion (EKDSRL) vom 12. Juli 20024 und die Richtlinie über die Vorrats speiche rung von Daten (VDRL) vom 3 Richtlinie 95/46/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 24. Oktober 1995 zum Schutz natür licher Personen bei der Ver arbei tung personen bezogener Daten und zum freien Daten verkehr („Daten schutz richtlinie“), ABl. EG 1995, L 281, 21 vom 23. 11. 1995, s. zum Hinter grund und dem Inhalt der Richtlinie Simitis, in: ders., 2011, Einl. Rn. 203 ff.; Burkert, in: Roßnagel, 2003, Kap. 2.3, Rn. 44 ff.; Dammann, in: Simitis, 2011, Einl. BDSG, Rn. 1 ff.; Ehmann/Helfrich, 1999, Einl. DSRL, Rn. 1 ff. 4 Richtlinie 02/58/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 12. Juli 2002 über die Ver arbei tung personen bezogener Daten und den Schutz der Privatsphäre in der elektroni schen Kommunika tion („Daten schutz richtlinie für elektroni sche Kommunika tion“), ABl. EG 2002, L 201, 37 vom 31. 7. 2002. Die Richtlinie ersetzt gemäß Art. 19 der Daten schutz richtlinie für elektroni sche Kommunika tion die Telekommunika tions Daten schutz richtlinie von 1997, RL 97/66/ EG. 327 15. März 2006.5 Insofern besteht in den Ländern der Europäi schen Union und dem Europäi schen Wirtschafts raum (EWR) ein nahezu einheit lich hohes Daten schutz niveau, auch wenn die Richtlinien den Mitgliedstaaten in Detailfragen teil weise einen Umset zungs spiel raum be lassen. Dem Betroffenen ist es allerdings grundsätz lich nicht möglich, sich hinsicht lich seiner daten schutz recht lichen Belange direkt auf die Richtlinien zu berufen. Stattdessen muss er seine daten schutz recht lichen Ansprüche immer auf das Umset zungs gesetz des jeweili gen Landes stützen. Ent sprechend erfolgt die Rechts durchset zung auch zunächst durch die jeweili gen nationalen Behörden und vor den Gerichten der jeweili gen Mitgliedstaaten.6 Zu den Staaten außerhalb der Europäi schen Union und des Europäi schen Wirtschafts raums, den so ge nannten Dritt staaten, können keine allgemeingül tigen Aus sagen über das Bestehen von Daten schutz vorschriften und deren Durch set zungs möglich keiten ge troffen werden. Erfolgt die Rechts beeinträchti gung im außereuropäi schen Ausland, gelten grundsätz lich die Gesetze desjenigen Staates, und die Rechts durchset zung muss auch in diesem Staat er folgen. Das Recht stößt somit bei einer inter nationalen Rege lungs materie zwangs läufig an seine Grenzen. Sowohl die Gesetz gebungs hoheit als auch die Gesetzes durchset zung ist von der Grundidee national be grenzt. Es existie ren zwar Vor schriften, die Lösungen für recht liche Kolli sions probleme vor sehen, diese führen jedoch keines falls zu einem inter national einheit lichen Rechts niveau. Insbesondere das deutsche Recht zum Schutz der Privatsphäre und personen bezogener Daten weist im inter nationalen Ver gleich einen hohen Standard auf. Auch der Jugendschutz hat in Deutschland eine ver gleich bar hohe Bedeu tung, so dass ent sprechend viele Regulie rungs maßnahmen er griffen worden sind, die in anderen Ländern nicht un bedingt vor herr schen. Wenn das Recht in dieser technik geprägten Materie nur bedingt ge eignet ist, Daten schutz und Privatsphäre der Nutzer zu gewährleisten, ist er gänzend ein alternativer Ansatz zu wählen. Das Daten schutz recht muss durch die Technik selbst unter stützt werden (Roßnagel, 2007, S. 173). Daten schutz techniken können unmittel bar inter national wirken und haben somit Aus wirkungen auf die Rege lungs materie in ihrer Gesamt heit. Bezogen auf das Web 2.0 be deutet dies insbesondere, dass die Dienstangebote so fort entwickelt werden sollten, dass die recht lichen Grundsätze der Transparenz, Zweck begren zung, Selbst bestim 5 Richtlinie 06/24/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 15. 3. 2006 über die Vorrats speiche rung von Daten, die bei der Bereit stel lung öffent lich zugäng licher Kommunika tions dienste oder öffent licher Kommunika tions netze erzeugt oder ver arbeitet werden („Richtlinie zur Vorrats daten speiche rung“), und zur Änderung der Richtlinie 02/58/ EG, ABl. EG 2006, L 105, 54 vom 13. 4. 2006. 6 Nur im Aus nahmen fall ist es nach den Europäi schen Ver trägen von der Daten verarbei tung be troffenen EUBürgern möglich, direkt gegen Maßnahmen, wie zum Beispiel eine Richtlinie der Europäi schen Union, zu klagen, wenn sie davon „unmittel bar und direkt“ be troffen sind. 328 mung und des Schutzes der Persönlich keits sphäre implementiert werden.7 Dem Schutz der Persönlich keit dient es zum Beispiel, wenn soziale Netz werk dienste anonyme oder pseudonyme Nutzungs möglich keiten vor sehen oder dem Nutzer Konfigura tions möglich keiten für die Ab rufbar keit online ge stellter Daten anbieten. Es ist allerdings zu be rücksichti gen, dass die Ver brei tung und Effektivi tät der Daten schutz technik um gekehrt wieder auf das Daten schutz recht an gewiesen ist (Roßnagel, 2007, S. 173). Das Recht kann frühzeitig auf Technik entwick lungen einwirken, indem sozialschäd liche Technologien oder unerwünschte Technik folgen frühzeitig ver boten und sozialfreund liche ent sprechend ge fördert werden können (Jandt, 2008, S. 38). Außerdem kann auf die Einsatz möglich keiten und die Aus gestal tung einer Technologie so Einfluss ge nommen werden, dass eine ursprüng lich als rechts widrig zu be urteilende Technik zumindest für einzelne Einsatz möglich keiten rechtmäßig wird. Das deutsche Recht sollte daher der technologi schen Ent wick lung voran gehen und techni sche Innova tionen er möglichen und fördern (Roßnagel, 2001, S. 198), in der Hoffnung, dass sich die Daten schutz technik zu einem inter nationalen Technikstandard ent wickelt. 5.2 Schutz konzept des Daten schutz rechts Das Grundrecht auf informatio nelle Selbst bestim mung ist die ver fassungs recht liche Antwort auf die be sonde ren Risiken der automatisierten Daten verarbei tung für die Selbst bestim mung des Individuums. Es ent faltet eine Ab wehrfunk tion gegen über staat lichen Eingriffen und eine Schutz funk tion des Staates gegen über privaten Eingriffen. Um dem zunächst „ab strakten“ Grundrecht zu einer effektiven Wirksam keit zu ver helfen, hat das Bundes verfassungs gericht in mehreren Ent schei dungen Anforde rungen zum Schutz der informa tio nellen Selbst bestim mung ab geleitet. Die Vor schriften der Daten schutz gesetze dienen in vielen Bereichen der Umset zung dieses normativen Schutz programms und ent sprechen auch den Grundprinzipien des Daten schutzes, wie sie in der Europäi schen Daten schutz richtlinie fest gelegt sind. Führen der Einsatz neuer Technik oder neuer Technikanwen dungen zu neuen daten schutz recht lichen Risiken, muss gewährleistet werden, dass diese durch eine konsequente Um set zung des Schutz konzepts des Daten schutz rechts minimiert werden. 7 Dieser Ansatz wird auch als privacy by design be zeichnet. 329 5.2.1 Zulassungs vorausset zung Jeder Umgang mit personen bezogenen Daten stellt nach der Konzep tion der informa tio nellen Selbst bestim mung einen Eingriff in dieses Grundrecht dar (BVerfGE 100, 313, 366; BVerfGE 84, 192, 195).8 Die Daten verwen dung ist daher nur zulässig, wenn der Gesetz geber sie durch eine Erlaubnis vorschrift oder der Betroffene selbst durch seine Einwilli gung ge billigt haben (Roßnagel, Jandt, Müller et al., 2006, S. 36 f.). § 12 Abs. 1 TMG und § 4 Abs. 1 BDSG stellen mit ihrem Zulassungs vorbehalt für Informa tions eingriffe die im jeweili gen Anwen dungs bereich zentrale Norm im Gesamt konzept des Daten schutz rechts zur Siche rung der Selbst bestim mung dar (Walz, 2011, § 4 BDSG, Rn. 2). Im Anwen dungs bereich des Telemedien gesetzes sind § 14 TMG für Bestand daten und § 15 TMG für Nutzungs daten die maß geblichen Erlaubnis tatbestände. Zentraler Zulassungs tatbestand für nichtöffent liche Stellen im Anwen dungs bereich des Bundes daten schutz gesetztes ist § 28 BDSG. Dieser regelt die Daten verarbei tung zu eigenen Zwecken. Daneben normiert der Zulassungs tatbestand des § 29 BDSG die Daten verarbei tung nichtöffent licher Stellen für fremde Zwecke. Allerdings ver weist dieser be züglich ent scheiden der Aspekte auf § 28 BDSG. Durch § 28 BDSG werden die Erhebung, Speiche rung, Ver ände rung und Über mitt lung personen bezogener Daten zur Erfül lung des Geschäfts zwecks legitimiert, wenn es zum einen der Zweck bestim mung eines Ver trags verhältnis ses mit dem Betroffenen dient (Hoeren, in: Roßnagel, 2003, Kap. 4.6, Rn. 17 ff.)9 oder zum anderen zur Wahrung be rechtigter Interessen der ver antwort lichen Stelle er forder lich ist, sofern kein Grund zu der Annahme besteht, dass das schutz würdige Interesse des Betroffenen an dem Aus schluss der Ver arbei tung oder Nutzung über wiegt (Hoeren, in: Roßnagel, 2003, Kap. 4.6, Rn. 31 ff.).10 Die Grundnorm für die daten schutz recht liche Einwilli gung ist § 4a BDSG. Dieser legt die Anforde rungen an die Einwilli gung des Betroffenen fest. Für ihre Wirksam keit wird von dem gelten den Daten schutz recht, mit Ab weichungen im Einzelnen, eine umfassende und recht zeitige Unter rich tung über die be absichtigte Daten erhe bung und Daten verarbei tung sowie eine be wusste, frei willige und aus drück liche Erklä rung grundsätz lich in schrift licher Form ver langt. Im Anwen dungs bereich des Telemedien gesetzes sieht § 13 Abs. 2 TMG Locke rungen der strengen Einwilli gungs vorausset zungen vor, indem auch die elektroni sche Erklä rung der daten schutz recht lichen Einwilli gung zulässig ist.11 8 Dies gilt auch für die Daten verwen dung durch private Stellen – s. BVerfGE 84, 192, 195. 9 § 28 Abs. 1 Nr. 1 BDSG; s. z. B. Hoeren, in: Roßnagel, 2003, Kap. 4.6, Rn. 17 ff. 10 § 28 Abs. 1 Nr. 2 BDSG; s. z. B. Hoeren, in: Roßnagel, 2003, Kap. 4.6, Rn. 31 ff. 11 Davon zu unter scheiden ist die grundsätz liche Möglich keit der daten schutz recht lichen Einwilli gung in elektroni scher Form gemäß § 126 Abs. 3 in Ver bindung mit § 126a BGB: 330 5.2.2 Daten vermei dung und Daten sparsam keit Das Prinzip der Daten vermei dung fordert, dass die Gestal tung und Auswahl von Daten verarbei tungs systemen sich an dem Ziel orientiert, keine oder so wenig personen bezogene Daten wie möglich zu erheben, zu ver arbeiten oder zu nutzen, wobei der Begriff Daten vermei dung ent gegen seinem Wortlaut nicht die Ver meidung von Daten schlechthin, sondern nur die Ver meidung des Personen bezuges von Daten beinhaltet (Roßnagel, in: Eifert & HoffmannRiem, 2011, S. 46). Die Reduzie rung des Auf kommens personen bezogener Daten ver ringert zugleich das Schaden spotenzial der techni schen Systeme (Scholz, 2003, S. 373). Neben der Erforderlich keit fordert dieses neue Daten schutz kriterium, dem eine Gestal tungs funk tion zukommt, den Zweck selbst zum Gegen stand der Erforderlich keits prüfung zu machen. Es soll ein prinzipieller Ver zicht auf personen bezogene Angaben er reicht werden, indem von den daten verarbeiten den Stellen eine aktive Gestal tung ihrer technischorganisatori schen Ver fahren in der Form ver langt wird, dass diese keine oder so wenig perso nen bezogene Daten wie möglich ver arbeiten (Roßnagel, Pfitz mann & Garstka, 2001, S. 101). Einer von vornherein Daten ver meiden den Technik muss der Vorrang vor einer Technik, die ein großes Daten volumen be nötigt, ein geräumt werden. Die ge gebenen oder ge planten Konstanten (Zwecke, techni sches System, Daten verarbei tungs prozess) können so ver ändert werden, dass der Personen bezug nicht mehr er forder lich ist (Roßnagel, Pfitz mann & Garstka, 2001, S. 101). Aus dieser Gestal tungs anforde rung resultiert für die daten verarbeitende Stelle die Rechtspf licht, die Ver fahren und Systeme „daten sparsam“ zu ge stalten, wenn dies technisch möglich und ver hältnis mäßig ist. Dieses daten schutz recht liche Grundprinzip ist somit dreistufig an gelegt (Roßnagel, 2011, S. 46). Zunächst ent hält es die Vorgabe, auf personen bezogene Daten vollständig zu ver zichten, wenn die Funktion auch anderweitig er bracht werden kann. Wenn dieses Ziel mangels alternativer Möglich keiten nicht er reicht werden kann, ist die Ver arbei tungs stelle ge halten, den Ver arbei tungs prozess so zu ge stalten, dass die Ver wendung personen bezogener Daten minimal ist. Die zweite Stufe beinhaltet somit den Grundsatz der Daten sparsam keit, der die Ver arbei tung von Daten auf den für das Erreichen eines be stimmten oder ver einbarten Zwecks un bedingt notwendi gen Umfang be grenzt. Die dritte Stufe beinhaltet die zeit liche Be schrän kung, die personen bezogenen Daten frühest möglich zu löschen, zu anonymisie ren oder zu pseudonymisie ren (Roßnagel, 2003, Kap. 1, Rn. 40). 5.2.3 Zweck bindung Die gesetz lichen Erlaubnis vorschriften und auch die Einwilli gung be ziehen die daten schutz recht liche Erlaubnis immer auf einen be stimmten Zweck (BVerfGE 65, 1, 46). Die Zulässig keit der Erhebung, Ver arbei tung und Nutzung 331 personen bezogener Daten ist daher immer auf diesen Zweck be grenzt. Sollen die Daten für weitere Zwecke ver wendet werden, bedarf diese Zweckände rung einer eigenständi gen Erlaubnis. Ziel der daten schutz recht lichen Zweck bindung ist es, Betroffene in die Lage zu ver setzen, die Ver wendung der auf ihre Person be zogenen Daten ent sprechend ihrer sozialen Rolle im jeweili gen sozialen Kontext selbst zu steuern (v. Zezschwitz, 2003, S. 221 ff.). Die Zweck bindung macht es er forder lich, eine informatio nelle Gewaltentei lung sicher zustellen und den Zugriff Un berechtigter auf diese Daten zum Beispiel durch den Einsatz von Zugriffs schutz mechanismen zu ver hindern (BVerfGE 65, 1, 49). Zudem ist eine Daten verarbei tung auf Vorrat grundsätz lich unter sagt12 und die Bildung umfassen der personen bezogener Persönlich keits und Bewe gungs profile ver boten (BVerfGE 65, 1, 46, 52 f.; Roßnagel, Jandt, Müller et al., 2006, S. 41 f.; Jandt, 2008, S. 95 ff.). 5.2.4 Erforderlich keit Die Ver wendung personen bezogener Daten ist immer nur dann zulässig, wenn sie er forder lich ist, um den zulässigen Zweck zu er reichen. Das Erforderlich keits prinzip be schreibt somit eine ZweckMittelRelation. Erforder lich ist die Daten verarbei tung, wenn auf sie zum Erreichen des Zwecks nicht ver zichtet werden kann, also wenn die aus dem Zweck sich er gebende Aufgabe der ver antwort lichen Stelle ohne die Daten verarbei tung nicht, nicht recht zeitig, nicht vollständig oder nur mit un verhältnis mäßigem Aufwand erfüllt werden könnte (Roßnagel, Pfitz mann & Garstka, 2001, S. 98). Die bloße Eignung oder Zweck mäßig keit eines Datums zur Auf gabenerfül lung allein be gründet keines falls die Erforderlich keit. Die Geeignet heit ist zwar notwendige, nicht aber hin reichende Bedin gung der Erfül lung des Erforderlich keits begriffs (Globig, 2003, Kap. 4.7, Rn. 58). In zeit licher Hinsicht ist die Daten verarbei tung auf die Phasen zu be schränken, die für das Erreichen des Zwecks notwendig sind. Ist der Zweck er reicht und ent fällt somit die Erforderlich keit der Daten, sind sie zu löschen (BVerfGE 65, 1, 46; Roßnagel, Jandt, Müller et al., 2006, S. 43 ff.). 5.2.5 Transparenz Informatio nelle Selbst bestim mung setzt voraus, dass die Daten verarbei tung gegen über der be troffenen Person transparent ist. Sie muss in der Lage sein zu er fahren, „wer was wann und bei welcher Gelegen heit über sie weiß“ (BVerfGE 65, 1, 43). Nur, wenn der Betroffene über aus reichende Informa tionen be züglich der Erhebung personen bezogener Daten, über die Umstände, Ver 12 S. hierzu auch BVerfG, NJW 2010, 833, Rn. 213 ff. zur Vorrats speiche rung von Telekommunika tions verkehrs daten. 332 fahren und Struktur ihrer Ver arbei tung und die Zwecke ihrer Ver wendung ver fügt, kann er ihre Rechtmäßig keit über prüfen und ihre Rechte in Bezug auf die Daten verarbei tung geltend machen. Dies gilt für alle Phasen der Daten verarbei tung. Ohne Transparenz der Daten verarbei tungs vorgänge geht das Recht auf informatio nelle Selbst bestim mung ins Leere und die be troffene Person wird faktisch recht los ge stellt (Roßnagel, Pfitz mann & Garstka, 2001, 82). Daher sind die personen bezogenen Daten grundsätz lich beim Betroffenen zu erheben. Als weitere ver fahrens recht liche Schutz vorkeh rungen sind dem Betroffenen umfassende Auf klä rungs und Aus kunfts rechte zur Seite zu stellen (BVerfGE 65, 1, 46), die ihm individuelle Kontroll möglich keiten er möglichen. Zur Gewährleis tung der Transparenz stehen somit zahl reiche, komplementär wirkende Instrumente zur Ver fügung – wie Unter rich tungen, Hinweise, Kennt lichmachungen, Zugriffs möglich keiten, Aus künfte.13 5.2.6 Mitwir kung Informatio nelle Selbst bestim mung er fordert, dass dem Betroffenen Kontroll und Mitwirkungs rechte zustehen. Ein Teil dieser Betroffenen rechte – Auf klä rungs und Aus kunfts ansprüche – wurden bereits als konkrete Voraus setzung für die Gewährleis tung der Transparenz ge nannt. Über den reinen Informa tions anspruch hinaus muss der Betroffene aber auch spezifi sche Mitwirkungs rechte haben, um die Daten verarbei tung ge zielt be einflussen zu können. Denn der Grundrechts eingriff wird selbst verständ lich nicht bereits dadurch zulässig und aus geglichen, dass der Betroffene darüber Kenntnis er langen kann, sondern er muss ge zielt auf die Daten verarbei tung Einfluss nehmen können. Der Betrof fene muss zum Beispiel eine Berichti gung inhalt lich falscher oder eine Löschung unzu lässiger weise er hobener personen bezogener Daten er reichen können. Nor miert sind daher zugunsten der Betroffenen Aus kunfts rechte, Korrekturrechte hinsicht lich Berichti gung, Sperrung und Löschung sowie das Recht zum Wider spruch (Wedde, 2003, Kap. 4.4, Rn. 12 ff.).14 Außerdem besteht die Möglich keit, Schadens ersatz einzu fordern, wenn durch die unzu lässige oder unrichtige Ver arbei tung personen bezogener Daten ein Schaden ein getreten ist (Wedde, 2003, Kap. 4.4, Rn. 35 ff.; Roßnagel, Jandt, Müller et al., 2006, S. 47). 5.2.7 Kontrolle Auch wenn dem Betroffenen grundsätz lich eigene Instrumente zur Siche rung seines Rechts auf informatio nelle Selbst bestim mung zustehen, so erübri gen sich dadurch nicht über greifende und unabhängige Daten schutz kontrolleinrich 13 S. z. B. §§ 4 Abs. 2 und 3, 4a Abs. 1, 6b Abs. 2 und 4, 6c Abs. 1, 2 und 3, 19, 19a, 33 und 34 BDSG. 14 Z. B. §§ 19, 19a, 33, 34, 35 BDSG. 333 tungen. Sie haben zum einen die Funktion, dem Betroffenen bei der Durch setzung seiner Rechte behilf lich zu sein, zum anderen in präventiver Weise die Einhal tung der Daten schutz bestim mungen zu über wachen (Heil, 2003, Kap. 5.1, Rn. 1 ff.). Daneben obliegt ihnen auch die Aufgabe der Beratung der be treffen den ver antwort lichen Stellen. Daten schutz kontrolle kann in Form der Fremdkontrolle durch unabhängige Kontrollstellen, aber auch in Form einer Selbst kontrolle durch be trieb liche und behörd liche Daten schutz beauftragte durch geführt werden. Ihre Befug nisse und Möglich keiten be stehen grundsätz lich aus Aus kunfts und Kontroll rechten und ihnen stehen Beanstan dungs, Bera tungs und Berichts kompetenz zu. Eine Befugnis, eine Sperrung, Löschung oder Ver nich tung von Daten anzu ordnen, besteht seit dem 1. September 2009. Bei schwerwiegen den Ver stößen oder Mängeln, insbesondere solchen mit einer be sonde ren Gefähr dung des Persönlich keits rechts, kann die Auf sichts behörde unter einschränken den Bedin gungen sogar den Umgang mit personen bezogenen Daten unter sagen (Roßnagel, 2009, S. 2721). 5.3 Daten schutz für Kinder und Jugend liche Ziel des Projekts Daten schutz und Persönlich keits rechte im Social Web, Foren und Co. ist es, das diesbezüg liche Problembewusstsein junger Nutzer zu analy sie ren und darauf auf bauend Konsequenzen für medien pädagogi sches Handeln abzu leiten. Die Zielgruppe besteht aus Jugend lichen und jungen Erwachsenen im Alter von 12 bis 24 Jahren.15 Diese wird in weitere Subgruppen der Alters gruppe 12 bis 14 Jahre, 15 bis 17 Jahre, 18 bis 20 Jahre und 21 bis 24 Jahre unter gliedert.16 Diese für die Empirie ge troffene Eintei lung in Alters gruppen findet allerdings recht lich keine Ent sprechung. Das Recht trifft zwar auch Alters defini tionen, an die unter schied liche Rechte und Pflichten an knüpfen, aber in anderer Weise.17 Die recht lichen Aus sagen, die sich auf be stimmte Alters gruppen be ziehen, ent sprechen somit nicht immer den Alters gruppen, die in den empiri schen Studien unter schieden werden. Das Zivil recht differenziert grundsätz lich zwischen Minderjähri gen und Volljähri gen. Volljährig ist gemäß § 2 BGB jede Person, die das achtzehnte Lebens jahr vollendet hat.18 Ab diesem Lebens alter gilt eine Person als er wachsen. Für volljährige Personen existie ren nur noch wenige gesetz liche 15 S. Teil II, Kap. 1. 16 S. Teil II, Kap. 2. 17 Im Folgenden wird nur auf die gesetz lichen Alters grenzen ein gegangen, die gesetz lich eindeutig fest gelegt und im vor liegen den Kontext relevant sind. 18 Ab der Volljährig keit erlangt eine Person z. B. auch das passive Wahl recht gemäß Art. 38 Abs. 2 GG, das heißt die Fähig keit ge wählt werden zu können, so dass die zivil recht liche Defini tion auch Aus wirkungen auf andere Rechts gebiete hat. 334 Alters differenzie rungen. Eine wichtige Aus nahme stellt hier das Strafrecht dar. Im Straf und Jugendstrafrecht wird differenziert zwischen Kindern, Jugend lichen, Heran wachsen den und Erwachsenen. Kinder, das heißt Personen bis vierzehn Jahren, sind gemäß § 19 StGB schuldunfähig und daher strafun mündig. Sie können für die von ihnen be gangenen Straftaten strafrecht lich nicht ver folgt werden. Jugend liche im Alter von vierzehn bis achtzehn Jahren sind dagegen strafmündig, aber für sie gelten gemäß § 1 Abs. 1 Jugendgerichts gesetz (JGG) be sondere Ver fahrens vorschriften. Auf Heran wachsende im Alter von achtzehn bis einundzwanzig Jahren kann gemäß § 1 Abs. 2 JGG aus nahms weise das Jugendstrafrecht an gewendet werden. Das Jugendschutz gesetz kennt diese Zwischen stufe zum Erwachsenen allerdings nicht, sondern differenziert gemäß § 1 Abs. 1 Jugendschutz gesetz nur zwischen Kindern, Personen, die noch nicht vierzehn sind, und Jugend lichen, Personen, die vierzehn, aber noch nicht achtzehn Jahre alt sind. Im Daten schutz recht gibt es keine aus drück lichen Vor schriften, die an eine Alters differenzie rung an knüpfen. Tabelle 60: Alters grenzen der empiri schen Studie und im Recht Alter 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 Empirische Studien 12–14 15–17 18–20 21–24 Zivilrecht Minderjährig: geschäftsunfähig Minderjährig: beschränkt geschäftsfähig Volljährig: geschäftsfähig Strafrecht Kinder: strafunmündig Jugend- liche: straf- mündig, JGG an- wendbar Heran- wach- sende: straf- mündig, JGG aus- nahms- weise anwend- bar Erwach- sene: Straf- mündig, StPO anwend- bar Jugendschutzrecht Kinder Jugendliche Datenschutzrecht Nicht einwilligungs- fähig Einwilligungsfähig 5.3.1 Grundrechts fähig keit und Grundrechts mündig keit Das Recht auf informatio nelle Selbst bestim mung gewährleistet den Schutz des Einzelnen, selbst darüber zu be stimmen, wer was wann bei welcher Gelegen heit über ihn weiß. Der Grundrechts schutz der informa tio nellen Selbst bestim mung steht jeder natür lichen Person im Anwen dungs bereich des deutschen Grundgesetzes unabhängig von seinem Alter zu (Starck, 2010, Art. 2 GG, Rn. 43 f.). Auch Kinder und Jugend liche haben ein ver fassungs recht lich gewähr leiste tes Recht auf ihre informatio nelle Selbst bestim mung und sind somit 335 Grundrechts träger. Die Pflicht des Staates, die grundrecht lichen Gewähr leistungen zu schützen, be schränkt sich im Kontext der informa tio nellen Selbst bestim mung darauf zu ver hindern, dass zwangs weise personen bezogene Daten erhoben, ver arbeitet und ge nutzt werden. Der Schutz auftrag des Staates, den er durch den Erlass von Daten schutz gesetzen erfüllt, endet daher grundsätz lich, wenn personen bezogene Daten freiwillig preis gegeben werden. Hier schlägt das staat liche Schutz prinzip in das frei heit liche Ver antwortlich keits prinzip des Bürgers um. Für den Bereich der sozialen Netz werk dienste ergibt sich daher, dass die grundsätz lich freie Ent schei dung, in einer Social Community mitzu wirken, der Regulie rung des Staates ent zogen ist oder sogar sein sollte (Gurlit, 2006, S. 4). Nach dem Ver antwortlich keits prinzip muss jeder selbst die Konse quenzen seines Handelns tragen. Dies gilt zumindest, sofern die Person er wachsen ist. Dies schließt allerdings nicht aus, dass der Staat einen Missbrauch von Ver trags macht mit Regelun gen des Daten und Ver braucher schutzes ent gegen tritt. Gegen über Minderjähri gen und Jugend lichen be stehen deut lich weiter rei chende Schutz pflichten des Staates. Die Pflege und Erziehung von Kindern sind zwar gemäß Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG das natür liche Recht der Eltern und die ihnen zuvorderst obliegende Pflicht, allerdings ist dem Staat gemäß Art. 6 Abs. 2 Satz 2 GG ein diesbezüg liches Wächteramt zu gewiesen. Dieses beruht primär auf dem be sonde ren Schutz bedürfnis des Kindes und dient somit dem Interesse des Kindes wohls. Diese Schutz funk tion des Staates, die sich in der allgemeinen Aus rich tung der Rechts ordnung nieder schlägt, wirkt sich auch auf die informatio nelle Selbst bestim mung aus. Während die Grundrechts träger schaft von natür lichen Personen unstreitig ab der Geburt ge geben ist, besteht in Bezug auf das Grundrecht der informa tio nellen Selbst bestim mung Uneinig keit, ab wann Kinder und Jugend liche die Fähig keit zur Grundrechts ausü bung haben. Für die informatio nelle Selbst bestim mung besteht eine aktive Grundrechts ausü bung darin, personen bezogene Daten selbst bestimmt an Dritte weiter zugeben oder offen zulegen. Die daten schutz recht liche Einwilli gung ist somit eine Ausübung des Rechts auf infor matio nelle Selbst bestim mung, da durch sie der Umgang mit den personen bezogenen Daten legitimiert wird (vgl. Bäumler, Breinlinger & Schrader, 2003, „E“ S. 1; Gola & Schomerus, 2010, § 4a BDSG, Rn. 2 f.; Geiger, 1989, S. 37).19 Mangels einer spezialgesetz lichen Regelung wird das Problem, ab welchem Alter ein Minderjähri ger zur Grundrechts ausü bung be rechtigt ist – also ins besondere eine daten schutz recht lich wirksame Einwilli gung er teilen kann – 19 A. A. Robbers, JuS 1985, S. 928, der in der Einwilli gung einen (partiellen) Grundrechts verzicht sieht. 336 unter dem Stichwort der Grundrechts mündig keit20 oder im Kontext der Frage nach der Rechts natur der Einwilli gung be handelt.21 Einig keit besteht insofern, als keine allgemeingültige Aussage ge troffen werden kann, ab welchem Alter die Einsichts fähig keit anzu nehmen ist. Unab hängig von der Rechts natur der Einwilli gung wird einer nach dem konkreten Ver wen dungs zusammen hang differenzie ren den Betrach tungs weise der Vorzug ge geben. Im Kontext der daten schutz recht lichen Einwilli gung wird deut lich, dass Selbst bestim mung die Einwilli gungs fähig keit voraus setzt, das be deutet die Einsichts fähig keit des Betroffenen in die Tragweite seiner Ent schei dung (Scholz, 2003, S. 279 ff.; Gola & Schomerus, 2010, § 4a BDSG, Rn. 10; Berg mann, Möhrle & Herb 2004, § 4 BDSG, Rn. 28a; Tinnefeld & Ehmann, 1998, S. 214). Andernfalls ergeht seine Ent schei dung nicht wie von § 4 Abs. 1 BDSG ge fordert freiwillig. Bei Kindern und Jugend lichen wird davon aus gegangen, dass die Einwilli gungs fähig keit noch nicht im gleichen Maße aus geprägt ist, wie bei Erwachsenen. Das Ver antwortlich keits prinzip ist daher bei Kindern und Jugend lichen insofern ein geschränkt, als ihnen die Einwilli gungs fähig keit nicht oder nur be schränkt zu gestanden wird. Hierdurch wird nicht ihr Grund rechts schutz ver kürzt, sondern sie werden ledig lich in der Grundrechts ausü bung ein geschränkt. Dies dient dazu, Kinder und Jugend liche davor zu schützen, dass sie ihren Grundrechts schutz selbst be schränken, ohne die Konsequenzen über blicken zu können. Die Einsichts fähig keit des Minderjähri gen muss somit im Einzelfall positiv fest gestellt werden. Ab gesehen von der Frage, welche Möglich keiten über haupt be stehen, um bei OnlinePortalen die Einsichts fähig keit eines minder jähri gen Nutzers prüfen zu können, führt die Individualfest stel lung für die daten verarbeiten den Stellen zu einer er heblichen Rechts unsicher heit. 5.3.2 Einwilli gungs und Geschäfts fähig keit Wie bereits dargelegt, finden sich im Daten schutz recht keine aus drück lichen Vor schriften, die an das Alter des Betroffenen der Daten verarbei tung an knüpfen. Allerdings ist eine Voraus setzung einer wirksamen daten schutz recht lichen Einwilli gung gemäß § 4a Abs. 1 Satz 1 BDSG, dass sie auf einer freien Ent schei dung des Betroffenen beruht. Dabei kommt es mangels rechts geschäft lichen 20 Allgemeine Aus führungen zur Grundrechts mündig keit s. Schwenke, 2006, S. 183 sowie Hohm, NJW 1986, S. 3109 ff., der aber die Grundrechts mündig keit als ver fassungs recht liche Kategorie grundsätz lich im Ergebnis ablehnt. 21 Die daten schutz recht liche Einwilli gung wird ent weder als tatsäch liche Handlung, so z. B. Gola & Schomerus, 2010, § 4a BDSG, Rn. 10; Schaffland & Wiltfang 2005, § 4a BDSG, Rn. 21, als geschäfts ähnliche Handlung, Holznagel & Sonntag, 2003, Kap. 4.8 Rn. 21 ff. oder als rechts geschäft liche Willen serklä rung an gesehen, so z. B. Simitis, in: ders., 2011, § 4a BDSG, Rn. 20. Bei den beiden letzt genannten Ansichten werden die zivil recht lichen Vor schriften über die Willen serklä rung analog oder unmittel bar an gewendet. Aus führ lich zum Stand der Diskussion Schwenke, 2006, S. 182 ff. 337 Charakters der Einwilli gung nicht auf die Geschäfts fähig keit des Betroffenen, sondern ledig lich auf seine Fähig keit an, ob er die Konsequenzen seiner Einwilli gung zu über sehen vermag (Schaffland & Wiltfang, 2005, § 4a BDSG, Rn. 21; Auernhammer, 1993, § 4 Rn. 11; Gola & Schomerus, 2010, § 4a BDSG, Rn. 10; aber Weichert, 2003, Kap. 132, Rn. 154; Bergmann, Möhrle & Herb, 2004, § 4 BDSG, Rn. 28, 28a m. w. N.; Podlech & Pfeifer, 1998, S. 152; Kothe, 1985, S. 152 ff.).22 Dem geschäfts unfähigen Minderjähri gen wird in Anleh nung an § 104 Nr. 1 BGB oder die Strafmündig keit gemäß § 19 StGB die Einwilli gungs fähig keit grundsätz lich ab gesprochen. Seine Einwilli gungs erklä rung ist recht lich unwirksam (Bizer, 1999, S. 346). Werden personen bezogene Daten eines Minderjähri gen unter sieben Jahren ver wendet, so muss die daten schutz recht liche Einwilli gung des gesetz lichen Ver treters, in der Regel der Erziehungs berechtigte, ein geholt werden. Minderjährige über sieben Jahre können dagegen grundsätz lich in eine Ver wendung ihrer Daten einwilli gen.23 Von der Frage der Wirksam keit daten schutz recht licher Einwilli gungen von Kindern und Jugend lichen streng zu unter scheiden ist die Frage, ob sie einen wirksamen Dienst leis tungs vertrag über die Nutzung der sozialen Netz werk dienste ab schließen können.24 Hierfür ist nicht die Einwilli gungs fähig keit, sondern die Geschäfts fähig keit des Handelnden maß geblich. Gemäß § 104 Nr. 1 BGB sind Kinder unter sieben Jahre nicht geschäfts fähig. Kindern und Jugend lichen im Alter von sieben bis achtzehn Jahren wird gemäß § 106 BGB eine be schränkte Geschäfts fähig keit zu gebilligt. Von ihnen ab gegebene Willens erklä rungen sind grundsätz lich unwirksam, es sei denn, es liegt die Zustim mung des gesetz lichen Ver treters vor. Erfolgt keine vor herige Zustim mung (Einwilli gung), ist das Rechts geschäft bis zur Ertei lung der nach träg lichen Zustim mung (Genehmi gung) schwebend unwirksam (Heinrichs, 2010, § 108 BGB, Rn. 1). Von diesem Grundsatz be stehen im Wesent lichen drei Aus nahmen. Bringt der Ab schluss eines Rechts geschäfts für den Minderjähri gen ledig lich einen recht lichen Vorteil, ist die von ihm ab gegebene Willen serklä rung gemäß § 107 BGB wirksam. Ist Folge der Willen serklä rung (auch) ein recht licher Nachteil, ist die Wirksam keit der Willen serklä rung gemäß § 107 und § 108 BGB wiederum von der Zustim mung des gesetz lichen Ver treters ab hängig. Die zweite Aus nahme für eine wirksame Willen serklä rung von be schränkt geschäfts fähigen Kindern 22 Keine Geschäfts fähig keit ver langt auch Simitis, in: ders., 2011, § 4 BDSG, Rn. 28, der in der Einwilli gung aber gleichwohleine rechts geschäft liche Erklä rung sieht. Letzteres hat vor allem für die Frage der Anfech tung Bedeu tung. S. hierzu etwa Larenz & Wolf, 2004, § 22 Rn. 34. 23 Zur Problematik der Einwilli gung durch Minderjährige s. Bizer, 1999, S. 346; Tinnefeld & Ehmann, 1998, S. 214 f. Nach Ansicht des LG Bremen, DuD 2001, S. 620 f. ver stößt die unter schieds los und undifferenziert sowohl von Geschäfts unfähigen, be schränkt Geschäfts fähigen und uneingeschränkt Geschäfts fähigen ab verlangte, formularmäßig fest gelegte Einwilli gungs erklä rung – jeden falls bei den ersten beiden Gruppen – gegen §§ 104 ff. BGB und damit gegen § 307 Abs. 2 Nr. 1 BGB (= § 9 Abs. 2 Nr. 1 AGBG a. F.). 24 Ein Dienst leis tungs vertrag, der die gegen seiti gen Rechte und Pflichten zwischen Anbieter und Nutzer der SocialNetworks regelt, wird auch dann geschlossen, wenn der Dienst un entgelt lich an geboten wird. 338 und Jugend lichen sieht die sogenannte Taschen geldrege lung gemäß § 110 BGB vor. Kann die be schränkt geschäfts fähige Person den recht lichen Nachteil – insbesondere eine Zahlungs pflicht – mit Mitteln er füllen, die ihr von einem Dritten zur freien Ver fügung über lassen worden sind, ist das Recht geschäft eben falls von Anfang an wirksam. Die dritte Aus nahme ist im Arbeits bereich an gesiedelt. Jeder Minderjährige über sieben Jahre kann gemäß § 113 Abs. 1 BGB bei einer ent sprechen den Ermächti gung des gesetz lichen Ver treters durch eine eigene wirksame Willen serklä rung ein Dienst oder Arbeits verhältnis be gründen (Heinrichs, 2010, § 113 BGB). Nehmen Personen im Alter von sieben bis achtzehn Jahren an einer Sozialen Netz werk platt form teil, ist zu prüfen, ob ihre Willen serklä rung zur Begrün dung der Mitglied schaft, die auch konkludent durch die Anmel dung bei dem Dienst erklärt werden kann, wirksam ist. Bei einem kosten losen Dienste angebot liegt die Ver mutung nahe, dass dieses Dienste angebot als ledig lich recht lich vor teil haft ge wertet werden könnte. Ein recht licher Nachteil ist allerdings nicht allein in einer Geldleis tungs pflicht zu sehen. Ent scheidend ist nicht die wirt schaft liche Betrach tung, sondern maß geblich sind alle für den Minderjähri gen ent stehen den recht lichen Folgen (Heinrichs, 2010, § 107 BGB, Rn. 2). Umfasst wird jegliche Ver schlechte rung von Rechtsposi tionen als Folge des Ab schlusses des Rechts geschäfts. Folge des Ab schlusses des Nutzungs vertrags ist häufig, dass die von dem Platt formbetreiber fest gelegten Allgemeinen Geschäfts bedin gungen gelten. Diese ent halten regelmäßig von den gesetz lichen Vor gaben zu Lasten des Ver brauchers ab weichende Bestim mungen. Bereits diese Ver schlech te rung der Rechtsposi tion ist als recht licher Nachteil zu werten. Des Weiteren stellt die ver trag lich be gründete Mitglied schaft in Social Communities für den Dienste anbieter auf grund des hierdurch be gründeten AnbieterNutzerVerhält nisses in Ver bindung mit den §§ 14 und 15 TMG die Legitimie rung der Ver arbei tung der personen bezogenen Daten dar.25 Durch die Mitglied schaft in der Social Community wird somit das Recht der informa tio nellen Selbst bestim mung der Kinder und Jugend lichen ein geschränkt. Dies stellt einen recht lichen Nachteil dar, so dass für die Wirksam keit der Willen serklä rung die Zustim mung des gesetz lichen Ver treters er forder lich ist. Die Voraus setzungen von § 110 BGB sind eben falls nicht ge geben, da die ver trags mäßig geschuldete nach teilige Leistung von dem Minderjähri gen nicht mit Mitteln bewirkt werden kann, die ihm zur Ver fügung ge stellt worden sind. Über lassene Mittel im Sinn des § 110 BGB sind Geld oder andere Ver mögens werte (Schmitt, 2006, § 110 BGB, Rn. 18), aber gerade keine immateriellen Pflichten.26 Die Leis tungs pflicht 25 S. hierzu aus führ lich Kap. 6. Die Daten verarbei tung personen bezogener Daten Minderjähri ger kann auch nicht auf § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BDSG ge stützt werden, wenn auf grund der Minderjährig keit ein unwirksamer Ver trag vor liegt. 26 S. hierzu aus führ lich Hofmann, 1986, S. 6 f., der auch die analoge Anwen dung von § 110 BGB be gründet ablehnt. 339 des Minderjähri gen besteht bei der Ein gehung des Nutzungs verhält nisses aber in einem Ver zicht auf eine immaterielle und nicht materielle Rechtsposi tion, so dass die Leistung nicht mit Ver mögens werten bewirkt werden kann. Die zivil recht lichen Vor schriften zur Geschäfts fähig keit Minderjähri ger wirken sich somit mittel bar auch auf das Daten schutz recht aus. Ist der Dienst leis tungs vertrag über die Inanspruchnahme des Social NetworkAngebots nicht zustande ge kommen, weil die Willen serklä rung des Kindes oder Jugend lichen unwirksam ist, ist auch der Umgang mit den personen bezogenen Daten unzu lässig, sofern keine formwirksame daten schutz recht liche Einwilli gung vor liegt. Grundsätz lich ist der Anbieter gemäß § 14 und § 15 TMG be rechtigt, die Bestands und Nutzungs daten zu erheben, zu ver arbeiten und zu nutzen, die für das Ver trags verhältnis und die Erfül lung der Ver trags pflichten er forder lich sind. Der Ver trags schluss hat somit die Folge, dass die Ver arbei tung personen bezogener Daten durch den Dienste anbieter für den Ver trags zweck erlaubt ist, wenn die weiteren Voraus setzungen der Vor schriften vor liegen. Ist der Ver trag allerdings unwirksam, kann die Daten verarbei tung nicht auf § 14 und § 15 TMG ge stützt werden. Das Alter des Minderjähri gen ist somit ein wesent liches Kriterium für die daten schutz recht liche Zulässig keit des für den Platt form betreiber er forder lichen Umgangs mit personen bezogenen Daten. Um zu gewähr leisten, dass die §§ 14 und 15 TMG als Erlaubnis tatbestand greifen, müsste er somit vor dem Ab schluss des Nutzungs vertrags immer das Alter des potenziellen Nutzers mittels eines taug lichen Alters verifika tions systems über prüfen. Nur wenn der Nutzer volljährig ist, liegen die Voraus setzungen der daten schutz recht lichen Erlaubnis vorschriften vor. 5.3.3 Interessen abwä gung Die daten schutz recht lichen Erlaubnis tatbestände dienen dazu, Daten verarbei tungen in be stimmten Beziehungen zwischen daten verarbeiten den Stellen und Betroffenen sowie in be stimmten Anwen dungs konstella tionen, die regelmäßig und in hoher Anzahl auf treten, zu legitimie ren. In diesen Fällen hat der Gesetz geber die Interessen abwä gung zwischen der Notwendig keit der Daten verarbei tung und dem Schutz der informa tio nellen Selbst bestim mung allgemeingültig ent schieden. Einen Kompromiss zwischen einer generellen Erlaubnis vorschrift und einer individuellen Einwilli gung zur Legitimie rung von Daten verarbei tungs vorgängen stellen diejenigen Erlaubnis normen dar, die Aus nahmen vom Regelfall durch das Erfordernis einer Interessen abwä gung einfangen, wie zum Beispiel § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 und Nr. 3 BDSG. Die Zulässig keit der Daten verarbei tung er fordert bei diesen Erlaubnis tatbeständen mit unter schied lichen Ab stufungen neben der Erfül lung weiterer Tatbestands vorausset zungen, dass das schutz würdige Interesse des Betroffenen gegen über den Interessen des Daten verarbeiters nicht oder nicht offensicht lich über wiegt. Das Interesse auf 340 Seiten des Betroffenen besteht grundsätz lich in dem Schutz seiner informa tio nellen Selbst bestim mung. Für die Bewer tung der Beeinträchti gung des Grund rechts schutzes durch die Daten verarbei tungs maßnahme sind als Kriterien die Eingriffs intensi tät, die Eingriffs dauer und der Eingriffs zweck zu be rücksichti gen. Die Eingriffs intensi tät be stimmt sich vor allem nach Art und Umfang der personen bezogenen Daten sowie der konkreten Beziehung zur daten verarbeiten den Stelle. Die Eingriffs dauer kann von wenigen Minuten bis hin zu einer lebens langen Speiche rung variieren. Werden Daten im Internet bereit gestellt, ist bei der Eingriffs dauer auch zu be rücksichti gen, dass die daten verarbeitende Stelle zwar die Daten auf ihrem Server löschen kann, aber die Daten in der Regel irgendwo an anderer Stelle im Internet dauer haft ver fügbar bleiben. Der Zweck der Daten verarbei tung ist in Relation zum Eingriff zu be werten. Es ist insbesondere zu über prüfen, ob neben der daten verarbeiten den Stelle der Betroffene nicht einen eigenen Zweck mit der Daten verarbei tung ver folgt. Sind Kinder oder Jugend liche von der Daten verarbei tung be troffen, muss ihre be sondere Schutz bedürftig keit immer er gänzend bei der Interessen abwä gung be rücksichtigt werden. Diese liegt darin be gründet, dass Kinder und Jugend liche in der Regel nicht in der Lage sein werden, die Gefahren und lang fristi gen Konsequenzen der Bereit stel lung personen bezogener Daten im Internet einzu schätzen. Zudem kann nicht voraus gesetzt werden, dass sie über aus reichende Kennt nisse über mögliche Schutz maßnahmen und die ihnen zustehen den Rechte einschließ lich ihrer Durch set zungs möglich keiten ver fügen. Insofern ist dem Daten schutz für Kinder und Jugend liche bei der Interessen abwä gung in be sonde rer Weise Rechnung zu tragen. 341 6 Daten verarbei tung in Social NetworkDiensten Bei der Inanspruchnahme von Social NetworkDiensten werden regelmäßig sehr viele Nutzer daten ver arbeitet. Die Teilnahme an den ver schiedenen Com mu nities er fordert häufig eine Anmel dung, bei jedem Vorgang des Einloggens wird mindestens die IPAdresse des Rechners be nötigt, die Nutzer über mitteln Daten unter schiedlichster Art und rufen gleichzeitig Daten anderer Nutzer ab, die der Betreiber der Platt form be reithält. Alle diese Daten verarbei tungs vorgänge haben nur eine daten schutz recht liche Relevanz, wenn es sich dabei um personen bezogene Daten handelt. Denn nur der Umgang mit personen bezogenen Daten stellt nach der Konzep tion der informa tio nellen Selbst bestim mung einen Eingriff in dieses Grundrecht dar (BVerfGE 100, 313, 366).27 Daraus folgt, dass der Umgang mit nicht personen bezogenen Daten keinen daten schutz recht lichen Beschrän kungen unter worfen ist. 6.1 Anwend bares Daten schutz recht Das Bundes daten schutz gesetz gilt gemäß § 1 Abs. 2 BDSG für alle öffent lichen Stellen des Bundes (Nr. 1), für die öffent lichen Stellen der Länder nur, soweit der Daten schutz nicht durch Landes gesetze geregelt ist (Nr. 2), und für nicht öffent liche Stellen (Nr. 3). § 1 Abs. 3 Satz 1 BDSG normiert aber den Grundsatz der Subsidiari tät des Bundes daten schutz gesetzes gegen über anderen spezial gesetz lichen Vor schriften. Spezialgesetz liche Daten schutz vorschriften für Inter net dienst leis tungen sind in den §§ 11 bis 15a TMG geregelt. Gemäß § 1 Abs. 1 TMG ist der Anwen dungs bereich des Gesetzes dahin gehend fest gelegt, dass es für alle Telemedien gilt, das heißt für alle elektroni schen Informa tions und Kommunika tions dienste, soweit sie nicht Telekommunika tions dienste nach § 3 Nr. 24 TKG, telekommunika tions gestützte Dienste nach § 3 Nr. 25 TKG oder Rundfunk nach § 3 RStV sind. Zu den Telemediendiensten ge hören alle Online 27 Dies gilt auch für die Daten verwen dung durch private Stellen – s. BVerfGE 84, 192 (195). 342 Angebote von Waren und Dienst leis tungen, die unmittel bar ge nutzt werden können.28 Social NetworkDienste sind in den vor gestellten Formen als Tele medien dienst zu qualifizie ren, so dass die Daten schutz vorschriften des Tele medien gesetzes vor rangig und diejenigen des Bundes daten schutz gesetzes sub sidiär zu be achten sind. 6.2 Personen bezogene Daten Personen bezogene Daten sind nach der Legaldefini tion des § 3 Abs. 1 BDSG und dem ihm ähnlichen Art. 2 Lit. a Daten schutz richtlinie „Einzelangaben über persön liche oder sach liche Ver hält nisse einer be stimmten oder be stimm baren natür lichen Person (Betroffener)“. Unter diesen Begriff fallen alle Einzelangaben, die Informa tionen über den Betroffenen selbst oder über einen auf ihn bezieh baren Sach verhalt ent halten (Roßnagel & Scholz, 2000, S. 722 f.; Gola & Schomerus, 2010, § 3 BDSG, Rn. 5 f.). Die Person ist be stimmt, wenn die Informa tionen selbst ohne zusätz liche komplexe Opera tionen einen unmittel baren Rückschluss auf die Identität der Person zulassen. Eben falls aus reichend ist nach dem Wortlaut des Gesetzes die Bestimm bar keit der Person. Dies ist der Fall, wenn sie objektiv, also nach allgemeiner Lebens erfah rung und mittels des Zusatz wissens des Daten verwenders, identifiziert werden kann (Roßnagel & Scholz, 2000, S. 723). Dies hat zur Folge, dass die Personen bezogen heit relativ ist und dieselben Daten für den einen Daten verwen der personen bezogen sein können, für den anderen aber nicht (Gola & Schomerus, 2010, § 3 BDSG, Rn. 9). Der Begriff der Einzelangaben wird weit interpretiert, so dass grundsätz lich jede Informa tion, einschließ lich von Werturteilen erfasst ist, die über die Person etwas auszu sagen vermag (Dammann, 2011, § 3 BDSG, Rn. 12). Es kommt nicht darauf an, zu welchem Zweck die Informa tionen erfasst worden sind, woher sie stammen und in welcher Form sie repräsentiert werden (z. B. auch Bild und Tondaten) (Dammann, 2011, § 3 BDSG, Rn. 4). Auch die Formulie rung „sach lich“ und „persön lich“ hat der Gesetz geber ge wählt, da er alle Daten, die über die Bezugs person etwas aus sagen, schützen will, unabhängig davon, unter welchem Aspekt sie gesehen werden oder welcher Lebens bereich an gesprochen ist (Dammann, 2011, § 3 BDSG, Rn. 7). Eine präzise Defini tion der Begriffe ist daher nicht er forder lich. Angaben über sach liche und persön liche Ver hält nisse sind beispiels weise Name, Anschrift, Telefon nummer, EMail Adresse, Familien stand, Geburts datum, Staats angehörig keit, Konfession, Beruf und Gesund heits zustand, aber auch Rasse des Haustie res oder das Fabrikat des Fahr rades. Nicht personen bezogene Daten sind dagegen Daten, die keine 28 S. die aus führ lichen Beispiele der Gesetzes begrün dung BTDrs. 16/3078, 13 f. 343 Personen angaben beinhalten. Diese sind daten schutz recht lich irrelevant (Roß nagel & Scholz, 2000, S. 723).29 Eine be sondere Bedeu tung kommt im Daten schutz recht den anonymen und pseudonymen Daten zu. Nach allgemeinem Ver ständnis sind anonyme Daten Einzelangaben über eine Person, ohne dass die Person bekannt ist (Tinnefeld & Ehmann, 1998, S. 187; Scholz, 2003, S. 186). Die anonymen Daten sind zwischen den nicht personen bezogenen und den personen bezieh baren Daten an gesiedelt und daher nach beiden Seiten abzu grenzen. Den allgemeinen Anforde rungen des Daten schutz rechts unter liegen die anonymen Daten aber nur, wenn sie personen bezieh bar sind. Bei anonymen Daten ist die Möglich keit, die Einzel angaben über die Person dieser zuzu ordnen nicht grundsätz lich aus geschlossen, sondern es besteht ledig lich die Besonder heit, dass die Kenntnis der Zuord nungs möglich keit von Anfang an fehlt oder nach träg lich be seitigt wurde (Roß nagel & Scholz, 2000, S. 723). Zusatz wissen, durch das der Personen bezug hergestellt werden kann, ist aber vor handen, so dass das Risiko einer DeAnony misie rung nicht vollständig aus geschlossen werden kann. Die Personen bezieh bar keit anonymer Daten ist somit eine Frage der Wahrscheinlich keit (Roß nagel & Scholz, 2000, S. 723). In Anleh nung an § 3 Abs. 6 BDSG, wonach für das Fehlen eines Personen bezuges aus reichend ist, wenn die Zuord nung „nur mit einem un verhältnis mäßig großen Aufwand an Zeit, Kosten und Arbeits kraft“ möglich ist, ist Anonymi tät dadurch ge kennzeichnet, dass die Wahrschein lich keit der Herstel lung eines Personen bezuges so gering ist, dass sie nach der Lebens erfah rung oder dem Stand der Wissen schaft praktisch aus scheidet. Nach dieser Defini tion sind anonyme Daten keine personen bezogenen Daten. Auch die Pseudonymisie rung hat ebenso wie die Anonymisie rung das Ziel, den Personen bezug auszu schließen. Die Ver wendung eines Pseudonyms er möglicht aber anders als die Anonymi tät, dass die Identität des Nutzers im Aus nahmefall auf gedeckt werden kann. „Pseudonymisie ren“ ist in § 3 Abs. 6a BDSG als „das Ersetzen des Namens und anderer Identifika tions merkmale durch ein Kennzeichen zu dem Zweck, die Bestim mung des Betroffenen auszu schließen oder wesent lich zu er schwe ren“ definiert. Die Herstel lung des Perso nen bezuges erfolgt bei pseudonymen Daten über eine Zuord nungs regel, in der das Zusatz wissen ab gespeichert ist. Im Zusammen hang mit der Frage, ob Pseudonyme personen bezieh bar sind, ist die Relativi tät des Personen bezuges von er heblicher Bedeu tung. Denn für den Kenner der Zuord nungs regel ist die Identifizie rung der sich hinter dem Pseudonym verber genden Person einfach, so dass die Daten für ihn personen bezieh bar sind (Scholz, 2003, S. 189). Fehlt anderen Daten verarbeitern die Zuord nungs regel, besteht hinsicht lich der Ab 29 Aggregierte Daten, die keine Einzelangaben über eine Person ent halten, sind keine anonymen Daten, sondern Daten ohne Angaben über eine Person, so z. B. Roßnagel & Scholz, 2000, S. 723. 344 gren zung zu personen bezieh baren Daten kein Unter schied zu anonymen Daten (Scholz, 2003, S. 189). Ebenso wie bei diesen ist darauf abzu stellen, ob es nach Aufwand an Zeit, Kosten und Arbeits kraft ver hältnis mäßig ist, den Personen bezug herzu stellen (s. Scholz, 2003, S. 190 ff.).30 Die Klassifizie rung eines Datums als personen bezogen, nicht personen bezogen, anonym oder pseudonym ist weder an einen Zeitpunkt – z. B. die Erhebung – ge bunden, noch für die Zukunft fest geschrieben. Jedes Datum durch läuft in dem Zeitraum, in dem es in Daten verarbei tungs vorgängen ver wendet wird, eine variable Ent wick lung. So kann ein nicht personen bezogenes Datum durch die Weiter verarbei tung (zum Beispiel Kombina tion mit anderen Daten) zu einem personen bezogenen Datum werden. Es kann keine allgemeingültige Aussage ge troffen werden, ob Social Net workDienste personen bezogene Daten ver arbeiten und daher die Berücksichti gung der Daten schutz vorschriften er fordern oder nicht. Es ist jeweils im Einzelfall zu prüfen, ob der Dienste anbieter objektiv einen Umgang mit per sonen bezogenen Daten vornimmt. Dies ist immer anzu nehmen, wenn ein SocialNetworkAngebot so aus gestaltet ist, dass der Nutzer bei der Anmel dung seinen bürger lichen Namen und ge gebenen falls noch weitere personen bezogene Angaben, wie zum Beispiel Geburts datum, Wohnort oder be suchte Schulen an geben muss. Dies ist in der Regel der Fall, wenn die Netzgemein schaft zu dem Zweck ge gründet worden ist, bereits in der realen Welt existierende Gemein schaften zu ver netzen. In diesen Fällen wird der bürger liche Name be nötigt, damit sich die Mitglieder dieser Gemein schaften finden und wieder erkennen können. Zu diesen Social NetworkDiensten zählen zum Beispiel Stay Friends, das den Zweck ver folgt, Schulfreunde wieder zusammen zuführen, studiVZ, das aus gerichtet auf Studien freund schaften ist, oder Xing, das den Schwerpunkt auf die Ver netzung von Berufs und Karrierekontakten legt. Foren sind dagegen im Schwerpunkt themen bezogen und dienen der Ver netzung von Personen, die die gleichen Interessen ver folgen und sich gegen seitig in be stimmten Themen gebieten bei Problemen unter stützen, wie zum Beispiel ein Forum für Garten freunde oder Freizeit köche. Blogs dienen meist sehr allgemein der Darstel lung von Aspekten des eigenen Lebens oder der Äußerung von Meinun gen sowie dem Aus tausch von Informa tionen, Gedanken und Erfah rungen als auch der Kommunika tion. Die Teilnahme an Foren und Blogs erfolgt daher sehr häufig unter einem Pseudonym, so dass die Daten für den Anbieter der Social NetworkDienste nicht personen bezogen sind. Ein Sonderproblem besteht bei der Einord nung der IPAdressen der Nutzer von Social NetworkDiensten, deren Ver arbei tung technisch bei jeder In 30 Es ist eine weiter gehende Differenzie rung anhand unter schied licher Pseudonymarten möglich, die auf grund ihrer be sonde ren Eigen schaften unter schied liche Wahrscheinlich keit für die Personen bezieh bar keit aus weisen. 345 anspruch nahme eines Telemediendienstes er forder lich ist. IPAdressen sind für den jeweili gen Internet zugangsProvider (auch Acces sprovider ge nannt) der Nutzer personen bezogene Daten (BGH, MDR 2011, S. 343).31 Dieser ist in seiner Funktion als Telekommunika tions dienst leister gemäß § 111 Abs. 1 Nr. 1 bis Nr. 3 TKG ver pflichtet, bei der Anmel dung eines Internetanschlusses neben der Anschluss kennung auch den Namen, die Anschrift und das Geburts datum des Anschlussinhabers zu erheben und für die Dauer des Ver trags zu speichern. Auf grund der Relativi tät des Personen bezugs könnte die IPAdresse der Nutzer dennoch für den Anbieter der Social NetworkPlatt form ein nicht personen bezogenes Datum sein. Recht lich ist zu differenzie ren, ob es sich um eine statische oder eine dynami sche IPAdresse handelt. In Bezug auf statische IPAdressen besteht in Literatur und Rechtsprechung Einig keit, dass diese für Anbieter von Social NetworkAngeboten personen bezieh bare Daten sind (Schmitz, 2011, Teil 16.2, Rn. 81). Der Personen bezug kann relativ einfach hergestellt werden, da statische IPAdressen einem be stimmten Nutzer oder dessen Rechner dauer haft zu gewiesen werden. Höchst umstritten in Recht sprechung und Literatur ist dagegen die Frage, ob dynami sche IPAdressen für andere Internetdienst leister als Acces sprovider personen bezogene Daten sind.32 Das Amts gericht München lehnt den Personen bezug von dynami schen IPAdres sen für Serviceprovider ab (AG München, K&R 2008, S. 767 f.). Eine Identifizie rung des Nutzers sei dem Betreiber der Webseite nur möglich, wenn ihm illegaler weise von dem Zugangs provider mitgeteilt werden würde, welcher Person er die IPAdresse zu einem be stimmten Zeitpunkt zu geordnet hatte. Diese theoreti sche Möglich keit könne aber nicht die Grundlage dafür bilden, dynami sche IPAdressen als personen bezogen anzu sehen.33 Für das Amts gericht Berlin ist dagegen gerade die potenzielle Missbrauchs möglich keit das ent scheidende Argument, um den Personen bezug dynami scher IPAdressen für Serviceprovider generell zu bejahen (AG Berlin, 2007, S. 600 f.). Es bleibt zu konstatie ren, dass eine gesicherte Rechts lage zu dieser Proble matik nicht besteht. Ein viel wesent licherer Aspekt bei der recht lichen Bewer tung des Bestehens eines Personen bezugs sind gegen über der potenziellen Missbrauchs möglich keit die techni schen Möglich keiten, einen Personen bezug durch das Zusammen führen und Aus werten im Internet ver fügbarer Daten herstellen zu können. Selbst wenn die Einschät zung, dass aktuell zu hohe techni sche Spezialkennt nisse er forder lich sind und ein zu hoher Aufwand be 31 Der BGH geht davon aus, dass eine Erlaubnis norm für die Speiche rung der IPAdresse durch den Tele kommunika tions dienst leister ge geben sein muss. 32 Ausführ lich zu diesem Problem Kirch bergLennartz & Weber, 2010, S. 479 ff. 33 S. auch Schmitz, in: Hoeren/Sieber, 2011, Teil 16.2, Rn. 83, der zudem argumentiert, dass es eben keine vielfälti gen Möglich keiten zur Zusammen führung personen bezogener Daten im Internet gibt, da die IPAdres sen nicht in einer öffent lichen oder zentralen Datei vor gehalten werden. 346 trieben werden müsste, um diesen noch als ver hältnis mäßig hoch zu be werten, zutreffend ist, so kann sich dies mit der techni schen Weiter entwick lung sehr schnell ändern. Unter Berücksichti gung zukünfti ger Risiken ist daher davon auszu gehen, dass die dynami sche IPAdresse zukünftig auch für Serviceprovider als personen bezogenes Datum zu be werten sein wird. 6.3 Ver antwort liche Stelle Neben dem Betroffenen der Daten verarbei tung knüpft das Daten schutz recht die normierten Rechte und Pflichten an den Begriff der ver antwort lichen Stelle an. Dieser wird in § 3 Abs. 7 BDSG definiert als jede Person oder Stelle, die personen bezogene Daten für sich selbst erhebt, ver arbeitet oder nutzt oder dies durch andere im Auftrag vornehmen lässt. Als ver antwort liche Stelle kommt somit jeder in Betracht, der Träger von Rechten und Pflichten sein kann und damit rechts fähig ist. Dies sind neben natür lichen Personen die juristi schen Personen des Privatrechts und des öffent lichen Rechts (Dammann, 2011, § 3 BDSG, Rn. 225). Die Defini tion der ver antwort lichen Stelle schließt nach ihrem Wortlaut auch nicht aus, dass der Betroffene selbst ver antwort liche Stelle sein könnte. Allerdings sind die Vor schriften des Bundes daten schutz gesetzes auf den Umgang mit Daten zu seiner eigenen Person nicht anwend bar, weil sich in dieser Konstella tion die Risiken für die informatio nelle Selbst bestim mung gerade nicht ver wirk lichen (Dammann, 2011, § 3 BDSG, Rn. 226). Bei der Nutzung von Social NetworkDiensten ist die Beantwor tung der Frage, wer ver antwort liche Stelle ist, durch aus problematisch, auch wenn sie in Literatur und Rechtsprechung bisher kaum diskutiert wird.34 Regelmäßig wird mit Selbst verständlich keit davon aus gegangen, dass der Anbieter der Sozialen Netz werk platt form die daten schutz recht lich ver antwort liche Stelle ist (s. z. B. Erd, 2011, S. 20 f.). Dies mag in Bezug auf einige Daten verarbei tungs vorgänge, die bei Social NetworkDiensten er folgen, zutreffend sein. Daneben sollte in Erwägung ge zogen werden, dass der Nutzer der Sozialen Netz werk platt form auch ver antwort liche Stelle sein kann, wenn er personen bezogene Daten Dritter über das Netz werk ver öffent licht. Fraglich ist daher, was die wesent lichen Elemente zur Unter schei dung des für die Ver arbei tung Ver antwort lichen von anderen Akteuren sind. Die Kom mentarliteratur zu § 3 Abs. 7 BDSG ver weist diesbezüg lich im Wesent lichen auf die Vor gaben von Art. 2 lit. d 1 DSRL (Gola & Schomerus, 2010, § 3 BDSG, Rn. 48). Dort wird der Begriff „für die Ver arbei tung Ver antwort licher“ als eine Rolle im europäi schen Daten schutz recht definiert. Ab gesehen von dem personen 34 S. die sehr knappen Aus führungen z. B. bei Kamp, 2011, S. 23. 347 bezogenen (natür liche oder juristi sche Person, Behörde, Einrich tung oder jede andere Stelle) und dem pluralisti schen Aspekt („allein oder gemeinsam mit anderen“) wird voraus gesetzt, dass der Ver antwort liche „über die Zwecke und Mittel der Ver arbei tung von personen bezogenen Daten ent scheidet“ (Art. 29 Daten schutz gruppe, WP 169, S. 1). Die Fähig keit über eine Daten verarbei tung ent scheiden zu können, setzt weder eine formale Benen nung voraus, noch ist sie, falls sie erfolgt ist, maß geblich. Relevant ist vielmehr, wer bei einer Analyse der faktischen Elemente und Umstände auf die Daten verarbei tung einen tatsäch lichen Einfluss ge nommen hat, zum Beispiel indem er sie ver anlasst hat, und bei wem daher de facto die Ver antwor tung liegt (Art. 29Daten schutz gruppe, WP 169, S. 11). Die Ent schei dungs möglich keit muss sich jedoch nicht nur auf das „Ob“, sondern auch auf das „Wie“ der Daten verarbei tung be ziehen. Die Ent schei dung über das „Mittel“ umfasst techni sche und organisatori sche Fragen, zum Beispiel welche Hard und Software ein gesetzt wird, sowie die konkreten Umstände, zum Beispiel die Art der Daten, die Speicherdauer und die Zugriffs möglich keiten (Art. 29Daten schutz gruppe, WP 169, S. 17). Die Ent schei dung über den „Zweck“ legt das Ergebnis fest, das be absichtigt ist oder die ge planten Aktionen leitet (Art. 29Daten schutz gruppe, WP 169, S. 16). Prägnant ge fasst be stimmen die Mittel das „Wie“ und der Zweck das „Warum“ der Daten verarbei tung. Die Ent schei dung über den Zweck ist die Schwelle für die Begrün dung daten schutz recht licher Ver antwortlich keit. Wer diese Ent schei dung trifft, ist de facto für die Ver arbei tung Ver antwort licher. Die Ent schei dung über die Mittel kann dagegen delegiert werden, zum Beispiel auf den Auf trags daten verarbeiter, ohne dass die daten schutz recht liche Ver antwortlich keit automatisch ent fällt. Bezogen auf Social NetworkDienste lässt sich dennoch keine eindeutige Aussage treffen, wer die ver antwort liche Stelle ist. Die Ent schei dung über den Zweck der Daten verarbei tung wird durch die Aus gestal tung der Platt form – die Fest legung des themati schen Kontexts und die ver schiedenen Funktionen – teil weise von dem Dienste anbieter vor gegeben oder zumindest be einflusst. Diese Einfluss nahme kann sehr unter schied lich aus geprägt sein. Je enger die Vor gaben auf einer Platt form sind und je weniger Gestal tungs optionen sie dem Nutzer be lassen, desto eher ist von einer aus schließ lichen Ver antwortlich keit des Platt formbetreibers auszu gehen. Einige Personen bewer tungs portale, wie zum Beispiel spickmich. de und meinprof. de, geben Rahmen angaben, Bewer tungs kriterien und das Bewer tungs system sehr detailliert vor. Die Abgabe der Lehrer oder ProfessorenBewer tung gleicht dem Aus füllen eines Formulars, so dass sie dem Nutzer so gut wie keinen inhalt lichen Gestal tungs spiel raum belässt. Neben dem Zweck, der Community eine Platt form zur Ver fügung zu stellen, wird zudem von dem Dienste anbieter der weitere Zweck ver folgt, individualisierte Werbung anbieten zu können. Im Detail ent scheidet aber auch der die Daten ein gebende Nutzer über den Zweck der Daten verarbei tung, indem 348 er die Daten aus wählt, ihren Ver brei tungs grad fest legt und auch Einfluss auf die Dauer der Ver fügbar keit durch Löschung nehmen kann. Die Ent schei dungs macht über die techni sche und organisatori sche Aus gestal tung der Daten verarbei tung liegt wiederum eindeutig beim Dienste anbieter. Ist faktisch eine eindeutige Zuord nung der Ver antwortlich keit nicht möglich, ist zu prüfen, ob nicht eine kumulative Ver antwortlich keit in Betracht kommt. Die Defini tion der ver antwort lichen Stelle in § 3 Abs. 7 BDSG trifft hierzu keine Aussage. In der Literatur wird aber zum Beispiel im Zusammen hang mit Ver bund dateien, in die mehrere Stellen selbst ständig Daten sätze ein geben können und in der diese Stellen auch zur Ver ände rung der Daten sätze be rechtigt sind, die kumulative Ver antwortlich keit bejaht (Weichert, 2007, § 3 BDSG, Rn. 54). Die Daten schutz richtlinie normiert zudem aus drück lich den pluralisti schen Ansatz mit der Formulie rung „allein oder gemeinsam“. Soweit die Daten schutz richtlinie aus drück lich eine kumulative Ver antwor tung vor sieht, ist diese im Zweifel durch das nationale Recht umzu setzen. Es ist daher auch im deutschen Daten schutz recht davon auszu gehen, dass mehrere Stellen gleich zeitig für eine Daten verarbei tung ver antwort lich sein können. Die Anbieter sozialer Netz werk dienste sind für die Ver arbei tung ver antwort lich, weil sie sowohl über die Zwecke als auch die Mittel der personen bezogenen Daten von Nutzern und Dritten ent scheiden. Die Nutzer der Netz werke sind, wenn sie personen bezogene Daten über das Netz werk ver öffent lichen, eben falls als Ver antwort liche einzu stufen (Art. 29Daten schutz gruppe, WP 169, S. 26). Sofern nur ihre eigenen personen bezogenen Daten be troffen sind, sind allerdings die Vor schriften des Daten schutz rechts nicht anwend bar, so dass die daten schutz recht liche Ver antwortlich keit nur in Bezug auf die personen bezogenen Daten Dritter besteht. Zu be achten ist allerdings, dass nichtöffent liche Stellen gemäß § 1 Abs. 2 Nr. 3 BDSG nicht der Reglementie rung des Gesetzes unter liegen, wenn die Erhebung, Ver arbei tung oder Nutzung der Daten aus schließ lich für persön liche oder familiäre Tätig keiten erfolgt. Persön liche Tätig keiten bilden den Gegen satz zu be ruflichen oder gewerb lichen Tätig keiten und be ziehen sich auf die Privatperson des Einzelnen. Diese Form der Daten verarbei tung umfasst zum Beispiel Adressen von Freunden oder Korrespondenz, die der Freizeit zuzu ordnen ist (Dammann, 2011, § 1 BDSG, Rn. 149 ff.). Familiäre Tätig keiten be ziehen sich auf die Rolle des Einzelnen im Rahmen der Familie, wie zum Beispiel den Kontakt mit Ver wandten (Dammann, 2011, § 1 BDSG, Rn. 151). Diese Tätig keiten werden unter der Annahme, dass sie keine Risiken für die Privatsphäre des Einzelnen mit sich bringen, da die Daten verarbei tung ledig lich im eigenen häus lichen Bereich und nur für den eigenen Gebrauch erfolgt, aus dem Anwen dungs bereich des Daten schutz rechts heraus genommen (Brühann, 2009, Art. 3 DSRL, Rn. 13). Ab gesehen von der Frage, ob diese Risikoeinschät zung grundsätz lich zutreffend ist, wenn Daten über das Internet ver breitet 349 werden und durch Suchmaschinen für jedermann auf find bar sind, können ver schiedene Kriterien als Indiz für eine nicht rein persön liche und private Tätig keit heran gezogen werden. Dies ist zunächst der Zweck der Sozialen Netz werk platt form selbst. Besteht dieser zum Beispiel darin, be rufliche Kontakte zu knüpfen, liegen die Voraus setzungen von § 1 Abs. 2 Nr. 3 BDSG eindeutig nicht vor. Auch Anwen dungs platt formen zur Förde rung kommerzieller, politi scher oder karitativer Zielset zungen liegen außerhalb rein privater oder familiärer Tätig keiten. Zudem finanzie ren sich alle erfolg reich ver brei teten sozialen Netz werk dienste über Werbe einnahmen. Denn die Daten werden nach dem Einstellen auf die Platt form nicht nur von „Freunden“ ab gerufen, sondern sie sind auch für den Platt formbetreiber aus wert bar. Ein weiteres Indiz sind die Zugriffs möglich keiten auf Profilinforma tionen. Selbst wenn der Nutzer den Zugriff auf seine Daten auf „Freunde“ be grenzt und die Informa tionen auch nicht über Suchmaschinen allen Internetnutzern zugäng lich sind, sind diese Daten nicht dem Zugriff des Platt formbetreibers ent zogen, so dass auch dann nicht von einer aus schließ lich persön lichen oder familiären Tätig keit aus gegangen werden kann. Dies gilt erst recht, wenn alle Mitglieder einer Community die Daten einsehen. Dann hat der Nutzer nicht einmal Kenntnis davon, wer alles auf seine Daten zugreifen kann, geschweige denn, dass eine persön liche Beziehung zu allen CommunityMitgliedern besteht. Sind die Daten nicht der Indexie rung durch Suchmaschinen ent zogen, ist auch nicht aus geschlossen, dass über die Snippets der Ergebnis liste personen bezogene Daten der breiten Öffentlich keit zugäng lich ge macht werden. In diesem Fall greift die Aus nahme vorschrift des § 1 Abs. 2 Nr. 3 BDSG eben falls nicht (Art. 29Daten schutz gruppe, WP 163, S. 8).35 Bei der Über prüfung der Einzelfälle ist immer zu be rücksichti gen, dass § 1 Abs. 2 Nr. 3 BDSG als Aus nahme vorschrift restriktiv auszu legen ist (Dammann, 2011, § 1 BDSG, Rn. 148). Soweit Zweifel auf tauchen, ob die Daten verarbei tung aus schließ lich familiäre oder persön liche Aktivi täten be trifft, sind diese zu gunsten einer Anwend bar keit der Bundes daten schutz gesetzes auszu räumen. Nur so können wesent liche Lücken des Daten schutzes ver mieden werden. Parallel zu der Regelung in § 1 Abs. 2 Nr. 3 BDSG gelten die in den §§ 27 bis 32 BDSG geregelten Rechts grundlagen der Daten verarbei tung gemäß § 27 Abs. 2 Satz 1 BDSG nicht, wenn der Umgang mit den personen bezogenen Daten aus schließ lich für persön liche oder familiäre Zwecke erfolgt. 35 Zu be rücksichti gen ist allerdings, dass Nutzer sozialer Netz werk dienste unter weitere Aus nahmerege lungen fallen können, so beispiels weise unter die Aus nahme der Ver arbei tung personen bezogener Daten, die allein zu journalisti schen, künstleri schen oder literari schen Zwecken erfolgt. In diesen Fällen ist die Freiheit der Meinungs äuße rung gegen das Recht auf Privatsphäre abzu wägen, Art. 29Daten schutz gruppe, WP 163, S. 8. 350 6.4 Zulässig keit der Daten verarbei tung Die Konzep tion des Daten schutz rechts er fordert es, grundsätz lich jeden einzel nen Umgang mit personen bezogenen Daten einzeln und in Bezug auf die konkrete daten verarbeitende Stelle daten schutz recht lich zu über prüfen. Ent sprechend der zeit lichen Abfolge wird zunächst die Zulässig keit der Daten verarbei tung durch den Nutzer des Social NetworkDienstes über prüft. Ein Umgang mit den personen bezogenen Daten der Nutzer und Dritter erfolgt eben falls durch den Platt formbetreiber. Hier werden im Folgenden im Schwer punkt das zur Ver fügung stellen der personen bezogenen Daten für den Abruf der Mitglieder der Social Community und die Aus wertung der Nutzer daten durch den Platt formbetreiber für Werbedienst leis tungen analysiert. Zusätz liche Risiken ergeben sich bei Social NetworkDiensten aber, wie dargelegt (s. Kap. 3.2), durch die Begehrlich keiten anderer Dienste anbieter an diesem Daten pool, wie zum Beispiel Headhunter, die auf Social NetworkPlatt formen auf der Suche nach qualifizierten Arbeits kräften sind. Ist allerdings die Daten verarbei tung durch den Nutzer oder den Platt formbetreiber nicht rechtmäßig erfolgt, so ist jegliche weitere Daten verarbei tung eben falls rechts widrig. Schließ lich ist neben der daten schutz recht lichen Zulässig keit des Umgangs mit Bild nissen, die gleichzeitig personen bezogene Daten sind, die urheber recht liche Zulässig keit zu prüfen. 6.4.1 Daten verarbei tung durch die Nutzer von sozialen Netz werk diensten Adressaten des Telemedien gesetzes sind Dienste anbieter gemäß § 2 Nr. 1 TMG. Nach dieser Vor schrift ist Dienste anbieter jede natür liche oder juristi sche Person, die eigene oder fremde Telemedien zur Nutzung be reithält oder den Zugang zur Nutzung ver mittelt. Grundsätz lich können unter einer Domain meh rere Telemediendienste an geboten werden, so dass sowohl der Portal betreiber als auch ein Nutzer, zum Beispiel wenn er auf einer Ver kaufsplatt form ein ge werb liches An gebot einstellt und Waren oder Dienst leis tungen anbietet, Dienste anbieter sein kann (LG München I, WRP 2005, S. 1042; LG Memmingen, MMR 2004, S. 769; LG Berlin, WRP 2004, S. 1198). Liegt allerdings ein einheit lich ge stalte ter Gesamt auftritt vor, innerhalb dessen die Unter seiten keine hinreichende kommunika tions bezogene Eigenständig keit auf weisen, liegt nur ein Telemediendienst vor und nur der Portal betreiber ist Dienste anbieter im Sinne des § 2 Nr. 1 TMG. Dies ist auch bei den Social NetworkDiensten anzu nehmen, da sie regelmäßig themati sche und einheit liche ge stalteri sche Vor gaben geben. Daher sind in Bezug auf die Nutzer als ver antwort liche Stelle nicht die Daten schutz vorschriften des Telemedien gesetzes vor rangig anwend bar, sondern aus schließ lich das Bundes daten schutz gesetz. 351 Anschließend stellt sich die Frage, ob der Nutzer als ver antwort liche Stelle gemäß § 3 Abs. 7 BDSG selbst die Daten verarbei tung vornimmt oder ob er sie durch den Platt formbetreiber im Auftrag vornehmen lässt. Letzteres wäre nur rechtmäßig, wenn zwischen Nutzer und Platt formbetreiber eine zulässige und wirksame Daten verarbei tung im Auftrag gemäß § 11 BDSG vor liegen würde. Wäre dies der Fall, bliebe der Nutzer gemäß § 11 Abs. 1 Satz 1 BDSG die ver antwort liche Stelle. Die Vor schrift ent faltet eine Zurech nungs wirkung, indem sie die daten schutz recht liche Ver antwortlich keit des Auftrag gebers (Nutzer der Sozialen Netz werk platt formen) für die fremden Handlun gen des Auf tragnehmers be gründet (Sutschet, 2004, S. 98). Die Daten verarbei tung im Auftrag setzt gemäß § 11 BDSG voraus, dass die durch den Auf tragnehmer (Platt form betreiber) er brachte Daten verwen dung durch Weisun gen oder durch über lassene Werkzeuge (zum Beispiel Programme) sehr genau be stimmt wurde und keine recht liche Ver fügungs befugnis über die zu ver wenden den Daten besteht. Der Auf trags schwerpunkt ist auf die Durch führung der Daten verarbei tung gerichtet und der Auf tragnehmer steht weder in einer eigenen recht lichen Beziehung zum Betroffenen noch hat er ein eigenes inhalt liches Interesse an den Daten (Kilian & Heussen, 2009, Rn. 36 f.; Regie rungs präsidium Darmstadt 2007, S. 2). Als Indizien gegen eine Auf trags daten verarbei tung können die Kriterien heran gezogen werden, inwieweit die Daten verwen dung auf eigene Rechnung erfolgt und eigene, über die über tragene Daten verwen dung hinaus gehende Geschäfts zwecke ver folgt werden. Weiter hin sprechen die fehlende Einfluss möglich keit des Auftrag gebers auf Teil bereiche der Daten verarbei tung und die Tatsache, dass die zu ver arbeiten den Daten erst auf grund einer eigenständi gen Rechts beziehung des Auf tragnehmers mit dem Betroffenen erhoben werden, gegen eine Auf trags daten verarbei tung. Wie bereits aus geführt, haben sowohl der Nutzer als auch der Platt form betreiber eigenständige Ent schei dungs befug nisse in Bezug auf Zweck und Mittel der Daten verarbei tung. Ein Über und Unter ord nungs verhältnis derart, dass der Nutzer gegen über dem Platt formbetreiber weisungs befugt sei und die Daten verarbei tung einseitig steuern kann, besteht aber gerade nicht. Sind die personen bezogenen Daten auf dem Server des Platt formbetreibers ge speichert, ver folgt dieser eigene Interessen an den Daten. Der Platt formbetreiber wertet die Nutzer daten aus, um individualisierte Werbung auf den Nutzer seiten zu platzie ren. Für diese Dienst leis tung zahlen die werben den Firmen nicht unerheb liche Preise. Bei Social NetworkDiensten erfolgt parallel die eigene Daten verarbei tung durch den Nutzer, für den Zweck der Teilnahme an Social Communities und unabhängig davon die Daten verarbei tung durch den Platt formbetreiber zu wirtschaft lichen Zwecken. Eine Auf trags daten verarbei tung gemäß § 11 BDSG liegt somit nicht vor. Für die Daten verarbei tung durch die Nutzer ist gemäß § 4 Abs. 1 BDSG eine Rechts grundlage er forder lich, wenn dieser personen bezogene Daten Dritter 352 über die OnlinePlatt form zur Ver fügung stellt und diese Daten verarbei tung nicht aus schließ lich für persön liche oder familiäre Tätig keiten erfolgt. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn eine Person in einem Blogeintrag aus führ lich über eine Lehr veranstal tung eines be stimmten Professors be richtet und diese Informa tionen allen oder nur den als Freunden deklarierten Nutzern des Social Network Dienstes zugäng lich sind. Grundsätz lich kommen die gesetz lichen Erlaubnis tatbestände für die Daten verarbei tung nichtöffent licher Stellen gemäß §§ 28 ff. BDSG in Betracht. Das Hochladen der Daten durch den Nutzer auf den Server des Dienste anbieters stellt gemäß § 3 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 BDSG eine Über mitt lung von Daten dar. Problematisch ist allerdings, dass alle Erlaubnis tatbestände des Bundes daten schutz gesetzes für private Stellen die Ver folgung eines eigenen Geschäfts zwecks oder die geschäfts mäßige Daten verarbei tung voraus setzen. Obwohl die Formulie rung ledig lich den akzessori schen Charakter der Ver arbei tung ver deut licht, muss letzt lich die Daten verarbei tung als Hilfs mittel für einen geschäft lichen, be ruflichen oder gewerb lichen Zweck auf einen wirtschaft lichen Erfolg aus gerichtet sein (Gola & Schomerus, 2010, § 28 BDSG, Rn. 4; Simitis, 2011, § 28 BDSG, Rn. 23). Dies trifft zwar auf die Anbieter der Social NetworkDienste zu, aber allen falls im Aus nahmefall auf deren Nutzer, die personen bezogene Daten Dritter auf der CommunityPlatt form einstellen. Eine einschlägige Erlaub nis vorschrift für die Daten verarbei tung ist im Bundes daten schutz gesetz somit nicht ge geben. Die Tatsache, dass für nichtöffent liche Stellen aus schließ lich Erlaubnis vorschriften für gewerb liche Daten verarbei tung existie ren, nicht aber für die private Daten verarbei tung, ist vor dem histori schen Hinter grund des Bundes daten schutz gesetzes nach vollzieh bar. Ursprüng lich hat der Gesetz geber die Daten schutz vorschriften mit dem Vor stel lungs bild einer Technologie er lassen, die der öffent lichen Ver waltung und privaten Unter nehmen gleichermaßen helfen sollten, Informa tions probleme effektiver be wälti gen zu können (Simitis, 2011, § 27 BDSG, Rn. 45). Die modernen Informa tions und Kommunika tions technologien stehen mittlerweile aber gleichermaßen Privaten zur Ver fügung und werden auch für private Zwecke im er heblichen Umfang ge nutzt. Ein undifferenziertes Aus klammern aller Ver arbei tungen personen bezogener Daten zu privaten oder familiären Zwecken führt allerdings dazu, die Wirksam keit und auch die Glaubwürdig keit des Daten schutzes er heblich in Frage zu stellen. Dies gilt insbesondere in Bezug auf die Internettechnologie, die immer das Risiko der „öffent lichen“ Daten verarbei tung in sich birgt. Diese ursprüng liche Vor stel lung des Gesetz gebers ent spricht somit spätestens seit der flächen decken den Ver brei tung des Internet auch in Privathaushalten nicht mehr der Realität. Privatpersonen ver arbeiten in enormen Umfang perso nen bezogene Daten und nehmen auch die Möglich keit wahr, sie über das Internet einem un begrenzten Personen kreis zugäng lich zu machen. Es ist daher 353 zwar nicht der Grundgedanke des Bundes daten schutz gesetzes, rein private oder familiäre Daten verarbei tungen aus dem Anwen dungs bereich der Daten schutz gesetze heraus zunehmen, von der Realität über holt worden. Es sind aber wohl die ge wählten Ab gren zungs kriterien nicht mehr technikadäquat. Die daten schutz recht lichen Risiken ver wirk lichen sich nicht durch die Zweck bestim mung be ruflich, geschäft lich oder gewerb lich im Gegen satz zu familiär oder privat. Aus gehend von der Grundinten tion der informa tio nellen Selbst bestim mung als Schutz der freien Ent faltung der Persönlich keit ist vielmehr der öffent liche oder allgemein zugäng liche Umgang mit personen bezogenen Daten als Gegen satz zu einer rein privaten oder familiären Tätig keit zu sehen. In Bezug auf den Umgang mit personen bezogenen Daten durch Private zu privaten Zwecken, die nicht aus dem Anwen dungs bereich des Bundes daten schutz gesetzes heraus fallen, ist eine analoge Anwen dung der §§ 28 ff. BDSG zu über prüfen.36 Die Analogie kann unter drei Voraus setzungen vor genommen werden (Larenz & Wolf, 2004, § 4 Rn. 80; Larenz, 1991, S. 381 ff.): Erstens darf für einen be stimmten Sach verhalt keine Rechts norm existie ren, so dass eine Rege lungs lücke vor liegt. Diese Rege lungs lücke darf zweitens vom Gesetz geber nicht be absichtigt ge wesen, sondern muss planwidrig sein. Drittens muss zwischen dem un geregelten Sach verhalt und dem Tatbestand, dessen Rechts folge über nommen werden soll, eine ver gleich bare Interessen lage vor liegen. Eine Rege lungs lücke besteht, da die Daten verarbei tung durch Privatpersonen für private Zwecke, wie sie zum Beispiel bei der Teilnahme an Social Network Diensten erfolgt, zwar in den Anwen dungs bereich des Bundes daten schutz gesetzes fällt, aber die Erlaubnis tatbestände für nichtöffent liche Stellen nicht anwend bar sind. Vor dem dargestellten histori schen Hinter grund ist davon auszu gehen, dass diese Rege lungs lücke nicht vom Gesetz geber ge wollt war. Unter der Prämisse, dass die Ver arbei tung personen bezogener Daten zu privaten Zweck nicht in den Anwen dungs bereich fiel, war es schlicht nicht er forder lich, diesbezüg liche gesetz liche Erlaubnis tatbestände in das Bundes daten schutz gesetz aufzu nehmen. Gleichzeitig ist das mit dieser Daten verarbei tung ver bundene Risiko für die informatio nelle Selbst bestim mung der Betroffenen deut lich geringer, als wenn die Daten verarbei tung zu gewerb lichen Zwecken von Unter nehmen durch geführt wird. Diese Daten verarbei tung muss daher erst recht unter den gegen über einer daten schutz recht lichen Einwilli gung er leichterten Bedin gungen einer gesetz lichen Erlaubnis möglich sein. Da zwischen dem Nutzer eines Social NetworkDienstes und dem Betroffenen kein irgendwie gearte tes rechts geschäft liches Ver hältnis besteht, ent spricht die Interessen lage am ehesten derjenigen gemäß § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 BDSG. Nach dieser Vor schrift ist der Umgang mit personen bezogenen Daten zulässig, soweit er 36 In der Rechts wissen schaft ist eine Analogie die Über tragung der für einen Tatbestand im Gesetz vor gesehenen Rechts folge auf einen anderen, aber rechts ähnlichen Tatbestand. 354 zur Wahrung be rechtigter Interessen der ver antwort lichen Stelle er forder lich ist und keine Anhaltspunkte für ein über wiegen des ent gegen stehen des Interesse des Betroffenen be stehen. Die Interessen abwä gung umschreibt den noch trag baren Kompromiss im Wider streit zwischen der informa tio nellen Selbst bestim mung des Betroffenen und dem Recht auf freie Meinungs äuße rung und Kom munika tions frei heit des Nutzers von Social NetworkDiensten (Simitis, 2011, § 28 BDSG, Rn. 133).37 Stellt ein Nutzer personen bezogene Daten Dritter auf der Sozialen Netzwerk platt form zur Ver fügung, ist diese Daten verarbei tung gemäß § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 BDSG analog zulässig, wenn seine be rechtigten Interessen dasjenige des Betroffenen am Aus schluss der Ver arbei tung oder Nutzung über wiegen. Berech tigtes Interesse des AccountInhabers ist in erster Linie seine von Art. 5 Abs. 1 GG geschützte Meinungs frei heit. Nicht von der Meinungs frei heit geschützt sind allerdings alle personen bezogenen Daten, die falsche Tatsachen wieder geben, eine Formal beleidi gung38 oder Schmähkritik39 darstellen (BVerfGE 54, 208, 219; Schemmer, 2011, Art. 5 GG, Rn. 6 ff.). In diesen Fällen ist bereits das be rechtigte Interesse des Nutzers abzu lehnen. Das schutz würdige Interesse des Betroffenen liegt vor allem im Schutz seiner informa tio nellen Selbst bestim mung. Die Funktion der informa tio nellen Selbst bestim mung er schöpft sich nicht im Abwehr recht gegen den Staat, sondern ent faltet als Grundrecht auch Dritt wirkung gegen über der Daten verarbei tung Privater (BGH, NJW 2009, S. 2891). Die notwendige Ab wägung zwischen beiden Interessen muss immer im Einzelfall er folgen, da prägende Bestand teile der (legitime) Zweck des Nutzers und die Qualität der personen bezogenen Daten sind. Gleichzeitig hat der Einzelne keine ab solute Herrschaft über seine personen bezogenen Daten, die jede Ver wendung durch Dritte aus schließen würde (BGH, NJW 2009, S. 2891). Der einzelne muss als Teil der sozialen Gemein schaft im Gemein schafts interesse grundsätz lich Einschrän kungen seiner informa tio nellen Selbst bestim mung in Kauf nehmen. Liegt ein über wiegen des Interesse des Betroffenen am Aus schluss der Daten verarbei tung vor, ist das Einstellen der personen bezogenen Daten Dritter durch die Nutzer von Social NetworkDiensten nur zulässig, wenn eine wirksame Einwilli gung des Dritten gemäß § 4a BDSG vor liegt. Dies wird insbesondere auf grund des Schrift formerforder nisses gemäß § 4a Abs. 1 Satz 2 BDSG nicht der Fall sein. 37 Von dieser Interessen konstella tion geht auch BGH, NJW 2009, S. 2891 aus. 38 Eine Formal beleidi gung ist eine be leidigende Äußerung wahrer Tatsachen. Diese ist nur aus nahms weise gemäß § 192 StGB straf bar. Dies kann z. B. der Fall sein, wenn ein be sonders herab würdi gen der Ton oder eine be sonders ge hässige Einklei dung ge wählt wird. 39 Schmähkritik ist eine Äußerung, durch welche eine Person ver ächt lich ge macht werden soll und bei der es nicht mehr um eine Auseinander setzung in der Sache geht. 355 6.4.2 Daten verarbei tung durch den Anbieter des Social NetworkDienstes Die Daten verarbei tung der Anbieter der Sozialen Netz werk platt form ist gemäß § 12 Abs. 1 TMG nur zulässig, wenn eine gesetz liche Ermächti gungs grundlage sie erlaubt oder eine Einwilli gung des Betroffenen vor liegt. Social Network Diensten ist gemeinsam, dass von den Nutzern personen bezogene Daten auf die Platt form hoch geladen und von dem Dienste anbieter zum Abruf durch andere Nutzer zur Ver fügung ge stellt werden. Häufig bieten die Social Network Dienste zudem die Möglich keit an, Nutzer profile, zum Beispiel mit Angaben über Hobbys, Interessen, Urlaubs ziele, und soziale Beziehungen innerhalb des Systems fest zulegen, etwa Kontakte innerhalb einer Freundes liste oder Personen, über deren Einträge der Nutzer automatisch be nachrichtigt werden möchte. Schließ lich werten die Platt formbetreiber die Nutzer daten aus, um anderen Unter nehmen die Dienst leis tung individuell platzierter Werbung auf der Social NetworkPlatt form anzu bieten. Werden die Daten von dem Nutzer auf der Platt form ein gestellt, ist dies gleichzeitig für den Platt formbetreiber eine Erhebung von Daten gemäß § 3 Abs. 3 DBSG.40 Das Beschaffen von Daten im Sinne der Norm er fordert nicht die konkrete Abfrage einzelner Informa tionen, sondern es reicht aus, wenn die Platt form gerade den Zweck ver folgt, dass der Nutzer Informa tionen für Dritte bereit stellen kann.41 Die er stmalig vom Nutzer er hobenen personen bezogenen Daten werden in mehrfacher Hinsicht ver arbeitet. Um die Ab rufbar keit der Daten für andere Nutzer zu er möglichen, speichert der Dienste anbieter sie gemäß § 3 Abs. 4 Nr. 1 BDSG. Bereits das Bereithalten personen bezogener Daten zur Einsicht oder zum Abruf durch Dritte erfüllt zudem die Voraus setzungen einer Daten übermitt lung gemäß § 3 Abs. 4 Nr. 3b BDSG. Schließ lich finanzie ren sich nahezu alle Social NetworkDienste über Werbe einblen dungen. Die Nutzer daten werden daher in der Regel aus gewertet, um individualisierte Werbung vornehmen zu können. Dies stellt gemäß § 3 Abs. 4 BDSG eine Ver arbei tung und gemäß § 3 Abs. 5 BDSG eine Nutzung von Daten dar. Die Daten verarbei tung durch den Dienste anbieter weist somit ver schiedene Facetten auf, die differenziert zu unter suchen sind. Zunächst wird der Umgang mit den personen bezogenen Daten der CommunityMitglieder zu den unmittel baren Zwecken des Social NetworkDienstes und zu Werbezwecken unter sucht. Anschließend werden die gleichen Zulässig keits fragen in Bezug auf den Umgang mit personen bezogenen Daten Dritter be antwortet. 40 Aufgrund der kollektiven Ver antwortlich keit von Nutzer und Platt formbetreiber besteht kein Wider spruch darin, einen Daten verarbei tungs vorgang für eine ver antwort liche Stelle als Über mitt lung und für den Empfänger als Erhebung anzu sehen. 41 Ein Erheben liegt nicht vor, wenn die personen bezogenen Daten unaufgefordert zu geschickt werden, Gola & Schomerus, 2010, § 3 BDSG, Rn. 24. S. auch kritisch hierzu Feldmann, AnwBl. 2011, S. 251. 356 6.4.2.1 Ver arbei tung der Daten von Nutzern Es ist zu prüfen, ob diese Daten verarbei tungs vorgänge gemäß § 14 oder § 15 TMG zulässig sind.42 Gemäß § 14 Abs. 1 TMG ist die Erhebung und Ver wendung von personen bezogenen Daten durch den Dienste anbieter ohne die Einwilli gung des Nutzers zulässig, soweit sie für die Begrün dung, inhalt liche Aus gestal tung oder Änderung eines Ver trags verhält nisses mit ihm über die Nutzung von Telemedien er forder lich sind. Diese Daten werden als Bestands daten be zeichnet. Hierzu zählen bei der Inanspruchnahme von Social NetworkDiensten insbeson dere die Anmeldedaten, sofern der Zugang auf die Platt form von einem An melde erfordernis ab hängig ist. § 15 Abs. 1 Satz 1 TMG erlaubt die Erhebung und Ver wendung personen bezogener Daten, soweit dies er forder lich ist, um die Inanspruchnahme von Telemedien zu er möglichen und abzu rechnen. Zu diesen Nutzungs daten zählen insbesondere Merkmale zur Identifika tion des Nutzers, wie zum Beispiel die Nutzer kennung einschließ lich der Identifikations nummer (PIN), Transak tions nummern (TANs), IPAdressen, Angaben über Beginn und Ende sowie über den Umfang der jeweili gen Nutzung einschließ lich der an gefallenen Gebühren einheiten, wenn es ein kosten pflichti ger Dienst ist (Geis, 2002, S. 668 f.). Als Bestands und Nutzungs daten sind Profile und Fest legun gen über die sozialen Kontakte innerhalb des Systems anzu sehen. Diese Informa tionen wirken sich unmittel bar auf die konkrete Aus gestal tung des Dienstes für den einzelnen Nutzer aus. Die Dienst leis tung des Platt form betreibers umfasst häufig die Teilleis tungen, das Informa tions angebot auf grund des Nutzer profils nutzer spezifisch anzu passen und personen bezogene Daten nur für be stimmte Mitglieder der Community sicht bar zu machen, für andere dagegen zu sperren. Die Ab gren zung von Bestands und Nutzungs daten ist somit nicht immer eindeutig und kann sich auch über schneiden (Jandt & Laue, 2006, S. 320). Auch Nutzer name und Pass wort sind in der Regel Bestands daten und gleichzeitig Nutzungs daten, wenn sich der Nutzer vor jeder einzelnen Inanspruchnahme des Dienstes neu einloggen muss. Die Frage der Zulässig keit der Daten verarbei tung ist daher in Bezug auf jeden einzelnen Daten verarbei tungs vorgang ge sondert zu über prüfen. Fraglich ist jedoch die Einord nung derjenigen personen bezogenen Daten in die Dogmatik des Telemediendaten rechts, die sich in den vom Nutzer selbst vor genommenen Einträgen finden und an die anderen CommunityMitglieder adressiert sind. Diese Daten könnten allen falls als Nutzungs daten qualifiziert werden. Dagegen spricht allerdings, dass sie zwar bei einem Nutzungs vorgang von einem Nutzer des Social NetworkDienstes von diesem ein gegeben werden, aber nicht auf grund der techni schen Ab wick lung des Dienstes ent stehen. Durch die Erbrin gung des Telemediendienstes mittels Telekommunika tion ent stehen 42 Zur Anwend bar keit des Telemedien gesetzes s. Kap. 6.1. 357 spezifi sche Risiken der Daten verarbei tung, die durch die daten schutz recht lichen Erlaubnis tatbestände des Telemedien gesetzes ab gefangen werden sollen. Bei den Nutzerinhalten be stehen diese spezifi schen Risiken aber gerade nicht, da sie keine eigenständige Funktion bei der Erbrin gung oder Ab rech nung des Telemediendienstes er füllen (Grimm, Löhndorf & Scholz, 1999, S. 275). Sie sind daher nicht als Bestands oder Nutzungs daten zu be werten. In Ab gren zung zu diesen werden sie als Inhalts daten be zeichnet (s. auch Lerch, Krause, Hotho et al., 2010, S. 456 f.; Spindler & Nink, 2010, § 15 TMG, Rn. 5a). Zur Gruppe der Inhalts daten ge hören all diejenigen Informa tionen, die sich aus den für andere Mitglieder der Community ab rufbaren Einträgen der Nutzer ergeben, unabhängig davon, ob sie für alle oder nur einige Nutzer der Community sicht bar sind. Die Zulässig keit des Umgangs mit personen bezogenen Inhalts daten richtet sich mangels Spezial rege lungen im Telemedien gesetz nach den Vor schriften des Bundes daten schutz gesetzes. Maß gebliche Erlaubnis vorschriften für den Umgang mit personen bezogenen Daten durch private Stellen sind die §§ 28 ff. BDSG. Der Bundes gerichts hof hat in Bezug auf ein Schüler bewer tungs portal aus drück lich klargestellt, dass das Medien privileg des § 41 BDSG in Ver bindung mit § 57 RStV ent gegen der in der Literatur teil weise ver tretenen Ansicht (Greve & Schärdel, 2008, S. 647 f.; Plog, 2007, S. 669; a. A. Walz, 2011, § 41 BDSG, Rn. 7 ff.) nicht zugunsten der Betreiber von sozialen Netz werk diensten greift (BGH, NJW 2009, S. 2890). Mögliche Rechts grundlage für die Daten verarbei tung ist ent weder § 28 oder § 29 BDSG. Es ist im Einzelfall zu über prüfen, ob der Portal betreiber ent sprechend der Voraus setzung gemäß § 28 BDSG einen eigenen Geschäfts zweck ver folgt oder dieser allein im Zweck der Über mitt lung besteht. Ein rein altruisti sches An gebot, das aus schließ lich der Unter stüt zung der CommunityBildung dient und bei dem die Nutzer daten nicht zu anderen Zwecken aus gewertet werden, wird wohl nur sehr selten ge geben sein. In der Regel werden die Dienste anbieter mehrere Zwecke ver folgen, so dass auf den Schwerpunkt der Zweckset zung abzu stellen ist. Der Bundes gerichts hof ist zum Beispiel bei der Bewer tungs platt form spickmich. de davon aus gegangen, dass § 29 BDSG und nicht, wie von den Vor instanzen an genommen, § 28 BDSG anwend bar sei (BGH, NJW 2009, S. 2891; OLG Köln, MMR 2008, S. 675). Die Portal betreiber würden ent gegen der Voraus setzung von § 28 BDSG keinen eigenen Geschäfts zweck ver folgen. Dieser darf nicht in der Daten verarbei tung selbst be stehen, sondern das geschäft liche Interesse muss auf einen darüber hinaus gehen den wirtschaft lichen Erfolg aus gerichtet sein (Gola & Schomerus, 2010, § 28 BDSG, Rn. 4). Die Daten verarbei tung darf ledig lich ein Mittel darstellen, um diesen Geschäfts zweck zu er reichen. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Onlineshop personen bezogene Daten ver arbeitet, um den Kauf vertrag er füllen und die Ware an den Kunden ver senden zu können. § 29 BDSG regelt dagegen die Zulässig keit der 358 geschäfts mäßigen Erhebung, Speiche rung, Ver ände rung oder Nutzung personen bezogener Daten zum Zweck der Über mitt lung. Wesent liches Ab gren zungs merkmal zwischen diesen beiden Erlaubnis tatbeständen ist das Eigen interesse der ver antwort lichen Stelle an den personen bezogenen Daten, weil sie mit dem Betroffenen in Kontakt steht oder treten will (Gola & Schomerus, 2010, § 28 BDSG, Rn. 4). Der Bundes gerichts hof hat bei spickmich. de an genommen, dass der Anbieter mit der Bereit stel lung einer CommunityPlatt form den Zweck ver folge, Interessen gemein schaften zu ver netzen sowie den gegen seiti gen Aus tausch von Informa tionen und die Kommunika tion der Mitglieder unter einander zu er möglichen (BGH, NJW 2009, S. 2891). Daher würden die Daten für die Über mitt lung an Dritte erhoben und ge speichert. Die Geschäfts mäßig keit ergäbe sich bereits aus der Tatsache, dass die Tätig keit auf Wieder holung gerichtet und auf eine ge wisse Dauer an gelegt sei (BGH, NJW 2009, S. 2891). Eine Gewerbs mäßig keit sei darüber hinaus nicht er forder lich, so dass die Voraus setzungen von § 29 BDSG erfüllt seien, unabhängig davon, ob es sich um ein kosten pflichti ges oder kosten freies An gebot handele. Die Finanzie rung des Internetportals über Werbe einnahmen stelle nicht den Hauptz weck des Dienstes dar. Über andere Soziale Netz werk platt formen ist hingegen bekannt, dass die Direkt werbung wesent licher Bestand teil ihres Geschäfts modells ist und ihnen er hebliche Einnahmen garantiert. Dabei werden ganz unter schied liche Werbe modelle ver folgt, die auch in unter schied lichem Umfang die Aus wertung der Nutzer daten voraus setzen. Kontextbezogene Werbung ist auf die Inhalte zu geschnitten, die der Nutzer innerhalb der Social Community aufruft. Segment bezogene Werbung ver sorgt ge wisse Zielgruppen von Nutzern mit Werbeprojek tionen. Die Zuord nung der Nutzer zu be stimmten Gruppen erfolgt durch den Nutzer selbst, indem er sich vor gegebenen Gruppen an schließt, oder er wird von dem Platt formbetreiber durch eine Aus wertung der vom Nutzer zur Ver fügung ge stellten Informa tionen ein geordnet. Ver haltens bezogene Werbung orientiert sich an der Beobach tung und Analyse der Aktivi täten des Nutzers über einen ge wissen Zeitraum. Die Analyse der Nutzer daten erfolgt bei den meisten Geschäfts modellen durch die Platt formbetreiber selbst: Die indivi dua lisierte Werbung wird direkt auf der Social NetworkPlatt form ein geblendet. Denkbar ist jedoch auch, dass der Platt formbetreiber die aus gewer teten Nutzer daten an Firmen für Marketingzwecke ver kauft und diese andere Werbe maßnahmen, wie zum Beispiel EMailWerbung, selbst ständig vornehmen. Liegt der Schwerpunkt der Tätig keit des Platt formbetreibers tatsäch lich in der Förde rung der Informa tion und Kommunika tion der CommunityMitglieder, ist § 29 BDSG die maß gebliche Rechts grundlage. Die Erhebung und Speiche rung personen bezogener Daten für den Geschäfts zweck der Daten übermitt lung ist gemäß § 29 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 2 BDSG insbesondere erlaubt, wenn ent weder kein Grund zu der Annahme besteht, dass das schutz würdige Interesse 359 des Betroffenen an dem Aus schluss des Daten umgangs über wiegt oder die Daten aus öffent lich zugäng lichen Quellen stammen. Stellt der Betroffene Daten über die eigene Person auf einer Social NetworkPlatt form zur Ver fügung, ent spricht dies seinem eigenen Interesse. Es liegen somit keine Anhaltspunkte für die Über prüfung eines ent gegen stehen den Interesses des Betroffenen vor. Der Anbieter des Social NetworkDienstes ist gemäß § 29 Abs. 1 Nr. 1 BDSG be rechtigt, die personen bezogenen Daten zum Abruf durch andere Community Mitglieder bereit zuhalten. Dient die Soziale Netz werk platt form dagegen dem Dienste anbieter primär dazu, an zahl reiche personen bezogene Daten zu ge langen, um diese für Marke tingdienst leis tungen nutz bar zu machen, ver folgt er einen eigenen Geschäfts zweck. Maß gebliche Rechts grundlage für den Abruf der personen bezogenen Daten für andere CommunityMitglieder ist § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BDSG. Diese Vor schrift erlaubt das Über mitteln der Daten, wenn es für die Durch führung des rechts geschäft lichen Schuld verhält nisses mit dem Betroffenen er forder lich ist. Die Teilnahme an einer Social Community erfolgt nicht nur, um Daten über sich zu präsentie ren, sondern sie be friedigt auch die eigene Neugier, mehr über die anderen CommunityMitglieder zu er fahren. Gegen stand der Dienst leis tung des Platt formbetreibers ist es also, die personen bezo genen Daten aller CommunityMitglieder ab rufbar zu halten. Somit liegt die Erforderlich keit gemäß § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BDSG vor. Differenzierte Regelun gen für die darüber hinaus gehende Daten auswer tung für die Marketingdienst leis tung finden sich in § 28 Abs. 3 BDSG. Aus Abs. 3 Satz 1 folgt der Grundsatz, dass der Umgang mit personen bezogenen Daten für Werbezwecke nur zulässig ist, soweit der Betroffene ein gewilligt hat. Eine Aus nahme besteht durch das in Abs. 3 Satz 2 der Vor schrift normierte Listen privileg (s. aus führ lich Patzak & Beyerlein, 2009, S. 525; Roßnagel, 2009, S. 2720). Dieses greift allerdings nur im Hinblick auf Werbung für eigene Angebote, die be rufliche Tätig keit des Betroffenen unter seiner be ruflichen Anschrift oder für Spenden werbung. Alle drei Aus nahmefälle werden bei Social NetworkDiensten regelmäßig nicht ge geben sein. Für die Werbung für fremde An gebote dürfen die Daten gemäß § 28 Abs. 3 Satz 5 ge nutzt werden, wenn für den Betroffenen bei der Ansprache zum Zwecke der Werbung die ver antwort liche Stelle eindeutig erkenn bar ist. Durch diese Aus nahme wird zum Beispiel die Einschal tung eines LetterShops privilegiert, der „im Auftrag“ der ver antwort lichen Stelle die von dem Werbenden bereit gestellte Post ver sendet (Gola & Schomerus, 2010, § 28 BDSG, Rn. 58). Will ein Platt formbetreiber die Aus wertung der Nutzer daten zu Werbezwecken auf diese Vor schrift stützen, muss er sich demnach eindeutig als Ab sender der jeweili gen Werbung zu er kennen geben. Liegt dagegen keine der ge nannten Aus nahmen vor, ist die Aus wertung der Nutzer daten für die Marketingdienst leis tungen aus schließ lich mit einer wirksamen Einwilli gung der Betroffenen möglich. 360 6.4.2.2 Ver arbei tung der Daten von Dritten Werden personen bezogene Daten von dritten Personen, unabhängig davon, ob sie ein Mitglied der Community sind oder nicht, über diese ver breitet, ist die maß gebliche Recht grundlage § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2, § 28 Abs. 3 oder § 29 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 2 BDSG. Die Über prüfung der Voraus setzung sowohl des § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 als auch des § 29 Abs. 1 Nr. 1 BDSG setzt notwendiger weise eine Interessen abwä gung voraus (Gola & Schomerus, 2010, § 29 BDSG, Rn. 10). Von dem be rechtigten Interesse der daten verarbeiten den Stelle geht der Gesetz geber gemäß § 29 Abs. 1 BDSG aus, wenn diese im Rahmen der vor gegebenen Zweck bestim mungen erfolgt. Ein ent gegen stehen des Interesse des Betroffenen kann sich insbesondere aus einer un verhältnis mäßigen Beeinträchti gung seiner grund recht lich geschützten Rechts güter ergeben. Wie bereits dargelegt, stellt die Ver brei tung personen bezogener Daten eine Ver letzung der informa tio nellen Selbst bestim mung des Betroffenen gemäß Art. 2 Abs. 1 in Ver bindung mit Art. 1 Abs. 1 GG dar. Je nach Inhalt der Daten kann darüber hinaus eine Ver letzung seines allgemeinen Persönlich keits rechts vor liegen, wenn die Informa tionen falsche Tatsachen wieder geben, eine Formal belei dung43 oder Schmähkritik44 darstellen. Die Qualifizie rung einer Äußerung als Werturteil oder Tatsachen behaup tung ist nach ihrem Inhalt zu be stimmen, so wie sie in ihrem Gesamt zusammen hang von den an gesprochenen Ver kehrs kreisen ver standen wird (BGH, NJW 1988, S. 1589). Ein Eintrag auf einer Sozialen Netz werk platt form ist insgesamt trotz werten der Elemente als Tatsache zu werten, wenn die Wertung sich als zusammen fassen der Aus druck von Tatsachen behaup tungen darstellt und damit eine Beweis aufnahme über die Wahrheit der behaup teten tatsäch lichen Umstände möglich ist (BVerfG, AfP 2003, S. 43, 45). Ist die Äußerung hingegen durch die Elemente der Stellung nahme, der Beurtei lung und der Wertung ge prägt, liegt eine Meinungs äuße rung vor (BVerfG, NJW 1985, S. 3303; OLG Hamburg, AfP 1992, S. 165; Wenzel & Burk hardt, 2003, Kap. 4, Rn. 48). Das Gleiche gilt, wenn der tatsäch liche Gehalt der Äußerung so substanzarm ist, dass er gegen über dem Wertungs charakter in den Hinter grund tritt (BGH, NJW 1992, S. 1439, 1440; BGH, NJWRR 2001, S. 411). Die Zulässig keit des Umgangs mit personen bezogenen Daten Dritter kann demnach nicht pauschal fest gestellt werden, sondern bedarf einer inhalt lichen Einzelfall prüfung. 43 Eine Formal beleidi gung ist eine be leidigende Äußerung wahrer Tatsachen. Diese ist nur aus nahms weise gemäß § 192 StGB straf bar. Dies kann z. B. der Fall sein, wenn ein be sonders herab würdi gen der Ton oder eine be sonders ge hässige Einklei dung ge wählt wird. 44 Schmähkritik ist eine Äußerung, durch welche eine Person ver ächt lich ge macht werden soll und bei der es nicht mehr um eine Auseinander setzung in der Sache geht. 361 Das Daten schutz recht fordert demnach vom Platt formbetreiber, die be schriebene Interessen abwä gung in Bezug auf jeden einzelnen Nutzer eintrag, der personen bezogene Daten Dritter beinhaltet, zu über prüfen. Ab gesehen davon, dass dies in Bezug auf Anzahl und Umfang der Nutzer einträge nicht zu leisten ist,45 ist der Platt formbetreiber nicht in der Lage, den jeweili gen Wahr heits gehalt der Äußerun gen zu be urteilen. Die von § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 und § 29 Abs. 1 Nr. 1 BDSG ge forderte Interessen abwä gung kann der Platt formbetreiber faktisch nicht vornehmen. Da einer seits das Recht nichts Unmög liches ver langen darf und anderer seits der Daten schutz umfassend gewährleistet werden muss, ist die be stehende gemeinsame daten schutz recht liche Ver ant wort lich keit des Nutzers und des Platt formbetreibers in eine ge stufte kollektive Ver antwortlich keit zu konkretisie ren. Danach kann jede Daten ver arbeitende Stelle nur für die Einhal tung derjenigen Daten schutz vorschriften ver antwort lich sein, die sie tatsäch lich er füllen kann. Dieser Gedanke ent spricht den Ver antwortlich keits vorschriften der §§ 7 ff. TMG.46 Gemäß § 7 Abs. 1 TMG ist der Dienste anbieter nur für eigene Informa tionen in vollem Umfang ver antwort lich. Für fremde Informa tionen besteht gemäß §§ 8 bis 10 TMG eine ge stufte Ver antwortlich keit, je nach Art seiner Tätig keit und damit einher gehenden inhalt lichen und techni schen Einfluss möglich keiten als Network und AccessProvider (§ 8 TMG), CacheProvider (§ 9 TMG) oder HostProvider (§ 10 TMG). Über tragen auf die daten schutz recht liche Ver antwortlich keit ist der Nutzer, der personen bezogene Daten Dritter auf der CommunityPlatt form zum Abruf bereit stellt, primär für die daten schutz recht liche Zulässig keit dieser Daten verarbei tung ver antwort lich, da es seine eigenen Informa tionen sind. Diese Daten dürfen von dem Platt formbetreiber grundsätz lich ohne eine detaillierte Interessen abwä gung ver wendet werden. Erhöhte Anforde rungen an die Interes sen abwä gung können sich aber zum Beispiel dadurch ergeben, dass der Dienste anbieter durch die Themen vorgabe des Portals die Wahrscheinlich keit unwahrer Tatsachen behaup tungen und Beleidi gungen selbst erhöht. Erhält er allerdings konkrete Anhaltspunkte, dass ent gegen stehende Interessen des Betroffenen vor liegen, ist er spätestens von diesem Zeitpunkt an zur Vornahme einer einzel fallspezifi schen Interessen abwä gung ver pflichtet (Gola & Schomerus, 2010, § 29 BDSG, Rn. 14). Gegebenen falls tritt dann auch eine Löschungs pflicht für die Daten ein. Gemäß § 29 Abs. 1 Nr. 1 BDSG ist der Umgang mit personen bezogenen Daten Dritter dem Dienste anbieter eines Social NetworkDienstes zudem ge 45 Das soziale Netz werk „Facebook“ hat mittlerweile allein in Deutschland 20 Millionen Mitglieder, die sich mindestens einmal im Monat im Netz werk anmelden, s. www.datenschutzzentrum.de/suchmaschinen/ 20080206datenschutzbeisuchmaschinen. html. 54 S. z. B. www.netzpolitik.org/2011/facebookaktiviertautomatischegesichtserkennung/. 366 Abs. 1 GG. Das Recht am eigenen Bild sichert dem Einzelnen Einfluss und Ent schei dungs möglich keiten in Bezug auf die Anferti gung und Ver wendung von Fotografien oder Auf zeich nungen seiner Person durch andere Personen (BVerfGE 34, 238, 246; 35, 202, 220; 87, 334, 340; 97, 228, 268 f.). Die einfach gesetz liche Aus gestal tung des Rechts am eigenen Bild findet sich in § 22 Kunsturheber gesetz (KUG). Gemäß dieser Vor schrift dürfen Bildnisse nur mit Einwilli gung des Ab gebildeten ver breitet oder öffent lich zur Schau ge stellt werden. Die Ver wendung von Bildern auf Social NetworkPlatt formen muss daher nicht nur daten schutz recht lich, sondern auch urheber recht lich erlaubt sein. In sehr vielen Social NetworkDiensten bildet der Aus tausch von persön lichen Fotografien einen wesent lichen Bestand teil der in der Community kommunizierten Inhalte. Gemäß § 22 KUG bedarf die Ver brei tung von Bild nissen der Einwilli gung des Ab gebildeten. Bildnis im Sinne der Vor schrift ist die Darstel lung einer oder mehrerer Personen, die die äußere Erschei nung des Ab gebildeten in einer für Dritte erkenn baren Weise wieder gibt (Götting, in: Schricker/Löwenheim, 2010, § 22 KUG, Rn. 14). Auf dem Bild muss erkenn bar eine reale Person ab gebildet sein. Die Tatbestand vorausset zung des Ver breitens er fordert den Ver trieb von körper lichen Bildnissen, so dass sie nicht durch eine Ver öffent lichung eines digitalen Fotos im Internet erfüllt werden kann. Die nicht körper liche Ver brei tung wird aber durch die Tatbestandsalternative des öffent lichen Zurschaustellens ab gedeckt. Hierunter ist jegliche Handlung zu ver stehen, durch die einer nicht be grenzten Anzahl von Personen die Möglich keit eröffnet wird, das Bildnis wahrzunehmen (Schertz, in: Schricker/Löwen heim, 2010, § 18 KUG, Rn. 13). Daraus folgt, dass bereits das Hochladen eines Fotos mit Personen der Einwilli gung der Ab gebildeten bedarf. Fehlt sie, liegt eine rechts widrige Ver letzung des Rechts am eigenen Bild vor. Durch das Bereithalten der Fotos zum Abruf durch den Anbieter des Social Network Dienstes begeht er eine eigenständige Ver letzung von § 22 KUG. Die Rechts natur der urheber recht lichen Einwilli gung ist ebenso um stritten, wie diejenige der daten schutz recht lichen Einwilli gung. Insofern ist auch hier die Einwilli gungs fähig keit von Minderjähri gen von deren Einsichts fähig keit ab hängig (s. Kap. 5.3.2). Im Unter schied zur daten schutz recht lichen Einwilli gung ist die urheber recht liche Einwilli gung nicht an eine be sondere Form ge bunden. Sie kann daher aus drück lich, konkludent oder sogar stillschwei gend er folgen (Götting, in: Schricker & Löwenheim, 2010, § 22 KUG, Rn. 43). Von einer stillschweigen den Einwilli gung ist zum Beispiel auszu gehen, wenn die ab gebildete Person die Herstel lung der Auf nahme in Kenntnis ihres Zwecks billigt (BGH, GRUR 1968, S. 654). Werden die Fotos von vornherein für den Zweck der Ver öffent lichung im Internet an gefertigt, so ist von einer Einwilli gung der ab gebildeten Personen auszu gehen. Die Einwilli gung bezieht sich dann nicht nur auf das er stmalige Hochladen der Fotos, sondern gilt 367 auch für alle im Internet üblichen Nutzungs vorgänge. Hierzu zählt insbesondere auch die Ver wertung der Fotos durch Suchmaschinen. Die Rechtsprechung geht in einer Ent schei dung über einen urheber recht lich be gründeten Unter lassungs anspruch davon aus, dass derjenige, der Bilder im Internet ohne Einschrän kungen frei zugäng lich macht, mit den üblichen Nutzungs hand lungen rechnen muss. Das Crawlen der Internet seiten durch Suchmaschinen und die Ver linkung der Seiten in der Trefferliste gehört zu den üblichen Nutzungs hand lungen, denen im Internet repräsentierte Informa tionen aus gesetzt sind. Ergreift der Berechtigte keine techni schen Siche rungs maßnahmen, um das Auf finden von Informa tionen durch oder die Zugänglich keiten der Internet seiten für Such maschinen zu ver hindern, so ist von einer (schlichten) Einwilli gung des Berech tigten in diese Nutzungs hand lungen auszu gehen (BGH, MMR 2010, 479). Die urheber recht lichen Anforde rungen für die rechtmäßige Ver wendung von Bildnissen auf Social NetworkPlatt formen und deren weitere Ver wendung durch andere Internetdienst leister und insbesondere die Betreiber von Such maschinen sind demnach deut lich niedri ger im Ver gleich zu den daten schutz recht lichen Anforde rungen. Ist ein Bildnis gleichzeitig als personen bezogenes Datum zu qualifizie ren, sind sowohl die Voraus setzungen von § 22 KUG als auch der §§ 28 f. BDSG zu er füllen. 6.5 Transparenz Die Transparenz der Ver wendung personen bezogener Daten wird im Wesent lichen durch zwei Gestal tungs ansätze gewährleistet, die an unter schied lichen Phasen der Daten verarbei tung ansetzen. Der Ursprung jeden Umgangs mit personen bezogenen Daten liegt in deren Erhebung. Hat der Betroffene keine Kenntnis davon, welche personen bezogenen Daten über ihn existie ren, ist eine transparente Daten verwen dung per se aus geschlossen. Daher manifestiert § 4 Abs. 2 Satz 1 BDSG den Grundsatz, dass personen bezogene Daten direkt beim Betroffenen zu erheben sind, sofern nicht eine der in § 4 Abs. 2 Satz 2 BDSG normierten Aus nahmen vor liegt. Dieser Grundsatz steht zumindest teil weise in einem Wider spruch zur Funk tions weise von Social NetworkDiensten. Diese dienen der Begrün dung und Pflege sozialer Kontakte im Internet und dem Aus tausch von Interessen gemein schaften. Daher ist es ein ihnen wesent liches Merkmal, dass sich die Informa tionen, die von den einzelnen CommunityMitgliedern im Netz werk zur Ver fügung ge stellt werden, auch gerade auf ihre soziale Integra tion be ziehen. Die Informa tionen umfassen daher häufig nicht nur eigene personen bezogene Daten, sondern auch diejenigen Dritter. Besonders deut lich wird dieser Zusammen hang bei Personen bewer tungs platt formen, die grundsätz lich jedem be liebigen sozialen 368 Kontext zu geordnet sein können.55 Stellt ein CommunityMitglied personen bezogene Daten Dritter in der Social Community zur Ver fügung, wird dies häufig ohne Kenntnis des Betroffenen er folgen.56 Die Daten erhe bung ver stößt somit grundsätz lich gegen das Prinzip der Direkterhe bung beim Betroffenen (so auch ULD, 2009, S. 4). Fraglich ist, ob zugunsten der Erhebung durch den Nutzer einer der Aus nahmetatbestände des § 4 Abs. 2 Satz 2 Nr. 1, Nr. 2a oder 2b BDSG eingreift. Die Tatbestands vorausset zungen von Nr. 1 sind erfüllt, wenn die Rechts vorschrift aus drück lich fest legt, dass Daten zur Erfül lung einer Aufgabe ohne Mitwir kung des Betroffenen erhoben werden dürfen (Gola & Schomerus, 2010, § 4 BDSG, Rn. 23). Nicht aus reichend ist eine allgemeine Ermächti gungs grundlage, die die Daten erhe bung ge stattet. Die Voraus setzungen von § 4 Abs. 2 Satz 2 Nr. 2 BDSG sind eben falls nicht erfüllt, da nicht er sicht lich ist, dass der Geschäfts zweck der Social NetworkDienste eine Erhebung ohne Mitwir kung des Betrof fenen ver langt oder die Pflicht zur Mitwir kung des Betroffenen für den Nutzer einen un verhältnis mäßigen Aufwand im Sinn des § 4 Abs. 2 Nr. 2b BDSG darstellt.57 Für die Erhebung durch den Platt formbetreiber gelten grundsätz lich die gleichen Argumente. Darüber hinaus zeichnen sich Social NetworkDienste gerade durch die freie inhalt liche Aus gestal tung der Nutzer aus. Der Platt formbetreiber gibt in der Regel allen falls Rubriken für mögliche Eintra gungen vor, um so eine Systematisie rung der Informa tionen zu er reichen, die maß geblich für eine schnelle Auf find bar keit ist. Die Nutzer sind aber gerade nicht ver pflichtet, be stimmte Informa tionen bereit zustellen. Der Geschäfts zweck von Social NetworkPlatt formen besteht zwar auch darin, dass Nutzer sich gegen seitig Informa tionen zur Ver fügung stellen, die Ent schei dung über den Umfang und die Auswahl der Inhalte wird aber bewusst dem Nutzer selbst über lassen. Da die Voraus setzungen der Aus nahmetatbestände des § 4 Abs. 2 BDSG sowohl in Bezug auf den Nutzer als auch den Platt formbetreiber nicht ge geben sind, müsste grundsätz lich eine Direkterhe bung beim Betroffenen er folgen. Selbst wenn davon auszu gehen wäre, dass eine Aus nahme von dem Grund satz der Direkterhe bung zulässig ist, würde sich das weitere Problem der 55 Z. B. Bewer tungs foren für Lehrer, Ärzte oder Rechts anwälte. Der Bewertende be richtet über seine persön lichen Erfah rungen mit dem Bewer tungs subjekt, das – häufig im Unter schied zum Bewerten den selbst – nament lich ge nannt wird. 56 Fotografiert der Nutzer eine Person, so ist in der Erstel lung des Fotos die originäre Erhebung personen bezogener Daten zu sehen. Diese ver stößt allerdings in der Regel nicht gegen den Grundsatz der Direkterhe bung, wenn die Person mitbekommt, dass sie fotografiert wird und sich nicht dagegen wehrt. Stellt der Nutzer dieses Foto auf einer Platt form im Internet ein, ist dies gleichzeitig für den Platt formbetreiber eine Erhebung personen bezogener Daten. 57 So im Ergebnis auch ULD, 2009, S. 12 aus schließ lich in Bezug auf Tarife gemäß § 40 Abs. 3 EnWG, ab lehnend aber, wenn nur Ab rech nungs daten über einen be stimmten Ab rech nungs zeitraum be nötigt werden ULD, 2009, S. 5 f. 369 Benachrichti gungs pflicht gemäß § 33 BDSG an schließen (Sokol, in: Simitis, 2011, § 4 BDSG, Rn. 38). Gemäß § 33 Abs. 1 Satz 1 BDSG ist der Betroffene von der ver antwort lichen Stelle zu be nachrichti gen, wenn erstmals personen bezogene Daten ohne seine Kenntnis ge speichert werden. Die Benachrichti gung muss Informa tionen über die Speiche rung, die Art der Daten, die Zweck bestim mung der Erhebung, Ver arbei tung oder Nutzung und die Identität der ver antwort lichen Stelle umfassen. Diese Benachrichti gungs pflicht trifft den Nutzer, der Daten von Dritten auf Social NetworkPlatt formen einstellt und somit die er stmalige Speiche rung vornimmt. Werden personen bezogene Daten geschäfts mäßig zum Zweck der Über mitt lung ohne Kenntnis des Betroffenen ge speichert, ist dieser gemäß § 33 Abs. 1 Satz 2 BDSG von der er stmali gen Über mitt lung und der Art der über mittelten Daten zu be nachrichti gen. Diese Benachrichti gungs pflicht ist vom Platt form betreiber zu er füllen und sie ent steht spätestens im Zeitpunkt des ersten Daten abrufs durch einen anderen Nutzer des Social NetworkDienstes.58 Gemäß § 33 Abs. 2 Satz 1 Nr. 7 BDSG ent fällt die Benachrichti gungs pflicht allerdings, wenn sie auf grund der Vielzahl von Fällen un verhältnis mäßig wäre oder der Ge schäfts zweck durch die Benachrichti gungs pflicht ge fährdet wäre und das Interesse an der Benachrichti gung die Gefähr dung nicht über wiegt. Eine er hebliche Gefähr dung liegt erst dann vor, wenn die Erreichung der Geschäfts zwecke unmög lich zu werden droht (Dix, in: Simitis, 2011, § 33 BDSG, Rn. 104). Rein praktisch kann der Platt formbetreiber die Benachrichti gungs pflicht gemäß § 33 Abs. 1 Satz 2 BDSG nur er füllen, wenn die Person, ohne deren Wissen Daten ein gestellt worden sind, eben falls bei dem sozialen Netz werk dienst an gemeldet ist. Anderen falls ver fügt der Dienstanbieter über keine Kontakt mög lich keit zu dem Betroffenen. In Bezug auf die CommunityMitglieder würde die Erfül lung der Benachrichti gungs pflicht voraus setzen, dass der Dienste anbieter alle Daten, die die Nutzer auf der Platt form einstellen, auf ihren Personen bezug über prüft. Der hierfür er forder liche Aufwand würde dazu führen dazu, dass das Geschäfts modell der Social NetworkDienste nicht mehr umzu setzen wäre. Die Benachrichti gungs pflicht muss daher ent fallen. Im Anschluss an die Phase der Daten erhe bung wird die Transparenz der weiteren Daten verarbei tung durch die gesetz liche Aus kunfts pflicht ab gesichert. Der Betroffene kann gemäß § 34 Abs. 1 Satz 1 BDSG Aus kunft über die zu seiner Person ge speicherten Daten (Nr. 1), Empfänger oder Kategorien von Empfängern bei einer Daten weitergabe (Nr. 2) sowie den Zweck der Speiche rung ver langen (Nr. 3). Die Nutzer von Social NetworkDiensten können diesen Aus kunfts anspruch gegen über dem Platt formbetreiber gelten machen. Die von 58 Kritisch zur Benachrichti gungs und Aus kunfts pflicht allerdings ohne recht liche Prüfung Feldmann, AnwBl. 2011, S. 251. 370 der Daten verarbei tung be troffenen Dritten, über die eben falls personen bezogene Daten auf der Platt form ab rufbar sind, können die Aus kunft zusätz lich vom dem Nutzer ver langen, der die Informa tionen über sie online ge stellt hat. Problematisch in Bezug auf Social NetworkDienste ist die Erfül lung der Aus kunft über die Empfänger bei einer Daten weitergabe. Die Aus kunfts pflicht gemäß Nr. 2 bezieht sich im Unter schied zu derjenigen gemäß Nr. 1 gemäß § 33 Abs. 1 Satz 3 BDSG aus drück lich nicht auf die ohnehin ge speicherten Daten (Dix, in: Simitis, 2011, § 34 BDSG, Rn. 23). Innerhalb eines sozialen Netz werk dienstes erfolgt die Daten übermitt lung häufig zum Beispiel durch den Aufruf der Seiten einzelner Mitglieder. Sofern die Anzahl der Abrufe vom Platt formbetreiber ge speichert werden,59 ist der Dienstanbieter demnach ver pflichtet, jeden Abruf der einzelnen Seiten durch andere Mitglieder zu proto kollie ren (Roßnagel, Jandt, Müller et al., 2006, S. 88). Diese Protokoll pflicht ist vor dem Hinter grund daten schutz konformer Social NetworkDienst eher kontraproduktiv, da durch sie deut lich mehr personen bezogene Daten von dem Dienste anbieter ver arbeitet werden müssten, als die Erforderlich keit ge bietet. Zudem sind die Protokoll daten ge eignet, das jeweilige Nutzungs verhalten detailliert nach zuvollziehen. Die Pflicht zur Benachrichti gung gemäß § 34 Abs. 1 Satz 1 BDSG ent fällt allerdings gemäß § 34 Abs. 7 BDSG, wenn auch keine Pflicht zur Benachrichti gung des Betroffenen über die er stmalige Daten speiche rung besteht. Unabhängig von der Frage des Bestehens von Unter rich tungs und Benach richti gungs pflichten ergibt sich bei der Betroffen heit von Kindern und Jugend lichen die Frage, an wen die Unter rich tung oder Benachrichti gung zu richten ist. Grundsätz lich ist der Betroffene individuell zu informie ren (Dix, in: Simitis, 2011, § 33 BDSG, Rn. 38). Bei Minderjähri gen ist jedoch nicht auszu schließen, dass das Ziel der Transparenz, eine selbst bestimmte Daten verarbei tung zu er möglichen, nicht er reicht wird, wenn diese die Informa tionen schlicht nicht ver stehen. Ebenso wie bei der Einsichts fähig keit wird daher davon aus gegangen, dass Unter rich tungen und Benachrichti gungen nur dann an den Minderjähri gen selbst zu richten sind, wenn dieser die er forder liche Ver standes reife auf weist. Anderen falls müssen die Benachrichti gungen an dessen gesetz lichen Ver treter – also in der Regel die Eltern – er folgen (Däubler, in: Däubler, Klebe, Wedde & Weichert, 2007, § 33 BDSG, Rn. 13).60 Gleiches gilt für die Erfül lung der gesetz lichen Aus kunfts pflicht gemäß § 34 BDSG. Ist der Minderjährige selbst zu informie ren, ergeben sich zudem be sondere Anforde rungen an die Aus gestal tung der Unter rich tung. Um die Transparenz 59 Bei einigen Social Networks erhält der Nutzer regelmäßig eine Auf stel lung, wie viele Personen sein Profil in einem be stimmten Zeitraum auf gerufen haben. 60 Die Art. 29Daten schutz gruppe ver tritt die Auf fassung, dass bei Minderjähri gen die Informa tionen immer dem gesetz lichen Ver treter mitzu teilen sind und nach Erreichen der an gemessenen Kompetenz auch dem Minderjähri gen, s. Art. 29Daten schutz gruppe, WP 160, S. 11. 371 zu gewährleisten, muss die Unter rich tung für den Betroffenen unmiss verständ lich und nach vollzieh bar sein (Sokol, in: Simitis, 2011, § 4 BDSG, Rn. 55). Dies er fordert auch eine adressaten gerechte Auswahl, Darstel lung und Formulie rung der er forder lichen Informa tionen. Erhöhte Anforde rungen in Bezug auf Ver ständlich keit und Nachvollzieh bar keit müssen insbesondere von Social Network Diensten be achtet werden, die sich ge zielt an Kinder und Jugend liche richten, wie zum Beispiel schülerVZ (s. auch Art. 29Daten schutz gruppe, WP 160, S. 11). 6.6 Rechte der Betroffenen Der Persönlich keits schutz insbesondere in der Aus prägung der informa tio nellen Selbst bestim mung er fordert als Voraus setzung und als Bestand teil, dass dem Betroffenen Kontroll und Mitwirkungs rechte zustehen. Ein Teil dieser Betrof fe nen rechte – Auf klä rungs und Aus kunfts ansprüche – wurden bereits als konkrete Voraus setzung für die Gewährleis tung der Transparenz ge nannt. Über den reinen Informa tions anspruch hinaus muss der Betroffene aber auch spezifi sche Mitwirkungs rechte haben, um die Daten verarbei tung ge zielt be einflussen zu können. Denn der Grundrechts eingriff wird selbst verständ lich nicht bereits dadurch zulässig und aus geglichen, dass der Betroffene darüber Kenntnis er langen kann, sondern er muss zum Beispiel die Berichti gung inhalt lich falscher oder die Löschung unzu lässiger weise er hobener personen bezogener Daten er reichen können. Normiert sind daher zugunsten der Betroffenen Korrekturrechte hinsicht lich Berichti gung, Sperrung und Löschung sowie das Recht zum Wider spruch.61 Außerdem besteht die Möglich keit, nach den allgemeinen Vor schriften Schadens ersatz einzu fordern, wenn durch die unzu lässige oder unrichtige Ver arbei tung personen bezogener Daten ein Schaden ein getreten ist. Bei den Betroffenen rechten ist zu differenzie ren, gegen wen die Ansprüche gerichtet werden können. Im Kontext der Social NetworkPlatt formen können dem Betroffenen der Daten verarbei tung sowohl gegen über dem Platt form betreiber als auch ge gebenen falls gegen über anderen Social NetworkNutzern, wenn diese personen bezogene Daten eines anderen – des Betroffenen – auf der Platt form hinter legen, Berichti gungs, Sper rungs und Löschungs ansprüche zustehen. Gegen über dem Platt formbetreiber besteht gemäß § 35 Abs. 1 Satz 1 BDSG ein Anspruch auf Berichti gung unrichti ger personen bezogener Daten. Unrichtig sind die Daten, wenn ihr Tatsachen gehalt nicht mit der Realität über einstimmt, sie unvollständig sind oder sich auf grund eines Kontext verlustes oder einer Kontext verfälschung ein falsches Bild ergibt (Dix, in: Simitis, 2011, § 35 BDSG, 61 Z. B. §§ 19, 19a, 33, 34, 35 BDSG; s. auch Wedde, 2003, Kap. 4.4, Rn. 12 ff. 372 Rn. 9). Un beacht lich ist die Ursache, die zur Unrichtig keit der Daten ge führt hat. Die Berichti gungs pflicht der daten verarbeiten den Stelle ent steht, sobald sie Kenntnis von der Unrichtig keit der Daten erhält, unabhängig von einem Berich ti gungs verlangen des Betroffenen (Dix, in: Simitis, 2011, § 35 BDSG, Rn. 9). Der Anspruch wird erfüllt, indem die unrichti gen durch die richti gen Infor ma tionen ersetzt werden.62 Lässt sich weder die Richtig keit noch die Unrichtig keit der Daten fest stellen, tritt an die Stelle des Berichti gungs anspruchs gemäß § 35 Abs. 4 BDSG ein Anspruch auf Sperrung der Daten. Sperren ist gemäß § 3 Abs. 4 Nr. 4 BDSG das Kennzeichnen ge speicherter personen bezogener Daten, so dass ihre weitere Ver arbei tung oder Nutzung ein geschränkt ist. Ein Anspruch auf Löschung personen bezogener Daten kann gemäß § 35 Abs. 2 Satz 2 BDSG insbesondere be gründet sein, wenn die Speiche rung der Daten unzu lässig war (Nr. 1), die Richtig keit von be sonde ren Arten personen bezogener Daten gemäß § 3 Abs. 9 BDSG nicht von der ver arbeiten den Stelle be wiesen werden kann (Nr. 2) oder in Bezug auf Daten, die zu Über mitt lungs zwecken ge speichert worden sind, nach Weg fall der Erforderlich keit (Nr. 4). Eine Löschung er fordert gemäß § 3 Abs. 4 Satz 2 Nr. 5 BDSG das Unkennt lich machen der personen bezogenen Daten. Im Kontext der Social NetworkDienste ist § 35 Abs. 2 Satz 2 Nr. 4 BDSG von be sonde rer Relevanz. Konkrete Voraus setzung für den Löschungs anspruch ist, dass am Ende des dritten Kalender jahres be ginnend mit dem Kalender jahr, das der er stmali gen Speiche rung folgt, eine Über prüfung erfolgt, ob eine länger währende Speiche rung für den Über mitt lungs zweck er forder lich ist. Muss die Erforderlich keit ver neint werden, sind die Daten zu löschen. Soziale Netz werk platt formen weisen zum Beispiel regelmäßig die Funktion auf, dass jedes Mitglied der Netzgemein schaft ein persön liches Profil anlegt. Diese Daten sollen in der Regel für die Dauer der Zu gehörig keit zu der Community er halten bleiben – auch wenn sie lebens läng lich ist. Ob darüber hinaus auch jede Mit tei lung, die an die Community weiter gegeben wird, von einem dauer haften Interesse für die Netzgemein schaft ist, kann nicht pauschal be antwortet werden. Während die Idee von Blogs ursprüng lich ein elektroni sches und öffent liches Tagebuch war, das durch aus die Funktion haben kann, eine Ent wick lung zu dokumentie ren und somit auch aus der histori schen Perspektive interessant sein kann, ist die Besonder heit von TwitterNachrichten,63 dass sie in Echtzeit über das Internet ver breitet werden. Je nachdem, wie der Zweck der Zurverfü gungs tellung der personen bezogenen Daten definiert wird, wäre ein Löschungs anspruch ge geben oder nicht. Die Inten tion des Gesetz gebers war auf zeit lich be fristete Über mitt lungs zwecke aus gerichtet. Auf Social NetworkPlatt formen 62 Wäre bei Wikipedia z. B. als Geburts jahr von Mark Zuckerberg 1964 ge nannt, müsste es in 1984 geändert werden. 63 Twitter wird allerdings auch als Microblog be zeichnet. 373 ist dieser Gedanke nicht ohne Weiteres über trag bar und die Gesetzes formulie rung lässt hier zumindest sehr viel Spiel raum für Diskussionen. Ein Löschungs anspruch ist aber eindeutig immer dann ge geben, wenn sich eine Person bei einem sozialen Netz werk dienst ab gemeldet hat. Schließ lich kann dem Betroffenen ein Anspruch auf Schadens ersatz zustehen. Gegen über dem Platt formbetreiber kommt für die Nutzer der Platt form ins besondere ein ver trag licher Anspruch gemäß § 280 BGB bei einer schuld haften Ver letzung der Daten schutz vorschriften, zum Beispiel einer unzu lässigen oder unrichti gen Daten verwen dung, auf Ersatz eines hierdurch ent standenen Ver mögens schadens in Betracht. Immaterielle Schäden sind dagegen nur im Aus nahmefall bei einer gravie ren den Persönlich keits verlet zung ersatz fähig, indem sie durch ein Schmerzens geld aus geglichen werden. Gegen über be troffenen Dritten besteht keine ver trag liche Haftung, so dass ein Schadens ersatz anspruch nur als Folge der Delikts haftung gemäß § 7 BDSG be stehen kann. Gegen über dem die Daten einstellen den Nutzer des Social NetworkDienstes kann sich ein Schadens ersatz anspruch des Betroffenen eben falls nur aus der Delikts haftung gemäß § 7 BDSG ergeben, insbesondere wenn die ver öffent lichten Informa tionen die Intimsphäre be treffen oder Schmähkritik und Ver unglimp fungen darstellen. In diesem Fällen besteht eine Umkehr der Beweis last für die Sorgfalts widrig keit. Die daten verarbeitende Stelle muss nach weisen, dass sie die ge botene Sorgfalt be achtet hat. 375 7 Daten schutz recht liche Rege lungs defizite Das Daten schutz recht ent hält zahl reiche Regelun gen, die grundsätz lich auf das Web 2.0 anwend bar sind. Vielfach bietet es aus reichende Lösungs ansätze für die spezifi schen daten schutz recht lichen Risiken an, obwohl im Telemedien und Bundes daten schutz gesetz keine spezifi schen Regelun gen für das Web 2.0 vor handen sind. Allerdings sind auch einige Rege lungs defizite fest zustellen. Diese sind darauf zurück zuführen, dass sich seit dem Zeitpunkt des Erlasses der einschlägi gen Vor schriften sowohl die Geschäfts modelle des Internet als auch die Technik in eine Richtung weiter entwickelt haben, die nicht vorher gesehen und ent sprechend be rücksichtigt werden konnte. Das Recht muss stetig hinsicht lich seiner Tauglich keit an den ver änderten Wirklich keits bedin gungen über prüft und ge gebenen falls an gepasst werden, sofern eine Antizipa tion recht licher Risiken und des daraus resultie ren den recht lichen Rege lungs bedarfs nicht ge lungen ist. Bis auf wenige Aus nahmen greift das gesetz liche Daten schutz konzept erst, wenn ein Umgang mit personen bezogenen Daten vor liegt. Dies ist insbesondere in Bezug auf die Weiter entwick lung der Bilderken nungs programme und Such maschinen ein er hebliches Problem. Es ist davon auszu gehen, dass in naher Zukunft Personen auf Bildern anhand biometri scher Merkmale durch Gesichts erken nungs programme eindeutig be stimmt werden können, wenn ent sprechen des Ver gleichs material zur Ver fügung steht. Findet sich im Internet nur ein Foto von einer Person im Zusammen hang mit der Nennung des bürger lichen Namens, wie dies zum Beispiel bei Stay Friends üblich ist, können zukünftig ver mutlich alle anderen Fotos im Internet, auf denen dieselbe Person ab gebildet ist, auf gefunden und zu geordnet werden. Gleichzeitig können Suchmaschinen die Bilder mit allen im Internet über die Person auf find baren Daten zusammen führen. Die Prognose über die Bestimm bar keit des Personen bezugs von Daten wird sich demnach wesent lich ver ändern.64 Um diese Risiken abzu fangen, ist 64 S. zu gesetz geberi schen Maßnahmen zur Gesichts erken nungs diensten www.heise.de/newsticker/ meldung/AignersorgtsichumGesichtserkennungsdiensteimNetz1145134. html. 376 es daher er forder lich, ver stärkt daten schutz recht liche Vor sorgerege lungen zu er lassen (Roßnagel, Pfitz mann & Garstka, 2001, S. 61; Roßnagel, 2007, S. 185 ff.). Das Daten schutz recht geht von einer eindeuti gen Rollen vertei lung der ver antwort lichen Stelle, des Betroffenen und Dritter aus und weist dementsprechend eindeutige Ver antwortlich keits bereiche zu. Das Web 2.0 stellt insofern eine be sondere daten schutz recht liche Heraus forde rung dar, als diese eindeutige Rollen vertei lung insbesondere auf Social NetworkPlatt formen faktisch nicht ge geben ist. Die daten schutz recht liche Ver antwortlich keit der daten verarbeiten den Stelle setzte ursprüng lich voraus, sowohl inhalt lich als auch technisch Einfluss nehmen zu können.65 Inhalt lich traf die ver antwort liche Stelle die Ent schei dung über Art und Umfang des Umgangs mit personen bezogenen Daten ebenso wie über die Einhal tung der daten schutz recht lichen Grundsätze der Zweck bestim mung und der Erforderlich keit. Technisch musste die ver antwort liche Stelle insbesondere auf die Daten sicher heit Einfluss nehmen können. Im Web 2.0 trennen sich die inhalt liche und die techni sche Einfluss nahmemöglich keit zunehmend. Die Inhalte werden nicht primär von den Internetdienst leistern zur Ver fügung ge stellt, sondern fast aus schließ lich von den Nutzern. Der Schwerpunkt der Internetdienst leis tung liegt in der techni schen Umset zung eines Social NetworkAngebots. Aus gehend von dieser rein tatsäch lichen Trennung ergibt sich eine kollektive Ver antwortlich keit, die sich zwar mit der Defini tion der ver antwort lichen Stelle grundsätz lich ver einbaren lässt, allerdings Rechts unsicher heiten bei der Zuord nung der daten schutz recht lichen Pflichten auf wirft. Im Bundes daten schutz gesetz fehlen Regelun gen, die auch bei einer kollektiven Ver antwortlich keit eine klare Pflichten zuwei sung er möglichen und realen Umständen aus reichend Rechnung tragen. Für die Zulässig keit der Daten verarbei tung in Social NetworkDiensten ist der Begriff der allgemeinen Zugänglich keit personen bezogener Daten von ent scheiden der Bedeu tung. Der Gesetz geber wollte durch die Erlaubnis vorschriften, die auf die allgemeine Zugänglich keit personen bezogener Daten als Voraus setzung ab stellen, einen ver fassungs verträg lichen Aus gleich zwischen der infor ma tio nellen Selbst bestim mung der Betroffenen einer seits und der in Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG dem Einzelnen garantierten Informa tions frei heit anderer seits herbei führen (Simitis, in: ders., 2011, § 28 BDSG, Rn. 184 m. w. N.). Die Kon sequenzen dieser daten schutz recht lichen Erlaubnis vorschriften für das Informa tions medium Internet sind jedoch kaum über schau bar. Es führt letzt lich dazu, dass jede im Internet allgemein zugäng liche Informa tion unabhängig von ihrem Kontextbezug, ihrer Richtig keit und der Ver wen dungs absicht durch Dritte ge nutzt werden darf. Ob unter diesen Voraus setzungen noch von einem Interessen ausgleich ge sprochen werden kann, mag be zweifelt werden. 65 Weichert, 2011, S. 253 setzt an scheinend nur die techni sche Kontroll möglich keit voraus, sieht aber in der Rollendefini tion eben falls ein Gesetzes defizit in Bezug auf soziale Netz werke. 377 Vor schriften zum Kinder und Jugendschutz im Internet finden sich im Wesent lichen im Jugendmedien schutzStaats vertrag (JMStV). Gemäß § 1 JMStV ist es das Ziel des Staats vertrags, Jugend liche vor An geboten in elektroni schen Informa tions und Kommunika tions medien zu schützen, die deren Ent wick lung oder Erziehung be einträchti gen oder ge fährden, sowie der Schutz vor solchen An geboten in elektroni schen Informa tions und Kommunika tions medien, die die Menschen würde oder sonstige durch das Strafgesetz buch geschützte Rechts güter ver letzen. Die Schutz rich tung der Vor schriften ist somit eindeutig an gebotsorientiert. Wie die Auf listung unzu lässiger An gebote gemäß § 4 Abs. 1 JMStV ver deut licht, soll ver hindert werden, dass Kinder und Jugend liche durch per se jugendgefährdende An gebote be einträchtigt werden. Nicht vom Schutz ziel des Jugendmedien schutzStaats vertrags umfasst ist allerdings ein spezifi scher Daten schutz für Kinder und Jugend liche. Ab gesehen von den Einschrän kungen hinsicht lich der Einwilli gungs und Geschäfts fähig keit66 gelten die daten schutz recht lichen Erlaubnis vorschriften gleichermaßen für Erwachsene und Minderjährige. Hierbei bleibt nicht nur die Tatsache un berücksichtigt, dass viele Kinder und Jugend liche noch kein Risikobewusstsein in Bezug auf ihre personen bezogenen Daten ent wickelt haben (s. die Experten aussagen in Kap. 6.2.1). Ergänzend sind auch die daten schutz recht lichen Transparenz anforde rungen an den Ent wick lungs stand der Kinder und jungen Erwachsenen zum Beispiel bei der Erfül lung von Informa tions pflichten anzu passen (s. Aussage der Expertin Tamara N. Kap. 6.1.2 und der Jugend lichen Kap. 3.1.1). Selbst wenn der Gesetz geber allerdings be sondere Daten schutz vorschriften für Minder jährige einführen würde, stellt sich für die Internetdienst leister das Problem der zuverlässigen Alters verifika tion, wie es bereits im Kontext der Schutz vorschriften des Jugendmedien schutzStaats vertrags auf getreten ist (BGH, NJW 2008, S. 1882 ff.). Die Ent wick lung der Personal Computer und mobilen Endgeräte sowie des Internet haben dazu ge führt, dass personen bezogene Daten in großem Umfang nicht mehr vor rangig durch Behörden und Unter nehmen, sondern gleichermaßen durch Privatpersonen erhoben, ver arbeitet und ge nutzt werden. Privatpersonen werden, da dieser Umgang mit personen bezogenen Daten nicht mehr nur für private und familiäre Tätig keiten erfolgt, eben falls zu ver antwort lichen Stellen. Die daten schutz recht lichen Erlaubnis vorschriften setzen aber immer eine Ge schäfts mäßig keit voraus, die häufig nicht ge geben sein wird. Dies führt nach dem Wortlaut der Regelun gen in § 28 und § 29 BDSG zu einer un gerecht fertigten Privilegie rung kommerzieller Anbieter. Diese kann nur durch eine analoge Anwen dung dieser Erlaubnis tatbestände auf private, nicht geschäfts mäßige Daten verarbeiter aus geglichen werden (s. Kap. 6.4.1). Für die Rechts sicher heit 66 Die Geschäfts fähig keit ist bei den daten schutz recht lichen Erlaubnis tatbeständen er heblich, die auf einem wirksamen Ver trags schluss basieren, wie z. B. § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, 1. Alt. BDSG. 378 förder licher wäre jedoch, die Rege lungs lücke durch eine explizite Regelung zu schließen. Zudem stellt die Ab hängig keit der daten schutz recht lichen Erlaubnis tat bestände von der Interessen abwä gung die Anbieter von Social NetworkDiensten vor er hebliche prakti sche Probleme. Grundsätz lich haben die Anbieter kein Eigen interesse an dem Inhalt der Informa tionen, die durch die Nutzer für andere Nutzer über die Social NetworkPlatt form zur Ver fügung ge stellt werden. Zur Über prüfung der Rechtmäßig keit der von ihnen vor genommenen Daten verarbei tung ist es aber notwendig, die Daten inhalt lich auszu werten. Denn dies ist eine Voraus setzung sowohl für die Über prüfung der Herkunft der Daten – stammen sie vom Betroffenen selbst oder von einem Dritten – als auch für die gemäß § 28 Abs. 1 Nr. 3 und § 29 Abs. 1 Nr. 2 BDSG er forder liche Interessen abwä gung. Die daten schutz recht liche Anforde rung der Interessen abwä gung beinhaltet somit selbst eine daten schutz recht liche Beeinträchti gung. Schließ lich ent sprechen auch die Benachrichti gungs pflichten nicht mehr der ver änderten Realität. Der Daten umsatz von einigen Internetdienst leistern hat mittlerweile solche Ausmaße an genommen, dass insbesondere die Pflicht zur Aus kunft über die zu einem Betroffenen ge speicherten Daten gemäß § 34 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BDSG häufig die Grenzen der Zumut bar keit für den Dienste anbieter über schreiten wird. Eine ver hältnis mäßige Einschrän kung des Aus kunfts anspruchs könnte bei Social NetworkDiensten zum Beispiel dadurch er reicht werden, dass der Aus kunfts berechtigte sein Aus kunfts begehren konkretisie ren muss. Beispiels weise könnte er nur Aus kunft be gehren, welche personen bezogenen Daten von ihm auf den Seiten einzelner CommunityMitglieder ge speichert worden sind. Dies würde dem Platt formbetreiber eine ge zielte Suche nach diesen Daten er möglichen. Ein an schau liches Beispiel für Maßnahmen des Gesetz gebers mit dem Ziel ein Rege lungs defizit zu be seiti gen, bietet § 32 Abs. 6 Satz 3 des Gesetz entwurfes zur Neurege lung des Beschäftigtendaten schutzes.67 Sollte § 32 BDSGE in das Bundes daten schutz gesetz ein gefügt werden, würde er die erste Vor schrift darstellen, die aus drück lich den Umgang mit personen bezogenen Daten reguliert, die in Social NetworkDiensten ver fügbar sind. Dem Arbeit geber soll es nicht ge stattet sein, Daten von Bewerbern aus Social NetworkDiensten zu erheben, es sei denn, die Social Community dient der Darstel lung der be ruflichen Qualifika tion der Mitglieder.68 Ziel der Vor schrift ist es, die grundsätz lich zulässige Erhebung von personen bezogenen Daten aus allgemein zugäng lichen Quellen im Kontext des Arbeits verhält nisses zu be schränken. Der Gesetz geber führt hierzu aus, dass für den Bewerber eine be sondere Interessens beeinträchti 67 Entwurf eines Gesetzes zur Regelung des Beschäftigtendaten schutzes, BTDrs. 17/4230. 68 Dem Arbeit geber wäre gemäß § 32 Abs. 6 Satz 3 BDSGE z. B. die Suche nach Bewerbern in Xing erlaubt, bei Facebook aber ver boten. 379 gung ent steht, da die Daten teil weise schon sehr alt sein können, aus dem Kontext heraus gelöst werden und der Betroffene keine Herrschaft über die Daten hatte (BTDrs. 17/4230, S. 16). Auch kann es sein, dass sie nicht von ihm selbst ein gestellt worden sind oder dass sie nicht oder nicht mehr der Wahrheit ent sprechen. Sollte dieser Gesetz entwurf gelten des Recht werden, würde § 32 Abs. 6 BDSGE gerade auch in Bezug auf Minderjährige und Jugend liche eine für das zukünftige Arbeits leben wesent liche Schutz vorschrift darstellen. Personen, die jetzt minder jährig sind, wachsen bereits mit Social NetworkDiensten auf und eine Vielzahl von ihnen ist in Social Communities aktiv. Bis zu dem Zeitpunkt, in dem sie in das Berufs leben eintreten, ent weder in einen Aus bil dungs beruf unmittel bar nach dem Schulabschluss oder erst deut lich später nach Ab schluss eines Studiums, werden schon eine Unmenge personen bezogener Daten und Bildnisse von ihnen im Internet auf find bar sein. Diese können sich für den Einstieg in das Berufs leben durch aus negativ aus wirken. Durch die Social NetworkDienste wird sich zwar nicht Art und Umfang der „Jugend sünden“ ändern. Sind sie aber einmal auf einer Social NetworkPlatt form bekannt gemacht worden, sei es als eigene Prahlerei oder als böser Scherz von Dritten, können sie grundsätz lich dauer haft und durch jeden Internetnutzer auf gedeckt werden. Eine derartige Weit sichtig keit, dieses Risiko voraus zusehen, kann von Minderjähri gen und Jugend lichen nicht er wartet werden. 381 8 Geplante Rechts ände rungen Auf nationaler Ebene ist eine Novellie rung der Daten schutz vorschriften des Telemedien gesetzes vor gesehen. Ihre Notwendig keit wird primär mit den daten schutz recht lichen Risiken von Telemediendiensten mit nutzer generierten In halten, denen insbesondere Social NetworkDienste zu gerechnet werden, be gründet. Ent sprechend sieht der Gesetz entwurf vor, Sonder vorschriften für diese Dienste einzu führen. Nahezu zeit lich parallel wurde auf europäi scher Ebene die HerkulesAufgabe der Reform des europäi schen Daten schutz rechts in Angriff ge nommen. Die Europäi sche Kommission be absichtigt, die bisherige Daten schutz richtlinie69 durch eine „Daten schutzGrund verord nung“ und den Rahmen beschluss zur Daten verarbei tung im Bereich der Straf verfol gung und Gefahren abwehr70 durch eine ent sprechende Richtlinie zu er setzen (s. Hornung, ZD 2012, S. 99 ff.). In dem Ent wurf einer „Ver ordnung zum Schutz natür licher Personen bei der Ver arbei tung personen bezogener Daten und zum freien Daten verkehr“ (KOM, 2012, 11 endg. – im Folgenden DSGVOE) ist unter anderem eine detaillierte Regelung zum Daten schutz bei Kindern vor gesehen. 8.1 Novellie rung des Telemedien gesetzes Am 8. Juli 2011 hat der Bundesrat einen Ent wurf zur Änderung des Telemedien gesetzes in den Bundestag ein gebracht.71 Mit diesem Gesetz gebungs vorhaben wird das Ziel ver folgt, den Daten schutz in Social NetworkDiensten zu ver bessern. Kernrege lung ist die Einfüh rung eines neuen § 13a TMGE, der eine Reihe zusätz licher Pflichten für Anbieter von Telemedien mit nutzer generierten 69 Richtlinie 95/46/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 24. Oktober 1995 zum Schutz natür licher Personen bei der Ver arbei tung personen bezogener Daten und zum freien Daten verkehr (Daten schutz richtlinie). 70 Council Framework Decision 2008/977/JHA of 27 November 2008 on the protection of personal data processed in the framework of police and judicial cooperation in criminal matters. 71 Gesetz entwurf zur Änderung des Telemedien gesetzes vom 8. 7. 2011, BRDrs. 156/11. 382 Inhalten vor sieht. In dieser Norm ist zudem eine Sonder rege lung zum Minder jährigen schutz in Social NetworkDiensten vor gesehen. Durch die Änderung von § 13 Abs. 1 TMG soll allgemein die Transparenz der Daten verarbei tung durch die Erweite rung der Informa tions pflichten und zusätz liche Anforde rungen an ihre Darstel lung ver stärkt werden. Eine Spezial vorschrift für Social NetworkDienste findet sich in § 13 Abs. 4 TMGE. Gemäß Nr. 3 der Norm sollen die Dienste anbieter zur Einfüh rung eines neuen Bedien elements – eines Lösch knopfs für das Nutzer konto – ver pflichtet werden. Ein Nutzer konto ist gemäß § 2 Satz 1 Nr. 3 TMGE das persön liche Daten konto eines Nutzers bei einem Telemediendienst, be stehend aus Bestands daten und ge gebenen falls zusätz lichen personen bezogenen Daten, durch das der Nutzer die zugangs beschränkten Funktionen dieses Telemediendienstes nutzen kann. Der Lösch knopf soll dem Nutzer eine einfache, jederzeit ver fügbare und schnelle Möglich keit bieten, dem Anbieter mitzu teilen, dass er sein Nutzer konto löschen möchte.72 Die Umset zung der Löschung erfolgt allerdings erst durch den Anbieter selbst (BTDrs. 17/6765, S. 9). Durch § 3 Abs. 4 Nr. 4 TMGE werden Anbieter von Social NetworkDiensten zudem ver pflichtet, eine Löschroutine für Nutzer konten einzu halten. Die Funk tions weise von Social NetworkPlatt formen ist auf ein Dauernut zungs verhältnis aus gelegt. In der wenn auch kurzen Geschichte dieses Dienstangebots ist jedoch zu be obachten, dass häufig nach einer mehr oder weniger intensiven Nutzungs phase, der Dienst bei den Nutzern nach und nach in Ver gessen heit gerät. Der Nutzer trifft in der Regel keine be wusste Ent schei dung darüber, ab welchem Zeitpunkt er den Dienst nicht mehr in Anspruch nehmen möchte, so dass das Nutzungs verhältnis auch nicht durch einen be wussten Akt beendet wird. Der Anbieter selbst hat kein Interesse, ein Nutzungs konto zu löschen, selbst wenn es über einen langen Zeitraum nicht in Anspruch ge nommen wurde. Die Einfüh rung der Löschroutine soll ver hindern, dass beim Anbieter umfang reiche „Daten friedhöfe“ ent stehen, deren Risikopotenzial für die Persönlich keits rechte des Nutzers nicht automatisch durch den Zeitablauf ver ringert wird. Die Löschungs pflicht ent steht mit Ablauf des Jahres, das dem Jahr der letzten Nutzung folgt. Diese etwas umständ liche Frist fest legung dient dem Interesse des Anbieters, nicht täglich und individuell bezogen auf jeden einzelnen Nutzer die Löschroutine praktizie ren zu müssen, denn dies wäre mit einem un verhältnis mäßigen Aufwand ver bunden (BTDrs. 17/6765, S. 9). Eine Spezial vorschrift nur für Dienste angebote mit nutzer generierten Inhal ten, wie sie insbesondere Social NetworkDienste darstellen, ist § 13a TMGE. Gemäß Abs. 1 der Norm sollen die Anbieter dazu ver pflichtet werden, vor der ersten Nutzung eines Kontos die Sicher heits einstel lungen auf der höchsten 72 Eine aktive Unter stüt zung bei der Löschung von Daten schlagen auch die Medien experten als ge eignete Maßnahme vor und sehen diesbezüg lich den Gesetz geber in der Pflicht s. Kap. 6.2.1 S. 24 und 25. 383 Sicher heits stufe gemäß dem Stand der Technik vor einzustellen73 und die Nutzer über diese Vor einstel lungen zum Schutz der Privatsphäre zu unter richten.74 Es ist zwingend, die Einstel lungs möglich keit anzu bieten, dass das Nutzer konto sowie sonstige nutzer generierte Inhalte nicht von externen Suchmaschinen ge funden oder aus gelesen werden können. Diese Einstel lung muss bei Nutzern unter sechzehn Jahren solange aktiviert bleiben, bis sie das Alter von sechzehn Jahren er reicht und die Sicher heits einstel lung geändert haben.75 Gemäß Abs. 2 der Norm sind die Nutzer über Risiken für Daten schutz und Persönlich keits rechte der Nutzer und auch Dritter zu unter richten. Alle nutzer generierten Inhalte des Nutzers sind im Fall der Löschung des Nutzer kontos zu löschen oder zu anonymisie ren. Diese Regelun gen zu den Sicher heits einstel lungen zielen insgesamt auf die Ver besse rung des Selbst daten schutzes und damit der Selbst bestim mung ab. In der Ver gangen heit waren die Sicher heits einstel lungen der Anbieter, sofern sie denn einen ab gestuften Daten schutz er möglichten, auf dem niedrigsten Niveau vor eingestellt. Unmittel bar nach der ersten Anmel dung zum Social Network Dienst stehen für den Nutzer die ver schiedenen Funktionen des Dienstes und seine Nutzungs optionen im Vordergrund und nicht die Sicher heits einstel lungen, die zudem in der Regel schwer auf find bar sind. Dem Risiko, dass die Möglich keit von Sicher heits einstel lungen über haupt erst wahrgenommen wird, wenn die Daten des Nutzers in nicht von ihm ge wollten Umfang ver arbeitet werden, soll durch die Pflicht der Vor einstel lung der höchsten Sicher heits stufe be gegnet werden. Ein niedrige res Sicher heits niveau muss bewusst vom Nutzer ein gestellt werden. Es ist davon auszu gehen, dass er sich dabei der jeweili gen Konsequen zen bewusst ist. Inwieweit durch diese Ver pflich tung der Dienste anbieter tatsäch lich eine Ver besse rung des Nutzer daten schutzes er reicht werden kann, ist allerdings frag lich, da flankierend keine grundsätz liche Pflicht normiert wurde, be stimmte Sicher heits einstel lungen in den Dienst zu implementie ren. Eine Aus nahme hiervon stellt die Regelung gemäß § 13a Abs. 1 Satz 3 TMGE dar. Es muss die Einstel lungs möglich keit vor handen sein, die perso nen bezogenen Daten vor einem Auf finden durch externe Suchmaschinen zu schützen (BTDrs 17/6765, S. 10). Diese Regelung soll primär die Zweck bindung der Daten gewährleisten. Grundsätz lich er fordert die Nutzung von Social NetworkDiensten eine NutzerAnmel dung. Dadurch wird der Eindruck sugge riert, dass die personen bezogenen Daten nur von legitimierten Nutzern des Social NetworkDienstes ein gesehen werden können. Die Regelung dient der Lösung des Problems, dass derzeit häufig die auf den Nutzer kreis be grenzte 73 Dieser Ansatz wird als privacy by default be zeichnet. 74 Eine Ver einfachung der Privatsphäre einstel lungen wird auch allgemein von den Medien experten ge fordert s. Kap. 6.2.1 S. 23 f. und 25 und Kap. 6.2.2. 75 Von den Experten wurde allgemein vor geschlagen, dass Internetdienst leister Neuerun gen des Dienstes nicht einführen dürfen, ohne dass sie zuvor von den Nutzern aktiviert werden, s. Kap. 6.2.1 S. 25 und Kap. 6.2.2. 384 Kenntnis nahme der Daten durch deren Auf find bar keit durch externe Such maschinen und die Anzeige als Suchergebnis unter laufen wird. Die daten schutz recht liche Wirkung dieser Vor schrift sollte allerdings nicht über schätzt werden, da durch das Anmelde erfordernis letzt lich rein faktisch niemand der Zugang zu Social NetworkPlatt formen ver weigert wird. Daneben erzeugt die Vor schrift aber noch eine weitere, in der Gesetzes begrün dung nicht er wähnte Rechts wirkung. Personen bezogene Daten, die über Suchmaschinen auf find bar sind, gelten gleichzeitig als Daten, die allgemein zugäng lich sind. Auf dieses Kriterium stellen mehrere daten schutz recht liche Erlaubnis tatbestände ab – wie z. B. § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 oder § 29 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 BDSG – und be gründen damit, dass die Daten zu be liebigen Zwecken ver wendet werden dürfen, sofern nicht ein offensicht lich über wiegen des Interesse des Betroffenen am Aus schluss der Ver arbei tung besteht. § 13a Abs. 1 Satz 3 TMGE hat somit den Nebeneffekt, dass der Wirkungs bereich dieser gesetz lichen Erlaubnis tatbestände deut lich ein geschränkt wird, wenn der Nutzer die Einstel lung aktiviert hat. Allerdings bietet die Einschrän kung in § 13a Abs. 1 Satz 4 TMGE, dass Satz 3 nicht für Telemediendienste gelten soll, deren Zweck bei objektiver Betrach tung die Auf find bar keit oder Ausles barkeit von Inhalten mittels externer Suchmaschinen umfasst, viel Raum für eine Umgehung dieser Sicher heits einstel lung. Als Beispiel für derartige Dienste werden in der Gesetzes begrün dung allgemein zugäng liche Blogs und Diskus sions foren – sofern sie nicht Bestand teil eines Social NetworkDienstes sind – ge nannt. Die gleiche Funktion beinhaltet derzeit die häufig an gebotene Möglich keit, personen bezogene Daten nur zur Kenntnis nahme durch be stimmte Nutzer innerhalb des Social Network Dienstes – zum Beispiel „Freunde“ oder „Freunde und deren Freunde“ – freizugeben. Hierdurch wird regelmäßig auch die Auf find bar keit durch Such maschinen technisch unter bunden. Durch die vor gesehene gesetz liche Regelung wird somit ein Mindest schutz niveau an gestrebt, das allerdings durch differen zierte und effektivere Einstel lungs möglich keiten, die bereits häufig in der Praxis an geboten werden, ver bessert werden kann.76 Im Zusammen hang mit der Einstel lungs möglich keit zur Auf find bar keit der Daten auf Social NetworkPlatt formen durch Suchmaschinen ist in dem Gesetz entwurf auch eine Stärkung des Minderjährigen schutzes vor gesehen. Personen unter sechzehn Jahren dürfen keine Einwilli gung zur Ausles barkeit und Auf find bar keit ihrer personen bezogenen Daten in Suchmaschinen geben. Da der Gesetz geber davon aus geht, dass eine zuverlässige Alters verifika tion nicht möglich oder mit einem unzu mutbaren Aufwand für die Dienste anbieter ver bunden ist, greift dieser Minderjährigen schutz allerdings nur bei denjenigen Nutzern, die bei der Anmel dung selbst ein Alter unter sechzehn Jahren an 76 S. hierzu Ver haltens subkodex für Betreiber von Social Communities der FSM, 12 f., ab rufbar unter http:// www.fsm.de/inhalt.doc/VK_Social_Networks. pdf. 385 geben. Die Anbieter dürfen auf die Alters angabe der Nutzer ver trauen. Diese Regelung ist kaum ge eignet, einen effektiven Daten schutz für Minderjährige zu gewährleisten. Die be sonde ren Vor schriften werden nur er forder lich, weil gerade nicht davon aus gegangen werden kann, dass Minderjährige die Risiken von Social NetworkDiensten für ihren Persönlich keits schutz einschätzen kön nen. Warum sollten sie dann aber bei der Nutzung von Social NetworkDiensten ihr Alter zutreffend an geben, wenn sie sich dadurch Nutzungs möglich keiten der Social NetworkDienste ab schneiden? § 13a Abs. 2 TMGE kommt neben der Transparenz funk tion eine weitere daten schutz recht liche und auch eine jugendschutz recht liche Funktion zu. Die Auf klärung der Nutzer von Social NetworkPlatt formen über die Risiken der Ver öffent lichung von personen bezogenen Daten soll nicht nur be wirken, dass sie in Bezug auf die Bereit stel lung ihrer eigenen personen bezogenen Daten eine größere Sorgfalt walten lassen. Indem die Nutzer darauf auf merksam ge macht werden, dass die Einstel lung personen bezogener Daten Dritter nur mit deren vor heri ger, schrift licher Einwilli gung rechtmäßig ist, soll das Ver antwor tungs bewusstsein der Nutzer von Social NetworkDiensten an gesprochen werden. Nur so kann auch der Daten schutz derjenigen Nutzer oder auch NichtNutzer der Netz werke ge stärkt werden, deren Daten von anderen ver öffent licht werden (BTDrs. 17/6765, S. 11). Diese eindeutige Rechts lage wird den wenigsten Nutzern von Social NetworkDiensten bekannt sein, so dass Auf klä rungs bedarf besteht. Der Jugendschutz wird in dieser Norm adressiert, indem die Warnhin weise nicht nur in allgemein ver ständ licher, sondern in einer für den Nutzer ver ständ lichen Form an geboten werden müssen. Der Dienste anbieter hat bei der Formu lie rung und beim Umfang der Unter rich tungs pflichten die Auf fassungs fähig keit seiner potenziellen Kunden zu be rücksichtigten. Richtet sich eine Soziale Netz werk platt form ge zielt an Kinder und Jugend liche, müssen die Informa tionen für diese ver ständ lich sein (BTDrs. 17/6765, S. 11). Die in § 13a Abs. 3 TMGE vor gesehene Ver pflich tung bei einer Löschung des Nutzer kontos auch alle nutzer generierten Inhalte eines Nutzers zu löschen, be gründet nicht erst die Rechtspf licht, sondern dient dazu, Rechts unsicher heiten zu ver meiden (BTDrs. 17/6765, S. 12).77 Eine wesent liche Eigen schaft von Social NetworkDiensten ist es, dass die Beiträge der Nutzer unter einander ver netzt werden, so dass Informa tionen von und über eine Person nicht nur in ihrem „Nutzer konto“ vor handen, sondern im gesamten Netz werk ver teilt sind. Um zweck widrige Ver wendungen der personen bezogenen Daten zu ver meiden, muss der Nutzer die Gewiss heit haben, dass bei einem Aus tritt aus dem Netz werk alle Daten über ihn ge löscht werden. Nur aus nahms weise ist gemäß § 13a 77 Die Pflicht zur Löschung der personen bezogenen Nutzer daten ergibt sich bereits aus der allgemeinen Löschungs pflicht gemäß § 35 Abs. 2 Satz 2 BDSG, die mit der Beendi gung des Nutzungs verhält nisses besteht. 386 Abs. 3 Satz 2 TMGE die Anonymisie rung der Daten aus reichend. Diese und die in § 13 Abs. 4 Nr. 3 und Nr. 4 TMGE normierte Löschungs pflicht sind zwar grundsätz lich daten schutz fördernd, dennoch be stehen gegen sie auch Bedenken. Sie suggerie ren dem Nutzer, er könnte die Daten tatsäch lich aus der Welt schaffen. Das ist jedoch auf grund der welt weit möglichen Speiche rung aller einmal im Internet ver öffent lichten Daten ein gefähr licher Trugschluss. Ab gesehen von den bereits dargelegten Kritik punkten ist es grundsätz lich zu be grüßen, dass der Gesetz geber das Daten schutz recht auf grund der Ent wick lung des An gebots der Social NetworkDienste novellie ren möchte. Aller dings reichen die vor gesehen Regelun gen nicht aus, um die dargestellten Rege lungs defizite zu be seiti gen (s. Kap. 7). Der Gesetzes entwurf sieht keine Vor sorgerege lungen für den Umgang mit nicht personen bezogenen Daten vor, zu denen sich auf grund der fortschreiten den Technik entwick lung, zum Beispiel bei der Bilderken nungs software, ver mutlich sehr bald ein Personen bezug her stellen lassen wird. Das Problem der kollektiven Ver antwortlich keit – insbeson dere der immer weiter zunehmen den Daten verarbei tung durch Private zu nicht geschäfts mäßigen Zwecken – wird eben falls keiner Lösung zu geführt (s. aus führ lich Jandt & Roßnagel, ZD 2011, S. 160). Schließ lich kommt der Gesetz geber seiner Pflicht zum Schutz der Jugend nicht aus reichend nach, wenn er auf eine gesetz lich ver pflichtende Alters verifika tion ver zichtet. Dabei ist zu be rücksichti gen, dass die Alters verifika tion nicht nur im Zusammen hang mit § 13a Abs. 1 Satz 5 TMGE er forder lich ist, sondern bereits, um die Voraus setzungen der Zulässig keit der Daten verarbei tung über prüfen zu können (Kap. 5.3.2; Jandt & Roßnagel, MMR 2011, S. 673). Mit der Einfüh rung des elektroni schen Personal ausweises, zu dessen Besitz jeder Bundes bürger ab sechzehn Jahren ver pflichtet ist, gibt es eine kosten günstige und sichere Möglich keit der Alters verifika tion. Dies sollte sich auch in den daten schutz recht lichen Vor schriften nieder schla gen. Die Anpas sung des Daten schutz rechts an die Heraus forde rungen der neuen Technik entwick lung und der neuen Dienste angebote wird aber vor allem nicht dadurch er reicht, dass das be stehende Daten schutz recht um einzelne spezifi sche Vor schriften ergänzt wird. Dabei wird über sehen, dass der grundsätz liche Interessen ausgleich, der durch viele be stehende Regelun gen erzielt werden soll, auf nicht mehr ge gebenen tatsäch lichen Grundannahmen basiert. Dies ist bei den Erlaubnis tatbeständen, die an das Kriterium der allgemeinen Zugänglich keit personen bezogener Daten an knüpfen, be sonders deut lich. Als diese Vor schriften er lassen worden sind, existierte das Internet noch nicht mit der Möglich keit, dass jeder eine potenziell un begrenzte Anzahl von Informa tionen einer potenziell un begrenzten Anzahl von Personen zugäng lich machen konnte. Allgemein zugäng lich waren vor allem Daten in Zeitschriften, Büchern oder auf Flugblättern – alles Medien, die einen deut lich geringe ren Ver brei tungs grad auf weisen und die zudem nicht jedem für die Ver öffent lichung von Informa 387 tionen zur Ver fügung standen. Daher ist es er forder lich, alle be stehen den Vor schriften auf ihre Konsequenzen auf Social NetworkDienste im Einzelnen zu über prüfen. Dies wird dazu führen, dass eine grundsätz liche Neukonzep tion des Daten schutz rechts er forder lich ist. 8.2 Reform des europäi schen Daten schutz rechts Am 25. Januar 2012 hat die EUKommission einen lange er warteten Vor schlag für die Reform des europäi schen Daten schutz rechts vor gelegt. Kernbestand teil ist der Ent wurf einer „Daten schutzGrund verord nung“. Der Wechsel des europa recht lichen Instruments zur Regulie rung des Daten schutz rechts von einer Richtlinie hin zu einer Ver ordnung hat weitreichende recht liche Folgen für die Mitgliedstaaten (Hornung, ZD 2012, S. 100). Bezogen auf den Daten schutz auf Social NetworkPlatt formen sind insbesondere die materiellrecht lichen Konse quenzen relevant. Dem nationalen Gesetz geber wäre es – sofern die Daten schutzGrund verord nung gelten des Europarecht werden würde – zukünftig bis auf spezifisch normierte Aus nahmen ver wehrt, konkretisierende nationale Bestim mungen zu er lassen. Die Daten schutzGrund verord nung würde die Daten schutz vorschriften des Telemedien gesetzes einschließ lich der ge planten Neurege lung und das Bundes daten schutz gesetz nahezu gegen stands los werden lassen. Maß geblich für die daten schutz recht liche Bewer tung von Social Network Diensten wäre dann primär das Europarecht. Im Unter schied zur europäi schen Daten schutz richtlinie (DSRL) und zum aktuellen nationalen Daten schutz recht sind in der Daten schutzGrund verord nung Detail rege lungen zum Daten schutz bei Kindern vor gesehen. Gemäß Art. 4 Abs. 8 DSGVOE sind Kinder alle Personen unter achtzehn Jahren. Die be sondere Schutz bedürftig keit von Kindern wird damit be gründet, dass sich diese den Risiken, Folgen, Vor sichts maßnahmen und ihrer Rechte bei der Ver arbeitung personen bezogener Daten weniger bewusst seien (Erwä gungs grund 29 DSGVOE). Die wichtigste Regelung in Art. 8 Abs. 1 DSGVOE gilt allerdings aus drück lich nur für Kinder bis zum vollendeten dreizehnten Lebens jahr. Die Ver arbei tung personen bezogener Daten von Kindern bis zu dieser Alters grenze ist nur rechtmäßig, wenn die Einwilli gung oder Zustim mung der Erziehungs berechtigten vor liegt. Diese stringente Regelung erfährt allerdings durch Art. 8 Abs. 1 Satz 2 DSGVOE eine starke Ab schwächung, da der für die Ver arbei tung Ver antwort liche unter Berücksichti gung vor handener Techno logien ledig lich an gemessene Anstren gungen unter nehmen muss, um eine nach prüf bare Einwilli gung zu er halten. Des Weiteren soll dem Daten schutz von Minderjähri gen durch Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVOE Rechnung ge tragen werden. Im Daten schutz recht ist die Zulässig keit der Ver arbei tung personen bezogener Daten häufig durch eine 388 Interessen abwä gung zu be urteilen (s. Kap. 5.3.3). Hierbei sind die be rechtigten Interessen der daten verarbeiten den Stelle den Interessen der be troffenen Person am Schutz ihrer personen bezogenen Daten gegen über zustellen. Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVOE geht im Grundsatz davon aus, dass eine für die Interessen der daten verarbeiten den Stelle er forder liche Daten verarbei tung erst dann nicht mehr zulässig ist, wenn die Interessen des Betroffenen über wiegen. Dieses Über wiegen kann ent sprechend der weiteren Formulie rung insbesondere dann vor liegen, wenn es sich bei der be troffenen Person um ein Kind handelt. Durch diesen Zusatz soll allerdings der dargestellte Grundsatz des für die Unzulässig keit er forder lichen über wiegen den Interesses des Betroffenen nicht zugunsten des Kindes ver schoben werden, sondern es ist ledig lich eine be sonders sorg fältige Interesseabwä gung er forder lich (Erwä gungs grund 38 DSGVOE). Dem Zusatz kommt somit eine klarstellende Funktion zu, indem darauf hin gewiesen wird, dass die be sondere Schutz bedürftig keit von Kindern immer bei der Interessen abwä gung zu be rücksichti gen ist. Gegen über der bisheri gen Rechts lage nach nationalem Daten schutz recht würde diese Vor schrift keine Änderung be wirken, sondern unter Berücksichti gung der Erwä gungs gründe ledig lich zu einer Klarstel lung führen (s. Kap. 5.3.3). Der Daten schutz von Minderjähri gen soll auch durch die Umset zung von Transparenz anforde rungen ver bessert werden. Gemäß Art. 11 Abs. 2 DSGVE sind durch die daten verarbeitende Stelle alle Informa tionen und Mittei lungen in ver ständ licher Form unter Ver wendung einer klaren, einfachen und adressaten gerechten Sprache zur Ver fügung zu stellen. Richtet sich die Daten verarbei tung speziell an Kinder, konkretisiert sich diese Anforde rung zu einer kindgerechten Sprache (Erwä gungs grund 46 DSGVOE). Diese Regelung korrespondiert mit dem hierfür fest gestellten Rege lungs bedarf (s. Kap. 7) und würde insofern eine Rechts lücke schließen, die aktuell im nationalen Daten schutz recht besteht. Allerdings ist die Wirksam keit der in der Daten schutzGrund verord nung vor gesehenen Regelung ungewiss. Erstens ergibt sich die Konkretisie rung für die Minderjähri gen nicht unmittel bar aus der Vor schrift der Ver ordnung, sondern nur aus den er gänzen den Erwä gungs gründen. Zweitens handelt es sich nicht um eine zwingende Norm, wie der Formulie rung „sollten“ statt „müssen“ zu ent nehmen ist, so dass die Nichteinhal tung ver mutlich keine Rechts folgen aus lösen wird. Drittens – und dies wiegt am schwersten – steht diese Transparenz anforde rung unter der Einschrän kung, dass sich die Daten verarbei tung speziell an Kinder richtet. Die Social NetworkDienste, die sich bei Kindern und Jugend lichen aktuell der größten Beliebt heit er freuen, sind gerade kein aus drück lich an diese gerichte tes An gebot, sondern sie werden auch rein faktisch gleichermaßen von Erwachsenen ge nutzt. Dies hätte ver mutlich zur Folge, dass die Transparenz anforde rung für Kinder und Jugend liche vielfach nicht greifen würde. 389 Die Daten schutzGrund verord nung trägt auch im Zusammen hang mit dem in Art. 17 Abs. 1 vor gesehenen Recht auf Ver gessen werden dem Minderjährigen schutz Rechnung. Mit diesem Recht soll dem Grundsatz, dass das Internet auf grund seiner techni schen Infrastruktur nichts ver gisst, ent gegen getreten werden. Die daten verarbeitende Stelle soll bei einer Ver öffent lichung der Daten ver pflichtet werden, alle ver tret baren Schritte zu unter nehmen, um Dritte, die die Daten ver arbeiten, über die Löschung der Quell daten und die daher er forder liche Löschung der Quer verweise auf diese Daten oder von Kopien oder Replika tionen zu informie ren. Es ist sehr zweifel haft, inwieweit dieses Recht auf Ver gessen werden zu einem gegen über dem Löschungs anspruch ver besserten Daten schutz führen kann (Hornung, ZD 2012, 103). Gegen über der in § 13a Abs. 3 TMGE vor gesehenen spezifi schen Löschungs pflicht nutzer generierter Inhalte bei einer Löschung des Nutzer kontos würde diese Regelung allerdings einen weiter reichen den Daten schutz gewährleisten. Schließ lich wird der Daten schutz von Kindern in Art. 33 Abs. 2 lit. d DS GVOE als spezifi sches Risiko hervor gehoben, so dass der für die Ver arbei tung Ver antwort liche vorab immer zu einer Daten schutzFolgen abschät zung ver pflichtet ist. 390 Literatur Art. 29Daten schutz gruppe (2009). Stellung nahme 2/2009 zum Schutz der personen bezogenen Daten von Kindern (Allgemeine Leitlinien und Anwen dungs fall Schulen). WP 160. Art. 29Daten schutz gruppe (2009). Stellung nahme 5/2009 zur Nutzung sozialer Online Netz werke. WP 163. Art. 29Daten schutz gruppe (2010). Stellung nahme 1/2010 zu den Begriffen „für die Ver arbei tung Ver antwort licher“ und „Auf trags verarbeiter“. WP 169. Auernhammer, H. (1993). Bundes daten schutz gesetz: Kommentar. Köln: Heymanns Verlag GmbH. Bäumler, H., Breinlinger, A. & Schrader, H.H. (2003). Daten schutz von AZ. Neuwied: HaufeLexware. Beckedahl, M. (2011, 7. Juni). Facebook aktiviert automati sche Gesichts erken nung. Netzpolitik Online. 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Ver fügbar unter: www.zeit.de/online/2009/08/facebookagbsgeschaeftsbedingungenprotest 413 2 Hand lungs empfeh lungen an die Medien pädagogik Gabi Reinmann unter Mitarbeit von JanMathis Schnur 2.1 Akteure und Adressaten von Hand lungs empfeh lungen Wenn es im Rahmen dieser Studie ab schließend darum geht, Hand lungs empfeh lungen an die Medien pädagogik zu geben, muss man zunächst einmal genauer spezifizie ren, wer „die Medien pädagogik“ ist. Da hier nicht der Ort einer akademi schen Begriffs bestim mung (Schiefner, 2011; Tulodziecki, 1997) sein kann, sondern an gesichts der Ziele der Studie eine pragmati sche Antwort ver langt wird, kann man ver einfacht fest halten: Medien pädagogik muss Wissen schaft und Praxis gleichermaßen umfassen und sich letzt lich auch an konkreten Personen und Personen gruppen festmachen. Folglich bilden medien pädagogisch arbeitende Wissen schaftler, Lehrer und Pädagogen außerhalb der Schule (z. B. in Jugendeinrich tungen) zusammen „die Medien pädagogik“ bzw. Akteure der Medien pädagogik. Die Akteure aus der medien pädagogi schen Praxis sind aber gleichzeitig auch Adressaten von Hand lungs empfeh lungen. Letzteres gilt ebenso für weniger medienaffine und erfahrene Lehrer und Pädagogen oder mit pädagogi schen Auf gaben be traute Personen außerhalb der Schule, die mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen inter agie ren und prinzipiell Einfluss auf diese bzw. auf deren Kennt nisse, Fähig keiten und Haltun gen im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen nehmen können. Zu diesen kommen die Eltern, die eben falls nur in Aus nahmefällen (z. B. auf grund be stimmter Berufe oder spezieller Sozialisa tions erfah rungen) be sonders medienaffin und erfahren sind und damit meistens einen Bedarf an Hand lungs empfeh lungen haben. Einfluss nehmen schließ lich auch die Medien auf das Bewusstsein und die Ver haltens weisen Jugend licher und junger Erwachsener in OnlineCommunities, ohne aber Akteure speziell der Medien pädagogik zu sein. Die jungen Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen sind die primäre Zielgruppe aller Maßnah men; ihr Denken und Handeln ist somit auch das eigent liche Ziel aller Emp feh lungen. 414 Die nach folgende Abbil dung ver deut licht, dass Wissen schaftler sowie medien affine und erfahrene Lehrer und Pädagogen außerhalb der Schule (Experten, wie auch wir sie interviewt haben) zusammen die Akteure medien pädagogi scher Hand lungs empfeh lungen bilden: Die Theorien, empiri schen Erkennt nisse, prakti schen Erpro bungen und Erfah rungen sowie im besten Fall die wissen schaft lich initiierten und/oder beglei teten Ent wick lungs und For schungs projekte dieser Akteure können Hinweise für eine be rechtige Formulie rung von Empfeh lungen geben. Diese richten sich an Eltern, weniger medien affine und erfahrene Lehrer und Pädagogen, die mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen zu tun haben, oder auch direkt an die Jugend lichen und jungen Erwachsenen. Eine Sonder stel lung nehmen die Medien ein, die wissen schaft liche Erkennt nisse oder auch Thesen auf nehmen, bisweilen eigen willig filtern und oftmals direkt von den jungen Nutzern Sozialer Netz werk platt formen, aber natür lich auch von Eltern, Pädagogen und anderen Bezugs personen rezipiert werden. Wichtig ist, dass es immer auch Rück wirkun gen der Adressaten solcher Empfeh lungen auf die Akteure gibt. Abbil dung 33: Akteure und Adressaten medien pädagogi scher Hand lungs empfeh lungen Wenn man sich den Informa tions fluss zwischen Akteuren und Adressaten medien pädagogi scher Hand lungs empfeh lungen vor Augen hält, wird deut lich, dass diese auf ihrem Weg vielfälti gen Ver ände rungs und Anpassungs prozessen aus gesetzt sein können. Das kann vor teil haft sein, weil auf diese Weise eventuell zu praxis fern formulierte Empfeh lungen an be stehende Erforder nisse an gepasst werden. Es kann sich aber auch nach teilig aus wirken, vor allem, wenn die Adressaten in ihrer Rolle als pädagogi sche Akteure eine mangelnde Offen heit Wissenschaftler/innen Medienaffine und -erfahrene Lehrer/innen Medienaffine und -erfahrene Pädagogen Eltern Lehrer/innen Pädagogen Jugendliche und junge Erwachsene Medien MedienMedien 415 mitbringen und/oder die er haltenen Empfeh lungen nur unter einer speziellen, eventuell ein geschränkten Perspektive wahrnehmen, ver stehen und umsetzen können. Diese Hinweise sollen den Empfeh lungs teil nicht ver komplizie ren, sondern nur darauf auf merksam machen, dass das vielschichtige Beziehungs und Kommunika tions geflecht zwischen Akteuren und Adressaten bei der Weiter gabe und Umset zung medien pädagogi scher Empfeh lungen be rücksichtigt werden muss. Als Grundlage der folgen den Hand lungs empfeh lungen für Eltern, Lehrer und Pädagogen sowie Personen mit pädagogi schen Auf gaben außerhalb der Schule (z. B. in Jugendeinrich tungen) werden die Ergeb nisse sowohl des quanti tativen als auch des qualitativen Teils der vor liegen den Studie heran gezogen und mit Erkennt nissen aus anderen Forschungs projekten sowie der aktuellen Theorielage ver bunden. Für die Struktur der Empfeh lungen leitend sind die Ergeb nisse der Experten interviews, in welchen insgesamt 13 Fachleute aus den Domänen Schule, Jugendarbeit und Medien ihre Empfeh lungen für eine wirk same Kompetenzförde rung dargelegt haben (vgl. Teil II Kap. 6). Die folgen den Empfeh lungen werden zu zwei Gruppen ge bündelt, die jeweils ein be sonde res Span nungs feld im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen thematisie ren: zum einen das Span nungs feld zwischen Wissen und Handeln, in welchem wir die beiden zentralen Interven tionen des Sensibilisierens und des Aktivierens einordnen werden, und zum anderen das Span nungs feld zwi schen Steue rung und Kontroll verlust, in welchem wir zwei Heraus forde rungen für einen kulturellen Wandel – Beteili gung und Ver ände rung – positionie ren werden. In beiden Empfeh lungs gruppen werden wir jeweils Vor schläge für die Familie, die Schule und Jugendeinrich tungen formulie ren. 2.2 Empfeh lungen für das Handeln im Span nungs feld Wissen und Handeln 2.2.1 Das Span nungs feld Wissen und Handeln Informa tions und Dialogangebote sind die am nächsten liegen den pädagogi schen Interven tionen, wenn man fest stellt, dass das Wissen und Risikobewusst sein von Jugend lichen und jungen Erwachsenen im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen nicht hoch ist oder zumindest nicht aus reicht. Informa tion und Dialog sind adäquate Maßnahmen, um junge Nutzer für die Gefahren, aber auch Chancen Sozialer Netz werk platt formen zu sensibilisie ren und sie wissen der zu machen. Die Ergeb nisse der vor liegen den Studie legen nahe, dass speziell das Risikowissen der Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen höher ist als noch vor ein paar Jahren, was auf jeden Fall auch auf einen ge wissen Erfolg zahl reicher Informa tions angebote und Medien berichte zurück geführt 416 werden könnte. Auf die Bedeu tung der Medien zur Ver brei tung einer Art „Grundwissen“ speziell zu Risiken im Internet ver weisen auch viele der Jugend lichen und jungen Erwachsenen in unseren Interviews. Wissen führt aber nicht automatisch zum Handeln bzw. Risikowissen ist keine hinreichende Bedin gung für risikoarmes Ver halten. Das gilt selbst verständ lich auch für das Wissen um Chancen von OnlineCommunitys: Auch diese muss man kennen, um sie nutzen zu können, ohne dass es in der Regel aus reicht, nur Kennt nisse darüber zu haben. Die Ergeb nisse unserer Interviews und der standardisierten Befra gung machen an mehreren Stellen deut lich, dass zwischen Wissen und Handeln zum einen eine Kluft liegen kann (das heißt, man handelt wider be sseren Wissens), zum anderen aber auch Konflikte auf treten können: Einer seits existie ren eigene Bedürf nisse und Emotionen sowie soziale Normen, die den aktiven Gebrauch Sozialer Netz werk platt formen fördern, insbesondere um in Netz werken präsent zu sein und am sozialen Aus tausch teilhaben zu können. Anderer seits stehen diese im Wider streit zum Wissen über Risiken, zu Sorgen und Ängsten sowie zu Ge und Ver boten, die sich vor allem auf den Schutz der Privatsphäre be ziehen. Erfah rungs und Unter stüt zungs angebote etwa in Form von Projekten der aktiven Medienarbeit ver suchen, diese Schwierig keit aufzu greifen und Jugend liche und junge Erwachsene nicht nur zu sensibilisie ren, sondern auch zu aktivie ren. Eigene Erfah rungen anzu regen und zu unter stützen (z. B. indem die ge machten Erfah rungen auch unter einander aus getauscht und reflektiert werden), sind Zielset zungen, die man mit ver schiedenen pädagogi schen Interven tionen er reichen kann. Gemeinsam ist diesen in der Regel, dass nicht allein, sondern in der Gruppe etwas aus probiert und/oder produktiv erarbeitet wird, dass dabei eigene Vor stel lungen der Jugend lichen integriert werden und „Fehler“ erlaubt sind. Eigene Erfah rung und deren Unter stüt zung machen die Teilnehmer solcher Maßnahmen im besten Fall hand lungs fähiger. Aus den Ergeb nissen der vor liegen den Studie lässt sich schließen, dass sich eine ganze Reihe von jungen Nutzern von Sozialen Netz werk platt formen immer oder unter be stimmten Bedin gungen durch aus kompetent ver hält, Ent schei dungen auf der Basis aus reichen der Informa tionen trifft und das eigene Handeln auch im Hinblick auf länger fristige Folgen aus richtet. Bei einigen ist dies aber nicht, nicht zweifels frei oder nicht immer der Fall. Vor diesem Hinter grund sind Maßnahmen der Aktivie rung neben Maßnahmen der Sensibilisie rung auf jeden Fall an gezeigt, da sie mehr als bloße Informa tions und Dialogangebote nicht nur Einfluss auf das Wissen, sondern auch auf das Handeln nehmen können. Allerdings können Projektarbeit oder das Einüben von Bedien fertig keiten ohne Wissen auch zu unreflektierten Routinen und Ver haltens weisen führen. Außerdem ent wickeln sich aus einmalig aus probierten Handlun gen meist noch keine Haltun gen und Disposi tionen, die ein lang fristi ges sowohl risikobewusstes als auch die Chancen nutzen des Handeln auf Sozialen Netz werk platt formen sicherstellen. 417 Wissen und Handeln sind so gesehen ein Span nungs feld: Hand lungs empfeh lungen müssen in der Folge beide Seiten – das Wissen und das Handeln – be rücksichti gen und dürfen nicht das eine auf Kosten des anderen über treiben. Anzustreben ist eine Balance zwischen Informa tions und Dialogangeboten auf der einen Seite und Erfah rungs und Unter stüt zungs angeboten auf der anderen Seite. Bei beiden Maßnahmen gruppen kann es auch ein Zuviel geben: Zu viele, zu umfang reiche und zu einseitig die Risiken thematisierende Informa tionen und Dialoge können Ab lehnung aus lösen, aber auch Ver wirrung stiften. Zu viele oder über fordernde Anregun gen für eigene Erfah rungen und ein Zwang zur Reflexion können als Einmischung in die eigene Lebens welt erlebt werden und vor allem bei jüngeren Nutzern auf mehr Skepsis als Zustim mung stoßen. Wissen kann das Handeln be fördern, aber auch be hindern oder mit diesem in Konflikt geraten. Bisherige pädagogi sche Interven tionen be rücksichti gen diesen Span nungs aspekt mitunter zu wenig und unter schätzen die möglicher weise resultie ren den Konflikte für Jugend liche und junge Erwachsene. 2.2.2 Inhalte für pädagogi sche Interven tionen Aus gehend von den empiri schen Ergeb nissen der vor liegen den Studie gibt es trotz der ge wachsenen Kennt nisse auf Seiten junger Nutzer Sozialer Netz werk platt formen noch eine ganze Reihe von Wissens lücken, die speziell Gegen stand von Informa tions angeboten sein können. Nennen möchten wir hier be sonders – das Wissen darüber, wie sich persön liche Daten im Internet ver breiten und wie dies mit Eigen schaften von Informa tion im Internet zusammen hängt (Boyd, 2007, S. 9; Boyd, 2008, S. 27; Boase & Wellmann, 2004, S. 2 f.): Persistenz (Inhalte werden automatisch ge speichert und archiviert), Replizier bar keit (Inhalte können ohne nennens werte Kosten dupliziert werden), Durch such bar keit (Inhalte können über eine Suche auf gefunden werden), Bearbeit bar keit (Inhalte können ver ändert werden), Skalier bar keit (potenzielle Reichweite der Inhalte ist sehr hoch und das Publikum nicht bekannt) und Kontext übertra gung (Inhalte können mit anderen Inhalte ver knüpft und in Informa tions kontexte über tragen werden); – das Wissen darüber, wie persön liche Daten im Internet von Unter nehmen ge nutzt werden: z. B. Aus wertung von Interessen, Hobbys, Kauf vorlieben und anderen persön lichen Daten für Zwecke der Markt forschung, Adress daten samm lung durch Gewinn spiele, Integra tion von Unter nehmens werbe bot schaften in persön liche soziale Netz werke (z. B. „Sponsored Stories“ in Facebook) sowie Aus wertung von Profilinforma tionen für personalisierte Werbung etc.; – das Wissen darüber, wie persön liche Daten aus Sozialen Netz werk platt formen von Privatpersonen ge nutzt werden: Suche nach Profilen durch 418 Personen, die als er wünschte Kontakte gelten (z. B. Schulfreunde), und solche, die unerwünschte Kontakte sind (z. B. Pädophile), Hochladen oder Ver knüpfen unerwünschter Fotos, Weiter gabe persön licher Informa tionen an fremde Personen oder Bullying/Mobbing etc.; – das Wissen über Rechte (und Pflichten) sowie über juristi sche Folgen etwaiger un bedachter oder auch be absichtigter Handlun gen auf Sozialen Netz werk platt formen, die im Wider streit zu Gesetzen stehen. Dazu ge hören z. B. Ver letzungen der Persönlich keits rechte und des Urheber rechts. Problematisch ist neben fehlen der (oder auch falscher) Informa tion, wenn die Kommunika tion zwischen Jugend lichen und Erwachsenen abreißt, weil beide Seiten dem Medien nut zungs verhalten der jeweils anderen Genera tion ab lehnend gegen über stehen. Negativismus in der Medien berichterstat tung oder Informa tions veranstal tungen, die einseitig nur die Risiken be handeln, er schwe ren die Kommunika tion zwischen den Genera tionen. Diese Problembereiche wurden von mehreren der von uns interviewten Experten verbalisiert. Vor diesem Hinter grund sind Dialogangebote von essenzieller Bedeu tung, um fehlen des Wissen wie auch Vor urteile bzw. unangemessene Annahmen abzu bauen. Dazu gehört z. B. – das Wissen darüber, warum Jugend liche und junge Erwachsene Soziale Netz werk platt formen nutzen und was sie daran be geistert (vgl. Teil II, Kap. 5.2.3; vgl. BITKOM, 2011; vgl. Boyd, 2007; vgl. Döring, 2011; vgl. Garitaonandia & Garmenida, 2007; vgl. Gerhards, Klingler & Trump, 2008; vgl. Lampert, 2010; vgl. Schmidt, PausHasebrink & Hasebrink, 2009), – das Wissen darüber, wie Jugend liche und junge Erwachsene mittels Sozialer Netz werk platt formen ihren Alltag organisie ren und welche Kommunika tions formen sie dabei wählen (z. B. Freizeitpla nung im Freundes kreis, sozio emotionale Unter stüt zung in persön lichen oder teilöffent lichen Nachrichten, virtueller Aus tausch über den Schulalltag, Informa tion über be liebte Themen und Aktivi täten zur Siche rung der sozialen Zu gehörig keit etc.), – das Bewusstsein, dass die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen durch Jugend liche und junge Erwachsene dann nicht mehr optional, sondern Voraus setzung für soziale Teilhabe ist, wenn die Kommunika tion in ihrem sozialen Umfeld hauptsäch lich darüber abläuft (RaynesGoldie, 2010), – das Bewusstsein, dass Soziale Netz werk platt formen für Jugend liche und junge Erwachsene ein virtueller Lebens raum sind, in den man sich als Erwachsener nicht unerlaubt „einschleichen“ sollte (Holzer, 2011, S. 181; Schmidt, PausHasebrink & Hasebrink, 2009, S. 208 ff.; Boyd & Elison 2008, S. 211), – das Bewusstsein, dass die Ver öffent lichung persön licher Daten im Internet durch Jugend liche und junge Erwachsene von Eltern, Lehrern oder Päda 419 gogen nicht kontrolliert werden kann wie eine Anzeige in der Zeitung oder der Aushang an einer physischen Pinnwand etc. 2.2.3 Pädagogi sche Hand lungs empfeh lungen zwischen Sensibilisie rung und Aktivie rung Der Kontext Familie Eltern sind eine wichtige Zielgruppe für Informa tionen über das Internet und Soziale Netz werk platt formen und deren Bedeu tung im Leben Jugend licher und junger Erwachsener. Um mit ihren Kindern im Dialog bleiben und als An sprechpartner im Bedarfs fall bereit stehen zu können, ist es wichtig, dass sich Eltern vom Informa tions fluss über digitale Medien nicht ab koppeln, sondern im Gegen teil möglichst gut informiert sind. Die Ergeb nisse unserer Studie zeigen, dass speziell für jüngere Nutzer die Eltern nach wie vor wichtige Ver trauens personen sind, die sie vor allem auch dann nennen, wenn es um private Daten und Informa tionen sowie um Konflikte ver schiedenster Art geht. Eltern sind ein Teil dessen, was viele Jugend liche als „Privat heit“ definie ren. Umso wichti ger ist, dass sie sich an ihre Eltern wenden können, wenn sie sich in ihrer Privatsphäre etwa durch Ereig nisse auf Sozialen Netz werk platt formen bedroht fühlen (vgl. Boyd & Marwick, 2011), sich Sorgen um ihre persön lichen Informa tionen machen oder ver unsichert sind, weil sie sich wider sprüch lichen Anforde rungen (z. B. Zu gehörig keit zu virtuellen sozialen Gruppen und Schutz der Privat heit) aus gesetzt sehen (vgl. Barnes, 2006). Informa tions angebote für Eltern sind daher aus unserer Sicht von großer Bedeu tung, wobei es wenig sinn voll er scheint, einseitig die Risiken darzu stellen und auf diesem Wege ein Klima der Angst zu produzie ren, das zu Ver boten und im Bedarfs fall zu wenig kompetenter Unter stüt zung der eigenen Kinder führt. Aus gewogene und aktuelle Informa tionen können Eltern unter stützen, ihre Rolle als Dialogpartner wahr zunehmen. Ein Dialog vor allem über die Risiken in Sozialen Netz werk platt formen – das be stäti gen vor allem die interviewten Experten auf diesem Gebiet – funktioniert nur vor dem Hinter grund einer trag fähigen Ver trauens basis. Hierfür bringen Eltern aus den oben schon ge nannten Gründen prinzipiell eine gute Voraus setzung mit, die es ent sprechend zu nutzen gilt. Im Dialog können Eltern ge eignetes Informa tions material an ihre Kinder auch weiter geben, wenn dieses aus reichend einfach und kurz ge staltet ist. Informa tionen auf Papier oder online, als Text, Audio oder Video können dann auch als gemeinsamer Anker für Diskussionen dienen. Aus einem linearen Informa tions fluss, der auch Probleme be reiten kann (z. B. wenn Eltern falsch ver standene Informa tionen weiter geben) ent steht so ein Dialog über ver fügbare Informa tionen. Nicht zu unter schätzen sind schließ lich (ältere) Geschwister in den Familien, von denen Jugend liche und junge Erwachsene Rat einholen und auch 420 be kommen, wenn es um Fragen und Heraus forde rungen rund um Online Communities geht. Dies macht deut lich wie wichtig es ist, Informa tionen auch für Jugend liche und junge Erwachsene direkt zur Ver fügung zu stellen und nicht nur über den Filter durch Eltern, Lehrer oder Pädagogen oder andere Personen außerhalb der Schule. Eine direkte Aktivie rung von eigenen Erfah rungen und deren Unter stüt zung er scheint im Elternhaus dagegen schwierig. Worauf Eltern allerdings achten sollten ist, dass ihre Kinder Erfah rungen im Internet und auf Sozialen Netz werk platt formen machen können, wenn sie dies wollen. Eltern sollten zudem bereit sein, Jugend liche als „wissen der“ zu akzep tie ren, wenn diese sich besser als sie selbst mit der techni schen Bedie nung von Sozialen Netz werk platt formen aus kennen. Wenn dies funktioniert, lassen sich Jugend liche auch ihrer seits eher da von technisch ver sierte ren Peers informie ren, wo sie selbst noch Lücken haben. Der Kontext Schule Die Schule wird von den meisten der von uns interviewten Jugend lichen und jungen Erwachsenen kaum ge nannt, wenn es um die Auf klärung über Risiken auf Sozialen Netz werk platt formen und darum geht, wie man diesen be gegnen kann. Eher wird auf ein tendenziell geringes Ver trauens verhältnis zu den Lehrern hin gewiesen. Dennoch ver weisen die von uns interviewten Experten mehrfach auf die Schule als möglichen Ort zum Erwerb von Kompetenzen, wobei fast immer ein hoher Fortbil dungs bedarf bei den Lehrenden artiku liert wird (vgl. Breiter, Welling & Stolpmann, 2010; vgl. Homann, Reisser, Schleihagen & Weisel, 2011). Vor diesem Hinter grund sind neben den Eltern die Lehrer eine weitere wichtige Zielgruppe für Informa tion. Informa tions angebote für Lehrer können in vielen Aspekten denen für Eltern gleichen. Ergänzt werden sollten diese mit Hinweisen, wie Lehrende in ihrer Vor berei tungs und Unter richtspraxis selbst OnlineCommunities nutzen können und worauf sie dabei zu achten haben. Nur durch eigene Medien praxis machen Lehrer unmittel bare Erfah rungen mit Sozialen Netz werk platt formen. Das er scheint in der Schule wichti ger als im Elternhaus, denn: Lehrer sind zunächst einmal keine natür lichen Ver trauens personen von Jugend lichen und jungen Erwachsenen. Sie können sich aber als Dialogpartner „qualifizie ren“, indem sie selbst als Vorbild im Umgang mit digitalen Medien fungie ren. Des Weiteren können sie sich zumindest durch aus reichen des Wissen und Ver ständnis für die Lebens welt Jugend licher als Ansprechpartner anbieten. Prinzipiell ist die Schule als Ort für die direkte Informa tion von jungen Nutzern erst einmal prädestiniert, weil auf diesem Wege alle Jugend lichen und jungen Erwachsenen er reicht werden können. In den Interviews mit Experten wurde deut lich, dass die Schulfächer an sich aus reichend Anker für Informa tions angebote zu Privat heit und Öffentlich keit im Netz (Dietz, 2011) bieten. Anders als Informa tion 421 benöti gen dagegen Erfah rungs und Unter stüt zungs angebote zur Aktivie rung von Schülern ver gleichs weise viel Zeit. Hier setzen starre und/oder volle Lehrpläne pädagogi schen Interven tionen enge Grenzen. Als ebenso ungünstig er weisen sich die vielfach praktizierten Ver bote der Nutzung internet fähiger Handys und Smartphones in der Schule. Projekte der aktiven Medienarbeit sind in Schulen zwar möglich, er fordern aber höchst engagierte Lehrkräfte und Schulleiter, die bereit sind, die notwendi gen Spiel räume dafür zu finden und zu nutzen. Hier besteht aus unserer Sicht noch ein großer Nach holbedarf (vgl. Breiter, Welling & Stolpmann, 2010). Kaum ge nutzt wird in der Regel die Chance, die zahl reichen Vor komm nisse an Schulen, die in einem engen Zusammen hang mit der Ver letzung von Privat sphäre oder Rechten anderer stehen, als Anlass für pädagogi sche Interven tionen zu nutzen und alters gerecht aufzu greifen. Hier mangelt es sowohl an der notwendi gen Aus bildung der Lehrer als auch an einem aus reichend flexiblen Umfeld, welches es zulässt, auch und gerade unplan bare Ereig nisse pädagogisch aufzu greifen und sowohl für eine Sensibilisie rung als auch für eine Aktivie rung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen heran zuziehen. Genau solche Vor gehens weisen aber, die mit der persön lichen Betroffen heit von Jugend lichen und jungen Erwachsenen arbeiten, würden in hohem Maße der in den Interviews oft ge nannten Forde rung nach kommen, an der Lebens welt der Jugend lichen und an konkreten Beispielen anzu setzen. In der Folge würde man keine „Wissens konserven“ produzie ren, sondern situativ ver ankerte Erkennt nisse. Der Kontext Jugendeinrich tung Jugendeinrich tungen sind seit jeher der bevor zugte Ort für pädagogi sche Inter ven tionen, mit denen Jugend liche und junge Erwachsene im Umgang mit digitalen Medien aktiviert, also zu eigenen Erfah rungen an geregt und dabei unter stützt werden können und sollen. Sie bieten sich deswegen an, weil sie sich anders als die Schule eine hohe Flexibili tät in ihrem Programm er lauben können und damit anderen Rahmen bedin gungen unter liegen. Die Teilnahme an Projekten ist freiwillig, was die soziale Inter aktion mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen tendenziell einfacher macht. Dieser Vorzug ist gleich zeitig ein Nachteil pädagogi scher Inven tionen an Jugendeinrich tungen: Es kann immer nur ein kleiner Teil von Jugend lichen und jungen Erwachsenen er reicht werden. Von daher würden sich auch Koopera tionen zwischen Schulen und Jugendeinrich tungen anbieten, die es teil weise bereits gibt, aber in jedem Fall aus baufähig wären. Projekte mit Social Media sind in der Jugendarbeit durch aus bereits an gekommen. Es fehlen aber nach wie vor der Erfah rungs schatz und auch die flächen deckende Ver brei tung, die man beispiels weise bei Radio oder vor allem Filmprojekten hat. Recht liche Bedenken und Unsicher heiten gerade im Hinblick auf Privatsphäre und Urheber recht sowie techni sche Hürden 422 insbesondere infolge der Schnell lebig keit von Endgeräten und OnlineAnwen dungen stellen nicht nur für die Schule, sondern auch für Jugendeinrich tungen ein Problem dar: Projekte der aktiven Medienarbeit er fordern authenti sche Bedin gungen, die gleichzeitig nicht risiko los sind und hohe Anforde rungen an die be teiligten Pädagogen stellen. Auch Personen in Jugendeinrich tungen können vor diesem Hinter grund selbst Zielgruppe von Informa tions angeboten sein und benöti gen die Unter stüt zung vor allem von Rechts experten wie auch von Personen mit hoher techni scher Expertise. Gleichzeitig sind Jugendeinrich tungen natür lich auch ihrer seits Informa tions geber sowohl für Eltern und Lehrer (was z. B. ein Anlass für die gerade ge nannte Koopera tion sein kann) als auch für die Jugend lichen und jungen Erwachsenen. In der Folge kann es in aktivie ren den Projekten z. B. auch darum gehen, sich das er forder liche Wissen für einen ver antwor tungs vollen Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen gemeinsam zu erarbeiten. Schließ lich haben Jugendeinrich tungen wohl die besten Voraus setzungen dafür, die Chance einer „Peer Educa tion“ zu nutzen und das Lernen von Jugend lichen und jungen Erwachsenen unter einander zu unter stützen. Auch wenn die von uns interviewten Experten diesem Ansatz eher skeptisch be gegnen, ver weisen die Jugend lichen und jungen Erwachsenen in unseren Inter views doch in hohem Maße auf die Bedeu tung von Peers, wenn sie einen Informa tions oder Dialogbedarf haben. Dieses Ergebnis zeigt sich auch in der quantitativen Daten erhe bung und analyse, insbesondere wenn man das Struktur gleichungs modell (Teil II, Kap. 4.5.2) be trachtet. Jugend liche und junge Erwach sene richten ihr Ver halten auf den Platt formen an den Normen aus, die sie bei Gleichaltri gen und Freunden be obachten. In einigen Bereichen, wie etwa bei der Handha bung der PrivatsphäreEinstel lungen, haben sich bereits Standards etabliert, von denen nur wenige Nutzer ab weichen. Andere Bereiche werden (noch) individuell ge handhabt. Gerade vor dem Hinter grund eher spontaner Aktivi täten im Social Web können die subjektiv wahrgenommenen Normen der PeerGruppe hand lungs leitend wirken. Wir halten es daher für einen viel versprechen den Ansatz, die Auseinander setzung darüber, welches Ver halten an gemessen ist und welches nicht, auch zwischen Gleichaltri gen zu fördern. 2.3 Empfeh lungen für das Handeln im Span nungs feld Steue rung und Kontroll verlust 2.3.1 Das Span nungs feld Steue rung und Kontroll verlust Sensibilisie rung und Aktivie rung sind pädagogi sche Maßnahmen, die Jugend liche und junge Erwachsene weit gehend als Adressaten an sprechen (wenn auch mit dem Ziel, deren Wissen und Hand lungs fähig keit als „Akteure in Sozialen Netz werk platt formen“ zu erhöhen). Diese Maßnahmen setzen am Individuum 423 an und wollen individuelle Kompetenzen (im Sinne von Wissen, Können und Haltun gen) auf bauen und stärken. Richtet man seine Auf merksam keit aus schließ lich auf den Kompetenzaspekt, ist man in vielen Fällen in einer reaktiven Rolle: Soziale Netz werk platt formen ver ändern sich, führen neue Funktionali täten ein, ge stalten die techni schen Rahmen bedin gungen neu oder stellen neue Anforde rungen für die Mitglied schaft. Maßnahmen mit dem Ziel, Informa tion, Dialog, Erfah rung und Unter stüt zung anzu bieten, können darauf besten falls rasch reagie ren, junge Nutzer für Neuerun gen „fit zu machen“ und damit immer nur indirekt auf die Ent wick lungen Einfluss nehmen. Wechselt man allerdings die Perspektive von pädagogi schen Interven tionen zu kulturellen Prozessen, wird deut lich, dass Jugend liche und junge Erwachsene nicht nur Adressaten von InternetAngeboten wie auch von pädagogi schen An geboten sind, sondern auch Akteure des kulturellen Wandels sein können. Mit diesem Perspektiven wechsel vom Adressaten zum Akteur bzw. von der Interven tion zur Kultur ist selbstredend auch eine Ver ände rung des Zeithorizonts ver bunden: Während man pädagogi sche Interven tionen punktuell und zeit lich be grenzt implementie ren kann, sind kulturelle Prozesse lang fristi ger Natur und nicht „implementier bar“ in dem Sinne, dass man diese in irgendeiner Form anbieten oder gar ver ordnen kann. Empfeh lungen dazu, wie man im Span nungs feld von Wissen und Handeln pädagogisch agieren kann, bewegen sich letzt lich auf dem klassi schen Feld der Medien erziehung und können die dort ge machten zahl reichen Erfah rungen nutzen und für Fragen des be sseren Umgangs mit Sozialen Netz werk platt formen bzw. mit Privat heit und Öffentlich keit im Netz anpassen. Empfeh lungen dazu, wie man im Span nungs feld von Steue rung und Kontroll verlust (Backes, 2011, S. 194; Seemann, 2011) hand lungs fähig bleiben kann, können dagegen kaum auf ge wachsene und be währte Erkennt nisse zurück greifen. Während die Medien erziehung von Normen aus geht, welche die Gestal tung pädagogi scher Interven tionen leiten (im Falle von Netz werk diensten z. B. die Norm, die Privatsphäre, wie wir sie bisher kennen, zu schützen), stehen wir bei kulturellen Prozessen im Zusammen hang mit dem Internet und den dort existenten Sozialen Netz werk platt formen vor der Schwierig keit, dass Normen ins Wanken geraten oder zumindest in Frage ge stellt werden, weil sie z. B. mit der Funk tions fähig keit Sozialer Netz werk platt formen kollidie ren (Barnes, 2006). Unsere Studien haben ge zeigt, dass auch junge Nutzer diesen Wider spruch bereits direkt erleben; die interviewten Experten formulie ren diesen mitunter explizit: Einer seits leben Soziale Netz werk platt formen von der Weiter gabe privater Daten, und persön liche Informa tionen machen die Funk tions weise derselben aus. Anderer seits stellt der Umgang mit privaten Daten und persön lichen Informa tionen auf Sozialen Netz werk platt formen ein Risiko dar, das den Nutzer auch über fordern kann. In der Folge werden zum einen die Rufe nach mehr Regulie rung (Bundes ministerium des Innern, 2011) und recht licher (Bundes ministerium des Innern, 424 2012; Dreyer, 2011; LeutheusserSchnarren berger; 2011; Krempl, 2011; Ott, 2011; dpa, 2010) sowie techni scher Kontrolle (Kindelan, 2011; Landgraf, 2010) lauter. Zum anderen werden aber auch die Stimmen zahl reicher, die Daten und Informa tionen für öffent lich halten, sobald sie im Internet ver fügbar sind, und Ver suche als ver geblich be zeichnen, deren Ver brei tung zu kontrollie ren oder diese für ver schiedene Nutzer oder Zwecke zu be grenzen bzw. zu filtern (Biermann, 2011; Seemann, 2011). Diesem komplexen Span nungs feld kann man be gegnen, indem man den dahinter stehen den Wandel (z. B. mit recht lichen Mitteln) be kämpft und ver sucht, den früheren Status quo wieder herzu stellen. Die meisten der Experten, mit denen wir ge sprochen haben, halten das aber für ein erfolg loses Unter fangen. Alternativ kann man ver suchen, auch dieses Span nungs feld in medien pädagogi sche Hand lungs empfeh lungen aufzu nehmen und ent sprechend neue Vor schläge zu machen. Es ist damit zu rechnen, dass man mit solchen neuen Vor schlägen erst einmal experimentie ren muss (sowohl in Form von Gedanken experimenten als auch in Form von Realexperimenten) bevor man diese als Empfeh lungen einer breite ren Zielgruppe weiter geben kann. Teilhaben und Ver ändern sind aus unserer Sicht zwei Richtun gen, die man einschlagen kann, wenn es darum geht, dass auch Jugend liche und junge Erwachsene die Rolle von Akteuren nicht nur als Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen, sondern als Bürger2 in kulturellen Ent wick lungs prozessen über nehmen. Zur Über nahme dieser Rolle kann man sie einer seits ermuti gen, anderer seits kann man sie dabei be gleiten. Wenn Jugend liche und junge Erwach sene am kulturellen Wandel teilhaben, be deutet das allerdings genau nicht, dass man sie darin konkret anleiten kann, denn das hieße ja, das man bereits genau weiß, wohin der Wandel geht. Dennoch setzt eine Teilhabe natür lich Wissen und Können voraus, also z. B. Risikowissen und Hand lungs fähig keit im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen, wie man es mit pädagogi schen Interven tionen zur Sensibilisie rung und Aktivie rung er reichen kann. Eine auf geklärte Teilhabe an der digitalen Gesell schaft setzt ebenso voraus, die eigene Auf fassung von Privat heit und Öffentlich keit und den faktischen Einfluss digitaler Technologien auf diese Konzepte zu reflektie ren und im Bedarfs fall anzu passen: Wenn Daten und Informa tionen im Internet per se öffent lich sind und ein Aus tausch derselben in Sozialen Netz werk platt formen de facto nicht nur ein Kommunika tions akt, sondern ein Publika tions akt ist, dann ver schiebt dies das Ver hältnis zwischen Privat heit und Öffentlich keit eben nicht nur individuell für den einzelnen Nutzer, sondern auch für die gesamte Gesell schaft. 2 Die Ver wendung des Wortes „Bürger“ impliziert, dass sich, wie in der Vor gänger studie (Schmidt, Paus Hasebrink, & Hasebrink, 2009) bereits an gedeutet, der geschützte Raum der Jugend auflöst. Während früher Eltern ihre Kinder bis zu einem be stimmten Alter in den schützen den und disziplinie ren den Institu tionen des Elternhauses und der Schule kontrollie ren konnten, ver lassen die Jugend lichen über das Internet heute er heblich früher selbst diese Kontroll räume. Sie kommen dadurch früher mit Risiken in Kontakt. 425 Ändern müssen sich dann nicht nur individuelle Ver haltens weisen im Internet (z. B. Wahl anderer Werkzeuge für im engeren Sinne private bzw. persön liche Kommunika tion), sondern auch Normen und Regeln ver schiedener gesell schaft licher Systeme in der Nutzung des Internet (z. B. Wirtschaft und Arbeit geber und deren Rekrutie rungs strategien unter Nutzung Sozialer Netz werke). Als Jugend licher und junger Erwachsener an solchen Prozessen teilzuhaben, be deutet, dass die eigenen Nutzungs weisen und Strategien nicht nur Gegen stand pädagogi scher Interven tionen, sondern auch ein Aspekt gesamt gesell schaft licher Prozesse ebenso wie ein Anlass für die Gestal tung solcher Prozesse sind. Noch einen Schritt weiter als die Teilhabe geht die Verände rung: Man kann Jugend liche und junge Erwachsene auch als Akteure von direkten Ver ände rungen im Umgang mit Privat heit und Öffentlich keit unter Nutzung digitaler Technologien sehen. In unseren Experten interviews wurde ver einzelt das politi sche Engagement an gesprochen, das man bei Jugend lichen und jungen Erwach senen heute vielerorts ver misst. Genau dieses politi sche Engagement ist es, das die Teilhabe zur expliziten Ver ände rung macht bzw. machen kann. Das Potenzial zur Ver ände rung geht mit der Forde rung einher, dass auch junge Nutzer in ihrer Rolle als Bürger Ver antwor tung nicht nur für sich, sondern auch für ihr soziales Umfeld über nehmen. Es sind stets konkrete Menschen bzw. die Auf summie rung vieler Einzel entschei dungen, die das Internet im Allgemeinen und Soziale Netz werk platt formen im Besonde ren ver ändern und weiter entwickeln; dasselbe gilt für recht liche Rahmen bedin gungen und techni sche Möglich keiten. Überall dort finden sich Anker und Anlässe für Ver ände rungen, die auch von Jugend lichen und jungen Erwachsenen kommen können, wo speziell die Peers als Einfluss größen auf den Umgang auch mit Privat heit und Öffentlich keit explizit ins Spiel kommen. Kultureller Wandel im Span nungs feld Steue rung und Kontroll verlust unter Nutzung von Konzepten wie „politi sches Engagement“ mag an dieser Stelle noch vage klingen: Ereig nisse in der arabischen Welt, bei denen das Internet und Soziale Netz werk platt formen gerade unter jungen Menschen auch einen wichtige Rolle ge spielt haben und nach wie vor spielen, sowie die Ent stehung neuer politi scher Gruppie rungen, die das Internet und Forde rungen nach Öffnung und Transparenz im Umgang mit Informa tion zum Leitbild erhoben haben, könnten durch aus als Anzeichen für Ent wick lungen in diese Richtung ge deutet werden. Diese Anzeichen und damit ver bundenen Ziel rich tungen auch im Kontext pädagogi scher Hand lungs empfeh lungen zum Umgang mit Privat heit und Öffentlich keit mitzu denken, ist unserer Einschät zung nach eine Aufgabe, der man sich in Familie, Schule und in Jugendeinrich tungen stellen sollte. 426 2.3.2 Pädagogi sche Hand lungs empfeh lungen zwischen Steue rung und Kontroll verlust Der Kontext Familie Immer dann, wenn es nicht so sehr um zeit lich und thematisch be grenzte pädagogi sche Interven tionen, sondern um länger fristige Prozesse, um Meinun gen und Haltun gen sowie um Kultur und kulturelle Prozesse geht, ist die Familie ein wichti ger und wirkungs voller Ort: Zu denken ist etwa an die Vor bildfunk tion von Eltern, Geschwistern und anderen Familien mitgliedern, denen man täglich oder zumindest oft be gegnet, oder an die zahl reichen informellen Gespräche, die man an gesichts ebenso vielfälti ger Anlässe in der Familie führt. Geht man davon aus, dass Jugend liche und junge Erwachsene im Umgang mit dem Internet und Sozialen Netz werk platt formen nicht nur Adressaten pädagogi scher Interven tionen, sondern auch Akteure eines kulturellen Wandels sind, dann ist die Familie ein Kontext, dem man aus reichend Beach tung schenken muss. „Empfehlen“ kann man Familien vor diesem Hinter grund, dass sie sich vor dem technologi schen Wandel nicht ver schließen, sondern diesen, so gut es geht, in ihr Leben integrie ren und dort nach eigenen Bedürf nissen ge stalten. Das heißt: Wenn Familien digitale Medien zur Informa tion, Kommunika tion, Bildung und Unter haltung sicht bar und integriert in den Alltag nutzen, haben Jugend liche eine Chance, an ver schiedenen digitalen Welten teilzuhaben. Wenn Familien digitale Medien in diesem Zusammen hang auch hinter fragen und an ihre Bedürf nisse anpassen, wenn sie informierte Ent schei dungen treffen und selbst er proben, was diese ihnen nutzen und wo sie ihnen eher schaden, dann er möglichen sie auch den Jugend lichen nicht nur die Über nahme sozialer Routinen (bis hin zu Zwängen), sondern die Teilhabe im hier ver standenen Sinne. Nur wenn Jugend liche und junge Erwachsene am Internet teilhaben, können sie sich bewusst auch an den Stellen von digitalen (Teil)Öffentlich keiten (vgl. Schmidt, 2009, S. 105) ab grenzen, wo dies den persön lichen Wün schen und Bedürf nissen oder selbst ge bildeten Meinun gen und Positionen zuwiderläuft. Der Kontext Schule Auch die Schule kann auf ihre Weise Jugend lichen und jungen Erwachsenen eine Teilhabe an der digitalen Gesell schaft er möglichen, indem sie Computer und Internet als selbst verständ lichen Bestand teil heuti ger Informa tion und Kommunika tion in die Schule integriert. Dazu gehört allem voran die Nutzung digitaler Räume und Werkzeuge, aber auch digitaler Sozialer Netz werke im Fach unterricht. Es mangelt nicht an theoretisch und empirisch unter fütterten didakti schen Empfeh lungen dafür, wie man Computer und Internet sinn voll 427 für LehrLernprozesse nutzen kann. Es fehlt aber immer noch an der ent sprechen den Aus und Fortbil dung der Lehrenden, an der techni schen Infra struktur und vor allem am politi schen Willen, auch die Rahmen bedin gungen so zu ge stalten, dass sie den Medien einsatz im Unter richt (und damit das Engagement medienaffiner und erfahrener Lehrer) fördern und nicht be hindern (Breiter, Welling & Stolpmann, 2010). Zwar ver fügen 89,5 Prozent der Schulen bereits über Computer, allerdings stehen in nur 7,5 Prozent der Fälle tatsäch lich jedem Schüler im Klassenzimmer ein PC, Notebook oder Netbook zur Ver fügung. Die Ver mitt lung von digitaler Kompetenz wird dem privaten Umfeld über lassen (Peterhans & Sagl, 2011). Empfeh lungen für die Schule, die weniger das Span nungs feld Wissen und Handeln, sondern eher das Span nungs feld Steue rung und Kontroll verlust im Blick haben, sind daher nicht so sehr medien erzieheri scher, sondern zunächst einmal mediendidakti scher Art: Erst wenn die digitalen Medien zum Alltags geschäft der Schule ge hören, können Lehrer und Schüler deren Chancen und Risiken für Informa tion, Kommunika tion und Lernen gemeinsam erleben. Das wiederum ist die Voraus setzung dafür, auf der Grundlage von Wissen und Erfah rungen die Vor und Nachteile der Medien nutzung zu ge wichten und die Nutzungs formen ent sprechend auszu bal ancieren. Auf diesem Wege schafft man Normen und neue Standards im Umgang mit digitalen Technologien und kann die Schüler daran direkt be teili gen. Punktuell wird das heute bereits deut lich, wenn einzelne medienaffine Lehrer selbst Mitglied bei OnlineCommunities sind. So haben sich noch keine sozialen Regeln dafür etablie ren können, wie ein solcher Lehrer z. B. mit Kontakt anfragen seiner Schüler umgehen sollte. Soziale Regeln aber können sich nur aus bilden, wenn sie aus gehandelt werden und sich be währen. Während man in der Schule – mehr Offen heit im skizzierten Sinne voraus gesetzt – aus unserer Sicht prinzipiell gute Möglich keit hat, die Teilhabe zu fördern, dürfte es an gesichts der vielfälti gen Auf gaben der heuti gen Schulen in den meisten Fällen eher eine Über forde rung darstellen, auch die Ver ände rung im Sinne eines politi schen Engagements im schuli schen Umfeld auf die Agenda zu nehmen. Der Kontext Jugendeinrich tungen Jugend liche und junge Erwachsene in ihrer Rolle als Akteure der Verände rung zu sehen und sie darin zu ermuti gen wie auch zu be gleiten, könnte be sonders gut in Jugendeinrich tungen ge lingen. Wenn wir an dieser Stelle von Jugend einrich tungen sprechen, haben wir allerdings nicht nur die klassi schen Jugend verbände und vereine im Blick, die sich dem Feld der sozialen Arbeit zuordnen lassen. Jugendarbeit im weitesten Sinne be treiben auch Sport, Musik und Freizeiteinrich tungen sowie Einrich tungen, in denen sich speziell junge Erwach sene ehren amtlich oder im Rahmen eines sozialen Jahres oder im Zuge des Bundes freiwilligendienstes einbringen. Diese Erweite rung ist für das Handeln 428 im Span nungs feld Steue rung und Kontroll verlust deswegen von großer Bedeu tung, weil nur in einer Vielzahl von Hand lungs kontexten so etwas wie kultureller Wandel an gestoßen und ge staltet werden kann. Exemplarisch möchten wir an dieser Stelle zunächst auf den Sport bzw. auf Sport verbände und vereine ver weisen, die auch in einem der Experten interviews zur Sprache ge kommen sind und in der Lebens welt vieler Jugend licher und junger Erwachsener laut eigenen Darstel lungen in unseren Interviews eine nicht unerheb liche Rolle spielen3: Im Sport treffen Jugend liche und junge Erwachsene mit ver schiedenen sozialen und bil dungs bezogenen Hinter gründen zusammen, so dass bereits aus diesem Grund eine Vielfalt an gesell schaft lichen Themen präsent ist, z. B. Freund schaft und zwischen mensch liche Konflikte oder soziale Einbin dung und Aus gren zung. Im Sport konzentrie ren sich junge Menschen auf den ersten Blick nur auf einen Aspekt, nämlich die gemeinsame Bewegung, das Spiel und/oder den Wett bewerb. Genau dabei aber werden eben falls viele darüber hinaus gehende Themen tangiert: z. B. Fairness und Regel konformi tät, Konkurrenz und sozialer Ver gleich etc. Die Koordina tion im Mannschafts wie im Freizeitsport wird von vielen Jugend lichen und jungen Erwachsenen über Soziale Netz werk platt formen ab gewickelt; Erleb nisse und Fotos aus dem Sport werden in Online Communities ver breitet, körper liche Mängel und Misserfolge sind potenzielle Anlässe z. B. für CyberMobbing bzw. Bullying (Brandzaeg, Staksrud, Hagen & Wold, 2009; Grimm, Rhein & ClausenMuradian, 2008; Smith, Mahdavi, Carvalho & Tippett, 2006). Der Sport ist für viele junge Menschen eine Lebens welt, die sich auch auf Sozialen Netz werk platt formen wider spiegelt und in der es viele Anlässe gibt, nicht nur über Privat heit und Öffentlich keit nach zudenken, sondern damit auch zu experimentie ren und einen ausbal ancierten Umgang mit den damit ver bundenen Freiheiten und neuen Begren zungen zu finden. Bislang allerdings sind Trainer und Übungs leiter im Sport für diese Heraus forde rungen, Jugend liche bei der Teilhabe an digitalen (Teil)Öffentlich keiten indirekt zu be gleiten, in der Regel noch weniger vor bereitet als Lehrer oder Pädagogen an Jugendeinrich tungen im engeren Sinne. Auch hinken Sporteinrich tungen bei der Nutzung digitaler Medien für ihren Gegen stand häufig der techni schen Ent wick lung hinter her. Hier kann man mit Informa tions angeboten und Koopera tionen ent sprechend ansetzen. Ein Feld für politi sches Engagement schließ lich, das in unseren Interviews mit jungen Erwachsenen nur einmal direkt ge nannt wurde, sind keines wegs nur Parteien, sondern auch Ver eine und Ver bände, die soziale oder ökologi sche Ziele ver folgen. All diese Felder können und sollen unserer Einschät zung nach nicht zu Akteuren aktiver Medienarbeit im klassi schen Sinne werden. Jedoch sollten sie ihr Potenzial er kennen, den 3 An der Stelle muss man zwar er gänzen, dass der Kontakt zu ungefähr einem Drittel der Jugend lichen im Rahmen der Studie über Sport vereine zustande kam; allerdings waren auch die Jugend lichen, die nicht über Sport vereine rekrutiert wurden, mehr heit lich Mitglied in mindestens einem Sport verein. 429 kulturellen Wandel im Umgang mit Privat heit und Öffentlich keit bei Jugend lichen und jungen Erwachsenen mitzu gestalten. 2.4 Zusammen fassung Über welches Wissen müssen Eltern, Pädagogen und weitere gesell schaft liche Ent scheider ver fügen, um junge Menschen adäquat in ihrer digitalen Nutzung zu be gleiten bzw. auf den Ordnungs rahmen einzu wirken? Wie kann Medien pädagogik junge Menschen zielgruppen gerecht für Fragen des Daten schutzes und der Wahrung von Persönlich keits rechten (Andrejevic, 2005; Astheimer, 2011; Boyd & Marwick, 2011; Preibusch, 2011; Solove, 2007) sensibilisie ren? Fragen dieser Art, die – neben anderen Fragen – der vor liegen den Studie zugrunde lagen, ver langen nach Hand lungs empfeh lungen, die sich aus den empiri schen Daten der Studie nicht direkt ab leiten lassen. Bei genaue rer Betrach tung der Erkenntnis lage drängen sich zudem Zweifel auf, ob die klassi schen Formen der Sensibilisie rung und Aktivie rung, die auch im Falle der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen in jedem Fall (noch) an gezeigt sind, die besten und die einzigen Maßnahmen sind. Ob insbesondere Wissen aus reicht, um die Probleme, die Jugend liche und junge Erwachsene in OnlineCommunities haben, zu lösen, er scheint wenig wahrschein lich. Welches Wissen dies zudem genau sein muss, lässt sich nur aktuell be stimmen und kann in kurzer Zeit auf grund des technologi schen Wandels schon wieder ver altet sein. Vor diesem Hinter grund haben wir uns als Grundgerüst für die „Hand lungs empfeh lungen an die Medien pädagogik“ für ein Modell ent schieden, welches die Empfeh lungen zum einen auf das Span nungs feld zwischen Wissen und Handeln lenkt, mit denen eher klassi sche pädagogi sche Interven tionen an gesprochen sind. Zum anderen richtet es die Empfeh lungen auf ein zweites Span nungs feld aus, für das es wenig be währte Erkennt nisse gibt: Auf dem Span nungs feld zwischen Steue rung und Kontroll verlust geht es weniger um punktuelle pädagogi sche Interven tionen als um einen kulturellen Wandel. Mit den Begriffen „Teilhabe“ und „Ver ände rung“ haben wir ver sucht, erste Vor schläge zu ent wickeln, wie man Jugend liche und junge Erwachsene in ihrer Rolle als Akteure im Internet und in der Gesell schaft ermuti gen und be gleiten kann. Diese Vor schläge haben zum gegen wärti gen Zeitpunkt orientie ren den Charakter. Für die so ent stehen den „vier Felder“ (siehe hierzu die nach folgende Abbil dung) haben wir die Kontexte Familie, Schule und Jugendeinrich tungen näher be leuchtet und ent sprechende Empfeh lungen bzw. Hinweise formuliert und Argumente ge liefert, die in der medien pädagogi schen Diskussion auf gegriffen werden könnten. 430 Abbil dung 34: Span nungs felder medien pädagogi scher Hand lungs empfeh lungen Sensibilisieren Aktivieren Teilhaben Verändern S p an n u n g sf el d S p an n u n g sfeld Pädagogische Intervention Kultureller Wandel W is se n & H an d el n W is se n & H an d el n S teu eru n g & K o n tro llv erlu st S teu eru n g & K o n tro llv erlu st 431 Literatur Andrejevic, M. (2005). The work of watching one another: Lateral surveillance, risk, and governance. Surveillance & Society, 2(4), 479–497. Verfügbar unter: http:// www.surveillanceandsociety.org/articles2(4)/ lateral. pdf Astheimer, J. (2011). 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Sie sind stattdessen so zu ge stalten, dass die Nutzer die Chancen zur Persönlich keits entfal tung, Informa tions und Meinungs frei heit wahrnehmen können und gleichzeitig die Risiken der Ver letzung von Persönlich keits rechten und von der informa tio nellen Selbst bestim mung minimiert werden. Jedes Grundrecht muss bei der Inanspruchnahme von Social NetworkDiensten in dem jeweils weitest gehenden Umfang ver wirk licht werden können. Dieser Interessen ausgleich kann nicht nur durch gesetz liche Ge und Ver bote herbei geführt werden, sondern auch durch die Gestal tung von Social NetworkPlatt formen – insbesondere des organisatori schen Umgangs mit den personen bezogenen Daten. Die bereits vor gestellten und weiteren Regulie rungs hinweise sollten diese Gestal tungs vorgaben flankie ren, damit sie recht liche Ver bindlich keit er halten. Die folgen den Schutz vorkeh rungen orientie ren sich an den dar gestellten daten schutz recht lichen Prinzipien, die das grundsätz liche Schutz programm im Daten schutz recht darstellen.4 Bei den folgen den Gestal tungs vorschlägen ist zu be rücksichti gen, dass diese sich auf die Aus gestal tung der Social NetworkDienste be ziehen und somit an die Anbieter von Social NetworkDiensten adressiert sind. Die maß gebliche Weichen stel lung für einen effektiven Daten schutz ist allerdings häufig die Ent schei dung, personen bezogene Daten auf die Social NetworkPlatt form einzu stellen. Dieser Akt fällt in die Ver antwortlich keit der Nutzer der Social Network Dienste, sowohl in Bezug auf eigene personen bezogene Daten als auch in Bezug auf die personen bezogenen Daten Dritter, die von ihnen ver öffent licht werden. Einwirkungs möglich keiten des Anbieters be stehen hier eher be grenzt. Es ist 4 S. zu den Prinzipien Teil III Kap 5. 2. 436 aber zumindest möglich, für die Nutzung von Social NetworkDiensten ver bind liche Nutzungs regeln in Form eines communityinternen Ver haltens kodex aufzu stellen, die der Nutzer beim Anmelde vorgang akzeptie ren muss. Bestand teil der Nutzungs regeln sollte zum Beispiel in Anleh nung an § 13a Abs. 2 TMGE die Vorgabe sein, dass personen bezogene Daten nur mit der Einwilli gung des Betroffenen sowie strafrecht lich oder jugendrecht lich unzu lässige Inhalte5 gar nicht ver öffent licht werden dürfen. Erhält der Anbieter Hinweise, dass gegen die Nutzungs regeln ver stoßen worden ist, muss er Auf klä rungs maßnahmen er greifen und die umstrittenen Inhalte sollten bis zu einer eindeuti gen Klärung ge sperrt werden. Auch sollten Sanktionen für einen Ver stoß gegen die Ver haltens regeln bis hin zum Aus schluss aus der Social Community ein deutig fest gelegt und auch bei einem Zuwider handeln vollzogen werden. 3.1 Anmel dung und Profiler stel lung Die Anmel dung auf einer Social NetworkPlatt form erfolgt in der Regel mit der Absicht, Kontakte und Freundes kreise auf einer Platt form abzu bilden und somit private Kommunika tion zu ver einfachen. Der Aspekt, neue Kontakte zu knüpfen und Menschen kennen zulernen, steht nicht un bedingt im Vordergrund.6 Wer einen Social NetworkDienst nutzt, möchte daher in diesem ge funden werden und um gekehrt aber auch andere Personen finden und wissen, mit wem er es zu tun hat. Dies ist das Hauptargument der Anbieter für die Anmel dung mit realem Vor und Nachnamen und gegen das daten schutz fördernde An gebot pseudonymer Netz werke.7 Dieses Argument mag für einige soziale Netz werk platt formen, zum Beispiel Stay Friends oder studiVZ, zutreffend sein, aber längst nicht für alle, zum Beispiel Foren und Blogs. Setzt die sinn volle Nutzung des Dienstes tatsäch lich die Ver wendung des bürger lichen Namens voraus, so wird die Identität der Nutzer durch die derzeit üblichen Anmelde vorgänge nicht gewährleistet. In der Regel werden bei der Anmel dung neben dem Namen die EMailAdresse, das Geburts datum und das Geschlecht ab gefragt. Dies sind alles Informa tionen, die sich von anderen Personen sehr leicht heraus finden lassen. Es erfolgt keine Über prüfung, ob sich tatsäch lich die Person in dem Netz werk anmeldet, die vor gegeben wird. Die Anbieter ver zichten auf eine 5 Verbotene Inhalte sind z. B. Propagandamittel und Kennzeichen ver fassungs widri ger Organisa tionen, Aus schwitz lüge, Kinder, Tier oder Gewaltpornografie, Menschen rechts verlet zungen. S. auch die Auf listung im Ver haltens subkodex für Betreiber von Social Communities der FSM, 11, www.fsm.de/inhalt.doc/ VK_Social_Networks. pdf. 6 S. Teil II, Ab schnitt Kap. 4.2.3. 7 S. Ver haltens subkodex für Betreiber von Social Communities der FSM, 13, www.fsm.de/inhalt.doc/ VK_Social_Networks. pdf. 437 Identi täts prüfung, da sie nicht nur für sie selbst, sondern insbesondere für den Nutzer mit einem höheren Aufwand ver bunden ist, der diesen von der Anmel dung ab halten könnte. Es existie ren allerdings ganz unter schied liche Möglich keiten der Identi täts prüfung. Ein deut lich be sserer Schutz könnte bereits durch die zusätz liche Abfrage der Personal ausweis nummer er reicht werden. Ein sicherer Identi täts schutz er fordert aber den Einsatz des Post IdentVerfahrens, des elektroni schen Personal ausweises und der DeMail. Der Nachteil des Post IdentVerfahrens ist allerdings, dass es einen Medien bruch er fordert, da es nicht rein elektronisch ab gewickelt werden kann. Insofern sind die ge nannten alternativen Ver fahren vorzu ziehen. Die sichere Identifizie rung bietet nicht nur die Gewähr dafür, dass die Nutzer über den Social NetworkDienst mit dem „echten“ alten Freund oder Bekannten kommunizie ren können, sondern sie ist auch die Voraus setzung dafür, die Nutzer bei Rechts verstößen in der Social Community haft bar zu machen. Ein weiterer Vorteil der Identi täts prüfung ist, dass diese unmittel bar mit einer zuverlässigen Alters verifika tion ge koppelt werden kann. Diese ist er forder lich, um die Voraus setzungen der Zulässig keit des Umgangs mit personen bezogenen Daten über prüfen zu können. Sollte § 13a TMGE gelten des Recht werden, wären zudem die Sicher heits einstel lungen alters abhängig differenziert einzu stellen. Im unmittel baren zeit lichen Zusammen hang mit der Anmel dung sollte der Nutzer auf die Privatsphäre einstel lungen hin gewiesen werden. Diese sollten nicht nur wie von § 13a Abs. 1 Satz 3 TMGE ge fordert, die Einstel lungs möglich keit bieten, dass die nutzer generierten Inhalte nicht von externen Suchmaschinen auf gefunden werden können. Darüber hinaus sollten differen zierte Einstel lungs profile über die Zugänglich keit der nutzer generierten Inhalte – Fotos, Freundes listen, Profildaten, Status meldun gen – im Social Network Dienst selbst, wie zum Beispiel die Fest legung, dass die Daten nur von aner kannten Freunden ein gesehen werden können, vor handen sein. Auch sollte differenziert werden können, ob andere Nutzer durch automati sche Hinweise über Daten informiert werden, die neu auf der Sozialen Netz werk platt form ein gestellt worden sind, oder ob die Daten nur auf der Seite des jeweili gen Nutzers einseh bar sind. Jeder Nutzer sollte selbst darüber be stimmen können, ob andere Nutzer Einträge auf seiner Seite, zum Beispiel auf einer Pinnwand, vornehmen oder ob von anderen Nutzern ein gestellte Informa tionen mit den eigenen ver linkt werden können, sogenanntes Tagging. Eine Ab stufung dahin gehend, dass Beiträge aus geschlossen, nur nach Bestäti gung sicht bar oder un beschränkt möglich sind, ist hier sinn voll. Häufig werden von dem Social NetworkDienst automatisch Nutzungs vorgänge, wie zum Beispiel das Ansehen eines Nutzer profils oder die Nutzung einer integrierten Applika tion, dokumen tiert und ver öffent licht. Auch dies sollte der Nutzer durch eine Einstel lungs option ver hindern können. Diese Privatsphäre einstel lungen sollten, wie von 438 § 13a Abs. 1 Satz 1 TMGE ge fordert, standardmäßig auf dem höchsten Sicher heits niveau vor eingestellt sein. Unmittel bar im Anschluss an die Anmel dung erfolgt regelmäßig die Erstel lung des eigenen Nutzer profils. Auf den Profilseiten von Social NetworkPlatt formen finden sich vor gegebene Kategorien, wie zum Beispiel Basisinforma tionen, Kontaktinforma tionen, Aus bildung oder Beruf, mit jeweils vor definierten Einzelangaben, wie zum Beispiel in der Rubrik Basisinforma tionen Geburts datum, Wohnsitz und Familien stand. Social NetworkDienste, die eine pseudo nyme Nutzungs möglich keit vor sehen, sollten die Profilinforma tionen so gering wie möglich halten, damit diese keine Auf deckung des Profils er möglichen. Zum Schutz von Minderjähri gen sollte keine Eingabemöglich keit für Kontakt daten, insbesondere Adresse und Telefon nummer, vor gesehen sein, um das Risiko der Kontakt aufnahme mit den Minderjähri gen außerhalb der Platt form einzu schränken. 3.2 Nutzungs funk tionen Die Nutzungs funk tionen von Social NetworkDiensten sind so vielfältig und werden ständig weiter entwickelt, so dass hier nur ansatz weise Gestal tungs vorschläge ent wickelt werden können. Jegliche Funktion muss den Grundsatz der informa tio nellen Selbst bestim mung der Nutzer be rücksichti gen, der auf die einfachste Formulie rung ge bracht be deutet, dass jeder selbst be stimmen können muss, wer was wann über ihn weiß. Mit diesem Grundsatz ist es insbesondere nicht ver einbar, dass neue Funktionen in Social NetworkDiensten implementiert werden, ohne dass der Nutzer diese aktivie ren muss, geschweige denn über haupt über die Änderung informiert wird.8 Gerade das Negativbeispiel der automati schen Gesichts erken nung auf von Nutzern ein gestellten Fotos hat gravierende Folgen für die informatio nelle Selbst bestim mung der be troffenen Personen.9 Werden die auf dem Foto ab gebildeten Personen durch die Gesichts erken nungs software identifiziert, handelt es sich um personen bezogene Daten die aus schließ lich mit Einwilli gung des Betroffenen ver öffent licht werden dürfen. Nicht dem Schutz der informa tio nellen Selbst bestim mung, aber dem Schutz der freien Ent faltung der Persönlich keit wider sprechen Maßnahmen des Anbie ters, die den über das Netz werk über mittelten Nachrichten strom an den Nutzer für diesen nicht erkenn bar be einflussen. Nicht nur bei Suchmaschinen, sondern 8 S. z. B. die Einfüh rung der automati schen Gesichts erken nung von Facebook, www.faz.net/aktuell/ technikmotor/computerinternet/gesichtserkennungbeifacebookgesuchterkanntverlinkt1657009. html. 9 S. zur daten und urheber recht lichen Bewer tung Teil III Kap. 6.4.4 439 auch in Social Netz works ist mittlerweile der Einsatz von Algorithmen üblich, die zu einer nutzerindividuellen Filte rung von Informa tionen führen.10 Somit ent scheiden die Software und die Anwender der Dienste angebote, welche Informa tionen ein Nutzer erhält. In vielen Fällen mögen die Filter Voraus setzung dafür sein, dass die Nutzer die Informa tions flut – auch in Social Networks – über haupt be wälti gen können. Gleichzeitig bergen sie aber das enorme Risiko der Beschnei dung der Informa tions und Meinungs frei heit und können die grundsätz lich freie Persönlich keits entfal tung massiv be einträchti gen (s. Teil III Kap. 3.1). Ein Aus gleich dieses Interessen konflikts kann nur er reicht werden, wenn derartige Funk tions ände rungen für den Nutzer transparent er folgen und – sofern möglich – von ihm aktiviert werden müssen. Nahezu alle sozialen Netz werk dienste ver fügen über eine interne Suchfunk tion, durch die die anderen Nutzer auf gefunden werden können. Hier ist ein Aus gleich zwischen der Effektivi tät der Suchfunk tion und dem Persönlich keits schutz er forder lich, der durch die Auf find bar keit für andere be einträchtigt wird. Zum einen kann ein individueller Persönlich keits schutz er reicht werden, indem die Profileinstel lungen die Funktion auf weist, nur be stimmte Informa tionen für die Suchfunk tion zu aktive ren. Ein allgemeiner Persönlich keits und insbesondere auch Minderjährigen schutz er fordert darüber hinaus, be stimmte Informa tionen als Suchkritierien auszu schließen. Hierzu sollten insbesondere die Kontakt daten ge hören, sofern sie im Profil hinter legt sind und bei Minder jähri gen zusätz lich das Alter und Geburts datum. Fast alle Social NetworkDienste finanzie ren sich über Werbung. Unabhängig von der Frage, ob den Nutzern bekannt ist, dass ihre personen bezogenen Daten – Profildaten, nutzer generierte Inhalte und Nutzungs daten – für personalisierte Werbung aus gewertet werden, ist dies nur mit der aus drück lichen Einwilli gung des Nutzers daten schutz schutz recht lich zulässig (s. Teil III Kap. 6.4.3). Die Einblen dung nicht personalisierter Werbung ist dagegen daten schutz recht lich irrelevant. Die Social NetworkDienste müssen demnach so ge staltet werden, dass bei einer fehlen den Einwilli gung eines Nutzers, seine Daten zu Werbe zwecken auszu werten, auch tatsäch lich keine Daten auswer tung erfolgt. Um zudem den Minderjährigen schutz zu gewährleisten, ist es er forder lich, dass Werbe einblen dungen auf Minderjährige ab gestimmt sein müssen. Unzulässig ist insbesondere Werbung für Produkte, die nicht an Minderjähri gen ver kauft werden dürfen, wie zum Beispiel Alkohol oder jugendgefährdende Bücher, Videos, CDs oder Sport wetten sowie Werbung, die in ihrer konkreten Aus gestal tung ge eignet ist, die Unerfahren heit von Kindern und Jugend lichen auszu nutzen (BGH, MMR 2009, S. 112 f.). 10 S. hierzu www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,750111,00. html. 440 3.3 Ab meldung Auch wenn das Internet nichts ver gisst und somit nie aus geschlossen werden kann, dass einmal in das Internet ein gestellte Daten auf irgendeinem Server oder in irgendeinem Cachespeicher dauer haft ver fügbar sind, ist die Löschung von Daten von er heblicher Bedeu tung. Ent sprechend der Forde rung von § 13 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 und Satz 2 TMGE sollte jede Social NetworkPlatt form über ein leicht erkenn bares, unmittel bar er reich bares und ständig ver fügbares Bedien element ver fügen, durch das der Nutzer alle seine personen bezogenen Daten unmittel bar löschen oder zumindest die Löschung durch den Dienste anbieter ver anlassen kann. Die Löschung muss das Nutzer profil, alle weiteren nutzer generierten Inhalte und auch die Nutzungs daten umfassen. Waren die personen bezogenen Daten des Nutzers mit anderen Inhalten in der Platt form ver linkt, so müssen diese Links nach der Löschung ins Leere führen oder eben falls ge löscht werden. 441 Abbildungs und Tabellenverzeichnis Abbildungen Abbil dung 1: Einfluss variablen in Anleh nung an das integrierte Ver haltens modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 Abbil dung 2: Konkurrierende Einfluss dimensionen auf das Selbst darstel lungs verhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 Abbil dung 3: Nutzungs häufig keit der Social WebAnwen dungen . . . . . . . 135 Abbil dung 4: Aktivi täts grad pro Anwen dung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136 Abbil dung 5: Alters gruppen nach Aktivi täts grad im Social Web . . . . . . . . 138 Abbildung 6: Geteilte Informationen im Social Web nach Altersgruppen . . . 144 Abbil dung 7: Zugang zu den ge teilten Informa tionen (Alters gruppe 13–24 Jahre) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146 Abbil dung 8: Zugang zu den ge teilten Informa tionen (Alters gruppe 25–34 Jahre) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 Abbil dung 9: Zugang zu den ge teilten Informa tionen (Alters gruppe 35+ Jahre) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 Abbildung 10: Durchschnittliche Häufigkeit kommunikativer Handlungen . . . 184 Abbil dung 11: Nutzungs motive Sozialer Netz werk platt formen . . . . . . . . . 196 Abbil dung 12: Preis gabe von Profilinforma tion . . . . . . . . . . . . . . . . . 200 Abbil dung 13: Über legungen beim Ändern des Profils (Mittelwerte) . . . . . . 206 Abbil dung 14: Thema der Seite . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208 Abbil dung 15: Über legungen beim Fan einer Seite werden (Mittelwerte) . . . . 209 Abbil dung 16: Typen von Status meldun gen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212 Abbil dung 17: Form von Status meldun gen und Pinnwandeinträgen . . . . . . . 214 Abbil dung 18: Inhalte von Status meldun gen und Pinnwandeinträgen . . . . . . 215 Abbil dung 19: Imaginiertes Publikum von Status meldun gen und Pinnwand einträgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216 Abbil dung 20: Über legungen beim Posten von Pinnwandeinträgen und Status meldun gen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217 Abbil dung 21: Fotos in Fotoalben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 Abbil dung 22: Restriktivi tät der PrivatsphäreOptionen . . . . . . . . . . . . . 221 Abbil dung 23: Anzahl der Kontakte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224 Abbil dung 24: Bekannt heits grad und Nähe der Kontakte . . . . . . . . . . . . 225 Abbil dung 25: Bekannt heits grad der hinzu gefügten und be stätigten Kontakte (Tracking) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227 442 Abbil dung 26: Dauer des Kennens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228 Abbil dung 27: Über legungen beim Freunde hinzu fügen und Freundschafts anfragen be antworten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229 Abbil dung 28: Modell 1 – Strukturmodell mit der Anzahl der Profil informa tionen als ab hängige Variable . . . . . . . . . . . . . . 255 Abbil dung 29: Modell 2 – Strukturmodell mit den Selbstoffenba rungs Aktivi täten als ab hängige Variable . . . . . . . . . . . . . . . . 257 Abbil dung 30: Modell 3 – Strukturmodell mit den PrivatsphäreOptionen als ab hängige Variable . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259 Abbil dung 31: Modell 4 – Strukturmodell mit der Anzahl der Kontakte als ab hängige Variable . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260 Abbil dung 32: Privatsphäre in der Psychologie und im Recht . . . . . . . . . . 323 Abbil dung 33: Akteure und Adressaten medien pädagogi scher Hand lungs empfeh lungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 414 Abbil dung 34: Span nungs felder medien pädagogi scher Hand lungs empfeh lungen 430 Tabellen Tabelle 1: Soziale Netz werk platt formen in Deutschland . . . . . . . . . . . . 22 Tabelle 2: Zuord nung der Forschungs fragen zu den Unter suchungs schritten . 78 Tabelle 3: Zusammen stel lung der Stichprobe für die Interviews mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen . . . . . . . . . . . . . . . . 85 Tabelle 4: Nutzer typologie nach Aktivi täts grad . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 Tabelle 5: Internet und SocialWebSelbst wirksam keit nach Alters gruppen . 139 Tabelle 6: Neigung zur Selbstoffenba rung nach Alters gruppen . . . . . . . . 140 Tabelle 7: Sorge um Privatsphäre und techni scher Schutz im Social Web nach Alters gruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142 Tabelle 8: Prädiktoren der OnlineSelbstoffenba rung . . . . . . . . . . . . . . 151 Tabelle 9: Prädiktoren der OnlineSelbstoffenba rung inkl. Nutzungs aktivi tät der Social WebAnwen dungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 Tabelle 10: Programm blöcke der standardisierten OnlineBefra gung . . . . . . 161 Tabelle 11: Quoten erfül lung der standardisierten OnlineUmfrage . . . . . . . 163 Tabelle 12: Teilnehmer nach Bundes ländern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 Tabelle 13: Auf treten der Events und Fallzahl der Kontext fragebögen im Ver gleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 Tabelle 14: Interneterfah rung in Jahren nach Geschlecht und Alter . . . . . . . 173 Tabelle 15: Interneterfah rung in Jahren nach formaler Bildung . . . . . . . . . 174 Tabelle 16: Dauer der täglichen Internetnut zung nach Geschlecht und Alters gruppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 Tabelle 17: Dauer der täglichen Internetnut zung nach formaler Bildung . . . . 175 Tabelle 18: Ort der Internetnut zung nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . 176 Tabelle 19: Ort der Internetnut zung nach formaler Bildung . . . . . . . . . . . 177 Tabelle 20: Internetaktivi täten nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . 178 Tabelle 21: Genutzte Netz werk platt formen nach Geschlecht und Alter . . . . . 180 443 Tabelle 22: Genutzte Netz werk platt formen nach formaler Bildung . . . . . . . 181 Tabelle 23: Haupt netz werk nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . 182 Tabelle 24: Haupt netz werk nach formaler Bildung . . . . . . . . . . . . . . . . 182 Tabelle 25: Aktivi täten auf Sozialen Netz werk platt formen nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186 Tabelle 26: Aktivi täten auf Sozialen Netz werk platt formen nach formaler Bildung und Haupt netz werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 Tabelle 27: Häufig keit, Anzahl der Nutzer und Dauer der DomainVisits und URLAufrufe je Nutzungs aktivi tät . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 Tabelle 28: Mittelwerte und Standardabweichung der Nutzungs motive . . . . . 195 Tabelle 29: Nutzungs motive nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . 197 Tabelle 30: Nutzungs motive nach formaler Bildung und Haupt netz werk . . . . 198 Tabelle 31: Profilinforma tionen nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . 204 Tabelle 32: Profilinforma tionen nach formaler Bildung und Haupt netz werk . . 205 Tabelle 33: Kommunika tion nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . 210 Tabelle 34: Kommunika tion nach formaler Bildung und Haupt netz werk . . . . 211 Tabelle 35: Faktoren analyse der Status meldun gen . . . . . . . . . . . . . . . . 212 Tabelle 36: PrivatsphäreOptionen nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . 222 Tabelle 37: PrivatsphäreOptionen nach formaler Bildung und Haupt netz werk . 223 Tabelle 38: Kontakte nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . . . . . 226 Tabelle 39: Kontakte nach formaler Bildung und Haupt netz werk . . . . . . . . 226 Tabelle 40: Selbstoffenba rung nach Selbstoffenba rungs typ . . . . . . . . . . . 231 Tabelle 41: SozioDemografie, Nutzungs häufig keit und Nutzungs motive nach Selbstoffenba rungs typ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 Tabelle 42: Faktoren analyse zur Sorge um die Privatsphäre . . . . . . . . . . . 236 Tabelle 43: Faktoren analyse zur Risikoeinschät zung . . . . . . . . . . . . . . . 237 Tabelle 44: Mittelwerte und Standardabweichung der Risikoeinschät zung . . . 239 Tabelle 45: Korrela tionen zwischen den Indices zur Sorge um die Privatsphäre 240 Tabelle 46: Sorge, Autonomiebedürfnis und Risiken nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240 Tabelle 47: Sorge, Autonomiebedürfnis und Risiken nach formaler Bildung und Haupt netzwerk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241 Tabelle 48: Sorge, Autonomiebedürfnis und Risiken nach Selbstoffen ba rungs typ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242 Tabelle 49: Negative Erfah rungen nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . 244 Tabelle 50: Negative Erfah rungen nach formaler Bildung und Haupt netz werk . 245 Tabelle 51: Einstel lung zu Persönlich keits rechten nach Geschlecht und Alter . 246 Tabelle 52: Einstel lung zu Persönlich keits rechten nach formaler Bildung und Haupt netz werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246 Tabelle 53: Umgang mit Urheber rechten nach Geschlecht und Alter . . . . . . 248 Tabelle 54: Umgang mit Urheber rechten nach formaler Bildung und Haupt netz werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248 Tabelle 55: Negative Erfah rungen, Umgang mit Persönlich keits rechten und Urheber recht nach Selbstoffenba rungs typ . . . . . . . . . . . . . . 249 Tabelle 56: Einfluss der Sorge um die Privatsphäre auf die OnlineSelbst offenba rung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 444 Tabelle 57: Einfluss der Persönlich keits eigen schaften auf die OnlineSelbst offenba rung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252 Tabelle 58: Korrela tionen zwischen Motiven, Einstel lungen, Normen und Selbst wirksam keit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254 Tabelle 59: Zusammen stel lung der Stichprobe für die Interviews mit Experten 273 Tabelle 60: Alters grenzen der empiri schen Studie und im Recht . . . . . . . . 334 445 Die Autoren Yvonne Allgeier, cand. B. Sc., studierte von 2009 bis 2012 den Bachelorstudien gang Kommunika tions wissen schaft an der Universi tät Hohenheim und war 2012 als studenti sche Mitarbeiterin an der Forschungs stelle für Medien wirtschaft und Kommunika tions forschung be schäftigt. Dr. Alexander Florian hat in Köln Pädagogik (Dipl.) studiert und in Augsburg promoviert. Ab 1998 war er am Lehrstuhl für Pädagogi sche Psychologie der Universi tät zu Köln be schäftigt. Von 2005 bis 2010 war er wissen schaft licher Mitarbeiter am Institut für Medien und Bildungs technologie der Universi tät Augsburg bei der Professur für Medien pädagogik. Parallel war er freiberuf lich als ELearningEntwickler tätig. Seit 2010 ist er an der Universi tät der Bundes wehr München bei der Professur für Lehren und Lernen mit Medien be schäftigt. Interessens felder sind ELearning und Mediendidaktik in Hoch schullehre und Erwachsenen bildung sowie die Ent wick lung techni scher Werkzeuge. Cornelia Graupner-Küsel studierte Pädagogik (Mag. phil.) mit dem Schwer punkt Beratung und Grundlagen der Psychotherapie sowie Psychologie an der Universi tät Innsbruck. Seit 2011 arbeitet sie als wissen schaft liche Mitarbeiterin an der Professur für Lehren und Lernen mit Medien an der Universi tät der Bundes wehr München. Ihre Interessen schwerpunkte liegen im Bereich Online Coaching, OnlinePsychotherapie, Selbst wahrneh mung bei Essstö rungen und be finden sich in der Schnitt menge von (Medien)Pädagogik, Psychologie und Mediendidaktik. Silvia Hartung, M. A., ist seit 2010 wissen schaft liche Mitarbeiterin an der Professur für Lehren und Lernen mit Medien an der Universi tät der Bundes wehr München. Zuvor war sie am Institut für Medien und Bildungs technologie (Professur für Medien pädagogik) der Universi tät Augsburg tätig, wo sie auch ihr Studium in „Medien und Kommunika tion“ (B. A. und M. A.) ab solviert hat. Ihre Arbeits schwerpunkte liegen in der Konzep tion, Durch führung und Evalua tion medien gestützter Lehre sowie in der Gestal tung kompetenzorientierter Assess ment und lernförder licher FeedbackVerfahren. 446 Dr. jur. Silke Jandt hat nach dem Studium der Rechts wissen schaften ihre Disserta tion mit „Ver trauen im Mobile Commerce – Vor schläge für die rechts verträg liche Gestal tung von Location Based Services“ 2008 ab geschlossen, die von der ErichBeckerStiftung, eine Stiftung der Fraport AG zur Förde rung von Wissen schaft und Forschung, durch einen Druck kosten zuschuss ge fördert wurde. Sie ist Preisträgerin des Wissenschafts preises 2008 der Gesell schaft für Daten schutz und Daten siche rung e. V. Seit Februar 2011 ist sie Geschäfts führerin der „Projekt gruppe ver fassungs verträg liche Technik gestal tung (provet)“ im Forschungs zentrum für Informa tions technikGestal tung der Universi tät Kassel. Marianne Kamper, M. A., ist seit 2010 wissen schaft liche Mitarbeiterin an der Professur für Lehren und Lernen mit Medien an der Universi tät der Bundes wehr München. An der Universi tät Augsburg hat sie das Studium „Medien und Kommunika tion“ und an der Hoch schule für Musik Nürnberg ein Studium der Elementaren Musik pädagogik und Klavierpädagogik ab solviert. Ihre Arbeits schwerpunkte liegen im Bereich EPortfolios, insbesondere der Unter stüt zung selbst gesteuerten und reflexiven Lernens sowie in der Ver bindung musik pädagogi scher und mediendidakti scher Themen, so z. B. dem Einsatz digitaler Medien in der künstleri schen Musiker ausbil dung. Julia Niemann, M. A., studierte von 2004 bis 2009 Medien management an der Hoch schule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Seit 2009 ist sie als wissen schaft liche Mitarbeiterin an der Universi tät Hohenheim im Fachgebiet Kommunika tions wissen schaft und Sozialforschung und an der Forschungs stelle für Medien wirtschaft und Kommunika tions forschung be schäftigt. Ihre Interes sen schwerpunkte liegen in der Medien wirkungs forschung und der Medien nutzung Jugend licher, insbesondere dem Social Web. Tamara Ranner, M. A., ist seit April 2010 wissen schaft liche Mitarbeiterin an der Professur für Lehren und Lernen mit Medien an der Universi tät der Bundes wehr München. Zuvor hat sie an der Universi tät Augsburg ihr Studium „Medien und Kommunika tion“ (B. A. und M. A.) ab geschlossen. An der Universi tät der Bundes wehr München ist sie vor wiegend für die Koordina tion und wissen schaft liche Beglei tung von Forschungs und Ent wick lungs projekten ver antwort lich. Ihre Arbeits schwerpunkte liegen im Bereich Videoreflexion, Implementa tions forschung und Mediendidaktik. 447 Prof. Dr. Gabi Reinmann studierte Psychologie (Dipl.), promovierte an der LudwigMaximiliansUniversi tät München in den Fächern Psychologie, Päda gogik und Psycholinguistik und habilitierte dort auch zum Thema Wissens management. Nach der Promo tion war sie wissen schaft liche Mitarbeiterin am Institut für Empirische Pädagogik und Pädagogi sche Psychologie (Lehrstuhl Prof. Mandl). 2001 bis 2010 ging sie als Professorin für Medien pädagogik an die Universi tät Augsburg; seit April 2010 hat sie eine Professur für Lehren und Lernen an der Universi tät der Bundes wehr München inne. Ihre Schwerpunkte in Forschung, Lehre und Ent wick lung sind Hoch schuldidaktik, Lehren und Lernen mit Medien in ver schiedenen Bildungs kontexten, Wissen und Lernen in Organisa tionen (Wissens management) sowie Evalua tions und Ent wick lungs forschung. Prof. Dr. jur. Alexander Roßnagel hat nach dem Studium der Rechts wissen schaften 1981 seine Disserta tion und 1991 seine Habilita tion ab geschlossen. Er ist Universi täts professor für Öffent liches Recht mit dem Schwerpunkt Recht der Technik und des Umweltschutzes an der Universi tät Kassel und wissen schaft licher Leiter der „Projekt gruppe ver fassungs verträg liche Technik gestal tung (provet)“ im Forschungs zentrum für Informa tions technikGestal tung der Uni versi tät Kassel. Von 2003 bis Februar 2011 war er Vizepräsident der Universität Kassel. 1993 erhielt er den Forschungs preis Technische Kommunika tion der AlcatelLucent Stiftung, 1995/96 war er Stif tungs professor der AlcatelLucent Stiftung am Zentrum für Interdis ziplinäre Technik forschung der Technischen Universi tät Darmstadt. Seit 1999 gibt er den wissen schaft lichen Kommentar zum Informa tions und Kommunika tions diensteGesetz und Mediendienste Staats vertrag „Recht der Multimediadienste“ heraus, der in der für 2013 an gekündigten Neu auflage unter dem Titel „Beck’scher Kommentar zum Recht der Telemediendienste“ fort geführt wird. 2001 er stellte er im Auftrag des Bundesinnen ministeriums ein Gutachten zur „Modernisie rung des Daten schutz rechts“ und gab 2003 das Handbuch Daten schutz recht heraus. 448 Prof. Dr. Dr. habil. Michael Schenk ist Leiter der Forschungs stelle für Medien wirtschaft und Kommunika tions forschung an der Universi tät Hohenheim (Stutt gart). Nach seinem Studium der Betriebs wirtschafts lehre an der Universi tät Regens burg, Promo tion und Habilita tion an der Universi tät Augsburg wirkte er von 1983 bis 1985 als Professor für Medien wirtschaft und Medien wirkung an der Universi tät Mainz. Seit 1986 ist er ordent licher Professor für Kommunika tions wissen schaft und Sozialforschung an der Universi tät Hohenheim (1986 bis 1991 als Stif tungs professor des Süd deutschen Rundfunks). Er leitete das Institut für Kommunika tions wissen schaft an der Universi tät Hohenheim bis Anfang 2012. Seit 2012 ist er zusätz lich als Gast professor für Medien und Kommunika tions wissen schaft an der Universi tät Fribourg/Schweiz tätig. Die Schwerpunkte der Forschung von Michael Schenk liegen im Bereich der Medien wirkungs forschung und der Neuen Medien. Von 2008 bis 2011 leitete er u. a. das von der Deutschen Forschungs gemein schaft ge förderte Projekt „Die Diffusion der Medien innova tion Web 2.0. Determinanten und Aus wirkung aus Perspektive der Nutzer“. Jan-Mathis Schnurr, M. A., ist seit 2011 wissen schaft licher Mitarbeiter an der Professur für Lehren und Lernen mit Medien an der Universi tät der Bundes wehr München. Im Jahr 2010 schloss er den Masterstudiengang „Medien und Kommunika tion“ an der Universi tät Augsburg ab. Dort war er in den Jahren 2008 und 2009 bereits an Forschungs und Ent wick lungs projekten im Bereich digitaler Medien be teiligt. Seine Arbeits schwerpunkte sind Kommunika tion, Kollabora tion und Koopera tion im Internet. Seit 2012 arbeitet er in einem Projekt mit der Forschungs gruppe Koopera tions systeme München an der Ein füh rung einer Sozialen Netz werk platt form für Sani täts offiziere der Bundes wehr. Doris Teutsch, B. A., schloss 2010 den Bachelor Kommunika tions wissen schaft an der LMU München ab. Seitdem studiert sie im Masterstudiengang Empirische Kommunika tions wissen schaft an der Universi tät Hohenheim und ist an der Forschungs stelle für Medien wirtschaft und Kommunika tions forschung als studenti sche Mitarbeiterin tätig. Kim Wlach, cand. B. Sc., studierte von 2009 bis 2012 im Bachelor Kommuni ka tions wissen schaft an der Universi tät Hohenheim und war von 2011 bis 2012 als studenti sche Mitarbeiterin an der Forschungs stelle für Medien wirtschaft und Kommunika tions forschung be schäftigt. Seit Oktober 2012 studiert sie im dualen Master Strategic Sales Management an der ESB Reutlingen. 69 65 S C H R I F T E N R E I H E M E D I E N F O R S C H U N G D E R L A N D E S A N S T A L T F Ü R M E D I E N N O R D R H E I N - W E S T F A L E N ( L f M ) 66 67 70 68 Werbung in Computerspielen: Herausforderungen für Regulierung und Medienpädagogik herausgegeben von Dieter Dörr, Christoph Klimmt und Gregor Maschmann Mitarbeit: Franziska Roth, Alexandra Sowka und Nicole Zorn 232 Seiten, 17 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-556-6 Euro 15,– (D) Unterhaltung ohne Grenzen? Der Schutzbereich der Menschenwürde in den Programmgrundsätzen der Medienstaatsverträge von Nadine Klass 148 Seiten, DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-554-2 Euro 12,– (D) Mit Computerspielern ins Spiel kommen Dokumentation von Fallanalysen von Jürgen Fritz und Wiebke Rohde 136 Seiten, DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-548-1 Euro 10,– (D) Wie Computerspieler ins Spiel kommen Theorien und Modelle zur Nutzung und Wirkung virtueller Spielwelten von Jürgen Fritz 176 Seiten, 12 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-547-4 Euro 12,– (D) Kompetenzen und exzessive Nutzung bei Computerspielern: Gefordert, gefördert, gefährdet von Jürgen Fritz, Claudia Lampert, Jan-Hinrik Schmidt und Tanja Witting Mitarbeit: Marius Drosselmeier, Wiebke Rohde, Christiane Schwinge und Sheela Teredesai 312 Seiten, 61 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-546-7 Euro 21,– (D) Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 66, 67 und 68; ISBN 978-3-89158-549-8 Gesamtpreis Euro 35,– (D) Skandalisierung im Fernsehen Strategien, Erscheinungsformen und Rezeption von Reality TV Formaten von Margreth Lünenborg, Dirk Martens, Tobias Köhler und Claudia Töpper 272 Seiten, 60 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-542-9 Euro 18,– (D) 64 58 59 60 61 63 62 Medienkompetenz in der Schule Integration von Medien in den weiterführenden Schulen in Nordrhein-Westfalen von Andreas Breiter, Stefan Welling und Björn Eric Stolpmann 352 Seiten, 88 Abb./Tab., DIN A5, 2010 ISBN 978-3-89158-539-9 Euro 22,– (D) Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund Umfragen und Gruppendissionen mit Personen türkischer Herkunft und russischen Aussiedlern im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in Nordrhein-Westfalen von Joachim Trebbe, Annett Heft und Hans-Jürgen Weiß. Mitarbeit Regine Hammeran 228 Seiten, 81 Abb./Tab., DIN A5, 2010 ISBN 978-3-89158-518-4 Euro 15,– (D) Heranwachsen mit dem Social Web Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen herausgegeben von Jan-Hinrik Schmidt, Ingrid Paus-Hasebrink und Uwe Hasebrink 360 Seiten, 84 Abb./Tab., DIN A5, 2. unveränderte Auflage, April 2011 ISBN 978-3-89158-509-2 Euro 22,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Fernsehen Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Fernsehens von Helmut Volpers, Uli Bernhard und Detlef Schnier 276 Seiten, 166 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-485-9 Euro 18,– (D) Journalistische Recherche im Internet Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online von Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker 412 Seiten, 127 Abb./Tab., DIN A5, 2. Auflage 2010 ISBN 978-3-89158-480-4 Euro 23,– (D) Mehr Vertrauen in Inhalte Das Potenzial von Ko- und Selbstregulierung in den digitalen Medien herausgegeben von Wolfgang Schulz und Thorsten Held 224 Seiten, 8 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-479-8 Euro 15,– (D) Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung Mediennutzung und Medienkompetenz von Mädchen und Jungen sowie medienpädagogische Handlungsmöglichkeiten von Renate Luca und Stefan Aufenanger 268 Seiten, 33 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-468-2 Euro 18,– (D) 53 VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 Telefon: 030 / 32 70 74 46 10781 Berlin Telefax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Der Medienverlag 51 50 54 55 56 Bürgerfernsehen in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse herausgegeben von Helmut Volpers und Petra Werner 236 Seiten, 94 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-453-8 Euro 15,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Radio Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Hörfunks von Helmut Volpers 264 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-449-1 Euro 18,– (D) Geschichte im Fernsehen Eine Untersuchung zur Entwicklung des Genres und der Gattungsästhetik geschichtlicher Darstellungen im Fernsehen 1995 bis 2003 von Edgar Lersch und Reinhold Viehoff 344 Seiten, 119 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-454-5 Euro 21,– (D) Die Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa von Alexander Roßnagel, Thomas Kleist und Alexander Scheuer 344 Seiten, 8 Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-445-3 Euro 20,– (D) Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse von Helmut Volpers, Detlef Schnier und Christian Salwiczek 220 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2006 ISBN 978-3-89158-420-0 Euro 15,– (D) Suchmaschinen: Neue Herausforderungen für die Medienpolitik herausgegeben von Marcel Machill und Norbert Schneider 200 Seiten, 65 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-410-1 Euro 15,– (D) Weitere Details zu allen Bänden in der Schriftenreihe der LfM finden Sie gerne im Internet : Soziale Netzwerkplattformen sind aus dem Internet nicht mehr wegzudenken. Gerade Jugendliche und junge Erwachsene nutzen sie, um Kontakte zu pflegen und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Dabei müssen und wollen sie zahlreiche Informationen über sich preisgeben. Dies kann dazu führen, dass sie ihre eigene Privatsphäre gefährden. Die Nutzung der Plattformen erfolgt in einem Spannungsfeld zwischen wahrgenommenen Chancen und Risiken. Die vorliegende Studie untersucht, wie 12- bis 24-Jährige Soziale Netzwerkplattformen nutzen, welche Informationen sie von sich dort preisgeben, wie sie die Risiken einschätzen und ihre Privatsphäre online schützen. Diese Fragestellungen wurden in einer empirischen Untersuchung mit einer Kombination aus qualitativen und quantitativen Methoden beantwortet. Neben qualitativen Interviews mit jungen Nutzern und Experten, wurde eine standardisierte Befragung inklusive einer Trackingstudie durchgeführt. Außerdem be inhaltet der Band ein ausführliches Rechtsgutachten zum Datenschutz. Anhand der Ergebnisse wurden Gestaltungsvorschläge für den Gesetzgeber und die Medienpädagogik formuliert. Die Herausgeber: V Prof. Dr. Dr. habil. Michael Schenk Leiter der „Forschungsstelle für Medienwirtschaft und Kommunikationsforschung“ der Universität Hohenheim V Julia Niemann M.A. Wissenschaftliche Mitarbeiterin der „Forschungsstelle für Medienwirtschaft und Kommunikationsforschung“ an der Universität Hohenheim V Prof. Dr. Gabi Reinmann Professorin für Lehren und Lernen mit Medien an der Universität der Bundeswehr München V Prof. Dr. jur. Alexander Roßnagel Leiter der „Projektgruppe verfassungsverträgliche Technikgestaltung (provet)“ im Forschungszentrum für Informationstechnik-Gestaltung der Universität Kassel Weitere Autoren: V Dr. jur. Silke Jandt Geschäftsführerin der „Projektgruppe verfassungsverträgliche Technikgestaltung (provet)“ im Forschungs- zentrum für Informationstechnik-Gestaltung der Universität Kassel V Jan-Mathis Schnurr M.A. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Lehren und Lernen mit Medien an der Universität der Bundeswehr München ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-577-1 Euro 25,- (D) Digitale Privatsphäre 71 Sc he nk , N ie m an n, R ei nm an n, R oß na ge l ( H rs g. ) Di gi ta le P ri va ts ph är e VV V V Heranwachsende und Datenschutz auf Sozialen Netzwerkplattformen Digitale Privatsphäre Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 71 Michael Schenk, Julia Niemann, Gabi Reinmann, Alexander Roßnagel (Hrsg.) Arbeitet bei: Goethe Schule Wohnt in Neustadt, Germany In einer Beziehung Geboren am 28.09.1978 Layout_LfM-Schriftenreihe_Band_71 Korr 5_. 05.09.12 08:12 Seite 1
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