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in Computerspielen: Herausforderungen für das Medienrecht und die Förderung von Medienkompetenz : Computerspiele gehören heute zu den beliebtesten Unterhaltungsangeboten bei Kindern und Jugendlichen. Neuerdings gewinnen sie auch als Werbeträger an Bedeutung. In zahl- reichen Spielen finden sich werbliche Inhalte, die in unterschiedlichster Art und Weise in das Spielgeschehen integriert sind. Die „Verschmelzung“ von Werbe- und Spieleinhalten sowie die hohe Präsenz und Vielfalt der In-Game-Werbung stellen Medienrecht und Medienpädagogik vor neue Herausforderungen. Der Band setzt sich mit diesen Herausforderungen auseinander. Das Phänomen In-Game- Werbung wird systematisch beschrieben und der Forschungsstand aufgearbeitet. Eine ausführliche Analyse thematisiert Fragen der gesetzlichen Regulierung und mögliche auf- sichtsrechtliche Konsequenzen. Über verschiedene empirische Zugänge wird untersucht, wie Kinder und Jugendliche mit In-Game-Werbung umgehen und welche Werbewirkungen sich bei ihnen zeigen. Der Band schließt mit Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Werbung in Computerspielen in der Regulierung und bei der Förderung von Medienkom- petenz. Die Herausgeber: ❯ Prof. Dr. Dieter Dörr Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Völker- und Europarecht, Medienrecht; Direktor Mainzer Medieninstitut ❯ Prof. Dr. Christoph Klimmt Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung ❯ Prof. Dr. Gregor Daschmann Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Publizistik Weitere Autoren: ❯ Ass. iur. Nicole Zorn Mainzer Medieninstitut ❯ Alexandra Sowka M.A. Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung ❯ Franziska Roth M.A. Universität Mannheim, Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-556-6 Euro 15,- (D) Werbung in Computerspielen 70 Dö rr , K lim m t, D as ch m an n (H rs g. ) W er bu ng in C om pu te rs pi el en ❯ Herausforderungen für das Medienrecht und die Förderung von Medienkompetenz ❯ ❯ ❯ Hier könnte Ihre Werbung stehen! Hier könnte Ihre Werbung stehen! Hier könnte Ihre Werbung stehen! Hier könnte Ihre Werbung stehen! T I M E 1 Player One 0:23:775 2 | 057 Werbung in Computerspielen Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 70 Dieter Dörr, Christoph Klimmt, Gregor Daschmann (Hrsg.) RZ_LfM-Schriftenreihe_Band_70:. 20.07.11 12:31 Seite 1 Dieter Dörr, Christoph Klimmt, Gregor Daschmann (Hrsg.) Werbung in Computerspielen: Herausforderungen für Regulierung und Medienpädagogik Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen Band 70 Dieter Dörr, Christoph Klimmt, Gregor Daschmann (Hrsg.) Werbung in Computerspielen: Herausforderungen für Regulierung und Medienpädagogik unter Mitarbeit von Franziska Roth, Alexandra Sowka und Nicole Zorn Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. Herausgeber: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) Zollhof 2 40221 Düsseldorf Tel.: 0211 / 770 07 – 0 Fax: 0211 / 72 71 70 E-Mail: info@lfm-nrw.de Internet: www.lfm-nrw.de Copyright © 2011 by Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), Düsseldorf Verlag: VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 10781 Berlin Tel.: 030 / 32 70 74 46 Fax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Alle Rechte vorbehalten ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-556-6 Bildnachweis/Umschlag: © Fotolia.com Umschlaggestaltung: disegno visuelle kommunikation, Wuppertal Satz: Schriftsetzerei – Karsten Lange, Berlin Druck: Bosch-Druck, Landshut Vorwort des Herausgebers Werbung in und im Umfeld von Bildschirmspielen ist ein Thema für die ver- schiedensten Akteure: Einer seits für die Spiele- und Werbeindustrie, wenn auch mit Blick auf die Erlöse bisher erst in be grenztem Umfang, anderer seits jedoch insbesondere für die Spielerinnen und Spieler – und damit auch für die mit Jugendmedien schutz, Medien kompetenzförde rung und mit Medien recht be fassten Institu tionen und Personen. Gerade Kinder sind ent wick lungs psycho- logisch häufig noch nicht in der Lage, die Ver kaufs absichten von Werbung, insbesondere bei hoch integrierten Formen von In-Game-Werbung, zu ent- ziffern, sodass sich hier für die vor genannten Akteure vielschichtige Heraus- forde rungen ergeben. Vor diesem Hinter grund hat die LfM das Institut für Publizistik der Johannes Guten berg-Universität Mainz gemeinsam mit dem Mainzer Medien institut mit einem interdis ziplinär an gelegten Forschungs projekt zum Thema „In-Game- Werbung – Erschei nungs formen, auf sichts recht licher Regulie rungs bedarf und medien pädagogi sche Hand lungs optionen“ be auftragt. Im Rahmen dieser Studie ist das Phänomen der In-Game-Werbung aus den Perspektiven Medien aufsicht und Medien kompetenzförde rung unter sucht worden. Neben einer Systematisie rung von Erschei nungs formen von In-Game-Wer- bung ist eine rechts wissen schaft liche Analyse vor genommen worden, die auf eine medien recht liche Einord nung, Bewer tung und Handha bung von Werbung in Computerspielen ab stellt. Darüber hinaus ist anhand von kommunika tions- wissen schaft lichen Wirkungs studien unter sucht worden, inwiefern die Ver- arbei tung von Werbeinforma tionen seitens der Spielerinnen und Spieler anders abläuft als bei anderen Werbeformen. In diesem Kontext ist u. a. der Frage nach problemati schen Effekten bei Spielerinnen und Spielern insbesondere im Kindesalter nach gegangen worden. Aus den voran gegangenen Erkennt nissen werden schließ lich konkrete Hand- lungs empfeh lungen ab geleitet, die sowohl die auf sichts recht liche Dimension und mögliche Änderun gen der einschlägigen Vor schriften be treffen als auch die Inhalte und Strategien der Medien kompetenzförde rung. Dr. Jürgen Brautmeier Dr. Frauke Gerlach Direktor der Landes anstalt Vorsitzende der für Medien NRW (LfM) Medienkommission der LfM 7 Inhalt Teil I Werbung in Computerspielen: Eine Einfüh rung I.1 Problem aufriss: Die vielfältigen Relevanzen des Themas „In-Game-Werbung“ . . . . . . . . . . . . 15 I.2 Der Unter suchungs gegen stand: Erschei nungs formen, Strategien und Modelle der Werbung in Computerspielen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 I.2.1 Begriff liche Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 I.2.2 Zur Systematik der Erschei nungs formen von In-Game-Werbung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 I.2.2.1 Erste Beschrei bungs dimension: Werbeobjekt . . . . . . . . 25 I.2.2.2 Zweite Beschrei bungs dimension: Ver brei tungs weg/ techni scher Zugang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 I.2.2.3 Dritte Beschrei bungs dimension: Messbar keit der Nutzer aktivitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 I.2.2.4 Vierte Beschrei bungs dimension: Grad der Fixie rung . . . 30 I.2.2.5 Fünfte Beschrei bungs dimension: Typ der werb lichen Kommunika tion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 I.2.2.6 Sechste Beschrei bungs dimension: Grad der Interak tion . . 33 I.2.2.7 Siebte Beschrei bungs dimension: Wirtschaft liche Transak tion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 I.2.2.8 Achte Beschrei bungs dimension: Kenntlichmachung . . . . 35 I.2.3 Resümee und offene Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . 36 I.3 Der Forschungs stand: Rezep tion und Wirkung von In-Game-Werbung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 I.3.1 Forschungs methoden, Forschungs designs und Mess verfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 I.3.2 Forschungs ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 I.3.2.1 Bewer tung von In-Game-Werbung . . . . . . . . . . . . . 48 8 I.3.2.2 Erinne rungs wirkung von In-Game-Werbung . . . . . . . . 49 I.3.2.3 Einfluss auf Marken bewer tung und Kaufabsichten . . . . 51 I.3.3 Resümee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 Teil II Medien recht liche Bestands aufnahme und Bewer tung II.1 Einlei tung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 II.2 Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste (AVMD-Richtlinie) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 II.2.1 Der Vorrang des Europarechts . . . . . . . . . . . . . . . 65 II.2.2 Das Gebot der richtlinien konformen Ausle gung . . . . . . 66 II.2.3 Die Bedeu tung der AVMD-Richtlinie für die Werbung in elektroni schen Medien . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 II.2.4 Die Unanwend bar keit der AVMD-Richtlinie auf Computerspiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 II.2.5 Die Unanwend bar keit der AVMD-Richtlinie auf Werbung in Online-Spielen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 II.3 Zulässig keit von In-Game-Werbung nach dem Rundfunkstaats vertrag . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 II.3.1 Einlei tung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 II.3.2 Die Online-Spiele und die Werberege lungen für den Rundfunk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 II.3.2.1 Computerspiele und der Rundfunk begriff . . . . . . . . . 73 II.3.2.2 Ergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 II.3.3 Die Online-Spiele und die Werberege lungen für die Telemedien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 II.3.3.1 Computerspiele und der Telemedien begriff . . . . . . . . 77 II.3.3.1.1 Der allgemeine Telemedien begriff . . . . . . . . . . . . . 77 II.3.3.1.1.1 Der allgemeine Telemedien begriff und Online-Spiele . . . 78 II.3.3.1.1.2 Der allgemeine Telemedien begriff und hybride Spiele . . 78 II.3.3.1.1.3 Konsequenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 II.3.3.1.2 Der Begriff der fernsehähn lichen Telemedien . . . . . . . 80 II.3.3.2 Die Anwend bar keit des § 58 Abs. 1 RStV auf Computerspiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 II.3.3.2.1 Allgemeines . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 II.3.3.2.2 Der Werbebegriff des § 58 Abs. 1 RStV und die Produkt platzie rung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 II.3.4 Die Bestim mung des § 58 Abs. 1 RStV und die werb lichen Erschei nungs formen in Online-Spielen . . . . 85 9 II.3.4.1 Integra tion von klassi schen Werbeflächen in simulierte Spielwelten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 II.3.4.2 Integra tion von dynami scher Werbung . . . . . . . . . . . 87 II.3.4.3 Die Darstel lung von Produkten, Marken und Logos im Spiel und das Schleichwerbe verbot . . . . . . . . . . . 87 II.3.4.4 Werbung in Computerspielen für Kinder . . . . . . . . . . 89 II.3.5 Die Durch set zung des Tren nungs- und Erkennbar keits- gebots in Telemedien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 II.4 Zulässig keit von In-Game-Werbung nach dem Telemedien gesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 II.4.1 Die eigenständige Bedeu tung des § 6 TMG . . . . . . . . 93 II.4.2 Der Inhalt der Informa tions pflichten . . . . . . . . . . . . 94 II.4.3 Produkt platzie rungen in Computerspielen und § 6 TMG . 95 II.5 Zulässig keit von In-Game-Werbung und die Vor schriften zum Schutz der Jugend . . . . . . . . 99 II.5.1 Allgemeines . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 II.5.2 Jugendmedien schutz staats vertrag . . . . . . . . . . . . . . 100 II.5.3 Jugendschutz gesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 II.5.4 Zusammen fassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 II.6 Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) . . . 103 II.6.1 Die General klausel des § 3 Abs. 1 UWG . . . . . . . . . . 103 II.6.2 Per-se-Verbote des Anhangs zu § 3 Abs. 3 UWG – Nr. 11 . 110 II.6.3 Unzumut bare Belästi gung nach § 3 UWG i. V. m. § 7 Abs. 1 UWG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 II.6.4 Unzulässige geschäft liche Handlung im Sinne von Nr. 28 des Anhangs zu § 3 Abs. 3 UWG – Kaufaufforde rung an Kinder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 II.6.5 Aus nutzen des Alters oder der geschäft lichen Unerfahren- heit von Kindern und Jugend lichen gem. § 4 Nr. 2 UWG . 115 II.6.6 Rechts bruchtatbestand des § 4 Nr. 11 UWG . . . . . . . . 115 II.6.7 Rechts folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 II.7 Daten schutz in Online-Spielen . . . . . . . . . . . . . . 117 II.7.1 Anwend bares Recht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 II.7.2 Regelun gen zum Daten schutz im deutschen Recht . . . . 119 II.7.2.1 Allgemeine Grundsätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 II.7.2.2 Personen bezogene Daten . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 II.7.2.3 Ver antwort liche Stelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 II.7.2.4 Die Vor schriften des TMG . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 10 II.7.2.4.1 Allgemeines . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 II.7.2.4.2 Die Aufklä rung der Nutzer . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 II.7.2.4.3 Die Einho lung der Einwilli gung . . . . . . . . . . . . . . 122 II.7.2.4.4 Die Möglich keit der anonymisierten Nutzung . . . . . . . 123 II.7.2.4.5 Daten erhe bung zu Werbezwecken . . . . . . . . . . . . . 123 II.7.2.5 Daten schutz leitlinien oder -erklä rungen der Spiele- Betreiber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 II.7.3 Zusammen fassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 II.8 Zusammen fassung und Bewer tung . . . . . . . . . . . . 127 Teil III Empirische Forschung: Kinder und In-Game-Werbung III.1 Was denken Kinder über In-Game-Werbung? Eine qualitative Interviewstudie . . . . . . . . . . . . . 135 III.1.1 Problemstel lung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 III.1.2 Methodi sches Vor gehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 III.1.3 Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139 III.1.3.1 Ver ständnis von In-Game-Werbung . . . . . . . . . . . . . 139 III.1.3.2 Erinne rung an In-Game-Werbung . . . . . . . . . . . . . 144 III.1.3.3 Bewer tung und Akzeptanz von In-Game-Werbung . . . . 145 III.1.4 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 III.2 Rezep tion und Wirkung von In-Game-Werbung: Ein experimenteller Ver gleich von Kindern und Erwachsenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 III.2.1 Problemstel lung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 III.2.2 Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 III.2.3 Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 III.2.3.1 Un gestützte Erinne rung an die in das Spiel integrierte Werbung (Recall) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 III.2.3.2 Gestützte Erinne rung an die in das Spiel integrierte Werbung (Recogni tion) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 III.2.3.3 Experimenteller Ver gleich zum Einfluss der Spielerperspektive auf die Erinne rung an die Marke des Spielerfahrzeugs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 III.2.3.4 Wieder erken nung von Werbung auf Screens hots aus dem Computerspiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 III.2.3.5 Einstel lungs effekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 III.2.3.6 Bewer tung und Akzeptanz von In-Game-Werbung . . . . 167 III.2.4 Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 11 Teil IV Zukunfts perspektiven: Auf gaben für Regulie rung, Medien pädagogik und Forschung IV.1 Hand lungs empfeh lungen an Politik und Medien- pädagogik zum Umgang mit In-Game-Werbung . . . . 177 IV.1.1 Änderun gen der Rechts vorschriften . . . . . . . . . . . . 177 IV.1.2 Kennzeich nung von In-Game-Werbung . . . . . . . . . . 179 IV.1.2.1 Kennzeich nungs pflichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 IV.1.2.2 Kennzeich nungs formen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181 IV.1.2.3 Strategien zur Erreichung von durch gängigen Kennzeich nungs pflichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 IV.1.2.4 Kennzeich nungs selbst verpflich tungen . . . . . . . . . . . 185 IV.1.3 Förde rung der Erken nungs kompetenzen bezüg lich der In-Game-Werbung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 IV.1.3.1 Medien pädagogi sche Kompetenzförde rung bei den Spielern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 IV.1.3.2 Einbeziehung der Eltern in die Werbekompetenzarbeit . . 189 IV.1.3.3 Einbeziehung der Spieleanbieter in die Werbekompetenzarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 IV.1.4 Maßnahmen in Bezug auf den Daten schutz bei personalisierter In-Game-Werbung . . . . . . . . . . . . . 192 IV.1.4.1 Transparenz gebote für Spielebetreiber . . . . . . . . . . . 192 IV.1.4.2 Medien pädagogi sche Förde rung der Daten schutz- Kompetenz bei Spielern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192 IV.2 Resümee und Aus blick . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 Anhang Anhang 1: Leitfaden (Kurz version) Interviewstudie . . . . . . . . . . 203 Anhang 2: Fragebogen Experimentalstudie (Kinder) . . . . . . . . . 204 Anhang 3: Fragebögen Experimentalstudie (Erwachsene) . . . . . . . 214 Die Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 Teil I Werbung in Computerspielen: Eine Einfüh rung 15 I.1 Problem aufriss: Die vielfältigen Relevanzen des Themas „In-Game-Werbung“ Christoph Klimmt & Dieter Dörr In der Landschaft der populären Unter hal tungs medien hat sich in den ver- gangenen zehn Jahren eine be merkens werte Ver schie bung ergeben. Dominierten lange das Fernsehen sowie die Filmbranche den Ent ertainment-Sektor, sind spätestens in diesem Zeitraum interaktive Unter hal tungs angebote, die Computer- und Videospiele, als neue Stars am Unter hal tungs himmel auf getaucht. Die aktuelle Medien forschung dokumentiert eindrucks voll, wie viele Menschen mittlerweile regelmäßig Computer- und/oder Videospiele nutzen. Beispiels weise spielten im Jahr 2010 rund 55 Prozent der männ lichen und 14 Prozent der weib lichen Jugend lichen täglich oder mehrmals pro Woche am PC und/oder auf einer Konsole.1 Längst sind „Games“ zur Mainstream-Unterhal tung heran- gewachsen, die in einer Vielzahl von Erschei nungs formen Kinder, Jugend liche und Erwachsene anlockt. Dabei hält die Branche das Tempo insbesondere der techni schen Innova tionen enorm hoch: Mit Hilfe des Internets und be wegungs- basierten Eingabeinstrumenten, durch GPS-Naviga tion und spezielle 3D-Com- puter chips ent stehen immer wieder neue Varianten, die das bisherige Gaming er gänzen oder auch gänz lich in den Schatten stellen. Ohne Frage sind Compu- ter spiele heute eine wichtige Mediengat tung, ein ge wichtiger Wirtschafts sektor und ein be deutsames Kulturgut.2 Eine Begleit erschei nung des weit fort geschrittenen Auf stiegs der Computer- spiele ist die Tatsache, dass Games und konventionelle Massen medien einander 1 Vgl. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (Hrsg.) (2010). JIM-Studie. Jugend, Informa tion, (Multi-)Media. Basis untersuchung zum Medien umgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Stuttgart, S. 36. 2 Vgl. etwa Vorderer, P. & Bryant, J. (Hrsg.) (2006). Playing video games: Motives, responses, consequences. Mahwah, NJ; vgl. Wolf, M. J. P. & Perron, B. (Hrsg.) (2003). The video game theory reader. New York; vgl. Zimmermann, O. & Geißler, T. (Hrsg.) (2008). Streit fall Computerspiele: Computerspiele zwischen kultureller Bildung, Kunst frei heit und Jugendschutz. Berlin; vgl. Müller-Lietzkow, J., Bouncken, R. B. & Seufert, W. (2006). Gegenwart und Zukunft der Computer- und Videospielindustrie in Deutschland. Dornach. 16 ähnlicher werden und miteinander Verbin dungen ein gehen.3 Verbin dungen be- stehen beispiels weise bei der gemeinsamen Nutzung von Marken, Figuren und literari schen Vor lagen im Rahmen von Cross media-Konzepten („das Spiel zum Film“ – „der Film zum Spiel“) sowie bei integrierten Wertschöp fungs strategien. Ähnlich keiten zwischen Games und konven tioneller Medien unterhal tung be- stehen unter anderem darin, dass Computerspiele neuer dings auch als Werbe- träger fungieren: Mit ihrem hinzu gewonnenen Status als unter haltsames Massen- medium und ihrer Fähig keit, attraktive Zielgruppen zu er reichen, konnten Computerspiele das Interesse der Werbebranche wecken. An gefangen hat die sogenannte „In-Game-Werbung“ wohl damit, dass die Ent wickler von Autorenn- spielen Ende der 1980er einige virtuelle Werbebanden ent lang der Renn strecken einbauten, damit das Spiel authenti scher wirkte. Damals floss frei lich noch kein Geld für diese Form der Marken darstel lung.4 Heute stellt sich das Bild vollkommen anders dar: Eine Vielzahl unter schied licher Arten von „In-Game- Werbung“ be gegnet den Spielerinnen und Spielern. Oftmals sind Werbung und Spielwelt geschickt miteinander ver flochten, und manche Form der „In-Game- Werbung“ gleicht auf ver blüffende Weise herkömm lichen Werbetafeln, -filmen, -banden und -plakaten, die uns von echten Straßen rändern, Sport stätten oder Fernseh übertra gungen bekannt sind. In der Marketingliteratur werden Strategien für erfolg reiches „In-Game-Advertising“ vor geschlagen.5 In der Wissen schaft wird über die Erschei nungs formen, die Rezep tion, Wirkung und die recht liche Bewer tung von Werbung in Computerspielen ge forscht und diskutiert.6 Sowohl für die Wissen schaft als auch für die Wirtschaft ist dabei die Tatsache be- deutsam, dass viel Werbung in Sportspielen auf taucht, zum Beispiel auf den Trikots virtueller Fußballspieler oder am Rand virtueller Rennstrecken. Denn solche Sportspiele sind insbesondere bei Kindern und Jugend lichen sehr be- liebt.7 Der wirtschaft liche Antrieb hinter dem Auf kommen von In-Game-Werbung ist be merkens wert. Zwar tragen Werbe erlöse bisher erst in be grenztem Umfang 3 Vgl. z. B. Müller-Lietzkow, J. & Bouncken, R. B. (2006). Ver tikale Erweite rung der Wertschöp fungs kette: Das zweischneidige Schwert der Zusammen arbeit der Filmwirt schaft mit der Computer- und Videospieleindustrie. Medien wirtschaft, 3(2), S. 6 ff. 4 Vgl. Winckler, L. (2006, 7. Januar). Spieler zappen nicht. Die Welt online. Zu be ziehen über www. welt.de/data/2006/01/07/827995. html?prx= 1 (21. 6. 2011). 5 Vgl. Kabel, P., Hermann, F. & Hengsten berg, M. (Hrsg.) (2006). Spielplatz Deutschland. Typologie der Com- puter- und Videospieler. Demografie, Freizeit, Konsum. Potenziale des In-Game-Advertisings [EA-Studien von Jung von Matt AG, Electronic Arts GmbH & GEE Magazin]. Hamburg; vgl. Thomas, W. & Stammermann, L. (2007). In-Game Advertising – Werbung in Computerspielen. Strategien und Konzepte. Wiesbaden. 6 Vgl. z. B. Nelson, M. R. (2002). Recall and recognition of brand placements in computer/video games. Journal of Advertising Research, 42(3), S. 80 ff.; vgl. Klimmt, C., Steinhof, C. & Daschmann, G. (2008). Werbung in Computerspielen: Die Bedeu tung von Interaktivität für die kognitive Werbewir kung. Medien wirtschaft, 5(1), S. 6 ff. 7 Vgl. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2010 17 zu den Einnahmen der Spielebranche bei. Schät zungen (z. B. von Parks Associa- tes) gehen von welt weiten Jahres umsätzen mit In-Game-Werbung im niedrigen einstelligen Milliarden-Dollar-Bereich aus. Dem stehen (noch) sehr viel größere Erlöse durch Laden verkäufe und Abonnements gegen über, und neuer dings inte- ressiert sich die Branche speziell für das Geschäfts modell, digitale Güter und Leistun gen im Rahmen von Online-Spielen zu ver kaufen.8 In viele erfolg reiche Titel – Fantasy-Spiele mit Drachen und Zauberern oder auch Kriegs spiele mit histori schem Hinter grund – lässt sich Werbung auch kaum sinn voll einbinden. Doch können anderer seits Spiele entwickler viele Werbeformen schon mit gerin- gem Aufwand realisieren. In solchen Fällen stehen selbst be scheidenen Erlösen praktisch keine Zusatz kosten gegen über. Außerdem haben einzelne Groß- projekte die Sicht bar keit von In-Game-Werbung in der Werbebranche und in Spielerkreisen erheb lich ge steigert: So trat Mercedes-Benz als „Sponsor“ eines ganzen Rennspiels auf („World Racing“, 2003); der Spieleanbieter Electronic Arts bot eine umfang reiche Kollek tion virtueller Möbel für seine Familien- simula tion „Die Sims“ gemeinsam mit IKEA an („Home Accessoires“, 2008). Einige kleinere Spezial agenturen haben sich etabliert, die solche und weniger auf fällige „Deals“ zwischen Werbetreibenden und Spieleanbietern ver mitteln. Ihre Vision ist die Nutzung von Online-Games für individualisierte Werbung9, die ähnlich wie Online-Werbung das Wissen um die Nutzer person ver werten kann, um be sonders erfolg versprechende Marketing-Botschaften ins Spiel ein- zuspeisen. Auch wenn diese High-Tech-Version, die sogenannte dynami sche In-Game-Werbung, bisher noch kaum praktiziert wird (vgl. unten: Kapitel I.2), so haben die Akteure aus der Werbe- und Spielebranche doch bereits viele Schritte auf dem Weg dorthin getan. In-Game-Werbung findet sich heute also in vielen Titeln, vom preis werten Kaufspiel bis zum High-End-Online-Game. Vor dem Hinter grund dieses von werbewirt schaft lichen Interessen voran- getriebenen Auf tretens von „immer mehr“ und immer mehr unter schied licher In-Game-Werbung sehen sich die Wissen schaften und Praxis felder, die sich mit Medien be schäftigen, vor neuen Heraus forde rungen. Aus der Sicht der Werbewirt schaft ist hierbei natür lich vor allem strategisch-ökonomi sches For- schungs- und Praxis wissen von Belang.10 Aus gesellschafts politi scher Sicht sind die Interessen an einem be sseren Ver ständnis von In-Game-Werbung ganz anders ge lagert. 8 Sog. „digital item selling“; vgl. Lehdonvirta, V. (2009). Virtual item sales as a revenue model: identifying attributes that drive purchase decisions. Electronic Commerce Research, 9(1–2), S. 97 ff. 9 Sog. „Targetting“, vgl. Röhle, T. (2007). „Think of it first as an advertising system“: Personalisierte Online- Suche als Datenlieferant des Marketings. Kommunika tion@Gesell schaft, 8, Beitrag 1. Zu be ziehen über: http:// www.soz. uni-frankfurt.de/K.G/B1_2007_Roehle. pdf (21. 6. 2011). 10 Vgl. Thomas & Stammermann 2007. 18 – Hier ist zum einen auf die medien recht liche Einord nung, Bewer tung und Handha bung von Werbung in Computerspielen abzu stellen. Werbekommuni- ka tion unter liegt in Deutschland ganz unter schied lichen Rechts vorschriften, die sich aus medien recht lichen und wettbewerbs recht lichen Aspekten zu einem komplexen Gefüge ver binden. Die Ent wick lung und Anwen dung von Rechts maßstäben hat sich noch in der jüngsten Ver gangen heit bereits mit Werbeformen in den konven tionellen Massen medien immer wieder schwer getan, wie am Beispiel des Product Placements im Fernsehen ge zeigt werden kann. Eine Anpas sung und ent sprechende Übertra gung der Werberege lungen auf die neueren Medien formen der Telemedien ist zwar in Ansätzen bereits erfolgt, jedoch noch nicht wirk lich aus gereift und passend wie die Unter- suchung zeigen wird. Dies ergibt sich bereits daraus, dass die In-Game-Werbung recht lich durch ganz unter schied liche Regulie rungen be einflusst wird. Dazu zählen die Be- stim mungen des Unions rechts, insbesondere die Vor schriften der Richt linie über audiovisuelle Mediendienste11, die den Rahmen für das deutsche Recht ab stecken. In Deutschland sind die Vor schriften des Staats vertrages für Rundfunk und Telemedien in der Fassung des Dreizehnten Rundfunk ände- rungs staats vertrages vom 30. 10. 2009 für die Werbung in Computer spielen be deutsam. Daneben spielen die Bestim mungen des Telemedien gesetzes (TMG)12 eine wichtige Rolle. Zudem be einflussen der Jugendmedien schutz- staats vertrag (JMStV)13 und das Jugendschutz gesetz (JuSchG)14 die Werbung in Computerspielen, soweit Kinder und Jugend liche davon be troffen sind. Schließ lich wirken sich auch noch die Vor schriften des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG)15 und der Daten schutz aus, wie er auf der Grundlage der EG-Daten schutz richtlinie16 und der Daten schutz richtlinie für 11 ABl. EG Nr. L 332 vom 18. 12. 2007, S. 27 ff.; diese Richtlinie wurde durch die Richtlinie 2010/13/ EU vom 10. März 2010 zur Koordinierung bestimmter Rechts- und Verwaltungsvorschriften der Mitgliedstaaten über die Bereitstellung audiovisueller Mediendienste (Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste, AVMD-RL) aus „Gründen der Klarheit und Übersichtlichkeit“ aufgehoben und die bestehenden Vorschriften mit zusam- mengefassten Erwägungsgründen in durchgängiger Nummerierung neu kodifiziert, Abl. EU Nr. L 95 vom 15. 4. 2010, 1 ff. 12 Gesetz über die Nutzung von Telemedien vom 26. 2. 2007, BGBl. I 179, zuletzt geändert durch Artikel 1 des Gesetzes vom 31. 5. 2010, BGBl. I 692. 13 Staatsvertrag über Jugendschutz und Telemedien vom 10. bis 27. 9. 2002, zuletzt geändert durch Art. 2 des Dreizehnten Rundfunkänderungsstaatsvertrages. 14 Jugendschutzgesetz vom 23. 7. 2002, BGBl I 2730, zuletzt geändert durch Gesetz vom 31. 10. 2008, BGBl I 2149. 15 Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb in der Fassung vom 3. 7. 2004, BGBl I 1414, zuletzt geändert durch Gesetz vom 29. 7. 2009, BGBl I 2413. 16 Richtlinie 95/46/ EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 24. 10. 1995 zum Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten und zum freien Datenverkehr, ABl. L 281, 31 vom 23. 11. 1995. 19 elektroni sche Kommunika tion17 im Telemedien gesetz und im Bundes daten- schutz gesetz (BDSG)18 ver ankert ist. Schon die medien recht liche Einord nung der In-Game-Werbung erweist sich als äußerst schwierig. Dies ist zunächst dadurch bedingt, dass die in Betracht kommenden Bestim mungen sich nicht nur nicht aus drück lich auf Computer- spiele be ziehen, sondern dieses Phänomen über haupt nicht an sprechen. Eine Aus nahme bildet ledig lich die Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste, die zumindest in ihren Erwä gungs gründen Computerspiele erwähnt. Für die Frage, welche Vor schriften zur Anwen dung kommen, ist daher ent- scheidend, ob die jeweiligen Computerspiele als audiovisuelle Mediendienste im Sinne der Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste, als Rundfunk oder Telemedien im Sinne des Rundfunkstaats vertrages und des Telemedien- gesetzes oder als Spiele auf einem Träger medium anzu sehen sind. Bei den Telemedien ist zudem zwischen fernsehähn lichen Telemedien, für die gemäß § 58 Abs. 3 RStV be sondere Werberege lungen gelten, und den sonstigen Tele- medien zu differenzieren. Dies macht deut lich, dass es einer sehr genauen Analyse des geltenden Rechts bedarf, um fest stellen zu können, welchen Regelun gen Computerspiele bei der In-Game-Werbung unter liegen. Bei der Bewer tung der einschlägigen Vor schriften ist auch zu be rücksichti- gen, ob und inwieweit sie auf In-Game-Werbung passen. Bei einigen Bestim- mungen ist erkenn bar, dass an das Phänomen der Computerspiele und der darin eventuell ent haltenen Werbung nicht ge dacht wurde. Vielmehr sind sie teil weise sehr stark auf das Fernsehen und fernsehähn liche An gebote aus gerichtet. Dies führt schon im Rahmen des geltenden Rechts zu der Frage, wie man den ent sprechenden Vor gaben bei Computerspielen gerecht werden soll. Aus dieser Bewer tung ergibt sich auch der Bedarf, das be stehende Recht in be stimmten Bereichen den Bedürf nissen der Praxis anzu passen. Bei der Frage, ob und welche Änderun gen des geltenden Rechts notwendig bzw. sachgerecht er scheinen, sind aber auch die Erkenntnisse der Kommunika- tions wissen schaft und der Medien psychologie ge bührend zu be rücksichtigen. Daher er folgen die ent sprechenden Hand lungs empfeh lungen unter Berück- sichti gung der kommunika tions wissen schaft lichen und medien psychologi- schen Erkenntnisse am Ende der Studie. 17 Richtlinie 2002/58/ EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 12. 7. 2002 über die Verarbeitung personenbezogener Daten und den Schutz der Privatsphäre in der elektronischen Kommunikation (Daten- schutz richtlinie für elektronische Kommunikation), ABl. L 201, 37 vom 31. 7. 2002. 18 Bundesdatenschutzgesetz in der Neufassung der Bekanntmachung vom 14. 1. 2003, BGBl I 66, zuletzt geändert durch Gesetz vom 14. 8. 2009, BGBl I 2814. 20 – Die In-Game-Werbung stellt die Kommunika tions wissen schaft und Medien- psychologie vor neue Fragen der Werberezep tion und Werbewir kung. Denn durch das vielfach sehr „intelligente“ Ver schmelzen von Werbebot schaft, Spielwelt und Spielgeschehen (vgl. unten: Kapitel I.2) stellt sich die Frage, inwiefern die Ver arbei tung von Werbeinforma tionen seitens der Rezipien- tinnen und Rezipienten – die ja zudem durch die Interaktivität des Mediums Computerspiel auf be sondere Weise ein gebunden werden – anders abläuft als etwa bei der Fernsehwer bung.19 Damit ver bunden ist die Frage nach normativ gesehen problemati schen Effekten bei Spielerinnen und Spielern insbesondere im Kindesalter. Die Wirkungs forschung ist hier in der Pflicht, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, inwieweit die allgemeinen Leitideen des Jugendmedien schutzes, die ja auch explizit die werb liche Kommunika- tion be treffen, durch In-Game-Werbung unter laufen werden könnten. Aus der Betrach tung möglicher spezifi scher „Anfällig keiten“ von Kindern (und Jugend lichen) für die Wirkung von In-Game-Werbung könnten dann For- schungs- und Anwen dungs aufgaben für die Interven tion und Präven tion er wachsen. Damit ist zugleich nicht impliziert, dass nicht auch Erwachsene für die neue Form der Werbekommunika tion be sondere „Angriffs stellen“ auf weisen würden. Gleichwohl liegt der Fokus der Forschung über Medien- kompetenz und In-Game-Werbung aus normativen und (jugendschutz-) recht lichen Erwägun gen heraus auf der Vulnerabilität von Kindern. – Schließ lich ist das Praxis feld der Medien bildung und Medien kompetenz- arbeit in be sonderer Weise durch In-Game-Werbung ge fordert. Zwar ist die moderne Medien pädagogik längst von der Idee ab gerückt, den Medien- nutzern er klären zu wollen, welche Gefahren im Mediendschungel (angeb- lich) auf sie lauern. Gleichwohl wirft die intensive Nutzung digitaler Spiele, die Werbung beinhalten, die Frage auf, inwiefern gerade (aber nicht nur!) Kinder gut vor bereitet sind auf diese neuartigen Ver suche der Werbebranche, Marken und Produkte bekannt und beliebt zu machen. Im Sinne der Leitidee von kritischer Werbekompetenz als Teil von Medien kompetenz.20 sind gerade die „hoch integrierten“ Formen der In-Game-Werbung, die nur schwer als Werbung zu er kennen sind und sich kaum mit bisher dagewesenen Formen der Werbekommunika tion ver gleichen lassen, als neuer Gegen stand der Medien bildung zu be trachten. Freilich ist bislang weit gehend unklar, was genau die kompetenzbezogenen Heraus forde rungen und (alters-)spezifi schen Probleme bei der nutzer seitigen Bewälti gung von In-Game-Werbung eigent- lich sind und wie ihnen durch effektive Bildungs arbeit besser be gegnet werden könnte. 19 Vgl. Klimmt, Steinhof & Daschmann 2008. 20 Vgl. z. B. Aufenanger, S. (2005). Medienpädagogische Überlegungen zur ökonomischen Sozialisation von Kindern. Medien + Erziehung (merz), 49(1), S. 11 ff. 21 Die vor liegende Studie ist aus dem Anspruch ent standen, diesen vielfältigen Relevanzen der In-Game-Werbung Rechnung zu tragen. Die Landes anstalt für Medien NRW hat die zunehmende Bedeu tung und die vielfältigen Heraus- forde rungen von Computerspielen als Werbeträger zum Anlass ge nommen, ein kommunika tions- und rechts wissen schaft liches Forschungs projekt in Auftrag zu geben, das die hier an gerissenen Fragekomplexe be leuchten und Meilen- steine bei der wissen schaft lichen und praxis bezogenen Aufarbei tung von In-Game-Werbung setzen sollte. Die wesent lichen Erkenntnisse aus der rechts- wissen schaft lichen Analyse und der kommunika tions wissen schaft lichen Rezep- tions- und Wirkungs forschung dieses Projekts werden in den nach folgenden Kapiteln vor gestellt. Die Studie gliedert sich dabei in vier Teile: Zunächst wird der Gegen stand „In-Game-Werbung“ systematisch und anhand von Beispielen be schrieben; an schließend wird der bislang noch sehr be scheidene Forschungs- stand zum Thema, der sich fast aus schließ lich auf Fragen der Rezep tion und Wirkung bezieht, zusammen gefasst (Kapitel I.2 und I.3). Im zweiten Teil wird auf dieser Grundlage eine medien recht liche Bestands aufnahme und Bewer tung der In-Game-Werbung vor genommen. Dabei ist zunächst anhand des geltenden Rechts zu analysieren, welche Bestim mungen bei welchen Spielen die In-Game- Werbung in Computerspielen be einflussen. Dazu werden die Aspekte des Rechts der elektroni schen Medien, des Werberechts, des Ver braucher- und Jugendmedien schutzes sowie des Daten schutz rechts ein gehend be handelt. Außer dem wird auch eine erste Bewer tung vor genommen, ob und inwieweit die geltenden Vor schriften das Phänomen der In-Game-Werbung sachgerecht regeln. Im dritten Teil werden zwei Studien zur Rezep tion und Wirkung be- stimmter Formen der In-Game-Werbung durch Kinder vor gestellt, die auch und gerade den medien pädagogi schen Umgang mit In-Game-Werbung fördern. Aus den recht lichen und sozialwissen schaft lichen Erkennt nissen werden dann im vierten Teil des Bandes konkrete Hand lungs empfeh lungen ab geleitet, die sowohl die auf sichts recht liche Dimension und mögliche Änderun gen der einschlägigen Vor schriften be treffen als auch die Inhalte und Strategien der Medien bil dungs arbeit. 22 Literatur Aufenanger, S. (2005). Medien pädagogi sche Überle gungen zur ökonomi schen Sozialisa- tion von Kindern. Medien + Erziehung (merz), 49(1), S. 11 ff. Kabel, P., Hermann, F. & Hengsten berg, M. (Hrsg.) (2006). Spielplatz Deutschland. Typologie der Computer- und Videospieler. Demografie, Freizeit, Konsum. Potenziale des In-Game-Advertisings [EA-Studien von Jung von Matt AG, Electronic Arts GmbH & GEE Magazin]. Hamburg. Klimmt, C., Steinhof, C. & Daschmann, G. (2008). Werbung in Computerspielen: Die Bedeu tung von Interaktivität für die kognitive Werbewir kung. Medienwirtschaft, 5(1), S. 6 ff. Lehdonvirta, V. (2009). Virtual item sales as a revenue model: identifying attributes that drive purchase decisions. Electronic Commerce Research, 9(1–2), S. 97 ff. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (Hrsg.) (2010). JIM-Studie. Jugend, Informa tion, (Multi-)Media. Basis untersuchung zum Medien umgang 12- bis 19-Jäh- ri ger in Deutschland. Stuttgart. Müller-Lietzkow, J. & Bouncken, R. B. (2006). Ver tikale Erweite rung der Wertschöp- fungs kette: Das zweischneidige Schwert der Zusammen arbeit der Filmwirt schaft mit der Computer- und Videospieleindustrie. Medien wirtschaft, 3(2), S. 6 ff. Müller-Lietzkow, J., Bouncken, R. B. & Seufert, W. (2006). Gegenwart und Zukunft der Computer- und Videospielindustrie in Deutschland. Dornach. Nelson, M. R. (2002). Recall and recognition of brand placements in computer/video games. Journal of Advertising Research, 42(3), S. 80 ff. Röhle, T. (2007). „Think of it first as an advertising system“: Personalisierte Online- Suche als Datenlieferant des Marketings. Kommunika tion@Gesell schaft, 8, Beitrag 1. Zu be ziehen über: www.soz. uni-frankfurt.de/K.G/B1_2007_Roehle. pdf (21. 6. 2011). Thomas, W. & Stammermann, L. (2007). In-Game Advertising – Werbung in Compu- terspielen. Strategien und Konzepte. Wiesbaden. Vorderer, P. & Bryant, J. (Hrsg.) (2006). Playing video games: Motives, responses, consequences. Mahwah, NJ. Winckler, L. (2006, 07. 01.). Spieler zappen nicht. Die Welt online. Zu be ziehen über: www.welt.de/data/2006/01/07/827995. html?prx= 1 (21. 6. 2011). Wolf, M. J. P. & Perron, B. (Hrsg.) (2003). The video game theory reader. New York. Zimmermann, O. & Geißler, T. (Hrsg.) (2008). Streit fall Computerspiele: Computer- spiele zwischen kultureller Bildung, Kunst frei heit und Jugendschutz. Berlin. 23 I.2 Der Unter suchungs gegen stand: Erschei nungs formen, Strategien und Modelle der Werbung in Computerspielen Alexandra Sowka, Christoph Klimmt, Gregor Daschmann & Nicole Zorn Am Beginn der rechts- und kommunika tions wissen schaft lichen Auseinander- setzung mit In-Game-Werbung steht die Beschrei bung und grundlegende Syste- matisie rung des Unter suchungs gegen stands: Was ist In-Game-Werbung, welche Varianten gibt es, und worin unter scheiden sie sich? Dieses Kapitel gibt einen Einblick in das breite Spektrum der Werbeformen in Computerspielen. Aus- gehend von einer begriff lichen Klärung werden die für die wissen schaft liche Auseinander setzung zentralen Eigenschafts dimensionen von In-Game-Werbung erarbeitet, die jeweils in ver schiedene Formen aus differenziert werden (können). Anhand von aus gewählten Beispielen wird die so ent stehende Gegen stands- systematisie rung ver anschau licht. Am Ende stehen Schluss folge rungen für die eingangs formulierten rechts- und sozialwissen schaft lichen Fragen an In-Game- Werbung (vgl. oben: Kapitel I.1). I.2.1 Begriff liche Grundlagen Allgemein definiert be zeichnet der Begriff In-Game-Werbung (kurz: IGA) alle verbalen, visuellen und/oder auditiven Symbol-, Produkt- oder Dienst leis tungs- Platzie rungen, die in die Spielhand lung eines (nicht allein einem werb lichen Zweck ver pflich teten) Computerspiels1 integriert sind und für die ge ldwerte 1 Der Oberbegriff „Computerspiele“ umfasst sowohl Spiele, die im oder über das Internet ge spielt werden (Online-Spiele), als auch solche, die aus schließ lich auf einem Spielgerät (PC oder Spiel konsole) ohne Internet- verbin dung (Offline-Spiele) ge spielt werden. 24 Leistun gen er bracht werden.2 Dabei steht die Spielhand lung im Vordergrund und die werb lichen Platzie rungen treten dahinter zurück, stellen also keine intrinsi schen Eigen schaften dar (wie es beispiels weise bei den sogenannten Ad-games der Fall ist, die in erster Linie zu Werbezwecken ent wickelt werden).3 Die Betrach tung des gesetzten Defini tions rahmens ver deut licht die prinzipielle Vielzahl und Mannig faltig keit von In-Game-Werbemaßnahmen: Nicht nur kön- nen ver schiedene Kommunika tions kanäle (v. a. auditiv, visuell) ver wendet und miteinander kombiniert werden, sondern auch die über diese Kanäle dar gebo- tenen (Werbe-)Objekte können divergente Formen annehmen, von rein sprach- lichen Zeichen bis hin zu komplexen Serviceleis tungen, die in das Spielgesche- hen ein gebunden sind. I.2.2 Zur Systematik der Erschei nungs formen von In-Game-Werbung Aufgrund dieser enormen Bandbreite ist es kaum möglich, eine er schöpfende Erfas sung aller bereits implementierten und prinzipiell möglichen Formen der In-Game-Werbung zu leisten. Stattdessen wurde ein systematisierendes Vor- gehen ge wählt, in dem die ver schiedenen Dimensionen, mit denen Varia tion in den zentralen Eigen schaften von In-Game-Werbung erzeugt werden kann, identifiziert und in ihren jeweiligen Ausprä gungen be schrieben werden (siehe Tabelle 1). Durch die Kombina tion der dimensionalen Eigen heiten kann jede (nach heutigem Technik-/Wissens stand) potenziell realisier bare Erschei nungs- form von In-Game-Werbung skizziert werden. Insgesamt wurden acht Dimen- sionen mit jeweils bis zu drei Aus prä gungs optionen heraus gearbeitet, die zur deskriptiven Erfas sung von In-Game-Werbetypen heran gezogen werden können. Sie werden im Folgenden expliziert und anhand aus gewählter Beschrei bungen ver anschau licht. 2 In Anleh nung an Balasubramanian, S. (1994). Beyond advertising and publicity: Hybrid messages and public policy issues. Journal of Advertising, 23(4), S. 29 ff. 3 Vgl. Nelson, R. M. (2005). Exploring consumer response to „advergaming“. In C. P. Haugtvedt, K. A. Machleit & R. F. Yalch (Hrsg.), Online consumer psychology: Understanding and influencing consumer behavior in the virtual world (S. 167 ff.). Hillsdale; vgl. Mau, G., Silberer, G. & Constien, C. (2008). Communicating brands playfully: Effects of in-game advertising for familiar and unfamiliar brands. International Journal of Advertising, 27(5), S. 827 ff. 25 Tabelle 1: Systematisie rung von In-Game-Werbung I.2.2.1 Erste Beschrei bungs dimension: Werbeobjekt Bei der systemati schen Beschrei bung eines In-Game-Werbetypus ist zunächst danach zu fragen, welche Art von Werbeobjekt vor liegt. Dabei kann das Werbe- objekt, also das be worbene Wirtschafts gut, in drei morphologi schen Realisa- tionen vor liegen. So kann das Werbeobjekt etwa aus einem Symbol be stehen, das heißt aus einem „Bezeichner“ in Gestalt eines oder mehrerer sprach licher Zeichen, Bilder oder Figuren, die auf das eigent liche Ver sor gungs objekt (z. B. ein Unter nehmen) ver weisen und dadurch zum Informa tions- und Bedeu tungs- 26 träger werden. Aus der Fülle der Spiele, in deren Ver laufs geschehen symbol- hafte Werbeobjekte ein gebettet sind, sei hier beispiel haft das Sportspiel Empire of Sports an geführt, in dem etwa die Marken logos des Sportartikel herstellers Adidas sowie der Ver siche rungs gesell schaft Aegon und des Fußball vereins Ajax Amsterdam an mehreren Stellen (u. a. auf Werbeplakaten oder als Banden- werbung) in der Spielwelt platziert sind (vgl. Abbil dung 1). Abbil dung 1: Symbol hafte Werbeobjekte in einem Computerspiel („Empire of Sports“) Andere Möglich keiten der Werbeobjektimplementie rung be stehen darin, die Objekte selbst in Form von virtuellen Produkten (z. B. Mobiltelefone, Autos, Getränkedosen) oder virtuell ausführ baren/be anspruch baren Dienst leis tungen in das Spielgeschehen zu integrieren. In diesen Fällen wird nicht (aus schließ- lich) auf ein Bezugs objekt ver wiesen, sondern das Beworbene steht (in erster Linie) für sich selbst. In das Simula tions spiel Die Sims beispiels weise wurden diverse Produkte in das Spielgeschehen integriert, wie etwa zwei virtuelle Ent sprechungen von real existierenden Wagen modellen des Automobilherstellers Chrysler. Die Autos sind zuvorderst eigenständige Werbeobjekte, wobei sie natür lich indirekt auch auf das ver antwort liche Unter nehmen hinweisen. Äqui- va lentes gilt zum Beispiel für das Dienst leis tungs angebot, welches in dem bereits zitierten Empire of Sports in Anspruch ge nommen werden kann: Hier 27 haben die Spielfiguren die Möglich keit, Tickets für Flüge der Flug gesell schaft Air France käuf lich (in der spieleigenen Währung) zu er werben, damit sie zu den ver schiedenen Spielstätten reisen können. In der Betrach tung virtueller Produkte und Dienst leitun gen darf auch die Ebenen-Problematik nicht außer Acht ge lassen werden, wonach auch die Darstel lung eines Produkts in der Spielwelt in der Regel die virtuelle Abbil dung des Produkts ist und nicht das physikali sche Produkt selbst. Genaugenommen handelt es sich also bei einem dargestellten Produkt auch nur um ein Symbol (um Pixel auf dem Bildschirm). Die Differenzie rung in Symbol versus Produkt und Dienst leis tung ist jedoch deswegen sinn voll, weil aus dieser Perspektive auch der nicht-werb liche Anteil jedes Computerspiels aus Symbolen (Pixeln) besteht; aus der Innensicht der virtuellen Spielwelt dagegen macht es einen Unter schied, ob mit Zeichen auf Wirtschafts güter ver wiesen wird oder direkte Abbil dungen von Wirtschafts- gütern auf treten bzw. direkte wirtschaft liche Aktionen vor genommen werden können (siehe auch Dimension „Typ der werb lichen Kommunika tion“, unten). I.2.2.2 Zweite Beschrei bungs dimension: Ver brei tungs weg/techni scher Zugang In-Game-Werbung kann über ver schiedene Ver brei tungs- bzw. techni sche Zu- gangs wege transportiert werden. Grundsätz lich kann dabei zwischen den beiden Ver brei tungs- bzw. Zugangs modi „offline“ und „online“ differenziert werden. In der Regel läuft ein Spiel exklusiv im Offline- oder im Online-Modus, und die Werbemaßnahmen sind dementsprechend auf die damit einher gehenden Bedin gungen zu geschnitten. Ein Beispiel für ein reines Offline-Spiel ist das Musikspiel Guitar Hero, bei dem die Heraus forde rung in dem möglichst prä- zisen instrumentalen Nachspielen eines Musiksongs besteht. Die in dem Spiel ent haltenen Werbemittel, wie beispiels weise die Plakate des Telekommunika- tions unternehmens Sprint, sind feste Bestand teile der (offline ver brei teten) Spielsoftware und können nach dem Erwerb nicht mehr aktualisiert oder dyna- misch ver ändert werden (vgl. auch Dimension „Grad der Fixie rung“, unten). Demgegenüber können in dem Online-Strategiespiel Anarchy Online die Werbeplatzie rungen (u. a. auf großen Bildschirmen präsentierte Kinotrailer) auf grund der Onlinekonnektivität über die gesamte Nutzungs dauer hinweg modifiziert werden (zum Beispiel durch die Substitu tion eines nach ge wisser Zeit veral teten Kinotrailers durch einen dann aktuelleren, vgl. Abbil dung 2, unten). Neben exklusiv offline oder online nutz barer Spielsoftware, be stehen bei einigen Computerspielen auch hybride Zugangs möglich keiten, das heißt, sie können ab wechselnd offline und online ge nutzt werden, wodurch sich auch für die Werbekommunika tion die Möglich keit einer dualen Ver brei tung eröffnet: So kann Werbung beispiels weise erst in der Onlinephase implementiert werden, um dann auch in nach folgenden Offline-Phasen zu er scheinen, und/oder die 28 werb lichen Inhalte sind bereits in den Offline-Modus des Spiels einprogram- miert und bleiben un verändert oder aber werden in den Online-Phasen modi- fiziert bzw. aktualisiert. Abbil dung 2: Online ver breitete Variante von In-Game-Werbung Ein Trailer für den Film „300“ wird in der virtuellen Spielwelt von Anarchy Online ge zeigt. Er wird über das Internet in die Darstel lung für jeden einzelnen Spieler ein gespeist und kann jederzeit durch aktuellere Trailer oder andere Werbeinhalte via Internet aus getauscht werden. I.2.2.3 Dritte Beschrei bungs dimension: Messbar keit der Nutzer aktivitäten Wie bei vielen anderen Werbeformen in den Neuen Medien besteht auch bei be stimmten Varianten von In-Game-Werbung die Möglich keit, Informa tionen über die einzelnen Rezipientinnen und Rezipienten zu sammeln und diese wiederum für die Erfolgs messung und strategi sche Werbepla nung nutz bar zu machen.4 Wegen der werbestrategi schen Relevanz, vor allem aber wegen der an gebundenen Debatte über den Schutz persön licher Daten vor Aus spähung und wirtschaft licher Verwer tung ist es sinn voll, die Messbar keit der Nutzer- 4 Vgl. beispielsweise Röhle, T. (2007). „Think of it first as an advertising system“: Personalisierte Online-Suche als Datenlieferant des Marketings. Kommunika tion@Gesell schaft, 8, Beitrag 1. Zu be ziehen über: www. soz. uni-frankfurt.de/K.G/B1_2007_Roehle. pdf (21. 6. 2011). 29 aktivitäten als eigene Beschrei bungs dimension auch und gerade für In-Game- Werbung einzu führen. Diese Deskrip tions kategorie ist aus techni schen Gründen eng ver knüpft mit der Dimension der Spiel verbrei tung bzw. des Spielzugangs (s. oben), denn ihre Ausprä gung hängt stark von der Frage ab, ob eine In-Game-Werbung online oder offline aus geliefert wird. So können bei einem Offline-Computerspiel die er reichten Werbekontakte nur nähe rungs weise anhand von Ab verkaufs zahlen oder Umfragen er mittelt werden. Details wie etwa genaue Werbekontakt zahlen (Dauer/Frequenz) können dagegen nicht ge neriert werden. Die limitierte Aus- sagekraft der Nettokontaktermitt lung wird beispiels weise bei der Betrach tung des Offline-Spiels Shaun White Snowboarding deut lich: Das Wintersportspiel ent hält zahl reiche Werbebot schaften auf Plakaten, Fahnen und Auf stellern (zum Beispiel vom Ver siche rungs unternehmen State Farm). Die für den Werbe- kunden relevante Frage der Werbekontakt zahlen kann in diesem Offline-Game nur auf grund der Ab verkaufs zahlen ein geschätzt werden oder müsste mit auf- wendigen Umfragen im Stile der konven tionellen Mediaforschung er mittelt werden. Die tatsäch lich realisierte Kontakt dauer und -frequenz (wie lange also und wie häufig die Spielerinnen und Spieler im Durch schnitt welchem Werbe- mittel be gegneten) ist wegen der fehlenden Onlineanbin dung hingegen nicht zu er mitteln. Für eine solche präzise Messung der einzelnen Nutzer- bzw. Werbekontakte bedarf es eines Adservers (Internet-Technologie zur Bestim mung der Aus liefe- rung/Einblen dung von Werbung pro Nutzer), dessen Einsatz eine Internet- verbin dung ver langt und somit nur bei Spielen im partiellen oder reinen Online- Modus möglich ist. Eine Adserver-Messung gibt dem Werbekunden genaue Rückmel dung über Zahl und Dauer der Werbekontakte und besitzt dem ent- sprechend eine höhere Aus sagekraft in Bezug auf den Werbe erfolg als die Nettoreichweite.5 Für In-Game-Werbung, die von Adserver-Systemen aus geht, be stehen daher spezifi sche Möglich keiten, Informa tionen über die Nutzer (Ver- halten im Spiel) mit werbebezogenen Informa tionen (Einblen dungs dauern für ge zeigte Werbeinhalte) zu ver binden; auch die Bildung personen bezogener Profile, wie sie in der Online-Werbung kritisch diskutiert wird, wäre für solche Formen der In-Game-Werbung denk bar.6 Ein interessantes Anwen dungs beispiel für die Möglich keiten, die die Adserver-Technologie bietet, findet sich in dem Actions piel Rainbow Six Vegas 2, in dem u. a. Plakat werbung für den Kinofilm The Dark Knight be trieben wurde. Wie aus einer themati schen Leis tungs- beschrei bung der zuständigen Werbeagentur Massive Incorporated hervor ging, 5 Vgl. Thomas, W. & Stammermann, L. (2007). In-Game Advertising – Werbung in Computerspielen: Strategien und Konzepte. Wiesbaden. 6 Vgl. Röhle 2007. 30 können detaillierte Messdaten zur Ver fügung ge stellt werden, die dem Werbe- kunden zum einen Aus kunft über die Gesamtdauer des Plakat kontakts des Spielers („Cumulative Impression Seconds“) geben und zum anderen über die Kontakt frequenz („Impres sions total“) informieren, also über die Anzahl der Begeg nungen des Spielers mit der Werbefläche (vgl. die Website der Agentur für strategi sche „Case Studies“ dieser Art: www.massiveincorporated. com). I.2.2.4 Vierte Beschrei bungs dimension: Grad der Fixie rung Eben falls an den einschlägigen Ver brei tungs weg (Dimension „Ver brei tungs weg/ techni scher Zugang“) ge koppelt ist der Grad der Fixie rung der Werbebot schaft innerhalb des Computerspiels. Mit dem Begriff Fixie rungs grad ist ge meint, inwiefern eine Werbemaßnahme in einem Computerspiel nach der er stmaligen Ver brei tung oder Inbetriebnahme der Software noch ver änder lich ist. Es geht also um die Frage, ob die Werbung in un veränder barer Form in das Spiel- geschehen integriert ist [statisches In-Game-Advertising (SIGA)] oder ob es sich um eine dynami sche Werbung handelt, die regelmäßig modifiziert werden kann [dynami sches In-Game-Advertising (DIGA)]. SIGA wird meist nur in Offline-Spielen bzw. in Offline-Bereichen von Spielen ver wendet, könnte theoretisch aber auch in Online-Spielen platziert werden. Ein Beispiel für diese fest in das Computerspiel ein gebundene Werbung ent hält das Autoren nspiel Burnout Paradise, in dem u. a. eine Werbekampagne des Softwareherstellers Microsoft lanciert wird. An diversen Stellen im Spiel verlauf fährt die Spielfigur an großen Reklametafeln vorbei, auf denen Microsoft mit dem Slogan „I’M A PC“ für sich wirbt. Diese Plakate sind, einmal in das Spiel integriert, nicht mehr modifizier bar, können also nicht mit neuen, aktuellen Werbeinhalten von Microsoft be stückt oder an anderer Stelle platziert werden. Hingegen ermög licht DIGA eine weitaus flexiblere Kunden ansprache: Durch Rück griff auf die bereits er wähnte Adserver-Technologie – weshalb DIGA eine Internet verbin dung voraus setzt, also nur in Online-Spielen oder in Online- Bereichen von Spielen möglich ist – können die Werbeobjekte sowohl zeit lich, inhalt lich als auch platzie rungs bezogen an die Wünsche des Auftrag gebers an gepasst werden.7 Die Adjustie rung von Werbemaßnahmen kann dabei ent- weder in einem zyklischen Rhythmus, also immer zu einem be stimmten Zeit- punkt (z. B. beim manuellen oder automati schen Updaten eines Spiels) realisiert werden oder kontinuier lich, d. h. ohne die Orientie rung an ge wissen Initialereig- nissen, sodass jederzeit die Möglich keit besteht, die Werbung zu modifizieren. Zyklisches DIGA findet sich beispiels weise in dem Online-Rennspiel Need for Speed Shift. Hier besteht bei jedem Neustart des Spiels (d. h. bei jedem „Online- 7 Vgl. Thomas & Stammermann 2007. 31 gehen“) die Möglich keit einer Modifika tion der Werbeinhalte. So sieht der Spieler beispiels weise auf einem Plakat zunächst Werbung für den Kinofilm Sherlock Holmes, und dieser Werbeinhalt bleibt während des gesamten Spiel- ablaufs konstant. Beim er neuten Starten des Spiels wenige Tage später wird dann auf demselben Plakat für den Reifen hersteller Falken Tires ge worben (vgl. Abbil dung 3). Es hat demnach ein vom Spielhersteller initiierter und durch Adserver realisierter Werbeinhalts wechsel statt gefunden, der für den Spieler aber nur dann sicht bar wird, wenn er in dem ent sprechenden Zyklus das Spiel online nutzt. Abbil dung 3: Dynamische In-Game-Werbung Aus tausch der Werbeinhalte zwischen zwei Spielsit zungen am Beispiel von Need for Speed Shift: Die gleiche Werbetafel ent lang einer virtuellen Rennstrecke trägt zunächst die Ankündi gung für einen Kinofilm (links) und bei einer späteren Nutzung den Schriftzug eines Reifen anbieters (rechts). I.2.2.5 Fünfte Beschrei bungs dimension: Typ der werb lichen Kommunika tion Ein weiteres zentrales Unter schei dungs merkmal von In-Game-Werbeformen ist der ver wendete Typ der werb lichen Kommunika tion. Hierbei kann es sich ent weder um die Replika tion einer klassi schen Werbemaßnahme oder um die Platzie rung einer virtuellen Produkt- bzw. Dienst leis tungs entsprechung. Der erst genannte Typ kann auch als „virtuelle Werbung“ be zeichnet werden, da er sich auf die computerspielebezogene Adaption von be kannten Werbeformen tradi tioneller Werbeträger (z. B. Fernsehen, Radio) bezieht, deren werb licher Charakter in der Regel (relativ) leicht erkenn bar ist (z. B. Werbespots, -plakate, -jingles, -banner). Eine be stimmte In-Game-Werbung kann also als virtuelle Werbung charakterisiert werden, wenn im Spielgeschehen eine virtuelle Ent- sprechung einer klassi schen Werbemaßnahme ent halten ist, wie etwa ein Radio- spot, den die Spielfigur über Lautsprecher hört und der auf diese Weise auch 32 dem Spieler/der Spielerin zu Gehör ge bracht wird. Andere Beispiele wären Werbejingles, die aus virtuellen Geschäften tönen oder Plakate am virtuellen Straßen rand (vgl. auch Abbil dung 3, oben). In dem Actions piel Spiderman: Web of Shadows ist beispiels weise eine hohe Anzahl farbintensiver Werbe- plakate der Fast foodkette McDonalds zu sehen, die als Fassaden werbung bzw. auf einzelnen Gebäuden in der Spielwelt an gebracht sind. Diese Art der Wer- bung ist in ver gleich barer Form auch an Fassaden und auf Gebäuden in der Realität zu finden. Ist hingegen ein Produkt oder eine Dienst leis tung (auch) zu Werbezwecken in die virtuelle Spielewelt integriert, handelt es sich um ein „virtuelles Product Placement“. Die Differenzie rung zwischen der Nachah mung von be kannten Werbeformen aus der realen Welt und virtuellem Product Placement er scheint deswegen sinn voll, weil man im Sinne der Erkenn bar keit werb licher Ab sichten von ähnlichen Grundsätzen aus gehen kann wie beim Medium Film: Bekannte Werbeformen aus der Realität „zeigen“ dem Publikum ihren werb lichen Charak- ter ver gleichs weise explizit, wohingegen das nicht an gekündigte Auf tauchen von Produkten oder Dienst leis tungen als implizite, „ge tarnte“ Werbeform gilt. Ein an schau liches Beispiel liefert hier das Simula tions spiel Die Sims2, in dem der Möbelhersteller IKEA (in einem Erweite rungs paket zu dem Spiel) in der gesamten Spielwelt an ge eigneten Stellen (über wiegend in den Wohnun gen der Spielfiguren) virtuelle reali täts getreue Produktentsprechungen seiner Möbel und Wohnaccessoires platzieren ließ (Stühle, Tische, Teppiche, Lampen, Spiegel etc., vgl. Abbil dung 4). Diese Product Placements bilden einen Teil der „natür- lichen“ Spielumge bung, sodass ihr werb licher Charakter nicht sofort ersicht lich ist. Das IKEA-Beispiel weist hier natür lich eine „schwache“ Tarnung auf, weil die Zusammen arbeit des Spieleanbieters Electronic Arts mit IKEA sehr offensiv kommuniziert wurde; das hier an gesprochene Ergän zungs paket für Die Sims2 heißt IKEA Home Accessoires. Gleichwohl sind andere Beispiele bekannt, in denen deut lich weniger explizit auf „virtuelles Product Placement“ ver wiesen wird, beispiels weise bei der Verwen dung von authenti schen Feuer waffen (die man in den USA auch kaufen kann) in Shooter-Spielen.8 8 Vgl. Smith, S. L., Lachlan, K. & Tamborini, R. (2003). Popular video games: Quantifying the presentation of violence and its context. Journal of Broadcasting and Electronic Media, 47, S. 58 ff. 33 Abbil dung 4: Beispiel für Werbetyp „Virtuelles Product Placement“ Die weib liche Spielfigur hat auf einem IKEA-Sessel Platz ge nommen, weitere IKEA-Möbel sind im Raum ver teilt (Die Sims2). I.2.2.6 Sechste Beschrei bungs dimension: Grad der Interak tion Ein weiterer Gestal tungs bereich von In-Game-Werbung eröffnet sich durch den interaktiven Charakter von Computerspielen, der prinzipiell auch für die werb liche Kommunika tion nutz bar ge macht werden kann. Legt man ein Konti- nuum von Interaktivität zugrunde, so können implementierte Werbemaßnahmen ent weder keinerlei Potenzial zur interaktiven Nutzung be sitzen oder graduell unter schied lich intensive Formen der Interak tion er lauben bzw. ver langen. Ist kein Gebrauch des Werbeobjekts durch den Spieler oder die Spielerin vor- gesehen, wie es meistens bei virtueller Werbung der Fall ist, also beispiels weise bei Plakaten oder Bannern, kann dies als passive Werbung be zeichnet werden. Solche Werbemaßnahmen ge hören dann oft zum Hinter grund oder zur Kulisse der Spielwelt, wie es beispiels weise für das bereits er wähnte Simula tions spiel Die Sims2 zutrifft: Hier sind diverse Möbelstücke des Einrich tungs hauses IKEA Bestand teil der virtuellen Wohnun gen der Spielfiguren, wobei viele der Gegen- stände rein dekorativer Natur und nicht-benutz bar sind, wie etwa die virtuelle Produktentsprechung eines IKEA-Tisches. 34 Ver fügt ein werb liches Objekt hingegen über interaktive Ver wen dungs- möglich keiten, was häufig bei virtuellen Product Placements ge geben ist, muss weiter gehend der Grad seiner Nutzbar keit be stimmt werden. So kann die Inter- ak tion mit dem Werbegegen stand für den Spieler zwar möglich, für den Spiel- verlauf jedoch un bedeutend sein. Auch hier kann zur Illustra tion erneut auf die IKEA-Einrich tungs gegenstände in Die Sims2 rekurriert werden, da einige dieser Wohnelemente interaktiv nutz bar sind, wobei die Verwen dung weder nütz lich noch notwendig ist, wie zum Beispiel bei diversen Sitzgelegen heiten der Fall, die ver rück bar sind und auf denen Platz ge nommen werden kann. Weiter hin kann die Benut zung des Objekts aber auch nütz lich sein, dem Spieler also ge wisse Vor teile einbringen. In dem bereits er wähnten Anarchy Online konnte für einen Zeitraum im Jahr 2010 beispiels weise ein Werbeplakat der Automobilmarke Pontiac in nutzbringender Weise interaktiv ver wendet werden, da die Spielfigur durch Anklicken des groß flächigen Plakates (Hinweis auf dem Plakat „Need Energy – Click here“) Energie erhielt, die für ihn während des weiteren Spiel verlaufs nütz lich ist. Und schließ lich kann der Gebrauch werb licher Objekte im Computerspiel zur erfolg reichen Ab solvie rung des Spiels sogar notwendig sein. Hier kann das Rennspiel Need for Speed Shift heran- gezogen werden, in dem der Spieler aus mehreren Automarken (z. B. Porsche, Mercedes, Ferrari, BMW) eine Marke aus wählt, um dann in einem ent spre- chend designten Wagen (sowohl Karosserie als auch Interieur inkl. Marken- emblem auf dem Lenkrad) an den Autoren nen teilnehmen zu können. Die interaktive Nutzung der Product Placements in Form von Rennwagen ist dem- nach notwendig für die Spieltätig keit und das Erreichen der Spielziele – eine Vermei dung der werb lichen Botschaft durch die Spielerinnen und Spieler ist damit praktisch aus geschlossen. I.2.2.7 Siebte Beschrei bungs dimension: Wirtschaft liche Transak tion Mit der wirtschaft lichen Transak tion wird eine Dimension auf gezeigt, deren positive Ausprä gung, nämlich das Vor handensein von wirtschaft lichem Trans- aktions potenzial eines In-Game-Werbeobjekts mit Auswir kungen auf die reale Welt, bislang nur in sehr be grenztem Maße zu finden ist. Es ist jedoch davon auszu gehen, dass sich ihre Relevanz in naher Zukunft erhöhen wird, da es eine lukrative Einnahmequelle ver spricht. Bei konven tioneller Online-Werbung (außerhalb von Spielen) besteht häufig eine enge Ver knüp fung zwischen der Werbemaßnahme (z. B. einem Werbe-Banner auf einer Website) und der Ab- wicke lung einer Transak tion mit dem Nutzer (z. B. Buchung einer Flugreise). Bei Werbung in Computerspielen ist auf grund der Abschot tung der virtuellen Welt von der realen Welt diese Nähe nicht ohne Weiteres zu realisieren. In den meisten Fällen ist es auch nicht möglich, ein In-Game-Werbeobjekt als 35 non-virtuelles Wirtschafts gut zu ver wenden. Es sind jedoch Fälle dokumentiert und denk bar, bei denen die Nutzerinnen und Nutzer durch In-Game-Werbung direkt in eine realwelt liche Transak tion ge lotst werden. Bei dem Autoren nspiel Need for Speed Underground 2 wäre es beispiels weise durch aus naheliegend, dem Spieler die Option zu geben, das Musikstück „Riders on the Storm“ des Rappers Snoop Doog feat. The Doors, das zu Beginn jeder Spiel szene auto- matisch startet und während der Spielhand lung als Hinter grundmusik präsent bleibt, direkt käuf lich er werben zu können. Andere Beispiele sind aus dem „nahen Ver wandten“ von Computerspielen, nämlich der virtuellen Welt „Second Life“, bekannt; hier haben ver schiedene Unter nehmen ihre virtuellen Produkte in der (Spiel-)Welt mit der Möglich keit der tatsäch lichen Produkt bestel lung und Produkt liefe rung nach Hause aus- gestattet. Zwei abseh bare Ent wick lungs linien in der Spielebranche stützen das Argument, dass In-Game-Werbung auch mit Blick auf die Frage, ob sie direkt mit einer Transak tions möglich keit ver bunden ist, klassifiziert werden sollte. Zum einen floriert das Geschäfts modell, innerhalb von Computerspielen spiel bezo- gene digitale Güter zu ver kaufen.9 Transak tionen mit echtem Geld (oder virtua- lisiertem echten Geld in „Spiel-Währung“) sind also zumindest in manchen Online-Spielwelten bereits ge bräuch liche Praxis und könnten ohne Probleme auch auf spielexterne Produkte an gewendet werden. Zum anderen wachsen Computerspiele und Social Media (zum Beispiel „Facebook“) immer enger zusammen.10 Damit werden neuartige Tendenzen der „Ent gren zung“ von Com- puter spielen erkenn bar; die Nutzung von Computerspielen geht naht los in andere Formen der Internetnut zung über, sodass prinzipiell auch die Grenzen zwischen Spielen, Werberezep tion und Internet-Shopping fließender werden dürften. I.2.2.8 Achte Beschrei bungs dimension: Kenntlichmachung Komplettiert wird die Matrix zur Systematisie rung von In-Game-Werbung durch die Dimension „Kenntlichmachung“, die sich auf das Vor handensein oder Nicht vorhandensein von Hinweisen auf die werb lichen Inhalte eines Com- puterspiels bezieht. Ein Hinweis auf einen Werbeinhalt liegt dann vor, wenn die Präsenz werb licher Botschaften beispiels weise im Vor- oder Abspann eines Spiels oder in der Spiel beilage auf geführt oder anderweitig in allgemeiner Form auf die Existenz werb licher Kommunika tion hin gewiesen wird. Ist die Werbung im Spiel hingegen in keiner Weise als solche aus gewiesen, gilt ent- sprechend die Ausprä gung „kein Hinweis auf einen Werbeinhalt“. Diese Dimen- 9 Vgl. Lehdonvirta, V. (2009). Virtual item sales as a revenue model: Identifying attributes that drive purchase decision. Electronic Commerce Research, 9(1), S. 97 ff. 10 Vgl. beispielsweise Wohn, D. Y., Lampe, C., Ellison, N., Wash, R. & Vitak, J. (2011, Januar). The „S“ in social network games: Initiating, maintaining, and enhancing relationships. In Proceedings of the 44th Annual Hawaii International Conference on System Sciences. Kauai, HI. 36 sions ausprä gung wäre etwa bei dem Werbespot des Automobilherstellers Pontiac einschlägig, der dem Spieler im Spiel verlauf von Anarchy Online (in einem be stimmten Zeitfenster im Jahr 2010) auf einem Großbildschirm prä- sentiert wurde: Es wird weder vor, während noch nach dem Spot (den der Spieler notwendiger weise an schauen muss) darauf hin gewiesen, dass es sich dabei um einen Werbeinhalt handelt. Der Ver zicht auf eine Kenntlichmachung von Werbung in Computerspielen ist nach momentanem Stand die Regel; nur in seltenen Fällen erfolgt ein expliziter Hinweis auf werb liche Inhalte. Nicht zuletzt vor dem Hinter grund der in konven tionellen Werbemedien üblichen Praxis, eine Trennung von Werbung und Programm bzw. redak tionel- lem Content zu fordern,11 er scheint diese Dimension bei In-Game-Werbung be deutsam. Freilich sind die Machbar keiten für die meisten Spielwelten wesent- lich geringer als etwa bei der linearen Programmabfolge des Fernsehens, die die Kenntlichmachung von Unter brecherwer bung ermög licht. Schwer lich vor- stell bar wäre beispiels weise das Auf treten eines roten Pfeils mit der Auf schrift „Werbung hier!“, sobald die Nutzerinnen und Nutzer auf einer virtuellen Renn- strecke an einer Werbebande vorbei rasen. Denkbar wäre hingegen die Einblen- dung „Werbemaßnahme“ am Bildschirmrand links oben, sobald eine In-Game- Werbung auf dem Bildschirm zu sehen ist – diese Einblen dung wäre optisch und möglicher weise juristisch ver gleich bar mit dem Hinweis „Dauerwerbesen- dung“ im Fernsehen. Gleichwohl sind bislang fast keine solchen und anderen Techniken der Kenntlichmachung von In-Game-Werbung als gängige Praxis dokumentiert. I.2.3 Resümee und offene Fragen In-Game-Werbung wird genau mit den gleichen techni schen Mitteln erzeugt und platziert wie die sie um gebende Spielwelt mit ihren Räumen, Gegen ständen und Figuren: Beides besteht (nur) aus dynamisch er rechneten Pixeln. Damit werden spezifi sche Eigen schaften von In-Game-Werbung möglich oder zumin- dest vor stell bar; zum einen sind der kreativ-strategi schen Aus gestal tung werb- licher Botschaften in den virtuellen Welten von Computerspielen praktisch keine Grenzen mehr gesetzt. Zum anderen sind immer dann, wenn Internet- verbin dungen ge nutzt werden (können), Chancen und Risiken ge geben, die auf dem möglichen Rück kanal vom Nutzer zum Werbetreibenden beruhen und beispiels weise die auf Nutzer profilen be ruhende personalisierte Zuspie lung aus gewählter Werbeinhalte und -formen er lauben. Wegen der Vielfalt der Er- schei nungs formen und technisch-strategi schen Machbar keiten ist es er forder lich, 11 Vgl. Baerns, B. (Hrsg.) (2004). Leitbilder von gestern? Zur Trennung von Werbung und Programm. Wiesbaden. 37 das Phänomen In-Game-Werbung ent lang von multiplen Dimensionen zu be- schreiben: Prinzipiell wären alle Permuta tionen aus den in Tabelle 1 (s. oben) zusammen gefassten Variablen, die In-Game-Werbung kennzeichnen, vor stell- bar; eine be merkens werte Vielfalt lässt sich schon heute zumindest an aus- gewählten Beispieltiteln zeigen. Aus der Beschäfti gung mit den Erschei nungs formen und techni schen Grund- lagen der In-Game-Werbung wird bereits deut lich, dass die zu Beginn formu- lierten Erkenntnis interessen in Bezug auf Regulie rungs-, Wirkungs- und Medien- kompetenzfragen mehr als be rechtigt sind. Die große Vielfalt der In-Game- Werbung geht teil weise mit be merkens werten „Tarnungs“-Möglich keiten einher; vielfach scheint In-Game-Werbung sehr eng mit dem rest lichen, nicht werben- den Spielgeschehen ver zahnt zu sein. Die meisten denk baren und schon prakti- zierten Formen von In-Game-Werbung stellen ge wissermaßen das Gegen teil von eindeutig markierter, aus dem Um gebungs-Content heraus stechender Unter- brecherwer bung im Rundfunk bereich dar. Zugleich sprechen viele Formen die Ver arbei tungs routinen der Nutzerinnen und Nutzer aus der realen Welt an: Werbeplakate am Straßen rand oder auf Gebäuden haben wir alle schon häufig gesehen und dafür Rezep tions schemata aus gebildet. Diese im Rahmen virtueller Welt-Simula tionen aufzu greifen ist eine jener Techniken der „intelligenten“ Werbeintegra tion in Computerspielen, die sowohl unter recht lich- aufsichts- bezogenen Perspektiven (z. B. Kenntlichmachung, vgl. die achte Beschrei bungs- dimension) als auch aus der Rezep tions- und Wirkungs perspektive (z. B. be- wusste versus automati sche Ver arbei tung der Werbebot schaft) und natür lich der praxisorientierten medien pädagogi schen Perspektive be deutsam sind. Neben den vielfältigen Integra tions formen der erkenn baren In-Game-Werbung, ge- wisser maßen ihrer Oberfläche, sind auch die zugrunde liegenden Technologien mit ihrem Potenzial zur Vermes sung von Werbekontakten und Nutzer verhal- tens weisen sowie der Personalisie rung von Werbe einblen dungen hochinteres- sant. Auch wenn hier weit gehend unklar ist, inwieweit die Leis tungs verspre- chungen etwa von Agenturen wie „Massive Incorporated“ schon um gesetzt werden (können), ver weisen die (potenziellen) Gemeinsam keiten zwischen dyna mi scher In-Game-Werbung und anderen Formen des Internet Advertising bereits auf normative Heraus forde rungen im Bereich des Daten schutzes.12 Auch hier er geben sich ent sprechende Fragen, insbesondere für die Regulie rungs- perspektive. Pessimistisch formuliert sähe also gemäß der hier skizzierten Systematisie- rung eine be sonders problemati sche Konstella tion von In-Game-Werbung in etwa folgender maßen aus: In-Game-Werbung kann in einem Spiel mit USK- Freigabe „12 Jahre“ eine Spirituosen-Plakat werbung darstellen (Werbeobjekt: 12 Vgl. Röhle 2007. 38 Symbol), die in die Spielland schaft ein gefügt wird, sobald der jugend liche Spieler eine Internet verbin dung hergestellt hat (Ver brei tungs weg: online). Mit Hilfe moderner Adserver-Technologie kann der Werbetreibende exakt be ziffern, wie häufig, wie lange und aus welchem Winkel jener Spieler die Werbebotschaft in einem ge gebenen Zeitraum sehen konnte (Messbar keit der Nutzer aktivität: Adserver). Aus dem online er stellten Nutzungs profil des Spielers kann er ferner er mitteln, dass die Spirituosen werbung an einem Streckenteil steht, den der Spieler jedes Mal mit hohem Tempo durch fährt, sodass vermut lich wenig Auf merksam keit für die Werbebot schaft ent steht. Also nutzt der Werbetreibende die Möglich keiten der dynami schen In-Game-Werbung und ver legt seine Werbe- bot schaft an den Rand einer virtuellen Schikane, wo sie auf grund des geringe- ren Fahrtempos deut lich länger und besser sicht bar bleibt (Grad der Fixie rung: dynamisch-kontinuier lich). Da es sich um eine Banden werbung am Rand einer virtuellen Rennstrecke handelt, muss diese Werbeform als Replika tion klassi- scher kommerzieller Kommunika tion gelten (Typ der werb lichen Kommunika- tion: „virtuelle Werbung“). Allerdings besteht ein Unter schied zu einem echten Werbeplakat: Das virtuelle Plakat stellt nämlich eine Straße dar, die auf die eben falls ab gebildete Website der Spirituosen marke hinführt – fahren die Spielerinnen und Spieler zum Spaß „in die Plakat wand hinein“, öffnet sich ein Fenster dieser Homepage (Grad der Interak tion: Interak tion möglich) und bietet Bestell möglich keiten für Merchandising-Produkte rund um die Spirituose und das Thema Autoren nen (Wirtschaft liche Transak tion: möglich). Und schließ lich weist weder ein Schriftzug am Bildschirmrand noch eine Notiz im Handbuch oder im Vor spann des Spiels darauf hin, dass mit solch einer Spirituosen- werbung gerechnet werden müsse (Kenntlichmachung: nicht vor handen). Es ließen sich ver schiedene andere eben falls regulie rungs bezogen und nor- mativ problemati sche Konstella tionen von In-Game-Werbung aus der Systemati- sie rung ab leiten; das fiktive Beispiel soll vor allem illustrieren, wie die verschie- denen Beschrei bungs dimensionen zusammen fließen und aufeinander bezogen werden können. So wird deut lich, dass eine Vielzahl praktizierter oder denk- barer Varianten von In-Game-Werbung neue Heraus forde rungen an die Werbe- aufsicht und Medien regulie rung sowie für die Werbewirkungs- und Werbe- kompetenzforschung stellen. Die Darstel lung des Möglich keits raums – welche Eigen schaften kann In-Game-Werbung auf weisen? – ist indes nicht gleichzusetzen mit einer Abbil- dung der häufigsten und typischsten Formen von In-Game-Werbung. Eine auf systemati schen Inhalts analysen be ruhende Bestim mung der Prävalenzraten von ver schiedenen Arten der In-Game-Werbung in den heutzutage am Markt an- gebotenen Computerspielen steht weiter hin aus. Sie wäre auch im Rahmen des hier dokumentierten Forschungs projekts nicht zu leisten. Allerdings lassen sich aus unseren Erfah rungen bei der Suche nach aktuellen Beispielen für In-Game- Werbung einige Trend vermu tungen ab leiten: 39 – In-Game-Werbung tritt insbesondere in solchen Spielgenres ge häuft auf, die realwelt liche Kontexte ab bilden, in denen Werbekommunika tion sehr präsent ist. Dies gilt insbesondere für Sportspiele (zum Beispiel Fußball- simula tionen, Autoren nen), die wiederum bei Kindern und Jugend lichen aus gesprochen beliebt sind.13 – Aus diesem Grund scheint auch „virtuelle Werbung“, also die Replika tion von Werbemaßnahmen aus realwelt lichen Settings wie etwa Plakate und Banden werbung sowie Sponsoren aufdrucke auf Kleidung oder Fahrzeugen be sonders häufig Verwen dung zu finden. Sofern Sportspiele markierte Sport- geräte ver wenden (zum Beispiel Fahrzeuge, Golfschläger oder Sportsättel) finden sich ent sprechend auch zahl reiche virtuelle Product Placements. – Viele Spielgenres er scheinen inkompatibel mit Werbemaßnahmen, beispiels- weise Fantasy-Rollen spiele mit Magiern und Rittern oder auch Welt krieg-2- Simula tionen. Das Spektrum der Spiele, die als Werbeträger fungieren (können), ist demzu folge gegen über dem Gesamtspektrum erhält licher Genres und Titel deut lich ein geschränkt. Unter den laut Bundes verband Interaktive Unter hal tungs software (BIU) im Jahr 2009 meist verk auften Computerspielen in Deutschland beispiels weise waren aus schließ lich Titel, die nur sehr schlecht als Werbeträger dienen könnten (z. B. das histori sche Strategiespiel „Anno 1404“ oder das Endzeit-Rollen spiel „Fallout 3“). – Neben dem Sportbereich findet sich Werbung am ehesten noch in Action- spielen und „Welt-Simula tionen“ (z. B. „Grand Theft Auto“). Auch in diesen virtuellen Umgebun gen dominieren Replika tionen lokaler Werbemittel wie Plakate oder Logos auf Gebäudefassaden. – Andere Formen wie Unter brecherwer bung (zum Beispiel beim Wechsel von einem Spiel-Level zum nächsten) sind dagegen extrem selten. Der Main- stream der In-Game-Werbung besteht demnach in hoch-integrierten Formen, die nicht den Spielprozess unter brechen. – Kenntlichmachungen von In-Game-Werbun gen sind bei unserer Recherche über haupt nicht auf getaucht – keines der gesich teten Beispiele ent hielt einen expliziten Hinweis oder eine Ankündi gung, wie sie etwa neuer dings für Produkt platzie rungen im Fernsehbereich ge fordert ist. Diese Trendbeobach tungen be dürfen frei lich einer systematischeren Unter- suchung in künftigen Forschungs projekten zur In-Game-Werbung. Zu be denken ist in jedem Fall, dass auf grund der hohen Langzeitmotiva tion, die viele Com- puterspiele er reichen („Wieder spielwert“), ein einzelner Spieler durch aus extrem hohe Kontakt zahlen mit einigen wenigen Maßnahmen der In-Game-Werbung 13 Vgl. z. B. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.) (2009). KIM-Studie 2008. Kinder+Medien, Computer+Internet. Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger in Deutschland. Stuttgart, S. 30. 40 realisieren kann. Zudem könnten beispiels weise hochgradig interaktive oder durch be sondere Krea tions leis tungen hervor stechende Formen der In-Game- Werbung unabhängig von der Kontaktanzahl be sonders intensive Werbekon- takte herstellen, sodass eine „tiefe“ Werbewir kung eintreten kann, obwohl eine Spielerperson – beispiels weise im Rahmen der Lösung von Rätsel aufgaben in einem Adventure-Spiel – weder an der Werbung interessiert war (niedriges Produktinvolvement) noch wieder holt mit der Werbung konfrontiert wurde (geringe Kontakt frequenz). Insofern kann und sollte aus der hier erarbei teten Gegen stands systematisie rung noch keine Abschät zung über die tatsäch lichen typischen und exotischeren Varianten von In-Game-Werbung ab geleitet werden, und es sollten auch keine weitreichenden Ver mutungen über die Wirksam keits- potenziale von In-Game-Werbung an gestellt werden. Für beides bedarf es zusätz licher empiri scher Forschung, die im Rahmen des vor liegenden Bandes mit Blick auf Rezep tion und Effekte auch ge leistet wird (vgl. unten: Teil III). In jedem Fall lassen sich jedoch direkt Fragen in Bezug auf die medien recht- liche Beurtei lung von In-Game-Werbung ab leiten; diese be treffen insbesondere die (Pflichten zur) Kenntlichmachung von In-Game-Werbung, die Sammlung und/oder strategi sche Anwen dung von personen bezogenen Daten im Rahmen online-basierter Werbeformen sowie natür lich die Frage nach jugendschutz- relevanten Werbeinhalten. Zugleich ist zu be denken, dass die hier vor gelegte Systematisie rung nur eine Moment aufnahme darstellt; das hohe Innova tions- tempo der Spielebranche insgesamt dürfte auch zur Einfüh rung neuartiger, bisher nicht dokumentier barer und ergo in der Systematisie rung nur unzu rei- chend be rücksichtigter Varianten von In-Game-Werbung führen. Auch die Aus- einander setzung mit dem Forschungs- und Beurtei lungs gegen stand „In-Game- Werbung“ bedarf daher einer regelmäßigen Aktualisie rung. 41 Literatur Baerns, B. (Hrsg.) (2004). Leitbilder von gestern? Zur Trennung von Werbung und Programm. Wiesbaden. Balasubramanian, S. (1994). Beyond advertising and publicity: Hybrid messages and public policy issues. Journal of Advertising, 23(4), S. 29 ff. Lehdonvirta, V. (2009). Virtual item sales as a revenue model: Identifying attributes that drive purchase decision. Electronic Commerce Research, 9(1), S. 97 ff. Mau, G., Silberer, G. & Constien, C. (2008). Communicating brands playfully: Effects of in-game advertising for familiar and unfamiliar brands. International Journal of Advertising, 27(5), S. 827 ff. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (Hrsg.) (2009). KIM-Studie 2008. Kinder+Medien, Computer+Internet. Basis untersuchung zum Medien umgang 6- bis 13-Jähriger in Deutschland. Stuttgart. Nelson, R. M. (2005). Exploring consumer response to „advergaming“. In C. P. Haugtvedt, K. A. Machleit, & R. F. Yalch (Hrsg.), Online consumer psychology: Understanding and influencing consumer behavior in the virtual world (S. 167 ff.). Hillsdale. Röhle, T. (2007). „Think of it first as an advertising system“: Personalisierte Online- Suche als Datenlieferant des Marketings. Kommunikation@Gesellschaft, 8, Beitrag 1. Zu be ziehen über: www.soz. uni-frankfurt.de/K.G/B1_2007_Roehle. pdf (21. 6. 2011). Smith, S. L., Lachlan, K. & Tamborini, R. (2003). Popular video games: Quantifying the presentation of violence and its context. Journal of Broadcasting and Electronic Media, 47, S. 58 ff. Thomas, W. & Stammermann, L. (2007). In-Game Advertising – Werbung in Computer- spielen: Strategien und Konzepte. Wiesbaden. Wohn, D. Y., Lampe, C., Ellison, N., Wash, R. & Vitak, J. (2011, Januar). The „S“ in social network games: Initiating, maintaining, and enhancing relationships. In Proceedings of the 44th Annual Hawaii International Conference on System Sciences. Kauai, HI. 43 I.3 Der Forschungs stand: Rezep tion und Wirkung von In-Game-Werbung Alexandra Sowka & Franziska Roth Computerspiele ver körpern heute einen be deutenden Werbeträger, der für die Werbebranche eine attraktive Ergän zung oder gar eine Alternative zu Rundfunk-, Banden- oder Plakat werbung darstellt. Die Interaktivität, die enorme inhalt liche und ge stalterisch-techni sche Vielfalt sowie das hohe Beteili gungs potenzial (Involvement) von Computerspielen bieten vielfältige Einbin dungs möglich keiten für werb liche Inhalte (vgl. zu den ver schiedenen In-Game-Werbe formen Kapi- tel I.2). Die steigende (wirtschaft liche) Bedeu tung von In-Game-Werbung und die mit ihr ver bundenen werb lichen Gestal tungs spiel räume machen die neue Werbeform auch zu einem interessanten und relevanten Forschungs feld für die Kommunika tions wissen schaft und die Medien psychologie: Wie wird In-Game- Werbung von den Rezipienten wahrgenommen? Wie wirkt sich In-Game-Wer- bung auf die Marken- bzw. Produkteinstel lungen und das Kauf verhalten der Rezipienten aus? Zeigen sich Differenzen (etwa in dem Grad der Empfänglich- keit für Werbebot schaften) zwischen ver schiedenen Nutzer gruppen, zum Bei- spiel zwischen Kindern und Erwachsenen? Wie schneidet In-Game-Werbung im Ver gleich zu anderen Werbetypen ab, er reicht sie höhere Akzeptanzwerte und besitzt einen höheren Einfluss auf die Rezipienten als beispiels weise Fern seh- oder Kinower bung? Die Werberezep tions- und Werbewirkungs forschung steht in der Beantwor- tung dieser und an grenzender Fragen noch am Anfang, insbesondere, wenn es um die Wirkungs diagnosen für junge Spieler und Spielerinnen geht. Die empiri- schen Studien, die zum Effekt von In-Game-Werbung vor liegen, konzentrieren sich auf die Zielgruppe der (jungen) Erwachsenen.1 Kinder wurden dagegen bislang kaum be achtet, obwohl sie eine der größten Nutzer gruppen von Compu- 1 Vgl. etwa Gross, M. (2010). Advergames and the effects of game-product congruity. Computers in Human Behavior, 26(10), S. 1259 ff.; vgl. Nelson, M. R. (2002). Recall and recognition of brand placements in computer/video games. Journal of Advertising Research, 42(3), S. 80 ff.; vgl. Yang, M., Roskos-Ewoldsen, D., Dinu, L. & Arpan, L. M. (2006). The effectiveness of „In-Game“ Advertising: Comparing college students’ explicit and implicit memory for brand names. Journal of Advertising, 35(4), S. 143 ff. 44 ter spielen2 und zudem eine wichtige Käuferschicht darstellen.3 Dabei stellt sich für Nutzer und Nutzerinnen im Kindesalter die Frage nach der Werbewir kung von In-Game-Werbung in be sonderer Weise, da eine, im Ver gleich zu Erwach- senen, höhere „Anfällig keit“ gegen über den Persua sions versuchen der neuen Werbekommunika tions formen, die den Kindern (noch) weit gehend un bekannt sind, zu ver muten ist. Aus der klassi schen Werbewirkungs forschung (etwa zur Fernseh-, Radio-, Plakat werbung) ist bereits bekannt, dass die Effekte von Werbung auf Kinder im Allgemeinen stärker sind als auf Erwachsene.4 Bei Kindern sind Persua sions versuche werb licher Kommunika tion erfolg reicher, weil ihnen bis zu einem Alter von etwa 10 bis 11 Jahren die Fähig keit zur Unter schei dung zwischen Mediendarstel lung und Realität fehlt und sie noch nicht über die kognitiven Grund vorausset zungen für eine differenzierte Elabora- tion von Werbeinforma tionen ver fügen (etwa um deren Wahr heits gehalt be- urteilen zu können).5 Für die meist sehr subtile In-Game-Werbekommunika- tion ist auf grund der ent wick lungs bezogenen Spezifika eben falls eine stärkere Persua sions empfänglich keit von Kindern gegen über Erwachsenen anzu nehmen. Hierzu liegen bislang allerdings kaum empiri sche Befunde vor (erste Ergebnisse dazu werden in Teil III dieses Bandes vor gestellt), weshalb sich die nach folgen- den Erläute rungen auf die Forschung mit (jungen) Erwachsenen konzen trieren. Zunächst wird dabei ein allgemeiner Einblick in die Forschungs bedin gun gen und -methoden ge geben, an schließend werden die zentralen Forschungs ergeb- nisse vor gestellt. I.3.1 Forschungs methoden, Forschungs designs und Mess verfahren In der In-Game-Werbeforschung werden die Daten typischer weise im Rahmen von quantitativen Befra gungs studien oder in Experimenten erhoben. Dabei konzentriert man sich auf die Erfas sung (einiger weniger) be stimmter Merk- 2 Vgl. etwa Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (Hrsg.) (2009). KIM-Studie 2008. Kinder+Medien, Computer+Internet. Basis untersuchung zum Medien umgang 6- bis 13-Jähriger in Deutschland. Stuttgart; vgl. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (Hrsg.) (2010). JIM-Studie. Jugend, Informa tion, (Multi-) Media. Basis untersuchung zum Medien umgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Stuttgart. 3 McNeal, J. U. (1992). Kids as customers: A handbook of marketing to children. New York. 4 Vgl. Charlton, M., Neumann-Braun, K., Aufenanger, S., Hoffmann-Riem, W. et al. (1995). Fernsehwer bung und Kinder: Das Werbeangebot in der Bundes republik Deutschland und seine Ver arbei tung durch Kinder. Opladen; vgl. Kunkel, D. (2001). Children and television advertising. In J. Singer & D. Singer (Hrsg.), Hand- book of Children and the Media (S. 375 ff.). Thousand Oaks. 5 Vgl. Martin, M. C. (1997). Children’s understanding of the intent of advertising: A meta-analysis. Journal of Public Policy & Marketing, 16(2), S. 205 ff.; vgl. Moore, Elizabeth S. & Lutz, Richard J. (2000). Children, advertising, and product experiences: A multimethod inquiry. The Journal of Consumer Research, 27(1), S. 31 ff.; vgl. Oates, C., Blades, M., & Gunter, B. (2002). Children and television advertising: When do they understand persuasive intent? Journal of Consumer Behaviour, 1(3), S. 238 ff. 45 male, weshalb immer nur einzelne Facetten der Werbewir kung be trachtet wer- den können. Eine vollständige Berücksichti gung aller Faktoren, die die Wirkung von werb licher Kommunika tion be einflussen könnten, ist auf grund der Fülle von Einfluss größen nicht realisier bar. So spielen etwa diverse individuelle Persönlich keits eigen schaften sowie soziale und kontext gebundene Faktoren eine Rolle.6 Die am häufigsten ver wendete Methode in der Werbewirkungs forschung ist die Befra gung. Befra gungen werden meist in standardisierter Form durch- geführt und zwar sowohl schrift lich als auch telefonisch. Die Teilnehmenden füllen einen Fragebogen aus, in dem sie anhand von fest gelegten Antwort- kategorien und/oder in offenen Antwort formaten ihre Antwort geben.7 Reine Befra gungs studien er lauben be schreibende Aus sagen über die Vertei lung von Merkmalen in einer be stimmten Gruppe (z. B. Beliebt heit eines Produktes und durch schnitt liche Nutzungs dauer eines werbehaltigen Computerspiels unter Jugend lichen) und über die Zusammen hänge zwischen diesen Merkmalen (z. B. zwischen Produkt präferenz und Nutzungs dauer). Allerdings lassen nicht-experi- mentelle Befra gungs studien keine gesicherten Aus sagen über die Richtung der Zusammen hänge zu, da das Ursache-Wirkungs-Verhältnis zwischen den Merk- malen ledig lich plausibel erklärt, nicht aber über prüft werden kann.8 Um Aus sagen über kausale Zusammen hänge zu er mitteln, sind experimen- telle Forschungs designs notwendig. Experimente sind dadurch ge kennzeichnet, dass die an genommene Ursache für eine Wirkung systematisch manipuliert, also ver ändert wird, wobei alle anderen Bedin gungen durch Kontrolle und Randomisie rung9 gleich ge halten werden. Die Ver suchspersonen („Probanden“) werden dafür per Zufall den ver schiedenen Unter suchungs bedin gungen zu- gewiesen, die sich aus schließ lich in der Varia tion der Ursache unter scheiden. So könnte etwa ein Teil der Probanden (Experimentalgruppe) der vermu teten Ursache (z. B. einem werbehaltigen Computerspiel) aus gesetzt werden, während der andere Teil (Kontroll gruppe) bewusst dieser Ursache nicht aus gesetzt wird (und z. B. ein werbefreies Computerspiel spielt). In allen anderen Hinsichten ist der Ver suchs ablauf aber für beide Gruppen genau gleich, sodass Unter- schiede zwischen ihnen (z. B. Unter schiede in der Produkt präferenz) dann tatsäch lich auf die ver mutete Ursache, deren Wirkung über prüft werden sollte, zurück geführt werden können.10 6 Vgl. Bongard, J. (2002). Werbewirkungs forschung: Grundlagen – Probleme – Ansätze. Münster, S. 84. 7 Vgl. Richter, T. (2008). Forschungs methoden der Medien psychologie. In Batinic, B. & M. Appel (Hrsg.), Medien psychologie (S. 3 ff.). Heidel berg. 8 Zur Methode der Befra gung vgl. etwa Möhring, W. & Schlütz, D. (2010). Die Befra gung in der Medien- und Kommunika tions wissen schaft. Eine praxisorientierte Einfüh rung (2. Aufl.). Wiesbaden. 9 Randomisie rung be zeichnet die zufällige Zuord nung von Ver suchspersonen zu be stimmten Ver suchs bedin- gungen. Dadurch lassen sich Störeinflüsse etwa von Persönlich keits eigen schaften der Probanden eliminieren, vgl. etwa Huber, O. (2000). Das psychologi sche Experiment: Eine Einfüh rung (3. Aufl.). Bern. 10 Vgl. Richter 2008. 46 Besonders relevant, um Aus sagen über die Wirksam keit von Werbung treffen zu können, ist die Erfas sung der Erinne rung an die be worbenen Marken sowie die Messung von Einstel lungen gegen über der Werbung und gegen über den be worbenen Marken. Einstel lungs- und Erinne rungs effekte spielen sowohl in der prakti schen Werbepla nung als auch in der (wissen schaft lichen) Werbe- forschung eine zentrale Rolle.11 Um die Erinne rung an die be worbenen Marken zu messen, bedient man sich sowohl in der herkömm lichen Werbewirkungs- forschung als auch in der In-Game-Werbeforschung ver schiedener Arten von Erinne rungs tests. Ihnen liegt die Annahme zugrunde, dass das Erinnern einer Marke oder eines Produktes die Voraus set zung dafür ist, dass Werbung wirken kann und sich beispiels weise auf die Einstel lungen und das Ver halten der Rezipienten aus wirkt. Es können direkte und indirekte Erinne rungs messun gen unter schieden werden. Zu den direkten Erinne rungs verfahren zählen insbesondere Reproduk tions- tests (Recall-Verfahren) und Wieder erken nungs tests (Recogni tion-Verfahren). Recall-Verfahren ver langen von der Ver suchsperson eine be wusste Erinne rung an den be worbenen Inhalt (z. B. an Markennamen, Produkte oder Werbedetails). Der Proband soll sich frei, also ohne Gedächtnis stütze, erinnern. In Recogni- tion-Tests hingegen geht es darum, ob die Ver suchsperson ein be stimmtes Element aus der Werbung wieder erkennt, wenn es ihm vor gelegt oder ge nannt wird. Um hier die Ratewahrscheinlich keit zu ver ringern bzw. zu kontrollieren, wird meistens eine Vor lagen auswahl präsentiert, die sowohl tatsäch lich ge zeigte als auch „falsche“ Elemente ent hält, die der Proband nicht gesehen haben kann.12 Der Recall-Test gilt als „härteres“ der beiden Prüfungs instrumente: Freie Erinne rungs aufgaben sind in der Regel schwieriger zu er füllen als Wieder- erken nungs aufgaben, sodass Recogni tion-Werte meistens höher aus fallen als Recall-Werte.13 Bei den indirekten Erinne rungs messun gen werden implizite Gedächtnis- inhalte zu er mitteln ver sucht, ohne dabei einen Bezug zum vermu teten Aus löser der Inhalte, also der Werbung, herzu stellen. Die Probanden er halten beispiels- weise Assozia tions aufgaben, in denen es darum geht, spontan Imageattribute einer Marke zu äußern. Stimmen diese Attribute (z. B. eine be stimmte Auto- marke wird als „cool“ und „sport lich“ be schrieben) mit Elementen des zuvor rezipierten Stimulus (z. B. einem in ein Computerspiel integrierten Werbeplakats für die einschlägige Marke) überein, ohne dass sich der Rezipient jedoch an 11 Vgl. Petty, R. E., Cacioppo, J. T. & Schumann, D. (1983). Central and peripheral routes to advertising effective- ness: The moderating role of involvement. Journal of Consumer Research, 10, 135 ff.; vgl. Vakratsas, D. & Ambler, T. (1999). How advertising works: What do we really know? Journal of Marketing, Vol. 63(1), S. 26 ff. 12 Vgl. Singh, S. N. & Cole, C. A. (1985). Forced-choice recognition tests: A critical review. Journal of Advertising, 14(3), S. 52 ff. 13 Vgl. Richter 2008. 47 den Stimulus bewusst erinnern kann, spricht man von einer impliziten Erinne- rung.14 Die bisherige Studien vita hat jedoch ge zeigt, dass Erinne rung keine hinreichende Bedin gung für Werbewir kungen ist (d. h. Erinne rung alleine führt nicht zu einer Werbewir kung), allen falls eine notwendige (d. h. eine Bedin gung neben weiteren Bedin gungen). Aber auch das ist nach wie vor ein umstrittener Punkt, da auch Einstel lungs ände rungen ohne ent sprechende Marken erinne rung fest gestellt wurden.15 Die Messung von Einstel lungen gegen über Werbung in Spielen geschieht, wie bei vielen Studien zum Gefallen herkömm licher Werbung auch, meist durch eine einfache Meinungs abfrage. Die Messung der Bewer tung von Marken ge staltet sich hingegen schwieriger, da es sich hier um eine latente, also eine nicht direkt be obacht bare Variable handelt, die nicht über die Frage nach der Bewer tung ge messen werden kann, sondern bei der ver schiedene Fragen (zum Beispiel zu Kaufabsicht, eigenem Besitz, „Gefallen“ vom Gegen stand usw.) kombiniert werden sollten, um eine reliable Messung zu er halten.16 Insgesamt ist die Forschung zur In-Game-Werbung (noch) sehr stark an die klassi sche Werbewirkungs forschung an gelehnt, für die Zukunft des jungen Forschungs feldes ist aber eine weiter gehende Emanzipa tion zu er warten, etwa im Hinblick auf die Ent wick lung spezifi scher Instrumente zur Messung der persuasiven Wirkung von In-Game-Werbung. Die bisherigen Erkenntnisse zu den Wirkungs aspekten von computerspieleintegrierter Werbung werden im nächsten Ab schnitt skizziert. I.3.2 Forschungs ergebnisse Die Forschung zur Wirkung von In-Game-Werbung stammt hauptsäch lich aus zwei Quellen: aus der akademi schen Forschung an Universitäten und Hoch- schulen sowie aus der kommerziellen Markt forschung. In den nach folgenden Über blick sollen beide Forschungs zugänge einbezogen werden, wobei der aka- de mi schen Forschung mehr Gewicht bei gemessen wird, da für diese Studien die Methodentransparenz in der Regel deut lich größer ist und zugleich weniger Probleme mit möglicher weise interessegelei teten Studien ver mutet werden kön- nen. 14 Vgl. Krishnan, H. S. & Chakravarti, D. (1999). Memory measures for pretesting advertisements: An integrative conceptual framework and a diagnostic template. Journal of Consumer Psychology, 8, S. 1 ff. 15 Vgl. Beattie, A. E. & Mitchell, A. A. (1985). The relationship between advertising recall and persuasion: An experimental investigation. In Alwitt, L. F. & A. A. Mitchell (Hrsg.), Psychological processes and advertising effects: Theory, research and application (S. 129 ff.). Hills dale, NJ. 16 Vgl. Gierl, H. & Satzinger, M. (2000). Gefallen der Werbung und Einstel lung zur Marke. Der Markt, 39 (3), S. 115 ff.; vgl. Brown, S. P. & Stayman, D. M. (1992). Antecedents and consequences of attitude toward the ad: A meta-analysis. Journal of Consumer Research, 19(1), S. 34 ff. 48 I.3.2.1 Bewer tung von In-Game-Werbung Die bisherigen Unter suchungen ver weisen auf eine allgemein positive Einstel- lung von Spielern und Spielerinnen gegen über Werbung in Computerspielen. In einer der ersten akademi schen themati schen Studien von Nelson im Jahr 2002 zeigte sich, dass die Teilnehmenden (N = 20) der In-Game-Werbung durch- schnitt lich ein hohes Maß an Akzeptanz ent gegen bringen. Der über wiegende Teil der Befragten empfand In-Game-Werbung als reali täts steigernd und sah die Werbeplatzie rungen nicht als Beeinträchti gung des Spielerlebnisses oder als Irrefüh rung bzw. Täuschung an.17 In einer Nachfolgestudie (2004), einer Analyse von 509 Nutzer beiträgen in einem (technisch orientierten) Internet- forum, konnten zwei Voraus set zungen für eine positive Haltung zur In-Game- Werbung aus gemacht werden: Werbung in Computerspielen wird dann akzep- tiert und positiv be wertet, wenn sie zu einer realistischeren Spielwelt beiträgt und sich naht los in die virtuelle Umgebung einpasst.18 Die Verbin dung zwischen dem „Fit“ von Werbeplatzie rungen in Computerspielen (d. h. dem Grad ihrer Kompatibilität mit der Spielumge bung und der Spielhand lung) und ihrer Bewer- tung seitens der Spieler und Spielerinnen konnte in einer weiteren Studie aus dem Jahr 2004 (N = 315 Befragte) be stätigt werden: Werbung mit einem hohen Fit wird positiver be urteilt als solche, die sich nicht gut in den Spiel kontext eingliedert.19 Darüber hinaus scheint die Akzeptanz von integrierter Werbung auch von dem jeweiligen Spielgenre abzu hängen. So wird In-Game-Werbung in Sport- und Rennspielen eher akzeptiert als etwa in Fantasy-Spielen, in denen Werbung als unpassend empfunden wird.20 Dass Werbung in Computerspielen aber im Allgemeinen nicht als Nachteil an gesehen wird, legen auch Studienergebnisse aus der Werbewirt schaft nahe. So stimmten beispiels weise in einer Unter suchung des Markt forschungs instituts Nielsen (2008) 82 Prozent der be fragten Nutzer und Nutzerinnen (N = 1.300) der Aussage zu, (Computer-)Spiele mit integrierter Werbung genauso unter- haltsam zu empfinden, wie Spiele ohne Werbung.21 Erkenntnisse über etwaige Unter schiede in der Bewer tung der ver schiedenen In-Game-Werbeformen liefert eine Studie des Markt forschungs instituts TNS Emnid (N = 591) aus dem Jahr 2004: 71 Prozent der Nutzer und Nutzerinnen gaben an, sich nicht durch „echte 17 Vgl. Nelson 2002. 18 Vgl. Nelson, R. M., Keum, H., & Yaros, R. A. (2004). Advertainment or adcreep game players’ attitudes toward advertising and product placements in computer games. Journal of Interactive Advertising, 5(1), S. 3 ff. 19 Vgl. Hernandez M. D. et al. (2004). Hispanic attitudes toward advergames: A proposed model of their antecedents. Journal of Interactive Advertising, 5(1), S. 116 ff. 20 Vgl. Molesworth, M. (2006). Real brands in imaginary worlds: Investigating players’ experiences of brand placement in digital games. Journal of Consumer Behaviour, 5(4), S. 355 ff. 21 Vgl. IGA Worldwide (Hrsg.) (2008). Landmark IGA-Nielsen Study. 82 % of consumers react positively to receiving contextual In-Game Ads during game play. Zu be ziehen über: www.pressreleasepoint.com landmark-iganielsen-study-82-consumers-react-positively-receiving-contextual-ingame-ads-during-game- (20. 5. 2011). 49 Marken auf Banden oder Trikots“ (in einer Fußballsimula tion) ge stört zu fühlen, und rund zwei Drittel meinten, dass es sie nicht stören würde, „im Spiel ein echtes Produkt zu nutzen, das es in der realen Welt gibt.“22 Demnach werden sowohl passiv rezipierte virtuelle Werbemaßnahmen als auch interaktiv nutz- bare Product Placements mit einer positiven Bewer tung ver bunden (zu den ver schiedenen In-Game-Werbeformen vgl. Kapitel I.2). Insgesamt zeigt sich also eine eher positive Beurtei lungs tendenz hinsicht lich In-Game-Werbung, wobei diese an be stimmte Merkmale, wie etwa Fit mit dem Spiel kontext und Genre, ge knüpft zu sein scheint. Ent scheidendes Krite- rium für das gute „Ab schneiden“ von In-Game-Werbung gerade im Ver gleich zur Unter brecherwer bung im Fernsehen, der ein eher negatives Image anhängt, ist die von den Nutzern und Nutzerinnen positiv hervor gehobene „Ver schmel- zung“ von Werbung mit ihrer Umgebung: Beliebte bzw. nicht störende In-Game- Werbung ist solche, die nicht unmittel bar als Werbung erkenn bar ist und den Spielablauf nicht unter bricht. I.3.2.2 Erinne rungs wirkung von In-Game-Werbung Neben dem Bewer tungs aspekt ist für die Werbeforschung auch die Erinne- rungs wirkung von In-Game-Werbung von großem Interesse. Die aktuelle Befund lage zur Erinne rungs wirkung von In-Game-Werbung bei Erwachsenen lässt keine Aus sagen über einen eindeutigen „Trend“ zu, da die Ver gleich bar- keit der Befunde auf grund der multiplen Messansätze, der Betrach tung unter- schied licher In-Game-Werbeformen und der Verwen dung ver schiedener Spiel- genres nur ein geschränkt ge geben ist. In der oben bereits er wähnten explorativen Studie von Nelson (2002) wurden die Teilnehmer und Teilnehmerinnen (N = 20) direkt nach dem Spielen einer Autoren nsimula tion ge fragt, an welche Produkte oder Marken aus dem Spiel sie sich erinnerten. Von den im Spiel be worbenen Marken wurden in einem un gestützten Erinne rungs test im Durch schnitt etwa 30 Prozent korrekt wieder- gegeben, bei der zweiten Erhebung fünf Monate später erinnerten sich die Probanden (N = 10) ohne Erinne rungs hilfe noch an rund 15 Prozent der Marken. Weiter hin wurde in der einschlägigen Studie (erste Erhebung) die Erinne rungs- leis tung differenziert nach be stimmten Marken merkmalen wie regional vs. über regional, für das Spielgenre typisch vs. untypisch, erfasst. Es stellte sich heraus, dass insbesondere regionale und ge nreuntypi sche Marken, also solche Marken, die man eigent lich nicht in dem einschlägigen Spielgenre er wartet hätte, über durchschnitt lich gut in Erinne rung bleiben – was in einer interessan- 22 Vgl. TNS Emnid (2004). Virtualität stärkt die Marken glaubwürdig keit. TNS Emnid Studie: Mehr Realismus bei E-Games durch echte Marken. Zu be ziehen über: www.tnsemnid.com/presse/pdf/presseinformationen/ 2004_02_05_TNS_Emnid_Virtualitaet_Gamer. pdf (20. 5. 2011). 50 ten Diskrepanz zu den Ergeb nissen zur Akzeptanz von In-Game-Werbung steht, da sich ja ein guter Fit zwischen Werbung und Spiel kontext als akzeptanz- fördernd heraus gestellt hat (s. o.).23 In einer anderen Studie aus dem Jahr 2004 (N = 42), in der nur die kurz- fristige Erinne rungs leis tung unter sucht wurde, erinnerten sich bei einer un- gestützten Abfrage etwa 25 Prozent der Spieler/innen an ein bis zwei (von drei) Werbeplatzie rungen, 50 Prozent konnten keine der drei Marken korrekt wieder geben.24 Eine Unter suchung des Werbe vermarkters AdLINK Media (2009, in Koopera tion mit der Universität Zürich) testete die Erinne rungs- wirkung von In-Game-Banden werbung für die Getränkemarke „Coke Zero“, mit dem Ergebnis, dass rund 32 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen (N = 101) die Marke korrekt nennen konnten, etwa 19 Prozent sie ungefähr richtig und 49 Prozent sie gar nicht wieder geben konnten.25 Eine Unter suchung von Grigorovici et al. (N = 140) ging der Frage nach, ob es einen Unter schied zwischen klassi schen Werbeformen (hier: Werbebanner und -Plakate) und Product Placements (hier: Getränkedose, Fahrzeug und ein Mobiltelefon) in Computerspielen in der Erinne rungs wirkung gibt. Den Ergeb nissen zufolge wurde Plakat- bzw. Bannerwer bung in höherem Maße un gestützt erinnert als die integrierten Produkt platzie rungen.26 Den für das Medium Computerspiele be sonders wichtigen Aspekt der Inter- aktivität unter suchte ein Experiment von Klimmt, Steinhof und Daschmann (2008). Aus gehend von theoreti schen Überle gungen zur Begrenzt heit kognitiver Ressourcen wurde hier ge prüft, inwieweit die Konzentra tion der Spieler auf ihre Auf gaben die Wahrneh mung und Erinne rung von In-Game-Werbung be- einträchtigt. Am Beispiel von Banden werbun gen in einer Fußballsimula tion wurde ge zeigt, dass im Ver gleich zu einer nicht selbst eingreifenden Kontroll- gruppe die Spieler die Banden werbung deut lich schlechter erinnern konnten. „Randständige“, vom momentanen Handeln der Spieler relativ weit ent fernte Formen der In-Game-Werbung scheinen daher nur relativ geringe Erinne rungs- effekte hervor zurufen.27 Gleichwohl zeigen Folgestudien mit ver schiedenen Varianten von In-Game-Werbung (nicht-interaktive Marken- und Produkt place- ments, Sportsponsoring und interaktive Produkt placements), dass im Ver gleich 23 Vgl. Nelson 2002. 24 Vgl. Chaney, I. M., Lin, K.-H. & Chaney, J. (2004). The effect of bill boards within the gaming environment. Journal of Interactive Advertising, 5(1), S. 54 ff. 25 Vgl. AdLINK Media (2009). In-Game Werbewirkungstest. Zu be ziehen über: www.swissmediatool. ch/ _files/researchDB/248. pdf (20. 5. 2011). 26 Vgl. Grigorovici, D. M. & Constantin, C. D (2004). Experien cing interactive advertising beyond rich media. impacts of ad type and presence on brand effectiveness in 3D gaming immersive virtual environments. Journal of Interactive Advertising, 5(1), S. 30 ff. 27 Vgl. Klimmt, C., Steinhof, C. & Daschmann, G. (2008). Werbung in Computerspielen: Die Bedeu tung von Interaktivität für die kognitive Werbewir kung. Medien wirtschaft, 5(1), S. 6 ff. 51 zu experimentellen Kontroll gruppen durch aus nennens werte kurzfristige Erinne- rungs effekte auf treten.28 Es lässt sich durch Betrach tung der Studien also durch aus eine positive Wirkung von In-Game-Werbung auf die Marken erinne rung von Spielern und Spielerinnen fest stellen. Um Klarheit über die genauen Einfluss faktoren und Auswir kungen zu er halten, ist jedoch noch weitere Forschung notwendig. Denn bislang liegen weder theoreti sche Modelle zu den wirkungs relevanten Besonder- heiten von Werbung in (interaktiven, multimedialen) Computerspielen vor, noch reicht die Basis vor handener Studien aus, um eine systemati sche Über sicht der Wirkun gen von ver schiedenen Varianten der In-Game-Werbung bei unterschied- lichen Publikums segmenten zu erarbeiten. I.3.2.3 Einfluss auf Marken bewer tung und Kaufabsichten Schließ lich stellt sich auch die Frage nach der Wirkung von In-Game-Werbung hinsicht lich der Bewer tung von Marken bzw. Produkten sowie in Bezug auf die Kaufabsichten. Werden die Qualität und die Attraktivität von be worbenen Marken nach der Spielnut zung höher ein geschätzt? Und sind die Spieler und Spielerinnen nach der Nutzung eher ge neigt, ein be worbenes Produkt zu kaufen? Auch hier weisen die bisherigen Forschungs ergebnisse mit er wachsenen Pro- banden nicht eindeutig in eine Richtung, sondern differieren stark. Einem Online-Experiment (N = 512) von Mau et al. (2008) zufolge kann die Bewer bung von un bekannten Marken deren Bewer tung erheb lich ver bessern. Werden hingegen be kannte Marken be worben, so wirkt sich das negativ auf das Image aus. Im vor liegenden Fall wurde die Bewer tungs wirkung der Wer- bung des Getränkeherstellers „Coca Cola“ mit der Werbung eines un bekannten Cola-Herstellers „Jolt“ verg lichen. Letztere wurde zwar von weniger Spielern und Spielerinnen erinnert, er reichte aber in der Bewer tung bessere Werte. Hingegen hatte eine frühere Unter suchung (N = 62) von Nelson et al. (2006) ergeben, dass In-Game-Werbung sehr wohl einen positiven Einfluss auf das Image be kannter Marken haben kann.29 Dies scheint, folgt man den Ergeb- nissen einer anderen Studie von Mackay et al. (2009; N = 154)30 allerdings nur bei solchen Marken der Fall zu sein, die vor der Spielnut zung negativ oder neutral be wertet wurden, bei von vornherein positiv be setzten Marken zeigte 28 Vgl. Klimmt, C., Roth, F. S., Braune, A. & Mischke, C. (2011). How players respond to advertising in video games: „Yes“ for awareness, „No“ for reactance, and also „No“ for (short-term) attitude change. Full-Paper- Vortrag auf der Konferenz der International Communication Association (ICA), Game Studies Interest Group, 26.–30. Mai 2011, Boston (USA). 29 Vgl. Nelson, M. R., Yaros, R. A. & Keum, H. (2006). Examining the influence of telepresence on spectator and player processing of real and fictitious brands in a computer game. Journal of Advertising, 35(4), S. 87 ff. 30 Vgl. Mackay, T., Ewing, M., Newton, F. & Windisch, L. (2009). The effect of product placement in computer games on brand attitude and recall. International Journal of Advertising, 28(3), S. 423 ff. 52 sich keine Image verbesse rung. Was die Kaufwahrscheinlich keit anbelangt, so kommt eine 2009 im Auftrag des Werbe unternehmens Massive Incorporated durch geführte Studie zu dem Ergebnis, dass diejenigen Onlinespieler, die werbehaltige Spiele ge spielt hatten, die be worbenen Marken eher kaufen und weiter empfehlen würden, als diejenigen Spieler, die Spiele ohne Werbeinhalte ge nutzt hatten.31 Weiter hin deuten Studienergebnisse an, dass die Marken- bewer tung besser aus fällt, wenn sich die Spieler/innen nicht mehr (bewusst) an die im Spiel be worbene Marke erinnern.32 Somit stellt sich hinsicht lich der Einstel lungen ein noch uneinheit licheres Ergebnis dar als bei den Erinne rungs wirkun gen. Zwar zeigen sich in einigen Studien Einstel lungs effekte, die Variablen wurden aber sehr unter schied lich operationalisiert, weshalb die Frage, ob und wie Werbung in Computerspielen auf Einstel lungen einwirkt und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen, für Erwachsene nicht eindeutig be antwortet werden kann. Neben den methodi schen Problemen der Ver gleich bar keit besteht aber auch gerade bei den einstel lungs- bezogenen Wirkun gen von In-Game-Werbung großer Bedarf nach theoreti schen Weiter entwick lungen, nämlich zur Frage, welche bereits be kannten Persua- sions modelle und -prozesse in Bezug auf die Werbung in Computerspielen sinn voll an gewendet werden können. Hier steht beispiels weise die Frage nach der Bedeu tung von be wusster versus un bewusster Werbewahrneh mung („mere exposure“) im Raum.33 Erst von solchen theoreti schen Fortschritten aus wird sich der empiri sche Forschungs stand zur Wirkung von In-Game-Werbung ziel- führend systematisieren lassen, sodass die gerade in Frühphasen empiri scher Forschungs aktivitäten un vermeid lichen wider sprüch lichen Befunde sinn voll integriert werden können. I.3.3 Resümee Sowohl in der akademi schen als auch in der an gewandten Werbewirkungs- forschung steht In-Game-Werbung mittlerweile auf der Agenda. Die Methoden (weniger die Theorien und Modelle) der konven tionellen Werbewirkungs for- schung werden zur Anwen dung ge bracht; gleichwohl bleibt die Anzahl ver- öffentlichter Unter suchungen sehr be scheiden. Die geringe Zahl der Studien ist deshalb auch nicht in der Lage, die vielfältigen Erschei nungs formen von In-Game-Werbung systematisch oder gar vollständig zu be rücksichtigen. Ohne- 31 Vgl. Myring, J. (2009). Dynamic in-game advertisings has positive impact on brand equity. New Media Age, S. 9. 32 Vgl. Grigorovici & Constantin 2004. 33 Vgl. Schemer, C., Matthes, J. & Wirth, W. (2007). Werbewir kung ohne Erinne rungs effekte? Eine experimentelle Studie zum Mere-Exposure-Effekt bei Product Placements. Zeitschrift für Medien psychologie, 19(1), S. 2 ff. 53 hin ist die (experimentelle) Forschung mit interaktiven (Werbe-)Medien be- sonders an spruchs voll und be nötigt in be sonderem Maße auf wendige Replika- tions studien.34 Auch die Frage, wie man mit spezifi schen Eigen schaften von In-Game-Werbung, etwa der Interaktivität mancher virtueller Produkt platzie- rungen, methodisch umgehen soll, ist noch nicht be friedigend gelöst. Insofern muss der Forschungs stand zur Wirkung von In-Game-Werbung sowohl in quan- titativer als auch in qualitativer Hinsicht als be scheiden be wertet werden. Gleichwohl zeigen sich in der Gesamtschau der vor liegenden Forschungs- ergebnisse deut liche Hinweise, die für eine mögliche Wirkung von In-Game- Werbung auf die Marken- bzw. Produkteinstel lungen und für eine sehr häufig auf tretende Wirkung auf die Erinne rungs leis tungen der Spieler sprechen. Gleich zeitig kann als gesichert gelten, dass die Einstel lungen gegen über dieser Werbeform in der Regel positiv aus fallen, womit eine weitere im Werbewirkungs- prozess relevante Größe „positiv“ im Sinne von vor handenem Wirkungs poten- zial für die In-Game-Werbung aus fällt.35 Ein spezifi sches Problem des Forschungs stands zur In-Game-Werbung ist der Mangel an Studien mit Kindern. Bisher wurden aus nahms los Erwachsene als Probanden für Unter suchungen über In-Game-Werbung unter sucht. An- gesichts der Werbeaffinität einiger bei Kindern sehr be liebter Titel und Genres (z. B. Fußball-, Autoren nspiele und „Die Sims“) wiegt das Fehlen empiri scher Befunde zu dieser Zielgruppe von In-Game-Werbung be sonders schwer. Die vor gestellten Befunde aus der In-Game-Werbeforschung mit (jungen) Erwach- senen geben indes wichtige Impulse für die dringend anzu gehende Unter- suchung der In-Game-Werberezep tion und -wirkung bei kind lichen Spielern und Spielerinnen. Für die Medien pädagogik stellt sich zum einen die Frage, inwieweit und inwiefern die referierten Befunde zur Akzeptanz, zur Erinne rungs wirkung und zur Einstel lungs- und Ver haltens beeinflus sung von In-Game-Werbung auch auf die Zielgruppe der Kinder zutreffen (Sind Kinder eben falls eher positiv gegen über In-Game-Werbung ein gestellt? Erinnern sich Kinder an die inte- grierte Werbung in Computerspielen? Lassen sich Wirkun gen auf ihre Marken- bewer tungen und ihr Kauf verhalten fest stellen?). Zum anderen ist der Frage nach zugehen, wie die ganz jungen Nutzer/innen prinzipiell mit der Ver schmel zung von werb lichen und nicht-werb lichen Inhalten umgehen, die ja so charakteristisch für In-Game-Werbung ist: Erkennen Kinder In-Game-Werbung über haupt als Werbung? Inwiefern hat das Erkennen oder Nicht-Erkennen Konsequenzen für die Wirkung der Werbemaßnahmen? 34 Vgl. Klimmt, C., Vorderer, P. & Ritterfeld, U. (2007). Interactivity and generalizability: New media, new challenges. Communication Methods and Measures, 1(3), S. 169 ff. 35 Vgl. Brown, S. P. & Stayman, D. M. (1992). Antecedents and consequences of attitude toward the ad: A meta-analysis. Journal of Consumer Research, 19(1), S. 34 ff. 54 Erste Forschungs ergebnisse dazu werden in Teil IV dieses Bandes vor- gestellt. Auch aus medien recht licher Perspektive ist der Aspekt der Nicht- Erkenn bar keit von In-Game-Werbung höchst relevant, denn vor dieser will der Gesetz geber die Rezipienten prinzipiell schützen. Die Ver braucher sollen vor Täuschungen über den werb lichen Charakter be stimmter Medien inhalte und damit vor subtiler Manipula tion bewahrt werden, weshalb eine grundsätz liche Trennung von Werbung und (redak tionellen) Inhalten ge boten ist – eben diese Trennung allerdings wird im Hinblick auf In-Game-Werbung von den (er- wachsenen) Rezipienten negativ be wertet. Besonders virulent ist die Frage der Werbekennzeich nung für die Nutzer gruppe der Kinder, die ja, wie bereits zu Anfang er läutert, im Allgemeinen empfäng licher bzw. anfälliger sind für Werbe einflüsse als Jugend liche und Erwachsene (s. o.; zu den medien recht- lichen Heraus forde rungen vgl. Teil II in diesem Band). 55 Literatur AdLINK Media (2009): In-Game Werbewirkungs test. Zu be ziehen über: www. swissmediatool. ch/_files/researchDB/248. pdf (20. 5. 2011). Beattie, A. E. & Mitchell, A. A. (1985). The relationship between advertising recall and persuasion: An experimental investigation. In Alwitt, L. F. & A. A. Mitchell (Hrsg.), Psychological processes and advertising effects: Theory, research and application (S. 129 ff.). Hills dale, NJ. Bongard, J. (2002). Werbewirkungs forschung: Grundlagen – Probleme – Ansätze. Münster. Brown, S. P. & Stayman, D. M. (1992). Antecedents and consequences of attitude toward the ad: A meta-analysis. 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Die Interessen von Werbenden und Rezipienten stehen allerdings in einem ge wissen Span nungs verhältnis: Während die Werbe- wirt schaft die Konsumenten mit Hilfe von (gut ge machter) Werbung be ein- flussen möchte, soll der Ver braucher vor Täuschungen über den Werbecharakter und damit vor Manipula tion geschützt werden. Dieser Schutz soll insbesondere durch den Grundsatz der Trennung von Werbung und sonstigen Inhalten ge- währ leistet werden, der sich als konstantes Prinzip im gesamten Medien recht findet. Trotz der wachsenden Bedeu tung der In-Game-Werbung gibt es keine spe- ziellen Vor schriften zu dieser Problematik. Weder die Werbung in Computer- spielen noch die Computerspiele als solche sind in einem Gesetz geregelt. Vielmehr wirken Bestim mungen aus ganz unter schied lichen Gesetzen auf die Werbung in Computerspielen ein. Diese Rege lungs werke sprechen allerdings – mit Aus nahme der Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste (AVMD-Richt- linie)1, die in den Erwä gungs gründen Onlinespiele nennt, – Computerspiele weder im Gesetzes text noch in den Begrün dungen an. Vor schriften, die sich auf die Werbung in Computerspielen aus wirken können, sind vor allem im Staats vertrag für Rundfunk und Telemedien (RStV) in der Fassung des Drei- zehnten Rundfunkände rungs staats vertrages vom 30. 10. 2009 und im Telemedien- gesetz (TMG) ent halten.2 Hinzu kommen die Bestim mungen des Jugendmedien- 1 ABl. EG Nr. L 332 vom 18. 12. 2007, S. 27 ff.; Diese Richtlinie wurde durch die Richtlinie 2010/13/ EU vom 10. 3. 2010 zur Koordinie rung be stimmter Rechts- und Ver wal tungs vorschriften der Mitgliedstaaten über die Bereit stel lung audiovisueller Mediendienste (Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste, AVMD-RL) aus „Gründen der Klarheit und Über sichtlich keit“ auf gehoben und die be stehenden Vor schriften mit zusammen gefassten Erwä gungs gründen in durch gängiger Nummerie rung neu kodifiziert, Abl. EU Nr. L 95 vom 15. 4. 2010, S. 1 ff. 2 Gesetz über die Nutzung von Telemedien vom 26. 2. 2007, BGBl. I 179, zuletzt geändert durch Artikel 1 des Gesetzes vom 31. 5. 2010, BGBl. I 692. 62 schutz staats vertrages (JMStV)3 und des Jugendschutz gesetzes (JuSchG)4, soweit von der Werbung in Computerspielen Kinder und Jugend liche be troffen sind. Schließ lich wirken sich auch noch die Vor schriften des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG)5 und der Daten schutz aus, wie er auf der Grund- lage der EG-Daten schutz richtlinie6 und der Daten schutz richtlinie für elektroni- sche Kommunika tion7 im Telemedien gesetz und im Bundes daten schutz gesetz (BDSG)8 ver ankert ist. Außerdem steckt der europäi sche Gesetz geber insbeson- dere mit den Vor gaben der AVMD-Richtlinie den Rahmen ab, den der deutsche Gesetz geber be achten muss. Welche Regelun gen jeweils zur Anwen dung kommen, bedarf einer genauen und sorgfältigen Analyse des geltenden Rechts. Recht lich ent scheidend ist, ob die jeweiligen Computerspiele als Rundfunk, als fernsehähn liche Telemedien oder als „einfache“ Telemedien im Sinne des RStV oder als bloße Träger medien anzu sehen sind. Die Zuord nung zu einer dieser Kategorien ist unabding bar, um die Frage be antworten zu können, welchen Einschrän kungen die In-Game- Werbung unter liegt. Dagegen ist die in Ab schnitt I.2 zutreffend vor genommene Systematisie rung für die juristi sche Bewer tung nicht allein maß geblich, hat aber darauf durch- aus Auswir kungen. Die dort vor genommene Eintei lung der In-Game-Werbung nach Symbol, Produkt oder Dienst leis tung ist für die juristi sche Beurtei lung nicht ent scheidend. Hier ist vielmehr – wie noch zu zeigen sein wird – be- deutsam, ob es sich um eine nicht werb lich motivierte und damit zulässige Einbin dung eines Symbols, Produktes oder einer Dienst leis tung handelt, eine ge kennzeichnete Produkt platzie rung oder eine werb lich motivierte, nicht ge- kennzeichnete und damit unzu lässige Schleichwer bung. Dagegen ist der Ver- brei tungs weg, d. h. offline oder online, auch für die juristi sche Einord nung erheb lich, also für die Frage, welche Regelun gen zur Anwen dung kommen. Sie ist be deutsam für die Frage, ob ein Telemedium oder ein Träger medium vor liegt. Auch der Grad der Fixie rung, also die Frage, ob es sich um statische oder dynami sche In-Game-Werbung handelt, ist für die juristi sche Bewer tung 3 Staats vertrag über Jugendschutz und Telemedien vom 10. bis 27. 9. 2002, zuletzt geändert durch Art. 2 des Dreizehnten Rundfunkände rungs staats vertrages. 4 Jugendschutz gesetz vom 23. 7. 2002, BGBl I 2730, zuletzt geändert durch Gesetz vom 31. 10. 2008, BGBl I 2149. 5 Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb in der Fassung vom 3. 7. 2004, BGBl I 1414, zuletzt geändert durch Gesetz vom 29. 7. 2009, BGBl I 2413. 6 Richtlinie 95/46/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 24. 10. 1995 zum Schutz natür licher Personen bei der Ver arbei tung personen bezogener Daten und zum freien Daten verkehr, ABl. L 281, 31 vom 23. 11. 1995. 7 Richtlinie 2002/58/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 12. 7. 2002 über die Ver arbei tung personen bezogener Daten und den Schutz der Privatsphäre in der elektroni schen Kommunika tion (Daten- schutz richtlinie für elektroni sche Kommunika tion), ABl. L 201, 37 vom 31. 7. 2002. 8 Bundes daten schutz gesetz in der Neufas sung der Bekanntmachung vom 14. 1. 2003, BGBl I 66, zuletzt geändert durch Gesetz vom 14. 8. 2009, BGBl I 2814. 63 nicht ohne Belang. Sie kann ein Indiz dafür sein, ob die be treffende Darstel- lung werb lich oder ledig lich ge stalterisch motiviert ist. Bei der dynami schen In-Game-Werbung ist von einer werb lichen Motiva tion regelmäßig auszu gehen, bei der statischen ist zumindest – je nach Darstel lung – beides denk bar. Der Typ der werb lichen Kommunika tion ist wie die Unter schei dung nach Werbe- objekt nicht immer eindeutig abgrenz bar, die Über gänge sind hier fließend. Eine juristi sche Bewer tung muss am Einzelfall er folgen. Der Grad der Inter- aktion kann ein Indiz für die Auf fällig keit der Einbin dung sein und kann in extremen Fällen im UWG bei der Frage, ob eine unzu mut bare Belästi gung vor liegt, eine Rolle spielen. Die Möglich keit einer wirtschaft lichen Transak tion ist mit ent scheidend dafür, ob die Trennung von Werbung und Inhalten aus- reichend erfolgt ist. Die Kenntlichmachung ist schließ lich der maß gebliche Aspekt für die juristi sche Bewer tung, ob eine Erkenn bar keit der Werbemaß- nahme ge geben ist oder ob eine ver botene Schleichwer bung vor liegt. Die für die juristi sche Bewer tung der In-Game-Werbung zunächst ent schei- dende Zuord nung der jeweiligen Computerspiele zu den Kategorien Rundfunk, fernsehähn liche Telemedien, einfache Telemedien oder Träger medien wird durch zwei Umstände er schwert. Zum einen gibt es eine Vielzahl von unter- schied lichen Erschei nungs formen von Spielen, sodass schon der Terminus „Computerspiel“ nicht eindeutig ist. Die Bandbreite reicht von den (im Internet oft kosten los an gebotenen) einfachsten Onlinespielen wie „Käsekästchen“, virtuellen Brettspielen wie Back gammon oder Mühle über Sportspiele (z. B. Autoren nen), sog. Simula tions spiele bis hin zu hoch komplexen Spielen, bei denen ganze Spielwelten er schaffen werden und Tausende von Spielern welt- weit teilnehmen. Um be stimmte Spielgruppen zu be schreiben, werden ver- schiedene Oberbegriffe ver wendet. Allerdings hat sich eine Eintei lung der Spiele in be stimmte Kategorien immer als schwierig dargestellt und wird daher auch nicht einheit lich vor genommen.9 Als unter schied liche Spielegat tungen werden z. B. Browser-Games, Massively Multiplayer Online Games (MMOGs), LAN-Spiele, Pervasive Games, Passive Multiplayer Online Games (PMOGs), E-sport und virtuelle Welten an geführt.10 Daneben werden die Spiele in unter- schied liche Genres ein geteilt, die sich teil weise nach den Spielearten (Denkspiel, Shooter, etc.) teil weise nach den Inhalten (Sportspiel) richten. Die Unter hal- tungs software Selbst kontrolle (USK) ordnet die Spiele in insgesamt 14 Genres ein. Das PEGI-System11 kennt 12 Genres, die allerdings nur teil weise mit denen der USK über einstimmen. Die Zeitschrift bzw. Homepage gamestar unter teilt in fünf Kategorien12 und die Initiative Klicksafe in fünf andere. Eine allgemein- 9 Hierzu ausführ lich Klimmt, Ego-Shooter, Prügelspiel, Sport simula tion? Zur Typologisie rung und Klassifizie- rung von Computer- und Videospielen, in: Medien und Kommunika tion 2001, S. 480 ff. 10 Ausführ lich zu den ver schiedenen Gattun gen Schmidt/Dreyer/Lampert, Spielen im Netz, 2008, S. 13 ff. 11 Pan European Game Informa tion (PEGI), erstes europaweites Alters einstu fungs system für Computerspiele. 12 Action, Adventure, Rollen spiel, Sport und Strategie, www.gamestar. de, zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011. 64 gültige Kategorisie rung von Spielen gibt es somit (noch) nicht. Im Rahmen der juristi schen Betrach tung können daher nur Einzelfälle beispiel haft heran- gezogen werden. Erschwerend kommt nun hinzu, dass auch die recht lichen Kategorien, in die man die Spiele einordnen muss, eben falls nicht einheit lich definiert sind. Während das deutsche Recht zwischen Rundfunk und Telemedien unter scheidet und Letztere noch einmal in Unter kategorien wie „fernsehähn liche Telemedien“ oder „Telemedien mit journalistisch-redaktionell gestal teten An geboten“ unter- teilt, ver wendet die AVMD-Richtlinie mit „linearen audiovisuellen Medien- diensten“ (Fernsehprogrammen) und „nicht-linearen audiovisuellen Medien- diensten“ (audiovisuellen Mediendiensten auf Abruf) andere Begrifflich keiten. Diese Richtlinie ent hält aber die europarecht lichen Vor gaben, die bei der An- wen dung und Ausle gung des deutschen Rechts be achtet werden müssen. Daher sind zunächst die Regelun gen der AVMD-Richtlinie in den Blick zu nehmen. Sie sind ent scheidend für den Spiel raum, der dem deutschen Gesetz geber bei der Aus gestal tung der Werberege lungen für Computerspiele ver bleibt, da dem Unions recht vor dem nationalen Recht grundsätz lich Vorrang zukommt. 65 II.2 Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste (AVMD-Richtlinie) II.2.1 Der Vorrang des Europarechts Der EuGH be gründet den Vorrang des Unions rechts und damit auch der AVMD-Richtlinie mit der Eigenständig keit der europäi schen Rechts ordnung.13 Inzwischen hat sich die Ansicht durch gesetzt, dass der Vorrang des Gemein- schafts rechts nur ein Anwen dungs vorrang ist.14 Dies hat der EuGH in seiner Rechtsprechung be stätigt15 und darüber hinaus explizit fest gestellt, dass er nicht befugt ist, im Falle einer Kollision zwischen Gemeinschafts recht und nationa- lem Recht über die Nichtig keit der nationalen Vor schriften zu ent scheiden.16 Dieser Anwen dungs vorrang be deutet, dass das Unions recht das nationale Recht nur hinsicht lich der Anwen dung im jeweiligen Kolli sions fall ver drängt. Auch das Bundes verfassungs gericht hat den Anwen dungs vorrang des Gemein schafts rechts grundsätz lich akzeptiert. Der Anwen dungs vorrang des Sekundär rechts gegen über dem innerstaat lichen Recht und damit auch gegen- über den Grundrechten ergibt sich aber aus seiner Sicht aus dem Rechts anwen- dungs befehl des Zustimmungs gesetzes zum EU-Vertrag.17 Schranke der Integra- tions ermächti gung und des Vor rangs des Europarechts ist demnach Art. 23 Abs. 1 GG, der auf europäi scher Ebene einen dem deutschen Grundgesetz im Wesent lichen ver gleich baren Grundrechts schutz fordert, sowie die Geltung der Ewig keits klausel des Art. 79 Abs. 3 GG bei der Übertra gung von Hoheits rechten anordnet.18 Die daraus abzu leitenden Aus nahmen vom Anwen dungs vorrang19 13 Grundlegend EuGH Slg. 1964, 1251 ff., Costa Enel. 14 Schweitzer, Staats recht III, 9. Auflage, Heidel berg 2008, Rn. 49. 15 EuGH Slg. 1998, I-6307 ff. Rn. 18 ff., Ministerio delle Finanze. 16 EuGH Slg. 1984, 483, 486 Rn. 6, Jongeneel Kaas BV. 17 BVerfGE 73, 374 f. 18 Grundlegende Ent schei dungen sind an dieser Stelle: BVerfGE 71, 271 ff., Solange I; BVerfGE 73, 339, 340, Solange II; BVerfGE 89, 155, 274 f., Maastricht; BVerfG, NJW 2000, 3125, Bananen markt. 19 Vgl. dazu BVerfG, NJW 2000, 3125. 66 spielen im Zusammen hang mit den Regelun gen der AVMD-Richtlinie keine Rolle. II.2.2 Das Gebot der richtlinien konformen Ausle gung Für die AVMD-Richtlinie und ihre Auswir kungen auf das deutsche Recht ist insbesondere der Grundsatz der richtlinien konformen Ausle gung zu be achten, der Eingang in die deutsche Rechts ordnung ge funden hat.20 Der Unter schied zu der im Europarecht eben falls be kannten unmittel baren Anwen dung liegt darin, dass bei der unmittel baren Anwen dung die Rechts folgen direkt aus der Richtlinien vorschrift folgen, während im Falle der richtlinien konformen Aus- legung die Rechts folgen an einen aus legungs fähigen nationalen Rechts rahmen ge knüpft sind. Der Über gang der beiden Rechtsinstitute ist teil weise fließend. Zudem darf die richtlinien konforme Ausle gung ge wisse Grenzen der unmittel- baren Wirkung von Richtlinien nicht umgehen. Es obliegt allen innerstaat lichen Trägern öffent licher Gewalt, die zur Erreichung der in einer Richtlinie fest- gelegten Ziele notwendigen Maßnahmen zu treffen. Das nationale Recht ist, unabhängig von der unmittel baren Anwend bar keit einer Richtlinie, von natio- nalen Gerichten und Behörden soweit wie möglich im Lichte von Wortlaut und Zweck der Richtlinie auszu legen.21 Dies ent spricht der ständigen Rechtsprechung des EuGH seit 1984.22 Das Gebot der richtlinien konformen Ausle gung richtet sich an alle Träger der öffent lichen Gewalt23, also sowohl an Richter als auch an nationale Behörden sowie die Landes medien anstalten. Der Gerichts hof hat deut lich zum Aus druck ge bracht, dass die Mitgliedstaaten ver pflichtet sind, ihren Beurtei lungs spiel- raum bei der Ausle gung voll auszu schöpfen, um zu einer Orientie rung an Wortlaut und Zweck der Richtlinie zu ge langen.24 Gleichzeitig hat der EuGH den Einwand eines nationalen Gerichts, eine Norm sei der Ausle gung nicht fähig, immer akzeptiert.25 Grenze jeder richtlinien konformen Ausle gung ist damit der eindeutige Wortlaut. 20 Der Grundsatz der richtlinien konformen oder über haupt europarechts konformen Ausle gung wird teil weise auch Anwen dungs vorrang im weiteren Sinne ge nannt, vgl. Jarass/Beljin, Die Bedeu tung von Vorrang und Durch füh rung des EG-Rechts, NVwZ 2004, S. 1, 2. 21 Lecheler, Einfüh rung in das Europarecht, München 2003, S. 132. 22 EuGH Slg. 1984, 1891 Rn. 26, von Colson; Slg. 1990, I-4135 Rn. 8, Marleasing; Slg. 1994, I-3325, Rn. 26, Faccini Dori; Slg. 1998, 5357, Rn. 25, Tögel; Slg. 2000, I-4619 Rn. 40, Brinkmann II; Slg. 2000, I-6007, Rn. 16, Centrosteel. Zu der Ent wick lung dieses Grundsatzes vgl. Herrmann, Richtlinien umset zung durch die Rechtsprechung, Berlin 2003, S. 87 f. 23 EuGH, Slg. 1984, 1891, 1909 Rn. 26, von Colson. 24 EuGH, Slg. 1984, 1891 Rn. 28, von Colson. 25 Franzen, Privatrechts angleichung durch die Europäi sche Gemein schaft, Berlin u. a. 1999, S. 342 m. w. N. 67 II.2.3 Die Bedeu tung der AVMD-Richtlinie für die Werbung in elektroni schen Medien Die AVMD-Richtlinie26 ent hält wichtige Vor gaben für die Aus gestal tung der Werbung im Bereich der elektroni schen Medien, die der deutsche Gesetz geber mit dem Dreizehnten Rundfunkände rungs staats vertrag auch in deutsches Recht um gesetzt hat. Bei der Umset zung hat er aber – wie bereits erwähnt – eigene Begrifflich keiten ein geführt. Daher ist unklar, ob die Vor gaben der AVMD- Richtlinie wirk lich in vollem Umfang um gesetzt wurden. Daher müssen zu- nächst die Regelun gen dieser Richtlinie be trachtet und daraufhin über prüft werden, ob sie Vor gaben für die In-Game-Werbung ent halten. Die Richtlinie trifft in den Art. 9 bis 11 Regelun gen zur „kommerziellen Kommunika tion“, d. h. unter anderem zur Werbung im engeren Sinne, dem Sponsoring und der Produkt platzie rung. Allerdings muss ge prüft werden, ob die Richtlinie auch für Werbung in Computerspielen gilt. II.2.4 Die Unanwend bar keit der AVMD-Richtlinie auf Computerspiele Ursprüng lich sollte die Fernsehrichtlinie bei der Über arbei tung und Umgestal- tung in die AVMD-Richtlinie in eine „Content“-Richtlinie um gewandelt werden, d. h. der Anwen dungs bereich sollte auf die Inhalte aller elektroni schen Medien aus gedehnt werden. Letztend lich wurden jedoch nur die fernsehähn lichen audio- visuellen Mediendienste mit ein bezogen. Dies kommt auch in dem neuen Namen „Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste“ zum Aus druck. Nach der Defini tion des Art. 1 Abs. 1 lit. a ist ein audiovisueller Mediendienst „(i) eine Dienst leis tung im Sinne der Artikel 56 und 57 des Ver trags über die Arbeits weise der Europäi schen Union, für die ein Mediendienste anbieter die redaktionelle Ver antwor tung trägt und deren Hauptz weck die Bereit- stel lung von Sendun gen zur Informa tion, Unterhal tung oder Bildung der 26 Die AVMD-Richtlinie stellte zunächst eine Änderung der Richtlinie des Rates zur Koordinie rung be- stimmter Rechts- und Ver wal tungs vorschriften der Mitgliedstaaten über die Ausübung der Fernsehtätig keit dar, die als EG-Fernsehrichtlinie be zeichnet wurde. Diese Richtlinie wurde im Jahr 2007 durch die (erste) Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste weitreichend ver ändert und erhielt einen neuen Namen. Sie ist am 19. Dezember 2007 in Kraft ge treten (ABl. EG Nr. L 332 vom 18. 12. 2007, S. 27 ff.). Sie wurde durch die Richtlinie 2010/13/ EU vom 10. März 2010 zur Koordinie rung be stimmter Rechts- und Ver wal- tungs vorschriften der Mitgliedstaaten über die Bereit stel lung audiovisueller Mediendienste (Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste, AVMD-RL, Abl. EU Nr. L 95 vom 15. 4. 2010, 1 ff.) aus „Gründen der Klarheit und Über sichtlich keit“ auf gehoben und die be stehenden Vor schriften mit zusammen gefassten Erwä gungs gründen in durch gängiger Nummerie rung neu kodifiziert. Inhalt lich sind mit der Neukodifizie- rung der AVMD-Richtlinie keine Änderun gen ver bunden, insbesondere bleiben die Fristen für die Umset- zung, die bereits am 19. Dezember 2009 ab gelaufen waren, gemäß Art. 34 AVMD-RL un berührt. 68 allgemeinen Öffentlich keit über elektroni sche Kommunika tions netze im Sinne des Artikels 2 Buchstabe a der Richtlinie 2002/21/ EG ist. Bei diesen audiovisuellen Mediendiensten handelt es sich ent weder um Fernseh pro- gramme gemäß der Defini tion unter Buchstabe e des vor liegenden Ab satzes oder um audiovisuelle Mediendienste auf Abruf gemäß der Defini tion unter Buchstabe g des vor liegenden Ab satzes, (ii) die audiovisuelle kommerzielle Kommunika tion.“ Die Richtlinie differenziert zwischen Fernsehprogrammen (linearen audio- visuellen Mediendiensten) und audiovisuellen Mediendiensten auf Abruf (nicht- linearen audiovisuellen Mediendiensten). Fernsehprogramme, also lineare audio- visuelle Mediendienste, sind solche, die von einem Anbieter für den zeit gleichen Empfang von Sendun gen auf der Grundlage eines Sendeplans bereit gestellt werden. Dagegen handelt es sich bei einem audiovisuellen Mediendienst auf Abruf (nicht-linearer audiovisueller Mediendienst) um ein An gebot, das von einem Anbieter für den Empfang zu dem vom Nutzer ge wählten Zeitpunkt und auf dessen individuellen Abruf hin aus einem vom Anbieter fest gelegten Programm katalog bereit gestellt wird. Danach zählen Live Streaming, Web- casting und der zeit versetzte Videoabruf („Near-Video-on-demand“), wie Er- wägungs grund 27 ver deut licht, zu den Fernsehprogrammen, während echtes „Video-on-demand“ ein audiovisueller Mediendienst auf Abruf ist. Ob es sich bei Online-Computerspielen um audiovisuelle Mediendienste auf Abruf handelt, ist auf grund der bereits erörterten Vielfalt der Spiele nicht pauschal zu be antworten. Bei einer Vielzahl von Spielen wird man zweifel los bejahen, dass sie sich an die allgemeine Öffentlich keit richten. Viele Spiele sind frei im Internet abruf bar. Auch die Tatsache, dass man sich teil weise erst anmelden muss, steht dem nicht ent gegen. Die Zahl der Abonnements, also der regelmäßigen Nutzer bei einem der be kanntesten Online-Spiele, World of Warcraft, liegt beispiels weise bei über 11 Millionen welt weit.27 Auch wenn nicht alle Spieler gleichzeitig am Spiel teilnehmen, sind die Inhalte doch allen zugäng lich und werden auch von vielen Spielern zur gleichen Zeit ge nutzt. Hauptz weck muss aber die Bereit stel lung von Sendun gen sein. Nur dann liegt ein „audiovisueller Mediendienst“ vor, was Voraus set zung für die Anwend- bar keit der AVMD-Richtlinie ist. Eine Sendung ist nach Art. 1 Abs. 1 lit b „eine Abfolge von be wegten Bildern mit oder ohne Ton, die Einzel bestand teil eines von einem Mediendienste anbieter er stellten Sendeplans oder Katalogs ist und deren Form und Inhalt mit der Form und dem Inhalt von Fernseh- programmen ver gleich bar sind. Beispiele für Sendun gen sind unter anderem Spielfilme, Sportberichte, Fernsehkomödien, Dokumentarfilme, Kindersen- dungen und Originalfernsehspiele.“ 27 Vivendi Annual Report 2009, S. 153. 69 Um unter den Anwen dungs bereich der Richtlinie zu fallen, müssten Online- Spiele folg lich nach Form und Inhalt mit Fernsehprogrammen ver gleich bar sein. Als Regel beispiele für Sendun gen werden jedoch aus schließ lich Formate ge nannt, die man aus dem Fernsehen kennt. Online-Spiele sind in Aufbau und Inhalt sehr unter schied lich ge staltet. Bei einfachen Brows erspielen, bei denen es z. B. nur um das reak tions schnelle Ab schießen von Objekten geht, oder bei Online-Brettspielen wie Mühle oder Back gammon ist eine Ver gleich bar keit weder nach Form noch nach Inhalt fest zustellen. Es fehlt ein redak tioneller Inhalt, ein Hand lungs strang, ein drama- turgi sches Skript oder Ähnliches, was eine Fernsehsen dung aus zeichnet. Sofern bewegte Bilder über haupt vor kommen, stellen sie ledig lich eine Neben erschei- nung dar. Sport- oder Rennspiele wie Need for Speed oder Empire of Sports be stehen teil weise aus einer Abfolge von be wegten Bildern, die – ab gesehen davon, dass es sich um computer animierte Darstel lungen handelt – vom Bildgeschehen her an Sport übertra gungen erinnern. Es ist jedoch mehr der Spieler mit dem von ihm ge steuerten Objekt, der sich durch ein eher statisches Umfeld bewegt, sodass auch hier noch kein mit einer Fernsehsen dung ver gleich barer Eindruck ent steht. Eine dritte Kategorie stellen die sog. MMORPGs dar. Kennzeichnend ist, dass es sich um komplexe Spielwelten handelt, deren Handlung zum einen auf der vom Hersteller vor gegeben Hand lungs umge bung basiert, zum anderen auf den Handlun gen der – zum Teil mehreren Tausend – Spieler. Die Spielewelten sind persistent, d. h. die Handlung läuft fort, auch wenn der Spieler nicht „anwesend“ ist, nicht spielt. Wie bei einer Fernsehsen dung, die sich auch in Abwesen heit des Zuschauers fortsetzt, be findet sich auch bei diesen Spielwelten das Hand lungs geschehen an einem anderen Punkt, wenn der Spieler erneut online geht. Die generelle Fest stel lung, dass Online-Spiele nicht mit Fernsehsen dungen ver gleich bar sind, lässt sich daher so einfach nicht treffen. Gerade bei den an spruchs volleren Spielen finden sich durch aus ver gleich bare Unter hal tungs- situa tionen. Der – derzeit – deut lichste Unter schied besteht darin, dass der Rezipient eine Fernsehsen dung passiv erfährt, bei einem Online-Spiel das Geschehen – im vor gegebenen Rahmen – aktiv mitgestaltet und be stimmt, bzw. die Aktionen des Spielers teil weise oder im Wesent lichen selbst die Hand- lung darstellen (z. B. Fahren und Lenken des Fahrzeugs/Sport geräts, Steuern des Avatars etc.). Online-Spiele sind zwar nicht Bestand teil einer Fernsehprogrammabfolge, allerdings ist dies bei Sendun gen, die über die Mediatheken des öffent lich- recht lichen Rundfunks ab gerufen werden können, eben falls nicht der Fall. Die Beiträge können bei einer Mediathek aus einem Katalog aus gewählt und zu einem individuell fest gelegten Zeitpunkt an gesehen werden (nicht-lineare audio- visuelle Mediendienste). Das Prinzip ist ähnlich bei einem Spieleanbieter, der 70 auf seiner Internet seite in einer Liste (Katalog) ver schiedene Spiele zum Abruf bereit stellt. Allerdings wird in den Erwä gungs gründen 21 und 22 der Richtlinie über die Begriffs defini tion hinaus ausführ lich er läutert, was der Begriff der audio- visuellen Mediendienste umfassen soll. „Für die Zwecke dieser Richtlinie soll der Begriff […] die Massen medien in ihrer informierenden, unter haltenden und die breite Öffentlich keit bildenden Funktion er fassen, einschließ lich der audiovisuellen kommerziellen Kommunika tion […]“ Aus geschlossen werden alle Formen privater Korrespondenz, sowie alle Dienste, deren Hauptz weck nicht die Bereit stel lung von Programmen ist. Die Abgren zung von einem Pro- gramm wird dadurch vor genommen, dass die audiovisuellen Inhalte ledig lich eine Neben erschei nung darstellen und nicht Hauptz weck der Dienste sind. Hierfür werden Beispiele an geführt, so u. a. in Erwä gungs grund 22 Satz 4 auch Online-Spiele. Damit stellt dieser Erwä gungs grund der Richtlinie aus drück lich klar, dass Online-Spiele generell aus ihrem Anwen dungs bereich heraus genommen werden (sollen). Die implizierte Fest stel lung und Begrün dung hierfür, dass audiovisuelle Inhalte bei Online-Spielen ledig lich eine Neben erschei nung sind, ist jedoch nicht unproblematisch. Die Bandbreite der Computerspiele ist, wie bereits aus- geführt, ebenso groß wie bei Fernsehsen dungen. Die Ziehung der Lottozahlen im Fernsehen zum Beispiel ähnelt einem Dokumentarfilm ebenso wenig wie ein simples Brows erspiel einer komplexen Spielwelt. Bei einigen Spielen, ins- besondere bei persistenten Spielwelten sind durch aus teil weise hohe Ähnlich- keiten mit Filmen, insbesondere mit Zeichen trick- oder computer animierten Filmen fest zustellen. Kommt man daher zu dem Ergebnis, dass bei einigen Spielen die audio- visuellen Inhalte nicht nur eine Neben erschei nung sind, muss man die Frage stellen, was dies für den Erwä gungs grund 22 Satz 4 und seine Wirkung be- deutet. Hat der europäi sche Gesetz geber diese Fälle bei Formulie rung dieses Erwä gungs grundes über sehen und hätte er diese Spiele nicht aus dem Anwen- dungs bereich aus genommen, wenn er sie er- bzw. ge kannt hätte? Oder wollte der Gesetz geber unabhängig davon Online-Spiele generell und in jedem Fall unbeacht lich ihrer audiovisuellen Inhalte aus nehmen? Die Regelung ver mittelt den Eindruck, dass man auf europäi scher Ebene zum derzeitigen Zeitpunkt keinen Regulie rungs bedarf für Online-Spiele ge- sehen hat. Ob Online-Spiele ohne den Erwä gungs grund unter die Richtlinie fallen (würden), ist letzt lich noch un geklärt, insbesondere, weil einige Spiele viele Elemente der Defini tion eines audiovisuellen Mediendienstes nach Art. 1 lit a AVMD-Richtlinie er füllen.28 Für die derzeitige Rechts lage muss man auf- 28 So auch Göttlich, iris plus S. 7. 71 grund der aus drück lichen Nennung der Online-Spiele dennoch zu dem Schluss kommen, dass der europäi sche Gesetz geber diese – derzeit – aus dem Anwen- dungs bereich der Richtlinie aus nehmen möchte.29 Es ist jedoch zu er warten, dass die Grenzen zwischen Online-Spielen und Fernsehsen dungen weiter ver- schwimmen werden und eine unter schied liche Regulie rung noch Diskus sions- bedarf hervor rufen wird.30 Es bleibt aber insgesamt fest zuhalten, dass Computerspiele von den Regelun- gen der AVMD-Richtlinie nicht erfasst werden. II.2.5 Die Unanwend bar keit der AVMD-Richtlinie auf Werbung in Online-Spielen Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob sich eine andere Beurtei lung für die Anwen dung der AVMD-Richtlinie auf die Werbung in Online-Spielen ergibt. Immerhin wäre es denk bar, dass für die Werbung in Computerspielen die AVMD-Richtlinie Bedeu tung hat. Die Richtlinie ver wendet insoweit den Begriff der audiovisuellen kommerziellen Kommunika tion. Audiovisuelle kommerzielle Kommunika tion umfasst nach Art. 1 Abs. 1 lit h „Bilder mit oder ohne Ton, die der unmittel baren oder mittel baren Förde rung des Ab satzes von Waren und Dienst leis tungen oder des Erschei nungs bilds natür licher oder juristi scher Personen, die einer wirtschaft lichen Tätig keit nach gehen, dienen. Diese Bilder sind einer Sendung gegen Ent gelt oder eine ähnliche Gegen leis tung oder als Eigen werbung bei gefügt oder darin ent halten. Zur audiovisuellen kommerziel- len Kommunika tion zählen unter anderem Fernsehwer bung, Sponsoring, Tele- shopping und Produkt platzie rung.“ Die audiovisuelle kommerzielle Kommunika tion wird also von der AVMD- Richtlinie nur dann erfasst, wenn sie in „Sendun gen“ statt findet. Bei einem Online-Spiel handelt es sich aber – wie bereits dargestellt31 – nach dem er- klärten Willen des Gesetz gebers um keine Sendung. Es bleibt also dabei, dass sich die Vor gaben der AVMD-Richtlinie auf die In-Game-Werbung nicht aus- wirken und es daher für die Zulässig keit von In-Game-Werbung allein auf die nationalen Regelun gen ankommt. 29 Davon geht auch die Studie von peacefulfish und Media Consulting Group aus: Study on the role of SMEs and European audiovisual works in the context of the fast changing and converging home ent ertainment sector (PayTV, Homevideo, Video on Demand, video games, internet, etc.) SMART 2007/0004, Oktober 2008, S. 38. 30 Der Bundes verband der Ent wickler von Computerspielen e. V. geht davon aus, dass Online-Spiele als audiovisuelle Mediendienste in den Anwen dungs bereich der Richtlinien fallen können, Stellung nahme zur Novellie rung der Fernsehrichtlinie, 2006, www. game-bundesverband.de/downloads/Stellungnahme_ FoG. pdf (zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011). 31 Vgl. oben II.2.4. 73 II.3 Zulässig keit von In-Game-Werbung nach dem Rundfunkstaats vertrag II.3.1 Einlei tung Der Rundfunkstaats vertrag (RStV) in der Fassung des Dreizehnten Rundfunk- ände rungs staats vertrages ent hält differenzierte und weitreichende Regelun gen für die Werbung, das Sponsoring und die Produkt platzie rung in elektroni schen Medien. Dabei schließt er neben dem Rundfunk auch die Telemedien in seinen Anwen dungs bereich ein. Damit geht der Anwen dungs bereich des RStV über den der AVMD-Richtlinie hinaus. So umfasst der RStV im Gegen satz zur AVMD-Richtlinie auch den Hörfunk sowie nicht fernsehähn liche Telemedien. Daraus folgt, dass Online-Spiele durch aus dem Rege lungs bereich des RStV unter fallen können, selbst wenn die AVMD-Richtlinie diese aus ihrem Anwen- dungs bereich heraus nimmt. Allerdings sind die Bestim mungen für die Werbung im Rundfunk, in fernsehähn lichen Telemedien und in sonstigen Telemedien unter schied lich aus gestaltet. Daher ist nicht nur zu klären, ob der RStV für Online-Spiele über haupt zur Anwen dung kommt, sondern auch, welche Bestim- mungen ge gebenen falls einschlägig sind. Dies macht eine genaue Zuord nung der jeweiligen Spiele zu den maß geblichen Begriffen notwendig. II.3.2 Die Online-Spiele und die Werberege lungen für den Rundfunk II.3.2.1 Computerspiele und der Rundfunk begriff Die am weitestreichenden Werberege lungen ent hält der RStV für den Rundfunk. Diese Bestim mungen wären für Computerspiele nur anwend bar, wenn es sich bei ihnen um Rundfunk im Sinne des RStV handeln würde. Auf den ersten Blick er scheint die Annahme eher fernliegend, dass alle oder zumindest einige Computerspiele Rundfunk sind. Trotzdem bedarf es einer genauen Analyse, zumal der Rundfunk begriff seit Längerem Gegen stand eines intensiv ge führten 74 wissen schaft lichen Streits32 ist. Zudem wird er heute – jeden falls soweit es um den ver fassungs recht lichen Rundfunk begriff geht – wesent lich weiter ge fasst als früher. Der ver fassungs recht liche Rundfunk begriff ist zentrale Voraus set- zung für die Anwen dung des Rundfunk grundrechts nach Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG. Hierbei ist zu be achten, dass die Verfas sung grundsätz lich ihre Begriffe selbst bildet („Selbst stand der Verfas sung“) und Ver fassungs begriffe nicht einfach nach Maß gabe einfachen Gesetzes rechts aus gelegt werden können, wenn auch eine Wechselwir kung mit der unter verfassungs recht lichen Rechts- ordnung nicht zu über sehen ist. In der Bestim mung des Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG wird der Begriff „Rundfunk“ vom Grundgesetz nicht definiert, sondern voraus- gesetzt, ohne dass er eine unmittel bare ver fassungs recht liche Konkretisie rung erfährt. Nach der Rechtsprechung des Bundes verfassungs gerichts ist sein Inhalt aus einer am normativen Funk tions zweck orientierten Betrach tungs weise zu er schließen.33 Dabei geht das Bundes verfassungs gericht davon aus, dass der Begriff „Rundfunk“ dynamisch zu interpretieren und damit für neue techni- sche Ent wick lungen flexibel und offen ist. Auf die physikali sche Art der Übertra gung kommt es beim Rundfunk begriff nach der Rechtsprechung des Bundes verfassungs gerichts nicht an.34 Ent scheidend ist in ver fassungs recht licher Hinsicht die publizisti sche Wirkung für die öffent liche Meinungs bildung.35 Aktualität, Breiten wirkung und Suggestivkraft sind danach die Charakteristika des Rundfunks. Für den ver fassungs recht lichen Rundfunk begriff sind nach der Rechtsprechung des Bundes verfassungs gerichts die gleichen Kriterien maßgeb- lich, die bis zum Zwölften Rundfunkände rungs staats vertrag auch den einfach- gesetz lichen Rundfunk begriff prägten. Es handelt sich dabei um die Merkmale der Allgemein heit, der Funktechnik (Ver brei tung mittels elektromagneti scher Schwin gungen) und der Darbie tung. Dies be deutet aber nicht, dass alles, was ver fassungs recht lich Rundfunk dar- stellt, auch Rundfunk im Sinne des RStV ist und den diesbezüg lichen strengen Werberege lungen unter fällt. Vielmehr ist zwischen dem ver fassungs recht lichen und dem einfachgesetz lichen Rundfunk begriff des § 2 Abs. 1 Satz 1 RStV zu unter scheiden.36 Das Bundes verfassungs gericht hat es in der Baden-Würt tem- berg-Entschei dung37 akzeptiert, dass be stimmte, für die öffent liche Meinungs- bildung weniger relevante Erschei nungs formen von ver fassungs recht lichem Rund funk aus dem einfachgesetz lichen Rundfunk begriff aus geklammert und einem liberaleren Rege lungs regime unter worfen werden dürfen. 32 Hierzu ausführ lich Harts tein/Ring/Kreile/Dörr/Stettner, Rundfunkstaats vertrag Literaturhin weise zu § 2, Rn. 17 ff. m. w. N.; Dörr/Schwartmann, Der Rundfunk begriff und die Medien regulie rung, 2011. 33 BVerfGE 73, 118, 154. 34 BVerfGE 73, 118, 154. 35 Dazu Hesse, Rundfunkrecht, 3. Auflage, München 2003, 3. Kap. Rn. 9. 36 Siehe Harts tein/Ring/Kreile/Dörr/Stettner, Rundfunkstaats vertrag, a. a. O., B 5, § 2 Rn. 4. 37 BVerfGE 74, 297. 75 Von dieser Möglich keit, den einfachgesetz lichen Rundfunk begriff zu ver- ändern und be stimmte Formen von ver fassungs recht lichem Rundfunk aus ihm auszu klammern und einem liberalerem Rege lungs regime zu unter werfen, haben die Länder mit dem Zwölften Rundfunkände rungs staats vertrag Gebrauch ge- macht. Damit wurde der einfachgesetz liche Rundfunk begriff neu definiert und auf diese Weise auch die Abgren zung zwischen Rundfunk und Telemedien neu be stimmt. Anknüpfend an die AVMD-Richtlinie steht nunmehr im Zentrum des einfachgesetz lichen Rundfunk begriffs das Merkmal der Linearität. Nach der Begriffs bestim mung des § 2 Abs. 1 RStV ist Rundfunk ein „linea- rer Informa tions- und Kommunika tions dienst; er ist die für die Allgemein heit und zum zeit gleichen Empfang be stimmte Ver anstal tung und Ver brei tung von An geboten in Bewegtbild oder Ton ent lang eines Sendeplans unter Benut zung elektromagneti scher Schwin gungen.“ Der Begriff der elektromagneti schen Schwin gungen stammt noch aus der Zeit der analogen Ver brei tung und ist sinn gemäß zu interpretieren.38 Er umfasst heute auch die digitale Ver brei tungs form und damit die Ver brei tung über das Internet. Maß geblich ist, dass etwas „gesendet“, d. h. von Sender zu Empfänger über tragen wird. Bei diesem techni schen Kriterium wird grundsätz lich voraus- gesetzt, dass eine ge wisse räum liche Distanz zwischen Sender und Empfänger über wunden werden muss. Hieran fehlt es, wenn sich beide in einer über schau- baren räum lichen Einheit be finden. Damit sind alle reinen Offline-Computer- oder Konsolen spiele, bei denen ledig lich ein Datenträger in ein Ab spielgerät ein gelegt wird, aus dem Anwen dungs bereich aus genommen. An einer Ver brei- tung im Sinne der Vor schrift fehlt es auch bei einer Übertra gung innerhalb eines Raumes oder in einen Neben raum, wie z. B. bei einer Rede oder auch bei sogenannten LAN-Partys, bei denen Spieler an ver schiedenen Computern in einem Raum miteinander konkurrieren. Onlinespiele, die im Internet ge spielt werden, fallen hingegen durch aus unter dieses Merkmal. Das Merkmal der Allgemein heit macht deut lich, dass nur Massen kommu- nika tion als Rundfunk ge wertet werden soll. Es ist unerheb lich, wie viele Rezipienten das An gebot letzt lich wahrnehmen, es muss nur prinzipiell öffent- lich und an die Allgemein heit gerichtet sein und eine ge wisse Breiten wirkung er zielen.39 Ent scheidend ist, ob jedermann Zugang zu dem An gebot hat oder ob der Empfänger kreis von vornherein genau be stimmt ist. Die meisten Spiele, die im Internet an geboten werden, sind frei zugäng lich und können von jedem ge spielt werden. Teilweise ist eine Registrie rung er forder lich, die jedoch jedem offen steht. Viele Spiele sind daher durch aus an die Allgemein heit gerichtet. Ent scheidend für die Einstu fung als einfachgesetz licher Rundfunk war bis zum Zwölften Rundfunkände rungs staats vertrag ein inhalt liches Element, das 38 Harts tein/Ring/Kreile/Dörr/Stettner, § 2 Rn. 14. 39 Harts tein/Ring/Kreile/Dörr/Stettner, § 2 Rn. 13. 76 immer mit dem Begriff der „Darbie tung“ be schrieben wurde. Bei Ver ände rung der Defini tion im Rahmen des Zwölfen Rundfunkände rungs staats vertrags hat sich der Gesetz geber aber an den Begriffen der AVMD-Richtlinie orientiert, die zwischen linearen audiovisuellen Mediendiensten (Fernsehprogrammen) und nicht linearen audiovisuellen Mediendiensten (Ab rufdiensten) unter scheidet. Rundfunk i. S. des RStV ist ein linearer Informa tions- und Kommunika tions- dienst und setzt voraus, dass Inhalte (Bewegtbilder und Töne) zum zeit gleichen Empfang (also im Wege der Punkt-zu-Mehrpunkt-Übertra gung) ent lang eines Sendeplans ver breitet werden. Ent scheidend für den einfachgesetz lichen Rund- funk begriff ist demnach das Kriterium der Linearität. Auf grund dieses Krite- riums sind etwa die Mediatheken der Rundfunk veranstalter, bei denen eine Vielzahl von audiovisuellen Beiträgen auf individuellen Abruf bereit gestellt werden, aber auch alle sonstigen Ab rufangebote aus dem einfachgesetz lichen Rundfunk begriff aus genommen. Neben der Linearität ist – wie der Begriff des „Sendeplans“ ver deut licht – eine zeit lich geordnete Folge von Inhalten er forder lich, die in einem Plan fest gelegt ist.40 Schließ lich klammert § 2 Abs. 3 RStV be stimmte lineare An gebote ohne jegliche Meinungs relevanz wieder aus dem einfachgesetz lichen Rundfunk begriff aus, so etwa lineare An gebote, die nicht journalistisch-redaktionell ge staltet sind. Nach gegen wärtiger Rechts lage bleibt Folgendes fest zuhalten: So unter- schied lich das An gebot an Computerspielen auch ist, kann man zumindest bei einem Großteil durch aus bejahen, dass es sich um An gebote handelt, die aus be wegten Bildern und Tönen be stehen.41 Allerdings handelt es sich um Ab- rufangebote, die der Nutzer zu einem individuell ge wählten Zeitpunkt nutzt, die also gerade nicht zum zeit gleichen Empfang be stimmt sind. Damit fehlt es bei diesen An geboten bereits am Merkmal der Linearität. Nachdenken kann man über dieses Merkmal allen falls bei den sog. MMOGs (wie z. B. Word of Warcraft), die von tausenden Spielern gleichzeitig ge spielt werden und bei denen die Handlung ge wissermaßen „weiter läuft“, wenn ein Spieler aufhört (s. II.2.4.). Aber jeder Spieler ent scheidet selbst, wann er mit dem Spiel beginnt und wie er sein Spiel ge staltet. Damit fehlt es selbst bei diesen Spielen an der er forder lichen Linearität; es liegt auch hier ein Ab rufangebot vor. Zudem kann auch nicht von einer zeit lich geordneten Folge von Inhalten ge sprochen werden, da es sich nur um einzelne Spiele handelt und nicht um eine Abfolge von Spielen nach einem be stimmten Sendeplan. Damit mangelt es auch an dem Merkmal des Sendeplans, das für den einfachgesetz lichen Rundfunk begriff zusätz lich er forder lich ist. 40 Vgl. dazu Harts tein/Ring/Kreile/Dörr/Stettner § 2 Rn. 22 mit weiteren Nachweisen. 41 So auch Göttlich, iris, S. 4. 77 II.3.2.2 Ergebnis Auch wenn also viele Online-Spiele unzweifel haft aus be wegten Bildern und teil weise auch Tönen be stehen, unter Benut zung elektromagneti scher Schwin- gungen ver breitet werden und in der Regel auch für die Allgemein heit be stimmt sind, fehlt es sowohl an der Bestim mung zum zeit gleichen Empfang, als auch an der Ver brei tung ent lang eines Sendeplans. Die Nutzung von Spielen erfolgt vielmehr über einen individuellen Abruf zu einem vom Spieler be stimmten Zeitpunkt. Die derzeitigen Online-Spiele sind daher nicht als Rundfunk im Sinne des RStV einzu stufen. Die Werbebestim mungen für den Rundfunk sind daher für Computerspiele nicht anwend bar. II.3.3 Die Online-Spiele und die Werberege lungen für die Telemedien II.3.3.1 Computerspiele und der Telemedien begriff II.3.3.1.1 Der allgemeine Telemedien begriff Der RStV bezieht auch Telemedien in seinen Anwen dungs bereich mit ein und ent hält für diese Bestim mungen, die die Werbung regeln. Dabei differenziert er auch noch zwischen fernsehähn lichen und sonstigen Telemedien. Zunächst setzt aber die Anwend bar keit der Vor schriften voraus, dass es sich bei Compu- ter spielen um Telemedien im Sinne des RStV handelt. Der Begriff der Tele- medien ist weder im RStV noch im Telemedien gesetz positiv definiert; die Defini tion von Telemedien erfolgt über eine Negativabgren zung von Rundfunk und Telekommunika tion: Nach § 2 Abs. 1 Satz 3 RStV sind Telemedien alle elektroni schen Informa tions- und Kommunika tions dienste, soweit sie nicht Telekommunika tions dienste nach § 3 Nr. 24 des Telekommunika tions- gesetzes sind, die ganz in der Übertra gung von Signalen über Telekommuni- ka tions netze be stehen oder telekommunika tions gestützte Dienste nach § 3 Nr. 25 des Telekommunika tions gesetzes oder Rundfunk nach Satz 1 und 2 sind. Eine positive Begriffs bestim mung fehlt. Das Ver hältnis dieser Dienste lässt sich ver einfacht so be schreiben, dass das Telekommunika tions recht die techni schen Belange der Übertra gung regelt (die Dienste der Telekommunika tion), die medien recht lichen Regelun gen des RStV und TMG die inhalt lichen Fragen (die Dienste durch Telekommunika tion).42 42 Vgl. Gersdorf, Beck’scher TKG-Kommentar, 3. Auflage 2006, Einlei tung C, Rn. 11. 78 II.3.3.1.1.1 Der allgemeine Telemedien begriff und Online-Spiele Bei Online-Spielen sind die über mittelten Daten, die zum Spielen er forder lich sind, keine reinen Telekommunika tions dienste.43 Während früher noch diskutiert wurde, ob Spiele (die damals noch als „Telespiele“ be zeichnet wurden) dem Teledienste gesetz unter fallen oder als Mediendienste dem Mediendienste staats- vertrag, werden Online-Spiele heute allgemein als Telemedien ein gestuft.44 Sie unter fallen damit den Regelun gen des RStV, soweit diese für Telemedien gelten. Keine Telemedien sind elektroni sche Spiele, die nur auf Träger medien vor liegen oder solche, die während der gesamten Nutzung keine Verbin dung über elek- troni sche Kommunika tions netze auf bauen.45 Hierzu zählen auch Spiele, die zwar über ein Telemedium er worben und herunter geladen wurden, dann aber aus schließ lich offline, auf dem lokalen Rechner ge spielt werden. Bei solchen Spielen fehlt es am Merkmal des „elektroni schen Informa tions- und Kommu- nika tions dienstes“. II.3.3.1.1.2 Der allgemeine Telemedien begriff und hybride Spiele Neben reinen Online-Spielen und reinen Offline-Spielen gibt es aber auch Misch formen, die auch als hybride Spiele be zeichnet werden. Deren Einord- nung als „elektroni sche Informa tions- und Kommunika tions dienste“ und mithin als Telemedien ist schwierig. Folgende Misch formen sind zu be obachten: Bei sog. MMOGs (s. o.), die aus schließ lich über das Internet spiel bar sind, handelt es sich um clientbasierte Spiele, bei denen die Grafik mit Hilfe der Clientsoftware, d. h. dem Spielprogramm auf dem Endgerät des Nutzers be- rechnet und aus gegeben wird.46 Diese sind als Telemedien anzu sehen, da sie nur online spiel bar sind. Dennoch wird die Software in der Regel als Träger- medium er worben und von der USK gemäß § 12 JuSchG ein gestuft.47 Allerdings wird in Zweifel ge zogen, ob eine solche Einstu fung der Software am Maßstab des JuSchG zulässig ist. So wird die Ansicht ver treten, dass ein Träger medium, auf dem sich zwar Software be findet, die er forder lich ist, um das Spiel online zu spielen (als Beispiel wird das Spiel World of Warcraft ge nannt), letzt lich nicht als Träger medium im Sinne des JuSchG an gesehen werden dürfte, wenn das Spiel allein mit dem Datenträger nicht spiel bar ist, da hier von dem Träger- medium als solchem nicht die Gefahr aus geht, die man mit dem JuSchG regeln möchte. Die Gefahr realisiere sich vielmehr erst im Rahmen der Online-Verbin- 43 Ausführ lich Schmidt/Dreyer/Lampert, S. 73 f. 44 Hahn/Vesting/Held, Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht, § 11 Anh. Rn. 62; Weigand/Braml, Jugendmedien schutz bei Onlinespielen – eine recht liche und inhalt liche Bestands aufnahme in Umstritten und Umworben: Computerspiele – eine Heraus forde rung für die Gesell schaft, S. 11, 15; Mallick, Product- Placement in den Massen medien, S. 216, kritisch hierzu Schmidt/Dreyer/Lampert S. 75 ff. 45 Backu/Karger, ITRB 2007, S. 15. 46 Schaar, CR 2006, 619, 620. 47 Vgl. zum Jugendschutz unten II.5. 79 dung. Die Software auf dem Träger medium sei letzt lich ver gleich bar der Hard- ware, die eben falls zwar „Mittel zum Zweck“ ist, von der aber alleine noch keine Gefahr aus gehe, vor der das JuschG schützen möchte. Der Trägermediums- vertrieb einer Client-Software, die für sich kein vollständiges Spiel ent hält, unter fällt daher nach dieser Ansicht nicht dem Rege lungs regime des JuSchG.48 Dieser Ansicht kann nicht ge folgt werden. Das JuSchG sieht eine Kennzeich- nung in § 14 für „Spielprogramme“ vor, nicht nur für Spiele. Zwar ist eine Online-Verbin dung er forder lich, es ist jedoch eben falls Hardware notwendig, d. h. das Träger medium DVD reicht als solches generell nicht aus, um das Spiel spiel bar zu machen. Ein Programm be nötigt immer weitere Elemente, um es nutz bar zu machen. Es er scheint daher sinn voll und sachgerecht, wenn die Ver brei tung eines solchen Programms auch den Vor schriften über die Ver- brei tung von Träger medien unter liegt, die Nutzung des Spiels im Rahmen der Online-Verbin dung jedoch denen, die für Telemedien gelten.49 Hybride Spiele liegen auch dann vor, wenn ein ursprüng lich reines Offline- Spiel, das als Träger medium ge kauft wurde, über eine Internet verbin dung im Multiplayermodus spiel bar wird, d. h. dasselbe Spiel wird nun schlicht mit anderen bzw. gegen andere Spieler ge spielt, mit denen der Nutzer über die Internet verbin dung über den Server des Anbieters ver knüpft wird. Wird für ein Spiel, das auf einem Träger medium ver breitet und in dieser Form offline ge spielt wird, über eine Internet verbin dung ledig lich die Möglich- keit hergestellt, dass mehrere Spieler gegen einander spielen können, wäre zu über legen, dieses Spiel weiter hin nach den Regelun gen über Träger medien zu be handeln, da hier kein Unter schied dazu besteht, dass z. B. im Rahmen einer LAN-Party mehrere Rechner in einem Raum ver bunden werden. Der einzige Unter schied zum Offline-Spiel ist darin zu sehen, dass der Spieler nicht alleine oder gegen den Computer spielt. Da hier jedoch die Möglich keit besteht, dass über die Internet verbin dung auch weitere Inhalte über den Server des Spiele- anbieters einfließen, z. B. In-Game-Werbung, sind diese Spiele dann als Tele- medien einzu stufen. Zudem werden sog. Add-ons an geboten, mit denen zusätz liche Inhalte, Ergän zungen, weitere Level oder Ähnliches in das Spiel ein gebunden werden können. Können diese über die Online-Verbin dung über die Seite des Spiele- anbieters in das Spiel ein gebunden werden, liegt ein Telemedien angebot vor. Darüber hinaus gibt es die Möglich keit, dass über eine Online-Verbin dung über die Seite des Spielebetreibers zusätz liche Dienste zum Spiel in Anspruch ge nommen werden, wie Foren oder Chats. Diese sind Telemedien, allerdings ohne jegliche (journalistisch-)redaktionelle Gestal tung. 48 Baumann/Hofmann, ZUM 2010, S. 863, 865. 49 Im Ergebnis so auch Hans-Bredow-Institut, Analyse des Jugendmedien schutz systems, S. 35. 80 Nicht ganz eindeutig ist, wie es sich mit Spielen ver hält, die zwar im Internet an geboten, aber nicht online ge spielt werden, sondern die der Nutzer vom Server des Anbieters über eine Internet verbin dung auf seinen Computer lädt, dort installiert und dann erst spielt (Downloadgames). Das Spiel wird hier zwar über das Internet, d. h. ein elektroni sches Kommunika tions netz über tragen, kann aber dann offline ge spielt werden. Damit käme es einem Spiel gleich, das auf einem Träger medium er worben und installiert wurde. Solche Spiele werden daher nach richtiger Ansicht50 als Träger medien be urteilt, da sich die Leistung des Anbieters auf die Übertra gung des Maschinen codes in den Arbeits- speicher des Nutzer-Endgeräts be schränke. II.3.3.1.1.3 Konsequenzen Für Telemedien gelten gem. § 1 RStV die Ab schnitte IV bis VI und § 20 Abs. 2. Die ausführ lichen Regelun gen, die der RStV für die Werbung im Rahmen des Rundfunks trifft (§§ 7 ff. RStV) gelten für Online-Spiele danach nicht. Die Vor schriften des VI. Ab schnitts, §§ 54 ff. RStV treffen auch Regelun- gen über die Werbung in Telemedien. Dabei sehen sie aber noch einmal eine ab gestufte Regulie rung vor, je nachdem, ob es sich um fernsehähn liche Tele- medien oder einfache Telemedien handelt. Im Rahmen des Dreizehnten Rund- funkände rungs staats vertrags wurde nämlich die Vor schrift des § 58 Abs. 3 RStV neu ein gefügt. Sie erklärt be stimmte, für den Rundfunk geltende Vor schriften zur Werbung, zur Produkt platzie rung und zum Sponsoring auf fernsehähn liche Telemedien (audiovisuelle Mediendienste auf Abruf) für ent sprechend anwend- bar und setzt damit Bestim mungen der Artikel 3 e, 3 f und 3 g der AVMD- Richtlinie um. II.3.3.1.2 Der Begriff der fernsehähn lichen Telemedien Die Bestim mung des § 58 Abs. 3 RStV gilt nur dann für Computerspiele, wenn diese fernsehähn liche Telemedien darstellen. Dabei spricht § 58 Abs. 3 Satz 1 RStV von Telemedien mit Inhalten, die nach Form und Inhalt fernsehähn lich sind. Unter fernsehähn lichen Telemedien sind nach dieser Defini tion nichts anderes als audiovisuelle Mediendienste auf Abruf im Sinn der AVMD-Richt- linie zu ver stehen, die eben falls mit herkömm lichen Fernsehsen dungen ver- gleich bar sein müssen. Nach der AVMD-Richtlinie sind audiovisuelle Medien- dienste auf Abruf insbesondere Spielfilme, Sportberichte, Fernseh komödien, Dokumentarfilme, Kindersen dungen und Originalfernsehspiele.51 Das Merkmal „fernsehähn lich“, das Ab rufdienste mit herkömm lichen Rundfunkangeboten gleichsetzt, be deutet, dass sie auf das gleiche Publikum wie Fernsehsen dungen 50 So Holzgraefe, S. 356, 357; Schaar, CR 2006, 619, 620, Schmidt/Dreyer/Lampert, S. 76 51 AVMD-Richtlinie Art. 1 Abs. 1 lit b. 81 aus gerichtet sind und der Nutzer auf grund der Art und Weise des Zugangs zu diesen Diensten ver nünftiger weise einen ver gleich baren Rege lungs schutz er- warten kann. Die Richtlinie ver langt eine dynami sche Ausle gung des Begriffs „Sendung“ unter Berücksichti gung der Ent wick lungen auf dem Gebiet der Fernsehsen dungen (vgl. Erwä gungs grund 24 der Richtlinie). Die AVMD-Richtlinie macht, wie bereits dargestellt, mit dem Erwä gungs- grund 22 Satz 4 klar, dass Online-Spiele nicht unter den Begriff der audio- visuellen Mediendienste fallen. Daraus folgt, dass Online-Spiele keine audio- visuellen Mediendienste im Sinne der Richtlinie sind.52 Dies hat Konsequenzen für die Anwend bar keit des § 58 Abs. 3 RStV auf Online-Spiele. Der Anwen- dungs bereich des RStV ist zwar grundsätz lich weiter als derjenige der AVMD- Richtlinie; er umfasst im Gegen satz zur Richtlinie auch Hörfunkangebote und andere Telemedien. So bleibt auch die Unter schei dung zwischen Telemedien und Rundfunkangeboten, auf der der RStV und das Telemedien gesetz beruhen, un berührt.53 Daher ist auch der Begriff der Telemedien, den der deutsche Gesetz geber ver wendet, weiter als der Begriff des audiovisuellen Medien- dienstes der AVMD-Richtlinie. Er umfasst gerade nicht nur fernsehähn liche Telemedien. Durch die neu ein gefügte Regelung des § 58 Abs. 3 RStV wollte der deutsche Gesetz geber aber die AVMD-Richtlinie umsetzen. Dies wird durch die aus drück liche Verwen dung der Begrifflich keiten der Richtlinie (audio- visueller Mediendienst auf Abruf) unter strichen.54 Für eine Auswei tung des Anwen dungs bereiches dieser Regelun gen auf andere Dienste bleibt daher kein Raum. Die Werberege lungen des RStV, die für Rundfunk und fernsehähn liche Telemedien gelten, finden daher auf Online-Spiele keine Anwen dung. II.3.3.2 Die Anwend bar keit des § 58 Abs. 1 RStV auf Computerspiele II.3.3.2.1 Allgemeines Die Regelung des § 58 Abs. 1 RStV gilt im Gegen satz zu § 58 Abs. 3 RStV für alle Telemedien. Computerspiele sind, wie ausführ lich dargelegt wurde, regel- mäßig als Telemedien einzu ordnen. Daher müssen sie die für alle Telemedien geltende Vor schrift des § 58 Abs. 1 RStV be achten. Hiernach muss Werbung als solche klar erkenn bar und vom übrigen Inhalt der An gebote eindeutig ge- trennt sein. In der Werbung dürfen keine unter schwelligen Techniken ein gesetzt werden. Das Gebot der Trennung von Werbung und Inhalten ist als allgemeiner 52 Vgl. oben II.2.4 und II.2.5. 53 Vgl. Begrün dung zum Dreizehnten Rundfunkände rungs staats vertrag, zu Nr. 21, S. 18. 54 Vgl. Begrün dung zum Dreizehnten Rundfunkände rungs staats vertrag, zu Nr. 21, S. 18. 82 Rechts grundsatz dem gesamten Medien recht immanent55 und dient insbesondere dazu, den Nutzer eines An gebots vor einer Täuschung über den werbenden Charakter von Inhalten zu schützen.56 Dieser Schutz funk tion liegt die Über- legung zugrunde, dass die werb lichen Äußerun gen eines Werbetreibenden in der Regel kritisch-distanzierter be trachtet werden als redaktionelle Inhalte. Diesen bringt der Rezipient auf grund der vermu teten größeren Objektivität ein größeres Maß an Ver trauen und Beach tung ent gegen als der Werbung eines Markt teilnehmers, dessen Äußerung zum Zweck der Produkt vermark tung ge- tätigt wird. Eine nicht eindeutige Trennung von redak tionellem und werb lichem Teil würde damit zu einer Irrefüh rung des Rezipienten und damit zu einer Ver fälschung des ver fassungs recht lich geschützten Meinungs bil dungs prozesses führen.57 Der Begriff des redak tionellen Inhalts ist hierbei weit auszu legen und umfasst nicht nur klassisch journalistisch-redaktionelle informierende und bildende Inhalte58, sondern gleichermaßen unter haltende Inhalte. Wie im Rund- funk die Inhalte von Unter hal tungs formaten wie Filmen, Serien und andere nicht mit Werbung ver mischt werden sollen (be kanntestes Beispiel der letzten Jahre war die Thematik der Produkt platzie rungen in der Vor abendserie Marien- hof), muss dies grundsätz lich ebenso für Unter hal tungs formate in Telemedien, wie z. B. Online-Spielen gelten. Über die Regelung des Tren nungs grundsatzes in Satz 1 wird auch Schleich- wer bung bei Telemedien ver boten, weil Satz 1 nicht nur die Trennung von Werbung und übrigen Inhalten, sondern auch die klare Erkenn bar keit ver langt.59 II.3.3.2.2 Der Werbebegriff des § 58 Abs. 1 RStV und die Produkt platzie rung Nicht ganz eindeutig ist, was § 58 RStV mit dem Begriff der Werbung meint, welche Werbeformen im weiteren Sinne also das Tren nungs- und Erkennbar- keits gebot be achten müssen. Der RStV ent hält in § 2 Abs. 2 Nr. 7 eine Legal- defini tion der Werbung. Werbung ist danach „jede Äußerung bei der Ausübung eines Handels, Gewerbes, Handwerks oder freien Berufs, die im Rundfunk von einem öffent lich-recht lichen oder einem privaten Ver anstalter oder einer natür lichen Person ent weder gegen Ent gelt oder eine ähnliche Gegen leis tung 55 Kreile in Dörr/Kreile/Cole, Handbuch Medien recht, S. 9; früher §§ 13 Abs. 1 MDStV, 7 Nr, 1 TDG, heute §§ 7 Abs. 3 und 58 Abs. 1 RStV sowie § 4 Nr. 3 UWG. 56 Smid in Spindler/Schuster § 58 Rn. 6 m. w. N. 57 Smid in Spindler/Schuster § 58 Rn. 6. 58 So werden fälsch licher weise ver einzelt nur journalistisch-redaktionell ge staltete Telemedien als von § 58 Abs. 1 erfasst an gesehen, Holznagel/Ricke in Spindler/Schuster TMG § 1 Rn. 17 ff. Dem ist im Hinblick auf den Wortlaut und die aus drück liche Unter schei dung von journalistisch-redaktionell gestal teten Tele- medien (im engeren Sinne) und Telemedien (allgemein) in §§ 54 und 55 jeweils Abs. 1 und 2 nicht zu folgen; so auch Smid in Spindler/Schuster § 58 Rn. 2. 59 Harts tein/Ring/Kreile/Dörr/Stettner § 58 Rn. 3. 83 oder als Eigen werbung gesendet wird, mit dem Ziel, den Absatz von Waren oder die Erbrin gung von Dienst leis tungen einschließ lich unbeweg licher Sachen, Rechte oder Ver pflich tungen, gegen Ent gelt zu fördern“ (§ 2 Abs. 2 Nr. 7 RStV). Diese Defini tion bezieht sich allerdings dem Wortlaut nach nur auf den Rund- funk und nicht auf die Telemedien. Auch die Erschei nungs formen Schleichwer- bung, Sponsoring und Produkt platzie rung werden in § 2 Abs. 2 RStV definiert. Nach § 1 RStV, der den jeweiligen Anwen dungs bereich der Normen des Rund- funkstaats vertrages fest legt, wäre § 2 RStV und damit auch die Werbedefini tion allerdings auf Telemedien nicht anwend bar. Die Zuwei sung der Normen kann jedoch nicht buchstaben getreu um gesetzt werden. So sind z. B. Telemedien in § 2 Abs. 1 RStV definiert und vom Rundfunk ab gegrenzt. Diese Norm muss folg lich auch auf Telemedien anwend bar sein, obwohl sie in § 1 RStV gerade nicht als für die Telemedien anwend bar auf geführt wird. Das Gleiche gilt für die Regelun gen § 2 Abs. 2 Nr. 19 RStV, in der aus drück lich sen dungs- bezogene Telemedien definiert werden, sowie Nr. 20, in der es um presseähn- liche (Tele medien-)An gebote geht. Es ist daher davon auszu gehen, dass die Defini tionen des § 2 RStV, d. h. insbesondere die für Werbung und Schleich- wer bung sowie Produkt platzie rung und Sponsoring, sinn gemäß auch für Tele- medien gelten. Die Bestim mung des § 58 RStV ver wendet den Begriff der Werbung. Andere Gesetze, die Regelun gen zu Telemedien auf stellen, wie das Telemedien gesetz und die AVMD-Richtlinie, sprechen nicht von Werbung, sondern von kommer- zieller Kommunika tion und definieren diese auch (§ 2 Abs. 1 Nr. 5 TMG, Art. 1 Abs. 1 lit h AVMD-RL; § 3 MDStV, Art. 2 f E-Commerce RL). Der Begriff der kommerziellen Kommunika tion umfasst neben der (Rundfunk-)Werbung unter anderem auch das Sponsoring, das Teles hopping und die Produkt platzie- rung (Art. 1 Abs. 1 lit. h AVMD-Richtlinie). Allerdings kennt auch der Rund- funkstaats vertrag den Unter schied zwischen Werbung, Sponsoring, Produkt- platzie rung und Teles hopping, die er jeweils ge sondert definiert. Zudem trifft er für diese Erschei nungs formen, wenn sie im Rundfunk aus gestrahlt werden, in §§ 7a, 8, 15, 44, 45, 45 a RStV unter schied liche Regelun gen und erklärt diese Regelun gen durch § 58 Abs. 3 RStV für fernsehähn liche Telemedien für ent sprechend anwend bar. An gesichts dieses Aus gangs befundes muss man sich die Frage stellen, ob der Gesetz geber durch die Verwen dung des Begriffs Werbung, die bei der kommerziellen Kommunika tion zusätz lich er fassten Er- schei nungs formen aus dem Werbebegriff des § 58 RStV aus schließen oder in § 58 Abs. 1 RStV – anders als im übrigen Rundfunkstaats vertrag – einen er- weiterten Werbebegriff ver wenden wollte, der neben der in § 2 Abs. 2 Nr. 7 RStV definierten Werbung auch das Sponsoring, das Teles hopping und die Produkt platzie rung erfasst. Dies ist nicht unerheb lich, da insbesondere die Platzie rung von virtuellen Produkten auch bei der In-Game-Werbung eine Rolle spielt. 84 Zwar mag im allgemeinen Sprachgebrauch der Begriff der Werbung im wei- teren Sinne als kommunikativer Beeinflussungs prozess mit Hilfe von (Massen-) Kommunika tions mitteln an gesehen werden, die beim Adressaten marktrelevante Einstel lungen und Ver haltens weisen i. S. d. Unter nehmens ziele ändern.60 Wer- bung im Sinne des RStV ist aber legaldefiniert. Auf diesen Begriff bezieht sich die Bestim mung des § 58 Abs. 1 RStV. Dies hat zur Folge, dass § 58 Abs. 1 RStV nach derzeitiger Formulie rung nur die Werbung im Sinne des § 2 Abs. 2 Nr. 7 RStV erfasst, aber nicht das Sponsoring, das Teles hopping und die Pro- dukt platzie rung.61 Damit unter liegt die Produkt platzie rung in Telemedien nicht dem Erkennbar- keits- und Tren nungs gebot des § 58 Abs. 1 RStV. Allerdings sind die prakti schen Folgen davon, dass § 58 Abs. 1 RStV auf Produkt platzie rungen nicht anwend- bar ist, geringer als es den Anschein hat. Dies liegt daran, dass unter Pro- duktplatzie rung im Sinne des RStV nur die ge kennzeichnete Erwäh nung oder Darstel lung von Produkten zu ver stehen ist. Dies folgt aus der Defini tion der Produkt platzie rung in § 2 Abs. 2 Nr. 11 RStV. Sie über nimmt zwar weit gehend die Vor gaben des Art. 1 Buchstabe m, h der AVMD-Richtlinie, geht aber mit dem Merkmal der Kennzeich nung darüber hinaus. Der RStV schafft damit einen eigenen Begriff der Produkt platzie rung. Wesent liches Unter schei dungs- merkmal zwischen der weiter hin auch in Telemedien über Art. 58 Abs. 1 RStV ver botenen Schleichwer bung und der Produkt platzie rung ist nunmehr die Kenn- zeich nung. Sie ist Voraus set zung dafür, dass über haupt eine Produkt platzie rung im Sinne des RStV ge geben ist. Diese Kennzeich nung bewirkt, dass die Werbe- absicht offen gelegt wird. Damit fehlt es an der für die Schleichwer bung er- forder lichen Möglich keit der Irrefüh rung. Damit bleibt Folgendes fest zuhalten: Wenn es an der Kennzeich nung fehlt, liegt schon tatbestand lich keine Produkt platzie rung vor. Dann ist § 58 Abs. 1 RStV anwend bar und es ist zu prüfen, ob wegen der fehlenden Kennzeich nung eine ver botene Schleichwer bung vor liegt. Eine Produkt platzie rung im Sinne des RStV, also die gekennzeichnete Erwäh nung oder Darstel lung von Waren oder Marken gegen Ent gelt, unter fällt dagegen nicht dem § 58 Abs. 1 RStV. Sie stellt vielmehr eine eigenständige Form der kommerziellen Kommunika tion dar. Als kommerzielle Kommunika tion müssen bei ihrem Einsatz allerdings die be sonderen Informa tions pflichten des § 6 TMG be achtet werden.62 60 Schwanbom in Schiwy/Schütz/Dörr, Medien recht S. 736, 737. 61 Harts tein/Ring/Kreile/Dörr/Stettner § 58 Rn. 3. 62 Dazu näher unter II.4. 85 II.3.4 Die Bestim mung des § 58 Abs. 1 RStV und die werb lichen Erschei nungs formen in Online-Spielen Nachdem nunmehr ge klärt ist, dass die Bestim mung des § 58 Abs. 1 RStV auf Computerspiele anwend bar ist, muss ge prüft werden, welche Folgen dies für die in den Spielen ent haltene Werbung hat. Dabei ist zwischen den einzelnen Werbeformen zu unter scheiden. II.3.4.1 Integra tion von klassi schen Werbeflächen in simulierte Spielwelten Häufig werden klassi sche Werbeflächen in simulierte Spielwelten integriert. Beispiele für eine solche Integra tion von klassi schen Werbeflächen bieten zum einen Sportspiele, bei denen Banden werbung in virtuellen Sport stadien zu sehen ist (z. B. „Need für Speed“), zum anderen Spiele, bei denen die Spielfigur durch eine Umgebung bewegt wird, in der sich klassi sche Werbeträger be finden. So ist zum Beispiel in dem Spiel Empire of Sports eine sich drehende Litfaß- säule mit Werbeplakaten zu sehen, in dem Spiel Spiderman ist ein Werbeplakat von McDonalds auf einem Haus auf gestellt, und im Spiel Anarchie Online steht am Straßen rand ein Bildschirm, auf dem Werbefilme laufen. Die recht liche Einord nung und Beurtei lung dieser Abbil dungen richtet sich danach, ob es sich um eine Werbemaßnahme handelt oder schlicht um die Nach bil dung einer realen Umgebung. Ver gleicht man die Banden werbung in einer Spielsitua tion mit einer Sport übertra gung im Fernsehen, ergibt sich folgen- der Unter schied. Das reale Sportereignis kann grundsätz lich nicht oder nicht ohne größeren techni schen Aufwand über tragen werden, ohne dass als Begleit- erschei nung die Werbung auf Banden, Fahrzeugen oder Trikots auch im Bild zu sehen ist. Auch wenn das heute mit in den Preisen einkalkuliert ist, bezahlt das werbende Unter nehmen regelmäßig nicht an den Fernseh veranstalter dafür, dass die Werbung im Fernsehen ge zeigt wird, auch wenn das letzt lich einen Großteil der Werbewir kung aus macht. Vielmehr erfolgt die Zahlung an den Ver anstalter als Gegen leis tung dafür, dass ein Werbebanner/Logo an der Bande im Stadion oder dem Fahrzeug oder Trikot an gebracht wird. Die Tatsache, dass man die Werbung auf der Bande oder dem Fahrzeug im Fernsehen sieht, ist somit ein zwangs läufiger Nebeneffekt bei der Übertra gung und keine ge- zielte Fernsehwer bung. So wird denn auch die Sicht bar keit der Werbung bei der Fernseh übertra gung in der Regel als un vermeid barer Werbe effekt an gesehen.63 Dies gilt allerdings nicht bei Über blen dung der Banden werbung mit virtueller 63 Hahn/Vesting/Ladeur, Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht § 7 Rn. 66. 86 Werbung.64 Allerdings kann auch die Art der Kamerafüh rung den Vorwurf der Schleichwer bung be gründen.65 Im Unter schied zu den Übertra gungen realer Sport veranstal tungen kann ein Computerspiel auch so programmiert werden, dass auf den Banden oder den Fahrzeugen keine Werbung zu sehen ist. Alternativ kann bei einem Com- puterspiel auf den Banden oder Fahrzeugen Werbung für fiktive Produkte zu sehen sein. Allerdings muss es sich auch bei der Darstel lung von realen Pro- dukten in einem Computerspiel nicht zwangs läufig um einen be absichtigten Werbe effekt handeln. Maß geblich ist das Interesse, das hinter der Darstel lung realer Produkte steht. Während vor einigen Jahren Spiele entwickler noch Geld dafür be zahlen mussten, dass sie be kannte Marken und Produkte in ihre Spiele einbinden durften, sind Unter nehmen heute durch aus bereit, Millionen beträge zu investieren, um Werbekommunika tionen in auf lagen starke Computerspiele zu integrieren.66 Generell kann davon aus gegangen werden, dass es sich um be absichtigte Werbung handelt, wenn der Spielehersteller Geld dafür erhält. Allerdings wird sich dies nicht immer nach weisen lassen. Als Indiz dafür, ob es sich um be- zahlte Werbung handelt oder nicht, kann die Intensität der Darstel lung heran- gezogen werden. Sind ver schiedene Werbeplakate in eher unauffälliger Form Randerschei nungen der Spielumge bung, bei denen man beispiels weise be kannte Schriftzüge und Marken mehr erahnen als deut lich er kennen kann, spricht dies eher dafür, das hier nur die Umgebung realistisch ge staltet werden sollte. Taucht jedoch die Werbung eines Produktes oder Unter nehmens ge häuft auf und wird auf fällig und deut lich in das Spielgeschehen integriert, spricht dies eher dafür, dass es sich um ge zielte Werbung handelt, die dann nach Maß gabe des § 58 Abs. 1 RStV auch vom übrigen Inhalt eindeutig ge trennt als Werbung klar erkenn bar sein muss. Ob diesem Gebot Rechnung ge tragen wird, also für den Nutzer be absichtigte Werbung in den jeweiligen Spielen derzeit immer klar zu er kennen ist, darf be zweifelt werden. Gerade bei Computerspielen, die mit Sportereig nissen zu tun haben, sind die Banden mit Werbung für reale Produkte ein Detail der Spielumge bung. Das Vor handensein fügt sich so ein, dass es für den Empfänger eher unauffällig und mehr wie die Nachbil dung der realen Umgebung wirken kann als eine ge zielte Werbemaßnahme. Hinzu kommt, dass diese Werbeform in Spielen noch nicht so ver breitet ist. Daher geht nicht jeder Nutzer davon aus, dass sich im Spiel be zahlte Werbung be findet. Um zu gewährleisten, dass der Spieler erkennt, dass er eine Werbemaßnahme vor sich hat, muss daher in ge eigneter Form darauf hin gewiesen werden. 64 Hahn/Vesting/Ladeur, Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht § 7 Rn. 73. 65 KG Berlin, AfP 1994, 313, Hahn/Vesting/Ladeur, Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht § 7 Rn. 66. 66 Schaar, Recht liche Grenzen des „In-Game-Advertising“, GRUR 2005, 912; Der Spiegel 37/2003, S. 184. 87 Bei räum lich abgrenz baren Werbeträgern wie Bande, Litfaßsäule, Film- monitor u. Ä. kann Werbung mit einem Schriftzug ge kennzeichnet werden, gleich einer Anzeige in einer Zeitschrift oder auf einer Internet seite. II.3.4.2 Integra tion von dynami scher Werbung Neben der statischen Werbung ist in Online-Spielen auch dynami sche Werbung zu finden. So erlaubt im Spiel Anarchy Online die Online verbin dung die Modi- fika tionen der Werbeplatzie rungen über die gesamte Nutzungs dauer hinweg. So ist es beispiels weise möglich, den in dem Spiel ge zeigten Kinotrailer für einen Film durch eine neue Vor schau für einen aktuelleren Film zu er setzen. Ein weiteres Beispiel für die dynami sche Werbevariante, bei der die inte- grierte Werbung in zyklischer Regelmäßig keit modifiziert werden kann, findet sich in dem Online-Rennspiel Need for Speed Shift. Hier besteht bei jedem Neustart des Spiels (d. h. bei jedem „Onlinegehen“) die Möglich keit einer Modifika tion der Werbeinhalte. So sieht der Spieler beispiels weise auf einem Plakat zunächst Werbung für den Kinofilm Sherlock Holmes. Diese Werbung bleibt während des gesamten Spielablaufs konstant. Beim er neuten Starten des Spiels wenige Tage später wird dann auf demselben Plakat für den Reifen- hersteller Falken Tires ge worben. Es hat demnach ein vom Spielhersteller initiierter und durch Adserver realisierter Werbeinhalts wechsel statt gefunden, der für den Spieler aber nur dann sicht bar wird, wenn er in dem ent sprechenden Zyklus das Spiel online nutzt. Ebenso denk bar ist, dass Banden werbung beim jeweiligen Neustart des Spiels durch andere Werbung ersetzt wird. Bei einer solchen dynami schen Werbung kann man nicht be haupten, dass dies nur einer realistischeren Darstel lung der Umwelt dient. Dynamische In-Game-Werbung belegt vielmehr die Werbeabsicht hinter der Maßnahme. Es ist davon auszu gehen, dass die Aktualisier bar keit auf der Grundlage jeweils neuer Werbe verträge erfolgt. Aus diesem Grund ist eine Kennzeich nung, dass es sich um Werbung handelt, in diesen Fällen unerläss lich. II.3.4.3 Die Darstel lung von Produkten, Marken und Logos im Spiel und das Schleichwerbe verbot Wird eine Marke oder ein Logo auf einem Gegen stand (Auto, Trikot oder Ähnliches) an gebracht, bzw. ein Produkt, also eine Ware, in das Spielgeschehen integriert, ent spricht dies im Prinzip einer Produkt platzie rung. Um eine Pro- dukt platzie rung im Sinne des Rundfunkstaats vertrages handelt es sich aber – wie bereits ausführ lich dargestellt – nur dann, wenn die Erwäh nung oder Darstel lung von Waren oder Marken ge kennzeichnet ist. Nur diese Produkt- platzie rung im Sinne des RStV wird durch § 58 Abs. 1 RStV nach derzeitiger Rechts lage nicht erfasst. Für sie ist neben der bereits tatbestand lich er forder- 88 lichen Kennzeich nung § 6 TMG einschlägig. Die ge kennzeichnete Erwäh nung oder Darstel lung von Waren oder Marken ist allerdings in Computerspielen bisher nicht anzu treffen. Daher bleibt für die nicht ge kennzeichnete Integra tion von Waren oder Marken in das Spielgeschehen § 58 Abs. 1 RStV anwend bar. Es ist demnach zu prüfen, ob es sich bei der jeweiligen Darstel lung um eine ver botene Schleich- wer bung handelt. Dies setzt voraus, dass der Spieleanbieter die Darstel lung absicht lich zu Werbezwecken vor gesehen hat und die Allgemein heit, also die Spieler, hinsicht lich dieses Werbezweckes irregeführt werden kann. Die Absicht des Anbieters, die Integra tion zu Werbezwecken vor genommen zu haben, lässt sich zwar grundsätz lich nur schwer nach weisen. Insoweit hilft aber § 2 Abs. 2 Nr. 8 Satz 2 RStV weiter. Nach dieser Bestim mung wird die Werbeabsicht unter stellt, wenn die Darstel lung gegen Ent gelt oder eine ähnliche Gegen leis- tung erfolgt. Die Möglich keit der Irrefüh rung ist zudem regelmäßig ge geben. Wie die Prüfung, ob es sich um ver botene Schleichwer bung handelt, vor- genommen werden kann, soll an konkreten Beispielen er läutert werden. So wählt der Spieler in dem Spiel Need for Speed ein be stimmtes Automodell aus, z. B. einen Porsche. In der Beschrei bung des Spiels heißt es: „Fotorealisti- sche Wagen und Strecken – Fast 70 lizenzierte Fahrzeuge stehen zur Ver fügung, darunter der BMW M3 GT2, der Audi R8 LMS und der Porsche 911 GT3 RSR. Darüber hinaus gibt es mehr als 15 Originalschauplätze wie die Nürburgring Nordschleife, Silverstone und Spa sowie fiktive Strecken wie London Downtown und Tokio“67. Im Simula tions spiel Landwirtschafts simulator 2011 kann der Spieler im Multiplayer-Modus über das Internet aus einem Fuhrpark original- getreuer Maschinen führender Hersteller aus wählen.68 Diese Aus wahlmöglich keiten aus einer ganzen Reihe der üblichen Modelle kann durch aus darauf hindeuten, dass der Spiele entwickler die Nutzung der originalgetreuen Modelle mit original Schriftzügen zur Nachbil dung der Realität ver wendet hat. Hierfür spricht insbesondere, dass viele diverse Modelle der führenden Hersteller ver treten sind. Dies spricht auch dagegen, dass ein Ent gelt oder eine ver gleich bare Gegen leis tung erfolgt ist Damit fehlt es bereits an der für die Schleichwer bung er forder lichen Werbeabsicht, die bei Ent geltlich keit bzw. einer ent sprechenden Gegen leis tung unter stellt würde. Im Spiel Empire of Sports haben die Spielfiguren die Möglich keit, Tickets für Flüge der Flug gesell schaft Air France an deren Schalter käuf lich zu er- 67 shift.needforspeed.com de/game-info/GameInfo-20091001113015913. 68 In der Beschrei bung des Simula tions spiels heißt es, „Dank der Lizenzie rung von führenden Herstellern wie DEUTZ-FAHR, KRONE, HORSCH, PÖTTINGER und VOGEL & NOOT steuern Sie originalgetreue Maschinen. Erleben Sie Realität pur!“ www.astragon.de/produktdetails/article/ landwirtschafts- simulator-2011. html (zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011); www.amazon.de/astragon-Software-GmbH- Landwirtschafts-Simulator-2011/ dp/B0040JGFQ0/ref= sr_1_1?ie= UTF8&qid= 1287737981&sr= 8-1 (zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011). 89 werben (in der spieleigenen Währung), sodass sie zu den ver schiedenen Spiel- stätten reisen können. Es handelt sich um eine Transak tion innerhalb der Spiel- welt und ohne realen kommerziellen Hinter grund. Auch hier ist die Art der Darstel lung, also die Werbeabsicht ent scheidend dafür, ob Schleichwer bung vor liegt. Bei Ent geltlich keit oder einer ent sprechenden Gegen leis tung würde die Werbeabsicht unter stellt. Auch ein unangemessenes Heraus stellen spricht für eine Werbeabsicht. Im Rahmen der Spielsitua tion müsste man es als unan- gemessenes Heraus stellen be werten, wenn sich die Spielfigur in einer Schalter- halle bewegt, in der es aus schließ lich Schalter einer Flug gesell schaft gibt. Sind allerdings Schalter mehrerer Flug gesell schaften ver treten, ent spricht dies einer realisti schen Darstel lung des Umfeldes. Im ersten Fall liegt auch der Ver dacht nahe, dass ein Ent gelt ge flossen ist. II.3.4.4 Werbung in Computerspielen für Kinder Der RStV ent hält für den Bereich des Rundfunks spezielle Regelun gen, die Kinder vor Werbung schützen sollen. So ver bietet § 7a Abs. 1 RStV, Sendun gen für Kinder durch Werbung oder Teles hopping-Spots zu unter brechen. Auch die Produkt platzie rung in Kindersen dungen ist sowohl im öffent lich-recht lichen als auch im privaten Rundfunk generell ver boten, da die Aus nahmerege lungen, nach denen Produkt platzie rungen zulässig sind, hier aus drück lich nicht gelten (§ 7 Abs. 7 i. V. m. §§ 15, 44 RStV). Ver gleich bare Regelung für Telemedien, also auch für Computerspiele, die sich speziell an Kinder richten, fehlen im RStV. Der für die Werbung in Telemedien einschlägige § 58 Abs. 1 RStV enthält auch keinen Rück verweis auf die Bestim mungen, die die Werbung in Kinder- sen dungen unter sagen. Damit bleibt fest zuhalten, dass Werbung in Computer- spielen, die sich speziell an Kinder richten, nach dem RStV keinen be sonderen Beschrän kungen unter liegt. II.3.5 Die Durch set zung des Tren nungs- und Erkennbar keits gebots in Telemedien Zwar ist § 58 Abs. 1 RStV mit dem darin ent haltenen Tren nungs- und Erkennbar- keits gebot und dem Verbot der Schleichwer bung auf Computerspiele anwend- bar, da diese – mit Aus nahme elektroni scher Spiele, die nur auf Träger medien vor liegen oder die während der gesamten Nutzung keine Verbin dung über elektroni sche Kommunika tions netze auf bauen – Telemedien darstellen. Fraglich ist aber, ob und von wem diese Gebote und das Schleichwerbe verbot durch- gesetzt werden können. Dies richtet sich danach, wem die Auf sicht über die Telemedien im Allge- meinen und über die Einhal tung des § 58 Abs. 1 RStV im Besonderen zukommt. 90 Anders als im Bereich des Rundfunks, wo die Auf sicht in einem beacht lichen Ausmaß auf gemeinsame Organe der Landes medien anstalten, nämlich die ZAK, die GVK und die KEK, über tragen wurde, stellt sich die Rechts lage bei den Telemedien dar. Ab gesehen vom Jugendschutz nach Maß gabe des JMStV, bei der die KJM als gemeinsames Organ aller Landes medien anstalten auch eine Zuständig keit für Telemedien anbieter besitzt, ist die Auf sicht zersplittert. Sie richtet sich gemäß § 58 Abs. 2 RStV nach dem jeweiligen Landes recht. Sonder- rege lungen be stehen zudem für den Bereich des Daten schutzes gemäß § 58 Abs. 1 RStV. In Nordrhein-West falen ist die Bezirks regie rung Düsseldorf nach dem Tele- medien zuständig keits gesetz vom 29. 3. 200769 für die Auf sicht über die Tele- medien, also auch über die Computerspiele zuständig und nicht die erkenn bar sachnähere Landes medien anstalt. Andere Länder, wie etwa Berlin, Branden- burg, Bremen und Hessen haben den Landes medien anstalten die Auf sicht über- tragen. Es be stehen demnach in den Ländern unter schied liche Zuständig keiten für die Auf sicht über die Einhal tung der Bestim mungen für Telemedien ein- schließ lich des § 58 Abs. 1 RStV. Dies über rascht auch deshalb, weil es sich bei den Telemedien, die über Internet ver breitet werden, regelmäßig um bundes- weite An gebote im Sinne des § 39 RStV handelt. Schon aus diesem Grunde hätte es nahe ge legen, die Auf sicht über die Einhal tung der für Telemedien geltenden Vor schriften – mit Aus nahme der Telemedien angebote des öffent- lich-recht lichen Rundfunks – der Kommission für Zulas sung und Auf sicht (ZAK) als gemeinsamen Organ aller Landes medien anstalten zu über tragen. Das Neben einander unter schied licher Auf sichts behörden wird zudem dadurch ver stärkt, dass für den Daten schutz70 nochmals Sonder rege lungen gelten, die auch noch zwischen Telemedien mit journalistisch-redak tionellem Inhalt und sonstigen Telemedien unter scheiden. Bei Ver stößen gegen das Tren nungs- und Erkennbar keits gebot, das bei der Werbung zu be achten ist, kann die zuständige Auf sichts behörde, also in Nord- rhein-West falen die Bezirks regie rung Düsseldorf und nicht etwa die Landes- medien anstalt, gemäß § 59 Abs. 3 RStV die er forder lichen Maßnahmen gegen- über dem Anbieter treffen. Diese umfassen auch die Untersa gung und die Anord nung der Sperrung des An gebots. Bei der Auswahl der Maßnahmen hat aber die Behörde den Grundsatz der Ver hältnis mäßig keit zu be achten, der in § 58 Abs. 3 Satz 3 bis 5 RStV umschrieben wird, aber unabhängig von dieser Umschrei bung als ver fassungs recht licher Grundsatz bei jeder Auf sicht stätig keit stets zu be achten ist. Daher ist von der Auf sichts behörde stets ein nach Schwere und Intensität des Eingriffs ab gestuftes Sank tions system einzu setzen, an dessen Ende als Ultima Ratio die Unter sagungs verfü gung steht. Bei Ver stößen gegen 69 GV NRW S. 137. 70 Vgl. unten. 91 § 58 Abs. 1 RStV durch In-Game-Werbung kommt die Verhän gung eines Buß- geldes als Sanktion nicht in Betracht. Dies liegt daran, dass ein Ver stoß gegen das in § 58 Abs. 1 RStV normierte Tren nungs- und Erkennbar keits gebot keine Ordnungs widrig keit darstellt. Dagegen sind Ver stöße gegen die ver gleich baren, für den Rundfunk und die fernsehähn lichen Telemedien geltenden Werberege- lungen der §§ 7 Abs. 3 und 58 Abs. 3 RStV gemäß §§ 49 Abs. 1 Nr. 3 und Nr. 16 ff. RStV als Ordnungs widrig keiten aus gestaltet. 93 II.4 Zulässig keit von In-Game-Werbung nach dem Telemedien gesetz II.4.1 Die eigenständige Bedeu tung des § 6 TMG Neben dem Rundfunkstaats vertrag stellt das Telemedien gesetz (TMG)71 Rege- lun gen für die elektroni schen Informa tions- und Kommunika tions dienste auf. In § 1 Abs. 4 TMG wird allerdings für die an Inhalte von Telemedien zu rich- tenden be sonderen Anforde rungen auf den Rundfunkstaats vertrag verwiesen. Dennoch trifft § 6 TMG be sondere Regelun gen zu Informa tions pflichten für kommerzielle Kommunika tion. Diese Vor schrift findet neben § 58 Abs. 1 RStV Anwen dung. Der Bund war nicht daran ge hindert, ge stützt auf seine wirt- schafts bezogene Gesetz gebungs kompetenz diese Regelung zu treffen, die im Interesse der Ver braucher be sondere Informa tions pflichten ver ankert. Das Neben einander der Vor schriften zeigt aber, wie schwierig die Abgren zung zwischen den Kompetenzen der Länder und des Bundes im Bereich der Tele- medien ist. Im Ergebnis hat – un beschadet der in den § 58 Abs. 2 bis 4 RStV ent haltenen Sonder rege lungen für be stimmte Telemedien – das Neben einander der beiden Regelun gen zur Folge, dass für die Werbung in Telemedien und damit auch in Computerspielen das Tren nungs-Erkennbar keits gebot des § 58 Abs. 1 RStV und die be sonderen Informa tions pflichten des § 6 TMG zu be- achten sind. Für die übrige kommerzielle Kommunika tion, also Sponsoring, Teles hopping und Produkt platzie rung, gelten – ab gesehen von den in den § 58 Abs. 2 bis 4 RStV ent haltenen Sonder rege lungen für fernsehähn liche Tele- medien, zu denen die Computerspiele nicht ge hören – ledig lich die be sonderen Informa tions pflichten des § 6 TMG.72 Dies ist auf den ersten Blick vor allem für die Produkt platzie rungen in Telemedien be deutsam. Diese stellen, wie bereits ausführ lich dargelegt, keine Werbung im Sinne des § 58 Abs. 1 RStV dar und unter fallen damit nicht dem dort ver ankerten Tren nungs gebot. Sie sind auch keine Schleichwer bung. Von 71 Gesetz über die Nutzung von Telemedien vom 26. 2. 2007, BGBl. I S. 179, zuletzt geändert durch Artikel 1 des Gesetzes vom 31. 5. 2010 (BGBl. I S. 692). 72 Harts tein/Ring/Kreile/Dörr/Stettner § 58 Rn. 3. 94 dieser unter scheiden sie sich gemäß § 2 Abs. 2 Nr. 11 RStV dadurch, dass sie ge kennzeichnet ist. Diese Kennzeich nung bewirkt, dass die Werbeabsicht offen- gelegt wird. Damit fehlt es an der für die Schleichwer bung er forder lichen Möglich keit der Irrefüh rung. Die Kennzeich nung ist aber unabding bare Voraus- set zung dafür, dass über haupt eine Produkt platzie rung im Sinne des RStV vor liegt. Solche ge kennzeichneten Darstel lungen von Waren und Marken sind aber in Computerspielen selten. Bei den nicht ge kennzeichneten Darstel lungen ist stets zu prüfen, ob es sich um nach § 58 Abs. 1 RStV ver botene Schleich- werbung handelt. II.4.2 Der Inhalt der Informa tions pflichten Nach § 6 Abs. 1 Nr. 1 TMG haben Dienste anbieter bei kommerziellen Kommu- nika tionen, die Telemedien oder Bestand teile von Telemedien sind, zu be achten, dass kommerzielle Kommunika tionen klar als solche zu er kennen und die natür liche oder juristi sche Person, in deren Auftrag kommerzielle Kommunika- tionen er folgen, klar identifizier bar sein müssen. Damit ver folgt die Vor schrift letzt lich das gleiche Rege lungs ziel wie das Tren nungs- und Erkennbar keits gebot in § 58 Abs. 1 RStV. Der Empfänger soll durch das Gebot klarer Erkenn bar keit der Werbung bzw. der gesamten kommerziellen Kommunika tion vor einer Täuschung über die fehlende Neutralität bzw. Objektivität der Informa tion geschützt werden.73 Kommerzielle Kommunika tion ist nach § 2 Abs. 1 Nr. 5 TMG jede Form der Kommunika tion, die der unmittel baren oder mittel baren Förde rung des Ab satzes von Waren, Dienst leis tungen oder des Erschei nungs bilds eines Unter- nehmens, einer sonstigen Organisa tion oder einer natür lichen Person dient, die eine Tätig keit im Handel, Gewerbe oder Handwerk oder einen freien Beruf ausübt. Der Begriff der kommerziellen Kommunika tion erfasst nicht nur Wer- bung im Sinne des § 2 Abs. 2 Nr. 7 RStV, sondern auch Sponsoring (§ 2 Abs. 2 Nr. 9 RStV), Teles hopping (§ 2 Abs. 2 Nr. 10 RStV) und vor allem Produkt- platzie rungen (§ 2 Abs. 2 Nr. 11 RStV). Die Bestim mung des § 6 TMG ver langt die eindeutige Erkenn bar keit als kommerzielle Kommunika tion, während § 58 Abs. 1 RStV, allerdings nur für die Werbung in Telemedien, eine Trennung von den übrigen Inhalten fordert. Allerdings ist die Erkenn bar keit dem inhalteorientierten Tren nungs gebot imma- nent, da es gerade Sinn und Zweck dieses Gebotes ist, dass der Nutzer den Werbecharakter einer Darstel lung er kennen kann. Insofern kann auf die Aus- füh rungen zu § 58 Abs. 1 RStV ver wiesen werden. 73 Micklitz/Schirmbacher in Spindler/Schuster, TMG § 6 Rn. 26. 95 Die klare Erkenn bar keit be urteilt sich nach dem Empfänger horizont und ist damit zu bejahen, wenn der durch schnitt liche Nutzer die kommerzielle Kommunika tion als solche ohne weiteres be merken kann. Richtet sich die kommerzielle Kommunika tion jedoch an be sonders schutz würdige Gruppen, wie z. B. Kinder und Jugend liche, so ist auf deren Ver ständnis abzu stellen.74 Die klare Erkenn bar keit stellt aber gegen über dem Tren nungs gebot des § 58 Abs. 1 RStV, das allerdings nur für die Werbung in Telemedien gilt, in ge wisser Hinsicht ein „Minus“ dar. Über die bloße klare Erkenn bar keit hinaus fordert § 58 Abs. 1 RStV eine eindeutige Trennung von den übrigen Inhalten. Für die Werbung in Spielen be deutet dies, dass die Erkenn bar keit von Wer- bung von beiden Rege lungs werken ver langt wird. Die Inten tion des Rundfunk- staats vertrages ist es, die freie Meinungs bildung vor Manipula tion zu schützen. Sobald ein Telemedium, in diesem Fall ein Online-Spiel, einen ge wissen „Inhalt“ auf weist, ist § 58 Abs. 1 RStV einschlägig, der über das Tren nungs- gebot ver langt, dass ein inhalt licher Gehalt eines elektroni schen Mediums, der in irgendeiner Form zur Meinungs bildung beiträgt, und eine werbende Äuße- rung nicht dergestalt ver mischt werden, dass der werbende Gehalt nicht als solcher erkannt wird. Die Kennzeich nungs- und Informa tions pflichten des § 6 TMG kommen sozu sagen als Auffang vorschrift zur Anwen dung, wenn es nicht um Werbung i. S. des RStV, sondern um andere Formen der kommerziellen Kommunika tion geht, also insbesondere Produkt platzie rungen. Tatbestand lich setzt eine Produkt- platzie rung voraus, dass es sich um eine ge kennzeichnete Erwäh nung oder Darstel lung von Waren oder eines Erbringers von Dienst leis tungen gegen Ent- gelt handelt. Die Kennzeich nung ist also bereits Voraus set zung für das Vor- liegen einer Produkt platzie rung und Ab gren zungs merkmal zur Schleichwer- bung. Insoweit bedarf es keines Rück griffs auf das in § 6 Abs. 1 Nr. 1 TMG ent haltene Gebot der klaren Erkenn bar keit kommerzieller Kommunika tion. II.4.3 Produkt platzie rungen in Computerspielen und § 6 TMG Die Abgren zung zwischen Schleichwer bung und Produkt platzie rung richtet sich auch bei Online-Spielen danach, ob eine Kennzeich nung vor liegt. Dies ist aber nach anderen Maßstäben zu be urteilen als bei Rundfunksen dungen. Bei Online-Spielen dienen werb liche Erschei nungs formen – unabhängig davon welche Absicht dahintersteht – auch dazu, eine be stimmte nach gebildete Um- gebung, in der sich üblicher weise Werbebot schaften be finden, realisti scher aus sehen zu lassen. Während man jedoch in der realen Welt oder in einer 74 Dieser Grundsatz ist in der Lauter keits richtlinie fest gelegt, hierzu näher unter II. 96 filmischen Abbil dung der realen Welt (Fernsehen) keinen Hinweis darauf be- nötigt, dass sich auf einer Litfaßsäule oder einer Bande im Stadion be zahlte Werbebot schaften be finden, weil es schlicht jeder weiß, ist dies in einer virtuel- len Abbil dung aus den ge nannten Gründen gerade nicht so. Der Nutzer ist im Unklaren darüber, ob diese ge zielt und gegen Bezah lung ein gefügt wurde, um ihn zu be einflussen. Wenn eine Beeinflussungs inten tion dahinter steht, müsste, um den Informa tions pflichten des § 6 TMG zu ent sprechen, diese kommerzielle Kommunika tion zumindest als solche klar erkenn bar sein. Handelt es sich um eine ge zielte Platzie rung, muss in jedem Fall eine Kenn- zeich nung er folgen, damit der Nutzer die aus Werbegründen gegen Ent gelt oder Gegen leis tung platzierten Produkte oder Marken als solche er kennen kann. Die Anforde rungen an eine solche Kennzeich nung sind jedoch deut lich geringer als die für Produkt platzie rung im Rundfunk, die in der detaillierten Regelung des § 7 Abs. 7 Satz 3 RStV aus differenziert ist. Es bedarf ledig lich wegen § 2 Abs. 2 Nr. 11 über haupt einer Kennzeich nung, damit im Rechtsinne eine Produkt platzie rung tatbestand lich vor liegt, und wegen § 6 TMG einer klaren Erkenn bar keit. An gesichts dieser offeneren Regelun gen könnte ein Hin- weis zu Beginn des Spiels, dass das Spiel be zahlte Platzie rung von Produkten ent hält, als aus reichend an gesehen werden. Die Kennzeich nung ent spräche damit derjenigen, die für Kinofilme ge fordert wird (näher dazu unten). Zu fragen ist, ob dies sachgerecht ist. Dafür spricht, dass Spiele wie Kino- filme nicht in erster Linie der Informa tion, sondern der Unterhal tung dienen. Der Unter schied besteht darin, dass der Rezipient beim Film passiv konsumiert. Beim Spiel hingegen werden die Objekte teil weise ge nutzt und selbst ein gesetzt. Hieraus kann sich eine andere Wirkung ergeben. Hierbei ist auf empiri sche Erkenntnisse in Bezug auf die Wahrneh mung der Spieler abzu stellen. Im Rahmen des In-Game-Advertising ist zu be rücksichtigen, dass die Nutzer eines Spiels aktiv sind und den Inhalten des Spiels daher eine erhöhte Auf merksam- keit ent gegen bringen. Die Frage ist, ob sie infolgedessen nicht so leicht in die Irre zu führen sind75 oder ob gerade ein er höhtes Schutz bedürfnis vor Werbebot- schaften besteht, da die Spieler so „im Spiel ge fangen“ sind, dass die Wirkung viel intensiver ist als bei schlichter Rezep tion. Zudem ist frag lich, ob im Rahmen von Online-Spielen davon auszu gehen ist, dass die Nutzer eine ge- wisse Medien kompetenz be sitzen, sodass sie wissen, dass be stimmte An gebote werbefinanziert sind und daher einen ge wissen Anteil an Produkt platzie rungen ent halten.76 Die Werbung in Computerspielen ist jedoch – trotz wachsender Bedeu tung – noch nicht so ver breitet, dass man voraus setzen kann, der Nutzer rechne in jedem Fall damit, dass sich im Spiel be zahlte, zu Werbezwecken 75 So Mallick, Product-Placement in den Massen medien, S. 216. 76 So Mallick, Product-Placement in den Massen medien, S. 216, Lober, MMR 2006, 643, 645; anders Schaar, GRUR 2005, 912, 915. 97 platzierte Inhalte be finden. Wird ein Produkt in einer Art und Weise in ein Spiel ein gebettet, dass es den Anschein hat, als ob die Darstel lung und die vor handenen Objekte nur einer realisti schen Nachbil dung des Szenarios dienen, so ist hier eine Täuschung des Spielers zumindest möglich. Eine solche Täu- schung kann durch einen auf klärenden Hinweis aus geschlossen werden.77 Eine andere Aus gangs situa tion schaffen sog. Adgames, die insgesamt auf einen be stimmten Zweck aus gerichtet sind und bei denen der Werbezweck bereits aus dem Namen des Spiels oder aus den Umständen hervor geht. So kann nicht von einer Ver brauchertäuschung aus gegangen werden, wenn das ganze Spiel auf eine Produkt linie aus gerichtet ist, wie z. B. beim Erweite rungs- paket zum Spiel Die Sims 2 – IKEA Home-Accessoires oder H&M-Fashion- Accessoires (Add-On), beim dem laut Spielehersteller nicht der lukrative Werbe- markt für die Ikea-Erweite rung Pate ge standen hat, sondern allein der Wunsch der Kunden.78 Ein be kanntes Beispiel hierfür ist auch das Spiel Moorhuhnjagd, das eine Hamburger Werbeagentur im Herbst 1998 als Werbegag für die Whisky marke Johnnie Walker ent wickeln ließ.79 Keine Wirtschafts werbung, aber eine Art „Unter nehmens werbung“ betrieb die US-Armee mit dem eigens für diesen Zweck ent wickelten Spiel America’s Army, das für sieben Millionen US-Dollar als Marketinginstrument konzipiert wurde und mit dem sie Nach- wuchs rekrutieren wollte.80 Die Auf sicht darüber, ob die Vor gaben des § 6 TMG ein gehalten wurden, obliegt gemäß § 59 Abs. 2 RStV der durch Landes recht be stimmten Auf sichts- behörde, also in Nordrhein-West falen der Bezirks regie rung Düsseldorf.81 Der Ver stoß gegen das in § 6 TMG ver ankerte Gebot der Erkenn bar keit und Kenn- zeich nung von kommerzieller Kommunika tion stellt ebenso wie der Ver stoß gegen § 58 Abs. 1 RStV keine Ordnungs widrig keit dar. 77 Mallick, S. 216, Schaar, GRUR 2005, 912, 915, Lober, MMR 2006, 643, 645. 78 „Bei den Sims-Spielern standen Möbel von Ikea ganz weit oben auf der Wunschliste.“ Die SIMs im Ikea Land, Focus Online, vom 25. 6. 2008, www.focus.de/digital/games/computerspiele-die-sims-im-ikea- land_aid_313535. html (zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011). 79 Online Spiel unter www.gamesbasis.com/moorhuhn. html (zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011); Hierzu auch Lober, MMR, 2006, S. 643. 80 Study on the role of SMEs and European audiovisual works in the context of the fast changing and converging home entertainment sector (PayTV, Homevideo, Video on Demand, video games, internet, etc), Oktober 2008, S. 137. 81 Vgl. oben II.3.4. 99 II.5 Zulässig keit von In-Game-Werbung und die Vor schriften zum Schutz der Jugend II.5.1 Allgemeines Auch wenn die Spielercommunity in den letzten Jahren immens ge wachsen ist, bilden immer noch Jugend liche und Kinder eine be sonders wichtige Nutzer- gruppe. Daher ist zu klären, welche Vor gaben die Bestim mungen zum Schutze der Jugend für die In-Game-Werbung ent halten. Die gesetz lichen Rahmen- bedin gungen bilden das Jugendschutz gesetz (JuSchG) und der Jugend medien- schutz staats vertrag (JMStV). Seit Inkraft treten des Jugendmedien schutz - staatsvertrags zum 1. 4. 2003 wird zwischen „Online“ und „Offline“ Medien unter schieden. Der Jugendmedien schutz kennt drei An gebots formen im Bereich der Spiele82: – Unveränder bare Spiele auf Träger medien, sowie un veränder bare Spiele, die nur über den Ver triebs weg Internet ver teilt werden (derzeit erfasst vom Jugendschutz gesetz). – Veränder bare Spiele, die durch zusätz liche Programm teile ver ändert und ergänzt, häufig ver schärft werden. Gekauft wird die frei handel bare, harm- lose Ver sion auf Träger medien, auf gerüstet wird via Internet oder andere Quellen. Unklar ist, ob solche Spiele nach dem Jugendschutz gesetz oder dem Jugendmedien schutz staats vertrag zu be urteilen sind. Hier stellen sich die gleichen Fragen, wie bei dem Problem, ob hybride Spiele den Telemedien zuzu ordnen sind.83 – Spiele, die online ge spielt werden (derzeit erfasst vom Jugendmedien schutz- staats vertrag). Problematisch wird diese unter schied liche Zuord nung, wenn gleiche Inhalte, d. h. gleiche Spiele über ver schiedene Distribu tions wege (online/offline) ver- 82 Vgl. Potthast, Regulie rung und Computerspiele, in: Umstritten und Umworben: Computerspiele – eine Heraus forde rung für die Gesell schaft S. 89, 94. 83 Vgl. oben II.3.3.1.1.2. 100 breitet werden, oder aber, wenn ein ursprüng lich auf einem Träger medium ver triebenes Spiel auch in einer Spielvariante über eine Online-Verbin dung ge nutzt werden kann und hierüber evtl. zusätz liche Inhalte „nach geladen“ wer- den. II.5.2 Jugendmedien schutz staats vertrag Der JMStV gilt für elektroni sche Informa tions- und Kommunika tions medien (Rundfunk und Telemedien) und ist damit recht liche Grundlage für den Jugend- schutz in Online-Spielen, soweit sie unter den Begriff der Telemedien fallen. Seine Regelun gen gelten auch für Downloadmöglich keiten und Trailer von Computerspielen.84 Für die Einhal tung der Bestim mungen ist die Kommission für Jugendmedien schutz (KJM) als Organ der Landes medien anstalten ver ant- wort lich. Werbung in Online-Spielen unter liegt zunächst einmal den gleichen inhalt- lichen Anforde rungen des Jugendschutzes wie das Spiel selbst. Dies be deutet, dass die Werbung kein unzu lässiges An gebot im Sinne des § 4 und kein ent- wick lungs beeinträchtigendes An gebot im Sinne des § 5 darstellen darf. Dies dürfte jedoch von geringerer prakti scher Relevanz sein. § 6 JMStV stellt ver schiedene Regeln für den Jugendschutz in Werbung und Teles hopping auf und ent hält Bestim mungen, die den Schutz von Kindern und Jugend lichen vor körper lichen und seelischen Beeinträchti gungen im Zusam- men hang mit den von Werbebot schaften aus gehenden Reizen be zwecken, bzw. die Ausnut zung der Unerfahren heit ver hindern sollen. Werbung für indizierte An gebote ist nur unter den Bedin gungen zulässig, die auch für die Ver brei tung des An gebots selbst gelten. Indizierte An gebote sind solche, die von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien in die Liste der jugendgefährdenden Medien auf genommen werden. Es handelt sich insofern um unzu lässige An gebote i. S. von § 4 Abs. 2 S. 1 Nr. 2 JMStV, sodass Werbung in Telemedien hierfür nur außerhalb des Zugangs bereichs von Kindern und Jugend lichen er folgen darf. Dies könnte z. B. relevant werden, wenn Werbung für einen Film auf einer virtuellen Werbefläche ge zeigt wird (vgl. Video im Spiel Anarchie Online). Dies dürfe dann nur in Spielen er folgen, die nicht für Kinder und Jugend liche freigegeben sind, bzw. mit einer ent- sprechenden techni schen Zugangs sperre ver sehen sind. Ein aus drück liches Verbot wird auch für die Werbung für alkoholi sche Getränke aus gesprochen, die sich weder an Kinder oder Jugend liche richten darf, noch durch die Art der Darstel lung Kinder und Jugend liche be sonders 84 Weigand/Braml, Jugendmedien schutz – eine recht liche und inhalt liche Bestands aufnahme, in: Umstritten und Umworben: Computerspiele – eine Heraus forde rung für die Gesell schaft S. 11, 15. 101 an sprechen oder diese beim Alkoholgenuss darstellen darf. Dies würde be- deuten, dass in Spielen, die sich vor allem an Kinder und Jugend liche richten, die Werbung für oder die Platzie rung von alkoholi schen Produkten zu Werbe- zwecken nicht erlaubt wäre. Als Ordnungs widrig keit waren bisher auch ledig lich Ver stöße gegen die Bestim mungen des Ab satzes 1 (indizierte An gebote und Liste der jugend- gefährdenden Medien) geregelt. Mit dem Vierzehnten Rundfunkände rungs- staats vertrag, der zum 1. 1. 2011 in Kraft treten sollte, sollten auch Ver stöße gegen die Werbe verbote der Absätze 2 bis 6 als Ordnungs widrig keit ein gestuft werden. Nachdem der nordrhein-west fälische Landtag diesen Staats vertrag ab gelehnt hat, ist er endgültig gescheitert. Es bleibt abzu warten, ob sich die Länder nach diesem Scheitern auf eine grundlegende Revision des Jugend- medien schutz staats vertrages ver ständigen können. II.5.3 Jugendschutz gesetz Die Werbung innerhalb von Offline-Spielen durch läuft als Teil des Spiels das gleiche Kennzeich nungs verfahren wie das Spiel selbst und muss sich daher an §§ 12 ff. JuSchG messen lassen. Darüber hinaus trifft das Jugendschutz gesetz keine spezifi schen Regelun gen zur Werbung. II.5.4 Zusammen fassung Die spezifi schen Jugendmedien schutz gesetze ent halten keine Regelun gen, die darauf ab zielen, Kinder- und Jugend liche generell vor Werbung zu schützen. Die Regelun gen des JMStV be ziehen sich ledig lich darauf, Kinder und Jugend- liche vor be stimmten Inhalten in der Werbung zu be wahren. Auch der RStV ent hält – anders als für Rundfunk – keine Vor schriften, die Werbung in Tele- medien für Kinder einschränken oder unter sagen. Spielt ein Kind jedoch ein Online-Spiel, ist durch aus eine ver gleich bare Unter hal tungs situa tion ge geben wie beim Betrachten einer Sendung für Kinder im Fernsehen, beispiels weise eines Zeichen trick films. Wenn das Kind über seine Spielfigur mit be stimmten Produkten agiert, dürfte die be einflussende Wirkung sogar vermut lich ungleich höher sein, als wenn es das Geschehen nur passiv ver folgt. Eine weitere Gefahr von Werbung in Telemedien, die auch oder über wiegend von Kindern ge nutzt werden, bzw. sich an Kinder und Jugend liche richten, ist auch insbesondere darin zu sehen, dass diese über Verlin kungen auf kommerzielle Seiten ge langen und häufig nicht unter scheiden können, ob es sich um kosten lose oder kosten- pflichtige Downloads handelt. Gratis-Spielportale im Internet werden im Fern- sehen und auf zahl reichen Webseiten be worben. Dabei werden auch ge zielt 102 Kinder und Jugend liche an gesprochen. Kosten lose Spiele-Downloads führen häufig zu kost spieligen Zusatz diensten oder stehen in unmittel barer Nachbar- schaft zu „kosten losen Pokerschulen“, die möglicher weise zu illegalem Glücks- spiel ver leiten. Der Bundes verband der Ver braucherzentralen (vzbv) hat im März 2010 die Betreiber von Kinderwebseiten auf gefordert, ihre An gebote grundsätz lich werbefrei zu ge stalten. Kinder seien oftmals noch nicht in der Lage, zwischen Inhalt und ein gebundener Werbung zu unter scheiden.85 Es bleibt aber fest- zuhalten, dass das geltende Recht weder im JMStV noch im RStV diesem Anliegen Rechnung trägt. 85 Vgl. epd medien 24–25/2010, S. 11. 103 II.6 Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) Ver stöße gegen die medien recht lichen Werberege lungen können gleichzeitig auch einen Ver stoß gegen die wettbewerbs recht lichen Vor schriften des UWG86 be deuten. Darüber hinaus stellen aber die wettbewerbs recht lichen Bestim mun- gen zusätz liche Regeln auf und er fassen auch Medien, auf die der Rund funk- staats vertrag oder das Telemedien gesetz nicht anwend bar sind. Das UWG schützt das Interesse der Allgemein heit an einem un verfälschten Wettbewerb und soll insbesondere Mitbewerber, aber auch die Ver braucher vor unlauteren geschäft lichen Handlun gen be wahren. Es gilt grundsätz lich für Handlun gen im Geschäfts verkehr unabhängig davon, in welchem Rahmen sie ge tätigt werden. Im Hinblick auf In-Game-Werbung ist eine Unter schei dung, ob es sich um Online- oder Offline-Spiele handelt oder um eine Misch form (sog. Hybridmedien) insofern nicht von Bedeu tung. Die Vor schriften des UWG finden daher insbesondere auch für Offline-Spiele Anwen dung, für die mangels Übertra gung über ein elektroni sches Kommunika tions netz weder die Vor schrif- ten des Rundfunkstaats vertrages noch die des Telemedien gesetzes eröffnet sind. II.6.1 Die General klausel des § 3 Abs. 1 UWG Die General klausel des UWG wurde im Zuge der Umset zung der UGP-Richt- linie87 grundlegend um gestaltet. Grundsätz lich sind nach § 3 Abs. 1 UWG unlautere geschäft liche Handlun gen unzu lässig, wenn sie ge eignet sind, die Interessen von Mitbewerbern, Ver brauchern oder sonstigen Markt teilnehmern 86 Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb in der Fassung vom 3. 7. 2004 (BGBl I 1414) zuletzt geändert durch Gesetz vom 29. 7. 2009 (BGBl I 2413). 87 Richtlinie 2005/29/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 11. 5. 2005 über unlautere Ge- schäfts praktiken im binnen marktinternen Geschäfts verkehr zwischen Unter nehmen und Ver brauchern und zur Änderung der Richtlinie 84/450/EWG des Rates, der Richtlinien 97/7/ EG, 98/27/ EG und 2002/65/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates sowie der Verord nung (EG) Nr. 2006/2004 des Europäi schen Parlaments und des Rates (Richtlinie über unlautere Geschäfts praktiken) ABl. EU L 149/22 vom 11. 6. 2005. 104 spür bar zu be einträchtigen. Eine unlautere geschäft liche Handlung ist insbeson- dere dann ge geben, wenn eines der Regel beispiele der §§ 4 ff. UWG vor liegt. Die im Anhang zu § 3 auf gelis teten Handlun gen sind un geachtet einer – sonst er forder lichen – spür baren Beeinträchti gung immer unzu lässig. Die Anwen dung des § 3 UWG setzt eine geschäft liche Handlung gegen über einem Ver braucher voraus. Der Begriff der geschäft lichen Handlung ist im Wege der richtlinien konformen Ausle gung weit auszu legen.88 Er umfasst ebenso wie der Begriff der Geschäfts praktiken auch die „kommerzielle Mittei lung“.89 Dieser Begriff ent spricht wiederum dem der „kommerziellen Kommunika- tion“90, die als Oberbegriff u. a. sowohl klassi sche Werbung als auch das Spon- soring und die Produkt platzie rung miteinschließt. Alle kommerziellen Werbe- maßnahmen, einschließ lich des ge zielten Einfügens von Produkten, Marken oder Logos in einen anderen Kontext zu Werbezwecken, der Auf merksam- keits werbung und des Sponsoring dienen der unmittel baren oder mittel baren Förde rung des Ab satzes von Waren oder Dienst leis tungen des eigenen oder eines fremden Unter nehmens und stellen damit geschäft liche Handlun gen da. Diese erfolgt bei In-Game-Werbung auch gegen über einem Ver braucher. Unlauter handelt insbesondere, wer den Werbecharakter von geschäft lichen Handlun gen ver schleiert. Das Regel beispiel des § 4 Nr. 3 UWG ent hält damit ein Verbot ge tarnter Werbung, das aus dem Wahr heits grundsatz im Lauter- keits recht ab geleitet wird.91 Der § 4 Nr. 3 UWG zielt – mit unter schied licher Formulie rung – damit auch auf ver gleich bare Fälle wie die spezielleren Vor schriften der § 58 RStV und § 6 TMG. Die wettbewerbs recht lichen Regelun gen stehen jedoch grundsätz lich selbst ständig neben den medien recht lichen oder anderen spezielleren Normen. Ein Ver stoß gegen ent sprechende medien recht liche Vor schriften ist zwar ein Indiz für einen Ver stoß gegen eine ver gleich bare Regelung im Wettbewerbs- recht, schließt diesen jedoch nicht zwingend ein bzw. im gegen sätz lichen Fall nicht zwingend aus, da sowohl die Ziele als auch die Adressaten der unter- schied lichen Rege lungs werke nicht identisch sind. Auch die Gesetz gebungs- kompetenz liegt nicht in der gleichen Hand. Während das Rundfunkrecht der Gesetz gebungs kompetenz der Länder unter fällt (Art. 70, 30 GG)92, unter liegt das Wettbewerbs recht als Teil des Wirtschafts rechts einer konkurrierenden Gesetz gebungs kompetenz. Die Länder haben nach Art. 72 Abs. 1 GG die Rege- lungs befugnis nur, solange und soweit der Bund von seiner Gesetz gebungs- zuständig keit keinen Gebrauch ge macht hat. Dies hat der Bund mit dem UWG jedoch getan (Art. 72 Abs. 2 i. V. m. Art. 74 Abs. 1 Nr. 11 GG). Müssten die 88 Dazu oben. 89 Art. 2 lit. d UGP-Richtlinie. 90 Art. 2 f e-commerce-Richtlinie und Art. 1 Abs. 1 lit. h AVMD-Richtlinie. 91 Köhler/Bornkamm, UWG § 4 Rn. 3.1; Piper/Ohly/Sosnitza UWG, § 4 Rn. 3/2. 92 Zur Rundfunk kompetenz der Länder bereits ausführ lich BVerfGE 12, 205 ff. – Erstes Rundfunkurteil. 105 Normen des Bundes gesetz gebers nun zwingend im Lichte der Normen des Landes gesetz gebers aus gelegt werden, würde die Gesetz gebungs kompetenz des Bundes damit unter wandert. Mit dem Dreizehnten Rundfunkände rungs staats vertrag wurden die Werbe- rege lungen über arbeitet, insbesondere die Produkt platzie rung neu definiert und damit auch die Abgren zung zur Schleichwer bung neu be stimmt. Nur die ge- kennzeichnete Produkt platzie rung wird über haupt als Produkt platzie rung im Sinne des Rundfunkstaats vertrages an gesehen. Damit geht der deutsche Gesetz- geber über die Defini tion des europäi schen Gesetz gebers in der AVMD-Richt- linie hinaus, der eine solche Kennzeich nung zwar für eine zulässige Produkt- platzie rung vor schreibt, aber nicht als Tatbestands merkmal voraus setzt. Die unter schied lichen Begrifflich keiten dienen nicht un bedingt dazu, eine einheit liche Rechts anwen dung zu fördern. Während der RStV weiter hin von Werbung spricht und das Sponsoring, das Teles hopping und die Produkt platzie- rung nun sozu sagen als eigenständige Formen daneben stellt, ver wenden die AVMD-Richtlinie, die E-commerce-Richtlinie und das Telemedien gesetz den Begriff der kommerziellen Kommunika tion, der als Oberbegriff für alle diese Erschei nungs formen dient. Das UWG hingegen spricht schlicht von „geschäft- lichen Handlun gen“, im Fall des § 4 Nr. 3 UWG von „geschäft lichen Handlun- gen mit Werbecharakter“, die Richtlinie über unlautere Geschäfts praktiken von „Geschäfts praktiken“.93 In dieser Reihen folge lässt sich auch eine Erweite- rung der Begriffe er kennen. Während der RStV für den Bereich des Rundfunks sehr konkrete Regelun gen in Bezug auf Erschei nungs formen mit kommerziel- lem werb lichen Hinter grund trifft, sind die Vor schriften der anderen Rege- lungs werke, kongruent zu den weiteren Begrifflich keiten, zunehmend offener und weniger detailliert. Aus diesem Grund scheint es aber auch weder gesetz lich er forder lich noch zwingend ge boten, die genauen Begrifflich keiten des RStV auch im Rahmen einer wettbewerbs recht lichen Prüfung zugrunde zu legen. Der Gesetz geber hat im Medien bereich das Modell einer ab gestuften Regulie rung ge wählt. Dies hat zur Folge, dass der Rundfunk stärker reguliert wurde als andere Medien. Auch innerhalb des RStV wird dieses Modell ver wirk licht. So wird der klassi sche Rundfunk, also Rundfunk im einfachgesetz lichen Sinne, strenger reguliert als die Telemedien. Selbst innerhalb des einfachgesetz lichen Rundfunks finden sich Regulie rungs unterschiede, was etwa die Sonder rege lungen für Tele shopping- kanäle in § 1 Abs. 3 RStV und für Internethörfunk in § 20 b RStV ver deut lichen. Bei den Telemedien wird zwischen fernsehähn lichen Telemedien (§ 58 Abs. 3 93 Art. 2 UGP-Richtlinie: Im Sinne dieser Richtlinie be zeichnet der Aus druck d) Geschäfts praktiken im Geschäfts verkehr zwischen Unter nehmen und Ver brauchern (nach stehend auch „Geschäfts praktiken“ ge- nannt) jede Handlung, Unterlas sung, Ver haltens weise oder Erklä rung, kommerzielle Mittei lung einschließ- lich Werbung und Marketing eines Gewerbetreibenden, die unmittel bar mit der Absatz förde rung, dem Ver kauf oder der Liefe rung eines Produkts an Ver braucher zusammen hängt. 106 RStV) und sonstigen Telemedien (§ 58 Abs. 1 RStV) differenziert. Dies ist auf die unter schied liche Bedeu tung der jeweiligen An gebote für die Meinungs- bildung zurück zuführen, die das Bundes verfassungs gericht mit den Merkmalen der Aktualität, Breiten wirkung und Suggestivkraft be schreibt. Nach diesen Merkmalen hat der klassi sche Rundfunk und innerhalb des klassi schen Rund- funks das Fernsehen (Macht der be wegten Bilder) die größte Bedeu tung für die öffent liche Meinungs bildung. Allerdings könnte es unter Umständen zu un befriedigenden Ergeb nissen führen, wenn die gleiche Handlung nach Rundfunkrecht zulässig und nach Wettbewerbs recht als unzu lässig be wertet würde. Es ist daher im Einzelfall zu ent scheiden, bei welchen Sach verhalten auf die Begriffs bestim mungen des RStV ab gestellt werden sollte. Dies ist tendenziell bei rundfunk bezogenen Sach verhalten zu er warten. Bei allen anderen Sach verhalten, insbesondere im Hinblick auf Medien, die nicht den Regelun gen des RStV unter fallen, kann die Beurtei lung im Hinblick auf die wettbewerbs recht liche Ausrich tung der Vor schriften durch aus anders aus fallen. Die Vor schriften des UWG stehen damit selbst ständig neben den Normen des RStV und TMG. Diese spezielleren Vor schriften finden im UWG insofern Berücksichti gung, als ein Ver stoß dagegen zugleich einen Rechts bruch im Sinne des § 4 Nr. 11 UWG darstellt, wonach auch unlauter handelt, wer gegen eine gesetz liche Vor schrift ver stößt, die dazu be stimmt ist, im Interesse der Markt teilnehmer das Markt verhalten zu regeln.94 Hierunter fallen grundsätz lich Ver stöße gegen die diesbezüg lichen spezielleren Normen des RStV, der Pressegesetze und des TMG. Im Wege richtlinien konformer Ausle gung ist der Begriff des Werbecharak- ters am Maßstab des Art. 7 Abs. 2 UPG-Richtlinie („oder wenn er den kommer- ziellen Zweck der Geschäfts praxis nicht kennt lich macht“) weit, nämlich im Sinne des geschäft lichen Charakters der geschäft lichen Handlung zu fassen.95 Bei Computer- oder Videospielen sind im Wesent lichen zwei Erschei nungs- formen zu be obachten. Zum einen finden sich Werbebot schaften auf herkömm- lichen Werbeflächen (z. B. virtuelle Litfaßsäule, Banden werbung), zum anderen werden Produkte, Marken oder Logos in das Spielgeschehen integriert (hierzu bereits oben). Geschieht dies gegen Bezah lung, ent spricht es dem Prinzip einer Produkt platzie rung.96 Beide Maßnahmen dienen unzweifel haft zumindest mittel- 94 Köhler/Bornkamm, UWG, § 4 Rn. 3.7. 95 Köhler/Bornkamm, UWG, § 4 Rn. 3.10. 96 Die Produkt platzie rung ist sowohl in der AVMD-Richtlinie als auch im Rundfunkstaats vertrag definiert. Nach der Legaldefini tion des 13. RÄStV wird nur die gekennzeichnete Erwäh nung oder Darstel lung von Waren, Dienst leis tungen, Namen, Marken, Tätig keiten eines Herstellers von Waren oder eines Erbringers von Dienst leis tungen in Sendun gen gegen Ent gelt oder eine ähnliche Gegen leis tung mit dem Ziel der Absatz förde rung umfasst. Das Wettbewerbs recht stellt auf die Erkenn bar keit ab. Ausführ lich zum Begriff der Produkt platzie rung Holzgraefe, Werbeintegra tion in Fernsehsen dungen und Videospielen, 2010; Mallick, Product-Placement in Massen medien, 2009; Puff, Product Placement, 2008. 107 bar der Werbung für das ent sprechende Produkt oder Unter nehmen, wenn Geld dafür bezahlt wurde. Eine Ver schleie rung des Werbecharakters liegt vor, wenn das äußere Er- schei nungs bild der geschäft lichen Handlung so ge staltet wird, dass die Ver- braucher (oder sonstigen Markt teilnehmer) den Werbecharakter/den geschäft- lichen Charakter nicht klar und eindeutig er kennen. Hierbei wird auf die Sicht weise eines in dieser Situa tion durch schnitt lich informierten, auf merksamen und ver ständigen Ver brauchers ab gestellt.97 Das Phänomen der Ver schleie rung des Werbecharakters wird im Medien- recht mit dem Begriff der Schleichwer bung be zeichnet. Der Begriff der Schleich- wer bung ist sowohl im RStV als auch in der AVMD-Richtlinie legal definiert. Mit dem Dreizehnten Rundfunkände rungs staats vertrag wurde die Defini tion allerdings neu ge fasst. Während die alte Defini tion schlicht darauf ab stellte, ob die Erwäh nung oder Darstel lung irreführen kann, lautet die neue Fassung „wenn sie mangels Kennzeich nung irreführen kann“. Die unzu lässige Schleich- wer bung wird damit von einer zulässigen Produkt platzie rung durch deren Kenn- zeich nung als Produkt platzie rung ab gegrenzt. Im § 4 Nr. 3 UWG kommt es dagegen auf die Erkenn bar keit des werb lichen Hinter grundes der Maßnahmen an. Diese kann auch ge geben sein, wenn eine Produkt platzie rung (im weiteren Sinne) nicht ge kennzeichnet wird. Fügt man beispiels weise in ein Szenario ein an dieser Stelle völlig unpassendes Produkt ein (z. B. eine Cola-Dose oder ein McDonalds Restaurant in eine mittelalter- liche Geschichte), ist für jeden durch schnitt lich informierten und ver ständigen Ver braucher erkenn bar, dass dies nicht der Gestal tung eines realisti schen Um- feldes dient und nicht aus dramaturgi schen Gründen ge boten ist. Eine Kenn- zeich nung, dass es sich um eine be zahlte Werbung handelt, ist hier eigent lich ent behr lich, da die Werbeabsicht offensicht lich ist. Das UWG ist wie bereits erörtert auch auf andere Medien anwend bar. Wenn sich ein Spiel z. B. auf einer CD-Rom/DVD be findet, so handelt es sich um ein Druck werk im Sinne der Landespressegesetze. Onlinespiele sind als Tele- medien einzu stufen. Bei den Misch formen wird das ge kaufte Spiel installiert und an schließend online ge spielt. An gesichts dieses weiten Anwen dungs berei- ches er scheint es nicht sachgerecht, die Begrifflich keiten des am strengsten reglementierten Mediums auf alle anderen zu über tragen.98 Es ist daher allein auf die tatsäch liche Erkenn bar keit abzu stellen, da eine Ver schleie rung faktisch nur bei tatsäch lich mangelnder Erkenn bar keit ge geben ist. Spielen bzw. generell Telemedien oder Träger medien werden vom Gesetz- geber nicht die gleiche Bedeu tung für die Meinungs bildung zu gemessen wie 97 Köhler/Bornkamm, UWG, § 4 Rn. 3.11. 98 Im Ergebnis so auch Kreile in: Dörr/Kreile/Cole, Handbuch Medien recht, 2. Auflage S. 421. 108 dem Rundfunk. Aus diesem Grunde ist es sachgerecht, wenn auch an die kommerzielle Durch drin gung bzw. Beeinflus sung dieser Medien geringere Anforde rungen ge stellt werden.99 Es besteht kein grundsätz liches Verbot für kommerzielle Kommunika tion in Spielen, weder in Online- noch in Offline- Spielen.100 Im Hinblick auf In-Game-Werbung wäre der Werbecharakter ver schleiert, wenn ein durch schnitt licher Spieler nicht er kennen kann, dass eine be stimmte Gestal tung eines Spiels so vor genommen wurde, weil dafür von einem Unter- nehmen, das sich durch diese Gestal tung einen positiven werbenden Effekt für seine Produkte oder sein Unter nehmen erhofft, Geld bezahlt wurde und nicht, weil der Ent wickler dies aus ge stalteri schen/dramaturgi schen Gründen so ent- worfen hat. Die Sicht weise eines durch schnitt lich informierten, auf merksamen und ver ständigen Ver brauchers richtet sich in diesem Fall auch maß geblich danach, auf welche Zielgruppe das einzelne Spiel zu geschnitten ist, bzw. von welcher Zielgruppe es in der Regel ge nutzt wird. Zur Beurtei lung der Anforde rungen, die an die Erkenn bar keit von kommer- ziellen Kommunika tionen in Spielen zu stellen sind, kann die Rechtsprechung zur Werbung in Kinofilmen heran gezogen werden. In der Ent schei dung „Feuer, Eis & Dynamit I“ hat der BGH zur Werbung in Kinospielfilmen Stellung ge- nommen und fest gestellt, dass Werbung dem Adressaten grundsätz lich als solche kennt lich zu machen ist. Die (auf Täuschung an gelegte) Tarnung einer Werbemaßnahme werde weder dem das Wettbewerbs recht be herrschenden Wahr heits grundsatz noch dem Gebot der Achtung der Persönlich keits sphäre gerecht. Diese werde durch Beeinflus sung des Adressaten in unzu lässiger Weise an getastet, wenn der Umworbene nicht erkennt, dass es sich um eine Werbe- maßnahme handelt, und er seine Ent schei dung nicht bewusst auf der Grundlage dieser Kenntnis treffen kann.101 Diese Beurtei lung beruht auf der Erwägung, dass man im Allgemeinen der Informa tion eines am Wettbewerb selbst nicht unmittel bar be teiligten Dritten regelmäßig größere Bedeu tung und Beach tung beimisst, als ent sprechenden ohne Weiteres als Werbung erkenn baren Angaben des Werbenden selbst. Dieser Gedanke liege zwar auch dem Tren nungs gebot des Presse- und Rundfunkrechts zugrunde, er gelte jedoch auch allgemein für alle Fall gestal tungen bei denen Werbung als Äußerung eines schein bar objektiven Dritten dargestellt und damit ge tarnt wird. Der BGH ver weist insoweit unter anderem auch auf die Inter- nationalen Ver haltens regeln für die Werbepraxis der Internationalen Handels- 99 So auch BGH, Urteil vom 6. 7. 1995, NJW 1995, 3177, 3180. 100 So auch Mallick, S. 216. 101 BGH, Urteil vom 6. 7. 1995, NJW 1995, 3177, 3179. 109 kammer, nach denen Marketingkommunika tion als solche erkenn bar sein muss, unabhängig von ihrer Form oder ge nutztem Medium.102 An die Werbung in Spielfilmen müssten jedoch weniger strenge Maßstäbe an gelegt werden als an ver deckte Werbe aussagen in redak tionellen Beiträgen in Presse und Rundfunk. Den primär auf Informa tion und Meinungs bildung aus gerich teten Medien wie Presse und Rundfunk werde regelmäßig ein höherer Grad an Objektivität bei gemessen als privaten Spielfilmen. Spielfilmen könne keine generelle Werbefrei heit unter stellt werden, da der Zuschauer bei diesen in der Regel keine objektive Informa tion erwarte, sondern reine Unterhal tung. Das Publikum rechne damit, dass ihm in Spielfilmen in nicht be sonders heraus- gestellter Form Requisiten be gegnen, die dem Hersteller von einem Unter- nehmen für die sinn volle Integrie rung in die Spielhand lung gratis zur Ver- fügung ge stellt worden sind. Die Grenze sei jedoch über schritten, wenn darüber hinaus Zahlun gen oder andere Leistun gen von einigem Gewicht er bracht wür- den, damit das Unter nehmen oder seine Erzeugnisse in Erschei nung treten. Dies erwarte das Publikum regelmäßig nicht und könne insofern Aufklä rung ver langen.103 Das VG Berlin hat einen ent sprechenden Hinweis „Der nach- folgende Film ent hält Marken einbin dungen“ für den Film „Feuer Eis und Dynamit“ für aus reichend erachtet. Ab schließend kann fest gehalten werden, dass der Nutzer eines Spiels darauf hin gewiesen werden muss, wenn das Spiel be zahlte kommerzielle Kommunika- tion ent hält, um eine Erkenn bar keit zu gewährleisten. Die Anforde rungen an eine solche Kennzeich nung sind jedoch nicht so hoch anzu setzen wie für die Medien, von denen man eine höhere Objektivität er wartet. Es kann daher als aus reichend erachtet werden, wenn der Nutzer zu Beginn des Spiels darauf hin gewiesen wird, dass das Spiel be zahlte werb liche Inhalte auf Werbeflächen oder nicht im Einzelnen ge kennzeichnete Produkt platzie rungen ent hält. Unzulässig ist die Ver schleie rung des Werbecharakters einer geschäft lichen Handlung nur dann, wenn die Handlung ge eignet ist, die Interessen der Mit- bewerber, Ver braucher oder sonstigen Markt teilnehmer spür bar zu be ein träch- tigen. Dies ist immer der Fall, wenn der Ver braucher zu einem Ver tragsabschluss ver anlasst wird. Es reicht jedoch auch aus, wenn die Nicht kenntlichmachung des kommerziellen Charakters der Geschäfts praxis ge eignet ist, einen Durch- 102 Heute: Praxis der Werbe- und Marketingkommunika tion, Konsolidierter Kodex der ICC, Art. 9: Identifizier- bar keit: Marketingkommunika tion muss als solche klar erkenn bar sein, unabhängig von Form oder ge- nutztem Medium. Erscheint eine Werbemaßnahme in einem Medium, das Nachrichten und Redak tionelles beinhaltet, muss die Werbemaßnahme klar als solche erkenn bar und die Identität des Werbetreibenden ersicht lich sein (siehe auch Artikel 10). Marketingkommunika tion darf ihren eigent lichen Zweck nicht falsch oder ungenau darstellen. Sie darf beispiels weise nicht als Markt forschung oder Ver braucher befra- gung präsentiert werden, wenn die Zielset zung kommerziell ist, d. h. es um den Ver kauf eines Produktes geht. 103 BGH, Urteil vom 6. 7. 1995, NJW 1995, 3177, 3180. 110 schnitts verbraucher zu einer geschäft lichen Ent schei dung zu ver anlassen, die er sonst nicht ge troffen hätte.104 Zu be rücksichtigen ist hierbei, dass die ver schleierte Werbebot schaft bzw. die ver deckte Produkt platzie rung in Spielen im Gegen satz zu solchen in Spiel- filmen in der Regel mehrfach wahrgenommen wird und damit einen stärkeren Eindruck hinter lässt. Hinzu kommt, dass die Ver brei tung vieler Spiele mittler- weile sehr hoch ist. Eine Spürbar keit ist daher in der Regel anzu nehmen, muss jedoch letzt lich im Einzelfall be urteilt werden. II.6.2 Per-se-Verbote des Anhangs zu § 3 Abs. 3 UWG – Nr. 11 Die Richtlinie über unlautere Geschäfts praktiken (UGP-RL)105 ent hält als An- hang I eine Liste von Geschäfts praktiken, die gemäß Art. 5 Abs. 5 der Richtlinie unter allen Umständen als unlauter anzu sehen sind (sog. Black List). Diese Liste gilt einheit lich in allen Mitgliedstaaten.106 Zur Umset zung dieser Vor- schriften in das deutsche Recht wurde im Rahmen der Novelle des UWG von 2008 dem § 3 ein Anhang mit einer Liste von geschäft lichen Handlun gen hinzu gefügt, die ohne Rücksicht auf die nach der lauter keits recht lichen General- klausel sonst maß gebliche Erheblich keits schwelle stets unzu lässig sind, wenn sie Ver brauchern gegen über vor genommen werden (Ver bote ohne Wertungs- vorbehalte).107 Auf die spür bare Beeinträchti gung von Ver braucherinteressen kommt es dann nicht an. Eine unzu lässige geschäft liche Handlung im Sinne des § 3 Abs. 3, Anhang Nr. 11 ist der vom Unter nehmer finanzierte Einsatz redak tioneller Inhalte zu Zwecken der Ver kaufs förde rung, ohne dass sich dieser Zusammen hang aus dem Inhalt oder aus der Art der optischen oder akusti schen Darstel lung ein- deutig ergibt (als Informa tion ge tarnte Werbung). Diese Regelung setzt Nr. 11 des Anhangs I der UGP-Richtlinie108 in deutsches Recht um. 104 Köhler/Bornkamm, UWG, § 4 Rn. 3.12, vgl. Art. 7 Abs. 2 UGP-Richtlinie. 105 Richtlinie 2005/29/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates über unlautere Geschäfts praktiken vom 11. 5. 2005 über unlautere Geschäfts praktiken im binnen marktinternen Geschäfts verkehr zwischen Unter nehmen und Ver brauchern und zur Änderung der Richtlinie 84/450/EWG des Rates, der Richt- linien 97/7/ EG, 98/27/ EG und 2002/65/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates sowie der Verord- nung (EG) Nr. 2006/2004 des Europäi schen Parlaments und des Rates (Richtlinie über unlautere Geschäfts- praktiken) ABl. EU L 149/22 vom 11. 6. 2005. 106 Piper/Ohly/Sosnitza, Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, Kommentar, 5. Auflage 2010, Anhang zu § 3 Abs. 3, Rn. 1. 107 Piper/Ohly/Sosnitza, Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, Kommentar, 5. Auflage 2010, § 3 Rn. 86. 108 Der Text von Nr. 11 des Anhangs I der UGP-Richlinie wurde nicht wört lich über nommen und lautet: „Es werden redaktionelle Inhalte in Medien zu Zwecken der Ver kaufs förde rung ein gesetzt und der Gewerbe- treibende hat diese Ver kaufs förde rung bezahlt, ohne dass dies aus dem Inhalt oder aus für den Ver braucher klar erkenn baren Bildern und Tönen eindeutig hervor gehen würde (als Informa tion ge tarnte Werbung). Die Richtlinie 89/552/EWG (1) bleibt davon un berührt.“ 111 Die Regelung ent spricht dem presserecht lichen Gebot der Trennung von Werbung und redak tionellem Teil. Sie gilt nicht nur für Printmedien, sondern auch für alle elektroni schen Medien, insbesondere Hörfunk, Fernsehen und Telemedien und auch für redaktionelle Beiträge im Internet. Erfasst werden soll auch „product placement“, wenn für die Einbeziehung der Ware oder Dienst leis tung in einen redak tionellen Kontext ein Ent gelt ge fordert wird und dem Erkennbar keits gebot nicht genügt wird. Die Regelung ent spricht den Grundsätzen, welche die Rechtsprechung zu ge tarnter Werbung und „product placement“ ent wickelt hat.109 Die Norm wäre grundsätz lich als die speziellere und als Verbot ohne Wer- tungs vorbehalt von dem § 4 Nr. 3 UWG zu prüfen. Fraglich ist jedoch, ob sie auf Spiele Anwen dung findet. Redaktionelle Inhalte setzen ein Medium zur Ver brei tung von Informa tion voraus.110 Zu den Medien ge hören neben den Printmedien auch die elektroni- schen Medien wie Hörfunk, Fernsehen, Film, Telemedien und Internet, soweit sie einen redak tionellen Teil auf weisen, also eine Berichterstat tung und Aus- einander setzung über Themen von allgemeinem Interesse durch eine unab- hängige und neutrale Redak tion als Beitrag zur Unter rich tung und Meinungs- bildung ent halten. Bei Spielen handelt es sich ent weder um Telemedien, wenn sie im Internet ge spielt werden (Online-Spiele) oder um Träger medien (Offline- Spiele). Spiele sind unter diese Norm allerdings nicht zu fassen. Zwar wird der Begriff des redak tionellen Inhalts sehr unter schied lich aus gelegt. Ob ein redak- tioneller Inhalt das Vor handensein einer ent sprechenden Redak tion voraus setzt, die Informa tionen in einer zur Ver öffent lichung ge eigneten Form auf bereitet, um mit dem eigenen Bericht zur Unter rich tung und/oder Meinungs bildung beizu tragen111, sei dahin gestellt. Der Begriff der Informa tion ist aber eher eng zu interpretieren. Es geht um Schleichwer bung, die im Rahmen eines sach- lichen Berichts über Tatsachen und Ereignisse er scheint, dem wegen dieses objektiven Erschei nungs bilds leicht Glauben geschenkt wird. Ab zugrenzen hiervon sind rein unter haltende redaktionelle Inhalte. Beruhen derartige Inhalte auf einer Schleichwer bung, ist dies anhand von § 4 Nr. 3 zu be werten; diese „als Informa tion ge tarnte Werbung“ i. S. v. Nr. 11 einzu stufen, würde zu weit gehen.112 Gerade im Hinblick darauf, dass die Ver schleie rung von werb lichen Inhalten auch noch für alle Medien in § 4 Nr. 3 erfasst wird, ist die Vor schrift der Nr. 11 des Anhangs zu § 3 auch im Hinblick auf die diesbezüg lichen Ein- schrän kungen in der AVMD-Richtlinie und den Rundfunkstaats vertrag eng 109 So die Begrün dung zum RegE UWG 2009, BT-Drucks. 16/10145, S. 32. 110 Köhler/Bornkamm Anh. zu § 3 III Rn. 11.2. 111 So Frank in: Harte-Bavendamm/Henning-Bodewig, Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, 2. Auflage 2009, Anhang 3 zu § 3 Abs. 3 Rn. 19. 112 Frank in: Harte-Bavendamm/Henning-Bodewig, Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, 2. Auflage 2009, Anhang 3 zu § 3 Abs. 3 Rn. 19. 112 auszu legen und auf die klassi schen redak tionellen Inhalte zu reduzieren. Eine Anwen dung auf Spiele ist daher abzu lehnen. II.6.3 Unzumut bare Belästi gung nach § 3 UWG i. V. m. § 7 Abs. 1 UWG Eine geschäft liche Handlung ist darüber hinaus unzu lässig, wenn sie einen Markt teilnehmer in unzu mut barer Weise be lästigt. Nach § 7 Abs. 1 Satz 2 gilt dies insbesondere für Werbung, wenn der Markteilnehmer diese Werbung erkenn bar nicht wünscht. Diese Alternative bezieht sich allerdings nur auf Individualwer bung, d. h. die ge zielt an eine Person gerichtete Werbung.113 Generell fallen unter § 7 Abs. 1 Satz 1 solche Handlun gen, die bereits wegen der Art und Weise unabhängig von ihrem Inhalt als Belästi gung empfunden werden. Die Belästi gung besteht darin, dass die Wettbewerbs hand lung den Empfängern auf gedrängt wird.114 Das Tatbestands merkmal der Unzumut bar keit trägt dem Umstand Rechnung, dass nicht jede gering fügige Belästi gung aus reichen kann. Mit Blick auf die vielfältigen Erschei nungs formen von be lästigenden Wettbewerbs hand lungen ist die Schwelle indes nicht zu hoch anzu setzen. Erfasst werden sollen die Fälle, in denen sich die Belästi gung zu einer solchen Intensität ver dichtet hat, dass sie von einem großen Teil der Ver braucher als unerträg lich empfunden wird.115 Daher ist im Rahmen einer Ab wägung auf die Erwar tung des Nutzers und den damit ver bundenen mutmaß lichen Willen abzu stellen. Vom Durch schnitts adressaten werden Werbemaßnahmen, die den realisti- schen Eindruck des Spiels erhöhen, in der Regel nicht als Belästi gung und erst recht nicht als unzu mut bare Belästi gung empfunden. Der Großteil der Spieler schätzt den realisti schen Eindruck, wenn Produkte und Logos real existierender Unter nehmen im Spiel auf tauchen.116 Dies setzt jedoch voraus, dass sich die be treffende Maßnahme so harmonisch einfügt, dass dadurch das Szenario authenti scher wirkt und der realisti sche Eindruck ver stärkt wird. Dies ist ohne Zweifel bei der Banden werbung in Sport stadien oder bei Sponsoren logos auf Kleidung oder Fahrzeugen zu bejahen, nicht jedoch, wenn ein Produkt in eine Umgebung platziert wird, in der es normaler weise nicht vor kommt. 113 So Köhler/Bornkamm, UWG § 7 Rn. 33. 114 BT-Dr 15/1487 S. 20 f. 115 BT-Dr 15/1487 S. 21. 116 So auch Schaar, Rechtliche Grenzen des „In-Game-Advertising“, GRUR 2005, 912, 914: Study on the role of SMEs and European audiovisual works in the context of the fast changing and converging home entertainment sector (PayTV, Homevideo, Video on Demand, video games, internet, etc) S. 38. 113 Außerdem spielt die Intensität der Darstel lung eine Rolle. Fügt sich die Werbemaßnahme naht los in das Spielgeschehen ein oder ist der Spieler ge- zwungen, mit dem Produkt zu agieren, bevor er weiter spielen kann? Muss er einen auf einer Leinwand ab laufenden Werbespot ansehen, bevor es weiter geht? Wie häufig und wie lange wird der Nutzer mit der Werbung konfrontiert? Als be lästigend würde es der Spieler unter Umständen empfinden, wenn während des Spiel verlaufs ein Werbefenster (Pop-up) auf gehen würde, das eine be stimmte Zeit stehen bleibt, und das Spiel erst danach fort gesetzt werden kann. Eine Belästi gung wäre darüber hinaus ge geben, wenn sich durch Einfügen der Werbung die Ladezeiten des Spiels ver längern würden.117 Bei der Ab wägung der Interessen ist auch zu be rücksichtigen, inwieweit der Werbeadressat einer spielintegrierten Werbekommunika tion die Möglich- keit besitzt, ihr zu ent gehen oder sich ihr zu ent ledigen. Sofern es einen Modus gibt, mit dem Werbe einblen dungen ent fernt werden können, schließt dies eine Belästi gung von vornherein aus. Außerdem ist maß geblich, ob der Nutzer eines Spiels Geld dafür bezahlt hat – unabhängig davon, ob er einen Datenträger ge kauft oder ein Spiel im Internet herunter geladen hat – oder es kosten los nutzt. Der Nutzer eines kosten- losen Spiels wird eher mit Werbung rechnen und diese tolerieren, da er das Spiel jederzeit ohne Ver lust beenden kann, wenn es ihm nicht zusagt. Derjenige, der Geld dafür bezahlt hat, wird grundsätz lich er warten, nicht mit unerwünsch- ter Werbung be lästigt zu werden, bzw. darf er warten, dass er vor dem Kauf darüber informiert wird, wenn sich in dem Spiel Werbung be findet, insbeson- dere, wenn es den Spielablauf in irgendeiner Weise ver ändert oder gar be- einträchtigt.118 Die Produk tions kosten liegen bei Spiele-Block bustern mittler- weile regelmäßig im zweistelligen Millionen bereich.119 Es wird die Akzeptanz von Werbung sicher erhöhen, wenn Spiele, in denen Werbung ein gefügt wurde, im Ver hältnis zu werbefreien Spielen günstiger ver kauft werden. Ab wägungs relevante Kriterien sind somit die Penetranz der Werbekom mu- nika tion, der Umfang, in dem sie Hardwareressourcen des Werbeadressaten be ansprucht, die Möglich keit, ihr zu ent gehen120 sowie der finanzielle Einsatz. 117 Dies wurde beispieles weise bei dem Rennspiel „Wipeout HD“ der Firma Sony be mängelt, weil Werbebanner die Ladezeit ver doppelten. Vgl. „Gewalt in Games schadet der Marke“, www.zeit.de/digital/games/2009-09/ ingame-werbung (zuletzt ab gerufen am 20. 6. 2011).Unter www.youtube.com/watch= kX4f9zts6JM (zuletzt ab gerufen am 20. 6. 2011) kann man die unter schied lichen Ladezeiten mit und ohne Werbung ver gleichen. Laut Sony wurden die Werbe einblen dungen wieder ent fernt, um sicher zustellen, dass das In-Game-Advertising nicht den Spielfluss stört. 118 So auch Holzgraefe, S. 386. 119 Gewalt in Games schadet der Marke, Die Zeit online, www.zeit.de/digital/games/2009-09/ingame-werbung (zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011). 120 So bereits Schaar, GRUR 2005, 912, 914. 114 II.6.4 Unzulässige geschäft liche Handlung im Sinne von Nr. 28 des Anhangs zu § 3 Abs. 3 UWG – Kaufaufforde rung an Kinder Eine unzu lässige geschäft liche Handlung im Sinne des § 3 Abs. 3 i. V. m. Anhang Nr. 28 UWG ist die in eine Werbung einbezogene unmittel bare Auf- forde rung an Kinder, selbst die be worbene Ware zu er werben oder die be- worbene Dienst leis tung in Anspruch zu nehmen oder ihre Eltern oder andere Erwachsene dazu zu ver anlassen. Die Regelung dient der Umset zung der Nr. 28 S. 1 des Anhang I UGP-Richtlinie. Im Gegen satz zu ver gleich baren Regelun gen in Art. 9 Abs. 1 lit g AVMD- Richtlinie, § 4 Nr. 2 UWG und § 6 Abs. 2 Nr. 1 JMStV er fordert diese Regelung nicht, dass die Auf forde rung ge eignet ist, die geschäft liche Unerfahren heit oder Leicht gläubig keit von Minderjährigen auszu nutzen.121 Zweck der Regelung ist der Schutz der Kinder vor unmittel baren Kauf- aufforde rungen, aber auch der Schutz der Eltern oder sonstigen Erwachsenen vor einer Manipula tion ihrer Kauf entschei dung durch Einschal tung von Kin- dern. Da es sich um ein Per-se-Verbot handelt, kommt es nicht darauf an, ob die Handlung im Einzelfall ge eignet ist, die Kauf entschei dung der Kinder oder der Erwachsenen zu be einflussen.122 Der Begriff „Kinder“ ist ge meinschafts recht lich und nicht vom deutschen Rechts verständnis her auszu legen. Seine Defini tion bleibt der Rechtsprechung vor behalten, da nicht klar hervor geht, ob alle Minderjährigen oder nur Minder- jährige bis zum vollendeten 14. Lebens jahr ge meint sind.123 In-Game-Werbung darf folg lich nicht so ge staltet sein, dass sich damit eine direkte Kaufaufforde rung an Kinder richtet oder die Auf forde rung ent hält, ihre Eltern dazu zu ver anlassen. Dies dürfte in der Regel über wiegend Online-Spiele be treffen, da über das Internet leichter eine Verbin dung zu einer direkten Kaufmöglich keit geschaffen werden kann. Die Auf forde rung muss zum einen Kinder ge zielt an sprechen, zum anderen unmittel bar er folgen, d. h. eine bloß indirekte oder mittel bare Auf forde rung reicht nicht aus. Die bisher erörterten Erschei nungs formen von In-Game-Werbung in Form von Einbin dung klassi scher Werbeflächen in virtueller Form oder Produkt- platzie rungen stellen allerdings keine derartigen unmittel baren Auf forde rungen dar. 121 Begr RegE UWG 2008, BT-Drucks 16/10145, S. 34. 122 Köhler/Bornkamm, UWG, Nr. 28 Anhang zu § 3 Abs. 3 Rn. 28.2. 123 Köhler/Bornkamm, UWG, Nr. 28 Anhang zu § 3 Abs. 3 Rn. 28.5; Begr RegE UWG 2008, BT-Drucks 16/10145, S. 34. 115 II.6.5 Aus nutzen des Alters oder der geschäft lichen Unerfahren heit von Kindern und Jugend lichen gem. § 4 Nr. 2 UWG Eine weitere Regelung, die sich auf Minderjährige bezieht, findet sich in § 4 Nr. 2 UWG, der wie § 6 Abs. 2 Nr. 1 JMStV eben falls für unlauter erklärt, wenn geschäft liche Handlun gen vor genommen werden, die ge eignet sind, (u. a.) das Alter oder die geschäft liche Unerfahren heit von Ver brauchern auszu nutzen. Auch hier kann für die bisher erörterten Erschei nungs formen von In-Game- Werbung in Form von Einbin dung klassi scher Werbeflächen in virtueller Form oder Produkt platzie rungen wohl nicht bejaht werden, dass dadurch allein der Tatbestand erfüllt wird. In Betracht kann dies aber unter Umständen bei der Erhebung von Anmelde- daten kommen. Die Erhebung von Daten zur kommerziellen Verwer tung ist zwar grundsätz lich nicht unlauter. Werden jedoch Kinder und Jugend liche zur Überlas sung ihrer Daten auf gefordert, kann eine Ausnut zung ihrer geschäft- lichen Unerfahren heit anzu nehmen sein. Unlauter ist z. B. eine zu Werbezwecken er folgende Daten erhe bung bei Kindern, die ohne Einschal tung der Eltern über das Internet zu einer von einem Unter nehmen an gebotenen Club-Mitglied schaft ver anlasst wurden.124 Ist die Daten erhe bung gesetz lich zulässig (§ 28 BDSG), so ist sie nicht unlauter.125 II.6.6 Rechts bruchtatbestand des § 4 Nr. 11 UWG Ver stöße gegen die Vor schriften des § 6 JMStV und andere gesetz liche Werbe- verbote zum Schutz von Kindern und Jugend lichen er füllen zugleich den Rechts bruchtatbestand des § 4 Nr. 11 UWG, da es sich insoweit um Markt- verhaltens rege lungen im Interesse der Ver braucher handelt.126 II.6.7 Rechts folgen Die Rechts folgen eines Ver stoßes gegen die erörterten Bestim mungen des UWG ergeben sich aus den §§ 8 ff. UWG. Hieraus können sich Beseiti gungs-, Unter- lassungs- und Schadens ersatz ansprüche ergeben. Diese Ansprüche können allerdings nicht vom Ver braucher geltend ge macht werden, sondern stehen gemäß § 8 Abs. 2 Nr. 1 bis 4 UWG Mitbewerbern der Spielehersteller oder 124 Köhler/Bornkamm, UWG § 4 Rn. 2.41. 125 Köhler/Bornkamm, UWG § 4 Rn. 2.41. 126 Köhler/Bornkamm, UWG § 4 Rn. 2.12, 2.39. 116 Werbetreibenden sowie ent sprechenden Ver bänden, qualifizierten Einrich tungen und den Industrie- und Handels kammern zu. Beseiti gung- und Unter lassungs ansprüche können z. B. durch ein Update bei Online-Spielen um gesetzt werden. Der Zuwider handelnde kann darüber hinaus nach § 9 UWG bei Vorsatz oder Fahrlässig keit auf Schadens ersatz in Anspruch ge nommen werden. Unter den Voraus set zungen des § 10 UWG besteht ein Anspruch des Ver letzten auf Abschöp fung des vom Ver letzer durch den Wettbewerbs verstoß er zielten Gewinns. 117 II.7 Daten schutz in Online-Spielen Ein weiteres recht liches (Problem-)Feld im Zusammen hang mit In-Game- Werbung stellt die Beach tung des Daten schutzes dar. Während sich der Schutz der personen bezogenen Daten zunächst gegen Daten erhe bungen durch den Staat richtete, sind personen bezogene Daten nunmehr in erster Linie durch Daten- erhe bungen privater Unter nehmen ge fährdet. Dies gilt auch bei der Nutzung von Online-Spielen. Zum einen gilt dies für Daten, die für die Ver trags gestal- tung und -abwick lung (insbesondere Bezah lung) er forder lich sind, zum anderen werden aber auch Daten über das Nutzungs verhalten der Spieler erfasst, mit denen Nutzer profile er stellt werden können. Spielehersteller und Agenturen erheben und ver werten Nutzer daten, um ihre Werbung besser auf den Spieler zuschneiden zu können.127 Insbesondere die dynami sche Werbung bietet den Werbetreibenden die Möglich keit, auf grund des analysierten Nutzer verhaltens dementsprechende passende Werbung einbinden zu können. Das Erheben, Sam- meln und Aus werten von solchen Nutzer daten unter liegt den Grenzen des Daten schutzes, die jedoch nicht immer be achtet werden. Die Erhebung dieser Daten ist dem Nutzer unter Umständen nur teil weise bewusst und bekannt. Zwar gibt es zu allen Spielen Daten schutzer klärun gen der Hersteller. Ob diese jedoch immer aus reichend präzise und ver ständ lich sind und auch wahrgenom- men werden, ist frag lich. Probleme des Daten schutzes treten nur im Zusammen- hang mit Online-Spielen auf, da bei reinen Offline-Spielen in der Regel keine Daten erhoben werden. Die Problematik des Daten schutzes in Telemedien und insbesondere Online-Spielen ist jedoch so umfassend, dass hier nur einzelne Aspekte an gerissen werden können.128 127 Gewalt in Games schadet der Marke, Die Zeit online, www.zeit.de/digital/games/2009-09/ingame- werbung (zuletzt ab gerufen am 20. 6. 2011). 128 Das unabhängige Landes zentrum für Daten schutz Schleswig-Holstein (ULD) hat kürz lich eine ausführ liche Studie zum Daten schutz in Online-Spielen ver öffent licht, die durch das Bundes ministerium für Bildung und Forschung ge fördert worden war: Daten schutz in Online-Spielen, www.datenschutzzentrum. de/dos/(zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011) 118 II.7.1 Anwend bares Recht Bei Online-Spielen handelt es sich in mehrfacher Hinsicht um grenz über schrei- tende Sach verhalte. Zum einen werden viele Spiele nicht in den Ländern ent- wickelt, in denen sie später ge nutzt werden, sodass be stimmte daten schutz rele- vante Grundsätze möglicher weise nicht schon bei der Konzep tion be rücksichtigt wurden. Zum anderen haben die Betreiber firmen unter Umständen ihren Firmen sitz in anderen Ländern, und letzt lich setzt sich auch die Spieler gemein- schaft international zusammen. Internationale ver bind liche Regeln für den Daten schutz in Online-Spielen gibt es nicht. Zwischen den USA und der Euro- päi schen Union wurde zur Gewährleis tung einheit licher Daten schutz bestim- mungen das sog. Safe-Harbor-Abkommen geschlossen, dessen Prinzipien viele große US-Unternehmen akzeptiert haben.129 Dass das Ab kommen bei US-Kon- zernen für ein Daten schutz niveau sorgt, das EU-Grundsätzen ent spricht, wird jedoch teil weise von Daten schützern be zweifelt, die die Umset zung des Ver- trags als zu lasch kritisierten.130 Grundsätz lich gilt nach § 3 TMG das Herkunfts landprinzip. Sofern der Dienste anbieter in Deutschland eine Niederlas sung hat, gilt danach das deutsche Recht. Bei Dienste anbietern, deren Niederlas sung sich in einem anderen EU-Land be findet, sind die dortigen Regelun gen heran zuziehen. Gem. § 3 Abs. 3 Nr. 4 TMG bleibt das für den Schutz personen bezogener Daten geltende Recht un berührt vom Herkunfts landprinzip. Im Europarecht ist der Daten schutz insbesondere in der EG-Daten schutz- richtlinie131 und in der Daten schutz richtlinie für elektroni sche Kommunika- tion132 geregelt. Die Richtlinien bilden die Grundlage für die nationale Gesetz- gebung und sind auch in den Mitgliedstaaten in nationales Recht um gesetzt worden, sodass das mitgliedstaat liche Recht im Bereich des Daten schutzes harmonisiert wurde. Im Folgenden wird daher auf das deutsche Recht ab- gestellt.133 129 Unter anderem auch Facebook Inc, Google Inc, Electronic Arts Inc., Unter nehmens liste abruf bar unter safeharbor.export.gov list. aspx 130 Lischka, Durch set zung des Daten schutzes – Regie rung recht fertigt Nicht stun, Spiegel Online, 29. 10. 2010, www.spiegel.de/netzwelt /netzpolitik /0,1518,726083,00. html (zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011). 131 Richtlinie 95/46/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 24. 10. 1995 zum Schutz natür licher Personen bei der Ver arbei tung personen bezogener Daten und zum freien Daten verkehr, ABl. L 281, 31 vom 23. 11. 1995. 132 Richtlinie 2002/58/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 12. 7. 2002 über die Ver arbei tung personen bezogener Daten und den Schutz der Privatsphäre in der elektroni schen Kommunika tion (Daten- schutz richtlinie für elektroni sche Kommunika tion), ABl. L 201, 37 vom 31. 7. 2002. 133 Ausführ lich zur Bestim mung der einschlägigen Rechts ordnung, ULD, Daten schutz in Online-Spielen, S. 55 ff. 119 II.7.2 Regelun gen zum Daten schutz im deutschen Recht Der Daten schutz wird grundsätz lich durch das Bundes daten schutz gesetz (BDSG), die Landes daten schutz gesetze sowie weitere be reichs spezifi sche Daten schutz bestim mungen des Bundes und der Länder geregelt. Die Daten- schutz gesetze sollen die Persönlich keit des Einzelnen vor Zugriffen des Staates sowie Dritter im Zusammen hang mit der Erhebung, Ver arbei tung und Nutzung personen bezogener Daten schützen. Die einfachgesetz lichen Vor schriften zum Daten schutz konkretisieren das Recht auf informationelle Selbst bestim mung, das im Rahmen der Volks zählung 1985 diskutiert und schließ lich vom Bundes- verfassungs gericht als eine Ausprä gung des allgemeinen Persönlich keits rechts (Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG) be stätigt wurde.134 Das Recht auf infor- mationelle Selbst bestim mung garantiert dem Einzelnen die Befugnis, grundsätz- lich selbst zu ent scheiden, welche persön lichen Daten er öffent lich machen möchte und welche nicht. Geschützt sind alle persön lichen Daten wie z. B. Alter, Familien stand, Religion, Gesund heits zustand, persön liche Lebens um- stände, Einkommens- und Ver mögens verhältnisse, unabhängig von ihrer Bedeu- tung.135 Online-Spiele unter liegen als Telemedien in erster Linie den Daten schutz- bestim mungen des Telemedien gesetzes (TMG), das in den §§ 11 ff. TMG Regelun gen zur Erhebung von Bestands daten und Nutzungs daten trifft. Darüber hinaus richtet sich eine weiter gehende Daten verarbei tung auch nach dem Bun- des daten schutz gesetz (BDSG). II.7.2.1 Allgemeine Grundsätze Grundsätz lich ist die Erhebung, Ver arbei tung und Nutzung von personen bezo- genen Daten nur dann zulässig, wenn es eine Rechts vorschrift aus drück lich erlaubt oder wenn der Betroffene ein gewilligt hat (§ 4 Abs. 1 BDSG, § 12 Abs. 1 TMG – Verbot mit Erlaubnis vorbehalt). Außerdem gilt der Grundsatz der Daten vermei dung und Daten sparsam keit, d. h. die Auswahl und Gestal tung von Daten verarbei tungs systemen müssen darauf gerichtet sein, keine oder so wenig personen bezogene Daten wie möglich zu erheben, zu ver arbeiten oder zu nutzen (§ 3 a Satz 1 BDSG). Insbesondere ist von den Möglich keiten der Anonymisie rung und Pseudonymisie rung Gebrauch zu machen, soweit dies möglich ist und der Aufwand in einem an gemessenen Ver hältnis zu dem an- gestrebten Schutz zweck steht (§ 3 a Satz 2 BDSG, § 13 Abs. 6 TMG). 134 BVerfGE 65, 1, 41 ff. 135 Zorn in: Dörr/Kreile/Cole, Handbuch Medien recht, 2. Auflage, S. 484, Rn. 54. 120 II.7.2.2 Personen bezogene Daten Personen bezogene Daten sind Einzelangaben über persön liche oder sach liche Ver hältnisse einer be stimmten oder bestimm baren natür lichen Person (§ 3 Abs. 1 BDSG). Hierunter fallen im Allgemeinen z. B. Name, Geburts tag, Alters angabe, Familien stand, Adresse, Einkommens verhältnisse usw. Um eine be stimmte Person handelt es sich, wenn die Daten mit dem Namen des Betroffenen ver bunden sind oder sich aus dem Inhalt bzw. dem Zusammen- hang der Bezug unmittel bar herstellen lässt. Ist dies nicht der Fall, sind die Daten nur dann personen bezogen, wenn der Betroffene bestimm bar ist.136 Bei Erhebung komplett anonymisierter Daten ist das Daten schutz recht nicht be- troffen. Werden also ledig lich statisti sche Daten ohne jeden Personen bezug für die Optimie rung der Werbe einblen dungen ver wendet, stellt dies daten schutz- recht lich kein Problem dar. Nicht unumstritten ist, ob es sich bei IP-Adressen (Internet-Protocol-Adres- sen) um personen bezogene Daten handelt. Eine solche Adresse hat dann einen Personen bezug, wenn der Nutzer durch diese Adresse identifiziert werden kann. Unter schieden werden statische und dynami sche IP-Adressen. Während die statische dauer haft einem be stimmten Endgerät zu geordnet ist, wird die dyna- mi sche bei jeder Netz verbin dung neu zu gewiesen. Zumindest bei statischen IP-Adressen wird die Einstu fung zu den personen bezogenen Daten bejaht. Aber auch bei den dynami schen IP-Adressen ist eine Bestimm bar keit des Nutzers über den Zeitpunkt der Internet verbin dung möglich, sodass die hierüber er mittel bare Person bestimm bar ist.137 Im deutschen Recht werden IP-Adressen daher über wiegend als personen bezogene Daten be handelt. Für die Werbewirt schaft interessant sind insbesondere sog. Bewe gungs daten der Nutzer im Spiel, die für sich allein be trachtet noch keine Rückschlüsse auf eine be stimmte Person zulassen, aber in Verbin dung mit der IP-Adresse zu personen bezogenen Daten werden können. Grundsätz lich werden Daten erhoben, die mit dem Ver trieb der Spiele zu- sammen hängen, bzw. zur Installa tion und Registrie rung erhoben werden (z. B. Name, Anschrift, Alter, bzw. Geburts datum, bei alters beschränkten Spielen zur Alters verifika tion evtl. Personal ausweis nummer sowie die IP-Adresse). Bei kosten pflichtigen Spielen oder kosten pflichtigen Erweite rungen fallen weitere Daten im Rahmen der Ab rechungs modalitäten an (Kontodaten, Kredit karten- daten etc.). Darüber hinaus werden Daten zum Nutzungs- und Spiel verhalten erhoben. Im Ver lauf des Spieles werden – in der Regel unter einem ge wählten Spielernamen – Daten über die ge wählte Spielfigur (Avatar), das Spiel verhalten, 136 Gola/Schomerus, BDSG, 10. Auflage, 2010, § 3 Rn. 10, vgl. auch BGH, NJW 1991, 568. 137 In diesem Sinne schon Schaar, In-Game-Advertising, CR 2006, 619, 623; ausführ lich zur Problematik Schmitz in Hoeren/Sieber, Handbuch Multimedia-Recht 25. Ergän zungs liefe rung 2010, 16.2 Rn. 79 ff. 121 Art des Spiels, Dauer, Level der Fähig keiten usw. erfasst. Die Daten werden teil- weise in Highscorelisten, Bewer tungs tabellen sowie Darstel lungen der Avatare für alle oder einen ein geschränkten Personen kreis sicht bar fest gehalten. Bei Spielen, die im Mehrspielermodus ge spielt werden, sind teil weise auch Bewer- tungen durch andere Spieler möglich. Für die Werbewirt schaft interessant sind insbesondere die Art der ge spielten Spiele, die Zeiten und die Spieldauer. In § 3 Abs. 9 BDSG werden einige be sondere personen bezogene Daten auf- gelistet, die als für den Betroffen be sonders sensibel ein gestuft werden. Hierzu ge hören unter anderem auch Gesund heits daten, die in den immer populärer werdenden Fitness spielen evtl. von Belang sein könnten. Die Erhebung solcher Daten unter liegt den ge sonderten Vor schriften der §§ 4 a Abs. 3, 28 Abs. 6 BDSG. Die Einwilli gung muss sich aus drück lich auf diese Daten be ziehen, die Aus nahmen des § 28 Abs. 6 bis 8 kommen bei Spielen nicht in Betracht. II.7.2.3 Ver antwort liche Stelle Im Rahmen von Online-Spielen werden personen bezogene Daten in der Regel vom Dienste anbieter erhoben. Dienste anbieter ist gem. § 2 Nr. 1 TMG jede natür liche oder juristi sche Person, die eigene oder fremde Telemedien zur Nutzung be reithält oder den Zugang zur Nutzung ver mittelt. Dieser Dienste- anbieter ist der Betreiber von Online-Spielen, über dessen Platt form in der Regel die Handlun gen der Spieler ver netzt und die Daten ver arbeitet werden. Dienste anbieter kann allerdings auch der Werbemittler sein, wenn der Betreiber der Spiele die Einspie lung von dynami schen Werbebot schaften durch Dritt- unternehmen durch führen lässt und die er hobenen Daten direkt an dieses über- mittelt werden.138 Ver antwort liche Stelle im Sinne des BDSG sind allerdings auch Personen und Stellen, die selbst keine Daten ver arbeiten, sondern hiermit andere be auftragt haben. Der Auftrag geber bleibt dann als „Herr der Daten“ für die Beach tung der daten schutz recht lichen Vor gaben für die von ihm ver- anlassten Ver arbei tungen ver antwort lich.139 II.7.2.4 Die Vor schriften des TMG II.7.2.4.1 Allgemeines Die Vor schriften des 4. Ab schnitts §§ 11 bis 15 a TMG regeln den Schutz personen bezogener Daten bei der Nutzung von Telemedien. In § 12 Abs. 1 TMG wird der Grundsatz des BDSG für Telemedien konkretisiert: Der Dienste- anbieter darf personen bezogene Daten zur Bereit stel lung von Telemedien nur 138 So z. B. durch Massive Incorporated, vgl. www.massiveincorporated. com (zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011). 139 Gola/Schomerus, BDSG, 10. Auflage 2010, § 3 Rn. 50. 122 erheben und ver wenden, soweit das TMG oder eine andere Rechts vorschrift, die sich aus drück lich auf Telemedien bezieht, es erlaubt oder der Nutzer ein- gewilligt hat. Die in diesem Rahmen er hobenen Daten darf der Dienste anbieter für andere Zwecke eben falls nur dann ver wenden, soweit ein Erlaubnis tatbestand greift oder der Nutzer ein gewilligt hat (§ 12 Abs. 2 TMG). Die er hobenen personen- bezogenen Daten unter liegen dadurch einem engen Gebot der Zweck bindung. Hierdurch sollen sowohl die Betroffenen als auch der Gesetz geber einen Über- blick über den Ver arbei tungs prozess er halten. Insbesondere dem Betroffenen soll dadurch ermög licht werden, die Ver arbei tung seiner Daten selbst zu steuern und rekonstruieren zu können.140 Gesetz liche Erlaubnis tatbestände, die eine Daten erhe bung oder -verwen dung auch ohne Einwilli gung zulassen, sind die Tatbestände der §§ 14 und 15 TMG, die Regelun gen für die Ver arbei tung von Bestands-, Nutzungs- und Ab rech- nungs daten treffen. II.7.2.4.2 Die Aufklä rung der Nutzer Der Nutzer muss zu Beginn der Nutzung vom Dienste anbieter über Art, Um- fang und Zweck der Erhebung und Verwen dung personen bezogener Daten sowie über die Ver arbei tung seiner Daten in Staaten außerhalb des Anwen- dungs bereichs der Daten schutz richtlinie141 in allgemein ver ständ licher Form unter richtet werden (§ 13 Abs. 1 TMG). Da viele Spiele für den internationalen Markt konzipiert werden, ist insbesondere darauf zu achten, dass die Daten- schutzer klärun gen auch in der jeweiligen Landes sprache zur Ver fügung ge stellt werden. Zur Aufklä rung über Art und Umfang gehört auch, dass der Nutzer informiert wird, wenn dritte Unter nehmen be teiligt sind.142 II.7.2.4.3 Die Einho lung der Einwilli gung Sofern keiner der gesetz lichen Erlaubnis tatbestände eingreift, muss der Spieler zuvor in die Erhebung und Ver arbei tung der Daten einwilligen. Maß geblich ist auch, dass die Einwilli gung freiwillig er folgen muss, d. h. dies setzt zum einen die Einsichts fähig keit voraus, zu er kennen, worin er einwilligt, zum 140 Spindler/Nink in: Spindler/Schuster, Recht der elektroni schen Medien, TMG, § 12, Rn. 7. 141 Richtlinie 95/46/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 24. 10. 1995 zum Schutz natür licher Personen bei der Ver arbei tung personen bezogener Daten und zum freien Daten verkehr, ABl. Nr. L 281 v. 23. 11. 1995, S. 31. 142 So werden häufig Werbemaßnahmen über professionelle Netz werke von Werbeagenturen in die Spiele ein gefügt. In den Spielebeilagen der Firma Electronic Arts GmbH (EA) findet sich beispiel weise der Hinweis, dass dieses Spiel mit der dynami schen Advertisement-Technologie von Massive Incorporated arbeitet. 123 anderen darf die Einwilli gung keine Aus schluss kraft haben. Ist die Einwilli- gung zwingend er forder lich, um einen Dienst zu nutzen, macht beispiels weise die Ableh nung die Nutzung des Spiels unmög lich, kann nicht von einer frei- willigen Einwilli gung ge sprochen werden. Die Einwilli gung muss auch zu einem Zeitpunkt ein geholt werden, zu dem der Nutzer noch ab lehnen kann, ohne Nachteile hinnehmen zu müssen. Dies wäre z. B. der Fall, wenn er einen Kaufpreis bezahlt. In diesem Fall ist eine Freiwillig keit nur dann ge geben, wenn der Nutzer bereits vor dem Erwerb darauf hin gewiesen wird, dass eine Nutzung des Spiels von seiner Einwilli gung abhängt. Bei dem Ver kauf von Datenträgern muss dies auf der Verpac kung in gut erkenn barer Form er folgen. Ein kleiner Hinweis in den allgemeinen Systemanforde rungen kann nicht als aus reichend an gesehen werden, da der Nutzer eine solche Regelung an dieser Stelle nicht un bedingt er wartet.143 Die Form der Einwilli gung richtet sich nach § 4 a BDSG und bedarf danach grundsätz lich der Schrift form, die Warn- und Beweis funk tion hat. Allerdings lässt § 13 Abs. 2 TMG die Einwilli gung unter den in § 13 Abs. 2 Nr. 1 bis 4 TMG ge nannten Voraus set zungen auch in elektroni scher Form zu.144 Hierbei ist insbesondere zu be achten dass sowohl der Inhalt der Unter rich tung als auch der Inhalt der Einwilli gung vom Nutzer jederzeit abruf bar sein müssen. Außerdem muss der Nutzer die Möglich keit haben, die Einwilli gung jeder- zeit für die Zukunft wider rufen zu können (§ 13 Abs. 2 Nr. 4 TMG). Auf diese Möglich keit muss er explizit hin gewiesen werden. II.7.2.4.4 Die Möglich keit der anonymisierten Nutzung Grundsätz lich muss der Dienste anbieter immer auch die anonyme oder pseudo- nyme Nutzung von Telemedien ermög lichen, soweit dies technisch möglich und zumut bar ist. Hierüber muss der Nutzer informiert werden (§ 13 Abs. 6 TMG). II.7.2.4.5 Daten erhe bung zu Werbezwecken Bestands daten darf der Dienste anbieter nur erheben, soweit diese für die Be- grün dung, inhalt liche Aus gestal tung oder Änderung des Ver trags verhältnisses er forder lich sind (§ 14 Abs. 1 TMG). Werden personen bezogene Daten für Werbezwecke erhoben, sind die §§ 12 Abs. 2, 15 Abs. 3 TMG, 28 Abs. 3 BDSG zu be achten. Für die In-Game-Wer- bung ist insbesondere die Regelung des § 15 Abs. 3 TMG von Bedeu tung, in der fest gelegt ist, in welchem Rahmen der Dienste anbieter Daten zu Werbe- 143 So auch Schaar, CR 2006, 619, 625. 144 Spindler/Nink in: Spindler/Schuster, Recht der elektroni schen Medien, TMG, § 12, Rn. 3. 124 zwecken ver werten darf. Für Zwecke der Werbung, der Markt forschung oder zur bedarfs gerechten Gestal tung der Telemedien darf der Dienste anbieter Nutzungs profile er stellen, sofern der Nutzer nicht wider spricht. Der Dienste- anbieter hat den Nutzer auf sein diesbezüg liches Wider spruchs recht bereits im Rahmen der Unter rich tung nach § 13 Abs. 1 hinzu weisen. (§ 15 Abs. 3 Satz 2 TMG). Allerdings dürfen diese Profile nur unter Verwen dung von Pseudonymen er stellt werden, und diese Nutzungs profile dürfen nicht mit Daten über den Träger des Pseudonyms zusammen geführt werden (Satz 3). Jede weitere Nutzung von personen bezogenen Daten zu Werbezwecken bedarf der aus drück lichen Einwilli gung des Nutzers. Der Dienste anbieter hat sicher zustellen, dass der Nutzer Telemedien gegen Kenntnis nahme Dritter geschützt in Anspruch nehmen kann. Um „Dritte“ handelt es sich, wenn der Dienste anbieter Unter nehmen mit der Durch füh rung der In-Game-Werbung be auftragt. Der Nutzer ist daher hierüber eben falls in jedem Fall zuvor aufzu klären. II.7.2.5 Daten schutz leitlinien oder -erklä rungen der Spiele-Betreiber In vielen Daten schutz leitlinien145 finden sich zu den meisten oder allen vor- genannten Punkten Erklä rungen.146 In einigen sind die er hobenen Daten auch explizit auf gelistet und ist ausführ lich er läutert, welche Daten zu welchen Zwecken auf welche Weise erhoben oder weiter gegeben werden.147 Es finden sich jedoch auch Negativbeispiele. Nicht akzeptabel ist es, wenn eine Daten- schutzer klärung, die auf einer in deutscher Sprache ver fassten Internet seite, von einem Anbieter mit Sitz in Deutschland mit einem Häkchen akzeptiert werden muss, die sich in den nur in englischer Sprache verfüg baren Nutzungs- bedin gungen ver steckt.148 Eben falls problematisch ist die Formulie rung: „Wenn Sie diese Richtlinie akzeptieren, stimmen Sie der Weiter gabe Ihrer Informa- tionen […] an be liebige andere Partner zu.“ Auch eine Auf bewah rung bzw. Speiche rung der personen bezogenen Daten nach Beendi gung „um Daten samm- lungen zu er halten“149 ist nicht zulässig, da die Daten grundsätz lich unmittel- bar nach Beendi gung zu löschen sind, es sei denn, sie müssen zu Ab rech- nungs zwecken auf bewahrt werden (§ 13 Abs. 4, § 15 Abs. 4 TMG). Dies ergibt 145 Diese Leitlinien werden häufig auch als Richtlinien be zeichnet. Dies ist aber irreführend, da sie un verbind- liche Vor gaben der Anbieter ent halten, die im Rahmen der „Selbstregulie rung“ ergehen. Sie dürfen nicht mit den Richtlinien der EU ver wechselt werden. 146 Laut der 2008/2009 von der ULD durch geführten Studie ist der Umgang mit den persön lichen Daten in den meisten Daten schutzer klärun gen mehr oder weniger vorbild lich geregelt, Daten schutz in Online-Spielen, S. 147. 147 Ausführ lich z. B. die Electronic Arts Daten schutz richtlinien (gültig ab November 2009). 148 Z. B. gpsmission.com/wregister. do#p11 (zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011). 149 Funcom Privacy Policy, www.funcom.com/corporate/privacy_policy_german (zuletzt auf gerufen am 25. 6. 2011). 125 sich schon aus dem ver fassungs recht lichen Ver hältnis mäßig keits grundsatz, der eine frühest mögliche Löschung von er hobenen Daten ver langt.150 Eine Studie der ULD hat ergeben, dass es dem größten Teil der Nutzer von Online-Spielen (mehr als 80 Prozent) sehr wichtig ist, dass Spiele-Betreiber ver trau lich mit den persön lichen Daten der Spieler umgehen. Etwa ebenso viele gaben an, dass es für sie Gründe im Bereich Daten schutz gäbe, ein Online- Spiel nicht zu nutzen, etwa die Weiter gabe von Daten (57,4 Prozent) oder Werbung (23,6 Prozent).151 Dennoch hatte etwa die Hälfte keine einzige Daten- schutzer klärung ge lesen, etwa fünf Prozent eine und nur ca. 17 Prozent haben alle Daten schutzer klärun gen ihrer fünf be liebtesten Spiele ge lesen. Dies wird darauf zurück geführt, dass die Daten schutzer klärun gen zumeist sehr lang152, schwer ver ständ lich und unübersicht lich ge staltet sind und die Spieler evtl. auch darauf ver trauen, dass sie durch die deutschen Gesetze geschützt seien.153 Die über wiegende Mehrheit der be fragten Spieler gab auch an, dass sie beim Spielen gerne anonym bleiben würde (79,1 Prozent) und selbst be stimmen möchte, welche Daten gesehen/ge nutzt werden dürfen (89,7 Prozent).154 II.7.3 Zusammen fassung Der Schutz von persön lichen Daten im Rahmen von Online-Spielen scheint zwar prinzipiell durch die Vor schriften des TMG und BDSG geregelt. Da die Daten schutzer klärun gen jedoch häufig nicht bewusst zur Kenntnis ge nommen werden, haben diese eher deklaratori sche Funktion, als dass sie eine wirk liche Warnfunk tion ent falten. Im Hinblick auf die große Bedeu tung, die Nutzer daten für die Werbewirt schaft haben, ist auch frag lich, inwieweit die Daten erhe bungen tatsäch lich auf das ge forderte Minimum be schränkt werden. Dies ist für den Einzelnen letzt lich auch schwer nach vollzieh bar. Bei den Bestre bungen, die persön lichen Daten zu schützen, handelt es sich nicht um eine recht liche Formalie. Die umfassenden Persönlich keits profile, die zum einen generell durch Bewegun gen im Internet, aber insbesondere auch durch die Nutzung von Spielen er stellt werden können, lassen zahl reiche Rück- schlüsse über die be treffende Person zu, die inzwischen weit über das schlichte Konsumenten verhalten hinaus gehen. Viele Spiele ver langen unter anderem Taktik, Logik, Strategie, Schnellig keit und Problemlösungs fähig keiten. Ein umfassendes Spielerprofil kann daher durch aus Rückschlüsse auf persön liche Charakterzüge und Eigen schaften zulassen, wie jemand in be stimmten Situa- 150 Vgl. Schieder mair in: Dörr/Kreile/Cole, Handbuch Medien recht, 2. Auflage, S. 388. 151 ULD, Daten schutz in Online-Spielen, S. 146. 152 Die Daten schutz richtlinien von Electronic Arts umfassen beispiels weise 12 Seiten. 153 ULD, Daten schutz in Online-Spielen, S. 144. 154 ULD, Daten schutz in Online-Spielen, S. 151. 126 tionen denkt, wie schnell er neue Auf gaben be wältigt, wie er taktiert, ob jemand eher Teamplayer oder Einzel kämpfer ist, usw. Die Studie der ULD sieht dies- bezüg lich Parallelen zu den Ergeb nissen von Tests in Assess ment-Centern.155 Dieses Beispiel zeigt, dass solche Daten und umfassende Persönlich keits profile für ver schiedene Interessenten aus unter schied lichen Gründen von Bedeu tung sein können und eine unkontrollierte Ver brei tung durch aus Nachteile für den Betreffenden mit sich bringt. Während die meisten Spieler großen Wert auf den Schutz ihrer Daten legen (s. o.), fiel ein Unter nehmen wie Facebook, das Anbieter von derzeit sehr popu- lären Spielen im Rahmen eines Sozialen Netz werks ist, in der jüngsten Ver- gangen heit durch eher undurchschau baren Umgang mit Nutzer daten auf. Den- noch liegt die Unkenntnis über die tatsäch liche Verwen dung der eigenen Daten nicht zwangs läufig an mangelnder Aufklä rung seitens der Betreiber, sondern häufig auch daran, dass die Daten schutzer klärun gen der Spiele auch selten ge lesen (und in allen Punkten ver standen) werden. Ob eine Daten schutz erklä- rung mit dem geltenden Recht in Einklang steht, kann jedoch auch der Nutzer letzt lich nicht be urteilen. Um dem Interesse der Spieler am Schutz ihrer Daten Rechnung zu tragen, aber auch diesen Umstand zu be rücksichtigen, scheint eine Überprü fung und Zertifizie rung durch eine unabhängige Stelle durch aus sinn voll und ge boten. Diese würde vermut lich auch die Spielebetreiber eher dazu motivieren, ihre Praxis der Daten erhe bungen zu über prüfen. Zertifizie rungs konzepte für Pro- dukte im Bereich Daten schutz existieren bereits in Form des schleswig-holstei- ni schen Daten schutz gütesiegels und des europäi schen Gütesiegels EuroPriSe (European Privacy Seal).156 In den letzten Jahren sind insbesondere Spiele im Rahmen von Sozialen Netz- werken immer populärer ge worden. Bekannteste Beispiele hierfür sind die Spiele Farmville und Mafia Wars auf der Platt form Facebook. Die Spiele dienen inzwischen auch als Platt form für Werbebot schaften und werden dazu benutzt, um die User/Mitglieder länger im Netz werk zu halten. In diesem Rahmen er- gibt sich durch die Ver knüp fung von Kontakt daten, Unter hal tungs elementen und kommerziellen Botschaften eine weit gehend undurchschau bare Sammlung von Daten, bei der nicht einfach zu be urteilen ist, um welchen Dienst es sich im konkreten Fall genau handelt, bzw. für den Nutzer ist nicht mehr klar, ob er sich im Spiel oder im Netz werk be findet. Im Rahmen der Sozialen Netz werke ent wickeln Spiele und darin integrierte Werbung noch einmal eine ganz neue Dynamik, deren nähere Unter suchung den hier ge stellten Rahmen sprengen würde. Es ist jedoch erkenn bar, dass in diesen Fällen eine Art der Kommunika- tion ent standen ist, die mit den derzeitigen Regelun gen schwer zu er fassen ist. 155 ULD, Daten schutz in Online-Spielen, S. 157. 156 Hierzu ausführ lich ULD, Daten schutz in Online-Spielen, S. 160 ff. 127 II.8 Zusammen fassung und Bewer tung 1. Einen speziellen recht lichen Rahmen für die Werbung in Computerspielen gibt es nicht. Die Anwend bar keit der ver schiedenen Regelun gen richtet sich danach, ob es sich um Rundfunk, ein Telemedium oder ein Träger- medium handelt. Die Abgren zungen sind bei den hybriden Spielen be- sonders schwierig. Dies kann dazu führen, dass die gleichen Inhalte unter Umständen nach ver schiedenen recht lichen Regelun gen be urteilt werden. Dies ist insbesondere im Bereich des Jugendschutzes nicht sachgerecht. 2. Onlinespiele sind von der AVMR-Richtlinie derzeit nicht erfasst. Dies machen die Erwä gungs gründe dieser Richtlinie deut lich. 3. Onlinespiele er füllen die tatbestand lichen Voraus set zungen des einfach- gesetz lichen Rundfunk begriffs nicht, da dieser in erster Linie auf die Linearität des An gebots ab stellt. Mangels Linearität und Ver brei tung ent- lang eines Sendeplans sind Online-Spiele kein einfachgesetz licher Rund- funk. Die für Rundfunk geltenden Regelun gen des RStV sind auf sie nicht anwend bar. Sie stellen auch keine fernsehähn lichen Telemedien im Sinne des § 58 Abs. 3 RStV dar. 4. Online-Spiele sind ebenso wie auch die meisten hybriden Spiele als Tele- medien einzu stufen. Sie unter fallen damit den Regelun gen des RStV, soweit diese für Telemedien gelten. Keine Telemedien sind elektroni sche Spiele, die nur auf Träger medien vor liegen oder solche, die während der gesamten Nutzung keine Verbin dung über elektroni sche Kommunika tions netze auf- bauen. 5. Daher finden für die In-Game-Werbung in Online-Spielen und in den meisten hybriden Spielen die Regelun gen des § 58 Abs. 1 RStV Anwen dung. Diese Vor schrift löst die Problematik der kommerziellen Kommunika tion in Online-Spielen nur teil weise be friedigend. Sie erfasst nur Werbung im Sinne von § 2 Abs. 2 Nr. 7 RStV. Damit ist sie auf Sponsoring, Teles hopping und vor allem Produkt platzie rungen nicht anwend bar. Allerdings geht der Rundfunkstaats vertrag von einem engen Begriff der Produkt platzie rung aus, indem er darunter nur die gekennzeichnete Erwäh nung oder Darstel- lung von Produkten gegen Ent gelt oder ähnliche Gegen leis tung ver steht. 128 Damit ist die Kennzeich nung bereits tatbestand lich Voraus set zung dafür, dass eine Produkt platzie rung vor liegt. Die Kennzeich nung bildet also ein ent scheidendes Unter schei dungs kriterium zwischen Produkt platzie rung und Schleichwer bung. Wird ein Produkt ohne Kennzeich nung platziert, kann es sich daher um eine nach § 58 Abs. 1 RStV ver botene Schleichwer bung handeln. 6. Für Produkt platzie rungen in diesem eng ver standenen Sinne ist er gänzend auf § 6 TMG zurück zugreifen, der eine klare Erkenn bar keit von kommer- zieller Kommunika tion fordert. 7. In-Game-Werbung muss also für den Nutzer als Werbung erkenn bar sein. Dies wird durch eine ent sprechende Kennzeich nung gewährleistet. Das gilt auch für die Produkt platzie rung. Dieses Gebot ergibt sich, je nach Erschei nungs form ent weder aus § 58 Abs. 1 RSTV oder aus § 6 TMG. 8. Die Auf sicht darüber, dass die für Telemedien geltenden Bestim mungen ein gehalten werden, ist zersplittert. Sie richtet sich gemäß § 58 Abs. 2 RStV nach dem jeweiligen Landes recht. Sonder rege lungen be stehen zudem für den Bereich des Daten schutzes gemäß § 58 Abs. 1 RStV. In Nordrhein- West falen ist die Bezirks regie rung Düsseldorf nach dem Telemedien- zuständig keits gesetz vom 29. 3. 2007 für die Auf sicht über die Telemedien zuständig. Andere Länder, wie etwa Berlin, Branden burg, Bremen und Hessen, haben den erkenn bar sachnäheren Landes medien anstalten die Auf- sicht über tragen. 9. Durch dieses zersplitterte Auf sichts system ist eine effektive Durch set- zung der für Telemedien geltenden Bestim mungen und damit der bei der In-Game-Werbung zu be achtenden Vor gaben des § 58 Abs. 1 RStV und er gänzend des § 6 TMG nicht gewährleistet. Schon aus diesem Grunde hätte es nahe ge legen, die Auf sicht über die Einhal tung der für Telemedien geltenden Vor schriften – mit Aus nahme der Telemedien angebote des öffent- lich-recht lichen Rundfunks – der Kommission für Zulas sung und Auf sicht (ZAK) als gemeinsamen Organ aller Landes medien anstalten zu über tragen. 10. Das Tren nungs gebot des § 58 Abs. 1 RStV und die be sonderen Informa- tions pflichten des § 6 TMG sind nicht Buß geld bewehrt. Damit können Ver stöße gegen diese Bestim mungen nicht als Ordnungs widrig keit ge ahndet werden. 11. Die spezifi schen Jugendschutz vorschriften ent halten keine Regelun gen, die darauf ab zielen, Kinder- und Jugend liche generell vor Werbung zu schützen. Die Regelun gen des JMStV be ziehen sich ledig lich darauf, Kinder und Jugend liche vor be stimmten Inhalten in der Werbung zu be wahren. Auch der RStV ent hält – anders als für Rundfunk – keine Vor schriften, die Werbung in Telemedien für Kinder einschränken oder unter sagen. 12. Ein Ver stoß gegen das Lauter keits recht des UWG kommt in erster Linie in Betracht, wenn für den Adressaten der In-Game-Werbung nicht erkenn- 129 bar ist, dass es sich um einen be zahlten Inhalt mit werb licher Absicht handelt. 13. An eine Kennzeich nung sind zwar nicht gleichstrenge Anforde rungen zu stellen wie an die im Fernsehen und in fernsehähn lichen Telemedien. Der Nutzer muss aber durch die Kennzeich nung er kennen können, wenn er sich einer werb lichen Aussage gegen über sieht. 14. Eine Kennzeich nung der Spiele, die In-Game-Werbung ent halten, ist daher in einer Form vorzu nehmen, die dies sowohl dem er wachsenen als auch dem minder jährigen Nutzer deut lich machen. Diese muss sowohl vor Erwerb des Spiels, als auch zu Beginn des Spieles er folgen. Eine dauer- hafte Kennzeich nung für be stimmte werb liche Formen, wie in den ver- gleich baren Regelun gen des RStV ge fordert, ist nach dem UWG grund- sätz lich nicht er forder lich. Im Hinblick auf Spiele für Kinder kann eine dauer hafte Kennzeich nung allerdings durch aus ge boten sein. 15. Zur Erhebung und Nutzung von Daten zu Werbezwecken muss der Nutzer grundsätz lich seine Einwilli gung geben. 16. Die Daten schutz leitlinien der Spielebetreiber ent sprechen nicht immer den gesetz lichen Daten schutz bestim mungen und werden sehr häufig vom Nutzer nicht ge lesen. 17. Durch die Ver knüp fung von Sozialen Netz werken, Spielen und Telekommu- nika tions leis tungen ent steht eine Daten vermischung, die mit den derzeitigen Regelun gen schwer zu be grenzen ist. Hier ist der Gesetz geber ge fordert, sich mit den neuen medialen Kommunika tions formen und ihren speziellen Rege lungs bedürf nissen auseinander zusetzen. 130 Literatur Backu, Frieder / Karger, Michael (2007): Online-Games – Ordnungs recht licher Rahmen für Online-Computerspiele, ITRB 2007, 13 ff. 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Auch für die Kommu- nika tions wissen schaft und die Medien pädagogik bringt die varianten reiche und technisch komplizierte neue Werbeform eine Reihe von neuen – teil weise jedoch auch schon be kannten – Heraus forde rungen mit sich. Sie be ziehen sich auf die Ermitt lung des Wirkungs potenzials von In-Game-Werbung sowie auf Fragen der medien pädagogi schen Interven tion und Kompetenzförde rung. Gerade Letzteres ver weist auf die Notwendig keit, gerade den Umgang von Kindern mit In-Game-Werbung genauer in den Blick zu nehmen: Zum einen ge hören zahl reiche bei Kindern sehr be liebte Titel (z. B. Sportspiele oder „Die Sims“) zu den wichtigsten Werbeträgern unter den Computerspielen. Zum anderen hat die bisherige Forschung über Kinder und konventionelle Werbung immer wieder Hinweise auf be sondere „Anfällig keiten“ junger Publika für Werbewir kungen er bracht.1 Zum Gegen stands bereich Kinder und Werbung gibt es mittlerweile einen breiten Fundus akademi scher empiri scher Forschung. Dabei richtet sich der Betrach tungs fokus jedoch über wiegend auf die „klassi schen“ Werbeformen wie etwa Anzeigen-, Plakat- oder (vor allem) Fernsehwer bung.2 Die ge stiegene Präsenz und wirtschaft liche Relevanz von computerspielintegrierter Werbung allgemein und gerade auch im Bereich der Kinder- und Jugendspiele wurde in 1 Vgl. Charlton, M., Neumann-Braun, K., Aufenanger, S., Hoffmann-Riem, W. et al. (1995). Fernsehwer bung und Kinder: Das Werbeangebot in der Bundes republik Deutschland und seine Ver arbei tung durch Kinder. Opladen. 2 Wright, P., Friestad, M., & Boush, D. M. (2005). The development of marketplace persuasion knowledge in children, adolescents, and young adults. Journal of Public Policy & Marketing, 24(2), S. 222 ff. 136 den wissen schaft lichen Forschungs aktivitäten (noch) kaum be rücksichtigt, sodass über das Ver ständnis und die Umgangs kompetenzen von Kindern mit dieser ver gleichs weise neuen Werbeform so gut wie nichts bekannt ist. Die bisherigen Forschungs bemühungen im Bereich In-Game-Werbung konzentrierten sich fast aus schließ lich auf experimentelle Wirkungs studien mit jungen Erwach senen. Auf grund der erheb lichen ent wick lungs psychologi schen Unter schiede zwischen Kindern und (jungen) Erwachsenen, kann das aus diesen Studien ge won- nene Daten material allen falls Anhaltspunkte für die kind liche Rezep tion von In-Game-Werbung und deren Wirkung liefern bzw. kann dafür als Referenz- wert dienen.3 Deshalb wurde im Rahmen des LfM-Projekts zur In-Game- Werbung zunächst umfassendes empiri sches Explora tions wissen an gestrebt. Zu diesem Zweck wurde eine qualitative Interviewstudie mit Kindern im Alter zwischen acht und 14 Jahren durch geführt, die dann auch zur Konzep tion einer nach folgenden Experimentalstudie heran gezogen wurde (vgl. dazu unten: Kapi- tel III.2). Ziel der Interviewstudie war es, erste Erkenntnisse über das In-Game-Werbe- verständnis von Kindern und ihre Performanz in Hinblick auf zentrale Dimen- sionen der Werbewir kung zu er langen. Neben der Ver ständnis komponente soll- ten somit auch die kind liche Erinne rung und die Bewer tung bzw. Akzeptanz von werb lichen Kommunika tions maßnahmen unter sucht werden, da diese wich- tige Aus sagen über deren Werbewir kung auf die Rezipienten er lauben:4 Verständnis von In-Game-Werbung: Die Interviewstudie sollte das Werbe- verständnis der 8- bis 14-jährigen Befragten explorieren und Anhaltspunkte für mögliche alters bezogene Differenzen sowie für Unter schiede zwischen dem allgemeinen Ver ständnis von (Fernseh-)Werbung und Werbung in Computer- spielen sammeln. Zusätz lich wurde nach der Quelle des Werbe verständnisses ge fragt (z. B. Gespräche mit Eltern oder Lernein heiten in der Schule).Werbe- verständnis wurde dabei als mehrstufiges kognitiv-affektives Phänomen auf- gefasst, das sich durch ver schiedene, meist an das Alter ge koppelte Differenzie- rungs prozesse sukzessive heraus bildet. Es setzt sich aus mehreren (jeweils unter schied lich interindividuell aus geprägten) Ver ständnis komponenten zusam- men: Werbung wird als solche erkannt, das Wahrgenommene also unter dem ab strakten Werbekonzept subsumiert (Erken nung). Weiter hin sind die Ziele, die mit Werbemaßnahmen ver folgt werden (Bekannt heit steigern, zum Kauf anregen etc.) und deren mögliche Adressaten bekannt, d. h. es besteht ein Bewusstsein für den persuasiven Charakter von Werbung und für die intentional ein gesetzten persuasiven Taktiken der Werbetreibenden. All diese Facetten 3 Vgl. Wright et al. 2005. 4 Zur Werbewirkungs forschung vgl. etwa Moser, K. (2007). Werbewirkungs modelle. In K. Moser (Hrsg.), Wirtschafts psychologie (S. 11 ff.). Heidel berg. 137 ent wickeln sich graduell, sind häufig zunächst kontext gebunden, also an be- stimmte Rezep tions situa tionen und Darstel lungs formen ge koppelt (z. B. Unter- brecherwer bung im Fernsehen) und er reichen erst mit zunehmender Erfah rung und kognitiver Reife ein höheres Ab strak tions niveau.5 Erinne rung an In-Game-Werbung: Weiter hin sollte mit Hilfe der Interview- studie eruiert werden, wie die Werbewirkungs dimensionen der (be wussten) Erinne rung in Bezug auf game-spezifi sche Werbung bei den Kindern aus- geprägt sind. In welchem Maße können sie sich direkt nach dem Spiel bewusst an die darin ent haltenen Werbeplatzie rungen erinnern? Zudem sollte exploriert werden, inwiefern die Erinne rungs qualität von klassi schen Werbemaßnahmen im Spiel und virtuellen Produkt platzie rungen unter schied lich aus fällt, da Letz- tere auf grund ihres weniger offensicht lichen Werbecharakters möglicher weise schwieriger zu er kennen sind. Bewer tung und Akzeptanz von In-Game-Werbung: Schließ lich war in Bezug auf die Frage nach der Wirkung von computerspielintegrierter Werbung auch deren Bewer tung und Akzeptanz von Relevanz. Empfinden die Kinder In-Game-Werbung als Störquelle oder als Zu gewinn im Sinne eines reali täts- und/oder spaßsteigernden Effekts? Stehen sie ihr mithin eher positiv oder eher ab lehnend gegen über, und woran orientiert sich ihre Bewer tung? Darüber hinaus sollten sich die Befragten allgemein zu Fernsehwer bung äußern, um die Bewer- tungs aussagen zur In-Game-Werbung einordnen zu können. Die Befunde bis- heriger Studien weisen darauf hin, dass jüngere Kinder (Fernseh-)Werbung in der Tendenz positiver be werten, als ältere Kinder.6 Welche Muster sich dies- bezüg lich hinsicht lich computerspielebezogenen Werbemaßnahmen andeuten, sollte die Analyse der vor liegenden Interviews ergeben. III.1.2 Methodi sches Vor gehen Um Auf schlüsse über die drei be schriebenen Erkenntnis bereiche zu er langen, wurden die Zielformulie rungen in Interviewfragen über führt und zu einem Leitfaden zusammen gefasst (s. Kurz-Leitfaden im Anhang), der als Grundlage für die Gespräche mit den 8- bis 14-jährigen Kindern dienen sollte. Der Leit- faden gliedert sich ent sprechend in die drei Themen komplexe Erinne rung, Ver ständnis sowie Bewer tung und ent hält er gänzend Fragen zum individuellen Spiel verhalten (Frequenz, Genre) der Probanden. Als Interviewform wurde ein 5 Vgl. Charlton et al. 2005; vgl. Wright et al. 2005. 6 Vgl. etwa Voll brecht, R. (1996). Wie Kinder mit Werbung umgehen: Ergebnisse eines Forschungs projekts. Media Perspektiven, 6, S. 294 ff.; vgl. Glogauer, W. (1998). Die neuen Medien ver ändern die Kindheit: Nutzung und Auswir kungen des Fernsehens, Videofilme, Computer- und Videospiele, Werbung und Musik- video clips (4. Aufl.). Weinheim. 138 problemzentrierter Zugang aus gewählt, d. h. der Gegen stand des Interviews (Werbung in Computerspielen) wurde nicht aus schließ lich ab strakt be sprochen, sondern die Probanden setzten sich vor und während des Interviewgespräches aktiv damit auseinander, indem sie zunächst für 10 Minuten das Autoren nspiel „GTR Evolu tion“ spielten und ihnen im weiteren Ver lauf des Interviews zudem Screens hots aus dem gleichen Spiel ge zeigt wurden, auf die sie sich in ihren Antworten be ziehen sollten bzw. konnten. Das Genre Autoren nen wurde ge- wählt, weil es a) stark werbeaffin und b) bei beiden Geschlechtern beliebt ist (wobei die erwart bar größere Affinität bei Jungen zwar ge geben ist, jedoch wäre diese bei anderen Genres, beispiels weise Fußballsimula tionen, deut lich stärker ins Gewicht ge fallen). Im Vorfeld der eigent lichen Erhe bungs phase wurde der Leitfaden in einem Pretest auf seine Praktikabilität hin über prüft. Die Interviewerinnen (studenti- sche/wissen schaft liche Mitarbeiterinnen) er hielten eine ausführ liche Schulung zu allgemeinen Techniken und Kriterien der Interviewdurchfüh rung sowie im Speziellen zur Gesprächsfüh rung mit Kindern, da diese einige (natür liche) Besonder heiten (wie etwa einen meist sehr knappen Umfang der Antworten und eine geringe Präzision der Äußerun gen) auf weist. Die jungen Interviewteilnehmer wurden über eine Schule in der Stadt Mainz7 sowie über eine Konfirmanden gruppe in der Stadt Groß-Gerau rekrutiert. Die Eltern der Kinder wurden im Vorfeld über den Zweck und den Ver lauf des (freiwilligen) Interviews informiert und um ihre schrift liche Einwilli gung ge- beten. Die Interviews fanden in für die Befragten ver trauten Umgebun gen statt (Aufenthalts- und Arbeits räume innerhalb des Schulgebäudes bzw. Unter richts- räume im Gemeindehaus), um zu gewährleisten, dass sie sich in der für sie un gewohnten Interviewsitua tion möglichst wohl- und sicher fühlten. In der Regel nahmen die Interviews zwischen 10 und 15 Minuten in Anspruch, exklu- sive der vor geschal teten Autoren nspielnut zung von 10 Minuten. Alle Gespräche wurden auf gezeichnet (nur audio) und an schließend für die Auswer tung trans- kribiert. Im Anschluss an das Interview erhielt jedes teilnehmende Kind als Dankeschön einen Warengutschein eines lokalen Spielzeug geschäfts im Wert von je 5 EUR. Insgesamt wurden 25 Interviews ge führt, acht mit weib lichen und 17 mit männ lichen Probanden, darunter zwei Achtjährige, sieben Neun- und neun Zehnjährige, ein Elfjähriger, ein zwölfjähriger Schüler sowie zwei Schüler im Alter von 13 und drei Probanden im Alter von 14 Jahren (vgl. Tabelle 2). 7 Unser Dank für die Unterstüt zung bei der Rekrutie rung gilt Prof. Dr. Aufenanger, Universität Mainz, und speziell seiner Mitarbeiterin Frau Nina Heinemann. 139 Tabelle 2: Alter und Geschlecht der Interviewten Lfd. Nr. Zita tions- code Alter Geschlecht Lfd. Nr. Zita tions- code Alter Geschlecht 1 1 11 Jahre m 14 15 10 Jahre w 2 2 10 Jahre m 15 16 9 Jahre m 3 3 9 Jahre m 16 19 10 Jahre m 4 4 9 Jahre m 17 20 12 Jahre m 5 5 8 Jahre m 18 21 10 Jahre m 6 6 9 Jahre m 19 22 9 Jahre w 7 7 9 Jahre m 20 23 10 Jahre w 8 8 8 Jahre m 21 40 13 Jahre m 9 9 10 Jahre w 22 41 13 Jahre w 10 10 10 Jahre w 23 42 14 Jahre w 11 11 10 Jahre m 24 50 14 Jahre m 12 13 9 Jahre w 25 51 14 Jahre m 13 14 10 Jahre m N = 25 m = 17, w = 8 III.1.3 Ergebnisse Die Antworten der Befragten wurden den drei Fragestel lungen ent sprechend gruppiert, systematisiert und interpretiert. Im Folgenden werden die wichtigsten Ergebnisse in Form von ver dich teten Antwortmustern vor gestellt. III.1.3.1 Ver ständnis von In-Game-Werbung Die Ausfüh rungen der Kinder, aus denen sich Rückschlüsse auf ihr Werbe- verständnis ziehen lassen, weisen einige fall übergreifende (z. T. alters abhängige) Ähnlich keiten auf, die zu fünf Mustern zusammen gefasst werden. Intuitives Erkennen von TV-Werbung: Aus gehend von den vier Stufen der Werbe erken nung8 lassen die Aus sagen der jüngeren Befragten im Alter von 8 bis 11 Jahren (noch) auf ein eher intuitives Erkennen von (Fernseh-)Werbung schließen: Die Identifika tion von werb licher Kommunika tion stützt sich nicht auf be stimmte benenn bare Merkmale, sondern erfolgt ge wissermaßen „aus dem Gefühl heraus“. So stellt beispiels weise ein Zehnjähriger pragmatisch fest „und da steht so Werbung, da kommt eine Werbung und da isses einfach eine Werbung […] einfach so“ (Interview 19). Ein Alters genosse führt ein wenig weiter aus: „Die sagen dann immer: Kaufen Sie’s jetzt, nur noch für kurze Zeit“ (Interview 14), und ein anderer Befragter meint: „Die zeigen das alles so und […] die zeigen ja so Dinge in der, zum Beispiel wie Wasch pulver oder 8 Vgl. Charlton et al. 1995. 140 so“ (Interview 5, 8 Jahre). Im Gegen satz dazu ist bei den älteren Mädchen und Jungen ein aus geprägteres Werbe verständnis erkenn bar, da sie ver mehrt auf formale Merkmale rekurrieren, wie etwa ein 13-Jähriger, der erklärt: „Die sagen dann meistens so „gleich geht’s weiter“ oder sowas und dann kommt erst ’ne Film vorschau für die nächsten Filme. Und erst dann kommt Werbung und am Ende ist das genau nochmal so. Also da kommt dann wieder, also da kommt dazwischen dann meistens auch nochmal ’ne Werbung von dem Sender selbst“ (Interview 40). Ein Mädchen bezieht sich eben falls auf Werbehin weise, denn „bei so normaler Werbung, da zeigen die das ja an“ (Interview 41, 13 Jahre) und eine 14-Jährige führt aus, dass „’ne Serie ja auch länger dauern [würde], als ’ne Werbung. Und ja man merkt das auch, was die gerade da machen, weil bei ’ner normalen Serie würden die jetzt nicht irgendwie die ganze Zeit irgendwo was putzen oder so“ (Interview 42). Fehlende Werbe erken nung bezüg lich interaktiver Product Placements: Die Ausfüh rungen der jungen Computerspielerinnen und -spieler lassen ver muten, dass sich das Identifika tions vermögen für computerspielebezogene Werbung eben falls (s. o. zum Ver ständnis von TV-Werbung) inkrementell ent lang des (u. a. alters abhängigen) kognitiven Ent wick lungs standes ent wickelt, da die Jüngeren von den werb lichen Spielelementen meist nur die „klassi schen“ Werbeformen (Brand-Presence-Maßnahmen) er kannten, wohingegen die älteren Befragten darüber hinaus auch weniger offensicht liche Werbeplatzie rungen er fassten. In der im Interview er betenen Beschrei bung zweier Screens hots aus dem Stimuluss piel, in denen jeweils sowohl eine Brand-Presence-Maßnahme (eine Banden werbung von Seat bzw. Canon) und ein Game Element (beide Male ein Audi-Fahrzeug) sicht bar waren, be reitete die Identifika tion der Brand- Presence-Objekte als „Werbung“ den Kindern kaum Probleme. So beginnt ein Zehnjähriger zu be schreiben: „Ja, hier zum Beispiel sehe ich Werbung“ [zeigt auf die Seat-Banden werbung] (Interview 11); ein Junge zählt auf, „da sind die Reifen, wo ich schon erzählt hab und hier sind so Schilder, so Werbeschilder“ (Interview 6, 9 Jahre) und ein anderer stellt fest, „hier ist Seat-Werbung und hier ist Canon-Werbung“ (Interview 40, 13 Jahre). Demzufolge scheint das Ver ständnis für Werbung in Computerspielen insofern vor handen zu sein, als die interviewten Kinder zwischen acht und 14 Jahren Brand-Presence-Maß- nahmen zumindest als „Werbung“ identifizieren können. Interessanter weise unter scheidet sich dieses Identifika tions muster für Brand- Presence-Werbung von dem Muster, das sich in Bezug auf das Ver ständnis von Game Elements zeigt: Vor allem viele der jüngeren Spielerinnen und Spieler (8- bis 11-Jährige) fassten das Product Placement von Audi nicht als Werbung auf, sondern nahmen das Audi-getreu modellierte Fahrzeug als einen natür lichen Bestand teil des Spiels ohne dahinterstehende werb liche Inten tion wahr. Ein zehnjähriger Junge antwortet auf die Nachfrage der Interviewerin, 141 ob der Audi [u. a. erkenn bar an den „Audi-Ringen“ auf der Mitte des Lenkrads] auch Werbung sei: „Nein, das ist keine [Werbung], das ist die Hupe. […] Das soll glaube ich Dekora tion sein“ (Interview 14). Ähnlich weist auch ein anderes Kind das Attribut „Werbung“ zurück, mit seiner Antwort: „Nein, das ist eine Automarke“ (Interview 11, 10 Jahre) und ein Weiteres stellt fest, „Nein, das ist keine Werbung, sondern ’ne Automarke“ (Interview 8, 8 Jahre). Der Terminus „Marke“ wird von den Befragten sehr häufig zur Beschrei bung der virtuellen Audi-Produkt platzie rung ver wendet. Das Bewusstsein, dass eine Marke mehr sein kann, als bloßes Objektidentifika tions merkmal, nämlich auch als selbst- referentielles Werbeobjekt fungieren kann, scheint sich erst in einer späteren kognitiven Ent wick lungs stufe heraus zubilden. Die beiden folgenden Zitate illustrie ren die unter schied lichen Ver ständnis ebenen: I: Und wenn du jetzt das hier nimmst, wenn du jetzt sagst, das ist von Audi, ist das auch Werbung? B: Audi? Nein, weil das ist ja die Marke. Von das Auto. I: Also wenn so etwas in ’nem Spiel drin ist, ist das keine Werbung? B: Hm hm, nein. Das ist ’ne Marke. (Interview 5, 8 Jahre, männ lich) I: Siehst du da auch irgendwo Werbung? B: Ja hier ist Seat-Werbung und hier ist Canon-Werbung. I: Und noch irgendwo? B: Ähm, sonst sehe ich glaub ich nix. Ah, doch, doch, klar, Werbung für Audi, hier. Es steht ja, also hier steht ja hinten auch die Automarke drauf, wie das heißt. (Interview 40, 13 Jahre, männ lich) Unsicheres Inten tions wissen bezüg lich In-Game-Werbung: Legt man die vor- nehm lich an der TV-Werbung orientierten Ver ständnis ebenen zur Inten tion von Werbung zugrunde, ist davon auszu gehen, dass Kindern ab etwa sieben Jahren bewusst ist, dass Werbung zum Kauf anregen will und sie ab einem Alter von ca. acht bis neun Jahren be ginnen, den Wahr heits gehalt von Werbung kritisch zu hinter fragen.9 Diese Einschät zung lässt sich anhand des vor liegenden Daten materials weit gehend be stätigen. So meint etwa ein neunjähriger Junge auf die Frage hin, was die Werbung denn er reichen wolle: „Ja, zum Beispiel, dass jemand was kaufen will oder so […], dass die Sachen schneller ver kauft werden“ (Interview 3), und eine Zehnjährige weiß, dass man in der „Werbung, da stellt man neue Produkte und so etwas vor. […] Damit man die Sachen kauft und weiß, dass es die über haupt gibt und so etwas“ (Interview 9). Ein Junge (Interview 14, 10 Jahre) merkt kritisch an: „Die wollen, dass voll viele die kaufen, dass die mehr Geld einkassieren. […] Werbung ist nur dazu da, 9 Vgl. Charlton et al. 1995; vgl. Rosenstock, R. & Fuhs, B. (2006). Kinder – Werte – Werbekompetenz. tv diskurs, 10(4), S. 4 ff. 142 dass du Sachen kaufst von ihnen und das ist eigent lich unlogisch, weil dann hat man es nur ein, zwei Jahre und dann kann man sowieso wieder was Neues kaufen, weil’s kaputt ist“. Doch wie sieht es nun mit der Einschät zung der Inten tionen speziell von Werbung in Computerspielen aus? Hier zeigen sich vor allem die jüngeren Befragten (nachdem sie ent weder eigenständig die integrierten Werbeplatzie- rungen erkannt hatten oder von der Interviewerin darauf hin gewiesen wurden) eher heterogen in ihren Einschät zungen zur Zweck verfol gung der Werbe maß- nahmen. Ein acht Jahre alter Befragter attestiert der im Computerspiel inte- grierten Werbung eine ornamentale Funktion, auf die Frage der Interviewerin, warum es Werbung in Computerspielen gäbe, bemerkt er, „[…] weil die das ja nur schmücken wollen, ja und dass es nicht so leer aus sieht oder ja, hm“ (Interview 5). Dagegen ist sich ein anderer Befragter sicher, dass Werbung auch in Computerspielen darauf abzielt, „dass die Sachen schneller ver kauft werden“ und er scheint dabei von einem, dem Stimulus-Response-Modell ähn- lichen direkten Wirkungs zusammen hang auszu gehen, wenn er für das Audi- Placement prognostiziert, „[…] mein Onkel spielt auch solche Spiele, und der guckt sich das an und will dann auch so einen Audi, also so ein Auto kaufen“ (Interview 3, 9 Jahre). Ein 9-jähriges Mädchen scheint von einem informations- bezogenen Werbezweck auszu gehen, „damit man weiß, was jetzt neu kommt“ (Interview 22). Für die älteren Befragten stellte die Erfas sung des (finalen) Ziels von In-Game-Advertising, also der Anregung zum Kauf/zur Nutzung von Produkten und Dienst leis tungen, über wiegend kein Problem dar: B: Ja, die wollen halt be stimmte Zielgruppen an sprechen und ähm, die wollen halt, ja die wollen ihre Produkte halt auch ver kaufen. Deshalb ver suchen die in allen möglichen Sachen zu werben. Ich meine, es gibt ja Radiower bung, Fernsehwer bung, in der Zeitung gibt’s Werbung, in Computerspielen gibt es eben jetzt auch Werbung. (Interview 40, 13 Jahre, männ lich) I: Und warum sollen die Werbung denen auf fallen? Also wieso machen die das da [in die Computerspiele] rein? B: Dass man zum Beispiel diese Produkte oder die Sachen, die man sieht […] einfach kauft. I: Also dass, dass jetzt die Leute, die das Spiel spielen, dass die die kaufen meinst du? B: Ja genau. (Interview 42, 14 Jahre, weib lich) I: Warum lassen denn die Spielehersteller ihre Werbung jetzt da reinpacken, die Unter- nehmen, beispiels weise jetzt der Autohersteller? B: Ja, damit äh, also das ist jetzt nur ein Beispiel, wenn das Spiel jetzt zum Beispiel bekannt ist und dann sieht man ja, ok, die machen Werbung für das, dann muss das ja auch gut sein. Und dann tut man sich das vielleicht mal angucken. I: Das Produkt meinst du jetzt? B: Ja, genau. 143 I: Angucken oder noch irgendwas anderes? B: Kaufen. (Interview 41, 13 Jahre, weib lich) Adäquates Adressaten verständnis bezüg lich Brand-Presence-Maßnahmen: Zur vollständigen Inten tions erfas sung gehört es auch, dass die eigene Person als Adressat von Werbung erkannt wird. Die Werbewirkungs forschung geht dabei davon aus, dass Kinder im Durch schnitt ab dem Alter von etwa 10 bis 11 Jahren ver stehen, dass Werbung sich auch konkret an sie als Individuum wendet, sie an sprechen und zu etwas anregen will.10 In Bezug auf die Werbung in Compu- ter spielen ergab die Auswer tung der Leitfaden interviews, dass die Kinder ab etwa 10 Jahren über ein solches Adressaten verständnis ver fügen, beispiels weise antwortet eine 10-Jährige auf die Frage, ob die Werbung sich auch an sie richte: „Ja, klar. Die wollen aber auch was von anderen. Von allen.“ (Interview 13), ein 11-Jähriger meint dazu: „Ja, die wollen, dass jeder was käuft“ (Interview 1) und ein anderer Junge ist sich sicher, „Ja klar, weil ich spiel ja das Spiel“ (Interview 41, 13 Jahre). Es wird jedoch deut lich, dass die Annahmen zur Adressie rung bei einigen Befragten mit einer ge wissen Unsicher heit be haftet sind, so antwortet ein 10-jähriges Mädchen auf die Frage, ob sie auch durch die Werbung im Computerspiel an gesprochen werden soll, unschlüssig: „Ja. Weiß ich nicht. Kann sein. Schon“ (Interview 15) und eine 14-jährige Befragte über legt, „Hm …, ich denke schon“ (Interview 42). Insgesamt weisen die Kom- mentare der meisten Kinder aber daraufhin, dass sie ver stehen, dass Werbung sich nicht nur allgemein an ein diffuses Publikum, sondern auch konkret an sie als Individuum wendet, sie an sprechen und zu etwas anregen will. Dies gilt natür lich jedoch nur dann, wenn Werbung auch als solche identifiziert wurde, wie es bei den meisten Kindern in Bezug auf die integrierten Brand- Presence-Maßnahmen ge geben war. Im Falle der integrierten Audi-Produkt- platzie rung kann für die jüngeren Kinder konstatiert werden, dass wegen ihrer an gesprochenen Schwierig keiten, die Produkt platzie rung über haupt als persua- sives Objekt zu be greifen, kein diesbezüg liches Adressaten verständnis vor liegt. Keine an geleitete Aneig nung von Werbewissen: Ihre Kenntnisse und Annahmen über Werbung im Allgemeinen scheinen sich die Befragten fast aus schließ lich selbst ange eignet zu haben; durch Eltern oder im institu tionellen Rahmen (z. B. im Schul unterricht) realisierte an geleitete Werbewissen-Vermitt lung findet den Aus sagen der Kinder zufolge kaum statt. Ein Befragter erinnert sich, im schuli- schen Kontext das Thema Werbung diskutiert zu haben: 10 Vgl. etwa Rosenstock & Fuhs 2006. 144 B: Also in Englisch hatten wir mal ’ne Debatte zum Thema „Werbung in der Schule“ ge macht. Ja, da haben wir halt be sprochen, weil wie ich schon gesagt hab, die ver suchen halt überall ihre Werbung zu ver breiten und da haben wir halt so einen Text ge lesen, dass es in manchen Teilen der USA auch Werbung in der Schule gibt. Nicht un bedingt im Klassen raum, aber meinet wegen in der Mensa oder in so der Pausen halle oder so. Und da haben wir das auch eher ab gelehnt. Äh und äh, dass es ablenkt während der Schulzeit und solche Sachen. Also wir haben schon über Werbung ge sprochen aber jetzt nur so speziell in der Schule oder so was. (Interview 40, 13 Jahre) Auch die Aktivitäten seitens der Eltern scheinen im Bereich der „Werbe erzie- hung“ be grenzt. In den Fällen, wo Werbung in einem Gespräch mit den Eltern thematisiert wurde, ging es zumeist um durch Werbung an gestoßene Wünsche der Befragten, deren Erfül lung von den Eltern ver neint wurde, so stellt ein 10-Jähriger nüchtern fest: „Ich hab ge fragt, ob ich das haben kann, hat sie gesagt nein“ (Interview 14). Ver einzelt erinnerten die Kinder aber auch eine elterngeleitete intensivere Auseinander setzung mit dem Werbethema: I: Und Zuhause? Hast du, haben deine Eltern schon mal mit dir über Werbung ge- sprochen? B: Ja, sie soll ja dazu ver leiten zu kaufen. Und da muss man dann halt über legen, ob’s sinn voll ist oder nicht. (Interview 41, 13 Jahre, weib lich) I: Woher weißt Du was über Werbung? Habt ihr schon mal in der Schule über Werbung ge sprochen oder mit den Eltern? B: Ja, also mit meinen Eltern, also ich hab da im Fernsehen mal was gesehen und dann hab ich mal ge fragt: Können wir das haben? […] und dann sagen sie halt so: Das ist Werbung und so. Ja, also, dass die halt nur Werbung machen, dass das alles nicht so gut ist, wie in der Werbung. (Interview 11, 10 Jahre, männ lich) III.1.3.2 Erinne rung an In-Game-Werbung Die Aus sagen der be fragten Kinder zu ihrer (be wussten) Erinne rung an Wer- bung in dem von ihnen zuvor ge nutzten Stimuluss piel, lassen ein typisches Muster er kennen. Ausblen dung von für den Spiel verlauf peripheren Elementen: Es ist eine auf fällige Fokussie rung der Auf merksam keit erkenn bar, die sich nach Angaben der Spielerinnen und Spieler fast aus schließ lich auf die aus geführte Spielhand- lung richtet (hier: die Steue rung des Autos auf der Rennstrecke). Hingegen werden periphere Elemente, Objekte also, die für den Spiel verlauf nicht be- deutsam sind, weit gehend aus geblendet. Zu dieser Objekt kategorie ge hören auch Werbemaßnahmen, die im Falle des Stimuluss piels aus am Fahrbahnrand 145 arrangierten Banden werbun gen be standen (u. a. für den Fernsehsender Euro- sport, den Automobilhersteller Seat, den Kamerahersteller Canon). Die imple- men tierten Werbemaßnahmen scheinen außerhalb des Beach tungs rahmens der Kinder zu liegen: Ein neunjähriger Junge führt beispiels weise aus, man müsse „sich auf das Spiel konzentrierten, man guckt sich das da [zeigt auf die Banden- werbung] nicht an, guckt nur einfach auf die Straße“ (Interview 7), und ein anderer meint, „dass man bei Computerspielen nicht so drauf achtet, find ich. Also ich konzentriere mich dann mehr auf’s Spielen als auf die Werbung. […] ich achte nicht darauf. Ich konzentriere mich einfach auf’s Fahren“ (Interview 16, 9 Jahre). Die „Nicht-Beach tung“ von nicht unmittel bar hand lungs relevanten Komponenten in der virtuellen Spielwelt wird u. a. mit dem Immer sions erleben in Verbin dung ge bracht. So bemerkt ein 13-Jähriger kritisch, dass man „in ’nem Computerspiel, meistens ist man ja da sowieso so ’n bisschen da rein- versetzt, da be achtet man die eigent lich gar nicht. Da ver steh ich den Sinn der Werbung auch nicht so ganz. […] So am Rand, das hier, da hab ich über haupt nicht drauf ge achtet. Also ich bin da mehr so auf das Spiel konzentriert. Ich halte das nicht so für be sonders sinn voll“ (Interview 40). Freilich ist dieses Muster der Selbsteinschät zung zunächst nur so zu ver stehen, dass die jungen Spielerinnen und Spieler solche Werbemaßnahmen nicht be achten wollen. Sie zeigen damit zwar die Inten tion zur Trennung von Werbung und eigent lichem Spielinhalt; es bleibt aber anderen Forschungs designs (nämlich dem nach- folgenden Experiment vgl. Kapitel III.2) vor behalten, die tatsäch liche Wahr- nehmung auch randständiger In-Game-Werbung bei jungen Spielerinnen und Spielern objektiv und systematisch zu unter suchen. III.1.3.3 Bewer tung und Akzeptanz von In-Game-Werbung Die Auswer tung hinsicht lich des Themen bereiches Bewer tung von In-Game- Werbung legte zwei relevante Muster offen, anhand derer sich die Bewer tungs- punkte und -rich tung der Kinder für In-Game-Werbung nach vollziehen lassen. Größere Reali täts nähe durch In-Game-Werbung: Den Aus sagen der Befrag- ten nach trägt Werbung in Computerspielen zu einer realisti sche(re)n Spiele- umge bung bei. Die integrierten Werbeplatzie rungen werden als reali täts konsti- tuierende bzw. -imitierende Elemente wahrgenommen. „Wie in der wirk lichen Welt sieht’s dann aus“ (Interview 2), meint etwa ein 10-Jähriger. Ein anderer, ge fragt nach dem Werbebeitrag zum Reali täts empfinden, zieht einen konkreten Ver gleich, „ja, schon, im Autoren nen im Fernsehen ist auch so welche [Wer- bung]. Beim Fußball ist auch sowas, da ist auch so ’ne Begren zung, da stehen da so die ganze Zeit so welche Marken von Autos oder sowas“ (Interview 21) und ein Gleichaltriger rekurriert explizit auf den Beitrag von In-Game-Werbung zur „Echtheit“, wenn er be gründet, „eigent lich sieht es mit Werbung echter aus, weil bei manchen echten Autoren nen gibt’s ja auch so voll viel Werbung“ 146 (Interview 14). Das Daten material wurde auch dahin gehend unter sucht, ob sich die werbeinduzierte Reali täts nähe positiv auf den Spielspaß aus wirkt. Die Ergeb nisse der systemati schen Durch sicht ver weisen auf eine positive Attribuie- rung der durch die implementierten Werbemaßnahmen unter stützten „Echtheit“ des Spielgeschehens. In-Game-Werbung kann demnach als spielspaßsteigernd empfunden werden, so hebt etwa ein Befragter hervor, „das macht es irgendwie echter, das sieht einfach cooler aus dann“ (Interview 11, 10 Jahre). Ein anderer Junge be stätigt, dass der Spielspaß ohne Werbung geringer wäre: „Dann wäre es irgendwie langweilig, wenn da alles leer wäre. Ohne die Schilder und so, dann wär’s irgendwie langweilig. […] Es würde weniger Spaß machen ohne Werbung“ (Interview 4, 9 Jahre) und ein 14-Jähriger über legt, „ja, also es macht irgendwie, ist dann spannender, also es ist dann realer halt. Und wenn da jetzt nur Horizont und blauer Himmel wäre, dann würd’s nicht so Spaß machen, ja“ (Interview 50). Positivere Beurtei lung von In-Game-Werbung als von Fernsehwer bung: Neben dem Aspekt des reali täts- und damit spielspaßsteigernden Potenzials von In-Game-Advertising fällt auch deren Gesamtbewer tung positiv aus, ins- besondere, wenn TV-Werbung als Ver gleichs größe heran gezogen wird. Der Fernsehwer bung wird ein geringer Unter hal tungs wert attestiert, sie wird als „langweilig“ empfunden (Interview 2, 10 Jahre, männ lich) und als Störgröße wahrgenommen, die oftmals den Span nungs ablauf unter bricht. So moniert ein 9-jähriger Junge, „ich find das halt doof, denn wenn man gerade ’nen span- nen den Film guckt und gerade wo’s ganz spannend wird, tun die dann immer Werbung reinhauen, ganz viel“ (Interview 4). Ent sprechend ist es der un gestörte Hand lungs fluss, der bei der (ver gleichenden) Bewer tung von Werbung in Com- pu ter spielen positiv hervor gehoben wird, denn „bei der Fernseherwer bung, da kann man halt die Filme nicht richtig zu Ende gucken, aber hier stört’s ja eigent lich nicht […]. Oft siehst du’s ja gar nicht […]“ (Interview 6, 9 Jahre, männ lich). Dass der Rezep tions fluss ein ent scheidendes Kriterium für die Bewer tung von TV- bzw. Computerspielewer bung ist, ver deut licht auch das folgende Zitat einer 13-jährigen Befragten: B: Also im Computer tut ja die Werbung nicht das Spiel unter brechen und im Fernsehen die Werbung ja schon. […] Also mich tut deshalb im Fernsehen die richtige Werbung mehr stören, aber die normale Schleichwer bung, wo jemand was auf den Tisch stellt, das stört mich nicht. (Interview 41, 13 Jahre, weib lich) Der un gehinderte Rezep tions fluss ist demnach ein ent scheidendes Kriterium für die Werbeakzeptanz der Kinder, die bessere „Tarnung“ des Persua sions- versuchs zumindest bei hochintegrierter In-Game-Werbung ist dagegen kein Anlass für ab lehnende Urteile. Dieser Befund konvergiert mit Ergeb nissen einer früheren experimentellen Studie mit jungen Erwachsenen, die auch für 147 erheb liche Intensitäten von In-Game-Werbung keinerlei Reaktanz bei den Spielern er mittelt hat.11 III.1.4 Fazit Die Befunde der Interviewstudie zeichnen ein zweigeteiltes Bild des Umgangs von Kindern mit In-Game-Werbung. Einer seits er weisen sich insbesondere die älteren Befragten (im Alter von 13 und 14 Jahren) als durch aus werbe erfahren. Dass sie umworben werden und dass persuasive Ab sichten in kommerzieller Kommunika tion lauern, ist ihnen vielfach bewusst, und reflektiert man mit ihnen gemeinsam über das Thema Werbung, sind sie durch aus in der Lage, auch „ver borgene“ Werbekommunika tion wie etwa interaktive In-Game-Place- ments zu durch schauen. Eindeutig hinter lässt hier das Medien handeln der jungen Genera tion (die bereits früh mit zahl reichen Varianten elektroni scher Medien vom Fernsehen bis zu Online-Diensten konfrontiert ist) Spuren im Sinne von gereifter Werbekompetenz. Anderer seits zeigen vor allem die jünge- ren be fragten Kinder gerade nicht diese Souveränität, wenn es darum geht, In-Game-Werbung zu er kennen und zu durch schauen. Sowohl die Zuschrei bung persuasiver Ab sichten zu In-Game-Placements als auch die Erken nung von reinen Marken präsenzen als „echte Werbung“ be reitete einigen Befragten große Schwierig keiten. Wegen der großen Begeiste rung für den interaktiven Spiel- prozess und der wahrgenommenen Authentizität werbehaltiger Spieldarstellungen (schließ lich spiegelt Strecken werbung in Autoren nspielen auch die Umstände echter Autoren nen im Fernsehen wieder) bringen die jüngeren Befragten der In-Game-Werbung einen Ver trauens- und Akzeptanz vorschuss ent gegen. Da gut integrierte In-Game-Werbung auch nicht stört, wie das etwa Unter brecher- spots im Fernsehen tun, zieht sie auch nicht den Zorn der Spieler auf sich. Vor diesem Hinter grund lässt sich die Annahme ab leiten, dass jüngere Kinder A) Unterstüt zung be nötigen beim souveränen Umgang mit komplexen und „ge tarnten“ (hochintegrierten) Formen der In-Game-Werbung, wie sie etwa in der Studie manifest sind im interaktiven Placement des Spieler-Fahrzeugs (Audi), dass aber auch B) bei „einfacheren“ und auch für junge Kinder leicht erkenn baren Formen der kommerziellen Kommunika tion (z. B. Strecken wer- bung/Brand-Presence) Unterstüt zung vonnöten ist, weil hier die persuasive Absicht nicht eindeutig erkannt wird und zugleich ein ge wisses Wohlwollen wegen der Steige rung der Reali täts nähe und der „Unaufdringlich keit“ vorzu- herr schen scheint. Mit solcher „Unterstüt zung“ ist hier natür lich kein ideologi- scher Feldzug gegen Werbung per se ge meint, sondern vielmehr der Aufbau 11 Mischke, C. (2007). Die wollen doch nur spielen: Eine Experimentalstudie zur Unter suchung der Akzeptanz von Werbung in Computer- und Videospielen. Un veröffentlichte Masterarbeit, Hannover. 148 von Werbekompetenz im Sinne ver besserter Ver ständnis fähig keiten (nämlich im Sinne der Erken nung der Persua sions absicht von In-Game-Werbung). Letzt- lich muss vor allem die Erkenntnis bei Kindern ge fördert werden, dass virtuelle Werbung in virtuellen Spielwelten ebenso ein „von außen“ hinzu gefügtes Element ist und nicht notwendig mit dem Spielablauf ver bunden ist, wie dies für Unter brecherwer bung im Fernsehen offensicht lich ist. In diesem Zusammen- hang gewinnt auch die in der juristi schen Analyse (vgl. oben: Teil II) betonte Bedeu tung von Kennzeich nungen von In-Game-Werbung be sonderes Gewicht. 149 Literatur Charlton, M., Neumann-Braun, K., Aufenanger, S., Hoffmann-Riem, W. et al. (1995). Fernsehwer bung und Kinder: Das Werbeangebot in der Bundes republik Deutschland und seine Ver arbei tung durch Kinder. Opladen. Glogauer, W. (1998). Die neuen Medien ver ändern die Kindheit: Nutzung und Auswir- kungen des Fernsehens, Videofilme, Computer- und Videospiele, Werbung und Musik videoclips (4. Aufl.). Weinheim. Mischke, C. (2007). Die wollen doch nur spielen: Eine Experimentalstudie zur Unter- suchung der Akzeptanz von Werbung in Computer- und Videospielen. Un veröffent- lichte Masterarbeit, Hannover. Moser, K. (2007). Werbewirkungs modelle. In K. Moser (Hrsg.), Wirtschafts psychologie (S. 11 ff.). Heidel berg. Rosenstock, R. & Fuhs, B. (2006). Kinder – Werte – Werbekompetenz. tv diskurs, 10(4), S. 4 ff. Voll brecht, R. (1996). Wie Kinder mit Werbung umgehen: Ergebnisse eines Forschungs- projekts. Media Perspektiven, 6, S. 294 ff. Wright, P., Friestad, M., & Boush, D. M. (2005). The development of marketplace persuasion knowledge in children, adolescents, and young adults. Journal of Public Policy & Marketing, 24(2), S. 222 ff. 151 III.2 Rezep tion und Wirkung von In-Game-Werbung: Ein experimenteller Ver gleich von Kindern und Erwachsenen Alexandra Sowka, Franziska Roth, Christoph Klimmt & Gregor Daschmann III.2.1 Problemstel lung Die bisherige Rezep tions- und Wirkungs forschung über In-Game-Werbung hat sich auf (junge) Erwachsene konzentriert (vgl. oben: Kapitel I.3). Im vor lie- genden Kontext wurde dagegen dem Umgang von Kindern mit dieser neuen Werbeform be sonderes Augen merk ge widmet. Über das objektive Wirkungs- potenzial von In-Game-Werbung bei Kindern ist praktisch nichts bekannt. Die Befunde zur Rezep tion von klassi scher TV-Werbung zeigen indes, dass gerade jüngere Kinder, deren Werbe verständnis noch in der Ent wick lung be griffen ist, anfällig sind etwa für Ver wechse lungen von redak tionellem Inhalt und Werbung, aber auch für starke Gedächtnis effekte.1 Insofern er scheint gerade mit Blick auf die praktisch niemals explizit markierten und oftmals „gut inte- grierten“ Erschei nungs formen der In-Game-Werbung eine spezifi sche Unter- suchung der Rezep tion und Wirkung bei Kindern an gezeigt. Damit wurde auch dem im medien recht lichen Teil be tonten Aspekt der be sonderen Schutz würdig- keit von Kindern von sozialwissen schaft lich-empiri scher Seite her Rechnung ge tragen. Die experimentelle Heran gehens weise sollte im Bereich der Werbewir kungen umfassendere Erkenntnisse liefern, da sie sich in Teilen der be wussten und reflektier baren Wahrneh mung ent ziehen und deshalb nicht hinreichend durch qualitative Designs (vgl. oben: Kapitel III.1) abbild bar sind. Die Studie er folgte also als Teil eines kombiniert qualitativ-quantitativen Ansatzes zur Erforschung 1 Vgl. z. B. Charlton, M., Neumann-Braun, K., Aufenanger, S., Hoffmann-Riem, W. et al. (1995). Fernsehwerbung und Kinder: Das Werbeangebot in der Bundes republik Deutschland und seine Ver arbei tung durch Kinder. Opladen. 152 von In-Game-Werbung und Kindern. Insbesondere sollten die folgenden Wir- kungs dimensionen unter sucht werden: Werbe erinne rung: Inwiefern sich Rezipientinnen und Rezipienten an die ihnen dargebotene Werbung erinnern können, ist von zweifacher Bedeu tung für die Rezep tions forschung. Zum einen dienen Erinne rungs maße, die in der Regel direkt nach dem Rezep tions vorgang an gewendet werden, dazu, heraus zufinden, ob die Nutzer die Werbebot schaft bewusst bemerkt haben. Zwar er fordern nicht alle Rezep tions modelle eine solche be wusste Wahrneh mung und Ver- arbei tung von Werbung, um einen Persua sions erfolg vorher zusagen. So kommen Einstel lungs effekte nach dem Konzept des „mere exposure“ nur dann zustande, wenn das Publikum die Werbemaßnahme (z. B. Product Placement) nicht be- wusst zur Kenntnis nimmt.2 Doch sind für andere Informa tions verarbei tungs- modelle der Werberezep tion be wusste Wahrneh mungen ent scheidende Voraus- set zungen für ge wünschte kognitive Werbewir kungen.3 Erinne rungs maße helfen hier also dabei, den Rezep tions prozess aufzu klären.4 Zum anderen ist die Erinne rung des Publikums an die Werbemaßnahme und ihre Botschaft selbst ein zentrales kognitives Werbeziel. Sowohl neue, in der Einfüh rung befind liche Marken als auch gut etablierte Marken werden oftmals mit großem Aufwand kommuniziert, um ihre Bekannt heit zu steigern oder zu er halten. Denn be kannte Marken haben – so das Kalkül – wichtige motivationale Effekte, die sich in Kauf entschei dungen nieder schlagen können. Marken oder Produkte, die uns bekannt vor kommen, haben beispiels weise ein relativ großes Potenzial, kaufbezogene Unsicher heiten durch Vertrauens vor- sprünge abzu bauen.5 Insofern ist die Frage, inwiefern sich Konsumenten an be worbene Marken oder Produkte kurz oder längere Zeit nach der Rezep tion erinnern können, für sich ge nommen die empiri sche Abbil dung eines strategi- schen Werbeziels. Um gekehrt würden starke Erinne rungs effekte von In-Game- Werbung wichtige Implika tionen haben etwa für die Preis gestal tung der Werbe- treibenden (hohe Wirksam keit der Werbung recht fertigt hohe Werbepreise), im vor liegenden Kontext aber vor allem für die Ent schei dung über medien- pädagogi sche Interven tionen zum Aufbau von Werbekompetenz im Games- Bereich. 2 Vgl. Schemer, C., Matthes, J. & Wirth, W. (2007). Werbewirkung ohne Erinnerungseffekte? Eine experimentelle Studie zum Mere-Exposure-Effekt bei Product Placements. Zeitschrift für Medienpsychologie, 19(1), S. 2 ff. 3 Z. B. für das Elaborationswahrscheinlichkeits-Modell: Petty, R. E. & Cacioppo, J. T. (1986). The elaboration likelihood model of persuasion. Advances in Experimental Social Psychology, 19, S. 124 ff. 4 Vgl. auch Lang, A. (2000). The information processing of mediated messages: A framework for communication research. Journal of Communication, 50, S. 46 ff. 5 Z. B. Hoyer, W. D. & Brown, S. P. (1990). Effects of brand awareness on choice for a common, repeat-purchase product. The Journal of Consumer Psychology, 17(2), S. 141 ff. 153 Im Kontext der In-Game-Werbung ist die Frage nach der Erinne rungs fähig- keit der Spielerinnen und Spieler unter anderem deshalb von großer Bedeu tung, weil viele Erschei nungs formen möglicher weise auf grund ihrer eleganten Einbin- dung in die Spielwelt „kaum auf fallen“ (die Spieler sind zumeist auf die Lösung der Spiel aufgaben konzentriert.6 Auf der anderen Seite tauchen beispiels weise in runden basierten Sportspielen die gleichen Werbebot schaften in großer Fre- quenz auf, was möglicher weise zu be sonders starken Wahrnehmungs- und Erinne rungs effekten führen könnte. Konzeptionell wichtig sind Erinne rungs- effekte schließ lich auch deshalb, weil sie ohne eine explizite Erken nungs leis tung seitens der Spieler in Bezug auf die Trennung der Werbung vom rest lichen Spielinhalt auf treten können: An eine Automarke können sich (junge) Spieler vielleicht erinnern, auch wenn ihnen gar nicht klar ist, dass es sich bei deren Präsenz um eine be zahlte Maßnahme der In-Game-Werbung handelte (vgl. auch oben: Kapitel III.1). Effekte von In-Game-Werbung auf Marken- und Produkt präferenzen: Neben der reinen Bekannt heit soll ein Großteil der Werbekommunika tion auch die Einstel lungen der Konsumenten gegen über den be worbenen Marken und Pro- dukten im Ver käufersinne günstig be einflussen. Dazu stehen den Werbe treiben- den unter schied lichste Persua sions techniken und -tricks zur Ver fügung.7 Zu- gleich ist die persua sions theoreti sche Erkenntnis lage komplex, weil Einstel lungen und Kaufinten tionen multidimensional rekonstruiert werden müssen – es gibt nicht „die eine“ Einstel lung zu einem Produkt. Vielmehr spielen ver schiedene Komponenten im Einstel lungs prozess zusammen.8 Gleichzeitig finden sich in der Werberezep tions forschung nur selten deut liche kurzfristige Einstel lungs- effekte, insbesondere gegen über Marken, zu denen zuvor bereits stabile Vor- und Einstel lungen vor handen waren.9 Insofern ist für die Werbewirkungs forschung die Frage von zentraler Bedeu- tung, inwiefern der Kontakt mit einer Werbebot schaft (hier: einer Erschei- nungs form von In-Game-Werbung) die Einstel lungen der Nutzer gegen über den be worbenen Produkten oder Marken be einflusst. Diese Dimension der Werberezep tion und -wirkung wurde ent sprechend be rücksichtigt, auch wenn konzeptionell mit be deutsamen kurzfristigen Effekten im Rahmen eines experi- mentellen Werbekontakts nicht zu rechnen war. 6 Vgl. hierzu auch Klimmt, C., Steinhof, C. & Daschmann, G. (2008). Werbung in Computerspielen: Die Bedeu tung von Interaktivität für die kognitive Werbewir kung. Medien wirtschaft, 5(1), S. 6 ff. 7 Z. B. Siegert, G. & Brecheis, D. (2005). Werbung in der Medien- und Informationsgesellschaft. Eine kommuni- kationswissenschaftliche Einführung. Wiesbaden. 8 Z. B. Berger I. & Mitchell, A. A. (1989). The effect of advertising on attitude accessibility, attitude confidence, and the attitude-behavior relationship. Journal of Consumer Research, 16(3), S. 269 ff. 9 Z. B. Mela, C. F., Gupta, S. & Lehmann, D. (1997). The long-term effects of promotion and advertising on consumer brand choice. Journal of Marketing Research, 24, S. 248 ff. 154 Bewer tungs effekte und Akzeptanz von In-Game-Werbung: Als dritte Dimension wurde unter sucht, wie – unabhängig von marken- und produkt bezogenen Wir- kun gen – die Nutzerinnen und Nutzer mit der Anwesen heit von In-Game- Werbung umgehen. Aus der Interviewstudie (vgl. Kapitel III.1) sowie voran- gegangenen Studien10 lässt sich ab leiten, dass In-Game-Werbung, die praktisch nie für Unter brechungen des Spielflusses sorgt, auf ein relativ hohes Maß an Akzeptanz bei den Spielern hoffen kann. Mithin dürfte die bereits an gespro- chene Steige rung der Reali täts nähe durch In-Game-Werbung (beispiels weise bei Sportspielen, die echte und werbung tragende Sport stätten nach bilden) zu einer positiven Bewer tung von In-Game-Werbung beitragen. Solche Urteile sind einer seits be deutsam für die inhalt liche Gestal tung von medien pädagogi- schen Interven tions maßnahmen. Denn sofern die Spielerinnen und Spieler der In-Game-Werbung grundsätz lich positiv gegen über stehen, dürfte ein höheres Maß an Skepsis der Lernenden in Bezug auf die Notwendig keit, sich kritisch mit In-Game-Werbung zu be fassen, zu über winden sein. Anderer seits ist die Bewer tung und Akzeptanz von In-Game-Werbung persua sions strategisch von Bedeu tung, weil von positiven Urteilen über die Werbebot schaft selbst Ab- strahl effekte auf die be worbenen Produkte und Marken aus gehen.11 Die Ergebnisse der experimentellen Studie sollten damit zeigen, ob und in welchem Maße Kinder werb liche Botschaften in Computerspielen erinnern, inwieweit und inwiefern sie für werb liche (auch subliminale) Effekte empfäng- lich sind und wie sie In-Game-Werbung allgemein be werten. Da im Sinne einer umfassenden Werbekompetenz auch das Werbe verständnis eine ent schei- dende Rolle spielt, und damit u. a. die Fähig keit, Werbung über haupt zu erken- nen und in ihrem Zweck zu ver stehen, sollte die Experimentalstudie natür lich auch Aus kunft über das vor handene Kompetenzniveau der 11- bis 13-jährigen Kinder geben. Um die Rezep tion und Wirkung von In-Game-Werbung bei Kindern mög- lichst präzise zu unter suchen, wurde ein Ver gleichs design um gesetzt, bei der die gleichen Formen der In-Game-Werbung auch einem Sample von jungen Erwachsenen präsentiert wurden. Der Ver gleich der Alters gruppen sollte es ermög lichen, die Spezifika in der Informa tions verarbei tung (z. B. Erinne rungs- leis tung) von Kindern gegen über In-Game-Werbung genauer zu er fassen und damit sowohl konzeptionell (mit Blick auf die Theorie der Wirkung von 10 Vgl. Klimmt, C., Roth, F. S., Braune, A. & Mischke, C. (2011). How players respond to advertising in video games: „Yes“ for awareness, „No“ for reactance, and also „No“ for (short-term) attitude change. Full-Paper- Vortrag auf der Konferenz der International Communication Association (ICA), Game Studies Interest Group, 26.–30. Mai 2011, Boston (USA).) 11 Z. B. Gierl, H. & Satzinger, M. (2000). Gefallen der Werbung und Einstellung zur Marke. Der Markt, 39(3), S. 115 ff. 155 In-Game-Werbung) als auch mit Blick auf medien pädagogi sche Schluss folge- rungen brauchbarere Erkenntnisse zu gewinnen. III.2.2 Methode Die Studie wurde als Laborexperiment an zwei Standorten durch geführt. Den Kern der Unter suchung bildete die Nutzung eines Autoren nspiels, das ver- schiedene Erschei nungs formen der In-Game-Werbung ent hielt. Daran schloss sich die Beantwor tung eines Fragebogens an, mit dem die relevanten Aspekte der Werberezep tion und -wirkung ge messen wurden. Stimulus und Fragebogen wurden dabei für die beiden betrach teten Alters gruppen bis auf wenige Aus- nahmen identisch ge halten. Um den Ver gleich zwischen Kindern und Erwachsenen umzu setzen, fanden Rekrutie rungs maßnahmen zum einen an ver schiedenen Schulen in der Stadt Mainz sowie an einer Schule in Groß-Gerau statt. Für sie wurden die Labor- sitzungen mit Hilfe von Laptop-Computern vor Ort in ihren Bildungs einrich- tungen realisiert. Die er wachsenen Probanden wurden dagegen auf dem Campus der Universität Mannheim für die Studie an geworben; dort fand auch die Daten- erhe bung in einem stationären Labor statt. Versuchsteilnehmer/innen und Ablauf der Unter suchung: An der Studie nahmen insgesamt N = 142 Probanden teil Die Teilstichprobe der Schülerinnen und Schüler war etwas größer (N = 82) und umfasste Kinder im Alter von 10 bis 13 Jahren (M = 11.7, SD = 0.7, 48 Jungen). Die er wachsene Teilstichprobe setzte sich aus Studentinnen und Studenten im Alter von 18 bis 29 Jahren zusammen (N = 60; Alter M = 20.7, SD = 2.0; 32 Männer). Für die Teilnahme er hielten die Probanden in der Schüler stichprobe eine Auf wandsentschädi gung in Höhe von 5 Euro, die ihnen ent weder (je nach Wunsch der zuständigen Lehrkörper) direkt nach der Sitzung in Form eines Gutscheins für ein lokales Spielwaren geschäft aus gehändigt wurde oder aber als Sammelgutschein oder in bar in die Klassen kasse einging. Den Teilnehmer/innen der studenti schen Stichprobe wurden jeweils 15 Euro aus gezahlt. Die Unter suchung der Teilstichprobe der Kinder fand jeweils direkt in den Räumlich keiten der mitwirkenden Schulen statt. Die Raum- und Materialsitua- tion (v. a. Zahl der vor handenen spielefähigen Laptops) er laubte die parallele Teilnahme von bis zu vier Schülern. Zunächst wurden die Kinder ge beten, für sieben Minuten das werbehaltige Autoren nspiel „DTM Race Driver III“ zu spielen (vgl. unten Abbil dung 5). Anschließend wurden sie von geschulten studenti schen Ver suchs leitern/innen münd lich befragt. Die Ver suchs leiter stell- ten den Kindern die im Fragebogen vor gesehenen Fragen und über trugen die Antworten der Kinder (zumeist sollten sie auf einer ihnen vor gelegten Skala (z. B. „Daumen“- oder „Smiley“-Skala) ihre Antworten anzeigen) auf den er- 156 stellten Fragebogen. Die münd liche Befra gung wurde einer selbst ständig-schrift- lichen Befra gung vor gezogen, um Verzer rungen der Ergebnisse durch etwaige Lese- und Schreibschwierig keiten der Kinder vorzu beugen; zudem konnten so Ver ständnis schwierig keiten schneller bemerkt und ge klärt werden. Die Be- fragung dauerte im Durch schnitt 10 bis 15 Minuten. Die Unter suchung der Teilstichprobe der Studierenden fand in den Räumlich keiten der Universität Mannheim statt. Es konnten bis zu sechs Probanden zeit gleich an der Studie teilnehmen; der Fragebogen wurde dabei selbst ständig von den Teilnehmenden aus gefüllt. Abbil dung 5: Screens hots aus dem Autoren nspiel „DTM Race Driver III“ Das Spiel wurde im Experiment ein gesetzt. Die Screens hots zeigen Beispiele für die Varianten der In-Game-Werbung, die in diesem Titel implementiert sind. Stimulus: Das Rennspiel DTM Race Driver III (Codemasters, 2006) wurde als werbetragendes Stimulus-Spiel aus gewählt. Es eignete sich aus mehreren Gründen gut für das Vor haben: – Als Rennspiel gehört es zu einer Spielegat tung, in der häufig Werbung anzu treffen ist (auf grund des Sportsponsorings in den Renn veranstal tungen, die den Spielen zugrundeliegen, etwa der Formel 1), sodass ein hohes Maß an externer Validität ge geben ist. – Da Rennspiele bei Kindern und Jugend lichen sehr beliebt sind, konnte ein hohes Maß an Akzeptanz für „Race Driver III“ gerade bei Kindern er wartet werden, was für die Teilnahmemotiva tion und ein extern valides Spiel- vergnügen wichtig war. – Es ist leicht zu be dienen und brachte daher wenige interaktivi täts bedingte methodisch-prakti sche Probleme im experimentellen Einsatz mit sich (so war beispiels weise kein großer Trainings-Aufwand für die Probanden er- forder lich). 157 – Das Spiel beinhaltet eine Reihe ver schiedener Werbeformen, die im Sinne der Fragestel lung nutz bar ge macht werden konnten. Werbung findet sich in diesem Spiel sowohl auf den Fahrzeugen (vgl. Abbil- dung 5 links) als auch an der Rennstrecke (vgl. Abbil dung 5 rechts). Zugleich steht bei diesem Titel eine andere Perspektive auf das Renngeschehen zur Ver fügung („Cockpit-Perspektive“), bei der die Werbeaufdrucke auf dem eige- nen Fahrzeug nicht zu er kennen sind. Die Möglich keit, die Perspektive zu wählen, wurde für eine experimentelle Varia tion ge nutzt: Zwar fuhren alle Probanden die gleiche Rennstrecke und steuerten das gleiche Fahrzeug, doch spielte die eine Hälfte der Ver suchspersonen aus der Ver folger kamera, sodass die Werbeaufdrucke des eigenen Fahrzeugs (Sponsoren logos) zu er kennen waren. Die andere Hälfte dagegen steuert aus der Cockpit-Ansicht, sodass diese Spon- soren aufdrucke nicht zu sehen waren. Aus dieser Ver suchs anord nung ergaben sich zwei Analysemöglich keiten. Zum einen konnten die Wirkungs maße für die außerhalb des eigenen Fahrzeugs be worbenen Marken im Gesamtsample er mittelt werden. Hier bot die aus- gewählte Rennstrecke eine Reihe ver schiedener Zielmarken (vgl. unten), die separat unter sucht werden konnten. Zum anderen bestand die Möglich keit des experimentellen Ver gleichs: Die Erinne rung an die nur auf dem eigenen Fahr- zeug befind lichen Marken konnte zwischen den beiden Gruppen („Ver folger- Kamera“ versus „Cockpit-Kamera“) verg lichen werden; die „Cockpit“-Gruppe diente hier als Kontroll gruppe, mit der die Werbewir kung der Sponsoring- Aufdrucke auf dem Spielerfahrzeug er mittelt wurde. Beide Analyseperspektiven konnten zudem im Alters gruppen vergleich um gesetzt werden. Erhe bungs maße: Zur Messung der Marken wahrneh mung und -erinne rung wurde auf klassi sche Recall- und Recogni tion-Abfragen zurück gegriffen, wie sie in der Werbewirkungs forschung häufig zur Anwen dung kommen.12 Die Probanden spielten zunächst das Autoren nspiel und be antwor teten einige sozio- demografi sche Fragen sowie eine Frage zu ihrem Spielspaß (5-stufige Skala mit „Smiley“-Gesichtern). Es folgte eine offene Frage zu ihrem Werbe verständ- nis (nur bei den Schülerinnen und Schülern). Anschließend wurde zunächst offen ge fragt, ob sich die Teilnehmer an Werbung bzw. an „Marken oder Schilder“ in dem zuvor ge nutzten Spiel erinnern könnten. Diese un gestützte Erinne rungs leis tung („Recall“) gilt als schwierigstes Kriterium zur Über prüfung der Marken erinne rung. Im Anschluss wurde die ge stützte Erinne rungs fähig keit ge testet. Dazu wurde den Ver suchspersonen eine Auswahl an Marken vor gelegt, von denen etwa die Hälfte tatsäch lich in der Spielumge bung be worben worden war. Sie sollten an kreuzen, an welche der Marken sie sich nun (mit dieser 12 Vgl. etwa Nelson, M. R. (2002). Recall of brand placements in computer/video games. Journal of Advertising Research, 42(2), S. 80 ff.; vgl. Klimmt, Steinhof & Daschmann 2008. 158 Hilfestel lung) erinnern konnten. Auf grund der geringeren Schwierig keit dieser Test variante war hier zu er warten, dass die Wahrscheinlich keit korrekter Ant- worten höher liegt als in der voran gegangenen Recall-Abfrage. Daneben er fasste der Fragebogen auch die Marken einstel lungen der Pro- banden, und zwar exemplarisch zu den Marken „Audi“, „Red Bull“ und „Vodafone“, die alle in dem Spiel platziert waren und zwar als Product Placement (das Spieler-Fahrzeug war ein Audi), Fahrzeugbeschrif tung (Red Bull) sowie als Plakat- bzw. Banden werbung (Vodafone). Dazu sollten die Probanden einfache Beurtei lungs fragen (z. B. „Ich mag die Marke Audi gerne.“) mit Hilfe einer 5-stufigen „Daumen“-Skala (mit Ausprä gungen von „Daumen nach unten“ bis „Daumen nach oben“) be antworten. Auf grund des nur kurzen Werbekontakts während des einmaligen Spielens war hier mit nur sehr geringen Effekten zu rechnen, da Einstel lungen in der Regel stabile Phänomen sind, die sich kaum durch Einmal kontakte ver ändern.13 Ergänzend zu der zu Anfang ge stellten offenen Werbe verständnis frage wurde bei den Kindern eine weitere ver ständnis bezogene Frage integriert, die auf die Werbe erken nungs fähig keit der Kinder in Bezug auf „klassi sche Werbemaßnah- men“ und, im Ver gleich dazu, in Bezug auf eine Produkt platzie rung rekurrierte. Die Kinder sollten sich vier ver schiedene Screens hots (Bilder aus dem zuvor ge nutzten Stimuluss piel) ansehen und jeweils an geben, ob darauf Werbung zu sehen ist oder nicht. In der voran gegangenen Interviewstudie hatte sich ge zeigt, dass die jüngeren Kinder (8- bis 11-Jährige) Schwierig keiten damit haben, die implementierte Produkt platzie rung (hier: Audi-Fahrzeug) als werb liches Objekt wahrzunehmen (vgl. Kapitel IV.1). Deshalb zeigte einer der Screens hots erneut ein Spieler-Fahrzeug, und zwar aus einer Perspektive, aus der sich das Fahrzeug- modell eindeutig als „Audi“ identifizieren ließ (anhand sicht barer Audi-Ringe) und aus der auch einige Werbeaufdrucke auf dem Fahrzeug zu sehen waren. Damit sollte eruiert werden, ob die Kinder nicht nur die Werbung auf dem Auto, sondern auch das Fahrzeug selbst der Kategorie Werbung zuordnen. Darüber hinaus wurde eine weitere Frage integriert, die sich auf das Werbe- verständnis bzw. genauer auf die Erken nung einer persuasiven Absicht bei In-Game-Werbung bezog. Die Ver suchs leiter zeigten den Kindern erneut zwei der Screens hots, der eine zeigte Vodafone-Banden werbung, der andere die be- sagte Audi-Produkt platzie rung. Die Kinder sollten mit einer 2-stufigen Daumen- skala nach einander einzelne Aus sagen zu etwaigen Ab sichten, die mit den Werbemaß ahmen ver folgt werden könnten, in ihrer Korrekt heit be werten (z. B. „Diese Werbung soll einen dazu bringen, Sachen von der Firma zu kaufen.“). Schließ lich wurde die allgemeine Bewer tung von In-Game-Werbung ab- gefragt, indem die Probanden auf einer Daumen-Skala (5-stufig) anzeigen 13 Z. B. Klimmt et al. 2011. 159 sollten, wie sie zu be stimmten Bewer tungs aussagen stehen (z. B. „Werbung in Computerspielen macht das Spiel realisti scher.“). Diese Fragen wurden auch den er wachsenen Teilnehmern ge stellt. Durchfüh rung: Die Daten erhe bungen fanden vor und nach den Schulsommer- ferien in Rheinland-Pfalz statt (Schüler stichprobe) be ziehungs weise im Sommer 2010 in Mannheim. Den kooperierenden Schulen wurde eine Zusammen fassung der Ergebnisse nach Ab schluss des Projekts in Aus sicht ge stellt. Auf die Anonymität der be teiligten Ver suchspersonen wurde an beiden Standorten mit großer Sorgfalt ge achtet. Nach Ab schluss der beiden Daten erhe bungen wurden die auf den Fragebögen notierten Daten digitalisiert und zu einem integrierten Daten satz zusammen geführt. III.2.3 Ergebnisse III.2.3.1 Un gestützte Erinne rung an die in das Spiel integrierte Werbung (Recall) Den be kannten Ver fahrens weisen der Werbewirkungs forschung ent sprechend wurde die Erinne rung an die im Spiel be worbenen Marken in einem mehr- stufigen Vor gehen ab gebildet. Zunächst stand die freie, un gestützte Erinne rung von Marken (also die offene Frage, an welche Marken aus dem Spiel sich die Ver suchsperson erinnern kann) im Mittelpunkt. Tabelle 3 ver gleicht die un- gestützte Erinne rungs leis tung zwischen Schülern und jungen Erwachsenen. Insgesamt ist die freie Erinne rung an die im Spiel be worbenen Marken relativ gering – mit Aus nahme von „Vodafone“; diese Mobilfunkmarke wurde ver- gleichs weise häufig frei erinnert (immerhin ein Drittel aller Probanden nannte diese Marke ohne Erinne rungs stütze). Die freien Erinne rungs leis tungen unter- scheiden sich zwischen Schülern und jungen Erwachsenen kaum; substanzielle Gruppen unterschiede machen sich wiederum nur bei der Marke „Vodafone“ bemerk bar. Hier lag die Erinne rungs häufig keit bei den Schülern deut lich über dem Ver gleichs wert in der Gruppe der jungen er wachsenen Spieler. Über alle Marken hinweg zeigt sich eine leichte Tendenz be sserer Erinne rungs leis tungen bei den Schülern. Der erheb lich „aus schlagende“ Wert bei „Vodafone“ lässt sich möglicher weise mit der spezifi schen Relevanz von Mobil kommunika tion für Kinder er klären, aus der heraus die freie Erinne rung an die „starke“ Marke be sonders leicht fiel.14 14 Zur Relevanz von Mobil kommunika tion vgl. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (MPFS) (Hrsg.) (2009). JIM-Studie 2009: Jugend, Informa tion, (Multi-)Media. Basis studie zum Medien umgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Stuttgart. 160 Tabelle 3: Erinne rungs häufig keiten (Recall) für die zehn im Spiel vor kommenden Marken Marken im Spiel Anteil der Probanden, die Werbung frei erinnern konnten (in %) Gruppen unterschiede Schüler 10–13 Jahre (n = 82) Junge Erwachsene 18–29 Jahre (n = 60) Chi2-Test auf Über zufällig keit „Aral Ultimate“ (Banden-/Plakat werbung) 4 % 2 % nicht sig. „Red Bull“ (Brand-Presence auf dem eigenen Rennwagen) 17 % 13 % nicht sig. „Mercedes-Benz“ (Product Placement: Fahrzeuge der anderen Fahrer) 5 % 3 % nicht sig. „Dunlop“ (Brand Presence auf eigenem Rennwagen sowie Banden werbung) 18 % 13 % nicht sig. „Vodafone“ (Banden-/Plakat werbung) 45 % 18 % p < .01 „Blaupunkt“ (Brand-Presence auf dem eigenen Rennwagen) 11 % 3 % nicht sig. „Bosch“ (Brand-Presence auf dem eigenen Rennwagen sowie Banden werbung) 6 % 3 % nicht sig. „Hermes“ (Banden-/Plakat werbung) 10 % 3 % nicht sig. „Audi“ (Product Placement: Eigener Rennwagen) 12 % 8 % nicht sig. „Castrol“ (Brand-Presence auf dem eigenen Rennwagen) 2 % 0 % nicht sig. In Ergän zung des Ver gleichs der Recall-Häufig keiten je Marke wurde ein aggregierter Index ge bildet, der die Anzahl korrekt frei erinnerter Marken (über alle zehn be worbenen Marken hinweg) ent hält. Anschließend wurde eine Varianzanalyse mit der Alters gruppe (Schüler versus junge Erwachsene) als Faktor und dem Recall-Index als ab hängiger Variable durch geführt (vgl. Abbil- dung 6). Die Befunde zeigen, dass über alle Marken hinweg die freie Erinne- rungs leis tung der Schüler merk lich besser ist als die Leistung der jungen Erwachsenen. Zwar bewegt sich – wie bei anderen Werbewirkungs studien auch – das ab solute Niveau der freien Erinne rungs leis tungen in einem niedrigen Bereich (M = 1.04, SD = 1.26). Doch heben sich die unter suchten Schüler mit im Durch schnitt etwa doppelt so vielen erinnerten Marken erkenn bar von den jungen Erwachsenen ab. 161 Abbil dung 6: Ver gleich der aggregierten freien Erken nungs leis tung (Recall) der im Compu- ter spiel be worbenen Marken zwischen Schülern und jungen Erwachsenen Der Mittelwerts unterschied ist hochsignifikant (F(1, 140) = 8.91, p < .01, partielles η2 = .06) III.2.3.2 Gestützte Erinne rung an die in das Spiel integrierte Werbung (Recogni tion) Im Anschluss an die Abfrage der freien Erinne rung an die in das Rennspiel integrierte Werbung wurde den Ver suchspersonen eine Auswahl von Marken ge zeigt. Für jede Marke sollten die Probanden ent scheiden, ob sie diese zuvor während der Spielnut zung gesehen hatten. Insgesamt wurden zehn ins Spiel integrierte Marken ab gefragt sowie eine Reihe von nicht im Spiel vor kom men- den Marken. Letztere dienten dazu, Ratewahrscheinlich keiten zu er mitteln und damit mögliche Verzer rungen in den Befunden zu kontrollieren. Nur sehr selten wollte eine Ver suchsperson eine Marke wieder erkannt haben, die gar nicht ins Spiel integriert war (für jede Marke ergaben sich zumeist deut lich weniger als 10 Prozent „falsches Wieder erkennen“). Tabelle 4 (unten) zeigt daher nur für jede der zehn tatsäch lich vor kommenden Marken die ge stützte Erinne rung, wiederum im Ver gleich der Alters stufen. Es zeigt sich, dass für die meisten Marken die Schülerinnen und Schüler eine höhere Wieder erken nungs wahr- schein lich keit auf weisen als die Ver gleichs gruppe aus jungen Erwachsenen. 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Schüler 10–13 Jahre Junge Erwachsene 18–29 Jahre Anzahl korrekt frei erinnerter Marken (max. 10) 1,30 0,68 162 Tabelle 4: Wieder erken nungs häufig keiten (Recogni tion) für die zehn im Spiel vor kommenden Marken Marken im Spiel Anteil der Probanden, die Werbung wieder erkannten (in %) Gruppen unterschiede Schüler 10–13 Jahre (n = 82) Junge Erwachsene 18–29 Jahre (n = 60) Chi2-Test auf Über zufällig keit „Aral Ultimate“ (Banden-/Plakat werbung) 21 % 5 % p < .01 „Red Bull“ (Brand-Presence auf dem eigenen Rennwagen) 55 % 27 % p < .01 „Mercedes-Benz“ (Product Placement: Fahrzeuge der anderen Fahrer) 37 % 22 % p = .07 „Dunlop“ (Brand-Presence auf eigenem Rennwagen sowie Banden werbung) 48 % 30 % p < .05 „Vodafone“ (Banden-/Plakat werbung) 67 % 30 % p < .01 „Blaupunkt“ (Brand-Presence auf dem eigenen Rennwagen) 37 % 23 % nicht sig. „Bosch“ (Brand-Presence auf dem eigenen Rennwagen sowie Banden werbung) 23 % 8 % p < .05 „Hermes“ (Banden-/Plakat werbung) 21 % 3 % p < .01 „Audi“ (Product Placement: Eigener Rennwagen) 55 % 33 % p < .05 „Castrol“ (Brand-Presence auf dem eigenen Rennwagen) 22 % 7 % p < .05 Im Anschluss an die Auswer tung je be worbener Marke wurde ein aggre- giertes Maß der Werbewieder erken nung über alle Marken hinweg ge bildet. Der Wieder erken nungs index kann Werte zwischen Null (keine be worbene Marke korrekt wieder erkannt) und Zehn (alle be worbenen Marken korrekt wieder- erkannt) annehmen (M = 3.01, SD = 2.00). Eine Varianzanalyse mit den beiden Alters stufen (Schüler versus junge Erwachsene) als Faktor und dem Wieder- erken nungs index als ab hängiger Variable zeigt, dass die zuvor er mittelten be- sseren Erinne rungs leis tungen bei den Schülern offen kundig nicht von einigen wenigen werbeaufmerksamen Ver suchspersonen herrühren, sondern vielmehr einen breiten Gruppen unterschied darstellen (vgl. Abbil dung 7). Die im Durch- schnitt um etwa zwei Marken bessere Erinne rungs leis tung der Schüler unter- scheidet sich hochsignifikant und mit substanzieller Varianzerklä rung (24 Pro- zent) von der Erinne rungs leis tung der jungen Erwachsenen. Damit tritt der Unter schied in den Behaltens leis tungen der Schüler gegen über den jungen Erwachsenen bei der „leichteren“ Ab fragemethode über ge stützte Erinne rung/ 163 Wieder erken nung noch sehr viel deut licher zu Tage als bei der „schwierigeren“ Messung der freien Erinne rung (s. o.). Abbil dung 7: Ver gleich der aggregierten Wieder erken nungs leis tung der im Computerspiel be worbenen Marken zwischen Schülern und jungen Erwachsenen Der Mittelwerts unterschied ist hochsignifikant (F(1, 140) = 42.94, p < .01, partielles η2 = .24) III.2.3.3 Experimenteller Ver gleich zum Einfluss der Spielerperspektive auf die Erinne rung an die Marke des Spielerfahrzeugs Zusätz lich zum bislang be handelten quasi-experimentellen Ansatz, der Schüler und junge Erwachsene hinsicht lich ihrer Erinne rungs leis tungen ver gleicht, um- fasste das Unter suchungs design auch eine experimentelle Varia tion, die für eine aus gewählte und gemäß der Befunde aus der qualitativen Studie (vgl. oben: Kapitel III.1) be sonders interessante Werbeform zusätz liche Erkenntnis- potenziale er schließen sollte. Die Erkenn bar keit des eigenen Rennwagens als Produkt platzie rung („Audi“) war durch die Varia tion der Spielerperspektive manipuliert worden: Die Hälfte der Probanden steuerte den virtuellen Renn- wagen aus einer „Cock pitperspektive“, bei der der eigene Rennwagen nicht zu sehen und der freie Blick auf die Rennstrecke ge geben ist. Hier war dem- entsprechend das Audi-Marken logo des eigenen Fahrzeugs nicht zu er kennen und es fehlte die permanente Sicht auf die als Sponsoren logos auf dem eigenen Fahrzeug befind lichen Formen der In-Game-Werbung (im vor liegenden Fall 3,84 1,88 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Schüler 10–13 Jahre Junge Erwachsene 18–29 Jahre Anzahl korrekt wiedererkannter Marken (max. 10) 164 „Blaupunkt“, „Castrol“ und „Red Bull“ sowie „Bosch“ und „Dunlop“, wobei für die beiden letzt genannten Marken auch am Strecken rand ge worben wurde). In der Ver gleichs bedin gung steuerten die Ver suchspersonen dagegen aus einer Ver folger perspektive, in der das eigene Fahrzeug einschließ lich der Sponsoren- aufdrucke permanent im Mittelpunkt des Bildes zu sehen war. Für die ge- nannten Marken („Audi“ als Placement sowie die Sponsoren marken als Fahr- zeug aufdrucke) konnte daher nach experimentellen Unter schieden ge sucht werden; die Probanden mit „Cock pitperspektive“ dienten hier ge wissermaßen als Kontroll gruppe. Tabelle 5 zeigt die Erinne rungs leis tungen für die be- troffenen Marken im experimentellen Ver gleich und im Ver gleich der Alters- gruppen (Schüler versus junge Erwachsene). Tabelle 5: Erinne rungs häufig keiten (Recall/Recogni tion) in den experimentellen Gruppen (Cockpit-/ Ver folger-Perspektive) und im Ver gleich der unter suchten Alters grup- pen Marken des Spielerfahrzeugs Schüler 10–13 Jahre (n = 82) Junge Erwachsene 18–29 Jahre (n = 60) Cockpit- Perspektive Ver folger- Perspektive Cockpit- Perspektive Ver folger- Perspektive Recall „Audi“ (Placement) 10 % 14 % 0 % 17 % Recogni tion „Audi“ (Placement) 43 % 67 % 20 % 47 % Recall „Blaupunkt“ (Sponsoren aufdruck) 0 % 21 % 0 % 7 % Recogni tion „Blaupunkt“ (Sponsoren aufdruck) 13 % 60 % 7 % 40 % Recall „Castrol“ (Sponsoren aufdruck) 3 % 3 % 0 % 0 % Recogni tion „Castrol“ (Sponsoren aufdruck) 23 % 21 % 7 % 7 % Recall „Red Bull“ (Sponsoren aufdruck) 13 % 21 % 7 % 20 % Recogni tion „Red Bull“ (Sponsoren aufdruck) 48 % 62 % 13 % 40 % Die Befunde zeigen, dass die Spieler beider Alters gruppen in ähnlicher Weise auf die experimentelle Varia tion reagieren; wie zu er warten war, zeigen die experimentellen Gruppen mit „Ver folger-Kamera“ die be sseren freien und ge stützten Erinne rungs leitun gen. Für die wenig be kannte Marke „Castrol“ ergibt sich weder ein Alters- noch ein Experimentaleffekt bei der freien Erinne rung und auch kein Experimental-Effekt bei der ge stützten Erinne rung; für die besser ein geführte Marke „Red Bull“ und die zentral am Fahrzeug (als Ersatz für das Autokennzeichen) an gebrachte Werbung für „Blaupunkt“ dagegen fin- den sich erheb liche experimentelle Effekte. Dabei bleibt das zuvor be obachtete 165 höhere Gesamtniveau der Erinne rungs leis tungen bei den Schülern (im Ver gleich zu den jungen Erwachsenen) weitest gehend be stehen. Wiederum wurde im Anschluss an die Tabellen analyse je Marke eine aggre- gierte Betrach tung durch geführt. Dazu wurde die Anzahl der korrekt frei erinnerten sowie die Anzahl der korrekt ge stützt erinnerten Marken von jenen vier Marken, die hinsicht lich ihrer Sicht bar keit im Spiel von der Varia tion be troffen waren (siehe Tabelle 5) zu einem Recall- be ziehungs weise einem Recogni tion-Index zusammen gefasst. Zweifaktorielle Varianzanalysen mit den Faktoren Spielerperspektive (Cockpit- versus Ver folger-Perspektive) und Alters- gruppe (Schüler versus junge Erwachsene) als unabhängiger Variablen sowie den Indices für Recall der bis zu vier Marken und Recogni tion der gleichen Marken zeigen, dass in beiden Alters gruppen die experimentelle Varia tion in ver gleich barer Weise wirkt und dass in beiden experimentellen Gruppen (Spieler perspektiven) der Alters unterschied einen Effekt hat, wie er bereits in den voran gegangenen Ab schnitten für alle be worbenen Marken insgesamt er- mittelt wurde. Hingegen trat weder bei der freien noch bei der ge stützten 0,25 0,60 1,25 2,10 0,07 0,43 0,47 1,33 0 1 2 3 4 Anzahl korrekt erinnerter Fahrzeugsponsoren (Recall) – Cockpit-Perspektive Anzahl korrekt erinnerter Fahrzeugsponsoren (Recall) – Verfolger- Perspektive Anzahl korrekt wiedererkannter Fahrzeugsponsoren (Recognition) – Cockpit-Perspektive Anzahl korrekt wiedererkannter Fahrzeugsponsoren (Recognition) – Verfolger- Perspektive Schüler 10–13 Jahre Junge Erwachsene 18–29 Jahre Die Recall- und Recogni tion-Werte be ziehen sich auf die vier Marken, die von der experimentellen Varia tion der Spielerperspektive be troffen waren. Für die un gestützte Erinne rung wurde ein Haupt effekt der experimentellen Bedin gung er mittelt (F(1, 138) = 12.93, p < .01, η2 = .09); der Alters gruppen effekt war nicht signifikant (F < 3.05), und ein Interak tions effekt wurde nicht be obachtet. Für die ge stützte Erinne rung ergaben sich signifikante Haupteffekte der experimentellen Bedin gung (F(1, 138) = 27.1, p < .01, η2 = .16) sowie der Alters gruppe (F(1, 138) = 22.01 p < .01, η2 = .14). Erneut wurde keine Wechselwir kung zwischen Spielerperspektive (Cockpit/Ver- folger) und Alters gruppe be obachtet. Abbil dung 8: Ver gleich der experimentell variierten Spielerperspektive und der Alters grup- pen hinsicht lich ihrer freien und ge stützten Erinne rung (Recall/Recogni tion) 166 Erinne rung ein Interak tions effekt (Wechselwir kung) von Spielerperspektive und Alters gruppe auf, wonach sich die spezifi sche Kombina tion aus einer Alters gruppe und einer Spielerperspektive als ab weichend darstellen würde. Junge Spieler reagierten also beispiels weise nicht extremer auf die Varia tion der Spielerperspektive als ältere Spieler (Abbil dung 8). III.2.3.4 Wieder erken nung von Werbung auf Screens hots aus dem Computerspiel Die Teilstichprobe der Schüler wurde nach den Ab fragen zur freien und zur ge stützten Erinne rung von im Spiel be worbenen Marken sowie nach weiteren Fragen mit insgesamt vier Bildern konfrontiert, die als Screens hots dem zuvor ge nutzten Autoren nspiel ent stammten. An jedes ge zeigte Bild wurde die Frage ge knüpft, ob die Ver suchsperson hierauf Werbung er kennen könne, und falls ja, wo sich diese befinde. Für drei dieser Abbil dungen war die Aufgabe sehr leicht und wurde auch von allen Probanden korrekt gelöst (Erken nung von vor handener Werbung für „Dunlop“ und für „Vodafone“ auf jeweils einem Bild: 100 %; Ent schei dung für „keine Werbung“ auf einem werbefreien Bild: 99 %). Interessanter für die Problemstel lung der Studie war die vierte Abbil- dung, die das Spielerfahrzeug (einen durch das Marken logo ge kennzeichneten „Audi“) mitsamt der Sponsoren logos auf dem Fahrzeug zeigte. Hier wurde ent sprechend ge trennt erfasst, ob die Ver suchspersonen das Product Placement (Auf tauchen eines markierten Produkts, also des „Audi“-Rennwagens) und/ oder die Sponsoren logos auf dem Fahrzeug als Werbung be nannten. Tabelle 6 zeigt das Ergebnis dieser Auswer tung. Ein Großteil der unter suchten Schüle- rinnen und Schüler be nannte korrekter weise sowohl die Sponsoren werbung auf dem Rennwagen als auch den markierten Rennwagen selbst als „Werbung“. Immerhin 28 Probanden (31 %) nannten jedoch nur die Sponsoren logos und identifizierten den Wagen als Produkt platzie rung, nicht als Werbung – ein Befund, der mit den Erkennt nissen der Interviewstudie konvergiert (vgl. Kapi- tel IV.1). Tabelle 6: Erken nung von Werbung auf einem Screen shot aus dem Spiel „DTM Race Driver III“ Auf dem Screen shot war ein markierter Rennwagen („Audi“) mitsamt Sponsoren logos auf dem Fahrzeug zu sehen (nur Teilstichprobe Schüler, n = 82). Anteil der Befragten mit korrekter Identifika tion der Werbeform Keine Werbeform erkannt 0 % Nur Sponsoren logos als Werbung benannt 31 % Nur „Audi“-Placement als Werbung benannt 1 % Sowohl Sponsoren logos als auch „Audi“-Placement benannt 68 % 167 III.2.3.5 Einstel lungs effekte Im Ver lauf des Fragebogens wurden auch einfache Fragen zur Beurtei lung aus gewählter im Spiel be worbener Marken ge stellt. „Liking“-Fragen wurden ge stellt für die Marke des Spielerfahrzeugs „Audi“, dessen Sicht bar keit ja experimentell variiert worden war, sowie für die Marken „Red Bull“ (Sponsoren- aufdruck) und „Vodafone“ (Banden werbung). Die Inspek tion der Befunde ergab hier zwar deut liche Alterseffekte – die Marke „Audi“ ist bei den jungen Er- wachsenen deut lich be liebter als bei den Schülern, um gekehrt erfreut sich „Vodafone“ deut lich be sserer Einstel lungen bei den Schülern als bei den jungen Erwachsenen, wohingegen die Urteile über „Red Bull“ in beiden Alters gruppen relativ ähnlich – nämlich etwas unter halb des Skalen mittelpunkts – aus fallen. Effekte der Spielerperspektive (Cockpit/Ver folger) oder Wechselwir kungen zwischen Perspektive und Alters gruppe traten jedoch nicht auf. Demnach konn- ten keine Einstel lungs wirkun gen der In-Game-Werbung belegt werden. Aller- dings war das Forschungs design dafür nicht ge zielt aus gelegt worden. Andere aktuelle Studien15 kommen zu über einstimmenden Befunden, wonach zwar be- acht liche Auf merksam keits- und Erinne rungs wirkun gen mit In-Game-Werbung ver bunden sind, nicht jedoch substanzielle Einstel lungs effekte. Diese sind in experimentell-kurzfristig an gelegten Studiendesigns auch theoretisch kaum zu er warten; zugleich handelt es sich bei den ab gefragten Marken aus nahms los um „starke“, gut ein geführte Brands, zu denen die meisten Menschen bereits sehr stabile Einstel lungen ge bildet haben dürften. Auch daher sind Einstel- lungs effekte im Rahmen der vor liegenden Studie nicht zu er warten; das be- deutet natür lich nicht, dass von In-Game-Werbung keine persuasive Wirkung aus gehen würde. Sie müsste nur mit auf wendigeren Forschungs designs ge zielt unter sucht werden. III.2.3.6 Bewer tung und Akzeptanz von In-Game-Werbung Wie die Spielerinnen und Spieler In-Game-Werbung allgemein be urteilen, wurde anhand von drei Aus sagen erfasst. Die durch schnitt liche Zustim mung zu diesen wertenden Aus sagen wurde wiederum im Ver gleich zwischen Kindern und Erwachsenen aus gewertet (vgl. unten Tabelle 7). Aus den Befunden geht hervor, dass sowohl jüngere als auch ältere Spieler den bereits zuvor an genommenen positiven Effekt von In-Game-Werbung, nämlich die Steige rung der Reali täts- nähe, be stätigen. Zugleich finden die Befragten unabhängig von ihrem Alter In-Game-Werbung wenig störend. Ein Unter schied zwischen den Alters gruppen trat bei der dritten Aussage auf; „interessant“ ist In-Game-Werbung demnach 15 Vgl. etwa Klimmt et al. 2011. 168 in höherem Maße für junge Erwachsene als für Kinder. Daraus lässt sich ab- leiten, dass Kinder In-Game-Werbung (zumindest in Rennspielen) nicht so relevant finden und ihr weniger intrinsi sche Neugier ent gegen bringen als junge Erwachsene; Letztere wiederum könnten auf grund ihrer umfang reicheren Werbe erfah rung für die neuartigen Möglich keiten der In-Game-Werbung ein höheres Interesse ent wickeln. In jedem Fall deutet der Befund an, dass Kinder mit relativ geringem Involvement an In-Game-Werbung heran treten – sie stört nicht, aber sie ist auch nicht be sonders wichtig. Tabelle 7: Urteile der Teilnehmer über In-Game-Werbung im Alters vergleich Fünfstufige Rating-Skalen, höhere Werte be deuten größere Zustim mung Schüler 10–13 Jahre (n = 82) Junge Erwachsene 18–29 Jahre (n = 60) t-Test auf Über zufällig keit „Werbung in Computerspielen ist interessant“ 2.16 2.65 p < .01 „Werbung in Computerspielen macht das Spiel realisti scher“ 3.99 4.08 nicht sig. „Werbung in Computerspielen stört beim Spielen“ 2.15 1.90 nicht sig. III.2.4 Diskussion Die experimentelle Studie hat erstmals die Wirkung von In-Game-Werbung auf Kinder unter sucht. Eben falls trägt der innovative systemati sche Ver gleich zwischen Kindern und jungen Erwachsenen zum theoreti schen Ver ständnis der kognitiven Wirkun gen von In-Game-Werbung bei. Weitere interessante Er- kenntnisse ergaben sich auch aus der experimentellen Vor gehens weise, die die Sicht bar keit be stimmter In-Game-Werbun gen systematisch manipulierte. Der wichtigste Befund der Studie besagt, dass Kinder eng in das Spiel- geschehen ein gebundene Werbeinhalte sehr intensiv rezipieren. Die teil weise enormen Erinne rungs leis tungen (im Durch schnitt er kannte jeder unter suchte Schüler immerhin fast vier der zehn be worbenen Marken wieder) demonstrieren ein hohes Maß an Empfänglich keit für In-Game-Werbung bei jungen Spiele- rinnen und Spielern. Dies tritt insbesondere im Ver gleich zu er wachsenen Spielern deut lich hervor; sowohl bei der un gestützten Erinne rung (Recall, das härteste Erinne rungs maß) als auch bei der ge stützten Erinne rung (Recogni tion) schneiden die unter suchten Schülerinnen und Schüler erkenn bar besser ab. Eine konzeptionelle Erklä rung für diesen Befund liegt in der höheren Immer- sions fähig keit und -bereit schaft von Kindern. Sie lassen sich auf er zählte Texte, Filme, aber eben auch auf Computerspiele in deut lich intensiverer Weise ein als Erwachsene dies für gewöhn lich – zumal in einer laborexperimentellen 169 Situa tion – tun.16 Diese stärkere Illusionie rung17 dürfte auch dazu führen, dass in die Spielwelt ein gebettete Werbebot schaften mit größerer Auf merksam keit ver arbeitet und daher auch mit größerer Wahrscheinlich keit ge speichert werden, sodass sie im Anschluss an die Spielsit zung auch häufiger erinnert werden. Eine zweite konzeptionelle Erklä rung besteht in der geringeren „Advertising Literacy“ von Schülern; möglicher weise haben junge Erwachsene auf grund ihrer längeren Medien biografie effektivere Werbe ausblen dungs strategien ent wickelt, die sie (zumindest ansatz weise) auf neue Werbeformen wie In-Game-Advertising über tragen können. Die noch weniger stark aus geprägte routinemäßige Trennung zwischen (potenziell unerwünschter, nebensäch licher) Werbung und dem eigent- lich interessierenden Inhalts anteil eines Medien angebots, die bei Schülern ver- mutet werden kann, würde dann die erhöhte Wahrneh mung und Erinne rung für In-Game-Werbung bei Kindern nach sich ziehen.18 Es liegt nahe zu ver- muten, dass die empiri schen Befunde aus einer Kombina tion dieser beiden Ursachen (erhöhte Involviert heit ins Spiel und geringere Werberesistenz) heraus erklärt werden können. Hinsicht lich der experimentellen Varia tion der Spielerperspektive ergaben sich mehrere interessante Ergebnisse. Zum einen erinnerten deut lich mehr Schüler als junge Erwachsene die Marke „Audi“, die als Product Placement (das eigene Spielerfahrzeug) integriert war und in der Ver folger perspektive durch das Logo mit den vier Ringen sowie die Karosserieform sicht bar wurde. Dies steht zunächst im Wider spruch zu der im Rahmen der Interviewstudie beobach teten Unkenntnis von Schülern gegen über hochintegrierten Product Placements. Denn immerhin zwei Drittel der Schüler, die in der Ver folger- perspektive ge spielt hatten, nannten „Audi“ auch bei der Recogni tion-Aufgabe; das gleiche galt nur für die Hälfte der jungen Erwachsenen in der ver gleich- baren experimentellen Bedin gung. Allerdings ist die Marken erinne rung noch nicht gleichbedeutend mit der Erken nung der Persua sions absicht (vgl. dazu die Befunde der Interviewstudie in Kapitel IV.1, sowie weiter unten); zunächst zeigt der Befund also, dass Kinder auch relativ beiläufig kommunizierte Marken (die „Audi“-Ringe waren nur sehr klein am Heck des Spielerfahrzeugs an- 16 Z. B. Green field, P. (1984). Mind and media: The effects of television, video games, and computers. Cambridge, MA. 17 Beispielsweise Identifikationsprozesse: Hoffner, C. (1996). Children’s wishful identification and parasocial interaction with favorite television characters. Journal of Broadcasting and Electronic Media, 40, S. 389 ff. 18 Vgl. etwa Aufenanger, S. (2005). Medien pädagogi sche Überle gungen zur ökonomi schen Sozialisa tion von Kindern. merz – Medien und Erziehung, 49(1), S. 11 ff.; vgl. Livingstone, S., & Helsper, E. J. (2006). Does advertising literacy mediate the effects of advertising on children? A critical examination of two linked research literatures in relation to obesity and food choice. Journal of Communication, 56(3), S. 560 ff.; vgl. Nieding, G., Ohler, P., Bodeck, B. & Werchan, A. (2006). Werbung im Fernsehen. Experimentelle Methoden zur Erfas sung der Ver stehens leis tung von Kindern. Zeitschrift für Medien psychologie, 18(3), S. 94 ff.; vgl. Terlutter, R., & Spielvogel, J. (2010). Einfluss faktoren auf die Ent wick lung der Werbekompetenz bei Kindern. Der Markt, 49(1), S. 17 ff. 170 gebracht) wahrnehmen und memorieren. Das wird auch an der (be sseren) Erinne rungs leis tung von Schülern auf die eben falls nur sehr klein dargestellte Werbung für „Blaupunkt“ deut lich; dieser Sponsoring-Aufdruck befand sich an der Stelle, die bei Straßen fahrzeugen dem Kennzeichen vor behalten ist und war ent sprechend relativ klein. Ein zweiter wichtiger experimenteller Befund ist die starke Ab hängig keit der Erinne rungs- und Wieder erken nungs leis tung von der bereits vorab be stehenden Jugendaffinität und Beliebt heit einer als In-Game-Werbung er scheinenden Marke. Der Sponsoring-Aufdruck der Motoren öl-Marke „Castrol“ wurde kaum erinnert, was zweifelsohne daran liegt, dass die meisten jungen Probanden (allerdings auch die meisten jungen Erwachsenen) kaum Vor wissen über diese Marke mitbrachten, an das sie den Sponsoring-Aufdruck hätten an knüpfen konnten. Ganz andere Signalwir kungen gingen dagegen von jugendaffinen Brands wie „Red Bull“ aus; hier ergaben sich insgesamt höhere Erinne rungs- raten, aber eben auch ein stärkerer experimenteller Unter schied. Für die (nicht in die Manipula tion der Spielerperspektive ein gebundene, sondern für alle Probanden sicht bare) Marke „Vodafone“ lässt sich eben falls die Bedeu tung der A-priori-Marken stärke zeigen: Das Logo des Mobilfunkanbieters wird mit Abstand am häufigsten in der Schüler stichprobe erinnert, und die späteren Einstel lungs fragen zeigen die beacht lich positive Marken einstel lung in dieser Alters gruppe. Insofern lässt sich die Aussage zur be sonderen Wirksam keit von In-Game-Werbung bei Kindern noch aus differenzieren, als dass bereits gut etablierte und be liebte Marken auch in visuell hochdynami schen Spielumfeldern wie dem hier unter suchten Genre der Autoren nen sehr große kognitive Effekt- potenziale auf weisen, hingegen Marken, die im Relevanzhorizont von Kindern (und Jugend lichen) keine zentrale Rolle einnehmen, nicht im gleichen Maße Signalwir kungen zu er reichen scheinen. Dass die Studie keine Hinweise auf Einstel lungs effekte der In-Game-Wer- bung er bracht hat, sollte aus methodi schen Gründen nicht missinterpretiert werden. Zum einen war das Design nicht ge zielt auf die Erfas sung von Einstel- lungs effekten aus gerichtet; dazu fehlt eine Vorher-Messung der Marken einstel- lungen oder die Implementie rung einer Kontroll gruppe, die beispiels weise das exakt gleiche Rennspiel mit unter schied lichen (oder fehlenden) Werbebot schaf- ten spielt.19 Wichtiger noch ist jedoch die Problematik der Einstel lungs stabilität. Gerade weil nur „echte“ und relativ tradi tions reiche Marken unter sucht werden konnten, ist nicht davon auszu gehen, dass eine auf wenige Augen blicke be- schränkte Konfronta tion mit den Marken logos oder auch ein Imagetransfer vom Spielerleben auf die im Spiel integrierten Marken in mess barer Weise die Marken urteile von Kindern oder auch Erwachsenen ver ändern würde. Dies 19 Wie etwa bei Klimmt, Steinhof & Daschmann 2008, wobei auch dort keine Einstel lungs effekte von In-Game- Werbung be obachtet wurden. 171 gilt auch für subliminale Einstel lungs effekte.20 Vor diesem Hinter grund ist die Tatsache zu be denken, dass die Kontakt frequenz bei Computerspielen extrem hoch werden kann – geht man von beispiels weise fünf Banden werbun gen auf einer virtuellen Rennstrecke aus und nimmt man ferner an, dass ein Spieler diese Strecke im Ver lauf seiner Beschäfti gung mit dem Spiel 300-mal durch- fährt, würden daraus 1.500 Werbekontakte resultieren, die insbesondere für noch nicht gut be kannte oder be liebte Marken durch aus persuasive Wirkun gen ent falten könnten. Daher ist die relativ starke Wahrnehmungs- und Erinne- rungs wirkung von In-Game-Werbung bei Kindern auch mit Blick auf nach- gelagerte Einstel lungs effekte als kritischer Befund zu be trachten. Schließ lich gilt es, den Blick auf die kritische Frage nach der Erken nung der Persua sions absicht von In-Game-Werbung zu richten. Hierzu hatte die Interviewstudie (Kapitel III.1) die Annahme nahegelegt, dass Defizite bei Schüle rinnen und Schülern be stehen könnten. Interessant sind in diesem Zu- sam men hang die Erkenntnisse aus den Antworten der 10- bis 13-jährigen Probanden auf die Frage nach Werbung in einem Screen shot des Spiels, der das Spielerfahrzeug mit seinen Sponsoren aufdrucken zeigte. Für die Mehrheit der Teilnehmer war auch das dezente Product Placement „Audi“ als Werbung erkenn bar; doch immerhin 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler be nannte nur die Sponsoren logos als „Werbung“. Dagegen er kannten (mit einer Aus- nahme) alle jungen Probanden die Sponsoren logos als Werbung. Diese Diskre- panz beim „Durch schauen“ unter schied licher Formen der In-Game-Werbung muss frei lich durch Folgestudien noch systematisch nach geprüft werden. Sie ist jedoch ein Hinweis darauf, dass gerade hochintegrierte In-Game-Werbung, die nicht einfach konventionelle Werbeformen wie Plakate oder Sponsoren logos nach ahmt, hinsicht lich ihrer Identifizier bar keit als persuasive Botschaft jüngere Spielerinnen und Spieler eher vor Probleme stellt. Dabei ist auch zu be denken, dass die Fragen zum Screen shot und der darin ent haltenen Werbung erst nach einer Reihe von Fragen zum Thema Werbung im ge spielten Spiel folgten. Die kognitive Elabora tions leis tung der Befragten im Moment der Abfrage (und damit die Mobilisie rung von Werbe erken nungs-Fähig keiten) dürfte daher deut- lich höher ge legen haben als in einer „natür lichen“ Spielsitua tion, die ohne explizite Hinweise und Denk-Aufgaben bezüg lich hochintegrierten Placements durch lebt wird. Zugleich gelten hochintegrierte Werbeformen in Spielerkreisen oft als will- kommene Maßnahme zur Steige rung der Reali täts nähe (vgl. dazu auch die juristi schen Ausfüh rungen in Kapitel II). Daher ist mit einem kritisch- auf spü- renden Umgang von Kindern in Bezug auf „ver deckte“ Placements in Compu- terspielen nur bedingt zu rechnen. So weisen die Befunde zwar gewiss nicht auf 20 Vgl. Schemer & Wirth 2007. 172 eine be stürzende und weit ver breitete Naivität von Schülerinnen und Schülern gegen über In-Game-Werbung im Allgemeinen oder hochintegrierten Varianten im Speziellen hin. Doch geben sie Anlass zu der Sorge, dass Kinder eine doppelt erhöhte Anfällig keit für kognitive Wirkun gen von In-Game-Werbung auf weisen: Diese besteht zum einen in ihrer intensiven Wahrneh mung von Marken kommunika tion im Spiel und zum anderen aus ihrer nicht so stark aus geprägten Identifika tion von persuasiven Ab sichten. Das Persua sions wissen21 wäre demnach ein Aspekt von Werbekompetenz, der in nach folgenden Studien, aber auch in der prakti schen Medien kompetenz-Arbeit (vgl. dazu unten: Kapi- tel IV) ver stärkte Berücksichti gung finden sollte. Zugleich deuten die Ergeb- nisse des Experiments – gemeinsam mit den Befunden aus der voran gegange- nen Interviewstudie – an, dass In-Game-Werbung durch aus ähnliche (auf sichts-) recht liche Heraus forde rungen mit Blick auf Kinder mit sich bringt wie Fernseh- wer bung: Hier waren zumal für jüngere Kinder Schwierig keiten bei der Diffe- renzie rung von Werbespot und Programm diagnostiziert worden; integrierte Werbekommunika tion wie Product Placement ist im Kinderprogramm sogar unter sagt (vgl. oben: Kapitel II). Die hier präsentierten Ergebnisse geben Anlass zu der Annahme, dass ähnliche Probleme mit dem Erkennen und Durch schauen bei In-Game-Werbung auf treten und unter streichen ent sprechend den juristi- schen Hand lungs bedarf. 21 Vgl. Friestad & Wright 1994. 173 Literatur Aufenanger, S. (2005). Medien pädagogi sche Überle gungen zur ökonomi schen Sozialisa- tion von Kindern. merz – Medien und Erziehung, 49(1), S. 11 ff. Berger I. & Mitchell, A. A. (1989). The effect of advertising on attitude accessibility, attitude confidence, and the attitude-behavior relationship. Journal of Consumer Research, 16(3), S. 269 ff. Charlton, M., Neumann-Braun, K., Aufenanger, S., Hoffmann-Riem, W. et al. (1995). Fernsehwer bung und Kinder: Das Werbeangebot in der Bundes republik Deutschland und seine Ver arbei tung durch Kinder. Opladen Gierl, H. & Satzinger, M. (2000). Gefallen der Werbung und Einstel lung zur Marke. Der Markt, 39(3), S. 115 ff. Greenfield, P. (1984). Mind and media: The effects of television, video games, and computers. Cambridge, MA. Hoffner, C. (1996). Children’s wishful identification and parasocial interaction with favorite television characters. Journal of Broadcasting and Electronic Media, 40, S. 389 ff. Hoyer, W. D. & Brown, S. P. (1990). Effects of brand awareness on choice for a common, repeat-purchase product. The Journal of Consumer Psychology, 17 (2), S. 141 ff. Klimmt, C., Roth, F. S., Braune, A. & Mischke, C. (2011). How players respond to advertising in video games: „Yes“ for awareness, „No“ for reactance, and also „No“ for (short-term) attitude change. Full-Paper-Vortrag auf der Konferenz der International Communica tion Associa tion (ICA), Game Studies Interest Group, 26.–30. Mai 2011, Boston (USA). Klimmt, C., Steinhof, C. & Daschmann, G. (2008). Werbung in Computerspielen: Die Bedeu tung von Interaktivität für die kognitive Werbewir kung. Medienwirtschaft, 5(1), S. 6 ff. Lang, A. (2000). The information processing of mediated messages: A framework for communication research. Journal of Communication, 50, S. 46 ff. Livingstone, S., & Helsper, E. J. (2006). Does advertising literacy mediate the effects of advertising on children? A critical examination of two linked research literatures in relation to obesity and food choice. Journal of Communica tion, 56(3), S. 560 ff. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (MPFS) (Hrsg.) (2009). JIM-Studie 2009: Jugend, Informa tion, (Multi-)Media. Basis studie zum Medien umgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Stuttgart. Mela, C. F., Gupta, S. & Lehmann, D. (1997). The long-term effects of promotion and advertising on consumer brand choice. Journal of Marketing Research, 24, S. 248 ff. Nelson, M. R. (2002). Recall of brand placements in computer/video games. Journal of Advertising Research, 42(2), S. 80 ff. Nieding, G., Ohler, P., Bodeck, B. & Werchan, A. (2006). Werbung im Fernsehen. Experimentelle Methoden zur Erfas sung der Ver stehens leis tung von Kindern. Zeit- schrift für Medien psychologie, 18(3), S. 94 ff. Petty, R. E. & Cacioppo, J. T. (1986). The elaboration likelihood model of persuasion. Advances in Experimental Social Psychology, 19, S. 124 ff. 174 Schemer, C., Matthes, J. & Wirth, W. (2007). Werbewir kung ohne Erinne rungs effekte? Eine experimentelle Studie zum Mere-Exposure-Effekt bei Product Placements. Zeitschrift für Medien psychologie, 19(1), S. 2 ff. Siegert, G. & Brecheis, D. (2005). Werbung in der Medien- und Informa tions gesell- schaft. Eine kommunika tions wissen schaft liche Einfüh rung. Wiesbaden. Terlutter, R., & Spielvogel, J. (2010). Einfluss faktoren auf die Ent wick lung der Werbe- kompetenz bei Kindern. Der Markt, 49(1), S. 17 ff. Teil IV Zukunfts perspektiven: Auf gaben für Regulie rung, Medien pädagogik und Forschung 177 IV.1 Hand lungs empfeh lungen an Politik und Medien pädagogik zum Umgang mit In-Game-Werbung Dieter Dörr, Christoph Klimmt, Nicole Zorn & Gregor Daschmann Das in diesem Band vor gestellte Projekt hat sich mit drei zentralen Perspektiven auf die junge Werbeform „In-Game-Werbung“ be schäftigt. Sowohl aus der Perspektive des Medien rechts als auch aus der Sicht der Kommunika tions- wissen schaft und der Medien pädagogik wurden wichtige und umfang reiche Grundlagen dafür geschaffen, dass der gesell schaft liche und politi sche Umgang mit In-Game-Werbung in Zukunft zielführender und effektiver ge lingen kann. Aus den Erkennt nissen des Vor habens lassen sich ver schiedene strategi sche und operative Vor schläge ab leiten, die wir ent lang von vier Dimensionen ent wickeln: der Änderung von Rechts vorschriften, der Kennzeich nung von In-Game-Wer- bung, der Förde rung der Erken nungs fähig keit bei (jungen) Nutzerinnen und Nutzern sowie der Steige rung von Transparenz und Nutzer kompetenz in Bezug auf personalisierte In-Game-Werbung und den be troffenen Daten schutz. IV.1.1 Änderun gen der Rechts vorschriften In der recht lichen Bestands aufnahme wurde ge zeigt, dass es bisher keine spe- ziellen Regelun gen gibt, die die Werbung in Computerspielen zum Gegen stand haben. Die Anwend bar keit der ver schiedenen Regelun gen richtet sich danach, ob es sich bei dem jeweiligen Spiel um ein Telemedium oder ein Träger medium handelt. Die meisten Computerspiele sind als Telemedien einzu ordnen und unter fallen damit im Bereich der Werbung der Bestim mung des § 58 Abs. 1 RStV. Allerdings ist die Zuord nung hybrider Spiele zu den Telemedien be- sonders schwierig. Im Interesse einer einheit lichen Regelung ver gleich barer Sach verhalte sollte der Gesetz geber darüber nach denken, ob eine gesetz liche Kategorisie rung von Spielen an gezeigt ist. 178 Der RStV hat in seinen Begriffs bestim mungen Werbung, Schleichwer bung, Sponsoring und Produkt platzie rung in § 2 Abs. 2 RStV neu definiert. Nach diesen Defini tionen stehen die Produkt platzie rung und das Sponsoring als eigenständige Formen neben der Werbung. Allerdings gelten diese Defini tionen dem Wortlaut nach nur für den Rundfunk. Daher besteht eine ge wisse Unsicher- heit darüber, ob der ein geschränkte Werbebegriff auch auf die Telemedien Anwen dung findet. Zudem ver zichtet der RStV im Gegen satz zum TMG und zur AVMD-Richtlinie darauf, als Oberbegriff für die werb lichen Formen den Begriff der kommerziellen Kommunika tion einzu führen. Auch deshalb ist das Ver hältnis von § 58 Abs. 1 RStV zu § 6 TMG unklar. Eine Über arbei tung der Vor schriften im Rundfunkstaats vertrag, die sich um einheit liche Begrifflich keiten bemüht, würde zur Rechts klar heit beitragen. Bei einer solchen Über arbei tung sollte klargestellt werden, dass der enge Werbe- begriff des § 2 Abs. 2 Nr. 7 RStV auch für Telemedien gilt. Zudem sollten der Bundes- und die Landes gesetz geber das ver wirrende Neben einander der Vor- schriften des § 58 Abs. 1 RStV und des § 6 TMG be seitigen. Es ist sachgerecht, dass die Vor gaben für die kommerzielle Kommunika tion allein in § 58 Abs. 1 RStV ver ankert werden, da auch nach § 1 Abs. 4 TMG der RStV die inhalt- lichen Aspekte der Telemedien regeln soll. Bei einer Änderung des § 58 Abs. 1 RStV sollte eine Kennzeich nungs pflicht für alle Formen der kommerziellen Kommunika tion vor gesehen werden. Dabei sollte es den Landes medien anstalten über lassen werden, die Durch füh rung der Kennzeich nungs pflicht in gemeinsamen Satzun gen oder Richtlinien zu regeln.1 Besonders dring lich ist es, die unter schied lichen Zuständig keiten für die Auf sicht über die Einhal tung der Bestim mungen für Telemedien einschließ lich des § 58 Abs. 1 RStV, die sich nach dem jeweiligen Landes recht richtet, durch eine einheit liche Auf sichtsinstanz abzu lösen. Diese zersplitterte Auf sicht ge- fährdet eine effektive Durch set zung der für Telemedien geltenden Bestim- mungen und damit der bei der In-Game-Werbung zu be achtenden Vor gaben des § 58 Abs. 1 RStV und er gänzend des § 6 TMG. Insoweit liegt es nahe, durch eine ent sprechende Änderung des § 59 Abs. 2 RStV die Auf sicht über die Einhal tung der für Telemedien geltenden Vor schriften – mit Aus nahme der Telemedien angebote des öffent lich-recht lichen Rundfunks – der Kommis- sion für Zulas sung und Auf sicht (ZAK) als gemeinsamen Organ aller Landes- medien anstalten zu über tragen. Zudem würde die Effektivität der Auf sicht ge stärkt, wenn Ver stöße gegen § 58 Abs. 1 RStV als Ordnungs widrig keit aus gestaltet würden. Damit stünde ein wirksames Instrument zur Durch set zung der gesetz lichen Ver bote und Gebote zur Ver fügung. 1 Vgl. dazu auch unten IV.1.2.3. 179 Im Bereich des Jugendmedien schutzes ist frag lich, ob die unter schied lichen Regelun gen im JMStV und im JuSchG noch sachgerecht sind. Dies liegt daran, dass viele Offline-Spiele inzwischen Online ergänzt werden können. Dies führt zu Über schnei dungen zwischen Online- und Offline-Spielen, die von den der- zeitigen Rege lungs werken nicht wirk lich erfasst werden. Hier sollte zumindest auf eine Ver einheit lichung der Vor gaben für ver gleich bare Sach verhalte hin- gearbeitet werden. Dazu besteht nunmehr bei der erneut an stehenden Revision des JMStV Gelegen heit. Im Bereich des Daten schutzes ent steht auch im Zusammen hang mit Compu- ter spielen durch die Ver knüp fung von Sozialen Netz werken und Telekommuni- ka tions leis tungen eine Daten vermischung, die mit den derzeitigen Regelun gen schwer zu be grenzen ist. Hier ist der Gesetz geber ge fordert, sich mit den neuen medialen Kommunika tions formen und ihren speziellen Rege lungs bedürf nissen auseinander zusetzen. IV.1.2 Kennzeich nung von In-Game-Werbung IV.1.2.1 Kennzeich nungs pflichten Eine zentrale Hand lungs empfeh lung zum gesell schaft lichen und politi schen Umgang mit In-Game-Werbung besteht darin, die Praktiken zur Kennzeich- nung dieser Werbeform zum recht lich ge forderten Standard zu erheben. Alle denk baren Varianten von In-Game-Werbung, für die Werbetreibende Geld bezahlt oder ver gleich bare Aufwen dungen er bracht haben, sollten in eindeutiger Weise für die Nutzerinnen und Nutzer an gekündigt und/oder markiert werden. Diese Forde rung zielt zunächst auf die Gleichbehand lung von In-Game-Wer- bung mit konven tionellen Werbeformen, für die die Leitlinie der Kenntlich- machung werb licher Botschaften im gesamten Medien recht längst ver ankert ist (vgl. ausführ lich oben: Teil II). Die Forde rung nach einer ver pflichtenden Ankündi gung und/oder ander- weitigen expliziten Kenntlichmachung be trifft zum anderen die medien pädago- gi sche Perspektive der Erken nungs fähig keit gerade junger Spielerinnen und Spieler in Bezug auf In-Game-Werbung. Bereits in der Debatte um Fernsehwer- bung wurden Hilfen für Kinder bei der Erken nung und dem „Durch schauen“ von Werbespots (im Unter schied zum eigent lichen Programm) an gemahnt.2 In Bezug auf In-Game-Werbung tritt die Problematik der Erkenn bar keit und Er- ken nungs fähig keit (nicht nur) bei Kindern in einer neuen Qualität auf, weil im Kontext von Computerspielen spezifi sche hochintegrierte Werbeformen auf- 2 Vgl. Hoffmann-Riem, W. et al. (1995). Fernsehwer bung und Kinder: Das Werbeangebot in der Bundes republik Deutschland und seine Ver arbei tung durch Kinder. Opladen. 180 getaucht sind (beispiels weise In-Game-Placements). Hochintegrierte Werbefor- men zeichnen sich dadurch aus, dass an gebots seitig be sonders enge Verbindun- gen zwischen werb licher Botschaft und dem sonstigen Spielumfeld geschaffen werden. Beispiels weise er scheinen Marken logos auf virtuellen Rennwagen, oder es stehen in Action-Spielen real existierende (und zumindest in den USA auch ver käuf liche) Feuerwaffen zur Auswahl.3 Diese enge Verbin dung – die bisher zumeist ohne jede explizite Ankündi gung ent haltener Werbebot schaften erfolgt – er schwert die Erken nung von „realwelt lichen“ werb lichen Botschaften, weil sie sich vollkommen naht los in den virtuellen Spiel rahmen der Rezep- tions situa tion einfügen. In be stimmten Fällen, etwa dort, wo Lizenzen realer Sport veranstal tungen in ein Computerspiel um gesetzt werden (z. B. DFL/Fuß- ball oder DTM/Autoren nen), mag sogar das aus juristi scher Sicht so be deutsame Defini tions kriterium, dass ein werbetreibender Akteur für das Auf tauchen seiner Botschaft Geld bezahlt haben muss (vgl. oben: Teil II), nicht eindeutig nach zuvollziehen sein: Vielleicht tauchen Sponsoren logos auf den Rennwagen auch nur deswegen auf, weil die lizenzgegebende Sport veranstal tung eben authentisch nach gestellt werden sollte oder weil der Lizenzgeber auf diesen Logos be standen hat. Diese „gute Tarnung“ von In-Game-Werbung ist insofern noch weiter zu problematisieren, dass im Ver lauf der Beschäfti gung mit einem ge gebenen Computerspiel potenziell extrem hohe Kontakt zahlen realisiert werden können. Ein fußball begeisterter Junge mag im Ver laufe eines Jahres auf eine dreistellige Anzahl von Spielstunden mit Fußballsimula tionen kommen; innerhalb dieser umfang reichen Spielzeit würde er dann Tausende, wenn nicht Zehntausende von Kontakten mit Banden werbung am virtuellen Spielfeldrand, Sponsoren- logos auf den Spielertrikots und anderen hochintegrierten Formen der In-Game- Werbung realisieren.4 Dazu kommt die hohe Innova tions geschwindig keit und „Arten vielfalt“ gerade von stark integrierten Formen der In-Game-Werbung. Betreiber von Online- Spielen wie „Habbo Hotel“ bieten der werbetreibenden Wirtschaft individuali- sierte Lösungen an, die selbst argwöhni sche Spielerinnen und Spieler immer wieder überra schen sollen – und wie die Befunde der beiden vor gestellten empiri schen Studien nahelegen (vgl. oben: Kapitel III.1 und III.2), auch über- raschen können. Zugleich lässt sich anbieterseitig die Tendenz be obachten, die „schönen neuen“ integrierten Werbeformen in ihrer (Über raschungs- und Über- 3 Vgl. dazu Smith, S. L., Lachlan, K., Pieper, K. M., Boyson, A. R., Wilson, B. J., Tamborini, R. & Weber, R. (2004). Brandishing guns in American media: Two studies examining how often and in what context firearms appear in television and in popular video games. Journal of Broadcasting and Electronic Media, 48(4), S. 584 ff. 4 Vgl. Klimmt, C., Steinhof, C. & Daschmann, G. (2008). Werbung in Computerspielen: Die Bedeu tung von Interaktivität für die kognitive Werbewir kung. Medien wirtschaft, 5(1), S. 6 ff. 181 rumpe lungs-)Wirkung nicht zu ge fährden, indem man be sonders offensiv auf sie hinweisen oder über sie diskutieren würde. Vor diesem Hinter grund ist nicht nur aus der Perspektive der recht lichen Gleichbehand lung von In-Game-Werbung mit konven tionellen Werbeformen eine durch gängige Kennzeich nung von Werbung in Computerspielen zu fordern, sondern eben auch aus medien pädagogisch-empiri schen Erwägun gen heraus. Ähnlich wie in der Forschung zu Fernsehwer bung und Kindern5 legen die empiri schen Erkenntnisse aus der Rezep tions forschung und die Betrach tungen der Erschei nungs formen von In-Game-Werbung nahe, dass es gerade bei elegant ein gebundenen (hochintegrierten) Varianten zu einem Konflikt mit den norma- tiven Zielen der Medien pädagogik, etwa dem selbst ständig-bewussten, reflek- tiert-kritischen Umgang mit Werbung kommen kann. Ankündi gungen und/der Kennzeich nungen von In-Game-Werbung könnten einen wichtigen Beitrag dazu leisten, diesen medien pädagogi schen Konflikt zu ent schärfen. Gerade vor dem Hinter grund der be sonders intensiven Spiel- rezep tion von Kindern würden kommunikative Hilfen beim Ent decken und Einordnen werb licher Botschaften im Spiel kontext einen großen Unter schied aus machen: Weil die Wahrneh mung und kritisch-reflektierte Ver arbei tung von In-Game-Werbung kognitive Ressourcen bindet, die gerade (aber nicht nur)6 bei Kindern in be grenztem Umfang zur Ver fügung stehen, würden Kennzeich- nungen von In-Game-Werbung zu einer notwendigen kognitiven Entlas tung der (jungen) Rezipienten führen und damit die normativ für alle Konsumenten geltende, recht lich zumindest für Kinder bindende „Schutz höhe“ gegen über „schleichender“ Werbung realisieren helfen. IV.1.2.2 Kennzeich nungs formen Wie könnte und wie sollte In-Game-Werbung ge kennzeichnet werden? Vor- schläge für die prakti sche Umset zung der Kennzeich nung lassen sich sowohl aus den recht lichen Vor gaben im Rundfunk bereich herleiten als auch mit Blick auf die vor gestellten empiri schen Befunde speziell zu Kinder-In-Game-Werbung ent wickeln. Zum einen wären Ankündi gungen von in Computerspiele inte- grierten Werbemaßnahmen zu Beginn jedes Nutzungs vorgangs auf dem Bild- schirm denk bar und sicher lich sinn voll. So unter schied lich Computerspiele in ihren Inhalten, Formen, Bezugs wegen und inneren Hand lungs abläufen sind, so haben sie doch eine Form von „Vor spann“, „Start seite“ oder ähnlichem Anfangs zeichen gemeinsam, in die Vorwar nungen an die Nutzer, speziell mit 5 Vgl. z. B. Charlton, M., Neumann-Braun, K., Aufenanger, S., Hoffmann-Riem, W. et al. (1995). Fernsehwerbung und Kinder: Das Werbeangebot in der Bundes republik Deutschland und seine Ver arbei tung durch Kinder. Opladen. 6 Vgl. Klimmt, Steinhof & Daschmann 2008. 182 Blick auf hoch-integrierte Formen der In-Game-Werbung, ein gefügt werden können. Denkbar wären hier unter anderem gut lesbare Texthin weise, standardi- sierte Piktogramme, die beispiels weise gemeinsam mit dem USK-Alters frei- gabe siegel dargestellt werden könnten, oder sogar bild liche Darstel lungen mit Beispiel-Screens hots, die eine im jeweiligen Spiel tatsäch lich vor kommende Werbemaßnahme illustrieren. Derartige vor dem Beginn der Spielnut zung auf- tretende Ankündi gungen von In-Game-Werbung wären ungefähr ver gleich bar mit dem Markie rungs gebot von Werbung im Rundfunk bereich. Für Spiele, die (noch) auf Datenträgern ver breitet werden, könnten solche Ankündi gungen von In-Game-Werbung auch auf Verpac kungen sowie ge druckten Begleitmaterialien (Handbücher, Lizenzcodes etc.) wieder holt werden. Gerade mit Blick auf Kinder wurde im vor liegenden Projekt ein er höhter Unter stüt zungs bedarf bei der Erken nung und Beurtei lung von Werbung in Computerspielen erkannt. Diese Erkenntnisse legen daher nahe, in Computer- spielen „für Kinder“ zusätz liche Hinweise auf In-Game-Werbung zu ver ankern, die über eine einmalige Ankündi gung zu Beginn der Spielesit zung hinaus gehen. Zum einen dauern Spielesit zungen teil weise sehr lange, sodass Informa tionen, die zu Beginn der Nutzung an geboten wurden, leicht in Ver gessen heit geraten können. Zum anderen hat die experimentelle Studie (vgl. oben: Kapitel III.2) Hinweise darauf er bracht, dass die insgesamt be sonders stark involvierte Rezep- tions haltung von Kindern eine dauer hafte, selbst gesteuerte kritische Betrach tung von In-Game-Werbung deut lich er schwert. Deshalb er scheint es an gebracht, Ankündi gungen von In-Game-Werbung zu Beginn jeder Spielnut zung um wei- tere Hinweise während der Spielnut zung zu er gänzen. Dafür wären ver schie- dene Formen denk bar: – In vielen Computerspielen ergeben sich während der Nutzung immer wieder „natür liche“ Unter brechungen, insbesondere kurze Phasen des Stillstands, in denen neue Inhalte („Level“) ge laden werden. In solchen Spielpausen könnte der Hinweis auf das Vor kommen von In-Game-Werbung regelmäßig wieder holt werden (vgl. z. B. eine Illustra tion dieses Vor schlags in Abbil- dung 9). Damit wären für die Spielebetreiber praktisch keine Kosten ver- bunden, und der Hinweis auf Werbung ginge auch nicht zu Lasten von Spielfluss und Spiel vergnügen. – Analog zu den neusten Maß gaben zur Kennzeich nung von Produkt platzie- rungen im Fernsehen durch den Rundfunkstaats vertrag könnten Hinweise auf In-Game-Werbung auch während der laufenden Spielnut zung ein geblen- det werden. Fernsehzuschauer können regelmäßig am Bildschirmrand (rechts oben) den Hinweis „unter stützt durch Produkt platzie rung“ er kennen; ver- gleich bare Hinweise ließen sich auch am Bildschirmrand von Computerspie- len an bringen, und zwar mit automati scher Einblen dung in solchen Momen- ten, in denen eine In-Game-Werbung tatsäch lich zu sehen ist. Die Vor teile 183 der digitalen Erstel lung von Spiel bildern, die In-Game-Werbung anbieterseitig so flexibel und vielfältig machen, lassen sich demnach auch für die ver- läss liche und auf wandsarme Kennzeich nung von Werbung im Spielprozess nutzen (vgl. Abbil dung 10, unten). Zu be denken ist bei solchen Einblen- dungen frei lich, dass sie auf grund der hohen Konzentra tion der Spielerinnen und Spieler auf die zu be wältigenden Spiel aufgaben eine im Ver gleich zum Fernsehen nochmals geringere Chance haben, über haupt ge lesen zu werden.7 Zudem dürften solche regelmäßigen Erinne rungen an Kontexte außerhalb der Spielwelt den zumeist auf Immersion und „Flow“ be dachten Spielern nicht willkommen sein. Die kognitive Ver arbei tung und Akzeptanz solcher dynami schen, während der interaktiven Spielnut zung auf tretenden Hinweise auf In-Game-Werbung müsste demnach zunächst (empirisch) unter sucht werden. – Eine andere Variante der Kenntlichmachung von In-Game-Werbung könnte gerade mit Blick auf Kinder für solche Varianten an geregt werden, die sich als be sonders „gut ge tarnt“ er wiesen haben, also beispiels weise die Nutzung echter Fahrzeugmarken in Autoren nspielen oder die Trikotsponsoren in Fußballsimula tionen. Hier könnten Erklärvideos und/oder interaktive Lern- 7 Vgl. Klimmt, Steinhof & Daschmann 2008. Abbil dung 9: Illustra tion für den Vor schlag, während natür licher Spielpausen (Ladezeiten) Erinne rungen an vor kommende In-Game-Werbung einzu blenden Das Bild zeigt eine Ladepause im Fußball-Simula tions spiel „FIFA 11“ (Electronic Arts); der Hinweis auf Werbung im Spiel wurde von den Autoren ein gefügt, um die Möglich keit der Kenn- zeich nung von In-Game-Werbung zu illustrieren. 184 sequenzen in die Spiele ein gefügt werden, in denen „ein Blick hinter die digitalen Kulissen“ statt findet und Kinder er kennen können, wo sich die gut integrierte Werbung im Spiel ver bergen kann. Solche Videos ließen sich in die Einfüh rungs kapitel (Tutorials) und/oder die interaktive Hilfefunk tion vieler größerer Computerspiele problem los integrieren. Dieser Vor schlag lässt sich konzeptionell ver gleichen mit dem von Hoffmann-Riem, Engels und Schulz (1995) an geregten „Werbeinforma tions spot“, mit dem Kinder beim Fernsehen regelmäßig über Ab sichten, Formen und Inhalte von Unter- brecherwer bung informiert werden sollten.8 Eben eine solche Aufklä rung ließe sich in multimedialer und möglicher weise auch interaktiver Form in Werbung ent haltende Computerspiele einbringen. Freilich würde diese Form der Kennzeich nung be sonders große Auf wände seitens der Spielehersteller be deuten. Allerdings er scheint vor dem Hinter grund der in dieser Studie problematisierten „guten Tarnung“ mancher Formen der In-Game-Werbung und der Schwierig keiten bei der Einschät zung solcher Werbeformen bei Kindern ein derartiger Aufwand nicht nur pädagogisch, sondern auch aus medien recht licher Sicht gerecht fertigt. 8 Vgl. Hoffmann-Riem, Engels & Schulz 1995. Abbil dung 10: Illustra tion für den Vor schlag, während der Spieltätig keit in solchen Momen- ten mit Sicht- oder Hörbar keit von In-Game-Werbung einen Hinweis am Bildschirmrand einzu blenden Das Bild zeigt eine Szene aus „Shift 2: Unleashed“ (Electronic Arts) (vgl. dazu auch Kapitel I.2); der Hinweis auf Werbung im Spiel wurde von den Autoren ein gefügt, um die Möglich keit der Kennzeich nung von In-Game-Werbung zu illustrieren. 185 Während sich einfache Ankündi gungen zu Beginn von Spielnut zungen oder in Lade unterbrechungen für alle Spiele – auch solche mit er wachsenem Ziel- publikum – eignen und dort auch an gebracht wären (vgl. die nach gewiesene Werbewir kung auch für junge Erwachsene in der bisherigen Forschung, Kapi- tel I.3, sowie in der berich teten eigenen Experimentalstudie, Kapitel III.2), sind „ver stärkte“ Formen der Kenntlichmachung wie die (denk bare, aber möglicher- weise un beliebte) laufende Markie rung während der Spielnut zung und multi- mediale Erklärsequenzen insbesondere bei Computerspielen „für Kinder“ wün- schens wert. Zu denken wäre hier somit an alle Werbung ent haltenden Spiele, die sich ent weder explizit an Kinder richten, die durch USK-Einstu fungen für Kinder zumindest freigegeben sind oder aber auf grund des Bezugs weges (z. B. „Free-to-Play“-Internetspiele) für Kinder leicht zugäng lich sind. IV.1.2.3 Strategien zur Erreichung von durch gängigen Kennzeich nungs pflichten Um eine solche einheit liche Kennzeich nungs pflicht zu er reichen, bietet es sich an, die recht lichen Vor gaben ent sprechend zu ändern.9 Dazu ist er forder lich, in einem neu ge fassten § 58 Abs. 1 RStV vorzu sehen, dass alle Formen der kommerziellen Kommunika tion, also Werbung, Produkt platzie rung sowie das in Computerspielen eher fernliegende Sponsoring und Teles hopping, ge kenn- zeichnet werden müssen. Die Durch füh rung dieser Kennzeich nungs pflicht sollte gemeinsamen Satzun gen oder Richtlinien der Landes medien anstalten über lassen werden. Dazu ist es notwendig, eine dem bisherigen § 46 RStV ent sprechende Satzungs ermächti gung in den RStV einzu fügen. IV.1.2.4 Kennzeich nungs selbst verpflich tungen Ein alternativer Weg zur Aus gestal tung rechts verbind licher Vor gaben zur Kenn- zeich nungs pflicht von In-Game-Werbung ist die Erarbei tung einer Selbst ver- pflich tung der Spieleanbieter zu eben solchen Kennzeich nungs maßnahmen. Bislang herrscht in der Industrie die Sicht weise auf In-Game-Werbung als interessantem Generator von Zusatzerlösen oder als Grundlage für innovative Geschäfts modelle vor. Dass mit In-Game-Werbung nach wie vor große regulie- rungs bezogene offene Fragen ver bunden sind, die teil weise unter Mitwir kung und durch Selbst verpflich tungen der Spieleanbieter gelöst werden könnten, wird dagegen nur selten thematisiert. Aus medien pädagogi scher Sicht besteht hier daher ein Fortbil dungs bedarf bei den Kommunikatoren von In-Game- Werbung: Sie sollten für die (wie Kapitel III.2 zeigt gerade bei Kindern offen- 9 Vgl. oben IV.1.1. 186 bar sehr starken) Wirkun gen „ihrer“ Werbetechniken sensibilisiert und in die medien pädagogi sche Auf klä rungs arbeit aktiv einbezogen werden (vgl. auch unten: IV.1.3.3). Aus gehend von Diskussionen mit den Werbung ver breitenden Spieleanbie- tern über Wirkungs potenziale und die mit der Kommunika tion werb licher Botschaften ver bundenen Ver antwor tung könnten daher die Institu tionen der Medien aufsicht und des Jugendmedien schutzes der Spieleindustrie helfen, eine zielfüh rende Selbst verpflich tung zur umfassenden Kennzeich nung von In-Game- Werbung zu erarbeiten und umzu setzen. Die notwendigen techni schen Kompe- tenzen sind in der Ent wickler branche ganz eindeutig vor handen; die Kosten für die Umset zung dürften sich in den meisten Fällen im sehr niedrigen, ver- nach lässig baren Bereich bewegen. Ent scheidend wäre vielmehr, das Problem- bewusstsein der Anbieter zu schärfen, auch indem das Interesse und der wahr- genommene Hand lungs bedarf seitens gesell schaft licher Institu tionen (z. B. der Landes medien anstalten) der Branche deut lich ge macht werden. Die Bereit schaft, an der Kennzeich nung von In-Game-Werbung aktiv und konstruktiv mitzu- wirken und eine Selbst verpflich tung zu installieren, dürfte in der Branche hoch aus geprägt sein; dies lässt sich beispiels weise an ver stärkten Bemühungen um Corporate Social Responsibility bei einzelnen Unter nehmen, gerade aber auch an den vielfältigen Aktivitäten des Bundes verbands Interaktive Unter hal tungs- software (BIU) etwa im Jugendschutz bereich er kennen. Der Ver band wäre auch der ge eignete institutionelle Ansprechpartner, um über Kennzeich nungs- maßnahmen und eine Selbst verpflich tung der Branche ins Gespräch zu kom- men. Während die Vor teile einer Selbst verpflich tung auf der Hand liegen – im Gegen satz zur Ergän zung und Änderung der Rechts rahmen wäre eine solche Strategie auf wandsarm und ver gleichs weise zügig umsetz bar –, darf nicht über- sehen werden, dass im Ausland agierende Unter nehmen, die über das Internet eben falls Werbung ent haltende Spiele in Deutschland anbieten können, ungleich schwerer zu solchen Selbst verpflich tungen zu bewegen wären. Zwar bemühen sich natür lich auch viele „Global Player“ der Online-Spielebranche um soziale Ver antwor tung; doch dürften viele Akteure nur be grenzt Interesse haben, landes- und sprachspezifi sche Kennzeich nungs verpflich tungen einzu gehen. Vielfach sind die mit (kosten freien) Internetspielen zu er zielenden Erlöse in einzelnen Länden sehr be grenzt, sodass eine techni sche Neuerung wie das Anbringen von Hinweisen auf In-Game-Werbung ökonomi sche Ziel konflikte aus lösen könnte. Zudem dürfte im Ausland vielfach das Ver ständnis für den proaktiven und auf große Schutz höhen zielenden Umgang mit Werbung (ins besondere Kinderwer bung) in Deutschland fehlen.10 Und schließ lich wäre es für die gesell- 10 Z. B. Aufenanger 2005. 187 schaft lichen Institu tionen, die an einer flächen deckenden Imple mentie rung von Kennzeich nungs selbst verpflich tungen mitwirken wollen, extrem auf wendig, auch nur die wichtigsten Online-Spieleanbieter, deren Produkte im Ausland be trieben und in Deutschland ge nutzt werden können, aus findig zu machen und zu kontaktieren. Insofern er scheint der Dialog mit der Spieleindustrie über (nationale) Selbst verpflich tungen zur Kennzeich nung von In-Game-Wer bung eine sinn volle Ergän zung zur Erarbei tung von Rechts vorschriften zu Kenn- zeich nungs pflichten. Doch sollte man die be grenzte Reichweite solcher Selbst- verpflich tungen in der internationalen Dimension stets vor Augen haben und keine über mäßig ambitionierten Erwar tungen an diese Strategie knüpfen. IV.1.3 Förde rung der Erken nungs kompetenzen bezüg lich der In-Game-Werbung IV.1.3.1 Medien pädagogi sche Kompetenzförde rung bei den Spielern Neben der Hand lungs option, an den werbetragenden Spielen anzu setzen, leitet sich aus der vor liegenden Studie auch der Bedarf ab, das Wissen und die Fähig keiten der Spielerinnen und Spieler für den kritisch-reflektierten Umgang mit In-Game-Werbung zu be arbeiten. Besonderes Augen merk ver dienen hier natür lich Kinder und Jugend liche. Dabei ist indes fest zustellen, dass die Alters- abhängig keit des Werbe verständnisses kein Spezifikum von In-Game-Werbung ist, sondern beispiels weise auch mit Blick auf die Werbekompetenz beim Fern- sehen lange bekannt ist.11 Insofern steht die Medien pädagogik in konzep tioneller Hinsicht vor teil weise bereits be kannten Heraus forde rungen, und es ist nicht zielführend, die normative Vorgabe eines „perfekten“ Werbe verständnisses für beispiels weise 6-jährige Computerspieler auszu rufen. Vielmehr kann es nur um pragmati sche Ansätze gehen, die Werbekompetenz von Kindern und Jugend- lichen auch mit Blick auf die neuen Heraus forde rungen der In-Game-Werbung inkrementell zu ver bessern und die Rahmen bedin gungen der (kind lichen und jugend lichen) Werberezep tion so zu be einflussen, dass ein selbst bestimmter Um- gang mit In-Game-Werbung und ihren Wirkun gen wahrschein licher wird. Im Bereich der Förde rung von (kind licher und jugend licher) Werbekompe- tenz wird bereits seit Längerem auf die Zielgröße des Werbe verständnisses ab gezielt. Zu er kennen, dass persuasive und kommerzielle Ab sichten hinter 11 Vgl. Nieding, G., Ohler, P., Bodeck, S. & Werchan, A. (2006). Werbung im Fernsehen: Experimentelle Methoden zur Erfas sung der Ver stehens leis tung von Kindern. Zeitschrift für Medien psychologie, 18(3), S. 94 ff.; vgl. Terlutter, R., & Spielvogel, J. (2010). Einfluss faktoren auf die Ent wick lung der Werbekompetenz bei Kindern. Der Markt, 49(1), S. 17 ff. 188 Werbebot schaften stehen – auch und gerade hinter Botschaften, die interessant, unter haltsam und wenig störend sind –, gehört zu den wichtigsten Inhalten wer bungs bezogener Bildungs arbeit.12 Allerdings ist hier fest zustellen, dass der Fokus lange Zeit auf konven tioneller TV-(Unter brecher-)Werbung lag und die medien pädagogi sche Aufarbei tung neuerer Werbeformen wie Product Placement erst be gonnen hat. Ent sprechend sollten hier die bislang ver folgten Ansätze mit Blick auf neuere Werbeformen ergänzt und „modernisiert“ werden; wobei die starke Verbin dung von In-Game-Werbung mit den sonstigen Spielinhalten sowohl für die Erken- nung von Werbung als auch für die Identifika tion persuasiver Ab sichten größere Heraus forde rungen mit sich bringen dürfte als TV-Spots, die sich ja relativ deut lich vom sie um gebenden Sendeumfeld unter scheiden. Es gilt also, die Er- ken nungs fähig keit und die Fähig keit, kommerziell-persuasive Ab sichten hinter In-Game-Werbung zu fördern, so wie dies für ältere Werbeformen bereits praktiziert wird. Ent sprechend sind die Träger und Förderer der schuli schen und außerschu- li schen Bildungs arbeit darin zu unter stützen, Anschauungs- und vor allem Übungs materialien für den kompetent-verstehenden Umgang mit In-Game- Werbung zu ent wickeln und bereit zustellen. Aus „allgemein-medien pädagogi- scher Sicht“ ist In-Game-Werbung dabei nur eines von mehreren Feldern, bei denen Modernisie rungen er forder lich sind; etwa im Bereich des World Wide Web und der Social Media ergeben sich eben falls regelmäßig Neuerun gen bei Werbetechniken und -strategien, denen genauso Rechnung ge tragen werden muss.13 Speziell für In-Game-Werbung wird es er forder lich sein, Anschauungs- materialien und be gleitende pädagogi sche Handreichungen zusammen zustellen, die der Vielfalt bislang schon be kannter Werbeformen (vgl. oben: I.2) zurei- chende Beach tung schenken und gleichzeitig die Rezipienten perspektive berück- sichtigen, wonach In-Game-Werbung durch aus positive Seiten hat (insbeson dere die Förde rung der Reali täts nähe). Didaktisch wird es vermut lich notwendig sein, interaktive Übungs materialien zu ver wenden, mit denen Kinder und Jugend- liche in „echten“ Spielsitua tionen Erfah rungen mit In-Game-Werbung sammeln und diese zeit gleich und nach gelagert unter Anlei tung reflektieren können. Dazu könnte die im Rahmen des Projekts ent wickelte Beispielsamm lung der Erschei- nungs formen von In-Game-Werbung als nütz licher „Steinbruch“ dienen. Eine solche Aktualisie rung be stehender Werbekompetenz-Konzepte mit Blick auf In-Game-Werbung setzt auch eine „Nachschu lung“ des lehrenden 12 Vgl. z. B. Neuß, N. (2005). Medien pädagogi sche Ansätze zur Stärkung der Ver braucher- und Werbekompetenz. Medien und Erziehung, Heft 1/2005, S. 31 ff. 13 Vgl. z. B. Weinberg, T. (2010). Social Media Marketing. Strategien für Twitter, Facebook & Co. Köln. 189 Personals voraus. Praktisch arbeitende Medien pädagogen bilden sich ohnehin regelmäßig fort; ent sprechende Ver anstal tungen können und sollten für die Präsenta tion und Diskussion ent sprechender Materialien und Ansätze (ein- schließ lich der im Rahmen dieses Projekts zusammen getragenen Erkenntnisse) ge nutzt werden. Dagegen dürfte für die schuli sche Medien kompetenzarbeit, soweit sie nicht von Lehrkräften mit Medien-Schwerpunkt und/oder mit zurei- chender Fach unterstüt zung etwa von Medien kompetenz vereinen und -netz- werken be trieben wird, mehr Aufwand vonnöten sein, um eine Ver anke rung neuster Werbeformen wie eben In-Game-Werbung herbei zuführen.14 Gerade hier sind an schau liche Materialpakete mit eleganten Handreichungen für die Unter richtspla nung und -durchfüh rung vonnöten, damit der relativ be scheidene Raum, der im Schul bereich in Medien kompetenz-Fragen investiert werden kann, auch effizient mit Blick auf neuste Werbeformen ge nutzt wird. Dabei dürfte es sich als nutzbringend er weisen, die Begeiste rung vieler Kinder und Jugend licher für Computerspiele didaktisch auszu nutzen.15 Insgesamt er scheint es nicht notwendig, für die medien pädagogi schen Heraus forde rungen, die In-Game-Werbung mit sich bringt, völlig neue Pro- gramme oder Maßnahmen zu ge stalten. Dies dürfte aus schließ lich mit Blick auf die problemati sche Sachlage bei der Regulie rung und der Anwend bar keit von Rechts rahmen der Fall zu sein. Vielmehr reiht sich in medien pädagogi- scher Hinsicht der Fall In-Game-Werbung in die Reihe der vielen „neuen“ Werbeformen ein, denen Werbekompetenzförde rung heute und in Zukunft stärker gerecht werden sollte. Aktualisie rung der Curricula und Modernisie rung der Instruk tions materialien sind daher die ge botenen Strategien. IV.1.3.2 Einbeziehung der Eltern in die Werbekompetenzarbeit Eltern spielen für den Aufbau vor allem kind licher, teil weise auch jugend licher Medien kompetenzen eine wichtige Rolle. Dies gilt auch und gerade für den kompetenten Umgang von Kindern mit Werbung, wie beispiels weise Buijzen und Valken burg (2005) auch empirisch zeigen konnten.16 Daher ist es medien- pädagogisch von großer Bedeu tung, die Wissens basis über relevante Themen bei Eltern zu ver bessern und gleichzeitig die Bereit schaft zur aktiven Medien- beglei tung von Kindern zu fördern. Ent sprechende Ansätze wurden früher vor 14 Vgl. Gysbers, A. (2008). Lehrer – Medien – Kompetenz : eine empiri sche Unter suchung zur medien pädagogi- schen Kompetenz und Performanz nieder sächsi scher Lehrkräfte. Berlin. 15 Vgl. z. B. Klimmt, C. (2010). Computerspiele als Bildungs werkzeug: Spielspaß, Game-Based-Learning und „das medien feind liche Bewusstsein der Pädagogen“. In P. Bauer, H. Hoffmann & K. Mayrberger (Hrsg.), Medien pädagogik im Fokus – Aktuelle Forschungs- und Hand lungs felder (Fest schrift für Stefan Aufenanger) (S. 248 ff.). München. 16 Vgl. Buijzen, M. & Valkenburg, P. M. (2005). Parental mediation of undesired advertising effects. Journal of Broadcasting and Electronic Media, 19(2), S. 153 ff. 190 allem im TV-Bereich ver folgt17 existieren aber auch längst für die Online- Kommunika tion18 und auch für den Gebrauch von Computerspielen.19 Speziell für In-Game-Werbung sind indes keine spezifi schen Ansätze und Begleit studien bekannt. Vor dem Hinter grund der enormen Beliebt heit gerade werbeaffiner Spielgenres (Sportspiele im Besonderen) bei Kindern und Jugend lichen und der wachsenden Bedeu tung preis günstiger (oder auch kosten loser, da werbe- finanzierter) Spieltitel wäre es demnach an gezeigt, die Medien-Elternbil dung ebenso wie die medien pädagogi sche Arbeit mit Kinder und Jugend lichen selbst (s. o.) zu modernisieren. Initiativen wie die multiplikatoren orientierte Fort- bildungs reihe „Eltern Medien Trainer“ der Landes stelle Jugendschutz Nieder- sachsen oder das Netz werk „Eltern Medien Jugendschutz“ der Arbeits gemein- schaft Kinder- und Jugendschutz Landes stelle Nordrhein-West falen stellen nutz bare Platt formen für solche Aktualisie rungen der medien kompetenz bezo- genen Elternarbeit dar. Hier ist natür lich eben falls eine realisti sche Zielset zung vonnöten. Die thema- ti schen An gebote werden erfah rungs gemäß nur von einem Bruchteil der Eltern- schaft ge nutzt; vielfach findet kind licher und gerade jugend licher Ge brauch neuer Medien (einschließ lich der Nutzung werbehaltiger Computerspiele) ohne prozessuale und/oder edukative Beglei tung von Eltern statt, die über Fragen der modernen Werbekompetenz im Bilde sind. Dies wird sich auch auf lange Sicht an gesichts der ohnehin immer komplizierter werdenden Umstände und wachsenden Anforde rungen an „ge lingende“ Kindes erziehung kaum ändern. Auch wenn In-Game-Werbung auf grund der Popularität ihres Träger mediums und ihres erheb lichen „Tarnungs“-Potenzials große gesell schaft liche und damit auch medien pädagogi sche Relevanz besitzt, dürfte aktive Werbekompetenzarbeit in der Prioritäten liste der Eltern schaft auch auf Dauer einen nach geordneten Rangplatz einnehmen. Dies ist jedoch nicht problematisch, weil eine Ver ringe- rung der Kompetenzdefizite in Bezug auf In-Game-Werbung gemäß der hier vor gestellten Forschungs befunde nicht un bedingt riesiger Anstren gungen bedarf. Eltern müssen in aller Regel eben nicht „bei Null anfangen“, wenn es um die Sensibilisie rung für neue Werbeformen geht. Vielmehr würden einige (wenige) elter liche Impulse zur Erken nung und Reflexion von (hochintegrierter) In-Game- Werbung vermut lich bereits einen großen Unter schied für den kompetenten Umgang jenes Anteils der Spieler schaft machen, der in den vor liegenden Unter- suchungen noch Ver ständnis defizite auf weist. Ent sprechend würde es sich 17 Z. B. für TV-Werbung: Robertson, T. S. (1979). Parental mediation of television advertising effects. Journal of Communication, 29(1), S. 12 ff. 18 Vgl. Livingstone, S. & Helsper, E. J. (2006). Does advertising literacy mediate the effects of advertising on children? A critical examination of two linked research literatures in relation to obesity and food choice. Journal of Communication, 56(3), S. 560 ff. 19 Vgl. Nikken, P. & Jansz, J. (2006). Parental mediation of children’s videogame playing: A comparison of the reports by parents and children. Learning, Media and Technology, 31(2), S. 181 ff. 191 lohnen, Informa tions angebote (Ver anstal tungen) und -materialien für Eltern zur In-Game-Werbung zu ent werfen und zu ver breiten. IV.1.3.3 Einbeziehung der Spieleanbieter in die Werbekompetenzarbeit Die medien pädagogi schen Bemühungen um die gat tungs spezifi sche Werbe- kompe tenz sollten unter Einbeziehung der werbetreibenden Spieleanbieter realisiert werden. Denn für jene Firmen, die mit In-Game-Werbung Erlöse er zielen, sollte die Mitwir kung an der schuli schen oder außerschuli schen Werbe kompetenzarbeit zum Teil ihrer wahrgenommenen Corporate Social Responsibility ge hören. Im Kontext der (allgemeinen) Werbekompetenzförde- rung sind hier solche unter nehmeri schen Beiträge ge meint, die über die frei- willige oder recht lich ge forderte Kennzeich nung von Werbung in den Spielen selbst hinaus gehen. Gemeinsam mit medien pädagogi scher Forschung und Erfah rung sollten Anbieter von In-Game-Werbung an didaktisch ge eigneten Ver fahren zur Auf- klä rung über In-Game-Werbung be teiligt sein. Gemeinsame Arbeits gruppen von Praktikern der Medien pädagogik, akademi scher Spieleforschung und Ver- tretern der Spielebranche könnten die Modalitäten solcher Maßnahmen – von Packungs beilagen für Kinder und Eltern bis hin zu Demo-Videos, die den be liebten Spielezeitschriften beiliegen – ent wickeln. Solche Aufklä rung über die Formen und Inten tionen von In-Game-Werbung, die von der Spielebranche selbst an die Spieler kommen, wären aus medien pädagogi scher Sicht be sonders wertvoll. Denn die Branche ver fügt über große Glaubwürdig keit und großes Ver trauen bei den Spielern. Damit wären ihre Hilfestel lungen beim kompetenten Umgang mit In-Game-Werbung nicht mit dem Ver dacht der (elter lichen oder pädagogi schen) „Bevor mun dung“ be lastet, der jeder schuli schen und elter lichen Ver mitt lungs maßnahme anhaftet. Zudem ver fügen die Spieleanbieter über das best mögliche Anschauungs material, um Erschei nungs formen und Funk tions- weisen von In-Game-Werbung (auch beispiels weise von komplexen Formen wie dynamisch wechselnder, personalisier barer Werbung in Online-Games) erfahr bar zu machen. Daher sollten die um die Förde rung von Medien kompetenz be mühten Institu- tionen den Dialog mit der Spielebranche suchen, um kooperative Modelle der Aufklä rung über In-Game-Werbung zu beraten. Der Bundes verband Interaktive Unter hal tungs software wäre auch für diese Strategie der ge eignete Gesprächs- partner in Deutschland. 192 IV.1.4 Maßnahmen in Bezug auf den Daten schutz bei personalisierter In-Game-Werbung IV.1.4.1 Transparenz gebote für Spielebetreiber Neben der Ver schleie rung von Werbeabsichten und der „schleichenden“ Darbie- tung werb licher Botschaften bedarf die recht liche Handha bung von In-Game- Werbung auch eines Instrumentariums zum Umgang mit Fragen des Daten- schutzes. Zwar ist un bekannt, in welchem Ausmaß die werbetreibenden Spiele anbieter von den Möglich keiten der Informa tions samm lung über Spiele- rinnen und Spieler zum Zweck der Profiler stel lung und profil basierten Werbe- personalisie rung Gebrauch machen. Doch ist das Spektrum der Möglich keiten in diesem Bereich so groß (vgl. oben: Kapitel I.2), dass eine ver schärfte und sank tions bewehrte Form des Transparenz gebots für Werbung transportierende Spieleanbieter sinn voll er scheint. Hier be stehen direkte Bezüge zu den daten- schutz recht lichen Überle gungen in Bezug auf Online-Werbung20 denn auch hier steht die informationelle Selbst bestim mung der Nutzer im Span nungs feld mit den Möglich keiten und Chancen der personalisierten Werbekommunika- tion. Im Hinblick darauf, dass die Ver mark tung von persön lichen Daten ein lukrativer Markt ist und gerade durch die neuen Misch formen im Internet große Unsicher heit bezüg lich der tatsäch liche Erhebung, Verwen dung und Weiter gabe von persön lichen Daten besteht, wäre es eine empfehlens werte Maßnahme, eine unabhängige Prüfstelle einzu richten, die den Umgang von Unter nehmen bzw. Anbietern von Telemedien mit persön lichen Daten ihrer Nutzer be urteilt. IV.1.4.2 Medien pädagogi sche Förde rung der Daten schutz-Kompetenz bei Spielern Ähnlich wie bei der Thematik der Erken nungs fähig keit von (hochintegrierter) In-Game-Werbung empfiehlt es sich, auch beim Daten schutz das Wissen und die Umgangs fertig keiten der Nutzerinnen und Nutzer zu schulen. Um seine Rechte auf informationelle Selbst bestim mung und Nicht-Verwen dung personen- bezogener Nutzer daten wahrnehmen zu können, sollten gerade Jugend liche und Eltern von computerspielenden Kindern über die techni schen Möglich- keiten (soweit diese bekannt und darstell bar sind) unter richtet werden. Medien- 20 Vgl. z. B. Röhle, T. (2007). „Think of it first as an advertising system“: Personalisierte Online-Suche als Datenlieferant des Marketings. Kommunika tion@Gesell schaft, 8, Beitrag 1. Zu be ziehen über: www. soz. uni-frankfurt.de/K.G/B1_2007_Roehle. pdf (zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011). 193 pädagogi sche Bemühungen existieren in dieser Hinsicht bereits, vor allem mit Blick auf das Privacy-Management in Sozialen Netz werken.21 Aus gehend von diesen schon verfüg baren Grundlagen sollte das medien- pädagogi sche Themen curriculum zu In-Game-Werbung um den Aspekt des kritischen Umgangs mit dem Daten schutz ergänzt werden. Gerade Kinder und Jugend liche sollten zur Reflexion darüber an geleitet werden, dass eine Online- Verbin dung für Computerspiele nicht nur für den Bezug der Software oder den Spiel betrieb auf einem Server notwendig sein kann; die mit der Netzanbin- dung einher gehenden Möglich keiten zur Sammlung und Verwer tung personen- bezogener Daten sollten eben falls ins Bewusstsein gerückt werden. Vielen Intensivspielern sind solche nicht dem eigent lichen Spielzweck dienenden Ver- wen dungen von Online-Verbin dungen bereits bekannt, denn eine Reihe be- sonders auf wendiger Titel ver langt eine permanente Internet verbin dung, um Raubkopien zu unter binden. Hier be stehen also auch gegen stands bezogene Anknüp fungs punkte, auf die eine medien pädagogi sche Förde rung der Daten- schutz kompetenz zugreifen könnte. Weil die Sammlung und Verwen dung von Spielerdaten im Rahmen dynami- scher, personalisierter In-Game-Werbung „im Ver borgenen“ abläuft be ziehungs- weise ab laufen kann, dürften insbesondere Kinder auf Unterstüt zung im Um- gang mit der möglichen Daten abschöp fung an gewiesen sein. Zwar wurde dieser Aspekt in den hier berich teten Studien nicht empirisch unter sucht; doch liegt es nahe, dass die komplexe Materie und die „Unsicht bar keit“ des Vor gangs eine Beglei tung durch die Eltern er forder lich macht. Insofern sollte die oben bereits an gesprochene Einbeziehung der Eltern in den Aufbau game-bezogener Werbe- kompetenz auch den Aspekt des Daten schutzes einschließen. Beispiels weise sollten Eltern dabei unter stützt werden, mit ihren Kindern solche Online-Spiele- platt formen auszu wählen, die sich zu einem transparenten und nicht-offensiven Umgang mit den Daten ihrer Nutzer (auch und gerade für Werbezwecke) ver- pflichtet haben. Da Kinder häufig eine Präferenz für kosten freie Online-Spiele be sitzen, sollten Eltern über das mögliche Problem der „Daten samm lung im Hinter grund“ auf geklärt werden. 21 Vgl. Schmidt, J., Lampert, C. & Schwinge, C. (2010). Nutzungs praktiken im Social Web – Impulse für die medien pädagogi sche Diskussion. In Bardo Herzig, Dorothee M. Meister, Heinz Moser & Horst Niesyto (Hrsg.), Jahrbuch Medien pädagogik 8 (S. 255 ff.). Berlin. 194 Literatur Buijzen, M. & Valken burg, P. M. (2005). Parental mediation of undesired advertising effects. Journal of Broadcasting and Electronic Media, 19(2), S. 153 ff. Charlton, M., Neumann-Braun, K., Aufenanger, S., Hoffmann-Riem, W. et al. (1995). Fernsehwer bung und Kinder: Das Werbeangebot in der Bundes republik Deutschland und seine Ver arbei tung durch Kinder. Opladen. Gysbers, A. (2008). Lehrer – Medien – Kompetenz: Eine empiri sche Unter suchung zur medien pädagogi schen Kompetenz und Performanz nieder sächsi scher Lehrkräfte. Berlin. Klimmt, C. (2010). Computerspiele als Bildungs werkzeug: Spielspaß, Game-Based-Learn- ing und „das medien feind liche Bewusstsein der Pädagogen“. In P. Bauer, H. Hoff- mann & K. Mayrberger (Hrsg.), Medien pädagogik im Fokus – Aktuelle Forschungs- und Hand lungs felder (Fest schrift für Stefan Aufenanger) (S. 248 ff.). München. Klimmt, C., Steinhof, C. & Daschmann, G. (2008). Werbung in Computerspielen: Die Bedeu tung von Interaktivität für die kognitive Werbewir kung. Medienwirtschaft, 5(1), S. 6 ff. Livingstone, S., & Helsper, E. J. (2006). Does advertising literacy mediate the effects of advertising on children? A critical examination of two linked research literatures in relation to obesity and food choice. Journal of Communica tion, 56(3), S. 560 ff. Neuß, N. (2005). Medien pädagogi sche Ansätze zur Stärkung der Ver braucher- und Werbekompetenz. Medien und Erziehung, 1/2005, S. 31 ff. Nieding, G., Ohler, P., Bodeck, S. & Werchan, A. (2006). Werbung im Fernsehen: Experimentelle Methoden zur Erfas sung der Ver stehens leis tung von Kindern. Zeit- schrift für Medienpsychologie, 18(3), S. 94 ff. Nikken, P. & Jansz, J. (2006). Parental mediation of children’s videogame playing: A comparison of the reports by parents and children. Learning, Media and Technology, 31(2), S. 181 ff. Robertson, T. S. (1979). Parental mediation of television advertising effects. Journal of Communication, 29(1), S. 12 ff. Röhle, T. (2007). „Think of it first as an advertising system“: Personalisierte Online- Suche als Datenlieferant des Marketings. Kommunikation@Gesellschaft, 8, Beitrag 1. Zu be ziehen über: www.soz. uni-frankfurt.de/K.G/B1_2007_Roehle. pdf (03.5.2011). Schmidt, J., Lampert, C. & Schwinge, C. (2010). Nutzungs praktiken im Social Web – Impulse für die medien pädagogi sche Diskussion. In Bardo Herzig, Dorothee M. Meister, Heinz Moser & Horst Niesyto (Hrsg.), Jahrbuch Medien pädagogik 8 (S. 255 ff.). Berlin. Smith, S. L., Lachlan, K., Pieper, K. M., Boyson, A. R., Wilson, B. J., Tamborini, R. & Weber, R. (2004). Brandishing guns in American media: Two studies examining how often and in what context firearms appear in television and in popular video games. Journal of Broadcasting and Electronic Media, 48(4), S. 584 ff. Terlutter, R., & Spielvogel, J. (2010). Einfluss faktoren auf die Ent wick lung der Werbe- kompetenz bei Kindern. Der Markt, 49(1), S. 17 ff. Weinberg, T. (2010). Social Media Marketing. Strategien für Twitter, Facebook & Co. Köln. 195 IV.2 Resümee und Aus blick Christoph Klimmt & Alexandra Sowka In diesem Band wurde das Phänomen In-Game-Werbung aus ver schiedenen Perspektiven intensiv be trachtet. Dabei ist sowohl die Vielschichtig keit ihrer Erschei nungs formen als auch eine große Bandbreite an offenen Fragen und gesell schaft lichen, aber auch wissen schaft lichen Heraus forde rungen zutage ge- treten. Mit Blick auf die systemati sche Beschrei bung von In-Game-Werbung ist zu resümieren, dass es sich um ein undank bares Studien objekt handelt: Die Vielfalt der Gestal tungs möglich keiten zwischen Interaktivität und Multimedia ist be merkens wert, die techni sche und kreative Dynamik enorm. Vor diesem Hinter grund war es nicht an gezeigt, eine Art botani sche Sammlung der exis- tierenden Arten und Unter arten von In-Game-Werbung anzu legen. Vielmehr wird ein systemati scher – wissen schaft licher wie gesell schaft lich-politi scher – Zugriff auf In-Game-Werbung nur möglich, indem ein dimensionaler Beschrei- bungs rahmen zugrunde gelegt wird: Er ent hält ge wissermaßen die ent schei- denden Fragen, die für die Klassifika tion einer ge gebenen Form der Werbung in Computerspielen zu be antworten sind, etwa zur audiovisuellen und inter- aktiven Gestal tung der Werbebot schaft oder zur Frage der Verwen dung von Nutzer daten in der Werbe ausliefe rung (Targetting). Mit diesem Beschrei bungs- rahmen steht ein Werkzeug zur Ver fügung, das sowohl die recht liche als auch gesell schaft lich-prakti sche Auseinander setzung unter Einbezug der Spiele- branche er leichtern kann. Die juristi sche Analyse (Teil II) hat ge zeigt, dass Computerspiele als „Parade- beispiel“ für Medienkon vergenz mit Hilfe der be stehenden Regulie rungs instru- mente, beispiels weise des Rundfunkstaats vertrags, nur schwer zu fassen sind. Bei allen Erschei nungs formen kommerzieller Kommunika tion ist aber stets er forder lich, dass diese als solche erkenn bar sind. Erfolgt also keine aus rei- chende Kennzeich nung, die sicherstellt, dass der Rezipient sich des werb lichen Charakters bewusst wird, liegt ein Ver stoß gegen geltendes Recht vor. Das geltende Recht weist aber in materieller Hinsicht Unklar heiten und hinsicht lich der Durch setz barkeit deut liche Schwächen auf. Die Expertise hat sehr deut lich 196 ergeben, in welchen Bereichen Hand lungs bedarf besteht, um zum einen den Akteuren der In-Game-Werbung ver läss liche Rahmen bedin gungen zu schaffen, zugleich aber die Einhal tung von für konventionelle Medien werbung und „kom- merzielle Kommunika tion“ etablierten Standards, insbesondere den Tren nungs- grundsatz, erfolg reich über wachen und einfordern zu können. Ent sprechend hat die Analyse einen nicht unerheb lichen Bedarf ergeben, be stehende Vor- schriften in einer Weise zu ändern bzw. zu über arbeiten, die sowohl der werbe- treibenden Spielindustrie als auch den Auf sichtsinstitu tionen Orientie rung bieten kann. Damit soll auch sicher gestellt werden, dass ein gerechter Aus gleich zwi- schen den Interessen der werbetreibenden Wirtschaft und dem Ver braucherschutz herbei geführt wird. Die konkreten Ände rungs vorschläge (Ab schnitt IV.1.1) beruhen auf einer fundierten juristi schen Bestands aufnahme der für die In-Game-Werbung gegen wärtig geltenden Bestim mungen. Sie dokumentieren, wie groß die Regulie rungs- und Ordnungs defizite bei dieser Werbeform derzeit noch sind. In ähnlicher Weise haben die kommunika tions wissen schaft lichen Studien im Rahmen des Projekts (Teil III) auf gezeigt, dass gerade Kinder und Jugend- liche, nach wie vor die Bevölke rungs gruppe mit der größten Computer spiele- begeiste rung, zwar vielfach In-Game-Werbung auf Nachfrage er kennen und „durch schauen“. Zugleich er wiesen sie sich aber auch als anfällig für die Wir- kun gen von In-Game-Werbung, ein Teil der Befragten und Ver suchspersonen zeigte zudem Defizite im souveränen Umgang speziell mit hochintegrierten Formen wie beispiels weise interaktiven In-Game-Placements. Die Studien ver- kleinern damit eine normativ be sonders dring liche Lücke in der bisherigen Forschung zu In-Game-Werbung, die sich zuvor aus nahms los auf junge Erwach- sene als spielende Zielgruppe konzentriert hatte. Ent sprechend lassen sich auf die Ergebnisse des kommunika tions wissen schaft lichen Projekt teils eben falls wichtige Hand lungs empfeh lungen gründen, die sowohl bei der medien pädagogi- schen Praxis als auch bei der Spieleindustrie ansetzen. Politik und Medien pädagogik sind gleichermaßen auf gerufen, sich der Heraus forde rung durch In-Game-Werbung zu stellen. In welche Richtung diese Initiativen weisen sollten, wurde im voran gegangenen Kapitel (IV.1) vor gestellt: Die Ver einheit lichung der Rechts vorschriften, die Einfüh rung von Kennzeich- nungs pflichten (und -selbst verpflich tungen), die Förde rung der Werbekompetenz und die Ver besse rung des Daten schutzes und des Daten schutz bewusstseins bei Anbietern und Spielern sind die zentralen Empfeh lungen, die aus dem vor lie- genden Forschungs projekt er wachsen. Politik und Medien pädagogik sind gut beraten, den Dialog mit den Akteuren hinter der In-Game-Werbung zu suchen und diese auch in die Pflicht zu nehmen, wenn es etwa um Kennzeich nungs- maß nahmen oder auch die Ausstat tung modernisierter Werbekompetenz-An- sätze geht. Gerade vor dem Hinter grund, dass immer neue, technisch aus gefeilte und noch besser „ge tarnte“ Formen der In-Game-Werbung das be stehende 197 Repertoire (Kapitel I.2) er gänzen werden, ist es ge boten, die Industrie aktiv mit medien pädagogi schen Erforder nissen, aber auch mit den medien recht lichen Rahmen bedin gungen zu konfrontieren und eine Mitwir kung an der rezipienten- freund lichen Aus gestal tung sowie Rahmung von In-Game-Werbung zu ver- langen. Die Akteure der Medien aufsicht und -beobach tung (einschließ lich der Landes anstalt für Medien NRW) sind auf gerufen, bei der Weiter verfol gung des Themas In-Game-Werbung den Trialog zwischen Industrie, Medien päda- gogik und Medien politik zu stimulieren und auf die wesent lichen Fragen zu lenken. Die in diesem Bericht zusammen getragenen Erkenntnisse können hier- für sowie für die Aus gestal tung regulie rungs bezogener und werbekompetenz- bezogener Maßnahmen wertvolle Anregun gen liefern. Gerade die Landes- medien anstalten mit ihren zentralen Auf gaben im Bereich der Medien aufsicht und der Beobach tung von Medien entwick lungen können und sollten eine Vor- reiter rolle dabei einnehmen, die Politik bei der recht lichen Handha bung von In-Game-Werbung, insbesondere bei der Ver einheit lichung von Rechts vorschrif- ten und bei der Realisa tion von Kennzeich nungs- und Daten schutz verpflich- tungen zu unter stützen. Zugleich kommt der kommunika tions wissen schaft lichen und medien pädago- gi schen Forschung die Aufgabe zu, die hier be gonnenen Ansätze weiter zuver- folgen. Denn aus den hier zusammen getragenen Erkennt nissen lässt sich eine Reihe von Anschluss fragestel lungen ab leiten, die hier nur kurz benannt werden: – Recht liche Handha bung von In-Game-Werbung in anderen Ländern und im europäi schen Kontext: Die im vor liegenden Band an gestellten Betrach- tungen be rücksichtigen bereits europarecht liche Vor gaben. Ver gleiche mit den geltenden Vor schriften in anderen Nationalstaaten sowie eine Zukunfts- perspektive für eine europaweit einheit liche (oder zumindest konvergierende) Regulie rung ver bleiben indes als nach folgende Fragestel lungen. Hier ergeben sich ent sprechend rechts wissen schaft liche Anschluss perspektiven, die mittel- fristig auch wieder den politisch-gesell schaft lichen Umgang mit In-Game- Werbung in Deutschland be treffen könnten. – Prävalenz von ver schiedenen Varianten der In-Game-Werbung: Auf grund der Vielfalt der Erschei nungs formen stellt eine quantitative Unter suchung, welche Varianten der In-Game-Werbung wie häufig ein gesetzt werden, eine enorme empirisch-methodi sche Heraus forde rung dar. Als „be sonders inter- aktives“ Medium sind objektive, reliable und damit valide Inhalts analysen bei Computerspielen be sonders schwierig.1 Zudem wäre die Benen nung der Grundgesamt heit und die Ziehung einer aus sagekräftigen Stichprobe an- 1 Vgl. Klimmt, C., Vorderer, P. & Ritterfeld, U. (2007). Interactivity and generalizability: New media, new challenges. Communication Methods and Measures, 1(3), S. 169 ff. 198 gesichts der Bandbreite der Spielangebote (offline, online, Misch formen, Brows erspiele etc.) und der hohen Dynamik im Markt (neue An gebote er- scheinen täglich, andere ver schwinden wieder) eben falls mit hohen Anforde- rungen ver bunden. Gleichwohl wäre es lohnend, die hier erarbeitete Be- schrei bungs systematik für eine inhalts analyti sche Prävalenz untersuchung zu nutzen. Denn damit würden die Annahmen der weiten Ver brei tung von In-Game-Werbung auf solide empiri sche Grundlagen ge stellt und zugleich eine Orientie rung darüber geschaffen, welche Formen der In-Game-Werbung – nämlich die ge bräuch lichsten Formen oder diejenigen, die be sonders bei kinder affinen Genres auf treten – am ehesten der medien recht lichen und medien pädagogi schen Aufarbei tung be dürfen. – Entwick lungs psychologie der In-Game-Werbekompetenz: Weil Computer- spiele auch in Zukunft einen zentralen – wenn nicht den zentralen – Platz im Unter hal tungs port folio junger Menschen einnehmen werden, sollte auch die hier be gonnene Forschung zu Alters unterschieden im Umgang mit In-Game-Werbung weiter geführt werden. Der Ver gleich von 11- bis 13-jähri- gen Spielern mit jungen Erwachsenen könnte fort gesetzt werden, indem die gesamte Alters spanne vom Vor schulalter bis zum Senioren alter in der Rezep- tions analyse be rücksichtigt wird. Ähnlich wie in der Forschung zu TV-Wer- bung2 und könnte so ein ent wick lungs psychologisch fundiertes Modell des Kompetenzerwerbs bezüg lich In-Game-Werbung ent stehen, das wiederum die Medien regulie rung und die medien pädagogi sche Praxis mit wichtigem Wissen für die alters spezifi schen Handha bungs strategien ver sorgen würde. – Begleit forschung zu medien pädagogi schen Interven tionen: Auch die im vorliegenden Band erarbei teten Vor schläge für Inhalte und Strategien des medien pädagogi schen Umgangs mit In-Game-Werbung be dürften der wissen schaft lichen Beglei tung. Anschluss fragestel lungen be ziehen sich hier auf die Ermitt lung bereits be stehender Aktivitäten etwa von Ver einen und Initiativen zur Förde rung von Medien kompetenz sowie auf die be gleitende Evalua tion von neuen medien pädagogi schen Curricula und Ver mitt lungs- strategien im Bereich der In-Game-Werbung. Zum Ab schluss soll der Blick noch einmal auf die Spieler selbst gerichtet werden. Ver schiedene Institu tionen, die sich mit Werbung be schäftigen, wurden bereits erwähnt und zum Handeln auf gefordert. Doch was ist mit Blick auf die Nutzer und Adressaten von In-Game-Werbung zu sagen, nämlich die Spieler? Zunächst einmal ist ihre auch in den berich teten Studien mehrfach be obachtete positive Grundhal tung zu In-Game-Werbung zu respektieren. Die vor gestellten Hand lungs empfeh lungen sollten daher keines falls als grundsätz liche Ableh nung 2 Z. B. Nieding, G., Ohler, P., Bodeck, S. & Werchan, A. (2006). Werbung im Fernsehen: Experimentelle Methoden zur Erfassung der Verstehensleistung von Kindern. Zeitschrift für Medienpsychologie, 18(3), S. 94 ff. 199 von In-Game-Werbung miss verstanden werden. In-Game-Werbung ist im Grundsatz legitim und stößt auch auf Akzeptanz bei den Spielern. In manchen Fällen trägt In-Game-Werbung auch zum Spielspaß bei, weil sie dem Spiel- geschehen mehr Authentizität ver leiht. Insofern sehen Spieler in der In-Game- Werbung durch aus einen Nutzen. Traditionell sind „Gamer“ auch ein kritisches Publikum, das seine Vor behalte gegen „schlechte“ Neuerun gen durch aus zu artikulieren weiß und dabei auf Anbieter trifft, die solche Kritik in der Regel sehr ernst nehmen. Dieser optimisti schen Sicht auf die Souveränität der Nutzer – auch in ihrem positiven Urteil über In-Game-Werbung – stehen allerdings die auf gezeigten Probleme hoch-integrierter Werbeformen ent gegen. Außerdem ist die Tatsache zu be denken, dass eine zunehmende Bandbreite von Erlös- modellen in der Spielebranche weg geht vom klassi schen Laden verkauf und hinschwenkt zu Online-Erlösen einschließ lich Werbung und In-Game-Place- ments. „Casual Games“, „Browser Games“ und „Free-to-Play“ sind die Schlag- worte dieses Trends, die zahl reichen Spielern – gerade jungen Spielern mit geringen Budgets, die sie für Computerspiele aus geben können – sehr ent- gegen kommen. In dem Maße, in dem sich Computerspiele und die Werbung in ihnen weiter entwickeln und aus breiten, ist daher die Frage nach der Souverä- nität und Kompetenz der Spieler im Umgang mit In-Game-Werbung regelmäßig neu zu stellen – und zwar nicht, um die Spieler zu bevor munden, sondern um ihnen zu helfen, etwaige kommunikative Nachteile gegen über raffinierten und „ver borgenen“ Varianten dieser noch immer im Wandel befind lichen Werbeform auszu gleichen. 200 Literatur Klimmt, C., Vorderer, P. & Ritterfeld, U. (2007). Interactivity and generalizability: New media, new challenges. Communication Methods and Measures, 1(3), S. 169 ff. Nieding, G., Ohler, P., Bodeck, S. & Werchan, A. (2006). Werbung im Fernsehen: Experimentelle Methoden zur Erfas sung der Ver stehens leis tung von Kindern. Zeit- schrift für Medien psychologie, 18(3), S. 94 ff. 201 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis Abbildungen Abbil dung 1: Symbol hafte Werbeobjekte in einem Computerspiel („Empire of Sports“) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 Abbil dung 2: Online ver breitete Variante von In-Game-Werbung . . . . . . . 28 Abbil dung 3: Dynamische In-Game-Werbung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 Abbil dung 4: Beispiel für Werbetyp „Virtuelles Product Placement“ . . . . . 34 Abbil dung 5: Screens hots aus dem Autoren nspiel „DTM Race Driver III“ . . 156 Abbil dung 6: Ver gleich der aggregierten freien Erken nungs leis tung (Recall) der im Compu ter spiel be worbenen Marken zwischen Schülern und jungen Erwachsenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 Abbil dung 7: Ver gleich der aggregierten Wieder erken nungs leis tung der im Computerspiel be worbenen Marken zwischen Schülern und jungen Erwachsenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 Abbil dung 8: Ver gleich der experimentell variierten Spielerperspektive und der Alters grup pen hinsicht lich ihrer freien und ge stützten Erinne rung (Recall /Recogni tion) . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 Abbil dung 9: Illustra tion für den Vor schlag, während natür licher Spielpausen (Ladezeiten) Erinne rungen an vor kommende In-Game-Werbung einzu blenden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183 Abbil dung 10: Illustra tion für den Vor schlag, während der Spieltätig keit in solchen Momen ten mit Sicht- oder Hörbar keit von In-Game- Werbung einen Hinweis am Bildschirmrand einzu blenden . . . 184 Tabellen Tabelle 1: Systematisie rung von In-Game-Werbung . . . . . . . . . . . . . . . 25 Tabelle 2: Alter und Geschlecht der Interviewten . . . . . . . . . . . . . . . . 139 Tabelle 3: Erinne rungs häufig keiten (Recall) für die zehn im Spiel vor kommenden Marken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 Tabelle 4: Wieder erken nungs häufig keiten (Recogni tion) für die zehn im Spiel vor kommenden Marken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162 202 Tabelle 5: Erinne rungs häufig keiten (Recall /Recogni tion) in den experimentellen Gruppen (Cockpit-/Ver folger-Perspektive) und im Ver gleich der unter suchten Alters grup pen . . . . . . . . . . . . . 164 Tabelle 6: Erken nung von Werbung auf einem Screen shot aus dem Spiel „DTM Race Driver III“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 Tabelle 7: Urteile der Teilnehmer über In-Game-Werbung im Alters vergleich . 168 203 Anhang Anhang 1: Leitfaden (Kurz version) Interviewstudie Dimensionen Inhalt licher Fokus An gespr. Notizen Erinne rung, Wahrneh mung, Identifika tion Beschrei bung des Spiels (das zuvor ge spielt wurde) ( ) 2 Screens hots – Visuelle Werbung + Product Placement identifizieren (Identifika tion) – Werbeinhalt be schreiben ( ) Werbung in anderen Computerspielen (erinnern/be schreiben) ( ) Unter schiede zwischen TV-Werbung und Werbung in Computerspielen ( ) Ver ständnis Wissen über Werbung in Computerspielen (Ziele, Adressaten, Wirkung + Gespräche über Werbung mit Eltern/ in Schule) ( ) Bewer tung Einfluss Werbung auf Reali täts nähe ( ) Einfluss der Werbung auf den Spielspaß ( ) An gebote: Geld zahlen – keine Werbung kosten los – Werbung ( ) Wertender Ver gleich: Werbung im TV und Werbung in Computerspielen ( ) Fragen zum Spiel verhalten Frequenz: jeden Tag/oder wie oft in der Woche? ( ) Art der Computerspiele ( ) 204 Anhang 2: Fragebogen Experimentalstudie (Kinder) 153 Nr: Experimentalbed.(V=Verfolgerkamera/C=Cockpitkamera): Fragenreihenfolge:Autolast Interviewer/in:____________________________ Datum:__________________ Fragebogen AngabenzurPerson Alter:____Jahre Geschlecht:männlich weiblich Klassenstufe:_____Klasse Schule:_______________________________________ AllgemeineHinweise Soweitnichtandersvermerkt,lesenSiedemKinddieAntwortmöglichkeitenbittenichtvor,sondern ordnenSieseinefreigegebenenAntworten–evt.unterstütztdurchNachfragen–entsprechendzu. Soweitnichtandersvermerkt,kannnureineAntwortangekreuztwerden. Zeichenerklärung […]=Anweisung/HinweisefürdenInterviewer =Fragetext [Frage1undFrage2nochVORdemSpielstellen] 205 154 Frage1 o jedenTag o mehrmalsinderWoche o allepaarWochenmal o nie[falls,weitermitAutorennspiel] o weißnicht/k.A.[falls,weitermitAutorennspiel] Frage2 [Bitte notieren Sie stichwortartig dieAntwortendes Kindes.Dabei ist es egal, ob es Spieletitel oder genres nennt.] ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ —Autorennspiel— [BittenSienundasKind,dasAutorennspielindervorgegebenenBedingung(Verfolgerkamera/Cockpit)zuspie len.DasKindsollteca.7Minuten,fahren(ggf.alsomehrereRunden).SetzenSiesichwennmöglichetwasab seitsvondemKindhin,sodassessichnichtbeobachtetfühlt.Wenndie7Minutenvorbeisind,bittenSiedas Kind,mitdemSpielenaufzuhörenundpausierendasSpiel(EscTaste).BittenotierenSieuntendiegefahrene Rundenanzahl.DannfahrenSiebittemitdemFragebogenfort.] Rundenanzahl:____Runden Ichmöchtedichgleichbitten,füreinpaarMinuteneinComputerspielzuspielen undzwaristdaseinAutorennspiel.Wieistdenndasbeidir,spielstduCompu terspiele? [Wenn „Ja“, aber Kind führt nicht selbst weiter aus, bitte nachfragen]: Undwieoftspielstduso? UndwasspielstdusofürSpiele? 206 155 [BittenehmenSiediebeiliegendeSmileySkalazurHand] Frage3 [ErklärenSiedemKindnunkurz,waswelcherSmileyaussagtundbittenSiedasKind,aufdenSmileyzutippen, derambestenausdrückt,wievielSpaßesbeimSpielenhatte,undübertragenSiedieWahlentsprechendindie SkalaimFB.] IchhattebeimSpielen… Frage4 o ja o nein o weißnicht/k.A. Frage5 [BittenotierenSiedieAntwortdesKindesinStichworten.Siekönnenggf.unterstützendnachfragen,z.B.:Und wozuistWerbungnochgut...?/WenndumalandieWerbungimFernsehendenkst…etc.] ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ [FallsKindWerbungnichterklärenkann,sieheExkursaufdernächstenSeite] garkeinen Spaß wenigSpaß mittelmäßig Spaß vielSpaß sehrvielSpaß JetzthabeichersteinmaleineallgemeineFrage,dienichtsmitdemSpielzutun hat.Undzwarstelldirbitteeinmalvor,dichfragteinjüngeresKind,wasdenn eigentlich„Werbung“ist?WiewürdestdudemKinderklären,wasWerbungist undwozuessiegibt? Zunächstwürde ich gerne von dir erfahren,wie du das Spiel so fandest.Und zwarwürdeichdichdazubitten,mirhiermitdiesenSmileyszusagen,wieviel SpaßdirdasSpielgemachthat. DasSpielheißt jaDTMRaceDriver III.Hastdudasvorheuteeigentlichschon einmalgespielt,alsokanntestdudasSpielschon? 207 156 [Exkurs:WasistWerbung] Frage6 o ja o nein[falls,weitermitFrage8] o weißnicht/k.A.[falls,weitermitFrage8] Frage7 [BittenotierenSiedieAntwortenderKinder.GebenSiebittekeinekonkretenTipps.] o Eswurdegeworbenfür: ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ o keinekonkreteErinnerung o weißnicht/k.A. Frage8 o ja o nein[falls,weitermitFrage10] o weißnicht/k.A.[falls,weitermitFrage10] UndwennduandasAutorennspieldenkst,dasdugeradegespielthast:Warin demSpielWerbungdrin? Undkannstdudicherinnern,wasdasfürWerbungwar?Wofürwurdedage worben? UndkannstdudichanirgendwelcheMarkenoderSchildervonFirmenerinnern, dieindemSpielvorgekommensind? Werbung,dassindBilderoderGeschichten,mitdeneneinbestimmtesProdukt einerFirmavorgestelltwerdensoll.Damit sollerreichtwerden,dassdasPro dukt bekannt wird und die Leute sich daran erinnern, es gut finden und es kaufen. Werbung kann man an ganz verschiedenen Orten sehen und hören, zumBeispielaufPlakaten,imFernsehen,imRadiooderimInternet. 208 157 Frage9 [BittenotierenSiedieAntwortenderKinder.GebenSiebittekeinekonkretenTipps.] o ErinnerungandieMarken: ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ o keineErinnerung o weißnicht/k.A. Undwaswaren das fürMarken?Anwelche von denMarken kannst du dich nocherinnern? 209 158 Frage10 [Bitte legenSiedemKindnundiebeiliegendeMarkenListevorund lassenes selbstständigankreuzen.Bitte gebenSiekeineTipps.ÜbertragenSiebitteparalleldieAuswahldesKindesindieuntenstehendeListe.] WelchedieserMarkenhastduimSpielgesehen? AlsnächsteszeigeichdireineListe,aufderverschiedeneMarkenoderSchilder vonFirmendraufstehen.BitteschauedirdieListeinRuheanundkreuzedann alleMarkenan,vondenendumeinst,dasssie imRennspielvonebengezeigt wurden. Alsomach bitte ein Kreuz bei denMarken, die du im Spiel gesehen hast.AberVorsicht,vielleichtwarvondieserListeauchkeineMarkeimSpiel– mache nur ein Kreuz,wenndu dir sicher bist, dieMarke im Spiel gesehen zu haben! 210 159 [BittenehmenSiedieDaumenSkalazurHand.] Frage11 [ErklärenSiedemKindnunkurz,waswelcherDaumenaussagtundbittenSiedasKind,nachjedemSatzaufden füreszutreffendenDaumenzutippenundübertragenSiedieWahlentsprechendindieSkalaimFB.] trifftgar nichtzu triffteher nichtzu teils,teils triffteher zu trifftvoll undganz zu ? weiß nicht/ k.A. DieMarkeAudikenneichsehrgut. AudibautsuperAutos. IchmagdieMarkeAudigerne. Wenn ich mir ein Auto kaufen würde, dann würde ich mir einen Audikaufen. trifftgar nichtzu triffteher nichtzu teils,teils triffteher zu trifftvoll undganz zu ? weiß nicht/ k.A. DieMarkeRedBull kenne ich sehr gut. RedBullisteinsuperGetränk. IchmagdieMarkeRedBullgerne. Wenn ich mir ein EnergieGetränk kaufenwürde,dannwürde ichmir einRedBullkaufen. Michinteressiert,wasduüberbestimmteMarkenweißtundwasdusoübersie denkst. Hier sind einige Marken aufgelistet, die auch in dem Rennspiel drin waren. Ich lesedir jetzteinpaarSätzevor, indenenetwasüberdieseMarke gesagtwird.Du kannstdannhiermitHilfederDaumenzeigen, obder Inhalt desSatzesaufdichzutrifftodernicht. 211 160 [BittenehmenSienundasWerbungBildersetzurHand.] Frage12 keineWerbung Werbung Bild1 Bild2 AudiPlacement Werbungaufd.Audi Bild3 Bild4 [NunnehmenSiebitte1.)die2DaumenSkalaund2.)Bild1(„Vodafone“)zurHand.Jenachdem,obdasKind die dort gezeigte BrandPresenceWerbemaßnahmen zuvor korrekt als Werbung erkannt hatte oder nicht, wählenSiebittedieentsprechendeEinleitung]: trifftgar nichtzu triffteher nichtzu teils,teils triffteher zu trifftvoll undganz zu ? weiß nicht/ k.A. DieMarkeVodafonekenne ich sehr gut. VodafoneisteinesuperHandyfirma. IchmagdieMarkeVodafonegerne. Wenn ich einen Handyvertrag ab schließenwürde,dannwürde ichzu Vodafonegehen. HiersindnuneinigeBilderausdemRennspiel,dasduvorhingespielthast. Ich zeige dir jetzt nacheinander die Bilder und du schaust sie dir bitte einfach in Ruheanundsagstmirdann jeweils,obauf ihnenWerbungzusehen istoder 212 161 Frage13 [BitteerklärenSiekurzdie2DaumenSkala.LesenSiedannbittejedenSatz(komplett)einzelnvorundüber tragendiejeweiligeDaumenWahldesKindesindenFB.] [LassenSiedie2DaumenSkala liegenundnehmennunbitteBild2 („Audi“)zurHand.AuchhierwählenSie bittedenpassendenEinstieg,jenachdem,obdasKinddasGameElementzuvorkorrektalsWerbungerkannt hatodernicht.] Frage14 [LesenSiebittejedenSatz(komplett)einzelnvorundübertragendiejeweiligeDaumenWahldesKindesinden FB.] DieseWerbung… trifftgar nichtzu trifftvoll undganz zu solleinendazubringen,Sachenvonder Firmazukaufen. isteinfachsoda,ohnebesonderen Grund. solleinenaufdieFirmaaufmerksam machen. solleinfachnurdieUmgebungverschö nern. [erkannt]:Wiedujabereitsrichtigerkannthast,istaufdiesemBildWerbungzusehen. [nichterkannt]:WennwirunsnochmaldiesesBildhieranschauen,da isthierzumBeispielauch Werbungzusehen. Wenndumalüberlegst,wasmeinstdudenn,warumistdieseoderähnlicheWerbungüberhauptin dem Rennspiel drin? Hier habe ich ein paar Gründe aufgelistet, wozu diese Werbung gut sein könnte.IchlesedirdieGründenuneinzelnvorunddusagstmirbittefürjedenGrund,obduihnzu treffendfindestodernicht.DafürkannstduaufeinenderbeidenDaumenhierzeigen. [erkannt]:AuchbeidiesemBildhattestdujarichtigerkannt,dassauf ihmWerbungzusehen ist, nämlichhier,derAudi. [nichterkannt]:Undschaumalhier,aufdiesemBild,daistauchWerbungzusehenundzwarhier, derAudi. 213 162 Frage15 VielenDankfür’sMitmachen! DieseWerbung… trifftgar nichtzu trifftvoll undganz zu solleinendazubringen,Sachenvon derFirmazukaufen. isteinfachsoda,ohnebesonderen Grund. solleinenaufdieFirmaaufmerksam machen. solleinfachnurdieUmgebungver schönern. Werbung inComputerspielen… trifftgar nichtzu triffteher nichtzu teils,teils triffteher zu trifftvoll undganzzu istlangweilig. istinteressant. machtdasSpielrealistischer. störtbeimSpielen. ZumAbschlusswürdeichgernenochvondirerfahren,wieduganzallgemeinWerbunginCompu terspielenfindest?DazuhatjajedereineandereMeinung.HiersindMeinungenvonanderenKin dernzuWerbunginComputerspielenaufgelistet;dieleseichdirjetztnacheinandervor.Bittesage mirmitHilfe dieserDaumen, ob du dieMeinung, die ich jeweils vorlese, zutreffend findest oder nicht. 214 Anhang 3: Fragebögen Experimentalstudie (Erwachsene) 163 Fragebogen Liebe(r)Teilnehmer/in, danke, dass Sie sich entschieden haben an unserer Studie teilzunehmen.Wirwerden Ihnen vor demSpieleneinigeFragenstellen,dann legenSiezumSpielendenFragebogenkurzbeiseiteund danachfolgennocheinigeweitereFragen. DieStudieerfolgtimRahmeneinesKooperationsprojektsmitderJohannesGutenbergUniversität MainzundderLandesanstaltfürMedienNordrheinWestfalen. BittenehmenSiesichzumBeantwortenderFragensovielZeitwienötig,esgehthiernichtdarum, dassSieLeistungerbringen,sondernumIhreErinnerungundMeinung. DieBefragungerfolgtanonym,unddieerhobenenDatenwerdenstrengvertraulichbehandelt,es erfolgt keineWeitergabe an dritte Parteien. Die Daten dienen ausschließlichwissenschaftlichen Zwecken. VielenDankfürIhreMithilfe! 215 164 AlsErstesmöchtenwirSiebitten,einigeAngabenzuIhrerPersonzumachen. Alter:____Jahre Geschlecht:männlich weiblich Studienfach:________________________________________ VoraussichtlicherAbschluss(BA,MAusw.):________________________________________ NunfolgenzweiFragenzuIhrerComputerspielnutzung. Frage1 o jedenTag o mehrmalsinderWoche o allepaarWochenmal o nie[weitermitFrage3] o weißnicht[weitermitFrage3] Frage2 ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ WiehäufigspielenSieComputerspiele? UndwasspielenSiefürSpiele? 216 165 JetztmöchtenwirSiebitten, sichdemSpiel zuzuwenden.Siehaben7MinutenSpielzeitundbe kommenBescheid,sobalddieZeitabgelaufenist.DanachgehtesweitermitdemFragebogen. NunfolgeneinigeFragendazu,wieIhnendasSpielgefallenhat. Frage3 BittekreuzenSieganzlinksan,wennIhnendasSpielgarkeinenSpaßgemachthatundganzrechts, wennes IhnensehrvielSpaßgemachthat.MitdenKästchendazwischenkönnenSie IhreAussage abstufen. IchhattebeimSpielen… garkeinenSpaßsehrvielSpaß 1 2 3 4 5 Frage4 o ja o nein o weißnicht HatIhnendasSpielSpaßgemacht? DasSpielheißtDTMRaceDriverIII.HabenSiedasSpielvorheuteschon einmalgespielt? 217 166 IndenfolgendenFragenwirdesumdenInhaltdesSpielsundIhreErinnerungdarangehen. Frage5 o ja o nein[weitermitFrage7] o weißnicht[weitermitFrage7] Frage6 o Eswurdegeworbenfür: ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ o keinekonkreteErinnerung o weißnicht Frage7 o ja o nein[weitermitFrage9] o weißnicht[weitermitFrage9] WennSieandasComputerspieldenken,dasSiegeradegespielthaben, istIhnendaWerbungaufgefallen? KönnenSiesicherinnern,wofürimSpielgeworbenwurde? Können Sie sich an irgendwelcheMarken oder Schilder von Firmen er innern,dieindemSpielvorgekommensind? 218 167 Frage8 o ErinnerungandieMarken: ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ o keinekonkreteErinnerung o weißnicht AnwelcheMarkenkönnenSiesichnocherinnern? 219 168 Frage9 WelchedieserMarkenhabenSieimSpielgesehen? AlsNächstesfindenSiehiereineListe,inderverschiedeneMarkenoder SchildervonFirmenauftauchen.BitteschauenSiesichdieListeinRuhe anundkreuzendannalleMarkenan,vondenenSiemeinen,dasssieim Rennspiel von eben gezeigt wurden. Machen Sie bitte nur ein Kreuz, wennSiesichsichersind,dieMarkeimSpielgesehenzuhaben. 220 169 AlsnächsteskommennuneinigeFragenzubestimmtenMarken,beidenenesumIhrWissenüber dieMarkeundIhreMeinungzuderMarkegeht. Frage10 trifftgar nichtzu triffteher nichtzu teils,teils triffteher zu trifftvoll undganz zu ? weißnicht Die Marke Audi kenne ich sehr gut. AudibautsuperAutos. IchmagdieMarkeAudigerne. Wenn ich mir ein Auto kaufen würde, dann würde ich mir einenAudikaufen. HiersindeinigeMarkenaufgelistet,dieauchindemRennspielenthalten waren. InderTabellefindenSieAussagenüberdieMarken.Bittekreu zenSiean, inwieweitder Inhaltdes jeweiligenSatzesaufSiegarnicht zutrifftodervollundganzzutrifft.MitdenKästchendazwischenkönnen SieIhreAussageabstufen. 221 170 trifftgar nichtzu triffteher nichtzu teils,teils triffteher zu trifftvoll undganz zu ? weißnicht DieMarkeRedBull kenne ich sehr gut. RedBullisteinsuperGetränk. IchmagdieMarkeRedBullgerne. Wenn ich mir ein EnergieGetränk kaufenwürde,dannwürde ichmir einRedBullkaufen. trifftgar nichtzu triffteher nichtzu teils,teils triffteher zu trifftvoll undganz zu ? weißnicht DieMarkeVodafonekenne ich sehr gut. VodafoneisteinesuperHandyfirma. IchmagdieMarkeVodafonegerne. Wenn ich einen Handyvertrag ab schließenwürde,dannwürde ichzu Vodafonegehen. 222 171 InderletztenFragesollesallgemeinumWerbunginComputerspielengehen. Frage11 VielenDankfürIhreHilfe! Werbung inComputerspielen… trifftgar nichtzu triffteher nichtzu teils,teils triffteher zu trifftvoll undganzzu istlangweilig. istinteressant. machtdasSpielrealistischer. störtbeimSpielen. Wie finden Sie Werbung in Computerspielen? Hier sind verschiedene Meinungen zum Themaaufgelistet.BittekreuzenSiean,inwieweitderInhaltdesjeweiligenSatzesaufSie garnichtzutrifftodervollundganzzutrifft.MitdenKästchendazwischenkönnenSieIhre Aussageabstufen. 223 Die Autoren Prof. Dr. Gregor Daschmann Johannes Guten berg-Universität Mainz, Institut für Publizistik Prof. Dr. Dieter Dörr Johannes Guten berg-Universität Mainz, Lehrstuhl für Öffent liches Recht, Völker- und Europarecht, Medien recht; Direktor Mainzer Medien institut Prof. Dr. Christoph Klimmt Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Institut für Journalistik und Kommunika tions forschung Franziska Roth M. A. Universität Mannheim, Seminar für Medien- und Kommunika tions wissen schaft Alexandra Sowka M. A. Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Institut für Journalistik und Kommunika tions forschung Ass. iur. Nicole Zorn Mainzer Medien institut 69 65 S C H R I F T E N R E I H E M E D I E N F O R S C H U N G D E R L A N D E S A N S T A L T F Ü R M E D I E N N O R D R H E I N - W E S T F A L E N ( L f M ) 66 67 70 68 Werbung in Computerspielen: Herausforderungen für Regulierung und Medienpädagogik herausgegeben von Dieter Dörr, Christoph Klimmt und Gregor Maschmann Mitarbeit: Franziska Roth, Alexandra Sowka und Nicole Zorn 232 Seiten, 17 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-556-6 Euro 15,– (D) Unterhaltung ohne Grenzen? Der Schutzbereich der Menschenwürde in den Programmgrundsätzen der Medienstaatsverträge von Nadine Klass 148 Seiten, DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-554-2 Euro 12,– (D) Mit Computerspielern ins Spiel kommen Dokumentation von Fallanalysen von Jürgen Fritz und Wiebke Rohde 136 Seiten, DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-548-1 Euro 10,– (D) Wie Computerspieler ins Spiel kommen Theorien und Modelle zur Nutzung und Wirkung virtueller Spielwelten von Jürgen Fritz 176 Seiten, 12 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-547-4 Euro 12,– (D) Kompetenzen und exzessive Nutzung bei Computerspielern: Gefordert, gefördert, gefährdet von Jürgen Fritz, Claudia Lampert, Jan-Hinrik Schmidt und Tanja Witting Mitarbeit: Marius Drosselmeier, Wiebke Rohde, Christiane Schwinge und Sheela Teredesai 312 Seiten, 61 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-546-7 Euro 21,– (D) Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 66, 67 und 68; ISBN 978-3-89158-549-8 Gesamtpreis Euro 35,– (D) Skandalisierung im Fernsehen Strategien, Erscheinungsformen und Rezeption von Reality TV Formaten von Margreth Lünenborg, Dirk Martens, Tobias Köhler und Claudia Töpper 272 Seiten, 60 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-542-9 Euro 18,– (D) 64 58 59 60 61 63 62 Medienkompetenz in der Schule Integration von Medien in den weiterführenden Schulen in Nordrhein-Westfalen von Andreas Breiter, Stefan Welling und Björn Eric Stolpmann 352 Seiten, 88 Abb./Tab., DIN A5, 2010 ISBN 978-3-89158-539-9 Euro 22,– (D) Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund Umfragen und Gruppendissionen mit Personen türkischer Herkunft und russischen Aussiedlern im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in Nordrhein-Westfalen von Joachim Trebbe, Annett Heft und Hans-Jürgen Weiß. Mitarbeit Regine Hammeran 228 Seiten, 81 Abb./Tab., DIN A5, 2010 ISBN 978-3-89158-518-4 Euro 15,– (D) Heranwachsen mit dem Social Web Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen herausgegeben von Jan-Hinrik Schmidt, Ingrid Paus-Hasebrink und Uwe Hasebrink 360 Seiten, 84 Abb./Tab., DIN A5, 2. unveränderte Auflage, April 2011 ISBN 978-3-89158-509-2 Euro 22,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Fernsehen Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Fernsehens von Helmut Volpers, Uli Bernhard und Detlef Schnier 276 Seiten, 166 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-485-9 Euro 18,– (D) Journalistische Recherche im Internet Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online von Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker 412 Seiten, 127 Abb./Tab., DIN A5, 2. Auflage 2010 ISBN 978-3-89158-480-4 Euro 23,– (D) Mehr Vertrauen in Inhalte Das Potenzial von Ko- und Selbstregulierung in den digitalen Medien herausgegeben von Wolfgang Schulz und Thorsten Held 224 Seiten, 8 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-479-8 Euro 15,– (D) Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung Mediennutzung und Medienkompetenz von Mädchen und Jungen sowie medienpädagogische Handlungsmöglichkeiten von Renate Luca und Stefan Aufenanger 268 Seiten, 33 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-468-2 Euro 18,– (D) 53 VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 Telefon: 030 / 32 70 74 46 10781 Berlin Telefax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Der Medienverlag 51 50 54 55 56 Bürgerfernsehen in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse herausgegeben von Helmut Volpers und Petra Werner 236 Seiten, 94 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-453-8 Euro 15,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Radio Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Hörfunks von Helmut Volpers 264 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-449-1 Euro 18,– (D) Geschichte im Fernsehen Eine Untersuchung zur Entwicklung des Genres und der Gattungsästhetik geschichtlicher Darstellungen im Fernsehen 1995 bis 2003 von Edgar Lersch und Reinhold Viehoff 344 Seiten, 119 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-454-5 Euro 21,– (D) Die Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa von Alexander Roßnagel, Thomas Kleist und Alexander Scheuer 344 Seiten, 8 Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-445-3 Euro 20,– (D) Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse von Helmut Volpers, Detlef Schnier und Christian Salwiczek 220 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2006 ISBN 978-3-89158-420-0 Euro 15,– (D) Suchmaschinen: Neue Herausforderungen für die Medienpolitik herausgegeben von Marcel Machill und Norbert Schneider 200 Seiten, 65 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-410-1 Euro 15,– (D) Weitere Details zu allen Bänden in der Schriftenreihe der LfM finden Sie gerne im Internet : Computerspiele gehören heute zu den beliebtesten Unterhaltungsangeboten bei Kindern und Jugendlichen. Neuerdings gewinnen sie auch als Werbeträger an Bedeutung. In zahl- reichen Spielen finden sich werbliche Inhalte, die in unterschiedlichster Art und Weise in das Spielgeschehen integriert sind. Die „Verschmelzung“ von Werbe- und Spieleinhalten sowie die hohe Präsenz und Vielfalt der In-Game-Werbung stellen Medienrecht und Medienpädagogik vor neue Herausforderungen. Der Band setzt sich mit diesen Herausforderungen auseinander. Das Phänomen In-Game- Werbung wird systematisch beschrieben und der Forschungsstand aufgearbeitet. Eine ausführliche Analyse thematisiert Fragen der gesetzlichen Regulierung und mögliche auf- sichtsrechtliche Konsequenzen. Über verschiedene empirische Zugänge wird untersucht, wie Kinder und Jugendliche mit In-Game-Werbung umgehen und welche Werbewirkungen sich bei ihnen zeigen. Der Band schließt mit Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Werbung in Computerspielen in der Regulierung und bei der Förderung von Medienkom- petenz. Die Herausgeber: ❯ Prof. Dr. Dieter Dörr Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Völker- und Europarecht, Medienrecht; Direktor Mainzer Medieninstitut ❯ Prof. Dr. Christoph Klimmt Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung ❯ Prof. Dr. Gregor Daschmann Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Publizistik Weitere Autoren: ❯ Ass. iur. Nicole Zorn Mainzer Medieninstitut ❯ Alexandra Sowka M.A. Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung ❯ Franziska Roth M.A. Universität Mannheim, Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-556-6 Euro 15,- (D) Werbung in Computerspielen 70 Dö rr , K lim m t, D as ch m an n (H rs g. ) W er bu ng in C om pu te rs pi el en ❯ Herausforderungen für das Medienrecht und die Förderung von Medienkompetenz ❯ ❯ ❯ Hier könnte Ihre Werbung stehen! Hier könnte Ihre Werbung stehen! Hier könnte Ihre Werbung stehen! Hier könnte Ihre Werbung stehen! T I M E 1 Player One 0:23:775 2 | 057 Werbung in Computerspielen Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 70 Dieter Dörr, Christoph Klimmt, Gregor Daschmann (Hrsg.) RZ_LfM-Schriftenreihe_Band_70:. 20.07.11 12:31 Seite 1
Forschung
mit dem Social Web: Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen : Das Internet gehört für Jugendliche und junge Erwachsene zum Alltag. Mit Hilfe von Netz- werkplattformen oder via Instant Messaging pflegen sie Selbstpräsentationen und Bezie- hungen in erweiterten sozialen Netzwerken, auf Videoportalen finden sie Unterhaltung und Ablenkung, und in der Wikipedia informieren sie sich über relevante Themen. Die onlinebasierten Kommunikationsräume werden zur Bewältigung von Entwicklungsaufga- ben im Lebensverlauf genutzt, erfordern aber auch eigene Kompetenzen im Umgang mit den neuen Öffentlichkeiten oder riskanten Inhalten und Verhaltensweisen. Die Studie erläutert auf breiter empirischer Basis, wie 12- bis 24-Jährige in Deutschland über die neuen Kommunikationsmöglichkeiten denken, wie sie im Alltag mit ihnen umge- hen und welche Unterschiede sich dabei je nach Alter, Geschlecht und sozialem Kontext zeigen. Damit wird eine Grundlage geschaffen für eine sachliche Auseinandersetzung mit diesem wichtigen und heute bereits alltäglichen Bestandteil der Medienlandschaft. ❯ Dr. Jan-Hinrik Schmidt Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg ❯ Prof. Dr. Ingrid Paus-Hasebrink Universität Salzburg, Fachbereich Kommunikationswissenschaft ❯ Prof. Dr. Uwe Hasebrink Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-509-2 Euro 22,- (D) Heranwachsen mit dem Social Web 62 Sc hm id t/ Pa us -H as eb ri nk /H as eb ri nk ( Hr sg .) He ra nw ac hs en m it d em S oc ia l W eb ❯❯❯ Heranwachsen mit dem Social Web Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 62 Jan-Hinrik Schmidt, Ingrid Paus-Hasebrink, Uwe Hasebrink (Hrsg.) Ab b. © p ic tu re -a lli an ce /c hr om or an ge , © fo to lia .c om , © c or bi s RZ_LfM-Bd_62:. 03.09.09 13:47 Seite 1 Jan-Hinrik Schmidt, Ingrid Paus-Hasebrink, Uwe Hasebrink (Hrsg.) Heranwachsen mit dem Social Web Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen Band 62 Jan-Hinrik Schmidt, Ingrid Paus-Hasebrink, Uwe Hasebrink (Hrsg.) Heranwachsen mit dem Social Web Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. Herausgeber: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) Zollhof 2 40221 Düsseldorf Tel.: 0211 / 770 07 – 0 Fax: 0211 / 72 71 70 E-Mail: info@lfm-nrw.de Internet: www.lfm-nrw.de 2. unveränderte Auflage, April 2011 Copyright © 2009 by Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), Düsseldorf Verlag: VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 10781 Berlin Tel.: 030 / 32 70 74 46 Fax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Alle Rechte vorbehalten ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-509-2 Umschlaggestaltung: disegno visuelle kommunikation, Wuppertal Satz: Schriftsetzerei – Karsten Lange, Berlin Druck: Bosch-Druck, Landshut Vorwort des Herausgebers Die Nutzung von SchülerVZ, YouTube, ICQ oder anderen Anwen dungen des sogenannten Web 2.0 gehört heute ganz selbst verständ lich zum Alltag von Jugend lichen. Diese Angebote eröffnen einer seits besondere Chancen: Internet- nutzerinnen und -nutzer bieten nicht nur selbst Inhalte an, sondern können das Netz auch für die ver schiedensten Formen von Beziehungs pflege, Selbst dar- stel lung und Partizipa tion nutzen. Anderer seits ist das Social Web nicht frei von Risiken wie etwa problemati schen Online-Bekannt schaften, dem Miss brauch privater Daten, „Cybermobbing“ oder der Ver brei tung von Hass gruppen. Die vor liegende LfM-Studie gibt Aufschluss darüber, was Jugend liche und junge Erwachsene über die neuen Kommunikations möglich keiten denken, wie sie diese alltäg lich nutzen und wie sich der Umgang je nach Alter, Geschlecht und sozialem Kontext unter scheidet. Neben unproblemati schen und kreativen Nutzungs weisen ver deut lichen die repräsentativen Befra gung ungen und auch die qualitativen Gruppen diskussio- nen, dass viele Jugend liche bereits Bekannt schaft mit Mobbing im Netz ge- macht haben. Zudem bestehen weitere Probleme darin, dass sie für die Ver- öffent lichung von Daten zu wenig sensibilisiert sind und die Langlebig keit von Daten, die einmal online ein gestellt wurden, unter schätzen. Die Befunde der Studie bekräftigen, dass die Anbieter insbesondere von sozialen Netz werken ihre Ver antwor tung deut lich wahrnehmen müssen. Der Nutzer braucht eine größtmög liche Transparenz über die Geschäfts bedin gun- gen und bessere Vorkeh rungen zum Daten schutz. Aber auch den Eltern, der Schule und weiteren pädagogi schen Akteuren stellt sich die Aufgabe, die Heran wachsenden einer seits für die Risiken zu sensibilisieren, sie anderer seits aber auch dahingehend zu unter stützen, die Potenziale des Social Web für die eigenen Bedürfnisse besser nutzen zu können. Die Studie soll eine Grundlage für eine sach liche Auseinander setzung mit diesem alltäg lichen Bestand teil der jugend lichen Medien kultur sowie An re- gun gen für mögliche zu er greifende Maßnahmen bieten. Prof. Dr. Norbert Schneider Frauke Gerlach Direktor der LfM Vorsitzende der Medienkommission der LfM 7 Inhalt 1 Zur Erforschung der Rolle des Social Web im Alltag von Heranwachsenden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 1.1 Hinfüh rung zum Thema . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 1.2 Heranwachsen im Kontext sozialer Wandlungs prozesse . . . . 14 1.2.1 Zum Zusammen hang medialer und sozialer Wandlungs prozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 1.2.2 Kindheit und Jugend im Kontext sozialer Wandlungs - prozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 1.2.3 Persönlichkeits entwick lung im Kontext der modernen Sozialisations forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 1.2.4 Social Web-Foren als Spiel-Räume im Prozess des Heranwachsens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 1.3 Der Umgang mit dem Social Web . . . . . . . . . . . . . . . 27 1.4 Zum Stand der Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 1.5 Leitfragen und Aufbau der Studie . . . . . . . . . . . . . . . 37 2 Vorgehen bei den empiri schen Untersuchungs schritten . . . . . 41 2.1 Angebots analysen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 2.2 Qualitative Untersuchungsschritte . . . . . . . . . . . . . . . 43 2.2.1 Zur Erforschung von Alltags kontexten . . . . . . . . . 43 2.2.2 Zum Vorgehen bei den Gruppen diskussionen und Einzelinterviews der qualitativen Studien und zur Logik der Probandenauswahl . . . . . . . . . . . . 43 2.2.3 Zur Auswer tung der Gruppen diskussionen und Einzelinterviews . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 2.3 Repräsentativbefra gung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 2.4 Ver knüp fungen zwischen den ver schiedenen Untersuchungs - schritten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 8 3 Das Social Web als Ensemble von Kommunikations diensten . . 57 3.1 „Web 2.0“ und „Social Web“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 3.2 Gängige Social Web-Angebote . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 3.2.1 Platt formen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 3.2.2 Personal Publis hing . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 3.2.3 Wikis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 3.2.4 Instant Messaging . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 3.2.5 Werkzeuge für Informations management . . . . . . . . 67 3.3 Angebots übergreifende Funktionalitäten . . . . . . . . . . . . 68 3.3.1 Profilseiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 3.3.2 Artikula tion sozialer Beziehungen . . . . . . . . . . . 73 3.3.3 Publizieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 3.3.4 Gruppen bezogene und interpersonale Kommunika tion . 78 3.3.5 Mechanismen zum Erschließen von Informa tionen . . 80 3.4 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 4 Die Social Web-Nutzung Jugend licher und junger Erwachsener: Nutzungs muster, Vorlieben und Einstel lungen . . . . . . . . . . 83 4.1 Der Rahmen: Nutzung des Internets . . . . . . . . . . . . . . 84 4.1.1 Häufig keit, Dauer und Ort der Internet-Nutzung . . . . 84 4.1.2 Aktivitäten beim Umgang mit dem Internet . . . . . . 85 4.1.3 Lieblings angebote im Internet . . . . . . . . . . . . . . 88 4.1.4 Muster und Typen der Internet-Nutzung . . . . . . . . 90 4.1.5 Einstel lungen gegen über und Erfah rungen mit dem Internet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 4.2 Nutzung konkreter Social Web-Angebote . . . . . . . . . . . 104 4.3 Nutzung von Netz werk platt formen . . . . . . . . . . . . . . . 106 4.3.1 Häufig keit der Nutzung von Netz werk platt formen in ver schiedenen Teilgruppen . . . . . . . . . . . . . . . 106 4.3.2 Umgang mit eigenen Profilen . . . . . . . . . . . . . . 108 4.3.3 Typen des Umgangs mit SNS . . . . . . . . . . . . . . 116 4.4 Fazit zur Nutzung von Social Web-Angeboten . . . . . . . . 119 9 5 Social Web im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen: Soziale Kontexte und Handlungs typen . . . . . . 121 5.1 Zur Rolle soziodemographi scher Merkmale für die Social Web-Nutzung: Ergebnisse der Repräsentativbefra gung . 122 5.1.1 Formale Bildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 5.1.2 Schul besuch und Berufstätig keit . . . . . . . . . . . . 129 5.1.3 Sonstige Faktoren des sozialen Umfelds . . . . . . . . 131 5.2 Zur Bedeu tung sozial-ökologi scher Aspekte im Umgang mit dem Social Web: Ergebnisse der Gruppen diskussionen . . 134 5.2.1 Vorlieben und Umgangsweisen mit dem Social Web . . 136 5.2.2 Einschät zung und Umgang mit Risiken im Social Web . 141 5.2.3 Zur Relevanz der Medienerziehung – Einfluss von Elternhaus, Wohnort und Schule auf den Umgang der Jugendlichen mit Social Web-Angeboten . . . . . . 149 5.3 Zum Identitäts-, Beziehungs- und Informations manage ment mit dem Social Web: die individuellen Perspektiven . . . . . 152 5.3.1 Dimensionen im Umgang mit dem Social Web . . . . 154 5.3.2 Social Web-Handlungs typen . . . . . . . . . . . . . . 158 5.3.3 Fazit: Breites Spektrum an Umgangs weisen mit dem Social Web – die Potenziale werden jedoch selten voll aus geschöpft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202 6 Ausgewählte Angebote des Social Web . . . . . . . . . . . . . . 207 6.1 Netz werk platt formen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208 6.1.1 Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208 6.1.2 Identitäts- und Beziehungs management . . . . . . . . . 210 6.1.3 Publizieren, gruppen bezogene und interpersonale Kommunika tion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217 6.1.4 Informations suche, -erschließung und -bewer tung . . . 219 6.1.5 Zusammen fassende Diskussion . . . . . . . . . . . . . 219 6.2 Instant Messaging . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 6.2.1 Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 6.2.2 Identitäts- und Beziehungs management . . . . . . . . . 225 6.2.3 Publizieren, gruppen bezogene und interpersonale Kommunika tion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227 6.2.4 Informations suche, -erschließung und -bewer tung . . . 227 6.2.5 Zusammen fassende Diskussion . . . . . . . . . . . . . 228 10 6.3 Videoplatt formen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228 6.3.1 Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228 6.3.2 Identitäts- und Beziehungs management . . . . . . . . . 230 6.3.3 Publizieren, gruppen bezogene und interpersonale Kommunika tion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234 6.3.4 Informations suche, -erschließung und -bewer tung . . . 235 6.3.5 Zusammen fassende Diskussion . . . . . . . . . . . . . 236 6.4 Wikipedia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 6.4.1 Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 6.4.2 Identitäts- und Beziehungsmanagement . . . . . . . . . 238 6.4.3 Publizieren, gruppen bezogene und interpersonale Kommunika tion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239 6.4.4 Informations suche, -erschließung und -bewer tung . . . 241 6.4.5 Zusammen fassende Diskussion . . . . . . . . . . . . . 241 7 Das Social Web im Kontext über greifender Medien repertoires . 243 7.1 Das Social Web im Kontext medien übergreifender Repertoires öffent licher Kommunika tion . . . . . . . . . . . . 244 7.2 Das Social Web im Kontext anderer Hilfs mittel zur interpersonalen Kommunika tion . . . . . . . . . . . . . . . . 254 7.3 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262 8 Entwicklungs aufgaben im Social Web . . . . . . . . . . . . . . 265 8.1 Selbst auseinander setzung im Social Web . . . . . . . . . . . 265 8.2 Sozial auseinander setzung im Social Web . . . . . . . . . . . 269 8.3 Sachauseinander setzung im Social Web . . . . . . . . . . . . 272 9 Jugend liche und Social Web – Fazit und Handlungs bereiche . 275 9.1 Angebots bezogene Risiken und riskante Ver haltens weisen . . 276 9.2 Partizipa tion und Mitbestim mung im Social Web . . . . . . . 282 9.3 Medien kompetenzförde rung im Social Web . . . . . . . . . . 284 9.4 Transparenz und Ver braucher schutz . . . . . . . . . . . . . . 288 11 9.5 Social Web aus recht licher Perspektive . . . . . . . . . . . . 289 9.5.1 Dienstetypus und recht liche Anknüpfungs punkte . . . 290 9.5.2 Informationelle Selbst bestim mung und Daten schutz . . 291 9.5.3 Allgemeines Persönlichkeits recht . . . . . . . . . . . . 292 9.5.4 Jugendschutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293 9.5.5 Urheber recht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 294 9.5.6 Fazit und Ausblick aus recht licher Perspektive . . . . . 295 9.6 Überle gungen zur Forschung im Social Web . . . . . . . . . 295 10 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299 11 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . 313 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 317 Anhang A1: Screening-Fragebogen für die qualitative Teilstudie . 317 Anhang A2: Leitfäden für die Gruppendiskussionen und Einzelinterviews . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 320 Anhang A3: Codesystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330 Anhang A4: Fragebogen der Repräsentativbefragung . . . . . . . . 337 13 1 Zur Erforschung der Rolle des Social Web im Alltag von Heranwachsenden1 Ingrid Paus-Hasebrink, Jan-Hinrik Schmidt und Uwe Hasebrink 1.1 Hinfüh rung zum Thema Gegen stand dieser Studie ist der Umgang Jugend licher und junger Erwachsener mit dem so genannten Social Web, oft auch Web 2.0 genannt. Diese Begriffe ver weisen auf Internet-Anwen dungen und korrespondierende Praktiken, deren wichtigstes gemeinsames Merkmal die Tatsache ist, dass die Nutzerinnen und Nutzer selbst zu Inhalte anbietern werden können („User-generated Content“) und somit die Unterschei dung zwischen Anbietern und Nutzern von Medien- angeboten ver schwimmt. Zugleich fallen darunter Anwen dungen, die den Austausch zwischen Nutzern in Öffentlich keiten fördern, deren Reichweite zwischen der interpersonalen Kommunika tion einer seits und der massen- medialen Kommunika tion anderer seits liegt. Das Social Web hat in Form von Netz werk platt formen und Weblogs, Video- platt formen und der Wikipedia in den letzten Jahren an Popularität gewonnen und den „Mainstream“ der Internetnut zung er reicht. Den Ausgangs punkt der vor liegenden Studie bildet die Frage, welcher Platz dem Social Web im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen zu gewiesen wird, wie sich diese neuen Angebote mit klassi schen Medien ver binden und welche Ver ände rungen der medien vermittelten Kommunika tion sich daraus ergeben. In dieser Einlei tung werden die Grundlagen für eine solche Untersuchung gelegt. Abschnitt 1.2 setzt sich mit den Bedin gungen des Heranwachsens im Kontext sozialer Wandlungs prozesse auseinander. Abschnitt 1.3 diskutiert ein Modell der Nutzungs praktiken beim Umgang mit dem Social Web, und Ab- 1 Für die Mitarbeit an dem Projekt bedanken sich die hier und in den ver schiedenen Kapiteln genannten Autoren auch bei Stefanie Berger, Hanna Domeyer, Mareike Düssel, Sascha Hölig, Clemens Hornik, Philipp Könighoff, Thorsten Ihler, Helmut Paus, Claudia Till und Stephanie Trümper. 14 schnitt 1.4 stellt den Stand der Forschung zum Thema „Jugend liche und Web 2.0“ vor. Auf der Grundlage dieser vor bereitenden Schritte werden schließ- lich in Abschnitt 1.4 die Fragestel lungen der Untersuchung konkretisiert und die Struktur des vor liegenden Berichts er läutert. 1.2 Heranwachsen im Kontext sozialer Wandlungs prozesse 1.2.1 Zum Zusammen hang medialer und sozialer Wandlungs prozesse Die Sozialisa tion von Jugend lichen findet unter anderen sozialen und tech- nisch-medialen Bedin gungen statt als die früherer Genera tionen. Der soziale Wandel, also die Ver ände rung von gesell schaft lichen Strukturen, Regeln und Regelmäßig keiten und damit einher gehenden Werten und Einstel lungen, ist auf ver schiedenen gesell schaft lichen Ebenen zu beobachten: auf der „Makro- ebene der Sozialstruktur und Kultur, auf der Mesoebene der Institu tionen, korporativen Akteure und Gemein schaften, auf der Mikroebene der Personen und ihrer Lebens läufe“ (Weymann 1998, S. 14 f.). Zu seiner Beschrei bung existieren zahl reiche unter schied liche Etikettie rungen, wie z. B. Multioptions- gesell schaft, Wissens gesell schaft, Informations gesell schaft, Risikogesell schaft oder Netz werk gesell schaft (eine kompakte ver gleichende Darstel lung aktueller soziologi scher Gegenwarts diagnosen findet sich bei Schimank / Volkmann 2007). Mit den gesell schaft lichen Ver ände rungen gehen mediale Wandlungs pro- zesse einher, die im Zusammen hang dieser Studie von besonderem Interesse sind. Sie werden dominiert vom Phänomen der Digitalisie rung und der Kon- vergenz der Medien, dem Zusammen wachsen von PC, Internet, Fernsehen und Mobil kommunika tion in einer „Medien kulturgesell schaft“ (vgl. Steinmaurer 2003, S. 107), die sich in den ver gangenen Jahrzehnten infolge eines steigenden Angebots unter schied licher Medien, Inhalte und Technologien ent wickelt hat. Es er scheint derzeit nahezu aus geschlossen, „außerhalb der Medien zu leben“ (ebd.), denn Medien infiltrieren nahezu sämt liche Alltags kontexte in hohem Maße und prägen die Lebens führung von Menschen. Die „Mediatisie rung“, wie Krotz diesen Metaprozess des sozialen Wandels bezeichnet (vgl. Krotz 2001, 2007), ist dabei Teil wie Treiber der breiteren gesell schaft lichen Ver- ände rungen, es existiert also keine kausale Hierarchie von medialem und ge- sell schaft lichem Wandel, sondern beide Entwick lungen bedingen sich wechsel- seitig (vgl. Schmidt 2003; Münch/Schmidt 2005). Die Konsequenzen dieser Ver ände rungen lassen sich aus unter schied lichen Perspektiven beleuchten. Münch (1995) identifiziert in seiner Analyse der „Dynamik der Kommunikations gesell schaft“ beispiels weise die sich wechsel- 15 seitig ver stärkenden Prozesse der Vermeh rung, Beschleuni gung, Ver dich tung und Globalisie rung von Kommunika tion, die bestimmte Paradoxien moderner Gesell schaften ver stärken; so nimmt durch diese Prozesse einer seits das ver- füg bare Wissen stetig zu, während anderer seits gleichzeitig auch das Wissen um das Nicht-Wissen wächst. Auch der Begriff „Informations gesell schaft“ hebt die gestiegene Bedeu tung von Medien für die Gesell schaft hervor; er bezieht sich jedoch im engeren Sinn auf die Ver ände rungen im Umgang mit Daten und Wissen und stellt „Wachstumsprozesse des Wissens, Einfüh rung der Neuen Medien, Aufbau einer starken Informations wirtschaft, Übergewicht der Informations berufe, Entfal tung globaler Netz werke für grenz über schrei- tende Informa tion und Kommunika tion“ (Spinner 1998, S. 313) als Schlüssel- merkmale dieser Gesellschafts form heraus. Ver ände rungen der mediatisierten Kommunika tion beeinflussen daneben auch die Formen sozialer Organisa tion, die in einer Gesell schaft vorherr schen. Unterschied liche Diagnosen wie „Netz werk gesell schaft“ (Castells 2001), „Netz- werk-Sozialität“ (Wittel 2006) oder „networked individualism“ (Wellman 2001) ver weisen im Kern alle darauf, dass das Netz werk zu einer dominierenden Sozialgestalt geworden ist. Sie ent zieht sich der klassi schen soziologi schen Gegen überstel lung von „Gemein schaft“ und „Gesell schaft“, die Tönnies (1991) zur Analyse des Übergangs von der Vormoderne zur Moderne ent wickelt hat, weil sie weder relativ geschlossene, auf Ver wandt schaft oder räum liche Nähe basierende Gruppen, noch rein auf strategi schem Kalkül oder ver trag licher Bindung beruhende Beziehungen umfasst. Als Metapher ver weist „Netz werk“ vielmehr darauf, dass Menschen Teil eines Beziehungs geflechts sind, in dem sie als „Knoten“ mit anderen Menschen ver bunden sind, wobei Inhalt und Stärke der sozialen Beziehung nicht von vornherein fest gelegt sind. Mit der Sozialgestalt „Netz werk“ korrespondiert der Prozess des „Ver- netzens“, also des Knüpfens oder Pflegens von sozialen Beziehungen;2 dies kann unter Bedin gungen von gesteigerter örtlicher und biographi scher Mobili- tät für den Einzelnen durch aus den Charakter einer Ver pflich tung gewinnen. Augen fällig wird dieser Umstand daran, dass „Networking“ inzwischen als eine beruf liche Schlüsselqualifika tion gilt, was sich nicht zuletzt an einschlägi- ger Ratgeberliteratur mit Titeln wie „Kontakte knüpfen und beruf lich nutzen: Erfolg reiches Netz werken“ (Fey 2007) oder „Erfolgs strategie Networking“ (Scheddin 2009) nieder schlägt. Aber auch weit über die Berufs welt hinaus ist das Knüpfen und Pflegen eines sozialen Netz werks eine wichtige zu er brin- gende Leistung. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Simmel (1992 [1908]) erkannt, dass die Individualität eines Menschen in funktional diffe- 2 Eine alternative Perspektive hat Hepp (2006), der „Netz werk“ als das strukturelle Pendant zum Prozess- begriff des „Flusses“ (im Englischen: „flow“) betrachtet, und beide wiederum als Facetten des über- geordneten Konzepts „Konnektivität“. 16 renzierten Gesell schaften aus seiner jeweils einzigartigen Position im Schnitt- punkt sozialer Kreise ent steht. Das Konzept des Sozial kapitals, das die struk- turalisti sche Netz werktheorie (Granovetter 1973; Burt 1992), aber auch Bourdieu (1982; 1985) aus formuliert haben, beschreibt die Ressourcen wie z. B. sozio- emotionale Hilfestel lung oder Informations fluss, die dem Einzelnen auf grund seiner Position in sozialen Netz werken zur Ver fügung stehen. Dabei ist ins- besondere die Unterschei dung zwischen starken und schwachen Beziehungen von Bedeu tung; erstere („strong ties“) beziehen sich auf enge, oft freund schaft- lich oder ver wandt schaft lich geprägte Beziehungen, letztere („weak ties“) auf die an spezifi sche Rollenkontexte gebundenen, bisweilen flüchtigen Bekannt- schaften (vgl. Jansen 2003). Gerade das Internet erhöht die Optionen, zusätz lich zu den starken Bezie- hungen in Partner schaften, Familie und Freund schaft auch eher lockere, teil- weise auch un verbind liche Beziehungen einzu gehen, die sich zum Beispiel ent lang geteilter Interessen aus richten. In der Frühphase der gesellschafts- weiten Internetdiffusion wurde vor allem der Begriff der „virtual community“ bzw. der „virtuellen Gemein schaft“ benutzt, um die ent stehenden Gruppen zu charakterisieren (vgl. grundlegend Rheingold 1994). Auch wenn aus kommuni- kations soziologi scher Sicht sein Anknüpfen an die (selbst sehr unscharf ge- brauchte) Vorstel lung einer „Gemein schaft“ nicht weit führt, weil diese Aspekte wie Homogenität oder emotionale Bindung der Mitglieder in den Vordergrund stellt (vgl. zur Kritik Stegbauer 2001; Beck 2006, S. 165 f.), lässt sich doch fest halten, dass die onlinebasierte Kommunika tion nicht per se anonym und sozial desintegrierend wirkt, sondern vielmehr ein weiteres Werkzeug für Be- zie hungs pflege und Kommunika tion darstellt.3 Für das Internet im Speziellen gilt daher, was oben für die Medien im Allgemeinen fest gestellt wurde: Es ist Teil wie Treiber gesell schaft licher Ver änderungs prozesse – es unter stützt Menschen, mit ver änderten gesell schaft lichen Anforde rungen und Kontexten umzu gehen, treibt gleichzeitig aber auch die Ver ände rungen der sozialen Orga- nisa tion voran. Soziale Wandlungs prozesse und die darin ein gelagerten medialen Ver ände- rungen haben insgesamt, so lässt sich resümieren, zu einer Zunahme der Be- deu tung von Medien im Alltag von Menschen geführt. Medien durch dringen mittlerweile nahezu sämt liche Alltags kontexte in hohem Maße und prägen die Lebens führung von Menschen mit. 3 Ein genuin kommunikations soziologi sches Ver ständnis von „virtueller Gemein schaft“ stellt dagegen die geteilten Ver wendungs weisen in den Mittelpunkt, also die gemeinsamen Erwar tungen und Routinen an die Kommunikations prozesse, die Inklusion und Partizipa tion regulieren (vgl. Höflich 2003). 17 1.2.2 Kindheit und Jugend im Kontext sozialer Wandlungs prozesse Bereits in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, also noch zu einer ver gleichs- weise frühen Phase in der Diffusion des Internets, fanden sich Diagnosen einer Spaltung zwischen Alters gruppen, die maß geblich auf ungleich ver teilte Nutzungs kompetenzen zurück geführt wurde. Schon 1998 hat die Deutsche Gesell schaft für Erziehungs wissen schaft von einer „Medien-Genera tion“ (vgl. Gogolin / Lenzen 1999) gesprochen und damit die Alters gruppe der Jüngeren bezeichnet, die mit den Neuen Medien und ihrem schnellen Wandel auf wach- sen. Entsprechend der These von Ogburn zum „cultural lag“ (vgl. Berghaus 1986) gehen sie selbst verständ licher mit Medien um als vor herige Genera- tionen: Sie nutzen Medien in vielfältiger Weise als tägliche Begleiter, bauen mit ihrer Hilfe Beziehungs netze auf, pflegen sie und bilden dabei ent sprechend den ihnen im Alltag wichtig er scheinenden Funktionen je spezifi sche Medien- menüs (vgl. Hasebrink /Krotz 1996) bzw. Medien repertoires (vgl. Hasebrink / Popp 2006) aus. Starke Aufmerksam keit, gerade in der öffent lichen Diskussion, er halten populärwissen schaft liche Charakterisie rungen wie „Net Genera tion“ bzw. „Net Kids“ (Tapscott 1998), „Genera tion @“ (Opaschowski 1999), „Gene- ra tion Digital“ (Mont gomery 2007) oder „Genera tion Internet“ (Palfrey/Gasser 2008), insbesondere auch die griffige Gegen überstel lung von „Digital Natives“ und „Digital Immigrants“, die Prensky erstmals 2001 formulierte. Problematisch sind diese Konzepte dort, wo sie die teil weise gravierenden Unterschiede von Medien nutzungs weisen und Kompetenzen ver nachlässigen bzw. ver schleiern, die innerhalb bestimmter Alters gruppen bestehen.4 Obwohl jede Genera tion ihre eigenen Medien repertoires vor weisen kann und jeweils eine eigene Medien kultur aus bildet, so zeigt sich diese Kultur doch keines falls als homogen, sondern vielmehr nach Merkmalen wie Geschlecht, Milieu und Bildungs grad differenziert (vgl. Fromme 2002; Schulze 1992). Beispiel haft seien hier die Konvergenz-Studien des JFF-Instituts für Medien pädagogik er- wähnt, die für die Alters gruppe der 11- bis 17-Jährigen ver schiedene Muster der konvergenzbezogenen Medien aneig nung heraus gearbeitet haben.5 So können sie belegen, dass es innerhalb der Gruppe der ver meint lichen „Digital Natives“ ein breites Spektrum des Umgangs mit konvergenten Medien (insbesondere Fernsehen und Internet) gibt: Die „Integrierenden“ und die „Außen gelei teten“ eignen sich das konvergente Medien angebot vor allem an, um sich über die eigenen Interessen und Hobbys zu informieren oder mit ver gleichs weise wenig 4 Schulmeister (2008) kritisiert beispiels weise ausführ lich die Genera tionen konzepte, indem er sie mit empi- ri schen Studien konfrontiert. Herring (2008) weist weiter führend darauf hin, dass solche genera tionen- bezogenen Konstrukte die Medien praktiken von Jugend lichen exotisieren und die Rolle ver nachlässigen, die Erwachsene bei der Gestal tung der Angebote und Inhalte sowie der mit ihnen an gestrebten Ver mark- tung von jugend licher Medien nutzung spielen. 5 Vgl. Theunert / Wagner (2002); Wagner u. a. (2004); Wagner/ Theunert (2006). Die Darstel lung hier beruht insbesondere auf Wagner/ Theunert 2006, S. 83 ff. 18 Selektions aufwand Medien angebote zu konsumieren. Die „Expandierenden“ und die „Missionierenden“ gehen in ihrer Nutzungs praxis darüber hinaus, indem sie über mediale Angebote ihren Lebens raum er weitern und beispiels- weise in Fankulturen eintauchen; bei letzteren reicht die Beschäfti gung mit medien basierten Szenen auch in nicht-mediale Situa tionen hinein, beispiels- weise wenn einschlägige Fan-Treffen besucht werden. Die „Kreativen“ schließ- lich gebrauchen insbesondere die digitalen Medien auch aktiv-produzierend, indem sie beispiels weise Filme oder Musikstücke produzieren und mit anderen teilen. Auch die Probanden der vor liegenden Studie lassen deut liche Unterschiede in Bezug auf ihre Nutzungs praktiken und den Stellen wert er kennen, den sie der computer vermittelten Kommunika tion im Ver gleich zu anderen Kanälen der massen medialen und interpersonalen Kommunika tion beimessen. Medien- genera tionen sind also nicht dadurch gekennzeichnet, dass all ihre Angehörigen sich der jeweils verfüg baren Medien auf ähnliche Art und Weise bedienen. Das Ver bindende ist vielmehr, dass sie eine historisch spezifi sche Konstella- tion von Medien angebot und sozialem Kontext miteinander teilen, also „über gemeinsame und spezifi sche Normalitäts erfah rungen und Deutungs muster in Bezug auf die Medien“ (Fromme 2002, S. 157) ver fügen. Diese genera tionen- spezifi sche Konstella tion prägt die Sozialisa tion von Jugend lichen in je spezifi- scher Weise mit. So war Anfang der 1990er Jahre im Zusammen hang mit der Dualisie rung des Fernsehens und der damit ver bundenen nachweis bar gestie- genen Bedeu tung vor allem kommerzieller Medien im Alltag von jungen Men- schen von einem neuen Sozialisations typus (vgl. Neumann-Braun 1992) die Rede. Mit Blick auf das aktuelle Medien angebot und insbesondere die Selbst- verständlich keit des Internets lassen sich folgende Prozesse und Merkmale als Kennzeichen des gegen wärtigen Sozialisations typus kennzeichnen:6 – Prozesse der Enthierarchisie rung: Kindheit und Jugend lassen sich nicht mehr als ein so genannter Schutz- und Schonraum deklarieren, in dem Heranwachsende, mehr oder weniger von ihren Eltern geführt, allmäh lich mit gesell schaft lichen Werten und Normen ver traut gemacht werden. Eltern ver fügen nicht mehr über ein Wissens monopol, denn Medien liefern Welt- wissen in unter schied licher und kaum mehr über schau barer Weise. Gleich- zeitig er weitert der Zugang zu globalisierten Medien angeboten den Hand- lungs spiel raum von Heranwachsenden, eröffnet ihnen Einblicke in (fremde) Lebens bereiche und Kulturen. Infolge des hohen Mediatisierungs grades wer- den die Grenzen zwischen den bisher bestehenden Altersphasen zunehmend unschärfer und ver schwimmen. Damit kommt es auch zu Ver ände rungen 6 Siehe zu den Ver änderungs prozessen von Kindheit auch Neumann-Braun u. a. 2004 sowie Paus-Hasebrink / Bichler 2008. 19 zwischen den Genera tionen und infolgedessen zu Ver ände rungen zwischen Sozialisations agenturen. – Direkte Beteiligungs möglich keiten: Nicht länger fungieren Eltern als die zentrale Filterstelle, durch die alles, was Heranwachsende heute betrifft, was sie sehen, hören oder lesen, womit sie sich beschäftigen, weit gehend kontrolliert werden kann. Der im Kontext von Kommerzialisierungs- und Markt strategien geprägte Begriff des „Prosumers“ (vgl. Toffler 1980; Tap- scott 1995) weist darauf hin: Heranwachsende werden dazu an gehalten, ihre Ideen und Wünsche in die Produk tion von Konsumgütern und Medien- anwen dungen einzu bringen, „so genannte Trendscouts beobachten ihre Alters genossen und berichten der Wirtschaft über neueste mögliche Trends, die diese dann aufzu greifen ver suchen“ (Neumann-Braun u. a. 2004, S. 17). Das aktive Erstellen und Teilen medialer Inhalte, das als eines der Kern- merkmale des gegen wärtigen Internets gilt, ver stärkt diese Entwick lung noch; da die Nutzer dort jedoch nicht aus schließ lich in einer markt förmigen Konsument-Produzent-Beziehung stehen, er scheint der Begriff „Produsage“ (Bruns 2008; vgl. auch Kapitel 3.1) besser geeignet. – Medien zur Selbst- und Fremderfah rung: Medien angebote sind auf spezielle Bedürfnisse von Heranwachsenden ab gestimmt. Gerade das Social Web erfüllt dabei, wie im Folgenden noch zu zeigen sein wird, zentrale Voraus- set zungen, die für Jugend liche im Rahmen ihrer Identitäts genese7 von hoher Relevanz sind. Seine Anwen dungen bieten ihnen die Chance – selbst- bestimmt und interaktiv – sich selbst kennen zulernen, auszu probieren und wichtige Erfah rungen zu machen – und dies sowohl in Form virtueller Als-ob-Erfah rungen als auch als unmittel bare Realitäts-Verlänge rung sozia- ler Beziehungen ins Netz. Es hält in besonderer Weise einen Erfahrungs- raum für selbst sozialisatori sche Lebens erfah rungen bereit, die Heran wach- sende miteinander teilen können (vgl. Neumann-Braun u. a. 2004, S. 17). – Entschu lung und Entpädagogisie rung: Unter dem Stichwort „Informelles Lernen“ (vgl. Barthelmes/ Düx/Sass 2005) bietet sich das Social Web als Lern-Alternative zum formalen schuli schen Lernen an. Es stellt selbst recherchier bare Informations quellen zur Ver fügung, die ohne das vor herige Bereit stellen, Eingreifen, Bewerten und Kommentieren durch Eltern oder Lehrer in pädagogi schen Situa tionen aus kommen. Social Web-Angebote bieten Heranwachsenden Erfah rungen, die sich tendenziell der sozialen Kontrolle der Sozialisations instanzen Elternhaus und Schule ent ziehen und damit Erfahrungs- und Lernräume jenseits von tradi tionellen, etwa päda- go gi schen Kontrollen und Einschrän kungen ermög lichen. 7 Siehe zur Relevanz von Medien im Kontext der Identitätsgenese Jugendlicher Paus-Haase (2000) sowie Hasebrink / Paus-Hasebrink (2007). 20 Diese Prozesse und Merkmale prägen die Sozialisations prozesse von Heran- wachsenden mit und fordern sie heraus, schon früh ihren eigenen Weg zu gehen. Damit sind junge Menschen zuweilen jedoch auch über fordert – ein weiterer Grund, der sie nach Orientie rung ver langen lässt und Formen des Aneinander-Orientierens von Gleichaltrigen befördert, die ähnliche Erfah run- gen machen wie sie selbst. Heranwachsende werden einander auf diese Weise mehr denn je zu „Entwicklungs genossen“ (Krappmann 1991, S. 362) im Auf- wachsen, d. h. in der Bewälti gung ihrer Entwicklungs aufgaben. 1.2.3 Persönlichkeits entwick lung im Kontext der modernen Sozialisations forschung Aufwachsen findet zum einen im Kontext der Entfal tung individueller An- lagen, der „personalen Individua tion“ (Mansel 1997, S. 9), zum anderen in der Auseinander setzung mit dem Gefüge der Gesell schaft statt, ihren Konven- tionen, Gebräuchen, Normen und sozial definierten Rollen, ihren Werten und Wertdisposi tionen (vgl. ebd.). Im Zentrum dabei steht die „persön liche Identität“,8 die die individuelle Identität des prakti schen Subjekts, die Ich-Identität eines jeden Einzelnen, die persönlichkeits entfaltende Struktur des Subjekts selbst, seiner spezifi schen Mög lich keiten und Grenzen in der Entfal tung und Ausgestal tung des Subjekts meint, kurz die Frage thematisiert: Wer bin ich, wie bin ich, wie werde, wie bleibe ich „Ich“? Zurück greifen lässt sich dabei auf unter schied liche, allerdings eng miteinander ver bundene Konzepte zu Lebens aufgaben und Lebens phasen. Für den Aufbau der Identität, auch der einer changierenden, d. h. sich stets im Kontext von situativen und strukturellen Bedin gungen von Neuem über- prüfenden und neu ver ortenden, gewinnt die Konstituie rung des Selbst bildes eine zentrale Funktion. Im Laufe der – lebens langen – Sozialisa tion, in der Interak tion mit Eltern, Geschwistern, Freunden, Erziehern und Lehrern, mit Lebens partnern und Arbeits kollegen etc. ent wickelt sich im Prozess wachsen- der Selbst wahrneh mung, Selbst bewer tung und Selbstreflexion der individuellen Handlungs kompetenzen und der faktischen eigenen Ver haltens weisen das Selbst bild, das sich darstellt als „Gesamt heit der Vorstel lungen von und Ein- stel lungen zur eigenen Person, in die kognitive, emotionale und motivational- dispositionale Komponenten ein gehen“ (Hurrelmann 1990, S. 169). Dieser sich je nach Lebens phase im Kontext von anstehenden Entwicklungs aufgaben von jungen Menschen – das Konzept der Entwicklungs aufgaben umreißt für be- stimmte Abschnitte des Lebens zentrale Aufgaben, die zur Bewälti gung an- 8 Dieses Ver ständnis von Identität ist zu unter scheiden von der „logischen Identität“, dem Identitäts prinzip als Übereinstim mung von Dingen, Sach verhalten oder Aussagen, sowie der „epistemi schen Identität“, dem Selbst-Bewusstsein des er kennenden Subjekts (vgl. Belgrad 1992). 21 stehen, wie etwa die Errich tung der Geschlechtsidentität9 – vollziehende Aufbau von Identität und Selbst bildung wird geprägt von sozial-ökologi schen Bedin- gungen und umfasst, ledig lich analytisch zu trennende, kognitive, emotionale und motivational-dispositionale bzw. sozial-affektive Komponenten, die die Perspektivendifferenzie rung und -übernahme, Kommunikations fähig keit und Handlungs befähi gung von Menschen in je spezifi scher Art bestimmen. Das in den 1960er und 1970er Jahren von der amerikani schen ökologi- schen Entwicklungs psychologie aus differenzierte Konzept der Entwicklungs- aufgaben von Havighurst (1972 [1953]) ermög licht im Rahmen der Theorie des life-span developments, die Perspektive auf die situations gebundene Aus- einander setzung des Individuums mit den Anforde rungen in seinem Leben zu richten. Danach ist der Mensch im Prozess der Identitäts entwick lung lebens- lang einer Vielzahl von unter schied lichen situativen Gegeben heiten aus gesetzt, in denen er seine Handlungs kompetenz immer wieder neu unter Beweis stellen muss. „Die jeweils aus geprägte Strukturie rung der Handlungs kompetenzen wirkt dabei als Steuerungs instanz für das Handeln und Ver halten in den ver- schiedenen Situa tionen“ (Hurrelmann 1990, S. 163). Havighurst definiert Entwicklungsaufgabe als „task which arises at or about a certain period in the life of the individual, successful achievement of which leads to his happiness and to success with later tasks, while fail leads to un- happiness in the individual, disapproval by the society, and difficulty with later tasks“ (Havighurst 1972, S. 2). Das Konzept der development tasks um- reißt somit für bestimmte Abschnitte des Lebens zentrale Aufgaben, die zur Bewälti gung anstehen; sie sind mit den folgenden drei Komponenten ver bun- den (vgl. Oerter 1995, S. 121): – individueller Leistungs fähig keit, – soziokultureller Entwicklungs norm und – individueller Zielset zung in einzelnen Lebens regionen. Entwicklungs aufgaben ver binden damit Individuum und Umwelt, setzen kul- tu relle Anforde rungen mit individueller Leistungs fähig keit in Beziehung und betonen die „Agency“ von Individuen, indem ihnen eine aktive Rolle bei der Gestal tung der eigenen Entwick lung bei gemessen wird. Entwick lung beinhaltet nach Adler und Havighurst – ähnlich wie bei Erik- son (1970) – ein lebens langes Überwinden von Problemen. Nach Oerter und Montada gelingt dies am besten, „wenn die jeweils voraus gehenden Aufgaben gemeistert wurden“ (Oerter/ Montada 1987, S. 122). Zu einem wichtigen Feld der Auseinander setzung bzw. der Entwicklungs aufgaben im Jugendalter (15 bis 18 Jahre) zählen beispiels weise die Sexualität, die Ablösung von den Eltern 9 Siehe dazu Keuneke (2000). 22 und die Neugestal tung der Beziehung zu ihnen sowie die Berufs entwick lung (vgl. ebd., S. 341). Tabelle 1.1 fasst zusammen, welche Entwicklungs aufgaben für Jugend liche und junge Erwachsene zur Bewälti gung anstehen: Tabelle 1.1: Entwicklungs perioden und Entwicklungs aufgaben Entwicklungs periode Entwicklungs aufgaben von Jugend lichen und jungen Erwachsenen Adoles zenz (13–17 Jahre) Körper liche Reifung Formale Opera tionen Gemein schaft mit Gleichaltrigen Sexuelle Beziehungen1 Jugend (18–22 Jahre) Autonomie von den Eltern Identität in der Geschlechts rolle Internalisiertes morali sches Bewusstsein Berufs wahl Frühes Erwachsenenalter (23–30 Jahre) Heirat Geburt von Kindern Arbeit /Beruf Lebens stil finden 1 Oerter spricht von heterosexuellen Beziehungen Quelle: Vgl. Oerter 1995, S. 124 Der Aufbau des Selbst bildes im Kontext der Identitäts genese ist also ge- bunden an die im Kontext des life-span developments statt findende Bewälti- gung der jeweils in einer Lebens phase anstehenden Entwicklungs aufgaben. Dieses theoreti sche Konzept kann als Grund verständnis für eine Erforschung der (medialen) Auseinander setzungs weisen Heranwachsender in ihrem Alltag dienen. Zu beachten ist dabei, dass es sich keines falls nur auf Kinder, Jugend- liche oder junge Erwachsene anwenden lässt, sondern insgesamt auf Menschen aller Alters stufen, die in unter schied lichen Lebens phasen heraus gefordert sind, zentrale „Lebens aufgaben“ zu bewältigen (vgl. Paus-Hasebrink 2007). Diese sind als individuelle Entwicklungs aufgaben in einem spezifi schen Kontext von komplexen sozialen und gesell schaft lichen Anforde rungen zu betrachten und nicht länger an fest gefügte, un verrück bare Stufen zu knüpfen. Das Konzept der Entwicklungs aufgaben schafft eine Grundlage dafür, die Wahrneh mungen und Handlun gen, Interpreta tionen und Bedeutungs zuschrei bungen von jungen Menschen im Hineinwachsen in ihre Lebens welt ver stehen zu können. Zielte Krappmann (1969) noch auf Ich-Identität, eine gelungene Balance zwischen persön licher und sozialer Identität, sodass sich ein „Individuum einer- seits trotz der ihm an gesonnenen Einzigartig keit (…) nicht durch Isolie rung aus der Kommunika tion und Interak tion mit anderen aus schließen lässt und anderer seits sich nicht unter die für sie bereit gehaltenen sozialen Erwar tungen in einer Weise subsumieren lässt, die es ihm unmög lich macht, seine eigenen Bedürfnis disposi tionen in die Interak tion einzu bringen“ (ebd., S. 316), steht nunmehr in der Sozialisations forschung eine persön liche Form der Identität 23 im Mittelpunkt, die sich von Identitäts- und Kontrollzwängen zu lösen in der Lage ist und – als „Spiel“ gefasst – zu einer zwang losen und doch gestal teten Subjektivität vor dringt (vgl. Belgrad 1992). Aufwachsen heute bedeutet dann, Identität(en) zu konzipieren, sie wieder fallen lassen zu können, sie neu zu projektieren und zu behaupten, also mit Identitäten „spielen“ zu können. Denn jeder muss seinen persön lichen „Werte- kosmos“ mit der eigenen Lebens situa tion und dem aktuellen Bedingungs gefüge in der Gesell schaft stets aufs Neue ab gleichen und dabei nach eigenen Lösun- gen und dem ganz persön lichen Lebens weg suchen. Das bedeutet dann, dass „Leben können“, wie es in der Shell Jugendstudie aus dem Jahr 2000 prägnant formuliert worden ist, in der „Akzeptanz von grundlegenden Ungewiss heiten in der eigenen erwart baren Biographie“ (Rosen mayr 1985, S. 296) besteht. Im Zentrum stehen dabei heute häufig gebrauchte Begriffe wie „Patchwork- Identitäten“ oder „fragmentierte Identitäten“; sie beschreiben die subjektive Seite ver änderter Identitäts konzepte und sind ent standen aus dem von Beck / Sopp (1997) proklamierten Spannungs verhältnis von Individualisie rung und Integra tion einer von reflexiven Modernisierungs prozessen gekennzeichneten Gesell schaft. In einer Gesell schaft, die von Individualisierungs prozessen, von relativer Wahlfrei heit einer seits, aber auch von einer ver wirrenden Vielfalt der Lebens- konzepte und Wert systeme anderer seits gekennzeichnet ist, bedeutet es keines- falls eine leichte Aufgabe, zu einem stabilen Selbst konzept zu gelangen. Junge Menschen müssen also mehr denn je „Experten“ sein, in der Gestal tung ihrer Identität, um sich als möglichst eigenständige Menschen heute er fahren und behaupten zu können. Dieser Perspektive ent spricht der zu großen Teilen im Kontext der von Beck formulierten Individualisierungs hypothese anzu siedelnde Ansatz der Selbst sozialisa tion (Müller/ Rhein /Glogner 2004), der von einer hohen Auto- no mie- und Wahlfähig keit von Heranwachsenden aus geht, die Eigen leis tungen der Individuen im Sozialisations prozess akzentuiert und ihre Handlungs- fähigkeit („Agency“) betont. Der Ansatz der Selbst sozialisa tion umfasst nach McDonald (1999) jugendkulturelle Praktiken aller Art und ver steht diese als „struggles for identity“, „in denen es darum geht, unter Bedin gungen einer fragmentierten Sozialität das Gefühl subjektiver Kohärenz und eigener Hand- lungs fähig keit herzu stellen bzw. auf recht zuerhalten“ (Scherr 2004, S. 231). Hintergrund dieser These ist, dass Jugend liche in einer Phase von Ver ände- rungen und Erosionen von Institu tionen (auch politi schen) darum bemüht sind, Unsicher heit zu reduzieren und den vielfältigen Erfah rungen Sinn abzu ge- winnen, um eine „halbwegs kohärente Selbst bildung“ (ebd.) zu er reichen. Auf der Basis des Ansatzes der Selbst sozialisa tion wird allerdings die Kom- ponente der Agency zuweilen über betont und die Frage der jeweiligen sozialen Ressourcen der Jugend lichen nicht aus reichend mitbedacht; diese stehen in 24 engem Zusammen hang mit ihrer lebens welt lichen Ver anke rung, d. h. ihren sozial-ökologi schen Bedin gungen, die in zentraler Weise vom sozialen Milieu10 geprägt wird, in dessen Rahmen sich das Aufwachsen von jungen Menschen vollzieht und unter denen sie auch ihre medialen Erfah rungen machen (siehe dazu ausführ licher Paus-Hasebrink 2009). Behält man dies im Kopf, bietet der Ansatz der Selbst sozialisa tion jedoch eine gute Vorausset zung dafür, die zu- meist selbst gesteuerten Nutzungs- und Umgangs- sowie Produktions weisen von Jugend lichen im Social Web zu er forschen, zu ver stehen und einzu ordnen. Dies gilt umso mehr, wenn man beachtet, dass sich die Sozialisa tion immer in einem spezifi schen sozial-ökologi schen Rahmen vollzieht. Er lässt sich mit- hilfe des sozial-ökologi schen Ansatzes (vgl. Baacke 1989, S. 94 ff.; Paus-Haase 1998, S. 61 ff.) auf spannen, der sowohl die materielle Erscheinungs weise der Umgebung, d. h. die soziale Lage, sowie die jeweilige gegen ständ liche Ausstat- tung (die „tektoni sche Struktur“), die sozialen, mithin familiären oder freund- schaft lichen Beziehungen (die „interaktive Struktur“), als auch über greifende Netz werke, z. B. in Form von gesell schaft lichen Institu tionen (die „Strukturen der Steue rung“), umfasst. Im Rahmen dieser Strukturen erfolgt die alltäg liche Lebens führung des Einzelnen, in deren Kontext sich seine Identitäts genese und die damit ver bundene soziale Positionie rung im „sozialen Raum“ vollzieht. Darin ein gelagert gewinnt auch der Umgang mit Medien und insbesondere mit dem Social Web, das als Kommunikations- und Beziehungs medium eine zentrale Rolle spielt, seinen Sinn. 1.2.4 Social Web-Foren als Spiel-Räume im Prozess des Heranwachsens Leben, Alltags bewälti gung, dies lässt sich konstatieren, ist nicht ohne Identität bzw. das Bewusstsein eines Selbst möglich. Auch das viel proklamierte Spiel mit Identitäten setzt Identität voraus – im Grunde sogar eine besonders starke! Leben kann nicht ohne Ver anke rung, Positionie rung und Ver ortung in der möglichst geglückten Balance von Innen und Außen aus kommen. Das stete 10 Noch bis zu Beginn der 1980er Jahre ging man von Schichten- oder Klassenmodellen aus, die eine Ein- teilung aufgrund von wenigen Dimensionen vornahmen; in neueren Modellen wurden dann andere Begriffe gewählt, um der Vielschichtigkeit und Komplexität an Charakteristika Rechnung zu tragen, die die soziale Situation eines Menschen oder einer Familie im Verhältnis zur Gesellschaft, in der sie lebt, bestimmt (vgl. Burzan 2004, S. 12 f.). Neue Bezeich nungen wie „Lebens stil“, „Milieu“ oder „soziale Lage“ kamen auf, mit denen ver sucht wurde, die unter schied lichen Lebens konstella tionen der Menschen der Wirklich keit besser ent sprechend zu er fassen und abzu bilden. Diese Begriffe sind jedoch nicht synonym zu verstehen, wie Weiß betont (1997). Soziale Milieus sind durch grundlegende Anschauungs weisen geprägt, die sie milie uintern teilen. Darin unter scheiden sich soziale Milieus von jeweils anderen sozialen Milieus (vgl. ebd., S. 259). In sozialen Milieus manifestiert sich der je spezifi sche lebens welt liche Zusammen hang von Lebens lage (soziale Lage) und Lebens entwurf, der individuell geprägten Antwort auf die jeweiligen äußeren Lebens bedin gungen (siehe dazu auch Paus-Hasebrink 2009). Soziale Milieus stellen ein Porträt der sozialen Gliede rung und Struktur der Gesell schaft dar (vgl. Weiß 1997, S. 246). 25 Bemühen darum – und dies in Abhängig keit von den sich stellenden Lebens- aufgaben und Lebens phasen – findet auch mithilfe von Medien statt. Zusam- men fassend lässt sich sagen, dass das erfolg reiche Meistern der Entwick- lungsaufgaben eine zentrale Vorausset zung für den Aufbau der Identität eines Menschen darstellt, um sich an gemessen in die Auseinander setzung mit Ande- ren und mit der Umwelt einbringen zu können (vgl. Zimbardo/Gerrig 2004, S. 449). Jugend liche sind in ihrer Identitäts genese und der damit ver bundenen Be- wäl ti gung ihrer Entwicklungs aufgaben heraus gefordert, sowohl Sach-, Sozial- als auch Selbst auseinander setzung (vgl. Neumann-Braun 1992) zu betreiben. Dies ist nötig, damit sie ihren Standort als Selbst in der Auseinander setzung mit Anderen und mit der Umwelt, in der sie sich in vielfältigen Alltags kontex- ten bewegen, einnehmen und möglichst kohärent halten können. Dazu gehört es auch, im „Spiel“ mit der eigenen Identität und – damit unmittel bar ver- bunden – in der Auseinander setzung mit dem bzw. den Anderen neue Wege auszu probieren, die es ihnen er lauben, Erfah rungen dazu zu sammeln, wo sie sich gerade befinden, d. h., welches Bild sie von sich selbst darstellen und welches sie anderen ver mitteln. Diesem Prozess kommt nach Mead besondere Relevanz zu, da seiner Einschät zung nach Menschen nur über wahrgenommene Reaktionen anderer zur Selbst wahrneh mung gelangen können (vgl. Flammer/ Alsaker 2002). Flammer/Alsaker (2002) unter scheiden mit Rekurs auf Rosen berg drei „Kon zepte des Selbst“: Das Konzept des aktuellen Selbst („extant self“) um- reißt die Einschät zung des eigenen Körpers in der Adoles zenz, das für die globale Selbsteinschät zung Relevanz gewinnt (vgl. ebd., S. 145). Das Konzept des er wünschten Selbst („desired self“) beschreibt, wie sich eine Person gern selbst sehen würde (vgl. ebd.). Das „desired self“ lässt sich in drei weitere Unterkategorien aus differenzieren: Im Konzept des Idealselbst („idealized image“) geht es um idealisierte Vorstel lungen, die der oder die Betroffene nur schwer oder gar nicht er reichen kann; dies bringt oft Stress, über triebene Selbst- kritik und Ver letzlich keit mit sich (vgl. ebd., S. 146). Das ver pflichtete Selbst- konzept („committed image“) beinhaltet das Wünschens werte ent sprechend den realisti schen Vorstel lungen. Das morali sche Selbst bild („moral image“) impliziert dagegen das, „what we feel we must, ought, or should be“ („was wir fühlen, was wir müssen oder tun sollen“) (ebd.). Das Konzept des sich dar- stellenden Selbst („presenting self“) impliziere die Darstel lung einer Person gegen über Anderen. „Dieser Teil des Selbst konzeptes ist in hohem Maße situa- tions abhängig und eng mit den ver schiedenen Rollen ver bunden, die wir in unter schied lichen Kontexten einnehmen“ (Flammer/Alsaker 2002, S. 146). Da Erwachsene Jugendlichen heute, wie bereits die Shell Jugendstudie aus dem Jahr 2000 (vgl. Jugendwerk der Deutschen Shell 2000) zu bedenken gab, weiterhin nur wenige brauchbare Konzepte zur Identitätsbildung anbieten, 26 greifen Jugendliche auf symbolische – mediale – Welten zurück, die ihnen in hohem Maße eine aktiv bestimmte dynami sche Selbst-, Sozial- und Sach aus- einander setzung er lauben. Hinzu kommt, dass es zur Bewälti gung von Ent- wicklungs aufgaben der Einübung und des (Aus-) Probierens von Identitäts kon- zepten und Handlungs optionen in besonderer Weise bedarf. Denn Jugendliche pflegen in Abhängigkeit von ihren jeweiligen sozial-ökologischen Bedingungen, in denen sie aufwachsen, einen weniger formal-kognitiv geprägten, dafür stärker ästhetisch-erlebnisorientierten Stil11 des Umgangs mit und des Zugangs zu den vielfältigen Foren ihrer symbolischen wie realen Alltagswelten. Um die drei „Selbst-Konzepte“ zu erleben, d. h. für sich selbst – möglichst kohärent – erfahr bar, damit auch (dabei handelt es sich keines falls um einen bewusst wahrgenommenen Reflexions prozess) revidier bar bzw. ver änder bar zu gestal- ten, bedarf es unter schied licher, jeweils adäquater Managementformen und vor allem auch Managementforen, die dazu soziale „Spiel-Räume“ (vgl. Baacke/ Sander/ Vollbrecht 1988, S. 229) zur Verfügung stellen. Anwen dungen des Social Web halten auf unter schied lichen Ebenen und in unter schied lichen Formen und Foren solche symboli schen wie realen Spiel- räume für drei zentrale Handlungs komponenten bereit (vgl. Schmidt / Lampert / Schwinge 2009; Schmidt 2009b): – Identitäts management meint das Zugäng lich-Machen von Aspekten der eigenen Person, zum Beispiel in Form der Schilde rung von Erfah rungen und Erlebnissen, aber auch durch das Selbst inszenieren auf Profilseiten oder das Hochladen von Fotos und Videos. – Beziehungs management zielt auf die Pflege von bestehenden oder das Knüpfen von neuen Beziehungen. Dies kann beispiels weise durch wieder- holte Kommunika tion via Instant Messaging, durch Verlin kung oder Kom- mentieren von Weblog-Beiträgen und YouTube-Videos oder auch durch das explizite „Als-Kontakt-Bestätigen“ auf einer Netz werk platt form geschehen. – Informations management bezieht sich schließ lich auf Aspekte des Filterns, Selektierens und Kanalisierens von Informa tionen aller Art, worunter bei- spiels weise Recherchen mithilfe von Wikipedia, das Ver schlagworten bzw. „Taggen“ von Fotos oder das Bewerten eines beliebten Videos fallen. Diese Handlungs komponenten – die sich oft nur analytisch voneinander unter- scheiden lassen, da sie in den tatsäch lichen Nutzungs praktiken (vgl. Ab- schnitt 1.3) zusammen fallen können – spiegeln sich in den für die Entwick- 11 Wichtig dabei ist anzu merken, dass ästhetisch in diesem Kontext im Sinne von Aisthesis breit als auf die Wahrnehmung bezogen definiert und keinesfalls mit Kategorien des „Schönen“ gleichgesetzt wird. Aisthesis umfasst nach einer Defini tion von Hentigs sowohl die „Fähig keit, die Wahrneh mung und Gestal tung der eigenen Umwelt zu genießen, zu kritisieren, zu ver ändern als auch das Ver ständnis der gesell schaft lichen Bedin gungen und Wirkun gen ästheti scher Phänomene und die Ich-Stärkung durch Sensibilisie rung der Perzep tion“ (von Hentig 1975, S. 29). 27 lung von Heranwachsenden zentralen Prozessen der Selbst-, Sozial-, und Sach auseinander setzung wider (vgl. Tabelle 1.2). Das Social Web ermög licht also zum einen „Als-ob-Spiele“ in der Ausbil dung von Identitäten und in einem spieleri schen Ausprobieren von Handlungs optionen, d. h., es bietet virtuelle Räume zur Selbst(re) präsenta tion. Gleichzeitig, und damit unmittel bar ver- bunden bzw. ver woben, können die Formen und Foren des Social Web die folgenden Prozesse unter stützen: – die Selbst auseinander setzung, also die Erfah rungen mit eigenen Wünschen, Hoffnun gen und Vorstel lungen, mit Gegenwarts- und Zukunfts szenarien zum Selbst bild, mit Möglich keiten des Selbst ausdrucks und der Selbst- präsenta tion; – die Sozial auseinander setzung, also die Bildung und Pflege von Kontakten,12 Freund schaften oder Beziehungen zum anderen Geschlecht, sowie – die Sachauseinander setzung, also die Bildung und Pflege realer Repräsenta- tionen und Präsenta tionen, die Organisa tion und Reflexion des Wissens um die Welt und von eigenen Erfah rungen mit ihr. Tabelle 1.2: Korrespondenz von Entwicklungs aufgaben und Handlungs komponenten im Social Web Entwicklungs aufgabe Kernfrage Handlungs komponente Selbst auseinander setzung Wer bin ich? Identitäts management Sozial auseinander setzung Welche Position habe ich in meinem sozialen Netz werk? Beziehungs management Sachauseinander setzung Wie orientiere ich mich in der Welt? Informations management 1.3 Der Umgang mit dem Social Web Die Selbst-, Sozial- und Sachauseinander setzung von Heranwachsenden äußert sich im Social Web in Episoden des onlinebasierten Identitäts-, Beziehungs- und Informations managements, die unter individuell spezifi schen sozial-öko- logi schen Bedin gungen statt finden. Diese Bedin gungen, unter denen ein Junge bzw. ein Mädchen auf wächst und die eigene individualisierte Ich-Identität 12 Dieser Aspekt spielt insbesondere bei Kindern nach der späten Kindheit eine zentrale Rolle; in dieser Entwicklungsphase richten Heranwachsende ihre sozialen Beziehungen hin zu den Peers neu aus (siehe dazu u. a. Baacke 1995 sowie von Salisch 2000; 2007a, b). Jugendliche nutzen dabei, wie Sander/ Lange (2008) in einer Untersuchung zur Bedeutung virtueller Freundschaften festgestellt haben, Netzwerk platt- formen. In Peer-Groups können Selbstbilder auf die Probe gestellt und Emotionen in die Selbstwahrnehmung und Selbstkontrolle integriert werden (vgl. Krappmann 1991, S. 373 f.). In der Gleichaltrigengruppe müssen zudem „Individualinteressen ausgehandelt und die Fähigkeiten des Einzelnen unter Beweis gestellt werden“ (Grundmann 2000, S. 96). 28 heraus bildet, beeinflussen die Handlungs kompetenzen und Umgangs weisen mit dem Social Web, sodass eine untrenn bare Verbin dung zwischen der Ver- ortung in der „realen“ Welt und dem Tun in der (nur schein bar) „virtuellen“ Welt existiert. Die Varianz von Umgangs weisen lässt sich analytisch mithilfe eines praxis- theoreti schen Begriffs rahmens er fassen, der in ver schiedenen Studien zu Social Web-Anwen dungen ent wickelt und an gewandt wurde und die individuelle Nutzung als Teil von kollektiv geteilten, situations- und anwendungs über grei- fenden Praktiken ver steht (vgl. Schmidt 2006; 2009b). Demnach ist die situative Nutzung von Social Web-Anwen dungen durch drei strukturelle Dimensionen gerahmt, die sich in der Nutzungs praxis teil weise gegen seitig bedingen (vgl. auch Abbil dung 1.1): – Verwendungs regeln bestehen aus geteilten Routinen und Erwar tungen vom Gebrauch einer bestimmten Anwen dung oder eines bestimmten Kommu- nikations kanals. Sie umfassen auf einer analyti schen Ebene zum einen Adäquanzregeln, die fest legen, für welche Zwecke und in welchem Kontext eine spezifi sche Anwen dung geeignet (insbesondere auch im Sinne von „sozial geeignet“) ist, zum anderen prozedurale Regeln, die den tatsäch- lichen Gebrauch einer Anwen dung zur Erfül lung der gesuchten Gratifika- tionen betreffen (vgl. zu dieser Unterschei dung auch Höflich 2003). Auf phänomen ologischer Ebene umfassen Ver wendungs regeln beispiels weise ge teilte Nutzungs routinen, Konven tionen und Normen, aber auch die All- gemeinen Geschäfts bedin gungen von einzelnen Angeboten sowie generelle recht liche Vorgaben, die beispiels weise Aspekte des Urheber- oder Daten- schutz rechts berühren. – Relationen umfassen hypertextuelle und soziale Beziehungen zwischen Texten, Objekten und Personen. Sie bilden die Grundlage einer seits für Öffentlich keiten im Sinne miteinander ver bundener und aufeinander be- zogener Texte sowie anderer seits für soziale Netz werke als Geflecht von mit einander ver bundenen Personen. In diesen Öffentlich keiten und Netz- werken ver breiten sich Informa tionen, und es wird Sozial kapital auf gebaut; zudem bilden sie die Grundlage für Ver wendungs gemein schaften, also Gruppen von Menschen, die sich einer bestimmten Anwen dung auf ähn- liche Art und Weise bedienen und diese Ver wendungs weisen zumindest latent als Kriterium für Inklusion oder Exklusion anderer Personen ver- stehen. – Code umfasst schließ lich die softwaretechni schen Grundlagen einzelner Anwen dungen, darüber hinaus gehend aber auch die Architektur des Inter- nets und seiner Bestand teile; im Kontext des Projekts können dies z. B. Informations aggregatoren (wie Suchmaschinen oder kollaborative Nach rich- ten filter) oder anwendungs übergreifende Authentifizierungs mechanismen 29 Nutzungsepisode Situativer Gebrauch des Social Web zu Zwecken des Identitätsmanagements Beziehungsmanagements Informationsmanagements Verwendungsregeln Adäquanz- & prozedurale Regeln Rechtliche Vorgaben Allg. Geschäftsbedingungen Konventionen & Normen Nutzungsroutinen Relationen Technische und soziale Relationen fundieren Öffentlichkeiten Soziale Netzwerke Affordances Technological spirit Architektur des Internets Code Reproduziert oder ändert Erwartungen und Routinen Rahmen das situative Handeln Stellen Ressourcen zur Verfügung Bestätigt, knüpft oder erneuert Relationen Liefert Feedback für Weiterentwicklung; variiert oder rekombiniert Bestandteile von CodeEröffnet oder beschränkt Nutzungsoptionen Abbil dung 1.1: Analysemodell für Praktiken der Social Web-Nutzung Quelle: Schmidt 2009b, S. 48. 30 sein. Der Code gibt dem situativen Handeln insofern einen Rahmen vor, als er bestimmte Handlungs optionen nahelegt, andere aber aus schließt – er berührt also auch die regel haften Aspekte der Nutzungs praxis. Diese strukturellen Dimensionen rahmen das situative Handeln, ohne es voll- ständig zu determinieren. Vielmehr werden situations-, individuums- und anwendungs übergreifenden Gemeinsam keiten durch die Praxis erst hervor- gebracht und in „structuring moves“ (vgl. Poole/ DeScanctis 1992) reproduziert oder auch ver ändert. Dies kann Nutzungs weisen umfassen, in denen bestehende Erwar tungen und Routinen einer Ver wendungs gemein schaft bestätigt und An- wen dungen auf „legitime“ Art und Weise genutzt werden, aber auch diejenigen Situa tionen einschließen, in denen Konflikte auf treten, weil latente (z. B. Konven tionen) oder manifeste (z. B. Geschäfts bedin gungen) Regeln gebrochen werden. Gerade zu Beginn der Institutionalisie rung einer neuen Anwen dung sind solche Ver wendungs regeln noch ver gleichs weise fluide und müssen oft explizit aus gehandelt werden. Vor dem Hintergrund des geschilderten Modells von Nutzungs praktiken lassen sich auch die im vorigen Abschnitt er läuterten Handlungs komponenten näher charakterisieren: Beim Identitäts-, Beziehungs- und Informations mana- gement handelt es sich um analyti sche Unterschei dungen von drei Aspekten der Nutzungs praktiken, die sich in konkreten Nutzungs episoden äußern, aber über individuell und situations übergreifend ähnlich ab laufen und strukturell gerahmt sind. So ist beispiels weise das Identitäts management, also die Art und Weise der Selbst präsenta tion einer Person, nicht nur von ihren konkreten Eigen schaften ab hängig (wie z. B. Größe oder Gewicht), sondern auch – von Merkmalen des ver wendeten Software-Codes (Enthält die Anwen dung z. B. Profilfelder, in die man Größe und Gewicht eintragen kann?), – von geltenden Ver wendungs regeln (Ist es im Kontext einer bestimmten An- wen dung akzeptiert, bei der Selbst darstel lung unwahre oder unvollständige Aussagen über Größe und Gewicht zu machen, oder wird dies als „un- authentisch“ sanktioniert?) sowie – von den in der Nutzung gepflegten oder geknüpften Beziehungen (Prä sen- tiert der Nutzer sich seinen Freunden, die ohnehin Größe und Gewicht kennen, oder fremden Personen, die diese Informa tionen nicht kennen?). Der letzte Punkt ver weist bereits darauf, dass Identitäts management in enger Verbin dung zu Beziehungs management zu sehen ist, da das Offen legen be- stimmter Informa tionen über die eigene Person vor dem Hintergrund einer (zumindest impliziten) Publikums vorstel lung geschieht. Wie groß das vor ge- stellte Publikum ist, inwiefern es mit dem tatsäch lichen Publikum korres- pondiert, und insbesondere, welche Zusammen setzung es besitzt, kann stark variieren und ist wiederum in Teilen von der Software ab hängig: Netz werk- 31 platt formen wie SchülerVZ oder StudiVZ bilden beispiels weise andere soziale Beziehungen ab als das auf professionelles Networking aus gerichtete Angebot Xing; zudem besitzen sie jeweils unter schied liche Mechanismen und Funk- tionen, um bestimmte Inhalte nur einem ein geschränkten Publikum (beispiels- weise den eigenen Freunden oder nur einer Teilmenge der eigenen Kontakte) zugäng lich zu machen. Bei Instant-Messaging-Diensten wiederum ist klar er- sicht lich und steuer bar, welche Adressaten die Kommunika tion hat, da die Kommunikations partner aus der Liste der eigenen Kontakte aus gewählt werden. Die Architektur der Software lässt also nicht zu, dass Personen unerkannt oder unerwünscht einer Konversa tion folgen.13 Wiederholte Episoden des Identitäts- und Beziehungs managements führen dazu, dass ein Geflecht von miteinander ver bundenen Texten (in einem um- fassenden Sinn ver standen, also auch multimediale Inhalte einschließend) ent- steht und für ein Publikum zugäng lich gemacht wird. Dadurch unter stützen Angebote des Social Web wie Netz werk- und Videoplatt formen, Weblogs oder Podcasts auf je spezifi sche Weise das Entstehen von „persön lichen Öffentlich- keiten“. Diese unter scheiden sich in Reichweite und Anspruch von den etablier- ten medialen Öffentlich keiten, wie sie professionelle Kommunikations berufe (wie der Journalismus, aber auch Marketing oder PR) hervor bringen: Das Kriterium für die Publika tion von Inhalten ist in aller Regel nicht die objektive gesell schaft liche Relevanz von Informa tionen. Vielmehr sollen subjektiv für relevant gehaltene Themen an gesprochen und mit einem über schau baren (also nicht dispersen) Publikum geteilt werden. Im Fall von Netz werk platt formen beispiels weise richten sich die persön lichen Öffentlich keiten der eigenen Profile zwar prinzipiell an das gesamte Publikum der registrierten Nutzer einer gege- benen Anwen dung. Art und Ausmaß der präsentierten Informa tionen werden hier aber durch den Kontext der Anwen dung und der dort repräsentierten Netz werke beeinflusst. Die Diagnose eines „Online-Exhibitionismus“ beim Ver öffent lichen persön licher Daten trifft daher nicht den Kern der tatsäch lich ab laufenden sozialen Prozesse: Aus Sicht der meisten Nutzer sind die bereit- gestellten Informa tionen nicht für jedermann gedacht, sondern auf spezifi sche Rollenkontexte und die daraus er wachsenden Selbst darstellungs zwänge zu- geschnitten. Die so ent stehenden persön lichen Öffentlich keiten treten zu anderen, oft auch professionell produzierten Öffentlich keiten hinzu, sodass sich für den Nutzer die Herausforde rung des Informations managements stellt. Für das Selek tieren von situations spezifisch relevanten Informa tionen, Quellen und Texten werden weiter hin Gatekeeper-Leistun gen des Journalismus, der auf 13 Dies gilt zumindest in der konkreten technisch ver mittelten Kommunikations situa tion. Ob hinter dem Gesprächspartner noch weitere Personen stehen, die ihm über die Schulter schauen, oder ob er die Kon ver- sa tion mitprotokollieren lässt und an Dritte ver sendet, lässt sich natür lich nicht prinzipiell aus schließen. 32 institutionalisierte Weise Informa tionen aus wählt und präsentiert, in Anspruch genommen. Allerdings treten zwei weitere Mechanismen hinzu: Zum einen findet das Filtern von Aufmerksam keit durch die Anwen dungen selbst statt, die (mithilfe spezifi scher Ausprä gungen des Software-Codes) die Aktionen der Nutzer auf den Platt formen aggregieren. So bietet YouTube beispiels weise Übersichten über die besonders populären (d. h. häufig auf gerufenen oder stark diskutierten) Videos der Platt form; auf den Netz werk platt formen werden einzelne Aktionen anderer registrierter Mitglieder an gezeigt oder die zuletzt aktualisierten Profile besonders hervor gehoben. Zum anderen leisten Nutzer selbst Informations management, indem sie innerhalb ihres eigenen sozialen Netz werks Informa tionen ver breiten, also beispiels weise Links zu Videos per Instant Messaging ver schicken oder in ihrem Blog darauf hinweisen. Eine automatisierte Variante beruht auf der RSS-Technologie, die es erlaubt, mit- hilfe spezieller Programme (der „feed reader“) über Aktualisie rungen auf aus- gewählten Seiten auf dem Laufenden zu bleiben, ohne diese Angebote ständig und jeweils einzeln besuchen zu müssen (vgl. auch die Erläute rungen in Ab- schnitt 3.2.5). 1.4 Zum Stand der Forschung Zum Themen bereich „Jugend liche und Web 2.0“ ist in den letzten Jahren eine Reihe von Studien und empiri schen Arbeiten ent standen, die sich unter schied- lichen Facetten des Gegen stands bereichs widmen. Die oben bereits er wähnten generations bezogenen Diagnosen stellen die Nutzung des Social Web in der Regel in einen breiteren Rahmen des ver änderten Medien gebrauchs und dis- kutieren, welche Rolle digitale konvergente Medien im Alltag von Kindern und Jugend lichen haben (vgl. Mont gomery 2007; Palfrey/Gasser 2008). Ent- sprechende empiri sche Daten lassen sich für Deutschland ver schiedenen reprä- sentativen und wieder holt durch geführten Befra gungen zur Medien nutzung ent nehmen. Dabei erlaubt die ARD/ZDF-Onlinestudie (vgl. van Eimeren / Frees 2009; Busemann/Gscheidle 2009) einen Kontrast der ver schiedenen Alters gruppen, während die beiden Basis untersuchungen „Kinder und Medien“ (KIM; vgl. MPFS 2009) sowie „Jugend, Informa tion, (Multi-) Media“ (JIM; vgl. MPFS 2008) des „Medien pädagogi schen Forschungs verbund Südwest“ deut lich spezifi scher auf den Stellen wert von Medien bei den 6- bis 13-Jährigen (KIM) bzw. 12- bis 19-Jährigen (JIM) ein gehen können. In den jüngeren Erhebungs wellen sind auch spezifi sche Fragen zu Web 2.0- Angeboten, insbesondere zu Communities ent halten, die in Kapitel 4.1 auf die Befragungs ergebnisse dieser Studie bezogen werden. Klingler (2008) resümiert in einer ver gleichenden Analyse der JIM-Studien von 1998 bis 2008 mit Blick auf die heutige Nutzungs situa tion: „Ver stärkt lösen nun PC und Internet klassi- 33 sche Nutzungs kontexte auf oder konstruieren sie neu, bieten multiple Zugänge. Das Internet steht gleichermaßen für lineares Fernsehen oder Radio hören, aber auch für Lesen von klassi schen Printprodukten wie von eigenständigen Angeboten (Wikipedia usw.)“ (S. 633 f.). Weitere Befunde lassen sich dem „Medienkon vergenz-Monitoring“ ent neh- men, das seit 2003 von einem Forscherteam der Universität Leipzig durch- geführt wird und Daten zur Medien nutzung von 12- bis 19-Jährigen erhebt, wobei quantitative und qualitative Ver fahren kombiniert werden.14 Die Ergeb- nisse der jüngsten Welle machen deut lich, wie fort geschritten techni sche wie inhalt liche Konvergenz in der Medien nutzung Jugend licher inzwischen ist (vgl. Schorb u. a. 2008): Computer und Internet sind demnach zur multifunktionalen Platt form geworden, die rezipierende und (in geringerem Maße) auch produ- zierende Aktivitäten unter stützt. Hierbei finden sowohl Prozesse des pro- gramm- bzw. zeitunabhängigen Zugriffs auf klassi sche massen mediale Inhalte als auch die Rezep tion spezifi scher nutzer generierter Inhalte statt; die Funktion des Internets als Hybridmedium erlaubt insbesondere auch die interpersonale bzw. gruppen bezogene Anschluss kommunika tion, d. h. das Weiterleiten oder Kommentieren der rezipierten Inhalte. Eine Sonder auswer tung des Medienkon vergenz-Monitoring gibt einen Über- blick zur Nutzung von Videoplatt formen unter 12- bis 19-Jährigen (vgl. Schorb u. a. 2009). Demnach ist YouTube das bei Weitem beliebteste derartige Ange- bot; 82 Prozent der Teilnehmer an der (nicht-repräsentativen) Befra gung gaben an, diese Platt form oft zu nutzen; ver gleich bare deutsch sprachige Angebote wie MyVideo (55 Prozent, zumindest manchmal), Clipfish (21 %) und Seven- load (4 %) folgen deut lich ab geschlagen. Die Mehrheit der befragten Jugend- lichen (56 %) rezipiert nur Videos; unter denjenigen Nutzern, die zumindest ab und zu auch eigene Videos hochladen, sind Jüngere, Personen mit niedriger formaler Bildung sowie Jungen über repräsentiert. Das Medienkon vergenz- Monitoring findet in Abstim mung mit Arbeiten des „Instituts für Medien- pädagogik in Forschung und Praxis“ (JFF) statt, das in einer Analyse von etwa 100 jugendaffinen Internet-Platt formen kommunikative und produktive Praktiken der Nutzung heraus gearbeitet und in Fallstudien zu aus gewähl- ten populären Platt formen die medialen Ausdrucks formen und Selbst darstel- lungen von 14- bis 20-Jährigen unter sucht hat (vgl. Wagner/Brüggen/Gebel 2009). Im internationalen Ver gleich sind insbesondere die quantitativen Studien des „Pew Internet & American Life Project“15 zu nennen, das in den ver- gangenen Jahren eine Reihe von Befra gungen zu unter schied lichen Facetten des Internet gebrauchs durch geführt hat. Ein Ver gleich unter schied licher Gene- 14 Vgl. www. medienkonvergenz-monitoring. de. 15 Vgl. www. pewinternet. org. 34 ra tionen (von den „Online Teens“ der heute 12- bis 17-Jährigen bis zur „G. I. Genera tion“ der über 70-Jährigen) zeigt in groben Zügen die Alters abhängig- keit einer Vielzahl von Internetaktivitäten (vgl. Jones/ Fox 2009). Die innere Differenzie rung der Nutzungs weisen in der jungen Genera tion wird in den Studien „Teens and Social Media“ (Lenhart u. a. 2007) und „Teens, Privacy & Online Social Networks“ (Lenhart / Madden 2007) deut lich. Demnach besaßen im Jahr 2007 mehr als die Hälfte der amerikani schen 12- bis 17-Jährigen (55 %) ein Profil auf einer Netz werk platt form, ein ähnlich hoher Anteil (57 %) nutzt YouTube oder ähnliche Platt formen, um Videos zu schauen. Das aktive Bereit stellen von Inhalten ist weniger ver breitet, doch immerhin 14 Prozent haben bereits selbst ein Video auf eine Platt form hochgeladen, und sogar 28 Prozent geben an, ein eigenes Weblog zu führen. Dabei zeigen sich deut liche Geschlechter unterschiede: Während unter Jungen der Anteil derjeni gen deut lich höher ist, die Videos ansehen oder ins Internet hochladen, sind unter den aktiven Bloggern Mädchen deut lich über repräsentiert (vgl. Lenhart u. a. 2007). Unter den Nutzern von Netz werk platt formen halten sich die Ge schlechter in etwa die Waage, doch es findet sich ein deut licher Alters- unter schied, denn nur 45 Prozent der 12- bis 14-Jährigen, aber 64 Prozent der 15- bis 17-Jährigen gaben an, ein Profil auf einer ent sprechenden Platt- form zu führen. Die älteren Jugend lichen fügen dort auch mehr persön- liche Informa tionen an als die jüngeren; insgesamt haben zwei Drittel aller Jugendlichen den Zugang zu ihrem Profil ein geschränkt. Während es hierbei keine signifi kanten Unterschiede nach Geschlecht oder Alter gibt, ist der Anteil der ein geschränkt sicht baren Profile bei denjenigen Teenagern signifi- kant höher, deren Eltern über die Nutzung der Netz werk platt form informiert sind. Eine Studie der aus trali schen „Communications and Media Authority“ zur Internetnut zung von 8- bis 17-Jährigen zeigt, dass im Übergang vom Kindes- zum Jugendalter soziale Aktivitäten wie Chatten, E-Mail oder Instant Messaging an Bedeu tung gewinnen (vgl. ACMA 2009). Gerade Netz werk platt formen sind dort eben falls weit ver breitet: 80 Prozent der 12- bis 13-Jährigen und sogar 97 Prozent der 16- bis 17-Jährigen haben bereits ent sprechende Angebote ge- nutzt, wobei die Frageformulie rung auch den Instant-Messaging-Dienst MSN einschloss. In eine ähnliche Richtung deuten Zahlen, die das britische „Office of Communications“ vor gelegt hat (vgl. OFCOM 2008). Der Bericht schließt alle Alters gruppen ein; bezogen auf die Zielgruppe der vor liegenden Studie sind Befunde relevant, wonach etwa die Hälfte (49 %) der 8- bis 17-Jährigen in Großbritannien ein Profil auf einer Netz werkseite ein gerichtet hat; betrachtet man die Alters gruppe der 16- bis 24-Jährigen, beträgt der Anteil sogar 54 Pro- zent. Auf Basis einer qualitativen Untersuchung bildete die OFCOM (2008, S. 28 ff.) fünf Typen von Netz werk platt form-Nutzern: 35 – „Alpha socialisers“ finden sich vor rangig unter männ lichen Jugend lichen und jungen Erwachsenen (jünger als 25 Jahre); ihnen geht es um Flirten und das Kennen lernen bisher un bekannter Menschen. – „Atten tion seekers“ sind über wiegend weib lich und bis in die Alters gruppe der Über-30-Jährigen ver treten. Sie nutzen Netz werk platt formen vor rangig zur Selbst darstel lung und Kommunika tion mit anderen. – „Followers“ finden sich in allen Alters gruppen und beiden Geschlechtern; diese Gruppe nutzt Netz werk platt formen für das Kontakt halten mit Be- kann ten und Freunden. – Die „Faithfuls“ und die „Functionals“ sind Gruppen, die vor allem unter den über 20-jährigen Nutzern ver treten sind; sie nutzen Netz werk platt- formen zum Wiederfinden von Bekannten, zu denen der Kontakt ver loren gegangen war, bzw. zum Austausch über Hobbys und geteilte Interessen. Einen qualitativen Zugang zur aktiven Nutzung und den damit ver bundenen Kompetenzanforde rungen des Social Web hat die Forschergruppe „Digital Youth Research“ der Berkeley-Universität gewählt. Sie unter suchte in einem dreijährigen Ver bundprojekt den Umgang Jugend licher mit und in ver netzten Öffentlich keiten unter Zuhilfenahme ethnographi scher Methoden (insbesondere qualitative Befra gungen und teilnehmende Beobach tung) und identifizierte dabei zwei wesent liche Partizipations modi in den neuen ver netzten Öffentlich- keiten der konvergierenden Medien, die jeweils unter schied liche Kompetenzen er fordern (vgl. Ito u. a. 2008, 2009): – „Friendship-driven participa tion“: Onlinebasierte Sozial räume werden in diesem Modus vor rangig auf gesucht, um mit Freunden „abzu hängen“ und gemeinsam (wenn gleich technisch ver mittelt) Medien inhalte wie Musik, Fernsehen oder Spiele zu konsumieren. Diese Art der Medien nutzung findet also im Kontext bereits bestehender sozialer Netz werke der Peer-Group statt, die im Internet ab gebildet und um einen weiteren Kommunikations- kanal ergänzt werden. Aktiv-kreative Medien aneig nung findet in diesem Nutzungs modus auch statt, beschränkt sich allerdings in der Regel auf das „Herumspielen“, z. B. das Modifizieren eines MySpace-Profils oder das Hochladen von Handy-Fotos. – „Interest-driven participa tion“: In diesem Partizipations modus ist die Internet- Nutzung deut lich stärker auf die kreativ-aktive Aneig nung der Tech nologie und spezifi scher Anwen dungen aus gerichtet, um mit Gleichgesinnten die eigenen Interessen und Hobbys zu ver folgen. Zur Pflege bestehender Be- ziehungen tritt das Knüpfen neuer Kontakte und Ausweiten sozialer Be- ziehungen. Auch der Wunsch, breitere Publika zu er reichen, die über den Kreis der bereits bestehenden Netz werke hinaus gehen, ist stärker aus ge- prägt. Interessen getriebene onlinebasierte Gemein schaften können durch- aus komplexe kollaborative Tätig keiten umfassen, für die eine Speziali- 36 sierung innerhalb einer Experten gemein schaft bzw. auf eine spezifi sche Wissens domäne notwendig ist. Neben den bisher genannten Studien, die an gebots übergreifende Befunde zur Social Web-Nutzung von Jugend lichen liefern, liegt eine Reihe von Unter- suchungen zu einzelnen Angeboten bzw. Gattun gen vor, wobei insbesondere Netz werk platt formen im Zentrum der Aufmerksam keit stehen. Nicht immer sind die Studien explizit auf die Gruppe der Jugend lichen und jungen Er- wachsenen zu geschnitten; so haben etwa Maurer, Alpar und Noll (2008) eine Typologie von Netz werk platt form-Nutzern auf Basis einer nicht-repräsentativen Befra gung von n = 361 Personen zwischen 20 und 39 Jahren ent wickelt. Weitere an gebots bezogene Studien, die sich eben falls nicht auf Jugend liche be schränken, unter suchen beispiels weise die Gratifika tionen von Facebook-Nutzern (vgl. Bumgarner 2007), die Zusammen setzung der sozialen Netz werke auf Facebook (Ellison/Steinfield / Lampe 2007) oder die Selbst darstel lung auf StudiVZ (vgl. Krämer/ Winter 2008) und MySpace (vgl. Brake 2008; Jones u. a. 2008). Spezieller auf die Nutzer gruppe der Jugend lichen zu geschnitten sind Unter- suchungen zur Platt form Lokalisten (vgl. Sander/ Lange 2008) oder zu SchülerVZ (vgl. Hoffmann 2008). Sie zeigen, dass diese Platt formen von den jungen Nutzern vor rangig zur Pflege von sozialen Beziehungen genutzt werden, die oft im lokalen Nahraum existieren. Die Selbst darstel lung und der kreative Umgang mit onlinebasierten Inhalten geschieht dabei zunächst mit Bezug auf das eigene soziale Netz werk, doch lässt sich das er reichte Publikum nicht immer eindeutig ab grenzen oder einschätzen. Zu dieser Ver schie bung der Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlich keit tritt der Umstand, dass inner halb der onlinebasierten Kommunikations räume auch Streit und Konflikte aus getragen werden, die im schlimmsten Fall die Form von Mobbing oder Bullying annehmen. Eine Reihe von Studien befasst sich daher explizit mit spezifi schen Risiken der Social Web-Nutzung; auch hier rücken in der Regel die Nutzungs praktiken auf Netz werk platt formen in den Fokus, da diese einen so zentralen Platz im Repertoire der Jugend lichen und jungen Erwachsenen einnehmen. Vor dem Hintergrund von Überle gungen zu Daten schutz und Überwachung diskutiert Fuchs (2009) Ergebnisse einer (nicht-repräsentativen) Befra gung von StudiVZ- Nutzern; er zeigt, dass eine Mehrheit der Nutzer zwar ein Bewusstsein für assoziierte Risiken (wie Daten miss brauch oder Profiling) besitzt, diese aber durch die empfundenen Vorteile bei Kommunika tion und Interak tion auf ge- wogen sieht. Andere Autoren diskutieren kritisch die Optionen von Angebots- betreibern, die im Zuge der Internetnut zung anfallenden Daten von Kindern und Jugend lichen für Markt forschung zu ver wenden (vgl. Chung/Grimes 2005; Röll 2008). Entsprechende Praktiken äußern sich u. a. in den Strategien von Mediaplanern, die Netzwerkplattformen als durch und durch kommerziali sier- 37 bare Räume ansehen: „With more than 70 % of 15- to 34-yearolds involved in social networking communities, and the vast majority of those expressing deep emotional involvement, brands and agencies must integrate social networking within their marketing and media planning immediately“ (Fox Interactive Media 2007, S. 61). Ein zweiter Risikobereich betrifft den Themen komplex „Gewalt“, der so- wohl gewalthaltige Inhalte als auch gewalt tätige Praktiken via Internet umfasst (siehe dazu insbesondere die Studie von Grimm/ Rhein /Clausen-Muradian 2008). Demnach geben 25 Prozent der befragten 12- bis 19-jährigen Jugend- lichen an, bereits Internet seiten mit gewalthaltigen Inhalten gesehen zu haben, auf die sie zu etwa gleichen Anteilen über Freunde bzw. Cliquen mitglieder (70 Prozent der bereits mit Gewaltinhalten Konfrontierten) bzw. über Links (64 %) auf merksam wurden. Etwa ein Drittel der Jugend lichen wurde bereits mit sexuellen Anspie lungen oder Belästi gungen konfrontiert, jeweils etwa ein Viertel berichtet, von anderen Nutzern genervt oder beschimpft worden zu sein. Unter Mädchen ist der Anteil derjenigen, die bereits diese oder andere unangenehme Erfah rungen gemacht haben, deut lich höher als unter Jungen (47 % zu 22 %). Gewalt gegen sich selbst wurde in der Studie nicht explizit gefasst, spielt aber beispiels weise im Zusammen hang mit Pro-Anorexie-Ange- boten (vgl. Rauchfuß 2008) oder autoaggressivem Ver halten, das auf „Ritzer- Seiten“ dargestellt wird, eben falls eine Rolle. In einer Meta-Studie haben Schrock/ Boyd (2008) die vor liegende (englisch- sprachige) Literatur zu Themen wie „Cyberbullying“ oder jugendgefährdenden Inhalte zusammen getragen; diese floss in einen Bericht des Berkman Center for Internet & Society an der Harvard-Universität für das amerikani sche Justiz- ministerium ein (vgl. Internet Safety Technical Task Force 2008). Demnach sind Jugend liche im Internet einer Reihe von Risiken aus gesetzt, die in den meisten Fällen auch ihre Entsprechung außerhalb des Internets haben, gerade wenn Belästi gungen und Mobbing unter Jugend lichen sowohl online wie offline betrieben werden. 1.5 Leitfragen und Aufbau der Studie Auf der Grundlage der zuvor beschriebenen theoreti schen Vorüberle gungen und des Forschungs stands wurden für die Untersuchung Leitfragen ent wickelt, die sich aus drei Perspektiven ergeben: Social Web-Angebote werden 1) als neue Kommunikations dienste mit darauf bezogenen neuen Kommunikations- modi, 2) als Bestand teile des Alltags von Jugend lichen, die mit spezifi schen Chancen und Risiken ver bunden sind, und 3) als neues Element der öffent- lichen Kommunika tion mit hoher Relevanz für die gesell schaft liche Entwick- lung in den Blick genommen. 38 Zu 1): Social Web-Angebote als neue Kommunikations dienste Die Fragestel lungen für die Untersuchung ergeben sich zum einen aus der Tatsache, dass die unter dem Begriff Social Web zusammen gefassten Angebote noch relativ neu und un bekannt sind. Ein erstes Interesse besteht also darin, in einem medien kund lichen Sinne aufzu arbeiten, welche Angebots formen sich hier bisher ent wickelt haben und welche Optionen sie den Nutzern bieten. Die Leitfrage aus dieser Perspektive lautet: – Wodurch ist das Social Web als Kommunikations dienst charakterisiert, d. h. welche Anwendungs gattun gen existieren, welche techni schen Funktio- nalitäten bieten sie und welche Ver wendungs weisen legen diese nahe? Zu 2): Social Web-Angebote im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen Die Studie unter sucht die zuvor genannten Fragestel lungen speziell für Jugend- liche und junge Erwachsene. Ausgangs punkt sind die lebens welt lichen Bedin- gungen und die anstehenden Entwicklungs aufgaben, denen sich Heran- wachsende gegen über sehen. Social Web-Angebote werden dazu als potenzielle Instrumente für das Identitäts-, Beziehungs- und Informations management betrachtet, die ihre subjektive Bedeu tung in alltäg lichen Handlungs kontexten von Jugend lichen zu gewiesen bekommen. Die Leitfrage aus dieser Perspektive lautet: – Welche Bedeu tung weisen Jugend liche und junge Erwachsene den ver schie- denen Social Web-Anwen dungen in ihrem Alltag zu? Zu 3): Social Web-Angebote im Medienensemble Die Social Web-Angebote stellen eine Erweite rung des bestehenden Medien- ensembles dar. Ihre gesell schaft liche Etablie rung hat Konsequenzen für die öffent liche Kommunika tion und damit für grundlegende Prozesse gesell schaft- licher Integra tion und Selbst verständi gung. Angesichts der fortschreitenden Konvergenz und der zunehmenden Bedeu tung cross medialer Strategien wird die isolierte Betrach tung von Einzelmedien weder der Realität der Anbieter noch der der Nutzer gerecht. Ein an gemessenes Ver ständnis der Bedeu tung von Social Web-Angeboten er fordert daher die Untersuchung der Frage, welcher Stellen wert ihnen in den Medien repertoires ver schiedener Nutzer gruppen zu- kommt. Aus dieser Perspektive lautet die Leitfrage: – Wie sehen die Medien repertoires von Jugend lichen und jungen Erwachsenen aus, und welche Rolle spielen darin die Social Web-Angebote? 39 Um diese Leitfragen zu beantworten, wurde eine Untersuchung konzipiert, deren Anlage und methodi sche Teilschritte in Kapitel 2 dargestellt werden. Die Darstel lung der Befunde erfolgt integrativ, folgt also nicht den empiri- schen Untersuchungs schritten. Die in Abbil dung 1.2 skizzierte Übersicht über den gesamten Gegen stands bereich soll ver deut lichen, welche Ausschnitte in den einzelnen Kapiteln im Mittelpunkt stehen. Abbil dung 1.2: Übersicht über den Gegen stands bereich Im Kern der Studie geht es um Social Web-Angebote und ihre Nutzung durch junge Erwachsene. Kapitel 3 gilt den Funktionalitäten, welche die ver- schiedenen Anwendungs gattun gen des Social Web, insbesondere die Netz- werk platt formen oder Social Network Sites (SNS) bieten. Kapitel 4 ist der Frage gewidmet, wie diese Angebote von Jugend lichen und jungen Erwach- senen genutzt werden und welche Einstel lungen gegen über den Social Web- Angeboten bestehen. Kapitel 5 geht darüber hinaus und analysiert die Social Web-Nutzung im Rahmen der jeweiligen sozial-ökologi schen Bedin gungen. Kapitel 6 ver bindet die Angebots- und die Nutzungs perspektive, indem für aus gewählte Social Web-Angebote fallstudien haft unter sucht wird, welche kon- kreten Angebots merkmale und Funktionalitäten den Nutzern zur Ver fügung Sozialer Kontext Einstellungen, Funktionserwartungen NutzungAngebot 40 stehen und wie sie sich diese aneignen. Kapitel 7 bezieht in die Analyse des Nutzungs verhaltens das gesamte Medienensemble ein und fragt, welcher Stel- len wert dem Social Web in den Medien repertoires der Jugend lichen und jungen Erwachsenen zukommt. Die Befunde dieser Teilschritte werden in Kapitel 8 zusammen fassend darauf hin beleuchtet, welche Bedeu tung dem Social Web für die Selbst-, Sozial- und Sachauseinander setzung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen zukommt. Im ab schließenden Kapitel 9 werden die Ergebnisse der Studie im Hinblick auf Handlungs optionen im Bereich der Angebots entwick lung, der Medien kompetenzförde rung und der Medien regulie rung diskutiert. 41 2 Vorgehen bei den empiri schen Untersuchungs schritten Ingrid Paus-Hasebrink, Uwe Hasebrink und Jan-Hinrik Schmidt Die vor liegende Studie zur Rolle des Social Web im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen besteht aus den folgenden Untersuchungs modulen: – einer Analyse des Social Web als Kommunikations dienst anhand einer Charak terisie rung von Anwendungs gattun gen, anwendungs übergreifenden Funktionalitäten sowie fallstudien haft aus gewählter Angebote, Modul 3 Medienkontext Repräsentativbefra- gung von Onlinenutzern Angebote Modul 1 Social Web- Übergreifende und fallstudienhafte Analysen Modul 2 Alltagskontexte Qualitative Einzel- und Gruppeninterviews Modul 4 Zusammenführung Abbil dung 2.1: Übersicht über die Untersuchungs module 42 – einer qualitativen Studie mit Gruppen- und Einzel befra gungen von Jugend- lichen und jungen Erwachsenen zum Umgang mit dem Social Web und seinen subjektiven Bedeu tungen im (Medien-) Alltag sowie – einer Repräsentativbefra gung unter Onlinenutzerinnen und -nutzern im Alter von 12 bis 24 Jahren zu ihrem Umgang mit dem Internet unter besonderer Berücksichti gung von Social Web-Angeboten sowie ihrer Nutzung von und ihren Einstel lungen gegen über anderen Medien. 2.1 Angebots analysen Die Analyse des Social Web als Ensemble von Kommunikationsdiensten hat zum Ziel, die technischen Merkmale einzelner Angebotsgattungen heraus zu- arbeiten, die als Software-Code die Nutzungspraktiken rahmen (vgl. Ab- schnitt 1.3). Dazu wurden in einem ersten Schritt unter Rückgriff auf Literatur und bestehende Analysen das Konzept des Social Web analysiert sowie die gängigen Angebotsgattungen identifiziert und kurz beschrieben, auch um be- griffliche Klärung für die folgenden Kapitel zu leisten, in denen die Ergebnisse der quantitativen und qualitativen Befragungen präsentiert werden. Da für die konkreten Nutzungspraktiken jedoch nicht die Angebotsgattung per se, sondern vielmehr die spezifische Ausprägung bestimmter grundlegender Funktionali- täten (wie z. B. der Aufbau einer Profilseite oder die Mechanismen für die Kontaktaufnahme zu anderen Nutzern) entscheidend ist, umfasste das Modul zusätzlich auch die Charakterisierung solcher angebotsübergreifender Funk- tionen bzw. „affordances“. Unter Berücksichtigung der Ergebnisse aus den beiden übrigen Modulen wurden schließlich in einem dritten Schritt die besonders populären An ge- botsgattungen (Netzwerkplattformen, Instant Messaging und Videoplattformen; zusätzlich auch die Wikipedia als einzigen nennenswerten Vertreter der Gattung Wiki) identifiziert sowie die zwei bzw. drei besonders häufig genutzten Ein- zelangebote in Form von vertiefenden Fallstudien näher untersucht. Dabei wurden die in den vorigen Schritten identifizierten Funktionalitäten für die einzelnen Angebote im Detail erfasst und, soweit möglich, kontrastierend gegenübergestellt. Im Zusammenspiel mit den Ergebnissen der Module 2 und 3 konnte so herausgearbeitet werden, wie die Nutzer sich die Vorgaben und Strukturierungen der Software aneignen und in ihre Nutzungspraktiken ein- passen. 43 2.2 Qualitative Untersuchungsschritte 2.2.1 Zur Erforschung von Alltags kontexten Um die komplexen und kontingenten, immer wieder konstruierten Kombina- tionen objektiver und subjektiver Komponenten individueller und sozialer Lebens gestal tung von Menschen – im vor liegenden Fall von Jugend lichen und jungen Erwachsenen im Umgang mit Social Web-Angeboten – zu er fassen, ist es wichtig, zu eruieren, wie junge Menschen ihre Wahrneh mungen und Hand- lun gen, ihre Interpreta tionen und Bedeutungs zuschrei bungen von und mit dem Social Web im Alltag konstituieren. Dazu gilt es zu analysieren und ver stehend nach zuvollziehen, wie junge Menschen – Jugend liche und junge Erwachsene – mehr und mehr an eigener Kompetenz gewinnend in ihre Lebens welt hinein- wachsen und sich darin im Kontext ihrer Sach-, Sozial- und Selbst auseinander- setzung behaupten, d. h., wie sie mithilfe von Social Web-Angeboten ihr Informations-, Beziehungs- und Identitäts management betreiben. Eine derartig aus gelegte qualitative Medien forschung kann nicht ohne den Blick auf die Lebens welt Heranwachsender aus kommen, die geprägt wird durch sozial-öko- logi sche Bedin gungen, zu denen auch die Medien umgangs weisen – und darin integriert der je spezifi sche Umgang mit Social Web-Angeboten – gehören; diese Bedin gungen müssen in die Forschung mit ein bezogen werden (vgl. Paus- Hasebrink 2009). 2.2.2 Zum Vorgehen bei den Gruppen diskussionen und Einzelinterviews der qualitativen Studien und zur Logik der Probandenauswahl Im Rahmen der qualitativen Teilstudie wurde mit Gruppen diskussionen und ver tiefenden Einzelinterviews gearbeitet. Ziel der Gruppen diskussionen war es zum einen, über eine hohe Fallzahl von Jugend lichen hinweg – in Abgren zung zu den Einzelinterviews – einen Einblick in die Umgangs weisen Heran wach- sender mit Social Web-Angeboten zu bekommen und zum anderen der Rele- vanz von Peer-Group-Kontakten für die Nutzung und Bewer tung einzelner Angebote nach zugehen. Um tiefer als bei den Gruppen diskussionen möglich in die Bedeutungs zuschrei bungen von Probanden vor dringen zu können, wurden mit aus gewählten Jugend lichen und Erwachsenen aus dem Sample der Grup- pen diskussionen Einzelinterviews geführt. Entsprechend der Methode der Triangula tion konnten auf diese Weise die Aussagen der Probanden aus den Gruppen diskussionen sowie aus den Einzelinterviews miteinander in Verbin- dung gebracht und bei der Auswer tung aufeinander bezogen werden. Zu den qualitativen Studien wurden Jugend liche und junge Erwachsene aus den drei Alters gruppen rekrutiert, um die Rolle von Social Web-Anwen dun- gen im Kontext der mit den jeweiligen Alters stufen ver bundenen unter schied- 44 lichen Entwicklungs stufen und den damit einher gehenden Entwicklungs- bzw. Lebens aufgaben nachspüren zu können. Die erste Alters stufe bezog sich auf Heranwachsende zwischen 12 und 14 Jahren, in der zweiten wurden Jugend- liche zwischen 15 und 17 Jahren berücksichtigt; die dritte Alters stufe innerhalb der qualitativen Studien rekrutierte sich aus jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren, deren Herausforde rungen mit dem Finden bzw. Eingliedern in ihren beruf lichen Alltag bzw. in ein Studium ver bunden sind und deren partner- schaft liche Beziehungen sich in ent sprechenden Netz werken und Lebens partner- schaften bewegen. Daneben spielten die Faktoren Geschlecht, formale Bildung sowie Wohn- ort eine wichtige Rolle bei der Rekrutie rung von Probanden für die Gruppen- diskussionen. Im Hinblick auf den Faktor Wohnort wurde zwischen Probanden aus einer Groß stadt mit einem ab wechslungs reichen Freizeitangebot und guter Ver kehrsinfrastruktur (Hamburg) sowie Probanden aus einer länd lich struk- turierten Gegend (Emsland), die vice versa nicht über ein gleichermaßen gut aus differenziertes Freizeitangebot und eine gut aus gebaute Ver kehrs infra struk- tur ver fügen, unter schieden. Um einen intensiven Einblick in die jeweilige Rolle von Social Web-Ange- boten im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen, mithin ihre Be- deutungs zuschrei bungen, die die Probanden ihnen sowohl im Kontext von Schule, Ausbil dung bzw. Studium und Beruf als auch in Peer- und Freund- schafts netz werken sowie Partner schaften beimessen, zu er halten, spielte in der qualitativen Studie zusätz lich die Überle gung eine Rolle, Jugend liche und junge Erwachsene in Bezug auf ihre Differenzen im Umgang mit Social Web-Angeboten zu rekrutieren. Dabei handelte es sich zum einen um die- jenigen Jugend lichen und jungen Erwachsenen, die als „Konsumenten“ be- zeichnet werden können, die sich also mit Social Web-Anwen dungen be schäf- tigen, diese jedoch über wiegend rezeptiv nutzen. Die zweite Probanden gruppe rekrutierte sich aus Social Web-Kennern, die diese Anwen dungen sowohl re- zeptiv nutzen als auch moderat aktiv-gestaltend tätig sind. Als dritte Gruppe wurden Jugend liche und junge Erwachsene heran gezogen, die zum einen Social Web-Anwen dungen nutzen, zum anderen aber als „aktive Produzenten“ bezeichnet werden können. Diese Jugend lichen und Heranwachsenden schöpfen das Potenzial des Social Web in besonderer Weise aus. Diejenigen Jugend lichen und jungen Erwachsenen, die ent sprechende Anwen dungen zwar kennen, sich aber nicht oder nur ganz sporadisch mit diesen Anwen dungen beschäftigen, messen ihnen in ihrem Alltag keine oder nur eine sehr geringe Bedeu tung bei; sie wurden bei der Rekrutie rung für die qualitativen Studien nicht berück- sichtigt. 45 Den geschilderten Überle gungen ent sprechend wurden Jugend liche und junge Erwachsene für insgesamt zwölf Gruppen diskussionen rekrutiert. Die Auswahl der Probanden er folgte in Anleh nung an das Theoreti sche Sampling nach Strauss und Corbin (vgl. Lampert 2005) in einem dreistufigen Ver fahren (vgl. auch Abbil dung 2.2): Mittels eines Screening-Fragebogens16 wurden in der Vorphase der Er- hebung von Mai bis Mitte Juni 2008 in Schulen (Haupt-, Real- und Fachschulen sowie Gymnasien), in Fach hochschulen und der Universität sowie in Jugend- zentren nach den harten Kategorien Geschlecht, Alter und formale Bildung und den weichen Kategorien allgemeine Internetnut zung und Nutzung von Social Web-Angeboten ent sprechende Probanden für die Studie rekrutiert; ins- gesamt wurden 450 Screening-Fragebögen aus gegeben (Rücklauf 193). Daraus wurden Gruppen von sechs bis acht Personen gebildet, mit denen eine Grup- pen diskussion durch geführt wurde (vgl. Tabelle 2.1). Diese Gruppen diskus- sionen dienten zum einen dazu, tiefer in das Forschungs feld vorzu dringen und „weiche“ Daten im Sinne subjektiver Bedürfnis posi tionen und Umgangs formen mit Social Web-Angeboten zu er halten. Zum anderen waren sie Basis für die Auswahl einzelner Personen, die mittels ver tiefender Leitfaden interviews („Fall studien interviews“) in einer intimen und ver trauens vollen Gesprächs- situa tion (unter vier Augen mit dem bzw. der Interviewer/-in)17 befragt wurden. Hier standen vor allem die spezifi schen Nutzungs formen der Jugend lichen und jungen Erwachsenen im Kontext lebens welt licher Hintergründe im Fokus. In Bezug auf die Einzelinterviews war ursprüng lich geplant, aus jeder Gruppe möglichst mit einer Probandin sowie einem Probanden ein Interview zu führen, die oder der eine in Bezug auf den Gegen stand interessante Per- spektive einbringen konnte; folg lich sollten 24 Einzelinterviews geführt werden. Da aber deut lich mehr Probanden während der Erhebungs phase interessante Perspektiven auf den Forschungs gegen stand zeigten, wurden letztend lich ins- gesamt 28 Einzelinterviews geführt. Diese wurden als so genannte „Fall- studien interviews“ (vgl. Paus-Haase u. a. 1999) an gelegt, in denen die jeweili- gen lebens welt lichen Hintergründe der Probanden eine wichtige Rolle spielen, um die Bedeu tung von Social Web-Angeboten im Kontext der Lebens führung der jungen Menschen und ihrer Alltags gestal tung er fassen zu können. 16 Der Screening-Fragebogen ist unter www. uni-salzburg. at / kowi /av/ forschung/SocialWeb verfügbar. 17 Dabei wurde weitgehend darauf geachtet, dass die Probanden von einem Interviewer und die Probandinnen von einer Interviewerin befragt wurden. 46 Abbil dung 2.2: Probanden auswahl für die qualitative Teilstudie Tabelle 2.1: Zusammen stel lung der Probanden für die Gruppen diskussionen Gruppen Alter Bildung Geschlecht weiblich männlich G1 Emsland 12–14 Formal niedrige Bildung (Realschule) 4 3 G2 Emsland 12–14 Formal höhere Bildung (Gymnasium) 4 4 G3 Emsland 15–17 Formal niedrigere Bildung (Berufs schule/Lehre) 3 5 G4 Emsland 15–17 Formal höhere Bildung (Gymnasium/Höhere Schule) 3 6 G5 Emsland 18–24 Formal niedrigere Bildung (berufstätig und/oder arbeits los) 3 4 G6 Emsland 18–24 Formal höhere Bildung (Gymnasium/Höhere Schule und Universität /FH) 4 5 G7 Hamburg 12–14 Formal niedrigere Bildung (Haupt schule) 2 4 G8 Hamburg 12–14 Formal höhere Bildung (Gymnasium) 4 4 G9 Hamburg 15–17 Formal niedrigere Bildung (Berufs schule/Lehre) 2 4 G10 Hamburg 15–17 Formal höhere Bildung (Gymnasium/Höhere Schule) 3 3 G11 Hamburg 18–24 Formal niedrigere Bildung (berufstätig und/oder arbeits los) 3 3 G12 Hamburg 18–24 Formal höhere Bildung (Gymnasium/Höhere Schule und Universität /FH) 5 2 Für die Gruppen diskussionen und Einzelinterviews wurden Leitfäden18 ent- wickelt, die die Leitfrage dieses Untersuchungs bausteins, welche Rolle Social Web-Angebote im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen spielen, in ver schiedenen Unteraspekten er fassten. Abgedeckt wurden unter anderem folgende Fragen: 18 Die Leitfäden sind unter www. uni-salzburg. at / kowi /av/ forschung/SocialWeb dokumentiert. Einzel- Interviews Gruppendiskussionen Screening-Fragebögen 47 – Wie nehmen Jugend liche Social Web-Angebote wahr? Welche Bedeu tung weisen sie ihnen in ihrem Alltag zu und welchen Einfluss gewinnen Social Web-Angebote auf die Konstruk tion der Wirklich keit von Jugend lichen? – Welche Umgangs weisen mit sowie welche Aneignungs formen von Social Web-Angeboten lassen sich fest stellen? Wovon hängen diese ab bzw. wo- durch werden diese beeinflusst (z. B. durch die Nutzung allein, mit Ge- schwistern oder Eltern, mit Freunden etc.)? – Welche spezifi schen Funktions erwar tungen hegen Jugend liche gegen über den ver schiedenen Angeboten des Social Web? Welche Angebote er füllen welche Funktionen für welche Jugend lichen in welchen Situa tionen ihres Alltags? – Stellen Social Web-Angebote für Heranwachsende eine Möglich keit für die Auseinander setzung mit ihren Entwicklungs aufgaben und spezifi schen Fragen des Alltags dar? Welche Rolle spielen die spezifi schen Selbst- bzw. Sozial auseinander setzungs konzepte der Jugend lichen in Familien, Peer- Groups sowie institu tionellen Gruppen für den Umgang mit Social Web- Angeboten (Selbstrepräsenta tion, Identitäts arbeit / Beziehungs bildung, Be- ziehungs management)? – Welche Nutzer typen lassen sich im Umgang der Jugend lichen mit unter- schied lichen Social Web-Angeboten beobachten? Wie hängen diese mit der sozialen Position der Jugend lichen in ihrem Alltag (vor dem Hintergrund ihrer sozialen Milieus) zusammen? – Welche Risiken und Probleme sind mit Social Web-Angeboten ver bunden? Welche Anknüpfungs punkte für die Förde rung von Medien kompetenz er- geben sich aus den Umgangs weisen der Jugend lichen mit Social Web- Angeboten? Die Gruppen diskussionen wurden in der Zeit zwischen dem 30. Juni und dem 11. Juli 2008 jeweils nachmittags oder am frühen Abend geführt; sie dauerten zwischen 90 und maximal 180 Minuten; im Durchschnitt dauerte eine Dis- kussion 120 Minuten. Die Gruppen diskussionen Land (Emsland) fanden in Privaträumen von Hilfs kräften, die an der Durchfüh rung der Rekrutie rung beteiligt waren, in der Zeit vom 30. Juni bis einschließ lich 4. Juli 2008 statt. Die Gruppen diskussionen Stadt (Hamburg)19 wurden in der Zeit vom 7. bis 11. Juni 2008 im Hans-Bredow-Institut bzw. in Jugendzentren geführt. Die Diskussionen wurden in voller Länge auf Tonband mitgeschnitten. Neben dem Interviewer und der Interviewerin war eine dritte Person aus dem Forschungs team anwesend, um in einem Protokoll die Abfolge der Sprechen- 19 In den in Kapitel 5 folgenden Ergebnissen wird der Standort „Hamburg“ mit A und der Standort „Emsland“ mit B bezeichnet. 48 den fest zuhalten. Auf diese Weise ließen sich die Wortbeiträge beim Trans- kribieren den ver schiedenen Diskussions teilnehmern zuordnen. Den Diskussionen ging eine Warm-up-Phase voraus, in der sich das Inter- viewteam vor stellte, den Zweck der Studie er läuterte und darauf hinwies, dass alle Äußerun gen der Befragten wichtig und „richtig“ seien. Ziel war, eine möglichst ent spannte Atmosphäre zu schaffen. Darüber hinaus wurden die Jugend lichen und jungen Erwachsenen auf gefordert, nach Möglich keit unter- einander zu diskutieren. Zu den Einzelinterviews wurden Jugend liche und junge Erwachsene aus- gewählt, die a) im Hinblick auf die Fragestel lung der Studie als besonders interessant und auf schluss reich er schienen und die b) bereit waren, an einem Einzelinterview teilzunehmen. Sie fanden im Rahmen der Erhebungs wochen ent weder im unmittel baren Anschluss an die Gruppen diskussionen bzw. nach Terminwunsch der Probanden an einem der darauf folgenden Tage bei ihnen zu Hause statt. Die Einzelinterviews dauerten zwischen 40 und maximal 90 Minuten. 2.2.3 Zur Auswer tung der Gruppen diskussionen und Einzelinterviews 2.2.3.1 Fokussierende Analyseschritte und Gruppen-Profile Um bei der Analyse der Diskussionen möglichst viele Aspekte differenzieren und dennoch den sich organisch ent wickelnden Gruppen diskussionen gerecht werden zu können, er schien es sinn voll, eine fokussierende Auswer tung des Materials zu leisten (vgl. Paus-Haase u. a. 1999, Paus-Hasebrink 2004b; Paus- Hasebrink u. a. 2004; Paus-Hasebrink / Bichler 2008). Bei der fokussierenden Analyse gilt die Aufmerksam keit bestimmten Aspekten der Diskussionen, die vor dem Hintergrund der Forschungs frage „Wie gehen die Jugend lichen mit Social Web-Angeboten in ihrem Alltag um?“ relevant er scheinen. Auf dieser Auswertungs ebene wurde das Material nach Dimensionen und Kategorien dif- ferenziert, um einzelne Diskussions sequenzen mit jeweils demselben Thema einer ver gleichenden Betrach tung unter ziehen zu können. Es handelte sich um ein quantifizierendes Vorgehen, bei dem die Komplexität der qualitativ er- hobenen Daten zugunsten einer besseren Übersicht reduziert wurde. Für jede Gruppen diskussion wurde zudem ein aus einem kontextuellen Analyseschritt hervor gehendes „Gruppen-Profil“20 er stellt, aus dem die Zu- sammen setzung der Gruppe hervor geht und das gruppen dynamisch relevante Aspekte behandelt, wie etwa, wer der Probanden sich unter einander kennt 20 Die Gruppenprofile sind unter www. uni-salzburg. at / kowi /av/ forschung/SocialWeb dokumentiert. 49 bzw. in welcher Beziehung sie jeweils zueinander stehen. Im Profil wurden also die inneren Zusammen hänge der Gruppen diskussionen heraus gearbeitet und die Aufmerksam keit vor allem den Fragen gewidmet, wie die Jugend- lichen interaktionistisch ihre Gedanken gänge ent wickeln, ob es einen Wort- führer in der Gruppe gibt bzw. um wen es sich dabei handelt etc. Damit bedingen und er gänzen sich die fokussierende und die kontextuelle Analyse gegen seitig: Während die eine einen Überblick über die typischen Umgangs weisen von jungen Menschen und deren Hintergründe bietet, zeigt die andere spezifi sche Einfluss faktoren auf und widmet sich gruppen dynami- schen Aspekten der Diskussionen. 2.2.3.2 Zur Codie rung des Materials und zur Erstel lung einer Auswertungs matrix Die methodi sche Offen heit der Gruppen diskussionen führte dazu, dass die er hobenen Daten sowohl auf inhalt licher als auch struktureller Ebene eine große Heterogenität auf weisen. Dies bedingt wiederum, dass die Diskussionen nicht ohne Weiteres zueinander in Beziehung gesetzt werden konnten. Viel- mehr musste zu diesem Zweck eine Matrix ent wickelt werden, die – als eine Art Folie über das Material gelegt – die Ver gleich bar keit der Daten gewähr- leistet und somit Antworten auf die Frage er laubte, ob die ver schiedenen Be- fragten gruppen jeweils typische Umgangs weisen mit Social Web-Angeboten er kennen lassen. Um die Fülle des Materials bewältigen zu können, wurde im ersten Schritt auf eine computer gestützte Auswertungs methode zurück gegriffen, wie sie im Bereich der qualitativen Forschung durch das Programm „MaxQda“ geboten wird. Dabei wurden die ein gelesenen Texte in Sinnabschnitte unter teilt und mit Schlagworten ver sehen. Anschließend ließen sich die einzelnen Sequenzen („Codings“) per Computer befehl zusammen stellen, sodass die umständ liche und langwierige „Schneid- und Klebemethode“ ent fiel. Die Schlag- bzw. Codeworte wurden zum Teil induktiv auf Basis der theo- reti schen Prämissen formuliert; zum Teil wurden sie im Laufe des Codierungs- prozesses vom Material selbst ab geleitet. Auf diese Weise ent stand ein hoch aus differenziertes Kategorien system („Codewortbaum“), das einen um fassen- den Blick auf die von den Jugend lichen und jungen Erwachsenen ein gebrachten Perspektiven bot. Nach einer ersten Durchsicht der Codings wurde das Kate- gorien system auf diejenigen Dimensionen reduziert, die sich auf grund der Quantität und Qualität der Codings als relevant er wiesen hatten (siehe dazu den Codewortbaum im Anhang A3). Es handelt sich hierbei um die Folgenden: Allgemeiner Medien umgang; Lebenssituation; Bekanntheit des Begriffs Web 2.0; Aktionen nach dem Einschalten des Computers; Internet allgemein; wahrgenommene Unterschiede Internet /Social Web; Nutzung von Social Web-Angeboten wie Netz werk- 50 plattformen, Instant Messaging, Musikplattformen, Videoplattformen, Fotoplatt- formen, Wikis, Blogs und von weiteren Internetangeboten wie Online-Radios/Podcasts, Virtuelle Welt /Second Life; Nutzung anderer Internetangebote wie, E-Mail, Chats, eigene Home page, Onlinespiele, Internet-Telefonie, Foren / Boards, Shopping (allgemeine Bewertung; zugeschriebene Funktion, Motive aktiver Produktion, lebensweltliche Hintergründe); Motive der Social Web-Nutzung anderer; Bewertung von Einzelaspekten (Kommuni kation im Social Web, anonyme Internetnutzung); Nutzung mehrerer Profile; Motive für die Anmeldung für SNS und Instant Messaging; Definition von Privatheit; Internet & Wirklichkeitskonstruktion; Wahrnehmung von Risiken / Herausforderungen in Bezug auf sich selbst sowie andere; Erfahrungen mit Risiken und Herausforderungen für sich selbst sowie in Bezug auf andere; Umgang mit Risiken und Herausforderungen; Zukunfts szenarien; Chancen; Medienregeln in der Familie; Einsatz Internet in Freizeit-/ Bildungseinrichtungen. Die unter diesen Dimensionen codierten Diskussions ausschnitte wurden in einem hermen eutischen Ver fahren weiter aus gewertet; diejenigen, die ähnliche Umgangs weisen der Jugend lichen mit Social Web-Angeboten er kennen ließen, wurden zusammen gefasst und gleichzeitig von denjenigen differenziert, die mehr oder minder konträr dazu stehen. Anschließend er folgte eine Beschrei- bung dieser Gruppen: Welche Merkmale sind der jeweiligen Umgangs weise eigen, und wie lassen sie sich unter einem Oberbegriff zusammen fassen? Ziel war es dabei, zentrale Dimensionen des Umgangs mit Social Web-Angeboten heraus zuarbeiten. Der nächste Auswertungs schritt bestand darin, Einzelfallanalysen zu er- stellen, um auf ihrer Basis eine Typologie von Handlungs weisen Jugend licher und junger Erwachsener mit Social Web-Angeboten zu erarbeiten. Auch die Einzelinterviews wurden einem zweischrittigen Analyse verfahren unter zogen. Im ersten Schritt wurden auch sie mithilfe von MaxQda nach demselben Codewortbaum wie die Gruppen diskussionen codiert; in einem zweiten Schritt wurden diese Codings zu jeder Person kontextuell-hermeneu- tisch aus gewertet und Fall beispiele (n = 9) bzw. Kurz-Profile (n = 19) ge schrie- ben. Alle Einzelfallbeispiele sowie Kurz-Profile sind auf der Projekt-Website dokumentiert.21 Sämtliche Namen der Probanden sind anonymisiert. Die Ent- schei dung, ob zu einem Probanden ein Fall beispiel oder ein Kurz-Profil ge- schrieben wurde, hing mit der Perspektive zusammen, die eine Person in Bezug auf die Fragestel lung bot, d. h. um möglichst viele Perspektiven auf den Untersuchungs gegen stand er fassen zu können, wurden zu den Jugend lichen und jungen Erwachsenen, die eine neue oder besonders interessante Perspektive im Umgang mit dem Social Web darboten, ausführ liche Fall beispiele ge- schrieben. Zu den anderen Probanden wurden nach denselben Kategorien wie 21 Siehe www. uni-salzburg. at / kowi /av/ forschung/SocialWeb. 51 bei den Fall beispielen Kurz-Profile er stellt. Die Einzelfall beispiele bieten damit einen umfassenderen Blick auf die Personen als die Kurz-Profile. Für die Einzelfallanalyse wurde eine Grund-Matrix ent wickelt, die den individuellen Daten eine Struktur ver leiht und sie so ver gleich bar gestaltet. Dies war ent scheidende Vorausset zung für den anschließenden Schritt, die Bildung von Handlungs typen im Umgang mit dem Social Web; sie er folgte sowohl auf Basis der Fall beispiele als auch der Kurz-Profile. Die Matrix soll im Folgenden kurz vor gestellt werden, um den Auswertungs- prozess nachvollzieh bar zu gestalten. Sie setzt sich folgender maßen zusammen: 1) zur Person und zu ihren lebens welt lichen Hintergründen: Name, Alter, Schul form, Wohnort, Charakteristika (Wie lässt sich die physische Erschei- nung bzw. die psychi sche Struktur beschreiben?), familiärer Hintergrund (Familien struktur, Wohnsitua tion, Berufe der Eltern,22 familiäres Klima), Stellung in der Peer-Group/ Freund schaften, Ver hältnis zur Schule, Hobbys; 2) Umgangs weisen mit Medien im Alltag im Allgemeinen (auf Basis dafür relevanter Kategorien des Codewortbaums; vgl. Anhang A3); 3) allgemeine Umgangs weisen und Einstel lung zum Internet; 4) Umgangs weisen und Einstel lung zum Social Web (wahrgenommene Hand- lungs weisen im Umgang mit dem Social Web; Nutzung spezieller Angebote etc.); 5) Fazit und Motto23. Diese Matrix24 wurde auf alle Fälle gleichermaßen an gewandt. Der letzte Schritt der Auswer tung bestand darin, auf der Basis aller Einzelfall beispiele Handlungs typen25 von Jugend lichen und jungen Erwachsenen zu bilden, die sich jeweils durch einen spezifi schen Umgang mit Social Web-Angeboten auszeichnen. In diesem Auswertungs schritt wurden zentrale Dimensionen im Umgang mit dem Social Web heraus gearbeitet; da es sich dabei bereits um Ergebnisse handelt, werden sie im Zusammen hang mit den Handlungs typen vor gestellt (siehe dazu Kapitel 5). Zur Bildung der Handlungs typen wurden die Fall beispiele der Probanden miteinander abgeg lichen, genauer gesagt: Die Probanden wurden im Hinblick auf ihre Umgangs weisen miteinander ver- glichen und die einzelnen Fälle von Jugend lichen und jungen Erwachsenen nach ihrer Ähnlich keit zu Gruppen, die sich ein und derselben Handlungs- 22 Nicht in allen Fällen haben die Jugendlichen und jungen Erwachsenen dazu Angaben gemacht. 23 Das Motto beinhaltet eine Kurz-Charakteristik des Probanden mit Blick insbesondere auf seinen Umgang mit dem Social Web. 24 Die Matrix weist in ihrer Anlage eine hohe Verwandtschaft zu der von Flick (2003) vorgeschlagenen „thematischen Struktur“ auf. 25 Bei der vorliegenden Typenbildung handelt es sich um empirisch erfasste Typen, mithin „Realtypen“, die sich aus der breit angelegten Materialinterpretation der 28 Einzelfallbeispiele herausgebildet haben (siehe dazu auch Paus-Haase u. a. 1999). 52 weise im Umgang mit Social Web-Angeboten bedienen bzw. die in ihrer Haltung zu den Angeboten über einstimmen, zusammen gestellt und in ihren Gemeinsam keiten beschrieben. Dabei wurde anschließend geprüft, ob be- stimmte Persönlichkeits merkmale und/oder soziale Faktoren der jungen Leute mit tendenzieller Häufung auf treten. 2.3 Repräsentativbefra gung Ziel dieses Untersuchungs schritts war es, auf einer repräsentativen, also auf die Gesamt gruppe der Jugend lichen und jungen Erwachsenen in Deutschland ver allgemeiner baren Basis, Aussagen darüber zu machen, welche Medien- repertoires sich beobachten lassen und welchen Stellen wert die ver schiedenen Medien, insbesondere Social Web-Anwen dungen, im Rahmen dieser Medien- repertoires einnehmen. Im Einzelnen sollten vor allem folgende Fragestel- lungen beantwortet werden: – Wie hoch ist der Anteil der Jugend lichen und jungen Erwachsenen, die bestimmte Onlineanwen dungen nutzen? – Welche Nutzer typen lassen sich anhand des Umgangs mit Onlineanwen- dungen unter scheiden? – Wie nutzen diese Onlinenutzer typen andere Medien, d. h. welche über grei- fenden Medien repertoires lassen sich bei den Nutzer typen beobachten? – Welche spezifi schen Nutzen erwar tungen und Einstel lungen haben die Be- fragten gegen über den ver schiedenen Online-Anwen dungen und anderen Medien angeboten? Die zur Beantwor tung dieser Fragen durch geführte Repräsentativbefra gung wurde wie folgt konzipiert. Es wurde ein Fragebogen ent wickelt, der folgende Gegenstände umfasst:26 – Medien nutzung (TV, Radio, Print, Online) – Häufig keit – Dauer – Funktionen – Internet-Nutzung – Orte der Internet-Nutzung – Lieblings seiten im Internet – Nutzungs häufig keit Internet-/Online-Dienste – Erfah rungen mit dem Internet 26 Der vollständige Fragebogen ist unter www. hans-bredow-institut. de/webzweinull /uber-das-projekt abruf bar. 53 – Nutzung von Social Web-Angeboten – Bekanntheit / Nutzung spezieller Social Web-Angebote – Umgang mit Profilen – Handy-Nutzung – Eignung ver schiedener Kommunikations dienste für soziale Funktionen – Themen interessen – Geräte ausstat tung – Soziodemographie Um die Ergebnisse später auf größere und regelmäßig durch geführte Studien beziehen zu können, wurden die Fragen und Antwort kategorien zur Erfas sung der allgemeinen Medien nutzung und zur Nutzung ver schiedener Internet-An- wen dungen an die Erhebungs instrumente der JIM-Studie (MPFS 2008) und der ARD/ZDF-Online-Studie an gelehnt.27 Aus forschungs ökonomi schen Gründen, aber auch um die Ver gleich bar keit mit relevanten Studien wie der JIM zu ermög lichen, wurde die Befra gung telefonisch durch geführt. Grundgesamt heit für die Befra gung waren deutsch- sprechende Onlinenutzerinnen und -nutzer im Alter zwischen 12 und 24 Jahren aus Haushalten mit Telefonfest netz anschluss in Deutschland. Mit der Feldarbeit wurde mit der ENIGMA GfK Medien- und Marketing- forschung GmbH in Wiesbaden ein Institut beauftragt, das über besondere Erfah rungen mit Befra gungen unter Jugend lichen (u. a. durch die dort durch- geführte JIM-Studie) ver fügt. Die Fragebogen inhalte wurden vom Hans- Bredow-Institut vor gegeben, von ENIGMA GfK redaktionell über arbeitet und zur Abstim mung vor gelegt. Die Durchfüh rung der Interviews er folgte in den Telefonstudios der ENIGMA GfK in Wiesbaden/ Mainz.28 Aus der Grundgesamt heit wurde eine repräsentative Stichprobe von 650 Ziel- personen befragt, quotiert nach – Alters stufe, – Bundes land × Wohnort größe und – Schul bildung. Bei der CATI-Befra gung wurden so genannte „wieder befragungs bereite“ Haus- halte mit Kindern und Jugend lichen in der gewünschten Alters gruppe ein- gesetzt. Hierfür steht eine institut sinterne Daten bank zur Ver fügung, die aus bundes weiten Repräsentativ-Zufalls stichproben gespeist wird. Grundlage für diese Stichproben ist die ADM-Auswahlgrundlage für Telefonstichproben, die 27 Wir danken Sabine Feierabend und Albrecht Kutteroff (JIM-Studie) sowie Birgit van Eimeren (ARD/ ZDF-Online-Studie) für ihre Kooperations bereit schaft bei der Entwick lung des Fragebogens. 28 Für die gute Zusammen arbeit bedanken wir uns an dieser Stelle herz lich bei Bettina Klumpe, Geschäfts- führerin, und Petra Kombert, Projekt leiterin und Spezialistin für Befra gungen von Kindern und Jugend- lichen. 54 sowohl im Telefonbuch ein getragene als auch nicht ein getragene Telefon num- mern erfasst. Die Auswahl des Kindes im Haushalt er folgte gemäß den Quoten vorgaben. Pro Haushalt wurde nur ein Interview durch geführt. Zur Steige rung der Aus- schöp fung wurden die Haushalte mindestens 15 mal an ver schiedenen Wochen- tagen zu ver schiedenen Tages zeiten kontaktiert. Terminwün sche der Befragten wurden individuell behandelt. Die Feldzeit der Befra gung dauerte vom 15. Oktober 2008 bis zum 16. No- vem ber 2008. Zur Realisie rung der Interviews wurden insgesamt 29 Interviewer ein gesetzt, die alle speziell für das Projekt geschult und ein gewiesen wurden. Die Stichprobe wurde repräsentativ nach Alter × Geschlecht (Basis: Statisti- sches Bundesamt, Genesis, Stand 31. 12. 2007), Bundes land × Wohnort größe und Bildungs abschluss (Basis jeweils: MA Radio 2008 II) gewichtet. Letzt lich ergaben sich die in Tabelle 2.2 auf geführten Fallzahlen. Tabelle 2.2: Überblick über die Befragten Gesamt n = 650 n in % n in % männlich 332 51,1 Schüler/ in 310 47,7 weiblich 318 48,9 Student/ in 61 9,4 12–14 Jahre 131 20,2 Auszubildende/r 157 24,1 15–17 Jahre 147 22,7 Bundes wehr-/Zivildienst leistender 12 1,8 18–20 Jahre 161 24,7 Berufstätig 92 14,1 21–24 Jahre 211 32,5 Arbeits los 19 2,9 Eine vollständige Dokumenta tion der Grundauszäh lungen dieser Befra gung ist auf der Projekt-Website verfüg bar.29 2.4 Ver knüp fungen zwischen den ver schiedenen Untersuchungs schritten Neben der nicht-reaktiven Angebots analyse sind in dieser Studie mit einer standardisierten Befra gung, Gruppen interviews und Einzelinterviews ver schie- dene reaktive Zugänge gewählt worden, um Aufschluss über die Social Web- Nutzung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen zu gewinnen. Damit war das Ziel ver bunden, möglichst vielfältige Perspektiven auf den Gegen stand zu er halten und gleichzeitig die jeweiligen Stärken der Erhebungs weisen zu kom- binieren und miteinander zu er gänzen, wie es dem Prinzip der Triangula tion (vgl. Denzin/ Lincoln 1994; Flick 2003; siehe dazu ausführ lich Paus-Hasebrink 2004a) ent spricht. 29 Siehe www. hans-bredow-institut. de/webzweinull /uber-das-projekt /. 55 Die Vorausset zungen für solche Verbin dungen bestehen zum einen auf der konzep tionellen Ebene, indem ein gemeinsamer theoreti scher Rahmen für die Studie formuliert wurde (siehe Kapitel 1.1 und 1.2). Zum anderen waren die Erhebungs instrumente, also die Leitfäden für die qualitativen Interviews sowie der Fragebogen für die Repräsentativbefra gung, im Hinblick auf zentrale Kate- gorien aufeinander ab gestimmt. Die Ergebnisse der Erhebun gen bestimmten zudem die Auswahl der fallstudien haften Angebots analysen. Im Auswertungs- prozess analysierten ver schiedene Mitglieder des Projekt teams die Daten zu- nächst ent lang der Logik der jeweiligen Methode; danach er folgte der Ver- gleich der Befunde im Hinblick auf Übereinstim mungen und Widersprüche. In der Ergebnis darstel lung schlägt sich dies so nieder, dass die folgenden Kapitel jeweils primär auf der Auswer tung einer Daten quelle basieren, dabei jedoch relevante Beobach tungen aus den anderen Untersuchungs schritten ein gear bei- tet werden. Damit ist die Vorausset zung dafür gegeben, in den ab schließenden Kapiteln zu einer Gesamtinterpreta tion der Befunde zu kommen. Bei dem Ver such, die Beobach tungen aus ver schiedenen Daten quellen mit- einander zu ver binden, sind jedoch auch die Grenzen eines solchen Vorgehens zu beachten. Dies betrifft insbesondere die für diese Studie wichtige Ziel- setzung, ver schiedene Typen der Social Web-Nutzung zu identifizieren. Mit Typen bildun gen sollen relevante Unterschiede zwischen Teilgruppen der Grund- gesamt heit sicht bar gemacht werden, da nicht davon auszu gehen ist, dass das Social Web für alle 12- bis 24-Jährigen dieselbe Bedeu tung hat. Wenn in den folgenden Kapiteln sowohl auf der Basis der Repräsentativbefra gung als auch auf der Basis der qualitativen Befra gung Typen gebildet werden, ist zu be- denken, dass diese nicht direkt miteinander verg lichen werden können. Denn die Anhaltspunkte zur sozialen Realität, die sich den beiden Daten quellen ent nehmen lassen, ergeben sich aus unter schied lichen Vorausset zungen für die Befragten, ihre Sicht der Dinge zu artikulieren. Zudem ist zu betonen, dass jegliche Typen bildung im Bereich der Sozial- wissen schaft nicht für sich in Anspruch nehmen kann, die eine und einzige Typologie darzu stellen. Typen bildun gen dienen dazu, die beobacht bare Vielfalt der Erscheinungs formen sozialer Praxis – hier des Umgangs mit dem Social Web – über schau bar zu machen. Es handelt sich also um Konstruk tionen, die sich dadurch zu bewähren haben, dass sie im Hinblick auf die jeweils zugrunde gelegten theoreti schen Kategorien relevante Unterschiede markieren. 57 3 Das Social Web als Ensemble von Kommunikations diensten30 Jan-Hinrik Schmidt Dieses Kapitel ist der an ge- bots bezogenen Darstel lung des Social Web und der ihm zu gerechneten Kom mu ni ka- tions dienste gewidmet. Es legt begriff liche Grundlagen für die anschließende Dar- stel lung und Diskussion der Befragungs ergebnisse. In Ab- schnitt 3.1 wird das Konzept „Web 2.0“ er läutert und ar- gu mentiert, dass die Bezei- ch nung „Social Web“ treffender ist, um das gegen wärtige Internet (insbesondere in seiner Aneig nung durch Jugend liche und junge Erwachsene) zu kenn- zeichnen. Abschnitt 3.2 stellt die gängigsten Ange bots gattun gen des Social Web vor, während Abschnitt 3.3 zentrale Funk tio na litäten des Social Web skizziert, die das onlinebasierte Identitäts-, Beziehungs- und Informations- management unter stützen. 3.1 „Web 2.0“ und „Social Web“ Die Diskussion über Merkmale und gesell schaft liche Konsequenzen des Inter- nets wurde in den ver gangenen Jahren maß geblich durch das Schlagwort „Web 2.0“ geprägt. Der Begriff, erstmals im Zuge einer Softwarekonferenz 2004 ver wendet und vom amerikani schen Ver leger O’Reilly (2005) in einem 30 Dieses Kapitel ist eine in Teilen gekürzte Fassung ent sprechender Abschnitte in Schmidt (2009). Sozialer Kontext Einstellungen, Funktionserwartungen Nutzung Social Web SNS Internet Medien insgesamt Angebot Social Web SNS Internet Medien insgesamt 58 Essay näher charakterisiert, bündelt eine Reihe von techni schen, ökonomi- schen und gesell schaft lichen Entwick lungen und Prognosen in Bezug auf das Internet. Die Bezeich nung „2.0“ ist aus der Software-Branche ent lehnt, wo die Ver sionen von Computerprogrammen im Zuge ihrer Weiter entwick lung durch- nummeriert werden und ein Sprung auf eine neue Ver sions stufe in der Regel mit sehr grundlegenden Ver ände rungen in den Funktionen und im Design einher geht. Auf das Internet bzw. World Wide Web über tragen, legt der Begriff also Assozia tionen eines tiefgreifenden, sogar revolutionären Entwicklungs- schrittes nahe. Mit dem Web 2.0 werden techni sche, ökonomi sche und kulturell-gesell- schaft liche Ver ände rungen ver bunden (vgl. ausführ lich Schmidt 2009). In tech- ni scher Hinsicht sind insbesondere innovative Software-Anwen dungen an ge- sprochen, welche die Hürden senken, im Internet Inhalte aller Art (Texte, Videos, Bilder, Musik, o. Ä.) für andere zugäng lich zu machen, mit anderen zu bearbeiten und weiter zuverbreiten (vgl. die Übersicht von Anwendungs gattun- gen und Funktionalitäten in den Abschnitten 3.2 und 3.3). Diese Entwick lung führt dazu, dass sich die vormals deut lich getrennten Rollen zwischen Produ- zenten und Rezipienten, zwischen Anbietern und Nutzern medialer Inhalte, nicht mehr deut lich voneinander trennen lassen, weil „the people formerly known as the audience“ (Rosen 2006) selbst aktiv werden können. Bruns (2008) hat hierfür den Begriff „produsage“ geprägt, um das Zusammen wachsen von „produc tion“ und „usage“ zu beschreiben. Eine zweite Ver ände rung betrifft die Art und Weise, wie Software ent- wickelt und bereit gestellt wird. Software wandelt sich von einem Produkt, das er worben und installiert wird, zu einem Dienst bzw. „Service“, der über das Internet bereit gestellt wird. Indem offene Schnitt stellen („Applica tion Pro- gramming Interfaces“, APIs) an geboten werden, können Daten zwischen An- wen dungen aus getauscht und „mashups“ er stellt werden – Kombina tionen von bestehenden Diensten31. Eine ähnliche Funktion er füllen „Widgets“, worunter Software-Module ver standen werden, mit deren Hilfe Inhalte eines Web ange- bots auf anderen Seiten ein gebunden werden können. Die Weiter entwick lung der Software findet nicht mehr in einer Abfolge von unter scheid baren Ver- sionen statt, sondern während des laufenden Betriebs, in andauernden und schritt weisen Ver ände rungen („perpetual beta“), die Nutzer feedback in deut- lich stärkerem Maße einbeziehen als in früheren Phasen. In ökonomi scher Hinsicht bringt das Web 2.0 eine Ver ände rung in den Geschäfts modellen von Unternehmen mit sich, die im bzw. mit dem Internet Geld ver dienen wollen. Dabei sind zwei Konzepte von besonderer Bedeu tung: 31 So wurde die offene Schnitt stelle von „Google Maps“ im Juli 2009 von über 1.750 Diensten benutzt, um eigene Inhalte auf einer von Google zur Ver fügung gestellten Karte anzeigen zu lassen (vgl. www. programmableweb. com/apis/directory/1?sort= mashups [31. 7. 2009]). 59 Der Gedanke des „long tail“ (vgl. Anderson 2006) bezieht sich auf den Um stand, dass im Internet die Kosten für Lager haltung und Distribu tion digitali sier barer Güter (wie z. B. von Musikstücken) gegen Null gehen. Profit lässt sich deshalb nicht mehr allein dadurch erwirt schaften, dass man besonders populäre Inhalte anbietet, sondern gerade auch, indem man den long tail der Nischen interessen er schließt, die jeweils für sich genommen nur wenig Nach frage er zielen, in der Summe aber ein großes Markt segment darstellen.32 Das Web 2.0 ver stärkt die Bedeu tung dieses Umstands, weil immer mehr Werk zeuge zur Ver fügung stehen, die Nachfrage nach Nischen produkten zu kana lisieren, insbesondere aber auch sehr spezialisierte Angebote zu produzieren und zu ver breiten. Das Angebot gerade in den spezialisierten Nischen weitet sich auch des- wegen aus, weil die oben er wähnten gesunkenen Hürden für das Publizieren und Ver breiten von Inhalten dazu geführt haben, dass immer mehr „User- generated Content“, also von Nutzern selbst er stellte Inhalte, bereit stehen. Ent- sprechende Aktivitäten, beispiels weise das Führen eines privaten Weblogs oder das Hochladen eines Videos auf YouTube, werden mehr heit lich ohne kommer- zielle Motiva tion betrieben, können nichts destotrotz aber monetarisiert wer- den.33 Dabei setzen die populären Platt formen in der Regel auf Werbung, selte- ner auf Mitglieds beiträge oder kosten pflichtige Zusatz dienste. Mit den Diensten AdWords und AdSense34 ist auch Google im Bereich der Werbe vermark tung aktiv und er schließt hier insbesondere den Betreibern von Webangeboten mit ver gleichs weise geringer Reichweite Einnahmemöglich keiten. Schließ lich ver binden sich mit dem Web 2.0 auch Vorstel lungen von kultu- rell-gesell schaft lichen Ver ände rungen, die durch aus unter schied lich bewertet werden: An Phänomene wie die Wikipedia, Folksonomies oder die Blogosphäre wird die Hoffnung geknüpft, dort würde sich eine ver teilte kollektive Intelli- genz manifestieren (vgl. O’Reilly 2005), weil unabhängig von etablierten Gate- kee pern jeder Mensch als produser sein eigenes Wissen und seine eigene Erfah rung einbringen könne.35 Indem unabhängig voneinander ent standene Informa tionen, Selek tionen und Entschei dungen aggregiert würden, äußere 32 Als exemplari scher Fall gilt Amazon, bei dem 30 bis 40 Prozent des Umsatzes auf Titel ent fallen, die nicht (mehr) über den Buch handel erhält lich sind (vgl. Brynjolfsson 2006). 33 Vgl. Bruns 2008, S. 30 ff. für eine Übersicht der unter schied lichen Strategien, nutzer generierte Inhalte bzw. „Produsage-Produkte“ kommerziell zu ver werten. 34 Das „AdWords“-Programm erlaubt es Kunden, eine Anzeige (i. d. R. der als „sponsored link“ gekenn- zeichnete Ver weis auf ein eigenes Webangebot) zu bestimmten Suchbegriffen zu schalten. Das „AdSense“- Programm ver mittelt dagegen das Einblenden von Anzeigen auf fremden Webseiten, sodass Google hier als Makler zwischen Werbetreibenden und Webseiten-Betreibern auf tritt. 35 Implizit knüpft eine solche Vorstel lung an Vorläufer an, die bis in die Anfänge des Internets bzw. des World Wide Web zurück reichen – oder sogar darüber hinaus, denn bereits vor mehr als 60 Jahren formu- lierte Vannevar Bush (1945) in seinem Essay „As we may think“ die Idee einer informations verarbeitenden Maschine, mit der sich Informa tionen ver walten und assoziativ ver knüpfen lassen sollten. Dieser „Memory Extender“ (Memex) wurde nie gebaut, beeinflusste jedoch in den folgenden Jahrzehnten die Entwick lung von ver teilten Computer systemen sehr stark (vgl. Friedewald 2007). 60 sich auf einer kollektiven Ebene die „wisdom of crowds“ (Surowiecki 2004; vgl. auch Sunstein 2006) – die Weisheit der Masse, die mehr Wissen und bessere Einschät zungen zusammentragen könne als einzelne Experten. Kritiker halten diesen Einschät zungen ent gegen, das Web 2.0 fördere einen „Cult of the amateur“ (Keen 2007) bzw. einen „digital maoism“ (Lanier 2006), in dem die Leistun gen und gesell schaft lichen Funktionen professioneller Experten ent- wertet würden und die einzelne Stimme zwar online publiziert werden könne, aber letzt lich kein Gehör finde und in der Masse unter ginge. Die Debatte um das Web 2.0 ist dadurch nicht nur eine rein techni sche oder ökonomi sche, sondern auch eine gesell schaft liche Diskussion um die Kon- sequenzen der ver änderten Nutzungs praktiken im Internet. Die vor liegende Studie widmet sich einem Ausschnitt aus diesem Thema, nämlich dem Stellen- wert dieser Praktiken im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen. Dass im Folgenden nicht vom „Web 2.0“ gesprochen wird, hat mehrere Gründe. Erstens haben die geschilderten Ver ände rungen und Innova tionen nicht zu einem ab rupten Bruch bzw. „diskreten Ver sions sprung“ geführt, der möglicher- weise auch noch zeit lich klar von früheren Phasen abzu grenzen ist. Vielmehr handelt es sich um inkrementelle, zeit lich ver schobene und gelegent lich auch konfliktär ver laufende Entwick lungen. Diese Einschät zung wird zweitens auch durch die tatsäch liche Diffusion und Aneig nung einschlägiger Anwen dungen gestützt. Ergebnisse der ARD/ ZDF-Onlinestudie zeigen, dass bislang nur eine (wenn gleich wachsende) Min- der heit der deutschen Onliner regelmäßig einschlägige Anwen dungen nutzt (vgl. Tabelle 3.1). Die Praktiken, also Nutzungs weisen, Routinen und geteilten Erwar tungen der Menschen ver ändern sich nicht radikal, wenn neue techni- sche Anwen dungen verfüg bar sind. Vielmehr zeigen sich auch hier eher schritt- weise Ver ände rungen, wenn bestimmte softwaretechni sche Innova tionen in den Alltag der Internetnut zung ein gepasst werden. Tabelle 3.1: Entwick lung der gelegent lichen und regelmäßigen Nutzung von Web 2.0-An- wen dungen (in %) Gelegent lich (zumindest selten) Regelmäßig (zumindest wöchent lich) 2007 2008 2009 2007 2008 2009 Wikipedia 47 60 65 20 25 28 Videoportale 34 51 52 14 21 26 private Netz werk platt formen 15 25 34 6 18 24 Fotosamm lungen 15 23 25 2 4 7 beruf liche Netz werk platt formen 10 6 9 4 2 5 Weblogs 11 6 8 3 2 3 Lesezeichen samm lungen 3 3 4 0 1 2 Basis: Onlinenutzer ab 14 Jahren in Deutschland (2007: n = 1.142, 2008: n = 1.186, 2009: n = 1.212) Quelle: ARD/ ZDF-Onlinestudie 2007–2009; zitiert nach www. ard-zdf-onlinestudie. de/ index. php?id= 165 61 Zudem ist die Nutzung von Web 2.0-Anwen dungen innerhalb der Internet- nutzer schaft sehr ungleich ver teilt, wobei sich das Alter als zentraler Faktor erweist (vgl. Tabelle 3.2): Nahezu bei allen ab gefragten Anwen dungen bzw. Anwendungs gattun gen besteht ein linearer Zusammen hang – je jünger die Gruppe der Befragten, desto höher ist der Anteil der Nutzer unter ihnen. Im Ver gleich dazu hat das Geschlecht keinen so starken Einfluss, sieht man von der Ausnahme der Videoplatt formen ab, die unter den Männern deut lich weiter ver breitet sind als unter den Frauen. Tabelle 3.2: Nutzung von Web 2.0-Anwen dungen nach Alter und Geschlecht (zumindest selten; in %) Gesamt männ- lich weib- lich 14–19 Jahre 20–29 Jahre 30–39 Jahre 40–49 Jahre 50–59 Jahre 60 + Wikipedia 65 67 64 94 77 70 62 50 39 Videoportale 52 58 45 93 79 55 45 27 12 private Netz werk - platt formen 34 32 36 81 67 29 14 12 7 Fotosamm lungen 25 26 25 42 41 20 19 19 14 beruf liche Netz - werkplatt formen 9 11 8 6 16 13 8 7 1 Weblogs 8 10 6 12 16 10 5 4 1 Lesezeichen - sammlungen 4 4 4 9 6 4 2 2 2 Basis: Onlinenutzer ab 14 Jahre in Deutschland (2008: n = 1.212) Quelle: ARD/ ZDF-Onlinestudie 2009; zitiert nach Busemann /Gscheidle 2009, S. 360 Die ARD/ZDF-Onlinestudie erlaubt es auch, eine Differenzie rung der Nutzer schaft hinsicht lich des Aktivitäts grades vorzu nehmen. Große Anteile der Nutzer ent sprechender Anwen dungen ver bleiben in einem eher passiv- rezipierenden Modus, stellen also keine eigenen Inhalte zur Ver fügung (vgl. Busemann/Gscheidle 2008, S. 363). So geben nur vier Prozent der Internet- Nutzer an, bereits einen Eintrag der Wikipedia geändert zu haben; sechs Pro- zent haben bereits Videos auf einer Platt form ein gestellt und zehn Prozent der Onliner bereits Fotos auf einer Fotocommunity hochgeladen.36 Einzig bei den Netz werk platt formen lässt sich ein im Ver hältnis zur Gesamtnutzer schaft nennens werter Anteil aktiver Nutzer fest stellen: 29 Prozent aller Onliner geben an, private Netz werk platt formen auch aktiv zu benutzen. Diese Befunde relati- vieren die mit dem „Web 2.0“ einher gehende Annahme, Nutzer würden auf- grund der techni schen Optionen auch faktisch zu aktiven Produzenten. 36 Diese Anteile bestätigen in etwa die „90-9-1-Regel“, die als Faustregel im Umgang mit Nutzer aktivitäten auf Platt formen gilt: „90 % of users are lurkers who never contribute, 9 % of all users contribute a little, and 1 % of users account for almost all the action“ (Nielsen 2006). 62 Ausgehend von früheren Wellen der ARD/ZDF-Onlinestudie wurde die Nutzung des Web 2.0 in ver tiefenden Untersuchungen noch näher charakterisiert (vgl. Haas u. a. 2007; vgl. auch Gerhards/Klingler/ Trump 2008). So wurden insgesamt sechs Nutzer typen des Web 2.0 er mittelt, die sich auf den beiden Dimensionen „individuelle vs. öffent liche Kommunika tion“ sowie „gestaltend vs. betrachtend“ ver orten lassen (vgl. Abbil dung 3.1). Die Typen sind dabei nicht exklusiv zu sehen; mit jeweils etwa einem Drittel machen die eher passiv partizipierenden Nutzer vom Typ „Unterhaltungs sucher“ (34 %) bzw. „Info- sucher“ (31 %) bereits einen großen Anteil aus. „Kommunikatoren“, die sich in der Regel auf Kommentare zu Inhalten beschränken, stellen mit 34 Prozent eine weitere große Gruppe dar. Nur sehr geringe Anteile gehören zu den aktiven „Produzenten“ (6 %) oder den durch gängig stark involvierten „Profilierten“ (7 %). Abbil dung 3.1: Nutzer typen im Web 2.0 Quelle: Haas u. a. 2007, S. 220. In einem ersten Vorgriff auf die folgenden Kapitel lässt sich somit fest- halten: Gerade die besonders aktive Nutzer gruppe der Jugend lichen und jungen Erwachsenen hat das Internet als selbst verständ lichen Bestand teil in ihren (Medien-) Alltag integriert. Der Begriff „Web 2.0“ ist ihnen jedoch in aller Regel nicht geläufig, auch wenn sie viele der dieser Kategorie zu gerechneten 63 Anwen dungen und Dienste in Anspruch nehmen. Für sie ist es „das Internet“, das als Werkzeug dient, um innerhalb von Freundes- und Bekannten kreisen zu kommunizieren und soziale Beziehungen zu pflegen sowie sich im (schuli- schen, beruf lichen oder persön lichen) Alltag zu orientieren. Aktive Nutzung im Sinne des Bereit stellens von selbst produzierten Inhalten bzw. der „produsage“ ist nicht im gleichen Maße ver breitet; nur relativ kleine Gruppen nehmen ent- sprechende techni sche Optionen auch in Anspruch. Der Begriff „Web 2.0“ er scheint daher nicht geeignet, um die derzeitigen Entwick lungen der onlinebasierten Kommunika tion und Interak tion zusam- men zufassen. Wir ver wenden im Folgenden den Begriff „Social Web“, der auch auf das World Wide Web als universalen Dienst des Internets ver weist, aber keine Unterschei dung diskreter zeit licher Phasen impliziert und dadurch auch ältere Anwen dungen wie beispiels weise Instant Messaging oder Diskus- sions foren, die üblicher weise nicht zum Web 2.0 gezählt werden, mit ein- schließt. Zudem macht er den grundlegenden sozialen Charakter der Inter- netnut zung deut lich, ver weist also auf das aufeinander bezogene Handeln zwischen Nutzern. Nach Ebersbach/Glaser/ Heigl (2008, S. 31) umfasst das Social Web diejenigen „webbasierten Anwen dungen, die für Menschen den Informations austausch, den Beziehungs aufbau und deren Pflege, die Kom- munika tion und die kolla borative Zusammen arbeit in einem gesell schaft lichen oder gemein schaft lichen Kontext unter stützen, sowie den Daten, die dabei ent stehen, und den Be zie hungen zwischen Menschen, die diese Anwen dungen nutzen“. Die gängigsten dieser Anwen dungen werden im folgenden Abschnitt näher beschrieben. 3.2 Gängige Social Web-Angebote Als Phänomen beruht das Social Web darauf, dass sich in den ver gangenen Jahren eine Reihe von neuartigen Software-Angeboten und -Werkzeugen ver- breitet haben, die onlinebasierte Kommunika tion und Interak tion unter stützen und er leichtern. Anders aus gedrückt: Die techni schen Hürden, um selbst In- for ma tionen aller Art im Internet zu ver öffent lichen, mit anderen zu teilen, zu bearbeiten, zu filtern und weiter zuverbreiten, sind weiter gesunken. Dieser Abschnitt stellt einige der gebräuch lichsten Angebots typen vor, um die empiri- schen Ergebnisse der folgenden Abschnitte besser einordnen zu können. Eine konsequente systemati sche Trennung zwischen den ver schiedenen Diensten ist allerdings nicht möglich. Zahl reiche „Hybrid-Angebote“ ver binden Elemente unter schied licher Angebots gattun gen, beispiels weise, indem auf einer Netz- werk platt form auch die Möglich keit besteht, er gänzend zum Profil ein eigenes Weblog zu führen. Insofern soll die folgende Darstel lung eher der Orientie- rung dienen, welche Typen von Angeboten im Social Web vorherr schen, ohne 64 auf spezifi sche Betreiber oder Platt formen einzu gehen. Eine ein gehendere Analyse aus gewählter Fall beispiele erfolgt in Kapitel 6. 3.2.1 Platt formen Als „Platt form“ sollen diejenigen Angebote bezeichnet werden, die einer Viel- zahl von Nutzern eine gemeinsame Infrastruktur für Kommunika tion oder Interak tion bieten – in gewisser Weise also das Gegenstück zu den Werkzeugen des „Personal Publis hing“ (Abschnitt 3.2.2), die stärker an einzelne Personen gebunden sind. Für die aktive Nutzung von Platt formen, also dem Einstellen eigener Inhalte und dem Kommunizieren mit anderen Nutzern, ist in der Regel eine Registrie rung notwendig. Die folgende Differenzie rung von Platt- formen geschieht ent lang der Art der Inhalte, die im Vordergrund des Angebots stehen. Im Mittelpunkt von Netz werk platt formen stehen das Explizit-Machen von sozialen Beziehungen sowie die daran anschließende Interak tion in den ab- gebildeten sozialen Netz werken.37 Boyd/ Ellison (2007) unter scheiden drei zentrale Merkmale von Netz werk platt formen: (1) Die Möglich keit, innerhalb eines durch Registrie rung geschlossenen Raums ein persön liches Profil anzu- legen, (2) davon aus gehend andere Nutzer als „Freunde“, „Kontakte“ o. Ä. zu bestätigen sowie (3) mithilfe dieser sicht bar gemachten Beziehungen auf der Platt form zu navigieren, also beispiels weise die Profilseite eines Freundes oder eines Kontakts dieses Freundes aufzu rufen. Die international bekanntesten Netz werk platt formen sind Facebook und MySpace; im deutsch sprachigen Raum sind vor allem die Platt formen der „VZ-Gruppe“ (SchülerVZ, StudiVZ, MeinVZ) sowie die Angebote Wer-kennt- wen und Lokalisten populär. Neben diesen eher privat-persön lich aus gerich- teten Angeboten gibt es Platt formen, die sich spezifisch auf beruf liches Net- working konzentrieren (LinkedIn sowie Xing sind hier die führenden Angebote). Hinzu kommt eine Vielzahl von spezialisierten Angeboten, die sich auf ein- zelne Zielgruppen oder Facetten von sozialen Beziehungen konzentrieren, beispiels weise für Akademiker (www. academia. edu) oder Vegetarier (www. veggiecommunity. org). Meta-Platt formen wie Ning.com oder mixxt.de er lau- ben es zudem, eigene Communities zu beliebigen Themen anzu legen. Bei Multimedia-Platt formen steht das Publizieren bzw. Rezipieren von multi medialen Inhalten im Vordergrund, auch wenn diese Angebote oft mit 37 In der öffent lichen Diskussion wird gelegent lich schon die Platt form an sich als „soziales Netz werk“ bezeichnet (vgl. z. B. Hamann 2007). Diese Terminologie ist allerdings aus sozialwissen schaft licher Per- spektive nicht akzeptabel, da mit „sozialem Netz werk“ das Geflecht von miteinander ver bundenen Akteuren bezeichnet wird, nicht die mediale oder techni sche Infrastruktur, über die soziale Beziehungen gepflegt bzw. geknüpft werden. Soziale Netz werke existieren also auch außerhalb von Netz werk platt formen. 65 Funktionen von Netz werk platt formen an gereichert sind, also Nutzer profile anlegen und Beziehungen zu anderen Platt form mitgliedern artikulieren zu können. In der Regel konzentrieren sich Multimedia-Platt formen auf spezifi- sche Medien formen, also beispiels weise auf Videos (wie YouTube; vgl. hierzu auch Machill /Zenker 2007), Fotos (wie Flickr) oder Audiodateien (wie last. fm; bei diesem Angebot können allerdings keine Musik dateien hochgeladen werden). In diesem Bereich existieren zusätz lich auch spezialisierte Angebote, beispiels weise die Platt form slides hare.net, auf der Präsenta tionen ein gestellt, oder scribd.net, wo Textdokumente bereit gestellt werden können. 3.2.2 Personal Publis hing Ähnlich wie die im vorigen Abschnitt beschriebenen Platt formen unter stützen auch die Werkzeuge des „Personal Publis hing“ das Ver öffent lichen von Inhal- ten im Internet. Allerdings handelt es sich bei ihnen um Formate, die stärkere Be tonung auf den einzelnen Autoren bzw. Urheber legen – auch wenn wiederum ein zelne dieser Inhalte auf einer Platt form zusammen gefasst werden können. In der Bezeich nung „Personal“ klingt die Abgren zung von professionell-jour- na lis tisch produzierten Inhalten an, die jedoch zunehmend auf weicht, da in- zwischen auch Unternehmen oder Redak tionen eigene Weblogs oder Podcasts betreiben. Weblogs (auch: Blogs) sind relativ regelmäßig aktualisierte Webseiten, auf denen die Beiträge (zumeist Texte, aber auch Fotos, Videos oder Audiodateien) in rück wärts chronologi scher Reihen folge an gezeigt werden. In der Regel sind die einzelnen Beiträge von anderen Nutzern kommentier bar, sodass Weblogs Merkmale der Homepage und des Diskussions forums ver einen (vgl. Schmidt 2006). Viele Weblogs basieren auf „stand-alone“-Software wie Wordpress oder Serendipity, die Nutzer selbst installieren und konfigurieren können. Allerdings können Blogs auch unter Zuhilfenahme eines spezialisierten Providers (wie twoday.net oder blogs pot.com) betrieben werden oder auch eine unter mehreren Funktionen einer umfassenden Platt form sein (so kann man auf MySpace auch ein Blog in seine Profilseite einbinden). Während die Gestal tung und Länge von Blog-Beiträgen keinen Vorgaben unter liegt, er lauben Microblogging-Dienste nur relativ kurze, SMS-artige Einträge – beim derzeit populärsten Dienst Twitter maximal 140 Zeichen –, die nicht kommentiert werden können. Multimediale Varianten des Personal Publis hing existieren in Form von Podcasts (Audio- Inhalte; vgl. Mocigemba 2006) bzw. Videocasts (gelegent lich auch: Video- Podcast; audiovisuelle Inhalte). Da die techni schen Hürden für die Produk tion ent sprechender Episoden höher sind als bei den im Wesent lichen auf Text beruhenden Formaten Weblog und Microblogging, finden sich unter Pod- und Videocasts höhere Anteile von professionell-journalisti schen Inhalten, die über diesen alternativen Kanal ver trieben werden. 66 3.2.3 Wikis Wiki Wiki Webs oder kurz: Wikis sind Anwen dungen, mit denen Hypertext- Dokumente direkt im Browser an gelegt, editiert und über eine spezielle Syntax mit anderen Seiten des Wikis ver linkt werden können (vgl. grundlegend Ebers- bach u. a. 2008). Änderun gen an den einzelnen Seiten können nach verfolgt und gegebenen falls rück gängig gemacht werden. Die ersten Wikis wurden bereits in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre von Programmierern und Soft- ware-Designern ein gesetzt, um die Arbeit in Projekt teams zu koordinieren und zu dokumentieren. Breit bekannt wurde das techni sche Prinzip von Wikis jedoch erst mit dem Erfolg der Wikipedia, einer seit 2001 bestehenden kolla- borativ er stellten Enzyklopädie (http://de. wikipedia. org; vgl. grundlegend zur Wikipedia Pentzold 2007), die inzwischen zu den meist besuchten Web ange- boten welt weit zählt.38 Daneben gibt es eine Reihe von anderen Angeboten, die sich der Wiki-Software bedienen; neben frei zugäng lichen Angeboten wie beispiels weise regionalen Stadt wikis39 setzen zunehmend auch Unternehmen und Organisa tionen Wikis in ihrer internen Organisations kommunika tion ein. 3.2.4 Instant Messaging Anwen dungen für Instant Messaging (Kurzform auch: IM) unter stützen die synchrone Kommunika tion zwischen Nutzern. Sie setzen üblicher weise die Installa tion eines speziellen Programms („Client“) voraus und finden meist textbasiert statt, doch die ent sprechenden Dienste wie AIM, Windows Live Messenger/MSN, ICQ oder Skype bieten inzwischen auch Optionen für Audio- oder Videotelefonie oder Dateitransfer. Die Praxis des Instant Messaging ist vom Kommunikations verhalten dem Chatten ver gleich bar, z. B. im Hinblick auf die Verwen dung von Pseudonymen bzw. „nicknames“ zur Identifizie rung von Personen, auf das Herausbilden spezifi scher sprach licher Konven tionen und Soziolekte oder auf den informellen, an münd liche Kommunika tion er- innernden Sprachstil (vgl. grundlegend Beck 2006, S. 118 ff.). Während das Chatten jedoch meist in einem eigenen „Raum“ statt findet, den mehrere Teil- nehmer gleichzeitig betreten, um zu kommunizieren, ist das Instant Messaging über das „Netz werk“ organisiert: Nutzer müssen sich wechselseitig als Kontakte autorisieren, um miteinander kommunizieren zu können; die Kontakt liste er- mög licht dabei nicht nur die Auswahl von konkreten Kommunikations partnern, sondern stellt auch Sicht bar keit für die Erreich bar keit bzw. „Anwesen heit“ (d. h. das Angemeldet-sein) einer Person her. 38 In Deutschland lag sie Anfang 2009 sogar auf Rang fünf. Vgl. www. alexa. com / topsites/countries/ DE [31. 7. 2009]. 39 Vgl. die Übersicht unter allmende. stadt wiki. info [31. 7. 2009]. 67 3.2.5 Werkzeuge für Informations management Neben den bisher geschilderten Anwen dungen zur Kommunika tion und zur Publika tion von Inhalten existiert im Social Web eine Reihe von Werkzeugen, die insbesondere das Informations management unter stützen. Darunter fallen beispiels weise Feed Reader bzw. Feed-Aggregatoren, mit deren Hilfe man sich über Aktualisie rungen von Webseiten informieren lassen kann, ohne dass man die konkreten Webangebote regelmäßig ab surfen müsste. Technische Grund lage dafür ist das RSS-Format, eine alternative Art der Darstel lung web- basierter Inhalte, die auf den Austausch mit anderen Anwen dungen (und nicht das Anzeigen einer Seite im Browser) aus gerichtet ist. Feed Reader können als eigenständiges Programm oder als webbasierter Dienst (wie z. B. der Google Reader) vor liegen; in jüngerer Zeit werden ent sprechende Funktionen auch in Mail-Programme oder direkt in die Browser integriert.40 Kollektive Ver schlagwortungs systeme wie Delicious oder Mister Wong lassen Nutzer beliebige Internetressourcen ähnlich wie „Favoriten“ oder „Book- marks“ speichern und mit frei wähl baren Schlagworten ver sehen (vgl. auch die Ausfüh rungen zum „Tagging“ im folgenden Kapitel). Aus der Aggrega tion der individuell ver gebenen Schlagworte bzw. „tags“ ent stehen eigene Ord- nungs muster, sogenannte Folksonomies.41 Während bei diesen Angeboten das individuelle Informations management im Vordergrund steht und die Ordnungs- muster auf kollektiver Ebene quasi unintendiert ent stehen, unter stützen Social- News-Dienste wie digg.com oder Yahoo! Buzz von vorneherein das kolla bo- rative Auswählen und Bewerten von Nachrichten, das in drei Schritten abläuft: (a) Nutzer speisen Texte, Meldun gen, Videos oder andere Inhalte aus dem WWW in die Platt form ein. Auf diese initiale Selek tion folgt (b) das kolla- borative Filtern, bei dem andere Nutzer die auf der Platt form auf geführten Inhalte bewerten, also eine Art Votum ab geben, was sie für relevant oder interessant halten. Im dritten Schritt werden schließ lich (c) die Stimmen der einzelnen Nutzer zusammen geführt, sodass eine dynami sche Liste ent steht, welche Inhalte gerade populär sind. 40 Vgl. die Ver weise auf ent sprechende Programme bzw. Dienste unter de. wikipedia. org/wiki /Feedreader [31. 7. 2009]. 41 Dabei handelt es sich um eine Kombina tion der Begriffe „taxonomy“ und „folks“, die den Charakter der ent stehenden Ordnungs systeme betont, „von unten“, also durch die Nutzer selbst auf gebaut zu werden. 68 3.3 Angebots übergreifende Funktionalitäten Während das vorher gehende Kapitel das Social Web anhand populärer Ange- bots gattun gen er schloss, stehen in diesem Abschnitt einzelne Funktionalitäten im Mittelpunkt, die als „affordances“42 (vgl. Graves 2007) das Ver bindungs- glied zwischen den softwaretechni schen Merkmalen eines Angebots und den individuell aus geübten Ver wendungs weisen sowie den gesell schaft lich vor- herrschenden Vorstel lungen über „legitime“ Praktiken darstellen. Technische Funktionalitäten bzw. affordances können mit unter schied- lichem Abstraktions grad erhoben werden. In der Literatur zur computer ver- mittelten Kommunika tion finden sich gängiger weise solche Merkmale, die auf die Strukturie rung des Kommunikations prozesses einwirken: Die Anzahl der Kommunikations partner (one-to-one, one-to-many, many-to-many) oder die zeit liche Dimension (synchrone oder asynchrone Kommunika tion) sind zwei Aspekte, die bereits in der Frühphase der Forschung zu computer vermittelter Kommunika tion genutzt wurden, um Kommunikations dienste zu klassifizieren (vgl. Beck 2006, S. 21 ff.). Eine andere Perspektive, die oft bei Fallstudien zu einzelnen Angeboten ein gesetzt wird, beschreibt Funktionen konkreter Web- seiten, Portale, o. Ä. (vgl. beispiel haft Renz 2007 für die Netz werk platt form Xing). Dieser Abschnitt wählt demgegenüber eine an gebots- und gattungs über- greifende Perspektive; die hier diskutierten Funktionalitäten finden sich in ganz unter schied lichen Angeboten wieder, besitzen dort allerdings zumeist eine spezifi sche Prägung – insofern bereiten die folgenden Überle gungen auch Kapitel 6 vor, wo die konkreten Ausprä gungen der hier diskutierten Funktio- nalitäten an Fallstudien aus gewählter Social Web-Angebote vor gestellt und auf ihre strukturierenden Wirkun gen hin diskutiert werden. Die in vor herigen Abschnitten ent wickelten analyti schen Kategorien werden dabei auf gegriffen, indem heraus gestellt wird, wie die Funktionalitäten das Identitäts-, Beziehungs- und Informations management strukturell rahmen. 3.3.1 Profilseiten Profilseiten sind diejenigen Bereiche, auf denen Informa tionen über einzelne Nutzer einer Platt form oder Anwen dung gebündelt an gezeigt werden, sie stellen also gewissermaßen die Repräsenta tion des Nutzers im jeweiligen kommuni- kativen Raum der Anwen dung dar. Profilseiten werden üblicher weise bei der Registrie rung für eine bestimmte Anwen dung automatisch an gelegt, müssen anschließend aber vom Nutzer mit Inhalt gefüllt werden. Der Stellen wert einer 42 Der Begriff „affordance“ besitzt keine eingängige deutsche Entsprechung; er lässt sich etwa als „Auf for- derungs charakter“ eines techni schen Artefakts über setzen. 69 Profilseite im kommunikativen Gefüge einer Anwen dung kann unter schied- lich sein. Auf Netz werk platt formen sind Profilseiten ein zentrales Element, weil sie als Knoten punkte für Identitäts- und Beziehungs management fungieren und auf ihnen ein Großteil der kommunikativen Aktivitäten wie Selbst prä- senta tion und Austausch statt findet. Demgegenüber sind Profilseiten bei Video- platt formen, Instant-Messaging-Diensten oder (in Form der Benutzer seiten) bei Wikipedia eher eine er gänzende Informa tion, die im Hintergrund der zen- tralen Aktivitäten der ent sprechenden Dienste geschieht (Videos auf rufen und kommentieren; im Nachrichten fenster Nachrichten ver schicken; Artikel abrufen oder bearbeiten). In welchem Umfang welche Daten und Informa tionen ab gefragt werden, variiert bereits zwischen Anwen dungen innerhalb einer Gattung erheb lich (vgl. Kapitel 6), auch weil sich einzelne Angebote auf spezifi sche Zielgruppen kon zentrieren oder spezifi sche inhalt liche Aspekte ab decken. Gängige Infor- ma tionen sind Name, Geschlecht, Alter und Wohnort, oft besteht auch die Mög lich keit, dem Profil ein Foto hinzu zufügen. Vor allem auf den Netz werk- platt formen umfassen die Profilseiten auch Daten wie persön liche Interessen, schuli sche oder beruf liche Ausbil dung, Vorlieben für Bücher, Filme, Musik o. Ä. sowie alternative Kontakt möglich keiten, d. h. zum Beispiel E-Mail- oder IM-Adressen. Wenn es die Anwen dung erlaubt, andere Nutzer zu den eigenen Kontakten hinzu zufügen (s. u.), werden auf der Profilseite üblicher weise auch diese Kontakte des Inhabers dargestellt. Manche Angebote visualisieren zu- sätz lich auch die Ver bindungs pfade zwischen dem Profilinhaber und dem Profil besucher, sodass deut lich wird, welche gemeinsamen Bekannten man hat bzw. „über wie viele Ecken“ man sich kennt. Eine beispiel hafte Profilseite ist in Abbil dung 3.2 (s. nächste Seite) dargestellt. Eine Profilseite wird deshalb immer von zwei Seiten gestaltet: Die Nutzer füllen die Profilfelder mit den eigenen Daten aus, doch die Entschei dung darüber, wie diese Profilmaske gestaltet ist, liegt beim Anbieter, der die ent- sprechenden Vorgaben im Software-Code niederlegt und damit das Identitäts- management der Nutzer vor strukturiert. Diese Gestaltungs leis tung vonseiten der Anbieter bezieht sich erstens auf die Auswahl, welche Informa tionen über- haupt ab gefragt werden, zweitens aber auch auf die Entschei dung, ob für einzelne Merkmale eine Liste von Auswahlmöglich keiten vor gegeben wird oder ob der Nutzer die ent sprechenden Informa tionen im Freitext eintragen kann. Freie Textfelder bieten mehr Spiel raum für die eigene Selbst präsenta- tion, feste Antwort vorgaben er leichtern dagegen spätere Suchabfragen, weil man sich z. B. sich nur Personen anzeigen lassen kann, die als Beziehungs- status „solo“ ein gegeben haben. Auch welche Antwort vorgaben in solchen geschlossenen Listen ent halten sind, ist eine bewusste und durch aus folgen- reiche Entschei dung der Anbieter, da sie den Nutzern ein Kategorien schema der Selbst präsenta tion vorgibt. 70 Abbil dung 3.2: Beispiel hafte Profilseite auf einer Netz werk platt form (meinVZ) 71 Wie Nutzer mit den Vorgaben des Profils tatsäch lich umgehen, wird jedoch nicht durch die Software vorher bestimmt, sondern kann individuell unter- schied lich aus fallen, wobei das Ver halten durch geteilte Regeln und Erwar- tungen mit beeinflusst wird. Diese können wiederum vom Betreiber formuliert werden oder innerhalb von Nutzer gemein schaften ent stehen. Zu den betreiber- seitigen Regeln zählen zum einen die formalisierten Vorgaben der Allgemei- nen Geschäfts bedin gungen (AGB), in denen beispiels weise fest gelegt ist, dass Profil fotos (oder andere hochgeladene Bilder) keine Urheber- oder Persön- lichkeits rechte ver letzen dürfen, nicht pornographisch, rassistisch oder gewalt- verherr lichend sein dürfen, etc. Hinzu kommen eher informelle Vorgaben, beispiels weise der „Ver haltens kodex“ der VZ-Platt formen, in dem es heißt: „Wenn auf der Profilseite ein Profil bild hochgeladen wird, muss der Nutzer darauf erkenn bar sein“ (http://www. meinvz. net / l/rules, Ziffer 7). Nutzer seitige Ver wendungs regeln rahmen ebenso das Ver halten; so kann es in bestimmten Nutzer gemein schaften auf einer Platt form ver pönt sein oder aber dazu er- mutigt werden, nicht-authenti sche Informa tionen in einem Profil einzu tragen. Zudem können Nutzer mit den Profil vorgaben durch aus kreativ umgehen (und damit auch die ver meint liche Determinie rung durch den Software-Code wider- legen), wie in Kapitel 6 an Beispielen demonstriert wird. Neben dem Steck brief mit persön lichen Informa tionen oder Daten, die ein Nutzer direkt und explizit in die vor gegebene Maske einträgt, können Profil- seiten noch weitere Informa tionen ent halten (vgl. Abbil dung 3.3 auf der nächs- ten Seite). Diese können einer seits auf Aktionen des Profilinhabers zurück- gehen, anderer seits aber auch von anderen Nutzern er stellt werden. Zu den fremdgen erierten Inhalten ge hören insbesondere Kommentare, die andere Nutzer auf dem Profil hinter lassen, z. B. in Form von Einträgen in ein Gäste- buch oder auf eine Pinnwand.43 Die Profilseite kann schließ lich auch der Ort sein, an dem Informa tionen über Aktivitäten eines Nutzers an anderer Stelle einer Platt form an gezeigt werden – beispiels weise werden auf dem Profil eines registrierten Nutzers von YouTube nicht nur dessen hochgeladene Videos an gezeigt, sondern auch dessen Kommentare oder Bewer tungen, die zu anderen Videos ab gegeben wurden. Zudem ent wickeln sich gerade die avancierten Netz werk platt formen, allen voran Facebook, derzeit in Richtung einer zentralen Anlaufstelle für zahl- reiche Onlineaktivitäten einer Person. Hier lassen sich inzwischen auch Vor- gänge von außerhalb der Platt form in das Profil einbinden, beispiels weise 43 Experimentalstudien anhand von Facebook legen nahe, dass die Kommentare der Freunde das Bild prägen, das sich Besucher vom Profilinhaber machen (vgl. Walther u. a. 2008): Positive Kommentare auf der Pinnwand erhöhen die wahrgenommene soziale und auf gaben bezogene Attraktivität; negative Kommentare, die dem Profilinhaber z. B. exzessives Trinken, Flirten mit unattraktiven Personen oder Promis kuität nachsagen, wirken sich in Abhängig keit vom Geschlecht des Profileigners unter schied lich aus: Bei Männern er höhten ent sprechende Kommentare die Attraktivität, bei Frauen ver ringerten sie sie. 72 Einträge aus dem eigenen Blog, gespeicherte Bookmarks von Delicious oder Aktivitäten auf Twitter. Der Dienst Friendfeed erfüllt eine ähnliche Funktion; auch hier können Nutzer ihre Aktivitäten aus unter schied lichen Diensten an einer einzigen Stelle (dem eigenen „feed“) bündeln. Abbil dung 3.3: Profildaten und damit ver bundene Nutzer aktionen Quelle: Fraunhofer-Institut für Sichere Informations technologien SIT 2008, S. 19 73 3.3.2 Artikula tion sozialer Beziehungen Eine zweite grundlegende Funktionalität vieler Anwen dungen des Social Web ist, dass Nutzer die sozialen Beziehungen zu anderen Nutzern explizit machen können, also andere registrierte Mitglieder einer Platt form zu den „Freunden“ bzw. „Kontakten“ (die Terminologie variiert zwischen einzelnen Angeboten) hinzu fügen können. Eine Liste der eigenen Kontakte wird üblicher weise auf der Profilseite eines Nutzers an gezeigt, macht also einen Teil des sozialen Netz werks sicht bar. Diese Artikula tion sozialer Beziehungen und Netz werke setzt in der Regel Reziprozität voraus, das heißt, der kontaktierte Nutzer muss die Kontaktanfrage bestätigen, damit die Beziehung an gezeigt wird. Allerdings gibt es auch Platt formen, die einseitig definierte Kontakte unter- stützen, die beispiels weise die Form des „Fans“ oder „Befürworters“ anneh- men können.44 Ein weiteres Merkmal, in dem sich Platt formen bzw. Anwen dungen unter- scheiden können, ist die mögliche Differenzie rung sozialer Beziehungen. Wäh rend manche Platt formen nur binäre Unterschei dungen zulassen – ein anderer Nutzer ist ent weder Freund/Kontakt oder nicht –, bieten andere die Option an, bestätigte Kontakte in Gruppen einzu teilen und damit die soziale Beziehung näher zu qualifizieren. Dieser Spiel raum kann wiederum in relativ engen Grenzen statt finden, wenn nämlich nur eine begrenzte Auswahl an zusätz lichen Kategorien zur Ver fügung steht. Die Fotoplatt form Flickr bietet bei spiels weise nur die Möglich keit, Kontakte zusätz lich als „Friend“ oder „Family“ zu markieren. Andere Platt formen, so zum Beispiel Facebook oder die An wen dungen der VZ-Gruppe, lassen den Nutzer eigene Kategorien er- stellen. Der Umstand, in der Nutzung von Social Web-Anwen dungen soziale Be- ziehungen artikulieren zu können bzw. zu müssen, ist eine wichtige Vorausset- zung für die Regulie rung von Interak tionen in den ent stehenden sozialen Räumen: So schränken manche Angebote die Kommunikations möglich keiten insofern ein, dass nur zwischen bestätigten Kontakten Nachrichten aus ge- tauscht werden können (wie bei internen Chat-Funktionen von Netz werk platt- formen oder beim Instant Messaging). Die artikulierten sozialen Beziehungen können auch als Informations filter dienen, indem Aktivitäten oder Empfeh- lungen innerhalb des eigenen sozialen Netz werks an gezeigt werden. Besonders folgen reich sind sie allerdings in Bezug auf die Grenz ziehung zwischen Privatsphäre und Öffentlich keit: Bei vielen Angeboten kann die Sicht bar keit von Profilinforma tionen, von publizierten Inhalten oder anderen 44 Facebook bietet diese Optionen an; Politiker wie Barack Obama oder Frank-Walter Steinmeier sammeln dort Unterstützer; Produkte wie Nutella oder auch fiktive Charaktere wie „Bernd das Brot“ sammeln Fans. 74 Aktivi täten innerhalb einer Platt form auf bestimmte Personen kreise ein ge- schränkt werden; Nutzer können also beispiels weise ent scheiden, ob sie die eigene Telefon nummer, ein bestimmtes Foto oder auch das gesamte Profil nur für bestimmte Personen sicht bar machen.45 Dabei kann, muss es sich aber nicht nur um die eigenen bestätigten Kontakte handeln; ebenso ist es beispiels- weise denk bar, dass Nutzer bestimmte Informa tionen auch mit Kontakten zweiten Grades (Kontakte der eigenen Kontakte) teilen, mit Mitschülern aus der eigenen Schule oder mit Personen aus der gleichen Stadt (vgl. Abbil- dung 3.4). Fort geschrittene Varianten des privacy management ver wenden Szenarien, um die Konsequenzen bestimmter Einstel lungen zu ver deut lichen (vgl. Abbil dung 3.5). Ob eine solche Differenzie rung möglich ist, hängt allerdings wiederum von dem in den Software-Code ein geschriebenen Differenzierungs vermögen ab – nur wenn die Software die Möglich keit bietet, meine artikulierten sozialen Beziehungen noch näher zu qualifizieren, kann ich diese Informa tionen auch für das „privacy management“ ver wenden; sind Beziehungen dagegen nur binär repräsentiert, sind auch nur sehr grobe Grenz ziehungen möglich. Dieser Umstand ist vor allem für diejenigen Nutzer wichtig, die auf einer Platt form ein diversifiziertes soziales Netz werk pflegen bzw. artikulieren. Je größer die Gruppe der „Kontakte“, desto größer ist auch die Chance, dass es sich um Beziehungen unter schied licher Intensität handelt, also beispiels weise sowohl sehr enge Freunde als auch eher lockere Bekannte oder Kollegen, oder dass möglicher weise auch bislang un bekannte Personen zu den bestätigten Kon- takten gehören. Analog zur obigen Diskussion von Profilseiten lässt sich auch für die Arti- kula tion sozialer Beziehungen im Social Web fest halten, dass die Software zwar einen Rahmen für diese Praxis vorgibt (z. B. indem sie einseitige Be- ziehungen erlaubt oder aus schließt), aber der tatsäch liche Umgang mit diesen Vorgaben durch geteilte Ver wendungs weisen, Routinen und Erwar tungen regu- liert wird, die sich innerhalb bestimmter Ver wendungs gemein schaften stark unter scheiden können.46 Dies betrifft beispiels weise die Entschei dung, unter welchen Umständen eine Kontaktanfrage bestätigt und wie insbesondere mit Anfragen von un bekannten oder nicht geschätzten Personen um gegangen wird. Eine andere Situa tion, die eher durch soziale Übereinkünfte anstatt durch tech ni sche Kriterien bewältigt werden muss, betrifft den Umgang mit bereits be stätigten Kontakten – unter welchen Umständen ist es akzeptabel oder 45 Diese technisch vor gegebenen Möglich keiten eines differenzierten „privacy management“ waren jedoch aus Daten schutz sicht im Jahr 2008 auf den populären Netz werk platt formen noch nicht aus reichend bzw. völlig über zeugend gestaltet (vgl. Fraunhofer-Institut für Sichere Informations technologien SIT 2008). 46 Vgl. Renz 2007 für eine Analyse der „Praktiken des Networking“ auf der Platt form Xing, die vor rangig beruf liche Netz werke ab bilden will. 75 gerecht fertigt, eine andere Person wieder aus der „Buddy List“ von ICQ oder der Freundes liste auf MySpace zu ent fernen? Diese Fragen sind deswegen so rele vant, weil sich der Gehalt einer sozialen Beziehung im Lauf der Zeit wandeln kann, also es zu einer Stärkung, aber auch zum „Ver blassen“ oder zum klaren Bruch von Beziehungen, Freund schaften, Bekannt schaften kom- men kann. Abbil dung 3.4: Beispiel hafte Optionen für Privatsphäre-Einstel lungen (Facebook) Abbil dung 3.5: Beispiel hafte Szenarien im Zusammen hang mit Privatsphären-Einstel lun- gen (Netlog) 76 3.3.3 Publizieren Oben wurde bereits erwähnt, dass eines der Schlüsselmerkmale des gegen- wärtigen Internets die gesunkenen techni schen Hürden sind, Inhalte aller Art im Internet bereit zustellen. Die Möglich keit zum „Publizieren“ von Texten, Videos, Fotos o. Ä. ist daher eine weitere grundlegende Funktionalität des Social Web, wobei hierunter diejenigen Ver öffent lichungen ver standen werden sollen, die zumindest potenziell ein un beschränktes Publikum er reichen kön- nen. Beim Kommentieren einer Profil-Pinnwand auf einer Netz werk platt form oder bei der Kommunika tion über einen Instant-Messaging-Client handelt es sich also nicht um „Publizieren“, da in beiden Fällen das Publikum ein- geschränkt ist – auf Mitglieder der ent sprechenden Platt form oder auf die Interaktions partner beim Chat. Publizieren im hier gebrauchten Sinn findet ent weder auf Platt formen statt, die eine Registrie rung nicht zur Vorausset zung machen, um Informa tionen abrufen zu können (wie beispiels weise YouTube oder Twitter), oder aber be- dient sich der Hilfe von spezifi scher Software, die das Ver breiten der Informa- tionen im World Wide Web ohne Zugangs beschrän kungen unter stützt (wie z. B. die Weblog-Software „Wordpress“). Entsprechende Angebote lassen sich vor allem danach unter scheiden, ob sie sich auf bestimmte mediale Inhalte wie Text, Audio oder Video konzentrieren (und wenn ja, welche) oder ob sie unter schied liche Medialitäten unter stützen. YouTube erlaubt beispiels weise nur das Hochladen von Videodateien, während auf der Platt form Seven load neben Videos auch Bilder ein gestellt werden können. Weblogs sind zwar vor rangig textbasierte Angebote, doch in die jeweiligen Beiträge lassen auch Bilder, Videos oder Audiodateien integrieren; Twitter hingegen ist rein textbasiert. Zudem können sich Anwen dungen darin unter scheiden, ob sie nur zum Bereit stellen von Inhalten dienen, die außerhalb des Internets produziert wer- den (z. B. eine Platt form, auf die Fotos hochgeladen werden), oder sie weitere Bearbeitungs möglich keiten bieten. Diese können wiederum unter schied lich umfang reich sein und beispiels weise das Nachbearbeiten von Inhalten um- fassen (so können Videos auf YouTube mit einem neuen Audiotrack unter legt werden), aber auch das Neu-Kombinieren von Inhalten, die vollständig oder in Teilen selbst gestaltet sind, er lauben (beim Angebot Slide lassen sich aus eigenen sowie vom Betreiber vor gegebenen Fotos Diashows er stellen, die auf anderen Webseiten ein gebettet werden können). Schließ lich umfasst das Social Web neben den „klassi schen“ nutzer generierten Inhalten (wie Videos oder Texten) auch Dienste, bei denen das kontinuier liche Publizieren von Status- meldun gen oder Hinweisen im Mittelpunkt steht: Anstatt ab geschlossener und für sich stehender Inhalte geht es dort vor allem um das Zur-Ver fügung-Stellen eines „Stroms“ von Aktivitäten oder Hinweisen. Unter den eigenständigen Diensten dieser Art ist das Microblogging-Angebot Twitter das derzeit promi- 77 nenteste Beispiel, doch die grundsätz liche Funktionalität ist überall dort ge- geben, wo Nutzer aktivitäten (das Hinterlassen eines Kommentars, das Bewer- ten eines Eintrags, o. Ä.) erfasst und wiederum für andere Nutzer sicht bar gemacht werden. Der Umstand, dass eine Informa tion, ein Text oder ein Video ohne Zu- gangs beschrän kungen im Internet abruf bar ist, bedeutet aber nicht automatisch, dass dieser Inhalt auch ein Publikum findet – typischer weise folgt die Vertei- lung von Aufmerksam keit einer „power law“- bzw. Potenz-Funktion, d. h., dass nur wenige Inhalte relativ hohe Aufmerksam keit (gemessen über Zugriffe, Verlin kungen, RSS-Abonnenten o. Ä.) bekommen. Die Mehrzahl der Angebote wird dagegen nur von wenigen Menschen rezipiert oder ver linkt, er reicht also nur ein kleines Publikum – sie befinden sich im „long tail“ der Auf merk- samkeits vertei lung (vgl. Abbil dung 3.6). Das Senken der Hürden zum Publi- zieren führt also nicht automatisch dazu, dass im Social Web alle Personen gleichermaßen Gehör finden, da nach wie vor Relevanzkriterien darüber be- stimmen, ob eine Informa tion von einer großen Anzahl von Menschen auf- gegriffen wird, oder aber in Nischen öffentlich keiten ver bleibt. Allerdings sind es eben nicht mehr professionelle Gatekeeper, die über diese Relevanz ent- scheiden, sondern das Netz werk miteinander ver bundener Nutzer agiert als Filter. Abbil dung 3.6: Schemati sche Darstel lung der Vertei lung von Aufmerksam keit im Social Web Quelle: Eigene Darstel lung Wenige Angebote erreichen großes Publikum „long tail“: Mehrzahl der Angebote erzielt nur geringe Reichweite A uf m er ks am ke it (z .B . Z ug ri ff e/ V er li nk un g) Rangplatz 78 3.3.4 Gruppen bezogene und interpersonale Kommunika tion Während Optionen zum Publizieren von Inhalten wie dargestellt zwar nicht zwingend ein großes Publikum finden, aber zumindest potenziell un beschränkt zugäng lich sind, schränken Funktionalitäten der gruppen bezogenen oder inter- personalen Kommunika tion das Publikum ein. Die Unterschei dung zwischen „Publizieren“ und „gruppen bezogener Kommunika tion“ wird also nicht an- hand der Größe des Publikums per se gezogen, sondern anhand der prinzi- piellen oder ein geschränkten Zugänglich keit der Inhalte. Die faktische Größe des Publikums kann variieren; so ist beispiels weise denk bar, dass in be stimm- ten Foren innerhalb einer populären Netz werk platt form deut lich mehr Kom- munikations partner aktiv sind, als in einem öffent lich zugäng lichen Web log. Interpersonale Kommunika tion im engeren Sinn findet ent weder (asyn chron) über das Ver senden von Nachrichten oder (synchron) durch Instant-Messaging- bzw. Chat-Dienste statt. Neben grundsätz lichen Eigen schaften des zugrunde- liegenden Dienstes (z. B. ob Nachrichten rein textbasiert sind oder auch Bilder o. Ä. ein gebettet bzw. an gehängt werden können) ist in Bezug auf die kommu- nikative Reichweite solcher Dienste insbesondere wichtig, ob Kommunika tion mit un bekannten Personen möglich ist; „un bekannt“ soll in diesem Zusammen- hang bedeuten, dass eine Person nicht zu den bestätigten Kontakten (s. o.) gehört. Bei manchen Angeboten lässt sich beispiels weise fest legen, dass nur Personen aus der eigenen Kontakt liste auch Nachrichten senden können, wäh- rend andere es offen lassen (bzw. über die Einstel lungen zum Schutz der Privat- sphäre regulier bar machen), dass auch fremde Personen Botschaften senden können. Für gruppen bezogene Kommunika tion existiert eine Reihe von gängigen Formaten, die auf vielen Social Web-Angeboten ein gebunden sind: Gruppen- bezogene Kommunika tion im engeren Sinn findet einer seits in Foren statt, die den asynchronen Austausch von Nachrichten unter stützen. Innerhalb eines Forums wird Kommunika tion durch weitere Mechanismen strukturiert; die einzelnen Beiträge der Mitglieder eines Forums sind in der Regel chronologisch in Form von themati schen „threads“ organisiert. Je nach Größe des Forums kann es möglich sein, dass eine Reihe solcher threads in Unterforen organisiert sind. Anderer seits findet sich gruppen bezogene Kommunika tion in Form von Chats, worunter der synchrone Austausch von Botschaften ver standen wird. Chats können in dezidierten „Chaträumen“ statt finden oder aber ad hoc von Teilnehmern einberufen werden, zum Beispiel durch die Nutzung der Gruppen- chat-Funktion bei Instant-Messaging-Diensten. Im Gegensatz zu den eher thematisch strukturierten Foren und Chats sind Pinnwände oder Gästebücher an einzelne Profilseiten, also deut lich stärker an einzelne Personen gebunden. Sie liegen dadurch im Zwischen bereich von gruppen bezogener und interpersonaler Kommunika tion: Explizit wird mit 79 einem Eintrag auf einer Pinnwand in der Regel der Profilinhaber adressiert, doch implizit richtet sich er sich auch an die übrigen Besucher der Profilseite. Strukturell ähnlich sind Kommentare, allerdings sind diese üblicher weise statt an Profilseiten an Medien inhalte (Videos, Fotos, Blogeinträge o. Ä.) gebunden. Strukturierend auf den Ablauf der gruppen bezogenen Kommunika tion wirken sich insbesondere folgende Merkmale aus: Generelle Mechanismen der Zutritts kontrolle, Mechanismen der selektiven Ver gabe von Schreib- bzw. Editier rechten sowie Mechanismen zur Erzeu gung von Sicht bar keit der Kom- munikations partner. In Bezug auf Zutritts kontrolle sind zwei grundsätz liche Mechanismen denk bar, die an die Unterschei dung zwischen flüchtigen und per sistenten Kommunikations räumen47 anknüpfen: Flüchtige Kommunikations- räume regeln die Zutritts kontrolle in der Regel dadurch, dass die Kom mu ni- kations räume ad hoc durch Einla dung anderer Nutzer ent stehen, beispiels- weise im Fall der Initiie rung eines Instant-Messaging-Dialogs oder einer „Kon ferenz“ mit mehreren Teilnehmern. Bei persistenten Kommunikations- räumen wie Foren oder Gästebüchern funktioniert die Zutritts kontrolle dadurch, dass nur registrierte Mitglieder einer Platt form Zugriff darauf haben, und nicht-registrierten Mitgliedern selbst die rezipierende Teilnahme ver wehrt bleibt. Eine zweite Variante ist, dass innerhalb einer solchen Platt form weitere Räume gestaltet sind, die nur einem ein geschränkten Personen kreis offen stehen, z. B. weil die Mitglied schaft in einer thematisch spezialisierten Gruppe von einem Moderator o. Ä. erst bestätigt werden muss. Zur Zutritts kontrolle treten Mechanismen, die den Nutzern eine gewisse Kontrolle über den Ablauf einer Kommunika tion ver schaffen, insbesondere über die Ver gabe von spezifi schen Schreib- und Editierrechten. Sie berühren zum einen die Frage, welche Personen sich aktiv an der Kommunika tion be- teiligen können, d. h. wer beispiels weise ein Forum bzw. eine Gruppe auf einer Platt form eröffnen darf, oder wer innerhalb eines solchen Forums neue Diskussions stränge starten kann. Auch der Umstand, ob neue Beiträge oder Kommentare erst gesichtet und freigeschaltet werden müssen, um auf der Seite zu er scheinen, kann je nach konkreter Kommunikations umge bung oder sogar nach individueller Konfigura tion variieren. Schließ lich kann unter schied lich geregelt sein, welche Personen (neben dem Urheber) die Möglich keit haben, einen bereits ver öffent lichten Kommentar oder Eintrag nachträg lich zu ver- ändern oder wieder zu löschen. Bei wem solche Kontroll möglich keiten liegen, ist unter schied lich geregelt: Foren, gelegent lich auch Chats, besitzen in der 47 Die Unterschei dung zwischen persistenten und flüchtigen Kommunikations räumen ist nicht vollständig deckungs gleich mit der Unterschei dung zwischen asynchroner und synchroner Kommunika tion: Während asynchrone Kommunika tion die Persistenz des Kommunikations raums (zumindest für einen bestimmten Zeitraum) voraus setzt, kann synchrone Kommunika tion sowohl flüchtig (z. B. in Form einer Instant- Messaging-Kommunika tion) als auch persistent sein (z. B. in Form eines Protokolls ebendieser Kommuni- ka tion, das den Kommunikations partnern auch später noch zur Ver fügung steht). 80 Regel Moderatoren bzw. Administratoren, während Einträge in Gästebüchern oder Kommentare zu ver öffent lichten Inhalten auch von den Inhabern reguliert werden können. Computer vermittelte gruppen bezogene Kommunika tion ist durch den Um- stand gekennzeichnet, dass die an der Kommunikations situa tion Beteiligten nicht notwendiger weise für alle übrigen Personen sicht bar sind, sofern sie sich nicht aktiv zu Wort melden, also einen Beitrag oder Kommentar hinterlassen. Inwieweit dieses „Lurking“, also das bloße Rezipieren von Diskussionen, Kom- mentaren oder Pinnwandeinträgen, als problematisch oder ab weichend ein- gestuft wird, hängt in hohem Maße von den sozialen Übereinkünften der kon- kreten Kommunikations situa tion ab – so kann dieses Ver halten negativ als „Trittbrett fahren“ (also Profitieren von Diskussions beiträgen anderer ohne eigene Leistung) oder als „Voyeurismus“ (das Einsehen von Kommunikations- verläufen ohne Offen legen der eigenen „Anwesen heit“) gedeutet werden, aber auch positiv gewendet als notwendige Phase gelten, um sich mit den kom- munikativen Gepflogen heiten einer Kommunikations gemein schaft ver traut zu machen (vgl. Stegbauer/ Rausch 2001). In techni scher Hinsicht berührt das Phänomen des Lurking die Frage, inwie weit die Architektur des Kommunikations raums die Sicht bar keit der Anwesenden erzeugt. Dabei lassen sich drei Mechanismen unter scheiden, die „social translucence“ (Erickson/Kellog 2000) herstellen: – Visibility bezieht sich auf den Umstand, dass Aktionen anderer sicht bar gemacht werden, also Spuren hinterlassen; dies findet sich beispiels weise in der Anzeige, wie viele Personen bereits ein bestimmtes Video auf YouTube auf gerufen haben. – Awareness beschreibt den Umstand, dass auch die Anwesen heit (und nicht nur die Aktivitäten) anderer Nutzer sicht bar gemacht werden; dies findet sich beispiels weise bei Chaträumen, bei denen die Namen der Besucher an gezeigt werden, unabhängig davon, ob sie sich auch direkt am Chat be- teiligen. – Accountability beschreibt schließ lich den Umstand, dass das Wissen um die Sicht bar keit von Aktivitäten und Anwesen heit reziprok ist, also ein Nutzer weiß, dass andere wissen, dass er anwesend und sicht bar ist. Dies berührt weniger die techni schen Grundlagen, sondern vielmehr die Kennt- nis über die Funktions weise und Architektur einer Anwen dung. 3.3.5 Mechanismen zum Erschließen von Informa tionen Eine Konsequenz der gesunkenen Hürden für das onlinebasierte Identitäts- und Beziehungs management, das sich in den geschilderten Varianten von öffent lich zugäng licher oder gruppen bezogener Kommunika tion äußert, ist 81 das explosive Wachstum der verfüg baren Informations menge – von Nutzern geschaffene Inhalte und Kommunika tionen treten neben professionell produ- zierte Inhalte. Die daraus ent stehenden Orientierungs bedürfnisse können auf unter schied lichen Wegen befriedigt werden, wobei der populärste Weg, sich Informa tionen im Internet zu er schließen, die Suchmaschine und insbesondere Google ist. Anwen dungen des Social Web bedienen sich jedoch einer Reihe von weiteren Mechanismen zum Erschließen von Informa tionen. Das Prinzip der Kategorisie rung existierte bereits zu Beginn des World Wide Webs, als Webkataloge wie Yahoo Webseiten thematisch gruppierten. Es findet sich heute noch auf vielen Angeboten, wobei nicht mehr nur speziali- sierte Redakteure Inhalte mithilfe von Kategorien für die Nutzer er schließen. Auf Multimediaplatt formen, aber auch bei manchen Diensten des Personal Publis hing ordnen die Nutzer selbst er stellte, hochgeladene bzw. publizierte Inhalte in die von den Betreibern vor gegebenen Kategorien ein. Teils als Er- gän zung, teils als Alternative ver breitet sich auch das Prinzip des Tagging, worunter die freie Ver gabe von Schlagworten (den „tags“) durch Nutzer ver- standen wird, wobei zwei Varianten zu unter scheiden sind: Die Ver gabe der Schlagworte durch diejenige Person, die Inhalte hochlädt bzw. einstellt, sowie die Ver gabe der Schlagworte durch andere Nutzer (vgl. Smith 2008). Die erste Variante findet sich beispiels weise auf der Fotoplatt form Flickr, der Videoplatt form YouTube oder in ver schiedenen Varianten von Weblog- Software; die zweite Variante vor allem bei kollektiven Ver schlagwortungs- systemen wie Delicious oder Mister Wong. Sie hat den Vorteil, sich an die Informations bedürfnisse der einzelnen Nutzer anzu passen, die im Netz bereit- stehende Inhalte auf ganz unter schied liche Art kennzeichnen können, bei- spiels weise mittels der Art der Ressource (z. B. „Buch“ oder „Video“), der Beschrei bung von Urheber und/oder Quelle (z. B. „ZDF“ oder „stephen king“), dem Ausdrücken der eigenen Meinung (z. B. „lustig“ oder „schön“) oder auch durch das Fest halten von Aufgaben im Zusammen hang mit der Ressource (z. B. „aus drucken“ oder „todo“). Durch das Tagging ent stehen so deut lich reich haltigere Metadaten über onlinebasierte Inhalte, als sie ein wohldefiniertes Kategorien schema bieten kann. Für die Aggrega tion von tags hat sich eine eigene Form der Visualisie rung ein gebürgert – die „Tag Cloud“ ordnet Schlag- worte so an, dass besonders häufig ver gebene Schlagworte größer oder farb- lich hervor gehoben werden (vgl. Abbil dung 3.7). Ein weiteres Prinzip, um Orientie rung in der Informations fülle zu geben, ist das Sicht bar-Machen der Bewer tungen von Inhalten durch die Nutzer. Dies kann explizit geschehen, beispiels weise durch die Ver gabe von Punkten oder Sternen für bestimmte Fotos, Videos oder Texte, aber auch implizit, indem bestimmte Nutzer aktivitäten zu Ranglisten aggregiert werden, beispiels weise von besonders häufig kommentierten Fotos, von häufig ab gerufenen Videos oder von besonders häufig ver linkten Weblogeinträgen. 82 Abbil dung 3.7: Beispiel hafte Tag Cloud (Mister Wong) 3.4 Fazit Dieses Kapitel hatte zum Ziel, das Ensemble von Kommunikations diensten zu charakterisieren, das mit dem Begriff „Web 2.0“ ver bunden wird. Da dieses Konzept einen revolutionären und ab rupten Ver sions sprung des Internets nahe- legt, wurde das Social Web als vorzu ziehender Begriff ein geführt. Es umfasst ver schiedene Angebots gattun gen sowie quer dazu liegende bzw. über greifende Funktionalitäten. Diese werden in den kommenden Abschnitten erneut auf- gegriffen, um die Ergebnisse der quantitativen und qualitativen Befra gung sowie der Fallstudien analysen zu präsentieren. 83 4 Die Social Web-Nutzung Jugend licher und junger Erwachsener: Nutzungs muster, Vorlieben und Einstel lungen Uwe Hasebrink und Wiebke Rohde unter Mitarbeit von Thomas Brüssel Gegen stand dieses Kapitels ist der Umgang Jugend licher und junger Erwach sener mit dem Internet im Allgemeinen und dem Social Web im Be- sonderen. Im Vordergrund stehen relevante Aspekte des Nutzungs verhaltens und deren Ver brei tung in der unter suchten Alters gruppe. Außerdem werden auf das Internet und auf das Social Web bezogene Einstel lungen unter sucht. Basis der Darstel lung ist daher im Wesent lichen die Repräsentativbefra gung; Beobach tungen aus den qualitativen Erhebungs schritten, die einzelne Aussagen stützen oder relativieren, werden im Einzelfall berichtet. Das Kapitel ist wie folgt auf gebaut: Im ersten Teil kapitel werden zunächst allgemeine Kennwerte der Internet-Nutzung dargestellt, auf deren Grundlage ver schiedene Nutzungs typen unter schieden werden. Diese werden in Beziehung gesetzt zu Einstel lungen gegen über dem Internet sowie zu möglichen negativen Erfah rungen im Zusammen hang mit Online-Aktivitäten. Die Auswer tungen stellen den Rahmen dar für die im zweiten Teil kapitel dargestellte Nutzung von Social Web-Anwen dungen im Sinne der in Kapitel 3 vor genommenen Defini tion. Das dritte Teil kapitel fokussiert dann auf die Nutzung von Netz werk platt- formen als wichtigsten Bestand teilen des Social Web. So wird näher be schrie- Sozialer Kontext Einstellungen, Funktionserwartungen Nutzung Social Web SNS Medien insgesamt Angebot Social Web SNS Internet Medien insgesamt Internet 84 ben, was Jugend liche und junge Erwachsene mit diesen Angeboten tun, welche Einstel lungen und Erwar tungen mit dem Besuch von Netz werk platt formen ver bunden und welche Typen des Umgangs mit diesen Angeboten zu unter- scheiden sind. 4.1 Der Rahmen: Nutzung des Internets 4.1.1 Häufig keit, Dauer und Ort der Internet-Nutzung Grundgesamt heit der Repräsentativbefra gung waren Jugend liche und junge Erwachsene zwischen 12 und 24 Jahren, die zumindest gelegent lich das Inter- net nutzen. Der aktuellen JIM-Studie zufolge sind damit in der betreffenden Alters gruppe kaum Jugend liche aus geschlossen worden, denn 2008 berich teten 97 Prozent der 12- bis 19-Jährigen, dass sie zumindest selten das Internet nutzen (MPFS 2008, S. 46). Zwei Drittel der Befragten geben an, das Internet täglich zu nutzen, ein weiteres Fünftel schätzt die Häufig keit der Internet-Nutzung als „mehrmals pro Woche“ ein. Dabei finden sich die häufigsten Internet-Nutzer unter den 15- bis 17-Jährigen – mehr als drei Viertel sind täglich online. In der jüngsten Alters gruppe ist die Nutzung noch deut lich geringer; bei den ab 18-Jährigen geht die Häufig keit gegen über den 15- bis 17-Jährigen wieder schritt weise zurück. Die Geschlechter unter scheiden sich in dieser Hinsicht kaum.48 Die mittlere Nutzungs dauer des Internets beträgt für die Gesamt gruppe 127 Minuten pro Tag (montags bis sonntags; siehe Tabelle 4.1). Wieder liegen die 15- bis 17-Jährigen vorn (142 Minuten), gefolgt von den 18- bis 20-Jährigen (130 Minuten), den 21- bis 24-Jährigen (126 Minuten) und den 12- bis 14-Jähri- gen (108 Minuten). Jungen bzw. junge Männer ver bringen mit 139 Minuten pro Tag knapp eine halbe Stunde länger mit dem Internet als Mädchen bzw. junge Frauen (114 Minuten). 48 Eine vollständige tabellari sche Dokumenta tion der Ergebnisse der Repräsentativbefra gung findet sich auf den Websites des Hans-Bredow-Instituts (http://www. hans-bredow-institut. de/webzweinull /uber-das- projekt / ) und des Fachbereichs Kommunikations wissen schaft der Universität Salzburg (http://www. uni- salzburg. at / kowi /av/ forschung/SocialWeb). 85 Tabelle 4.1: Internet-Nutzungs dauer nach Geschlecht und Alter (in Minuten) Gesamt männlich weiblich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 643 n = 329 n = 315 n = 127 n = 147 n = 160 n = 209 Internet, Mo.–Fr. 140 154 125 114 148 146 146 Internet, Sa. 117 139 93 108 131 110 118 Internet, So. 111 133 88 90 128 106 116 Internet, Mo.–So.1 127 139 114 108 142 130 126 1 Bei der Berech nung des Durchschnitts werts für die ganze Woche wurde eine Ausreißerkontrolle vor genommen, indem einige wenige extrem hohe Angaben auf den Maximalwert 480 Minuten reduziert wurden. Das Internet wird mit großem Abstand am häufigsten von zu Hause ge- nutzt: 92 Prozent sind täglich oder zumindest mehrmals pro Woche online. Demgegenüber spielt die Nutzung an Schule/ Universität /Ausbildungs- bzw. Arbeits platz (33 %), bei Freunden (16 %), in Bibliotheken oder anderen öffent- lichen Einrich tungen (6 %), von unter wegs (5 %) oder in Internet-Cafés (1 %) eine deut lich geringere Rolle. Dies gilt für alle Alters gruppen; allein bei den 21- bis 24-Jährigen ist eine häufigere Online-Nutzung am Arbeits platz fest- stell bar (55 % täglich oder mehrmals pro Woche). In Tabelle 4.2 sind diese Befunde auf der Basis von Mittelwerten über die Angaben zur Häufig keit der Nutzung an den ver schiedenen Orten dokumentiert. Tabelle 4.2: Ort der Internet-Nutzung nach Alters gruppen 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre Gesamt n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 n = 650 Internet-Nutzungs ort: zu Hause 1,84 1,29 1,49 1,49 1,51 In der Schule, Universität oder bei der Arbeit 4,47 4,35 4,47 3,52 4,13 Bei Freunden 4,33 4,68 5,02 5,08 4,82 In Internet-Cafés 6,83 6,67 6,83 6,84 6,80 In Bibliotheken/anderen öffent lichen Einrich tungen 6,44 6,41 6,25 6,01 6,24 Unterwegs 6,64 6,29 6,40 6,28 6,38 Mittelwerte über die Antwort kategorien: 1 = täglich, 2 = mehrmals in der Woche, 3 = einmal in der Woche, 4 = einmal in 14 Tagen, 5 = einmal im Monat, 6 = seltener, 7 = nie. 4.1.2 Aktivitäten beim Umgang mit dem Internet Im Hinblick auf konkrete Aktivitäten bei der Internet-Nutzung bestätigen sich die Ergebnisse bisher vor liegenden Studien: Der Umgang mit Suchmaschinen, E-Mails, Instant Messaging sowie der Besuch von Social Networking Sites sind die Aktivitäten, die bei zwei Dritteln und mehr der Befragten täglich oder mehrmals pro Woche vor kommen (Tabelle 4.3). Zwischen 50 und 60 Pro- zent er reichen folgende Aktivitäten: Musik-/Sound dateien anhören, Nachrichten 86 bzw. aktuelle Informa tionen abrufen, einfach so drauf los surfen, nach Infor- ma tionen zu einem bestimmten Thema für sich selbst – also nicht für Schule, Ausbil dung, Studium oder Beruf – suchen, nach Informa tionen für Schule, Ausbil dung, Studium oder Beruf suchen. Tabelle 4.3: Häufig keit der meist genutzten Internetaktivitäten nach Geschlecht (täglich / mehrmals pro Woche, in %) männlich weiblich Gesamt Suchmaschinen nutzen 84 79 81 E-Mails empfangen und senden 66 74 70 Instant-Messenger wie z. B. ICQ oder MSN nutzen 72 67 69 Online-Communities nutzen, wie SchülerVZ, StudiVZ, Facebook, Xing usw. 65 72 69 Musik /Sound dateien anhören 63 52 58 Nachrichten bzw. aktuelle Informa tionen abrufen 63 53 58 Einfach so drauf los surfen 53 51 52 Nach Informa tionen zu einem bestimmten Thema für Dich selbst – also nicht für Schule, Ausbil dung, Studium oder Beruf – suchen 55 47 51 Ein Abgleich mit den Befunden der jüngsten Studie „Jugend – Informa- tion – Medien 2008 (JIM)“ (siehe MPFS 2008) führt zu weit gehend ver gleich- baren Ergebnissen. Für die 12- bis 19-Jährigen, d. h. für die in JIM unter- suchte Alters gruppe, werden in dieser Studie Werte erzielt, die sehr hoch mit den JIM-Werten korrelieren (r = .97). Hinsicht lich der ab soluten Beträge lässt sich allerdings beobachten, dass die Werte der vor liegenden Studie im Durch- schnitt um gut 6 Prozent höher liegen als die Werte der JIM. Dies könnte ein Hinweis sein, dass die ent sprechenden Nutzungs häufig keiten in den fünf Monaten zwischen den beiden Erhebun gen weiter gestiegen sind. Allerdings sind auch einige besonders auf fällige Abweichungen zu ver zeichnen: Die Option „Chatten bzw. Chatrooms besuchen“ wurde in der vor liegenden Studie von 54 Prozent der Befragten als mindestens mehrmals pro Woche aus geübte Tätig keit bezeichnet, während dies in der JIM-Studie, in der enger nach dem „Chatten“ gefragt wurde, nur bei 29 Prozent der Fall war. Dieser deut liche Unterschied könnte darauf zurück zuführen sein, dass im Herbst 2008 (also zwischen den beiden Befra gungen) die populären Netz werk platt formen der VZ-Gruppe eigene Chat-Angebote ein geführt haben. Eben falls deut lich höhere Werte (mehr als 10 Prozentpunkte) ergab die vor liegende Studie bei den Aktivitäten „Musik /Sound dateien anhören“, „Nach- richten abrufen“, „Filme/ Videos anschauen“, „E-Mails empfangen/senden“, „Online-Communities“ und „nach Informa tionen für Schule, Studium und Beruf suchen“. Die einzige um gekehrte Abweichung, in der die JIM-Studie zu deut lich höheren Werten führt, geht auf einen ent scheidenden Unterschied in der Fragestel lung zurück: Während in JIM nach dem Einstellen von Fotos/ 87 Videos gefragt wurde (10 % täglich /mehrmals pro Woche), ging es in der vor liegenden Studie enger um „Filme/ Videos einstellen“ (1,0 %). Dies weist auf die Bedeu tung von Fotos hin, die insbesondere beim Umgang mit den Online-Communities eine große Rolle spielen (siehe dazu unten, Kapitel 4.3). Tabelle 4.4 führt Aktivitäten auf, die im weiteren Sinne (siehe Kapitel 2) dem Social Web zu gerechnet werden.49 Danach gehören Instant Messaging- Dienste und Netz werk platt formen zu den wichtigsten Bestand teilen der Inter- net-Nutzung dieser Alters gruppe. Erstere werden von den männ lichen, Letztere von den weib lichen Befragten etwas häufiger genutzt. Die hohe Attraktivität von Instant Messaging er streckt sich über die drei jüngeren Alters gruppen, nur bei den 21- bis 24-Jährigen fällt diese deut lich ab; hier gewinnt dafür die E-Mail an Bedeu tung. Die Netz werk platt formen spielen offen bar für die 15- bis 17-Jährigen eine besonders große Rolle: mehr als drei Viertel aller Befragten dieser Gruppe besuchen mehrmals pro Woche oder sogar täglich eine Online- Community. Tabelle 4.4: Häufig keit ver schiedener Aktivitäten im Umgang mit dem Social Web (täglich / mehrmals pro Woche; Spalten prozente) Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Instant Messaging 69 72 67 72 79 75 58 Online-Communities 69 65 72 63 77 66 68 In Wikis lesen 38 39 36 25 41 45 38 In Wikis schreiben 2 2 2 2 2 2 1 Weblogs lesen 8 11 5 6 12 8 7 Weblogs ver fassen 3 4 3 2 5 4 3 Musik /Sound - dateien anhören 58 63 52 59 75 66 40 Musik /Sound - dateien einstellen 5 7 3 3 11 6 3 Filme/ Videos anschauen 34 45 23 38 46 33 24 Filme/ Videos einstellen 1 2 1 1 1 2 1 Mit Ausnahme der 12- bis 14-Jährigen nutzen die Befragten auch Wikis – was so gut wie aus schließ lich mit der Online-Enzyklopädie Wikipedia gleich zusetzen ist (siehe unten) – recht häufig. Demgegenüber spielen Weblogs sowie die stärker produktions orientierten Formen der Social Web-Nutzung, 49 Das Anhören von Musik dateien bzw. das Ansehen von Filmen / Videos kann zwar nicht in jedem Fall als eigent licher Bestand teil der Social Web-Nutzung betrachtet werden (siehe Kapitel 2). Aufgrund der hohen Bedeu tung von Video- bzw. Musik platt formen sowie zur Gegen überstel lung mit den jeweiligen Eigen- aktivitäten werden diese hier dennoch auf geführt. 88 etwa das Einstellen von Audio- oder Videodateien, eine deut lich geringere Rolle. Der Medienkon vergenz Monitoring Report (vgl. Schorb u. a. 2009) kommt bezüg lich des Hochladens von Videos zu einem ver gleichs weise hohen Ergebnis: 10 % der dort Befragten stellen Videodateien auf Internet seiten ein; hier ist allerdings zu beachten, dass die auf Selbstselek tion beruhende Stich- probe des Monitorings keine Repräsentativität beanspruchen kann. Dieser Aspekt soll jedoch weiter unten noch näher analysiert werden, denn auf wen- dige Aktivitäten wie das Hochladen von Videos können kaum an gemessen mit denselben Antwort vorgaben erfasst werden wie unaufwändige Aktivitäten wie der Besuch einer Online-Community oder einer Instant Messaging-Site. Im Hinblick auf die Breite der Aktivitäten im Netz unter scheiden sich die Befragten ganz erheb lich: Auf der Grundlage der 30 ab gefragten Internet- Anwen dungen wurde ein Summen wert gebildet, der angibt, wie viele dieser Anwen dungen die Befragten zumindest gelegent lich nutzen. Tabelle 4.5 zeigt die Mittelwerte dieses Indikators für die Alters- und Geschlechts gruppen. Im Mittel gaben die Befragten an, knapp 17 der 30 vor gegebenen Anwen dungen zu nutzen; dabei zeigen Jungen bzw. junge Männer eine signifikant größere Bandbreite als Mädchen bzw. junge Frauen. Den Werten für die Alters gruppen zufolge er zielen die schon mehrfach durch ihre besonders aktive Internet- Nutzung auf gefallenen 15- bis 17-Jährigen auch in dieser Hinsicht einen Höchst- wert, während das Spektrum der genutzten Anwen dungen bei den Jüngsten und den Ältesten der Stichprobe am wenigsten breit ist. Dies spricht für eine Phase des Ausprobierens, in der möglichst alle Optionen, die das Netz bietet, erprobt werden, während sich später eine stärkere Fokussie rung auf diejenigen Anwen dungen heraus bildet, die den individuellen Interessen bzw. den mit der betreffenden Lebens phase ver bundenen Anforde rungen am besten ent sprechen. Tabelle 4.5: Zahl der zumindest gelegent lich genutzten Internet-Anwen dungen Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Zahl der genutzten Dienste 16,9 17,7 16,2 16,4 18,0 17,0 16,5 Erläute rung: Angegeben sind die Mittelwerte eines Summen index aus einer Liste von 30 Antwortop- tionen. 4.1.3 Lieblings angebote im Internet Die Antworten auf die un gestützte Frage nach bis zu drei Lieblings websites ver teilen sich auf eine Fülle unter schied licher Internetangebote; insgesamt wurden von den 650 Befragten 1.824 Antworten gegeben, die auf 390 unter- schied liche Adressen ent fielen. Die große Mehrzahl dieser Adressen wurde 89 allerdings nur jeweils von einer Person genannt, nur 25 Websites wurden von mindestens zehn Befragten genannt. Tabelle 4.6 gibt einen Überblick über die Websites, die in der Gesamt gruppe sowie in den Alters- und Geschlechter- gruppen für mindestens zehn Prozent zu den Lieblings websites gehören. Tabelle 4.6: Lieblings angebote im Internet bei offener Fragestel lung (bis zu drei Antworten möglich; Angaben in % der Fälle) Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Google (31) YouTube (33) Google (30) SchülerVZ (45) SchülerVZ (52) Google (38) Google (36) YouTube (29) Google (33) SchülerVZ (27) YouTube (42) YouTube (40) YouTube (25) StudiVZ (34) SchülerVZ (25) SchülerVZ (23) YouTube (25) Google (26) Google (23) Web.de (15) GMX (19) StudiVZ (15) eBay (11) StudiVZ (21) ICQ (11) Wikipedia (11) eBay (15) Web.de (18) Web.de (11) Wikipedia (10) Web.de (17) MyVideo (10) Wikipedia (15) YouTube (16) Wikipedia (11) GMX (11) SchülerVZ (14) eBay (14) Wikipedia (11) StudiVZ (13) Wer-kennt-wen (10) Wer-kennt-wen (10) Erläute rung: Aufgeführt sind die Angebote, die in der jeweiligen Gruppe von mindestens zehn Prozent der Befragten genannt wurden. Abgesehen von der vorn liegenden Suchmaschine Google sind auf den ersten Plätzen dem Social Web zuzu rechnende Angebote zu finden: die Videoplatt- form YouTube, die beiden Netz werk platt formen SchülerVZ und StudiVZ sowie Wikipedia. Daneben spielen die Internetprovider Web.de und GMX sowie eBay eine hervor gehobene Rolle. Männliche und weib liche Befragte sowie die Alters- gruppen unter scheiden sich in dieser Hinsicht nicht gravierend; zwischen den Alters gruppen ist vor allem der Übergang von SchülerVZ zu StudiVZ erkenn- bar, außerdem ist YouTube bei den Älteren nicht mehr ganz so beliebt wie bei den Jüngeren. Um die Fülle der genannten Lieblings websites über sicht licher und mit be- sonderem Augen merk auf das Social Web darstellen zu können, wurden diese einigen Kategorien zu geordnet. Tabelle 4.7 zeigt einen Überblick, wie viele Befragte auf die Frage nach den drei Lieblings websites mindestens eine nann- ten, die den betreffenden Kategorien zu geordnet werden konnte. 90 Tabelle 4.7: Art der Lieblings angebote im Internet (in % aller Befragten) Gesamt männ lich weiblich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 SNS 57 47 67 55 70 53 52 Sonstiges 41 43 40 50 43 38 38 Provider 34 24 44 18 25 37 48 Suchmaschinen 31 32 30 26 22 37 36 Video-Communities 31 37 26 46 42 27 18 Journalisti sche Medien 16 19 13 7 8 21 25 Spiele und -platt formen 14 20 8 33 6 11 9 Ein-/ Verkaufen 14 15 13 2 8 19 22 Wikis 11 10 11 9 11 14 9 Sport 7 11 3 4 7 6 10 Instant Messaging 5 2 9 11 8 3 2 Erläute rung: Recodie rung der freien Antworten, darunter fett Social Web-Anwen dungen; Befragte, die mindestens eine Website der betreffenden Art als Lieblings website bezeichnet haben. Für 57 Prozent der Befragten gehört damit mindestens eine Netz werk platt- form zu den Lieblings websites; dieser Wert liegt bei Mädchen und bei den 15- bis 17-Jährigen noch deut lich höher. Vor allem bei den Jüngeren und bei den männ lichen Befragten sind Videoplatt formen beliebt; insgesamt nennt knapp ein Drittel ein solches Lieblings angebot. Wikipedia wird über alle Gruppen hinweg von etwa einem Zehntel der Befragten genannt. Instant Messaging-Dienste (ICQ und MSN) werden von 5 Prozent genannt; dieser Anteil ist bei Mädchen und den beiden jüngeren Alters gruppen deut lich höher. Neben zahl reichen sonstigen Angeboten, die außerhalb der hier zugrunde gelegten Defini tion von Social Web liegen, nannten die Befragten vor allem Internet-Service-Provider und Suchmaschinen – so gut wie aus schließ lich Google. Weitere oft genannte Lieblings angebote lassen sich journalisti schen Medien (Fernseh- und Hörfunksender, Zeitun gen und Zeitschriften sowie Online-Nachrichtendienste), Online-Spielen, Angeboten zum Ein- bzw. Ver- kaufen – so gut wie aus schließ lich eBay – sowie Sportangeboten zuordnen. 4.1.4 Muster und Typen der Internet-Nutzung Auf der Grundlage der skizzierten Merkmale der Internet-Nutzung kann nun weiter gefragt werden, inwieweit sich unter schied liche Nutzungs muster heraus- gebildet haben, anhand derer sich ver schiedene Nutzer typen unter scheiden lassen. Die Antwort auf diese Frage fällt nicht leicht. Denn die Merkmale der Internet-Nutzung hängen unter einander jeweils nur sehr schwach zusammen, sodass sich kaum prägnante Muster er kennen lassen. So beträgt etwa die Kor- re la tion zwischen der einfachen Häufig keit der Internet-Nutzung und der durch schnitt lichen Nutzungs dauer pro Tag ledig lich r = .27; der Zusammen- 91 hang zwischen der allgemeinen Nutzungs häufig keit und der Zahl der min- destens gelegent lich genutzten Internetanwen dungen beträgt immerhin r = .37, worin sich die plausible Tatsache nieder schlägt, dass Personen, die das Netz häufiger nutzen, dabei auch von einer größeren Breite von Anwen dungen Ge- brauch machen. Als weitere Anhaltspunkte zur Art der Internet-Nutzung können die ver- schiedenen Internet-Anwen dungen heran gezogen werden. Diese hängen unter- schied lich stark mit der allgemeinen Internet-Nutzung zusammen: Die höchsten Korrela tionen ergeben sich für E-Mails (r = .43), Instant Messaging (.39), Such- maschinen (.37), Online-Communities (.35), Musik dateien anhören (.30); für die meisten anderen Anwen dungen ergeben sich eben falls signifikant positive Korrela tionen zwischen r = .10 und .30. Die Zusammen hänge zwischen den einzelnen Anwen dungen sind über wie- gend gering. Besonders hohe sind nur dort zu beobachten, wo in der Fragestel- lung zwei unmittel bar aneinander gekoppelte Aktivitäten vor gegeben worden waren, z. B. „In News groups/ Foren lesen“ und „In News groups/ Foren schrei- ben“ (r = .67), oder „Online-Spiele allein“ und „Online-Spiele mit Anderen im Netz“ (.51). Die meisten anderen Zusammen hänge sind schwach aus geprägt. Mithilfe einer explorativen Faktoranalyse50 sollte er kundet werden, ob sich die 30 Anwen dungen auf eine geringere Zahl aus sagekräftiger Anwendungs dimen- sionen reduzieren lassen. Es ließen sich neun Faktoren er mitteln:51 – Informations suche: Nach Informa tionen für Schule/Studium/ Beruf suchen (Ladung: .76), in Wikis lesen (.69), Informa tionen für sich selbst unabhängig von Schule/Studium/ Beruf suchen (.54). – News groups: Beiträge in News groups schreiben (.73), Beiträge in News- groups lesen (.73). – Kommunika tion: Instant Messaging (.62), Chatten (.59), Musik-/Sound- dateien anhören (.57), Online-Communities (.52). – Online Shopping: Bei eBay stöbern (.80), bei eBay etwas (ver-) kaufen (.78). – Spiele: Online-Spiele mit Anderen im Netz (.81), Online-Spiele allein (.77), in virtuellen Welten wie z. B. Second Life unter wegs sein (.55). – Weblogs: In Weblogs etwas ver fassen oder einstellen (.79), Weblogs lesen (.71), in Wikis schreiben (.50). – Video- und Musik austausch: Filme/ Videos einstellen (.77), Musik-/Sound- dateien einstellen (.70). – Internet-Telefonie: Über Internet telefonieren (.68). – Handy-Accessoires: Töne/ Logos für’s Handy herunter laden (.74). 50 Haupt komponenten analyse mit dem Kriterium Eigen wert ≥ 1 und Varimax-Rotation; die neun Faktoren er klären ledig lich 53 Prozent der Varianz; über dies sprechen zahl reiche Doppella dungen dafür, dass die beschriebenen Dimensionen das Nutzungs verhalten nur recht unscharf ab bilden. 51 Aufgelistet sind jeweils alle Anwen dungen mit einer Faktorla dung von mindestens .50. 92 Die Ergebnisse dieser Analyse sind sehr labil: Jeder Faktor wird nur durch wenige Items mit zum Teil niedrigen Ladungen definiert, einige Items er- reichen bei keinem der Faktoren eine Ladung von mindestens .50. Einige Faktoren bestehen über dies aus Einzelitems, die ledig lich zwei Aspekte ein und desselben Dienstes darstellen (z. B. die Faktoren Online-Shopping, Spiele, News groups und Weblogs). Dies deutet darauf hin, dass die ver schiedenen Anwen dungen des Internets sich kaum zu größeren Gruppen bzw. zu Dienste- typen zusammen fassen lassen, mit denen die Nutzer ähnlich umgehen. Angesichts dieser unklaren Struktur wurden, um die Informa tionen über die Nutzung der ver schiedenen Anwen dungen trotzdem für weiter führende Auswer tungen nutzen zu können, einige Indizes bestimmt, die die Häufig keit der Nutzung theoretisch bestimmter Anwendungs typen er fassen. Diese Typen wurden anhand der Merkmale des Dienstes und der zu seiner Nutzung er- forder lichen Eigenaktivität der Nutzer definiert. – Kommunikations anwen dungen: E-Mails senden und empfangen; Instant Messaging; Chatten; Internet-Telefonie. – Informations orientierte Anwen dungen: Informa tionen über Ver anstal tun- gen am Ort suchen; Beiträge in News groups lesen; Informa tionen zu einem bestimmten Thema unabhängig von Schule/Studium/ Beruf suchen; bei eBay stöbern und nichts kaufen; Weblogs lesen; Live-Ticker nutzen; Nach- richten bzw. allgemeine Informa tionen abrufen; Informa tionen für Schule/ Studium/ Beruf suchen; Suchmaschinen nutzen; in Wikis lesen. – Rezeptions orientierte Video-/Audioanwen dungen: Filme/Videos anschauen; Musik-/Sound dateien anhören; über Internet fernsehen, über Internet Radio hören. – Spielorientierte Anwen dungen: Online-Spiele allein; Online-Spiele mit Ande ren; Virtuelle Welten wie Second Life. – User-generated-Content-Anwen dungen: Beiträge in News groups schreiben; Filme/ Videos einstellen; Musik-/Sound dateien einstellen; etwas bei eBay kaufen oder ver kaufen; in Weblogs etwas ver fassen oder einstellen; in Wikis schreiben. – Online-Communities: Für diesen Index wurde nur das eine Item ver wendet, das nach der Häufig keit der SNS-Nutzung fragt. Die Indexbil dung er folgte nach folgender Logik: Über die jeweils zu gehörigen Anwen dungen hinweg wurden die Nutzungs häufig keiten aufad diert; dabei wur- den folgende Konven tionen befolgt: „täglich“ = 1, „mehrmals pro Woche“ = 1/2, „einmal pro Woche“ = 1/7, „einmal in zwei Wochen“ = 1/14, „einmal pro Monat“ = 1/30, „seltener“ = 1/50, „nie“ = 0. Dieser Summen wert wurde an- schließend durch die Zahl der Anwen dungen dividiert. Der sich er gebende Index kann also Werte zwischen 1 und 0 annehmen; dabei bedeutet ein Wert 93 von 1, dass alle berücksichtigten Anwen dungen täglich genutzt werden, ein Wert von 0, dass alle Anwen dungen niemals genutzt werden. Tabelle 4.8: Häufig keit der Nutzung ver schiedener Anwendungs typen nach Geschlecht und Alter Anwendungs typen (Zahl der Anwen dungen) Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Online-Communities (1) 0,58 0,56 0,60 0,51 0,67 0,57 0,57 Kommunika tion (4) 0,42 0,42 0,41 0,40 0,49 0,43 0,38 Informa tion (10) 0,28 0,31 0,25 0,20 0,30 0,30 0,30 AV-Rezep tion (4) 0,22 0,27 0,18 0,22 0,29 0,23 0,18 Spiele (3) 0,10 0,14 0,06 0,15 0,10 0,09 0,08 User-generated Content (6) 0,04 0,05 0,03 0,03 0,06 0,04 0,04 Erläute rung: Angegeben sind Mittelwerte; ein Wert von 1,0 bedeutet: Alle Anwen dungen des Typs werden täglich genutzt. Ein Wert von 0,0 bedeutet: Alle Anwen dungen des Typs werden niemals ge- nutzt. Tabelle 4.8 führt die durch schnitt lichen Werte nach Alter und Geschlecht auf. Online-Communities und Kommunikations-Anwen dungen stehen danach im Vordergrund, aber auch die zahl reichen informations orientierten Anwen- dungen er reichen im Durchschnitt eine beacht liche Nutzungs häufig keit. In den Indizes schlagen sich die oben bereits an geführten Unterschiede zwischen den Alters gruppen und zwischen männ lichen und weib lichen Befragten nieder: Die 15- bis 17-Jährigen sind bei fast allen Anwendungs typen die häufigsten Nutzer, ledig lich Spiele werden deut lich häufiger in der jüngsten Alters gruppe genutzt. Online-Communities werden häufiger von Mädchen und jungen Frauen besucht, während Jungen und junge Männer häufiger informations orientierte Anwen dungen, rezeptions orientierte Video- und Audio-Angebote sowie Spiele nutzen. Auf der Basis dieser sechs Indikatoren lässt sich die Internet-Nutzung der Befragten nun differenzierter betrachten. Mithilfe einer Cluster analyse52 wur- den vier Gruppen unter schieden, die sich in der Häufig keit, mit der sie die ver schiedenen Anwendungs typen nutzen, deut lich unter scheiden, während die Befragten innerhalb eines Clusters sich in ihrem Umgang mit dem Internet relativ ähnlich sind (siehe Tabelle 4.9). Die vier Cluster und die sie kenn zeich- nenden Merkmale der Internet-Nutzung werden im Folgenden näher beschrie- ben. 52 Berechnet wurde eine K-Means-Cluster analyse mit den standardisierten Werten der sechs Index-Variablen. Die Entschei dung für eine Vier-Cluster-Lösung er folgte aus Gründen der Übersichtlich keit und der Inter- pretier bar keit. 94 Cluster 1: Wenignutzer Die größte der vier Gruppen (41 % der Stichprobe) ist dadurch gekennzeichnet, dass sie bei allen für die Clusterbil dung heran gezogenen Variablen die ge- ringsten Werte auf weist. Es handelt sich um Personen, die das Internet ver- gleichs weise selten und mit einem ein geschränkten Spektrum an Anwen dun- gen nutzen. Alle in Tabelle 4.9 auf gelis teten Anwen dungen werden von dieser Gruppe am seltensten genutzt. Interessant ist, dass gerade diese Gruppe am häufigsten Suchmaschinen (also Google) und Shopping-Websites (also eBay) als Lieblings websites angibt; dies mag darauf hindeuten, dass diese Befragten mit dem Netz recht wenig ver traut sind, sodass ihnen auf die Frage nach Lieb- lings websites am ehesten die bekanntesten Marken des Internets einfallen. In dieser Gruppe sind weib liche Befragte etwas über repräsentiert, außerdem einer seits die jüngste Alters gruppe der 12- bis 14-Jährigen, anderer seits die älteste Gruppe der 21- bis 24-Jährigen. Die geringe Nutzung ergibt sich also vermut lich zum einen daraus, dass das Internet bzw. einige seiner Funktionen noch nicht ent deckt worden sind, zum anderen kann sie dann mit dem Eintritt in das Erwachsenen leben wieder zurück gehen, wenn andere Rahmen bedin- gungen und Anforde rungen den Alltag bestimmen. Cluster 2: Community-Orientierte Die zweit größte Gruppe (38 % der Befragten) zeichnet sich vor allem durch die häufige Nutzung von Online-Communities aus, alle anderen Anwendungs- typen nehmen mittlere Werte ein. Das Internet wird nahezu von allen täglich genutzt, allerdings nicht besonders lang und mit einem mäßig breiten Spektrum an Anwen dungen. Im Ver gleich mit den anderen Gruppen sind sie besonders häufig auf der Suche nach Informa tionen für Schule, Studium oder Beruf, auch E-Mails spielen hier eine relativ große Rolle. Die Orientie rung an Online- Communities kommt auch darin zum Ausdruck, dass im Durchschnitt jedes Mitglied dieser Gruppe mindestens eine Social Networking Site als Lieblings- website bezeichnet. In diesem Cluster sind 12- bis 14-Jährige deut lich unter- und 15- bis 17-Jährige deut lich über repräsentiert; außerdem gehören ihm etwas mehr weib liche als männ liche Befragte an. Cluster 3: Aktive Informations manager Diese kleinere Gruppe (14 % der Befragten) ist durch einen besonders viel- seitigen Umgang mit dem Internet gekennzeichnet: Mit Ausnahme der Online- Communities und der Spiele nutzen sie alle anderen Anwendungs typen am häufigsten. Besonders groß ist der Abstand zu den anderen Gruppen bei den informations orientierten Anwen dungen und vor allem im Bereich des User- generated content: Nur in dieser Gruppe treten die produktiven Formen der Internet-Nutzung in nennens wertem Umfang auf. Auch diese Gruppe nutzt 95 Tabelle 4.9: Beschrei bung der vier Internet-Nutzer typen (Cluster) Gesamt Cluster 1 Cluster 2 Cluster 3 Cluster 4 n = 650 n = 268 n = 245 n = 88 n = 45 In Prozent der Befragten 100 41 38 14 7 Häufig keit der Nutzung ver schiedener Anwendungs typen (Clusterbildende Variablen): Online-Communities 0,58 0,23 0,89 0,78 0,55 Kommunikations anwen dungen 0,42 0,22 0,54 0,61 0,55 Informations orientierte Anwen dungen 0,28 0,19 0,30 0,49 0,31 Rezeptions orientierte AV-Angebote 0,22 0,11 0,26 0,40 0,37 Spielorientierte Anwen dungen 0,10 0,05 0,04 0,15 0,58 User-generated Content 0,04 0,01 0,02 0,19 0,05 Allgemeine Merkmale der Internet-Nutzung: Häufig keit der Internet-Nutzung1 1,6 2,2 1,2 1,1 1,2 Dauer der Online-Nutzung (Min./ Tag) 129 89 137 204 175 Zahl der genutzten Anwen dungen 16,9 14,7 17,3 21,3 19,7 Häufig keit der Nutzung aus gewählter Anwen dungen1: Suchmaschinen nutzen 1,9 2,4 1,7 1,3 1,6 Nachrichten abrufen 3,0 3,6 2,6 2,0 2,8 Informa tionen nicht für Schule/Beruf 3,1 3,5 3,0 2,1 3,0 Informa tionen für Schule/Beruf 3,3 3,7 2,8 3,0 3,5 Über Internet fernsehen 6,4 6,7 6,3 6,0 5,5 Über Internet Radio hören 5,8 6,3 5,8 4,7 5,2 E-Mails empfangen oder senden 2,3 3,1 1,7 1,6 2,2 Instant Messaging 2,6 4,0 1,7 1,2 1,9 Beiträge in Foren/News groups lesen 4,5 5,5 4,4 2,2 3,5 Beiträge in Foren/Newsgroups schreiben 5,6 6,4 5,8 2,9 4,8 Filme/ Videos ansehen 4,2 5,1 4,0 3,0 2,8 Musik /Sound dateien 3,1 4,3 2,6 1,6 2,2 Art der Lieblings websites (Zahl der Nennun gen, bis zu drei waren möglich): Zahl der SNS 0,70 0,46 1,04 0,57 0,55 Zahl der Videoplatt formen 0,35 0,33 0,36 0,33 0,44 Zahl der journalisti schen Medien 0,19 0,18 0,19 0,28 0,10 Zahl der Wikis 0,11 0,12 0,08 0,17 0,07 Zahl der Suchmaschinen 0,31 0,40 0,22 0,31 0,32 Zahl der Spiele 0,16 0,18 0,04 0,14 0,68 Zahl der Shopping-Websites 0,08 0,21 0,11 0,16 0,01 Zahl der Sport-Websites 0,08 0,07 0,09 0,15 0,05 Zusammen setzung nach Alter und Geschlecht (in % der Cluster): 12 bis 14 Jahre 20,2 26,5 12,2 14,8 34,7 15 bis 17 Jahre 22,6 14,2 29,0 33,0 18,4 18 bis 20 Jahre 24,6 24,6 25,7 23,9 20,4 21 bis 24 Jahre 32,6 34,7 33,1 28,4 26,5 männlich 51,2 44,9 44,9 68,2 85,7 weiblich 48,8 55,1 55,1 31,8 14,3 1 Antwort format: 1 = täglich, 2 = mehrmals pro Woche, 3 = einmal pro Woche, 4 = einmal in 14 Tagen, 5 = einmal pro Monat, 6 = seltener, 7 = nie 96 das Internet durch weg täglich, sie weist aber mit über 200 Minuten pro Tag die weitaus höchste Nutzungs dauer auf. Das breite Anwendungs spektrum schlägt sich darin nieder, dass diese Gruppe bei fast alle Anwen dungen die höchsten Werte er reicht. Überrepräsentiert sind die 15- bis 17-Jährigen sowie sehr deut lich die Jungen bzw. jungen Männer. Cluster 4: Spieleorientierte Nutzer Diese kleinste Gruppe (8 % der Befragten) ergibt sich aus dem starken Inte resse an Online-Spielen und an virtuellen Welten. Dadurch, dass diese Angebote von dem Großteil der Befragten nur sehr selten genutzt werden, sticht diese Gruppe bei der statisti schen Analyse sehr deut lich heraus; es gibt Hinweise, dass die Mitglieder dieser Gruppe sich im Hinblick auf andere Merkmale durch aus deut lich unter scheiden.53 Neben den Spielen werden auch rezeptions- orientierte AV-Angebote relativ häufig genutzt, wobei der Blick auf die kon- kreten Anwen dungen zeigt, dass es sich dabei in erster Linie um die Video- bzw. Filmangebote handelt, weniger um Musik, die in Cluster 3 auf größeres Interesse stößt. Auch diese Gruppe nutzt nahezu täglich das Internet und liegt hinsicht lich der Nutzungs dauer und der Breite des genutzten Anwendungs- spektrums auf dem zweiten Platz. Naheliegender weise nennt diese Gruppe mit großem Abstand am häufigsten spieleorientierte Angebote als Lieblings website, daneben ist hier die größte Vorliebe für Videoplatt formen (also in der Regel YouTube) fest zustellen. Die hier vor genommene Unterschei dung ver schiedener Muster der Internet- Nutzung ist zwar recht grob, die beschriebenen Unterschiede unter streichen aber die Bedeu tung einer solchen Typen bildung: Das vielfältige Anwendungs- spektrum, welches sich im Internet bietet, wird von Jugend lichen und jungen Erwachsenen in durch aus unter schied licher Art und Weise genutzt, das heißt, dass es die Internet-Nutzung nicht gibt, sondern ein differenzierender Blick er forder lich ist. Die vier Typen und ihre Zusammen setzung weisen zwar auf einige Unterschiede im Hinblick auf Alter und Geschlecht hin; diese sind jedoch nicht so aus geprägt, dass die vier Muster in einigen Gruppen gar nicht anzu treffen wären. Um ein besseres Ver ständnis der Hintergründe für die be- obach teten Muster zu er langen, sollen im folgenden Abschnitt die Einstel lun- gen der Jugend lichen und jungen Erwachsenen zum Internet sowie die konkre- ten Erfah rungen, die sie bereits im Umgang mit dem Netz gemacht haben, in den Blick genommen werden. 53 Bei der Cluster analyse hätte die Hinzunahme eines weiteren Clusters dazu geführt, dass das Cluster der Spielorientierten nochmals unter teilt worden wäre – in eine Teilgruppe von aus schließ lich Spielorientierten und eine andere Gruppe, die ihr Interesse an Spielen auch mit vielen anderen Anwen dungen kombiniert. 97 4.1.5 Einstel lungen gegen über und Erfah rungen mit dem Internet Um über die Nutzungs muster hinaus auch Anhaltspunkte über die Einstel- lungen der Befragten gegen über dem Internet zu er halten, wurden den Befrag- ten einige Statements vor gegeben, die ver schiedene positive und negative Aus- sagen über Chancen und Risiken des Internets ent hielten. Die Befragten sollten anhand einer vierstufigen Skala an geben, wie stark sie den Aussagen zustim- men. Tabelle 4.10 zeigt die Ergebnisse für die Geschlechts- und Alters gruppen. Die Aussagen, die sich auf mögliche Gefahren im Internet beziehen, lassen auf ein relativ hohes Bewusstsein dieser Risiken schließen. So stimmen die meisten Befragten der Aussage, dass man sich im Internet vor möglichen Ge- fahren im Hinblick auf kosten pflichtige Angebote oder die Sammlung persön- licher Daten hüten muss, voll und ganz zu. Eher Zustim mung findet auch die Einschät zung, dass vielen Informa tionen im Internet nicht zu trauen sei. Die beiden Aspekte, die mögliche Chancen des Internets ansprechen (kreative Akti- vitäten und Beteili gung an Diskussionen) finden eher Zustim mung – in beiden Fällen sind Jungen und junge Männer etwas er wartungs voller als Mädchen und junge Frauen. Mit zwei Aussagen sollten Inhalte erfasst werden, die die Befragten möglicher weise als störend oder belästigend empfinden (Sexualität, Aggressivität); die Ergebnisse liegen im mittleren Bereich, wobei sich die Be- fragten eher durch Sex-Angebote als durch zu hohe Aggressivität belästigt fühlen. Männliche Befragte geben im Ver gleich zu den weib lichen eher an, sich durch Sexangebote belästigt zu fühlen, während weib liche Befragte eher als männ liche äußern, dass ihnen Inhalte zu aggressiv sind. Das Item, das zur Erfas sung der subjektiven Kompetenz im Umgang mit dem Internet im Ver gleich zu Freunden und Bekannten ver wendet wurde, findet exakt mittlere Zustim mung. Jungen schätzen sich als signifikant kompetenter ein als Mädchen. Auch zwischen den Alters gruppen zeigen sich signifikante Unterschiede: Es sind die 15- bis 17-Jährigen, die am ehesten von sich meinen, dass sie besser mit dem Internet umgehen können als die meisten ihrer Freunde und Bekannten, während die älteste Gruppe am wenigsten dieser Meinung ist. Die Kompetenz, im Netz werb liche und nicht-werb liche Inhalte zu unter- scheiden, wird allgemein recht hoch ein geschätzt, ohne dass sich Unterschiede zwischen den Gruppen zeigen. Zwei weitere Fragen sollten er fassen, inwieweit die Befragten sich im Netz risikofreudig bewegen bzw. ob es im Netz bereits Informa tionen über sie gibt, die ihnen pein lich sind. Letzteres Statement wird recht einhellig ab gelehnt; die Jüngsten bejahen dieses Statement noch am ehesten, die Ältesten hingegen lehnen es fast alle gänz lich ab. 98 Tabelle 4.10: Einstel lungen gegen über und Erfah rungen mit dem Internet nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Im Internet muss man auf- passen, dass man nicht „ab gezockt“ wird, z. B. auf Homepages, die kosten- pflichtige Dienste anbieten oder persön liche Daten sammeln, die dann für Wer- bung missbraucht werden. 1,45 1,46 1,44 1,48 1,39 1,33 1,58 Vielen Informa tionen im Internet kann man nicht ver- trauen. 2,02 2,03 2,00 1,93 2,01 1,92 2,14 Das Internet bietet mir Mög- lich keiten, selbst kreativ zu sein. 2,14 2,03 2,25 2,07 2,06 2,19 2,20 Von den vielen Sex-Ange- boten im Internet fühle ich mich belästigt. 2,27 2,18 2,35 2,09 2,39 2,21 2,33 Mithilfe des Internets kann ich mich selbst an wichtigen Diskussionen beteiligen. 2,39 2,19 2,59 2,40 2,19 2,52 2,41 Ich kann mit dem Internet besser umgehen als die meisten meiner Bekannten und Freunde. 2,57 2,45 2,69 2,63 2,39 2,52 2,69 Im Internet sage ich manch- mal Dinge, die ich bei einem persön lichen Treffen nicht sagen würde. 2,82 2,79 2,84 2,59 2,66 2,77 3,10 Vieles, was man im Internet sieht, ist mir zu aggressiv. 2,87 3,06 2,66 2,57 2,90 2,88 3,02 Es fällt mir manchmal schwer zu er kennen, ob es sich bei Informa tionen im Internet um Werbung handelt. 3,08 3,13 3,03 3,01 3,13 2,95 3,19 Einige Inhalte, die im Netz über mich zu finden sind, sind mir pein lich. 3,51 3,51 3,51 3,23 3,47 3,44 3,75 Erläute rung: Angegeben sind Mittelwerte über die Antwort kategorien „stimme 1 = voll und ganz, 2 = weit gehend, 3 = weniger, 4 = gar nicht zu“. Die Antworten auf die Frage, ob man im Internet Dinge sage, die man bei einem persön lichen Treffen nicht sagen würde, liegen hingegen eher im Bereich der Skalen mitte, das heißt, es ist wird durch aus eine Tendenz sicht bar, dass für Kommunika tion im Internet lockerere Regeln gelten als in der unmittel- baren persön lichen Kommunika tion. Dabei zeigen sich starke Unterschiede zwischen den Alters gruppen: Für die Jüngeren trifft deut lich häufiger als bei 99 den Älteren zu, dass sie sich im Internet anders ver halten als bei persön lichen Begeg nungen. Um die Befragten hinsicht lich ihrer Einstel lungen zu unter scheiden, wurden die genannten zehn Items einer Faktoranalyse unter zogen.54 Es ergaben sich vier Faktoren: – Belästigung/ Unsicher heit: Die diesen Faktor definierenden Items sind „Es fällt mir manchmal schwer zu er kennen, ob es sich bei Informa tionen im Internet um Werbung handelt“ (Ladung .67), „Von den vielen Sex-Ange- boten im Internet fühle ich mich belästigt“ (.59) und „Vieles, was man im Internet sieht, ist mir zu aggressiv“ (.58). Alle Items weisen auf ein Gefühl der Ver unsiche rung gegen über dem Internet hin. Dazu passt, dass es eine negative Doppella dung mit dem Item „Ich kann mit dem Internet besser umgehen als die meisten meiner Bekannten und Freunde“ (–.43) gibt. – Chance zu eigener Aktivität: Dieser Faktor ist klar durch die beiden auf die Chancen des Internets bezogenen Items definiert, nämlich „Das Internet bietet mir Möglich keiten, selbst kreativ zu sein“ (.80) und „Mithilfe des Internets kann ich mich selbst an wichtigen Diskussionen beteiligen“ (.77). – Kritisches Misstrauen: Hohe Faktorla dungen auf dieser Dimension weisen die beiden folgenden Items auf: „Vielen Informa tionen im Internet kann man nicht ver trauen“ (.77) und „Im Internet muss man auf passen, dass man nicht ‚ab gezockt‘ wird, z. B. auf Homepages, die kosten pflichtige Dienste anbieten oder persön liche Daten sammeln, die dann für Werbung miss- braucht werden“ (.60). Beide spiegeln eine kritisch-misstraui sche Haltung gegen über den Angeboten des Internets wider. Hier findet sich die zweite Doppella dung des Items „Ich kann mit dem Internet besser umgehen als die meisten meiner Bekannten und Freunde“ (.47), die anzeigt, dass eine misstrauischere Haltung tendenziell mit höherer subjektiver Kompetenz ein- her geht. – Leicht fertig keit: Die beiden Items „Im Internet sage ich manchmal Dinge, die ich bei einem persön lichen Treffen nicht sagen würde“ (.79) und „Einige Inhalte, die im Netz über mich zu finden sind, sind mir pein lich“ (.65) beziehen sich auf leicht fertige Ver haltens weisen im Netz und die sich daraus möglicher weise er gebenden Konsequenzen. 54 Haupt komponenten analyse mit dem Kriterium Eigen wert ≥ 1 und Varimax-Rotation. Die vier er haltenen Faktoren er klären 53,5 Prozent der Varianz; einige Doppella dungen sowie die nicht allzu aus geprägten Ladungen der für die Faktoren maß geblichen Variablen zeigen an, dass die beschriebenen Dimensionen die bestehenden Einstel lungen nur zum Teil ab bilden. Aufgrund der guten Interpretier bar keit – die Faktor- struktur ent spricht den bei der Formulie rung der Fragen beabsichtigten Aspekten – werden die Ergebnisse der Analyse dem weiteren Auswertungs schritt zugrunde gelegt. 100 Die vier Dimensionen sind zum Teil nach Alter und Geschlecht unter schied- lich aus geprägt (siehe Tabelle 4.11). Weibliche Befragte und die 12- bis 14-Jähri- gen fühlen sich unsicherer und eher belästigt. Dass das Internet Chancen für eigene Aktivitäten bereithält, denken eher die männ lichen Befragten sowie die 15- bis 17-Jährigen. Das kritische Misstrauen steigt zunächst mit dem Alter, bei der ältesten Gruppe liegt es dann aber niedriger als bei allen anderen Gruppen; dies könnte eventuell daran liegen, dass in dieser Alters gruppe seriösere Internetangebote im Vordergrund der Nutzung stehen. Im Hinblick auf die Leicht fertig keit zeigt sich eine kontinuier lich sinkende Tendenz: Die Jüngsten ver halten sich im Netz am ehesten anders als bei persön lichen Treffen und berichten von pein lichen Informa tionen über sich im Netz, während dies bei der ältesten Gruppe am seltensten der Fall ist. Tabelle 4.11: Einstellungs dimensionen zum Internet nach Geschlecht und Alter männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Belästigung/Unsicher heit –0,10 0,11 0,26 –0,14 0,07 –0,12 Chance zu eigener Aktivität 0,22 –0,23 0,01 0,15 –0,11 –0,02 Kritisches Misstrauen –0,02 0,02 0,00 0,09 0,14 –0,17 Leicht fertig keit 0,03 –0,04 0,26 0,14 0,07 –0,31 Erläute rung: Dargestellt sind um gepolte Faktorwerte; positive Werte ent sprechen einer hohen Ausprä- gung des Merkmals. Die oben dargestellten Internet-Nutzer typen unter scheiden sich zum Teil recht deut lich im Hinblick auf diese Einstellungs dimensionen (siehe Tabelle 4.12). So sind die Wenignutzer vor allem durch das Gefühl der Ver unsiche rung ge- prägt, während die anderen Dimensionen gering aus geprägt sind. Die Commu- nity-Orientierten weisen insgesamt wenig profilierte Einstel lungen auf, sie sehen im Internet nur wenige Chancen zu eigener Aktivität und zeigen ein etwas über durchschnitt liches Misstrauen gegen über den Inhalten des Internets. Dem Nutzungs profil ent sprechend sehen die aktiven Informations manager aus- geprägte Chancen, sich im Internet kreativ zu betätigen und an Diskussionen teilzunehmen; demgegenüber fühlen sie sich kaum ver unsichert oder belästigt. Die Gruppe der Spieleorientierten weist in diesen beiden Dimensionen ähn- liche, wenn auch etwas weniger aus geprägte Werte auf, hebt sich aber dadurch von den aktiven Informations managern ab, dass das kritische Misstrauen gegen über den Inhalten des Internets sowie die spieleri sche, manchmal auch leicht fertige und mit pein lichen Konsequenzen ver bundene Haltung gegen über dem Internet stärker aus geprägt sind. Diese Ergebnisse bestätigen, dass die oben gebildeten Nutzer typen sich auch in ihrer Haltung gegen über dem Inter- net unter scheiden: Für die vier Gruppen bedeutet das Internet Unterschied- liches. 101 Tabelle 4.12: Einstellungs dimensionen zum Internet nach Clustern der Internetnut zung Cluster 1 Wenig nutzer Cluster 2 Community- Orientierte Cluster 3 Aktive Informations- manager Cluster 4 Spiele- Orientierte n = 268 n = 245 n = 88 n = 45 Belästigung/Unsicher heit 0,16 –0,05 –0,23 –0,21 Chance zu eigener Aktivität –0,17 –0,11 0,62 0,36 Kritisches Misstrauen –0,21 0,13 0,04 0,45 Leicht fertig keit –0,13 0,01 0,15 0,40 Erläute rung: Dargestellt sind um gepolte Faktorwerte; positive Werte ent sprechen einer hohen Ausprä- gung des Merkmals. Diese Unterschiede sollten sich auch in den konkreten Erfah rungen nieder- schlagen, die die Befragten mit dem Internet gemacht haben. Um Anhaltspunkte über mögliche negative Erfah rungen bei der Internet-Nutzung zu er halten, wurde im Fragebogen für drei konkrete Situa tionen gefragt, ob und, wenn ja, wie häufig die Jugend lichen und jungen Erwachsenen diese bereits erlebt haben. 28 Prozent der Befragten gaben an, im Internet bereits von jemandem be- lästigt worden zu sein (siehe Tabelle 4.13). Dieser Wert ist für weib liche etwas höher als für männ liche Befragte, besonders hoch liegt er allerdings bei den 18- bis 20-Jährigen. Unter den Internet-Nutzer typen sind ent sprechende Er- fah rungen mit Abstand am häufigsten bei den Spieleorientierten anzu treffen, die immerhin zu fast 50 Prozent sagen, dass sie bereits belästigt worden sind (siehe Tabelle 4.14). 13 Prozent hatten bereits erlebt, dass jemand Fotos oder Informa tionen von ihnen ins Internet gestellt hatte, mit denen sie nicht einverstanden waren. Dies ist bei Jungen und jungen Männern etwas häufiger; wieder berichten die 18- bis 20-Jährigen besonders häufig über ent sprechende Erfah rungen. Die Nutzer- typen unter scheiden sich in dieser Hinsicht nicht besonders deut lich, die beiden aktiveren Gruppen haben dies etwas häufiger erlebt. Neun Prozent gaben selbst kritisch an, dass sie selbst schon Dinge ins Netz gestellt haben, über die sich dann jemand beschwert hat. Hier liegen die männ- lichen Befragten deut lich vor den weib lichen; und abermals er reichen die 18- bis 20-Jährigen den mit Abstand höchsten Wert. Unter den Nutzer typen gibt es wieder eine Differenz zwischen den beiden weniger aktiven Gruppen einer- seits und den Informations managern und Spieleorientierten anderer seits; die beiden Letzteren haben bereits deut lich öfter Dinge ins Netz gestellt, über die sich dann jemand beschwert hat. 102 Tabelle 4.13: Negative Erfah rungen mit dem Internet nach Geschlecht und Alter (Befragte, die an geben, die betreffenden Erfah rungen bereits gemacht zu haben; in % der Befragten) Befragte, … Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 … die von jemandem im Internet belästigt worden sind 28 27 30 25 25 37 26 … von denen jemand Fotos oder Informa tionen ins Internet gestellt hat, mit denen sie nicht ein- verstanden waren 13 14 11 7 11 17 14 … die selbst schon einmal Dinge ins Internet gestellt haben, über die sich dann jemand be- schwert hat 9 12 5 6 5 17 6 Tabelle 4.14: Negative Erfah rungen mit dem Internet nach Nutzer typ (in % der Befragten) Befragte, … Cluster 1 Wenignutzer Cluster 2 Community- Orientierte Cluster 3 Aktive Informations- manager Cluster 4 Spiele- Orientierte n = 268 n = 245 n = 88 n = 45 … die von jemandem im Internet belästigt worden sind 24 30 28 47 … von denen jemand Fotos oder Informa tionen ins Internet gestellt hat, mit denen sie nicht einverstan- den waren 12 11 15 18 … die selbst schon einmal Dinge ins Internet gestellt haben, über die sich dann jemand beschwert hat 4 9 17 14 Die drei Arten von negativen Erfah rungen kommen denjenigen zufolge, die bereits damit zu tun hatten, in der Regel nur selten vor (siehe Tabelle 4.15). Nur wenige geben an, zumindest „gelegent lich“ oder gar „häufig“ belästigt zu werden. Diese 40 Befragten unter scheiden sich von den anderen durch ein signifikant stärkeres Misstrauen gegen über dem Internet; außerdem fühlen sie sich beim Umgang mit dem Internet am ehesten belästigt und ver unsichert – dieser Unterschied ist allerdings nur marginal signifikant. 103 Tabelle 4.15: Häufig keit negativer Erfah rungen mit dem Internet (in % der Befragten, die bereits ent sprechende Erfah rungen hatten) Befragte, … %-Anteil an Gesamt Zahl der Fälle davon (in %) häufig gelegent lich selten … die von jemandem im Internet be- lästigt worden sind 28 184 6 16 78 … von denen jemand Fotos oder Informa tionen ins Internet gestellt hat, mit denen sie nicht einverstanden waren 13 83 8 16 76 … die selbst schon einmal Dinge ins Internet gestellt haben, über die sich dann jemand beschwert hat 9 56 7 14 79 Für eine zusammen fassende Auswer tung im Hinblick auf negative Erfah- rungen wurde aus den drei genannten Items ein Summen index berechnet, in den jedes Item mit den Werten 0 = keine ent sprechende Erfah rung, 1 = seltene Erfah rungen und 2 = gelegent liche/ häufige Erfah rungen dieser Art einging. Männliche Befragte weisen einen tendenziell höheren Wert auf als weib liche, und die Alters gruppen unter scheiden sich signifikant dahingehend, dass die 18- bis 20-Jährigen die mit Abstand höchste Wahrscheinlich keit auf weisen, negative Erfah rungen mit dem Internet gemacht zu haben. Tabelle 4.16: Risiko erfah rung nach Geschlecht und Alter (Mittelwerte) Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Summen index Risiko erfah rung 0,61 0,65 0,56 0,45 0,47 0,93 0,56 Erläute rung: Berech nung des Index siehe Text; höhere Werte zeigen eine höhere Wahrscheinlich keit negativer Erfah rungen mit dem Internet an. Es liegt nahe, dass die hier genannten negativen Erfah rungen Zusammen- hänge mit den Einstel lungen gegen über dem Internet auf weisen. Diejenigen, die bereits belästigt wurden, stehen dem Internet signifikant misstraui scher gegen über, und sie zeigen sich tendenziell ver unsicherter; zugleich beschreiben sie sich als tendenziell leicht fertiger. Wer berichtet, dass bereits Fotos ohne Einverständnis ins Netz gestellt worden sind, weist eine signifikant leicht- fertigere Haltung gegen über dem Internet auf. Und auch die, die bereits Anlass zu Beschwerden Anderer gegeben haben, beschreiben ihre Haltung gegen über dem Internet als deut lich leicht fertiger. Diese Befunde deuten auf ein komplexes Wechsel verhältnis zwischen Ein- stel lungen, Nutzungs weisen und Erfah rungen hin: So kann eine leichfertigere Haltung zu ent sprechenden Nutzungs weisen führen, die die Wahrscheinlich keit 104 negativer Erfah rungen und ein Gefühl der Belästi gung erhöhen. Ver unsiche- rung geht eher mit ein geschränkten Formen der Nutzung einher, wodurch sich mögliche Risiken ver mindern, viele Erfah rungen subjektiv aber dennoch als Belästi gung empfunden und zugleich potenzielle Chancen der Internetnut zung nicht genutzt werden. Ein im Hinblick auf die Vorbeu gung möglicher Risiken ambivalenter Befund besteht darin, dass diejenigen, die sich im Ver gleich zu Freunden und Bekannten als kompetenter im Umgang mit dem Internet be- zeichnen, häufiger über negative Erfah rungen berichten – insbesondere haben sie nach eigenen Angaben selbst schon Anlass zu Beschwerden gegeben. 4.2 Nutzung konkreter Social Web-Angebote In der Befra gung wurde für insgesamt 30 Social Web-Angebote im weiteren Sinne direkt nach gefragt, ob sie bekannt sind, ob sie schon besucht wurden und, wenn ja, wie häufig dies der Fall ist. Darunter befinden sich zehn private Netz werk platt formen (SchülerVZ, StudiVZ, MySpace, meinVZ, Lokalisten, Wer- kennt-wen, Knuddels, Facebook, Schüler.cc und Netlog). Immerhin 16,8 Pro- zent der Befragten gaben an, noch keine einzige dieser Sites besucht zu haben, durch schnitt lich wurden knapp zwei ver schiedene Netz werk platt formen be- sucht. Spitzen reiter bei den meist genutzten dem Social Web zuzu rechnenden Web- sites55 sind in der Gesamt gruppe YouTube (88,6 %) und Wikipedia (84,4 %). Es folgen mit klarem Abstand ICQ (69,4 %), MyVideo (63,7 %), SchülerVZ (47,8 %), MSN (42,5 %), Clipfish (41,6 %), StudiVZ (37,2 %) und MySpace (30,4 %). Die übrigen nach gefragten Angebote er reichen weniger als ein Viertel der Befragten. Die beiden meist genutzten Angebote haben diese Position in allen vier Alters gruppen inne, bei den 15- bis 17-Jährigen er reichen beide Werte über 90 Prozent. Ver schie bungen ergeben sich naheliegender weise vor allem hin- sicht lich der Rolle von SchülerVZ (bei den beiden jüngeren Alters gruppen 63 bzw. 76 Prozent Nutzer gegen über 48 bzw. 19 Prozent bei den älteren) und – entsprechend um gekehrt – StudiVZ (8 bzw. 14 Prozent bei den Jüngeren, 47 bzw. 64 Prozent bei den Älteren). Die Daten dokumentieren die enorme Reichweite einzelner Netz werk platt- formen, die in den betreffenden Zielgruppen zwei Drittel bis drei Viertel der Zielgruppe er reichen und dabei auch sehr hohe Nutzungs häufig keiten er zielen. Bei den 12- bis 14-Jährigen er reicht SchülerVZ unter seinen Nutzern den 55 Bei der Abfrage wurde auch Google berücksichtigt, das insgesamt die höchste Reichweite erzielt (94,9 %), aber nicht dem Social Web zu gerechnet wird. 105 höchsten Durchschnitts wert über haupt (arithmeti sches Mittel: 1,93).56 Auch bei den 15- bis 17-Jährigen er reicht SchülerVZ diesen Wert, der aber von Google (1,60) über troffen und von YouTube (1,92) eben falls er reicht wird. Bei den beiden älteren Gruppen ist die Google-Nutzung noch häufiger (1,52 bzw. 1,49), bei den 21- bis 24-Jährigen wird zusätz lich StudiVZ häufiger als „mehr- mals pro Woche“ genutzt (1,97). Tabelle 4.17 gibt einen zusammen fassenden Überblick, wie viele Jugend- liche und junge Erwachsene die reichweiten stärksten Social Web-Angebote mindestens einmal pro Woche besuchen. Deutlich wird die Ausnahmerolle von YouTube, das vor allem bei männ lichen, aber auch bei den weib lichen Befragten sowie in fast allen Alters gruppen die höchste Reichweite erzielt – nur bei den Ältesten wird es knapp von StudiVZ über troffen wird. Es folgen Wikipedia und ICQ mit durch gängig hohen Reichweiten. SchülerVZ ist die zweit wichtigste Anlaufadresse für die unter 18-Jährigen, während StudiVZ wie gesehen bei den 21- bis 24-Jährigen im Vordergrund steht. Die Videoplatt- form MyVideo scheint vor allem für Jungen sowie für die jüngste Alters gruppe attraktiv zu sein. Die beiden einzigen weiteren Social Web-Angebote, die pro Woche von mindestens zehn Prozent der Befragten genutzt werden, sind MSN und MySpace, beide er zielen ihre höchsten Reichweiten bei den 15- bis 17-Jähri gen. Tabelle 4.17: Nutzung der reichweiten stärksten Social Web-Angebote (mindestens einmal pro Woche; in %) Gesamt männ lich weiblich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 YouTube 70 81 59 76 83 73 56 Wikipedia 55 61 49 53 61 58 50 ICQ 49 51 47 48 60 57 37 SchülerVZ 39 41 37 58 66 37 11 StudiVZ 30 28 32 2 10 37 57 MyVideo 27 39 15 45 35 24 13 MSN 25 22 27 24 33 28 17 MySpace 14 17 12 7 23 16 12 Die Ergebnisse zur Nutzung konkreter Angebote, die in Kapitel 6 für die wichtigsten Angebote weiter ver tieft werden, unter streichen, wie häufig einzelne Social Web-Angebote von der unter suchten Alters gruppe genutzt werden. Im Hinblick auf das Geschlecht zeigen sich dabei kaum Unterschiede bei Netz- werk platt formen und Instant Messaging-Anbietern; Jungen und junge Männer 56 Angesichts der ver wendeten Skala ent spricht dieser Wert einer Häufig keit, die leicht über dem Wert „mehr- mals pro Woche“ liegt. 106 nutzen hingegen deut lich häufiger Videoplatt formen und auch Wikipedia. Im Hinblick auf das Alter fällt die besondere Stellung der 15- bis 17-Jährigen auf: Diese weisen bei sechs der hier auf gelis teten acht populärsten Angebote die höchsten Reichweiten auf und er weisen sich damit erneut als die Gruppe, die Social Web-Angebote besonders intensiv nutzt. 4.3 Nutzung von Netz werk platt formen Im Folgenden geht es speziell um die Nutzung der meist genutzten Angebote des Social Web, der Netz werk platt formen bzw. Online-Communities bzw. Social Networking Sites (SNS). 4.3.1 Häufig keit der Nutzung von Netz werk platt formen in ver schiedenen Teilgruppen Mit einem Mittelwert von 2,79 gibt die Gesamt gruppe an, etwas mehr als einmal pro Woche Online-Communities zu besuchen. Ver glichen mit anderen Online-Aktivitäten ist dies ein hoher Wert: Nur die Nutzung von Such maschi- nen, das Senden und Empfangen von E-Mails und die Nutzung von Instant Messenger-Diensten er zielen höhere Werte. Es zeigt sich ein steiler Anstieg von der Gruppe der 12- bis 14-Jährigen (M = 3,19) zu den 15- bis 17-Jährigen (M = 2,23). Die beiden älteren Gruppen liegen etwa gleichauf zwischen diesen beiden Gruppen. Im Detail betrachtet sind die 16-Jährigen die mit Abstand intensivsten Nutzer von SNS (siehe Ab- bil dung 4.1). Ein starker Anstieg des Interesses ist zwischen 12 und 13 Jahren zu beobachten. Mädchen nutzen SNS etwas häufiger als Jungen, dieser Unter- schied ist aber nicht signifikant. Die Nutzung von SNS ist in die allgemeine Online-Nutzung ein gebunden; der Zusammen hang zwischen der Häufig keit des Besuchs von Online-Com- mu nities und der allgemeinen Online-Nutzung beträgt für die Gesamtstichprobe r = .35. Dieser Zusammen hang variiert jedoch erheb lich je nach Alters gruppe. So hängt die Online-Nutzung bei den 12- bis 14-Jährigen besonders eng mit der SNS-Nutzung zusammen (r = .52). Bei den 15- bis 17-Jährigen ist der Zusammen hang hingegen deut lich niedriger aus geprägt (r = .16); diese Gruppe nutzt SNS zwar mit Abstand am häufigsten, offensicht lich differenziert sich aber in dieser Alters gruppe die Internet-Nutzung auch stark aus, sodass sich ver schiedene Nutzungs muster heraus bilden. Die beiden älteren Gruppen liegen wiederum zwischen diesen beiden Extremen (r = .30 bzw. r = .32). 107 Abbil dung 4.1: Häufig keit der SNS-Nutzung nach Alter (Mittelwerte über eine Skala von 1 = täglich bis 7 = nie) Die Zusammen hänge der SNS-Nutzung mit der Internet-Nutzungs dauer sind etwas geringer, folgen aber demselben Muster (gesamt: r = .17; 12 bis 14 Jahre: r = .27; 15 bis 17 Jahre: r = .03; 18 bis 20 Jahre: r = .20; 21 bis 24 Jahre: r = .13). Die Korrela tionen der Nutzung von Online-Communities mit den anderen Online-Aktivitäten sind aus schließ lich positiv. Am engsten ist der Zusammen- hang mit der Nutzung von E-Mails (r = .34) und Instant Messenger (r = .34); der Umgang mit Online-Communities ist also auch eng mit anderen kom mu- nikativen Aktivitäten ver bunden. Es folgen Aktivitäten, die auf eine gezielte Informations suche hinweisen: nach Informa tionen für Schule, Studium oder Beruf suchen (r = .28), Beiträge in News groups oder Foren lesen (r = .25) bzw. schreiben (r = .25), in Wikis lesen (r = .24), Nachrichten bzw. aktuelle Infor- ma tionen abrufen (r = .23). Keinerlei Zusammen hang zeigt sich mit der Nutzung von Online-Spielen. Diese Zusammen hänge bleiben in dieser Reihen folge auch weit gehend er- halten, wenn man die Partial korrela tion unter Kontrolle der allgemeinen On- line-Nutzung berechnet, um so erkenn bar zu machen, inwieweit die Zu sam- men hänge Ausdruck einer generell häufigeren oder selten eren Internet-Nutzung sind oder aber die spezifi sche Beziehung zwischen je zwei Aktivitäten wider- spiegeln. Bei dieser Art der Auswer tung werden wieder Unterschiede zwischen den Alters gruppen erkenn bar. Bei den beiden älteren Gruppen ist die Korrela- mehrmals pro Woche einmal pro Woche einmal in 14 Tagen täglich 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 4,0 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 Alter 108 tion mit der Suche nach Informa tionen im Zusammen hang mit Beruf, Schule oder Studium deut lich stärker (r = .29 und r = .32) als bei den jüngeren (jeweils r = .10); dasselbe gilt für das Lesen in Wikis. Besonders auf fallend bei den 21- bis 24-Jährigen ist der starke Zusammen hang mit der E-Mail-Nutzung (r = .42). Die damit an gesprochenen Fragen der Einbet tung der SNS-Nutzung in andere Medien- und Kommunikations dienste werden in Kapitel 7 ver tiefend behandelt. 4.3.2 Umgang mit eigenen Profilen Alle Befragten, die ent weder an gegeben hatten, dass sie mindestens „selten“ Online-Communities nutzen, oder mindestens eine der zehn direkt ab gefragten privaten Communities genutzt hatten (n = 578), wurden gefragt, ob sie ein eigenes Profil bei einer Community oder bei mehreren ver schiedenen Com- mu nities ein gerichtet haben. Anhand dieser Indikatoren lässt sich die Gruppe der Jugend lichen und jungen Erwachsenen in folgende Teilgruppen unter teilen: a) solche, die SNS nie nutzen; b) solche, die zwar an geben, SNS zu nutzen, dort aber kein eigenes Profil ein gerichtet haben; c) Befragte mit einem eigenen Profil auf einer SNS; d) Befragte, die auf mehreren ver schiedenen SNS ein Profil ein gerichtet haben. Abbil dung 4.2 gibt einen Überblick, wie diese Teil- gruppen in den Alters stufen ver treten sind. Abbil dung 4.2: SNS-Nicht-Nutzer, Nutzer ohne eigenes Profil sowie Nutzer mit einem oder mehreren Profilen nach Alters gruppen (in %) 16,9 4,8 9,3 12,8 10,9 14,6 9,5 14,3 12,8 12,8 39,2 44,9 32,9 40,8 39,4 29,2 40,8 43,5 33,6 36,8 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre Gesamt Keine SNS-Nutzung SNS-Nutzung ohne Profil Profil bei einer SNS Profile bei mehreren SNS 109 Sich mit Online-Communities zu beschäftigen, indem man dort unter ande- rem ein eigenes Profil anlegt und pflegt, gehört für mehr als drei Viertel der Befragten zum Alltag. Dieser Anteil ist wiederum bei den 15- bis 17-Jährigen am höchsten (85,7 %). Profile bei mehreren Communities einzu richten, ist bei den 18- bis 20-Jährigen am häufigsten (43,5 %) und bei den Jüngsten am seltensten (29,2 %). Die Teilgruppe derjenigen, die die Online-Communities nach eigenen Angaben über haupt nicht besuchen, umfasst insgesamt knapp elf Prozent, bei den 15- bis 17-Jährigen sind es nur fünf, bei den 12- bis 14-Jährigen noch knapp 17 Prozent. Mädchen und junge Frauen benutzen insgesamt häufiger ein eigenes Profil (81,1 %) als Jungen und junge Männer (71,4 %), konzentrieren sich dabei aber stärker auf eine einzige Community (46,1 %) als die männ lichen Befragten (33,0 %), während diese häufiger an- geben, in mehreren Communities Profile anzu legen (38,4 % vs. 35,0 %). Die nachfolgenden Auswer tungen zur Nutzung von SNS basieren nur auf der Gruppe derjenigen, die an gegeben haben, sich ein eigenes Profil ein- gerichtet zu haben; das sind n = 495 Fälle (76,2 % aller Befragten). Ihnen wurden weitere Fragen gestellt, die sich auf das meist genutzte Angebot dieser Art bezogen. Typisch für den Umgang mit den Profilen bei der meist genutzten Community ist, dass sich die Befragten täglich mit ihnen anmelden (57,0 %), insgesamt fast 85 Prozent geben an, sich mindestens mehrmals pro Woche anzu melden. Dabei zeigen sich keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern, auch die geringen Unterschiede zwischen den Alters gruppen, die dem ver- trauten Muster ent sprechen (15- bis 17-Jährige melden sich am häufigsten an, 12- bis 14-Jährige am seltensten) sind nicht signifikant. In der meist genutzten Community haben die Befragten im Durchschnitt 131 „Freunde oder Kontakte“57, die 15- bis 17-Jährigen etwas mehr (146), die 21- bis 24-Jährigen weniger (114). In aller Regel (84,8 %) geben die Befragten an, dass sie die meisten dieser Kontakte schon einmal persön lich getroffen haben, nur bei 4,4 Prozent sind dies weniger als die Hälfte. Die Geschlechter unter- scheiden sich in dieser Hinsicht nicht signifikant, sehr wohl allerdings die Alters gruppen: Der Anteil derjenigen, die an geben, dass sie die meisten dieser Kontakte schon persön lich getroffen haben, steigt von den 12- bis 14-Jährigen (71,1 %) über die 15- bis 17-Jährigen (77,0 %), die 18- bis 20-Jährigen (90,2 %) bis zu den 21- bis 24-Jährigen (94,9 %) kontinuier lich an. Danach ist es also gerade bei den Jüngeren am wahrschein lichsten, dass sie die Personen in ihrer Kontakt liste nicht persön lich kennen, also auch am wenigsten einschätzen kön- nen, wie diese mit den dort ein gestellten Informa tionen umgehen werden. Auf die Frage, ob diese Kontakte in der Online-Community zu ihren engen Freunden zählen, sagen 14,7 Prozent „die meisten“, 23,4 Prozent „etwa die 57 Die Frage lautete: „Wenn Du mal an die von Dir am meisten genutzte Community denkst: Wie viele Personen ungefähr sind in der Liste Deiner Freunde oder Kontakte?“ 110 Hälfte“ und die deut liche Mehrheit (58,0 %) „weniger als die Hälfte“. Mit dem Alter nimmt der Anteil der engen Freunde unter den Kontakten signifikant ab: Die beiden Antwort kategorien „die meisten“ und „etwa die Hälfte“ machen bei den 12- bis 14-Jährigen 47,2 Prozent aus; bei den 15- bis 17-Jährigen sind es 45,7 Prozent, bei den 18- bis 20-Jährigen 34,4 Prozent und bei den 21- bis 24-Jährigen 30,0 Prozent. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die beiden jüngeren Alters gruppen den weitesten Begriff von „enger Freund schaft“ haben, der auch weite Teile ihres großen und, wie oben gesehen, nur zum Teil persön- lich bekannten Kontakt netz werks umfasst; damit erhöht sich auch das poten- zielle Risiko, was mit den privaten Informa tionen geschieht, die im Rahmen der Communities ver meint lich „unter Freunden“ zur Ver fügung gestellt wer den. Es ist plausibel anzu nehmen, dass diejenigen, die einen größeren Freundes- bzw. Kontakt kreis an geben, mit größerer Wahrscheinlich keit nicht all diese Kontakte persön lich kennen und auch nicht zu ihren engen Freunden zählen. Dieser Zusammen hang lässt sich bestätigen; gleichwohl haben auch die Befrag- ten, die sagen, dass sie „die meisten ihrer Kontakte zu ihren engen Freunden zählen“, immerhin noch im Schnitt 100 Kontakte. Fasst man die beiden Beschreibungs merkmale der Kontakt netz werke zu- sammen, so lassen sich drei Gruppen bilden (vgl. Tabelle 4.18): – Erstens Befragte, denen die meisten Personen in ihrer Freundes liste persön- lich bekannt sind und die mindestens die Hälfte dieser Personen als enge Freunde bezeichnen; die Kontakt netz werke der betreffenden Personen sind mit durch schnitt lich 105 Kontakten ver gleichs weise klein. Diesem Muster gehört gut ein Drittel der Befragten an, insbesondere bei den 15- bis 17-Jährigen kommt es häufiger vor, bei den 21- bis 24-Jährigen deut lich seltener. – Die zweite Gruppe umfasst Befragte, die mit 140 deut lich mehr Kontakte haben, aber eben falls die meisten dieser Kontakte persön lich kennen; aller- dings bezeichnen sie weniger als die Hälfte von ihnen als enge Freunde. Dieses Muster zeigt die Hälfte der Befragten. Hier sind weib liche Befragte sowie insbesondere die beiden älteren Alters gruppen deut lich über reprä- sentiert: Bei den 21- bis 24-Jährigen fallen zwei Drittel in diese Gruppe, bei den Jüngeren nur ein Drittel. – Die dritte Gruppe schließ lich sind die 15 Prozent der Befragten, die an- gaben, dass sie höchstens die Hälfte ihrer Kontakte auch persön lich kennen. Diese ver fügen plausibler weise mit durch schnitt lich 165 Kontakten über die größten Freundes listen. Das ent sprechende Muster wird von männ lichen häufiger als von weib lichen Befragten beschrieben, es ist aber vor allem ein Kennzeichen der jüngsten Alters gruppen: Fast 30 Prozent der 12- bis 14-Jährigen beschreiben ein in diesem Sinne von sehr schwachen Bindun- gen geprägtes, sehr großes Kontakt netz werk. 111 Tabelle 4.18: Gruppen, die sich in der Zusammen setzung ihrer Kontakt netz werke unter- scheiden (in %) Befragte, … in deren Kontakt - netzwerk … Gesamt männlich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 495 n = 238 n = 257 n = 89 n = 126 n = 123 n = 157 … die meisten persön- lich bekannt sind und mindestens die Hälfte als enge Freunde be- zeichnet werden (durch- schnitt lich 105 Kontakte) 35 35 34 38 43 32 28 … die meisten persön- lich bekannt sind und weniger als die Hälfte als enge Freunde be- zeichnet werden (durch- schnitt lich 140 Kontakte) 50 47 54 33 35 58 67 … höchstens die Hälfte persön lich bekannt sind (durch schnitt lich 165 Kontakte) 15 18 12 29 22 10 10 Die Befunde unter streichen den obigen Befund, dass sich gerade die jünge- ren Nutzer von Online-Communities in sehr ver zweigten Netz werken bewegen, in denen ihnen viele Mitglieder nicht persön lich bekannt, geschweige denn freund schaft lich ver bunden sind. Damit birgt die Öffentlich keit, in der sie sich mit ihrem Profil offen baren, auch mehr Risiken. Dies wird bestätigt durch den Befund, dass sich die drei hier unter schiedenen Gruppen in ihrer Risiko erfah- rung unter scheiden: Es zeigt sich ein linearer Trend dahingehend, dass die Gruppe mit dem engsten Freundes kreis anhand des gebildeten Summen index für Risiko erfah rung (vgl. oben, Tabelle 4.16) den niedrigsten Wert auf weist (Index: 0,51), die mittlere Gruppe einen mittleren (0,66) und die Gruppe mit den schwächsten Bindun gen und dem größten Kontakt netz werk den höchsten Wert (0,72) erzielt. Die eigenen Profile werden wie oben gesehen oft genutzt, im Mittel zwi- schen „mehrmals pro Woche“ und „täglich“. Die häufigste Aktivität beim Besuch von Online-Communities ist es, anderen Nutzern private Nachrichten zu schreiben (vgl. Tabelle 4.19); der Mittelwert von 2,26 zeigt eine Häufig keit von etwas weniger als „mehrmals pro Woche“ an. Diese Tätig keit ist in allen Alters gruppen am häufigsten. Es folgt das Stöbern in Profilen anderer Mit- glieder (dies ist besonders bei den 15- bis 17-Jährigen beliebt) vor Einträgen in Gästebücher oder auf Pinnwänden anderer Nutzer (etwa einmal pro Woche). Die Suche nach Informa tionen, die Aktualisie rung des eigenen Profils sowie das Hochladen eigener Fotos kommen noch deut lich seltener vor. Die beiden letzt genannten Aktivitäten sind bei den beiden jüngeren Alters gruppen deut- lich häufiger als bei den älteren. 112 Tabelle 4.19: Häufig keit von Aktivitäten im Zusammen hang mit dem eigenen Profil auf der meist genutzten Online-Community nach Geschlecht und Alter (Mittelwerte; Basis: Befragte, die ein eigenes Profil ein gerichtet haben) Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 495 n = 238 n = 257 n = 89 n = 126 n = 123 n = 157 Nutzungs häufig keit des Profils 1,70 1,71 1,68 1,85 1,60 1,64 1,73 Private Nachrichten an andere Nutzer in der Community 2,26 2,35 2,17 2,21 2,11 2,18 2,47 Stöbern in Profilen anderer Mitglieder 2,75 2,73 2,78 2,99 2,26 2,68 3,07 Einträge auf der Pinn- wand oder in das Gäste- buch von ande- ren Profilen 3,06 3,18 2,95 2,88 2,99 2,87 3,36 Suche nach Kontakten, Bekannten 3,60 3,39 3,79 3,46 3,34 3,29 4,12 Aktualisie rung des eigenen Profils 4,40 4,29 4,50 3,84 3,82 4,62 5,01 Suche nach Informa- tionen 4,82 4,60 5,02 4,62 4,79 4,77 4,99 Eigene Fotos hochladen 4,97 5,08 4,87 4,42 4,74 5,04 5,41 Erläute rung: Angegeben sind Mittelwerte über die Antwort kategorien 1 = täglich, 2 = mehrmals pro Woche, 3 = einmal pro Woche, 4 = einmal in 14 Tagen, 5 = einmal im Monat, 6 = seltener, 7 = nie. Die hier ab gefragten Aktivitäten sind unter einander allesamt signifikant positiv korreliert; eine explorative Faktoranalyse weist ledig lich einen Faktor aus, der 41 Prozent der Varianz erklärt. Die Befragten folgen also dem Motto „the more the more“, sie unter scheiden sich vor allem in der Häufig keit sämt- licher Aktivitäten in den Communities. Um eventuell doch eine Struktur der ab gefragten Aktivitäten zu er kennen, wurde die allgemein er fragte Häufig keit der Nutzung des Profils aus der Häufig keit der ver schiedenen Aktivitäten heraus gerechnet, indem per Re gres- sions analyse standardisierte Residuen für jede der Aktivitäten bestimmt wur- den. Eine explorative Faktoranalyse über diese Residuen ergibt zwei Faktoren, die 34 bzw. 15 Prozent der Varianz er klären, zwar einige Doppella dungen auf weisen, allerdings plausibel interpretier bar sind: – Faktor 1 lädt vor allem bei den Items, die sich explizit auf andere Nutzer der Communities beziehen, und erfasst daher das „Interesse an Kontakten“. – Faktor 2 lädt vor allem bei den Items, die sich auf die Aktualisie rung des eigenen Profils, das Hochladen von Fotos sowie die Suche nach Informa- tionen beziehen, und erfasst damit das Interesse an „Selbst darstel lung“. Das Interesse an Kontakten wie auch an Selbst darstel lung ist bei den Jüngsten am stärksten aus geprägt und nimmt mit dem Alter kontinuier lich ab; der 113 Effekt ist für beide Faktoren hoch signifikant. Das Interesse an Kontakten ist tendenziell bei Mädchen stärker aus geprägt als bei Jungen, während bei Jungen die Selbst darstel lung signifikant größere Bedeu tung hat. Neben den Aktivitäten wurden auch allgemeine Einstel lungen zum Umgang mit privaten Informa tionen in den Communities erfasst, die der Untersuchung ver schiedener Formen des Identitäts managements dienen. Die Auswer tung (siehe Tabelle 4.20) zeigt zunächst, dass die „politisch korrekten“ und damit möglicher weise auch besonders sozial er wünschten Items „Ich achte darauf, dass keine Inhalte von mir im Internet stehen, die mir schaden könnten“ sowie Tabelle 4.20: Einstel lungen zum Umgang mit privaten Informa tionen beim Umgang mit Online-Communities nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 495 n = 238 n = 257 n = 89 n = 126 n = 123 n = 157 Ich achte darauf, dass keine Inhalte von mir im Internet stehen, die mir schaden könnten. 1,43 1,53 1,35 1,36 1,34 1,45 1,54 Es ist mir wichtig, mich im Internet so zu zeigen, wie ich wirk lich bin. 1,56 1,57 1,55 1,57 1,38 1,45 1,78 Bestimmte Informa tio- nen über mich sind nur für meine Freunde bzw. Kontakte zugäng lich. 1,87 2,07 1,69 1,61 2,07 1,99 1,76 Es ist mir wichtig, dass Andere im Internet einen möglichst guten Eindruck von mir be- kommen. 2,50 2,32 2,67 2,21 2,42 2,48 2,76 Es ist mir wichtig, dass mein Profil etwas Be- sonderes ist und sich von anderen unter- scheidet. 2,77 2,75 2,78 2,54 2,61 2,89 2,94 Mir ist wichtig zu zeigen, dass ich einen großen Freundes kreis habe. 3,23 3,15 3,32 2,75 3,23 3,33 3,44 Ich hätte gern eine Seite, auf der Angaben über meine Person aus ver- schiedenen Stellen im Internet gebündelt sind. 3,44 3,35 3,52 3,41 3,31 3,32 3,64 Ich habe auch Profile, in denen ich mich ganz anders darstelle, als ich wirk lich bin. 3,83 3,81 3,85 3,67 3,71 3,89 3,96 Erläute rung: Angegeben sind Mittelwerte über die Antwort kategorien „stimme 1 = voll und ganz, 2 = weit gehend, 3 = weniger, 4 = gar nicht zu“. 114 „Bestimmte Informa tionen über mich sind nur für meine Freunde bzw. Kon- takte zugäng lich“ die stärkste Zustim mung er halten. In beiden Fällen stimmen weib liche Befragte stärker zu als männ liche; bei 15- bis 17-Jährigen spielt der Grundsatz, bestimmte Informa tionen nur für Freunde verfüg bar zu machen, die geringste Rolle. Das am zweit stärksten unter stützte Item „Es ist mir wichtig, mich im Internet so zu zeigen, wie ich wirk lich bin“ unter streicht den Wunsch nach Authentizität; dazu passt, dass Profile, „in denen ich mich ganz anders dar- stelle, als ich wirk lich bin“ fast einhellig ab gelehnt werden. Mittlere Zustim- mung er halten Items, die sich auf die Erwar tungen an das eigene Profil be- ziehen, so die Wichtig keit, im Internet einen guten Eindruck zu machen und sich mit dem eigenen Profil von Anderen zu unter scheiden. Der gute Eindruck ist männ lichen Befragten wichtiger als weib lichen, vor allem aber zeigt sich, dass die Bedeu tung dieser selbst darstellungs orientierten Haltun gen für die Jüngsten am größten ist und mit dem Alter nachlässt. Die Größe des Freundes- kreises ist eben falls männ lichen Befragten und den Jüngsten wichtiger. Insgesamt weisen die in diesen Ergebnissen zum Ausdruck kommenden Einstel lungen auf ein Spannungs verhältnis zwischen dem hohen Authentizitäts- anspruch einer seits und dem eben falls aus geprägten Wunsch nach Kontrolle über die persön lichen Informa tionen und das eigene Erscheinungs bild im Netz hin: Diese beiden Ziele sind nur begrenzt miteinander verein bar und werden ent sprechend im alltäg lichen Umgang mit dem eigenen Profil mal auf der einen, mal auf der anderen Seite Abstriche er fordern. Auch diese Itembatterie wurde per explorativer Faktoranalyse (Haupt kom- ponenten analyse mit Varimax-Rotation) auf ihre dimensionale Struktur unter- sucht; dabei ergaben sich drei gut interpretier bare Faktoren, die zusammen 52 Prozent der Varianz er klären. – Faktor 1 umfasst die Items, mit denen die Befragten zum Ausdruck bringen, dass sie im Netz einen guten Eindruck machen wollen, dass sie zeigen, wie sie wirk lich sind und dass sie einen großen Freundes kreis haben. Dass hier der gute Eindruck und die authenti sche Selbst darstel lung in einem Faktor zusammen fallen, deutet eine Lösung für das oben genannte Spannungs- verhältnis an: Der Wunsch, sich zu zeigen, wie man wirk lich ist, richtet sich vor allem auf die guten Seiten, mit denen man einen guten Eindruck machen kann. – Faktor 2 zeigt eine gewisse Experimentierfreude an, er umfasst in erster Linie den Aspekt, dass man sich in einigen Profilen auch ganz anders darstellt, als man eigent lich ist; dies geht einher mit der Zustim mung zu der Idee, eine Seite zu haben, auf der Angaben über die Person aus ver- schiedenen Stellen im Internet gebündelt sind. Diese Items er fahren wie gesehen nur ver gleichs weise wenig Zustim mung. Die Bezeich nung Experi- 115 mentierfreude für diese Einstellungs dimension soll ihren ambivalenten Charakter betonen: Sie kombiniert einen spieleri schen, sich aus probierenden Umgang mit den eigenen Profilen mit er höhten Risiken, die daraus im Hinblick auf die Kontrolle über die eigenen Daten sowie auf die Authen- tizität der Kommunika tion er wachsen. – Auf Faktor 3 schließ lich laden die beiden Items, die auf ein Bewusstsein für den Umgang mit privaten Informa tionen schließen lassen, indem darauf geachtet wird, dass keine potenziell schäd lichen Inhalte im Netz stehen und dass bestimmte Informa tionen nur im Freundes kreis publik gemacht werden. Im Hinblick auf das Alter (vgl. Tabelle 4.21) zeigen die ersten beiden Faktoren signifikante Zusammen hänge dahingehend, dass die ent sprechenden Merkmale bei den Jüngsten am stärksten aus geprägt sind und mit dem Alter kontinuier- lich ab nehmen. Auch die vor sichtige Haltung im Hinblick auf private Informa- tionen ist bei den Jüngsten im Ver gleich zu den anderen drei Gruppen am stärksten aus geprägt, dieser Unterschied ist aber nicht signifikant. Tabelle 4.21: Einstellungs dimensionen beim Umgang mit dem eigenen Profil nach Geschlecht und Alter (Mittlere Faktorwerte) Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 495 n = 238 n = 257 n = 89 n = 126 n = 123 n = 157 Wunsch, einen guten Eindruck zu machen 0,00 0,11 –0,10 0,27 0,13 0,04 –0,29 Experimentierfreude 0,00 0,07 –0,07 0,34 0,15 –0,10 –0,23 Bewusster Umgang mit privaten Informa tionen 0,00 –0,17 0,16 0,19 –0,04 –0,09 –0,01 Erläute rung: Umgepolte Werte, d. h. positive Werte zeigen eine hohe Ausprä gung der Dimension an. Zwischen den Geschlechtern zeigen sich signifikante Unterschiede hinsicht- lich des Wunschs, einen guten Eindruck zu machen – dieser ist bei Jungen stärker aus geprägt –, und des bewussten Umgangs mit privaten Informa tionen, auf den die Mädchen stärker achten. Die Tendenz, dass Jungen etwas mehr Experimentierfreude zeigen, ist nicht signifikant. Insgesamt unter streichen die Befunde, dass Jüngere den Online-Commu- nities gegen über deut lich aus geprägtere Einstel lungen haben: Sie er warten mehr von ihnen, und sie nutzen sie ent sprechend vielfältiger und intensiver. 116 4.3.3 Typen des Umgangs mit SNS Ausgehend von der oben (Abbil dung 4.2) vor genommenen Unterschei dung von Teilgruppen, die sich in ihrem Umgang mit SNS unter scheiden, wurde die Gesamt gruppe der Befragten zunächst in drei Gruppen geteilt: – Diejenigen, die an geben, niemals Online-Communities zu nutzen, und bei keiner der zehn ab gefragten SNS an geben, sie genutzt zu haben. Es handelt sich um die Nicht-Nutzer (n = 72, 11 % der Stichprobe). – Diejenigen, die zwar an geben, ab und zu SNS zu besuchen, die aber kein eigenes Profil ein gerichtet haben, also die Randnutzer ohne Profil (n = 83, 12,8 % der Stichprobe). – Diejenigen, die ein Profil ein gerichtet haben und zu den Kern nutzern von SNS gezählt werden können (n = 495, 76,2 % der Stichprobe). Diese Kern nutzer, die ja mehr als drei Viertel der Stichprobe aus machen, sind für die Studie von besonderem Interesse, daher sollen sie auf der Basis der zuvor geschilderten Aktivitäten und Einstel lungen gegen über SNS unter teilt werden. Dazu wurde eine erste explorative Clusterzentren analyse berechnet. In diese flossen folgende Variablen ein: – Die Häufig keit, mit der sich die Befragten mit dem eigenen Profil anmelden (z-standardisiert); – die beiden Faktoren „Interesse an Kontakten“ und „Selbst darstel lung“, die aus den Antworten zu den Aktivitäten beim Besuch von SNS gebildet wurden; – die drei Faktoren, die aus den Einstellungs items gegen über SNS gebildet wurden: der Wunsch, einen guten Eindruck zu machen; die Experimentier- freude; der bewusste Umgang mit privaten Daten; – die Zahl der Freunde und Kontakte im eigenen Netz werk (z-standardisiert); – der Anteil der engen Freunde am eigenen Kontakt netz werk (z-standardisiert). Im Sinne einer möglichst differenzierten Lösung, die als Diskussions grundlage für künftige gezielte Untersuchungen zu den Umgangs weisen mit Netz werk- platt formen dienen kann, wurde anhand des Kriteriums der Interpretier bar keit eine 7-Cluster-Lösung gewählt. Die Cluster lassen sich wie folgt beschreiben (siehe dazu Tabelle 4.22); die Reihen folge der Darstel lung folgt der Größe der Cluster: – Der erste Nutzer typ, der am häufigsten zu beobachten ist, weist keine be- sonders aus geprägten Merkmale auf; am auf fälligsten ist noch das Aus ein- anderklaffen zwischen einem über durchschnitt lich aus geprägten Interesse an Kontakten und einem sehr geringen Interesse an Selbst darstel lung. Die Zahl der Kontakte ist durch schnitt lich, allerdings werden diese seltener als bei allen anderen Gruppen als enge Freunde betrachtet. Die Experimen- tierfreude ist gering aus geprägt. In dieser Gruppe sind Mädchen und junge 117 Frauen sowie die 21- bis 24-Jährigen über repräsentiert, insbesondere die Jüngsten sind unter repräsentiert. Als Kurzcharakteristik für diese Gruppe wird „Routinierte Kontakt pfleger“ gewählt. – Der zweite Nutzer typ rückt bei den Besuchen auf Online-Communities die Selbst darstel lung in den Vordergrund; das ist ver bunden mit dem aus- geprägten Wunsch, im Internet einen guten Eindruck zu machen. Dabei wird zum Teil auch mit ver schiedenen Profilen experimentiert. In dieser Gruppe sind Jungen über repräsentiert, ebenso die beiden jüngeren Alters- gruppen. Nur wenige über 20-Jährige werden diesem Typ zu geordnet. Diese Befragten lassen sich unter der Bezeich nung „Außen orientierte Selbst dar- steller“ zusammen fassen. Tabelle 4.22: Umgang mit SNS in Abhängig keit vom Nutzer typ Cluster 1 Cluster 2 Cluster 3 Cluster 4 Cluster 5 Cluster 6 Cluster 7 n = 150 n = 101 n = 65 n = 59 n = 58 n = 42 n = 18 Häufig keit Profil aufruf1 1,43 1,46 1,65 1,49 1,16 4,29 1,76 Anteil mehrere Profile2 49,0 55,9 45,3 36,8 72,9 16,3 44,4 Kontakt netz werk: Zahl Freunde/Kontakte 114 118 90 59 375 55 110 Anteil persön lich be- kannt3 1,14 1,29 1,18 1,06 1,40 1,20 1,30 Anteil enge Freunde4 2,88 2,46 2,83 1,23 2,67 2,37 2,47 Aktivitäten beim Besuch von Netz werk platt formen (Faktorwerte, positive Werte ent sprechen hohen Ausprä gungen des jeweiligen Merkmals): Kontakt suche und -pflege 0,38 0,28 –1,60 –0,39 0,52 0,13 0,00 Selbst darstel lung –0,76 0,99 –0,14 –0,20 0,48 –0,03 0,50 Einstel lungen gegen über dem Umgang mit Netz werk platt formen (Faktorwerte, positive Werte ent sprechen hohen Ausprä gungen des jeweiligen Merkmals): Guten Eindruck machen –0,14 1,01 –0,52 –0,01 0,04 –0,65 –1,23 Experimentierfreude –0,36 0,37 –0,39 –0,29 0,09 –0,20 3,42 Private Daten beachten –0,09 –0,06 –0,02 0,14 0,06 0,21 0,05 Anteil der Geschlechts-/Alters gruppen an den Nutzer gruppen (in %): männlich 42,5 58,4 54,0 42,9 42,4 46,5 55,6 weiblich 57,5 41,6 46,0 57,1 57,6 53,3 44,4 12 bis 14 Jahre 10,5 29,7 12,5 16,1 18,3 20,9 33,3 15 bis 17 Jahre 20,9 29,7 17,2 35,7 26,7 16,3 61,1 18 bis 20 Jahre 24,2 24,8 26,6 25,0 28,3 25,6 5,6 21 bis 24 Jahre 44,4 15,8 43,8 23,2 26,7 37,2 0,0 1 Niedrigere Werte zeigen eine häufigere Nutzung an; Antwort skala: 1 = täglich, 2 = mehrmals pro Woche, 3 = einmal pro Woche, 4 = einmal in 14 Tagen, 5 = einmal im Monat, 6 = seltener, 7 = nie. 2 Anteil der Personen, die Profile auf mehr als einer Netz werk platt form unter halten (in %). Dieses Merkmal wurde bei der Clusterbil dung nicht berücksichtigt, wird hier aber zur differenzierten Beschrei bung der Cluster zusätz lich heran gezogen. 3 Dieses Merkmal wurde bei der Cluster- bil dung auf grund der geringen Varianz – 85 % gaben an, die meisten Kontakte persön lich getroffen zu haben – nicht berücksichtigt; niedrigere Werte zeigen einen höheren Anteil persön lich bekannter Kontakte an; Antwort skala: 1 = die meisten, 2 = etwa die Hälfte, 3 = weniger als die Hälfte, 4 = prak- tisch niemand. 4 Niedrigere Werte zeigen einen höheren Anteil enger Freunde an; Antwort skala: 1 = die meisten, 2 = etwa die Hälfte, 3 = weniger als die Hälfte, 4 = praktisch niemand. 118 – Die dem dritten Nutzer typ zu geordneten Befragten gehen ver gleichs weise zurück haltend mit den SNS um, insbesondere sind sie wenig an Kontakt- pflege interessiert. Dennoch ver fügen sie über ein mittelgroßes Kontakt- netz werk, halten diese Kontakte aber selten für enge Freunde. Wie bei Typ 1 sind auch hier die über 20-Jährigen über repräsentiert. Junge Männer und Frauen sind annähernd gleich ver teilt. Als Kurzcharakteristik wird „Wenig interessierte Routinenutzer“ gewählt. – Der vierte Nutzer typ weist ein ver gleichs weise kleines Kontakt netz werk auf, dieses scheint aber mit Abstand das engste zu sein: Ganz einhellig sagen die Befragten, dass die meisten ihrer Kontakte enge Freunde seien. Die Aktivitäten in den Communities sind zurück haltend, eine experimen- tierfreudige Haltung ist eben falls nicht vor handen. Diesem Typ gehören mehr Mädchen als Jungen an, vor allem 15- bis 17-Jährige sind über- repräsentiert. Die Befragten mit diesem Muster können kurz als „Zurück- haltende Freundschafts orientierte“ bezeichnet werden. – Die im fünften Nutzer typ zusammen gefassten Befragten sind durch die weitaus häufigsten Profil aufrufe, die durch weg täglich er folgen, sowie die enorme Größe des Freundes-/ Kontakt netz werks aus gezeichnet. Mit drei Vierteln dieser Gruppe ist auch der Anteil derjenigen, die Profile auf mehre- ren Platt formen pflegen, mit Abstand am höchsten. Entsprechend ist der Anteil der persön lich Bekannten etwas niedriger als bei den anderen Grup- pen; der Anteil der engen Freunde an diesem Netz werk weicht hingegen nicht deut lich von den anderen Gruppen ab. Den häufigen Profil aufrufen ent sprechend sind beide Aktivitäts dimensionen stark aus geprägt. Im Hin- blick auf die Einstellungs dimensionen zeigen sich hingegen keine besonders aus geprägten Werte. Mädchen und junge Frauen sind über repräsentiert, unter den Alters gruppen sind die 18- bis 21-Jährigen leicht über repräsentiert, dieses Muster zieht sich jedoch relativ gleichmäßig durch alle Alters- gruppen. Als Bezeich nung wird „Intensive Netz werker“ gewählt. – Der sechste Nutzer typ fällt durch seine im Ver gleich extrem seltenen Profil- aufrufe auf, die im Mittel zwischen einmal pro 14 Tagen und einmal im Monat liegt. Deutlich seltener als bei den anderen Gruppen wird mehr als ein Profil gepflegt. Dies geht einher mit einem deut lich kleineren Kontakt- netz werk als bei den anderen Gruppen. Dennoch ist dieses Netz werk nicht durch einen höheren Anteil an engen Freunden geprägt. Die Aktivitäts- dimensionen liegen im durch schnitt lichen Bereich, während offen bar kein Interesse daran besteht, das Profil zu nutzen, um einen guten Eindruck zu machen und ein großes Netz werk aufzu bauen. Auch die Experimentier- freude ist gering aus geprägt. Hingegen reflektieren diese Nutzer am ver- gleichs weise stärksten die Tatsache, dass sie auf Communities private Daten öffent lich machen. Die Zusammen setzung nach Geschlecht und Alter ist 119 unauffällig. Das Muster lässt sich unter dem Begriff „Reflektierte Gelegen- heits nutzer“ zusammen fassen. – Die siebte und kleinste Nutzer gruppe ver sammelt die Befragten, die sich durch eine im Ver gleich zu allen anderen Gruppen stark aus geprägte Expe- ri mentierfreude aus zeichnen. Nutzungs häufig keit und Zahl der Freunde sind durch schnitt lich, ebenso das Interesse an Kontakt suche und Kontakt- pflege. Stark aus geprägt ist hingegen das Interesse an Selbst darstel lung, das aber nichts zu tun hat mit dem Wunsch, einen guten Eindruck zu machen: Im Hinblick auf diese Einstellungs dimension er reichen diese Be- fragten die mit großem Abstand niedrigsten Werte. Jungen sind ganz leicht über repräsentiert, eklatant ist jedoch der Befund, dass es sich fast aus- schließ lich um Befragte der beiden jüngeren Alters gruppen handelt, über 18-Jährige tauchen hier so gut wie nicht auf. Als Kurzbezeich nung bietet sich an „Experimentierende Selbst darsteller“. Die so skizzierten Nutzer typen ver deut lichen, dass es bei der Betrach tung des Umgangs von Jugend lichen und jungen Erwachsenen mit dem Social Web eines differenzierenden Blicks bedarf. Die sieben Umgangs weisen, die sich ungleich auf die Alters- und Geschlechts gruppen ver teilen, stehen für unter- schied liche Erwar tungen gegen über dem Social Web und geben erste Anhalts- punkte für die im folgenden Kapitel näher zu unter suchenden Unterschiede hinsicht lich der Bedeu tung, die Jugend liche und junge Erwachsene diesen Angeboten in ihrem Alltag zuweisen. Zugleich führen sie vor Augen, dass sich die potenziellen Risiken je nach Umgangs weise unter schied lich darstellen: Aus dem experimentierfreudigen und stark an Selbst darstel lung orientierten Ver halten des siebten Typs, dem vor allem Jüngere an gehören, ergeben sich höhere Risiken im Hinblick auf die Sicher heit der eigenen Daten und die Wahrscheinlich keit, auch unangenehme Erfah rungen zu machen, als bei routi- nierten und eng auf die reine Netz werk funk tion fokussierten Ver haltens weisen, wie sie die beiden über wiegend aus Älteren bestehenden Cluster 1 und 3 an den Tag legen. 4.4 Fazit zur Nutzung von Social Web-Angeboten Dieses Kapitel diente der Beschrei bung der Häufig keit und der Art der Social Web-Nutzung in der hier unter suchten Alters gruppe sowie in ver schiedenen Untergruppen. Wie frühere Studien bereits an gedeutet hatten, haben die ver- schiedenen Angebote des Social Web unter Jugend lichen und jungen Erwach- senen mittlerweile beträcht liche Reichweiten erzielt, die sich zudem sehr stark auf die jeweils wichtigsten Angebote konzentrieren. Es ergibt sich die paradoxe Situa tion, dass aus gerechnet im Internet, das durch die größtmög liche Vielzahl 120 ver schiedener Anbieter und durch die Tatsache, dass jeder leicht zum Anbieter werden kann, eine besonders hohe Konzentra tion der Nutzung und der Lieb- lings angebote auf ganz wenige Angebote erfolgt. Da es beim Social Web um Netz werke geht und jedes Netz werk nur so attraktiv ist wie die Kontakt per- sonen, die ihm an gehören, ist diese Entwick lung ver ständ lich – da sie aller- dings gängigen Vorstel lungen von der Vielfalt der Netzkommunika tion und den damit ver bundenen ver streuten Öffentlich keiten zuwiderläuft, soll sie hier explizit betont werden. Weiter hat sich gezeigt, dass sich die Jugend lichen und jungen Erwachsenen in der Art, wie sie mit dem Internet im Allgemeinen und dem Social Web im Besonderen umgehen, deut lich unter scheiden. Wie häufig die einzelnen An- wen dungen genutzt werden, wie dies geschieht, mit welchen Erwar tungen dies ver bunden ist und im Kontext welcher anderen Nutzungs praktiken dies erfolgt: In allen diesen Aspekten unter scheiden sich die Befragten zum Teil erheb- lich – mit der Konsequenz, dass die Bedeu tung, die Social Web-Angebote im Alltag der Jugend lichen und jungen Erwachsenen gewinnen, sowie die poten- ziellen Risiken, die daraus er wachsen, sehr unter schied lich aus fallen können. Dies soll im folgenden Kapitel ver tiefend unter sucht werden. 121 5 Social Web im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen: Soziale Kontexte und Handlungs typen Ingrid Paus-Hasebrink, Christine W. Wijnen, Thomas Brüssel unter Mitarbeit von Ursula Vieider58 Nach dem Überblick über grundlegende Nutzungs wei- sen des Social Web soll in diesem Kapitel unter sucht wer den, wie die ver schie - denen Social Web-An wen- dungen in den Alltag der Jugend lichen und jungen Er- wachsenen ein gebettet wer- den. Im Mittelpunkt stehen also die mit der Nutzung von Netz werk platt formen und ande ren Anwen dungen ver bundenen Einstel lungen und Funktionen sowie insbesondere die sozialen Kontexte, im Rahmen derer die einzelnen Angebote ihre Bedeu tung gewinnen. Die Argumenta tion ist wie folgt auf gebaut: Zunächst wird auf der Grund- lage der Repräsentativbefra gung anhand grober Indikatoren für die soziale Position der Befragten nach gezeichnet, in welchen sozialen Gruppen sich welche Formen der Social Web-Nutzung besonders häufig oder besonders 58 Zu den Autoren: Die Leitung der qualitativen Teilstudie einschließ lich ihrer Konzep tion und Durchfüh- rung lag ebenso wie die Textle gung des vor liegenden Kapitels und die Bildung der Handlungs typen in den Händen von Ingrid Paus-Hasebrink. Christine W. Wijnen und Thomas Brüssel waren sowohl an der Er- hebung als auch – gemeinsam mit Ursula Vieider – an der Auswer tung der Studie beteiligt; Christine W. Wijnen und Ursula Vieider oblag dabei insbesondere die Auswer tung der Einzelinterviews, Thomas Brüssel die Auswer tung der Gruppen diskussionen. Für das Unterkapitel 5.1 zeichnet Uwe Hasebrink ver antwort- lich. Sozialer Kontext Einstellungen, Funktionserwartungen Nutzung Social Web SNS Internet Medien insgesamt Angebot Social Web SNS Internet Medien insgesamt 122 selten beobachten lassen. Dann wird – überwiegend auf der Grundlage der Gruppen diskussionen – eine ver tiefende Evidenz dafür auf geführt, wie der Umgang mit dem Social Web mit Alltags bedin gungen ver bunden ist. Und schließ lich werden – auf der Grundlage der Einzelinterviews – umfassende Handlungs typen rekonstruiert, die sich im Hinblick auf den Sinn, den sie den Social Web-Angeboten in ihrem Alltag zuweisen, unter scheiden. 5.1 Zur Rolle soziodemographi scher Merkmale für die Social Web-Nutzung: Ergebnisse der Repräsentativbefra gung In Kapitel 4 sind wichtige Kennwerte der Internet-Nutzung im Allgemeinen und der Social Web-Nutzung im Besonderen ausführ lich im Hinblick auf ihre Ver brei tung nach Alter und Geschlecht dargestellt worden. Dabei stellte sich insbesondere das Alter als maß geblicher Faktor für Ver ände rungen in der Social Web-Nutzung heraus. Wie in Kapitel 1 näher aus geführt, steht das Alter als grober Indikator für die mit ver schiedenen Phasen der Entwick lung und des Hineinwachsens in die Gesell schaft ver bundenen Entwicklungs aufgaben und Alltags anforde rungen, für die an dieser Stelle zusätz liche, differenziertere Indikatoren unter sucht werden sollen. 5.1.1 Formale Bildung Die formale Bildung der Befragten wurde im Rahmen der Repräsentativbefra- gung ver einfacht in drei Stufen unter teilt: Gymnasium, Realschule, Haupt- schule. Für Befragte, die nicht mehr zur Schule gehen, wurde ihr höchster Bildungs abschluss zugrunde gelegt. Im Hinblick auf die allgemeine Internet-Nutzung lassen sich keine Unter- schiede in der Nutzungs dauer beobachten. Die Breite der Internet-Aktivitäten ist allerdings von den 15-Jährigen an auf wärts bei Gymnasiasten und Abitu- rien ten signifikant größer als bei den beiden anderen Bildungs gruppen. Ein- stel lungen gegen über dem Internet59 sind bei den höher Gebildeten seltener von dem Eindruck der Unsicher heit und Belästi gung geprägt. Im Hinblick auf die wahrgenommenen Chancen zu eigener Aktivität und auf das kritische Miss trauen gegen über Internet-Angeboten sind keine Unterschiede zu beobach- ten. Dafür ist über alle Alters gruppen hinweg fest zustellen, dass höher Ge- bildete weniger leicht fertig mit dem Netz umgehen: Sie stimmen der Aussage, dass sie im Internet andere Dinge sagen, als sie sie in persön lichen Situa tionen 59 Hier wird auf die in Kapitel 4 gebildeten Indikatoren Bezug genommen. Siehe die Ausfüh rungen in Kapi- tel 4.1.5. 123 sagen würden, weniger zu, und sie berichten seltener, dass es Informa tionen im Netz über sie gibt, die ihnen pein lich sind. Über negative Erfah rungen mit dem Internet berichten geringer Gebildete deut lich häufiger (vgl. Tabelle 5.1): Immerhin 35 Prozent der Haupt schüler geben an, dass sie bereits von jemandem im Internet belästigt wurden, mehr als unter Realschülern und Gymnasiasten. Hingegen unter scheiden sich die Bildungs gruppen nicht hinsicht lich der Erfah rung, dass jemand Fotos von ihnen ins Netz gestellt hat, mit denen sie nicht einverstanden waren, oder dass sie selbst Inhalte ins Netz gestellt haben, über die sich dann Andere beschwert haben. Der oben (vgl. Tabelle 4.16) gebildete Summen index für Risiko erfah- rung zeigt einen nicht signifikanten Trend, wonach Haupt schüler am häufigsten (0,72) und Realschüler am seltensten (0,54) negative Erfah rungen machen; die Gruppe der Gymnasiasten liegt zwischen diesen Gruppen (0,60). Die formale Bildung steht anhand der hier ver wendeten Indikatoren also nicht in einem linearen Zusammen hang mit wahrgenommenen negativen Erfah rungen mit dem Internet. Tabelle 5.1: Negative Erfah rungen mit dem Internet nach Bildung (in %) Befragte, … Gesamt Haupt schule Realschule Gymnasium n = 650 n = 137 n = 211 n = 303 … die von jemandem im Internet be- lästigt worden sind 28 35 25 28 … von denen jemand Fotos oder Infor- ma tionen ins Internet gestellt hat, mit denen sie nicht einverstanden waren 13 13 13 13 … die selbst schon einmal Dinge ins Internet gestellt haben, über die sich dann jemand beschwert hat 9 10 7 9 Die in Kapitel 4.1.4 gebildeten Internet-Nutzer typen sind ent sprechend den bisher berich teten Unterschieden nicht gleichmäßig in den Bildungs gruppen ver teilt. Gymnasiasten/Abiturienten gehören mit geringerer Wahrscheinlich- keit zu den „Wenignutzern“ und „Spielern“, deut lich häufiger hingegen zu den „Netz werkern“. Die Ergebnisse für die beiden anderen Gruppen sind ent spre- chend um gekehrt. Die Zugehörig keit zu den so genannten „Aktiven Informa- tions managern“ wird von der Bildung nicht beeinflusst. Die für die vor liegende Studie ent scheidende Variable der Häufig keit der Nutzung von Online-Communities hängt hingegen signifikant mit der forma- len Bildung zusammen: Für alle Alters stufen gilt, dass Jugend liche und junge Erwachsene, die das Gymnasium besuchen oder die Schule mit dem Abitur ab geschlossen haben, häufiger Online-Communities besuchen als die jeweils Gleichaltrigen mit niedrigerer formaler Bildung (siehe Abbil dung 5.1). Diese Unterschiede sind bei den 15- bis 17-Jährigen, also in der Phase der intensivsten Nutzung von Netz werk platt formen, am geringsten. Während die Attraktivität 124 der ent sprechenden Angebote für die Gymnasiasten und Abiturienten auch nach dem 18. Lebens jahr un gebrochen zu sein scheint, lässt die Nutzung bei den jungen Erwachsenen mit Real- oder Haupt schulabschluss stark nach. Abbil dung 5.1: Häufig keit der Nutzung von Online-Communities nach Alter und formaler Bildung (Mittelwerte über eine Skala von 1 = täglich bis 7 = nie) Ein noch genauerer Indikator für die Häufig keit der Nutzung von Online- Communities wurde aus den Angaben gewonnen, die die Befragten für zehn direkt ab gefragte Netz werk platt formen machten: Die Häufig keiten des Besuchs dieser Platt formen wurden zu einem Indikator aufad diert, bei dem der Wert 1 aussagt, dass die Person pro Tag eine Netz werk platt form (oder alle zwei Tage zwei Platt formen etc.) auf sucht. Ein Wert von 0,5 besagt ent sprechend, dass jeden zweiten Tag eine Platt form auf gesucht wird (siehe Abbil dung 5.2). Bei den 15- bis 17-Jährigen spielt die Bildungs gruppe keine Rolle, es wird durch weg mindestens eine Platt form pro Tag besucht. In den anderen Alters- gruppen klaffen die Werte zwischen den Bildungs gruppen deut lich auseinander; insbesondere die Befragten mit Haupt schul bildung zählen in der jüngsten sowie in der ältesten Gruppe zu den seltenen Nutzern von Online-Communities. mehrmals pro Woche einmal pro Woche einmal in 14 Tagen 2,0 2,5 3,0 3,5 4,0 4,5 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre Hauptschule Realschule Gymnasium 125 Abbil dung 5.2: Häufig keit des Besuchs von zehn aus gewählten Online-Communities nach Alter und formaler Bildung Erläute rung: Dargestellt sind Mittelwerte über einen Summen index über die zehn Häufig keiten; siehe auch die Bemer kungen im Text. Ein Blick auf die Nutzung konkreter Netz werk platt formen zeigt in vielen Fällen Bildungs unterschiede, die dem allgemeinen Befund ent sprechen, also eine häufigere Nutzung bei den Gymnasiasten bzw. Abiturienten. Dies ist bei SchülerVZ, besonders aus geprägt bei StudiVZ, MySpace und Facebook der Fall. Signifikante Abweichungen von dieser Regel ergeben sich bei Knuddels (Haupt- vor Realschülern vor Gymnasiasten) und schüler.cc (Realschüler vor Gymnasiasten vor Haupt schülern). Ein leichter Trend zu häufigerer Nutzung durch Haupt- oder Realschüler zeigt sich außerdem bei meinVZ und Wer- kennt-wen. Keine erkenn baren Unterschiede zwischen den Bildungs gruppen ergeben sich bei Lokalisten, Netlog und Xing. Zu beachten ist dabei, dass die Nutzungs häufig keiten der hier an gesprochenen Netz werk platt formen mit Aus- nahme von SchülerVZ und StudiVZ sehr gering sind, die genannten Unter- schiede sich also auf sehr niedrigem Niveau bewegen. Im Hinblick auf die Aktivitäten beim Besuch von Online-Communities60 unter scheiden sich die Bildungs gruppen nicht signifikant in ihrem Interesse an Kontakten (vgl. Tabelle 5.2a); ledig lich ein Trend ist erkenn bar, wonach 60 Siehe zur Erläute rung der hier behandelten Indikatoren Kapitel 4.3.2. Hauptschule Realschule Gymnasium 0,4 0,5 0,6 0,7 0,8 0,9 1,0 1,1 1,2 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre 126 höher Gebildete weniger Interesse zeigen. Die Aktivitäten, die der Selbst dar- stel lung und der Pflege des eigenen Profils dienen, sind bei den höher Ge- bildeten signifikant geringer aus geprägt. Dies geht allerdings fast aus schließ- lich auf die älteren Jahrgänge zurück, denn unter den 12- bis 14-jährigen Gymnasiasten ist noch ein recht hohes Ausmaß an Selbst darstellungs-Aktivi- täten zu ver zeichnen. Es hat den Anschein, als würde gerade diese gebildete Gruppe in späteren Jahren das Interesse an einer intensiven Pflege des Profils ver lieren. Deutliche Unterschiede zeigen sich auch bei den Einstel lungen gegen über Netz werk platt formen (vgl. Tabelle 5.2b)61: So sind die höher Gebildeten in allen vier Alters gruppen signifikant weniger daran interessiert, im Internet einen guten Eindruck zu machen – was zu den oben skizzierten geringeren Investi tionen in die Selbst darstel lung passt. Keinen systemati schen Einfluss hat die Bildung hingegen auf die Experimentierfreude bei der SNS-Nutzung und auf den bewussten Umgang mit privaten Daten. Tabelle 5.2: Aktivitäts dimensionen bezogen auf das eigene Profil sowie Einstellungs dimen- sionen zum Umgang mit Online-Communities nach formaler Bildung (Mittel- werte über Faktorwerte) Haupt schule Realschule Gymnasium n = 90 n = 153 n = 252 a) Aktivitäten bezogen auf das eigene Profil: Interesse an Kontakten 0,10 0,01 –0,04 Selbst darstel lung 0,29 0,07 –0,14 b) Einstel lungen zum Umgang mit Online-Communities: Wunsch, einen guten Eindruck zu machen 0,28 0,10 –0,16 Experimentierfreude –0,04 0,02 0,00 Bewusster Umgang mit privaten Daten 0,10 –0,18 0,07 Erläute rung: Umgepolte Werte, d. h. positive Werte zeigen eine hohe Ausprä gung der Dimension an. Tabelle 5.3 zeigt die Befunde auch für die Einzelitems, die zur Erfas sung der Einstel lungen zum Umgang mit dem eigenen Profil erfasst wurden. Signi- fikant sind die Unterschiede im Hinblick auf die Haltung, „mich im Internet so zu zeigen, wie ich wirk lich bin“, die mit zunehmender formaler Bildung abnimmt. Auch die Bedeu tung eines möglichst großen Freundes kreises nimmt mit der formalen Bildung ab. Dass bestimmte Informa tionen nur Freunden verfüg bar gemacht werden, halten hingegen die Haupt schüler und die Gym- nasiasten für wichtiger als die Realschüler. 61 Siehe zur Erläute rung der hier behandelten Indikatoren Kapitel 4.3.2. 127 Tabelle 5.3: Einstel lungen zum Umgang mit Online-Communities nach formaler Bildung (Mittelwerte) Gesamt Haupt schule Realschule Gymnasium n = 495 n = 90 n = 153 n = 252 Ich achte darauf, dass keine Inhalte von mir im Internet stehen, die mir schaden könnten. 1,43 1,35 1,48 1,43 Es ist mir wichtig, mich im Internet so zu zeigen, wie ich wirk lich bin. 1,56 1,35 1,48 1,68 Bestimmte Informa tionen über mich sind nur für meine Freunde bzw. Kontakte zugäng lich. 1,87 1,76 2,13 1,75 Es ist mir wichtig, dass Andere im Internet einen möglichst guten Eindruck von mir bekommen. 2,50 2,32 2,49 2,58 Es ist mir wichtig, dass mein Profil etwas Besonderes ist und sich von anderen unter scheidet. 2,77 2,69 2,65 2,87 Mir ist wichtig zu zeigen, dass ich einen großen Freundes kreis habe. 3,23 3,02 3,17 3,35 Ich hätte gern eine Seite, auf der Angaben über meine Person aus ver schiede nen Stellen im Internet gebündelt sind. 3,44 3,41 3,44 3,44 Ich habe auch Profile, in denen ich mich ganz anders darstelle, als ich wirk lich bin. 3,83 3,85 3,82 3,82 Erläute rung: Angegeben sind Mittelwerte über die Antwort kategorien „stimme 1 = voll und ganz, 2 = weit gehend, 3 = weniger, 4 = gar nicht zu“. Insgesamt sind also die Bildungs unterschiede bei den Einstel lungen zum Umgang mit dem eigenen Profil recht gering. Es zeigt sich ledig lich, dass bei höherer Bildung das Interesse an Selbst darstel lung und damit auch der expli- zite Wunsch, mit dem eigenen Profil einen guten Eindruck zu machen, weniger aus geprägt ist als bei niedrigerer formaler Bildung. Interessanter weise ergibt sich für die auf einen bewussten sichereren Umgang mit den eigenen Profilen bezogenen Items kein linearer Zusammen hang mit der Bildung: Hier fällt die Gruppe der Realschüler bzw. Realschulabsolventen mit den niedrigsten Werten auf. Unter Bezug auf die oben (siehe Kapitel 4.3.3) gebildeten SNS-Nutzer typen ist zu beobachten (vgl. Abbil dung 5.3), dass Haupt schüler über durchschnitt lich oft den „Nicht-Nutzern“ und den „Randnutzern ohne Profil“ an gehören; wenn sie aktiv SNS nutzen, findet man häufiger das Muster der „Außen orientierten Selbst darsteller“. Realschüler finden sich eben falls häufiger in den genannten Gruppen, allerdings nicht so aus geprägt – es handelt sich also auch im Hin- blick auf die Nutzung von Netz werk platt formen um eine „mittlere“ Gruppe. Gymnasiasten und Abiturienten sind hingegen über durchschnitt lich oft in den Gruppen der „Routinierten Kontakt pfleger“ und der „Wenig interessierten Routine nutzer“ wieder zufinden. 128 Abbil dung 5.3: Anteil der Nutzer typen in den drei Bildungs gruppen (in %) Abschließend kann im Hinblick auf den Einfluss der formalen Bildung fest gehalten werden, dass die Netz werk platt formen von höher Gebildeten deut- lich häufiger genutzt werden; dabei liegt der Haupt unterschied darin, dass diese offen bar auch im jungen Erwachsenenalter mit diesen Angeboten um- gehen. Die aktivitäts- und einstellungs bezogenen Indikatoren deuten darauf hin, dass diese Jugend lichen und jungen Erwachsenen um ihren Umgang mit den Online-Communities wenig Aufhebens machen, sondern die Netz werk- platt formen als einen selbst verständ lichen und auch unspektakulären Bestand- teil ihres Alltags ansehen, der in erster Linie der Kontakt pflege dient. Dies ist bei den Haupt- und Realschülern anders: Diese wenden sich in der Phase zwischen 15 und 17 Jahren eben falls sehr häufig Online-Communities zu und nutzen diese dann deut lich ambitionierter und auch experimentierfreudiger; wenn sie älter werden, schwindet offen bar – anders als bei den Gymnasiasten – die Attraktivität der betreffenden Angebote erheb lich. Im Hinblick auf mög- liche Risiken der Social Web-Nutzung deuten die Ergebnisse zwar an, dass geringer Gebildete mit höherer Wahrscheinlich keit Erfah rungen gemacht haben, die sie als Belästi gung empfunden haben; sie lassen hingegen keine eindeutigen Aussagen dahingehend zu, dass höher Gebildete generell stärker auf den Um- gang mit privaten Daten achten. Zu betonen ist allerdings, dass die beschriebenen Unterschiede zwischen den Bildungs gruppen nicht sehr stark aus geprägt sind. In allen Bildungs grup- pen finden sich alle hier unter schiedenen Nutzer typen wieder. 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Hauptschule (n = 137) Realschule (n = 211) Gymnasium (n = 302) Nicht-Nutzer Randnutzer ohne eigenes ProfilRoutinierte Kontaktpflege Außenorientierte Selbstdarsteller Wenig interessierte Routinenutzer Zurückhaltende Freundschaftsorientierte Intensive Netzwerker Reflektierte Gelegenheitsnutzer Experimentierende Gelegenheitsnutzer 129 5.1.2 Schul besuch und Berufstätig keit Die soziale Position der Jugend lichen und jungen Erwachsenen wird vor allem dadurch geprägt, ob sie noch zur Schule gehen oder bereits in Ausbil dung sind, ob sie studieren oder einer beruf lichen Tätig keit nach gehen. Diese Unter- schei dung ist zwangs läufig eng mit dem Alter ver bunden, sie liefert – neben den psychi schen und sozialen Entwicklungs prozessen – Anhaltspunkte für die Erklä rung von beobacht baren Alters unterschieden. Ein Blick auf die Ver brei tung der in Kapitel 4 gebildeten SNS-Nutzer typen, die sich jeweils durch einen spezifi schen Umgang mit Netz werk platt formen aus zeichnen (siehe Abbil dung 5.4), zeigt, dass zwar in allen Gruppen fast alle Nutzer typen vor kommen, dass sich aber die Gruppen in der Vertei lung der Nutzer typen deut lich unter scheiden. Die beiden Typen, die von Netz werk platt- formen gar keinen („Nicht-Nutzer“) oder nur einen sehr ein geschränkten Ge- brauch machen („Rand-Nutzer ohne eigenes Profil“) sind unter Studierenden so gut wie gar nicht anzu treffen; hier sind die Netz werk platt formen also offen- bar durch gängiger Bestand teil des Medien- und Kommunikations repertoires. Damit ver bunden ist in dieser Gruppe eine große Selbst verständlich keit und Routine im Umgang mit den betreffenden Angeboten, denn die beiden Nutzer- Nicht-Nutzer Randnutzer ohne eigenes ProfilRoutinierte Kontaktpflege Außenorientierte Selbstdarsteller Wenig interessierte Routinenutzer Zurückhaltende Freundschaftsorientierte Intensive Netzwerker Reflektierte Gelegenheitsnutzer Experimentierende Gelegenheitsnutzer 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Schüler (n = 310) Studenten (n = 62) Aus- zubildende (n = 158) BW-/Zivil- dienst (n = 12) Berufstätig (n = 92) Arbeitslos (n = 20) Abbil dung 5.4: Anteile der SNS-Nutzer typen an den Schul besuchs- bzw. Berufstätigkeits- gruppen 130 typen, die als „Wenig interessierte Routinenutzer“ und als „Routinierte Kon- takt pfleger“ bezeichnet wurden, sind hier stärker ver treten als in allen anderen Gruppen; Selbst darstel lung spielt kaum eine Rolle, und Ver treter eines eher experimentierfreudigen Umgangs mit Netz werk platt formen tauchen hier gar nicht auf. Die Studierenden machen also nicht viel Aufhebens um das Social Web; vielmehr ist dieses eng mit Alltags routinen ver woben, wobei die Funktion der Kontakt pflege im Vordergrund steht. Besonders vielfältig stellt sich das Nutzungs spektrum bei den Schülerinnen und Schülern dar. Die beiden bei den Studierenden dominierenden durch Routine geprägten Typen sind hier ver gleichs weise selten anzu treffen, dafür wird in dieser Gruppe am stärksten mit den Möglich keiten des Social Web experimentiert: Die „Experimentierenden Gelegenheits nutzer“ und die „Außen- orientierten Selbst darsteller“ sind hier stärker ver treten als in allen anderen Gruppen. Dies deutet darauf hin, dass in dieser jüngsten Gruppe Aspekte des Identitäts managements, des Erprobens ver schiedener Rollen- und Selbst bilder die größte Rolle spielen. Während die Auszubildenden in ihrer Zusammen setzung nach Nutzer typen zwischen den Schülern und den Studierenden an gesiedelt sind, liegt die Be- sonder heit der Berufstätigen darin, dass gut 40 Prozent von ihnen kaum Ge- brauch von Netz werk platt formen machen. Die bei den Studierenden domi nie- renden durch Routine geprägten Muster sind hier unter repräsentiert, es gibt aber jeweils gut zehn Prozent an „Intensiven Netz werkern“ und an „Außen- orien tierten Selbst darstellern“, für die das Social Web eine relativ große Be- deu tung hat. Die Gruppen der Bundes wehr- bzw. Zivildienst leistenden und der Arbeits- losen sind zu klein, um sichere Aussagen machen zu können. Die Beobach- tung, dass die Erst genannten neben den Studierenden den höchsten Anteil an „Routinierten Kontakt pflegern“ auf weisen, lässt sich allerdings plausibel inter pretieren: Es handelt sich um die beiden Gruppen, die mit der größten Wahr scheinlich keit ihren Geburtsort und ihre dort auf gebauten persön lichen Netzwerke ver lassen haben und daher das Social Web nutzen, um die alten Verbin dungen zu pflegen. Auch für die Schul besuchs- bzw. Berufstätigkeits gruppen wurde aus ge- wertet, inwiefern sich diese im Hinblick auf negative Erfah rungen mit dem Internet unter scheiden (siehe Tabelle 5.4). Bei allen drei hier ab gefragten nega- tiven Erfah rungen liegen die Schülerinnen und Schüler im mittleren Bereich, Studierende berichten deut lich seltener von Belästi gungen im Netz, die Gruppe der Auszubildenden besonders häufig. Hier bestätigt sich, was sich an gesichts der Unterschiede nach Bildungs gruppen ab zeichnete, dass geringer Gebildete häufiger über Belästi gungen im Netz berichten. 131 Tabelle 5.4: Negative Erfah rungen mit dem Internet nach Schul besuch bzw. Berufstätig keit (in %) Befragte, … Gesamt Schüler Studenten Auszubildende Berufstätige n = 650 n = 311 n = 61 n = 156 n = 91 … die von jemandem im Inter- net belästigt worden sind 28 28 12 36 31 … von denen jemand Fotos oder Informa tionen ins Internet gestellt hat, mit denen sie nicht einverstanden waren 13 11 13 12 15 … die selbst schon einmal Dinge ins Internet gestellt haben, über die sich dann jemand beschwert hat 9 9 7 10 5 Die hier behandelten Gruppen, die sich nach Schul besuch und Berufstätig- keit unter scheiden, weisen insgesamt deut lichere Unterschiede im Umgang mit dem Social Web auf als die zuvor dargestellten Bildungs gruppen. Die konkrete Lebens situa tion und die mit ihr ver bundenen spezifi schen Herausforde rungen prägen den Umgang mit dem Internet im Allgemeinen und den Online-Com- munities im Besonderen offen bar stärker als das ab strakte Merkmal der for- ma len Bildung. 5.1.3 Sonstige Faktoren des sozialen Umfelds Der sozial-ökologi sche Rahmen der Jugend lichen und jungen Erwachsenen wird neben den zuvor behandelten Faktoren auch und besonders durch das unmittel bare soziale Umfeld geprägt. Die Alters spanne, die hier unter sucht wird, umfasst die Phase, in denen die jungen Erwachsenen zunehmend die Familie, die das Umfeld der Kindheit und Jugend geprägt hat, ver lassen und eine eigene Wohnung beziehen. Wie andere Studien gezeigt haben, ist dies allerdings bis in die mittleren Zwanziger Jahre durch aus nicht der Normalfall. In der unter suchten Stichprobe wohnen die Befragten unter 18 Jahren fast aus schließ lich bei den Eltern bzw. einem alleinerziehenden Elternteil. Dieser Anteil geht dann schritt weise zurück, allerdings leben von den 18- bis 20-Jähri- gen immerhin noch gut 90 Prozent und von den 21- bis 24-Jährigen auch noch 73 Prozent zu Hause bei den Eltern. Da der Umstand, ob die Befragten noch bei den Eltern oder bereits in einer eigenen Wohnung bzw. einer Wohngemein schaft leben, eng mit den bereits behandelten Merkmalen des Alters und der Berufstätig keit ver bunden ist, er- geben sich bei der Auswer tung ähnliche Befunde, die somit keinen Hinweis auf einen zusätz lichen Einfluss des Faktors Bei-den-Eltern-Wohnen gibt. Im Hinblick auf die Bildung der Eltern lässt sich beobachten, dass Kinder von formal niedriger gebildeten Eltern seltener Gebrauch von Netz werk platt- 132 formen machen: Von den 85 Befragten, deren Eltern maximal über einen Haupt schulabschluss ver fügen, gehören 43 Prozent zu den Nicht- oder Rand- nutzern von Netz werk platt formen (im Ver gleich zu 23 Prozent in der Gesamt- gruppe und zu 12 Prozent in der Gruppe der Eltern mit Abitur/Studium). Da Bildung der Eltern und Bildung der Kinder zusammen hängen, bestätigt sich hier der obige Befund zum Einfluss des Bildungs niveaus auf die Social Web- Nutzung. Die Gruppe mit den höchst gebildeten Eltern weist die höchsten An- teile an „Routinierten Kontakt pflegern“, „Wenig interessierten Routine nutzern“ und „Reflektierten Gelegenheits nutzern“ auf, also an den Nutzer typen, die vor allem bei Studierenden häufig auf treten. „Außen orientierte Selbst darsteller“ sind vor allem bei Befragten, deren Eltern ein mittleres Bildungs niveau auf- weisen, anzu treffen. Die Tatsache, ob die Befragten in einem Haushalt mit beiden Elternteilen oder einem alleinerziehenden Elternteil auf wachsen, schlägt sich in der Ver- tei lung der Nutzer typen nur unwesent lich nieder; es zeigen sich ledig lich Trends, dass Jugend liche mit alleinerziehenden Eltern eher zu den „Außen- orientierten Selbst darstellern“, den „Zurück haltenden Freundschafts orientier- ten“ und den „Randnutzern ohne eigenes Profil“ gehören – Trends, die dahin- gehend inter pretiert werden können, dass die mit diesem sozialen Kontext ver bundene Belas tung ent weder durch besonders enge Freundschafts bindun- gen oder durch eine besonders aus geprägte Form der Selbst darstel lung kom- pensiert werden soll. Solche Interpreta tionen mögen zwar inhalt lich und vor dem Hintergrund des in Kapitel 1 dargelegten theoreti schen Kontexts plausibel er scheinen; sie können allerdings an gesichts der Fallzahlen und der geringen Unterschiede zwischen den Gruppen keines wegs als gesicherte Befunde an- gesehen werden. Als ein weiterer relevanter Faktor des sozialen Umfelds kann der Migra- tions hintergrund an gesehen werden. 15 Prozent der Befragten (n = 97) weisen einen solchen auf, indem sie selbst und/oder mindestens ein Elternteil nicht über die deutsche Staats angehörig keit ver fügen. Im Hinblick auf negative Er- fah rungen mit dem Internet zeigen sich keinerlei Unterschiede zwischen dieser Gruppe und den Befragten ohne Migrations hintergrund. Im Hinblick auf die Einstel lungen zum Internet im Allgemeinen zeigt sich eine Tendenz, dass das Internet aus der Sicht der Befragten mit Migrations hintergrund weniger mit Chancen ver bunden ist und dass diese Gruppe eine leicht fertigere Haltung auf weist. Im Hinblick auf den Umgang mit dem eigenen Profil in Online- Communities geht die Tendenz dahin, dass die Befragten mit Migrations hinter- grund mehr Interesse an Kontakten zeigen, während sie weniger an Selbst- darstel lung orientiert sind. Die auf den Umgang mit Online-Communities bezogenen Einstellungs dimensionen „Wunsch, einen guten Eindruck zu machen“ und „Experimentierfreude“ weisen keinerlei Besonder heiten auf; in der dritten Dimension, dem bewussten Umgang mit eigenen Daten, er zielen 133 die Befragten mit Migrations hintergrund signifikant geringere Werte, gehen also weniger reflektiert und vor sichtig mit Angaben über ihre eigene Person um. Abbil dung 5.5: Anteile der SNS-Nutzer typen unter Befragten mit und ohne Migrations- hintergrund (in %) Weitere Unterschiede zeigen sich im Hinblick auf die Anteile der ver schie- denen SNS-Nutzer typen: Befragte mit Migrations hintergrund gehören deut lich häufiger zu den „Intensiven Netz werkern“; außerdem finden sich mehr „Nicht- Nutzer“ (vgl. Abbil dung 5.5). Demgegenüber sind „Routinierte Kontakt pfleger“, „Außen orientierte Selbst darsteller“ und „Wenig interessierte Routinenutzer“ unter repräsentiert. Die große Zahl der „Intensiven Netz werker“, die sich durch einen besonders großen Freundes-/Kontakt kreis und durch Profile auf mehre- ren Netz werk platt formen aus zeichnen, mag darauf hindeuten, dass die Jugend- lichen und jungen Erwachsenen mit Migrations hintergrund die besonderen Herausforde rungen im Hinblick auf die Integra tion in die deutsche Gesell- schaft durch besonders intensives Netz werken im Social Web beantworten; dazu gehört neben der Nutzung der üblichen Communities auch die Nutzung von Online-Communities, in denen sich speziell Angehörige einer bestimmten Kultur ver netzen, so z. B. Türk base (vgl. unten, Kap. 5.2.1).62 Die mittlere Zahl 62 Siehe zu dieser Fragestel lung das parallel zu dieser Studie eben falls von der Landes anstalt für Medien in Auftrag gegebene Projekt zur Medien nutzung von Jugend lichen mit Migrations hintergrund. 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Ohne Migrationshintergrund (n = 554) Mit Migrationshintergrund (n = 97) Nicht-Nutzer Randnutzer ohne eigenes ProfilRoutinierte Kontaktpflege Außenorientierte Selbstdarsteller Wenig interessierte Routinenutzer Zurückhaltende Freundschaftsorientierte Intensive Netzwerker Reflektierte Gelegenheitsnutzer Experimentierende Gelegenheitsnutzer 134 der Kontakte beträgt bei dieser Gruppe 155, bei den deutschen Befragten sind es ledig lich 127; ent sprechend bestehen diese Kontakt netz werke zu einem größe ren Anteil aus schwachen Bindun gen, der Anteil der engen Freunde und der persön lich Bekannten ist geringer als bei Befragten ohne Migrations hinter- grund. Dieser Unterschied in der Art des Kontakt netz werks scheint allerdings nicht mit höheren Risiken einher zugehen, jeden falls berichten die Befragten mit Migrations hintergrund wie oben gesehen nicht über häufigere negative Erfah rungen; es lässt sich ledig lich beobachten, dass das Bewusstsein für den Umgang mit Daten über die eigene Person etwas geringer aus geprägt ist als bei den Befragten ohne Migrations hintergrund. In Diskussionen um Unterschiede im Umgang mit dem Social Web wird oft auch die Wohnort größe als möglicher relevanter Faktor an gesprochen, da diese mit qualitativen Unterschieden in den persön lichen lokalen Netz werken einher gehen. Den Daten zufolge wirkt sich dieser Faktor aber für sich genom- men so gut wie gar nicht auf die Merkmale der Social Web-Nutzung aus. Ein leichter Trend geht in die Richtung, dass sich von Groß städten über Mittel- und Kleinstädte bis zu länd lichen Regionen eine ab nehmende Häufig keit der SNS-Nutzung beobachten lässt; in länd lichen Regionen sind ent sprechend zu- sam men genommen mehr „Nicht-Nutzer“ und „Randnutzer ohne eigenes Profil“ zu finden. In Groß städten sind die höchsten Anteile an „Routinierten Kontakt- pflegern“, „Reflektierten Gelegenheits nutzern“ und „Experimentierenden Ge- legenheits nutzern“ anzu treffen. Die betreffenden Unterschiede sind aber ins- gesamt gering und statistisch nicht signifikant; der Faktor Wohnort größe scheint also für die Herausbil dung von spezifi schen Formen der SNS-Nutzung keine maß gebliche Rolle zu spielen. Die beschriebenen Zusammen hänge zwischen den in der Repräsentativ- befragung er fassten soziodemographi schen Merkmalen und der Social Web- Nutzung haben erste Anhaltspunkte für die Einbet tung des Social Web in soziale Kontexte geliefert. Diese sollen im Folgenden auf der Basis der quali- tativen Untersuchungs schritte ver tieft werden. 5.2 Zur Bedeu tung sozial-ökologi scher Aspekte im Umgang mit dem Social Web: Ergebnisse der Gruppen diskussionen Der sozial-ökologi sche Rahmen, in dem Jugend liche auf wachsen und in dem sie mit Medien umgehen, gewinnt, wie Ergebnisse der Gruppen diskussionen er kennen lassen, Bedeu tung in der spezifi schen Ausprä gung des Umgangs mit Social Web-Angeboten. Als sozial-ökologisch relevant erwies sich, wie auch schon in der Repräsentativbefra gung, der Bildungs hintergrund bzw. die Schul- form der Heranwachsenden, d. h. welche Schule sie besuchen, ob die Haupt- 135 und Realschule oder das Gymnasium, ob sie eine Lehre absolvieren bzw. bereits im Berufsleben stehen oder an einer Universität oder Fachhochschule studieren. Auch das Elternhaus, in dem die Jugendlichen aufwachsen bzw. die jungen Erwachsenen aufgewachsen sind, gewinnt durch den Stellenwert, den Medien im Alltag der Familien genießen, Bedeutung im Zusammenhang mit ihrer Social Web-Nutzung. Als relevant erweist sich auch das Medien erzie- hungs konzept der Eltern, d. h. ob Eltern ihre Kinder im Umgang mit dem Social Web begleiten, sprich sich für den Umgang ihrer Kinder mit Social Web-Angeboten interessieren, für sie ein offenes Ohr haben, ihren Kindern Vertrauen entgegenbringen, ob sie ihnen Regeln setzen und diese kontrollieren etc. Auch das Eingebundensein in einen spezifischen Kreis von Peers, Freun- den und Freundinnen und die dort gültige Art, das Internet bzw. das Social Web zu nutzen bzw. zu bewerten, ob in einer eher kritischen, sich aufgeklärt gebenden Weise oder stärker sorglos bzw. experimentierend, hat Einfluss auf den Umgang der Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit dem Social Web. In den Gruppendiskussionen, die entlang des Alters und der formalen Bildung und in zwei verschiedenen – einem städtischen, einem ländlichen – Stand orten zusammengesetzt wurden, zeigten sich vor allem die Faktoren Alter (siehe dazu ausführlicher Kapitel 4) und die formale Bildung von hoher Relevanz für den Umgang mit Social Web-Angeboten, weniger das Geschlecht. Zwar lassen sich zwischen den Geschlechtern bedeutsame Unterschiede in Bezug auf den Umgang mit Büchern – Mädchen bevorzugen stärker als Jungen Bücher – sowie mit (Online-) Spielen – eine klare Domäne von Jungen – identifizieren (siehe dazu auch Kapitel 7). Social Web-Angebote nutzen Mäd- chen und Jungen jedoch ähnlich intensiv; sie gewinnen für die Angehörigen beider Geschlechter zudem eine ähnlich hohe Relevanz. Und Jungen wie Mädchen nutzen Social Web-Angebote vor allem zur Kommunikation, mithin zur Beziehungspflege. Unterschiede zeigten sich erst in den Leitfaden-Inter- views mit ausgewählten Probanden. Sie werden evident, wenn man tiefer in die Umgangsweisen der Probanden hineinblickt. So spielt für Mädchen die Selbstdarstellung eine weniger zentrale Rolle als für die Jungen, ein Befund, der sich auch in der Repräsentativbefragung zeigte (siehe Kapitel 4.3.2); ins- besondere jedoch unterscheiden sich die Mädchen in Bezug auf ihren Umgang mit den Gestaltungsmöglichkeiten des Social Web. Hier erweisen sich die Jungen experimentierfreudiger als die Mädchen und sind eher bereit, z. B. eigene Videos zu drehen und diese auf YouTube oder MySpace zu stellen (siehe dazu ausführlich die Ausführungen in Kapitel 5.3 zu den Social Web- Handlungstypen). Im Folgenden gilt die Aufmerksamkeit der Social Web-Nutzung Jugend- licher und junger Erwachsener im Kontext ihres Alltags, mithin den sozial- ökologischen Umgangsweisen mit dem Social Web allgemein sowie mit 136 speziel len Social Web-Angeboten, wie sie sich auf der Grundlage der Gruppen- diskussionen darstellen. In einem ersten Schritt wird danach gefragt, welche Vorlieben Jugendliche und junge Erwachsene haben und welche Funktionen des Social Web für sie besondere Relevanz genießen. In einem zweiten Schritt wird der Schwerpunkt auf die Risiken gelegt, die die Probanden selbst mit dem Social Web verbinden, und darauf, wie sie mit ihnen umgehen; damit wird eine Grundlage dafür geschaffen, dass bei der Beantwortung der Frage nach Möglichkeiten der Förderung von Medienkompetenz auf die Umgangs- weisen und Perspektiven der Jugendlichen selbst Bezug genommen werden kann (siehe dazu Kapitel 9.3). Im dritten Schritt werden Beobachtungen zu- sam mengetragen, die sich auf die Rolle von Eltern und Schule sowie ver- schiedene Formen der Medienerziehung und Medienkompetenzförderung be- ziehen. 5.2.1 Vorlieben und Umgangsweisen mit dem Social Web Über alle Altersgruppen hinweg lassen die formal höher gebildeten Jungen und Mädchen (sie besuchen durchweg das Gymnasium) Unterschiede in der Art, wie sie über ihren Medienumgang bzw. ihre Nutzungsweisen von Social Web-Angeboten sprechen, wie sie in diesem Zusammenhang Chancen bzw. Gefahren und Risiken im Umgang mit dem Social Web thematisieren und wie sie seine Chancen und Risiken für sich selbst wahrnehmen, große Unterschiede im Vergleich zu den Jungen und Mädchen aus den Diskussionsgruppen mit formal niedriger Bildung erkennen. Auch sie geben zwar zu bedenken, dass das Internet ein unverzichtbarer Teil des Alltags ist, und wie die formal nie- driger gebildeten Jugendlichen unterscheiden sie nicht zwischen dem Internet und dem Social Web: Alles was Jugendliche im Netz tun, ist für sie schlicht „Internet“. Da erstaunt es auch nicht, dass kaum jemandem der Begriff „Web 2.0“ bekannt ist. Lediglich ein Fachhochschul-Student wusste mit diesem Begriff etwas anzufangen. Die formal höher gebildeten Jugendlichen und jungen Erwachsenen lassen aber keinen Zweifel daran, dass mit der Nutzung des Social Web auch Risiken und Gefahren verbunden sind; sie bewegen sich insgesamt kritischer und weniger sorglos im Netz. In den Diskussionen ge- winnt – mit zunehmendem Alter verstärkt – die Gefahrendiskussion einen großen Stellenwert; je älter die Jugendlichen sind, um so weniger gehen sie naiv mit den Gefahren des Social Web um bzw. um so mehr ist ihnen bekannt, worauf sie achten sollten und mit welchen Strategien sie sich schützen sollten bzw. könnten. In allen Gruppen diskussionen wird deut lich, dass die weitaus meisten Jugend lichen die Netz werk platt form SchülerVZ kennen und schätzen. Daneben spielten in den befragten Gruppen noch Netlog sowie regionale Communities, wie bei den Jugend lichen in B die Emsland-Community (ELCommunity), eine 137 wichtige Rolle. Dabei nutzen die wenigsten nur ein Angebot. Der 12-jährige Hamid aus A bringt es auf den Punkt: I: (…) Was sind da eigent lich Eure Lieblings seiten? Hamid: Sind mehrere. Dem 17-jährigen Hakan aus A geht es ähnlich, auch er bevor zugt mehrere Angebote, neben Netlog und MSN schätzt er, wie viele türkische Jugend liche, noch Türk base: Hat für Sprach-(…), für sprach lich, so Türk base – ist ’ne türkische Seite (I: Mhm.), kann man sich auch über türkisch ver ständigen, oder halt auch mit, mit so Deutschen. (Gruppen diskussion mit 18- bis 24-Jäh- rigen; formal niedriger gebildet, Stadt) Bei den formal höher Gebildeten fällt auf, dass die 18- bis 24-Jährigen im Gegensatz zu den jüngeren Probanden dieser Bildungs gruppe StudiVZ anstelle von SchülerVZ nutzen und dass sie sich mithilfe von Facebook und MySpace auch international ver netzen (vor allem, um Kontakte, die durch Auslands- semester etc. ent stehen, zu pflegen). Ver einzelt nutzen auch 15- bis 17-Jährige formal höher Gebildete Facebook, um mit aus ländi schen Freunden in Kontakt zu bleiben, die sie durch einen Schüler austausch oder Ähnliches kennen- gelernt haben. Geht es um Netz werk platt formen zeigt sich, dass Jugend liche, die beson- deren Wert auf Gestaltungs möglich keiten legen, Netlog bevor zugen: „Und dann, aber ich find Netlog haben (…) eigent lich mehr Möglich keit hat man. Videos reinstellen, Umfragen reinstellen, Fotos …“. Dennoch genießt – anders als bei den formal niedriger Gebildeten – SchülerVZ einen höheren Stellen wert bei formal höher gebildeten Jugend lichen, wie aus Hendriks Diskussions beitrag hervor geht: „Ja, also bei SchülerVZ, da würd ich schon ’n eigenes Foto reinstellen, weil das hat auch, (…) naja, die Seite ist mir ver trauter als Netlog.“ (Gruppen diskussion mit 12- bis 14-Jährigen, formal höhere Bildung, Land) Auch der 18-jährige Hanno hat klare Gründe, weshalb er SchülerVZ bevor- zugt: „Ich weiß nicht, SchülerVZ ist ein bisschen mehr Privatsphäre, würde ich jetzt sagen. Bei Netlog kann sich jeder einloggen, bei SchülerVZ, da kriegt man ja eine Einladung.“ Vor allem die älteren formal niedriger Gebildeten nutzen dagegen Netlog (und zuweilen auch Lokalisten); zwei eng miteinander zusammen hängende Gründe sind dafür aus schlag gebend: I: Aber was ist der Unterschied, was ist der Reiz an Netlog? Abdul: Ja, bei Netlog sind viel mehr Freunde von mir zum Beispiel. Jim: Bei Netlog kann man auch schon viel mehr machen als bei SchülerVZ. I: Was meinst du so mit machen? Jim: Man kann halt so weiß nich so (Sascha: Umfragen und so) ja Umfragen kann man machen, man kann einfach so seine eigenen Sachen einstellen, Privatsphäre 138 einstellen (Sascha: Videos, Fotos, Blogs) ganz viel reinstellen, ich glaub bei SchülerVZ wär’ das nicht so doll. I: Habt ihr zu SchülerVZ so gar nicht Kontakt gehabt? Sascha: Ich war da noch nie drauf. I: Bei dir auch nich’ Sascha? Sascha: Nö, über haupt gar nicht dieses SchülerVZ. Jim: Aber du gehst doch Netlog. Sascha: Ja, Netlog, ja ist was anderes. I: Aber dann erklär mal, was ist für dich anders daran? Sascha: Wie soll ich das er klären? Allgemein so, da sind viel mehr Freunde und so alles von mir drinnen, in SchülerVZ ist gar keiner von mir drinnen. I: Und das ist schon wichtig, dass Freunde drin sind? Abdul: Netlog kann man mehr so kreativ sein, so kann man so selber (Sascha: Seite gestalten und so alles) Homepage so zum Beispiel. I: Wie gestaltet ihr das so? Abdul: Zum Beispiel kann man Bilder nehmen, so an der Kopflinie so sagen wir, wann auf deine Seite geht so. I: Hm. Profil kann man reinstellen. Abdul: Ja, kann man reinstellen, man kann ja Fotos rein, dann gibt’s noch Clans zum Beispiel (…) (Gruppen diskussion mit 15- bis 17-Jährigen, formal niedriger gebildet, Stadt) Freunde und Freundinnen sind auch der Grund für die Wahl der 18-jährigen Gymnasiastin Sonja aus B. Sie bevor zugt wie ihre Freunde und Freundinnen neben SchülerVZ und Emsland-Community ver stärkt StudiVZ. Die Interviewerin fragt nach: „Fühlt man da auch irgendwie so ’n Druck oder so, ‚Oh, ich hab mich jetzt angemeldet, aber Punkte hab ich noch keine‘ oder wie mach ich das jetzt oder so?“ Daraufhin macht der 20-jährige Stefan – mit kritischem Blick auf jüngere Probanden – deutlich, dass dies in ihrer Altersgruppe keine Rolle mehr spielt: Stefan: Ich glaub aus dem Alter sind wir raus, ne? (Gelächter) Mit 13 noch in der Pubertät oder voraus noch recht unsicher ist, der hat da vielleicht Probleme, vor allem wenn er sowieso immer welche Komplexe, oder (Gelächter), na gut, das ist jetzt der äußerste Fall, aber, es kann natürlich bei jüngeren Leuten bestimmt so sein, dass sie dadurch enorm beeinflusst werden. Mit Blick auf die Anzahl der Freunde auf Netz werk platt formen fällt auf, dass die höher Gebildeten in den Diskussionen häufiger er klären, ihnen sei die Anzahl der Freunde egal; dies bestätigt die Befunde aus der Repräsentativ- befra gung (vgl. Tabelle 5.3). Die formal niedriger gebildeten Jugend lichen betonen dagegen, auf den Netz werk platt formen viele Freunde zu haben. Bei einem genaueren Blick wird jedoch deut lich, dass auch für die Gymnasiasten lange Freundschafts listen sehr wohl von Relevanz sind; sie geben dies im Gegensatz zu den Haupt- und Realschülern jedoch – möglicher weise aus sozia- 139 ler Wünsch barkeit – weniger gern zu, da die Gymnasiasten solche Diskurse aus der Schule oder aus dem Elternhaus kennen.63 Neben den Netzwerkplattformen ist Instant Messaging hoch beliebt. Es wird vor allem von den formal höher gebildeten Jugendlichen als „persön- licher“ wahrgenommen und geeignet für intimere Nachrichten, doch „richtige Geheimnisse“ würden viele von ihnen nur den Freunden in der Realwelt anvertrauen (vgl. zu diesem Befund auch unten, Kapitel 7.2). Die Gymnasiasten beschreiben – anders als die Haupt- und Realschüler – die Kommunika tion im Internet generell als weniger persön lich und un verbind lich – ein Grund, weshalb sie sich aber eher trauen, andere zu kontaktieren. Positiv sei auch, dass man sich online oft den genauen Text einer Botschaft besser über legen könne. Wichtige Dinge besprechen diese Jugend lichen jedoch lieber Face-to- Face. So erwähnt die 14-jährige Gymnasiastin Nadine, dass es trotz Emoticons schwieriger sei, im Netz seine Gefühle und Stimmun gen darzu stellen: Nadine: Man kann ja gar keine Gefühle so (…) zeigen und da ähm Leute sind dann auch schnell genervt, wenn man irgendwas schreibt, aber, das dann eigentlich ganz lieb meint und die dann halt so denken, dass das halt voll böse gemeint ist, dann tickt man auch so voll ab wohl, weil man ja halt nicht weiß, wie das jetzt rüber kommen soll, weil man halt nicht mit der Stimme arbeiten kann oder so. Keine Ahnung (…). Für viele Jugend lichen ist ICQ das erste Programm, das sie am Computer öffnen und das wichtigste Tool zur Kommunika tion, d. h. zur Pflege und zur Herstel lung sozialer Kontakte. Insgesamt stehen die Jugend lichen bei ICQ mit wenigen Freunden in Kontakt, mit denen sie regelmäßig chatten, dafür werden diese Kontakte als intensiver wahrgenommen. ICQ wird als ein echter Dialog wahrgenommen – besser als E-Mails oder auch Nachrichten bei SchülerVZ, da man auf die Antwort dort länger warten müsse. Zuweilen werden auch über ICQ Fotos und Links aus getauscht. MSN spielt vor allem zur Kontakt- pflege mit Freunden im Ausland eine Rolle, da es billiger als Telefonieren ist. Geht es um die Nutzung von Videoplatt formen, zeigt sich, dass nahezu alle Jugend lichen und jungen Erwachsenen YouTube nutzen und dies auch ihre Lieblings platt form ist. Wie schon die Repräsentativbefra gung zeigte, ist YouTube zweifel los die am häufigsten genutzte Videoplatt form; oft dient sie den Jugend lichen zum Anschauen von Musik videos sowie als Musik platt form, weil dort relativ schnell die neuesten Songs zu finden sind: „Wenn man die Lieder selbst nicht auf’m PC hat, dann (…) macht man halt YouTube an und hört die“ (Nadine, 14 Jahre). Ledig lich der 12-jährige Tim erwähnt in der Gruppen diskussion eine spezielle Musik platt form, Music Load, auf der man gegen Gebühr Songs herunter laden könne. Auf YouTube werden auch gerne 63 In der Repräsentativbefra gung ergaben sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Bildungs- gruppen hinsicht lich der Zahl der Freunde/ Kontakte in der meist genutzten Netz werk platt form. 140 Spaß videos oder Videos „zum Ver arschen“ geschaut oder Fußballspiele an- gesehen sowie ver passte Folgen von Fernsehserien wie etwa Daily Soaps nach- geholt. Spaß macht YouTube, wenn Videos von Bekannten an geschaut werden können. Insgesamt ist YouTube so beliebt, „weil man dort alles findet“. MySpace stellt insofern einen Sonderfall dar, als dieses Angebot, eigent lich eine Netz werk platt form, von vielen auch als Musik platt form wahrgenommen wird – dies allerdings mehr für Musiker und Künstler selbst; sie bietet vor allem Platz für „Hobbyrapper“. MySpace ist vielen Probanden bekannt, jedoch nicht so beliebt wie YouTube. Der 17-jährige Ron ist Fan von MySpace und hat dort auch sein Profil ein gestellt. Für ihn ist SchülerVZ dagegen eher etwas für „Normalsterb liche“. Insgesamt gesehen ist MySpace jedoch bei den meisten Jugend lichen deut lich weniger beliebt als SchülerVZ, weil sie auch von den Freunden weniger genutzt wird. Platt formen wie Clipfish, MyVideo oder Kino.to sind eben falls bekannt, werden aber nicht so häufig genutzt. Obwohl fast alle Jugend lichen YouTube rezeptiv nutzen, haben nur ver einzelte Jungen schon experimentiert und ein eigenes Video online gestellt; dabei handelt es sich jedoch eher um formal höher gebildete Jungen. Die formal niedriger gebildeten Jugend lichen aus A berichten davon, dass sie Bekannte haben, die Happy-Slapping-Videos online stellen – davon ist bei formal höher gebildeten Jugend lichen kaum die Rede.64 Im Gegensatz zu den formal niedriger Gebildeten greifen formal höher Gebildete zuweilen auch auf YouTube zurück, um sich zielgerichtet zu infor- mieren: Yildiray: Manchmal hat man so ein bestimmtes Ziel im Internet. Wenn man irgendwas eingibt, zum Beispiel, ähm (…): Wie backt man einen Kuchen oder so was. Dass man dann, dann kommt, nein, dann kommt man wirk lich auch auf manchen Seiten, da bekommt man wirk lich Videos, die unter einem anderen Namen ein gespeichert sind. Wie zum Beispiel wenn man will, äh, ähm, ja halt, äh, wie backt man einen Kuchen oder so was, (Gelächter) Nein, ich red jetzt nicht einfach so. (Gruppendiskussion mit 12- bis 14-Jährigen, formal höhere Bildung, Stadt) Die Online-Enzyklopädie Wikipedia wird von nahezu allen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in ähnlicher Weise wie die Suchmaschine Google nur zur Information sowie zur Recherche genutzt, um bequem Schularbeiten oder Arbeiten für die Fachhochschule oder Universität zu erledigen. Wikipedia dient dazu, schnell einen Überblick in ver ständ licher Sprache über ein bestimmtes Thema zu er halten. Je nach formaler Bildung schauen die Jugend lichen danach auf fachspezifi schen Seiten nach oder begnügen sich mit den Angaben von 64 Ein Grund, warum diese Jugend lichen generell kaum Videos online stellen und auch nicht Clips anderer bewerten, mag darin liegen, dass man sich eigent lich erst ab 18 Jahren anmelden kann; denn formal höher gebildete Jugend liche gehen reflexiv mit Social Web-Angeboten um und machen sich Gedanken über AGBs bzw. dort ver ankerte Alters beschrän kungen. Die dort an gegebene Alters hürde bedeutet jedoch keines falls eine tatsäch liche Schranke, da sie durch eine falsche Alters eingabe jederzeit umgangen werden kann. 141 Wikipedia. Kaum jemand stellt selbst etwas hinein (nur ein 18-jähriger Gym- nasiast hat als einziger Proband der Gruppen diskussionen bereits einen Beitrag zu seinem Heimatort ver fasst); das ent spricht der Repräsentativbefra gung, der zufolge 87 Prozent der Befragten noch nie einen eigenen Beitrag geleistet hatten und nur 5 Prozent angaben, mindestens einmal im Monat in Wikis zu schreiben (siehe dazu Kapitel 4.1.2). Wenn Inhalte ver ändert werden, dann zumeist, um Mitschülern einen Streich zu spielen. 5.2.2 Einschät zung und Umgang mit Risiken im Social Web Gravierende Unterschiede markiert die formale Bildung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen vor allem dann, wenn es um die Einschätzung und den Umgang mit Risiken des Social Web geht. Häufig beziehen dabei formal höher gebildete junge Erwachsene, entsprechend dem Third Person Effect formuliert, die Gefahrendiskussion auf jüngere Geschwister oder insgesamt auf andere jugendliche Nutzer. Luise (unterbricht): Ja, sowas, das ist was anderes, aber so Suchmaschinen und sowas würd ich glaub ich nicht verbieten, aber so, StudiVZ oder oder SchülerVZ, weiß nicht, ob ich das gut finden würde, wenn ich sehe, das kann auch mit der kleinen Schwester oder die ganzen Freunde so, sich da andere irgendwie am Foto und so zeigen, also sowas würd ich glaub ich nicht gut finden. Insgesamt lassen die formal höher Gebildeten einen kritischen Blick erkennen, wie der folgende Diskussionsabschnitt aus der Gruppendiskussion mit formal höher gebildeten jungen Erwachsenen zeigt: Sonja: Das ist einfach, ja, mit dem Videos könnt es einmal schlimm werden, wenn da irgendwer, ’n Freund, ’n Video oder ’n Foto von dir macht, was eigentlich nicht, nicht ins Internet gehört und das da reinstellt, und dann, äh, das gesehen wird und man deswegen die Stelle nicht bekommen, also das wär’ schon hart. Hanno: Ja, man muss halt, ähm, der Personalchef muss dann halt auch wissen, wie er damit umgehen muss, also, wie gesagt, bei diesen YouTube-Videos, mein ich, zum Beispiel, wüsst ich jetzt nicht, wenn ich da jetzt irgendwie auf ’m Video drauf bin und wenn ich das, da, daher deswegen angeklagt werden würde, würd ich das halt schon nicht gut finden, aber, wenn ich jetzt irgendwie früher mal irgendwas vertreten habe, ähm, was ich nicht sagen will, meinetwegen, ja in einem Vorstellungsgespräch, und, ähm, dann denk ich schon, dass es so gut ist, dass er das auch erfährt. Ole: Aber ich find einerseits, dass einerseits kann man natürlich den Arbeitgeber halt verstehen, sodass er das macht, aber andererseits so ’n, also find ich schon zu heftig, so ’n Eingriff in die Privatsphäre, dass man da nachguckt, und außerdem sollte der Chef sich mehr oder weniger gleich von selber ’n ersten Eindruck von dem Menschen verschaffen, bevor der selb- bevor da halt auf die Seite geht und quasi übers Internet, äh, wie ihr auch schon rausgestellt habt, wie äh … ja. Ist es halt sehr unsensibel. 142 Constanze: Aber in dem Moment, wo du das ins Internet stellst und weißt, was es eigentlich ist, also was ist da noch persönlich? Sonja: Ja, das stimmt. (Gruppendiskussion mit 18- bis 24-Jährigen, formal höhere Bildung, Land) Zum anderen lassen sie – deutlich stärker als die formal niedriger gebildeten Diskutanten – sozial erwünschte Diskussionsstränge erkennen. Vor allem die jungen Erwachsenen, die eine Fachhochschule oder die Universität besuchen, bedienen sich dabei medienvermittelter Termini bzw. Diskursstränge. Sie wägen Chancen und Risiken stärker gegeneinander ab und präsentieren sich als verantwortliche Bürger – die folgende längere Passage aus einer Gruppen- diskussion erinnert sehr an einschlägige politische Podiums diskussionen: Klara: Also Chancen haben wir doch auch ganz viele genannt, dass es super viel Informa tion gibt, dass man sich leicht ver netzen kann, gut in Kontakt bleiben kann, ganz viel bekommt, was man sonst auf sehr langem Wege suchen kann, dass viele Fernsehsen dungen fest gehalten werden, das heißt man ist zeit lich nicht mehr ge bun- den. I: Gut, das sind jetzt alles so Sachen … I: Jetzt ab schließend noch ganz, ganz kurz – über wiegen hier die Chancen, oder eher die Gefahren? Vielleicht noch jeder ganz, ganz kurz so, das würde mich noch interes- sieren. Roman: Fazit. I: Fazit genau. Roman. Die Chance der Freiheit, der autonome Bürger, oder doch irgendwie am Ende …? Roman: Jetzt ein total blödes Fazit eigent lich, es ist ziem lich aus gewogen, finde ich, weil ich meine, es gibt ja die Chance vor allem durch diese Blogs, die wir lange besprochen haben, dass unsere Demokratie gestärkt wird dadurch, dass jeder Einzelne, also die Meinung von jedem Einzelnen gehört werden kann, wenn er das will. Gleich- zeitig besteht auch die Gefahr der Diffamie rung von anderen darüber, weil es einfach keine gesicherten Daten sind, die da er scheinen, und das ist wieder ein zweischneidiges Schwert und ähm so ist es, denke ich, mal auch bei YouTube und bei StudiVZ. Es hat alles seine Vorteile und Nachteile, und die Zukunft wird es zeigen, aber ich denke, dass es eher aufs Positive hinaus laufen wird, weil das ja immer so gegangen ist in der Geschichte (Lachen) – letztend lich. I: Natascha? Natascha: Also ich denke, dass es vom Umgang abhängt, wenn jeder einen ver ant- wortungs vollen Umgang damit pflegen würde, würden vermut lich die Chancen über- wiegen. I: Klar. Klara? Klara: Das dachte ich auch, alsodass es auf jeden Fall von der Medien kompetenz abhängt und man … also aber einfach auch auf den individuellen Gebrauch, also ich tu mich da dann doch schwer, so ein generelles Urteil – Internet ist gut, Internet ist schlecht – Internet ist da und geht sicher lich nicht mehr weg, sondern ver breitet sich sicher lich mehr noch, und ähm jetzt kommt es darauf an, dass wir damit lernen umzu- gehen. Also ich meine (lacht). 143 Bertram: Ja, ich würde auch noch mal gerne auf die Notwendig keit der Schulung der Medien kompetenz ver weisen, ich glaube, das ist da wirk lich aus schlag gebend. Im Übrigen dieser Mythos des autonomen Bürgers, der sich im Internet selbst ver wirk- lichen kann oder da publizieren kann, der ist natür lich … ich weiß nicht, war das Enzens berger, der meinte „Am Ende sieht man dann nur, dass die Leute nichts zu sagen haben, wenn sie erst mal die Möglich keit haben.“ (lacht) Klara: Ich glaube, Brecht war das auch. Brecht meinte irgendwann, wenn wir ein Radio haben, was da noch was hin und rück machen kann und dann, wenn nichts kommt, dann sieht man, dass die Bürger eigent lich gar nichts zu sagen haben. (…) I: Ja, dann machen wir doch mal den Part zu Ende. Wenn du jetzt noch mal auf den Punkt kriegen würdest für uns, würdest du sagen, die Entwick lung geht in ’ne positive Richtung, oder in ’ne negative? Bertram: Also wenn ich mich zwischen diesen beiden Varianten ent scheiden müsste und ähm mit in den Entscheidungs prozess einbeziehen lassen müsste, dass ich keiner- lei Maßnahmen sehe, um die Medien kompetenz zu schärfen, geht es eigent lich auf jeden Fall in die negative Richtung. Edith: Ja, ich sehe das auch sehr zweischneidig. Ist halt schwer zu sagen, aber ich denke schon, alsodass es (un verständ lich) dass es halt wirk lich auch schwierig ist, in Zukunft einen ver antwortungs bewussten Umgang mit dem Internet irgendwie zu garan- tieren, und selbst wenn wir, die das jetzt vielleicht alles irgendwie mitbekommen haben von den Anfängen des Internets und dadurch irgendwo so schon vielleicht ’ne eher kritische Einstel lung haben, während ja die folgenden Genera tionen irgendwo ganz anders damit auf wachsen und weiß nicht, ob das positiv ist, so das … also ich denk’ halt, dass das vielleicht auch irgendwie ein bisschen ver blasst oder dass man das vielleicht schon ver mitteln müsste, halt auch wirk lich diese Sensibilisie rung, was es halt bedeutet, Internet zugang zu allem, aber eben auch diese Gefahren, die es irgendwo birgt, was wir jetzt ja heraus gestellt haben, also. Beides halt. I: O. K. und jetzt bringt Karin noch ein Schluss wort. Karin: Ich bin ein optimisti scher Mensch. Ich hoffe einfach, dass die Menschen lernen, ver antwortungs voller mit dem Internet umzu gehen und dass dann auch die Chancen über wiegen werden und das auch allgemein … auch zur Völker verständi gung irgend- wie beitragen kann. (…) Bertram: Ver zeihung. Ver zeihung, dass ich dieses durch breche, aber ich wollte auch noch mal sagen, dass ich es absolut notwendig finde, dass Ver suche gestartet werden, das Internet als rechts freien Raum zu beseitigen, alsodass da irgendeine Form der Regula tion mit reinkommt, weil das ist auch eine Katastrophe. (Gruppen diskussion mit 18- bis 24-Jährigen, formal höhere Bildung, Stadt) Formal höher Gebildete üben – anders als ihre formal niedriger gebildeten Altersgenossen – zuweilen auch deutliche Kritik am Social Web, wie etwa Tobias an SchülerVZ: „Diese personalisierte Werbung da, die geht schon ’n bisschen aufn … Senkel (Gelächter). Aber sonst …“. Andere äußern sich kritisch über das Design von SchülerVZ und empfinden „unsinnige Massen- mails als nervend“. 144 Dieser Befund der qualitativen Studie bedeutet allerdings nicht, dass alle formal höher Gebildeten selbst immer kritisch und reflektiert mit dem Social Web umgehen; im Tun vergessen auch sie hin und wieder, was sie – theo- retisch – über Gefahren und Risiken wissen. Dies ist auch ein Grund dafür, dass sich die in der qualitativen Befragung zum Vorschein kommenden deut- lichen Unterschiede zu den formal niedriger Gebildeten in der Einschätzung und Beurteilung von Risiken des Internets anhand der Indikatoren aus der Repräsentativbefragung, die enger am konkreten Umgang mit dem Social Web orientiert sind, nur zum Teil bestätigen lassen. Die qualitativen Befunde machen deutlich, dass alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen bereits in irgendeiner Weise65 negative Erfahrungen im Social Web gemacht haben, und auch formal höher gebildete Jugendliche vergessen in der Aktion Vorsichtsmaßnahmen. Zudem geraten sie – sich der Gefahren bewusst – zuweilen in eine Dilemma- situation, die mit den Nutzungsgegebenheiten im Social Web zu tun hat. Formal höher Gebildete spielen häufiger als formal niedriger gebildete Jugend liche mit der anonymen Internetnut zung, indem sie sich z. B. unsicht bar machen, um andere Profile zu durch stöbern oder um sich aus Spaß auch einmal als jemand anderer auszu geben (z. B. um sich älter zu machen). Dabei nutzen sie zuweilen ihre Profile unter Nicknames und haben Cartoons als Profil-Fotos. Viele Jugend liche finden diese Form der Nutzung jedoch durch aus nicht optimal, da es ihr eigent liches Anliegen, die Beziehungs pflege etwa zu alten Freunden, unmög lich macht. Sie nutzen die Möglich keit, Profile auf Netz- werk platt formen so einzu stellen, dass fremde Personen sie nicht sehen können, daher nur sehr ungern oder gar nicht: „weil es einen daran hindert, alte Freunde wieder zufinden“. Die formal höher gebildeten Jugend lichen betonen in den Diskussionen, dass sie auf passen, was, wie, wo und wem sie welche Informa tionen preis- geben. Zudem blocken und löschen sie beispiels weise „dumme Kommentare“, un gewollte „Anmache“, un gewünschte Kontakte, schlechte Fotos sowie un- erwünschte Verlin kungen. Ihnen ist bewusst, dass man generell mit persön- lichen Informa tionen vor sichtig sein sollte und dass die Daten im Netz „ewig“ stehen bleiben können. Wie oben (vgl. Tabelle 5.3) gezeigt wurde, lassen sich in dieser Hinsicht in der Repräsentativbefra gung keine signifikanten Unter- schiede fest stellen – die in der qualitativen Studie zu beobachtenden Unter- schiede gehen demnach wohl zum Teil auf unter schied liche Muster, sich im Gespräch zu reflektieren und darzu stellen, zurück und weniger auf Unter- schiede in den konkreten Umgangs weisen. 65 Nach Befunden der repräsentativen Teilstudie geben 28 % aller Befragten an, im Internet bereits selbst einmal belästigt worden zu sein; in der qualitativen Teilstudie wurde allerdings deutlich, dass nahezu alle Jugendlichen, auch wenn sie persönlich selbst noch nicht betroffen waren, jemanden kennen, der negative Erlebnisse gemacht hat. 145 Die Preis gabe persön licher Daten wird unter den formal niedriger Gebil- deten weniger diskutiert. Sie machen sich in den Diskussionen kaum Gedanken darüber, wie man sich im Social Web gegen unliebsame Erlebnisse schützen kann und gehen eher sorg los mit negativen Erfah rungen um bzw. betrachten sie als einen un vermeid lichen Teil der Social Web-Nutzung. Die meisten er- klären sogar recht vehement, dass es bei ihnen keine anonyme Internetnut- zung gebe, da sie bei allen Profilen ihre richtigen Daten an gegeben haben. Sie ver trauen darauf, dass die Angaben der meisten Personen auf den Netz werk- platt formen oder im Instant Messaging stimmen, da sie es auch selbst als eine Frage der Ehre betrachten, keine falschen Informa tionen zu ver breiten. Sie geben oft bereit willig sogar Telefon nummern und Adressen bekannt und rea- gieren eher gelassen auf pein liche Fotos. Die formal höher Gebildeten sind dagegen allgemein wesent lich sensibler in Bezug auf die Ver öffent lichung von Fotos; sie finden es auch nicht in Ord- nung, wenn Mitschüler nicht gefragt werden, wenn man z. B. ein Spaß-Foto auf SchülerVZ stellt. Sie diskutieren ein derartiges Ver halten vehement und hoch emotional und kommen auf mögliche negative Auswir kungen für die Betroffenen in der Zukunft zu sprechen: Yildiray: Aber ich find das auch, ab und an, bei einigen Videos ist es abhängig auch, eigentlich auch von denen, die das machen. Eigentlich auch wirklich blöd auch, weil auf manche Videos, ich hab mal eins gesehen, da macht sich einer unbewusst (…), wie soll ich sagen, so zum Affen einfach. Der spielt, der möchte das eigentlich gar nicht, der will das eigentlich gar nicht und er macht das. Und dann haben die das gefilmt und dann haben sie sich auch noch im Hintergrund tot gelacht und so. Ähm, das kann auch, das kann auch sein, weil wenn die Haare, zum Beispiel morgens immer, man sich vergessen hat zu kämmen oder so, wenn einem die Haare so zu Berge stehen (Linda: Vergessen?), bei manchen sieht das halt etwas witzig aus. Und so was, und mit solchen Sachen machen sie dann, manche filmen das und setzen das ins Video, äh setzen das ins Internet bei YouTube oder MyVideo, und dann äh, dann (…) sind das dann eigentlich ne Sauerei, wenn der so was macht. (Gruppen diskussion mit 12- bis 14-Jährigen, formal höhere Bildung, Stadt) Doch auch die formal höher gebildeten Schüler berichten von Schüler- oder Lehrerhass gruppen auf SchülerVZ und sogar von einer Schülerin, die wegen des Uploads eines pein lichen Videos einer Mitschülerin von der Schule ver- wiesen wurde: I: Gibt’s solche Fälle an eurer Schule so? Dass da mal so ’n Video rumgegangen ist? (Judith: Nein.) So: Haha, der von der Klasse 7a oder so? Felix: Ja, bei uns gab’s das mal. Da hat’s da ne Schülerin aus der Parallel klasse ganz bewusst gemacht, die hat heim lich gefilmt, dass (…) weiß ich nicht mehr, die ist dann auch von der Schule geflogen, die war ’n bisschen speziell. (Aria: Ver stehe.) Ja, die hat sich dann mit anderen zusammen getan und hat dann denen auch gemailt: Ah, schaut euch doch mal das Video an, da macht sie sich voll zum Affen, die ist voll 146 dumm. Lasst die mal mobben. Die ist blöd, die ist aus der Klasse und so was. Das war schon ziem lich (…) unfair. Yildiray: Und haben sie es ins Internet gestellt, oder? Felix: Ja. Aber dat wurde dann raus genommen. I: Und was war das für ’n Video? Felix: Das weiß ich nicht mehr. I: Und wer hat da reagiert? Also die Schullei tung? Felix: Ja, ja, genau. Also die, äh Schülerin hat das den Eltern gesagt, und die hat dann mit der Schullei tung gesprochen. Die Schülerin hat wiederum mit dem Klassen- lehrer gesprochen. Die Klassen lehrerin hat dann mit der Schülerin gesprochen, mit deren Eltern und dann mit dem äh, ja Opfer sag ich mal. (Lena: Opfer.) Und auch mit dessen Eltern. (Gelächter) Und äh, ja, dann haben die das halt geregelt, dass das Video wieder raus kommt und die hat ’n Schul verweis gekriegt. (Gruppendiskussion der 12- bis 14-Jährigen, formal höhere Bildung, Stadt) Sie betrachten eine solche Verhaltensweise jedoch kritisch und lehnen sie ab bzw. machen sich Gedanken, was dahinter stehen könnte: Ole: Also die Leute, die solche Videos auch machen, die …, weiß nicht, die sind, irgendwie, die sind irgendwie, die sind schon bisschen psychisch kaputt. (Gruppendiskussion mit 18- bis 24-Jährigen, formal höhere Bildung, Land) Zwar finden auch formal niedriger gebildete Jugend liche Online-Mobbing nicht in Ordnung. Denn in fast allen Diskussionen waren sich die Jugend lichen und jungen Erwachsenen darin einig, dass sie ein solches Ver halten ab lehnen; sie halten es für „feige“ und bezeichnen es als „Sauerei“. Aber generell messen die formal niedriger Gebildeten dem Online-Mobbing weniger Relevanz bei, da man z. B. negative Fotos „ja jederzeit wieder löschen kann“. Sie diskutieren stärker über Viren, Spyware, Happy Slapping, den Reiz von pein lichen Fotos und Seiten wie rotten.com. In den Diskussionen mit den formal höher Ge- bildeten sind dagegen geänderte Daten schutz richtlinien in StudiVZ häufiger Thema. Geht es um Online-Bekannt schaften, so berichten in den Gruppen dis kus- sionen formal niedriger gebildete Jugend liche häufiger über derartige Erfah- rungen; deut lich mehr niedriger gebildete Mädchen er zählen davon, schon des Öfteren „an gemacht“ worden zu sein. Sie betrachten ein solches Ver halten allerdings öfter als „Spiel“ bzw. „Flirten“ und nicht als etwas, was sie mit ihren Eltern besprechen müssten. Für viele formal niedriger Gebildete haben Online-Bekannt schaften, wie sie er zählen, ihren Reiz; so könnten sich einige Jungen und Mädchen vor stellen, einmal eine Online-Bekannt schaft zu machen, dies allerdings – da sind auch sie sich einig – nicht allein: I: Und Sergei, du triffst die Leute schon gerne, wenn du die im Internet kennengelernt hast? Sergei: Nicht alleine, auf gar keinen Fall alleine. 147 I: Mit wem triffst du die dann? Sergei: Mit meinem besten Freund. Man kann ja nie wissen. Abdul: Man muss die erst mal kennenlernen und so, und dann kann man meist ja, denen können wir vertrauen und so was, und dann gibt man eben Telefonnummer oder so „Ja hier ist meine“ und so danach (unverständlich) ob sicher is’ oder so (…). (Gruppen diskussion mit 15- bis 17-Jährigen, formal niedrige Bildung, Stadt) Auch im Umgang mit Informa tionen zeigen sich deut liche Unterschiede. Dem Thema Urheber recht bzw. Plagiat wurde in den Diskussionen mit formal niedriger Gebildeten keine große Bedeu tung bei gemessen. Was im Netz steht, gehört nach Meinung der meisten allen und darf daher z. B. bei Hausarbeiten un gestraft heran gezogen werden: I: Aber jetzt mal ehrlich: Habt’s ihr vielleicht so für ne Hausaufgabe oder für irgend- wie so ’n Referat dann gesagt, ja so „Ach, das hol ich mir von Wikipedia“? Pascal: Ja. I: Dass man das dann so kopiert? Pascal: Oder einfach … Ernst: Ja, immer das könn’ ma ja. (Alle reden durcheinander) Pascal: Nein, sowas … da drückte man das erste, und dann steht da so zwei, drei Seiten so, kopiert man das in Word und kopiert’s … Hannelore: … dann einfach zusammenfassen, also das Richtigste dann. (Gruppen diskussion mit 12- bis 14-Jährigen, formal niedrigere Bildung, Land) Während die einen Inhalte recht sorg los per Kopieren und Einfügen ver wen- den, wissen die anderen, dass man Quellen an geben muss. Dagegen ist allen Beteiligten bewusst, dass Files haring – also das Downloaden von Songs oder Filmen etc. – illegal ist; dennoch wird in allen Gesprächen deut lich, dass es dennoch hin und wieder gemacht wird. Unabhängig von der jeweiligen Gruppe – die Jugend lichen kennen Strategien bzw. geeignete Portale, die sich zum Downloaden besonders anbieten. Bei den Gesprächen wurde auch deut lich, dass die meisten Jugend lichen wissen, auf welchen Portalen man auf passen muss, um nicht er wischt zu werden. In Bezug auf das Thema Urheber recht lassen sich wieder Differenzen er kennen; formal höher Gebildete er wähnen häufiger, dass man für ein illegales Benutzen z. B. von Bildern aus Google bestraft werden kann. Jugend liche, die eine Haupt- oder Realschule besuchen, halten sie dagegen für frei benutz bar. In Bezug auf die Wahrneh mung von Risiken und Gefahren im Netz lässt sich resümieren, dass bei den meisten an den Gruppen diskussionen beteiligten Jugend lichen und jungen Erwachsenen (mit zunehmendem Alter steigt das Bewusstsein für Risiken und die Kenntnis, wie man damit umgehen kann) zumindest ein rudimentäres Ver ständnis besteht. Bei genauerer Nachfrage wird deut lich, dass es sich dabei um Kenntnisse aus dem von Medien bestimmten Diskurs handelt, d. h. die Jugend lichen haben hier und dort bereits gehört, was man darf oder nicht tun sollte. Fast allen ist bekannt, dass man sich nicht mit 148 Fremden aus Online-Bekannt schaften außerhalb des Social Web treffen sollte und dass man sich vor Viren schützen muss. So spielt bei fast allen Diskutanten in der Diskussion um Risiken der Faktor soziale Erwünscht heit eine Rolle. Die Jugend lichen wissen grob, was sie sagen dürfen bzw. ver schweigen sollten. Erst mit der Zeit, je lebhafter die Diskussion wird, tauen sie auf und sprechen freimütiger über ihre Einschät zungen, Kenntnisse und Erfah rungen. Jugend- liche, die ein Gymnasium besuchen und in besonderer Weise junge Erwach- sene, die bereits studieren, zeigen ein deut licher aus geprägtes Bewusstsein für Risiken; sie ver fügen zudem über genauere Kenntnisse in bestimmten Pro- blem feldern wie etwa dem Urheber recht. Diese Jugend lichen und jungen Er- wach senen gehen insgesamt kritischer und reflektierter mit dem Internet um. Unabhängig von der formalen Bildung zeigen die Jugend lichen, die sich häufig intensiv im Social Web bewegen und für die seine Angebote eine hohe Relevanz er langen, einen deut lich reflektierteren Umgang: Kompetenz scheint mit dem „Tun“ zu wachsen. Doch auch negative Erfah rungen dienen zuweilen dazu, vor sichtiger zu werden, wie das folgende Statement der 17-jährigen Gym- na siastin Steffi aus B zeigt; es macht jedoch auch deut lich, wie wichtig ein gutes, offenes Ver hältnis zu den Eltern ist, wenn es um unliebsame Erlebnisse im Social Web geht: Steffi: Also meine Eltern, mit Internet haben die auch nicht so viel am Hut. Aber ich finde, von uns jetzt die Eltern nicht mehr so, aber vor allem für jüngere Jugendlichen … Also ich hab selber mal Mist gehabt, und zwar hab ich blöderweise als Zehn- oder Elfjährige hab ich meine Telefonnummer weitergegeben im Chat, ja und dachte, ja das war irgendein Junge, der hatte mich angeschrieben, also ich hatte mich da auch ganz normal als Zehnjährige ausgegeben. Und, ähm, der Junge hat sich auch als Elfjähriger ausgegeben; „Ja, lass uns doch mal telefonieren! Schreiben ist so blöd.“ Ich konnte auch nicht so schnell schreiben, ja gut, das habe ich auch meiner Freundin … Erst war ich alleine und dann mit meiner Freundin gemacht, und wir wollten uns da auch eigentlich ein bisschen Spaß draus machen … Aber auf einmal ruft dann wirklich jemand bei mir zu Hause an, und das war dann eine deutlich ältere Stimme als elf Jahre. Also, ganz sicher schon erwachsen. Und, ähm, der hat gesagt: „Ja, wo ist denn Steffi?“ und ich hab nur geschrien. Und ich hab’ da richtig Ärger gekriegt, ich hab auch gar nicht, dass da so was kommt, wiederkommt. Da hatte ich mich so sehr erschrocken, dass ich da nie wieder reingegangen bin. (lacht) Echt, aber ich glaube, man lernt das aus Erfahrungen. Ich hab meinen Eltern da keine Vorwürfe gemacht. Weil die wussten es auch nicht besser. Ich hab denen auch nicht gesagt, dass ich da drin schreibe. Aber ich weiß wohl, dass ich meine Jugendlichen später davon fernhalte, weil ich, man hört soviel Dinge, dass sich da Erwachsene, auch Frauen, die geben sich da als 13-Jährige aus, um das auszutesten; und da melden sich teilweise Männer und sagen: „Ja, ich möcht dich wohl entjungfern!“, und solche Scherze. Und das ist echt heftig, was man da teilweise hört. Also, wenn ich später vielleicht eventuell mal Jugendliche hab’ [als Lehrerin, Anm. d. Verf.], dann sollen die das möglicherweise später nicht machen. Da lass’ ich solche Seiten vielleicht sogar sperren. Wenn es die 149 dann noch gibt. Also, ich finde das drastisch. Ich hab’ mich da auch echt erschrocken, und ich erschreck mich auch immer wieder. Dass auch ich grad’ damit so eine Er- fahrung gemacht hab’. Wenn ich mich jetzt …, wären meine Eltern nicht da gewesen, und meine Freundin und ich wären da noch weitergegangen, und vielleicht: „Ja, soll ich euch mal ins Kino einladen?“ oder solche Scherze – wer weiß, was da noch ge- kommen wäre? Ne. Tja, ist gut gegangen – Gott sei Dank! 5.2.3 Zur Relevanz der Medienerziehung – Einfluss von Elternhaus, Wohnort und Schule auf den Umgang der Jugendlichen mit Social Web-Angeboten Da in der qualitativen Teilstudie die Rekrutie rung der Probanden für die Grup pen diskussion ledig lich nach dem Alter, dem Geschlecht, dem Wohnort und insbesondere der formalen Bildung vor genommen wurde und damit weit- gehend unabhängig von weiteren soziodemographi schen Faktoren wie etwa dem Bildungs hintergrund der Eltern, ihrer Familien form bzw. ihrem Beruf, lassen sich aus den Daten keine unmittel baren Bezüge zwischen dem Umgang der Jugend lichen mit dem Social Web und den sozio-ökonomi schen Hinter- gründen ihrer Familien herstellen. Sehr wohl zeigte sich aber in allen Diskus- sionen, dass dem Medienerziehungsverhalten der Eltern zumindest bei den jüngeren Probanden (unter 18 Jahren) Bedeutung zukommt. Zwar unterscheiden sich auch junge Erwachsene im Hinblick auf ihre Kenntnisse bzw. ihre Kom- pe tenz im Umgang mit Social Web-Angeboten deutlich voneinander, die Rolle der Medienerziehung wurde jedoch in diesen Diskussionen nicht eigens thema- tisiert. In den Fällen, in denen die Medienerziehung zur Sprache kam, wurde sie von den jungen Diskutanten selbst eingebracht; die Aussagen bezogen sich dabei zumeist auf eigene jüngere Geschwister oder generell – im Sinne des Third Person-Effekts – auf Einschätzungen, wie man Jüngere zu kompetenteren Social Web-Nutzern erziehen könne. Von Bedeu tung für den Umgang mit Social Web-Angeboten erwies sich auch der Wohnort, wo die Jugend lichen leben, ob in der Groß stadt (A) oder auf dem Land (B). In diesem Zusammen hang muss jedoch erwähnt werden, dass die auf dem Land rekrutierten formal niedriger gebildeten Diskutanten zu einem über wiegenden Teil in „bürgerlichen“ Elternhäusern leben; sie be- suchen durchweg die Realschule bzw. absolvieren eine Lehre oder arbeiten bereits in ihrem Beruf. Nur einige wenige leben in weniger geordnet erschei- nenden Familien, in denen ein Elternteil oder beide arbeitslos sind bzw. die Familie nur wenig oder gar nicht in die soziale Gemeinschaft der jeweiligen Kleinstadt oder des jeweiligen Dorfes integriert ist. Die formal niedriger ge- bildeten Probanden in der Stadt stammen durchweg aus sozial schwächeren Milieus als die Jugendlichen auf dem Land. Viele Jugendliche in A leben in sozial weniger gut ausgestatteten Migrationsfamilien. So erzählten einige 150 Diskutanten voller Stolz, dass sie – im Gegensatz zu den meisten in ihrer Klasse – ihren „Quali“, d. h. den qualifizierten Hauptschulabschluss anstreben oder bereits geschafft hätten; für andere war die Schule dagegen eher ein „Reizthema“. Die Gymnasiasten bzw. Studierenden unterscheiden sich in Bezug auf ihr Elternhaus nicht wesentlich voneinander. Somit kann für die folgenden Aussagen kein zweifelsfreier Zusammenhang zwischen den Aussagen der Jugend lichen und dem Wohnort hergestellt werden; es handelt sich eher um Zusammenhänge mit dem Bildungshintergrund bzw. Elternhaus der Probanden. Die Wohnortgröße und -lage gewann lediglich in einem Punkt eine eindeutig zuordbare Bedeutung, die Nutzung der regionalen Emsland-Community durch die Probanden aus B als eine für sie sehr wichtige Netzwerkplattform mit hoher identitätsstiftender Relevanz.66 In allen Gruppendiskussionen sind sich die Jugendlichen weitgehend einig, dass ihre Eltern sich kaum oder gar nicht mit dem Internet aus kennen. In der Diskussion werden jedoch große Unterschiede im Verhalten der Eltern offen- kundig. Die Eltern, deren Kinder das Gymnasium in A und B sowie die Realschule in B besuchen, zeigen deutlich mehr Interesse an dem, was ihre Kinder in ihrer Freizeit tun bzw. was sie beschäftigt; sie kontrollieren zwar nur selten explizit den Umgang ihrer Kinder mit Internet- bzw. Social Web-Angeboten, ihre Gesamthaltung lässt sich jedoch als wohlwollend begleitend kennzeichnen. In B erzählte eine Schülerin sogar, dass ihre Eltern ihr nicht erlauben, bei SchülerVZ mitzumachen, da dort zu große Gefahren für Mädchen drohen. Die formal niedriger gebildeten Jugendlichen (aus A) sind deutlich mehr auf sich selbst gestellt; für sie spielen in der Diskussion Einschränkungen und Regeln eine viel geringere Rolle als bei den Jugendlichen vom Land. Dies zeigt sich insbesondere im Umgang mit (Online-) Spielen, die sie nach eigenen Aussagen weitgehend nach eigenem Gutdünken nutzen dürfen: I: Wenn du von Ballerspielen sprichst … Sergei: Also Counter Strike, Call of Duty, ich hab nur zwei Ballerspiele, da spiel ich immer. I: Für wie alt sind die Spiele eigentlich? Sergei: 16 und 18. (I: Hm) Meine Mutter hat nichts dagegen, aber meine Mutter er- laubt’s nicht, jeden Tag zu spielen (…). (Gruppendiskussion mit 12-bis 14-Jährigen, formal niedrigere Bildung, Stadt) 66 Auch Sander/ Lange weisen in ihrer qualitativen Studie (vier Gruppen diskussionen sowie 16 Einzel inter- views) mit 13- bis 16-jährigen Jungen und Mädchen aus dem Groß raum München im Rahmen des Projekts „Unterstützungs leis tungen in Freund schaften und Peer-Beziehungen“ auf die hohe Bedeu tung von lokalen Netz werk beziehungen hin. Mit Rück bezug auf Kammerl diskutieren sie die „‚lokale Färbung‘ von Internet- kommunika tion“ (Sander/ Lange 2008, S. 30). Danach dokumentieren und stabilisieren Aktivitäten im Netz bestehende Kontakte und Freund schaften (vgl. ebd.); siehe dazu auch Kapitel 1.4. 151 So berichten die formal niedriger gebildeten Gleichaltrigen, dass ihre Eltern in der Regel mit ihnen keine Medien gespräche führen, aber genaue zeit liche und inhalt liche Regeln auf stellen. In den Fällen, in denen ihre Eltern Regeln setzen, kontrollieren die Eltern das Einhalten jedoch nur selten; da übernehmen oft die älteren Geschwister Aufgaben der Eltern und schauen zuweilen auf das, was ihre jüngeren Geschwister im Internet tun.67 Zwar ist auch den formal niedriger gebildeten Jugendlichen aus der Stadt z. B. der Besuch von Erotik- seiten verboten, und auch sie werden von ihren Eltern darauf hingewiesen, dass sie keine Kontakte zu Fremden aufbauen sollten. Bereiche wie Urheber- recht oder Downloaden sind bei ihnen aber zumeist kein Thema. In der Gruppe der 12- bis 14-jährigen Hauptschüler in A erzählten einige Kinder sogar, dass sie die Kenntnisse zum Download von illegalem Content von ihren Vätern haben. Abgesehen davon stand die Kostenfrage im Mittelpunkt. Die Eltern belassen es jedoch zumeist, wie ihre Kinder in den Gruppendiskussionen er- zählten, bei Warnungen und kontrollieren nur selten oder gar nicht, was sie tatsächlich tun, bzw. sie suchen mit ihnen kein Gespräch zu ihrem Medien- umgang. Auch die Kinder selbst scheuen sich in diesen Fällen, ihren Eltern von ihren negativen Erlebnissen zu erzählen; wenn sie Problemen begegnen, sind eher die Freunde als Gesprächspartner oder Begleiter wichtig. Auch der Schule kommt, wie die wenigen Aussagen der Probanden in diesem Kontext belegen, eine hohe Relevanz bei der Stärkung des Bewusst- seins von Chancen und Risiken im Umgang mit dem Internet bzw. dem Social Web zu. Zwar wurde der Input der Interviewer, in denen sie den Blick auf die Rolle von Schulen lenkten, ob und wie Schulen mit der Social Web-Nutzung ihrer Schüler umgehen, nur selten von den Probanden – und dabei vor allem von formal höher gebildeten – auf genommen. Doch in zwei Gruppen diskus- sionen mit formal niedriger gebildeten Schülern und Schülerinnen zeigte sich, dass nach anfäng licher Skepsis gerade bei heiklen Punkten wie dem Umgang mit Risiken im Social Web (Themen waren dann u. a. Online-Mobbing, Gewalt oder sexuelle Belästi gungen) die Probanden die Gelegen heit nutzten, um mit den Leitern der Diskussionen über ihre Erfah rungen zu sprechen. Sie schienen geradezu nach Rat und Hilfe zu suchen, denn im Laufe des Gesprächs stellten die Jugend lichen selbst mehr und mehr Fragen, die unter anderem ethische Aspekte im Umgang mit dem Social Web betrafen. Damit wird eine Chance für medien pädagogi sche Projekte offen kundig – Vorausset zung ist, dass die Schüler und Schülerinnen das Gefühl haben, bei Erwachsenen damit auf Ver- trauen zu stoßen und un gestraft über ihre Erlebnisse und Probleme sprechen zu können. 67 Hier zeigt sich ein ähnliches Medienerziehungsverhalten wie in der Studie zur Mediensozialisation sozial benachteiligter Kinder in Österreich (siehe dazu Paus-Hasebrink / Bichler 2008). 152 In den Gymnasien war bereits häufiger als in anderen Schulen über Pro- blembereiche wie das korrekte Zitieren bzw. den Umgang mit Quellen aus dem Netz diskutiert worden: I: Und wie ist das, ihr habt vorhin die Quellen angaben an gesprochen, ist das bei euch auch so in der Schule? Felix: Ja. Judith: Ja, immer mit Quellen. Ich hatte in der sechsten (alle reden durch einander). Ich hatte in der sechsten Klasse mal, da mussten wir in Englisch so ’n Referat über so Tiere machen, und da hat unsere Lehrerin dann auch zu jedem Tier so ’n bisschen ähm, gegoogelt, und bei zwei, drei Leuten hat sie wirk lich den kompletten Text in Englisch im Internet gefunden, und die haben dann dementsprechend auch ne Fünf oder so gekriegt, also. I: Und wie ist das mit den Quellen angaben, wie empfindet ihr das, ist das jetzt eigent- lich nur was, was Lehrer wollen oder ist das irgendwie (…) Ja, gehört sich das einfach, gehört das dazu? Jan: Also ich denk mal, die, ähm, die das schreiben, die haben ja ’n (…) Urheber recht darauf. Also, die haben ja sozu sagen ’n Recht darauf, dass andere dann schreiben, von wem sie es haben. Weil die können ja nicht sagen, das ist Eigentum oder so. Aber wir mussten hier ’n Ver trag unter schreiben, dass wir immer Quellen angaben machen. Und nicht alles immer so aus drucken, wie das ist, das dürfen wir auch irgendwie bei den meisten Referaten nicht. Ich find das ’n bisschen lästig, dass man bei jedem Bild die einzelne Quellen angabe macht. Und dann bei jedem Text, und das ist dann schon ’n bisschen lästig. (Gruppen diskussion mit 12- bis 14-Jährigen, formal höhere Bildung, Stadt) In den Gruppen diskussionen mit formal höher gebildeten Schülern wurde deut- lich, dass die Lehrer an den Gymnasien, die die Probanden besuchen, schon früh darauf auf merksam gemacht haben, dass sie Wikipedia nicht als einzige Informations quelle nutzen, sondern die Angaben immer noch mit anderen Quellen ver gleichen sollten. 5.3 Zum Identitäts-, Beziehungs- und Informations - manage ment mit dem Social Web: die individuellen Perspektiven Der Alltag von jungen Menschen gestaltet sich zunehmend komplizierter und komplexer; sie sind heraus gefordert, ihre Identität auszu bilden, sich als Junge bzw. Mädchen, Mann oder Frau in ihren Peer-Groups selbst zu ver orten, sich in ihren Stärken und Schwächen im Umgang mit anderen kennen- und akzep- tieren zu lernen; sie tun dies in formellen (etwa in Schule, Ausbil dung, Beruf oder Hochschule) wie informellen Lernkontexten, dargeboten vor allem durch Medien. Heranwachsende sind in der Familie, der Schule bzw. Berufs schule, in der Hochschule, der Lehre oder der Ausbil dung sowie ihrer Freizeit ständig 153 neu – und jeweils spezifisch – heraus gefordert, ihre innere Realität mit den äußeren Anforde rungen in Einklang zu bringen. Das bedeutet zum einen, sich in die Familien- bzw. Klassen gemein schaft und auch die Peer-Group adäquat einzu bringen und den eigenen Standort zu er kennen, zu reflektieren und zu ver treten; zum anderen gilt es, ob in Unterricht oder Ausbil dung, Leistungs- anforde rungen gerecht zu werden sowie fest gefügten, ritualisierten, oft genug auch bürokratisierten Formen der Alltags gestal tung standzuhalten und sie, so- weit wie möglich, zu akzeptieren bzw. – der jeweiligen Situa tion an gemessen – neu zu gestalten. Hinzu kommt, dass Jugendalltag nicht nur bedeutet, zahl- reichen Anforde rungen gerecht zu werden, die mit der Notwendig keit der eigenen Biographieschrei bung zusammen hängen; junge Menschen sehen sich auch einer Fülle medial geprägter Angebote und Verloc kungen gegen über: Der Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen bedeutet auch Erlebnis- alltag. Eine Fülle von Angeboten und Anforde rungen lässt den Alltag für Jugend- liche zunehmend „unübersicht lich“ er scheinen. Wie Erwachsene streben auch Heranwachsende nach Zeit vertreib, Entlas tung vom Alltag, nach Unterhal tung und Amüsement. Insbesondere Social Web-Angebote bieten sich ihnen in ihren vielfältigen Erscheinungs formen zur Selbst-, Sozial- und auch Sachauseinander- setzung an; sie dienen den unter schied lichen Interessen und Wünschen in Bezug auf ihr Beziehungs management und ihr Identitäts management (siehe dazu auch Livingstone 2008; Valkenburg/ Peter/Schouten 2005; Valkenburg/ Peter 2008). Livingstone weist darauf hin, dass junge Menschen das Social Web nutzen, „in order to construct, experiment with and present a reflexive project of self in a social context“ (Livingstone 2008, S. 396). Social Web-Angebote, allen voran YouTube bzw. die Netz werk platt form Schüler- und Studi-VZ, taugen in vielfältiger Weise zur Alltags organisa tion und bieten sowohl eine ganz reale als auch eine Als-ob-Welt zum Kennen lernen und Ausprobieren in den für Jugend liche und Heranwachsende zentralen Feldern an. Wie auch eine aktuelle OFCOM-Studie (2008)68 zeigt, bieten sich Netzwerkplattformen an, um in Kontakt mit Freunden, der Familie und anderen Menschen zu bleiben, um Kontakt zu alten Freunden wiederherzustellen und neue kennenzulernen – dazu werden Profile anderer durchstöbert –, um mit der eigenen Identität online zu experimentieren und zu spielen, um sich selbst auszuprobieren und Selbst- bewusstsein aufzubauen (vgl. ebd., S. 38 ff.). Nur sehr selten wird dagegen, wie die Daten der vor liegenden Studie in Bezug auf das Informations management der Probanden er kennen lassen, das Social Web in seinem sozialen Moment – wie etwa durch Social Bookmarking 68 Dabei handelt es sich um eine qualitative und quantitative Studie zu Einstel lungen, Nutzungs- und Um- gangs weisen von Nutzern und Nicht-Nutzern unter jungen Menschen im Alter zwischen 11 und 24 Jahren in Bezug auf Social Networking. 154 etc. – wirk lich genutzt. Zwar informieren sich die Jugend lichen und jungen Erwachsenen häufig mithilfe der Online-Enzyklopädie Wikipedia, die auch zum Social Web gerechnet wird; sie nutzen diese allerdings in ähnlicher Weise wie Google, nämlich im Sinne einer „Such- und Recherchemaschine“. In den Fällen, in denen sie sich etwa Pinnwände oder Profile anderer Jugend licher oder junger Erwachsener ansehen bzw. diese kommentieren oder in deren Web- logs lesen, geht es weniger um den Aspekt der Informa tion als mehr um einen Teilaspekt des Beziehungs managements. Da wollen die Jugend lichen wissen, mit wem sie es zu tun haben, was andere tun oder denken, oder andere ärgern, dissen69 oder auch mobben. In diesen Fällen steht der Beziehungs aspekt im Vordergrund und weniger die Informa tion. Hin und wieder wird z. B. auch, wie etwa bei aus ländi schen Probanden, YouTube zur Informa tion genutzt, wenn diese sich Videos über ihr Heimatland ansehen; im Vordergrund steht hierbei jedoch zumeist der Aspekt der Identitäts pflege. 5.3.1 Dimensionen im Umgang mit dem Social Web Aus dem empiri schen Material der Einzelfall beispiele und Kurz-Profile70 haben sich als ein zentrales Ergebnis der Auswer tung sechs zentrale Dimensionen im Umgang mit dem Social Web heraus kristallisiert, die – je nach Proband – in unter schied lichen Ausprä gungen bzw. mit ver schiedenen Kombina tionen auf treten können. Diese Dimensionen – siehe dazu Tabelle 5.6 zur Übersicht – dienten der Vorsortie rung der Umgangs weisen aller in Einzelinterviews er- fassten Probanden. Einige Dimensionen kommen bei einigen Probanden gar nicht vor (0), andere sind dagegen wieder stark aus geprägt (2). Diese sechs Dimensionen er fassen jedoch nicht den konkreten Umgang der Probanden, sodass es – wie in der Tabelle ersicht lich – zu Überschnei dungen und Über- lappungen kommt, wie etwa zwischen den Handlungs typen 2 und 3 sowie 3 und 6. 69 Unter „Dissen“, einem Begriff aus dem Sprachgebrauch Jugendlicher, ist eine Art „Kabbeln“ zu verstehen; „Dissen“ ist damit zwischen einem eher harmlosen „Ärgern“ und dem ethisch (und gegebenenfalls auch juristisch relevanten) problematischen, andere in ihren Persönlichkeitrechten beeinträchtigenden und diese gegebenenfalls gar verletzenden „Mobben“ anzusiedeln. 70 Siehe dazu die Dokumenta tion der Kurz-Profile unter www. uni-salzburg. at / kowi /av/ forschung/ SocialWeb. 155 Tabelle 5.5: Übersicht über die Auswertungs dimensionen Dimension Leitfrage Beispiel kreativ Werden neue Inhalte geschaf- fen? Publika tion eines eigenen Videos auf YouTube, Schreiben eines Blogs intensiv Wie sieht der zeit liche Umfang der Social Web-Nutzung aus? Lange online sein, auch wenn man andere Medien, wie z. B. TV nebenbei nutzt reflexiv Denkt der Proband über sein Tun nach? Genaues Lesen von AGBs; Hinterfragen von Risiken; Abgleich von Chancen und Risiken des Social Web initiativ Ist der Proband selbst Akteur (z. B. Peer-Group)? Gründung eigener Gruppen in Schüler-VZ, aktive Initiie rung von Kommunika tion über Instant Messaging bzw. Netz werk platt formen relevant Welche Bedeu tung misst der Proband dem Umgang mit Social Web-Angeboten in seinem Alltag bei? Social Web für Beziehungs-, Identitäts- und Infor- mationsmanagement hohen Stellen wert im Alltag beimessen innovativ Weitet der Proband den Handlungs spiel raum nach eigenen Interessen aus? Ausweiten oder Umdeuten eines Angebots über seinen ursprüng lichen Rahmen hinaus, z. B. Netlog als Chance für einen eigenen geheimen Blog nutzen Um eine möglichst klare Typen bildung von Social Web-Handlungs typen vorzu nehmen, war es nötig, weitere Kriterien heran zuziehen, die aus der Inter preta tion des Gesamt zusammen hangs eines Einzelfall beispiels bzw. eines Kurz-Profils der Probanden ab geleitet wurden. Diese Kriterien ergeben sich einer seits daraus, was die Jugend lichen mit Social Web-Angeboten im Alltag jeweils konkret tun und wozu sie sie einsetzen, d. h. ob sie sie z. B. ver stärkt zur Beziehungs pflege oder zur Selbst darstel lung nutzen. Anderer seits sind sie in spezifi schen Anforde rungen des lebens welt lichen Kontexts der Probanden zu ver orten. Damit unter scheidet sich die Bildung der Social Web-Handlungs- typen von der in der Repräsentativstudie gebildeten SNS-Typologie;71 diese beziehen sich aus schließ lich auf die Nutzung von Netz werk platt formen. In die Bildung der Social Web-Handlungs typen, die sich auf den Umgang mit dem Social Web-Angebot insgesamt beziehen, gehen zudem motivationale und emo tio nale Aspekte mit Bezug auf die subjektive Bedeu tung des Umgangs mit dem Social Web ein. Diese Kriterien spiegeln sich nicht in der Tabelle wider, sondern werden in der folgenden Darstel lung der Handlungs typen im Kontext mit einer ent sprechenden Beschrei bung des Einzelfalls deut lich. Aus der jeweils unter schied lichen Kombina tion der Kriterien bzw. ihrer unter schied lichen Ausprä gung sowie den sich aus dem Gesamt zusammen hang des jeweiligen Falles er gebenden Kriterien ließen sich die folgenden sechs Typen von Handlungs weisen Jugend licher und junger Erwachsener mit dem Social Web beschreiben: 71 Siehe dazu die Ausfüh rungen in Kapitel 156 Handlungs typ (1): Die kreativ-engagierte Social Web-Nutzung auf unter schied- lichen Ebenen – der selbst bewusste, neugierig-kompetente Umgang mit Social Web-Angeboten Handlungs typ (2): Der intensive, initiative und kritische, aber konventionelle Umgang mit dem Social Web mit hoher Relevanz für das Beziehungs mana- gement (das Internet allgemein wird intensiv zum Informations management genutzt) Handlungs typ (3): Der intensive und kommunikativ-initiative Umgang mit dem Social Web zur Kontakt pflege und Selbst darstel lung Handlungs typ (4): „Dabei sein ist alles“ – Das Social Web zum Beziehungs- management (SNS relevant, sonst erweist sich die Social Web-Nutzung als unauffällig und eher unspezifisch) Handlungs typ (5): Der kritisch-selektive Umgang mit dem Social Web als „Mittel zum Zweck“ (zur Beziehungs pflege und zur Informa tion) Handlungs typ (6): Das Social Web zur Kompensa tion bei sozialen Problemen – die intensive und initiative Nutzung mit hoher Relevanz in einem problembelas- teten Alltag Die vor liegende Typen bildung erhebt keinen Anspruch auf Vollständig keit. Es er scheint vielmehr wahrschein lich, dass die generierten Typen die Möglich- keiten von Umgangs weisen Jugend licher und junger Erwachsener mit Social Web-Angeboten nicht vollständig ab bilden; andere Probanden gruppen in ande- ren sozialen Konstella tionen sowie die Nutzung anderer Angebots varianten legen prinzipiell andere Handlungs weisen mit dem Social Web nahe. Dennoch er lauben die sechs Handlungs typen im Umgang mit dem Social Web eine Orientie rung bei der Frage, wie Jugend liche und junge Erwachsene mit den von ihnen favorisierten Social Web-Angeboten umgehen und wie sie diese zur Selbst-, Sozial- und Sachauseinander setzung im Alltag einsetzen. Es wird offen- kundig, dass Jugend liche und junge Erwachsene unter schied lich mit Social Web-Angeboten umgehen; ihre Umgangs weise hängt mit ihren spezifi schen Bedürfnissen und Interessen zusammen, um ihren Alltag zu gestalten. Jugend- lichen und jungen Erwachsenen steht, beeinflusst durch ihr Geschlecht, ihr Alter, ihre formale Bildung sowie spezifi sche soziale Kontexte, ein breites Spektrum unter schied licher Handlungs weisen offen. 157 Tabelle 5.6: Übersicht über die Zuord nung zu Handlungs typen Fall Ort Alter Bildung kreativ intensiv reflexiv initiativ relevant innovativ Handlungs typ (1) „Die kreativ-engagierte Social Web-Nutzung auf unterschiedlichen Ebenen“ – der selbstbewusste, neugierig-kompetente Umgang mit Social Web-Angeboten Tim B 12 HB 2 2 2 2 1 1 Hamid A 12 HB 2 2 2 2 2 0 Daniel B 16 HB 2 2 2 2 1 0 (1)1 Sali A 11 NB 2 2 0 2 2 1 Pascal B 13 NB 2 2 0 2 2 0 Alexander B 18 HB 1 2 2 1 (2)2 1 0 Handlungs typ (2) „Der intensive, initiative und kritische, aber konventionelle Umgang mit dem Social Web“ mit hoher Relevanz für das Beziehungsmanagement (das Internet allgemein intensiv zum Informationsmanagement) Anne A 12 HB 0 2 2 2 2 0 Tanja B 16 HB 0 2 2 1 2 0 Karin A 19 HB 0 1 2 2 2 0 Handlungs typ (3) „Der intensive und kommunikativ-initiative Umgang mit Social Web zur Kontakt- pflege und Selbst darstel lung“ Yannik B 16 NB 0 (1 HP)3 2 0 2 2 0 Nina B 13 NB 0 (1 HP) 2 1 2 2 0 Hakan A 19 NB 0 2 2 2 SN/N 2 0 Cem A 12 NB 0 2 0 2 SN/N 2 0 Jim A 17 NB 0 2 (SNS 1) 2 2 SN/N4 1 Handlungs typ (4) „Dabei sein ist alles“ – Social Web zum Beziehungsmanagement (vor allem SNS relevant, sonst erweist sich die Social Web-Nutzung als unauffällig und eher unspezifisch) Sandra B 16 NB 0 2 1 1 2 (SNS) 0 Sabine B 19 NB 0 1 2 1 2 (SNS) 0 Jessica A 17 NB 0 1 0 1 1 (SNS) 0 Lukas A 17 NB 0 2 1 1 2 (SNS) 0 Nadine B 14 HB 0 2 0 1 2 (SNS) 0 Jan B 18 NB 0 2 0 1 2 (SNS) 0 Handlungs typ (5) „Der kritisch-selektive Umgang mit dem Social Web als Mittel zum Zweck“ zur Information und zur Beziehungspflege Katharina A 16 HB 0 1 2 1 1 (SNS 0) 0 Carola A 22 NB 0 1 2 1 1 (SNS 0) 0 Uwe A 17 HB 1 (eh. B)5 1 2 2 1 (SNS 0) 0 Stefan B 20 HB 0 1 2 0 0 0 Sonja B 18 HB 0 1 2 0 0 0 Roman A 21 HB 0 1 2 2 1 berufl. 0 Handlungs typ (6) „Social Web zur Kompensation bei sozialen Problemen“ – die intensive und initiative Nutzung mit hoher Relevanz in einem problembelasteten Alltag Hassan B 16 NB 0 2 0 2 2 0 Viktor B 17 NB 0 2 1 2 2 0 1 Daniel ist innovativ, da er Videos aus Computerspielprogrammen (nicht aus dem Social Web) auf YouTube setzt. 2 Alexander gestaltet selbst ein Online-Radio (2); in Bezug auf das Social Web ist er jedoch weniger initiativ als die anderen Probanden (1). 3 HP = Homepage. 4 SN/N = Bei der Nutzung von Netz werk platt formen wird Netlog wegen größerer Gestaltungs möglich keit bevor zugt. 5 Eh. B = Uwe hat früher für kurze Zeit ein Blog geführt. 158 Um die Operationalisie rung der Typen nachvollzieh bar zu gestalten, wird im Folgenden dargelegt, welche (Social Web-) Handlungs weisen bei den Pro- banden beobachtet werden konnten und welche sozialen bzw. psychi schen Struk turen den Hintergrund bilden. 5.3.2 Social Web-Handlungs typen Handlungs typ (1): Die kreativ-engagierte Social Web-Nutzung auf unter- schied lichen Ebenen – der selbst bewusste, neugierig-kompetente Umgang mit Social Web-Angeboten (6) Beispiele: Tim, 12 Jahre (Gymnasium); Hamid, 12 Jahre (Gymnasium); Pascal, 13 Jahre (Realschule); Daniel, 16 Jahre (Gymnasium); Alexander, 18 Jahre (Gymnasium); Sali, 11 Jahre (Hauptschule) Dieser Social Web-Handlungstyp findet sich nahezu ausschließlich bei Jungen zwischen 12 und 18 Jahren (lediglich ein Mädchen lässt sich unter diesen Typ subsumieren), die sich in einer kreativen, intensiven, initiativen sowie inno va- tiven Weise mit Social Web-Angeboten auseinandersetzen. Für fast alle nimmt die Beschäftigung mit zentralen Angeboten des Social Web einen großen Stellenwert in ihrem Alltag ein. Fast alle schöpfen die Möglichkeiten, die das Social Web bietet, weitgehend aus, wobei vor allem Netzwerk- und Video platt- formen, deutlich weniger aber Foto- und Audioplattformen genutzt werden. Der Faktor formale Bildung spielt bei den sechs Probanden eine eher unter- geordnete Rolle; zwar erweisen sich die drei Gymnasiasten Tim, Hamid und Daniel im Gegensatz zu den formal niedriger Gebildeten, Pascal und Sali, als deutlich reflektierter im Umgang mit Social Web-Angeboten; sie zeigen sich als kritische Nutzer, die auch über die Risiken informiert sind. Im Vordergrund stehen jedoch bei allen sechs Probanden die große Neugier und das große Engagement, mit dem sie intensiv, initiativ und kreativ Social Web-Angebote ausprobieren und für ihre speziellen Anliegen im Alltag einsetzen. Einige wenige, wie Tim oder Sali, zeigen sich in ihrem Umgang mit dem Social Web auch innovativ; sie nutzen Social Web-Angebote nicht allein im vor gegebenen Rahmen, sondern weiten seinen Gestaltungs rahmen nach eigenen Interessen aus. Alle sechs Jugend lichen er weisen sich als sehr auf geweckte und neugierige Heranwachsende – im Alltag allgemein wie speziell auch im Umgang mit Social Web-Angeboten. So auch Tim aus B (12 Jahre), ein über durchschnitt- lich begabter Junge, der sich an allem Neuen sehr interessiert zeigt und gern experimentiert – unabhängig ob off- oder online. Er erzählt z. B. während des Interviews, dass es ihn gereizt habe, sich aus dem Internet eine Anlei tung zum Bau einer Rauchbombe herunter zuladen; er habe auch schon probiert, selbst eine „harm lose Variante eines Computervirus“ zu bauen. Tim ist nicht nur 159 den Gleichaltrigen, sondern sogar einigen älteren Heranwachsenden in vielen Dingen über legen; er genießt seine Überlegen heit – auch während der Gruppen- diskussion freut er sich, wenn er etwas besser weiß als andere. Er schätzt dabei die Herausforde rung, sich mit anderen zu messen. Tim hat ein starkes Selbst bewusstsein und geht sowohl online als auch offline seinen eigenen Weg, ohne sich dabei von seinen Freunden und Schul kollegen beeinflussen zu lassen. Tim hat eine ältere Schwester (19) und einen älteren Bruder (17), den er sehr bewundert und mit dem er sich gut ver steht. Von seinem Bruder und dessen Freunden hat er sich auch vieles im Umgang mit Computer und Internet ab- geschaut. Tim braucht viel Abwechs lung. Dessen sind sich auch seine Eltern (sein Vater ist Landschafts geograf, seine Mutter Antiquitäten händlerin) bewusst, und so unter stützen sie ihn bei unter schied lichen sport lichen Aktivitäten sowie beim Erlernen von zwei Musikinstrumenten. Tim gibt an, viele und sehr unter- schied liche Freunde zu haben. Einer seits ist er stolz, auch von den Freunden seines großen Bruders, die er alle als Computer-Freaks bezeichnet, akzeptiert zu werden. Anderer seits hat er auch viele Freunde in der Schule oder Freunde, mit denen er gemeinsam Sport treibt oder musiziert. Tim ist ein „Multi- Tasker“: Wenn er zu Hause ist, schaltet er gleich seinen Computer ein und schaut zuerst nach seinen E-Mails;72 dabei lässt er zuweilen im Hintergrund Musik laufen. Aber auch hier nutzt er in erster Linie seine Audiofiles, die er am Computer gespeichert hat, oder hört Musik über YouTube. Dort hat er beispiels weise unter einem Pseudonym zwei Videos (mit Bildern unter malte Musik) ein gestellt. Wenn er sich mit seinen Freunden ver abreden will, tut er dies gern über ICQ. Er nutzt dazu auch SchülerVZ, dies aber nicht mehr so regelmäßig, sondern zwischen durch, um zu prüfen, ob sich etwas Neues getan hat. In SchülerVZ hatte er ein zweites Profil an gelegt, in dem er sich als Jimi Blue Ochsen knecht aus gegeben hat, um Schul kollegen einen Streich zu spielen. Er beschäftigt sich jedoch auch sehr ernst haft im SchülerVZ. Dort begibt er sich zuweilen mit Gleichgesinnten auf die Suche nach Profilen, die ihm „nicht passen“, wie etwa jenen mit Sympathie für Nazis. Diese meldet er dann dem Betreiber. Denn er weiß, dass diese Profile gelöscht werden, wenn sie öfter gemeldet werden. Ich find das schon ein bisschen doof, dass man sich da auch noch (…) so richtig rein schreibt: „Äh ich bin Nazi, Nazis sind toll“ und so. Und dann haben wir auch ganz viel auf die Pinnwand geschrieben. Ja, Scheiß-Nazi und so. Und dann haben wir den raus geschmissen. 72 Nicht alle Probanden haben eine Standardeinstel lung zum Einstieg ins Internet bzw. eine Lieblings seite. Wo dies der Fall ist, wird darauf in den Falldarstel lungen Bezug genommen. 160 Geht es um sein Beziehungs management, gibt sich Tim über legen; er hält nicht viel davon, dass viele seiner Schul kollegen und Freunde ihrem Kommu- ni ka tions bedürfnis nahezu ständig nach gehen und damit Zeit vertun. Tim ist vielmehr auch im Internet immer auf der Suche nach neuen Herausforde run- gen. Er nutzt die Kommunikations- und Ver netzungs angebote des Social Web gezielt und generell sehr strategisch. Zwar ist Tim bei SchülerVZ 100 Gruppen bei getreten und erzählt stolz, dass er sogar eine eigene Gruppe gegründet habe, in der sich bereits über 250 Personen an gemeldet hätten; im Gegensatz zu vielen anderen Jugend lichen tut er dies aber nicht in erster Linie, um sich damit zu positionieren und anderen präsentieren zu wollen. Ihm ist es viel wichtiger, etwas auszu probieren. Dabei analysiert er äußerst schnell und gut, was sich mit den jeweiligen Kommunikations diensten realisieren lässt und was nicht. Für ihn spielt es eine wichtige Rolle, ob ihm ein Social Web-Angebot für seine Bedürfnisse zweckmäßig er scheint oder nicht. Falls ein Angebot seinen Anforde rungen nicht mehr ent spricht, nutzt er es auch nicht länger. Dabei ist er – wenn gleich er Bescheid weiß, dass dies nicht ganz in Ordnung ist – z. B. im Umgang mit dem Thema Urheber recht recht offensiv. Er ver- wendet un gehemmt Musik oder Bilder, wenn es ihm Spaß macht, um diese dann in neuen Kombina tionen im Internet zu ver öffent lichen. Außerdem kennt er sich sehr gut im illegalen Download von Musik aus und weiß genau, wie man seine IP-Adresse ändert oder was man tun muss, um dabei nicht ent deckt zu werden. Für seine aktuelle große Leiden schaft, Online-Spiele, vor allem World of Warcraft, nutzt er derzeit fachspezifi sche Foren, um sich zu infor- mieren. Wikipedia er scheint Tim generell, wenn er etwas anderes abseits seines Themas „Spielen“ wissen will, nicht so effektiv wie Google, das ihm in allen Lebens lagen das passende Werkzeug zu sein scheint. Wie Tim probiert auch Hamid (12 Jahre), der bei seiner Mutter, einer Ärztin, in A wohnt, gern Neues aus, und wie Tim ist auch Hamid schnell gelangweilt, wenn sich ihm keine neuen Herausforde rungen stellen. In seiner Freizeit spielt er Basketball und Fußball oder geht mit seinen Freunden schwim- men. Seine große Leiden schaft ist jedoch die Musik. Das Internet steht bei Hamid auf Platz eins seiner Medien-Rankingliste; auch seinen iPod bzw. MP3- Player nutzt er sehr häufig. An dritter Stelle würde Hamid das Handy reihen, um für seine Freunde erreich bar zu sein. Hamid schätzt auch das Fernsehen, dabei sieht er nicht nur deutsche Programme, sondern auch anders sprachige Sender, um sich breit zu informieren. Ab und zu nimmt Hamid auch ein Buch zur Hand, doch das Lesen gehört nicht zu seinen Hobbys. Eine eigene Stereo- anlage besitzt Hamid nicht, daher ver wendet er den Computer, um seine Play- lists (die insgesamt nach eigenen Angaben 2.000 Lieder beinhalten) ab spielen zu können. Das Radio schaltet er eher abends ein, um gezielt eine gewisse Sendung zu hören, die er lustig findet. 161 Seine aus gezeichneten Computerkenntnisse hat das Einzel kind unter ande- rem von seinem Vater, einem Computer-Ingenieur. Das Internet ver wendet Hamid vor allem bei der Informations suche zu bestimmten Themen, um mit seinen Freunden per E-Mail oder Netlog (dient ihm als Standardeinstel lung) und SchülerVZ in Kontakt zu bleiben, Musik und Filme downzuloaden oder Spiele zu spielen. Bei den Netz werk platt formen ist Hamid sehr wählerisch, so zieht er Netlog dem SchülerVZ klar vor, „weil man auf dieser Platt form mehr Gestaltungs möglich keiten hat.“ Daher führt er bei Netlog auch ein eigenes Weblog, mit dem er andere Interessenten über witzige Videos oder Fotos informiert. Die Videoplatt formen YouTube und MyVideo zählen zu Hamids Lieblings seiten, da er hier seine favorisierte Musik anhören und später von anderen Internet seiten downloaden kann. Ebenso ist er an Musik videos und lustigen Clips („Verarschungen“) interessiert, die er auf MyVideo ab und zu bewertet und an seine Freunde weiter leitet. Neben Facebook, wo er registriert ist, nutzt er auch MySpace, um sich Tipps zu neuen Liedern zu holen oder neue Bands aus findig zu machen. Instant Messaging spielt bei Hamid aktuell keine Rolle mehr: Das hat’ ich mal, aber das wurde dann langweilig, und so und dann hab ich’s ge- löscht. Wie Tim nutzt Hamid das illegale Downloaden, um sich mit Musik und Videos „einzu decken“. Er weiß zwar, dass dies eine straf bare Handlung ist, ändert deswegen aber nichts an seinem Ver halten. Seine Eltern haben ihn dafür, wie er erzählt, sogar schon mit einer ein geschränkten inhalt lichen und zeit lichen Nutzung des Internets bestraft. Hamid ist generell sehr aktiv; er beteiligt sich bei Diskussionen in Foren oder schreibt Einträge bei Yahoo! Clever.73 Dazu stöbert er nach Fragen, die er beantworten kann, informiert sich zu interes- santen Themen, um anschließend seine Antworten zu posten. Auf diese Weise sammelt er Punkte und kann ins nächste „Level“ auf steigen. Nachdem er bei Wikipedia eine falsche Informa tion zu seiner Religion Bahia (eine aus Persien stammende multinationale Religions gemein schaft) gefunden hatte, lag ihm daran, den Fehler zu korrigieren. Da er jedoch nicht an gemeldet war, wurde ihm das ver wehrt; eine Anmel dung interessierte ihn jedoch dann nicht mehr. Sein Profil bei Netlog hat er mit vielen Fotos, Designs, Blogs und Videos bestückt. Damit möchte er seine Fähig keiten als aktiver Nutzer unter Beweis stellen; ihm liegt daran, dass andere Personen dadurch auf ihn auf merksam werden. Hamids Plan ist es auch, Videos ins Netz zu stellen; da er jedoch sehr anspruchs voll ist, reicht ihm die Qualität seiner selbst produzierten Videos derzeit noch nicht. 73 Das Portal Yahoo! Clever (http://de. answers. yahoo. com / ) bezeichnet sich selbst als Community; Hamid benutzt es jedoch aus schließ lich als Wissens forum, wenn er Informa tionen benötigt. 162 Auch Pascal (13 Jahre) ist ein intelligenter Junge, der wie Tim und Hamid einen festen Freundes kreis hat. Gemeinsam mit seiner Zwillings schwester lebt Pascal bei seiner Mutter, einer Haus wirtschafterin, und ihrem neuen Lebens- gefährten in B; Pascals Eltern (sein Vater ist Wachmann) sind geschieden. Auch er hört gern Musik, spielt Gitarre und Fußball (in einem Verein) und ist sozial sehr gut integriert. Pascal möchte später gern einmal Mitglied in einer Band werden. Unter den Medien ist ihm sein Handy extrem wichtig. Dabei spielt die Kommunika tion nur eine unter geordnete Rolle; er nutzt es, um im Internet zu surfen, Musik zu hören und Nachrichten zu schreiben. Das Internet möchte Pascal auf keinen Fall missen. Außerdem spielt er noch gern Computer- spiele; und dabei kann es vor kommen, dass er die Zeit ganz ver gisst. Die Fülle der Angebote des Social Web nutzt Pascal mit hohem Engagement; er kennt die Möglich keiten, die das Internet zu bieten hat, auf nahezu allen Ebenen. Pascal nutzt ICQ und ebenso SchülerVZ, dort ist er z. B. sehr aktiv, weil er dort mehr als 200 Freunde hat, mit denen er kommuniziert. Dort gründet er auch selbst Gruppen, die mit seiner Vorliebe für deutsche Fußballmann schaften zu tun haben. Außerdem macht es ihm großen Spaß, auf den Profilen anderer Nutzer zu stöbern und deren Fotoalben anzu sehen und sie auch zu kommen- tieren. Die Videoplatt form YouTube nutzt er zum Anschauen von Musik videos oder privaten Clips. Da er dort auch an gemeldet ist, stellt er sich regelmäßig Playlists zusammen. Pascal interessiert sich zudem für Online-Radios, auch Online-Zeitun gen anstatt von Printmedien findet er interessant, und aktiv be- teiligt er sich bei Forums-Diskussionen. Pascal produziert auch Videos, die er auf YouTube ver öffent licht. Von seinen vielen älteren Freunden hat er den Umgang mit Bildbearbeitungs programmen gelernt, die er nun häufig ver wen- det, um seine Bilder zu „ver schönern“; ihm ist es wichtig, möglichst „cool rüberzukommen“. Auch seine jüngeren Freunde hat Pascal nun für diese Pro- gramme gewinnen können und ihnen bei gebracht, wie man sie richtig nutzt. Daniel (16 Jahre), der mit seinen Eltern – beide arbeiten als Ver waltungs- angestellte – und einem 18-jährigen Bruder in B wohnt, ist im Gegensatz zu den anderen Angehörigen dieses Typs ein eher zurück haltender Mensch, der sich gerne allein beschäftigt und – wie auch Hamid – einen hohen Anspruch an sich selbst stellt. Ein Außen seiter ist er jedoch keines falls; im Gegenteil, er schätzt den Kontakt zu seinen vielen Freunden. Auch Daniels großes Hobby ist der Fußball; auch er spielt in einer Mannschaft. Medien spielen für Daniel eine große Rolle. Sein Computer inklusive des Internet zugangs ist für ihn be- sonders wichtig, da er so mehrere Komponenten miteinander ver binden kann: Er kann fernsehen, Musik hören, sich mit seinen Freunden unter halten und Spiele spielen. So kann es auch schon mal vor kommen, dass er die Zeit ver- gisst und stunden lang vor dem PC sitzt. Wie Tim, Hamid und Pascal schöpft auch Daniel die Möglich keiten des Social Web weit gehend aus. Daniel nutzt Google und Wikipedia als Recherchemedium für die Schule, aber auch privat. 163 Ihm liegt daran, dass er in allem, was er tut, möglichst seriös wirkt. Daher geht er auch sehr reflektiert mit Angeboten des Social Web, wie etwa Google und Wikipedia, um: Erstmal geb’ ich das bei Google ein, und (…) dann guck ich halt die ersten Seiten erstmal an, (…) dann, wenn sich irgendwelche Pop-ups öffnen, irgendwelche Werbe- fenster, dann kann man, dann würd’ ich das auf jeden Fall, auf keinen Fall trauen. Daniel wird auch selbst aktiv, wenn ihm etwas auf fällt oder er etwas richtig stellen möchte; so lässt sich auf Wikipedia ein Eintrag von ihm zu einem ihn sehr interessierenden Thema finden. Auch SchülerVZ ist Daniel wichtig; über die Gruppen, denen er dort an- gehört, möchte er sich als Person beschreiben. Dabei ist es ihm wichtig, wie er „rüberkommt“ und wie andere ihn sehen. Deshalb aktualisiert er diese auch regelmäßig. An den Gruppen-Diskussionen beteiligt er sich aber nicht; dafür er scheint ihm das Produzieren von immerhin schon neun Videos, die alle von Computerspielen handeln und die er mit Windows-Moviemaker selbst er stellt, interessanter; diese lädt er auf YouTube hoch. Daniel ist es dabei wichtig, dass seine Videos wahrgenommen werden und andere sehen, was er leistet; ihm unrecht er scheinende Kritik auf seinem Account bei YouTube an seinen Videos ver trägt er daher nicht gut. Dann lässt er nicht locker, sie wiederum mit Be- mer kungen zu ver sehen. Von sich selbst will er keine Videos ver öffent lichen, da ihm dies zu persön lich er scheint, doch er schaut sich gern witzige Videos anderer auf YouTube an, wie über haupt die Videoplatt form für Daniel ein all- täg licher Begleiter ist. Früher hat er auch auf SchülerVZ Videos hoch geladen; nun nutzt er es vor allem für sein Beziehungs management, zur Kontakt auf- nahme mit anderen Nutzern und zum Stöbern auf diversen Profilseiten, denn heute, wie er sagt, sei ihm Neues und Ausprobieren nicht mehr ganz so wichtig wie früher. Neuerdings nutzt er auch stärker Instant Messaging zur Kontakt- pflege und zum Austausch mit seinen Freunden und Schul kollegen. Durch ICQ hat sich auch sein Kommunikations verhalten geändert: Sein Freundes- kreis hat sich er weitert und die geführten „Gespräche“ im Chat sind länger geworden, zuweilen gar intensiver als in der Face-to-Face-Kommunika tion. So ist ICQ neben SchülerVZ auch seine Standardeinstel lung, auf die er beim Öffnen des Computers zuerst zugreift. Alexander, 18 Jahre, ist ein sehr auf geschlossener und kommunikativer junger Mann, der wie die anderen Angehörigen dieses Handlungs typs gern Neues aus probiert. Er besucht das Gymnasium und lebt zusammen mit seinen Eltern – seine Mutter ist Haus frau, sein Vater Landwirt – und seinen drei jün- geren Brüdern (11, 13 und 15 Jahre) sowie seiner Groß mutter in B. Alexander wird von seinen Freunden sehr geschätzt; da er im Umgang mit techni schen Neuerun gen sehr ver siert ist, wird er von ihnen oft um Hilfe gebeten. Für seine Peer-Group gestaltet und ver antwortet er denn auch eine eigene Homepage 164 (mithilfe des Microsoft Office-Programms Frontpage); darauf aktualisiert er die Fotos, organisiert das Gästebuch und bearbeitet die Profile seiner Freunde. In seiner Freizeit trainiert Alexander dreimal die Woche in einem Fußball- verein und ist im Vorstand der Landjugend seines Heimatortes. Der musik- begeisterte Alexander hat lange Zeit bei einem Online-Radiosender als DJ und Moderator gearbeitet und die Tätig keit sehr genossen; wegen interner Probleme im Sender ist ihm vor Kurzem gekündigt worden. Medien spielen in Alexanders Alltag eine große Rolle, vor allem die, die das Abspielen und Hören von Musik ermög lichen. Ob Bücher (dafür fehlt ihm jedoch oft die nötige Zeit), die Online-Ausgabe einer Tages zeitung, Fernsehen, (Online-) Radio (zum Hören von klassi scher Musik) oder vor allem das Internet – Alexander beschäftigt sich gern und häufig mit ihnen. Unverzicht bar ist für ihn auch das Handy, um mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben. Früher nutzte er gern Browser- Games, die in Teams gespielt werden konnten. Auf LAN-Parties war er des Öfteren ein geladen, jetzt hat er dafür jedoch keine Zeit mehr. Das Internet, in dem er sich – vermittelt durch seinen Onkel, einem Com- pu terfachmann – sehr gut aus kennt, erfüllt für Alexander vielfältige Funk- tionen. Seine Start seiten sind StudiVZ und SchülerVZ, die auch beide – neben Stayblue und der Emsland-Community – seine Lieblings seiten darstellen. Wenn er sich schnell, bequem und gezielt Informa tionen beschaffen möchte, startet er zumeist mit Google, mithilfe von Wikipedia setzt er dann meist seine Recherche fort – dies jedoch sehr kritisch. So ver gleicht er die Angaben mit anderen Quellen. Aus eigener negativer Erfah rung mit einem Dial-in-Virus weiß er, wie wichtig es ist, den Besuch unseriöser Webseiten zu ver meiden und mit dem Preis geben seiner persön lichen Daten vor sichtig umzu gehen. Sein Umgang mit dem Internet allgemein wie ebenso mit Social Web-Angeboten ist reflektiert. Netz werk platt formen, vor allem SchülerVZ, StudiVZ sowie die Emsland-Community, spielen für Alexander ebenso wie Instant Messaging eine wichtige Rolle, um mit seinen Freunden zu kommunizieren und sich zudem selbst darzu stellen. Über MySpace informiert Alexander sich über Bands, die seinem Musik geschmack (Rock) ent sprechen. Bei YouTube schaut er sich zumeist Videos zur Belusti gung oder Musikclips an. Dort ist aber auch ein selbst produziertes Video von ihm zu finden. Alexander hat auch mit einem eigenen Weblog experimentiert, ihn dann allerdings wieder ein gestellt: Irgendwie war es mir zu öde, jeden Tag dann oder so was reinzuschreiben, obwohl nix Neues war. Und weil der war nach einer Woche dann auch wieder geschlossen. Wie für Tim sind auch für Alexander Social Web-Angebote ein gutes Experi- mentierfeld und eine Möglichkeit zur Beziehungspflege, doch auch er könnte sich, wie etwa Tim und Daniel, vorstellen, in seinem Alltag ohne diese Ange- bote zurechtzukommen. 165 Auch das einzige Mädchen, die elfjährige Muslimin Sali, die zusammen mit ihren Eltern (Salis Mutter arbeitet als Raumpflegerin, ihr Vater handelt mit Autos) und ihren Geschwistern in einem sozial schwachen Stadt teil in A wohnt, zeigt Handlungs weisen wie die oben genannten sechs Jungen. Sali hat 21-jährige Zwillings brüder sowie einen 22-jährigen Bruder und zwei ältere Schwestern, 24 und 26, von denen die älteste Schwester nicht mehr bei der Familie lebt. Wegen ihres Alters sowie ihrer muslimi schen Herkunft sind Salis Möglich keiten, das Social Web zu nutzen, jedoch recht ein geschränkt; sie kann noch nicht alle seine Möglich keiten so aus schöpfen wie die Jungen. Auch Sali ist wie die Jungen dieses Typs sehr auf geweckt und kommunikativ; auch sie lässt sich nicht so schnell von Älteren unter kriegen und hat ein starkes Bedürfnis, sich mitzu teilen. Sali hat es gelernt, sich gegen ihre älteren Brüder durch zusetzen – so gut sie eben kann. Auch sie zeigt sich wie die männ lichen Probanden dieses Typs an Vielem hoch interessiert; vor allem interessiert sich das fast frühreif zu nennende Mädchen für alles, was mit Sexualität zu tun hat. Da dies in ihrem muslimi schem Familien- und Bekannten kreis aber ein Tabuthema ist, sucht sie sich die ent sprechenden Informa tionen außerhalb: Sie recherchiert dazu intensiv im Internet (dabei hat sie so viele Lieblings seiten, dass sie sie gar nicht alle nennen kann), leiht sich aber auch in der Stadt- bibliothek Bücher über Sexual kunde aus. Auch in der Schule fragt sie bei allem, was ihr wichtig ist, genau nach. Dass sie sich sehr gewissen haft mit ihren Themen – insbesondere dem Thema Sexualität – beschäftigt, zeigt sich darin, dass sie im Interview sogar mit medizini schen Fachbegriffen brillieren kann. Eine von Salis Lieblings seiten im Internet ist www. koerper. sexual- kunde. com; dabei handelt es sich um eine Linksamm lung zu diversen Porno- seiten. Sali gibt an, über diesen Link auch ein einschlägiges Forum gefunden zu haben, über das sie sich regelmäßig informiert. Ja, da kann man eigent lich Fragen stellen, kann lesen, kann man alles drüber wissen und so. Trotz ihres jungen Alters lebt Sali, u. a. mithilfe des Social Web, beinahe schon in einer Parallelwelt, in der andere Werte zählen, als in ihrem sozialen Umfeld. Sie weiß, dass ihre Interessen von den Männern in ihrer Umgebung nicht akzeptiert werden, deshalb bietet ihr das Social Web die Chance, ihren Bedürfnissen nach zugehen und sich dort, so gut es ihr möglich ist, zu ver- wirk lichen: Es bedeutet in ihrem sehr tradi tionellen muslimi schen Umfeld ein Stück Freiheit für sie. Sali muss jedoch bei allem, was sie tut, auf ihre älteren Brüder acht geben; diese passen recht streng auf ihre Schwester auf. Meine Brüder, die gucken immer. I: Die gucken was die kleine Schwester so macht? Sali: Meine Brüder ver trauen mir nicht, weil ich noch so klein bin. 166 Doch Sali hat Wege gefunden, sich durch zusetzen und ihr eigenes Leben zu führen. Mit ihren Freundinnen kommuniziert Sali aus Angst ent deckt zu wer- den häufiger über E-Mail als über Instant Messaging, weil sie auf E-Mails von überall zugreifen kann. Netz werk platt formen kennt Sali nicht explizit; d. h. ihr ist deren Funktion nicht bewusst. Sie gestaltet aber einen geheimen Blog auf Netlog, den sie niemand anderem zugäng lich macht. Sali funktioniert die Platt form Netlog für ihre Bedürfnisse um und nutzt sie – innovativ – als Tagebuch, das sie vor ihrer Familie sowie ihrem Freundes kreis auf diese Weise völlig geheim halten kann, da sie sogar weiß, wie sie ihren Blog ver schlüsseln kann: I: Und wo schreibst du das? Sali: In einem Blog. I: Und wer kann den Blog alles lesen? Sali: Nur ich. Das ist so wie mein Tagebuch. I: Und da können andere Leute sozusagen ins Internet gehen und sich das angucken? Sali: Nein. (…) Ich habe ein Geheimpasswort eingegeben. Obwohl Sali auch von zu Hause aus Zugang zum Internet gewährt wird, geht sie gern in ein Internetcafé, um dort in Ruhe und ohne Gefahr, mit ihrer Familie Probleme zu bekommen, zu recherchieren, zu chatten und Videos anderer im Netz anzu schauen. Über ihre Brüder hat sie auch Erfah rungen mit der aktiven Produk tion von Handyvideos gemacht. Gemeinsam mit ihnen hat sie darauf Filmsequenzen zu Robin Hood und anderen Filmen nach gespielt. Handlungs typ (2): Der intensive, initiative und kritische, aber konven tio- nelle Umgang mit dem Social Web mit hoher Relevanz für das Beziehungs- management (das Internet allgemein wird intensiv zum Informations- management genutzt) (3) Anne, 12 Jahre (Gymnasium); Tanja, 16 Jahre (Gymnasium); Karin, 19 Jahre, (Universität) Bei den Angehörigen dieses Social Web-Handlungstyps handelt es sich um formal höher gebildete Mädchen; für sie nehmen Social Web-Angebote einen sehr hohen Stellenwert im Alltag ein. Sie nutzen sie nicht nur intensiv und zuweilen auch initiativ, sondern auch konsequent reflektiert. Im Vordergrund steht bei ihnen allerdings das Networken, die Beziehungspflege, verbunden mit einem großen Interesse an Identitätsmanagement, sprich Selbstdarstellung. Für ihr Informationsmanagement besitzt weniger das Social Web als vielmehr das Internet insgesamt eine bedeutsame Rolle. Anders aber als die Jugendlichen bei Typ 1 gehen diese Mädchen mit Social Web-Angeboten eher konventionell, wenig kreativ und keinesfalls innovativ um. 167 Die zwölfjährige Anne, ein sehr nachdenk liches, einfühlsam und auf- geschlossen wirkendes, gesprächiges Mädchen, besucht das Gymnasium. Sie wohnt zusammen mit ihren Eltern (ihre Mutter ist Angestellte, ihr Vater Maschinenmeister) und ihrem 16-jährigen Bruder in A; Anne fühlt sich in ihrer Familie und ihrer weiteren Umgebung, auch in der Schule, sehr wohl. In ihrer Freizeit ist sie sehr aktiv: Sie spielt in einem Verein Badminton, fährt mit dem Fahrrad oder trifft sich mit ihren Freunden. Sie liebt auch Computer- Rollen spiele, in denen sie für die Entwick lung der Charaktere ver antwort lich ist. Ihre Eltern haben ihr dafür klare Grenzen auf gezeigt und Regeln er stellt, die sie auch akzeptiert, und die sie später bei ihren Kindern eben falls über- nehmen will. Auch das Organisieren von LAN-Parties würde sie sehr reizen. Anne ist zudem eine begeisterte Köchin; aus dem Internet holt sie sich viele Ideen und Rezepte, um diese Leiden schaft ausüben zu können. Einen wichtigen Platz in ihrem Leben nimmt das Internet ein; ver zichten möchte sie darauf in keinem Fall. Ihr tägliche Internetnut zung folgt dabei einem klaren Ablauf: Wenn sie den Computer einschaltet, ver wendet sie gleich- zeitig zwei Internetbrowser, um mehrere Seiten parallel besuchen zu können, da sie sonst schnell gelangweilt wäre. Danach werden eventuell empfangene E-Mails kontrolliert und das SchülerVZ oder Netlog geöffnet. Diese Platt- formen, ebenso wie Instant Messaging, nutzt Anne in erster Linie zur inten- siven Kommunika tion mit ihren Freunden. Obwohl nicht alle ihrer Freunde bei SchülerVZ oder MSN an gemeldet sind, ist es für sie doch von großer Be- deu tung, dadurch erreich bar zu sein. Bei MSN hat sie auch die Option gewählt, ihre Freunde nach Beliebt heit zu ordnen. Dort fügt sie auch Bekannte zu der Kategorie „Beste Freunde“ hinzu; da es ihr hier – anders als im realen Leben – nicht so wichtig er scheint, zwischen Freunden und Bekannten zu unter schei- den. Insbesondere SchülerVZ genießt bei Anne eine hohe Relevanz; hier prä- sentiert sie sich auch selbst durch die Beschrei bung ihrer Person und durch Fotos, die sie hochgeladen hat sowie durch die Mitglied schaft in ver schiedenen Gruppen. Sie möchte, dass andere Nutzer sie dadurch besser einschätzen lernen. Bei allem ist Anne jedoch sehr vor sichtig mit der Weitergabe ihrer Daten. So gibt sie ihren Benutzer namen von MSN nur den Personen, denen sie ver traut. Fremden gegen über ist sie eher misstrauisch, obwohl es ihr Spaß macht, neue Leute kennen zulernen. Manchmal bedauert sie es, und es ist ihr sogar unangenehm, dass ein Foto von ihr auf der Profilseite von SchülerVZ vor handen ist. Na, ja dann kommen irgendwelche wildfremden Menschen und schreiben irgendwas hin. Das war ja auch schon. Ich hatte einfach so’n lustiges Foto von mir rein gestellt, und die gleich: „Oa, ist das häss lich.“ Diese Erfah rung hat sie gelehrt, vor sichtig mit Angaben zu ihrer Person zu sein. An Diskussionen beteiligt sie sich jedoch nicht; dies er scheint ihr zu 168 auf wändig. Die Produk tion von eigenen Videos reizt sie jedoch sehr; gemein- sam mit einer Freundin plante sie, ein Video zu ver öffent lichen. Dies scheiterte aber bisher zum einen an der geeigneten Ausrüs tung und zum anderen an der mangelnden Übereinstim mung darüber, was sie produzieren sollen. Anne war auch schon einmal auf YouTube an gemeldet, um dort Videoclips zu kommen- tieren. Da sie ihren Benutzer namen und das Pass wort ver gessen hatte, konnte sie jedoch nicht mehr auf ihren Account zugreifen. Über YouTube hört Anne gerne Musik und sieht sich auch lustige Videos an. Sie nutzt es außerdem, um ver passte Serien auf YouTube anzu sehen. Sehr reflektiert ver hält sich Anne auch in ihrem Informations management; Anne ist sich z. B. darüber im Klaren, dass sich an der Online-Enzyklopädie jeder als Autor beteiligen kann. Sie hat auch das Gefühl, dass die Ver fasser „das einfach nur vom Lexikon da reinschreiben. (…) Weil es gibt so viele Themen, und nicht jeder ist jetzt auf alle Themen spezialisiert, und da gibt’s ja auch dann nur wenige, die so richtig wie ’n Professor oder so was da aus- kennen. Die meisten schreiben, denk ich nur, damit sie ja ihre Sachen auf der Seite stehen, einfach von irgendwo nur ab.“ Daher ver traut sie nicht allein den Informa tionen, die bei Wikipedia an gegeben sind, sie über prüft diese an- hand von Internet seiten, die auf das ent sprechende Thema spezialisiert sind. Wenn das ihre Unsicher heit in Bezug auf den Wahrheits gehalt noch nicht aus dem Weg räumt, er kundigt sie sich bei ihrem Bruder. Anne findet es den Ver- fassern gegen über unfair, bei Informa tionen aus dem Internet keine Quelle anzu geben. Trotz ihres Alters wirkt Anne sehr umsichtig im Umgang mit dem Internet, sie weiß über viele Risiken und Gefahren Bescheid. Ihre Kenntnisse er lauben es ihr auch, ohne Gefahren bei eBay mitzu bieten; gerade das Mit- bieten macht Anne vor allem dann großen Spaß, wenn es um Produkte geht, die es in Deutschland nicht zu kaufen gibt. Bis dato konnte sie aber noch nichts er steigern, da sie noch immer über boten wurde. Wenn ihr etwas sehr wichtig ist, so ihre alte Barbie-Sammlung, will sie aber die Hilfe ihrer Eltern in Anspruch nehmen und gemeinsam mit ihnen die Sammlung ver kaufen. Wie Anne ist die 16-jährige Tanja aus B eine intelligente, offene und herz- liche Person, die viele Freunde hat und auch in der Schule sehr beliebt ist; Tanja ist Klassen- und Jahrgangs sprecherin. Ihre fünf besten Freunde und ihr Freund sind ihre Ansprechpartner bei Freuden oder Sorgen des alltäg lichen Lebens. Aber auch ihre Familie (Tanjas Vater arbeitet als Arealmanager, ihre Mutter ist Haus frau; Tanja hat noch einen Zwillings bruder und eine 14-jährige Schwester) ist ihr sehr wichtig. Mit dem Einverständnis ihrer Eltern, die ihr klare Regeln auf gegeben haben, kontrolliert Tanja ver antwortungs voll die Internetnut zung ihrer jüngeren Schwester. In ihrer Freizeit spielt sie Fußball und Handball und ist zudem in zwei Ver einen aktiv. Nebenbei arbeitet sie noch bei einer katholi schen Jugendgruppe mit und organisiert deren Freizeit- aktivitäten wie etwa Zeltlager etc. Tanja ist ihr sehr großer Freundes kreis sehr 169 wichtig. Neben dem Handy er scheint ihr auch das Internet unersetz lich, um mit ihren vielen Freunden in Kontakt zu bleiben. So nutzt Tanja Social Web- Angebote vor allem zur Kommunika tion mit ihren Freunden und ihrem Freund, der in einer anderen Stadt studiert; mit ihm ver abredet sie sich sehr häufig zum Telefonieren über Instant Messaging. Netz werk platt formen dienen ihr zur Kontakt pflege, aber hin und wieder auch, „um zu gucken was die anderen Leute so machen, so in ihrer Freizeit.“ Ebenso sind ICQ und MSN wichtige Bestand teile in ihrem Alltag, zur Beziehungs pflege, aber auch zum Kennen- lernen neuer Leute. Doch dabei ist Tanja sehr vor sichtig, sogar skeptisch, wenn es tatsäch lich um das Hinzufügen von Fremden in ihre Freundes liste bei SchülerVZ oder StudiVZ, ihren Lieblings seiten, geht. Wenn sie jemanden nicht persön lich kennt, befragt sie zuerst ihre Freunde, um sich dann ein Bild über die anfragende Person zu machen. So macht sie bei SchülerVZ und StudiVZ auch Gebrauch von der Einstel lung, das Profil nur ihren Freunden zu zeigen. Wenn sie jedoch ihre Daten preis gibt, so ist sie sehr ehrlich und er wartet auch von ihren Mitmenschen, dass sie sich ver antwortungs voll im Social Web ver- halten. Tanja möchte sich immer so zeigen und so gesehen werden, wie sie ist. Social Web-Angebote dienen Tanja auch als Recherchemedium. Speziell für ihre Haus aufgaben findet sie das Internet sehr praktisch und bequem, um sich schnell und unkompliziert zu einem Thema zu informieren. Dazu ver- wendet sie die Suchmaschinen Google oder Yahoo sowie die Online-Enzyklo- pädie Wikipedia. Dann ver gleicht sie das Gelesene mit anderen Internet seiten oder Fachbüchern. Wenn sie die Informa tionen für die Schule nutzt, gibt Tanja die Quelle immer dann an, wenn der Autor genannt ist und ihr die Internet- seite seriös er scheint. Bei allgemeinen Defini tionen sei sie, wie sie erzählt, jedoch nicht immer so streng. Geht es aber um Probleme in ihrem Leben oder generell um persön lich wichtige Themen, er scheint es ihr zu intim, dazu im Internet zu recherchieren oder auch zu kommunizieren. Daneben schätzt Tanja YouTube, dies jedoch nur, um sich Musik videos und lustige Clips anzu sehen. Online-Radiosendern kann sie dagegen viel ab gewinnen; dort kann sie selbst bestimmen, was sie hören möchte. Tanja mag es auch, die Weblogs anderer Leute zu lesen, um zu sehen, was sie denken und was sie bewegt. Tanja liest aus diesem Grund auch gern die Tages zeitung; sie möchte auf dem Laufenden bleiben. Aus Bequemlich keit und Nicht-Wissen würde sie aber selbst kein Weblog führen wollen. Wie die anderen Angehörigen dieses Typs ist auch die 19-jährige Karin eine sehr kritische, aber dennoch auf geschlossene Person. Wie Anne und Tanja nutzt auch Karin das Social Web vor allem als Kommunikations-, aber auch als Informations medium. Bis vor Kurzem lebte sie mit ihren Eltern (beide sind Apotheker) und ihrem Bruder (13 Jahre) zusammen, nun hat sie ein Apparte ment in einem Wohnheim. Karin studiert in A; sie möchte Journalistin werden. Durch ihren Wegzug von zu Hause hat sie viele Freunde und ihre 170 Familie in ihrem Heimatort zurück gelassen, die sie sehr ver misst. Aus diesem Grund spielen E-Mails, aber vor allem Netz werk platt formen und Instant Messaging in Karins Alltag eine große Rolle; sie sind für sie nicht mehr wegzu denken, um mit ihren Freunden, die auf ganz Deutschland, aber auch darüber hinaus ver streut sind, in Verbin dung zu bleiben, Termine zu machen und jederzeit Neuig keiten auszu tau schen, aber auch um unkompliziert neue Leute kennen zulernen oder alte Bekannte wieder zufinden. Das Treffen von Personen, die man nur über das Internet kennen lernt, hält sie jedoch für sehr problematisch; da wäre sie äußerst skeptisch, erzählt sie. Karin nutzt zudem wie Tanja gern Onlineradiosender; und wie Anne spielt sie gern, vor allem Flash-Games, meistens um Langeweile zu über brücken. Da ent scheidet sie sich je nach Laune für ein witziges oder ein eher strategi- sches Spiel. Karins Anmel dung zu StudiVZ er folgte sehr gezielt, da sie mit der Platt- form MySpace nicht mehr einverstanden war. Mit ihrem Beitritt zu StudiVZ hat Karin auch Freunde und ehemalige Klassen kollegen mit zu StudiVZ ge- nommen: Also es ging so los, dass ich als Erstes von der Schulfreundin MySpace kennen gelernt hab’, und da schon erste Erfah rungen mit Foren gesammelt hab, aber MySpace nicht so toll fand. Und dann StudiVZ ent deckt habe, und mir das viel besser gefiel, und dann, ähm, (…) ich glaub, es war einfach Mode, ich weiß es nicht. Aber es ging halt so rum, und dann meldete sich jeder an und man sammelte seine Freunde, und dann nach dem Abitur ver suchte man, die ganze Klasse zusammen zuhalten. Es gibt eine Gruppe von unserer ehemaligen Klasse und wo Abiturfotos gezeigt und aus getauscht werden. Und es nutzten halt immer mehr, und die das noch nicht nutzten, also noch keine Erfah rungen damit hatten oder ein bisschen scheu mit Internet, die wurden einfach mit reingezogen, weil na, ja „die Fotos hab ich schon auf StudiVZ gestellt, da kannst du sie dir ankucken“ und dann irgendwann haben die halt auch mitgemacht. Bisher nutzt Karin Social Web-Angebote noch recht konventionell; doch sie kann sich gut vor stellen, in Zukunft einen Weblog journalistisch aufzu berei- ten; niemals würde sie jedoch etwas aus ihrem eigenen Leben er zählen. Auf ihrem StudiVZ-Profil finden sich sehr viele Fotoalben, ver linkte Fotos und Gruppen. Das Ver öffent lichen von Fotos findet Karin deshalb wichtig, um sie ihrem breiten Freundes kreis zugängig zu machen. Daneben nutzt sie das Social Web-Angebot Wikipedia sowie das Internet als Recherche- und Informations- Medium: Über Wikipedia oder Spiegel online, diese Seite dient neben StudiVZ als ihre Standardseite, informiert sie sich über für sie relevante Themen. Wei- tere Informa tionen dazu findet sie dann bei Google. Bei YouTube rezipiert sie hin und wieder Musik videos. Im Grunde schätzt Karin Neues und probiert gern etwas aus; dabei kommt es ihr aber sehr darauf an, genau zu prüfen, was wirk lich seriös und was eher suspekt er scheint. So über prüft sie genau Funktionen und Informa tionen, so 171 gut sie kann. Ihre eigenen Angaben im Netz sind wie bei Anne und Tanja jedoch immer „zutreffend“, wie sie es nennt, und zu persön liche Dinge er- wähnt sie einfach nicht. Deshalb ist auch ihr Profil auf StudiVZ für Fremde nur sehr ein geschränkt sicht bar. Von anonymer Internetnut zung hält Karin aber sehr wenig, da sie dem Suchen anderer Personen viel Bedeu tung beimisst. Zu den Daten schutz richtlinien bei StudiVZ hat sie sich sorgfältig informiert und weiß beispiels weise darüber Bescheid, wie man der personalisierten Wer- bung aus dem Weg gehen könnte. Sie akzeptiert die Werbung aber ganz be- wusst, da StudiVZ, wie sie sagt, ein Unternehmen ist, das wie jedes andere auch das Recht habe, für die kosten lose Bereit stel lung etwas ver langen zu können. Karin ist sich der Gefahren im Internet sehr bewusst und geht immer kritisch mit Angeboten um. So weiß sie, dass man Wikipedia bei wissen- schaft lichen Texten nicht als Quelle benutzen sollte. Karin ver traut nur den Informa tionen, die einen Autor bzw. eine Autorin auf weisen können. Vom illegalen Downloaden hält sie nichts; das hat sie auch noch nie ver sucht. Handlungs typ (3): Der intensive und kommunikativ-initiative Umgang mit dem Social Web zur Kontakt pflege und Selbst darstel lung (5) Hakan, 19 Jahre (Haupt schule), Yannik, 16 Jahre (Realschule), Nina, 13 Jahre (Realschule), Cem, 12 Jahre (Haupt schule); Jim, 17 Jahre (Haupt schule) Der Handlungs typ 3 lässt in Bezug auf die Dimensionen „intensiv“, „initiativ“ und „relevant“ Überschnei dungen mit Handlungs typ 2 er kennen; dennoch unter scheiden sich die Umgangs weisen der Jugend lichen des Handlungs typs 3 mit dem Social Web von denen der Angehörigen des Handlungs typs 2. Die Jugend lichen des Handlungs typs 3 sind experimentierfreudiger und neugieriger als die dem Typ 2 zu geordneten Mädchen, für die Social Web-Angebote vor allem deshalb eine hohe Relevanz genießen, weil sie sie für ihre Kontakt pflege nutzen. Für die Jugend lichen des Typs 3 gewinnen im Gegensatz zu denen des Typs 2 neben den Netz werk platt formen auch andere Angebote, wie etwa YouTube oder MySpace, Relevanz. Ihnen ist neben der Kontakt pflege auch die Selbst darstel lung im Social Web wichtig. Der 19-jährige türkisch stämmige Hakan ist ein kommunikativer und aktiver Junge, der Schüler sprecher seiner Berufs fachschule ist, viele Freunde hat und sehr beliebt ist. Obwohl nicht der Klassen beste, ist er dennoch sehr ehrgeizig, da er weiß, dass eine gute Ausbil dung wichtig für seine Jobaussichten ist. Hakan lebt bei seinem Vater, der bereits in Rente ist. Seine jüngeren Geschwis ter (zwei jüngere Schwestern und zwei jüngere Brüder) wohnen bei seiner Mutter, einer Haus frau. Hakan ist sport lich aktiv und es ist ihm wichtig, viel an der frischen Luft zu sein. Medien genießen insgesamt einen hohen Stellen wert in seinem Alltag, insbesondere der Fernseher, den er auf keinen Fall missen möchte. Hakan hat eine Vorliebe für gute Filme. Daher kennt er einige Internet- 172 seiten, auf denen er sich so genannte Block buster ansehen kann. Dass dies eine illegale Handlung ist, davon will er nichts wissen. Die herunter geladene Musik aus dem Internet tauscht er mit seinen Freunden aus. Ebenso ein fester Bestand teil ist sein iPod, um sich Musik anzu hören und dadurch vom Alltag Abstand zu gewinnen. Printmedien spielen nur eine unter geordnete Rolle. Onlinespiele haben für Hakan ebenso einen sehr großen Reiz. Vor allem Flash-Games oder Mini-Spiele, die nur kurze Zeit in Anspruch nehmen, spielt er, um sich seine Langeweile zu ver treiben. Mit seinen Freunden oder auch un bekannten Nutzern aus aller Welt spielt er hin und wieder Counter strike. Durch dieses Spiel lernte er auch andere Personen kennen. Für Hakan ist der aktive Kontakt zu seinen Freunden zentral; dazu dienen ihm das Handy, aber vor allem auch Social Web-Angebote; sie haben einen hohen Stellen wert für ihn, um sich mit seinen Freunden auszu tau schen. Bei SchülerVZ und Netlog ist er registriert und nutzt beide Platt formen zur Kontakt pflege. Er bevor zugt jedoch Netlog, weil es eine Chatfunk tion hat und sich dort mehr Möglich keiten bieten, sich selbst darzu stellen. Hakan ver bringt viel Zeit damit, seine eigene Profilseite und die seiner Freunde ansprechend zu gestalten. Er stellt auch gern lustige Fotos von sich oder seinen Freunden ins Netz und präsentiert sich somit. Die Bewunde rung und Anerken nung durch seine Freunde ist ihm ebenso wichtig wie neue Freunde zu gewinnen und Kontakte zu alten zu pflegen. So liegt Hakan auch daran, selbst Clans (bei Netlog) bzw. Gruppen (bei SchülerVZ) zu gründen; ihm macht die Kommuni- ka tion mit anderen einfach sehr große Freude, daher diskutiert er auch gern in Foren. Aus diesem Grund ist auch Instant Messaging für Hakan von großer Bedeu tung. Mittels MSN chattet er mit seinen Freunden, tauscht sich über sein Alltags leben aus und ver einbart Termine mit ihnen. Auch andere Social Web-Angebote nutzt Hakan in vielfältiger Weise, so etwa die Videoplatt form YouTube, die ihm auch als Standardseite zum Einstieg in das Internet dient, um sich Musik videos (vor allem Rap und Hiphop) und lustige Clips (meist Amateurvideos) anzu sehen. Obwohl er dort nicht an ge- meldet ist, schreibt er hin und wieder Kommentare und Bewer tungen zu den einzelnen Videos. MySpace ver wendet er, um nach neuen Bands zu suchen oder sich Musik anzu hören. Eigene Videos möchte Hakan jedoch nicht pro- duzieren, auch nicht von sich selbst; das wäre ihm pein lich. Ebenso möchte er keine selbst gedrehten Clips ver öffent lichen. Aus Spaß hat Hakan schon einmal „just for fun“ Angaben in Wikipedia ver ändert; daher ist er diesem Angebot bei seiner Informations suche gegen über eher kritisch. Auch der 16-jährige Yannik (er lebt mit seinem Vater, einem Kfz-Mecha- niker, seiner Mutter, die als Steuer fachkraft arbeitet, und einem 21-jährigen Bruder in B), hat eine natür liche und lockere Art, die Dinge zu sehen und damit umzu gehen. Yannik ist wie Hakan recht selbst bewusst; von seinen vielen Freunden – auch Yannik ist in eine sehr aktive Freundes-Clique integriert – 173 wird er vor allem wegen seiner Hilfs bereit schaft geschätzt; mit ihnen gemein- sam gestaltet er auch eine Homepage. In seiner Freizeit geht Yannik seinem Hobby Fußball nach. Auch im Social Web ist Yannik sehr aktiv; so informiert er sich in Foren und über Google über Themen, die ihn interessieren. Für Auskünfte über Fußball entwick lungen und Hintergründe über ver schiedene Bands benutzt er YouTube und MySpace. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ver wendet Yannik vor allem für schuli sche Zwecke. Obwohl ihn einige Lehrer schon darauf hin gewiesen haben, vor sichtig mit den Informa tionen umzu gehen, sieht er kein Problem darin, damit seine Haus aufgaben zu er ledigen. Netz werk platt formen und Instant Messaging benutzt er zur Kontakt pflege und zum Aufbau neuer Freund schaften. Dafür stöbert er auch schon mal in den Fotoalben anderer Mitglieder. Durch seinen Beitritt zu gewissen SchülerVZ- Gruppen stellt er sich selbst aktiv dar und möchte anderen Nutzern zeigen, welche Interessen und Meinun gen er ver tritt. Dazu nutzt er intensiv die Mög- lich keit, seine Profilseite aktiv zu gestalten und Fotoalben hochzuladen. Yannik weiß sehr gut über die Möglich keiten Bescheid, die das Internet zu bieten hat; er ist reflektiert genug, sich über mögliche Risiken Gedanken zu machen, Angst vor Gefahren hat er aber nicht; so stört es ihn im Gegensatz zu Hakan nicht, seine Daten im Netz preis zugeben. Ebenso wie Hakan zeigt er kein Interesse daran, selber Videos zu produzieren oder Fotos zu ver ändern. Die 13-jährige Nina ist ein aufgeschlossenes Mädchen und für ihr Alter schon sehr selbstständig. Sie ist sportlich, hat früher Hiphop getanzt und sich mit Judo beschäftigt; nun möchte sie in einem Verein Fußball spielen, dazu wurde sie vom neuen Lebensgefährten ihrer Mutter animiert. Nina wohnt ge- mein sam mit ihrem behinderten Bruder (15 Jahre) bei ihrer Mutter in B; auch Ninas Großmutter gehört zur Familie. Zudem hat sie zwei Stiefschwestern im Alter von 21 und 17 Jahren und zwei Stiefbrüder im Alter von 10 und 13 Jahren. Ihre Stiefgeschwister und ihr Vater, der als Maschinenschlosser arbeitet, wohnen in einem anderen Dorf, das etwa 15 Minuten entfernt ist. Ninas Mutter ist Filialleiterin in einem Supermarkt, daher sind ihre beiden Kinder tagsüber meistens allein zu Hause. Obwohl Nina nicht in dem Dorf, in dem sie lebt, geboren wurde und vor noch nicht all zu langer Zeit zugezogen ist, scheint sie sehr gut integriert zu sein; Nina hat viele Freunde. Mit ihrer Clique trifft sie sich regelmäßig in einem Wohnwagen; dort haben die Jugend- lichen ihr eigenes Reich. Die wichtigsten Medien für Nina sind das Handy, der Fernseher und das Internet. Sie sieht regelmäßig fern, aber das Internet ist für sie eindeutig das bedeutsamste Medium. Durchschnittlich verbringt sie täglich zwei bis drei Stunden im Internet; am Wochenende kann sie aber auch länger online sein. Wenn Nina ihren Computer einschaltet, schaut sie als Erstes auf ICQ nach, wer gerade online ist, und wendet sich dann den Neuigkeiten auf ihrem SchülerVZ-Profil zu (beides sind für sie Standardeinstellungen auf ihrem PC). 174 Nina nutzt auch Videoplattformen, auf die sie vor allem durch ihre Freundin- nen aufmerksam geworden ist. Dort sieht sie sich manchmal Spaßvideos an, aber größtenteils nutzt sie ihre Lieblingsseite YouTube, die auch gleichzeitig ihre Startseite ist, um Musik zu hören. Bei Clipfish ist Nina sogar angemeldet, und sie würde sich auch gerne bei YouTube anmelden, um Videos auch be wer- ten und Kommentare schreiben zu können, allerdings müsste sie dafür 18 Jahre alt sein. Nina spielt gern unterschiedliche Computerspiele wie beispielsweise Sims 2 und manchmal auch Browser-Games oder Onlinespiele im Multiplayer- Modus. Den Großteil der Zeit, die Nina im Internet verbringt, nutzt sie zur Kom- mu nikation mit Freunden und Schulkollegen. Den Verlust ihrer vielen Freunde durch den zweimaligen Orts wechsel kompensiert sie durch eine starke Nutzung des Social Web. Zudem betreibt sie mit unter schied lichen Freunden acht ver- schiedene Cliquen-Homepages; drei davon hat sie sogar selbst gegründet. Im Social Web bevorzugt sie den Austausch über Instant Messaging und Netz- werk plattformen, weil sie die Social Web-Angebote als unmittelbarer als das E-Mailen empfindet. I: Und E-Mail schreiben? Machst du das auch? Nina: Ja, aber dafür ist ja SVZ, find ich, ein bisschen schneller und ICQ direkter. (…) Weil in ICQ, ist das genau in dem Moment derjenige, der das macht, genau auf die Sekunde, und bei E-Mail-Adresse kommt das erst, was weiß ich, wann an. Ok, ist zwar auch schnell da, aber wer weiß, wann der andere das erst sieht oder so. I: Das heißt, welche Sachen würdest du über ICQ machen? Nina: Na ja, wenn was dringend ist und wenn ich seh’, der ist online, kann ich lieber darüber schreiben oder Dateien verschicken. Ja ok, bei SchülerVZ ist es eigentlich fast genau das gleiche wie ICQ. Nur dass es da nochmals Profile mit Bilder und so gibt. (…) Aber der Vorteil von ICQ gegenüber SchülerVZ ist, dass man direkt sieht, wenn man eine Nachricht bekommen hat, und bei SchülerVZ muss man zuerst auf die Startseite zurückgehen und nachsehen, ob Post da ist. Wenn man aber lange mit Freunden was am Gucken ist, dann merkt man nicht immer sofort, wenn man eine Nachricht bekommen hat. In SchülerVZ sieht sich Nina gern die Profile und Fotos ihrer Freunde an und kommentiert sie auch hin und wieder. Sie begutachtet zudem die Gruppen ihrer Freunde und Bekannten; sie selbst ist derzeit in ca. 60 Gruppen Mitglied. Die Gruppen sind ihr wichtig, um sich mit ihnen selbst zu präsentieren; so sucht Nina beispielsweise auch gezielt Gruppen aus, die bereits viele Mitglieder haben, weil das für sie ein Zeichen von Qualität ist. Ihre SchülerVZ-Kontakte kennt Nina alle persönlich, da diese Personen größtenteils aus ihrer jetzigen Schule oder aus jenen beiden Schulen stammen, die sie zuvor besuchte und wegen des Umzugs ihrer Mutter verlassen musste. Für Nina ist es sehr wichtig, auf diese Weise mit ihren ehemaligen Schulkollegen in Kontakt bleiben zu können bzw. auch alte Freunde wiederzufinden. So macht sie sich auch selbst 175 auf die Suche nach ehemaligen Freunden, die sie durch die Umzüge aus den Augen verloren hat und freut sich, wenn sie von einer ehemaligen Mitschülerin „entdeckt“ wird. Deshalb sind ihre Angaben auf der Plattform SchülerVZ alle wahrheitsgemäß, und ihr ist es auch wichtig, an ihrem Profilbild für andere erkennbar zu sein. Bei YouTube hat sie sich auch schon aktiv gegen die Veröffentlichung eines Videos eingesetzt: Sie hat die Betreiber von YouTube aufgefordert, ein Video, bei dem Gewalt an Tieren verherrlicht wurde, für Minderjährige nicht mehr zugänglich zu machen. I: Also bist du auch schon einmal auf etwas gestoßen, wo du sagst, das gehört hier nicht rein oder das findest du nicht gut, was ins Internet gestellt wurde? Nina: Na ja, schon mal ab und an. I: Und was sind das für Sachen? Nina: Ja, dass die ja nicht jugendfrei sind, oder wie die da umgehen. (…) Da haben die letztens so ein Video gezeigt, wo die so ein Schwein geschlachtet haben – weil meistens kriegen die ja so einen Elektroschocker – aber die haben einfach mit der Motorsäge den Kopf abgenommen, und das war nicht einmal ab 18. (…) I: Und hast du da irgendwas gemacht? Nina: Ja, ich hab denen geschrieben, wieso das nicht ab 18 ist und so – weil mit Blut und mit einer Motorsäge einfach so übern Kopf durch, die haben auch einfach so gezeigt, wie die Männer am Lachen waren, und das Schwein hat noch richtig gezappelt und so. I: Und glaubst du, da passiert dann irgendwas? Also guckt wer, ob die Kommentare negativ sind? Nina: Na ja, ich meine, ich hab auch einmal geguckt, weil manche haben dazu ge- antwortet und gesagt „ja, stimmt“ und so, und das wurde dann auch geändert. Jetzt ist es auch ab 18. Nina geht insgesamt recht kritisch mit Social Web-Angeboten um; so erzählt sie, dass sie ihr Profil auf SchülerVZ so eingestellt habe, dass ihre Fotos nicht von anderen kopiert und erneut irgendwo anders ins Netz gestellt werden können. Ihre reflektierte Umgangsweise hat sich Nina vor allem durch „learning by doing“ angeeignet, denn sie war auch schon mit unterschiedlichen Heraus- forderungen konfrontiert, wie beispielsweise ihr Erlebnis mit unbekannten ICQ-Nutzern zeigt: Und bei ICQ gibt’s auch Probleme, weil zum Beispiel mit Weiterschicken und so passiert das und das, und da kann man auch – die schicken manchmal auch Viren weiter. Oder wenn da ein bestimmter Benutzername, wenn du den nicht kennst, dann lieber ablehnen, weil das kann auch ein Virus sein. Das schicken die extra weiter, damit die bei dir einen Virus draufkriegen. Dann muss nämlich alles gelöscht werden, das ist ja auch dumm, weil nimmt man den an, dann wird die ganze Freundesliste gelöscht. Das hatte ich auch schon mal, da hat mich so ein Typ angebaggert, aber 176 das war zufällig ein Virus. Also muss man auch schon andere darüber warnen. Denn ich schicke jetzt auch nichts mehr weiter und sage es den anderen. Nina hat aber aus ihren Erfahrungen gelernt und ist beispielsweise auch in Bezug auf Verträge oder AGBs sehr vorsichtig und liest sich auch genau das Kleingedruckte durch, um nicht in eine Falle zu tappen. Dennoch ist sie noch immer davon überzeugt, dass sie an der Sprache und der Art und Weise, wie Personen schreiben, erkennen kann, wie alt jemand ist. Für den zwölfjährigen Cem – er wohnt zusammen mit seinen türkisch- stämmigen Eltern und einem jüngeren Bruder (6 Jahre) in einem sozial schwachen Stadt teil in A (zur Schul bildung seiner Eltern konnte Cem keine Angaben machen, er erzählt jedoch im Interview, dass seine Mutter in einem Alters heim arbeitet) ist das Internet ein sehr wichtiges Medium in seinem Alltag – und dies für viele ver schiedene Dinge, etwa um bei eBay Dinge, die er gern haben möchte oder dringend benötigt, zu er steigern. Vor allem ist es aber ein Kommunikations medium für ihn, das er intensiv und initiativ nutzt. Tägliche Begleiter sind in seinem Medienalltag daneben noch der Fernseher und seine Playsta tion. Den Fernseher schaltet er jeden Tag ein, und auch das Spielen auf der Playsta tion ist aus seinem Alltag nicht mehr wegzu denken. Diese Medien helfen Cem, Langeweile zu ver treiben. Und auch das Handy genießt einen sehr hohen Stellen wert, wenn nicht gar den höchsten, um ständig mit Freunden in Kontakt sein zu können; das Handy benutzt er in seltenen Fällen auch für das Hören von Radiosendern. Cem ist ein guter Fußballspieler und trainiert täglich mit seiner Mannschaft. Er hat einige gute, jedoch (wie er erzählt) nicht viele Freunde, mit denen er seine Freizeit ver bringt. Cem ist auf fünf ver schiedenen Netz werk platt formen an gemeldet und nutzt diese regel- mäßig. Jede dieser Platt formen ist für ihn wichtig, um mit allen seinen Freunden in Kontakt bleiben zu können; Cem geht es zudem darum, möglichst viele Freunde zu sammeln und nutzt dazu das Social Web sehr gezielt: Also bei Knuddels74 ist es Öster reich und Schweiz, also diese Seite ist eigent lich für Öster reich und Schweiz gedacht (…). Bei Netlog ist es so, man findet Freunde, die auch einfach da sind. Also da ist eine große Liste, und dann kannst du sagen, ja, den nehm’ ich mir als Freund, und dann musst du draufklicken, und dann kommt bei denen so ein Brief, ja, der möchte mit dir befreundet sein. Ja, und bei den anderen ist es auch so wie bei Knuddels, also die sind von weiter weg und so. Er ver wendet auch Instant Messaging, um sich mit seinen Freunden auszu tau- schen. Dabei werden Probleme besprochen, Termine ver einbart oder über Lösungen von Haus aufgaben diskutiert. Die Nutzung von MSN hat somit das klassi sche Telefonieren fast ver drängt, obwohl Cem die Face-to-Face-Kommu- 74 Bei Knuddels handelt es sich um eine Chatplatt form für Kinder. 177 nika tion dem Chatten vor zieht. Neben dem Beziehungs management spielt das Internet auch für sein Informations management eine Rolle; so nutzt er, wenn er nach Themen für die Schule recherchiert, die Suchmaschine Google und die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Er ist sich zwar nicht sicher, ob er den Informa tionen wirk lich trauen kann, zieht aber keine Fachbücher zurate. Cem surft gern und viel im Social Web und geht dabei großteils wenig selektiv und recht sorg los vor. Wie auch Nina sind Cem die Videoplatt formen YouTube und MyVideo sehr wichtig; sie sind sogar seine Lieblings seiten, um dort Musik- videos, lustige Clips oder ver passte Fußballspiele anzu sehen. Hin und wieder kommentiert und bewertet er auch die Videos anderer. Und wenn er von einem Video besonders begeistert ist, empfiehlt er es seinen Freunden weiter. Ihm liegt daran, von anderen bewundert zu werden, und er plant dazu, selbst ein Video mit seinen Fußballtricks zu ver öffent lichen. Der 17-jährige Jim ist ein intelligenter und auf geschlossener Junge, er ist beliebt und hat viele Freunde. Jims Leiden schaft ist die Musik (Rap); er ver- fasst selbst Texte. Später möchte er daraus Tracks ver öffent lichen, um „seine Geschichte“ zu er zählen, die er als recht unglück lich empfindet. Jim kommt aus schwierigen und diffusen Familien verhältnissen: Er hat zwei jüngere Halb brüder und eine ältere Halbschwester. Trotzdem wohnt nur er mit seiner Mutter, die als Reinigungs kraft arbeitet, und einem seiner Halbbrüder zusam- men in A. Zu seinem Vater macht Jim unklare Angaben; deut lich wird aber, dass er nicht bei der Familie lebt. Jim ist sehr ver antwortungs voll und familien- bewusst; sein Ziel ist es, bald auf eigenen Beinen zu stehen. Medien (vor allem Fernsehen, Zeitun gen, Internet und Online-Radio) sind für Jim sehr wichtig, vor allem um sich zu informieren und seine Musik zu hören. Jim nutzt Social Web-Angebote und plant auch, später selbst (er hat einen hohen Qualitäts anspruch) Musik, z. B. auf YouTube zu ver öffent lichen, um sich selbst zu präsentieren. Bei YouTube stöbert Jim nach guten Musik videos und anderen Bands (die Videoplatt form ist seine Standardseite, wenn er den Computer startet). Um (Musik-) Videos anderer bewerten zu können, loggt er sich bei einem Freund ein, weil er selbst nicht bei YouTube registriert ist. Da Jim ein großer Football-Fan ist, sucht er auf dieser Platt form auch nach Aufzeich- nungen von Footballspielen. Er schaut sich auch gern lustige Clips an; deren Links schickt er an seine Freunde weiter. Hin und wieder nutzt Jim auch Weblogs, dies jedoch nur, um sich über ihm bekannte Personen zu informieren. MySpace, als Platt form für Musikangebote und Bands relevant, schätzt Jim jedoch nicht, obwohl er dadurch seine Lieder anderen Personen zugäng lich machen könnte. Er ist der Meinung, dass diese Musik platt form einem Künstler zu wenig bieten kann: Weil ich finde, MySpace ist einfach wie ein Chatroom. Man geht rein, man zeigt den Leuten, was man schreibt, was man macht, was man hat, und dann, im Endeffekt, kommt doch sowieso nichts dabei raus. 178 Auch für Jim spielt Netlog eine wichtige Rolle, um sich mit seinen Freunden auszu tau schen, Beziehungen zu pflegen, aber auch um neue Freunde kennen- zulernen. Aus einer dieser Internet freund schaften hat sich auch eine Beziehung ent wickelt. Jim ist sich aber dessen bewusst, dass ein zu sorg loses Preis geben seiner persön lichen Daten Probleme ergeben kann. Den Angaben auf Wikipedia traut er nicht so recht, da er weiß, dass nicht alle Informa tionen der Wahrheit ent sprechen müssen. Für seine Haus aufgaben zieht er Wikipedia dennoch heran. Insgesamt nutzt Jim das Internet recht kritisch; er weiß z. B. genau, dass es eine Strafhand lung ist, illegal Dateien herunter zu laden, er tut dies jedoch trotzdem. Das teure Tonstudioprogramm zur Bearbei tung seiner Songs, das er sich nicht leisten kann, lädt er deshalb aus dem Netz herunter. Handlungs typ (4):75 „Dabei sein ist alles“ – Das Social Web zum Be- ziehungs management (SNS relevant, sonst erweist sich die Social Web- Nutzung als unauffällig und eher unspezifisch) (6) Sandra, 16 Jahre (Realschule); Sabine, 19 Jahre (Berufsschule); Jessica, 17 Jahre (Hauptschule); Jan, 18 Jahre (Lehre); Nadine, 14 Jahre (Gymna- sium); Lukas, 17 Jahre (Hauptschule) Bei diesem Handlungstyp finden sich sehr unterschiedliche Jugendliche und junge Erwachsene, Jungen wie Mädchen, formal höher gebildete wie formal niedriger gebildete, ältere ebenso wie jüngere. Netzwerkplattformen sind wie das Handy für sie ein unverzichtbarer Teil ihres Alltags – so wie in früheren Generationen vor allem das Telefon; der Dienst selbst spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle; es geht vielmehr um eine bestimmte Funktion, die des In-Kontakt-Seins. Den Angehörigen dieses Typs liegt schlicht daran, mit anderen verbunden zu sein und sich mit ihnen auch über das Netz verbunden zu fühlen. Für sie zählen vor allem der Austausch mit und der Kontakt zu Gleichaltrigen; die Initiative, etwa indem sie selbst Gruppen gründen, ergreifen sie dabei jedoch nur selten. Für einige ist es dabei wichtig, möglichst viele Kontakte zu haben, um sich anerkannt, beachtet – lebendig – zu fühlen; für andere zählt dagegen nicht so sehr die Menge der Bekanntschaften und Freunde, etwa auf SchülerVZ und StudiVZ (dies ist ihre Lieblingsseite), sondern vor allem das Dabeisein. Auch diese Jugendlichen nutzen andere Social Web- Angebote, etwa YouTube oder MySpace, dies jedoch relativ unspezifisch, etwa um sich aus Langeweile ein Video anzusehen, ein verpasstes Fußballspiel oder die verpasste Daily Soap anzuschauen. Die Jungen unter ihnen spielen zusätz- lich noch gern und intensiv Online-Spiele mit ihren Freunden. 75 Dieser Typ ent spricht dem Nutzer-Typ der „Followers“, der in der OFCOM-Studie identifiziert wurde; den Angehörigen dieses Typs geht es vor allem darum, Netz werk platt formen zu nutzen, weil ihre Peers dies eben falls tun (vgl. OFCOM 2008; siehe dazu auch Abschnitt 1.4). 179 Eine sehr charakteristische Vertreterin dieses Handlungstyps ist die 16-jäh- rige Sandra, die mit ihren Eltern (Sandras Vater betreibt ein Bau- und Pla- nungs büro, ihre Mutter ist Ver waltungs angestellte) und ihrer älteren Schwester (19 Jahre) in B lebt. Für sie hat das Internet einen großen Stellen wert in ihrem Alltag. Sandra ist ein eher unauffälliges, nettes, auf geschlossenes und kontakt- freudiges Mädchen. Im Interview zeigt sie sich gesprächig und un beschwert. Man hat den Eindruck, als könne nichts ihre positive Stimmung trüben; sie wirkt, als habe sie weder mit Problemen, Ängsten oder Stress zu kämpfen. Fußball ist Sandras großes Hobby: Sie spielt selbst in einer Mannschaft und ist sehr interessiert an der deutschen Bundes liga und an unter schied lichen deutschen Teams. Daneben spielt sie aber auch Volleyball und Tennis und singt im örtlichen Kirchen chor. Sandra erzählt, dass sie früher ein eigenes Pferd hatte und dass damals auch das Reiten eines ihrer liebsten Hobbys war. Trotz ihrer vielen sport lichen Aktivitäten findet sie aber noch genügend Zeit, um sich durch Babysitten und der Aushilfe in einem Café etwas Geld dazu- zuverdienen. Sowohl zu Hause als auch in der Schule fühlt sich Sandra sehr wohl. Sie ist eine gewissen hafte Schülerin, die weiß, was sie er reichen kann. Sandra will später Polizistin werden, und ist sich bereits über die Grund voraus- set zungen für diesen Beruf im Klaren. So gibt sie sich – oberfläch lich – recht kritisch; sie erzählt z. B., dass ihr ihre Privatsphäre wichtig sei und sie sich bewusst sei, dass alles, was im Internet publiziert wird, potenziell einer großen Öffentlich keit zugäng lich ist; daher würde sie auch keines ihrer persön lichen Videos ins Internet stellen. Ja, ich weiß nicht. Ich würde … Zum Beispiel, wenn ich so ’n Video machen würde, ich würd’s nie bei YouTube reinstell’n, also weil … das find ich irgendwie, das geht zum Beispiel, wenn, dann nur meinen Freund und mich was an, und das könnt’ ich vielleicht meinem Freundes kreis, meiner Clique mal zeigen. Aber das ist gleich, im Internet, da haben ja Millionen Leute Zugriff und, also das würd’ ich auch nicht machen, jetzt so. Dennoch agiert Sandra un bedacht und zeigt der gesamten Öffentlich keit bereit- willig ihr gesamtes Profil, obwohl sie die Einstel lung, persön liche Angaben nur ihren Freunden und Freundinnen zugäng lich zu machen, kennt. Auch wenn sie sich mit den unter schied lichen Funktionen dieser Netz werk platt form sehr gut aus kennt (z. B. wie man Verlin kungen zu unerwünschten Bildern löschen kann), geht sie damit recht unreflektiert um. Für Sandra ist das Internet nahezu gleichbedeutend mit Beziehungs mana- gement. Neben dem Handy nutzt sie es, um mit ihrem großen Freundes kreis – Sandra ist in unter schied lichen Jugendgruppen integriert – in Kontakt zu bleiben; sie ist ein Typ, der sich einer Gemein schaft anpasst und auch alles mitmacht. Daher hat sich Sandra auch auf SchülerVZ und auf StudiVZ an- gemeldet, denn diese Platt formen werden auch in ihrem Freundes kreis genutzt. 180 Sandra ist kommunikativ und über Pinnwände oder Ähnliches in regem Kon- takt mit ihren Freundinnen und Freunden. Diese Platt formen sowie Instant Messaging (ICQ) (sie nennt alle drei als ihre Lieblings angebote) sind ihr wichtig und dienen nicht nur zum Austausch mit Freundinnen und Freunden, sondern auch dazu, andere Leute kennen zulernen. Nur in SchülerVZ ist das einfach so: Da kommt man, durch andre Leute kommt man wieder auf die Seite. Zum Beispiel, wenn ich jetzt ne Gruppe auf mache, wie zum Beispiel „Ich find FC Bayern München toll“, dann sind da mehrere Leute, und seh’ ich jemanden, klick ich an, und dann kann ich von dem das Profil wieder durch lesen und daher lernt man den zum Beispiel wieder kennen. Dann guckt man bei Bildern und dann sieht man jemanden aufn Bild und klickt den wieder an, dann kommt man halt immer weiter. Und wenn man dann halt, sag ich mal, jemanden toll findet, sag ich mal, dann schreibt man den an und dann schreibt man und dann tauscht man vielleicht ICQ oder so aus. So kommt man halt durch, halt fremde Leute, halt so, dass man in Kontakt kommt. (…) Also, ich hab das mal so gehabt, also ich hab mal jemanden, der hat mich an geschrieben und der wohnt auch nicht so ganz weit weg, der wohnt hier in (…), zwanzig Kilometer ent fernt, und den kannt’ ich vorher auch nicht. Und dann hab ich die ganze Zeit mit dem geschrieben, vielleicht ein halbes Jahr oder so. Hab ich mich ver standen, hab mit ihm auch schon ab und zu so was gemacht und so und jetzt sind wir auch super Freunde, nä, also. Auf diesen Plattformen ist sie, wie sie erzählt, den ganzen Tag über online – auch parallel zu ihrer Nutzung anderer Medien, wie etwa dem Fernsehen. Für sie ist die Online-Kontaktpflege zu ihrem Freundeskreis ein nicht mehr weg- zudenkender Bestandteil ihres Alltags: „Also ich hab schon Probleme, wenn ich ne Woche im Urlaub bin.“ Wie viele andere Jugend liche aus der Gegend, in der Sandra auf wächst, hatte auch ihre Clique eine eigene Homepage, weil „das ist eher so ’n Reiz, weil das jeder hat, irgendwie“. Diese Homepage diente vor allem dazu, um Fotos zu ver öffent lichen, über das Gästebuch zu kommunizieren und für die Clique wichtige Termine bekannt zugeben. Dies wurde nunmehr allerdings durch SchülerVZ ab gelöst; dadurch hat das Interesse von Sandras Clique an der Homepage deut lich nach gelassen und sie wird nicht mehr aktualisiert. Sandra begründet dies damit, dass sich über SchülerVZ ihre wichtigen Daten wesent lich leichter ver walten ließen und alle ihre Freundinnen und Freunde über diese Platt form nun eigene Seiten hätten, die alle unter- einander ver linkt sind. Ebenso wie die Homepage hat in Sandras Freundes- kreis auch das Schreiben von E-Mails durch die einfache Kommunika tion über SchülerVZ ab genommen. In ihrem Identitäts management spielt das Social Web allerdings eine unter geordnete Rolle; ihr ist es beispiels weise nicht wichtig, ihre Profile auf SchülerVZ und StudiVZ ständig zu aktualisieren oder sich dort durch die Mitglied schaft in diversen Gruppen besonders interessant dar- zu stellen. 181 Besonders in schuli schen Kontexten nutzt Sandra das Internet auch zu Re- cherchezwecken und auch privat nutzt sie es zum Informations management, weil sie es in dieser Hinsicht prakti scher findet als Zeitun gen oder Bücher. Die Plattform YouTube besucht Sandra ebenfalls häufig und sehr vielfältig. Zum einen sucht sie dort nach der neuesten Musik sowie nach Trailern aktueller Filme, zum anderen rezipiert sie aber auch gerne selbstgedrehte Videos, die ihre Freundinnen und Freunde dort online gestellt haben. Sie selbst hat aller- dings noch nie ein Video im Internet veröffentlicht, obwohl sie erzählt, manch- mal kleine Handyvideos aufzunehmen. Das Internet dient Sandra aber auch als Informationsquelle. Sie nutzt die Suchmaschine Google, um nach Themen zu recherchieren, die sie interessie- ren. Als Hilfe bei Hausaufgaben und Referaten greift sie gern auf Wikipedia zurück, auch wenn sie sich dessen bewusst ist, dass deren Inhalte für jeden kinderleicht zu manipulieren sind bzw. es keine geprüften Kenntnisse braucht, um sich dort als Autor zu engagieren. Sandra gibt an, nicht allen Informationen aus dem Internet zu glauben und zuweilen auch Inhalte zu vergleichen; den- noch scheint ihr Vertrauen in Google und Wikipedia sehr hoch. Unter anderem nutzt Sandra das Internet auch dazu, um sich mehr Informationen über ihre favorisierten Daily Soaps einzuholen und gegebenenfalls verpasste Folgen an- zuschauen. Selbst zeigt Sandra wenig Initiative, sich aktiv am Social Web zu beteiligen und macht in der Regel einfach nach, was sie bei anderen sieht. Daher wider- spricht sie sich auch in ihrer Aussage, dass sie es eigent lich nicht gut findet, wenn private Videos auf YouTube geladen werden und sie das nicht machen würde. Denn weil sie dies bei Freund(inn) en gesehen hat, wollte sie dies eigent- lich auch mal ver suchen. Allerdings konnte sie sich auf der Platt form YouTube nicht orientieren und hat diesen Gedanken daher auch schnell wieder ver wor- fen; sie sieht sich trotzdem gerne die Videos ihrer Freunde und Freundinnen an. Ähnlich wie Sandra nutzt auch die 19-jährige Sabine, die mit ihren Eltern (ihr Vater ist Techniker, ihre Mutter Einzelhandels kauffrau), einem jüngeren Bruder (7 Jahre) und einer jüngeren Schwester (16 Jahre) in B wohnt, das Internet; sie ist wie Sandra eine sehr offene und kommunikative Frau. Freunde und Familie – zu allen hat sie ein gutes Ver hältnis – sind ihr sehr wichtig. Sabine ist Mitglied in zwei Reit vereinen. Durch die Netz werk platt formen und Instant Messaging hält Sabine Kontakt zu ihren Freunden oder Bekannten, wobei der persön liche Kontakt für sie Vorrang hat. Ebenso wird die eigene Homepage (die von ihrer Clique betrieben wird) dafür genutzt, um sich mit ihren Freunden auszu tau schen. Die Selbst darstel lung spielt dabei aber eine unter geordnete Rolle. So würde Sabine auch nie ein eigenes Video von sich hochladen; das wäre ihr viel zu intim. Sie ist sich auch dessen bewusst, dass fremde Personen (vor allem mögliche Arbeit geber) ihre Angaben im Internet 182 lesen und sie vor schnell „in Schubladen stecken“ könnten. Ihr Profil bild auf StudiVZ soll sie so zeigen, wie sie laut eigenen Angaben ist: als „normale Frau“. Auch für Sandra bedeutet das Social Web vor allem die Möglich keit zur Kommunika tion. Bei StudiVZ hat sie sich wegen ihrer Freundinnen an ge- meldet, schließ lich wollte sie sich nicht aus geschlossen fühlen. Ihre Clique hat zwar eine eigene Homepage, doch ist Sabine nicht für die Gestal tung ver- antwort lich; ihr geht es mehr darum, gemeinsam mit ihren Freunden etwas zu tun. Auch in Foren oder ähnlichen Webseiten ist sie nicht interessiert daran, ihre eigene Meinung kundzutun oder sich an Diskussionen zu beteiligen. Auf StudiVZ informiert sie sich gern über andere Nutzer und stöbert auf deren Profilseiten. Sabine möchte Kranken schwester werden und informiert sich zu- weilen mithilfe von Google über ver schiedene Krank heits bilder. Angaben zu den Quellen, die sie über das Internet nutzt, macht sie bei schuli schen Zwecken jedoch nicht (Sabine besucht eine Berufs schule); sie geht insgesamt eher sorg- los und unreflektiert mit Social Web-Angeboten um. Hin und wieder schaut sie auch in YouTube hinein; doch da beschränkt sich Sabine auf das Rezipieren von Musik, die meist im Hintergrund läuft. Die Videos zur Musik interessieren sie nur, wenn das Lied sie anspricht. Auch für die 17-jährige Jessica, die gerade ihren Haupt schulabschluss nach- gemacht hat, spielt vor allem das „Dabeisein“ eine wichtige Rolle bei ihrer Social Web-Nutzung; im Vordergrund stehen für sie Netz werk platt formen, um mit ihren Freunden und Freundinnen in Kontakt zu bleiben. Generell bringt sie aber für nichts, weder für die Schule noch die Freizeit, viel Aktivität auf. Medien (vor allem das Fernsehen) sind vor allem da, um Langeweile zu kom- pensieren. In Jessicas Leben ist, wie sie im Interview betont, schon vieles schief gelaufen. Wie sie erzählt, lebt ihr Vater, ein Auktionator, nicht mehr bei der Familie; sie wohnt mit ihrer Mutter, einer Diplompädagogin, und ihrer 14-jährigen Schwester in A. Jessica berichtet von ihrer „schwierigen Phase“, in der sie Mitglied einer „halbkriminellen Clique“ war. Ob dies mit der Zeit der Trennung ihrer Eltern zusammen hängt, ist nicht klar. Jessica hat Probleme, ihren Alltag zu organisieren; sie wirkt recht lust los, „ver schlafen“ und nicht sonder lich aktiv, aber offen und freund lich. Wenn Jessica ins Internet geht, dann sieht sie als Erstes nach, ob es auf ihrem Netlog-Profil Neuig keiten gibt und startet den Microsoft-Messenger (MSN). Danach wirft sie auch einen Blick auf die beiden anderen Netz werk- platt formen SchülerVZ und Partyfans, wo sie eben falls jeweils ein Profil hat. Im Wesent lichen geht es Jessica um die Beziehungs pflege zu ihren Freundinnen und Freunden. Jessica nutzt das Social Web aber vor allem, weil es alle machen; sie denkt über ihren Umgang nur wenig nach: 183 I: Und wenn du so viele Seiten [SNS, Anm. d. Verf.] hast, gibt es dann Freunde, die nur in einem drinnen sind? Jessica: Nee, meistens sind alle in allem drinnen, so wie ich. I: Und warum benutzt man dann die verschiedenen Seiten? Jessica: Irgendwie, keine Ahnung, muss man überall angemeldet sein. Weiß ich auch nicht, gehört so dazu. So hat sie auch nur deshalb eine große Freundesliste „weil das besser rüber- kommt“; sie kennt aber nur die Hälfte ihrer Online-Bekanntschaften persön- lich. In der Auswahl ihrer Online-Bekanntschaften geht sie auch eher nach äußerlichen Merkmalen vor (auch bei ihrem eigenen Profil, auch wenn sie es nicht verändert, ist es ihr nicht ganz gleichgültig, wie sie „rüberkommt“ und dort aussieht): Also, es kommt immer darauf an, wie die am Foto rüberkommen, sonst lehn’ ich die auch ab. Wenn ich das schon seh’, da steht so ein Typ, die haben diese Dinger als Anzeige gemacht, die da eigentlich nicht dahin gehören. Die lehn’ ich natürlich ab, aber wenn es ein ganz normales Foto ist, sympathisch, dann nehm’ ich die schon. Auch das Flirten spielt eine Rolle für sie. So knüpft sie manchmal auch Kon- takte mit Unbekannten; einmal hat sie sich schon mit einer Online-Bekannt- schaft getroffen. Sie ist sich aber sehr wohl der potenziellen Gefahren bewusst, die so ein Treffen mit sich bringen kann. Ich hatte zwei Freundinnen dabei, weil, ich treff’ mich niemals alleine mit jemandem. Vielleicht ist es doch so ein 40-Jähriger oder so, ne. Und auch immer dort, wo viel los ist. Negative Erfahrungen hat Jessica vor allem in Chatrooms gesammelt, daher bewegt sie sich mittlerweile bewusst nur noch in Chatrooms und auf Netz- plattformen, auf denen vorwiegend Jugendliche anzutreffen sind. Jessica: Ja, bei dem einen, Flirtfieber heißt das, da hab ich von den Nachrichten her nur schlechte Erfahrungen gemacht. Weil da auch gehäuft über 30- und 40-jährige Typen drinnen sind, und es wird mehr als Worte gesagt. Das sieht man dann schon, und die schreiben auch dann genau das, was man sich bei ihrem Foto erwartet. So eklige Sprüche. I: Und bei den anderen ist man mehr unter sich? Jessica: Ja, da sind natürlich auch Ältere. Aber bei Netlog sind gehäuft Jugendliche, fast nur Jugendliche. Da kommen dann halt auch dumme Sprüche, aber dann denkt man „ja, ok“. Aber wenn das halt echt von 40-Jährigen kommt, also dann ist das echt schon eklig. Zuweilen geht sie auch auf YouTube, sie kann aber wenig mit den Links an- fangen, die an ihrer Schule kursieren, und die zumeist „Saufgelage“ oder „Angebereien“ von männ lichen Jugend lichen ent halten, wie sie erzählt. Wenn Jessica YouTube nutzt, dann eher als Musik platt form, um sich aktuelle Lieder 184 anzu hören. Mit Wikipedia kann sie gar nicht viel anfangen: Einmal wurde sie in der Schule aufgefordert, etwas im Internet zu recherchieren, aber freiwillig würde sie so etwas nicht machen; sie hat erstens keinen Bedarf und zweitens wäre ihr das auch viel zu anstrengend: Also in der Schule, da mussten wir dann so was ’rausfinden. Da haben wir so Fragen gestellt bekommen, über die Tiere und Fleisch, und da mussten wir Fragen beantwor- ten wie „Welches Fleisch ist heller, Rind oder Schwein?“ oder halt wirklich was, wo man suchen musste. Da wird es dann schon benutzt. Zu Hause, wenn ich es nicht machen muss, mach ich es auch nicht, außer es ist meine Pflicht in der Schule. Der unschein bar wirkende 17-jährige Haupt schüler Lukas wohnt zusammen mit einem jüngeren (15) und einem älteren Bruder (20) bei seinen Eltern in A (Lukas Mutter ist Alten pflegerin, zu seinem Vater macht Lukas keine An ga- ben). Er erhält von ihnen wenig Anlei tung, geht zumeist seiner eigenen Wege und tut, was ihm gerade Spaß macht. Lukas muss in seinem Alltag viel Lange- weile kompensieren; sein Freundes kreis ist eher klein. Medien spielen für Lukas daher eine große Rolle; einen besonderen Stellen wert genießt aber das Internet. Seiner Meinung nach ist „das Internet (…) halt vielfältig. Und da kann man viele Sachen machen. (…) Viele Sachen im Internet, man kann machen was man will, eigent lich.“ Dazu gehört das Spielen von Browser- Games. Er schätzt vor allem ein Fußball-Manager-Spiel, das auf der realen deutschen Bundes liga basiert. Lukas bildet dort mit Freunden Gruppen, die dann gemeinsam Punkte sammeln können. Andere Online-Spiele haben für ihn jedoch keinen Reiz. Zudem beschäftigt er sich mit dem Kaufen und Ver- kaufen von Produkten auf eBay; er rezipiert Musik videos oder nutzt zur Recherche die Suchmaschine Google. Für die Erledi gung seiner Schul aufgaben ver wendet Lukas meistens Google oder Wikipedia. Obwohl er sonst nicht so reflektiert mit Internetangeboten umgeht, weiß er, dass bei der Online-Enzyklopädie im Prinzip jeder Autor sein kann. Lukas nutzt auch weitere Social Web-Angebote, wie etwa YouTube, aber nur zum Ansehen lustiger Clips bzw. „Ver arschungen“ oder Musik videos. Wichtiger sind ihm seine Kontakte auf Netlog (Netlog ist Lukas’ Lieblings- seite), Communio76 und bei Knuddels. Alternative Angebote wie MySpace, SchülerVZ oder StudiVZ sind ihm zwar bekannt, registriert ist er jedoch nicht, weil ihm das sonst zu viel Arbeit wäre. Instant Messaging, vor allem MSN, nutzt er dagegen intensiver. Darauf ist er auf Anraten seiner Freunde auf- merksam geworden. Lukas nutzt es vor allem, weil „alle haben MSN“. MSN ist deshalb auch seine Standardseite, wenn er den Computer öffnet. 76 Bei Communio handelt es sich um eine Netz werk platt form. 185 Aus demselben Grund nutzt er auch Netlog, wo er ein eigenes Profil hat. Netlog schätzt er, weil er dort im Prinzip die Möglich keit hätte, sich selbst mithilfe von Fotos, Blogs, Videos etc. darzu stellen; diese Funktionen nutzt Lukas jedoch über haupt nicht. Auch das Diskutieren in Foren oder Bewerten von Videos, Fotos etc. interessiert ihn nicht. Ihm kommt es vor allem darauf an, dabei zu sein, Kontakt zu Freunden zu haben und neue kennen zulernen; so erzählt er stolz, dass die Zahl seiner „Freunde“ bei diversen Platt formen schon auf 400 gestiegen sei. Dabei geht es Lukas auch sehr um den Kontakt und das Kennen lernen von Mädchen; damit hat er, wie er erzählt, gute Erfah- rungen gemacht. Das Thema „Mädchen, Flirten und Sexualität“ spielt bei dem für sein Alter noch sehr jung wirkenden Lukas eine bedeutende Rolle; so gibt er auch zu, gern Pornovideos zu konsumieren; hier kennt er zahl reiche Seiten, die ihm die Rezep tion leicht machen. Für den 18-jährigen Jan, der eine Ausbil dung zum Mechatroniker macht und mit seinen Eltern (sein Vater ist Landmaschinen schlosser, seine Mutter Ver käuferin), seiner Groß mutter und seiner jüngeren Schwester (13 Jahre) in B wohnt, spielt das Internet – ebenso wie für die anderen Angehörigen dieses Handlungs typs – eine große Rolle für sein Beziehungs management. Jan will ständig für seine Freunde, die er noch von der Schule, vom Fußballspielen (dort ist er Mitglied eines Ver eins) und von der Freiwilligen Feuerwehr, bei der er aktiv ist, kennt, erreich bar sein; dazu nutzt er vor allem ICQ. Doch auch Netz werk platt formen sind Jan sehr wichtig, um mit seinen Freunden in Verbin dung zu bleiben oder andere Menschen besser kennen zulernen. Er mag es, wenn es ihm gelingt, viele Freunde zu sammeln. Da viele seiner Freunde schon längere Zeit ICQ hatten, hat auch er sich dort an gemeldet, um „up to date“ zu bleiben. Aus demselben Grund ist er auch der regionalen „Emsland- Community“ bei getreten und hat ein Profil ein gestellt. Mit seinen Freunden gemeinsam betreibt er, wenn auch wenig aktiv, eine eigene Homepage. Auch sie ent stand nicht auf seine Initiative hin, sondern weil diese in seinem Umfeld „jeder hat“. Dabei spielen vor allem das Gästebuch und die ver schiedenen Fotos und Videos eine Rolle. In letzter Zeit wurde die Homepage jedoch sehr ver nachlässigt, da es zu viel Zeit in Anspruch nimmt, sie zu aktualisieren. Selbst in ent sprechenden Foren aktiv zu werden oder ein selbst gedrehtes Video ins Netz zu stellen, käme für ihn jedoch nicht infrage. Netz werk platt- formen findet Jan dagegen für das Flirten sehr interessant. Dafür nutzt er die Profile anderer Nutzerinnen; so kann er sich eine Meinung über sie bilden. Auch YouTube nutzt Jan, zumeist, wenn ihn Freunde auf etwas auf merksam gemacht haben, um sich an „pein lichen Bildern“, amüsanten Unfällen, witzigen Hobbys etc. zu belustigen. Ein wichtiger Bestand teil seiner Internet-Leiden- schaft ist auch das Computerspielen (vor allem Internet-Sportspiele). Dazu informiert er sich hin und wieder auch im Internet über die Bedin gungen und Umgangs weisen dieser Spiele. Gern trifft er sich online mit Freunden, um die 186 neuesten Strategien oder Taktiken auszu tau schen. Das Arrangieren von LAN- Partys ist bei ihm in letzter Zeit jedoch stark zurück gegangen; sie wurden ihm zu auf wändig und nahmen zu viel Zeit in Anspruch. Neuerdings besucht Jan hin und wieder Computerspiel-Veranstal tungen oder Messen, bei denen er sich dann „so richtig aus toben“ kann. Die 14-jährige Gymnasiastin Nadine wohnt gemeinsam mit ihrer Groß- mutter und ihren Eltern, einem älteren (19) und einem jüngeren Bruder (11) sowie einer älteren Schwester (18) in B. Nadines Vater ist Kaufmann und Bürger meister in der Gemeinde, ihre Mutter Künstlerin und Dozentin an einer Kunst hochschule. Auch Nadine ist sehr kommunikativ und in der Schule sowie in ihrem Freundes kreis beliebt. In der Schule fühlt sie sich wohl; da sie dort zuweilen etwas vorlaut ist, hat sie manchmal kleinere Auseinander setzun gen mit ihren Lehrern, die allerdings nie zu großen Konflikten ausarten. Ihr ist es wichtig, für ihre Mitschüler da zu sein; wenn diese Probleme mit Lehrern haben, steht sie ihnen sofort zur Seite. In ihrer Freizeit ist Nadine sehr aktiv und gern mit ihren Freundinnen zusammen, fährt Rad, spielt Tennis, nimmt Gesangs unterricht und ist Mitglied in einer Schul band. Nadine hat ein starkes Bedürfnis, sich anderen mitzu teilen, wirkt intelligent und selbst bewusst; den- noch lässt sie sich gern von anderen mitreißen. So ist sie auch von ihrer Freundin dazu animiert worden, sich eine E-Mail-Adresse zuzu legen, bei ICQ mitzu machen und auf Platt formen wie SchülerVZ sowie der Osnabrücker- Community und der Emsland-Community anzu melden (Schüler VZ und die Emsland-Community sind ihre Lieblings seiten). Dort macht sie alles mit, was auch die anderen tun: sei es Fotos hochzuladen und zu ver linken, nach neuen Kontakten zu stöbern oder über Pinnwände zu kommunizieren. Und sie macht dies, weil das gerade an gesagt ist. Früher hat sie aus demselben Grund toggo.de oder Knuddels genutzt weil das „war ja mal irgendwann früher mal in oder so, aber das macht jetzt auch keiner mehr“. Nadine durch stöbert beispiels weise auch gerne die Profile anderer Nutzer; und dabei kann es durch aus vor kommen, dass sie Personen zu ihren Kontakten hinzu fügt, die sie gar nicht kennt. So ist Nadine einem Treffen mit Personen, die sie nur aus dem Internet kennt, auch keines falls ab geneigt. Sie hat auch schon Bekannte aus dem Internet in der realen Welt getroffen und näher ken- nen gelernt; allerdings handelte es sich hierbei um Freunde ihrer Freunde, die sie dann in der Realität eben falls über ihre Freunde näher kennen gelernt hat. Da findet man, da trifft man auch so ganz schnell eigent lich immer Leute, wenn man sich so durch die Profile klicken kann, sich einfach so ein bisschen was angucken kann. Und dann fängt man einfach – also man kann halt sehen, wenn jemand auf seiner Seite war – und dann fängt man einfach so ein Gespräch an „ja, Spanner, hast dir meine Seite an geguckt“ oder so. Und dann, ja dann schreibt man halt, und dann nimmt man sich auf, und das geht dann immer so weiter. 187 Nadine hat auch nichts dagegen, dass Freundinnen und Schul kollegen Videos (z. B. auf YouTube) und Fotos von ihr ver öffent licht haben, ohne sie zu fragen. Solange sie nicht extrem unvorteil haft dargestellt ist, ist ihr dies relativ egal. Sie findet zwar schon, dass man rein recht lich vorher fragen sollte, wenn man etwas ins Netz stellt, aber eigent lich findet sie das zu auf wändig. Nadine spricht sich aber deut lich dagegen aus, dass bewusst negative Fotos und Videos von Personen ver öffent licht werden, um diese bloß zustellen. Insgesamt ist Nadine, wie die anderen Jugend lichen dieses Handlungs typs, relativ sorg los im Umgang mit dem Social Web. So ver wendet sie beispiels weise immer und überall ihren richtigen Namen, und ihr ist es auch wichtig, dass andere Nutzer sich mit ihrem richtigen Namen im Netz präsentieren. Nadine geht davon aus, dass auch andere im Internet wahre Angaben machen und ver traut darauf. Sie erzählt in der Gruppen diskussion davon, dass es ihr passiert ist, dass sie auf ICQ eine fremde Person als Kontakt an genommen hat, weil sie dachte, dass es eine ehemalige Freundin sei. Diese Person hat Nadine nach Haus num- mer, Adresse und Fotos gefragt, und sie hat bereit willig ihre ganzen Daten preis gegeben und ihren Irrtum erst bemerkt, als ihr diese Person einen Hoax77 geschickt hat und drohte, ihren Laptop für kurze Zeit lahmzulegen. Als sie den Kontakt ab brechen wollte, wurde ihr damit gedroht, dass ihre gesamten Daten zerstört würden. Daraufhin hat sie sich panisch an ihren Bruder ge- wandt, der den fremden Kontakt wieder löschen konnte. Man möchte meinen, dass Nadine durch diese negative Erfah rung wachgerüttelt worden wäre, aber sie betont dennoch, dass sie davon aus gehe, dass andere Internetnutzer sich nicht ver stellen und ihre wahren Daten an geben würden. Ihre Erfah rung be- urteilt sie als Pech, vor dem man sich nicht wirk lich schützen könne. Nadine betont zwar, dass sie nun vor sichtiger geworden sei und nicht mehr unzählige Fotos sowie ihre Telefon nummer an fremde Menschen schickt, dennoch würde sie es wieder tun, wenn sie sicher sein könnte, wer sich am anderen Ende befindet. Trotz ihrer negativen Erfah rung ist Nadine in ihrer Internetnut zung eher leicht gläubig geblieben. Nadine: Ja, das ist ja nicht schwer, aber wenn das halt, äh wirk lich nicht drauf vor- bereitet bist und dann (…) der halt wirk lich deine privaten Nummern hat, und äh keine Ahnung. Er meinte dann, dass, weil ich dem halt dann so Sachen nicht schicken wollte, einfach. Das wollt ich nicht. Dann er so: „Ja, öh nett sein und so. Ich hab deine ganzen Nummern. Ich stell die ins Internet, und so.“ (kichert) Da kriegt man schon irgendwie so ’n Schock. I: Und würdest du jetzt was anders machen? Oder generell jetzt so für die Zukunft, hast du irgendwas gelernt daraus? 77 Das Wort Hoax kommt aus dem Englischen und bedeutet Scherz bzw. Falschmel dung. Es handelt sich dabei um Warnun gen vor Viren, die gar nicht existieren, um Menschen Angst zu machen. 188 Nadine: Ja, gelernt halt, dass so viele komische Leute da sind wohl, aber ich mein, ich kann ja nichts gegen machen. Also wenn ich mich jetzt so ab kapseln würde, dann würd’ mir das ja auch nichts bringen. (…) Ja vielleicht nicht auf nehmen, aber wenn die mich halt anschreiben, schreib ich „wer bist du“ (lacht) und keine Ahnung. Würd’ da ’n bisschen vor sichtig sein, aber nicht sofort ganz ab kapseln. Das find’ ich über- stürzt irgendwie. (…) I: Wenn jetzt z. B. bei ICQ irgendjemand Anonymer kommt, oder ein Name, den du nicht kennst, wie würdest du damit umgehen? Nadine: Normal, denk ich. Ich würd’ ganz normal schreiben, aber mich nicht irgend- wie preis geben. Irgendwie keine Ahnung. I: Würdest du da auch Fotos schicken, wenn da jetzt jemand fragen würde, den du nicht kennst? Nadine: Ja, ein Foto auf jeden Fall. Und auch halt dann nicht mehr, wenn er sagt „schick mehr“, würd’ ich das nicht machen. Sich über die Pflege von Beziehungen und das dazu notwendige Hochladen von Fotos auf Netz werk platt formen hinaus gehend aktiv im Social Web zu bewegen, spielt für Nadine keine Rolle; so zeigt sie kein Interesse, sich als Produzentin zu betätigen. YouTube (hin und wieder auch MyVideo und Clip- fish) nutzt sie beispiels weise gerne, um Musik zu hören oder um sich lustige Videos anzu sehen: Allerdings hat sie keine Lust, eigene Kommentare zu schreiben oder selbst Videos ins Netz zu stellen; es ist ihr auch zu auf wändig, sich dafür extra anzu melden. Für ihre Schul aufgaben nutzt Nadine zusätz lich noch Wikipedia. Da die Online-Enzyklopädie allerdings von den Lehrpersonen bei Schul aufgaben und Referaten häufig auf Plagiate hin kontrolliert und generell in der Schule nicht so gern als Informations quelle gesehen wird, nutzt sie bei ihren Recherchen auch zuweilen Google; sie ver wendet dabei besonders jene Ergebnisse, die sehr weit hinten in der Liste gereiht sind. Ja, weil die Lehrer meistens nicht soweit gucken. (…) Weil die halt äh zwar wissen, na dass, die werden ver steckt da irgendwas raussuchen, aber so Wikipedia ist zu leicht, da sehen sie sofort, dass man das daher hat. Nadine geht davon aus, dass auch diese Suchergebnisse dennoch richtige In- forma tionen ent halten, aber nicht von den Lehrkräften ent deckt werden. Handlungs typ (5): Der kritisch-selektive Umgang mit dem Social Web als Mittel zum Zweck (zur Beziehungs pflege und zur Informa tion) (6) Carola, 22 Jahre (Erzieherinnen-Fachschule); Katharina, 16 Jahre (Gymna- sium); Uwe, 17 Jahre (Gymnasium); Stefan, 20 Jahre (Abitur; will studieren); Sonja, 18 Jahre, (Gymnasium); Roman, 21 (Fachhochschule) Kritisch und reflektiert sowie äußerst selektiv stellt sich die Social Web- Nutzung im Handlungs typ 5 dar; seine Angehörigen schätzen das Internet im 189 Allgemeinen und Social Web-Angebote im Besonderen als nicht mehr wegzu- denkenden Bestand teil der Gesell schaft; für sie selbst spielen sie aber keine zentrale Rolle in ihrem Alltag (mehr), und wenn sie Social Web- bzw. Internet- Angebote nutzen, dann gehen sie damit sehr gezielt um und nutzen sie für ihr Informations-, aber auch für ihr Beziehungs management als schnelles und bequemes, aber keines falls das beste „Mittel zum Zweck“. Für ihr Identitäts- management spielen das Internet bzw. Social Web-Angebote jedoch über haupt keine Rolle. Die meisten Angehörigen dieses Typs sind ältere Jugend liche und junge Erwachsene, die alle das Gymnasium besuchen oder bereits ab geschlos- sen haben, oder wie die 22-jährige Carola aus A die Sozialfachschule besuchen. Carola ist ein sehr natur verbundener und sozial engagierter Mensch. Sie befindet sich gerade in der Ausbil dung zur Erzieherin, und ihr Ziel ist es, wenn sie danach in einem Kindergarten arbeitet, den Kindern den richtigen Umgang mit dem Internet beizu bringen. In ihrem schuli schen Umfeld fühlt sie sich wohl. Schwimmen ist Carolas großes Hobby, seit sie jedoch in der Stadt wohnt und wochen tags in die Schule muss, bringt sie dafür nicht mehr so viel Zeit auf. Carola kennt viele Leute, zählt aber nur zwei zu ihren besten Freunden. Sie wuchs zusammen mit ihren Eltern auf. Obwohl sie einen großen Bruder hat (30 Jahre), ist sie eher wie ein Einzel kind groß geworden. Ihre Eltern (Carolas Vater ist Tischler, ihre Mutter arbeitet als Objektleiterin) waren darauf bedacht, dass Carola eine kritische Medien umgangs weise lernt. Carola schätzt Medien, sie geht jedoch eher konventionell mit ihnen um; so ist der Fernseher für Carola das wichtigste Medium, vor dem sie bis zu drei Stunden täglich – zumeist um Langeweile zu ver treiben oder um sich auszu ruhen – ver bringt. Früher hat sie auch sehr gern Rollen spiele gespielt; mittlerweile stört sie jedoch der damit ver bundene große Zeitaufwand. Second Life hätte sie sehr interessiert, erzählt Carola, wenn dies auch in deutscher Sprache zu- gäng lich gewesen wäre. Handy und Internet sind ihr wichtig, um mit ihren Freunden aus ihrem Heimatort in Verbin dung zu bleiben. Doch hohe Relevanz genießt das Internet in ihrem Leben nicht; auch die Internetnut zung erfolgt zumeist aus Langeweile. Zu ihren Lieblings seiten gehören Technobase.fm (be- nutz bar als Onlineradio), Web.de (wegen des E-Mail-Accounts) und Wikipedia, „weil man sich hier schnell und bequem zu allen möglichen Themen infor- mieren kann“. Die Online-Enzyklopädie nutzt sie lieber als die Suchmaschine Google, weil „das befriedigt mich nicht, was da raus kommt, und dann geh ich bei Wikipedia“. Instant Messaging ver wendet Carola, um mit ihren Freunden oder ihrer Familie in Kontakt zu bleiben. meinVZ nutzt Carola, um sich mit Freunden auszu tau schen oder Freunde von früher wieder zufinden. An den hochgeladenen Fotoalben und Profilseiten hat sie jedoch keinerlei Interesse. Sie ist auch nur deshalb in bestimmten Gruppen ver treten, weil sie über diese viel mit ihren Arbeits kollegen kommunizierte. Sie ist zwar auf Anraten ihrer Freunde bei 190 StudiVZ an gemeldet, jedoch kümmert sie sich nicht um die Aktualisie rung ihrer Profilseite. Generell findet Carola keinen großen Gefallen an Netz werk- platt formen. Sie bevor zugt den persön lichen Kontakt mit ihren Freunden; über SNS könne es schnell zu Miss verständnissen kommen, wie sie erzählt. Hin und wieder ver wendet sie auch die Videoplatt form YouTube zum Hören von Musik im Hintergrund. Das Weblog ihrer Freundin nutzt sie zwar regelmäßig, selbst würde sie jedoch keinen führen wollen. Insgesamt ist Carola dem Social Web wie allgemein auch dem Internet gegen über sehr kritisch ein gestellt; für sie ist es nichts mehr und nichts weniger als ein brauch bares, aber keines falls gefahren loses Mittel zum Zweck, das sie mehr oder weniger lust los sowohl zur Informa tion als auch zur Beziehungs pflege nutzt. Carola ist es sehr wichtig, ihre Sozial kontakte und die Bewegung in der Natur nicht wegen des Internets zu ver nachlässigen. Sie findet es zwar von Berufs wegen sinn voll und wichtig, dass sich Kinder mithilfe einer Lern soft- ware Wissen aneignen, jedoch stört sie, wie sie betont, über mäßiger Konsum an Computerspielen oder wenn Bücher durch das Internet ersetzt werden. Carola weiß über mögliche Gefahren und Risiken Bescheid und kennt auch gewisse Sperren für nicht-kindgerechte Seiten. Ebenso macht sie sich Ge- danken über das Preis geben von Daten oder anonyme Internetnut zung. Ein Bekannter von Carola kam wegen illegalen Downloads von Musik und Filmen mit der Polizei in Kontakt und erhielt dafür eine Geldstrafe. Seitdem will sie mit dem straf baren Downloaden nichts mehr zu tun haben und rät auch anderen davon ab. Sie möchte weder auf Videos noch auf Fotos, die im Internet kursieren, gesehen werden. Daher ver anlasste sie das Löschen eines Event- Shooter-Fotos, auf dem sie ab gebildet war. Sie ist der Meinung, dass ihr das nur dadurch gelang, dass der Fotograf ein Bekannter von ihr war. Ähnlich wie Carola nutzt auch die 16-jährige Katharina, Gymnasiastin aus A, Social Web-Angebote. Auch sie ist eine sehr auf geschlossene Person, die schon an einigen Schüler austausch programmen teilgenommen hat. Daher hat sie auch viele Freunde in allen Teilen der Welt, mit denen sie über Sorgen und Freuden sprechen kann. Katharina hat zwei Halbgeschwister: einen älteren Bruder (32 Jahre), der auch beruf lich mit dem Internet zu tun hat, und eine ältere Schwester (26 Jahre), die studiert. Ihre Mutter arbeitet als Homöopathin, ihr Vater ist Anwalt und hat bereits einige Fälle bearbeitet, in denen Jugend- liche zu Opfern der Internet-Kriminalität wurden. Daher wurde sie von ihren Eltern auch zu einer kritischen Haltung gegen über dem WWW erzogen. Sie fühlt sich in ihrer Familie wohl und hat ein gutes Ver hältnis zu den Mitglie- dern ihrer Familie. Katharina ist sehr musikalisch und spielt in ihrer Freizeit Klarinette und Saxophon in einer Big Band. Auch für Katharina ist der Fernseher nach wie vor das Medium Nummer 1; er hilft ihr dabei, Langeweile zu ver treiben, und läuft oft stunden lang neben- bei. Zwar nutzt sie auch andere Medien – das Handy zum Kontakt halten, vor 191 allem aber auch Bücher und den MP3-Player, zum Musik hören, und ebenso den PC inklusive des Internet zugangs. Eine ent scheidende Rolle spielen Social Web-Angebote für sie aber nicht; sie ist sich sicher, ohne sie leben zu können. Zwar nutzt sie eine Reihe von Angeboten, wie etwa Facebook, ihre Lieblings- seite, SchülerVZ oder StudiVZ, doch sie kommuniziert darüber nur mit Freun- den, die sie alle persön lich kennt. Mit der Preis gabe ihrer persön lichen Daten ist Katharina sehr vor sichtig; es er scheint ihr zu riskant, diese Angaben auf irgendwelchen Seiten zu hinterlassen. Ebenso ist sie achtsam in Bezug auf die Fotos, die sie auf SchülerVZ oder Facebook hochlädt: Diese sollen weder ihren Wohnort noch ihre alltäg lichen Lebens gewohn heiten ver raten. Sie würde sich nie dazu bereit er klären, sich mit fremden Leuten zu treffen. Sie ist misstrauisch den Angaben anderer Personen gegen über und möchte keine öffent liche Kom- munika tion über Netz werk platt formen. Katharina weiß sehr gut über bestimmte Gefahren und Risiken Bescheid; und sie weiß auch, wie man diese umgehen könnte. Auch in ihrem Infor ma- tions management ist Katharina sehr selektiv und achtet auf gewisse Kriterien, damit sie den Informa tionen trauen kann. Für ihre Recherchen ver wendet sie nur sehr selten Wikipedia. Es er scheint ihr zuverlässiger, bestimmte Schlag- wörter in Google, das ihr als Standardseite dient, wenn sie ihren Computer öffnet, einzu geben. Dann sucht sie sich jene Seiten heraus, die speziell für das gesuchte Thema konzipiert wurden und eine gewisse Struktur beinhalten: Aber wenn es doch eher so einen schlichteren Aufbau hat und gut erklärt ist, wirk lich nicht zu viele Fremdwörter, aber auch Fremdwörter benutzt werden, dann ist es doch für mich schon eher seriöser. Ihre Netz-Recherchen kombiniert sie immer mit Fachbüchern. Bei Zitaten aus dem Netz ist sie eben falls sehr vor sichtig und ver meidet es im Regelfall, aus dem Web zu zitieren. Wenn sie jedoch Texte daraus ver wendet, gibt sie die Quelle selbst verständ lich an. Der 17-jährige Gymnasiast Uwe ist ein eher distanzierter und zurück halten- der Typ, der zu jeder Zeit wohl überlegte Antworten gibt. Uwe hat viele Freunde, vor allem aus dem Ruderklub, in dem er Mitglied ist. Seit zwölf Jahren nimmt Uwe auch Klavier unterricht; Uwe möchte einmal Pilot werden. Zusammen mit seinen Eltern (Uwes Vater ist Arzt, seine Mutter Physiotherapeutin) und einer älteren Schwester (19 Jahre) wohnt er in A. Neben Radio, Fernsehen, das er auch zur Informa tion nutzt, und Handy, das er vor allem für das Schreiben von SMS schätzt (Uwe mag es nicht gern, zu telefonieren) genießt das Internet eine hohe Priorität in Uwes Leben. Dabei hat er sich seine Kenntnisse darüber selbst ange eignet. Laut eigener Angabe bietet das WWW die Vorteile, sich einer seits über Themen zu informieren, die ihn interessieren, anderer seits kann er dadurch mit seinen Freunden, die über weite Teile der Welt zerstreut sind, in Kontakt bleiben. Dafür nutzt er vor 192 allem die Möglich keit des E-Mail-Schreibens. Netz werk platt formen spielen bei Uwe keine große Rolle. Er ist zwar auf StudiVZ an gemeldet, nutzt es aber nur, wenn eine neue Nachricht ein geht. Bei SchülerVZ ist Uwe kein Mitglied, obwohl die Mehrheit seiner Klasse dort registriert ist. Instant Messaging, vor allem MSN, hingegen nutzt er sehr oft, um mit seinen Freunden in Verbin dung zu bleiben. Auch wenn ihm diese Art der Kommunika tion oft sinn los er scheint, da selten persön liche Dinge besprochen werden, sieht er Vorteile darin, kurz- fristig Termine zu ver abreden. Während seines Schüler aufenthalts im Ausland hat Uwe auch einen eigenen Weblog geführt; da ihm diese Form der Kom- munika tion jedoch zu auf wändig er schien, hat er sie sehr bald wieder ein- gestellt. Uwe möchte sich nicht anonym im Internet bewegen. Deshalb ist auf seiner StudiVZ-Profil-Seite sein voller Namen zu finden. Es ist aber kein Foto von ihm vor handen, dies jedoch weil „ich grade kein aktuelles hatte und dadurch kein altes reinstellen wollte. (lacht) Und danach bin ich nicht mehr dazu gekommen.“; dennoch ist Uwe sehr vor sichtig in Bezug auf das Preis geben seiner Daten: „weil ich immer dachte: Daten ein geben, das finde ich schon ein bisschen krass und Anschrift und so weiter, kriege ich im schlimmsten Fall Werbung nach Hause.“ Daher lassen sich auch keine Fotoalben von ihm finden, weil ihm das zu persön lich er scheint. Dem Kennen lernen von Fremden über SNS steht er eben falls skeptisch gegen über, da er sich nicht sicher sein könne, wer diese Personen sind. Zwar nutzt Uwe für seine Recherchen, etwa bei allgemeinen Themen, auch Wikipedia: Dann kann man normaler weise schon den Informa tionen trauen, weil sie auch von ganz vielen Leuten an geguckt werden, und dann würde es äh schnell ver schwinden, wenn da etwas Falsches auf tauchen würde. Er ruft dann jedoch auch andere Webseiten auf, um die an gegebenen Informa- tionen zu ver gleichen. Ab und zu nutzt Uwe auch YouTube; dies jedoch nur, um sich lustige Videos (z. B. von Komikern) anzu sehen; YouTube ist dennoch seine Lieblings seite im Social Web. Noch kritischer und ganz konsequent selektiv agiert der 20-jährige Stefan aus B. Auch er ist wie die Mädchen sehr offen und gesprächig. Stefan hat schon früh gelernt, Ver antwor tung für sein Handeln zu über nehmen. Da seine Eltern – beide sind Sozialpädagogen – ein Heim für Pflegekinder führen, wohnt er mit neun Pflegegeschwistern (im Alter von sechs bis achtzehn Jahren) unter einem Dach. So kam er schon früh in Kontakt mit Menschen, die mit schwierigen familiären Ver hältnissen zu kämpfen haben. Er selbst ist außerordent lich hilfs bereit und hat eine „aus geprägte soziale Ader“. Neben all den sport lichen Freizeitaktivitäten spielt er Klarinette in einer Band. Mit seinen Geschwistern (ein älterer Bruder im Alter von 28 Jahren und eine ältere 193 Schwester, 22 Jahre) ver steht er sich aus gesprochen gut. Auch sonst fühlt er sich in seiner eher ungewöhn lichen Umgebung überaus wohl. Stefan weiß, was er will und wie er das bekommt. Da er ein Studium anfangen will, nutzt er das Internet gezielt für seine Studien vorberei tungen. Stefan ist zudem noch ein echter Radio-Fan, und auch das Handy möchte er nicht missen, um mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben. Da Stefan das Fernsehen zum Teil als „niveau los“ empfindet, spielt es keine große Rolle in seinem Medienalltag. Das Internet mit all seinen Möglich keiten ist in den letzten Jahren zum wichtigsten Medium avanciert und hat den Fernseher er- setzt. So hat es ihm eine Zeitlang Spaß gemacht, bei Online-„Baller spielen“ „mitzu zocken“, das hat aber für ihn bald den Reiz ver loren. Spaß macht es ihm dagegen, online shoppen zu gehen, wie zum Beispiel um Kleidung zu er werben, die es in seiner Stadt nicht zu kaufen gibt. Außerdem ist er bei eBay registriert, um dort Produkte kosten günstiger zu er steigern. Ver kaufen würde er jedoch nichts, da es ihm zu auf wändig er scheint. Stefan benutzt das Internet aber vor allem als Recherche-Medium. Angebote wie Google, seltener jedoch die Wikipedia, dienen ihm aus schließ lich zur Informa tion; so stöbert er auf ver schiedenen Seiten, um sich Gedanken anstöße zu holen. Der Be zie- hungs pflege über das Social Web steht er dagegen – anders als die Mädchen, die zu diesem Typ gehören – äußerst kritisch gegen über. Bei ICQ und Skype hat er sich wieder ab gemeldet. Mit seinen Freunden pflegt er vor allem die Face-to-Face- und auch die E-Mail-Kommunika tion. Sobald er sein Studium beginnt, möchte er StudiVZ auch zweck gebunden für Informa tionen zum Stu- denten leben benutzen. Stefan gibt sich insgesamt gesellschafts kritisch; er beklagt den Niveau- verlust und die Trivialisie rung der Gesell schaft und bezieht dies auch auf das Internet: Ich hab letztes Mal das Internet mit ’nem Stripclub verg lichen. (…) Wo man hinkommen kann, sich an eine Bar setzt und glotzt, man glotzt natür lich auch schon recht ab- wertend, oder tanzt eben selbst. Ähnlich kritisch wie Stefan steht die 18-jährige Gymnasiastin Sonja dem Internet im Allgemeinen und dem Social Web im Besonderen gegen über. Sonja ist ein freund licher und äußerst modebewusster Teenager; sie unter scheidet sich in ihrem Kleidungs stil deut lich von gleichaltrigen Mädchen. Sonja hat ein aus geprägtes Shoppinginteresse, dem sie auch im Internet nachkommt. Vor allem zu ihrer Mutter hat Sonja, die mit ihren Eltern (ihr Vater ist Bank- kaufmann, ihre Mutter war früher Lehrerin und arbeitet nunmehr als Haus- frau), ihren beiden älteren Brüdern (22-jährige Zwillinge) und ihrem jüngeren Bruder, der gerade 17 geworden ist, in B wohnt, eine enge Beziehung und zieht sie auch als Beraterin in Stil-Fragen heran. Sonja ist sehr sport lich; zwei- mal pro Woche geht sie zum Volleyballtraining; früher hat sie auch Tennis 194 und Fußball gespielt. Da sie seit einem Jahr noch Klavier unterricht nimmt, konzentriert sie sich derzeit nur noch auf Volleyball. Sonja ist sehr gut in ihr soziales Umfeld integriert; sie ver fügt über einen großen Freundes kreis. Der- zeit hat sie eine Beziehung zu einem gleichaltrigen Jungen aus der Nähe. Medien (bis auf Bücher und die Zeitung) spielen für Sonja insgesamt keine große Rolle; ins Internet, geht sie nur, wenn sie etwas recherchieren möchte oder mit ihren Freunden über Instant Messaging Kontakt auf nehmen will. Eine große Leiden schaft stellt für sie jedoch das Online-Shopping dar; dazu nutzt sie die Seiten Frontlines hopper und Planetsports, um das einschränkte Angebot an ihrem Wohnort zu kompensieren: Sonja: Hier in der Nähe findet man halt nicht so gute Läden, und dann kann man halt, bevor man sich erst einmal ins Auto setzt, den Sprit ver jagt und ganz weit weg fährt, eben schnell auch gut im Internet gucken. Das ist super praktisch, und man spart auch ein bisschen Zeit, die man dann für andere Sachen, zum Beispiel Haus- aufgaben, nutzen kann. I: Und wie weit ist die nächste Stadt weg, wo man gut einkaufen kann? Sonja: 17 bis 20 Kilometer und eine andere Stadt ist ungefähr eine Stunde fahren oder eine Dreiviertelstunde. Das geht auch wohl, aber oft find ich dann trotzdem nichts. Dann geh ich auch so gern mal im Internet gucken, weil man da auch so andere Sachen findet als die, die überall sind so. Sonja nutzt Wikipedia sowie Google gezielt für ihr Informations management, z. B. wenn sie etwas für die Schule recherchieren muss oder irgendetwas wissen will; dazu schaut Sonja dann bei Google nach, recherchiert dann jedoch immer noch weiter. Wenn sie nur privat Informa tionen benötigt, begnügt sie sich mit einem Blick in Wikipedia. Dabei geht sie jedoch sehr reflektiert vor und beurteilt die unter schied lichen Informa tionen aus dem Internet sehr kritisch: Sonja: Also das Aussehen der Seite is’ auf jeden Fall schon mal aus schlag gebend, wenn da irgendwie so Schnörkelsachen und all so was ist, und kommt auch immer drauf an, wer das geschrieben hat. Also wenn das jetzt zum Beispiel so’ n Professor war, glaub ich dem schon eher, als wenn das jetzt wer anders is. Ja, manchmal setzen Jugend liche ja auch ihre Haus aufgaben rein oder so. Meistens geht’s, ist ja auch wohl richtig, aber da muss man auch schon auf passen, weil, die wissen ja auch nicht alles. I: Und bei den Jugend lichen, ist das meistens gut, was die so reinstellen? Sonja: Ja, wenn die es selber bereits schon gemacht haben. Manchmal ist das ja so, da lande ich dann auf so einem Forum und dann steht da „Hat jemand die und die oder schon da und da was mal drüber was geschrieben?“ Und dann les’ ich mir das durch und dann – bisschen weiß ich ja dann auch über das Thema – dann kann ich das auch beurteilen, ob das richtig oder falsch ist. Wenn sich das gut anhört, denk ich mir, nehm’ ich mal mit. Auch für ihr Beziehungs management nutzt Sonja Social Web-Angebote; früher hat sie sehr viel über Instant Messaging kommuniziert, weil sie als Austausch- 195 schülerin in Frank reich war und mit ihren dortigen Freunden in Kontakt bleiben wollte. Sie erzählt auch, dass sie im Alter von etwa 16 Jahren oft stunden lang über ICQ gechattet hat. Mittlerweile macht sie das aber nicht mehr so häufig. In ihrem örtlichen Freundes kreis tauscht man sich mittlerweile kaum mehr über Instant Messaging aus; mit Freunden aus dem Nachbarort macht Sonja es jedoch gelegent lich und wenn, dann meistens abends und eher kurz – nur um wichtige Informa tionen (z. B. in welchem Lokal man sich trifft) auszu tau schen. Generell bevor zugt es Sonja inzwischen, über E-Mails zu kom- munizieren, weil sie das persön licher findet. ICQ geht eben schneller, aber E-Mails mag ich lieber, die kann man halt immer wieder auf rufen. (…) E-Mails sind einfach schöner, es ist fast wie ein Brief nur nicht so, dass man ihn in den Händen halten kann. Ja, das find ich eigent lich wohl schön. Als Hanno [Sonjas Freund, Anm. d. A.] in Südafrika war, haben wir uns auch immer E-Mails geschrieben. Die hab ich immer noch gespeichert, die kann man immer so auf rufen und so. Ist auch irgendwie persön licher, oder. Also bei ICQ hat man den Vorteil, dass man direkt seine Gefühle, oder wie’s einem gerade so geht, schreiben kann, aber ich finde E-Mails haben auch schon was an sich. Sonja ist bei der Emsland-Community, bei SchülerVZ und bei StudiVZ an- gemeldet; diese Netz werk platt formen nutzt sie aber recht selten: Meine Freundin zum Beispiel nutzt das ganz viel, schreibt mir irgendwelche Nach- richten, aber ja, wenn ich jemandem ’ne Nachricht schreibe „Hallo, wie geht’s?“, „Was machst du?“, find ich das eher inhalts los, und deswegen mach ich das jetzt nicht so oft. Ich glaub, die macht das halt ziem lich gerne. Ich find das einfach, ich weiß nicht, hat nichts, bisschen dumm, aber okay. Manchmal sieht sich Sonja auf YouTube Videos an, wenn sie von Freunden einen Tipp bekommen hat. Zudem nutzt sie YouTube als Musik platt form, um nach neuen Songs zu suchen. Andere Videoplatt formen kennt sie zwar, nutzt diese aber nicht. Wie auch die anderen Angehörigen dieses Typs, insbesondere Stefan, ist Sonja dem Internet gegen über sehr kritisch ein gestellt; wie die an- gehende Erzieherin Carola macht sie sich vor allem über die Internet-Nutzung von Kindern Gedanken: Also, ich finde es auf jeden Fall, dass da so Sachen an geboten werden, die Kinder eigent lich gar nicht sehen sollten. Das finde ich nicht un bedingt ein Risiko, sondern Risiko ist es alleine schon, dass viele Kinder das Internet halt sehr viel nutzen. (…) Ich glaube, das kann schon sehr gefähr lich werden, wenn man einfach, ähm – Internet heißt ja Kommunika tion überall, aber ich glaube, dass, wenn man zu viel am Computer sitzt (…) auch schnell Freunde ver lieren kann. Oder nicht un bedingt ver lieren, aber dadurch findet man keine richtigen Freunde. Und ich finde auch, man sollte nicht nur über’ s Internet kommunizieren. Und dann gibt’s auch noch Seiten, die man gar nicht sehen sollte. 196 Der 21-jährige Roman ist ein gesprächs bereiter, freund licher junger Mann mit vielen Freunden, der in einer mittelgroßen Stadt an einer Fach hochschule in einem kommunikations bezogenen Studiengang studiert und während der Er- hebungs phase ein Praktikum in A ab solvierte. Neben seinem Studium arbeitet er in einer Network-Marketing-Firma, dessen Website seine Lieblings seite ist. In seiner Freizeit treibt er viel Sport. Außerdem ist er Mitglied in einem Verein, der Live-Rollen spiele ver anstaltet, die das Mittelalter zum Thema haben. Roman hat einen älteren Bruder, seine Mutter ist Psychotherapeutin, sein Vater arbeitet als Manager in einem Pharma unternehmen. In Romans Alltag genießt das Handy den größten Stellen wert, um mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben; doch auch über E-Mail tauscht er sich mit ihnen aus. Das Fernsehen nutzt Roman zwar zur Unterhal tung; es er scheint ihm jedoch im Prinzip durch das Internet ersetz bar. Roman betreibt ein selektives, aber – auch wegen seines Studiums – intensives Informations management; dazu dienen ihm Printmedien (Zeitun gen und Bücher) sowie Online-Zeitun gen, um über aktuelle Ereignisse Bescheid zu wissen, oder zur Recherche zuweilen auch Wikipedia. Über Social Web-Angebote hat Roman in seinem Studium schon viel er- fahren; sie genießen jedoch in seinem Alltag einen recht geringen Stellen wert. Zwar hat er selbst im Zusammen hang mit seinem Studium eine StudiVZ- Gruppe gegründet, der mittlerweile 270 Personen an gehören; wichtig waren ihm dabei aber der Lerneffekt und die Erfah rung damit, um sich auszu kennen. Er benutzt diese Platt form zwar auch zur Kontakt pflege, um Termine auszu- machen oder kurz Informa tionen auszu tau schen, schätzt dazu jedoch ICQ und vor allem Telefonate als bessere Lösung ein. Die Musik platt form MySpace ver wendet Roman zum Informieren über neue Bands. Über YouTube rezipiert er Musikclips, lustige Videos oder Nachrichten bzw. Reportagen, die auch gemeinsam mit Freunden an gesehen werden. Er findet es beeindruckend, wie viel Videomaterial dort vor handen ist und dass man diese Platt form als Archiv für ver passte Sendun gen ver wenden kann; dies war auch der Haupt grund für seine Registrie rung; außerdem kann er sich dort jederzeit Videos für über 18-Jährige ansehen. Einmal, so erzählt er bei der Gruppen diskussion, habe er sogar über YouTube etwas gelernt: Ja, Krawatte binden. Da hab ich mir das (un verständ lich) an geguckt, weil ich dachte, ich müsste es ja irgendwann mal lernen, weil sonst mach ich die immer zu und häng’ die dann so auch wieder weg. (lacht.) Ähm, das ist einfach anschau licher dann. Insgesamt erweist sich Roman im Umgang mit Social Web-Angeboten jedoch als hoch kritisch; er weiß, dass sich dort jeder als Autor beteiligen kann. Um Gewiss heit zu er langen, ob die Angaben, die er benötigt, stimmen, sucht er daher immer nach weiteren Quellen. Ein wichtiges Kriterium für ihn ist die Seriosität der Angebote. Durch sein Studium ist Roman sehr gut über techni- 197 sche Aspekte (wie Ver schlüsse lungen von Daten, „Kindersiche rungen“ oder die Produk tion von Podcasts), aber auch inhalt liche Aspekte sowie Chancen und Risiken des Social Web informiert. Mit Blick auf jüngere Menschen stellt er wie etwa Sonja und Carola Gefahren wie Cybermobbing, pornographi sche und gewalthaltige Inhalte deut lich heraus und befürwortet wie sie eine medien- pädagogi sche Bildung junger Menschen, um ihnen einen kritischen und kom- petenten Umgang mit dem Social Web und dem Internet allgemein zu ver- mitteln. Handlungs typ (6): Das Social Web zur Kompensa tion bei sozialen Pro- blemen – die intensive und initiative Nutzung mit hoher Relevanz in einem problembelas teten Alltag (2) Hassan, 17 Jahre (Hauptschule); Viktor, 17 Jahre (Realschule) Die beiden Angehörigen des Handlungstyps 6 lassen mit Blick auf die Dimen- sionen intensiv, initiativ sowie relevant Übereinstimmungen mit den Umgangs- weisen des Typs 3 erkennen. Dennoch unterscheiden sich die Handlungsweisen dieser beiden Jugendlichen von denen des Typs 3 in Bezug auf ihre Motive, die deutlich auf die Lebenswelt der Probanden verweisen. Unter diesen Social Web-Handlungstyp lassen sich zwei Jungen subsumieren, die zwar – ähnlich wie die Angehörigen des Typs 3 – Social Web-Angebote mit hoher Intensität nutzen (dies aber weitgehend unreflektiert und unkritisch); das Social Web genießt auch für sie eine sehr große Relevanz im Alltag; ohne die täglich mehrere Stunden in Anspruch nehmende Nutzung können sich die beiden Jungen ihren Alltag gar nicht vorstellen. Für sie ist es jedoch ein zentrales „Lebensmittel“, mit dem sie im Wesentlichen ihr Identitäts- bzw. zum Teil auch ihr Informationsmanagement (Hassan, 17 Jahre) sowie ihr Bezie hungs- management (Viktor, 17 Jahre) betreiben, da sie in ihrer Lebenswelt mit Be- dingungen kämpfen müssen, die sie in besonderer Weise auf Social Web- Angebote „zurückwerfen“. Die beiden Jungen stammen aus Migrationsfamilien und fühlen sich nur schlecht in die Gesellschaft integriert. Jeder von ihnen antwortet auf diese ihnen problematisch, wenn nicht sogar unwirtlich erscheinende lebenswelt- liche Situation in einer ihrem Charakter entsprechenden sehr spezifischen Weise. Bei beiden genießt dabei das Social Web einen überaus großen Stellen- wert: Es dient ihnen zur Kompensation von im realen Leben nur schwer aus- zulebenden Bedürfnissen sowie von Defiziten im Alltag. Hassan, ein 17 Jahre alter Hauptschüler aus B, der vor neun Jahren zusam- men mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland gekommen ist (er hat noch drei jüngere Brüder sowie eine jüngere Schwester) ist kurdischer Ab- stam mung. Seine Familie bezieht Sozialhilfe, da seine Eltern keine Arbeits- erlaubnis haben (über die früheren Berufe seine Eltern gibt Hassan keine Aus- 198 kunft). Hassan ist in seine soziale Umgebung nur sehr schlecht integriert und hat daher mit vielen Problemen zu kämpfen. Diese liegen unter anderem in seinem extremen kurdischen Nationalstolz sowie einer ent sprechend hohen Arroganz gegen über der deutschen bzw. europäi schen Gesell schaft und Men- schen mit einer anderen ethnischen Herkunft als seiner eigenen begründet. Auf die Vorliebe einiger seiner Freunde für pornographi sche Seiten im Internet antwortet Hassan z. B. mit Abscheu: Ich bin Moslem, also ich bin stolzer Moslem. So was mach ich nicht. Hassan geht kaum einem Streit aus dem Weg, besonders viele Raufereien hat er mit türkisch stämmigen Jugend lichen. Dies hat schon fast zu einer Suspen- die rung von der Schule geführt, da er dort Schlägereien an gezettelt hatte (seine schuli schen Schwierig keiten beschränken sich nicht nur auf Differenzen mit Gleichaltrigen, sondern spiegeln sich auch in seinen Noten wider). Hassan sagt selbst: Im Stress bin ich immer so schnell aus gerastet, wenn einer irgendwas gesagt hat. (…) Ich bin nicht der Junge, der redet, ich bin einfach, der sofort draufschlägt. Auch wenn er von manchen Mitschülern und Mitschülerinnen gemobbt und beleidigt wird, wahrschein lich als Reaktion auf seine eigenen Ver haltens- weisen, bezeichnet er dies als völlig „normal“; er selbst agiert und reagiert nicht anders. Um sich sport lich zu betätigen, geht Hassan regelmäßig ins Fitness - studio und spielt mit seinen Freunden (darunter afghani sche und russische wie auch einige deutsche Jugend liche) drei Mal in der Woche Basketball. Weil ihn Hiphop fasziniert, ver sucht er diesen Stil durch eigene Texte und eigenen Gesang zu imitieren. Um dieses Hobby auszu leben, hat er sein Taschen geld in ein Mikro investiert, das seine Stimme ver ändern kann. Aufgrund seiner sprach lichen Probleme ist es ihm bisher aber nicht gelun gen, die richtigen Wortlaute für seine Musik zu finden. Hassans Alltag und seine Lebens gewohn- heiten werden durch seine kurdische Herkunft bestimmt; seine Herkunft ist ihm sehr wichtig; Kurde zu sein bestimmt seine Identität. Um diese zu er- halten, zu pflegen und auch anderen gegenüber ausleben zu können, nutzt er Social Web-Angebote. Sie genießen bei Hassan, je nach Interesse und spe- ziellem Bedürfnis, aus unter schied lichen Gründen einen hohen Stellen wert für sein Informations- und vor allem sein Identitäts management. So ver wendet Hassan z. B. YouTube, um sich über kurdische Musik zu informieren oder diese wie deutschen Hiphop zu genießen; am deutschen Angebot sprechen ihn besonders gewalt verherr lichende Texte an: Ich hör nur deutsche, also diese Gangsta-Lieder und so, also irgendwie massiv, diese Gewalt. Das ist das, was ich hör. 199 Auch gewalthaltige Online-Spiele sind ihm sehr wichtig; sie zählen zu seiner Lieblings beschäfti gung im Internet. Hassan rezipiert ebenso gern die selbst- gedrehten Videos vor allem seiner kurdischen Freunde im Netz, die von kurdischen Lebens gewohn heiten handeln. Es ist ihm wichtig, durch das Ver- senden von Links andere Freunde auf diese Videos auf merksam zu machen. Ein Video selbst zu produzieren, käme für ihn jedoch nicht in Frage, weil er dafür zu viel Zeit investieren müsste. Da Hassan seine ethnische Herkunft extrem wichtig ist, sucht er im Inter- net auch gezielt nach Informa tionen über sein Land und seine Lands leute. Dabei ver wendet er neben Google auch YouTube. Bei der Erledi gung seiner Haus aufgaben bedient er sich unter anderem auch der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Dann ist er bereit, alle Informa tionen zu akzeptieren, die er be- kommt, gleichgültig, ob sie seriös sind oder nicht. Bei SchülerVZ hat sich Hassan vor etwa einem halben Jahr angemeldet. Dabei ist es ihm wichtig, seine Freunde mittels kurzer Nachrichten auf deren Pinnwände schnell erreichen zu können. Da er aber nicht davor zurück ge- schreckt, andere Nutzer durch Beleidigungen auf Pinnwänden zu belästigen, wurde er von den Betreibern bereits sieben Mal gelöscht: I: Was hast du da so geschrieben? Hassan: Ja, ähm, keine Ahnung, weil zwischen uns Kurden und Türken gab’s Stress. Da warn mehrere, die rechtsradikalen Türken, die was gegen uns haben, haben irgend- wie auf meine Seite, da kann man ja bei der Pinnwand irgendwas schreiben, ja, gibt’s so ne Pinnwand. Sagen: „Ach, ihr Scheiß-Kurden“ und so, also beleidigen. Darauf fing ich an, ihre Eltern zu beleidigen, alles Mögliche selber. Und dann hab’n sie mich verpetzt und so oder auf Wikipedia, da kann man ja nix über PKK machen. Da steht ja „sterolis“, ja, ja. Ich hab zum Beispiel meinen Namen [Nickname]78, wurde da öfter wegen Beleidigungen und so gelöscht. I: Und hast du die anderen dann auch verpfiffen? Hassan: Ne, ne. Ich bin nicht so ’ne Petze, also, wenn alle was machen wollen, können’ se ruhig machen. Also petzen und so bin ich nicht. Gern hätte er aber Rückmeldung von den Betreibern, weshalb man ihn gelöscht hat, um sie dann ihrerseits wissen zu lassen, warum er so agiert. Dennoch legt er jedes Mal sorgfältig seine Freundeslisten neu an: Ja, ich hatte ja auch, wurde ich vor zwei, drei Wochen gelöscht wieder. Ich hatte da ungefähr mehr als zweihundert Freunde und jetzt hab ich achtzig. Nur bei die achtzig, jetzt muss ich alle suchen. Die haben ja auch nicht ihre ganzen Namen drinne, eben auch Spitznamen und so. Es ist schwer, dich zu finden. 78 Auch mit seinem Nickname positioniert sich Hassan eindeutig als Kurde. 200 Da ihm die Kontaktpflege sehr wichtig ist, möchte Hassan auch unbedingt in SchülerVZ angemeldet bleiben. Dabei zählt er alle seine Kontakte zu seinen Freunden; er betont dabei aber, dass er nur „richtige Freunde“ habe und ak- zeptiere. Auch auf SchülerVZ ist es Hassan wichtig, seinen Nationalstolz zu präsentieren; und auch dort sucht er die Auseinander setzung mit türkischen Jugend lichen. Sein Profil bild zeigt ihn mit der kurdischen Flagge, und er lässt sich immer wieder neue Spitz namen einfallen, mit denen er als PKK-Anhänger erkenn bar ist. Instant Messaging (besonders ICQ aber auch MSN) nutzt Hasan eben falls, um mit seinen Freunden in Deutschland sowie mit seinen kurdischen Ver wandten und Freunden in Kontakt zu bleiben: Fremde sind ein bisschen für mich langweilig, so weil, wir haben hier Russen, Albaner und so, die meisten, näh? Die labern so auf ihre Sprache, man ver steht nichts. (…) Hab keinen, der auf meine Sprache spricht hier, ja, das ist langweilig und hier gibt’s gar keine Ver wandten, gar nix in der Nähe. Hassan nutzt Netzwerkplattformen sowie Instant Messaging vor allem für sein Identitätsmanagement. SchülerVZ dient ihm zur Kontaktpflege, aber vor allem zur aktiven Selbstdarstellung als Kurde – etwas, was ihm in seinem sozialen Umfeld nicht in der Weise gelingt. Auf SchülerVZ ist er auch nur den Gruppen beigetreten, die ihn mit seinem Migrationshintergrund in Verbindung bringen. Andersdenkende mobbt und beleidigt er dagegen. Auch der 17-jährige deutsch-russische Realschüler Viktor (seine Mutter arbei tet als Raumpflegerin,79 sein Vater im Metall gewerbe) hat in seiner sozia- len Umgebung mit Integrations problemen zu kämpfen. Mehr noch als Hassan ist Viktor ein Außen seiter. Anders als dieser ist er aber von Statur recht klein, schüchtern und intro vertiert, und auf Hänseleien durch andere, etwa auch im Rahmen der Gruppen diskussion, reagiert er eher phlegmatisch und ver sucht sie zu ignorieren. Generell scheint Viktor ein höflicher Junge zu sein; er erweckt dabei den Eindruck, als habe er seinen Platz im Leben noch nicht gefunden. Viktor lebt zusammen mit seiner neunjährigen Schwester zusammen in B. Sein älterer Bruder, sein großes Vorbild, ist vor einiger Zeit durch einen Unfall ums Leben gekommen. Wie seine jüngere Schwester spricht er nicht russisch; so nutzt er auch nur deutsche Medien und nicht, wie seine Eltern, russische. Das Thema Gewalt ist für Viktor ein Reizthema; dabei bleibt unklar, ob dies daran liegt, dass er selbst in irgendeiner Weise ein Opfer von Gewalt ist. So ver abscheut er einer seits alle Gewalt, anderer seits rezipiert er viele 79 Im Interview gibt Viktor an, seine Mutter sei Ärztin und habe in ihrem Beruf mit Computern zu tun. Im Rekrutierungs fragebogen selbst hat Viktor allerdings als höchsten Schulabschluss seiner Mutter Real- schule ein getragen und als ihre beruf liche Tätig keit Raumpflegerin an gegeben. Nachprü fungen vor Ort zeigen, dass seine Informa tion im Interview nicht stimmt. Es scheint Viktor im Interview wichtig gewesen zu sein, seinen sozialen Status mit dem Hinweis auf den ver meint lichen Beruf seiner Mutter höher darzu- stellen als er tatsäch lich ist. 201 Gewaltvideos, die er von anderen auf sein Handy geschickt bekommt, obwohl er deren Unterhaltungs wert für andere nicht nachvollziehen kann. Auch auf YouTube und MyVideo rezipiert er Gewaltvideos. Ab und zu, erzählt er, denke er dann darüber nach, diese Videos bei den Betreibern zu melden, damit sie von der jeweiligen Platt form gelöscht werden, aber es fehlt ihm das nötige Selbst vertrauen dazu. Obwohl Viktor derartige Gewalt szenen offensicht lich sehr bewegen, kann er weder mit seinen Eltern noch in der Schule darüber reden. Viktor gibt zwar an, ein sehr gutes Ver hältnis zu seinen Eltern zu haben, doch auch seine Erfah rungen als Außen seiter kann er nicht mit ihnen be- sprechen. Medien, vor allem das Fernsehen, aber auch das Internet genießen in Viktors Leben eine große Bedeu tung. Das Internet nutzt er für vielfältige Zwecke, so auch um eine Lehrstelle als Groß handels kaufmann zu finden oder um sich über eines seiner Lieblingsthemen, den Fußball zu informieren. Die Videoplatt- formen YouTube und MyVideo sind ihm wichtig, um sich u. a. Fußballvideos anzu sehen. Hin und wieder beteiligt er sich auch aktiv an diesen Platt formen, indem er Kommentare zu einzelnen Videos ver fasst, allerdings hat er noch nie selbst ein Video produziert und ver öffent licht. Wichtig sind ihm vor allem Netz werk platt formen; seine Start seite ist deshalb auch SchülerVZ; noch häufi- ger nutzt er aber ICQ, um mit seinem Freundes kreis in Kontakt zu bleiben: ICQ ist eher für die sehr guten Freunde, die hier, nur hier in B wohnen eigent lich, für mich. SchülerVZ nutz ich für überall. Das ICQ nutz ich mehr als SchülerVZ. Viel mehr, auf jeden Fall. Auf allen Platt formen, die Viktor nutzt, hat er jedoch schon oft negative Er- fah rungen gemacht; er ist schon häufig gemobbt worden. In SchülerVZ sind schon oft beleidigende Bemerkungen auf seine Pinnwand geschrieben und mit unvorteilhaften Fotos verlinkt worden, über die sich andere lustig gemacht haben. Viktor versucht dies zwar herunterzuspielen, aber dennoch bedrückt es ihn, und er kann sich nur wenig dagegen wehren. Ja. (lacht) Wenn die von Freunden sind, sag ich denen: „Ja, tu das mal bitte raus!“ Kann sein, dass mir das nicht so gefällt, aber – mein Gott – ist ja nichts Ernstes, ist ja nur Spaß. Lacht man mal drüber, ja, und verlinkt den anderen auch mal auf ein Foto, was vielleicht nicht besonders gut ist für ihn. Er weiß zwar, dass er solche Aktionen theoretisch bei den Betreibern von SchülerVZ melden und die entsprechenden Nutzer sperren lassen könnte, jedoch hat er bei einem „Freund“ die Erfahrung gemacht, dass sich dieser dann einfach unter einem anderen Namen wieder angemeldet hat. Viktor zeigt sich enttäuscht darüber: 202 Weil was hat man davon? Man wird gemeldet, man meldet sich mal an, dann wird man wieder gemeldet, meldet man sich wieder. Das hat ja keinen Sinn! Dennoch bleiben Netz werk platt formen für Viktor in seinem Alltag als Kom- pen sations mittel für mangelnde Anerken nung und Integra tion hoch bedeutsam; er tut sogar alles und nutzt jede Chance, um „zu den Anderen“ dazu zugehören. Für ihn stellen Social Web-Angebote wichtige Hilfs mittel in seinem Bezie- hungs management dar; vor allem über sie buhlt er um Anerken nung und be- müht sich um Integra tion. Dafür macht er alles mit, was seine Freunde ihm vor machen (z. B. auch die Rezep tion von Gewaltvideos, obwohl er diese ab- lehnt): I: Und gibt’s da so ein bisschen Gruppen zwang? So dass man das muss, weil man sonst gar nicht … Viktor: Würde ich nicht sagen, aber schon eher so, wenn die da sind, will man ja auch natür lich dazu gehören. Und da mitschreiben, wenn die sich da unter einander irgendwie (…). Also ich hab’s auch nur deswegen gemacht. 5.3.3 Fazit: Breites Spektrum an Umgangs weisen mit dem Social Web – die Potenziale werden jedoch selten voll aus geschöpft Beziehungsaufbau und Beziehungspflege gehören zu den zentralen Ent wick- lungsaufgaben Jugendlicher und junger Erwachsener; sie werden gerahmt von sozial-ökologischen Faktoren, wie etwa die formale Bildung. So ist es wichtig, von anderen wahr- und angenommen zu werden; vor allem das Dabeisein in formellen (Schulklassen) und informellen Gruppen (Peer-Groups) gewinnt Relevanz für die Selbstwahrnehmung und das Selbstbewusstsein. Sich mit Anderen – möglichst in ständigem Kontakt und Austausch – über wichtige Themen auseinanderzusetzen oder auch nur, um sich über gemeinsame Inte res- sen und Termine zu verständigen und dabei für Andere ein ernstgenommenes Gegenüber darzustellen, ist für Jugendliche in der Identitätsgenese von hoher Relevanz. Social Web-Angebote bieten Jugendlichen und jungen Erwachsenen für ihre Beziehungs- und Kontaktpflege ein probates Forum und ermöglichen ihnen dabei ein „doing being present“ (vgl. Tipp 2008, S. 183). Die meisten befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen, so Ergebnisse der qualita- tiven Teilstudie, nutzen das Social Web „friendship-driven“ (siehe dazu Ito u. a. 2008, S. 9); für sie ist die Chance zum Beziehungsmanagement das wich- tigste Motiv zur Social Web-Nutzung. Je nach Interesse und Kompetenz nutzen Jugendliche und junge Erwachsene Social Web-Angebote initiativ, sie gründen z. B. auf Netzwerkplattformen selber Gruppen und ergreifen die Initiative zur Beziehungspflege oder zur Selbstpräsentation, indem sie Kommentare posten und Bewertungen, etwa von Videos, Anderer vornehmen. Ein weiterer Anteil von Jugendlichen und jungen Erwachsehen nutzt Social Web-Angebote (dabei 203 handelt es sich zumeist um Netzwerkplattformen) jedoch vor allem, um in der Peer-Group nicht abseits zu stehen, um schlicht „dabei zu sein“ bzw. etwas zu tun „was eh alle tun“. Ihnen liegt daran, mit anderen verbunden zu sein und sich mit ihnen auch über das Netz verbunden zu fühlen. Für sie zählen vor allem der Austausch mit und der Kontakt zu Gleichaltrigen; die Initiative, etwa indem sie selbst Gruppen gründen, ergreifen diese Jugendlichen nicht. Für einige ist es dabei wichtig, möglichst viele Kontakte zu haben, um sich anerkannt, beachtet – lebendig – zu fühlen; für andere zählt dagegen nicht so sehr die Menge der Bekanntschaften und Freunde, etwa auf SchülerVZ, son- dern schlicht das Dabeisein und Mittun. Auch diese Jugendlichen nutzen andere Social Web-Angebote, etwa YouTube oder MySpace, dies jedoch, weil sie sich über die Videos dort mit anderen austauschen können; die meisten von ihnen nutzen allerdings die Video-Plattform YouTube als Musik-Plattform. Einige Jugendliche – dabei handelt es sich tendenziell stärker um formal höher gebildete und besonders engagierte Jungen – nutzen das Social Web „interest driven“ (vgl. ebd.); sie lassen einen kreativen Umgang mit dem Social Web erkennen, indem sie eigene Inhalte schaffen (z. B. Videos drehen). Doch auch diejenigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die Social Web-Ange- bote in einer kreativen Weise nutzen, folgen eher dem vorgegebenen Rahmen des jeweils bevorzugten Angebots, eine innovative, d. h. eine selbst gesteuerte, über den jeweiligen Gestaltungsrahmen des Angebots hinausgehende Umgangs- weise fand sich nur in sehr wenigen Fällen, wie etwa im Fall der Afghanin Sali, die die Netzwerkplattform Netlog zum Führen eines geheimen Tagebuchs umfunktioniert. Die weitaus meisten befragten Jugendlichen und jungen Er- wachsenen, dies lässt sich zusammenfassend sagen, schöpfen die vielfältigen Potenziale des Social Web nicht aus, sondern bedienen sich seiner Angebote in einer vorgegebenen, man möchte fast sagen: im Rahmen des Angebots- spektrums eher konventionellen Art und Weise, um ihre Anliegen umzusetzen. Allerdings lassen sich auch Nutzungsweisen beobachten, wie etwa die Video- plattform YouTube als eine Art Suchmaschine für unterschiedliche Themen einzusetzen oder um verpasste Serien zu sehen. Social Web-Angebote werden, wie die qualitative Teilstudie zeigt, auch zur Kompensation von großen sozialen Defiziten im Alltag (zum Identitätsmanagement bzw. zur Identitätspflege und zum Beziehungsmanagement bei mangelnder Integration) genutzt, etwa bei Jugendlichen mit Migrationserfahrungen. Blickt man speziell auf Chancen und Risiken der Social Web-Nutzung, so zeigt sich, dass diese Hand in Hand gehen; denn wer die Vorteile des Social Web nutzen will, ist auch gleichzeitig mit Risiken konfrontiert, wie ein Ergeb- nis aus den Gruppen diskussionen eindrucks voll zeigt: Um (wieder) erkenn bar zu sein, geben die meisten jungen Menschen mehr oder weniger sorg los eine Fülle von Angaben zu ihrer Person preis. Auch wenn sie wissen, dass sie sich damit als private Person ver öffent lichen, müssen sie es dennoch tun, um die 204 gewünschten Vorteile der Social Web-Nutzung er reichen zu können. Dieses Ergebnis lässt sich durch eine Studie von Livingstone (2008) bestätigen; auch sie weist auf das oben beschriebene Dilemma in der Nutzung von Netz werk- platt formen hin. Mit Blick auf sozial-ökologische Aspekte von Chancen und Risiken zeigt sich zusammenfassend die hohe Relevanz vor allem der formalen Bildung. Sie gewinnt insbesondere im Hinblick auf einen reflexiven Umgang mit Social Web-Angeboten Bedeutung: Formal höher Gebildete kennen Chancen und Risiken im Umgang mit Social Web-Angeboten bzw. wägen diese zuweilen bewusst gegeneinander ab und richten ihren Umgang danach aus (Vermeiden, eigene Daten preiszugeben, auf Foto- und Profil-Darstellung etc. achten). Formal niedriger Gebildete machen sich dagegen weniger Gedanken darüber, wie man sich z. B. im Social Web gegen unliebsame Erlebnisse schützen kann bzw. sollte. Sie gehen eher sorg los mit negativen Erfah rungen um bzw. be- trachten sie als einen un vermeid lichen Teil der Social Web-Nutzung. Die Tat- sache, dass dieser Unterschied zwischen den Bildungsgruppen in der qualitati- ven Befragung deutlicher zutage tritt als in der Repräsentativbefragung, könnte darauf hindeuten, dass die qualitative Erhebungssituation den Befragten mehr Raum gegeben hat, sich ihrem Selbstverständnis entsprechend zu präsentieren, wodurch sich die klaren Unterschiede zeigen. In der standardisierten Befragung hingegen, die auf möglichst objektivierbare Indikatoren für einen mehr oder weniger kompetenten bzw. mehr oder weniger risikoreichen Umgang mit dem Social Web abzielte, werden diese Reflexionen nicht sichtbar; vielmehr zeigt sich, dass die Unterschiede im konkreten Umgang mit dem Social Web gerin- ger ausfallen, als dies die im qualitativen Interview geäußerten Reflexionen vermuten lassen. Geht es um Online-Mobbing, eines der in der Öffentlichkeit am intensivsten diskutierten Risiken des Social Web, wird deutlich, dass nahezu alle befragten Jugend lichen und jungen Erwachsenen, die an den Gruppen diskussionen teil- genommen haben, bereits in irgendeiner Form mit Online-Mobbing konfron- tiert wurden – dies allerdings weniger in Bezug auf ihre eigene Person (dieses Ergebnis korrespondiert mit dem Ergebnis in der Repräsentativstudie, wonach 28 % der Befragten bereits selbst einmal im Internet belästigt worden sind), als vielmehr dadurch, dass sie von Mitschülern und Mitschülerinnen oder ande ren Bekannten etwas über derartige Erfah rungen gehört haben. Zumeist beziehen sich diese Erfah rungen auf „pein liche“ oder „blöde Fotos“. Wie das Fallbeispiel des 17-jährigen Viktor eindringlich zeigt, handelt es sich beim Online-Mobbing jedoch keinesfalls immer – auch wenn dies von den Akteuren zuweilen so gemeint ist – um einen „Schülerstreich“. Viktor ist schon des Öfteren Opfer von Online-Mobbing geworden; in SchülerVZ sind beleidigende Bemerkungen auf seine Pinnwand geschrieben und mit unvorteil- haften Fotos verlinkt worden, über die sich andere lustig gemacht haben. Viktor 205 selbst sieht kaum Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren. Er weiß zwar, dass er die Aktionen gegen ihn bei den Betreibern von SchülerVZ melden und die entsprechenden Nutzer sperren lassen könnte, jedoch hat er bei einem „Freund“ die Erfahrung gemacht, dass sich dieser dann einfach unter einem anderen Namen wieder angemeldet hat. Nicht immer bleiben derartige Verhaltens- weisen ungeahndet. So war, dies der eindrück lichste Fall in einer Gruppen- diskussion, die Rede von einer Mitschülerin, die einen Schul verweis erhielt, nachdem sie ein beleidigendes Video über eine andere Mitschülerin ins Netz gestellt hatte. Formal höher gebildete und darunter insbesondere ältere Jugendliche und junge Erwachsene beurteilen Online-Mobbing kritisch und lehnen Verhaltens- weisen dieser Art ab. Zwar finden auch formal niedriger gebildete Jugend- liche, die der Repräsentativbefra gung zufolge häufiger Opfer von Belästi gun- gen im Netz werden, Online-Mobbing nicht in Ordnung. Denn in fast allen Diskussionen waren sich die Jugend lichen und jungen Erwachsenen darin einig, dass sie ein solches Ver halten ab lehnen; sie halten es für „feige“ und bezeichnen es als „Sauerei“. Generell messen allerdings die formal niedriger Gebildeten dem Online-Mobbing weniger Relevanz bei, da man z. B. negative Fotos „ja jederzeit wieder löschen kann“. In den Gruppen diskussionen zeigte sich mit Blick auf Online-Bekannt- schaften, dass formal niedriger gebildete Jugend liche häufiger über derartige Erfah rungen berichten als formal höher gebildete; dabei handelt es sich vor allem um niedriger gebildete Mädchen; sie er zählen davon, schon des Öfteren „an gemacht“ worden zu sein. Auch sie betrachten ein solches Ver halten aller- dings zumeist als „Spiel“ bzw. „Flirten“ und nicht als etwas, was sie mit ihren Eltern besprechen müssten. Für viele formal niedriger Gebildete haben Online- Bekannt schaften, wie sie er zählen, sogar ihren Reiz; so könnten sich einige Jungen und Mädchen vor stellen, einmal eine Online-Bekannt schaft zu machen, die sie dann auch offline treffen, dies allerdings – da sind auch sie sich einig – nicht allein, sondern am ehesten in Beglei tung einer Freundin oder eines Freundes. In Bezug auf die Wahrneh mung von Risiken und Gefahren im Netz lässt sich resümieren, dass bei den meisten Jugend lichen und jungen Erwachsenen zumindest ein rudimentäres Ver ständnis besteht. Bei genauerer Nachfrage wird deut lich, dass es sich dabei um Kenntnisse aus dem von Medien bestimmten Diskurs handelt, d. h. die Jugend lichen haben hier und dort bereits gehört, was man darf oder nicht tun sollte. Bei diesen Antworten ist allerdings zu beachten, dass in den Diskussionen um Risiken der Faktor der sozialen Erwünscht heit eine große Rolle spielt: Die Jugend lichen wissen, was sie sagen dürfen bzw. ver schweigen sollten. Unabhängig von der formalen Bildung wird deut lich, dass die Jugend lichen, die sich häufig intensiv im Social Web bewegen und für die seine Angebote 206 eine hohe Relevanz er langen, einen reflektierteren Umgang er kennen lassen: Kompetenz scheint mit dem „Tun“ zu wachsen. Im Zusammen hang mit potenziellen Chancen und Risiken kommt den Eltern bzw. dem Elternhaus und der Schule eine große Bedeu tung zu. Bei den Eltern erweist es sich als ent scheidend, ob diese ihre Kinder bei ihrem Um- gang mit dem Internet begleiten, indem sie Interesse an deren Aktivitäten im Netz zeigen und mit ihnen darüber sprechen, oder ob die Kinder in ihrer Internet-Nutzung weit gehend auf sich gestellt sind bzw. ob sie nur sehr formale Regeln für den Umgang mit dem Netz gesetzt bekommen, wie dies bei Heran- wachsenden in den Gruppen diskussionen mit niedriger formaler Gebildeten häufiger der Fall war. In einigen Fällen berich teten jüngere Befragte auch davon, dass sie risiko reiche bzw. illegale Ver haltens weisen bei ihren Vätern abgeschaut haben. In Bezug auf die Schule ist es relevant, wie die Gruppensdiskussionen zeigten, ob in den Schulen über Chancen und Risiken gesprochen wird oder nicht. In Gymnasien, so die Ergebnisse der Gruppendiskussionen mit formal höher gebildeten Jugendlichen, ist des Öfteren schon über Urheberrecht und Autorenschaft in Bezug auf Wikipedia die Rede gewesen; diese Schüler/ innen wissen – mehr oder weniger gut – wie sie im Internet recherchieren bzw. was sie vermeiden sollten; deutlich wird aber auch, dass die jungen Leute ihre Kenntnisse geschickt einzusetzen verstehen, so unter anderem auch, um Lehr- personen zu täuschen. Für Eltern wie für die Schule gilt, dass ihnen große Bedeutung bei der Stärkung des Bewusstseins für Chancen und Risiken im Umgang mit dem Internet bzw. dem Social Web zukommt. Dies gilt es, in Bezug auf medien pädagogi sche Konzepte und Projekte zu beachten. 207 6 Ausgewählte Angebote des Social Web Jan-Hinrik Schmidt, Julia Gutjahr Dieses Kapitel beschreibt aus gewählte Dienste des Social Web in Form von Fall studien, deren Ziel es ist, die jeweils spezifi schen tech- ni schen Merkmale der An- ge bote zu identifizieren und deren Zusammen hang mit den vor herr schenden Nut- zungs praktiken und öffent- lichen Diskursen über die jeweiligen Anwen dungen zu diskutieren. Auf Grundlage der qualitativen und quantitativen empiri schen Befunde wurden dazu besonders populäre Angebote aus vier Gattun gen aus- gewählt: SchülerVZ, StudiVZ und MySpace für die Netz werk platt formen (Ab- schnitt 6.1), ICQ und MSN für die Instant-Messaging-Dienste (Ab schnitt 6.2), YouTube und MyVideo als Ver treter der Videoplatt formen (Ab schnitt 6.3) sowie die Wikipedia als prototypi sches Beispiel eines Wikis (Ab schnitt 6.4). Die Unterkapitel folgen dabei jeweils einer einheit lichen Gliede rung, die an die Darstel lung der grundlegenden Funktionalitäten von Social Web-Diensten (vgl. Kapitel 3.3) anschließt: Nach einem allgemeinen Überblick, der Ergeb- nisse der quantitativen Befra gung einschließt, werden zunächst diejenigen Angebots aspekte beschrieben, die sich rund um individuelle Profilseiten grup- pieren und das Identitäts- und Beziehungs management im engeren Sinn unter- stützen. Daran anschließend werden Funktionalitäten behandelt, die die Kommunika tion mit Publika unter schied licher Reichweite betreffen (vom un- beschränkten Publizieren über gruppen bezogene bis hin zur interpersonalen Kommunika tion), gefolgt von einer Vorstel lung der Funktionalitäten des In- for mations managements. Im jeweils ab schließenden Abschnitt werden diese Charakterisie rungen zusammen fassend diskutiert, um eine Einschät zung von Sozialer Kontext Einstellungen, Funktionserwartungen Nutzung SNS Internet Medien insgesamt Angebot SNS Internet Medien insgesamt Social Web Social Web 208 Stellen wert und Konsequenzen der genannten Anwen dungen für Jugend liche und junge Erwachsene zu ermög lichen. 6.1 Netz werk platt formen 6.1.1 Überblick Wie in Abschnitt 3.2.1 geschildert, sind Netz werk platt formen Angebote, bei denen Nutzer innerhalb eines durch Registrie rung geschlossenen Raums ein persön liches Profil anlegen, davon aus gehend andere Nutzer als „Freunde“ oder „Kontakte“ bestätigen sowie mithilfe dieser sicht bar gemachten Beziehungen auf der Platt form navigieren können. Die in Deutschland unter Jugend lichen und jungen Erwachsenen beliebtesten Netz werk platt formen sind SchülerVZ und StudiVZ, die inzwischen mehr als zehn Millionen registrierte Nutzer be- sitzen und zu den zugriffs tärksten unter den von der IVW gemessenen Ange- boten gehören (vgl. Tabelle 6.1).80 Tabelle 6.1: Ausgewählte Netz werk platt formen im Überblick Name SchülerVZ StudiVZ MySpace URL www. schuelervz. net www. studivz. net www. myspace. com Betreiber studiVZ Limited, Berlin MySpace Inc, L. A. Eigentümer Verlagsgruppe Georg von Holtz brinck GmbH, Stuttgart News Corp., New York Existiert seit Februar 2007 Oktober 2005 Juli 2003 Registrierte Nutzer etwa 5 Mio. (http://www. schuelervz. net) etwa 6 Mio. (http://www. studivz. net) k. A. Visits (IVW; 06/2009) 159.228.960 176.438.847 55.169.219 Selbst be- schrei bung „SchülerVZ ist Europas größtes Online-Netz werk für Schüler ab 12 Jahren. Es ermög licht ihnen, in einem sicheren Umfeld mit ihren Freunden und Klassen kameraden zu kommunizieren.“ „StudiVZ.net ist das größte Online-Netz werk für Stu- denten im deutsch sprachi- gen Raum. Auf StudiVZ bleiben Studenten mit ihren Freunden und Kommilitonen in Kontakt und tauschen sich unter einander aus.“ „MySpace ist eine On- line-Community, in der du die Freunde deiner Freunde kennen lernen kannst.“ StudiVZ startete im Oktober 2005 und wurde Anfang 2007 von der Holtz- brinck-Gruppe für einen hohen zweistelligen Millionen betrag über nommen. Kurz darauf nahm SchülerVZ seinen Betrieb auf; im Februar 2008 startete die Platt form meinVZ, das sich an Erwachsene richtet. Alle drei Angebote sind sich von der Funktions weise und Anmutung relativ ähnlich; zwischen StudiVZ und meinVZ besteht auch insofern eine Verbin dung, als StudiVZ-Nutzer ihre 80 Ende 2006 gingen lokalisierte Ver sionen von StudiVZ in Frank reich, Italien, Spanien und Polen online, die allerdings Anfang 2009 wieder ein gestellt wurden. 209 Profil- und Netz werk daten in meinVZ über tragen (z. B. nach Beendi gung des Studiums) und Nutzer der einen auch auf Profile der anderen Platt form zu- greifen können. MySpace, das neben Facebook zu den welt weit populärsten Netz werk platt formen gehört, existiert seit Juli 2003 und ist seit 2005 im Besitz der News Corpora tion (Rupert Murdoch). Zur Anzahl der registrierten Nutzer gibt es keine aktuellen ver läss lichen Daten; die von der IVW gemessenen Zugriffs zahlen liegen deut lich niedriger als bei SchülerVZ und StudiVZ. Aus der Repräsentativbefra gung lassen sich weitere Anhaltspunkte über die Popularität der drei Netz werk platt formen unter Jugend lichen und jungen Erwachsenen gewinnen (vgl. Tabelle 6.2). Demnach nutzen unter den 12- bis 24-Jährigen etwa 40 Prozent zumindest einmal pro Woche SchülerVZ, und etwa 30 Prozent StudiVZ. In einzelnen Alters gruppen sind diese Anteile jedoch deut lich höher: Mehr als die Hälfte der 12- bis 14-Jährigen und sogar zwei Drittel der 15- bis 17-Jährigen rufen regelmäßig SchülerVZ auf, während mehr als die Hälfte der 21- bis 24-Jährigen sich zumindest einmal pro Woche bei StudiVZ einloggt. In der Alters gruppe der 18- bis 20-Jährigen, in die bei den meisten Abiturienten der Übergang von Schule zum Studium fällt, er reichen beide Platt formen jeweils etwas mehr als ein Drittel. Der Anteil der regel- mäßigen SchülerVZ-Nutzer liegt bei den Haupt schülern unter dem Durch- schnitt; bei den regelmäßigen StudiVZ-Nutzern sind er wartungs gemäß (der- zeitige oder ehemalige) Gymnasiasten über repräsentiert. Betrachtet man die Internetnutzer typen (vgl. Abschnitt 4.1) wird deut lich, dass etwa die Hälfte der Netz werker und mehr als die Hälfte der Aktiven Informations manager zumindest einmal pro Woche SchülerVZ nutzen. Auch StudiVZ wird von den Netz werkern besonders häufig genutzt. Tabelle 6.2: Regelmäßige Netz werk platt form-Nutzer (mind. 1 ×/ Woche; in %) Name SchülerVZ StudiVZ MySpace Gesamt 39,2 30,2 14,4 Männer 41,7 28,3 16,9 Frauen 36,5 32,4 11,6 12- bis 14-Jährige 57,6 2,3 6,9 15- bis 17-Jährige 66,0 9,5 23,0 18- bis 20-Jährige 36,6 37,3 15,5 21- bis 24-Jährige 10,9 56,9 12,3 Formale Bildung (derzeit oder ehemals besuchter Schultyp) Haupt schule 28,9 12,5 9,9 Realschule 40,7 21,7 8,5 Gymnasium 41,6 41,2 19,4 Internetnutzer typen Wenignutzer 24,3 19,8 5,6 Netz werker 49,8 44,1 17,9 Aktive Informations manager 58,0 30,7 33,0 Spieler 34,7 16,3 12,2 210 MySpace hingegen weist deut lich geringere Nutzungs anteile auf; nur etwa 15 Prozent der gesamten Befragten besuchen die Platt form zumindest einmal pro Woche. Unter Männern, Gymnasiasten sowie Nutzern zwischen 15 und 17 Jahren liegt der Anteil regelmäßiger Nutzer etwas höher als in den übrigen Gruppen. Besonders häufig ist die MySpace-Nutzung bei den Internetnutzer- typen der Netz werker sowie insbesondere der Aktiven Informations manager. Die regelmäßigen Nutzer der drei unter suchten Platt formen lassen sich schließ lich auch unter Zuhilfenahme der SNS-Nutzer typologie (vgl. Ab- schnitt 4.3) charakterisieren (vgl. Tabelle 6.3). Demnach sind die Typen Rand- nutzer ohne Profil und Reflektierte Gelegenheits nutzer unter allen regelmäßigen Platt form-Nutzern unter repräsentiert, Experimentierende Gelegenheits nutzer finden sich bei SchülerVZ etwas häufiger als unter allen Befragten. Bei den übrigen Typen finden sich deut liche Unterschiede vor allem zwischen StudiVZ einer seits und SchülerVZ und MySpace anderer seits: Unter den regelmäßigen Nutzern von StudiVZ sind die Routinierten Kontakt pfleger und die Wenig interessierten Routinenutzer deut lich über repräsentiert, während der Anteil der Außen orientierten Selbst darsteller unter den Nutzern von SchülerVZ und MySpace höher liegt. Hier spiegeln sich die in Kapitel 5.1 beschriebenen Unter- schiede in der SNS-Nutzung zwischen Schülern und Studierenden wider. Auf MySpace findet sich zudem ein deut lich höherer Anteil von Intensiven Netz- werkern. Tabelle 6.3: Anteile der SNS-Nutzer typen (in % der Personen, die die Platt form mind. 1 ×/Woche nutzen) SchülerVZ StudiVZ MySpace Gesamt n = 254 n = 198 n = 93 n = 578 Randnutzer ohne Profil 3,9 2,5 8,6 14,4 Routinierte Kontakt pfleger 25,2 39,4 24,7 26,5 Außen orientierte Selbst darsteller 24,8 15,7 21,5 17,6 Wenig interessierte Routinenutzer 10,6 16,7 11,8 11,0 Zurück haltende Freundschafts orientierte 11,8 9,1 5,4 9,8 Intensive Netz werker 13,4 11,6 22,6 10,2 Reflektierte Gelegenheits nutzer 3,9 4,0 4,3 7,3 Experimentierende Gelegenheits nutzer 6,3 1,0 1,1 3,2 6.1.2 Identitäts- und Beziehungs management Netz werk platt formen sind prototypi sche Umgebun gen für das Identitäts- und Beziehungs management. Dies schlägt sich in den Selbst beschrei bungen der unter suchten Angebote nieder, wo das Kontakt halten, Kommunizieren und Austauschen mit Freunden heraus gestellt wird. Der Ausgangs punkt dieser Praktiken ist die Profilseite, die jeder Nutzer mit der Registrie rung anlegt. Im Aufbau und in den an gezeigten Informa tionen unter scheiden sich die Profil- 211 seiten auf SchülerVZ und StudiVZ von denen auf MySpace, was sich wiederum auf die Nutzungs weisen aus wirkt. Die Profilseiten bei SchülerVZ und StudiVZ (vgl. Abbil dung 6.1) ent halten grundlegende Informa tionen wie den Benutzer namen, das Geschlecht, Geburts- datum und besuchte Schule (SchülerVZ) bzw. Hochschule (StudiVZ). Zusätz- lich stellen Nutzer ein Profilfoto ein, das für andere Nutzer einseh bar ist und zum Beispiel bei Suchanfragen oder Kommentaren auf anderen Profilseiten neben dem eigenen Namen auf taucht. Im Bereich „Informa tion“ hat der Nutzer die Möglich keit, weitere Angaben zu machen; während einige Abfragen wie „Beziehungs status“, „Hobbys“ oder „Lieblings musik“ auf beiden Platt formen vor kommen, sind andere auf die jeweiligen Nutzer gruppen zu geschnitten. So können auf SchülerVZ schul bezogene Informa tionen wie „Lieblings fach“ oder „Hass fach“, auf StudiVZ dagegen Angaben zum Studien fach, zur früher be- suchten Schule oder über Neben jobs gemacht werden. Zudem können dort im Bereich „Lehr veranstal tungen“ die derzeit besuchten Vorle sungen und Seminare an gegeben werden. Durch einen Klick auf die ent sprechende Ver anstal tung wird ersicht lich, welche anderen StudiVZ-Nutzer den Kurs eben falls besuchen. Das Profil ent hält auf beiden Platt formen weitere Bereiche: Unter den per- sön lichen Informa tionen werden alle Gruppen in einer Liste auf geführt, denen der Nutzer bei getreten ist. Darunter folgt die „Pinnwand“, eine Art schwarzes Brett, an der andere Nutzer Nachrichten für den Profilinhaber hinterlassen können. In einer Seiten leiste werden die bestätigten Freunde an gezeigt, die ein Nutzer an der gleichen und an anderen Schulen bzw. Hochschulen hat. Eine Besonder heit von SchülerVZ und StudiVZ ist, dass beim Besuchen des Profils einer anderen Person der Ver bindungs pfad zwischen dem Nutzer und dem jeweiligen Profilinhaber an gezeigt wird. Während die Struktur bzw. Maske der Profilseiten bei SchülerVZ und StudiVZ stark auf den schuli schen bzw. studenti schen Kontext zu geschnitten ist, sind Profilseiten bei MySpace deut lich offener und freier gestalt bar (vgl. Abbil dung 6.2). Ein „typisches“ MySpace-Profil zu identifizieren, ist jedoch insofern schwierig, als Nutzer großen Spiel raum besitzen, ihre Profilseite den eigenen Vorstel lungen anzu passen. Sie können hochgeladene Fotos und Videos, aber auch Inhalte von anderen Angeboten in das eigene Profil einbinden. Zudem können sie das Design ihres Profils, also zum Beispiel die Hintergrundfarbe, das grundlegende Seiten layout oder die Darstel lung von Texten anpassen. Dazu stellt einer seits MySpace eine Reihe von Vorlagen zur Ver fügung, anderer seits lassen sich auch mit der Hilfe gängiger Formatierungs befehle (HTML und CSS) die Vorgaben nach eigenen Wünschen anpassen. Im Internet stehen zahl- reiche Editoren und Hilfeseiten zur Ver fügung, die diese Modifizie rungen er- leichtern bzw. die notwendigen Kompetenzen ver mitteln.81 81 Z. B. unter www. myspace-generator. de oder www. pimp-my-profile. com. 212 Abbil dung 6.1: Profilseite eines SchülerVZ-Nutzers Anmer kung: Es handelt sich hierbei um ein fiktives Profil, das SchülerVZ in der Öffentlichkeits arbeit ver wendet; daher wurde auf eine Anonymisie rung ver zichtet (http: //static. pe. schuelervz. net / 20090331-2/ lp/Pvz//de/press/ img/scre enshots/pvz_ profil_790px. jpg). 213 Abbil dung 6.2: Profilseite eines MySpace-Nutzers 214 Profilseiten auf MySpace sehen dadurch individueller und weniger einheit- lich aus als ihre Pendants auf SchülerVZ bzw. StudiVZ. Auch hier sind Basis- informa tionen wie ein Profilfoto, Alter, Geschlecht oder Wohnort bzw. Region ent halten. Der Name, der im Profil an gezeigt wird, ist ein frei wähl barer „Nick- name“; Vor- und Nachname müssen zwar bei der Registrie rung an gegeben werden, lassen sich jedoch aus blenden. Weitere Profilinforma tionen sind optio- nal und werden ent weder aus Vorgaben aus gewählt (wie z. B. bei „Familien- stand“ oder „Religion“) oder aber in Freitext felder ein getragen. In dieser Hin- sicht existieren weitere Unterschiede zwischen den betrach teten Platt formen (vgl. beispiel haft die Vorgaben zur Kategorisie rung des eigenen Familien- bzw. Beziehungs stands in Tabelle 6.4). Dass solche Vorgaben für manche Nutzer eher einen gend wirken, zeigen die kreativen Wege, mit solchen Beschrän kun- gen umzu gehen: Insbesondere die Mitglieder der Platt formen der VZ-Gruppe nutzen den Umstand, dass die Namen der Gruppen, denen man bei getreten ist, auf dem Profil an gezeigt werden, um ihre Selbst darstel lung über die Vor- gaben der Profilmaske hinaus zu gestalten. Die Beschrän kung auf bestimmte Kategorien bei der Angabe des Beziehungs status wird beispiels weise von manchen Nutzern dadurch umgangen, dass sie Gruppen beitreten wie „Bezie- hungs status: geschädigt“ oder „Beziehungs status: schwer ver mittel bar“. Tabelle 6.4: Kategorien für den Beziehungs status bei Netz werk platt formen SchülerVZ StudiVZ meinVZ MySpace Solo Ver geben Ver liebt Romanze Frisch ver liebt Ver knallt Unklar Problem Gute Frage In Arbeit Gerade getrennt Für alles zu haben Kein Interesse Bloß nicht Unglück lich ver liebt Solo Offene Beziehung Romanze Ver geben Ver lobt Ver heiratet Solo Offene Beziehung Ver geben Ver liebt Ver lobt Ver heiratet Geschieden Endlich wieder frei Schwer zu sagen Single Ver geben Ver lobt Ver heiratet Geschieden Swinger Weitere Elemente eines MySpace-Profils liefern Informa tionen aus dem Freundes netz werk des Nutzers, z. B. in Form einer Auflis tung der bestätigten Freunde, einer Liste der Kommentare, die Profil besucher hinterlassen haben, oder auch mittels Blog-Einträgen und Musikstücken, die der Profilinhaber integriert hat (s. u.). Eine Besonder heit von MySpace ist, dass dort auch Bands, Musiker oder andere Künstler eigene Profilseiten einrichten und dort MP3- Dateien oder Videos ver öffent lichen können. Besucher des Profils können diese Dateien ab spielen oder (sofern der Profilinhaber dies erlaubt) auch herunter- 215 laden. Durch einen Klick auf einen ent sprechenden Song kann ein Besucher diesen auch auf seiner eigenen Profilseite einbinden. Das Knüpfen bzw. Artikulieren von Kontakten ist bei den drei betrach teten Platt formen jeweils ähnlich gestaltet: Nutzer können eine Freundschafts anfrage an andere Nutzer schicken, deren Profil sie besucht oder die sie in einer Suche identifiziert haben. Zusätz lich können auch bislang nicht registrierte Perso- nen auf die Platt form ein geladen werden, wobei MySpace die Option bietet, Adress bücher aus ver schiedenen webbasierten Maildiensten (wie AOL, Web. de, GMX oder Google Mail) zu importieren und automatisch abzu gleichen. Eine Anfrage muss von der kontaktierten Person akzeptiert werden, damit der Kontakt bestätigt ist. Eine automatisierte Differenzie rung der bestätigten Kon- takte findet bei SchülerVZ zwischen Freunden auf der eigenen und Freunden auf anderen Schulen statt, bei StudiVZ werden Freunde aus der eigenen Hoch- schule und die von anderen Hochschulen getrennt auf dem Profil an gezeigt. Bei allen drei Platt formen können Nutzer zusätz lich eigene Listen bzw. Kate- gorien anlegen (z. B. „alte Schulfreunde“), um das ab gebildete soziale Netz- werk nach den eigenen Vorstel lungen zu organisieren. Diese Differenzie rung von bestätigten Kontakten kann allerdings nur ein- geschränkt für ein nuanciertes Regulieren der eigenen Privatsphäre genutzt werden. Auf StudiVZ sind die Profile per Voreinstel lung für alle anderen registrierten Platt form mitglieder zugäng lich, bei SchülerVZ werden Profile von Nutzern unter 16 Jahren bei der Anmel dung standardmäßig so ein gestellt, dass diese nur von Freunden ein gesehen werden können. Nutzer können diesen Zugang weiter einschränken, beispiels weise indem nur die bestätigten Freunde, diese sowie deren Freunde oder zusätz lich alle Personen der eigenen (Hoch-) Schule das Profil einsehen können. Auch bei hochgeladenen Fotos kann fest- gelegt werden, welche Nutzer gruppen Zugangs rechte haben. Nutzer können zudem fest legen, dass sie erst nach vor heriger Zustim mung auf Fotos ver linkt werden bzw. dass nur bestätigte Freunde eine solche Kopplung von Foto und Profil vornehmen dürfen. Schließ lich können Nutzer einstellen, ob ihr Besuch auf fremden Profilseiten dem jeweiligen Inhaber an gezeigt wird. Profile auf MySpace sind dagegen standardmäßig für jeden Internetnutzer (also auch für nicht-registrierte Nutzer) zugäng lich; Mitglieder müssen bewusst ent scheiden, ihr Profil ledig lich für befreundete Nutzer einseh bar zu machen. Eine Ausnahme sind Profile von Nutzern unter 16 Jahren, die aus schließ lich privat (d. h. nur für Freunde sicht bar) geführt werden. Seit einiger Zeit besteht die Möglich keit, auch für bestimmte Profilinhalte bestimmte Daten schutz- optionen fest zulegen, so z. B. welche Nutzer gruppen (d. h. welche der selbst definierten Freundes kategorien) die Freundes liste oder die Kommentare sehen dürfen. Ob bzw. in welchem Ausmaß solche Optionen tatsäch lich genutzt werden, hängt maß geblich von den Voreinstel lungen ab, die die jeweiligen Platt formen 216 bieten. Tabelle 6.5 gibt eine Übersicht einiger Standard- bzw. Default-Werte zu privatsphärerelevanten Einstel lungen, die nach dem Anmelden auf der Platt- form gesetzt sind. Die Übersicht macht zum einen deut lich, dass sich die Platt- formen in den Konfigurations möglich keiten unter scheiden, also bestimmte Optionen nicht ver änder bar sind – bei MySpace beispiels weise das Ver bergen oder Sicht bar-Machen von Kontakt daten, bei SchülerVZ zum Beispiel die Sicht bar keit der aktuellen Status meldun gen. Zum anderen zeigt sie, dass die grundlegenden Einstel lungen nur drei Ebenen der Sicht bar keit vor sehen: für jeden Nutzer, für bestätigte Kontakte sowie für keinen anderen Nutzer. Tabelle 6.5: Standardeinstel lungen für privatsphärerelevante Optionen Einstel lung SchülerVZ StudiVZ/ meinVZ MySpace Unter 14 Jahre Über 14 Jahre Unter 16 Jahre Über 16 Jahre Vollständiges Profil einseh bar1 Nur für Freunde (minimal) Für jeden (maximal) Für jeden (maximal) Nur für Freunde Alle Freundes liste einseh bar Nicht separat konfigurier bar Nicht konfigurier bar Nicht separat konfigurier bar Nur für Freunde Für jeden Fotos einseh bar Nicht separat konfigurier bar Nicht konfigurier bar Nicht separat konfigurier bar Nur für Freunde Für jeden Kontakt daten einseh bar Nur für Freunde (nicht ver änder bar) Nur für Freunde Nicht konfigurier bar „Ich bin gerade“ bzw. Status/Stim- mung einseh bar Nicht konfigurier bar Für jeden (maximal) Nur für Freunde Für jeden Geburts tag einseh- bar Nein (minimal) Nein (minimal) Nur für Freunde Auf Fotos ver link bar Nur durch Freunde nach Zustim mung Nur durch Freunde (maximal) Nur durch Freunde (maximal) Nur durch Freunde Wer darf Nachrich- ten senden? Jeder Jeder Jeder Wer darf gruscheln? Nicht konfigurier bar Jeder Funktion nicht vor handen Auffind bar in detail- lierter Suche (z. B. nach Heimat stadt) Nein Ja Ja Nicht separat konfigurier bar Besuch auf anderen Profilseiten sicht bar? Ja Ja Ja Profil in „Kennst Du schon?“-Empfeh- lung sicht bar? Ja Ja (maximal) Nicht separat konfigurier bar Online-Status sicht- bar? Für jeden (maximal) Für jeden Ja 1 Das vollständige Profil umfasst auch Informa tionen wie Freundes listen, Gruppen zugehörig keiten etc. Während die Standardeinstel lungen für ältere Nutzer bei allen Platt formen die maximal mögliche Offen heit vor sehen – mit Ausnahme des Geburts- datums –, sind die Profilinforma tionen jüngerer Nutzer (bei SchülerVZ unter 14, bei MySpace unter 16 Jahren) standardmäßig ein geschränkter sicht bar, 217 nämlich nur für den bestätigten Freundes kreis. Bei allen Platt formen lässt sich zudem die Sicht bar keit einzelner Profilmodule individuell anpassen. Dazu sind jedoch gesonderte Schritte notwendig: Bei den VZ-Platt formen das Aktivieren des „ein geschränkten Profils“, also das Einschränken der Profil-Sicht bar keit auf Freunde und Freunde der Freunde; bei MySpace das Aktivieren des „Profil 2.0“ in den er weiterten Design-Einstel lungen. Dennoch scheint sich unter Jugend lichen und jungen Erwachsenen ein Bewusstsein für die problemati schen Aspekte in Hinblick auf die Privatsphäre zu bilden. Aus den qualitativen Untersuchungen geht hervor, dass die Sensi- bilisie rung für die möglichen Gefähr dungen der eigenen Privatsphäre vor allem durch den medialen Diskurs geprägt sind; Jugend liche er zählten beispiels- weise von TV-Sendun gen, in denen über den Missbrauch von Netz werk platt- formen berichtet wurde. Die quantitative Befra gung hat nicht explizit danach gefragt, ob das eigene Profil auf einer Netz werk platt form nur für bestätigte Freunde einseh bar sei, doch der allgemeiner formulierten Aussage „Bestimmte Informa tionen über mich sind nur für meine Freunde bzw. Kontakte zugäng- lich“ stimmten 58 Prozent der Nutzer von Netz werk platt formen voll und ganz, weitere 15 Prozent weit gehend zu. 19 Prozent hingegen gaben an, dass dies gar nicht der Fall sei. Dass die Voreinstel lungen auch in der Nutzung einen Niederschlag finden, zeigt ein Befund aus der Repräsentativbefra gung zu den Befragten, deren meist- genutzte Community SchülerVZ ist: Die 12- bis 14-jährigen Nutzer stimmen der oben genannten Aussage, dass bestimmte Informa tionen nur für Freunde einseh bar sind, zu 87 Prozent voll und ganz oder zumindest weit gehend zu, während dies bei den 15- bis 17-Jährigen nur 65 Prozent sind. Die ent spre- chende Voreinstel lung für bis 14-Jährige und ab 14-Jährige spiegelt sich in diesem Ergebnis wider. 6.1.3 Publizieren, gruppen bezogene und interpersonale Kommunika tion Von den drei hier behandelten Platt formen erlaubt nur MySpace das Publizieren im oben (Abschnitt 3.3.3) definierten Sinn: das Zur-Ver fügung-Stellen von Inhalten für ein Publikum, das über die Platt form hinaus reicht. Inhalte auf SchülerVZ und StudiVZ sind nur für registrierte Mitglieder der jeweiligen Platt form sicht bar, sodass es sich stets um gruppen- bzw. netz werk bezogene Kommunika tion handelt. Allen drei Platt formen ist gemeinsam, dass Nutzer Fotos auf die Platt form hochladen, in Alben organisieren und an ihr Profil koppeln können. Zudem ist es möglich, befreundete Personen, die sich auf Bildern des Nutzers befinden, zu ver linken; von dem Foto kann dann direkt auf die Profilseite der ver linkten Person zu gegriffen werden. MySpace bietet weitere Optionen an, Inhalte auf 218 dem eigenen Profil bereit zustellen: Nutzer haben die Möglich keit, einen eige- nen Blog einzu richten, dessen Einträge auf der Profilseite ver linkt sind, sowie Videos oder Musikstücke aus anderen Profilen (insbesondere von Musikern bzw. Bands, s. o.) einzu binden. Eine proaktive Kontrolle der hochgeladenen Inhalte erfolgt nicht, doch Inhalte oder Profile, die gegen die AGBs oder den Ver haltens kodex ver stoßen (z. B. die Ver öffent lichung von Nackt aufnahmen), können gelöscht werden. Beide Platt formen ver trauen dabei auf die Nutzer- gemein schaft, indem sie die Funktion bereit stellen, bestimmte Inhalte oder auch „Betrüger profile“ den Betreibern zu melden. Gruppen bezogene Kommunika tion im engeren Sinn findet auf allen Platt- formen einer seits in Form von Kommentaren auf Profilseiten oder zu hoch- geladenen Fotos, anderer seits in Form der Gruppen statt. Die Nutzer haben die Möglich keit, Gruppen zu allen erdenk lichen Themen und Interessen gebieten (z. B. „Au-pair in Brüssel“) zu gründen und zu ver walten, bzw. in eine solche einzu treten. Innerhalb dieser Gruppen existiert dann eine Forums funk tion, d. h. es können Diskussionen zu ver schiedenen Themen eröffnet, Beiträge er- stellt sowie er gänzend Fotos hochgeladen werden.82 Für die Kommunika tion innerhalb des eigenen Netz werks stehen weitere Möglich keiten zur Ver fügung. MySpace bietet eine „Bulletin“-Funktion an, mit der sich Nachrichten an alle bestätigten Kontakte ver senden lassen; zudem können Bilder oder Videos ein gebunden werden. Der Bulletin-Versender kann auch fest legen, ob andere Nutzer das Bulletin kommentieren können. Die Kommentare sind dann für alle Nutzer sicht bar, die das Bulletin empfangen haben. Alle drei Platt formen sehen auch eine Variante des „Microblogging“ vor: Nutzer können in einem Textfeld eine kurze Nachricht über ihren momen- tanen Zustand bzw. ihre momentane Aktivität ein geben, die auf der Profilseite des Nutzers an gezeigt wird. Zudem ent halten die Start- bzw. Profilseiten eine Übersicht aller Status meldun gen aus dem eigenen Netz werk, sodass auf einen Blick ersicht lich wird, was bestätigte Kontakte gerade tun oder denken. Für die Individual kommunika tion schließ lich stehen auf allen Platt formen Dienste zur Ver fügung, mit denen analog zur E-Mail asynchrone Nachrichten zwischen Nutzern aus getauscht werden können. SchülerVZ und StudiVZ bieten zudem mit dem „Plauderkasten“ eine dem Instant Messaging ver gleich bare Funktion, die die synchrone chatartige Kommunika tion zwischen bereits be- freundeten Nutzern zulässt. MySpace hat keine derartige Funktion integriert, bietet aber in Koopera tion mit Skype einen Instant Messenger an, der gesondert installiert werden muss und die Kommunika tion mit dem Kontakt netz werk 82 Tatsäch lich sind nicht alle Gruppen auch auf themati schen Austausch an gelegt. Nutzer können Gruppen auch einzig deswegen gründen oder ihnen beitreten, um den Gruppen titel im eigenen Profil anzeigen zu lassen und sich so zusätz liche Optionen des Identitäts managements und der Erweite rung von Profil- vorgaben zu eröffnen. In welchem prozentualen Ver hältnis „echte“ Diskussions gruppen zu solchen rein identitäts markierenden Gruppen stehen, lässt sich nicht ab schließend klären. 219 der Platt form unter stützt. Eine Besonder heit der VZ-Platt formen wiederum ist das „Gruscheln“ – ein Neologismus aus „Grüßen“ und „Kuscheln“, der für eine spezifi sche Form des virtuellen Grüßens steht: Wenn ein Nutzer einen anderen gruschelt, er scheint auf dessen persön licher Start seite ein ent spre- chender Hinweis. Diese Form der Kontakt aufnahme ist standardmäßig auch zwischen Nutzern möglich, die einander nicht als Kontakte bestätigt haben, kann aber in den Privatsphäreop tionen auf die eigenen Freunde beschränkt werden. Alle Platt formen bieten zudem die Möglich keit, andere Nutzer explizit zu „ignorieren“, d. h. ihnen keine Möglich keit zu geben, Kontakt aufzu nehmen. 6.1.4 Informations suche, -erschließung und -bewer tung Informations management wird auf den drei Platt formen in unter schied licher Weise unter stützt: Alle bieten die Möglich keit, sich auf der Start seite (SchülerVZ und StudiVZ) bzw. der eigenen Profilseite (MySpace) anzeigen zu lassen, welche Aktivitäten die Mitglieder des eigenen Kontakt netz werkes in jüngerer Zeit getätigt haben. Dadurch wird eine Form von „Awareness“, von Aufmerksam- keit bzw. Transparenz innerhalb eines sozialen Netz werks geschaffen, das die Lebendig keit der Platt form erhöht. Zudem werden dort neu ein gegangene Nach richten oder Kommentare an gezeigt (die man auch per E-Mail abonnieren kann); MySpace bietet zusätz lich die Option, Blogs anderer Nutzer zu abonnie- ren und so über Aktualisie rungen auf dem Laufenden gehalten zu werden. Die Recherche nach anderen Nutzern, Gruppen oder (bei MySpace) nach Musik und Videos wird durch interne Suchfunk tionen unter stützt, wobei auch die Antwort vorgaben der Profilfelder zur Einschrän kung genutzt werden kön- nen (z. B. indem gezielt nach bestimmten Studien fächern oder nach Beziehungs- status gesucht wird). Für die Musik- und Videobereiche bietet MySpace zudem redaktionelle Orientie rung, indem bestimmte Künstler auf den Start seiten der jeweiligen Bereiche gefeaturet werden. Im Videobereich werden die popu- lärsten Videos in Ranglisten bzw. Charts präsentiert, wobei meist gespielte, meist kommentierte und best bewertete Videos jeweils gesondert auf geführt sind. Außerdem hat der Nutzer die Möglich keit, ein Video als positiv oder negativ zu bewerten, sowie den Link zum Video durch einen Klick an andere Nutzer per Bulletin oder an andere Social Web-Angebote wie Delicious oder Digg zu über mitteln. Im Musik bereich stehen Charts getrennt für Künstler ohne Ver- trag, Independent- sowie Major-Künstler zur Ver fügung. 6.1.5 Zusammen fassende Diskussion Im öffent lichen Diskurs gelten Netz werk platt formen wie SchülerVZ, StudiVZ und MySpace als prototypi sche Anwen dungen für die Internetnut zung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen, an denen sich die ver änderten Nutzungs- 220 praktiken, aber auch mögliche Risiken des Social Web besonders ver deut lichen. Die empiri schen Studien haben gezeigt, dass diese Einschät zung gerecht fertigt ist: Netz werk platt formen haben im Online-Repertoire der 12- bis 24-Jährigen eine Schlüsselposi tion inne, weil sie in besonderem Maße auf das Identitäts- und Beziehungs management zu geschnitten sind, das in diesen Alters gruppen eine zentrale Rolle spielt. Die Kommunikations architektur der betrach teten Platt formen weist zahl- reiche Ähnlich keiten, aber auch einige Unterschiede auf, die sich auf die Nut- zungs praktiken und ihre Konsequenzen aus wirken. Gemeinsam ist SchülerVZ, StudiVZ und MySpace, dass sie eine Form der „standardisierten Selbst darstel- lung“ er zwingen, um am sozialen Leben der jeweiligen Platt form über haupt teilhaben zu können. Nutzer müssen bei der Registrie rung ver schiedene Aspekte ihrer Person preis geben, und sie müssen sich dabei zu einem gewissen Grad an den Vorgaben der Profilmasken aus richten, die bestimmte Merkmale ab- fragen bzw. Kategorien für die Selbst darstel lung vor geben. Wie dargestellt, variieren die anzu gebenden Informa tionen im Detail, doch es geht letzt lich darum, das eigene Selbst auf bestimmte Eigen schaften und Profilfelder zu komprimieren. Dieser Aspekt der standardisierten Masken für das Identitäts management kann mit dem Bedürfnis der jugend lichen Nutzer gruppen in Konflikt geraten, ihre eigene, d. h. individuelle, persön liche und spezifi sche Identität auf den Platt formen auszu drücken und sicht bar machen zu wollen. Hier zeigen sich deut liche Unterschiede zwischen den betrach teten Platt formen: Der Software- Code von SchülerVZ und StudiVZ gibt ein ver gleichs weise starres Raster auf den Profilseiten vor, sodass sich der Spiel raum für die individuelle Selbst dar- stel lung insbesondere im Beitritt zu Gruppen äußert, deren Bezeich nungen dem eigenen Profil eine besondere Note geben können. Profilseiten auf MySpace sind demgegenüber deut lich freier gestalt bar. Die Platt form gestattet nicht nur die Nutzung unter Pseudonym, sondern bietet auch eine Reihe von Möglich- keiten, die eigene Profilseite mit unter schied lichen Design vorlagen zu ver- sehen oder sogar die Anord nung der Profilelemente, Hintergrundfarben u. Ä. komplett selbst zu gestalten. Zudem können dort Videos oder Musik dateien ein gebettet werden, was bei SchülerVZ und StudiVZ nicht möglich ist.83 MySpace ist anders als SchülerVZ und StudiVZ deut lich stärker auf den künstleri schen, insbesondere musikali schen Bereich aus gerichtet: Während Letztere in ihren Nutzungs bedin gungen authenti sche und an einzelne Personen gebundene Profile voraus setzen, können auf MySpace auch Musiker und Bands ihre eigenen Seiten einrichten und Audio- oder Videodateien ver öffent lichen. 83 In der qualitativen Befra gung nennen manche Jugend liche statt MySpace die Platt form Netlog, die sie auf grund gestalteri scher Freiheiten dem als starr und unflexibel ein geschätzten Angebot von SchülerVZ bzw. StudiVZ vor ziehen. 221 Somit ent steht dort ein neuer Distributions kanal für künstleri sche Werke, aber auch ein Raum für die Beziehungs pflege zwischen Künstlern und Fans einer- seits sowie unter Fans anderer seits (vgl. Beer 2008). Wie in den Gruppen- diskussionen deut lich geworden ist, nutzen jugend liche MySpace-Anwender die Möglich keit, über die Platt form Musik von favorisierten oder bislang un- bekannten Künstlern zu rezipieren und bei Gefallen auf dem eigenen Profil einzu binden. Aus Sicht der Künstler ist MySpace hingegen eine potenziell sehr wertvolle Platt form, um neue Hörer bzw. Fans zu gewinnen. Eine bedeutsame Spannung existiert zwischen der Privatsphäre bzw. per- sön lichen Sphäre der Nutzer sowie der Öffentlich keit, die mithilfe der Platt- formen hergestellt wird. Für externe Beobachter er scheint oft bereits das Offen legen bestimmter persön licher Merkmale (wie Beziehungs status oder persön licher Vorlieben) auf Netz werk platt formen als Preis geben der eigenen Privatsphäre; dieses Ver halten ist jedoch aus der kommunikativen Situa tion heraus nachvollzieh bar: Nur durch das Ausfüllen eines eigenen Profils können Jugend liche an der Nutzer gemein schaft teilhaben, sich ihrer eigenen Identität und ihres Status innerhalb des Geflechts der online ab gebildeten er weiterten Peer-Group bewusst werden und die Möglich keit der Kommunika tion mit den eigenen Freunden und Bekannten eröffnen. Zu den eher statischen Elementen des eigent lichen Profils treten die eher dynami schen Informa tionen, die sich in „Aktivitäts felder“ eintragen lassen und einen Einblick in momentane Stimmun- gen oder Zustände geben. In der Aggrega tion über das eigene soziale Netz- werk hinweg ent steht so eine sich beständig wandelnde Moment aufnahme, was Freunde und Bekannte gerade denken, fühlen und erleben. Das Problemati sche im Hinblick auf die Privatsphäre ist, dass diese Prak- tiken unter besonderen techni schen Bedin gungen statt finden, da die auf den Netz werk platt formen ab laufenden Kommunika tionen persistent, durch such bar, kopier bar und standardmäßig auch für andere Nutzer sicht bar sind.84 Diese Elemente der Kommunikations situa tion gehen im alltäg lichen Umgang oft unter; insbesondere die Reichweite der eigenen Selbst darstel lung im Profil, der hochgeladenen Fotos oder der Kommentare auf anderen Nutzer profilen wird an gesichts eines „unsicht baren Publikums“ oft unter schätzt: Der Kreis derjenigen Nutzer, die Zugriff auf bestimmte Informa tionen haben, ist nicht wirk lich ab schätz bar, sofern keine Einschrän kung auf bestätigte Kontakte vor- genommen wird. Problematisch er scheint in dieser Hinsicht, dass die betrach- teten Platt formen in ihren Standardeinstel lungen die jeweils weitest gehenden Optionen der Sicht bar keit von Profilelementen bzw. der Kontakt aufnahme vor sehen. Für jüngere Jugend liche sind auf grund von Selbst verpflich tungen die Voreinstel lungen restriktiver gesetzt, doch er scheint es im Hinblick auf 84 Vgl. zu diesen Merkmalen Boyd 2009. 222 den Schutz der Privatsphäre unabhängig vom Alter sinn voller, generell die maximale Privatsphäre als Voreinstel lung zu wählen und die Nutzer selbst ent scheiden zu lassen, welche Bereiche sie freigeben. Privatsphärerelevant ist auch der Umstand, dass sowohl auf MySpace als auch auf SchülerVZ und StudiVZ Nutzer die Einstel lung vornehmen können, dass ihr eigener Besuch auf fremden Profilseiten für den Inhaber nicht an- gezeigt wird. Genau dadurch wird das Publikum unsicht bar – dem Profil- inhaber bleibt ver borgen, wer alles auf das eigene Profil zugreift, sofern sich die Besucher nicht über Kommentare oder persön liche Nachrichten zu er- kennen geben. Speziell bei SchülerVZ täuscht zudem die von Anbieterseite formulierte Vorgabe, dass nur Schüler auf der Platt form registriert sein dürfen, über den wahren Publikums kreis hinweg. Der Anteil von gefälschten Profilen lässt sich zwar nicht quantifizieren, doch ist plausibel anzu nehmen, dass eine Vielzahl von Erwachsenen auf der Platt form ver treten ist, wobei darunter sowohl un bekannte Personen als auch bekannte Personen, also Eltern oder Lehrer ver treten sein können.85 Beim Umgang mit Netz werk platt formen konfligieren somit eine Reihe von Perspektiven, Erwar tungen und Normen. Die Jugend lichen nehmen die per- sön lichen Öffentlich keiten auf Netz werk platt formen als eigenen und selbst- bestimmt ange eigneten Raum wahr, eben als „My Space“. Die Leiterwar tung, unter Umständen auch die soziale Ver pflich tung ist, dort innerhalb eines er- weiterten sozialen Umfelds von Gleichaltrigen präsent zu sein, sich darzu- stellen und zu unter halten. Dem stehen die Bedenken der Erwachsenen welt gegen über, die sich um die Preis gabe persön licher Informa tionen und die Ein- schrän kung der Privatsphäre sorgen. Jugend liche nehmen diese Befürch tungen zum einen über die medialen Diskurse zum „Daten exhibitionismus“, zum ande ren über Interven tionen besorgter Eltern und Lehrer wahr. Diese Proble- matisie rung der eigenen Internetnut zung prägt einer seits das eigene Ver halten, sodass beispiels weise Privatsphäre-Einstel lungen geändert oder unerwünschte Kontakt versuche und problemati sche Inhalte an die Betreiber gemeldet werden. Anderer seits korrespondieren die Warnun gen nicht immer mit der eigenen Wahrneh mung der Kommunikations situa tion, denn der Großteil der alltäg- lichen Nutzungs erfah rung spielt sich innerhalb des er weiterten Freundes- und Bekannten kreises ab. Die Reichweite der eigenen persön lichen Öffentlich keit wird dabei jedoch systematisch unter schätzt, weil nur schwer ab schätz bar ist, 85 Während die Präsenz von Eltern oder Lehrern von den Jugend lichen als Einbruch in ihre Privatsphäre auf gefasst werden mag, gehört die Gefahr, dass Jugend liche im Internet von un bekannten Erwachsenen in missbräuch licher Absicht kontaktiert werden, zu denjenigen Risikobereichen, die auch im öffent lichen Diskurs als besonders dring lich an gesehen werden (vgl. Livingstone/ Haddon 2009). Allerdings ist der Anteil von Erwachsenen, die sich – ob in wohlmeinender oder problemati scher Absicht – in Online- Diensten jünger aus geben, nicht durch belast bare empiri sche Zahlen beziffer bar, da Befra gungen zu starke Ver zerrungs tendenzen auf weisen. 223 wie groß der Personen kreis tatsäch lich ist, der Zugang zu den eigenen Daten, Aktivitäten und Äußerun gen hat – dies betrifft nicht nur andere Nutzer, son- dern auch die Betreiber der Platt formen, die eine buchstäb lich unüberschau bare Menge an persön lichen Daten ihrer Nutzer sammeln. Abschließend sei zur Differenzie rung zwischen konkreten Netz werk platt- formen an gemerkt, dass ver schiedene Platt formen offen bar in unter schied- lichem Maße mit negativen Erfah rungen einher gehen. Anhand des oben (siehe Kap. 4.1.5) gebildeten Summen index für Risiko erfah rung ergibt sich der Be- fund, dass Nutzer von StudiVZ am wenigsten über negative Erfah rungen berichten (Index: 0,30; n = 91), Nutzer von SchülerVZ folgen an zweiter Stelle (0,47; n = 138). Deutlich höher liegen die Werte für die Gruppe derjenigen, für die eine bevor zugte Community nicht auszu machen ist, weil ver schiedene gleich häufig genutzt werden (0,82; n = 146). Weitere Werte lassen sich sinn- voll nur für drei weitere Communities bestimmen, für die Antworten von mindestens 20 Befragten vor liegen: Wer-kennt-wen? (0,70; n = 26), Lokalisten (0,99; n = 23), MySpace (0,81; n = 22). Die hier dokumentierten signifikanten Unterschiede legen nahe, dass diejenigen Nutzer, die sich in den beiden VZ- Communities bewegen, eine geringere Wahrscheinlich keit auf weisen, negative Erfah rungen mit dem Internet zu machen. 6.2 Instant Messaging 6.2.1 Überblick Dieser Abschnitt stellt die beiden Instant-Messaging-Dienste ICQ und Windows Live Messenger/ MSN vor (vgl. Tabelle 6.6). Beide Anwen dungen zur synchro- nen interpersonalen oder gruppen bezogenen Kommunika tion werden schon seit zehn Jahren und länger an geboten: ICQ wurde Mitte 1998 von AOL über- nommen, während der 1999 von Microsoft gestartete Dienst MSN Messenger seit Ende 2005 als Windows Live Messenger weiter geführt wird. Offizielle Nutzer zahlen lassen sich nur schwer ab schätzen; die Anzahl der welt weit regis- trier ten Nutzer liegt bei beiden Angeboten wohl im dreistelligen Millionen- bereich, darunter mehrere Millionen deutscher Nutzer. Allerdings lässt sich daraus nicht auf die tatsäch liche aktive Nutzung schließen, da Mehrfach- registrie rungen üblich sind und eine un bekannte Anzahl inaktiver Konten existiert. 224 Tabelle 6.6: Ausgewählte Instant-Messaging-Dienste im Überblick Name ICQ Windows Live Messenger/MSN URL www. icq. com messenger. live. de Betreiber ICQ LLC Microsoft Corpora tion, Redmond Eigentümer Time Warner/AOL, New York Microsoft Corpora tion, Redmond Existiert seit November 1996 Dezember 2005 (Vorgänger MSN: Juli 1999) Nutzer Aktive Nutzer (05/2008)1 30 Mio. (welt weit), 8,6 Mio. (BRD)1 Registrierte Nutzer (04/2008)2 300 Mio. (welt weit) 7 Mio. (BRD) Selbstbe- schreibung „ICQ is a personal communication tool that allows users to meet and interact through instant messaging services such as text, voice, video and VoIP as well as various entertainment and community products.“ „Mit Windows Live Messenger können Sie einfacher denn je mit den Personen, die Ihnen wichtig sind, in Kontakt bleiben.“ 1 www. prcenter. de/ ICQ-feiert-30-Millionen-aktive-Nutzer-Im-Maerz-2008-wurden-weltweit- fast-12-Milliarden-Nachrichten-durch-ICQ-verschickt-und-empfangen-.19675. html 2 Quelle: http:// de. wikipedia. org/wiki/ Windows_ Live_ Messenger Der Repräsentativbefra gung lässt sich ent nehmen, dass etwa die Hälfte der 12- bis 24-Jährigen zumindest einmal pro Woche ICQ nutzt, etwa ein Viertel gehört zu den regelmäßigen Nutzern von MSN (vgl. Tabelle 6.7).86 Dabei gibt es kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern sowie zwischen Jugend- lichen mit unter schied licher formaler Bildung, sieht man davon ab, dass ein etwas höherer Anteil der Haupt schüler zu den regelmäßigen Nutzern von MSN gehört. Unter den 15- bis 20-Jährigen ist die regelmäßige Nutzung etwas stärker ver breitet, bei den Über-20-Jährigen sinkt der Anteil dagegen deut lich ab. In Bezug auf die einzelnen Internetnutzer typen fällt ins Auge, dass Aktive Informations manager beide Dienste deut lich über proportional häufig nutzen; Netz werker und insbesondere Spieler vor allem zu den sehr aktiven Nutzern von ICQ gehören. 86 Diese beiden Gruppen über lappen sich teil weise; etwa 15 Prozent aller Befragten nutzen beide Dienste zumindest einmal die Woche. 225 Tabelle 6.7: Regelmäßige Instant-Messaging-Nutzer (mind. 1 ×/ Woche; in %) Name ICQ Windows Live Messenger/MSN Gesamt 49,1 24,7 Männer 50,9 22,3 Frauen 47,2 27,4 12- bis 14-Jährige 48,1 24,4 15- bis 17-Jährige 59,5 32,7 18- bis 20-Jährige 56,9 28,1 21- bis 24-Jährige 37,0 16,5 Formale Bildung (derzeit oder ehemals besuchter Schultyp) Haupt schule 50,0 30,8 Realschule 47,6 20,5 Gymnasium 49,7 24,9 Internetnutzer typen Wenignutzer 32,8 15,7 Netz werker 58,9 28,0 Aktive Informations manager 62,5 44,3 Spieler 65,3 22,4 6.2.2 Identitäts- und Beziehungs management Sowohl ICQ als auch MSN sind keine originären webbasierten Dienste, son- dern werden in der Regel über ein eigens zu installierendes Programm – den Instant-Messaging-Client – bedient. Allerdings besteht eine starke Kopplung an die korrespondierenden Webseiten bzw. -portale, weil sich Nutzer dort den Client herunter laden und registrieren können. Zudem wird bei der Registrie- rung eine Profilseite an gelegt, sodass ICQ und MSN auch Elemente von Netz- werk platt formen auf weisen. Die Profilseite eines Nutzers von ICQ ent hält zumindest die eindeutige (und automatisch zu gewiesene) ICQ-Nummer sowie einen frei wähl baren Spitz namen; diese Informa tionen sind grundsätz lich im Netz sicht bar, auch für nicht registrierte Mitglieder. Das Profil kann mit einem Foto und zusätz- lichen Informa tionen gefüllt werden, wobei ver schiedene Kategorien („Persön- liche Details“, „Über“, „Adresse“, „Persön liche Interessen“ und „Arbeit“) vor- gegeben sind. Bei den meisten Kategorien ist es dem Nutzer möglich, einen selbst gewählten Text einzu geben, nur bei einigen (z. B. Geschlecht) ist zwischen vor gegebenen Antwortmöglich keiten zu wählen. Des Weiteren hat der Nutzer die Möglich keit, „Dating-Details“ anzu geben und damit kurze Angaben über seine Vorstel lungen bezüg lich der Partnersuche zu machen. Angezeigt werden auf der Profilseite eben falls die Gruppen, in denen ein Nutzer Mitglied ist sowie die Freunde, die ein Nutzer auf den Platt formseiten hat. Eine grafische Gestal tung bzw. Anpas sung der Profilseiten ist nicht möglich. Mit der Umbenen nung von MSN zu Windows Live Messenger wurde der Instant-Messaging-Dienst von Microsoft mit der Platt form „Windows Live“ 226 ver bunden, die daneben noch zahl reiche weitere Angebote wie einen Web- mailer, einen Kalender oder eine Fotoplatt form ent hält, auf die hier nicht im Einzelnen ein gegangen werden kann. Die Registrie rung erfolgt mittels einer E-Mail-Adresse sowie der Angabe von Vor- und Nachname; Letztere bilden auch den Profilnamen, wobei der Nachname auf Wunsch aus geblendet werden kann. Die Profilseite auf Windows Live ent hält u. a. die Liste der bestätigten Kontakte, Kommentare von anderen Nutzern sowie persön liche Informa tionen. Letztere können teil weise anhand vor gegebener Kategorien aus gewählt, bei den meisten Merkmalen aber frei an gegeben werden. Als Mindestinforma tion wird auf der Profilseite der Vorname eines Nutzers an gezeigt. Eine gesonderte und umfang reichere Variante des Profils ist der „Space“, den Nutzer auf Wunsch aktivieren und z. B. mit einem Blog oder mit Fotoalben bestücken können. Sowohl bei ICQ als auch bei MSN besteht das Beziehungs management im engeren Sinn darin, andere Nutzer in die Kontakt liste des Messengers aufzu- nehmen. Die Suche und das Kontaktieren anderer Nutzer kann ent weder aus dem Messenger-Client selbst oder auf der Webseite geschehen; die Kontakt- anfrage muss vom kontaktierten Nutzer bestätigt werden. Bestätigte Kontakte lassen sich anschließend nach ver schiedenen vor gegebenen oder selbst gewähl- ten Kategorien differenzieren; sie werden in einer Liste an gezeigt, wobei zu- sätz lich die Informa tion einseh bar ist, ob die betreffende Person derzeit gerade online ist oder nicht. Zum Schutz der Privatsphäre lassen sich ver schiedene Einstel lungen vor- nehmen, wobei an gesichts der Kopplung von Profil und Messenger-Client zwischen diesen beiden „privatsphärerelevanten Orten“ zu unter scheiden ist. Bei ICQ können beispiels weise auf der Profilseite bestimmte Bereiche (wie Kommentare oder die Freundes liste) aus geblendet werden; beim Messenger selbst lassen sich drei Stufen der Privatsphäre wählen: (1) Alle Daten sind für alle anderen Nutzer freigegeben; (2) Telefon nummer und E-Mail-Adresse sind geschützt; (3) alle Details sind geschützt und nur von Freunden einseh bar. Zudem lassen sich hier bestimmte Nutzer blockieren, sodass diese keine Nach- richten mehr senden können. Auch auf Windows Live existieren ver schiedene Mechanismen, bestimmte Profilinforma tionen nur für bestimmte Nutzer gruppen freizugeben (z. B. nur die Personen im eigenen Netz werk, bestimmte Kontakt gruppen oder einzeln anzu gebende Kontakte). Der Nutzer kann auch fest legen, welche Nutzer grup- pen den eigenen „Space“ (sofern ein gerichtet) bzw. einzelne seiner Bereiche an gezeigt bekommen. Im Messenger-Client kann an gegeben werden, welche Nutzer aus der eigenen Kontakt liste Nachrichten schicken bzw. den Online- Status einsehen können; zudem lassen sich andere Nutzer blockieren. Beide Messenger-Dienste bieten die Möglich keit, mithilfe einer kurzen Notiz oder einem Icon die aktuelle Stimmung zu beschreiben; diese Informa tion ist für 227 alle anderen Kontakte eines Nutzers sicht bar. Bei MSN lässt sich diese Funk- tion mit externen Anwen dungen wie beispiels weise dem Windows Media Player oder iTunes synchronisieren, sodass das gerade vom Nutzer gehörte Lied an- gezeigt wird. 6.2.3 Publizieren, gruppen bezogene und interpersonale Kommunika tion Im Zentrum der beiden Instant-Messaging-Dienste steht die interpersonale Kom munika tion, das heißt der synchrone Austausch von Nachrichten mit ande- ren Nutzern. Neben textbasierten Konversa tionen unter stützen beide Dienste inzwischen auch Voice- und Videochats, sofern die techni sche Ausrüs tung (Headset und/oder Webcam) vor handen ist. Zudem lassen sich Dateien über den Messenger ver schicken. ICQ bietet zusätz lich noch weitere Optionen, beispiels weise kleinere Spiele (wie z. B. Vier Gewinnt) oder das Ver senden von animierten Gruß karten an eigene Kontakte. Sieht man von Gruppen chats ab, an denen mehrere Nutzer in einer Art „Konferenz“ teilnehmen können, sind gruppen bezogene Kommunika tion und das Publizieren von Inhalten bei ICQ über haupt nicht, bei MSN nur auf dem begleitenden webbasierten Portal möglich. Dort bzw. im „Space“ von Windows Live können Nutzer beispiels weise Fotos hochladen, Blogs einrichten, themen- spezifi sche Gruppen gründen oder die Profilseiten anderer Nutzer kommen- tieren. 6.2.4 Informations suche, -erschließung und -bewer tung Da Instant-Messaging-Dienste den Schwerpunkt auf interpersonale Kommuni- ka tion legen, beziehen sich Recherchen in aller Regel auf die Suche nach anderen Nutzern und nicht nach spezifi schen Inhalten. Hierfür stehen sowohl bei ICQ als auch bei MSN Funktionen zur Ver fügung, mit deren Hilfe Nutzer nicht nur in ihrer Kontakt liste, sondern anhand eines Namens, einer ICQ-Num- mer oder anhand bestimmter Profilangaben (z. B. Interessen oder Familien - stand bzw. Beziehungs status) andere Personen aus findig machen können. Die Inhalte der Profilseiten (wie Blogs oder Fotoalben) auf den korrespondierenden Platt formen lassen sich eben falls durch suchen oder mithilfe von Kategorien er schließen. ICQ bietet zusätz liche Filtermechanismen, beispiels weise Listen von populären Blogs oder frei vergeb bare Schlagworte. 228 6.2.5 Zusammen fassende Diskussion Instant-Messaging-Dienste sind in den Nutzungs repertoires der Jugend lichen und jungen Erwachsenen ähnlich zentral wie Netz werk platt formen, werden im öffent lichen Diskurs allerdings nicht annähernd so stark thematisiert. Die vor- genommene Analyse von ICQ und MSN hilft, diese Diskrepanz in der öffent- lichen Wahrneh mung zu er klären: Es handelt sich hierbei im Kern um inter- personale Kommunika tion und nicht um eine platt form- oder internet weit ein seh bare Selbst darstel lung und Austauschaktivität, wie im Fall von SchülerVZ oder MySpace. Zwar sind beide Dienste an webbasierte Portale gekoppelt, wo sie auch Elemente des Identitäts managements bieten; dieses wird allerdings nur dann relevant, wenn über das öffent lich einseh bare Profil neue Leute ken- nen gelernt werden sollen. Dies ist allerdings nicht der Regelfall der IM-Nutzung; der Nutzungs alltag besteht vielmehr darin, mit dem eigenen sozialen Netz- werk ad hoc und synchron interpersonal kommunizieren zu können. Ein zweiter Grund für die geringe Aufmerksam keit, die Instant-Messaging- Diensten in der Öffentlich keit zukommt, liegt möglicher weise darin, dass es sich um einen eigenständigen Dienst handelt, der weder an das World Wide Web noch an die E-Mail gekoppelt ist. Dadurch wird die Kommunika tion tendenziell für die älteren Genera tionen unsicht bar, die über keine eigene IM-Adresse ver fügen und nicht an die kommunikativen Netz werke der Jünge- ren an geschlossen sind. In dieser Hinsicht ver bindet ICQ und MSN mehr als sie trennt. Allerdings hat die fallstudien hafte Analyse auch Unterschiede deut lich gemacht; Micro- soft hat seinen Instant-Messaging-Dienst in ein umfassenderes webbasiertes Angebot integriert, um Nutzer auch über die situations bezogene interpersonale Kommunika tion zu binden und, sofern gewünscht, den eigenen Bekannten- oder Freundes kreis zu er weitern. Der ent scheidende Faktor dafür, welcher der Dienste genutzt wird, scheint aber die Präsenz von Freunden bzw. Kontakten zu sein – als typischer „Netz werk dienst“ wird ein spezifi sches Instant-Messaging- Angebot umso wertvoller, je mehr potenzielle Kommunikations partner einem Nutzer zur Ver fügung stehen. 6.3 Videoplatt formen 6.3.1 Überblick Der unangefochtene Markt führer unter den Videoplatt formen ist das ameri- kani sche Angebot YouTube, das Anfang 2005 startete und Ende 2006 von Google für etwa 1,6 Milliarden US-$ über nommen wurde (vgl. Tabelle 6.8). Genaue Nutzer zahlen sind nicht bekannt, doch Schät zungen gehen davon aus, 229 dass die Platt form Anfang 2009 über 100 Millionen Nutzer pro Monat er- reichte. Den Nutzer statistiken von Alexa.com zufolge ist YouTube nach Google und Yahoo das dritthäufigst genutzte Internetangebot welt weit.87 Im deutsch sprachigen Raum konkurrieren eine Reihe weiterer Platt formen mit YouTube, ohne jedoch dessen Reichweite zu er reichen. Als Ver gleichs fall wird in diesem Abschnitt die Platt form MyVideo vor gestellt, die im April 2006 gegründet wurde und seit Juli 2007 im vollständigen Besitz der SevenOne Media GmbH ist.88 Sie er reichte Ende 2008 etwa sieben Millionen Nutzer pro Monat. Tabelle 6.8: Ausgewählte Videoplatt formen im Überblick Name YouTube MyVideo URL www. youtube. com www. myvideo. de Betreiber YouTube LLC, San Bruno, CA MyVideo Broadband S. R. L., Bukarest Eigentümer Google Inc, Moutain View, CA SevenOne Media GmbH, Unterföhring Existiert seit Februar 2005 April 2006 Nutzer pro Monat USA: 100 Mio. (01/2009)1 D: 16 Mio. (08/2008)2 D: 5,8 Mio. (01/2009)3 Abgerufene Videos pro Monat USA: 6,3 Mrd. (01/2009)1 D: 1,5 Mrd. (08/2008)2 D: 210 Mio.4 Visits (IVW; 06/2009) Nicht erfasst 49.304.052 Selbstbe- schreibung „YouTube provides a forum for people to connect, inform, and inspire others across the globe and acts as a distribution platform for original content creators and advertisers large and small.“ „Jeder kann bei MyVideo zum Regisseur werden und seine selbst gedrehten Videos ins Netz stellen. Das geht ganz einfach und funktioniert mit jedem Videoformat. Die ein- gestellten Videos können an Freunde und Familie weiter geleitet werden.“ 1 www. comscore. com/press/release. asp?press= 2741 2 www. comscore. com/Press_ Events/Press_ Releases/2008/10/German_ YouTube_ Viewers 3 www. agof. de/aktuelle- rankings.586. de. html 4 http:// is2. myvideo. de/bilder/presse/MyVideo-Faktenblatt. pdf Die unter schied liche Popularität der beiden Platt formen schlägt sich auch in den Daten der repräsentativen Befra gung nieder (vgl. Tabelle 6.9): Mehr als zwei Drittel der 12- bis 24-Jährigen besuchen zumindest einmal pro Woche YouTube, nur etwa ein Viertel MyVideo. Beide Platt formen werden über pro- portional von männ lichen Jugend lichen bzw. jungen Erwachsenen, der Alters - gruppe der 15- bis 17-Jährigen (MyVideo zudem auch von 12- bis 14-Jährigen) sowie von Jugend lichen mit niedriger formaler Bildung besucht. Unter den Internetnutzer typen finden sich besonders hohe Nutzer zahlen bei den Spielern und den Aktiven Informations managern. 87 Vgl. www. alexa. com/data /details / traffic_ details /youtube. com [31. 7. 2009]. 88 Der Konkurrent Clipfish ist im Besitz der RTL-Gruppe, während an Seven load u. a. T-Online und Burda beteiligt sind. 230 Tabelle 6.9: Regelmäßige Videoplatt form-Nutzer (mind. 1 ×/ Woche; in %) Name YouTube MyVideo Gesamt 70,1 27,0 Männer 81,1 38,6 Frauen 58,5 14,8 12- bis 14-Jährige 75,6 44,7 15- bis 17-Jährige 83,1 34,5 18- bis 20-Jährige 72,5 24,2 21- bis 24-Jährige 55,7 13,3 Formale Bildung (derzeit oder ehemals besuchter Schultyp) Haupt schule 75,0 35,5 Realschule 63,5 27,5 Gymnasium 71,8 23,8 Internetnutzer typen Wenignutzer 54,3 19,1 Netz werker 78,4 25,7 Aktive Informations manager 83,0 43,2 Spieler 91,8 46,9 6.3.2 Identitäts- und Beziehungs management Während bei Netz werk platt formen einzelne Nutzer im Zentrum der Aktivitäten stehen, er schließen sich die Inhalte von Videoplatt formen vor allem über die Seiten einzelner Videos. Beide hier betrach teten Platt formen er lauben es, auch als nicht registrierter Nutzer solche Videos anzu sehen, doch um eigene Video- dateien auf der Platt form einstellen und weitere Optionen der Kommunika tion und des Informations managements nutzen zu können, ist eine Registrie rung notwendig. Mit der Registrie rung wird automatisch eine Profilseite für den Nutzer an gelegt, wobei die ab gefragten persön lichen Informa tionen nicht über- prüft werden. Dies ist insbesondere in Bezug auf das Alter bzw. den Zugang zu anstößigen Inhalten problematisch (s. u.). Bei der Registrie rung für YouTube müssen Nutzer ihre E-Mail-Adresse, einen Nutzer namen, Herkunfts land, Geschlecht und Geburts datum an geben, wobei bis auf den Nutzer namen keine dieser Informa tionen auf der Profil seite, die bei YouTube als „Kanal“ bezeichnet wird, sicht bar sein muss. Nutzer können ihren Kanal mit einem gesonderten Titel und einer Beschrei bung ver- sehen, ein Profil bild hochladen, eine Selbst beschrei bung an geben, sowie weitere Angaben machen, die dann im Profil an gezeigt werden (z. B. Name, Beruf, Stadt oder eigene Homepage). Neben diesen persön lichen Informa tionen ent hält die Profilseite eine Reihe weiterer Bereiche, in denen die Aktivitäten des Nutzers sicht bar gemacht werden (vgl. Abbil dung 6.3): Zunächst werden hier die vom Nutzer hochgeladenen Videos an gezeigt, wobei die Reihen folge manuell fest gelegt oder anhand der Kriterien „Meist gesehen“ und „heiß diskutiert“ gefiltert werden kann. Eines dieser Videos kann auf dem Profil als 231 Abbil dung 6.3: Profilseite eines YouTube-Nutzers 232 „an gesagtes Video“ in besonders exponierter Lage und größer als die übrigen Videos er scheinen. Daneben kann ein Nutzer seine „Playlists“ auf dem Profil anzeigen lassen; dabei handelt es sich um Zusammen stel lungen von (eigenen oder fremden) Videos, die mit Titeln und Beschrei bungen ver sehen und direkt hintereinander ab gespielt werden können. Eine der Playlists kann zudem als „Videolog“ ver wendet werden, das eben falls gesondert auf dem Profil an gezeigt wird. Weitere Informa tionen auf der Profilseite umfassen die Liste der er haltenen Profil-Kommentare, die Liste der bestätigten Kontakte sowie eine Liste von Abonnenten des eigenen Kanals und der vom Nutzer abonnierten Kanäle. Im Bereich „letzte Aktivitäten“ können die letzten Aktionen des Nutzers nach- verfolgt werden, z. B. Bewer tungen oder Kommentare für andere Videos. Unter dem Punkt „Kanaldesign“ kann der Nutzer ver schiedene Anpas sungen und Einstel lungen bezüg lich des Layouts seines Kanals vornehmen, so z. B. die Hintergrundfarbe ändern, ein spezifi sches Hintergrundbild aus wählen oder bestimmte Bereiche ein- bzw. aus blenden. Bei der Registrie rung für MyVideo müssen Nutzer ihre E-Mail-Adresse, einen Nutzer namen, Land und Post leitzahl, Geschlecht und Geburts datum an geben, wovon im Profil zumindest Alter, Geschlecht und Nutzer name obliga torisch an gezeigt werden (vgl. Abbil dung 6.4). Zusätz lich zu diesen Angaben können Nutzer ein Profil bild hochladen und weitere Informa tionen in der Rubrik „Über mich“ ver öffent lichen, darunter z. B. Angaben zum Be- schäftigungs verhältnis, zum Familien stand oder zu Interessen wie „Musik“, „Bücher“ und „Lieblings filme & TV Shows“. Daneben ent hält die Profilseite Auszüge aus der Liste der vom Nutzer hochgeladenen Videos, aus den be- stätigten Kontakten, den Gruppen, in denen der Nutzer Mitglied ist, sowie dem Gästebuch, in dem andere registrierte Nutzer Kommentare hinterlassen können. Diese Funktionen sind über Navigations reiter am Kopf des Profils gesondert zu er reichen. Anders als YouTube bietet MyVideo keine Möglich- keit, das Erscheinungs bild des Profils individuell zu gestalten oder z. B. die Anord nung und Sicht bar keit von Feldern zu ver ändern. Hinsicht lich des Beziehungs managements bieten beide Platt formen zwei Varianten: die reziproke Beziehung zu anderen Nutzern, die als Freunde hin- zu gefügt werden (wobei die Kontaktanfrage bestätigt werden muss), sowie das einseitige Abonnement, das keine Bestäti gung vor sieht. Letztere Variante dient vor allem dazu, über neu ein gestellte Videos der abonnierten Kanäle benachrichtigt zu werden, während die bestätigten Kontakte auch für Privat- sphäre-Einstel lungen nutz bar gemacht werden können. Sowohl bei YouTube als auch bei MyVideo sind Videos und Profilseiten standardmäßig auch für nicht registrierte Nutzer sicht bar. Allerdings lassen sich einzelne Videos als „privat“ kennzeichnen, sodass nur bestätigte Kontakte Einblick haben können. Zudem können einzelne Nutzer geblockt werden, um 233 ihnen den Zugriff auf das eigene Profil bzw. die eigenen Videos zu ver wehren. Die Kommentarfunk tion zu Videos bzw. auf der eigenen Profilseite im Gäste- buch kann völlig deaktiviert oder auf die bestätigten Kontakte beschränkt werden. YouTube bietet noch zusätz liche detaillierte Einstel lungen für die eigene Privatsphäre; so kann der Zugang zu Videos auch nur aus gewählten Abbil dung 6.4: Profilseite eines MyVideo-Nutzers 234 Freunden aus der Kontakt liste (anstatt der gesamten Liste) ermög licht werden, und nahezu alle Elemente der eigenen Profilseite (z. B. letzte Aktivitäten, Play- lists oder hochgeladene Videos) können auch aus geblendet werden. 6.3.3 Publizieren, gruppen bezogene und interpersonale Kommunika tion Das Einstellen von Video-Dateien ist die zentrale Funktion zum Publizieren von Inhalten auf den beiden Platt formen. Beide unter stützen die gängigen Video formate; bei YouTube können mithilfe einer Webcam auch live Videos mitgeschnitten sowie Videos vom Mobiltelefon hochgeladen werden. Die tech- nisch bedingten Beschrän kungen auf Dateien von maximal zehn Minuten Länge sowie 1 GB (YouTube) bzw. 100 MB (MyVideo) lassen sich insofern umgehen, als Nutzer mehrere Videos zu einer Playlist bündeln können. Dadurch ist es möglich, auch längere Videos in einem Stück darzu stellen. Videos lassen sich auch auf externen Seiten (z. B. einer Homepage oder einem Weblog) ein- binden; hierzu stellen beide Platt formen für jeden Clip den ent sprechenden HTML-Code zur Ver fügung; zudem bieten sie die Option an, ein Video auf Knopfdruck auch dem eigenen Profil bei Netz werk platt formen wie Facebook oder bei Ver schlagwortungs diensten wie Delicious hinzu zufügen. Für die Nachbearbei tung von Videos stellt insbesondere YouTube eine Reihe von Werkzeugen zur Ver fügung; so kann der Inhaber beispiels weise die Audio- spur des Videos durch (vor gegebene) Audiodateien er setzen, Anmer kungen an frei wähl baren Stellen im Video einfügen oder auch das Video mit Untertiteln ver sehen. MyVideo bietet einen „Clipgenerator“ an, mit dem die Nutzer eigene Videos er stellen können, indem sie Fotos oder Videodateien hochladen, per Webcam auf nehmen oder von anderen Platt formen im Netz (wie z. B. Flickr) einbinden. Beide Platt formen geben in ihren Allgemeinen Geschäfts bedin gungen Ein- schrän kungen vor, welche Art von Videos nicht ver öffent licht werden dürfen (z. B. pornographi sche, gewalt verherr lichende oder rassisti sche Inhalte), kon- trol lieren allerdings die hochgeladenen Videos vor der Ver öffent lichung nicht, sondern ver lassen sich darauf, dass gegen die AGBs ver stoßende Inhalte von den Nutzern selbst gemeldet werden. Dazu steht bei jedem Video eine Option „Melden“ zur Ver fügung, wobei der genaue Grund (z. B. anstößige Inhalte oder ver letzte Urheber- bzw. Persönlichkeits rechte) spezifiziert werden muss. Urheber rechts verletzende Inhalte werden von der Platt form genommen, wäh- rend anstößige Inhalte dort ver bleiben, allerdings für nicht an gemeldete Nutzer nicht mehr einseh bar sind. Angemeldete Nutzer müssen bestätigen, dass sie volljährig sind; dies geschieht jedoch ohne weitere Alters überprü fung, sodass auch minder jährige Personen Zugriff auf diese Inhalte haben können, wenn sie ein falsches Alter an geben. 235 Insoweit Videos oder Profilseiten auch für nicht-registrierte Nutzer der Platt formen zugäng lich sind, handelt es sich auch bei Kommentaren um öffent liche Kommunika tion, die von jedermann einseh bar ist, allerdings ist es nur an gemeldeten Nutzern möglich, Kommentare zu hinterlassen. Bei YouTube ist es möglich, gezielt einzelne Stellen (sowohl Bild ausschnitte als auch Szenen) eines Videos zu markieren und zu kommentieren sowie ein eigenes Video als Antwort auf ein anderes Video zu deklarieren, sodass es auch auf dessen Seite an gezeigt wird. Dort ist auch die Möglich keit gegeben, die Kommentare unter einem Video selbst als positiv oder negativ zu bewerten. Da sich Kom- mentare nach Anzahl und Art der Bewer tung filtern lassen, wird dadurch eine gewisse Qualitäts kontrolle der Diskussion zu einem Video geleistet. Weitere Optionen der gruppen bezogenen Kommunika tion bieten die themati schen Grup pen, in denen Videos ver öffent licht und foren artig diskutiert werden kön- nen. Zudem lassen sich auf beiden Platt formen private Nachrichten an andere Nutzer schicken, die nicht notwendiger weise zu den bestätigten Kontakten gehören müssen. 6.3.4 Informations suche, -erschließung und -bewer tung YouTube und MyVideo sehen eine Reihe von ähnlichen Mechanismen des Infor mations managements vor, um die Fülle der ent haltenen Inhalte zu er- schließen. Nutzer können beim Hochladen eines Videos dieses in eine von mehreren vor gegebenen inhalt lichen Kategorien einordnen sowie zusätz lich oder alternativ frei wähl bare Schlagwörter ver geben, die wiederum von ande- ren Nutzern für die Suche ver wendet werden können. Weitere Orientie rung bietet die Aggrega tion von Nutzer aktivitäten; beide Platt formen führen Listen mit den am häufigsten auf gerufenen Videos, YouTube zusätz lich auch mit den meist kommentierten und meist per Video beantwor teten Inhalten. Zudem werden auf der Seite eines Videos in einem gesonderten Bereich thematisch ähnliche Videos an gezeigt, was das Surfen durch ver wandte Angebote ohne neue Suchanfrage er leichtert. Angemeldete Nutzer er halten auf der Start seite des jeweiligen Angebots auf grund ihrer (explizit gemachten oder implizit in der Nutzung aus gedrückten) Präferenzen weitere Vorschläge: Bei YouTube ent halten diese zum Beispiel Videos, die den bereits gesehenen ähnlich sind, sowie aktuelle Videos, die platt formweit beliebt sind. Zudem werden dort die neuesten Aktivitäten be- stätigter Kontakte sowie der abonnierten Kanäle und Playlists an gezeigt. Über die Funktion „Active Sharing“, die allerdings standardmäßig deaktiviert ist, können sich Nutzer Videos auch zusammen mit anderen YouTube-Mitgliedern ansehen: Neben dem aktuell betrach teten Video werden dann der eigene Nutzer name sowie die Namen von bis zu 25 anderen Nutzern an gezeigt, die sich das Video auch gerade ansehen. Bei MyVideo beschränken sich die sicht- 236 barkeits erhöhenden Mechanismen auf die Auflis tung von neuen und beliebten Videos auf der Start seite sowie Benachrichti gungen über den Eingang von Nachrichten oder die Anzahl der Besucher auf dem eigenen Profil. Eine An- pas sung der auf der Start seite an gezeigten Info-Module ist nicht vor gesehen. 6.3.5 Zusammen fassende Diskussion Videoplatt formen knüpfen in deut lich stärkerem Maße als Netz werk platt formen und Instant-Messaging-Dienste an massen mediale Kommunika tion an, weil die Rezep tion von audiovisuellen Inhalten im Mittelpunkt steht. YouTube und MyVideo werden dabei durch aus auch als Nebenbei-Medium genutzt, ins beson- dere auch zum Hören von Musik und damit als Alternative zu Radio, Musik- fernsehen oder auch der eigenen MP3-Sammlung. Aufgrund der sehr hohen Nutzer basis steht ein schier unüberschau barer Fundus an Videos zu allen er- denk lichen Themen zur Ver fügung, obwohl nur ein ver gleichs weise kleiner Anteil der Nutzer tatsäch lich aktiv eigene Inhalte hochlädt oder mithilfe der bereit gestellten Werkzeuge nachbearbeitet und neu kombiniert. Videoplatt formen und die auf ihnen abruf baren Inhalte spielen im Identitäts- und Beziehungs management der Nutzer eine wichtige Rolle; dies geschieht jedoch weniger über Profile und explizit gemachte Verbin dungen, sondern vielmehr dadurch, dass Videos als Ausdruck der eigenen Interessen und Vor- lieben mit anderen geteilt werden. Dabei kann es auch zum „Kanalwechsel“ kommen, wenn sich Freunde die Links zu interessanten, lustigen oder sehens- werten Clips via Instant Messenger schicken oder ein Video auf der eigenen Profilseite einer Netz werk platt form einbinden – sofern dies dort technisch möglich ist. Videoplatt formen ver deut lichen dadurch auch, dass das Social Web die Trennung zwischen einzelnen Angeboten bzw. Kommunikations- diensten zu einem gewissen Grad auflöst und Dienste der öffent lichen Kom- munika tion mit der gruppen bezogenen und interpersonalen Kommunika tion ver schmelzen: Inhalte werden in Freundes- und Bekannten kreisen rezipiert, weiter empfohlen, kommentiert, kopiert, möglicher weise auch bearbeitet, ge- remixed und neu zusammen gesetzt. Videoplatt formen sind daher paradigmatisch für den grundlegenden Wandel hin zum aktiven Medien nutzer anzu sehen. Dies gilt allerdings weniger im Hinblick auf die aktive Produk tion, sondern vielmehr auf das aktive Filtern und Ver breiten von medialen Inhalten, das Nutzer innerhalb ihrer sozialen Netz werke betreiben. Diese Entwick lung ist jedoch nicht nur positiv als Schritt hin zu einer stärkeren Teilhabe der Nutzer an öffent licher Kommunika tion zu deuten, sondern birgt wie geschildert auch Probleme, beispiels weise durch die Verfüg bar keit und Ver brei tung von jugendgefährdenden oder urheber recht lich geschützten Inhalten. Gerade professionell produzierte Inhalte (wie Musikclips, Filmtrailer, Ausschnitte aus Fernsehserien o. Ä.) machen aus Sicht der Nutzer 237 einen Gutteil des Reizes von Videoplatt formen aus, weil sich in ihnen Popu- lärkultur aus drückt, die gerade für Heranwachsende eine wichtige Identitäts- ressource darstellt. Für die Anbieter, ob Künstler oder Fernsehsender, kann sich diese Entwick lung daher einer seits als Bedrohung der eigenen Urheber- rechte darstellen, auf die mit Strategien des automati schen Filterns oder der Lizenzie rung reagiert wird (vgl. Cabrera Blázquez 2008 sowie Kapitel 9.5). Anderer seits nutzen Medien anbieter die Platt formen aber auch, um ihr Pub- likum auf anderen Wegen zu er reichen und möglicher weise die Reichweite der eigenen Inhalte zu ver größern. MyVideo wird beispiels weise als er gänzender Kanal für die ProSieben-Show „Germany’s next topmodel“ ein gesetzt; Fans können dort unabhängig von TV-Sendezeiten Clips mit Ausschnitten aus der Sendung ansehen und kommentieren. In dieser Hinsicht sind Videoplatt formen Ausdruck einer techni schen wie einer inhalt lichen Konvergenz. 6.4 Wikipedia 6.4.1 Überblick Die Wikipedia ist das bei Weitem bekannteste Wiki. Die englische Fassung der Online-Enzyklopädie ging im Januar 2001 online, wenige Monate später folgte die deutsch sprachige Variante. Sie ist mit knapp 930.000 Artikeln (Stand Juli 2009) derzeit die zweit größte von insgesamt über 250 Sprach versionen hinter der englischen Wikipedia, die auf etwa 2,9 Millionen Artikel kommt (vgl. Tabelle 6.10).89 In der deutsch sprachigen Fassung sind etwa 800.000 Nutzer registriert; da die Registrie rung aber weder für die ab rufende noch die ge- staltende Nutzung zwingend nötig ist, lässt sich die vollständige Anzahl der Nutzer nicht bestimmen. Mehr als die Hälfte der 12- bis 24-Jährigen greift laut der Repräsentativ- befra gung zumindest einmal die Woche auf die Wikipedia zu, wobei der Anteil unter den Männern höher ist als unter den Frauen (vgl. Tabelle 6.11). Insbesondere die 15- bis 17-Jährigen sowie die Gymnasiasten gehören zu den regelmäßigen Nutzern. Unter den Internetnutzer typen liegt der Anteil der regel- mäßigen Nutzer unter den Netz werkern und insbesondere den Aktiven Infor- ma tions managern über dem Durchschnitt. 89 Vgl. meta. wikimedia. org /wiki / List_ of_ Wikipedias [31. 7. 2009]. 173 davon hatten Ende Juli 2009 mehr als 1.000 Artikel, und 27 wiesen mehr als 100.000 Artikel auf. 238 Tabelle 6.10: Merkmale der Wikipedia im Überblick Name Wikipedia URL de. wikipedia. org Betreiber Wikimedia Deutschland e. V., Berlin Eigentümer Wikimedia Founda tion, San Francisco Existiert seit Januar 2001 (englisch sprachige Variante) März 2001 (deutsch sprachige Variante) Registrierte Nutzer (07/2009) Welt weit: 18,6 Mio. Englische Fassung: 10,1 Mio. Deutsche Fassung: 800.000 Anzahl der Artikel (07/2009) Welt weit: 13,5 Mio. Englische Fassung: 2,9 Mio. Deutsche Fassung: 930.000 Selbst beschrei bung „Wikipedia ist ein Projekt zum Aufbau einer Enzyklopädie aus freien Inhalten in allen Sprachen der Welt. Jeder kann mit seinem Wissen beitragen.“ Tabelle 6.11: Regelmäßige Wikipedia-Nutzer (mind. 1 ×/ Woche; in %) Name Wikipedia Gesamt 54,8 Männer 60,5 Frauen 48,9 12- bis 14-Jährige 53,4 15- bis 17-Jährige 60,5 18- bis 20-Jährige 57,5 21- bis 24-Jährige 49,8 Formale Bildung (derzeit oder ehemals besuchter Schultyp) Haupt schule 37,5 Realschule 39,7 Gymnasium 69,5 Internetnutzer typen Wenignutzer 43,8 Netz werker 61,6 Aktive Informations manager 70,5 Spieler 53,1 6.4.2 Identitäts- und Beziehungsmanagement Anders als bei den bisher vor gestellten Fallstudien spielt bei der Wikipedia das Identitäts- und Beziehungs management nur eine sehr unter geordnete Rolle. Profilseiten im engeren Sinne gibt es nicht; jeder registrierte Nutzer erhält allerdings eine „Benutzer seite“ innerhalb der Wikipedia, die selbst als Wiki- Seite ein gerichtet ist und mit beliebigen Inhalten gefüllt werden kann (z. B. welche Sprachen der Nutzer spricht oder an welchen Artikeln er mitgearbeitet hat; vgl. Abbil dung 6.5). Eine Funktion zur expliziten Bestäti gung von sozialen Beziehungen zu anderen Nutzern gibt es nicht; die Benutzer seite kann jedoch 239 optional von anderen Nutzern ergänzt und mit Hinweisen ver sehen oder aber für die Bearbei tung durch andere gesperrt werden. Abbil dung 6.5: Profilseite eines registrierten Wikipedia-Nutzers 6.4.3 Publizieren, gruppen bezogene und interpersonale Kommunika tion Das freie Publizieren von Informa tionen bzw. Artikeln, die von mehreren Nutzern kollaborativ bearbeitet wurden, ist das Herz stück der Wikipedia, die sich des grundsätz lichen Prinzips von Wikis bedient: Einzelne Seiten lassen sich mit einem einfachen Text-Editor und einer spezifi schen Syntax bearbeiten und unter einander ver knüpfen. Dabei können jegliche Änderun gen nach ver- folgt und gegebenen falls wieder rück gängig gemacht werden. Jeder Artikel der Enzyklopädie besitzt zudem eine eigene „Diskussions seite“, auf der weitere Informa tionen ein getragen oder Auseinander setzun gen über Formulie rungen aus getragen werden.90 Neben dieser techni schen Niedrigschwellig keit haben zwei weitere Besonder heiten zum Erfolg der Wikipedia bei getragen: Die Inhalte stehen unter einer Lizenz, die das Modifizieren, Kopieren und Weiter- verbreiten aus drück lich erlaubt, solange die Folgeinhalte eben falls diesen Be- din gungen unter liegen. Zudem steht die Mitarbeit an der Wikipedia prinzipiell für alle Personen offen: Nicht nur anerkannte Experten (z. B. Akademiker oder professionelle Redakteure), sondern alle Interessierten können Beiträge ver fassen oder bestehende Artikel ver ändern und er weitern. 90 Allerdings ist die Diskussions seite nur bei etwa 15 Prozent der Artikel auch tatsäch lich in Gebrauch (vgl. Pentzold 2007, S. 39). 240 Die Qualitäts siche rung der einzelnen publizierten Artikel erfolgt in der Wikipedia mithilfe einer Reihe von Mechanismen, wobei die Aufmerksam keit der Nutzer gemein schaft eine tragende Rolle spielt und die redaktionelle Be- treuung durch professionelle Redakteure ersetzt (vgl. Hammwöhner 2007): Engagierte Autoren nehmen nicht nur Erweite rungen bestehender Artikel oder das Anlegen neuer Beiträge vor, sondern sichten auch Artikel verände rungen, wobei sie u. a. auf die techni sche Option zurück greifen können, einzelne Artikel auf eine „Beobachtungs liste“ zu setzen, um über Ver ände rungen be- nachrichtigt zu werden. Dadurch lassen sich viele qualitäts mindernde Eingriffe, insbesondere Akte des Vandalismus, relativ schnell er kennen und rück gängig machen. Allerdings können diese Mechanismen nicht prinzipiell ver hindern, dass einzelne Artikel Fehler ent halten, seien diese nun intendiert oder nicht.91 Zudem garantieren sie nicht, dass jeder Artikel den gleichen Qualitäts standard besitzt oder auch im Lauf von Überarbei tungen erlangt. Qualitäts bezogene Leitbilder sind in „un veränder lichen Grundsätzen“92 der Wikipedia formuliert, darunter das Prinzip des „neutralen Standpunkts“ bei der Formulie rung von Artikeln, das Publizieren von gesichertem Wissen statt von Originalforschung sowie die Ver ifizier bar keit der Inhalte durch Quellen- angaben. Weitere Richtlinien formulieren zum Beispiel sprach liche Qualitäts- kriterien für gute Artikel93 oder Kriterien für die Relevanz neu an gelegter Artikel.94 Das über greifende Qualitäts ideal der Wikipedia ist, eine umfassende Enzyklopädie frei zur Ver fügung zu stellen, an der die Nutzer mitarbeiten. Diese Qualitäts kriterien werden insbesondere in den Diskussionen zu einzel- nen Artikeln explizit an gerufen, wobei letzt lich auch Machtressourcen darüber bestimmen, ob sich eine bestimmte Formulie rung oder Regel ausle gung durch- setzt. Eine besondere Stellung kommt hierbei den Administratoren zu; sie wer- den aus dem Nutzer kreis gewählt und ver fügen über er weiterte Rechte, können also beispiels weise Artikel löschen oder bestimmte Nutzer blockieren. Neben der öffent lichen Kommunika tion auf den Diskussions seiten zu ein- zelnen Artikeln stehen weitere Kommunikations räume zur Ver fügung, in der die Koordina tion und der Austausch insbesondere unter den aktiven „Wiki- pedianern“ geleistet wird, darunter z. B. Wikipedia-Mailinglisten und eigene Chaträume. Private interpersonale Kommunika tion über das Wiki ist nicht vor gesehen. 91 Schlagzeilen in dieser Hinsicht machte im Februar 2009 der Eintrag zu Wirtschafts minister zu Gutten berg (vgl. Anonym 2009). Einen Tag vor seiner Nominie rung als Minister hatte ein Unbekannter einen zusätz- lichen Vornamen in die Wikipedia ein gefügt, den eine Reihe von Medien über nahmen. Deren Berichterstat- tung galt wiederum für eine gewisse Zeit in der Wikipedia als Beleg, der Vorname sei authentisch, und erst der Abgleich mit einem Genealogi schen Handbuch brachte Klarheit. 92 Vgl. de. wikipedia. org /wiki / Wikipedia:Grundprinzipien [31. 7. 2009]. 93 Vgl. u. a. http: //de. wikipedia. org /wiki / Wikipedia:Wie_ schreibe_ ich_ gute_ Artikel sowie http: //de. wikipedia. org /wiki / Wikipedia:Wie_ sehen_ gute_ Artikel_ aus [31. 7. 2009]. 94 Vgl. de. wikipedia. org /wiki / Wikipedia:Relevanzkriterien [31. 7. 2009]. 241 6.4.4 Informations suche, -erschließung und -bewer tung Um sich die Wikipedia-Inhalte zu er schließen, existieren neben der Suchfunk- tion weitere Formen der themati schen Gliede rung, darunter insbesondere die Kategorien, mit denen Artikel ver schlagwortet werden, um eine inhalt liche Systematik der Wikipedia zu er stellen (z. B. „Komponist“, „Literatur“ oder „Hydro logie“). Themen portale sind redaktionell gepflegte Übersichts seiten der wichtigsten Artikel zu einem Themen gebiet, beispiels weise zu „Siegerland“, „Radartechnik“ oder „Kirchen musik“. Listen schließ lich fassen Artikel zusam men, denen ein bestimmtes Merkmal gemeinsam ist, beispiels weise „Byzan ti ni sche Kaiser“ oder „Torschützen könige der Handball-Bundes liga“. Für Nutzer, die aktiv an der Wikipedia mitarbeiten, stehen weitere Instru- mente zur Ver fügung, die das Bearbeiten bzw. Korrigieren unter stützen. Dazu zählt beispiels weise die „Beobachtungs liste“, die es registrierten Nutzern er- mög licht, sich aktuelle Änderun gen an individuell aus gewählten Seiten an- zeigen zu lassen; diese sind auch per RSS abonnier bar. Darüber hinaus pflegt die Wikipedia auch automatisch er stellte Listen, in denen z. B. ver waiste Seiten (ohne Link von einer anderen Seite) oder neu an gelegte Seiten auf- geführt werden, die von Nutzern dann gezielt bearbeitet werden können. 6.4.5 Zusammen fassende Diskussion Die Wikipedia ist im Ver gleich zu den anderen fallstudien haft analysierten Angeboten insofern ein Sonderfall, als die Online-Enzyklopädie von den Jugend lichen und jungen Erwachsenen nahezu aus schließ lich rezipierend ver- wendet wird. Aktive Teilhabe über das Ver fassen oder Ver bessern von Ein- trägen spielt so gut wie keine Rolle, obwohl die techni schen Hürden denk bar gering sind. Die Gründe hierfür sind eher sozialer Natur, denn Anmutung und Leitbild der Wikipedia ver mitteln den Eindruck, dass es sich um ein thematisch umfassendes Lexikon handelt, das von Menschen mit spezialisiertem Wissen bereit gestellt wird. Gekoppelt mit dem Umstand, dass Wikipedia-Inhalte bei google-basierten Recherchen oft sehr hoch in den Trefferlisten auf tauchen, wird die Enzyklopädie so zu einer als selbst verständ lich hin genommenen und problem los verfüg baren Wissens quelle, die auch Informa tionen zu ab seitigen oder exotischen Themen bereithält. Die partizipativen Möglich keiten und die prinzipielle Offen heit und Ver- änder barkeit von Wissen, für die die Wikipedia steht, erfährt die Mehrheit der Jugend lichen und jungen Erwachsenen daher vor allem in zwei Kontexten: zum einen in Form von Warnun gen seitens formeller Bildungs institu tionen bzw., wenn Lehrer oder Hochschuldozenten auf die unklare, zumindest kritisch zu hinterfragende Qualität der Beiträge ver weisen oder die un geprüfte Über- nahme von Wikipedia-Artikeln in Schul- oder Hausarbeiten als Plagiat sank- 242 tionieren. Zum anderen er fahren Jugend liche die Modifizier bar keit der Texte in den (insgesamt jedoch eher seltenen) Fällen, wo sie Artikel editieren, um anderen einen Streich zu spielen. Solche Beiträge seitens der Jugend lichen bleiben jedoch nicht nach haltig, sondern werden im Rahmen der Qualitäts- siche rung als Akte des „Schüler vandalismus“ von den Administratoren in der Regel sehr schnell wieder ent fernt (vgl. Stegbauer 2008). 243 7 Das Social Web im Kontext über greifender Medien repertoires Uwe Hasebrink In den voran gegangenen Ka- pi teln ist im Detail heraus ge- arbeitet worden, wie Jugend- liche und junge Erwachsene mit den Angeboten des Social Web um gehen, wie sie diese in ihren Alltag einbetten und welche Rolle dabei be- stimmte Einzelangebote spie- len. Die folgenden Ausfüh- rungen gelten der Frage nach dem Ver hältnis zwischen dem Social Web und den übrigen Medien- und Kommunikations angeboten. Wie immer, wenn neue techni sche oder inhalt liche Innova tionen im Medien- bereich auf treten, so wird auch im Zusammen hang mit der seit gut 15 Jahren er folgenden Ausbrei tung des Internets bzw. der Online-Medien intensiv dis- kutiert, welche Konsequenzen die zunehmende Nutzung der neuen Angebots- op tionen für die etablierten Medien hat. Diese Diskussion ist im Zusammen- hang mit dem Internet sehr weitreichend: Die durch Digitalisie rung an gestoßene Konvergenz zwischen bisher klar getrennten Medien bereichen findet im Inter- net und dort besonders im Social Web ihren deut lichsten Ausdruck. Zuvor noch klar voneinander abgrenz bare Mediengat tungen und darauf bezogene Nutzungs weisen und Funktionen rücken im Zuge dieses Prozesses so eng an- einander heran, dass die Untersuchung des einen Phänomens ohne die Berück- sichti gung des anderen kaum noch möglich ist. Aus diesem Grunde soll in diesem Kapitel ver tiefend unter sucht werden, wie Jugend liche und junge Erwachsene die ver schiedenen medialen Angebots- op tionen für sich kombinieren, das heißt, welche über greifenden Medien- Social Web SNS Internet Medien insgesamt Social Web SNS Internet Medien insgesamt 244 repertoires sie sich zusammen stellen. Das Konzept der Medien repertoires (siehe dazu Hasebrink / Popp 2006) stellt einen Ver such dar, an gesichts zu- nehmender Konvergenz und Cross medialität die bisher stark an Einzelmedien orientierte Nutzungs forschung um die systemati sche Beschrei bung und Erklä- rung medien übergreifender Nutzungs muster zu er weitern. Die Darstel lung erfolgt in zwei Schritten: Zunächst werden (in Abschnitt 7.1) die Medien der öffent lichen Kommunika tion bzw. die klassi schen Massen- medien in den Blick genommen. Daran knüpft sich vor allem die in der Öffentlich keit viel diskutierte Frage, welche Bedeu tung den journalisti schen Medien im Zuge der rasanten Entwick lung von interaktiven, individualisierten und auf nutzer generierten Inhalten basierenden Angeboten künftig noch zu- kommen wird. Im zweiten Schritt (Abschnitt 7.2) wird das Social Web im Kontext der Kommunikations medien im engeren Sinne unter sucht, also der- jenigen techni schen Mittel, die über wiegend der interpersonalen Kommunika- tion dienen. Ein Fazit (Abschnitt 7.3) beschließt dieses Kapitel. 7.1 Das Social Web im Kontext medien übergreifender Repertoires öffent licher Kommunika tion Aus welchen Bestand teilen setzt sich das Medien repertoire Jugend licher und junger Erwachsener zusammen? Tabelle 7.1 zeigt, wie viele Befragte der Re- präsentativbefra gung die ver schiedenen Medien täglich nutzen. Deutlich vorn in der Nutzungs häufig keit liegt das Handy, das zwar bisher über wiegend zum Telefonieren und für SMS ver wendet wird (siehe dazu Kapitel 7.2), sich aber zunehmend zu einer Platt form für die Nutzung ver schiedenster Medien ent- wickelt. Auch der Computer ist in dieser Aufstel lung eher als Platt form für ver schiedene Anwen dungen zu ver stehen. Im Hinblick auf die Medien im engeren Sinne liegt das Internet mittlerweile hinsicht lich der täglichen Nutzung leicht vor dem Fernsehen und dieses wiederum leicht vor dem Hörfunk. Auch MP3-Player haben bei mehr als der Hälfte der hier unter suchten Alters gruppe ihren Platz im täglichen Medien repertoire. Mit einigem Abstand folgen CDs bzw. Kassetten und Zeitun gen sowie Bücher. Nur maximal zehn Prozent dieser Alters gruppe wenden sich täglich Computerspielen, Zeitschriften oder Videos zu. Aus anderen Untersuchungen bekannte Unterschiede zwischen den Ge- schlechtern zeigen sich vor allem im Hinblick auf die Computerspiele, die weitaus häufiger von Jungen und jungen Männern genutzt werden; außerdem nutzen diese häufiger das Internet und MP3s, während Mädchen und junge Frauen häufiger Bücher lesen, Radio hören und Handys nutzen. Zwischen den Alters gruppen ergeben sich eben falls die ver trauten Unterschiede, die doku- mentieren, dass sich in der hier unter suchten Alters spanne starke Ver schie- 245 bungen in der Zusammen setzung von Medien repertoires ergeben. Beim Radio sowie insbesondere bei der Zeitung liegt ein deut licher Zuwachs mit dem Alter vor, während Spiele vor allem für die jüngste Teilgruppe interessant sind. Sowohl das Internet als auch das Fernsehen und MP3s werden am häufigsten von der Gruppe der 15- bis 17-Jährigen genutzt. Tabelle 7.1: Medien bezogene Tätig keiten in der Freizeit (Befragte, die an geben, die be tref- fende Tätig keit „täglich“ auszu üben; Spalten prozente) Gesamt männlich weiblich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Ein Handy nutzen 78,7 72,1 85,6 61,4 76,9 83,8 87,2 Einen Computer be- nutzen 73,0 76,4 69,5 56,2 78,9 76,3 77,3 Internet bzw. Online- dienste nutzen 67,7 70,3 65,0 49,2 77,4 73,8 68,6 Fernsehen 65,0 65,5 64,5 65,4 73,5 55,0 66,8 Radio hören 59,8 52,9 67,1 46,2 58,8 63,1 66,5 MP3 s hören (Musik oder anderes) 57,9 64,5 51,1 50,8 76,4 63,1 45,5 CDs oder Kassetten anhören 38,9 39,2 38,6 39,7 35,6 44,4 36,5 Tages zeitung/Zei- tung lesen 35,0 38,9 30,9 15,4 30,4 39,0 47,2 Bücher lesen 20,9 16,6 25,5 29,8 20,9 13,1 20,9 Offline-Computer- spiele spielen 10,3 16,2 4,1 19,8 8,1 8,7 7,1 Zeitschriften bzw. Magazine lesen 9,1 9,6 8,5 9,8 9,5 8,8 8,5 Online-Spiele spielen 9,1 15,3 2,5 18,9 8,2 6,9 5,7 Videokassetten oder DVDs ansehen 5,2 6,0 4,4 3,8 3,4 5,0 7,6 Erläute rung: Die Frage lautete: „Jetzt geht es um Freizeittätig keiten. Ich nenne Dir jetzt einige Tätig- keiten. Bitte sage mir jeweils, wie oft Du das in Deiner Freizeit machst: täglich, mehrmals in der Woche, einmal in der Woche, einmal in 14 Tagen, einmal im Monat, seltener oder nie?“ Die Reihen folge der Tätig keiten wurde bei der Befra gung rotiert. Die Zusammen hänge zwischen den Nutzungs häufig keiten und -dauern der ver schiedenen Medien sind in aller Regel gering und meist positiv (siehe Tabelle 7.2). Signifikante positive Korrela tionen zeigen sich jeweils zwischen Radio, Zeitun gen und Zeitschriften. Die Lektüre von Büchern hängt mit der Häufig keit der Zeitschriften- und der Radionut zung zusammen; die einzigen signifikanten negativen Korrela tionen zwischen allen hier berücksichtigten Medien zeigen sich zwischen Büchern einer seits und Online- und Konsolen- spielen anderer seits, die wiederum unter einander deut lich positiv zusammen- hängen. Je häufiger das Internet genutzt wird, desto häufiger werden auch Zei- tun gen und Zeitschriften gelesen, Online-Spiele gespielt und Videos bzw. DVDs an gesehen; negativ hängt die Internet-Nutzung hingegen mit der Nutzung von 246 CDs/Kassetten zusammen. Die Häufig keit der Video-/ DVD-Nutzung hängt positiv mit Online- und Konsolen spielen sowie mit der CD-/Kassetten nutzung und der Zeitschriften lektüre zusammen. Diese Befunde, die die Ergebnisse zahl reicher Nutzungs studien bestätigen, weisen darauf hin, dass es im Hinblick auf die Nutzungs häufig keit keine aus- geprägten Negativ-Beziehungen zwischen den Medien gibt; das gilt auch für das Internet und seine Beziehungen zu den anderen Medien. Vielmehr scheinen die Medien unter einander tendenziell positiv miteinander zusammen zuhängen, was bedeutet, dass es Personen gibt, die generell mehr oder weniger Medien nutzen. Tabelle 7.2: Korrela tionen zwischen Nutzungs häufig keiten ver schiedener Medien 1) 2) 3) 4) 5) 6) 7) 8) 9) 10) 11) 1) Fernsehen .09 .09 2) Radio .21 .17 .09 .10 3) Zeitung .21 .19 .09 4) Zeitschrift .09 .17 .19 .13 .09 .09 5) Online-Spiele .34 –.11 .12 6) Konsolen spiele .09 .34 –.15 .14 7) Bücher .09 .13 –.11 –.15 .08 .12 8) Internet .09 .09 .12 .14 –.09 .16 9) Video/DVD .09 .14 .08 .14 .11 .16 10) CD/Kassette .10 .12 –.09 .11 11) MP3 .16 .16 Erläute rung: Berech nung des Korrelations koeffizienten nach Pearson; auf geführt sind ledig lich signifi- kante Korrela tionen, p < .05; n = 650. Für die Medien Fernsehen, Radio, Internet sowie Offline- und Online-Spiele wurde zusätz lich gefragt, wie lange diese genutzt werden (siehe Tabelle 7.3). Fernsehen und Internet liegen jeweils mit gut zwei Stunden täglicher Nutzungs- zeit vorn, es folgen das Radio mit eineinhalb Stunden, Konsolen spiele mit einer Dreiviertelstunde und Online-Spiele mit einer guten halben Stunde. Auch hier sind die Zusammen hänge durch weg positiv (siehe Tabelle 7.4), obwohl auf grund des auf 24 Stunden begrenzten Zeitvolumens eigent lich zu er warten wäre, dass eine höhere Nutzungs dauer bei einem Medium zwangs- läufig mit einer niedrigeren Dauer bei einem anderen Medium einher gehen müsste. Neben der durch die begriff liche Überlappung selbst verständ lichen Korrela tion zwischen Internet-Nutzung und Online-Spielen ist auch der Zu- sammen hang zwischen Online- und Offline-Spielen hoch plausibel. Nicht so selbst verständ lich sind hingegen die positiven Zusammen hänge zwischen Inter- net, Fernsehen und Radio. Mögen diese zum Teil auch daher rühren, dass sich hier bestimmte Formen des Antwort verhaltens nieder schlagen – etwa generelle Tendenzen des Über- oder Unterschätzens von Zeitspannen –, so ist doch 247 mit einiger Sicher heit fest zuhalten, dass diese Befunde gegen die Annahme sprechen, das eine Medium weite seine Nutzungs anteile auf Kosten eines anderen Mediums aus. Tabelle 7.3: Durchschnitt liche Nutzungs dauer für Fernsehen, Radio, Internet, Konsolen- spiele und Online-Spiele (in Minuten pro Tag, Montag bis Sonntag)95 Gesamt männlich weiblich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Fernsehen 130 131 129 126 137 118 136 Internet 127 139 114 108 142 130 126 Radio 93 93 93 67 91 90 111 Konsolen spiele 47 63 29 70 48 38 38 Online-Spiele 34 50 16 38 40 36 25 Tabelle 7.4: Korrela tionen zwischen den Nutzungs dauern ver schiedener Medien Internet Fernsehen Radio Online-Spiele Konsolenspiele Internet .21 .12 .31 .11 Fernsehen .21 .13 .10 .21 Radio .12 .13 Online-Spiele .31 .10 .20 Konsolen spiele .11 .21 .20 Erläute rung: Berech nung des Korrelations koeffizienten nach Pearson; auf geführt sind ledig lich signifi- kante Korrela tionen, p < .05; n = 650. Für ein genaueres Ver ständnis der Beziehung zwischen den ver schiedenen Medien ist es er forder lich, die Medien repertoires spezifi scher Teilgruppen zu unter suchen. Die bisherige Darstel lung unter schlägt, dass sich die Befragten in der Häufig keit der Nutzung der ver schiedenen Medien zum Teil sehr deut- lich unter scheiden. Um dem Rechnung zu tragen, wurde – im Sinne eines heuristi schen Ver fahrens zur Identifizie rung von Medien repertoires – über die oben dargestellten Häufig keiten der Nutzung ver schiedener Medien eine Cluster zentren analyse berechnet, die die Befragten in Gruppen unter teilt, die sich hinsicht lich ihrer Medien nutzung möglichst klar unter scheiden. Der heu- ris ti schen Zielset zung ent sprechend wurde eine Lösung gewählt, die in ihrer Komplexität noch über schau bar und gut interpretier bar ist. Die sechs gebil- deten Typen werden in Tabelle 7.5 beschrieben; das Muster der Medien nutzung, durch das sich jeder Typ aus zeichnet, kann als das je spezifi sche Medien- repertoire interpretiert werden. 95 In die Auswer tung gingen Befragte, die zuvor an gegeben hatten, das betreffende Medium nie zu nutzen, mit dem Wert 0 ein. Einige wenige Angaben, die über acht Stunden pro Tag für ein Medium hinaus gingen, wurden im Sinne einer Ausreißerkontrolle durch den Wert 480 Minuten ersetzt. 248 – Typ 1, die größte Gruppe, ist durch ein ver gleichs weise printorientiertes Medien repertoire gekennzeichnet: Bücher und Zeitun gen werden fast täglich genutzt, hinzu kommen CDs oder Kassetten. Das Fernsehen wird im Ver- gleich zu den anderen Typen etwas seltener genutzt – aber immer noch mehrmals pro Woche bis täglich. Die Nutzungs dauern von Fernsehen, Inter net und Konsolen- wie auch Online-Spielen sind unter durchschnitt lich. Dieses Repertoire ist eher bei Mädchen und jungen Frauen anzu treffen, es zieht sich durch alle Alters gruppen, ist aber besonders bei den ab 18-Jährigen über repräsentiert. Der formale Bildungs status ist deut lich über- durchschnitt lich. Als Kurzbezeich nung wird „Printorientierte“ gewählt. – Die zweit größte Gruppe, Typ 2, ist vor allem durch die fast über alle Medien hinweg intensive Medien nutzung gekennzeichnet; das Merkmal, das diesen Typ von den anderen am deut lichsten unter scheidet, ist die häufige Nutzung von Computerspielen. Zusätz lich zu den Offline- und Online-Spielen er- reicht diese Gruppe die höchsten Werte beim Fernsehen, bei Zeitschriften, beim Internet sowie bei Video/ DVD. Im Hinblick auf die Nutzungs dauer ist die Fernsehnut zung nur durch schnitt lich, dafür ver bringt dieser Typ mehr Zeit mit dem Internet und mit Spielen als die meisten anderen Gruppen. Jungen und junge Männer sind deut lich über repräsentiert, der Alterseffekt geht, allerdings sehr schwach, dahin, dass Jüngere über repräsentiert sind. Befragte mit niedrigerer formaler Bildung sind leicht über repräsentiert; der Zusammen hang mit der Bildung ist jedoch nicht linear, auch viele Gym- nasiasten bzw. Abiturienten gehören dieser Gruppe an. Als Kurzbezeich- nung wird „Spieleorientierte Vielnutzer“ gewählt. – Typ 3 ist vor allem an Audiomedien orientiert, zu den über durchschnitt lich häufig genutzten Medien gehören das Radio und CDs bzw. Kassetten, außer dem die Zeitung. Die Dauer der Radionut zung liegt weit über der aller anderen Gruppen. Spiele, Bücher und Videos/ DVDs werden seltener genutzt als von den anderen Gruppen. Die Geschlechter sind hier relativ gleich ver treten, es findet sich aber ein starker Alterseffekt: Fast die Hälfte der diesem Typ zu geordneten Befragten ist älter als 21 Jahre. Befragte mit niedrigerem formalem Bildungs niveau sind hier über repräsentiert. Als Kurz- bezeich nung wird „Audio- und Aktualitäts orientierte“ gewählt. – Typ 4 weist Ähnlich keiten zum voran gegangenen Typ auf, indem ebenso häufig – wenn auch nicht so lange – Radio gehört wird und Spiele kaum eine Rolle spielen. Der auf fällige Unterschied besteht darin, dass fast nie CDs oder Kassetten gehört werden, dafür aber umso häufiger MP3s. Die Werte für die übrigen Medien liegen jeweils leicht über dem Durchschnitt. Zugeordnet wurden hier etwas mehr weib liche als männ liche Befragte, die 12- bis 14-Jährigen sind deut lich unter-, die 18- bis 21-Jährigen deut lich über- repräsentiert. Diese Gruppe weist im Durchschnitt das höchste Bil dungs- niveau auf. Als Kurzbezeich nung wird „Mobile Audio orientierte“ ge wählt. 249 Tabelle 7.5: Beschrei bung der Medien repertoires und der soziodemographi schen Merkmale von sechs Nutzer typen Typ 1 Typ 2 Typ 3 Typ 4 Typ 5 Typ 6 Gesamt n = 148 n = 124 n = 111 n = 105 n = 94 n = 68 n = 650 Nutzungs häufig keit der ver schiedenen Medien (Mittelwerte)1: Fernsehen 1,74 1,33 1,51 1,52 1,47 1,63 1,54 Radio 2,22 1,75 1,71 1,68 2,17 5,24 2,27 Zeitung 1,82 2,59 1,77 2,40 6,40 5,64 3,11 Zeitschriften 3,80 3,69 3,88 3,85 4,17 5,16 4,00 Online-Spiele 6,13 2,06 6,17 6,19 6,01 4,88 5,22 Konsolen spiele 5,21 2,48 5,24 5,56 5,56 3,26 4,60 Bücher 1,72 4,15 5,85 3,41 3,28 5,87 3,82 Internet 1,71 1,28 1,55 1,45 1,89 1,71 1,59 Video/DVD 3,68 3,29 4,27 4,06 4,16 4,30 3,90 CDs/Kassetten 1,58 3,01 1,69 6,37 1,63 5,52 3,06 MP3 2,11 2,05 2,26 1,88 2,61 2,35 2,18 Nutzungs dauern in Minuten pro Tag: Fernsehen 118 133 138 125 125 149 130 Radio 96 88 149 74 86 33 93 Internet 115 152 117 114 111 166 127 Konsolen spiele 38 76 36 28 26 87 47 Online-Spiele 16 89 15 14 14 47 34 Zusammen setzung der Repertoiretypen nach Geschlecht, Alter und formaler Bildung (in Prozent): männlich 38,8 76,0 51,4 44,2 25,5 76,5 51,0 weiblich 61,2 24,0 48,6 55,8 74,5 23,5 49,0 12–14 Jahre 14,9 25,0 9,8 12,3 29,8 39,7 20,2 15–17 Jahre 20,3 22,6 21,4 23,6 28,7 20,6 22,7 18–21 Jahre 29,7 21,8 21,4 34,0 17,0 19,1 24,5 22–24 Jahre 35,1 30,6 47,3 30,2 24,5 20,6 32,5 Haupt schule 13,5 30,6 30,4 6,7 19,1 29,9 21,1 Realschule 29,7 26,6 33,9 36,2 37,2 34,3 32,5 Abitur/Studium 56,8 42,7 35,7 57,1 43,6 35,8 46,5 1 Antwort kategorien: 1 = täglich, 2 = mehrmals pro Woche, 3 = einmal pro Woche, 4 = einmal alle 14 Tage, 5 = einmal pro Monat, 6 = seltener, 7 = nie. – Typ 5 ist durch seine extrem seltene Zeitungs lektüre gekennzeichnet, auch das Internet wird seltener genutzt als von allen anderen Gruppen, aber immer noch „mehrmals pro Woche“. Besonders häufig werden CDs und Kassetten gehört. Die Nutzungs dauern sind moderat, insbesondere bei den Spielen. Drei Viertel dieser Gruppe sind weib lich, und die beiden jüngeren Alters gruppen sind deut lich über repräsentiert. Die formale Bildung schlägt sich hier nicht nieder. Als Kurzbezeich nung wird „Zurück haltende Wenig- nutzer“ gewählt. – Typ 6 schließ lich ist neben Typ 2 der einzige, der mit nennens werter Häu- fig keit Computerspiele spielt. Anders als bei Typ 2 lässt sich hier jedoch eine starke Fixie rung auf die Spiele fest stellen: Radio, Zeitun gen, Zeit- schriften, Bücher und Video/ DVD werden seltener genutzt als bei allen 250 anderen Gruppen, auch CDs/Kassetten und MP3s kommen ver gleichs weise selten vor. Dafür sind die Nutzungs dauern für das Fernsehen, das Internet, Offline-Computerspiele und Online-Spiele sehr hoch. Drei Viertel dieser Gruppe sind männ lich, zwei Fünftel sind unter 15 Jahre, es handelt sich um die jüngste Gruppe. Das Bildungs niveau ist ver gleichs weise gering. Als Kurzbezeich nung wird „Spielfixierte“ gewählt. Diese Eintei lung nach Medien repertoires führt vor Augen, dass Heran wach- sende aus dem verfüg baren Medien angebot für sich persön lich ganz unter- schied liche Mischungen zusammen stellen und dass diese, wie der Ver gleich nach Alter, Geschlecht und Bildung zum Ausdruck gebracht hat, offen bar zu- mindest zum Teil anhand der sozialen Position und der Lebens phase erklärt werden können. Kernfrage dieses Kapitels ist nun, wie die Angebote des Social Web in diese Medien repertoires ein gebettet sind bzw. ob sie über haupt mit diesen zusammen hängen. Wie Tabelle 7.6 zeigt, unter scheiden sich die Medien repertoire-Typen zum Teil in der Häufig keit der Nutzung ver schiedener Angebots formen des Social Web. Die „Printorientierten“ (Typ 1) gehören im Ver gleich zu den intensivsten Nutzern von Wikis, während Videoplatt formen und Instant Messaging für sie weniger Bedeu tung hat als für andere Gruppen. Die „Spieleorientierten Viel- nutzer“ (Typ 2), die sich durch ein besonders vielfältiges Medien repertoire aus zeichnen, er weisen sich auch im Social Web als besonders aktiv: Häufiger als alle anderen Gruppen ver wenden sie Instant Messaging, lesen und ver fas- sen sie Blogs, hören sie Musik dateien, schauen sie sich Filme und Videos an und stellen solche selbst ins Netz. Die „Audio- und Aktualitäts orientierten“ (Typ 3) haben im Ver gleich sehr wenig Interesse an Wikis und Blogs. Die „Mobilen Audio orientierten“ (Typ 4) sind die intensivsten Nutzer von Netz- werk platt formen und Wikis, während ihr Interesse an Video- oder Musik platt- formen relativ gering ist. Die „Zurück haltenden Wenignutzer“ (Typ 5) weisen auch bei den hier auf geführten Aktivitäten meist unter durchschnitt liche Werte auf; allerdings kommt es hier mit am ehesten vor, dass Wiki-Einträge ver fasst werden. Die „Spielefixierten“ (Typ 6) fallen dadurch auf, dass sie mit Abstand die geringste Nutzung von Netz werk platt formen auf weisen; demgegenüber spielen Angebote, bei denen Musik oder Filme bzw. Videos an gesehen werden können, hier eine große Rolle. Diese Gruppe stellt am häufigsten auch selbst Musik ins Netz. Dass die allein anhand der Nutzung der ver schiedenen Mediengat tungen unter schiedenen Typen sich auch in der Nutzung von Social Web-Angeboten unter scheiden, ist ein Hinweis darauf, dass das Social Web kein außerhalb der etablierten Medien landschaft stehender Bereich ist, sondern dass sich Muster des Umgangs mit den Medien der öffent lichen Kommunika tion auch auf das Social Web er strecken. 251 Tabelle 7.6: Häufig keit ver schiedener Aktivitäten im Umgang mit dem Social Web bei ver- schiedenen Nutzer typen (täglich /mehrmals pro Woche; in %) Gesamt Typ1 Typ 2 Typ 3 Typ 4 Typ 5 Typ 6 n = 650 n = 148 n = 124 n = 111 n = 105 n = 94 n = 68 Instant Messaging 69 64 77 66 71 63 73 Online-Communities 69 69 72 71 77 68 49 In Wikis lesen 38 45 37 27 46 37 31 In Wikis schreiben 2 3 1 0 2 3 0 Weblogs lesen 8 9 15 2 8 2 9 Weblogs ver fassen 3 4 6 0 4 1 6 Musik/Sound dateien anhören 58 58 67 52 52 51 62 Musik /Sound dateien einstellen 5 3 7 4 8 1 10 Filme/ Videos anschauen 34 28 51 26 30 26 46 Filme/ Videos einstellen 1 1 3 1 1 0 2 Dieses Argument soll weiter geprüft werden, indem die Medien repertoires mit den in Kapitel 4.3 gebildeten SNS-Typen in Beziehung gesetzt werden. Wie Tabelle 7.7 zeigt, sind die Unterschiede zwar nicht besonders aus geprägt, insgesamt stehen sie aber für einen signifikanten Zusammen hang zwischen den beiden Typen bildun gen, der das oben genannte Argument bekräftigt, dass die ver schiedenen Medien bereiche keine voneinander ab getrennten Sphären darstellen, sondern von den Nutzern in einen Gesamt zusammen hang integriert werden, der ihren individuellen und kontextuellen Bedin gungen ent spricht. Die Konsequenz daraus ist vor allem, dass ein und derselbe Medien- und Kommunikations dienst damit in ganz unter schied lichen Konstella tionen auf- treten kann, im Rahmen derer ihm ent sprechend eine jeweils unter schied liche Bedeu tung zukommt. Tabelle 7.7: Anteile der SNS-Nutzer typen an den Medien repertoire-Typen (in %) Typ 1 Typ 2 Typ 3 Typ 4 Typ 5 Typ 6 Gesamt SNS-Nutzer typen: n = 148 n = 124 n = 111 n = 105 n = 94 n = 68 n = 650 Nicht-Nutzer 12,2 8,8 11,8 8,6 8,6 19,1 11,1 Randnutzer ohne eigenes Profil 10,8 15,2 11,8 9,5 10,8 22,1 12,8 Routinierte Kontakt pflege 29,7 18,4 23,6 29,5 20,4 16,2 23,7 Außen orientierte Selbst - darsteller 10,8 21,6 20,9 12,4 12,9 16,2 15,7 Wenig interessierte Routinenutzer 10,1 12,0 7,3 12,4 5,4 10,3 9,7 Zurück haltende Freund- schafts orientierte 9,5 11,2 6,4 7,6 12,9 2,9 8,8 Intensive Netz werker 8,1 4,0 12,7 12,4 11,8 4,4 8,9 Reflektierte Gelegenheits - nutzer 6,1 4,0 4,5 6,7 11,8 7,4 6,5 Experimentierende Gelegenheits nutzer 2,7 4,8 0,9 1,0 5,4 1,5 2,8 252 Zusätz lich zu den Nutzungs häufig keiten wurde danach gefragt, für wie geeignet die Medien für ver schiedene Funktionen gehalten werden.96 Die dazu vor gegebenen Situa tionen sollten für den Informations bereich ver schiedene Ebenen ab decken, die sich aus unter schied lichen Informations bedürfnissen ergeben. – Mit dem Item „Wenn Du Dich informieren möchtest, was auf der Welt los ist“ soll das un gerichtete Informations bedürfnis ab gedeckt werden, welches darauf aus gerichtet ist, über relevante Neuig keiten informiert zu werden, ohne gezielt nach ihnen zu suchen. Dieses Informations bedürfnis wird vor allem von den journalisti schen Medien bedient. – Das Item „Wenn Du mehr über Themen bereiche er fahren willst, die Dich interessieren“ wird ein Informations bedürfnis an gesprochen, das sich aus persön lichen Interessen ergibt, im Hinblick auf die sich die Menschen unter scheiden und ent sprechend spezifi sches Wissen bilden. Ein solches Bedürfnis wird vor allem von thematisch fokussierten bzw. Special-Interest- Medien bedient. – Das Item „Wenn Du er fahren willst, was gerade ‚in‘ oder ‚out‘ ist“, zielt darauf ab, das Informations bedürfnis abzu decken, das sich auf die jeweilige Bezugs gruppe der Person bezieht, von der die Person wissen möchte, wie sie denkt, was sie für gut und richtig hält. Solche Bedürfnisse können vor allem von Communities und spezifi schen Zielgruppen medien erfüllt wer- den. – Das Item „Wenn Du Informa tionen zu einem konkreten Problem suchst, das Dich beschäftigt“ bezieht sich auf das Bedürfnis, in konkreten Problem- situa tionen konkrete individualisierte Informa tionen zu bekommen, die bei der Problemlö sung helfen. Hier können Massen medien kaum mehr helfen, es bedarf individualisier barer Medien- und Kommunikations dienste. Zusätz lich zu diesen informations orientierten Funktionen wurden einige eher emotions- und stimmungs bezogene Items auf genommen; eines bezieht sich auf eher beruhigende Funktionen („aus ruhen“), eines auf eher positiv-anregende („Spaß haben“), das Dritte schließ lich auf das Bedürfnis, auch einmal für sich allein zu sein. Die Ergebnisse sind auf der Ebene der Gesamt gruppe sehr deut lich (vgl. Tabelle 7.8): Bei den vier informations bezogenen Funktionen wird das Internet am häufigsten als am besten oder zweitbesten geeignetes Medium an gesehen. Während der Vorsp rung vor dem Fernsehen im Hinblick auf das allgemeine, un gerichtete Informations bedürfnis nur knapp ist, sind sich bei den themen- 96 Wortlaut der Frage: „Jetzt geht es um die Medien Fernsehen, Radio, Internet, Zeitun gen und Zeitschriften. Ich nenne Dir nun einige Situa tionen. Bitte sage Du mir jeweils, welches Medium Du da an 1. Stelle nutzen würdest, welches an 2. Stelle und welche Du über haupt nicht nutzen würdest.“ 253 und problembezogenen Informations bedürfnissen nahezu alle Befragten einig, dass das Internet nicht zu über treffen ist. Auffällig ist der Befund für das Item, das das gruppen bezogene Informations bedürfnis auf greifen sollte: Wenn es darum geht zu er fahren, was „in“ und „out“ ist, liegt zwar auch das Internet vorn, aber auch das Fernsehen und die Zeitschrift wird von Vielen als gut geeignet an gesehen. Eine genauere Analyse des Items „Wenn Du Dich informieren möchtest, was auf der Welt los ist“ nach Untergruppen zeigt, dass diese generellen Medien images in ver schiedenen Gruppen durch aus unter schied lich aus geprägt sind. Mädchen und junge Frauen halten vor allem das Fernsehen und gleichauf die Zeitung für die am besten geeigneten Medien (jeweils 31 %), bei Jungen liegt deren Anteil deut lich unter 30 Prozent, dafür meinen 42 Prozent, das Internet sei am besten geeignet (28 % der Mädchen). Tabelle 7.8: Eignung ver schiedener Medien für ver schiedene Funktionen (in % aller Be- fragten, n = 650) Fern- sehen Radio Internet Zeitung Zeit- schrift nichts davon Wenn Du Dich informieren möchtest, was in der Welt los ist. 29,5 4,3 34,8 28,5 2,4 0,4 30,6 12,4 31,4 19,2 5,3 1,1 7,5 31,9 9,2 7,2 35,9 11,3 Wenn Du Dich aus ruhen möchtest. 42,6 27,1 8,7 4,9 10,3 6,4 26,7 21,6 20,6 5,2 14,5 11,4 11,5 15,3 35,7 27,8 17,9 5,6 Wenn Du Informa tionen zu einem konkre- ten Problem suchst, das Dich beschäftigt. 2,5 1,0 90,0 3,1 1,6 1,8 21,1 6,1 3,3 24,0 36,8 8,6 30,8 48,1 1,5 11,4 14,4 3,5 Wenn Du er fahren willst, was gerade „in“ oder „out“ ist. 18,6 2,2 43,6 4,7 27,0 4,0 36,7 6,1 27,7 5,5 18,0 6,0 13,2 44,8 7,0 24,3 11,6 7,6 Wenn Du mehr über Themen bereiche er fahren willst, die Dich interessieren. 6,8 0,5 82,8 4,6 5,0 0,2 35,0 4,9 8,8 19,3 29,6 2,4 20,6 49,7 1,4 12,4 15,2 5,7 Wenn Du Spaß haben willst. 27,9 6,3 59,2 0,5 2,0 4,2 48,3 10,6 24,7 1,4 7,1 7,8 8,0 27,2 1,8 43,5 23,9 5,6 Wenn Du für Dich allein sein willst. 31,7 15,6 31,1 4,9 11,2 5,5 30,9 17,1 24,0 6,3 13,1 8,6 17,9 24,9 21,9 20,5 16,4 7,6 Erläute rung: Für jede Funktion sind in den ersten beiden ersten Zeilen die Anteile der Befragten an- gegeben, die das betreffende Medium als am besten bzw. zweitbesten geeignet ansehen; in der dritten, schattierten Zeile steht der Anteil der Befragten, die das Medium für die betreffende Situa tion für unge eignet halten. Wider gängige Erwar tungen sinkt der Anteil derjenigen, die die Zeitung für gut geeignet halten, mit dem Alter ab (12–14 Jahre: 30 %, 15–17 Jahre: 254 34 %, 18–20 Jahre: 31 %, 21–24 Jahre: 22 %), während der Anteil derer, für die das Internet im Vordergrund steht, steigt (von 28 % über 26 % und 37 % auf 44 %). Die oben beschriebenen Medien repertoire-Typen gehen mit noch aus ge- prägteren Unterschieden in der zu geschriebenen Informations funk tion der Medien einher. Bei den „Zurück haltenden Wenignutzern“ steht eindeutig das Fernsehen an erster Stelle (38 %), und auch das Radio kommt hier auf immer- hin 10 Prozent der Voten. Die „Audio- und Aktualitäts orientierten“, die sich unter anderem durch eine hohe Zeitungs nutzung aus zeichnen, platzieren be- sonders oft die Zeitung nach vorn (36 %). Hingegen steht das Internet bei den „Spielefixierten“ (46 %) und auch bei den „Spieleorientierten Vielnutzern“ (42 %) eindeutig auf Platz 1. Bei den emotions- und stimmungs bezogenen Items sieht das Spektrum zum Teil vielfältiger aus. Um auszu ruhen, ziehen die meisten das Fernsehen vor, es folgen das Radio und die Zeitschrift. Spaß hingegen ist in erster Linie eine Sache des Internets – fast 60 Prozent nannten es als erste Wahl, ein weiteres Viertel als zweite Wahl – und des Fernsehens. Um für sich allein sein zu können, werden Fernsehen und Internet gleichauf als beste Option genannt, hier haben ansonsten das Radio und die Zeitschrift recht viele Anhänger. Sieht man sich für die beiden letzt genannten Funktionen wieder die Unterschiede zwischen den ver schiedenen Gruppen an, dann finden sich klare gegen läufige Trends zu den obigen Beobach tungen zur Informations funk tion: Mit dem Alter nimmt die Einschät zung des Internets als Medium für Spaß und Entspan nung ab, hier tritt stattdessen zunehmend das Fernsehen in den Vordergrund. Die Funktions profile des Internets und der anderen Medien ver schieben sich also mit dem Alter, ent sprechend ändert sich auch ihre Rolle in den jeweiligen Medien repertoires. 7.2 Das Social Web im Kontext anderer Hilfs mittel zur interpersonalen Kommunika tion Während im voran gegangenen Kapitel die Frage im Vordergrund stand, in welchem Ver hältnis das Social Web zu den Medien der öffent lichen Kom mu- nika tion steht, geht es im Folgenden um die Positionie rung im Spektrum der ver schiedenen Optionen für die interpersonale Kommunika tion. Wie ge sehen sind direkte Austauschmöglich keiten mit individuell adressier baren Kontakten integraler Bestand teil vieler Social Web-Angebote, seien dies Netz werk - plattformen, Videoplatt formen oder Wikis – ganz zu schweigen vom Instant Messaging. Ähnlich, wie im Hinblick auf die Medien öffent licher Kommuni- ka tion, wird auch für die individuelle Kommunika tion ver mutet, dass die neuen techni schen Optionen und die ihnen zugrunde liegenden techni schen 255 und organisatori schen Merkmale weitreichende Ver ände rungen des Kommu- ni kations verhaltens nach sich ziehen können. Im Vordergrund steht dabei zum einen die Befürch tung, die technisch leicht gemachte Kontakt aufnahme mit Fremden, mit denen sich möglicher weise über den jeweiligen Online-Dienst rasch eine enge Kommunikations beziehung heraus bilden kann, könne die Wahrscheinlich keit unliebsamer oder sogar ge- fähr licher Begeg nungen in der Realwelt erhöhen – in Kapitel 5.2 wurde ein eindrück liches Beispiel für dieses Risiko geschildert. Zum anderen wird mit Sorge diskutiert, inwieweit die fließenden Grenzen zwischen tatsäch lich auf die beiden Kommunikations partner beschränkten Situa tionen und ver schie- denen Stufen der persön lichen, gruppen bezogenen oder gänz lich uneinge- schränk ten Öffentlich keiten von Jugend lichen und jungen Erwachsenen (aber durch aus auch von allen anderen Teilen der Bevölke rung) immer bewusst sind und das eigene Kommunikations verhalten ent sprechend an gepasst wird. Und schließ lich wird diskutiert, wie die Nutzer die neu verfüg baren techni schen Optionen domestizieren, wie sie diese also in ihre bestehenden Alltags kontexte einpassen. Ein besonders interessanter Aspekt daran sind die Ver wendungs- regeln, also diejenigen Routinen und Konven tionen, die sich um neue techni- sche Dienste herum bilden und die diesen Diensten ihren je spezifi schen kul- turellen Platz zuweisen. Sie umfassen, wie in Kapitel 1.3 er läutert wurde, Adäquanzregeln und prozedurale Regeln; Erstere bestimmen, in welcher Situa- tion welcher Dienst an gemessen ist, Letztere legen fest, welche konkreten Formen des Umgangs mit diesem Dienst als sozial an gemessen oder aber als unangemessen wahrgenommen werden. Dass die ver schiedenen Dienste des Social Web von Jugend lichen und jungen Erwachsenen intensiv zur Kommunika tion und zur Kontakt pflege genutzt werden, haben die voran gegangenen Kapitel eindrucks voll bestätigt. Die daran anknüpfende Frage in diesem Kapitel lautet, in welchem Ver hältnis die auf dem Social Web basierenden Kommunikations formen zu anderen technisch-vermittelten und direkten Formen der Kommunika tion stehen und welche Konven tionen sich unter Heranwachsenden heraus bilden, wozu einzelne Dienste ver wendet werden können und wozu nicht. Die Auswer tung beginnt mit einem Überblick über die Häufig keit, mit der die Befragten der Repräsentativbefra gung ver schiedene Dienste, die unter ande- rem der interindividuellen Kommunika tion dienen, genutzt werden. Tabelle 7.9 demonstriert die besondere Bedeu tung des Handys97, das von knapp 80 Prozent der unter suchten Alters gruppe täglich genutzt wird. Mädchen und junge Frauen ver wenden das Handy deut lich häufiger, außerdem nimmt die Häufig keit mit dem Alter zu. Die gesondert ab gefragten Optionen Telefonieren und SMS- Verschicken bzw. -Empfangen liegen gleichauf. Die SMS ist bei weib lichen 97 Eine Frage nach der Nutzung eines Fest netz telefons war im Fragebogen nicht ent halten. 256 Befragten besonders beliebt; in den beiden jüngeren Gruppen über trifft die SMS-Nutzung das Telefonieren per Handy, bei den älteren ist es um gekehrt. Wie bereits in Kapitel 4 beschrieben, folgen dann die drei Onlineanwen dungen Instant Messaging, E-Mails und Netz werk platt formen sowie mit etwas Abstand Chats. Direkte Treffen mit Freunden oder anderen Bekannten sind bei gut einem Drittel täglich auf der Tagesord nung, Unterneh mungen mit der Familie sind ver gleichs weise selten. Nur wenige Befragte ver wenden bisher das Internet zum Telefonieren. Tabelle 7.9: Häufig keiten kommunikativer Aktivitäten (Befragte, die an geben, die be tref- fende Tätig keit „täglich“ auszu üben; Spalten prozente) Gesamt männlich weiblich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Ein Handy nutzen 78,7 72,1 85,6 61,4 76,9 83,8 87,2 Mit dem Handy telefonieren 54,5 53,6 55,5 34,4 48,6 58,8 68,2 SMS senden/ empfangen 54,4 48,2 60,8 43,8 53,1 58,4 58,5 Instant Messaging 51,8 55,1 48,3 45,4 65,5 57,8 41,2 E-Mails senden/ empfangen 47,4 43,7 51,3 26,9 42,6 52,5 59,7 Online-Communities besuchen 45,3 44,7 45,9 37,4 55,4 45,7 43,3 Sich mit Freunden bzw. Leuten treffen 36,9 41,4 32,1 32,8 47,6 44,7 25,8 Chatten 28,9 28,9 28,9 41,2 45,6 22,8 14,7 Etwas mit der Familie unter nehmen 8,0 6,3 9,7 5,3 10,2 5,6 10,3 über Internet telefonieren 6,0 8,7 3,1 4,6 8,2 5,6 5,2 Die Zusammen hänge zwischen diesen kommunikativen Aktivitäten er wei- sen sich als durch weg positiv, das heißt, die Befragten zeigen eine generelle Tendenz, mehr oder weniger zu kommunizieren. Negative Zusammen hänge hätten an gezeigt, dass zwei oder mehr Optionen unter einander in einem direk- ten Konkurrenz verhältnis stehen – in dem Sinne, dass je mehr die eine genutzt wird, desto weniger die andere. Es bietet sich also an, auf der Grundlage der in Tabelle 7.9 auf geführten Aktivitäten einen Summen index zu bilden, der die Vielfalt und Häufig keit der kommunikativen Aktivitäten der betreffenden Person zusammen fasst.98 Im Durchschnitt er reichen die Befragten hier einen 98 Wie bereits in Kapitel 4 anhand analoger Indizes er läutert, ging in den Summen index die „tägliche“ Nutzung eines Diensts mit dem Wert 1 ein, „mehrmals pro Woche“ wurde als 0,5 berechnet. Bei neun Aktivitäten kann dieser Index somit den Maximalwert 9 er reichen – was auch bei einem Befragten der Fall ist –, der dokumentiert, dass alle hier berücksichtigten Dienste täglich genutzt werden. 257 recht hohen Wert von 4,5 (siehe Tabelle 7.10), der anzeigt, dass täglich 4,5 der berücksichtigten Kommunikations optionen genutzt werden. Während sich die Geschlechter in dieser Hinsicht nicht signifikant unter scheiden, ist dies bei den Alters gruppen der Fall: Die höchste Kommunikations intensität besteht bei den 15- bis 17-Jährigen, die geringste bei den 12- bis 14-Jährigen. Tabelle 7.10: Summen index für die Vielfalt und Häufig keit der kommunikativen Aktivitäten (Mittelwerte) Gesamt männlich weiblich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Vielfalt und Häufig keit kommunikativer Aktivitäten 4,52 4,47 4,56 4,03 4,94 4,63 4,44 Es zeigt sich, dass die Nutzung von Netz werk platt formen eng mit den be- obacht baren Unterschieden in der Vielfalt und Häufig keit der kommunikativen Aktivitäten zusammen hängt. Die in Kapitel 4 gebildeten SNS-Nutzer typen unter scheiden sich deut lich in ihrer allgemeinen kommunikativen Aktivität. Aus Abbil dung 7.1 geht hervor, dass die als „Intensive Netz werker“ und als „Außen orientierte Selbst darsteller“ bezeichneten Personen mit Abstand die größte kommunikative Aktivität zeigen. Auf der anderen Seite zeichnen sich die SNS-„Nicht-Nutzer“, die „Nutzer ohne eigenes Profil“ und die „Reflektier- ten Gelegenheits nutzer“ durch die geringste kommunikative Aktivität aus. Abbil dung 7.1: Vielfalt und Häufig keit der kommunikativen Aktivitäten nach SNS-Nutzer- typen Zurückhaltende Freundschaftsorientierte 2,78 3,70 4,94 5,36 4,33 4,78 5,76 3,56 5,00 0 1 2 3 4 5 6 7 Nicht-Nutzer Randnutzer ohne eigenes Profil Routinierte Kontaktpflege Außenorientierte Selbstdarsteller Wenig interessierte Routinenutzer Intensive Netzwerker Reflektierte Gelegenheitsnutzer Experimentierende Gelegenheitsnutzer 258 Der enge Zusammen hang zwischen SNS-Nutzung und kommunikativen Aktivitäten wird noch deut licher, wenn die Nutzer typen auf der Ebene von Einzelaktivitäten betrachtet werden (siehe Tabelle 7.11). Die dem Typ 7 zu- geordneten „Intensiven Netz werker“ er reichen bei den meisten Einzelaktivi- täten den höchsten Wert, es handelt sich also generell um besonders aktive Kommunikatoren. Ein eben falls besonders breites Kommunikations spektrum haben die unter Typ 4 zusammen gefassten „Außen orientierten Selbst darstel- ler“; bei dieser relativ jungen Gruppe sind Chats und direkte Treffen mit Freunden besonders häufig, während E-Mail nur unter durchschnitt lich genutzt wird. Auf der anderen Seite stehen die „Nicht-Nutzer“ von Netz werk platt- formen (Typ 1), die den Ergebnisse zufolge auch die anderen Kommunikations- mittel nur sehr zurück haltend nutzen. Bei der im Typ 2 zusammen gefassten Gruppe der „Randnutzer ohne eigenes Profil“ ist auch eine generell geringe kommunikative Aktivität zu beobachten, allerdings spielt hier zumindest das Telefonieren eine über durchschnitt liche Rolle. Die übrigen Gruppen repräsen- tieren ver schiedene Mischungs verhältnisse der ver schiedenen Kommunikations- Tabelle 7.11: Häufig keiten kommunikativer Aktivitäten bei ver schiedenen SNS-Nutzer typen (Befragte, die an geben, die betreffende Tätig keit „täglich“ auszu üben; Spalten- prozente) Typ 1 Typ 2 Typ 3 Typ 4 Typ 5 Typ 6 Typ 7 Typ 8 Typ 9 n = 72 n = 83 n = 150 n = 101 n = 65 n = 59 n = 58 n = 42 n = 18 Ein Handy nutzen 62,0 72,0 88,3 83,3 67,2 82,1 89,8 73,8 83,3 Mit dem Handy tele- fonieren 48,6 61,0 57,8 61,2 40,6 45,6 62,7 53,5 36,8 SMS senden/ empfangen 40,3 44,7 65,6 62,1 36,5 46,4 76,7 38,1 61,1 Instant Messaging 26,0 36,1 50,3 72,5 53,1 63,2 72,9 30,2 64,7 E-Mails senden/ empfangen 26,8 34,1 61,7 46,6 50,0 48,2 61,7 33,3 42,1 Online-Communities nutzen 0,0 13,1 61,7 67,3 43,8 50,0 88,1 11,6 44,4 Sich mit Freunden bzw. Leuten treffen 20,8 35,7 28,8 50,5 32,8 44,6 49,2 37,2 47,4 Chatten 8,2 13,3 29,9 52,9 18,8 31,6 50,0 9,3 40,0 Etwas mit der Familie unter nehmen 11,1 7,1 3,9 4,9 12,5 7,1 10,3 14,3 15,8 Über Internet tele- fonieren 4,1 7,2 7,8 5,0 6,3 7,1 3,4 2,4 10,5 Erläute rung: Die hellgraue Unterle gung zeigt an, dass der betreffende Typ die jeweilige Aktivität deut- lich häufiger als der Durchschnitt nutzt; die dunkelgraue zeigt besonders niedrige Werte an. Zur Er- läute rung der SNS-Nutzungs typen: Typ 1: Nicht-Nutzer; Typ 2: Randnutzer ohne eigenes Profil; Typ 3: Routinierte Kontakt pfleger, Typ 4: Außen orientierte Selbst darsteller; Typ 5: Wenig interessierte Routine- nutzer; Typ 6: Zurück haltende Freundschafts orientierte; Typ 7: Intensive Netz werker; Typ 8: Reflektierte Ge legenheits nutzer, Typ 9: Experimentierende Gelegenheits nutzer. 259 medien, deren Eigen heiten zum Teil im Nach hinein die Defini tion der SNS- Typen validieren: So ergeben sich für den Typ 6, der an gesichts seiner Umgangs weisen mit Netz werk platt formen als „Zurück haltende Freundschafts- orientierte“ bezeichnet wurde, durch weg eher durch schnitt liche Werte – mit der einen Ausnahme der relativ häufigen persön lichen Treffen mit Freunden. Die Tatsache, dass die Untertei lung der Befragten nach der Art und Weise, wie sie mit Netz werk platt formen umgehen, mit so drasti schen Unterschieden im Hinblick auf die Häufig keit anderer kommunikativer Aktivitäten einher- geht – die oben dokumentierten Unterschiede nach Alter und Geschlecht (siehe Tabelle 7.9) sind bei Weitem nicht so aus geprägt –, können erstens als Anhaltspunkt dafür gewertet werden, dass mit der Typen bildung tatsäch lich bestehende Unterschiede erfasst wurden. Zweitens unter streichen diese Be- obach tungen, dass die Nutzung von Netz werk platt formen ein integraler Be- stand teil des Kommunikations verhaltens und damit des Beziehungs mana ge- ments von Heranwachsenden ist. Neben der Häufig keit der Nutzung einzelner Kommunikations dienste inte- res siert an dieser Stelle auch die Einschät zung des Funktions spektrums dieser Dienste durch die Heranwachsenden. Dazu wurden zehn soziale Situa tionen vor gegeben, von denen die Befragten jeweils an geben sollten, welches Kom- munikations mittel aus ihrer Sicht in dieser Situa tion am besten und am zweit- besten geeignet und welches ganz unge eignet ist. Tabelle 7.12 unter streicht, dass das persön liche Treffen mit weitem Abstand das am besten geeignete Mittel für die meisten hier behandelten Situa tionen ist. Die einzige Ausnahme sind Ver abre dungen – die ja auch in der Regel erst die Vorausset zung dafür sind, dass es zu einem persön lichen Treffen kommen kann. Je ver bind licher und vor allem je kritischer die Situa tionen werden, desto deut licher wird der Vorsp rung der persön lichen Treffen vor allen Formen der ver mittelten Kommunika tion: In der Ausnahmesitua tion, in der eine Beziehung beendet wird, halten 88 Prozent der Befragten eine persön liche Begeg nung für den an gemessenen Weg, fast ein Fünftel gibt über dies an, dass es dafür aus ihrer Sicht keine zweitbeste Alternative gibt. Diese besondere Rolle der per- sön lichen Treffen kommt auch in einem zusammen fassenden Index zum Aus- druck, der für jedes Kommunikations mittel angibt, für wie viele Situa tionen es als am besten oder zweitbesten geeignet an gesehen wird; die persön lichen Treffen kommen hier auf einen Mittelwert von 7,0 (siehe Tabelle 7.13). 260 Tabelle 7.12: Eignung ver schiedener Kommunikations mittel für konkrete soziale Situa tio- nen (in % aller Befragten, n = 650) Treffen Brief SMS E-Mail Telefon IM SNS HP nichts davon Sich ver abreden 15,8 0,4 19,8 1,0 49,2 12,7 0,8 0,2 0,1 9,7 0,7 29,0 10,1 26,0 19,3 4,5 0,1 0,5 7,9 43,2 4,3 14,3 1,5 8,8 12,4 17,9 6,9 Über Hobbys aus- tau schen 41,2 0,3 3,0 4,1 13,1 26,0 9,5 1,6 1,1 15,9 1,7 8,6 7,4 31,4 22,1 9,5 0,9 2,4 4,8 37,6 17,3 10,8 6,2 6,9 6,4 16,6 6,2 Tratschen und Quatschen 44,0 0,2 2,1 0,6 33,1 17,6 2,0 0,2 0,2 21,3 0,5 6,0 4,8 40,3 19,9 5,8 0,5 0,8 2,2 38,4 18,3 13,3 1,8 8,0 8,9 19,5 5,8 Neue Leute kennen- lernen 45,5 0,4 0,6 2,3 1,6 29,4 17,8 1,3 1,0 15,9 2,6 6,9 5,5 9,3 24,5 21,2 4,1 10,1 7,2 34,1 19,1 12,3 20,2 7,7 6,3 13,9 4,6 Neue Freund schaften schließen 56,6 0,3 2,3 1,9 4,8 20,7 11,8 0,8 0,7 15,5 2,8 6,2 6,1 20,5 25,2 15,6 1,3 6,8 4,1 34,6 17,8 14,6 11,9 9,9 10,7 17,4 5,1 Flirten 59,6 0,6 3,7 1,8 5,3 19,9 6,5 0,2 2,4 9,8 2,5 16,5 5,0 26,1 19,8 12,7 0,8 6,8 4,3 5,5 13,0 12,3 10,9 12,0 10,8 20,2 4,9 Enge Freund schaften pflegen 77,6 1,2 2,7 1,4 12,2 3,8 0,6 0,1 0,4 6,7 3,2 9,9 3,1 53,6 17,9 3,3 0,0 2,3 0,5 32,0 10,8 11,5 2,6 14,4 14,3 24,1 7,2 Einen Streit klären 81,6 0,9 2,7 0,1 10,3 3,5 0,4 0,1 0,4 6,7 4,4 8,2 2,1 60,3 12,0 1,5 0,0 4,6 0,7 27,5 26,2 18,6 3,4 22,1 16,5 18,8 2,8 Beziehungs probleme klären 84,1 1,0 1,3 1,0 8,6 2,3 0,3 0,0 1,3 5,8 6,5 7,5 2,4 60,2 8,1 1,5 0,0 8,0 1,7 25,4 29,3 17,7 4,6 24,8 18,5 23,3 3,7 Eine Beziehung beenden 87,6 2,1 2,8 0,9 5,3 0,4 0,0 0,0 0,9 2,0 13,1 7,4 2,1 50,7 5,2 1,0 0,0 18,5 2,3 22,5 47,8 21,4 12,6 27,0 21,6 21,6 3,6 Erläute rung: Für jede Situa tion sind in den ersten beiden ersten Zeilen die Anteile der Befragten an- gegeben, die das betreffende Medium als am besten bzw. zweibesten geeignet ansehen; in der dritten, schattierten Zeile steht der Anteil der Befragten, die das Medium in der betreffenden Situa tion für un- ge eignet halten. Tabelle 7.13: Durchschnitt liche Zahl der Situa tionen, in denen die Kommunikations mittel für besonders gut oder gar nicht geeignet gehalten werden (Summen wert über zehn Situa tionen) Zahl der Situa tionen, für die das Medium … Treffen Brief SMS E-Mail Telefon IM SNS HP … am besten/zweit- besten geeignet ist 7,0 0,5 1,5 0,6 5,2 3,1 1,3 0,1 … unge eignet ist 0,4 3,3 2,0 1,5 0,8 1,4 1,3 1,9 261 Als Alternative zu persön lichen Treffen gilt in erster Linie das Telefon, das im Durchschnitt bei fünf Situa tionen als geeignet bezeichnet wird; es ist vor allem für Ver abre dungen und zum Tratschen beliebt, wird aber auch in kriti- schen Situa tionen – nach dem persön lichen Treffen – besonders oft als zweit- beste Option an gesehen. An dritter Stelle folgt Instant Messaging mit im Durchschnitt gut drei Situa- tionen; hier liegen die besonderen Stärken in Situa tionen, in denen man neue Leute kennen lernen, neue Freund schaften schließen oder sich über Interessen und Hobbys austau schen möchte. Deutlich weniger geeignet ist dieser Kom mu- nikations dienst für die Pflege enger Freund schaften sowie vor allem für kritische Situa tionen, in denen eindeutig die Meinung über wiegt, Instant Messaging sei hier unge eignet. Mit nochmals erkenn barem Abstand folgt mit 1,5 geeigneten Situa tionen die SMS; dieser Dienst weist eine klare Spezialisie rung auf Ver abre dungen auf. Aufgrund der begrenzten Ausdrucks möglich keiten ist es plausibel, dass die SMS häufiger als alle anderen hier berücksichtigten Dienste nicht für ge- eignet gehalten wird, kritische Situa tionen zu bewältigen. Die Netz werk platt formen weisen eben falls ein klares Profil auf: Sie kommen vor allem zum Einsatz, wenn es darum geht, neue Leute kennen zulernen oder neue Freund schaften zu schließen. Als unge eignet werden die Kommunika- tions möglich keiten auf Netz werk platt formen bei den meisten Situa tionen nur von relativ wenigen Befragten bezeichnet, was für ein im Prinzip breites Funk- tions spektrum spricht. E-Mails spielen bei diesem Ver gleich der Kommunikations mittel eine be- scheidene Rolle; nur selten werden sie als beste oder zweitbeste Lösung in einer Situa tion an gesehen, am ehesten noch für Ver abre dungen und zum Austausch über Interessen und Hobbys. Bei allen im engeren Sinne persön lichen Situa- tionen gehört die E-Mail nicht zur ersten Wahl. Allerdings ist auch zu be- obachten, dass die E-Mail mit im Schnitt 1,5 ab gelehnten Situa tionen im Prinzip für mehr Situa tionen ver wendet werden kann als die SMS (2,0 Situa- tionen). Das Profil der E-Mail ist also weniger scharf als das der SMS. Mit dem Brief wurde ein möglicher weise antiquiert wirkendes Kommu ni- kations mittel in die Befra gung auf genommen. Als asynchrones Medium ist es den anderen Diensten insbesondere in den spontanen Situa tionen unter legen. Das äußert sich darin, dass in diesen Situa tionen besonders viele Befragte an geben, der Brief sei hier unge eignet. Interessant ist, dass allein bei der Situa tion des Flirtens keine so hohen Ablehnungs werte vor liegen: Zwar gibt es dazu aus der Sicht der Befragten bessere Alternativen, aber ein werbender Brief wird offen bar nach wie vor als Option betrachtet. Eine gewisse Bedeu- tung gewinnt der Brief bei den persön lich engeren Beziehungen und bei kritischen Situa tionen. Es fällt allerdings auf, dass immerhin ein Drittel der Befragten sagt, ein Brief sei zur Pflege enger Freund schaften unge eignet – 262 diese Funktion wäre ihm von früheren Genera tionen sicher lich ent schieden zu gesprochen worden; hier zeigt sich also eine erheb liche Ver schie bung in der kulturellen Bedeu tung des Briefs. Die private Homepage oder ein eigenes Weblog wurden in die Liste der möglichen Kommunikations mittel auf genommen, da sie zumindest nah an die interpersonale Kommunika tion heran reichen. Die Ergebnisse zeigen aber, dass diese für die hier vor gegebenen Situa tionen keine Rolle spielen; am ehesten ist dies noch für das Kennen lernen neuer Leute der Fall. Erstaun lich ist, dass auch die Situa tion des Austauschs über Hobbys, der etwa in Form eines Blogs organisiert werden könnte, keine höheren Zustimmungs werte er halten hat. Hierin äußert sich möglicher weise die generell geringe Ver traut heit der Jugend- lichen und jungen Erwachsenen mit diesem Format. 7.3 Fazit In diesem Kapitel wurde unter sucht, wie der Umgang mit Social Web-Ange- boten in die Nutzung anderer Medien- und Kommunikations dienste integriert ist und welche medien übergreifenden Kommunikations muster sich damit unter heutigen Jugend lichen und jungen Erwachsenen zeigen. Da die Social Web- Angebote durch ihren spezifi schen Charakter sowohl in die Sphäre der öffent- lichen Kommunika tion als auch in die Sphäre der interpersonellen Kommu- nika tion hinein reichen, wurden dabei beide Sphären in den Blick genommen. Als über greifendes Ergebnis zu beiden Bereichen ist fest zuhalten, dass der Umgang mit dem Social Web im Allgemeinen und mit Netz werk platt formen im Besonderen eng mit anderen Kommunikations formen ver bunden ist. Dies bedeutet etwa, dass sich Unterschiede im Umgang mit anderen Medien- und Kommunikations diensten auch in Unterschieden im Umgang mit dem Social Web nieder schlagen. Vor allem aber folgt daraus, dass dem Social Web in Gruppen, die sich in ihrem Medien- und Kommunikations repertoire unter- scheiden, eine je spezifi sche Rolle zukommt. Die Unterschiede in der Rolle des Social Web bestehen nicht nur in quantitativer Hinsicht, also darin, ob es sich um mehr oder weniger intensive Nutzer von Netz werk platt formen handelt. Sie bestehen auch und gerade in qualitativer Hinsicht, also darin, welche kon- kreten Funktions erwar tungen die jeweiligen Jugend lichen und jungen Erwach- senen den einzelnen Angeboten gegen über haben. Im Hinblick auf das Spektrum der Medien öffent licher Kommunika tion ist deut lich geworden, dass das Internet in dieser Alters gruppe zum meist ge- nutzten Medium geworden ist, dem zudem auch die vielfältigsten Funktionen zu geschrieben werden. Dabei ist allerdings zu betonen, dass, wie die Auswer- tungen in Kapitel 4.1 gezeigt haben, das Internet längst nicht mehr als ein Medium neben den anderen Medien betrachtet werden kann, sondern als eine 263 Ver breitungs platt form für eine Fülle von Diensten – einschließ lich des Fern- sehens, des Radios und der Zeitung. Dieser Umstand wird künftig auch eine Anpas sung der Untersuchungs ansätze er fordern, mit denen das Zusammen- wirken ver schiedener Medien angebote unter sucht wird. Die intensive Nutzung einer breiten Palette von technisch-vermittelten Kom munikations formen für die interpersonelle Kommunika tion dokumentiert die besondere Bedeu tung dieses Funktions bereichs für Jugend liche und junge Heranwachsende. Sehr klar erkenn bar ist, dass sich die direkte personale Kom munika tion und das persön liche Treffen als die ideale Option für die meisten Kommunikations situa tionen er weisen. Dies ist insbesondere für Situa- tionen mit höherer Ver bindlich keit der Fall. Auch wenn insoweit keine An- zeichen für eine Ver schie bung hin zu technisch ver mittelten Kommunikations- formen zu beobachten sind, muss doch ernst genommen werden, dass die Häufig keit und Intensität des Umgangs mit techni schen Kommunikations- mitteln die Gelegen heiten zur personalen Kommunika tion deut lich über trifft und deshalb auch an Bedeu tung für die sozialen Beziehungen gewinnt. 265 8 Entwicklungs aufgaben im Social Web Jan-Hinrik Schmidt, Ingrid Paus-Hasebrink, Uwe Hasebrink Dieses Kapitel führt die Befunde der voran gegangenen Abschnitte zusammen und diskutiert sie ent lang der drei zentralen Entwicklungs aufgaben, denen sich insbesondere Jugend liche gegen über sehen, und die sie – unter anderem – mit- hilfe von Angeboten des Social Web zu bewältigen ver suchen: Die Selbstaus- einander setzung, die mit Praktiken des Identitäts managements korres pondiert (Abschnitt 8.1), die Sozial auseinander setzung, die Formen des Beziehungs mana- gements notwendig macht (Abschnitt 8.2) sowie die Sachauseinander setzung, die durch das Informations management unter stützt wird (Abschnitt 8.3). 8.1 Selbst auseinander setzung im Social Web Im Rahmen der Identitäts genese spielt die Selbst auseinander setzung, also die Erfah rung mit eigenen Wünschen, Hoffnun gen und Vorstel lungen, mit Gegen- warts- und Zukunfts szenarien zum Selbst bild, mit Möglich keiten des Selbst- aus drucks und der Selbst präsenta tion, eine wichtige Rolle. Insbesondere Jugend- liche, aber auch junge Erwachsene sind heraus gefordert, ihren Standort in der Welt zu finden und zu behaupten; dazu ist eine möglichst stabile Identität von Nöten. Zur Entwick lung junger Menschen gehört es, sich selbst – auch mit der ent sprechenden Wirkung auf andere – auszu probieren und Rückmel dungen zu sammeln, die wiederum Relevanz für weitere Reflexionen gewinnen und ent- weder zu einer Festi gung oder auch zur Korrektur des Selbst bildes führen können. Das Social Web ermög licht derartige „Als-ob-Spiele“ in der Ausbil dung von Identität(en) und bietet – noch weit gehend un verbind liche – Formen des Ausprobierens von Handlungs optionen zur virtuellen Selbst(re) präsenta tion. Gleichzeitig und damit unmittel bar ver bunden bzw. ver woben unter stützen die Formen und Foren des Social Web Prozesse der Selbst auseinander setzung; sie bieten ein Forum, die eigene Person einer größeren Community gegen über dar- und auszu stellen. 266 Fink und Kammerl (2001) umreißen das Potenzial von Online-Welten, u. a. von Netz werk platt formen, in folgenden Möglich keiten: mit Rollen zu spielen und zu experimentieren, sich mit Selbstidealen und Selbstaspekten aus ein- ander zusetzen sowie Erfahrung mit sich selbst zu sammeln und zu reflektieren, Selbstwert herzustellen bzw. zu stärken, das Gefühl von Einzigartigkeit zu erleben bzw. sogar eine bewusst initiierte Selbsterhöhung zu praktizieren, aber auch Integrationsschwierigkeiten auszuweichen und Online-Angebote, wie z. B. Social Network Sites, zum Rückzug bzw. zur Flucht aus der fordernden und zuweilen überfordernden Realität und zur Kompensierung fehlender Kon- troll erlebnisse in der Realität zu nutzen. Spiegelt man die Ergebnisse der vorliegenden Studie in Bezug auf die Handlungsweisen Jugendlicher und junger Erwachsener im Social Web, so bestätigt sich, dass Social Web-Angebote zum Identitätsmanagement heran- gezogen werden. Im Vordergrund stehen dabei die Netzwerkplattformen, ins- besondere SchülerVZ und StudiVZ sowie mit Abstrichen MySpace, Netlog oder Facebook. Instant Messaging (ICQ und MSN) liegen in Bezug auf Identi- tätsmanagementprozesse dagegen zurück, ebenso Videoplattformen bzw. Musik- plattformen. Außerhalb von Netzwerkplattformen wird mit Social Web-Ange- boten also kaum Identitätsmanagement betrieben; so liegt nur sehr wenigen Jugendlichen und noch weniger den jungen Erwachsenen daran, Fotos von sich, etwa von Partys oder Veranstaltungen, hochzuladen (dies geschieht dann eher von anderen, um sich schlicht einen Spaß zu machen, aber auch, um Online-Mobbing zu betreiben) und sich damit z. B. in Gästebüchern etc. zu (re) präsentieren. Die Fotoplattform Flickr ist, wie die Gruppendiskussionen zeigen, kaum bekannt und wird entsprechend nur sehr selten bzw. gar nicht genutzt. Ebenso wenig werden Video- oder Musikplattformen zur Selbst- präsentation herangezogen. Denn den wenigen Jugendlichen und jungen Er- wachsenen, die Social Web-Angebote tatsächlich kreativ nutzen und z. B. ein Video produzieren und dieses auf YouTube stellen (wie etwa die Jugendlichen des Handlungstyps 1), geht es nicht in erster Linie um den Aspekt der Selbst- (re) präsentation, sich als Person vor- oder auszustellen, sondern vielmehr um das Anliegen, etwas selbst zu produzieren, also eigene Fähigkeiten zu testen, indem sie etwas selbst gestalten, oder – dies weniger kreativ – z. B. den Mit- schnitt eines Live-Konzerts hochzuladen, um ihn Gleichgesinnten zur Kenntnis zu geben. Die Chance aber, Aspekten der eigenen Person, vor allem durch das Aus- füllen von Profilseiten auf Netz werk platt formen inklusive der darin integrier- ten Fotos, Ausdruck zu ver leihen und diese zu ver öffent lichen, wird hingegen von den weitaus meisten Jugend lichen genutzt. Neben der Gestal tung und Pflege eigener Profilseiten auf einer Netz werk platt form – dies ist die wichtigste Form des Identitäts managements im Social Web – nutzen die befragten Jugend- lichen auch die auf Social Network Sites an gebotene Möglich keit, dort Zuge- 267 hörig keiten zu bestimmten Gruppen zu er klären und sich damit anderen gegen- über klar zu positionieren. Über die gewählten Gruppen und die dort beschriebenen Charakteristika beschreiben sich die Jugend lichen selbst bzw. sie repräsentieren und positionieren sich damit gleichzeitig – für andere in der Community gut sicht bar – in dem, was sie sind bzw. sein möchten. Identitäts- management ist dadurch auch untrenn bar mit Beziehungs management ver bun- den, da sich die eigene Identität erst im Wechselspiel mit und der Positionie- rung zum gesell schaft lichen Umfeld bilden kann. Es lassen sich dabei allerdings deut liche Unterschiede zwischen den be- fragten Jugend lichen – für junge Erwachsene spielt das Social Web zum Identitäts management keine Rolle mehr – in Intensität und Ausgestal tung fest- stellen, wie die Handlungs typen zum Umgang mit Social Web-Angeboten zeigen. So spielt etwa die Möglich keit, sich selbst darzu stellen, wie bereits an gesprochen, für die Angehörigen des Handlungs typs 1 („Die kreativ-enga- gierte Social Web-Nutzung auf unterschiedlichen Ebenen“) – dazu zählen Jungen, Gymnasiasten sowie ein Realschüler unterschiedlichen Alters und ledig lich ein jüngeres Mädchen, eine Afghanin mit einem spezifischen lebens- weltlichen Hintergrund – keine zentrale Rolle. Für diese im Umgang mit dem Social Web selbstbewussten und neugierig-kompetenten Nutzer geht es im Wesentlichen darum, selbst kreativ zu werden und Angebote zu bearbeiten und zu gestalten. Im Vordergrund steht bei ihnen – wenn auch unterschwellig damit verbunden – weniger die Selbst-Präsentation in der Öffentlichkeit als mehr der Aspekt der Gestaltung, es geht ihnen also weniger um den eigenen Namen als mehr um das eigene Werk. Für die Angehörigen der Handlungstypen 2 („Der intensive, initiative und kritische, aber konventionelle Umgang mit dem Social Web mit hoher Rele- vanz für das Beziehungsmanagement“) – dabei handelt es sich um formal höher gebildete Mädchen – kommt Social Web-Angeboten für das Identitäts- management eben falls eine unter geordnete Bedeu tung zu. Dies gilt ebenso für die Jugend lichen und jungen Erwachsenen vom Handlungs typ 4 („Dabei sein ist alles – Social Web zum Beziehungsmanagement“; hierzu zählen ins beson- dere Jungen und Mädchen formal niedriger Bildung) sowie von Typ 5 („Der kritisch-selektive Umgang mit dem Social Web als Mittel zum Zweck“ – zur Information und zur Beziehungspflege); hierunter finden sich vor allem junge formal höher gebildete Erwachsene beiderlei Geschlechts. Für die Jugendlichen des Typs 3 („Der intensive und kommunikativ-initiative Umgang mit dem Social Web zur Kontakt pflege und Selbst darstel lung“) genießen Social Web- Angebote hingegen im Zusammen hang mit Selbst präsenta tionen eine große Rolle. Diesen experimentierfreudigen und neugierigen Jugend lichen (zumeist Jungen zwischen 12 und 19 Jahren, die die Haupt- oder Realschule besuchen) liegt neben der Beziehungs pflege sehr daran, sich mithilfe von Social Web- Angeboten selbst aktiv darzu stellen und sich damit anderen Nutzern zu prä- 268 sen tieren. Dazu nutzen sie z. B. intensiv die Möglich keit, die eigene Profilseite zu gestalten und zu pflegen, zusätz lich eigene Fotoalben hochzuladen etc. Im Zentrum des Identitäts managements mithilfe von Social Web-Angebo- ten, allen voran SchülerVZ und StudiVZ, steht also bei den weitaus meisten Jugend lichen und jungen Erwachsenen das Konzept des „sich darstellenden Selbst“ („presenting self“). Für die meisten Jungen – Mädchen nutzen Social Web-Angebote deut lich weniger zur Selbst darstel lung als Jungen, und auch für junge Erwachsene spielt es in diesem Kontext nur eine sehr geringe Rolle – ist damit schlicht der Wunsch ver bunden, sich zu zeigen, um, je nach aktueller Situa tion und momentanem Bedürfnis, von anderen als potenzieller „Freund“ oder als „Freundin“ wahrgenommen werden zu können. Denn, so ein Ergebnis der Gruppen diskussionen, Jugend liche stöbern vor allem deshalb gern auf den Profilseiten anderer, um sie daraufhin zu prüfen, ob man sie als „Freund“ „adden“ sollte. Doch selbst den Jugend lichen, die keine intensiven Social Web-Nutzer sind oder die Social Web-Angebote – insbesondere Netz werk platt formen – vor allem deshalb nutzen, weil das ihre Peers in der Klasse oder in ihren Freundschafts- beziehungen auch tun, sprich: um „dabei“ zu, ist es selten völlig gleichgültig, wie sie auf ihrer Profilseite aus sehen. Auch sie halten ihre Fotos, wenn auch deut lich weniger aus eigenem Antrieb, möglichst aktuell, und auch ihnen ist es nicht recht, wenn sie dort schlecht „rüberkommen“. Je nach spezieller Situa tion, eigenem Charakter sowie spezifi scher lebens- welt licher Erfah rung liegt den weitaus meisten Jugend lichen somit daran, das „aktuelle Selbst“ („extant self“) – also das, was man ist – im Sinne des Selbst- konzepts öffent lich zu machen, und damit möglichst „cool“ oder seriös oder auch lustig, aber im Kern authentisch „rüberzukommen“. Fake-Profile zu haben wird daher auch von den meisten Jugend lichen und jungen Erwachsenen klar ab gelehnt. Auch mehrere Profile zu haben wird, wie in den Gruppen- diskussionen deut lich wurde, von den meisten negativ bewertet. Zwar „spielen“ einige der Befragten – vor allem formal Höhergebildete – mit alternativen Profilen. Doch auch sie sind letztend lich der Meinung, dass man im Social Web authentisch und wieder erkenn bar sein sollte, da sich nur dann die von den meisten Jugend lichen vor allem geschätzte Funktion des Social Web – die Pflege von bestehenden und die Suche nach neuen oder alten Kontakten mit- hilfe von Netz werk platt formen – realisieren lässt. Dabei geraten sie, wie ins- besondere die formal höher gebildeten Jugend lichen und jungen Erwachsenen er kennen, zuweilen in ein Dilemma: Um (wieder) erkenn bar zu sein, geben die meisten jungen Menschen mehr oder weniger sorg los eine Fülle von Angaben zu ihrer Person preis; wenn sie bestimmte Funktionalitäten nutzen wollen, müssen sie dies sogar. Nur wenige Jugend liche (junge Erwachsene waren in der vor liegenden Popu- la tion darunter nicht zu finden) beschreiben sich ent sprechend dem Konzept 269 des „er wünschten Selbst“ („desired self“) in der Weise, wie sie gern sein und gesehen werden möchten. In diesem Zusammen hang dienen Social Web- Angebote zur Auseinander setzung mit dem „Idealselbst“, also zum Ausstellen von (idealisierten) Vorstel lungen zum Selbst, um so das tatsäch liche Selbst z. B. um eine im Sinne einer im Alltag nur schwer auszu lebenden Wunsch- Identität auszu weiten. Dies ist z. B. bei dem 16-jährigen Kurden Hassan der Fall, der dem Handlungs typ 6 („Social Web zur Kompensation bei sozialen Problemen“ – die intensive und initiative Nutzung mit hoher Relevanz in einem problembelasteten Alltag) zugeordnet ist. Hassan nutzt Social Web-Angebote, um sein Idealselbst – das eines kampfkräftigen Kurden und selbstbewussten Moslems – auf eine deutlich aggressive Weise darzustellen und so gut wie möglich zu leben. Dies funktioniert jedoch auch, um wie z. B. der 17-jährige deutsch-russische, sehr zurückhaltende und sozial nur wenig integrierte Viktor, selbst wahrgenommene oder auch durch andere rück gespiegelte Defizite, wenn- gleich auf eine je spezifi sche, eigene Weise zu kompensieren. 8.2 Sozial auseinander setzung im Social Web In der Schilde rung der Prozesse des Identitäts managements ist bereits deut lich geworden, dass sich diese nicht von Prozessen des Beziehungs managements trennen lassen – Selbst auseinander setzung und Sozial auseinander setzung gehen Hand in Hand. Im Social Web äußert sich dieser Umstand darin, dass die Selbst darstel lung auf Profilseiten, in selten eren Fällen auch das Publizieren von eigenen Inhalten, üblicher weise als Mittel zum Zweck dient, um mit ande- ren in Kontakt treten und kommunizieren zu können. Die konkreten Modi der onlinebasierten Interak tion mit anderen sind dabei so vielfältig wie auch außer- halb des Internets: Es wird „ab gehangen“ und getratscht, geflirtet oder gestrit- ten, in extremen Fällen auch beleidigt oder gemobbt. Entscheidend ist dabei, dass einige Anwen dungen des Social Web inzwischen so tief im Alltag der Jugend lichen und jungen Erwachsenen ver ankert sind, dass eine Teilhabe nahezu Pflicht ist, um Anschluss an die Peer-Group der Freunde, Mitschüler oder Kommilitonen zu halten. Während in der Frühzeit der Internet-Diffusion noch die Befürch tung herrschte, die technisch ver mittelte Kommunika tion würde Menschen isolieren, gilt inzwischen eher das Gegenteil: Isoliert ist, wer nicht auf den Netz werken auf SchülerVZ und StudiVZ oder in den „Buddy Lists“ der Instant-Messenger-Dienste präsent ist. Zum Beziehungsmanagement werden die Praktiken der Social Web-Nutzung aber insbesondere dadurch, dass die ent sprechenden Anwen dungen eine Expli- zie rung von sozialen Beziehungen ver langen. Die Wort komponente Mana ge- ment soll also nicht dazu ver leiten, nur an strategi sches und rationales Handeln 270 im engeren Sinn99 zu denken; vielmehr ist damit das durch aus auch routinisierte oder habitualisierte Handhaben oder Bewerkstelligen von Beziehungs pflege gemeint. Dies findet im Social Web unter techni schen Bedin gungen statt, die eine Artikula tion und Charakterisie rung von sozialen Beziehungen ver langen; andere Nutzer müssen explizit als Kontakt bzw. Freund bestätigt werden, um er weiterte Kommunikations möglich keiten nutzen oder selektiven Zugang zu Informa tionen gewähren zu können. In dieser Hinsicht setzt sich in den Netz- werk funk tionen des Social Web fort, was sich bereits beim Identitäts manage- ment mittels der Profile ab zeichnet: Nutzer sind gezwungen, Aspekte ihrer Selbst sowie ihr soziales Umfeld in Kategorien einzu ordnen, um an den Kom- munikations räumen teilzuhaben. Im Kern läuft diese technisch bedingte Anforde rung jedoch darauf hinaus, dass gewisse Subtilitäten des alltäg lichen sozialen Umgangs mit anderen ein- ge ebnet werden: In der Schule, der Universität oder der U-Bahn müssen wir üblicher weise nicht im Detail fest legen, welche Qualität die Beziehung zu unserem kommunikativen Gegenüber nun genau hat, sondern wir können situa- tions abhängig die Beziehung „aus handeln“, also in der Interak tion gewisse Dinge preis geben oder zurück halten. Dies betrifft sowohl den Beziehungs- status an sich, als auch die Positionie rung einer Beziehung im Gefüge des übrigen Netz werks: Zwar spielen gerade bei Jugend lichen explizite Freund- schafts bekun dungen („Du bist meine beste Freundin“) eine wichtige Rolle, doch müssen diese eben nicht explizit und für andere Personen (möglicher- weise sogar die zweitbeste Freundin, die sich zurück gesetzt fühlt) sicht bar gemacht werden. Social Web-Angebote, insbesondere die Netz werk platt for- men, ordnen diese Nuancen des sozialen Umgangs dem technisch motivierten Wunsch unter, soziale Beziehungen navigier bar und für Algorithmen bzw. Daten banken handhab bar zu machen. Wie Nutzer zwischen solchen techni schen Vorgaben und der dagegen ver- gleichs weise unscharfen sozialen Welt „ver handeln“ müssen, zeigt sich auch an den dynami schen Aspekten des Beziehungs managements, und hier be- sonders deut lich am Umgang mit partner schaft lichen Beziehungen, die für die hier betrachtete Alters gruppe von besonderer Bedeu tung sind. Anfang und Ende von Partner schaften sind in aller Regel eher Phasen bzw. Zeiträume des Kennen lernens oder des sich Trennens, doch bestimmte zeit lich definierte Ereignisse (die erste Ver abre dung, der erste Kuss, das Trennungs gespräch) dienen den beteiligten Personen als Anker, um den Status der Beziehung einzu schätzen. In dem Maße, wie solche Prozesse (auch) in den Teilöffentlich- 99 Eine solche Art des Beziehungs managements findet sich am ehesten noch auf Platt formen wie Xing oder LinkedIn, wo das beruf liche „Networking“, also das gezielt auf Karriere- und Geschäfts erfolge aus ge- richtete Beziehungs handeln im Vordergrund steht. Diese Umgebun gen spielen aber wie gezeigt für die ganz über wiegende Mehrheit der 12- bis 24-Jährigen keine Rolle. 271 keiten des Social Web statt finden, weil sich dort Menschen kennen lernen, flirten oder streiten, kommt dort getroffenen Entschei dungen eine solche „Anker rolle“ zu – beispiels weise das Ändern des Beziehungs status von „Single“ auf „Ver geben“, oder von „Ver geben“ auf „Es ist kompliziert“ und später auf „Single“. Beim Ende einer Beziehung können dagegen das Löschen aus der Freundes liste und das „Aufräumen“ des eigenen Profils (also das Entfernen von Fotos und Kommentaren des Ex-Partners) Rituale sein, um dieses Ende gegen über dem eigenen sozialen Umfeld und dem Ex-Partner zu markieren.100 Hierin, aber auch in den geschilderten innovativen Umdeu tungen von Soft- ware-Funktionen äußert sich die „interpretative Flexibilität“101 der Nutzer, das eigene Handeln von Software-Vorgaben nicht vollständig determinieren zu lassen, sondern sich diese für die eigenen Zwecke und die eigene Lebens situa- tion anzu eignen. Das onlinebasierte Beziehungs management resultiert in sozialen Netz werken unter schied licher Größe und Zusammen setzung, die sich noch dazu über ver- schiedene Anwen dungen hinweg über lappen oder auch unter scheiden können. Die vor liegende Studie hat keine netz werkanalyti schen Ver fahren im engeren Sinn ent halten, sodass beispiels weise über die Zentralität bestimmter Akteure oder auch die Kongruenz zwischen Netz werken auf SchülerVZ und ICQ keine Aussagen getroffen werden können. Doch sowohl die quantitativen als auch die qualitativen Teilstudien liefern Befunde zur Zusammen setzung der im Social Web repräsentierten Beziehungs geflechte. Zentral sind dabei zwei Be- obach tungen: Erstens weisen die online ab gebildeten sozialen Netz werke in aller Regel hohe Überlappung mit denjenigen Beziehungs strukturen auf, die auch außerhalb des Internets existieren. Nutzer spiegeln also ihre Freundes-, Bekannten-, Cliquen- und Klassen strukturen auf den Netz werk platt formen und umgeben sich dort mehr heit lich mit Personen, die sie auch „im realen Leben“ bereits getroffen haben. Zweitens er reichen die online vor liegenden Netz werke eine Größe, die weit über den Freundes kreis im engeren Sinn hinaus geht und vielmehr auch ent fernte Bekannte, ehemalige Schulfreunde oder auch einfach nur solche Personen umfasst, die man auf einer Party oder zu einer anderen Gelegen heit getroffen hat.102 Netz werkanalytisch aus gedrückt resultiert das Beziehungs management im Social Web sowohl in einer Bestär kung der „strong ties“, also der starken und 100 Eine ein gehende Schilde rung des ver änderten Kontextes, in dem partner schaft liche Beziehungen und „mediated breakups“ vonstatten gehen, findet sich bei Pascoe (2009). 101 Der Begriff stammt aus der Techniksoziologie; dort bezieht er sich auf den Umstand, dass Entwickler von Technologien zwar bestimmte Ver wendungs weisen im Sinn haben, die Nutzer sich die techni schen Arte- fakte aber durch aus eigensinnig aneignen können (vgl. Schulz-Schaeffer 2000). 102 Die softwareseitig vor gegebene Bezeich nung „Freund“ könnte dazu ver leiten, von einer Entwer tung des Freundschafts begriffs zu sprechen; faktisch differenzieren die Nutzer jedoch durch aus und geben zu er- kennen, dass zwar all ihre Freunde auf einer Platt form, aber deswegen nicht alle auf einer Platt form auch ihre Freunde sind. 272 engen Beziehungen, die über einen weiteren Kanal gepflegt werden können, als auch in einer Auswei tung der „weak ties“, also den eher schwachen und auf einzelne Rollenkontexte bezogenen Beziehungen (vgl. Jansen 2003). Ins- besondere die Netz werk platt formen er lauben es, den Kontakt zu diesem er- weiterten sozialen Umfeld auf recht zuerhalten, indem schwache Beziehungen ab gebildet werden und sich bei Bedarf aktivieren lassen: Das Kontakt halten mit den Mitschülern aus dem Au-pair-Jahr oder Schul austausch, das Wieder- finden von Kindergarten freunden oder von Klassen kameraden, die in eine andere Stadt gezogen sind, wird von den jugend lichen Nutzern als genauso interessant und bereichernd empfunden, wie es älteren Nutzern geht, die auf Platt formen wie Xing oder Wer-kennt-wen ähnliche Erfah rungen machen. Die Fähig keit, auch eher ent fernte Beziehungen technisch unter stützt auf- recht zuerhalten, wird unter den gegen wärtigen gesell schaft lichen Bedin gungen von steigender beruf licher und biographi scher Mobilität immer wichtiger. Das Pflegen eines möglichst weit gespannten Netz werks erhöht das Sozial kapital, das dem Einzelnen zur Ver fügung steht – Beziehungs management gewinnt dadurch auch den Charakter einer Schlüsselqualifika tion für das Leben in einer Gesell schaft, deren Leitbild die ver netzte Individualität ist. 8.3 Sachauseinander setzung im Social Web Angesichts der über ragenden Bedeu tung, die der Selbst- und Sozial aus einan- der setzung beim Umgang Jugend licher und junger Erwachsener mit dem Social Web zukommt, gerät die Ebene der Sachauseinander setzung eher in den Hintergrund. Kommunika tion und Vernet zung, so der Eindruck, sind für die Medien nutzung im Allgemeinen und die Social Web-Nutzung im Besonderen weitaus wichtiger als Informa tion. Dieser Eindruck muss aber revidiert wer- den, wenn ein etwas weiterer Informations begriff zugrunde gelegt wird. In der hier unter suchten Alters gruppe – zumindest für den jüngeren Teil – steht die Aufgabe, sich ein Bild von der Welt zu machen und dazu eine Position zu ent wickeln, zwar noch nicht so stark im Vordergrund wie die identitäts- und sozial bezogenen Aufgaben. Klassifiziert man aber das Spektrum der Infor- mations bedürfnisse einem Vorschlag von Hasebrink und Domeyer (2008) ent- sprechend in vier Stufen – ungerichtete Informations bedürfnisse, themen- oder bereichs spezifi sche Interessen, gruppen bezogene Bedürfnisse und problem- bezo gene Bedürfnisse –, so kann an genommen werden, dass die gruppen bezo- genen Bedürfnisse für Jugend liche eine besondere Bedeu tung haben; alle Er- gebnisse auch dieser Studie sprechen dafür. Für Jugend liche ist es im Prozess ihrer Selbst- und Sozial auseinander setzung vor allem wichtig zu er fahren, wie ihre Bezugs gruppe bzw. ihre ver schiedenen Bezugs gruppen denken, was sie für relevant, für wichtig und für richtig halten. Dieses besonders aus geprägte 273 Bedürfnis an gruppen bezogenen Informa tionen kommt in dem intensiven Um- gang mit den Netz werk platt formen zum Ausdruck, die wie gesehen nicht nur zur direkten Kommunika tion und Vernet zung, sondern auch nicht zuletzt dazu genutzt werden, sich über Andere und ihre Ansichten und Vorlieben zu informieren. In diesem Sinne ist auch die Sachauseinander setzung auf der Phänomenebene kaum von den beiden anderen zuvor behandelten Ebenen zu unter scheiden. Wie im qualitativen Teil dieser Studie gezeigt werden konnte, geht es Jugend lichen dann, wenn sie sich Pinnwände oder Profile Anderer ansehen bzw. diese kommentieren oder in deren Weblogs lesen, vor allem darum zu wissen, mit wem sie es zu tun haben, um dann zu ent scheiden, ob ein Kontakt hergestellt oder ver tieft werden soll. In diesen Fällen steht also eher der Beziehungs aspekt im Vordergrund und weniger die Informa tion. Im Übergang zum Erwachsenenalter ergeben sich in dieser Hinsicht aller- dings Ver schie bungen: Mit dem Wechsel in eine Berufs ausbil dung, ein Studium oder einen Beruf mehren sich die Anlässe, Schritt für Schritt eine Spezialisie- rung vorzu nehmen, bestimmte Interessen zu ent wickeln und diesen so nach- haltig nach zugehen, dass die sich daraus er gebende spezifi sche Kompetenz für beruf liche Tätig keiten und andere gesell schaft liche Aufgaben qualifiziert. Zugleich wachsen die gesell schaft lichen Erwar tungen an ein gewisses Allge- mein wissen über die Welt. Diese beiden Ver ände rungen führen zu Ver schie- bungen in den Medien repertoires: Die Rolle der Netz werk platt formen, die mit 16 Jahren ihren Höhepunkt hat, sinkt danach ab; zwar werden diese zumindest von den Höhergebildeten immer noch recht häufig genutzt, der Umgang mit ihnen ver schiebt sich jedoch schritt weise zu einer routinierten Kontakt pflege, bei der die gruppen bezogenen Informations bedürfnisse, die auf merksame Be- obach tung der eigenen Bezugs gruppe im Hinblick auf neue Trends, kaum noch eine Rolle spielen. Stattdessen gewinnen journalisti sche Medien an Bedeu- tung; dies äußert sich in dieser Studie in ent sprechenden Vorlieben für nach- richten orientierte Onlineangebote sowie in einer häufigeren Zeitungs nutzung. Das Informations verhalten Jugend licher und junger Erwachsener ist vor allem durch zwei Angebote geprägt: Google und Wikipedia. Trotz des völlig unter schied lichen Grundkonzepts der beiden Angebote – einer allgemeinen Suchmaschine und einer nach dem Wiki-Prinzip auf gebauten Online-Enzyklo- pädie – werden diese von Jugend lichen und jungen Erwachsenen doch recht ähnlich genutzt: Beide stehen für die Möglich keit, zu jedem akut interessant werdenden Begriff ein Angebot zu finden, mit dem die anstehenden Fragen gelöst werden können, beide werden als „Such- und Recherchemaschine“ (siehe Kapitel 5) genutzt. Die Besonder heiten von Wikipedia, die in der Möglich keit zum Mitschreiben und Kommentieren bestehen, spielen für die allermeisten Nutzer keine Rolle. Beide Angebote stehen für eine eher häppchen hafte, de- kontextualisierte Form der Informations suche und Informations verarbei tung, die wenig mit der Einord nung oder Vertie fung von Wissens beständen zu tun 274 hat. Demgegenüber werden die spezifi schen Möglich keiten zum Informations- management, die das Social Web bereithält, also zu einem sozial orientierten bzw. auf Andere bezogenen Filtern, Selektieren und Kanalisieren von Informa- tionen aller Art, etwa durch Social Bookmarking, Tagging oder Bewer tungen von Beiträgen, im Ver gleich zu den Ver netzungs- und Kommunikations funk- tionen ver gleichs weise selten genutzt. 275 9 Jugend liche und Social Web – Fazit und Handlungs bereiche Claudia Lampert, Jan-Hinrik Schmidt und Wolfgang Schulz Die vor liegende Studie widmet sich der Frage, was „Heranwachsen im Social Web“ für Jugend liche und junge Erwachsene bedeutet: welche Nutzungs prak- tiken sich im Umgang mit den relativ neuen Anwendungs gattun gen heraus- bilden, wie diese in den Alltag und das Medien repertoire ihrer Nutzer ein- gebettet sind und welche Möglich keiten und welche Risiken sich eröffnen. Als erstes zentrales Ergebnis der Studie lässt sich fest halten: Kaum jemand kennt die Begriffe „Social Web“ oder „Web 2.0“, aber (fast) alle nutzen es. Für die 12- bis 24-Jährigen sind Netz werk platt formen und Instant Messaging, Video- platt formen und die Wikipedia schlicht „das Internet“ und keine neuen oder gar revolutionären Angebote. Die Studie zeigt darüber hinaus, dass – unabhängig von der begriff lichen Etikettie rung – die Angebote des Social Web insbesondere den Bedürfnissen nach Kommunika tion, Selbst darstel lung und Vernet zung ent gegen kommen. Diese werden je nach Anwen dung, Anbieter und Funktionalitäten unter - schiedlich bedient und von den Nutzern auf ganz unter schied liche Weise in Anspruch genommen. Pauschale Genera tionen-Dichotomien wie z. B. zwischen „digital immigrants“ und „digital natives“ (Prensky 2001) greifen daher zu kurz und sind differenzierter zu betrachten; in der Studie wurden dazu ver- schiedene Typen bildun gen vor geschlagen, die auf unter schied lichen Ebenen ansetzen: auf der Ebene der allgemeinen Internetnut zung (vgl. Kapitel 4.1), der Ebene des alltäg lichen Umgangs mit Social Web-Anwen dungen (vgl. Ka- pitel 5.3) sowie der Ebene des Umgangs mit Netz werk platt formen (vgl. Kapi- tel 4.3). Im Einklang mit anderen Studien lässt sich zudem fest halten, dass unter Jugend lichen und jungen Erwachsenen die Nutzung des Social Web vielfach rezeptiv bleibt, auch wenn die techni schen Hürden zur Beteili gung an internet- weiten Öffentlich keiten zum Beispiel auf Videoplatt formen oder in der Wiki- 276 pedia gesunken sind. Auf Netz werk platt formen hingegen stellen Jugend liche und junge Erwachsene eine Vielzahl von persön lichen Informa tionen und Fotos bereit, mit denen sie sich insbesondere an den er weiterten Freundes- und Be- kannten kreis, also die eigene persön liche Öffentlich keit wenden. Im Ver gleich der Alters gruppen stechen vor allem die 15- bis 17-Jährigen hervor; für sie spielen das Social Web und insbesondere die Social Networking Sites eine wichtige Rolle. Lebens phasen spezifi sche Ver ände rungen und Ver- läufe von „Nutzungs karrieren“, aber auch die lang fristigen Wirkun gen, die die Nutzung des Social Web auf die Identitäts bildung, soziale Beziehungen und die Aneig nung von Wissen hat, konnte die vor liegende Studie nicht er fassen; als Moment aufnahme müssen ihr weitere Untersuchungen und insbesondere Langzeit studien folgen. Im Weiteren richtet sich der Blick daher auf aus ge- wählte Handlungs bereiche, in denen sich vor dem Hintergrund der an gebots- und nutzer bezogenen Ergebnisse Diskussions-, Forschungs- und Handlungs- bedarf ab zeichnet. Auf der Grundlage der Befunde aus den empiri schen Kapiteln sollen zunächst die an gebots- und nutzu ngs bezogenen Risiken disku- tiert werden (Abschnitt 9.1), an die weitere Überle gungen zu Partizipa tion und Teilhabe (Abschnitt 9.2), Medien kompetenzförde rung (Abschnitt 9.3), Ver- braucher schutz (Abschnitt 9.4), Regulie rung (Abschnitt 9.5) sowie zur weiteren Forschung im Social Web (Abschnitt 9.6) anschließen. 9.1 Angebots bezogene Risiken und riskante Ver haltens weisen In der öffent lichen Berichterstat tung ist die Diskussion über das Social Web von einer risikozentrierten Perspektive geprägt, beispiels weise durch Warnun- gen vor Cybermobbing, Daten exhibitionismus und Ver unglimp fung von Leh- rern. So folgerte der SPIEGEL unlängst aus der Tatsache, dass viele Menschen sich im Internet präsentieren und Beziehungen online pflegen: „Risiken und Neben wirkun gen sind beträcht lich – auch für den Wert der mensch lichen Be- ziehung“ (Blech u. a. 2009, S. 118). Im Visier der Kritiker stehen vor allem Netz werk platt formen, wobei die Berichterstat tung dazu führt, dass es zu einer Gleichset zung von Social Web und Netz werk platt formen kommt, und poten- zielle Risiken pauschal auf alle Social Web-Angebote über tragen werden; dies wird der Vielfältig keit der Angebote und der mit ihnen ver bundenen Nutzungs- praktiken jedoch nicht gerecht. Um Risiken und Chancen der Onlinenut zung zu systematisieren, wurde im Rahmen eines europäi schen Forschungs projekts zum sicheren Umgang mit dem Internet (EU Kids Online) eine Matrix ent wickelt, die themati sche Felder mit der Rolle des Nutzers in Verbin dung setzt (vgl. Hasebrink / Livingstone/ Haddon 2008, Hasebrink / Lampert 2009). Tabelle 9.1 fasst diese Systematisie- 277 rung zusammen und macht deut lich, dass Jugend liche mit ganz unter schied- lichen problemati schen Inhalten (z. B. Gewalt oder Pornographie etc.) konfron- tiert werden (content) oder un gewollt mit unerwünschten Personen – z. B. mit Fremden im Chat – in Berüh rung kommen (contact) können. Darüber hinaus kann der Nutzer auch selbst zum aktiven Anbieter problemati scher Inhalte bzw. zum aktiven Akteur problemati schen Ver haltens werden (conduct). Analog bieten sich in Bezug auf Inhalte, Interak tionen und aktives Tun jedoch auch Chancen, beispiels weise in Bezug auf Lernprozesse, soziales Engagement oder kreativen Ausdruck der eigenen Interessen. Tabelle 9.1: Kategorisie rung von Chancen und Risiken der Internetnut zung Content Kind als Rezipient Contact Kind als Teilnehmer Conduct Kind als Akteur C H A N C E N Bildung, Lernen und digitale Kompetenz Bildungs ressourcen Kontakt mit Gleich- gesinnten Eigen initiative oder gemeinsames Lernen Teilnahme und sozi- ales Engagement Allgemeine Informa- tionen Austausch in Inte res- sens gruppen Konkrete Formen so- zialen Engagements Kreativität und Selbst darstel lung Ressourcen vielfalt Eingeladen/ inspiriert werden, kreativ zu sein oder mitzu machen Erstel lung von be- nutzer generierten Inhalten Identität und soziale Beziehungen Beratung (Persön- liches/Gesundheit / Sexualleben usw.) Soziale Netz werke, Erfah rungen mit ande- ren teilen Ausdruck eigener Identität R IS IK E N Kommerzielle Interessen Werbung, Spam, Sponsoring Verfolgung/Sammlung von persön lichen Informa tionen Glücks spiel, illegale Downloads, Hacken Aggression/Gewalt Gewalt verherr lichende/ grausame/volks- verhetzende Inhalte Mobbing, Belästi gung oder Stal king Andere mobben oder belästigen Sexualität Pornographische/ schäd liche Inhalte Treffen mit Fremden, missbräuch liche Annäherungs versuche Erstellen/Hochladen von pornographi- schem Material Werte Rassistische/verzerrte Informationen/Rat- schläge (z. B. Drogen) Selbst verlet zung, un gewolltes Zureden/ Überre dung Ratschläge z. B. zu Selbst mord/Mager- sucht geben Quelle: Livingstone/ Haddon 2009, S. 3 Mit der Ver brei tung des Social Web, insbesondere den Angeboten für die interpersonale, gruppen bezogene und öffent liche Kommunika tion, gewinnen die Risikodimensionen contact und conduct an Bedeu tung. Riskante Internet- nut zung besteht nicht mehr allein in der Konfronta tion mit gefährdenden Inhalten, sondern umfasst auch problemati sche Facetten des Umgangs mit ein- ander, bei denen die Jugend lichen selbst als Akteure auf treten, wie beispiels- weise beim Cybermobbing und Cyberbullying oder beim Zur-Ver fügung- Stellen und Ver breiten von problemati schen Inhalten. Auch wenn Risiken der Internetnut zung nicht den zentralen Fokus der vor liegenden Studie darstellten, 278 haben die empiri schen Module doch eine Reihe von Anhaltspunkten zur Ver- brei tung von riskanten Nutzungs weisen er bracht.103 So ist in Bezug auf die Risikodimension content zu konstatieren, dass deut- lich mehr Jugend liche und junge Erwachsene sich durch Sex-Angebote als durch gewalthaltig-aggressive Inhalte belästigt fühlen, wobei Letzteres tenden- ziell eher von weib lichen und jüngeren Nutzern als problematisch empfunden wird. Etwa einem Viertel der Befragten fällt es zudem schwer, Werbung als solche zu er kennen; hier sind Nutzer mit niedriger formaler Bildung höher repräsentiert. Eine gewisse grundlegende Skepsis gegen über den online ver- füg baren Inhalten ist relativ weit ver breitet: 70 Prozent der Befragten stimmen zu, dass man vielen Informa tionen im Internet nicht ver trauen könne, und sogar 90 Prozent stimmen zu, dass man im Internet auf passen müsse, nicht „ab gezockt“ zu werden. In Bezug auf die Risikodimension contact hat sich gezeigt, dass gut ein Viertel der Jugend lichen und jungen Erwachsenen bereits Erfah rung mit Be- lästi gungen im Internet hat machen müssen. Für viele bleibt dies glück licher- weise eine seltene Erfah rung, doch etwa zwei Prozent der Befragten geben an, dass Belästi gungen häufig vor kämen. Den qualitativen Interviews lässt sich zudem ent nehmen, dass durch aus Vorsicht vor dem Kontakt mit un bekannten Personen herrscht; das Kennen lernen oder auch Treffen von neuen Leuten wird in der Regel im er weiterten sozialen Netz werk praktiziert, indem man Freunde von Freunden kontaktiert. Die Risikodimension conduct schließ lich berührt die eigenen Aktivitäten der Nutzer, die in den Befra gungen insbesondere in Bezug auf persön liche Informa tionen und Privatsphäre problematisiert wurden. Nur eine Minder heit der Befragten – aber ver hältnis mäßig mehr formal niedrig gebildete und jüngere Nutzer – stimmt der Aussage zu, dass im Netz pein liche Inhalte über sie zu finden seien. Die über wiegende Mehrheit gibt an, darauf zu achten, welche Inhalte sie preis gibt, und etwa 75 Prozent, darunter signifikant mehr weib liche als männ liche Befragte, schränken den Zugang zumindest zu be- stimmten persön lichen Informa tionen auf den eigenen Freundes- bzw. Bekann- ten kreis ein. Der Anteil derjenigen, die in der Befra gung ein gestehen, selbst bereits Dinge ins Netz gestellt zu haben, über die sich andere beschwert hätten, liegt bei etwa zehn Prozent. In der Zusammen führung der ver schiedenen empiri schen Module lassen sich zudem „Meta-Risiken“ identifizieren (vgl. auch die Übersicht in Tabelle 9.2), die quer zu den Risikodimensionen content, contact und conduct liegen und insbesondere aus den spezifi schen Charakteristika der Kommunikations räume 103 Entsprechend der Anlage dieser Studie wurden die diesbezüg lichen Indikatoren aus der Perspektive der Jugend lichen und jungen Erwachsenen, nicht jedoch als Einschät zungen von er wachsenen Bezugs personen (wie Eltern oder Lehrern) erhoben. 279 resultieren, die persistent, kopier bar und durch such bar sind (vgl. Boyd 2009). Diese Merkmale können erstens dazu führen, dass Nutzer die Reichweite der Onlinekommunika tion unter schätzen: Sie wähnen sich in geschlossenen oder privaten Communities und machen sich daher kaum Gedanken über das Publi- kum, das über das eigene Kontakt netz werk oder auch die Platt form selbst hinaus reichen kann.104 Die Ergebnisse der Gruppen diskussionen zeigen, dass der öffent liche Diskurs bei einigen (insbesondere den formal höher gebildeten) Jugend lichen zu einer gewissen Sensibilisie rung bei getragen hat. Dennoch wird die Reichweite der persön lichen Öffentlich keiten von vielen unter schätzt. Aus Sicht der Jugend lichen ist weniger die Sicht bar keit für Fremde ein Problem, sondern vor allem die potenzielle Sicht bar keit der eigenen Aktivitäten für Bekannte, an die die jeweiligen Inhalte nicht gerichtet sind. Zu diesen „known but inappropriate others“ (Livingstone 2008, S. 405) zählen insbesondere Eltern und Lehrer, deren Einsichtnahme in Netz werk platt formen als unpassend oder gar als Eindringen in die eigene Privatsphäre erlebt wird. Tabelle 9.2: Überblick über situations übergreifende Risikobereiche des Social Web Risiko kann ent stehen durch die Unterschät zung … Beispiele … der Reichweite Nutzer wähnen sich in geschlossenen (privaten) Communities; Personal verantwort liche recherchieren in Online verzeichnissen nach Bewerbern oder Mitarbeitern … der Nach haltig keit „Virtuelle Jugendsünden“ wie (pein liche) Fotos, un bedachte Äußerun gen oder Beteili gungen an Gruppen bleiben auffind bar … der (Eigen-) Dynamik von Interak tionen Fotos oder Videos werden über Platt formgrenzen hinweg an un gewollte Öffentlich keiten ver breitet oder dort ver linkt … der Daten samm lung Persön liche Daten werden missbräuch lich weitergeleitet oder intransparent erhoben … der investierten Zeit Wachsendes Onlinenetz werk erhöht Zeitaufwand für die digitale Beziehungs pflege Neben diesen Problemen auf grund der „sozialen Reichweite“ von persön- lichen Öffentlich keiten birgt zweitens auch die zeit liche Reichweite bzw. Nach- haltig keit der eigenen Selbst darstel lung Risiken. Aufgrund ihrer Persistenz und Durchsuch bar keit können online vor liegende Daten und Informa tionen auch über eine zeit lich begrenzte Kommunikations situa tion hinaus Folgen nach sich ziehen, die ursprüng lich nicht beabsichtigt oder ab schätz bar waren (vgl. Neuss 2008, S. 20). Dies betrifft beispiels weise die Ver öffent lichung von 104 Der mediale Diskurs fokussiert zumeist auf Personal verantwort liche, die Onlineprofile ihrer Bewerber oder Mitarbeiter scannen, nutzt bei bestimmten Anlässen jedoch selbst auch Profile in der öffent lichen Berichterstat tung. Dieses Ver halten von Journalisten wirft seiner seits ethische Fragen über den Umgang mit persön lichen Daten auf, beispiels weise wenn im Nachgang zu Unglücksfällen oder Amokläufen auf Netz werk platt formen recherchiert wird, um Details über Opfer oder Täter präsentieren zu können (vgl. Mrazek 2008 sowie die Anmer kungen in Abschnitt 9.5.3). 280 Fotos und Videos im Netz, aber auch den spontanen, un bedachten Beitritt zu virtuellen „(Nonsens-) Gruppen“ wie z. B. „Fuck a bitsch … respect a woman … love a lady“, „Bisexuell und stolz drauf“ oder „Die Geilen, die trotzdem einsam sind“. Problematisch an dieser Form der Selbst darstel lung im Netz ist, dass Nutzer nicht reflektieren, inwieweit diese Gruppen zugehörig keit sich möglicher weise in Zukunft negativ auf die Wahrneh mung des eigenen Profils aus wirken kann (vgl. Ertelt 2008, S. 54). Damit zusammen hängend wird vielfach schließ lich auch die (Eigen-) Dyna- mik unter schätzt, mit der Informa tionen (z. B. auch Gerüchte) oder Bilder ver- breitet werden. Inhalte im Internet sind kopier bar und lassen sich aus dem ursprüng lichen Kontext lösen; durch diese Ver brei tung und Verlin kung kann Kommunika tion eine Eigendynamik bekommen, auf die der ursprüng liche Urheber kaum mehr Einfluss nehmen kann oder die sich sogar jenseits seiner Aufmerksam keit vollzieht (Ertelt 2008, S. 55). Dies gilt z. B. für Fotos aus einem privaten Kontext, die aus dem Profil kopiert und in Gruppen wie „Die pein lichsten Fotos von SchülerVZ“ ein gestellt werden, aber auch für die Ver- öffent lichung von diffamierenden Texten, Bildern oder Videos (Stichwort: Happy Slapping, Cyberbullying), die bereits ursprüng lich gegen den Willen des Betroffenen ent standen. Besondere Brisanz bekommt dieser Aspekt auch im Zusammen hang mit selbst schädigendem Ver halten (z. B. Ritzen, Essstö rungen, Komas aufen etc.) zu, denn hier kann eine Art Wettbewerbs situa tion ent stehen, in der ver sucht wird, durch möglichst extreme Formen der Selbst schädi gung möglichst viel Anerken nung zu er halten. In einigen Fällen – das zeigen auch einzelne Beispiele aus den qualitativen Interviews – ist davon auszu gehen, dass die Nutzer bewusst provozieren wollen, z. B. um aufzu fallen oder jemanden zu ärgern. Meist ergeben sich die oben genannten Probleme aber auf grund von Unwissen heit oder naiven Vorstel- lungen über die Reichweite und Persistenz von Onlineöffentlich keiten. Damit hängt ein weiterer Risikobereich zusammen, der sich auf das Ausmaß der Daten samm lung bezieht, die dem Social Web zugrunde liegt. Hier sind bewusst ver öffentlichte Informa tionen von un bewusst freigegebenen Daten zu unter- scheiden; hinsicht lich des ersten Falls haben die vor herigen Kapitel gezeigt, dass sich Nutzer von Social Web-Angeboten in einem Dilemma befinden: Selbst wenn sie um die Risiken wissen, die mit der freigiebigen Preis gabe persön licher Daten einher gehen können, er fordert die Teilnahme an den Com- munities doch ein gewisses Maß an Öffnung und Authentizität, insbesondere, wenn die Auswei tung sozialer Kontakte und Beziehungen das vor dring liche Nutzungs motiv ist. In der Regel ver traut der Nutzer darauf, dass die Daten nur diejenigen bekommen, denen er sie preis gibt. Über die Weitergabe von persön lichen Daten machen sich nur die wenigstens Gedanken. In Bezug auf un bewusst auf ge- zeichnete Daten ist das Problembewusstsein noch schwächer aus geprägt. Welche 281 Nutzungs daten im Zuge des Besuchs eines Onlineangebots vom Betreiber auf- gezeichnet werden, und wie diese Daten auch über einzelne Nutzungs vorgänge hinweg aggregiert werden können, ist für den Nutzer kaum abzu schätzen, auch weil sich viele Angebote in dieser Hinsicht sehr intransparent präsentieren. Problematisch bzw. riskant wird dies vor allem dadurch, dass es sich um personen bezogene Daten handelt, die sich mit den bewusst preis gegebenen Informa tionen ver ketten lassen, um unter Umständen einzelne Personen, ihr Ver halten und ihre Eigen schaften zu identifizieren. Schließ lich kann der Zeitaufwand zu einem Problem- bzw. Risikobereich werden, insbesondere wenn die Onlinenut zung sich nicht mehr komplementär, sondern kompensatorisch zu anderen Lebens bereichen ver hält (vgl. Misek- Schneider 2008, S. 179) und die investierte Zeit nicht mehr in einem aus ge- wogenen Ver hältnis zu anderen Aktivitäten steht. Auch wenn die Ergebnisse der Repräsentativbefra gung zeigen, dass der Zusammen hang zwischen der Häufig keit der Internetnut zung und der durch schnitt lichen täglichen Nutzungs- dauer des Social Web eher schwach ist, lässt sich doch ver muten, dass mit der Auswei tung der Onlineaktivitäten und der Beteili gung an sozialen Netz werken bzw. der Pflege sozialer Beziehungen auch eine Erhöhung des zeit lichen Auf- wandes ver bunden ist: „Wer sich auf einen Online-Kanal zur Organisa tion von Bekannt schaften bis hin zu Beziehungen ein gelassen hat, steht unter dem ver- pflichtenden Druck, den Status seiner Kreise abzu fragen, neue Kontakte ‚zu checken‘ und sein Selbst befinden zu signalisieren“ (Ertelt 2008, S. 55). Die Tat sache, dass die Anwen dungen häufig im Hintergrund laufen und nur neben- bei und kurz auf Anfragen reagiert wird, täuscht darüber hinweg, dass sich hohe Nutzungs zeiten summieren. Fehleinschät zungen bezüg lich der Reichweite, Nach haltig keit und Dynamik von Social Web-Angeboten oder Unkenntnis über Möglich keiten der Daten- weitergabe können eine riskante Nutzung von Social Web Angebote be günsti- gen. Das Risiko ent steht jedoch nicht allein durch das Angebot, sondern erst durch die Art und Weise, wie es in alltäg liche Nutzungs praktiken ein gebunden wird. Hierfür wiederum sind die sozialen und medien bezogenen Kompetenzen der Nutzer von besonderer Bedeu tung. Weil die genannten Risikobereiche die Ebenen des Inhaltes, der techni schen Gestal tung eines Angebots sowie der praktizierten Nutzung ver binden, lassen sich Lösungs ansätze nicht nur mit Blick auf die Anbieter und bei ihnen ansetzende recht liche Regulie rung for- mu lieren. Viele Probleme ergeben sich erst durch das Ver halten der Nutzer in der kollektiven Auseinander setzung mit dem techni schen Angebot; erst in der konkreten Nutzungs praxis kommt es zu Unterschät zungen der Reichweite, Nach haltig keit und (Eigen-) Dynamik von Kommunika tion, hier machen sich fehlende Medien kompetenz, fehlende Transparenz seitens der Anbieter oder auch mangelnde soziale Kompetenz bemerk bar. Entsprechend ver weisen die Risikopotenziale auf ver schiedene Handlungs ebenen: die Angebots seite, die 282 auf die Nutzer gerich teten Möglich keiten zur Förde rung eines kompetenten Umgangs sowie den Bereich der recht lichen Regulie rung. 9.2 Partizipa tion und Mitbestim mung im Social Web Seit der frühen Phase der Internetdiffusion wird mit der Technologie die Hoff- nung ver bunden, politi sche Partizipa tion und gesell schaft liche Teilhabe zu erhöhen (vgl. Rogg 2003); im Zuge der Diskussion rund um das „Web 2.0“ wurde auch dieser Topos wieder auf gegriffen und beispiels weise im Zu sam- men hang mit Weblogs als Form der politi schen Gegenöffentlich keit thema- tisiert. Entsprechende Hoffnun gen unter liegen oft einem technik deterministi- schen Fehlschluss, weil sie aus der bloßen Verfüg bar keit von Werkzeugen auf ent sprechende Ver ände rungen in den Nutzungs praktiken und im politi schen Interesse schließen. Ver steht man politi sche Beteili gung relativ eng, wird man an gesichts geringer Nutzer zahlen eher ent täuscht werden. Bei einem er weiter- ten Ver ständnis von gesell schaft licher Teilhabe werden allerdings die Poten- ziale des Social Web deut lich, das drei Facetten des Engagements von Jugend- lichen unter stützen kann (vgl. Wagner/ Brüggen/Gebel 2009): 1. Sich positionieren: Über eigene Blogeinträge, Fotos oder Videos, aber auch durch die Mitglied schaft in spezifi schen Foren oder Diskussions gruppen oder die Angabe der eigenen politi schen Überzeu gung im Profil einer Netz- werk platt form können Jugend liche Stellung beziehen. Solche Selbst darstel- lungen in persön lichen Öffentlich keiten adressieren vor allem das eigene er weiterte Netz werk und signalisieren einem Publikum, das eigene Freunde und ent fernte Bekannte gleichermaßen umfasst, welche Positionen zu gesell- schaft lich relevanten Themen ein genommen werden. 2. Sich einbringen: Online-Platt formen können darüber hinaus als Werkzeug genutzt werden, um selbst Stellung zu beziehen – beispiels weise in Form eines Videos, Blog- oder Forums eintrags – und davon aus gehend mit ande- ren zu diskutieren. Der Austausch über politi sche Überzeu gungen kann sich zudem an der Dokumenta tion der eigenen Aktivitäten im Internet ent- zünden, zum Beispiel, wenn ein Nutzer Fotos von der Teilnahme an einer Demonstra tion online stellt, die anschließend von anderen diskutiert wer- den. 3. Andere aktivieren: Schließ lich können die genannten Formen der politi schen Partizipa tion auch darin münden, dass andere Nutzer gezielt an ge sprochen und zu eigenem Engagement bewegt werden. Neben der Aktivie rung fällt hierunter auch die Weitergabe von eigenen Erfah rungen, beispiels weise, wenn Vorlagen für Protest schreiben an Abgeordnete oder Checklisten für die Organisa tion von Diskussions veranstal tungen mit anderen geteilt werden. 283 Partizipa tion im Social Web kann und sollte allerdings auch weiter ver standen und nicht auf die Teilhabe an politi schen Prozessen und Öffentlich keiten be- schränkt werden. Für die alltäg liche Nutzung ist mindestens ebenso ent schei- dend, ob und in welcher Form Nutzer Gelegen heit und Kompetenzen haben, die Gestal tung der eigenen Kommunikations räume zu beeinflussen. Damit ist weniger das Modifizieren des eigenen Profils gemeint; es werden vielmehr Fragen der Mitbestim mung über die strukturellen Grundlagen von Platt formen und Angeboten sowie der Selbstregulie rung innerhalb der Nutzer gemein schaft an gesprochen. Die Selbstregulie rung der Nutzer wird von den Betreibern bis zu einem gewissen Grad explizit gefördert und sogar voraus gesetzt: Eine Variante ist das Formulieren von Richtlinien oder Ver haltens codizes, die er gänzend zu den Allgemeinen Geschäfts bedin gungen gelten; eine andere Variante das Zur- Ver fügung-Stellen von techni schen Funktionalitäten, die das Melden von pro- blemati schen Inhalten er leichtern.105 Betreiber von Platt formen ver trauen darauf, dass problemati sche Inhalte und Personen, die sich fehl verhalten bzw. die Regeln des Angebots ver letzen, von anderen Nutzern gemeldet werden; Selbst- regulie rung durch die Nutzer dient hier teil weise als Ersatz, zumindest aber als Ergän zung der Kontroll mechanismen der Anbieter. Deutlich ein geschränkter sind dagegen die Mitbestimmungs möglich keiten, wenn es um die Gestal tung der grundlegenden Architektur der Kommuni- kations räume geht. Dies ist insofern relevant, als das Gros der Social Web- Angebote, vor allem die besonders populären Platt formen, in der Hand von kommerziellen Betreibern sind, die nach Wegen suchen, aus den Aktivitäten der Nutzer auch monetären Profit zu ziehen. So sind beispiels weise die Vor- gaben für Profilseiten nicht nur mit Blick auf die Nutzer und ihre Bedürfnisse zur Selbst präsenta tion gestaltet, sondern auch mit Blick auf eine mögliche Verwer tung der Angaben für personalisierte Werbung. Noch deut licher zeigt sich die kommerzielle Orientie rung an dem Umstand, dass die über wiegende Mehrheit der Netz werk platt formen keine Möglich keit vor sieht, Identitäts- und Netz werk daten aus einer Platt form zu exportieren und in eine neue Platt form zu über tragen. Aus Sicht der Betreiber dient diese Form des „lock-in“ dazu, Mitglieder an das Angebot zu binden; aus Sicht der Nutzer ver hindert ein solcher „walled garden“ dagegen, sich beispiels weise beim Übergang zwischen Lebens- oder Entwicklungs phasen in einer anderen Online-Umgebung „einzu- richten“, weil mit einem Wechsel der Platt form relativ hohe Trans ferkosten ver bunden wären. 105 Siehe hierzu die „Safer Social Networking Principles for the EU“ vom 10. 2. 2009 sowie den „Ver haltens- subkodex für Betreiber von Social Communities bei der FSM“ vom 11. 3. 2009, in denen gefordert wird, dass die Anbieter den Nutzern u. a. die (techni sche) Möglich keit einrichten, sich unmittel bar über Inhalte oder das „regelwidrige Ver halten“ anderer im Netz zu beschweren (vgl. auch Abschnitt 9.5.4). 284 Dieser Umstand lässt sich in Anleh nung an die klassi sche Unterschei dung von Hirschman (1970) auch so beschreiben, dass ein „exit“ aus einer ver trau- ten Kommunikations umge bung Ressourcen kostet. Die Variante des „voice“, also des Protests gegen bestimmte Entschei dungen der Betreiber, ist derzeit noch eher selten, und auf Nutzer seite bildet sich erst langsam ein Bewusstsein dafür heraus, dass man durch kollektives Handeln auch Einfluss auf die Ge- stal tung der eigenen Kommunikations räume nehmen kann. Das Social Web stellt den Nutzern hierfür auch die Räume und Werkzeuge zur Ver fügung, um sich zu ver netzen und zu koordinieren: Ende 2007 protestierten beispiels weise die Nutzer von StudiVZ, indem sie kritische Gruppen gründeten, ihre Profile modifizierten und so ihren Widerstand gegen geplante Änderun gen der All- gemeinen Geschäfts bedin gungen aus drückten; die Betreiber nahmen einige der Modifika tionen zurück (vgl. Wieschowski 2007). Ähnliche Prozesse zeigen sich auch auf Facebook, wo sich in den letzten Monaten sowohl bei Änderun gen der Geschäfts bedin gungen als auch bei Modifika tionen des Designs und Layouts der Profilseiten deut licher Protest äußerte. Als Reaktion hat Facebook deliberative Foren ein gerichtet: Nutzer können in eigens ein gerich teten „Town Hall“-Gruppen über Modifika tionen diskutieren; die dort geäußerten Vorschläge sollen gebündelt und in eine Ab- stim mung ein gespeist werden. Dieser Prozess ist zum Zeitpunkt der Fertig- stellung des Manus kripts noch nicht beendet und kann daher nicht ab schlie- ßend beurteilt werden. Er ver deut licht allerdings, dass Platt formbetreiber auch eine Ver antwor tung haben, die Selbst bestim mung ihrer Nutzer zu unter stützen und auf artikulierte Positionen zu reagieren. 9.3 Medien kompetenzförde rung im Social Web Die Angebote des Social Web bieten ihren Nutzern eine Vielzahl neuer kom- munikativer Möglich keiten. Die einfache Zugänglich keit und ver gleichs weise leichte Handha bung sowie die rasante Ver brei tung unter Heranwachsenden ver mittelt den Eindruck, als ver fügten jüngere Nutzer per se schon über die er forder lichen Kompetenzen im Umgang mit dem Social Web. Die in dieser Studie er folgte Auseinander setzung mit den ver schiedenen Anwen dungen und den korrespondierenden Nutzungs praktiken bestärkt jedoch die Forde rung nach einer Medien kompetenzförde rung, die den ver änderten Möglich keiten, aber insbesondere auch der ver änderten Rolle des Nutzers Rechnung trägt. Unab hängig von der Frage, ob es einer „Medien kompetenz 2.0“ bedarf (so z. B. Gapski /Gräßer 2007) stellt sich die Frage, über welche Fähig keiten Heran wachsende ver fügen müssen, um die Potenziale des Social Web aus- schöpfen zu können, also das eigene Informations-, Beziehungs- und Identitäts- manage ment erfolg reich und unter Reflexion der intendierten und nicht inten- 285 dierten Folgen zu bewältigen (vgl. Schmidt / Lampert /Schwinge 2009; Neuss 2008). Insbesondere Jugend liche wollen sich und die sich bietenden Möglich keiten im Netz aus probieren, Kontakte und Beziehungen zu anderen herstellen und sich von Eltern ab grenzen. Das Wissen um potenzielle Risiken kann sicher lich zu deren Minimie rung beitragen, doch die Ergebnisse der Studie zeigen, dass viele Jugend liche ent weder gar nicht risikobewusst handeln oder aber die Risiken zwar benennen, aber ihr eigenes Handeln nicht ent sprechend aus- richten. Hier gilt es, kompetenzförderndere Ansätze zu ent wickeln, die ins- besondere für experimentierende Jugend liche praktikabel sind, ohne dass sich in Risiko szenarien er schöpfen. Vielmehr geht es darum, Heranwachsende (und ihre Eltern!) auch dahingehend zu unter stützen, die sich bietenden Potenziale des Social Web adäquat nutzen können. Insbesondere die Diskussion der Social Web-Handlungs typen hat ver deut licht, dass auf Nutzer seite der Wunsch be- steht, die kreativen Möglich keiten nutzen zu wollen, die Umset zung scheitert jedoch an fehlenden Ideen, techni schen Realisierungs möglich keiten oder auch dem eigenen Anspruch. Auch hier müssten pädagogi sche Bemühungen an- setzen, um den Jugend lichen Möglich keiten und Wege aufzu zeigen, die Ange- bote des Social Web zur Artikula tion eigener Meinun gen und Sicht weisen nutzen zu können. Hier bieten sich insbesondere projektorientierte Ansätze an, in denen sowohl techni sche als auch soziale Kompetenzen er worben und er- probt werden können.106 Anregun gen für die weitere Diskussion und für die Entwick lung konkreter Handlungs konzepte geben insbesondere die Arbeiten der MIT-Forschergruppe um Henry Jenkins sowie das „Good Play Project“ der Harvard Universität. Nach Jenkins (2006) sind ungleiche Partizipations möglich keiten, Kompetenzen und Wissens bestände, fehlende Transparenz im Hinblick auf die Mechanismen und Wirkun gen digitaler Medien auf die Wahrneh mung der Welt sowie ethische Herausforde rungen, die aus den unter schied lichen Rollen (Konsument und Produzent) sowie den zunehmend ver schwimmenden Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlich keit resultieren, die zentralen Punkte, die eine Medien bildung bzw. -kompetenzförde rung er forder lich machen und für die es ent sprechende Konzepte zu ent wickeln gilt (ebd., S. 3). Sein Ansatz knüpft an traditionelle Medien kompetenzkonzepte an, er weitert diese jedoch um eine soziale Komponente, die dem interaktiven Charakter vieler Social Web-An- wen dungen gerecht werden soll: „The new media literacies almost all involve social skills developed through collabora tion and networking. These skills 106 Als ein Beispiel können hier die „Web 2.0 Werkstätten“ des JFF – Institut für Medien pädagogik in For- schung und Praxis genannt werden, in denen (bildungs benachteiligte) Jugend liche die Möglich keiten des Web 2.0 er proben können. Die Erfah rungen aus diesen Werkstätten fließen wiederum in die Entwick lung von weiteren Handlungs ansätzen ein. 286 build on the foundation of traditional literacy, research skills, technical skills, and critical analysis skills taught in the classroom“ (ebd., S. 19 f.). Unter Berücksichti gung vor liegender Kompetenzansätze sowie informeller Lernprozesse benennt Jenkins elf Kompetenzen, die sich Heranwachsende zum einen in der Nutzung des Social Web selbst aneignen und zum anderen im Rahmen initiierter Lernprozesse er werben können sollten (ebd. S. 4):107 – Play – the capacity to experiment with one’s surroundings as a form of problem-solving – Performance – the ability to adopt alternative identities for the purpose of improvisation and discovery – Simulation – the ability to interpret and construct dynamic models of real- world processes – Appropriation – the ability to meaningfully sample and remix media content – Multitasking – the ability to scan one’s environment and shift focus as needed to salient details – Distributed Cognition – the ability to interact meaningfully with tools that expand mental capacities – Collective Intelligence – the ability to pool knowledge and compare notes with others toward a common goal – Judgment – the ability to evaluate the reliability and credibility of different information sources – Transmedia Navigation – the ability to follow the flow of stories and infor- mation across multiple modalities – Networking – the ability to search for, synthesize, and disseminate infor- mation – Negotiation – the ability to travel across diverse communities, discerning and respecting multiple perspectives, and grasping and following alternative norms Der Ansatz er scheint vor allem deshalb gewinn bringend für die weitere Dis- kussion, weil er nicht nur einseitig auf ein Medium, sondern multimedial aus- gerichtet ist und zugleich an ver schiedenen Nutzungs modalitäten ansetzt. Das „Good Play Project“ (James u. a. 2008) befasst sich indes stärker mit der Frage, welche Kompetenzen für eine ver antwortungs bewusste Nutzung des Social Web er forder lich sind. Im Zentrum des Projekts stehen grundlegende Themen wie Identität, Privatsphäre, Autoren schaft, Glaubwürdig keit und Partizipa tion und die Frage nach den er forder lichen Fähig keiten für ver antwortungs volles Handeln im Sinne eines „good play“ – sowohl off- als auch online. „Good 107 Jenkins (2006) begründet in seinem Bericht die einzelnen Kompetenzen ausführ lich und zeigt auch ver- schiedene Optionen auf, wie diese – sowohl formell als auch informell – gefördert werden können (vgl. S. 22–55). 287 play“ wird in diesem Zusammenhang definiert als „online conduct that is both meaningful and engaging to the participant and responsible to others in the community and society in which it is carried out“ (ebd., S. 10). Insbesondere mit Blick auf die Herausforde rungen der Selbst- und Sozial auseinander setzung scheint eine Ver schrän kung der Überle gungen aus beiden Projekten für die Praxis gewinn bringend.108 In Deutschland tragen Initiativen wie z. B. „Respekt im Netz“109 oder „Watch your Web“110 dazu bei, dass Jugend liche für Themen wie Cybermobbing, den respekt vollen Umgang miteinander oder Daten schutz sensibilisiert werden. Die genannten Beispiele ver weisen aber auch darauf, dass Medien kompetenzförde- rung im Zusammen hang mit dem Social Web mehr denn je als Ver netzungs- aufgabe begriffen werden muss, an der sich ver schiedene Akteure, wie z. B. Anbieter, Eltern, Lehrer, Pädagogen der außerschuli schen Jugendarbeit in unter schied licher Weise beteiligen müssen (vgl. auch Jenkins 2006, S. 4). Die Vorausset zungen dafür fallen auf Seiten der ver schiedenen Akteure ganz unter- schied lich aus. Viele Eltern und Pädagogen haben kaum oder keine Erfah- rungen mit dem Social Web und können daher nur wenig zur Medien kom- petenzförde rung beitragen (siehe hierzu auch 5.2.3) – hier bedarf es der Ent wick lung von geeigneten Konzepten zur Förde rung von Medien- sowie medien pädagogi scher Kompetenz, die sich an Erwachsene richtet (vgl. auch Neuss 2008, S. 33). Für den schuli schen Bereich liegen hingegen bereits ver einzelte Ansätze und Erfah rungen vor, wie die Angebote des Social Web in den pädagogi schen Alltag integriert werden und einen Beitrag zur Medien kompetenzförde rung leisten können (vgl. z. B. Ertelt / Röll 2008, Gräßer/ Pohlschmidt 2007, Paus- Hasebrink /Jadin / Wijnen 2007, Paus-Hasebrink / Wijnen/Jadin 2009). Jenkins (2006) plädiert eben falls für eine stärkere Ver anke rung der Medien kom pe- tenzförde rung in der Schule, ohne diese jedoch als zusätz liches Fach bzw. „add-on subject“ einzuführen (vgl. ebd. S. 57). Seine Forderung ist deutlich weitreichender und zielt eher auf einen Paradigmenwechsel dahingehend, wie Themen allgemein in der Schule behandelt werden: „Media change is affecting every aspect of our contemporay experience, and as a consequence, every school discipline needs to take responsibility for helping students to master the skills and knowledge they need to function in a hypermediated environ- ment“ (ebd. S. 57). In ganz ähnliche Richtung weisen die Überle gungen zu 108 Erste Schritte wurden bereits von Henry Jenkins und Howard Gardner unter nommen, vgl. www. henryjen kins. org /2008/04/ethics_ and_ the_ new_ media_ liter. html [31. 7. 2009]. 109 Die Initiative wurde unter stützt von klicksafe, Internauten und SchülerVZ. Für nähere Informa tionen vgl. www. respekt-im-netz. net [31. 7. 2009]. 110 Die Kampagne wurde von der Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundes republik Deutschland mit Förde rung u. a. vom Ver braucher schutz- und vom Familien ministerium initiiert. Nähere Informa tionen finden sich unter www. watchyourweb. de [31. 7. 2009]. 288 einer „Pädagogik der Naviga tion“ (Röll 2003), die auf Förde rung selbst ge- steuerter Lernprozesse im Rahmen einer ver änderten Lernkultur zielen. Neben den Eltern und Pädagogen gilt es aber auch, an die Ver antwor tung der Anbieter zu appellieren, die nicht nur darin bestehen sollte, Risiken zu minimieren, sondern Kompetenzen zu fördern, sei es durch die Herstel lung von Transparenz, die Bereit stel lung von Informations material für unter schied- liche Zielgruppen, wie es z. B. SchülerVZ111 tut, oder die Initiie rung von oder Beteili gung an medien pädagogi schen Praxisprojekten wie den oben genannten Kampagnen. 9.4 Transparenz und Ver braucher schutz Im Social Web können Konsumenten zu „Prosumenten“ bzw. „Produsern“ werden, weil sie nicht mehr nur als Empfänger, sondern auch als Produzenten auf treten – wobei an dieser Stelle nicht allein das Schaffen, Zur-Ver fügung- Stellen und Bearbeiten von medialen Inhalten oder von Informa tionen gemeint ist, das (wie in den Abschnitten 3.1 und 4 gezeigt) ja nur ein Teil der Social Web-Nutzer tatsäch lich aktiv betreibt. Vielmehr ist auch zu berücksichtigen, dass Nutzer Daten spuren hinterlassen, ohne aber jederzeit nachvollziehen zu können, welche Daten in welchem Ausmaß gespeichert werden, wenn man sich auf einer Platt form bewegt, an Gewinn spielen o. Ä. teilnimmt oder An- bietern Zugriff auf die eigenen Profildaten gibt. Der Schutz vor Daten miss brauch, die Sicherstel lung eines ver antwortungs- vollen Umgangs mit persön lichen Daten sowie die allgemeine Unterstüt zung von Ver brauchersou veränität sind daher wichtige Aufgaben, die auch mit Blick auf den recht lichen Rahmen diskutiert werden müssen. Der Ver braucher zentrale Bundes verband (VZBV) forderte in diesem Zusammen hang im März 2009:112 – „die Sicherstel lung einer möglichst weit gehenden Anonymität im Internet, sofern dies der Nutzer wünscht, – das Verbot der Erstel lung personen bezogener Nutzer profile ohne aus drück- liche vor herige Zustim mung der Betroffenen, – das Verbot von Kopplungs geschäften, bei denen Online-Anbieter die Nut- zung ihrer Dienste an die Zustim mung der Ver braucher zur Verwen dung ihrer personen bezogenen Daten für Werbezwecke binden, 111 Vgl. http: //www. schuelervz. net / l /security (Jugend liche Nutzer) sowie http: //www. schuelervz. net / l / parents (Eltern und Lehrer) [31. 7. 2009]. 112 Im Juli 2009 ver schickte der VZBV zudem Abmah nungen an Betreiber von Netz werk platt formen, weil deren Geschäfts bedin gungen die Nutzer benachteiligten. Eine Übersicht der in diesem Zusammen hang auf gestellten Forde rungen internationaler Ver braucher schutz zentralen zur Steige rung von Transparenz und Ver braucherrechten findet sich in TACD (2009). 289 – die ver bind liche Ver anke rung des Prinzips der aktiven Zustim mung bei der Einwilli gung zur Daten weitergabe (opt-in), – das Fern meldegeheimnis auf das Internet auszu weiten, damit auch der E-Mail-Verkehr künftig einen besonderen ver fassungs recht lichen Schutz genießt, – Internet-Zugangs anbietern im Falle ver meint lich rechts widrigen Handelns einzelner Nutzer nicht zu Hilfspolizisten der Musik- und Filmindustrie zu machen, – eine Informations pflicht für Online-Dienste anbieter, ihren Nutzern mitzu- teilen, welche Daten erhoben und wie diese ver arbeitet und genutzt werden, – eine Hinweispf licht für Unternehmen der Internet wirtschaft zur Erreich- bar keit der Daten schutz beauftragten des jeweiligen Unternehmens.“ (http://www. vzbv. de/go/presse/1128/8/36/ index. html, 30. 3. 2009) Mit Blick auf die Nutzer scheinen vor allem diejenigen Punkte bedeutsam, die ihre Souveränität unter stützen, also z. B. die Transparenz erhöhen, welche per- sön lichen Daten wann, von wem und für welche Zwecke gespeichert, genutzt oder ggf. auch weiter gegeben werden. Dazu gehört auch, den Nutzern die Ent- scheidungs frei heit einzu räumen, unter Umständen auch anonym zu bleiben. Allerdings geben die Befunde aus der vor liegenden Studie auch Hinweise darauf, dass sich viele Nutzer gar keine Gedanken über ihre Privatsphäre machen und die lang fristigen Folgen ihrer freizügigen Daten preis gabe kaum ab schätzen können. Einige zeigen sich zwar durch aus für das Thema sensi- bilisiert oder haben schon mal davon gehört, beziehen es aber nicht auf sich selbst bzw. ziehen für sich keine Konsequenzen für ihre Nutzungs praxis. Hier geht es darum, das Risikobewusstsein zu schärfen und den Nutzern konkrete Handlungs optionen an die Hand zu geben, wie sie dem Daten miss brauch best- möglich vor beugen können. 9.5 Social Web aus recht licher Perspektive113 Netz werk platt formen, um die es in diesem Abschnitt vor rangig geht, stellen das Medien recht vor besondere Herausforde rungen, bei denen es zu prüfen gilt, inwieweit ihnen durch Anwen dung der geltenden recht lichen Grundlagen begegnet werden kann oder ob, beziehungs weise inwieweit es zumindest der Beobach tung bedarf, ob nicht eine Anpas sung des Rechts rahmens er forder lich wird. Dabei können Platt formen, die von Kindern und Jugend lichen genutzt werden, besondere recht liche Probleme hervor rufen. 113 Für die nachfolgenden recht lichen Ausfüh rungen zeichnet Wolfgang Schulz ver antwort lich. 290 9.5.1 Dienstetypus und recht liche Anknüpfungs punkte Netz werk platt formen sind typischer weise internetbasierte Anwen dungen, bei denen die Nutzer selbst Inhalte und Daten zur Ver fügung stellen (vgl. Ab- schnitt 3.2.1). Insofern werden die mit dem User-generated Content ver bun- denen Probleme auch bei diesen Angeboten virulent. Dazu gehört die Frage, was über haupt der recht lich relevante Dienst ist, ob etwa von Nutzern selber ein gestellte Seiten – beispiels weise zur Beschrei bung ihrer Person – eigene Telemedien und die einstellenden Nutzer dementsprechend Anbieter dieser Medien darstellen bzw. unter welchen Vorausset zungen dies der Fall ist.114 Davon losgelöst ist die Frage zu beantworten, ob bzw. unter welchen Voraus- set zungen (auch) der Anbieter der Platt form für die Inhalte der Nutzer ver- antwort lich ist, und zwar differenziert nach unter schied lichen zivil recht lichen Ansprüchen, jugendschutz recht lich, wettbewerbs recht lich und gegebenen falls auch strafrecht lich.115 Bislang noch wenig in der rechts wissen schaft lichen Literatur beachtet – aber an gesichts der auch in dieser Studie belegten großen Bedeu tung einzelner Platt formen naheliegend – sind mögliche Diskriminie rungen, etwa wenn Platt- formbetreiber Nutzer aus bestimmten Gründen aus schließen. Ob hier das Kartell recht greift, er scheint frag lich, fehlt es doch an einem unmittel baren Leistungs austausch, wenn man es als „Gegen leis tung“ des Nutzers nicht ge- nügen lässt, dass dieser Inhalte auf die Platt form stellt. Zum Teil wird – in Bezug auf Suchmaschinen – davon aus gegangen, dass auch dann von einem Markt im Sinne des Kartell rechts aus gegangen werden kann, wenn es an einem unmittel baren Leistungs austausch fehlt, sofern die Diskriminie rung erheb liche negative ökonomi sche Folgen hat.116 Dies ist bei Netz werk platt formen allen- falls dann denk bar, wenn es um berufs bezogene Netz werke geht. Schließ lich sind die Platt formen, auf denen sich soziale Netz werke bilden, ein gutes Beispiel dafür, dass formales Recht nur einen Bestand teil der zur Ver fügung stehenden „Governance-Struktur“117 darstellt. In der vor liegenden Studie wurde deut lich, dass sich in den Kommunikations räumen Konven tionen und andere soziale Regeln ent wickeln, die formale recht liche Regeln stützen, zu ihnen aber auch konträr stehen, sie unter laufen oder schlicht ignorieren können – man denke an die Ver brei tung von urheber recht lich geschütztem Material über Video- und Netz werk platt formen. Schließ lich spielt die über- wiegend vom Platt formbetreiber definierte Software-Struktur – „der Code“ – 114 Vgl. zu dieser Grundproblematik Lorenz, VuR 2008, S. 321 (S. 323 f.) m. w. N.; mit der Einord nung ein- zelner Nutzer als Anbieter gehen ggf. Informations pflichten, etwa im Hinblick auf die Bereit stel lung eines Impressums oder der Kennzeich nung kommerzieller Kommunika tionen einher; vgl. ebd., S. 321 ff. 115 Zu den zivil- und strafrecht lichen Haftungs fragen s. Jürgens/ Veigel, AfP 2007, S. 181 ff. 116 Vgl. Ott, MMR 2006, S. 195 (197). 117 Zur Internet-Governance etwa Wilson, Journal of Public Policy, 25, S. 29–50. 291 eine zentrale Rolle, weil durch sie definiert wird, welche Optionen etwa zum Schutz der Privatsphäre innerhalb eines Netz werkes bestehen, ob informatio- nelle Öffnun gen gegen über der Öffentlich keit vor gegeben sind oder jeden falls als Grundeinstel lung nahegelegt werden oder ob anders herum die Informa- tionen über eine Person individuell freigeschaltet werden müssen. Auch die Formen und der Zugang zu den Ex-post-Instrumenten des Beschwerde mana- gements oder der Missbrauchs meldun gen werden durch Codes vor gezeichnet, wodurch je nach Ausgestal tung eine schnelle Meldung und effektive Bearbei- tung von (ver meint lichen) Rechts verlet zungen gewährleistet werden kann. 9.5.2 Informationelle Selbst bestim mung und Daten schutz Die eben genannten Aspekte sind vor allem in Hinblick auf das Rechts gut der informa tionellen Selbst bestim mung relevant. Grundsatz ist hier, dass über die Ver arbei tung und Nutzung personen bezogener Daten grundsätz lich die Person, die diese Daten betreffen, ent scheiden soll.118 Die recht lichen Regelun gen sollen hier im Wesent lichen die Autonomie der Person über ihre Daten schützen. Bei Netz werk platt formen, die schwerpunkt mäßig Minderjährige ansprechen, ist zu beachten, dass es für die Einwilli gung auf die Einsichts fähig keit des Nutzers ankommt. Inwieweit eine dem Jugend lichen zurechen bare oder eine von den Eltern getragene Willen serklä rung beim Abschluss eines Nutzungs- vertrags des Minderjährigen mit dem Anbieter ent scheidend für die Bewer- tung einer rechtmäßig ab gegebenen daten schutz recht lichen Einwilli gung ist, ist von der Rechts wissen schaft noch nicht ab schließend geklärt. Die Mehrheit der Literatur geht davon aus, dass bis zu einem Alter von sieben Jahren die Einsichts fähig keit aus geschlossen sei; bis 14 Jahren soll die Einsichts fähig keit grundsätz lich aus geschlossen sein und nur in begründeten Ausnahmefällen vor liegen; ab 14 Jahren seien generell Einzelfallabwä gungen vorzu nehmen; 16- und 17-Jährige sollen grundsätz lich einsichts fähig sein.119 Insgesamt ist die besondere Schutz bedürftig keit von Kindern und Jugend lichen in diesem Bereich auch rechts wissen schaft lich einer weiteren Untersuchung wert. Identitäts- und Beziehungs management auf Netz werk platt formen er fordert auch das Management der eigenen personen bezogenen Daten. Hinzu treten aber weitere Möglich keiten, bei denen personen bezogene Daten Dritter durch Nutzer ver arbeitet werden, etwa wenn auf Gruppen fotos auch erkenn bar Freundinnen oder Kollegen er scheinen und das Foto mit deren Profilseite ver- linkt wird. Der Frage, inwieweit die Softwarearchitektur den Freiraum lässt, 118 Zur ver fassungs recht lichen Grundkonzep tion des deutschen Daten schutz rechtes vgl. Kühling /Seidel / Sivridis, Daten schutz recht, Kapitel 1., Teil C., S. 74 ff. 119 Vgl. Zscherpe, MMR 2004, S. 723–727 (724 f.); Schwenke, Individualisie rung und Daten schutz. Rechts- konformer Umgang mit personen bezogenen Daten im Kontext der Individualisie rung, 2006, S. 182 ff.; Scholz, Daten schutz beim Internet-Einkauf, 2003, S. 279 ff. 292 dass die Nutzer möglichst frei von Zwängen darüber ent scheiden können, wem sie welche personen bezogenen Daten zugäng lich machen und inwieweit Dritte fremde personen bezogene Daten ver arbeiten können, kommt damit auch hier ent scheidende Bedeu tung zu.120 Das Daten schutz recht sieht für den Fall, dass der Nutzer in die Ver arbei- tung ein gewilligt hat, kaum Beschrän kungen vor – von Ausnahmen wie „für Zwecke der Werbung, der Markt forschung oder zur bedarfs gerechten Gestal- tung der Telemedien“ in § 15 Abs. 3 TMG ab gesehen.121 Insofern ist eine Ein- willi gung in die wie auch immer geartete Nutzung grundsätz lich möglich, allerdings treffen den Platt formanbieter hier sehr konkrete Informations pflich- ten hinsicht lich der Unterrich tung der Nutzer in Bezug auf den Zweck und die Tragweite der Daten verarbei tung, sodass die Nutzer eine möglichst selbst- bestimmte Entschei dung treffen können.122 In der anläss lich des Safer Internet Day am 10. 02. 2009 unter zeichneten Selbst verpflichtungs erklä rung von 17 An- bietern sozialer Online-Netz werke in Europa finden sich ent sprechende Punkte wie die Voreinstel lung von Profilen von Unter-18-Jährigen als „privat“ und die leichte Erkenn bar keit für die Nutzer, wer ihr Profil einsehen kann.123 9.5.3 Allgemeines Persönlichkeits recht Neben Informa tionen über sich selbst sind auch Kommunika tionen über Andere typische Bestand teile von Netz werk platt formen. Bezugnahme auf Andere birgt immer das Risiko, dass allgemeine oder besondere (etwa Recht am eigenen Bild) Persönlichkeits rechte betroffen werden.124 Im Bereich der Netz werk platt- formen sind hier neben den typischer weise damit ver bundenen Fragestel lun- gen,125 die natür lich auch in diesem Kontext auf tauchen können, vor allem drei Aspekte bedeutsam: – Da es sich bei den Nutzern um Laien handelt, gibt es grundsätz lich keine Bindung an professionelle Standards, wie man sie etwa im Journalismus – auch im Online-Journalismus – findet. Grundsätz lich ist damit das Risiko einer Verlet zung von fremden Persönlichkeits rechten größer, auf der anderen Seite ist aber die Reichweite derartiger Bezugnahmen und damit auch die 120 Zu daten schutz recht lichen Fragen bei sozialen Netz werken im Hinblick auf Werbung s. Bauer, MMR 2008, S. 435 ff.; bei Suchmaschinen im Hinblick auf Personen s. Ott, MMR 2009, S. 158 ff. 121 Vgl. Bauer, MMR 2008, S. 435 (438). 122 Zu dieser Informations komponente s. Bizer, Johann / Kamp, Meike u. a. (2006): Erhöhung des Daten- schutz niveaus zugunsten der Ver braucher. Studie im Auftrag des BMELV. Kiel. 123 Siehe EU-Kommission, Safer Social Networking Principles for the EU. 124 Vgl. Schnabel, ZUM 2008, S. 657 (658). 125 Dazu gehören vor allem Verlet zungen des allgemeinen Persönlichkeits rechts und des Bildnis schutz rechts durch kränkende oder beleidigende Aussagen und unvorteil hafte oder schlicht nicht er wünschte Abbil- dungen. S. dazu Greve/Schärdel, MMR 2008, S. 644 ff. 293 Intensität möglicher Persönlichkeits rechts verlet zungen eher gering; da aber auch andere Medien dies auf greifen können,126 ist eine tiefer gehende Ver- let zung keines wegs auszu schließen. – Charakteristisch für Netz werk platt formen ist, dass eine neue Ebene von Öffentlich keit ent stehen kann, mit der viele noch keine expliziten Erfah- rungen gemacht haben. Ein gutes Beispiel für die mit den ver schiedenen Ebenen von Öffentlich keit ver bundenen, auch persönlichkeits recht lichen Probleme findet sich bei den Ver fahren über Lehrer bewertungs portale,127 bei denen sich unter anderem die Frage stellte, inwieweit Äußerun gen von Lehrerinnen oder Lehrern aus dem Unterricht auf einer öffent lich zugäng- lichen Platt form wahrheits gemäß wieder gegeben werden dürfen und damit eine größere Öffentlich keit er reicht wird, als die Aussagen ursprüng lich in der Klasse hatten. – Die Gestal tung der Platt formen und die sozialen Regeln sind bei der Be- urtei lung persönlichkeits recht licher Fragen zu berücksichtigen, zum einen als milieuspezifi scher Deutungs kontext, zum anderen wegen der Möglich- keiten, Beeinträchti gungen selbst rasch durch eigene Kommunika tion aus- zu gleichen.128 Hier obliegt es der Rechtsprechung, die aus dem Bereich tradi tioneller Medien stammenden Abwägungs regeln den Bedin gungen des Social Web anzu passen. 9.5.4 Jugendschutz Die Eigendynamik sozialer Netz werke bildet auch für den Jugendmedien schutz eine besondere Umgebung. Zum einen kann eine eigenständig von bestimmten Nutzer gruppen gestaltete „Welt“ ent stehen, in der die soziale Kontrolle durch die Erwachsenen welt außen vor bleibt und in der – möglicher weise als alters- typisch akzeptierte und begrenz bare – Regel übertre tungen auch für jüngere Nutzer sicht bar werden und so eine Entwicklungs beeinträchti gung zur Folge haben können. Auf der Ebene der recht lichen Anknüp fung sind die unter 9.5.1 dargestell- ten allgemeinen Probleme relevant (insbesondere Anbieter begriff und Haftungs- fragen). Darüber hinaus ist eine besondere Flüchtig keit von Inhalten bzw. eine 126 Zur Diskussion um journalisti sche Ethik im Bereich von Berichterstat tung, die auf Informa tionen aus sozialen Netz werken zurück greift, s. Mrazek, journalist 6/2008; Mrazek beschreibt dort den Fall einer er mordeten Studentin, deren StudiVZ-Profil daraufhin Journalisten als Ansatz punkt für teils fragwürdige Recherchen diente. 127 Vgl. LG Köln ZUM 2008, S. 73; OLG Köln ZUM 2008, S. 238; LG Köln ZUM-RD 2008, S. 205; OLG Köln ZUM 2008, S. 869; LG Duisburg ZUM 2008, S. 700; dazu Plog/ Bandehzadeh, K&R 2008, S. 45; Ladeur, RdJB 2008, S. 16 (24, 26); Heller, ZUM 2008, S. 243 (244); Huff, EWiR 2007, S. 713 (714); Peifer/ Kamp, ZUM 2009, S. 185. 128 Ladeur, RdJB 2008, S. 16 ff. 294 Volatilität des Gesamtnetz werks in Rechnung zu stellen, die auf prakti scher Ebene eine Kontrolle schwierig macht. Anknüpfungs punkte für ein jugendschutz recht liches Vorgehen sind zum einen klare gesetz liche Haftungs regeln, die den Platt formbetreibern ihre Ver- pflich tungen deut lich machen. Darüber hinaus kann auch in diesem Bereich Selbst kontrolle wirksam sein, Initiativen auf europäi scher Ebene129 wie auf nationaler Ebene130 sind Anfang 2009 gestartet worden. Schließ lich kann bei Netz werk platt formen, die insgesamt von Jugend lichen unter schied licher Alters- stufe besucht und gestaltet werden, auch die Ver antwor tung älterer Jugend- licher für Jüngere frucht bar gemacht werden; dies ver weist noch einmal auf den unter 9.5.1 genannten Punkt der Unterstüt zung formaler Regeln durch soziale Regeln. 9.5.5 Urheber recht Im Hinblick auf den Schutz fremder Urheber rechte er scheint vor allem als Problem, dass bei einer gewissen Öffnung für Nutzer gruppen eine öffent liche Zugänglichmachung im Sinne des § 19a UrhG vor liegt. Zwar gilt auch für die Verwen dung von Netz werk platt formen, dass es grundsätz lich erlaubt ist, fremde Werke im privaten Bereich zu nutzen. Allerdings wird der Begriff des privaten (nicht-öffent lichen) Bereichs eng definiert. Rein privat dürfte die Ein- beziehung fremder, urheber recht lich geschützter Inhalte in soziale Netz werke nur sein, wenn der Nutzer den Zugriff hierauf nur Personen aus dem engen Freundes- und Familien kreis zugäng lich macht und andere Nutzer aus schließt (was häufig Sinn und Zweck der Nutzung wider sprechen wird). Allein die gemeinsame Nutzung derselben Platt form, das Vorhandensein gleicher oder ähnlicher Interessen oder die Zugehörig keit zu gleichen Foren, Nutzer- oder Interessen gruppen auf einer Platt form reicht hierfür nicht aus.131 Gerade jungen Mitgliedern von Netz werk platt formen fehlt häufig das Rechts- bewusstsein gegen über geistigen Eigentums rechten, geschweige denn, dass sie sich über konkrete Rechts fragen im Klaren wären. Daher werden im Netz massen haft – auch in sozialen Netz werken, etwa zur Illustra tion der kulturellen Vorlieben – Bilder oder Musikstücke, Videos oder andere geschützte Inhalte 129 Vgl. EU-Kommission, Safer Social Networking Principles of the EU. Gegen stand der Selbst verpflich tung sind u. a. eine Meldetaste bei anstößigen Kontakt aufnahmen oder Ver haltens weisen, der Ausschluss der Suchbar keit von privaten Profilen von Nutzern unter 18 Jahren und der Ausschluss zu junger Nutzer von den Angeboten (ab hängig davon, auf welche Alters gruppen das Angebot aus gerichtet ist). 130 Vgl. den Subkodex der Platt formbetreiber bei der FSM sowie die Pressemittei lung hierzu vom 11. 3. 2009, abruf bar unter www. fsm. de/ inhalt. doc/ PM_ Social_ Communities. pdf [31. 7. 2009]. 131 Gericht liche Entschei dungen zu der Frage, ob und unter welchen Umständen eine private Ver bunden heit zwischen Nutzern von sozialen Netz werken, die sich nur hierüber kennen, ent steht, sind ersicht lich bislang nicht er gangen. 295 wider recht lich genutzt. Gerade im Bereich des Urheber rechts ist Aufklä rung ein wichtiger Aspekt.132 Daneben werden urheber recht liche Fragen berührt, wenn (auch minder- jährige) Nutzer eigene Inhalte auf den Platt formen zugäng lich machen (z. B. Fotos, Grafiken, Videos etc.). Die Nutzer sind sich ihrer Rechte oft nicht be- wusst, ebenso wenig wird ihnen bewusst sein, wenn sich die Platt formbetreiber durch AGBs (mehr oder weniger weit gehende) Nutzungs rechte an den Inhalten der Nutzer einräumen lassen, geschweige denn, welche Rechte in welchem Umfang das sind und welche Konsequenzen hierdurch ent stehen. 9.5.6 Fazit und Ausblick aus recht licher Perspektive Wie für derlei soziale und technologi sche Neuentwick lungen erwart bar, er- geben sich bei Netz werk platt formen zahl reiche un geklärte Rechts fragen, von denen die der Haftung für Inhalte – wenn auch eher aus Anbieterperspektive – eine der drängendsten ist. Recht lich interessant an diesen Angeboten ist da- neben ihre Funktion, die mit Selbst- und Fremd darstel lung von Personen eng ver knüpft ist. Rechts verlet zungen ergeben sich daher häufiger in Bezug auf das Entwicklungs- und Persönlichkeits recht der Nutzer, insbesondere im Hin- blick auf die Ausfor mungen Jugendschutz und Daten schutz. Einige der damit ver bundenen Fragen – etwa wie rechts verletzende Inhalte ver mieden und ggf. belegt und ver folgt werden können – werden bereits adressiert, beispiels weise durch selbst verpflichtende Initiativen für ver besserten Daten schutz133 und den beim EU Safer Internet Day134 vor gestellten „Beschwerde-Button“, ver mittels dessen – insbesondere jüngere – Nutzer sofort potenzielle Rechts verlet zungen einem Chat-Moderator o. Ä. melden können. Schließ lich macht es die nieder- schwellige Möglich keit, selbst zu publizieren, nötig, Wissen etwa über die Grenzen zulässiger Privatnut zung urheber recht lich geschützter Werke zu er- werben. 9.6 Überle gungen zur Forschung im Social Web Die techni sche und an gebots bezogene Entwick lung hat in den letzten Jahren an Dynamik zu genommen, was auch für die Forschung nicht ohne Folgen bleibt. Bereits im Ver gleich mit der fünf Monate vor den hier präsentierten Daten er hobenen JIM-Studie 2008 zeigt sich, wie schnell sich das Angebots- 132 Dem hat sich das (Ver braucher-) Portal für „Urheber recht in der digitalen Welt“ (vgl. www. irights. info) ver schrieben, auf dem allgemein verständ lich Informa tionen über das Urheber recht gegeben werden. 133 FSM-Subkodex der sozialen Netz werke, s. o. Fn. 130. 134 Selbst verpflich tung der Platt formanbieter, s. o. Fn. 129. 296 spektrum, die Angebote selbst und die Medien nutzung in diesem Bereich ver- ändern. Nur lang fristig an gelegte Untersuchungen werden ver läss lich Auskunft über die individuellen wie gesell schaft lichen Konsequenzen des Social Web geben können – beispiels weise, inwieweit bestimmte Praktiken des Identitäts-, Beziehungs- und Informations managements im Ver lauf des Heranwachsens stabil bleiben bzw. sich wandeln, oder inwieweit neue Angebote, öffent liche Diskurse oder Instrumente der Medien kompetenzförde rung auch zu ver änder- ten Nutzungs weisen führen. Der Medien pädagogi sche Forschungs verbund Südwest stellt mit den regel- mäßigen KIM- und JIM-Studien für die Alters gruppe der 6- bis 19-Jährigen un verzicht bare Basis daten bereit. Angesichts der Auswei tung des Social Web ist zu über legen, auf welchem Wege eine ähnliche Basis für die Untersuchung der Social Web-Nutzung auf lange Sicht geschaffen werden kann. Vorstell bar wäre u. a. kontinuier liches Monitoring (ähnlich wie das Medienkon vergenz- Monitoring der Universität Leipzig), um möglichst zeitnah neue Entwick lungen und Trends er fassen zu können. Als vorteil haft erweist es sich sicher lich, wenn die Forscher selbst in die digitalen Netz werke ein gebunden sind, denn nur so können auch punktuelle Ver ände rungen des Angebots (z. B. Änderun gen von Geschäfts bedin gungen) und der Einfluss der Nutzer (wie z. B. im Fall von Facebook) zeitnah registriert werden. Probleme ergeben sich in solchen Fällen, in denen das Angebot bestimmten Alters grenzen unter liegt oder einer be- stimmten Zielgruppe vor behalten ist. Die Anmel dung bei SchülerVZ beispiels- weise ist für Erwachsene nur mit einem Ver stoß gegen die Geschäfts be- dingun gen möglich, da ein falsches Alter an gegeben werden muss. Aus forschungs ethischer Perspektive ist eine solche Vorgehens weise problematisch, weil sie sowohl gegen über den Nutzern als auch gegen über den Betreibern Regeln bricht. Aber auch mit Blick auf andere Angebote im Social Web gilt es die Rolle des Forschenden zu reflektieren: Inwieweit muss sich der Forschende, z. B. im Kontext teilnehmender Beobach tungen, in den Communities als solcher zu er kennen geben? Unter welchen Bedin gungen dürfen Daten und Informa tionen, die im Social Web ver öffent licht sind, für Forschungs zwecke (z. B. Inhalts- analysen) genutzt werden? Welcher Grad der Anonymisie rung der Ergebnisse ist notwendig? Im Rahmen ver schiedener wissen schaft licher Organisa tionen, beispiels weise der Deutschen Gesell schaft für Publizistik- und Kommuni ka- tions wissen schaft (DGPuK) oder der Deutschen Gesell schaft für Online- Forschung (DGOF) werden erste Diskussionen über diese Fragen geführt, um in abseh barer Zeit zu forschungs ethischen Richtlinien im Umgang mit den persön lichen Öffentlich keiten des Social Web zu kommen (vgl. Schmidt 2009a). Damit zusammen hängend ist schließ lich auch die Frage zu diskutieren, inwiefern die „participatory culture“ (Jenkins 2006) auch eine stärkere Öffnung der wissen schaft lichen Forschung für die Beforschten mit sich bringen sollte. 297 Eine transparente und fortlaufende Dokumenta tion der Arbeits schritte während eines Projekts erzeugt nicht nur Sicht bar keit gegen über einer interessierten Öffentlich keit, sondern kann gegebenen falls auch zur Validie rung oder Kor- rektur bestimmter Einschät zungen und Forschungs entschei dungen führen – und damit letzt lich die Qualität des gewonnenen Wissens ver bessern.135 135 Eine ent sprechende Möglich keit wurde in diesem Projekt erprobt: Ein begleitendes Weblog (http://www. hans-bredow-institut. de/webzweinull) informierte nicht nur über Hintergründe und Beteiligte des For- schungs vorhabens, sondern stellte auch einschlägige Studien und medien pädagogi sche Materialien vor. Den (allerdings nicht systematisch aus gewer teten) Rückmel dungen über Kommentare, Zugriffe und Ver- lin kungen zufolge er reichte es insbesondere akademi sche Kollegen und andere am Thema Interessierte, jedoch nicht die Zielgruppe der Jugend lichen und jungen Erwachsenen. 299 10 Literatur136 ACMA (2009): Click and connect: Young Australians’ use of online social media. 02: Quantitative research report. Melbourne. Online verfügbar: www.acma.gov. au/webwr/aba/about /recruitment /click_ and_ connect-02_ quantitative_ report.pdf. Anderson, Chris (2006): The long tail. Why the future of business is selling less for more. New York: Hyperion. Anonym (2009): Wie ich Freiherr von Gutten berg zu Wilhelm machte. In: Bildblog, 10. 2. 2009. Online verfüg bar: www.bildblog.de/5704/wie-ich-freiherr-von- gutten berg-zu-wilhelm-machte. Baacke, Dieter (1989): Sozialökologie und Kommunikations forschung. In: Baacke, Dieter/ Kübler, Hans-Dieter (Hrsg.): Qualitative Medien forschung. 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Berufstätigkeits gruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 Abbil dung 5.5: Anteile der SNS-Nutzer typen unter Befragten mit und ohne Migrations hintergrund (in %) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 Abbil dung 6.1: Profilseite eines SchülerVZ-Nutzers . . . . . . . . . . . . . . . 212 Abbil dung 6.2: Profilseite eines MySpace-Nutzers . . . . . . . . . . . . . . . . 213 Abbil dung 6.3: Profilseite eines YouTube-Nutzers . . . . . . . . . . . . . . . . 231 Abbil dung 6.4: Profilseite eines MyVideo-Nutzers . . . . . . . . . . . . . . . . 233 Abbil dung 6.5: Profilseite eines registrierten Wikipedia-Nutzers . . . . . . . . 239 314 Abbil dung 7.1: Vielfalt und Häufig keit der kommunikativen Aktivitäten nach SNS-Nutzer typen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257 Tabellen Tabelle 1.1: Entwicklungs perioden und Entwicklungs aufgaben . . . . . . . . 22 Tabelle 1.2: Korrespondenz von Entwicklungs aufgaben und Handlungs - komponenten im Social Web . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 Tabelle 2.1: Zusammen stel lung der Probanden für die Gruppen diskussionen 46 Tabelle 2.2: Überblick über die Befragten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 Tabelle 3.1: Entwick lung der gelegent lichen und regelmäßigen Nutzung von Web 2.0-An wen dungen (in %) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 Tabelle 3.2: Nutzung von Web 2.0-Anwen dungen nach Alter und Geschlecht (zumindest selten; in %) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 Tabelle 4.1: Internet-Nutzungs dauer nach Geschlecht und Alter (in Minuten) 85 Tabelle 4.2: Ort der Internet-Nutzung nach Alters gruppen . . . . . . . . . . . 85 Tabelle 4.3: Häufig keit der meist genutzten Internetaktivitäten nach Geschlecht (täglich /mehrmals pro Woche, in %) . . . . . . . . . . . . . . . . 86 Tabelle 4.4: Häufig keit ver schiedener Aktivitäten im Umgang mit dem Social Web (täglich /mehrmals pro Woche; Spalten prozente) . . . 87 Tabelle 4.5: Zahl der zumindest gelegent lich genutzten Internet-Anwen dungen 88 Tabelle 4.6: Lieblings angebote im Internet bei offener Fragestel lung (bis zu drei Antworten möglich; Angaben in % der Fälle) . . . . 89 Tabelle 4.7: Art der Lieblings angebote im Internet (in % aller Befragten) . . 90 Tabelle 4.8: Häufig keit der Nutzung ver schiedener Anwendungs typen nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 Tabelle 4.9: Beschrei bung der vier Internet-Nutzer typen (Cluster) . . . . . . . 95 Tabelle 4.10: Einstel lungen gegen über und Erfah rungen mit dem Internet nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 Tabelle 4.11: Einstellungs dimensionen zum Internet nach Geschlecht und Alter 100 Tabelle 4.12: Einstellungs dimensionen zum Internet nach Clustern der Internet- nutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 Tabelle 4.13: Negative Erfah rungen mit dem Internet nach Geschlecht und Alter (Befragte, die an geben, die betreffenden Erfah rungen bereits gemacht zu haben; in % der Befragten) . . . . . . . . . . 102 Tabelle 4.14: Negative Erfah rungen mit dem Internet nach Nutzer typ (in % der Befragten) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 Tabelle 4.15: Häufig keit negativer Erfah rungen mit dem Internet (in % der Befragten, die bereits ent sprechende Erfah rungen hatten) . . . . 103 Tabelle 4.16: Risiko erfah rung nach Geschlecht und Alter (Mittelwerte) . . . . 103 Tabelle 4.17: Nutzung der reichweiten stärksten Social Web-Angebote (mindestens einmal pro Woche; in %) . . . . . . . . . . . . . . . 105 Tabelle 4.18: Gruppen, die sich in der Zusammen setzung ihrer Kontakt - netz werke unter scheiden (in %) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 315 Tabelle 4.19: Häufig keit von Aktivitäten im Zusammen hang mit dem eigenen Profil auf der meist genutzten Online-Community nach Geschlecht und Alter (Mittelwerte; Basis: Befragte, die ein eigenes Profil ein gerichtet haben) . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 Tabelle 4.20: Einstel lungen zum Umgang mit privaten Informa tionen beim Umgang mit Online-Communities nach Geschlecht und Alter . . 113 Tabelle 4.21: Einstellungs dimensionen beim Umgang mit dem eigenen Profil nach Geschlecht und Alter (Mittlere Faktorwerte) . . . . . . . . . 115 Tabelle 4.22: Umgang mit SNS in Abhängig keit vom Nutzer typ . . . . . . . . 117 Tabelle 5.1: Negative Erfah rungen mit dem Internet nach Bildung (in %) . . . 123 Tabelle 5.2: Aktivitäts dimensionen bezogen auf das eigene Profil sowie Einstellungs dimen sionen zum Umgang mit Online-Communities nach formaler Bildung (Mittel werte über Faktorwerte) . . . . . . 126 Tabelle 5.3: Einstel lungen zum Umgang mit Online-Communities nach formaler Bildung (Mittelwerte) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 Tabelle 5.4: Negative Erfah rungen mit dem Internet nach Schul besuch bzw. Berufstätig keit (in %) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 Tabelle 5.5: Übersicht über die Auswertungs dimensionen . . . . . . . . . . . 155 Tabelle 5.6: Übersicht über die Zuord nung zu Handlungs typen . . . . . . . . 157 Tabelle 6.1: Ausgewählte Netz werk platt formen im Überblick . . . . . . . . . 208 Tabelle 6.2: Regelmäßige Netz werk platt form-Nutzer (mind. 1 ×/ Woche; in %) 209 Tabelle 6.3: Anteile der SNS-Nutzer typen (in % der Personen, die die Platt form mind. 1 ×/Woche nutzen) . . . . . . . . . . . . . . . . 210 Tabelle 6.4: Kategorien für den Beziehungs status bei Netz werk platt formen . . 214 Tabelle 6.5: Standardeinstel lungen für privatsphärerelevante Optionen . . . . 216 Tabelle 6.6: Ausgewählte Instant-Messaging-Dienste im Überblick . . . . . . 224 Tabelle 6.7: Regelmäßige Instant-Messaging-Nutzer (mind. 1 ×/ Woche; in %) 225 Tabelle 6.8: Ausgewählte Videoplatt formen im Überblick . . . . . . . . . . . 229 Tabelle 6.9: Regelmäßige Videoplatt form-Nutzer (mind. 1 ×/ Woche; in %) . . 230 Tabelle 6.10: Merkmale der Wikipedia im Überblick . . . . . . . . . . . . . . 238 Tabelle 6.11: Regelmäßige Wikipedia-Nutzer (mind. 1 ×/ Woche; in %) . . . . 238 Tabelle 7.1: Medien bezogene Tätig keiten in der Freizeit (Befragte, die an geben, die be tref fende Tätig keit „täglich“ auszu üben; Spalten prozente) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245 Tabelle 7.2: Korrela tionen zwischen Nutzungs häufig keiten ver schiedener Medien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246 Tabelle 7.3: Durchschnitt liche Nutzungs dauer für Fernsehen, Radio, Internet, Konsolen spiele und Online-Spiele (in Minuten pro Tag, Montag bis Sonntag) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247 Tabelle 7.4: Korrela tionen zwischen den Nutzungs dauern ver schiedener Medien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247 Tabelle 7.5: Beschrei bung der Medien repertoires und der soziodemographi - schen Merkmale von sechs Nutzer typen . . . . . . . . . . . . . . 249 Tabelle 7.6: Häufig keit ver schiedener Aktivitäten im Umgang mit dem Social Web bei ver schiedenen Nutzer typen (täglich /mehrmals pro Woche; in %) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 316 Tabelle 7.7: Anteile der SNS-Nutzer typen an den Medien repertoire-Typen (in %) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 Tabelle 7.8: Eignung ver schiedener Medien für ver schiedene Funktionen (in % aller Be fragten, n = 650) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253 Tabelle 7.9: Häufig keiten kommunikativer Aktivitäten (Befragte, die an geben, die be tref fende Tätig keit „täglich“ auszu üben; Spalten prozente) . . 256 Tabelle 7.10: Summen index für die Vielfalt und Häufig keit der kommunikativen Aktivitäten (Mittelwerte) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257 Tabelle 7.11: Häufig keiten kommunikativer Aktivitäten bei ver schiedenen SNS-Nutzer typen (Befragte, die an geben, die betreffende Tätig keit „täglich“ auszu üben; Spalten prozente) . . . . . . . . . . 258 Tabelle 7.12: Eignung ver schiedener Kommunikations mittel für konkrete soziale Situa tio nen (in % aller Befragten, n = 650) . . . . . . . . 260 Tabelle 7.13: Durchschnitt liche Zahl der Situa tionen, in denen die Kommuni- kations mittel für besonders gut oder gar nicht geeignet gehalten werden (Summen wert über zehn Situa tionen) . . . . . . . . . . . 260 Tabelle 9.1: Kategorisie rung von Chancen und Risiken der Internetnut zung . 277 Tabelle 9.2: Überblick über situations übergreifende Risikobereiche des Social Web . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279 317 Anhang Anhang A1: Screening-Fragebogen für die qualitative Teilstudie Straße, Hausnummer: _____________________________________________________________ Postleitzahl, Ort: _________________________________________________________________ Telefonnummer: __________________________________________________________________ 1) Geschlecht: männlich weiblich 2) Alter: __________________ Jahre 3) Staatsangehörigkeit:_____________________________________________________ 4) Gehst Du noch zur Schule? Ja (weiter mit Frage 4a) Nein (weiter mit Frage 4b & c) 4a) Welchen Schultyp besuchst Du (dann weiter mit Frage 5)? Hauptschule Realschule Gymnasium Sonderschule Sonstiges: _____________________ 4b) Welcher Tätigkeit gehst Du zurzeit nach? Auszubildende/r Berufstätig Arbeitslos 4c) Welchen Schulabschluss hast Du gemacht? Hauptschule Realschule Gymnasium Sonderschule Sonstiges:_________________________ 5) Welche Personen leben bei Dir zu Hause? (bitte zutreffendes ankreuzen) Mutter Vater Bruder/Brüder (Alter: ___________) Schwester/n (Alter ____________) Großmutter Großvater 318 Lebenspartner der Mutter (wenn nicht leiblicher Vater) Lebenspartner des Vaters (wenn nicht leibliche Mutter) Stiefgeschwister (Geschlecht, Alter: ___________________________________) Andere Verwandte: ________________________________________________ Sonstige Mitbewohner: _____________________________________________ 6a) Welchen Schulabschluss hat Deine Mutter? Hauptschule Realschule Gymnasium Sonderschule Sonstiges:_____________________________________ Ich weiß es nicht 6b) Welchen Schulabschluss hat Dein Vater? Hauptschule Realschule Gymnasium Sonderschule Sonstiges: _____________________________________ Ich weiß es nicht. 7a) Welchen Beruf übt Deine Mutter (bzw. weibliche Erziehungsperson) aus? _________________________________________________________________________ 7b) Welchen Beruf übt Dein Vater (bzw. männliche Erziehungsperson) aus? __________________________________________________________________________ 8) Hast Du zu Hause Zugang zum Internet? Ja Nein 319 9) Wie oft nutzt Du folgende Internetanwendungen? sehr oft oft manchmal selten nie kenne ich nicht Social Networking Sites (z.B. MySpace, SchülerVZ, StudiVZ) Bilder online zur Verfügung stellen (z.B. auf Flickr) Einen eigenen Weblog führen Weblogs anderer lesen An einer eigenen Homepage arbeiten In Wikis lesen (z.B. in Wikipedia) In Wikis schreiben (z.B. in Wikipedia) Online-Radio hören (z.B. Last.fm; Emap.fm, Surfmusik.de) Eigene Videos online stellen (z.B. auf YouTube, MyVideo, Vodcasts) Videos ansehen bzw. downloaden (z.B. von YouTube, MyVideo, Vodcasts) Eigene Audiobeiträge online zur Verfügung stellen (z.B. Podcasts) Audiobeiträge anhören bzw. downloaden (z.B. Podcasts) Online-Spiele (Single Modus) Online-Spiele (Multiplayer Modus) Chatten Instant Messaging (z.B. MSN, ICQ, AOL, Skype) Übers Internet telefonieren (z.B. mit Skype oder VOIP) An Foren/Boards teilnehmen Einkaufen, Stöbern (z.B. auf eBay, Amazon) Dinge Verkaufen (z.B. auf eBay) Sich in virtuellen Welten bewegen (z.B. Second Life) 320 Anhang A2: Leitfäden für die Gruppendiskussionen und Einzelinterviews Die Leitfäden wurden in der Art ihrer Ansprache auf die jeweiligen Altersgruppen zugeschnitten. 1 Leitfaden für die Gruppendiskussionen Bei den Gruppendiskussionen ist darauf zu achten, ob die Proband(inn)en miteinander befreundet sind, zudem ist eine altersspezifische Ansprache nötig. a) Einstiegsszenarien zu Beginn der Gruppendiskussionen: Stellt Euch einmal vor, wie wäre die Welt, wenn es das Internet nicht geben würde? o Wie würde Euer Alltag ohne Internet aussehen? Was tust Du, nachdem Du den Computer eingeschaltet hast? b) allgemeine Mediennutzung: Wie geht Ihr allgemein mit Medien um (TV, Radio etc.)? o Welche Rolle spielen Medien in Eurem Alltag? o Was ist Euer Lieblingsmedium? o Hat die Wahl Eurer Freunde etwas mit Eurer Mediennutzung zu tun? o Tauscht Ihr Euch mit Euren Freunden über Medien aus? Welche Rolle spielt das Internet in Eurem Alltag? o Welchen Stellenwert hat es im Vergleich zu anderen Medien? Wie nutzt Ihr das Internet / von wo greift Ihr auf das Internet zu? o Nutzt Ihr das Internet auch über das Handy? o Wenn ja, welche Vorteile hat das? o Wenn nein, warum nicht? c) Internetnutzung / Nutzung von Social Web-Anwendungen: Wenn Ihr ins Internet geht, was macht Ihr da so? o Wozu braucht Ihr das Internet? o Was ist für Euch das Wichtigste im Internet? / Welche Funktionen stehen für Euch dabei im Vordergrund? o Was sind Eure Lieblingsseiten im Internet? Wie sieht das aus, wenn es um Kontakte zu Freunden geht? Welche Rolle spielt da das Internet für Euch? Gezielt nachfragen (wenn nicht schon beantwortet) Wenn Ihr etwas wissen wollt, was tut Ihr dann? Welche Rolle spielt da das Internet für Euch? Zeigt Ihr Euch anderen im Internet? Wie macht Ihr das? Wollt Ihr da erkennbar sein? Oder gerade nicht, d.h. stellt Ihr Euch da als jemand Anderer vor? Oder geht Ihr auch anonym vor? Wie findet Ihr das, wenn sich jemand im Internet nicht zu erkennen gibt und anonym bleibt? Hat sich für Euch im Internet in den letzten Jahren etwas verändert? 321 Könnt Ihr Euch noch an die Zeit erinnern, als es solche Seiten wie YouTube oder SchülerVZ/ StudiVZ noch nicht gab? o Was habt Ihr damals im Internet gemacht? o Was war anders als heute? Habt Ihr schon einmal was von Social Web gehört? (Frage auf Probanden anpassen.) o Was glaubt Ihr verbirgt sich dahinter? d) Nutzung von Netzwerkplattformen Ihr nutzt doch SchülerVZ/StudiVZ: Was waren die Gründe für Euch, Euch da anzumelden? (Hinweis für Interviewer eingehen auf Gruppenzwang etc.) Könntet Ihr Euch einen Alltag ohne SchülerVZ/StudiVZ vorstellen? / Was wäre dann anders? Was findet Ihr am besten an SchülerVZ/StudiVZ? / Was ist für Euch das Wichtigste? Ist SchülerVZ/StudiVZ wichtig, um sich mit Freunden auszutauschen? Ist SchülerVZ/StudiVZ wichtig, um sich vor anderen (Schul-/Studienkollegen) präsentieren zu können? Ist SchülerVZ/StudiVZ wichtig, um von Freunden erreicht werden zu können? Habt Ihr über SchülerVZ/StudiVZ Freunde gefunden? Welche Rolle spielen für Euch Einladungen von Freunden oder Bekannten? o Welche Bedeutung hat es, wenn Ihr da ablehnt oder annehmt? o Wann sprecht Ihr selbst, solche Einladungen aus? Was bedeutet für Euch in diesem Kontext „Freundschaft“? (Anm. für Interviewer: Eingehen auf Ernsthaftigkeit der Beziehungen / Qualität von Freundschaften / Verlässlichkeit) o Bedeutet es etwas, viele Freunde auf einer Plattform zu haben? o Hat es für Euch eine Bedeutung, z.B. bei einer Person unter den fünf besten Freunden zu stehen? o Hat es für Euch eine Bedeutung, dies auch auf der Plattform öffentlich zu machen, allen zu zeigen? o Wie sieht das denn mit Freundschaftslisten von Prominenten aus? Was bedeutet es da, auf einer Fanliste zu stehen? Wenn Ihr Euch über SchülerVZ/StudiVZ austauscht, wie ist das für Euch: Ist das eher als ob Ihr Euch im Wohnzimmer unterhalten würdet, oder auf einem Marktplatz, auf dem Schulhof … Habt Ihr mehrere Profile in SchülerVZ/StudiVZ? o Wir findet Ihr das, wenn man mehrere Profile hat? (Anm. für Interviewer: ethische Diskussion) Gibt es da auch etwas, das Ihr in SchülerVZ/StudiVZ nicht so gut findet? (Anm. für Interviewer: Eventuell sensibel auf Themen wie Cyberbullying; HappySlapping; Problembewusstsein/Scham- grenzen eingehen) o Würdet Ihr daran gerne etwas ändern? 322 Kennt Ihr auch andere ähnliche Seiten wie SchülerVZ/StudiVZ (z.B. MySpace, Xing etc.)? o Nutzt Ihr diese Seiten auch? o Was ist daran anders als in SchülerVZ/StudiVZ? e) Nutzung anderer Social Web-Angebote: Kennt Ihr YouTube? o Nutzt Ihr YouTube? o Was macht Ihr in YouTube (Videos anschauen, selber Videos hinaufladen, Videos bewerten)? o Nutzt Ihr YouTube gemeinsam mit Freunden? o Redet Ihr mit Freunden über Videos, die Ihr auf YouTube entdeckt habt? o Bewertet Ihr Videos auf YouTube? o Was gefällt Euch an YouTube? o Gibt es auch etwas, das Euch an YouTube stört (z.B. Inhalte mancher Videos)? Habt Ihr schon einmal ein eigenes Video gemacht und auf YouTube gestellt? o Wenn nein, könntet Ihr Euch vorstellen, einmal ein Video hinaufzuladen? Was wäre das für ein Video (von Euch selbst, von anderen Personen)? o Wenn ja, was war das für ein Video? / Was war der Inhalt des Videos? Wer war in diesem Video zu sehen (Ihr selbst, bekannte/fremde Personen)? Was war Euch an dem Video wichtig (für Euch selbst, in Bezug auf andere)? Wofür war Euch das Video wichtig / was wolltet Ihr damit erreichen? Habt Ihr Eure Freunde auf dieses Video hingewiesen? / Haben Eure Freunde das bewertet? Wurde Euer Video von anderen bewertet? / Wie fandet Ihr das? Kennt Ihr noch andere Internetseiten, wo man Inhalte (z.B. Videos, Bilder, Audio-Files, Podcasts) selber hinaufladen kann? o Welche anderen ähnlichen Internetseiten nutzt Ihr? o Was ist das Tolle an diesen Internetseiten? o Was macht Ihr auf diesen Internetseiten? / Wozu nutzt Ihr die? o Tauscht Ihr Euch mit Freunden über solche Seiten aus? Kennt Ihr Wikipedia? o Habt Ihr schon einmal Wikipedia genutzt? o Wozu nutzt Ihr Wikipedia? o Kann man den Informationen in Wikipedia vertrauen? o Habt Ihr schon einmal selber etwas in Wikipedia geschrieben? Kennt Ihr auch andere Seiten, die so ähnlich sind wie Wikipedia? o Habt Ihr diese Seiten schon einmal genutzt? o Habt Ihr schon einmal etwas auf so eine Seite geschrieben? 323 Ihr kennt sicher Blogs, geht Ihr ab und zu auf solche Internetseiten? o Was gefällt Euch da? o Habt Ihr schon einmal etwas in einem Blog gepostet? o Hat jemand von Euch einen eigenen Blog? Wenn ja, was macht Ihr da so alles in Eurem Blog? Was ist für Euch das Wichtigste in Eurem Blog? Nutzung von Online-Spielen: Welche Online-Spiele kennt Ihr? Nutzt Ihr auch Online-Spiele? o Was spielt Ihr denn für Spiele? o Was ist das Besondere an diesen Spielen? o Was ist Euch bei diesen Spielen wichtig? Spielt Ihr diese Spiele alleine oder mit Freunden? o Habt Ihr über diese Spiele virtuelle Freunde gewonnen? o Spielen Deine realen Freunde auch dieses Spiel? Wart Ihr schon einmal auf einer LAN-Party? o Wie findet ihr solche LAN-Parties? Safer Internet: Wie seht Ihr das, kann man Informationen aus dem Internet trauen? o Woran sieht man Eurer Meinung nach, ob man einer Information aus dem Internet vertrauen kann? Wie ist das so mit den Informationen, die im Internet stehen, wisst Ihr, dass diese von allen Menschen gesehen werden können? (Anm. für Interviewer: Diesen Punkt besonders an das Alter der Probanden anpassen) o Wisst Ihr auch, dass alles, was im Internet steht, für immer online bleiben und von jedem gefunden werden kann? Wenn man sich etwas aus dem Internet holt (z.B. Text oder Foto), darf man das dann weiter- verwenden? / Oder muss man sagen, wo man es her hat? (Anm. für Interviewer: Diesen Punkt besonders an das Alter der Probanden anpassen) o Gehört das, was im Internet steht, jedem? Welchen Rat würdet Ihr einem Jüngeren geben, wenn er sich im Internet bewegen will: o Was sollte er/sie können? o Was sollte er/sie unbedingt wissen bzw. beachten? o Wo kann er/sie Tipps bekommen? 324 Rolle von Social Web-Anwendungen in Schulen (Unterricht)/Jugendzentren: Werden Angebote wie SchülerVZ, YouTube, Wikipedia oder Weblogs in der Schule/im Jugend- zentrum thematisiert? (Anm. für Interviewer: An das Alter der Probanden anpassen) o Sollte dies Eurer Meinung nach in der Schule/in Jugendzentren Thema sein? Werden solche Angebote in der Schule/im Jugendzentrum geblockt? Findet Ihr das okay? (Anm. für Interviewer: An das Alter der Probanden anpassen) Abschluss: Was glaubt Ihr, wie wird sich das Internet in Zukunft entwickeln? o Was wird in fünf bis zehn Jahren alles möglich sein? o Was würdet Ihr Euch wünschen? 325 2 Leitfaden-/Einzelinterviews a) Allgemeine Mediennutzung: Jetzt haben wir ja schon in der Gruppe viel übers Internet diskutiert, nun möchte ich noch gern etwas mehr darüber erfahren, wie Du selbst dazu stehst. Wenn Du auf eine einsame Insel fahren würdest und nur drei Dinge mitnehmen dürftest, was wäre das (nachfragen im Hinblick auf Medien)? Was ist für Dich das wichtigste Medium, was nutzt Du am häufigsten? o Warum nutzt Du dieses Medium am häufigsten? Welchen Stellenwert hat für Dich das Fernsehen? o Welche Bedeutung hat es für Dich im Kontext anderer Medien? Welchen Stellenwert hat für Dich das Radiohören? o Welche Bedeutung hat es für Dich im Kontext anderer Medien? Welchen Stellenwert hat für Dich das Lesen? o Welche Bedeutung hat es für Dich im Kontext anderer Medien? Welchen Stellenwert hat für Dich die Computernutzung im Allgemeinen? o Welche Bedeutung hat sie für Dich im Kontext anderer Medien? b) Internetnutzung Dieser Fragenblock überschneidet sich zum Teil mit jenem aus dem Leitfaden für die Gruppen- diskussionen. Ziel ist es hierbei, an die Äußerungen der Probanden in den Gruppendiskussionen anzuschließen (personenspezifische Nachfrage). Was hältst Du allgemein vom Internet? Was machst Du am häufigsten, wenn Du im Internet bist? In welchen Situationen nutzt Du das Internet (Anm. für Interviewer: nachfragen im Bezug auf emotionale Befindlichkeiten …)? Wozu nutzt Du das Internet? Was sind Deine Lieblingsseiten im Internet? Welche Rolle spielt für Dich das Internet, wenn es um Kontakte zu Freunden geht? Wenn Du etwas wissen willst, was tust Du dann? Welche Rolle spielt da das Internet für Dich? Zeigst Du Dich anderen im Internet? o Wie machst Du das? o Willst Du da erkennbar sein? Oder gerade nicht, d.h. stellst Du Dich da als jemand Anderer vor oder gehst Du anonym vor? Wie findest Du das, wenn sich jemand im Internet nicht zu erkennen gibt und anonym bleibt? Hat sich für Dich im Internet in den letzten Jahren etwas verändert? 326 Kannst Du Dich noch an die Zeit erinnern, als es solche Seiten wie YouTube oder SchülerVZ/ StudiVZ noch nicht gab? o Was hast Du damals im Internet gemacht? o Was war anders als heute? Hast Du schon einmal was von Social Web/Web 2.0 gehört? (Frage auf Probanden anpassen.) o Was glaubst Du verbirgt sich dahinter? c) Nutzung von Netzwerkplattformen Dieser Fragenblock überschneidet sich mit jenem aus dem Leitfaden für die Gruppendiskussionen. Ziel ist es hierbei, an die Äußerungen der Probanden in den Gruppendiskussionen anzuschließen (perso- nenspezifische Nachfrage). Du nutzt doch SchülerVZ/StudiVZ: Was waren die Gründe für Dich, sich da anzumelden? (Hinweis für Interviewer eingehen auf Gruppenzwang etc.) Könntest Du Dir einen Alltag ohne SchülerVZ/StudiVZ vorstellen? / Was wäre dann anders? Was findest Du am besten an SchülerVZ/StudiVZ? / Was ist für Dich das Wichtigste? Ist SchülerVZ/StudiVZ wichtig, um sich mit Freunden auszutauschen? Ist SchülerVZ/StudiVZ wichtig, um sich vor anderen (Schul-/Studienkollegen) präsentieren zu können? Ist SchülerVZ/StudiVZ wichtig, um von Freunden erreicht werden zu können? Hast Du über SchülerVZ/StudiVZ Freunde gefunden? Welche Rolle spielen für Dich Einladungen von Freunden oder Bekannten? o Welche Bedeutung hat es, wenn Du da ablehnst oder annimmst? o Wann sprichst Du selbst solche Einladungen aus? Was bedeutet für Dich in diesem Kontext „Freundschaft“? (Anm. für Interviewer: Eingehen auf Ernsthaftigkeit der Beziehungen / Qualität von Freundschaften / Verlässlichkeit) o Bedeutet es etwas, viele Freunde auf einer Plattform zu haben? o Hat es für Dich eine Bedeutung, z.B. bei einer Person unter den fünf besten Freunden zu stehen? o Hat es für Dich eine Bedeutung, dies auch auf einer Plattform öffentlich zu machen und allen zu zeigen? Wenn Du Dich mit Freunden über SchülerVZ/StudiVZ austauschst, wie ist das für Dich: Ist das eher als ob Du Dich im Wohnzimmer unterhalten würdet, oder eher auf einem Marktplatz, auf dem Schulhof … Hast Du mehrere Profile in SchülerVZ/StudiVZ? o Wir findest Du das, wenn man mehrere Profile hat? (Anm. für Interviewer: ethische Diskussion) Gibt es da auch etwas, das Du in SchülerVZ/StudiVZ nicht so gut findest? (Anm. für Interviewer: Eventuell sensibel auf Themen wie Cyberbullying; HappySlapping; Problembewusstsein/Scham- grenzen eingehen) o Würdest Du daran gerne etwas ändern? 327 Kennst Du auch andere ähnliche Seiten wie SchülerVZ/StudiVZ (z.B. MySpace, Xing etc.)? o Nutzt Du diese Seiten auch? / Welche Seiten? o Was ist daran anders als in SchülerVZ/StudiVZ? d) Nutzung anderer Social Web-Angebote: Dieser Fragenblock überschneidet sich mit jenem aus dem Leitfaden für die Gruppendiskussionen. Ziel ist es hierbei, an die Äußerungen der Probanden in den Gruppendiskussionen anzuschließen (perso- nenspezifische Nachfrage). Nutzt Du YouTube? o Was machst Du in YouTube (Videos anschauen, selber Videos hinaufladen, Videos bewerten)? o Nutzt Du YouTube gemeinsam mit Freunden? o Redest Du mit Freunden über Videos, die Ihr auf YouTube entdeckt habt? o Bewertest Du Videos auf YouTube? o Was gefällt Dir an YouTube? o Gibt es auch etwas, das Dich an YouTube stört (z.B. Inhalte mancher Videos)? Hast Du schon einmal ein eigenes Video gemacht und auf YouTube gestellt? o Wenn nein, könntest Du Dir vorstellen, einmal ein Video hinaufzuladen? Was wäre das für ein Video (von Dir selbst, von anderen Personen)? o Wenn ja, was war das für ein Video? / Was war der Inhalt des Videos? Wer war in diesem Video zu sehen (Ihr selbst, bekannte/fremde Personen)? Was war Dir an dem Video wichtig (für Dich selbst, in Bezug auf andere)? Wofür war Dir das Video wichtig / was wolltest Du damit erreichen? Hast Du Deine Freunde auf dieses Video hingewiesen? / Haben Deine Freunde das bewertet? Wurde Dein Video von anderen bewertet? / Wie fandest Du das? Nutzt Du noch andere Internetseiten, wo man Inhalte (z.B. Videos, Bilder, Audio-Files, Podcasts) selber hinaufladen kann? o Welche anderen ähnlichen Internetseiten nutzt Du? o Was ist das Tolle an diesen Internetseiten? o Was machst Du auf diesen Internetseiten? / Wozu nutzt Du die? o Tauscht Du Dich mit Freunden über solche Seiten aus? Kennst Du Wikipedia? o Hast Du schon einmal Wikipedia genutzt? o Wozu nutzt Du Wikipedia? o Kann man den Informationen in Wikipedia vertrauen? o Hast Du schon einmal selber etwas in Wikipedia geschrieben? 328 Kennst Du auch andere Seiten, die so ähnlich sind wie Wikipedia? o Hast Du diese Seiten schon einmal genutzt? o Hast Du schon einmal etwas auf so eine Seite geschrieben? Schaust Du Dir auch manchmal Blogs an? o Was gefällt Dir da? o Hast Du schon einmal etwas in einem Blog gepostet? Hast Du einen eigenen Blog? o Wenn ja, was machst Du alles in Deinem Blog? o Was ist für Dich das Wichtigste in Deinem Blog? e) Nutzung von Online-Spielen: Dieser Fragenblock überschneidet sich mit jenem aus dem Leitfaden für die Gruppendiskussionen. Ziel ist es hierbei, an die Äußerungen der Probanden in den Gruppendiskussionen anzuschließen (perso- nenspezifische Nachfrage). Nutzt Du auch Online-Spiele? o Was spielst Du denn für Spiele? o Was ist das Besondere an diesen Spielen? o Was Dir bei diesen Spielen wichtig? Spielst Du diese Spiele alleine oder mit Freunden? o Hast Du über diese Spiele virtuelle Freunde gewonnen? o Spielen Deine realen Freunde auch dieses Spiel? Warst Du schon einmal auf einer LAN-Party? o Wie findest Du solche LAN-Parties? f) Safer Internet: Dieser Fragenblock überschneidet sich mit jenem aus dem Leitfaden für die Gruppendiskussionen. Ziel ist es hierbei, an die Äußerungen der Probanden in den Gruppendiskussionen anzuschließen (perso- nenspezifische Nachfrage). Wie siehst Du das, kann man Informationen aus dem Internet trauen? o Woran sieht man Deiner Meinung nach, ob man einer Information aus dem Internet vertrauen kann? Wie ist das so mit den Informationen, die im Internet stehen, weißt Du, dass diese von allen Menschen gesehen werden können? (Anm. für Interviewer: Diesen Punkt besonders an das Alter der Probanden anpassen) o Weißt Du auch, dass alles, was im Internet steht, für immer online bleiben und von jedem gefunden werden kann? Wenn man sich etwas aus dem Internet holt (z.B. Text oder Foto), darf man das dann weiter- verwenden? / Oder muss man sagen, wo man es her hat? (Anm. für Interviewer: Diesen Punkt besonders an das Alter der Probanden anpassen) o Gehört das, was im Internet steht, jedem? 329 g) Medienerziehung (nur bei jüngeren Probanden): Gibt es bei Euch zu Hause besondere Regeln für den Medienumgang / die Internetnutzung? Sprechen Deine Eltern Dich darauf an, was Du so im Internet machst? / Sprichst Du von Dir aus mit Deinen Eltern oder anderen Personen darüber? h) Fragen zur Lebenssituation (altersmäßig differenzieren): Tagesablauf / Freizeitbeschäftigungen: Beschreibe doch einmal, wie ein typischer Tag bei Dir so aussieht? Was machst Du speziell in Deiner Freizeit (Hobbys, Vereine, lieber alleine oder mit anderen zusammen etc.)? Wohnsituation Wie wohnst Du (Wohnung/Haus, eigenes Zimmer etc.)? Bist Du mit Deiner Wohnsituation zufrieden? / Fühlst Du Dich zu Hause wohl? Freunde / Peers: Wie groß ist ungefähr Dein Freundeskreis? Habt Ihr eine feste Clique? o Wie viel seid Ihr da? Sind Deine Freunde/Freundinnen gleich alt wie Du, oder eher älter oder eher jünger? Hast Du einen besten Freund/eine beste Freundin? Was machst Du so, wenn Du Dich mit Deinen Freunden/Freundinnen triffst? Kannst Du mit Deinen Freunden/Freundinnen über Probleme reden? Wenn ja, was sind das für Themen, über die Ihr dann sprecht? Hast Du eine feste Freundin/einen festen Freund (Partner/Partnerin)? Wenn nein, hast Du schon einmal einen Freund/eine Freundin gehabt? Kannst Du mit ihm/ihr über Deine Probleme reden? Wenn ja, was sind/waren das dann für Themen? Familie Aus welchen Mitgliedern setzt sich Deine Familie zusammen? Versuche doch einmal Dein Verhältnis zu den einzelnen Familienmitgliedern zu beschreiben (Ausführen lassen! Wo liegen Probleme/Konflikte)? Kannst Du in Deiner Familie über Deine Probleme reden? Schule / Lehre / Uni etc. Gehst Du gerne in die Schule / Uni / zur Lehre? Wie ist Dein Verhältnis zu anderen Schüler(innen) bzw. Kommilitonen und Kommilitoninnen/ Kolleg(innen)? Wie ist Dein Verhältnis zu den Lehrer(innen) bzw. den Dozenten / Vorgesetzten? 330 Anhang A3: Codesystem Allgemeiner Medienumgang Sonstiges Computer/Laptop allgemein Sonstiges Bewertung im eigenen Medienmenü Bewertung allgemein Intensität Grund/Nutzungssituation Spielkonsole/PC-Spiele Sonstiges Bewertung im eigenen Medienmenü Bewertung allgemein Intensität Grund/Nutzungssituation Handy - Telefonieren Bewertung im eigenen Medienmenü Bewertung allgemein Nutzungszeiten Nutzungsdauer Nutzungsorte Nutzungsmotive/Funktionen Sonstiges Intensität Grund/Nutzungssituation Handy-SMS/MMS/Email Bewertung im eigenen Medienmenü Bewertung allgemein Nutzungszeiten Nutzungsdauer Nutzungsorte Nutzungsmotive/Funktionen Sonstiges Intensität Grund/Nutzungssituation Fernsehen Bewertung im eigenen Medienmenü Bewertung allgemein Sonstiges Grund/Nutzungssituation Intensität Zeitung/Zeitschriften Bewertung im eigenen Medienmenü Bewertung allgemein Sonstiges Grund/Nutzungssituation Intensität Audiofiles Sonstiges Bewertung im eigenen Medienmenü Bewertung allgemein Grund/Nutzungssituation Intensität Radio Bewertung im eigenen Medienmenü Bewertung allgemein Sonstiges Intensität Grund/Nutzungssituation Bücher Bewertung im eigenen Medienmenü Bewertung allgemein Sonstiges Grund/Nutzungssituation Intensität Lebenssituation Wohnumgebung Umfeld zu Hause/Familie Freizeitbeschäftigung Partnerschaft Freundeskreis/Clique Schule/Lehre/Beruf Aktionen Einschalten Computer Sonstiges Gestartete Programme Internet allgemein Sonstiges Bewertung allgemein Bewertung im eigenen Medienmenü Nutzungsmotive Für andere Für einen selbst Stellenwert im Alltag Nutzungssituationen Intensität Nutzungsort Nutzungszeit Internetzugang Schule Anderswo Zuhause Lieblingsseiten 331 Bekanntheit Begriff Social Web/Web 2.0 Ja, dann Erklärung Nein Wahrgenommene Unterschiede Internet/ Social Web Nutzung von Social Web-Angeboten Netzwerkplattformen Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Partizipation Kommunikation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Musikplattformen Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Kommunikation Partizipation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues Erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Videoplattformen Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Kommunikation Partizipation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Fotoplattformen Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Kommunikation Partizipation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status 332 Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Wikis Allgemeine Bewertung Wikipedia Zugeschriebene Funktion Partizipation Kommunikation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Weblogs Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Kommunikation Partizipation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Instant Messaging Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Partizipation Kommunikation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Nutzungsmotive Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Meinungsäußerung Aufbau/Festigung soz. Kontakte Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Nutzung anderer Internetangebote Onlineradios Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Partizipation Kommunikation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Alltagsgestaltung Information 333 Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Virtuelle Welt/Second Life Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Kommunikation Partizipation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe E-Mail Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktionen Partizipation Kommunikation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Nutzungsmotive Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Meinungsäußerung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Chats Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Partizipation Kommunikation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Eigene Homepage Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Partizipation Kommunikation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung 334 Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Online-Spiele Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Kommunikation Partizipation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Nutzungsmotive Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Bewertung duch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Internettelefonie Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Partizipation Kommunikation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Nutzungsmotive Neugier/Neues erfahren Selbstdarstellung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Foren/Boards Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktionen Partizipation Kommunikation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Shopping Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Partizipation Kommunikation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges 335 Motive aktiver Verkauf Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Motive der Social Web-Nutzung anderer Irreführung Unterhaltung/Zeitvertreib Selbstdarstellung Exhibitionismus Lösung von Problemen Verständnis für eigene Situation wecken Andere aufklären/warnen Aufklärung finden Allgemeine Informationssuche Sonst nicht zugängliche Infos Meinungsbildung Lebenshilfe Erwerb von Gesprächsstoff Langeweile Gewohnheit Zerstreuung Sich nicht alleine fühlen Erwerb/Sicherung soz. Status Rache Konfrontation Lust an Peinlichkeit Finanzielles Interesse Information was Bekannte/Freunde tun Alltagsgestaltung Soz. Kontakte herstellen/fördern Freunde finden Freundschaften pflegen Große Freundeslisten Wettbewerb Neugier auf Neues Experimentierfreude Lernen Isolation durchbrechen Subkulturelle Praxen leben Sonstiges Bewertung von Einzelaspekten Beurteilung Kommunikation im Social Web Bewertung anonymer Internetnutzung Bewertung Nutzung mehrerer Profile Motive Anmeldung Social Networking & Instant Messaging Sonstiges Freunde Definition von Privatheit Internet & Wirklichkeitskonstruktion Internet als verzerrte Wirklichkeit Internet als Abbild von Wirklichkeit Internet als Dorf Internet als bessere Wirklichkeit Internet als Horrorszenario Internet als Theater/Bühne Internet als säkularisierte Kirche Internet als pädagogische Institution Internet als demokratisches Forum Internet als Kinder- und Jugend- gefährdung Internet als Marktplatz/Kaufhaus Internet als Ersatz für eigenes Leben Internet als Sucht Definition von Freundschaft Wahrnehmung von Risiken/Heraus- forderungen Für sich selbst Plagiat Vertrauen in Information Irreführung Werbung Preisgabe persönlicher Infos Pornografische Inhalte Gewalthaltige Inhalte Online-Mobbing (unerw.) sexuelle Botschaften Treffen mit Online-Bekanntschaften Online-Einkäufe Sonstiges Für andere Plagiat Vertrauen in Information Irreführung Werbung Preisgabe persönlicher Infos Pornografische Inhalte Gewalthaltige Inhalte Online-Mobbing (unerw.) sexuelle Botschaften 336 Treffen mit Online-Bekanntschaften Online-Einkäufe Sonstiges Erfahrungen mit Risiken/Herausforderungen Selbst Vertrauen in Information Irreführung Werbung Plagiat Bekanntgabe persönlicher Infos Pornografische Inhalte Gewalthaltige Inhalte Online-Mobbing (unerw.) sexuelle Botschaften Treffen mit Online-Bekanntschaften Online-Einkäufe Sonstiges Freunde/Bekannte/Familienmitglieder Vertrauen in Information Irreführung Werbung Plagiat Preisgabe persönlicher Infos Pornografische Inhalte Gewalthaltige Inhalte Online-Mobbing (unerw.) sexuelle Botschaften Treffen mit Online-Bekanntschaften Online-Einkäufe Sonstiges Umgang mit Risiken/Herausforderungen Hilflosigkeit Ignorieren Vermeiden Zur Unterlassung auffordern Freunden/Eltern erzählen Vorsicht bei persönlichen Infos Offline gehen Kontakte blocken Fremde nur mit Freunden treffen Keine Fremden treffen Kein Download Filtersoftware Keine Online-Einkäufe Sonstiges Wahrgenommene Chancen des Internets Für sich selbst Kreativität Identität/Soziale Beziehungen Lernen Partizipation Für andere Identität/Soziale Beziehungen Kreativität Lernen Partizipation Zukunftsszenarien Medienregeln in der Familie Allgemeine Medienregeln Zeitliche Beschränkungen Inhaltliche Beschränkungen Über Medieninhalte reden Gemeinsame Mediennutzung Sonstiges Internetregeln Zeitliche Beschränkungen Inhaltliche Beschränkungen Über Onlineinhalte reden Gemeinsame Internetnutzung Sonstiges Einsatz Internet in Freizeit-/Bildungs- einrichtungen Schule Uni/FH Sonstige Freizeit-/Bildungseinrichtungen 337 Anhang A4: Fragebogen der Repräsentativbefragung Burgstraße 3 65183 Wiesbaden (00) (00) (00) Untersuchungs-Nr. ________________________________________________________________________________________________________________________ Thema: Befragung zum Thema Medien und Mediennutzung bei Personen im Alter zwischen 12 und 24 Jahren. ________________________________________________________________________________________________________________________ 1. Zunächst eine Frage zur Nutzung von Internet und Online- Diensten. Nutzt Du selbst zumindest gelegentlich das Internet, egal ob zu Hause oder am Arbeitsplatz, an der Universität oder Schule oder unterwegs? Ja .............................. 1 Nein........................... 2 () 2 Ende _______________________________________________________________________________________________________________________ 2. Unabhängig vom Internet und Online Diensten. Jetzt geht es um Freizeittätigkeiten. Ich nenne Dir jetzt einige Tätigkeiten. Bitte sage mir jeweils, wie oft Du das in Deiner Freizeit machst: täglich, mehrmals in der Woche, einmal in der Woche, einmal in 14 Tagen, einmal im Monat, seltener oder nie? (CATI-Rotation!) Fernsehen, egal ob an einem Fernsehgerät , über das Internet oder über einen anderen Weg 1 2 3 4 5 6 7 () Radio hören, egal ob an einem Radiogerät, über das Internet oder über einen anderen Weg 1 2 3 4 5 6 7 () Tageszeitung/Zeitung lesen, egal, ob die gedruckte Zeitung oder im Internet 1 2 3 4 5 6 7 () Zeitschriften bzw. Magazine lesen 1 2 3 4 5 6 7 () Online-Spiele spielen, egal ob allein oder mit anderen Internet-Nutzern 1 2 3 4 5 6 7 () an einer Spielekonsole, egal ob tragbar oder stationär spielen oder am Computer Spiele spielen, ohne ins Internet zu gehen 1 2 3 4 5 6 7 () Bücher lesen, nicht für die Schule 1 2 3 4 5 6 7 () einen Computer benutzen bzw. am Computer sitzen 1 2 3 4 5 6 7 () Internet bzw. Onlinedienste nutzen, z.B. auch Emails, chatten, Instant Messenger, egal ob an einem PC, über Handy oder über einen anderen Weg 1 2 3 4 5 6 7 () Videokassetten oder DVDs ansehen 1 2 3 4 5 6 7 () CDs oder Kassetten anhören, egal ob Musik oder anderes 1 2 3 4 5 6 7 () MP3s hören, egal ob Musik oder anderes 1 2 3 4 5 6 7 () Sich mit Freunden bzw. Leuten treffen 1 2 3 4 5 6 7 () Etwas mit der Familie unternehmen 1 2 3 4 5 6 7 () Ein Handy nutzen 1 2 3 4 5 6 7 () 3a _______________________________________________________________________________________________________________________ 08 5 458 338 - 2 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ Nr. Frage Antwort Code Nächste Frage ________________________________________________________________________________________________________________________ 3a) Jetzt geht es darum, wie viel Zeit Du mit verschiedenen Medien, also Fernsehen, Radio, Internet usw. verbringst. Erst geht es immer um die Tage Montag bis Freitag und anschließend um das Wochenende, also Samstag und Sonntag. Zum ... (CATI-Einspielung: Medien!) !"##$ !% ... (CATI-Einspielung: Medien!) nutzt. Wie viel Zeit - ich meine in Stunden und Minuten - verbringst Du normalerweise an einem Tag mit ... (CATI-Einspielung: Medien!)? Falls Du mehrmals am Tag ... (CATI-Einspiel ung: Medien!) nutzt, zähle bitte alle Zeiten zusammen. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ b) (Direkt fragen) Und wie ist das am Samstag? Wie viel Zeit verbringst Du normalerweise am Samstag mit ... (CATI-Einspielung: Medien!)? ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ c) (Direkt fragen) Wie viel Zeit verbringst Du normalerweise am Sonntag mit ... (CATI-Einspielung: Medien!)? (CATI-Rotation!) Werktage Montag - Freitag Samstag Sonntag Fernsehen, egal ob an einem Fernsehgerät, über das Internet oder über einen anderen Weg () () () () Stunden Minuten () () () () Stunden Minuten () () () () Stunden Minuten Radio hören, egal ob an einem Radiogerät, über das Internet oder über einen anderen Weg () () () () Stunden Minuten () () () () Stunden Minuten () () () () Stunden Minuten Online-Spiele spielen, egal ob allein oder mit anderen Internet-Nutzern () () () () Stunden Minuten () () () () Stunden Minuten () () () () Stunden Minuten an einer Spielekonsole, egal ob tragbar oder stationär spielen oder am Computer Spiele spielen, ohne ins Internet zu gehen () () () () Stunden Minuten () () () () Stunden Minuten () () () () Stunden Minuten Internet bzw. Onlinedienste nutzen, z.B. auch e-mails, chatten, Instant Messenger, egal ob an einem PC, über Handy oder über einen anderen Weg () () () () Stunden Minuten () () () () Stunden Minuten () () () () Stunden Minuten 4 _______________________________________________________________________________________________________________________ 339 - 3 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ 4. Jetzt geht es um die Medien Fernsehen, Radio, Internet, Zeitungen und Zeitschriften. Ich nenne Dir nun einige Situationen. Bitte sage Du mir jeweils, welches Medium Du da an 1. Stelle nutzen würdest, welches an 2. Stelle und welche Du überhaupt nicht nutzen würdest. (CATI-Rotation) 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 () Wenn Du Dich informieren möchtest, was in der Welt los ist. 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 () Wenn Du Dich ausruhen möchtest. 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 () Wenn Du Informationen zu einem konkreten Problem suchst, das Dich beschäftigt. 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 () Wenn Du erfahren willst, was ger # # ist. 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 () Wenn Du mehr über Themenbereiche erfahren willst, die Dich interessieren 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 () Wenn Du Spaß haben willst. 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 () Wenn Du für Dich allein sein willst. 5 _______________________________________________________________________________________________________________________ 340 - 4 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ Nr. Frage Antwort Code Nächste Frage ________________________________________________________________________________________________________________________ 5. Jetzt geht es speziell um das Internet. Das Internet kann man ja an verschiedenen Orten nutzen. Ich nenne Dir mal verschiedene Möglichkeiten, und Du sagst mir bitte jeweils, ob Du das Internet an den verschiedenen Orten täglich, mehrmals in der Woche, einmal in der Woche, einmal in 14 Tagen, einmal im Monat, seltener oder nie nutzt. zu Hause 1 2 3 4 5 6 7 () in der Schule, Universität oder bei der Arbeit 1 2 3 4 5 6 7 () bei Freunden 1 2 3 4 5 6 7 () in Internet-Cafés 1 2 3 4 5 6 7 () in Bibliotheken oder anderen öffentlichen Einrichtungen 1 2 3 4 5 6 7 () unterwegs 1 2 3 4 5 6 7 () 6 _______________________________________________________________________________________________________________________ 6 Bitte nenne mir Deine drei Lieblingsseiten im Internet, also die drei Seiten, die Du am liebsten besuchst. (Verbatims) 1. ______________________________________________________________________________________ 2. ______________________________________________________________________________________ 3. ______________________________________________________________________________________ 7 _______________________________________________________________________________________________________________________ 341 - 5 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ Nr. Frage Antwort Code Nächste Frage ________________________________________________________________________________________________________________________ 7. Im Internet und über Online-Dienste kann man ja verschiedene Dinge tun. Ich nenne Dir mal einige Möglichkeiten, und Du sagst mir bitte jeweils, ob Du das täglich, mehrmals pro Woche, einmal pro Woche, einmal in 14 Tagen, einmal im Monat, seltener oder nie machst? (CATI-Rotation!) E-Mails empfangen und senden 1 2 3 4 5 6 7 () Downloaden von Musik-Dateien oder Spielen 1 2 3 4 5 6 7 () Online-Spiele allein spielen 1 2 3 4 5 6 7 () Online-Spiele mit anderen Internet-Nutzern spielen 1 2 3 4 5 6 7 () Instant-Messenger wie z.B. ICQ oder MSN nutzen 1 2 3 4 5 6 7 () "chatten", also Chatrooms besuchen 1 2 3 4 5 6 7 () Informationen über Veranstaltungen am Ort bzw. aus der Gegend, wo Du wohnst, abrufen 1 2 3 4 5 6 7 () Beiträge in Newsgroups/Foren schreiben 1 2 3 4 5 6 7 () Beiträge in Newsgroups/Foren lesen 1 2 3 4 5 6 7 () nach Informationen zu einem bestimmten Thema für Dich selbst also nicht für Schule, Ausbildung, Studium oder Beruf suchen 1 2 3 4 5 6 7 () Filme/Videos anschauen 1 2 3 4 5 6 7 () Filme/Videos einstellen 1 2 3 4 5 6 7 () Musik/Sounddateien anhören 1 2 3 4 5 6 7 () Musik/Sounddateien einstellen 1 2 3 4 5 6 7 () Etwas selbst bei ebay verkaufen oder kaufen 1 2 3 4 5 6 7 () Einfach bei ebay stöbern und nichts einkaufen oder verkaufen 1 2 3 4 5 6 7 () Weblogs lesen 1 2 3 4 5 6 7 () In Weblogs etwas verfassen oder einstellen 1 2 3 4 5 6 7 () Live-Ticker nutzen, z.B. bei aktuellen Sport- oder anderen Ereignissen 1 2 3 4 5 6 7 () Einfach so drauf los surfen 1 2 3 4 5 6 7 () Nachrichten bzw. aktuelle Informationen abrufen 1 2 3 4 5 6 7 () &'()*## +,-#( # . / 0 1 2 3 nach Informationen für Schule, Ausbildung, Studium oder Beruf suchen 1 2 3 4 5 6 7 () FORTSETZUNG ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ _______________________________________________________________________________________________________________________ 342 - 6 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ FORTSETZUNG über Internet fernsehen 1 2 3 4 5 6 7 () über Internet Radio hören 1 2 3 4 5 6 7 () über Internet telefonieren 1 2 3 4 5 6 7 () In virtuellen Welten wie z.B. Second Life unterwegs sein 1 2 3 4 5 6 7 () Online Communities nutzen, wie SchülerVZ, StudiVZ, facebook, Xing usw. 1 2 3 4 5 6 7 () Suchmaschinen nutzen 1 2 3 4 5 6 7 () In Wikis lesen, wie z.B. in Wikipedia 1 2 3 4 5 6 7 () In Wikis schreiben, wie z.B. in Wikipedia 1 2 3 4 5 6 7 () 8a _______________________________________________________________________________________________________________________ 8a) Jetzt geht es um spezielle Internetseiten. Bitte sage mir zu den folgenden Internetseiten, ob Du sie schon mal besucht hast, ob Du sie zumindest dem Namen nach kennst oder ob Du heute erstmals von der Internetseite hörst. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ b) (Falls schon mal besucht direkt fragen:) Und wie häufig besuchst Du diese Seiten: täglich, mehrmals pro Woche, einmal pro Woche, einmal in 14 Tagen, einmal im Monat oder seltener? a) b) wie oft besucht (CATI-Rotation!) * = private Communities SchülerVZ * 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () StudiVZ * 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () MySpace * 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Mein VZ * 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Lokalisten * 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Wer kennt wen? * 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Xing 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Knuddels * 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Facebook * 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Schüler.cc * 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Netlog * 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () YouTube 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () FORTSETZUNG ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ _______________________________________________________________________________________________________________________ 343 - 7 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ FORTSETZUNG a) b) wie oft besucht Flickr 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Wikipedia 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () MyVideo 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Clipfish 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Sevenload 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Skype 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () ICQ 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () MSN 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Mr Wong 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Del.icio.us 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () MyBlog 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () LastFM 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Musicload 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () itunes 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Hausarbeiten.de 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Hausaufgaben.de 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Google 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Second Life 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () 9a _______________________________________________________________________________________________________________________ 9a) (CATI-Filter:) Nutzt Befragte/r Frage 7/8 private Online-Communities? Ja.............................. 1 Nein .......................... 2 9b 13 -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- b) Nun zu Communities im Internet. Es gibt sowohl berufliche Communities, wie z.B. Xing als auch private Communities, wie z.B. SchülerVZ, StudiVZ, facebook usw. Uns geht es jetzt speziell um private Communities, also z.B. SchülerVZ, StudiVZ, facebook usw. c) Hast Du ein eigenes Profil in einer oder mehreren privaten Online Communities? Ja, in einer Community .................................... 1 Ja, in mehreren Communities .......................... 2 Nein ................................................................. 3 () 9d 13 ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ d) Und wie häufig meldest Du Dich mit diesem Profil in Deiner ... (bei mehreren: meistgenutzten) privaten Community an: ...? - täglich bzw. fast täglich.................................. 1 - mehrmals in der Woche................................. 2 - etwa einmal in der Woche ............................. 3 - mehrmals im Monat ....................................... 4 - etwa einmal im Monat .................................... 5 - seltener als einmal im Monat ......................... 6 () 10 _______________________________________________________________________________________________________________________ 344 - 8 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ Nr. Frage Antwort Code Nächste Frage ________________________________________________________________________________________________________________________ 10. Was machst Du in solchen privaten Online Communities? Ich nenne Dir einige Möglichkeiten. Bitte sage mir jeweils, wie häufig Du das machst: täglich bzw. fast täglich; mehrmals in der Woche, etwa einmal in der Woche, mehrmals im Monat, etwa einmal im Monat, seltener oder nie. (CATI-Rotation!) Stöbern in Profilen anderer Mitglieder 1 2 3 4 5 6 7 () Suche nach Informationen 1 2 3 4 5 6 7 () Suche nach Kontakten, Bekannten 1 2 3 4 5 6 7 () Aktualisierung des eigenen Profils 1 2 3 4 5 6 7 () Schreiben von Eiträgen auf die Pinnwand oder in das Gästebuch von anderen Profilen 1 2 3 4 5 6 7 () Anderen Nutzern in der Community eine private Nachricht schreiben 1 2 3 4 5 6 7 () eigene Fotos hochladen 1 2 3 4 5 6 7 () 11a _______________________________________________________________________________________________________________________ 11a) (Falls mehrere: Wenn Du mal an die von Dir am meisten genutzte Community denkst): Wie viele Personen ungefähr sind in der Liste Deiner Freunde oder Kontakte? ( ) 11b ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ b) Wie viele davon hast Du schon mal persönlich getroffen: ...? - die meisten .................................................... 1 - etwa die Hälfte............................................... 2 - weniger als die Hälfte .................................... 3 - praktisch niemand ......................................... 4 (weiß nicht) ...................................................... 5 11c ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ c) Und wie viele Deiner Freunde oder Kontakte bei der Community zählst Du zu Deinen engen Freunden: ...? - die meisten .................................................... 1 - etwa die Hälfte............................................... 2 - weniger als die Hälfte .................................... 3 - praktisch niemand ......................................... 4 (weiß nicht) ...................................................... 5 12 _______________________________________________________________________________________________________________________ 345 - 9 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ Nr. Frage Antwort Code Nächste Frage ________________________________________________________________________________________________________________________ 12. In Online Communities aber auch sonst im Internet hat man ja verschiedene Möglichkeiten, Informationen über sich selbst zu geben. Wir haben einige Aussagen zu diesem Thema gesammelt. Bitte sage Du mir zu jeder Aussage, ob diese auf Dich voll und ganz, weitgehend, weniger oder gar nicht zu tri fft. trifft zu ... (CATI-Rotation!) voll und ganz weit- gehend weniger gar nicht Es ist mir wichtig, mich im Internet so zu zeigen, wie ich wirklich bin. 1 2 3 4 () Ich achte darauf, dass keine Inhalte von mir im Internet stehen, die mir schaden könnten. 1 2 3 4 () Es ist mir wichtig, dass Andere im Internet einen möglichst guten Eindruck von mir bekommen. 1 2 3 4 () Bestimmte Informationen über mich sind nur für meine Freunde bzw. Kontakte zugänglich. 1 2 3 4 () Es ist mir wichtig, dass mein Profil etwas Besonderes ist und sich von anderen unterscheidet. 1 2 3 4 () Ich hätte gern eine Seite, auf der Angaben über meine Person aus verschiedenen Stellen im Internet gebündelt sind. 1 2 3 4 () Mir ist wichtig zu zeigen, dass ich einen großen Freundeskreis habe. 1 2 3 4 () Ich habe auch Profile, in denen ich mich ganz anders darstelle, als ich wirklich bin. 1 2 3 4 () 13 _______________________________________________________________________________________________________________________ 13. Um sich mit Anderen zu verständigen, hat man ja verschiedene Möglichkeiten: Man kann sich persönlich treffen, einen Brief, eine E-Mail oder eine SMS schreiben, telefonieren, mit ICQ oder MSN chatten, sich in Online Communities wie SchülerVZ aufhalten oder eine eigene Homepage oder einen eigenen Weblog gestalten. Ich nenne Dir jetzt einige Situationen, und Du sagst mir bitte, welche dieser Möglichkeiten Du in dieser Situation an 1. Stelle nutzen würdest, welche an 2. Stelle und welche Du überhaupt nicht nutzen würdest. (CATI-Rotation!) 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () wenn man sich verabreden will 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () zum Flirten 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () um neue Leute kennen zu lernen FORTSETZUNG ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ _______________________________________________________________________________________________________________________ 346 - 10 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ FORTSETZUNG (CATI-Rotation!) 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () um neue Freundschaften zu schließen 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () wenn man sich über Hobbies austauschen will 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () wenn man tratschen oder quatschen will 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () wenn man einen Streit mit einem Freund oder einer Freundin klären will 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () zum Pflegen von engen Freundschaften 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () wenn man Beziehungsprobleme klären will 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () wenn man eine Beziehung beenden will 14a 347 - 11 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ Nr. Frage Antwort Code Nächste Frage ________________________________________________________________________________________________________________________ 14a) Jetzt geht es um Deine Erfahrungen mit dem Internet. Ich nenne Dir dazu einige Aussagen. Bitte sage mir jeweils, inwieweit Du einer Aussage zustimmst: voll und ganz, weitgehend, weniger oder gar nicht. stimme zu ... (CATI-Rotation!) voll und ganz weitgehend weniger gar nicht Einige Inhalte, die im Netz über mich zu finden sind, sind mir peinlich. 1 2 3 4 () Mit Hilfe des Internets kann ich mich selbst an wichtigen Diskussionen beteiligen. 1 2 3 4 () Vielen Informationen im Internet kann man nicht vertrauen. 1 2 3 4 () Im Internet sage ich manchmal Dinge, die ich bei einem persönlichen Treffen nicht sagen würde. 1 2 3 4 () Von den vielen Sex-Angeboten im Internet fühle ich mich belästigt. 1 2 3 4 () Vieles, was man im Internet sieht, ist mir zu aggressiv. 1 2 3 4 () Das Internet bietet mir Möglichkeiten, selbst kreativ zu sein. 1 2 3 4 () Ich kann mit dem Internet besser umgehen als die meisten meiner Bekannten und Freunde. 1 2 3 4 () Es fällt mir manchmal schwer zu erkennen, ob es sich bei Informationen im Internet um Werbung handelt. 1 2 3 4 () Im Internet muss man aufpassen, dass man nicht '#4!( %)5),#6 !#6 47 Dienste anbieten oder persönliche Daten sammeln, die dann für Werbung missbraucht werden. 1 2 3 4 () 14b ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ b) Wurdest Du schon mal von jemanden im Internet belästigt? Ja..................................................................... 1 Nein ................................................................. 2 14c 14d ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ c) Und kommt das häufig, gelegentlich oder eher selten vor? häufig............................................................... 1 gelegentlich...................................................... 2 selten ............................................................... 3 14d ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ d) Und hat schon mal jemand Fotos von Dir oder Informationen über Dich ins Internet gestellt, mit denen Du nicht einverstanden warst? Ja..................................................................... 1 Nein ................................................................. 2 14e 14f ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ e) Und kommt das häufig, gelegentlich oder eher selten vor? häufig............................................................... 1 gelegentlich...................................................... 2 selten ............................................................... 3 14f ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ f) Und hast Du selbst schon mal Dinge ins Internet gestellt, über die sich dann jemand beschwert hat? Ja..................................................................... 1 Nein ................................................................. 2 14g 15a ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ g) Und kommt das häufig, gelegentlich oder eher selten vor? häufig............................................................... 1 gelegentlich...................................................... 2 selten ............................................................... 3 15a ________________________________________________________________________________________________________________________ 348 - 12 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ Nr. Frage Antwort Code Nächste Frage ________________________________________________________________________________________________________________________ 15a) (CATI-Filter:) 85 9 ) Handy? Ja.............................. 1 Nein .......................... 2 15b 16 ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ b) Nun zum Thema Handy. Ich nenne Dir jetzt einige Dinge, die man mit seinem Handy machen kann. 5 + :( %( 7; ,-47; 47%7 #47% Woche, einmal in 14 Tagen, einmal im Monat, seltener oder nie? angerufen werden oder jemanden anrufen 1 2 3 4 5 6 7 () SMS schicken oder bekommen 1 2 3 4 5 6 7 () Fotos oder Filme machen 1 2 3 4 5 6 7 () Fotos oder Filme verschicken 1 2 3 4 5 6 7 () Mit dem Handy im Internet surfen 1 2 3 4 5 6 7 () Handyspiele spielen 1 2 3 4 5 6 7 () MP3s verschicken 1 2 3 4 5 6 7 () Filme oder Videos auf dem Handy ansehen, egal ob ganz oder nur Ausschnitte 1 2 3 4 5 6 7 () Musik hören über das Handy, z.B. MP3s oder über die Radiofunktion 1 2 3 4 5 6 7 () 16 _______________________________________________________________________________________________________________________ 16. Unabhängig von den einzelnen Medien. Ganz generell. Manche Themen interessieren einen ja mehr, andere weniger. Ich nenne Dir jetzt einige Themen. Bitte sage mir jeweils, inwieweit Du daran interessiert bist: sehr, etwas, weniger oder gar nicht. (CATI-Rotation!) Politik und Wirtschaft 1 2 3 4 () Sport 1 2 3 4 () Musik 1 2 3 4 () Andere Menschen 1 2 3 4 () Mode 1 2 3 4 () Wissenschaft und Technik 1 2 3 4 () Geschichte 1 2 3 4 () Medizin und Gesundheit 1 2 3 4 () Umweltschutz 1 2 3 4 () Tiere 1 2 3 4 () Promis und Stars 1 2 3 4 () 17a _______________________________________________________________________________________________________________________ 349 - 13 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ Nr. Frage Antwort Code Nächste Frage ________________________________________________________________________________________________________________________ 17a) Wohnst Du bei Deinen Eltern oder in einer Wohngemeinschaft? Ja, Eltern ......................................................... 1 Ja, Wohngemeinschaft .................................... 2 Nein ................................................................. 3 17b --------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- b) Nun geht es um die technische Ausstattung des Haushalts in dem Du wohnst. Ich nenne Dir mal einige elektronische Geräte, und Du sagst mir bitte jeweils, wie viele es davon bei Euch zu Hause gibt. --------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- b)
Forschung
Privatsphäre: Heranwachsende und Datenschutz auf Sozialen Netzwerkplattformen (LfM Band 71) : Soziale Netzwerkplattformen sind aus dem Internet nicht mehr wegzudenken. Gerade Jugendliche und junge Erwachsene nutzen sie, um Kontakte zu pflegen und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Dabei müssen und wollen sie zahlreiche Informationen über sich preisgeben. Dies kann dazu führen, dass sie ihre eigene Privatsphäre gefährden. Die Nutzung der Plattformen erfolgt in einem Spannungsfeld zwischen wahrgenommenen Chancen und Risiken. Die vorliegende Studie untersucht, wie 12- bis 24-Jährige Soziale Netzwerkplattformen nutzen, welche Informationen sie von sich dort preisgeben, wie sie die Risiken einschätzen und ihre Privatsphäre online schützen. Diese Fragestellungen wurden in einer empirischen Untersuchung mit einer Kombination aus qualitativen und quantitativen Methoden beantwortet. Neben qualitativen Interviews mit jungen Nutzern und Experten, wurde eine standardisierte Befragung inklusive einer Trackingstudie durchgeführt. Außerdem be inhaltet der Band ein ausführliches Rechtsgutachten zum Datenschutz. Anhand der Ergebnisse wurden Gestaltungsvorschläge für den Gesetzgeber und die Medienpädagogik formuliert. Die Herausgeber: V Prof. Dr. Dr. habil. Michael Schenk Leiter der „Forschungsstelle für Medienwirtschaft und Kommunikationsforschung“ der Universität Hohenheim V Julia Niemann M.A. Wissenschaftliche Mitarbeiterin der „Forschungsstelle für Medienwirtschaft und Kommunikationsforschung“ an der Universität Hohenheim V Prof. Dr. Gabi Reinmann Professorin für Lehren und Lernen mit Medien an der Universität der Bundeswehr München V Prof. Dr. jur. Alexander Roßnagel Leiter der „Projektgruppe verfassungsverträgliche Technikgestaltung (provet)“ im Forschungszentrum für Informationstechnik-Gestaltung der Universität Kassel Weitere Autoren: V Dr. jur. Silke Jandt Geschäftsführerin der „Projektgruppe verfassungsverträgliche Technikgestaltung (provet)“ im Forschungs- zentrum für Informationstechnik-Gestaltung der Universität Kassel V Jan-Mathis Schnurr M.A. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Lehren und Lernen mit Medien an der Universität der Bundeswehr München ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-577-1 Euro 25,- (D) Digitale Privatsphäre 71 Sc he nk , N ie m an n, R ei nm an n, R oß na ge l ( H rs g. ) Di gi ta le P ri va ts ph är e VV V V Heranwachsende und Datenschutz auf Sozialen Netzwerkplattformen Digitale Privatsphäre Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 71 Michael Schenk, Julia Niemann, Gabi Reinmann, Alexander Roßnagel (Hrsg.) Arbeitet bei: Goethe Schule Wohnt in Neustadt, Germany In einer Beziehung Geboren am 28.09.1978 Layout_LfM-Schriftenreihe_Band_71 Korr 5_. 05.09.12 08:12 Seite 1 Michael Schenk, Julia Niemann, Gabi Reinmann, Alexander Roßnagel (Hrsg.) Digitale Privatsphäre: Heranwachsende und Datenschutz auf Sozialen Netzwerkplattformen Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen Band 71 Michael Schenk, Julia Niemann, Gabi Reinmann, Alexander Roßnagel (Hrsg.) Digitale Privatsphäre: Heranwachsende und Datenschutz auf Sozialen Netzwerkplattformen unter Mitarbeit von Silke Jandt und Jan-Mathis Schnurr Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. Herausgeber: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) Zollhof 2 40221 Düsseldorf Tel.: 0211 / 770 07 – 0 Fax: 0211 / 72 71 70 E-Mail: info@lfm-nrw.de Internet: www.lfm-nrw.de Copyright © 2012 by Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), Düsseldorf Verlag: VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 10781 Berlin Tel.: 030 / 32 70 74 46 Fax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Alle Rechte vorbehalten ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-577-1 Bildnachweis/Umschlag: © Fotolia.com Umschlaggestaltung: disegno visuelle kommunikation, Wuppertal Satz: Schriftsetzerei – Karsten Lange, Berlin Druck: Bosch-Druck, Landshut Vorwort des Herausgebers Insbesondere Jugend liche und junge Erwachsene bewegen sich ganz selbst verständ lich in Sozialen Netz werken – ein Profil bei Facebook, Google+, werkenntwen & Co. gehört heutzutage zur Jugendkultur, zum Lebens stil einer ganzen Genera tion. Online werden Kontakte ge knüpft und ge pflegt und es wird sich mit „Freun den“ aus getauscht. Hierfür geben die Nutzer zahl reiche Informa tionen über sich preis – teils weil sie es wollen, teils weil sie es müssen, wenn sie die Sozialen Netz werke aktiv nutzen und an ihnen teilhaben wollen. Soziale Netz werke bergen für den Nutzer Spaß und Chancen – aber auch Risiken: Durch einen sorg losen Umgang mit den eigenen Daten sowie den Daten Dritter können sowohl die eigene Privatsphäre als auch die Urheber und Persönlich keits rechte anderer ge fährdet werden. Vor diesem Hinter grund hat die LfM die Forschungs stelle für Medien wirtschaft und Kommunika tions forschung der Universi tät Hohenheim gemein sam mit dem Lehrstuhl für Lehren und Lernen an der Universi tät der Bundes wehr München und die Projekt gruppe ver fassungs verträg liche Technik gestal tung (provet) der Universi tät Kassel mit einem interdis ziplinär an gelegten Forschungs projekt zum Thema „Heran wachsende und Daten schutz in Sozialen Netz werken“ be auftragt. Ziel dieses Forschungs vorhabens ist es ge wesen, detaillierte Kennt nisse über die Motive, die dem jugend lichen Ver halten in Sozialen Netz werken zu Grunde liegen, über das Wissen zu Daten schutz und zur Rechts lage sowie über die Einstel lungen von Jugend lichen und jungen Erwachsenen zu Fragen von Privat heit und Intimität zu er langen und wissen schaft lich zu fundie ren. Die interdis ziplinär an gelegte Studie unter sucht mittels einer Kombina tion aus qualitativen und quantitativen Methoden das Nutzungs verhalten von 12 bis 24Jährige in sozialen Netz werken. Hierbei wird der Frage nach gegangen, welche Informa tionen preis gegeben werden, wie die Heran wachsen den selbst potenzielle Risiken einschätzen und welche Vor kehrungen sie treffen, ihre Privatsphäre zu schützen. Zudem werden die daten schutz recht lichen Implika tionen in einem aus führ lichen Rechts gutachten be leuchtet. Aus den voran gegangenen Erkennt nissen werden schließ lich konkrete Hand lungs empfeh lungen ab geleitet, die sowohl Gestal tungs vorschläge für den Gesetz geber als auch für die Medien pädagogik beinhalten. Dr. Jürgen Brautmeier Dr. Frauke Gerlach Direktor der Landes anstalt Vorsitzende der für Medien NRW (LfM) Medienkommission der LfM 7 Inhalt Teil I Privatsphäre und Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen: Eine Einfüh rung 1 Einlei tung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 2 Der Unter suchungs gegen stand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 2.1 Soziale Netz werk platt formen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 2.1.1 Einfüh rung und Ab gren zung . . . . . . . . . . . . . . . 19 2.1.2 Soziale Netz werk platt formen in Deutschland – Nutzung und Markt überblick . . . . . . . . . . . . . . . 21 2.1.3 Nutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 2.1.4 Nutzungs motive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 2.2 Identi täts konstruk tion auf Sozialen Netz werk platt formen . . . 32 2.3 Privatsphäre im Social Web . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 2.3.1 Privatsphäre als psychologi sches Konstrukt . . . . . . . 39 2.3.2 Besondere Bedin gungen der Privatsphäre im Social Web 43 2.3.3 Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen . . 48 2.3.4 Erklä rungs modell der OnlineSelbstoffenba rung . . . . 53 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 Teil II Empirische Forschung: Privat heit und Öffentlich keit auf Sozialen Netz werk platt formen 1 Das Erhe bungs design . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 1.1 Forschungs leitende Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 1.2 Über blick über das Forschungs design . . . . . . . . . . . . . . 77 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 8 2 Qualitative Befra gung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 2.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens . . . . . . . . . . . . 83 2.1.1 Qualitative Interviews . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 2.1.2 Stichprobe und Erhebung . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 2.1.3 Aus wertung und Darstel lung . . . . . . . . . . . . . . . 86 2.2 Ergeb nisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 2.2.1 Profile der Jugend lichen/jungen Erwachsenen . . . . . 88 2.2.2 Konstanten und individuelle Besonder heiten . . . . . . 112 2.2.3 Folge rungen: Präferenz dimensionen . . . . . . . . . . . 124 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 3 Digital Natives und Digital Immigrants – eine Sekundäranalyse 131 3.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens . . . . . . . . . . . . 133 3.2 Ergeb nisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 3.2.1 Nutzungs aktivi tät . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 3.2.2 Selbst wirksam keit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 3.2.3 Neigung zur Selbstoffenba rung . . . . . . . . . . . . . . 140 3.2.4 Sorge um die Privatsphäre und techni scher Schutz im Social Web . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 3.3 Selbstoffenba rung im Social Web . . . . . . . . . . . . . . . . 142 3.3.1 Zugang zu den ge teilten Informa tionen . . . . . . . . . 145 3.3.2 Einflüsse auf die OnlineSelbstoffenba rung . . . . . . . 150 3.4 Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 4 Quantitative Befra gung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 4.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens . . . . . . . . . . . . 159 4.1.1 Standardisierte OnlineBefra gung . . . . . . . . . . . . 159 4.1.2 Tracking mit Befra gung in der Nutzungs situa tion . . . . 164 4.2 Ergeb nisse zur Nutzung des Internet und von Sozialen Netz werk platt formen . . . . . . . . . . . . . . . 172 4.2.1 Der Rahmen: Internetnut zung . . . . . . . . . . . . . . 173 4.2.2 Nutzung Sozialer Netz werk platt formen . . . . . . . . . 179 4.2.3 Nutzungs motive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194 4.3 Ergeb nisse zur Selbstoffenba rung . . . . . . . . . . . . . . . . 198 4.3.1 Das Nutzer profil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 4.3.2 Kommunika tion auf Sozialen Netz werk platt formen . . . 209 4.3.3 Nutzung der PrivatsphäreOptionen . . . . . . . . . . . 219 4.3.4 Kontakte und Freunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 4.3.5 Selbstoffenba rungs typen . . . . . . . . . . . . . . . . . 230 9 4.4 Ergeb nisse zur Privatsphäre und zum Daten schutz . . . . . . . 235 4.4.1 Sorge um die Privatsphäre und Beurtei lung der Risiken 235 4.4.2 Negative Erfah rungen und Einstel lung zu Persönlich keits und Urheber rechten . . . . . . . . . . . 243 4.5 Ergeb nisse zum PrivacyParadox . . . . . . . . . . . . . . . . 250 4.5.1 Regres sions analyti sche Betrach tung des PrivacyParadox 250 4.5.2 Der Einfluss von Motiven, Einstel lungen, sozialen Normen und Selbst wirksam keit . . . . . . . . . . . . . 253 4.6 Ergeb nisse im inter nationalen Ver gleich . . . . . . . . . . . . . 263 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 5 Qualitative Befra gung von Experten . . . . . . . . . . . . . . . . 271 5.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens . . . . . . . . . . . . 271 5.1.1 Qualitative Interviews . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 5.1.2 Stichprobe und Erhebung . . . . . . . . . . . . . . . . . 272 5.1.3 Aus wertung und Darstel lung . . . . . . . . . . . . . . . 273 5.2 Ergeb nisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275 5.2.1 Profile der Experten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275 5.2.2 Konstanten und Besonder heiten bei den Experten . . . . 288 5.2.3 Folge rungen: Empfeh lungs tendenzen . . . . . . . . . . 297 6 Zusammen fassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303 Teil III Rechts gutachten zum Daten schutz und zu Persönlich keits rechten im Social Web, insbesondere von Social Networking-Sites 1 Fragestel lung des Gutachtens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309 2 Social Network-Dienste, Foren & Co. . . . . . . . . . . . . . . . 311 3 Chancen und Risiken sozialer Netz werk dienste . . . . . . . . . . 315 3.1 Chancen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315 3.2 Risiken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318 4 Privatsphäre in der Psychologie und im Recht . . . . . . . . . . 321 10 5 Grundlagen des Daten schutz rechts . . . . . . . . . . . . . . . . . 325 5.1 Daten schutz im welt weiten Web 2.0 . . . . . . . . . . . . . . 325 5.2 Schutz konzept des Daten schutz rechts . . . . . . . . . . . . . . 328 5.2.1 Zulassungs vorausset zung . . . . . . . . . . . . . . . . . 329 5.2.2 Daten vermei dung und Daten sparsam keit . . . . . . . . . 330 5.2.3 Zweck bindung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330 5.2.4 Erforderlich keit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331 5.2.5 Transparenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331 5.2.6 Mitwir kung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332 5.2.7 Kontrolle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332 5.3 Daten schutz für Kinder und Jugend liche . . . . . . . . . . . . 333 5.3.1 Grundrechts fähig keit und Grundrechts mündig keit . . . . 334 5.3.2 Einwilli gungs und Geschäfts fähig keit . . . . . . . . . . 336 5.3.3 Interessen abwä gung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339 6 Daten verarbei tung in Social Network-Diensten . . . . . . . . . . 341 6.1 Anwend bares Daten schutz recht . . . . . . . . . . . . . . . . . 341 6.2 Personen bezogene Daten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 342 6.3 Ver antwort liche Stelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 346 6.4 Zulässig keit der Daten verarbei tung . . . . . . . . . . . . . . . 350 6.4.1 Daten verarbei tung durch die Nutzer von sozialen Netz werk diensten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 350 6.4.2 Daten verarbei tung durch den Anbieter des Social NetworkDienstes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 355 6.4.3 Daten verwen dung durch andere Anbieter . . . . . . . . 363 6.4.4 Zulässig keit der Ver brei tung von Bildern . . . . . . . . 365 6.5 Transparenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367 6.6 Rechte der Betroffenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371 7 Daten schutz recht liche Rege lungs defizite . . . . . . . . . . . . . . 375 8 Geplante Rechts ände rungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 381 8.1 Novellie rung des Telemedien gesetzes . . . . . . . . . . . . . . 381 8.2 Reform des europäi schen Daten schutz rechts . . . . . . . . . . 387 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 390 11 Teil IV Fazit & Hand lungs empfeh lungen 1 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 412 2 Hand lungs empfeh lungen an die Medien pädagogik . . . . . . . . 413 2.1 Akteure und Adressaten von Hand lungs empfeh lungen . . . . . 413 2.2 Empfeh lungen für das Handeln im Span nungs feld Wissen und Handeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 415 2.2.1 Das Span nungs feld Wissen und Handeln . . . . . . . . 415 2.2.2 Inhalte für pädagogi sche Interven tionen . . . . . . . . . 417 2.2.3 Pädagogi sche Hand lungs empfeh lungen zwischen Sensibilisie rung und Aktivie rung . . . . . . . . . . . . . 419 2.3 Empfeh lungen für das Handeln im Span nungs feld Steue rung und Kontroll verlust . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 422 2.3.1 Das Span nungs feld Steue rung und Kontroll verlust . . . 422 2.3.2 Pädagogi sche Hand lungs empfeh lungen zwischen Steue rung und Kontroll verlust . . . . . . . . . . . . . . 426 2.4 Zusammen fassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 429 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 431 3 Gestal tungs vorschläge für den Gesetz geber . . . . . . . . . . . . 435 3.1 Anmel dung und Profiler stel lung . . . . . . . . . . . . . . . . . 436 3.2 Nutzungs funk tionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 438 3.3 Ab meldung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 440 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . 441 Die Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 445 Teil I Privatsphäre und Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen: Eine Einfüh rung Julia Niemann & Michael Schenk unter Mitarbeit von Kim Wlach, Yvonne Allgeier & Doris Teutsch 15 1 Einlei tung Die sozialen Aspekte des Internet sind heute aus dem Alltags leben nicht mehr wegzu denken. Insbesondere Jugend liche und junge Erwachsene organisie ren und synchronisie ren ihr Leben online. Netz werk platt formen, insbesondere der welt weite Markt führer Facebook, sind die zentralen Knoten punkte der sozialen Ver netzung im World Wide Web. Die Nutzer1 müssen – zumindest in Teilen – ihre Privatsphäre auf geben, wenn sie teilhaben wollen, denn die aktive Nutzung setzt voraus, dass die User freiwillig Informa tionen über sich, ihre Aktivi täten, Meinun gen und Wünsche und auch Daten über Dritte zusammentragen. Im Gegen zug er halten sie aus ihrem Freundes netz werk Informa tionen, die unmittel bar relevant für ihren sozialen Alltag sind. Die im Social Web ge nerierten Daten mengen sind immens. Allein die 600 Mio. aktiven FacebookNutzer ver bringen zusammen 9,3 Mrd. Stunden pro Monat auf der Site. Jeder Nutzer lädt dabei im Durch schnitt 90 ver schiedene Inhalte hoch, z. B. Posts, Notizen, Fotos oder Links (Manyika et al., 2011). Ein solches Daten volumen weckt natür lich Begehrlich keiten. Einer seits auf Seiten der Anbieter, deren Geschäfts modell zumeist den Ver kauf personalisierter Werbung vor sieht. Anderer seits melden auch Dritte ihr Interesse an, die Daten für sich nutz bar zu machen. Im Frühjahr 2012 sorgte ein Vorstoß der Schufa für Auf sehen, die in einem Forschungs projekt in Koopera tion mit dem Hasso PlattnerInstitut die Nutzbar keit der öffent lich zugäng lichen Daten auf Facebook für ihre Zwecke evaluie ren wollte. Dies wurde von Daten schützern und der Politik äußerst negativ auf genommen und auf grund der Proteste schnell ein gestellt (Lochmaier, 2012; Medick & Reiß mann, 2012). Das „Geschäft mit den Nutzer daten“ (Welt Online, 2007) wurde schon früher in der Presse häufig kritisch reflektiert (z. B. Dworschak, 2011). Ob es den Sozialen Netz werk platt formen wie Facebook und Co. tatsäch lich anzu lasten ist, dass sie ihr Kapital aus den persön lichen Daten der Nutzer ziehen, die dafür ihre Privatsphäre auf geben oder zumindest einschränken, sei zunächst 1 Aus Gründen der Lesbar keit wird die maskuline Form ver wendet, ab gesehen von expliziten Ver gleichen der Geschlechter sind jedoch stets beide Formen ge meint. 16 dahin gestellt. Tatsache ist, dass Soziale Netz werk platt formen intensiv, ins beson dere von Jugend lichen und jungen Erwachsenen, ge nutzt werden und diese dabei selbst verständ lich persön liche Daten wie Name, Geburts tag, Hobbys etc. an geben (MPFS, 2011; Palfrey & Gasser, 2008). Seltener werden im Web auch Gefühle oder gar Ängste geäußert (Tad dicken & Schenk, 2011). Dass die User Sozialer Netz werk platt formen viel von sich preis geben, be deutet nicht, dass der Schutz ihrer Privatsphäre für sie irrelevant ist oder sie gar nicht darauf achten. Vielmehr ist es so, dass sich aus dem Nutzen, den Soziale Netz werk platt formen bspw. durch erhöhte Erreich bar keit und er weiterte Kommunika tions möglich keiten zweifel los stiften, ein Span nungs feld aus Chancen der Teilhabe und potenziellen Gefahren ergibt. Die „Digital Natives“ richten den Blick zunächst auf die Vor teile, die die Partizipa tion mit sich bringt (Boyd, 2010) und ihr Ver ständnis dafür, welche Informa tionen als privat gelten sollten, ist ein anderes, als das ihrer Eltern und Großelterngenera tion. Es ist das Ziel der vor liegen den Studie, dieses Ver ständnis zu explorie ren und Unter schiede sowie Einflüsse auf das Selbstoffenba rungs verhalten in Sozialen Netz werk platt formen aufzu decken. Auch wenn junge Nutzer auch an anderen Stellen im Social Web Informa tionen über sich preis geben, nehmen die Sozialen Netz werk platt formen eine heraus ragende Stellung ein, einer seits was die Quantität der Teilnehmer und der dort ver öffent lichten Daten be trifft, anderer seits auch in Bezug auf die Qualität: In Sozialen Netz werk platt formen weisen die preis gegebenen Informa tionen in der Regel einen – mehr oder weniger offensicht lichen – Bezug zur (Offline)Identität des Nutzers auf. Die Kommunika tion auf Netz werk platt formen ist in der Regel nicht durch Anonymi tät ge kennzeichnet, wie beispiels weise in vielen InternetDiskus sions foren üblich. Selbst wenn ein Nutzer seine Identität durch Ver wendung eines Nicknames oder des Vornamens schützt, wird er vor dem Hinter grund seines sozialen Netz werks aus Freunden und Bekannten oft identifizier bar. Aus diesen Gründen er scheinen Soziale Netz werk platt formen beim Blick auf die Privatsphäre und die Risiken, die durch Partizipa tion am Social Web ent stehen, be sonders relevant. Die vor liegende Studie fokussiert daher auf diese Anwen dungen. Zur umfassen den Explora tion des Forschungs feldes wurde ein interdis ziplinärer Ansatz aus Kommunika tions, Erziehungs und Rechts wissenschaft lern ge wählt. Dabei arbei teten Teams von der Universi tät Hohenheim (Prof. Dr. Dr. habil. Michael Schenk und Julia Niemann), der Universi tät der Bundes wehr München (Prof. Dr. Gabi Reinmann und JanMathis Schnurr) und der Universi tät Kassel (Prof. Dr. Alexander Roßnagel und Dr. Silke Jandt) zusam men. Die Studie gliedert sich in insgesamt vier Teile. Zunächst wird in Teil I ein Über blick über die Forschungs gegenstände Soziale Netz werk platt formen und Privatsphäre ge geben. Den Teil II bildet eine Kombina tion ver schiedener empiri scher Methoden, die den Unter suchungs gegen stand auf qualitativer und 17 quantitativer Basis be leuchten. Die Methoden kombina tion umfasst dabei eine Sekundäranalyse, qualitative Interviews und eine quantitative Befra gung von 12 bis 24Jährigen sowie qualitative Interviews mit Experten aus den Domänen Schule, Jugendarbeit und Medien. Im Teil III erfolgt eine Einord nung aus daten schutz recht licher Perspektive. Im letzten Teil folgen, neben einer inter nationalen Einord nung der Ergeb nisse, Hand lungs empfeh lungen an die Medien pädagogik und den Gesetz geber. 19 2 Der Unter suchungs gegen stand 2.1 Soziale Netz werk platt formen 2.1.1 Einfüh rung und Ab gren zung Soziale Netz werk platt formen, wie Facebook, studiVZ oder XING, ge hören zu den am häufigsten und am intensivsten ge nutzten Webseiten. Die kommunika tions wissen schaft liche Ab gren zung dieser An gebote ge staltet sich jedoch schwie rig, denn sie sind weder den klassi schen Massen medien zuzu ordnen, noch lassen sie sich als aus schließ liche Medien der Individual kommunika tion ein stufen. Sie zählen zu den partizipativen An geboten des Internet (Neuberger, 2011, S. 34), die unter dem Schlagwort Web 2.0 oder auch als Social Web2 öffent liches und wissen schaft liches Interesse ge weckt haben. Beide Begriffe ver deut lichen die Wandlung des Internet von einem Medium, das von den meisten Nutzern vor rangig zur Informa tions beschaf fung und zu Recherche zwecken ge nutzt wurde, hin zu einem Medium der Kommunika tion und sozialen Inter aktion. Durch neue Softwareober flächen wurde es möglich, dass zuneh mend auch Nutzer ohne techni sches Wissen eigene Inhalte online ver öffent lichten und dass sie so von reinen Rezipienten zu „Produsern“ wurden, die die Inhalte des Netzes aktiv mitgestalten. Es herrscht eine ver wirrende Begriffs vielfalt, mit der das Phänomen Soziale Netz werk platt form be schrieben wird. So sind neben dem Begriff Soziale Netz werk platt form auch die Bezeich nungen Social Network(ing) Site, soziale Netz werkseite, OnlineCommunity, soziale Netz werk dienste o. Ä. üblich. Diese Begriffe werden in der vor liegen den Studie synonym ver wendet. Ab zugrenzen ist jedoch der Begriff „soziale Netz werke“. Dieser be zeichnet in den Sozial wissen schaften ein Geflecht aus direkt oder indirekt miteinander ver bundenen Akteuren, welches auch außerhalb des Internet existie ren kann, also z. B. die Gesamt heit aller Freunde, Familien mitglieder und Arbeits kollegen, die eine Person auf weist. Auf Sozialen Netz werk platt formen werden soziale Netz werke 2 Wir ver wenden im vor liegen den Bericht beide Begriffe synonym (vgl. zur Ab gren zung Schmidt, 2011). 20 ab gebildet, jedoch ist die Infrastruktur, die durch die Platt formen bereit gestellt wird, von den eigent lichen sozialen Netz werken abzu grenzen (vgl. Schmidt, 2009, S. 64; Weissens teiner & Leiner, 2011). Eine viel zitierte Defini tion webbasierter Sozialer Netz werk platt formen liefern Boyd und Ellison (2008, S. 211). Sie stellen dabei drei Aspekte der Anwen dungen be sonders heraus: Erstens er möglichen die Platt formen es, ein öffent liches oder semiöffent liches Profil der eigenen Person innerhalb eines vom rest lichen Internet ab gegrenzten Bereichs anzu legen. Zweitens können die Nutzer Kontakte mit ihrem Profil ver knüpfen. Auch die Listen dieser Kontakte sind für andere einseh bar. Drittens können die Kontakt listen zur Naviga tion innerhalb der Sozialen Netz werk platt form ge nutzt werden, so dass Browsen in den sozialen Netz werken der Nutzer möglich wird. Ein User wird in Sozialen Netz werk platt formen nicht nur durch die Selbst darstel lung auf dem eigenen Profil sicht bar, sondern auch vor dem Hinter grund seiner sozialen Kontakte. Soziale Netz werk platt formen bilden die Netz werkstruktur des sozialen Umfelds nicht nur ab, sondern stellen auch eine gemeinsame Infrastruktur zur Kommuni ka tion und Inter aktion der Kontakte unter einander bereit (Schmidt, 2009, S. 64). Die Kontakte sind jederzeit er reich bar, wodurch es einfacher wird, nicht nur auf das eigene soziale Netz werk, sondern auch auf ein er weitertes Netz werk zuzu greifen und um gekehrt von diesem er reicht zu werden. Die Defini tion von Boyd und Ellison be schreibt das Phänomen Soziale Netz werk platt formen anhand seiner Funktionen. Dies ist problematisch, denn die Ab gren zung zu anderen Anwen dungen des Social Web ist nicht eindeutig, wie am Beispiel der Weblogs deut lich wird: Auch Weblogs stellen Profile ihrer Nutzer dar, sind in der Blogosphäre miteinander ver linkt und es kann durch sie hindurch navigiert werden. Außerdem bieten sie eben falls die Möglich keit zur Kommunika tion. Wie Weissens teiner und Leiner (2011) anmerken, ist die funktionale Defini tion dennoch „mehr als ein theoreti sches Feigen blatt“ (S. 529). Für die Nutzer ist es weit gehend unerheb lich, in welcher Applika tion eine be stimmte Funktio nali tät bereit gestellt wird. Sie schlagen vor, die funktionale Defini tion um Nutzenaspekte zu er weitern, um der subjektiven Realität des Nutzers besser gerecht zu werden. Diese Funktionali tät besteht insbesondere in der Bedeu tung sozialer Aspekte, wie etliche Studien zu den Nutzungs motiven der Platt formen zeigen (Gleich, 2011; Joinson, 2008; QuanHaase & Young, 2010; Schmidt & Gutjahr, 2009; vgl. Ab schnitt 2.1.4). Dieser Umstand trifft jedoch eben falls auf das gesamte Social Web zu (Jers, 2012). Von anderen Applika tionen müssen Soziale Netz werk platt formen daher einzeln ab gegrenzt werden. So zeichnen sie sich gegen über InstantMessagingDiensten durch einen höheren Grad an Öffentlich keit aus. Gegen über Weblogs fällt auf, dass es sich bei Sozialen Netz werk platt formen um zentrale, durch Registrie rung ab gegrenzte Bereiche handelt, bei denen die sozialen Beziehungen mehr im Fokus stehen. Bei Multimediaplatt formen, die dem Teilen von Inhalten wie Fotos oder Videos 21 dienen (z. B. Flickr, YouTube), tritt die Präsenta tion der eigenen Person in einem Profil und die Inter aktion der Teilnehmer hinter die Inhalte zurück. Zwar ist auch hier die Ver knüp fung mit anderen Nutzern möglich, jedoch er scheint diese eher nebensäch lich. Bei Diskus sions foren stehen eben falls Inhalte, nämlich der Aus tausch und die schrift liche Speiche rung von Informa tionen, meist mit einem klar ab gegrenzten themati schen Schwerpunkt, im Vordergrund. Soziale Netz werk platt formen integrie ren zunehmend die Funktionali täten dieser und anderer Anwen dungen (Smock, Ellison, Lampe & Wohn, 2011) und können – auch weil sie ver gleichs weise viele Nutzer auf weisen – als prototypi sche Anwen dungen des Social Web be trachtet werden. Die An gebote Sozialer Netz werk platt formen lassen sich ver schiedenen Unter formen zuordnen. So gibt es die klassi schen, privatpersön lichen Kontakt netz werke (Schmidt, 2009, S. 64), die inter national oder national, bzw. lokal aus gerichtet sind und mit denen wir uns in dieser Studie be schäfti gen. Daneben be stehen Communitys, die vor rangig be ruflichen Zwecken dienen (z. B. XING, LinkedIn). Außerdem sind Platt formen abzu grenzen, die thematisch auf be stimmte Beziehungs aspekte oder Bereiche wie Sport, Essen und Trinken, Tiere etc. be schränkt sind (z. B. Netzathleten, Chefkoch. de, My Social Petwork). Privatpersön liche Kontakt netz werke ge hören zu den Webangeboten, die gerade bei jungen Nutzern sehr beliebt sind (Busemann & Gscheidle, 2009, S. 358; Initiative D21, 2010). In unseren Aus führungen werden wir uns daher auf diese spezielle Kategorie von Netz werk platt formen be schränken. Im Folgen den wird zunächst ein Markt überblick ge geben, bevor auf die gängigen Features von Social Networking Sites und auf die Regelun gen zur Privatsphäre ein gegangen wird. 2.1.2 Soziale Netz werk platt formen in Deutschland – Nutzung und Markt überblick Weil der Markt sehr stark zergliedert ist und viele Anbieter Nischen produkte anbieten, die keine über regionale Bedeu tung er langen, kann die Zahl der Sozialen Netz werk platt formen nicht mit Bestimm theit fest gelegt werden. Die größten deutschen An gebote werden in der Reichweiten messung der AGOF (Arbeits gemein schaft Online Forschung) erfasst (Tabelle 1). Unter den in der AGOF ver tretenen Netz werken waren zum Zeitpunkt unserer Erhebung die drei VZNetz werke am reichweiten stärksten, ge folgt von werkenntwen. 22 Tabelle 1: Soziale Netz werk platt formen in Deutschland An gebot Netto-Reichweite in Mio. Unique User* August 2011 Netto-Reichweite in Mio. Unique User* Juni 2012 VZ-Netz werke 6,96 2,72 wer-kennt-wen. de 5,61 4,00 Myspace. de 3,63 2,47 Lokalisten 1,02 0,60 Schueler.CC 0,62 – * Basis: Weitester Nutzer kreis (User pro Monat) Quelle: AGOF internet facts, eigene Darstel lung Der Markt führer Facebook wird in diesem Ranking nicht erfasst, daher müssen hier andere Ver gleichs zahlen heran gezogen werden. Nielsen (2011) weist im August 2011 25,1 Mio. FacebookNutzer in Deutschland aus. Auch wenn dieser Wert auf einem anderen methodi schen Ver fahren beruht, werden die Dimensionen deut lich: Facebook ist die bei weitem be liebteste Platt form. Die Markt führer schaft er langte das USamerikani sche An gebot im März 2010, als erstmals höhere Nutzer zahlen für Facebook als für die VZNetz werke, die bis dahin Markt führer waren, aus gewiesen wurden (Welt Online, 2010). Facebook wurde 2004 zunächst als soziales Netz werk für HarvardStudenten von Mark Zuckerberg ent wickelt. Als Mitbegründer gelten zudem Dustin Moskovitz, Chris Hughes und Eduardo Saverin. Konnten anfangs nur Studenten mit EMailAdressen aus gewählter USHoch schulen Mitglieder werden (Boyd & Ellison, 2008, S. 218), wurde das An gebot zwei Jahre später für alle Personen über 13 Jahren geöffnet. Ab dem Jahr 2006 war Facebook auch für aus ländi sche Studenten zugäng lich, seit 2008 ist die Platt form in den Sprachen Deutsch, Spanisch und Französisch ver fügbar. Heute ist Facebook in 74 Sprach versionen und mit 750 Millionen Mitgliedern (Facebook, 2010) über den gesamten Globus ver teilt. Nach Angaben von Facebook loggt sich die Hälfte der Mitglieder täglich auf der Seite ein, und der durch schnitt liche User besitzt 130 Kontakte auf dem Netz werk. Schon 2010 konnte Facebook Google als meist besuchte Website in den USA über holen. Im Mai 2012 er folgte der auf sehen erregende Start der FacebookAktie an der NewYorker Börse Nasdaq. Mit 104 Mrd. Dollar war es der bisher am höchsten be wertete Börsengang in den USA. Eine einzelne Aktie kostete bei der Ausgabe 38 Dollar. Im Ver lauf des ersten Quartals mussten die Anleger jedoch hohe Ver luste hinnehmen, der Kurs fiel zwischen zeit lich auf 24 Dollar (FTD. de, 26. Juli 2012). Zu geschrieben wird der mangelnde Erfolg vor allem dem Fehlen von Monetarisie rungs strategien. Insbesondere bei mobilem Zugriff auf die Platt form ent gehen die Werbe einnahmen. Neben dem Markt führer Facebook konnten sich im deutschen Markt zunächst noch weitere, nationale Anbieter be haupten. Insbesondere die An gebote der 23 VZGruppe, zu der die drei Platt formen studiVZ, schülerVZ und meinVZ ge hören, sind hier zu nennen. Die StudentenPlatt form studiVZ wurde 2005 nach dem Vorbild von Facebook ge gründet und war zunächst nur für Studenten ge dacht. Im Januar 2007 über nahm der Holtz brinckVerlag studiVZ für etwa 80 Millionen Euro (Bernau, 2007). Die Produkt palette wurde schon im selben Jahr um schülerVZ, eine Ver sion speziell für Schüler, ergänzt. Ein Jahr später folgte meinVZ, das sich an ältere und nichtakademi sche Nutzer richtet. Die An gebote studiVZ und meinVZ sind miteinander ver knüpft, d. h. die Nutzer beider Netz werke können sich kommunikativ aus tauschen. Das Schülernetz werk schülerVZ ist von beiden Platt formen ge trennt. schülerVZ ist ein geschlossenes Netz werk: Neue Nutzer können sich nur auf Einla dung eines Mitglieds an melden. Diese Maßnahme soll laut Eigenangaben ver hindern, dass Dritte oder auch Lehrer und Eltern Zugang zu dieser Platt form er halten. Im November 2011 hatten die Platt formen studiVZ. net, schülerVZ. net und meinVZ. net nach eigenen Angaben mehr als 16 Millionen Nutzer (VZNetz werke, o. J.), davon ver teilen sich 6 Millionen auf studiVZ, 5,5 Millionen Schüler sind im schülerVZ und 4 Millionen Nutzer bei meinVZ an gemeldet. Von diesen über 16 Millionen Nutzern sind aber nur Bruchteile aktiv. Laut AGOF wiesen alle drei Netz werke zusammen im August 2011 6,96 Millionen Nutzer auf. Die Reichweiten und Nutzer zahlen zeigen sich aber stetig sinkend, ein knappes Jahr später ist die Zahl der aktiven Nutzer nur noch bei 2,72 Millionen (vgl. auch Amann, 2011). Der im September 2011 durch geführte Relaunch konnte diesen Rück gang nicht umkehren. Die themati sche Neu ausrich tung, und die Namens ände rung von schülerVZ in Idpool. de sind für das vierte Quartal 2012 ge plant (Süd deutsche. de, 2012). Die Platt form soll dann zu einem „edukativen An gebot“ werden, bei dem die OnlineWissens vermitt lung im Vordergrund steht. Für die Netz werk platt formen studiVZ und meinVZ existie ren bislang keine Ver ände rungs konzepte. Auch wenn über die Nutzer wande rung zwischen den Netz werken keine gesicherten Zahlen vor handen sind, er scheint es wahr schein lich, dass die Nutzer zur inter nationalen Platt form Facebook wechseln, die einen höheren Funk tions umfang auf weist und im Hinblick auf die Integra tion neuer Funktionali tät immer einen Schritt schneller zu sein scheint. Neben der VZGruppe und Facebook er reichen in Deutschland die An gebote werkenntwen und Lokalisten relevante Nutzer zahlen. Sie zeichnen sich durch ihre lokale Ver brei tung aus. werkenntwen wurde im Oktober 2006 ge gründet und richtet sich an alle Personen ohne Einschrän kungen ab 14 Jahren. Mit einem Firmensitz in Köln wird diese Community durch die Gesell schaft RTL Inter active be trieben. Fünf Jahre nach der Gründung weist die AGOF 5,61 Millionen Nutzer für werkenntwen aus, ein knappes Jahr später noch 4 Millionen. Die Mehrheit der Mitglieder kommt aus RheinlandPfalz, Hessen und dem Saarland. Seit 2009 ist die Platt form auch in Öster reich und der Schweiz zugäng lich. Das Netz werk Lokalisten wurde im Mai 2005 ge gründet 24 und zählte im Sommer 2011 1,2 Millionen Nutzer. Auch diese Platt form ver zeichnet einen Mitglieder schwund und so viel die Reichweite laut AGOF im Juni 2012 auf 0,6 Millionen Nutzer. Der Großteil der Mitglieder wohnt im süd deutschen Raum. Seit Ende Mai 2008 hält ProSiebenSat.1 Media 90 Prozent an der Lokalisten Media GmbH. Ab gesehen von den bisher auf gezählten Netz werken gibt es weitere kleinere Platt formen, die sich speziell an Schüler richten. Ein Beispiel hierfür stellt das Schüler Community Center, kurz Schueler.CC, dar. Dieses ist im Besitz der Community Center GmbH und existiert seit Januar 2007. Es wird vor allem im Osten Deutschlands stärker ge nutzt. Nennens wert ist zudem Myspace als inter nationale Platt form, deren Fokus auf Musik und der Darstel lung und Ver mark tung von Bands und Künstlern liegt. Die Platt form kann aber auch als themen unabhängige Social Networking Site ge nutzt werden. Ähnlich wie hier zulande die VZNetz werke musste sich Myspace diesbezüg lich aber schon zuvor dem Konkurrenten Facebook unter ordnen. Im Jahr 2006 war MySpace das populärste soziale Netz werk in den USA, nachdem es im Jahr zuvor von Rupert Murdochs News Corpora tion ge kauft worden war. In der Blütezeit hatte Myspace mehr als 220 Millionen Nutzer. Die AGOF wies im Sommer 2011 3,63 Millionen deutsche Nutzer für die Platt form aus, im Juni 2012 nur noch 2,47 Millionen. Im September 2011 trat mit Google+ ein neuer Anbieter in den deutschen Markt ein. Die Platt form der Google Inc. wird ebenso wie Facebook nicht über die AGOF erfasst. Nach einer ComscoreMessung lagen die Besuchs zahlen für Deutschland im November 2011 bei 3,6 Millionen Nutzern (Steuer, 2012). Für Jugend liche ist das An gebot von Google+ ver mutlich wenig relevant: Momentan müssen neue Nutzer für die Registrie rung das Mindestalter von 18 Jahren er reicht haben. Lang fristig ist ge plant diese Alters begren zung auf 13 Jahre zu senken. Obwohl Facebook auch der inter nationale Markt führer ist, haben sich in einzelnen Ländern und Regionen teil weise andere Anbieter durch gesetzt. Die größte Soziale Netz werk platt form in China3 heißt Qzone und hat vor allem dort 480 Mio. Nutzer (RiaNovosti, 2011). Hinter Facebook ist diese Platt form die welt weit zweit größte. Auch in Brasilien (Orkut), Russ land (Vkontakte) und Japan (Mixi) sind andere Anbieter jeweils weiter ver breitet als der Platz hirsch Facebook. In den meisten europäi schen Ländern ist das USamerikani sche Netz werk der jeweils größte Anbieter. Die einzige Aus nahme bildet hier Lettland (Draugiem). Freizeitorientierte Soziale Netz werk platt formen stellen ihre Dienste in der Regel für die Nutzer kosten los zur Ver fügung. Die Betreiber finanzie ren sich 3 Aufgrund der restriktiven Netzpolitik der Chinesi schen Regie rung werden inter nationale Netz werk platt formen dort ge filtert und sind nicht für die Öffentlich keit zugäng lich. 25 hauptsäch lich durch den Anzeigen verkauf. Durch die von den Nutzern selbst bereit gestellten persön lichen Informa tionen eröffnen sich breite Möglich keiten für personalisierte Werbung. Sehr spitze Zielgruppen können über sogenanntes Targeting4 er reicht werden. Nachdem in den vorigen Ab sätzen ein Über blick über die Anbieter sozialer Netz werkseiten ge geben wurde, sollen im Folgenden die wichtigsten Funktionen der Platt formen be schrieben werden. Dabei kann nicht jede Funktion einzeln be rücksichtigt werden, da der Funk tions umfang zum Teil sehr hoch ist und auch nicht alle An gebote dieselben Funktionen auf weisen. Eine der zentralen Funktionen, die auch in der Defini tion von Boyd und Ellison auf gegriffen wird, ist das Anlegen des Nutzer profils. Die Teilnehmer von SocialNetworkPlatt formen bewegen sich in einem sozialen Raum, der es mit sich bringt, dass sie sich auch selbst präsentie ren müssen. Deshalb ver wundert es nicht, dass Selbstmarketing ein – wenn auch nicht immer das primäre – Ziel bei der Teilnahme an SocialCommunityPlatt formen ist (Utz, 2008, S. 243). Beim Beitritt zu einer SocialNetworkingSite muss zunächst ein „Profil“ der eigenen Person an gelegt werden. Boyd (2007) spricht beim Anlegen des Profils von einem „Initia tions ritus“ (S. 12). Online sind die Eigen schaften einer Person nicht automatisch ver fügbar: „People must write themselves into being“ (ebd.). Die Selbst darstel lung erfolgt dabei nicht völlig flexibel, der Nutzer füllt ein OnlineFormular aus, welches diverse Informa tionen abfragt: Dazu zählen typischer weise neben den Basisinforma tionen Name, Geschlecht und Geburts datum sowie Name der Schule, Hoch schule bzw. des Aus bil dungs platzes auch Kontaktinforma tionen, wie EMailAdresse und Telefon nummern. Angaben zu Interessen und Hobbys und Lieblings büchern, filmen und musik zählen eben falls bei vielen Anbietern zu den Profilinforma tionen. Zum Teil werden auch wesent lich intimere Informa tionen, wie der Beziehungs status, die politi sche Einstel lung oder die sexuelle Orientie rung ab gefragt. Außerdem hat ein User die Möglich keit, ein Profilfoto hochzuladen. Die User werden in der Regel nicht ge zwungen, alle Angaben vollständig auszu füllen, zudem wird die Korrekt heit der Angaben nicht über prüft. Dennoch ist die authenti sche Selbst darstel lung auf Sozialen Netz werk platt formen sinn stiftend: Es geht darum, eine mit der Selbst wahrneh mung über einstimmende Identi täts konstruk tion zu schaffen, um im sozialen Netz werk online inter agie ren zu können (vgl. Ab schnitt 2.2). Nachdem der Nutzer ein Profil an gelegt hat, wird er zumeist dazu auf gefordert, Beziehungen zu anderen Mitgliedern der Sozialen Netz werk platt form anzu geben. Die Bezeich nung dieser Beziehungen unter scheidet sich je Anbieter. 4 Beim Targeting werden die an gezeigten Werbemittel automatisiert an be stimmte, zuvor definierte Zielgruppen aus geliefert. Weil Rezipienten hinsicht lich ihrer soziodemografi schen oder nach anderen Merkmalen aus gewählt werden, können Streu verluste minimiert werden (BVDW, 2009). 26 So lautet die Bezeich nung für die FacebookKontakte „Freunde“, ebenso wie auf studiVZ, bei manchen Netz werken wird aber auch die Bezeich nung „Kon takte“ ver wendet. Die Beziehungen, die auf Sozialen Netz werk platt formen ab gebildet werden, sind in der Regel reziprok: Beim Hinzufügen des neuen Freundes muss dieser die Bekannt schaft be stäti gen. Im Anschluss ist die Ver bindung zwischen beiden Nutzern auf dem Profil in einer Freundes liste, die Fotos und Namen der Kontakte ent hält, sicht bar. Die Freundes liste bildet neben dem Profil einen weiteren zentralen Bestand teil Sozialer Netz werk platt formen. Sie ist – je nach Einstel lung der PrivatsphäreOptionen – mehr oder weniger öffent lich einseh bar und er möglicht es, durch Links zu den Profilen der Kontakte im persön lichen sozialen Netz des Nutzers zu browsen (Boyd & Heer, 2006, S. 4). Die Freundes listen helfen dabei, die Nutzer in ihrem sozialen Umfeld sicht bar zu machen. Freunde können diese Liste aus dem Kontakt netz werk des Nutzers einsehen und durch Anklicken direkt auf die Seite der auf gelis teten Person ge langen (Boyd & Ellison, 2008, S. 213). Die Kontakt liste der meisten Nutzer besteht hauptsäch lich aus Kontakten, die offline ge knüpft wurden (vgl. Livingstone, Haddon, Görzig & Ólafsson, 2010, S. 46): Freunden aus dem Alltag, Bekannt schaften, Familien angehöri gen und Kollegen. Reine Online Kontakte, die z. B. über die Social Networking Site ge knüpft wurden, kommen vor, sind aber seltener als OfflineBeziehungen (Uzler & Schenk, 2011). Der Begriff „Freund“ bzw. „Freund schaft“ als Bezeich nung für die Kontakte auf Social Networking Sites stieß in der öffent lichen Diskussion auf Kritik. Die Bezeich nung „Freund“ er schien nicht für alle Kontakte, die auf den Social Networking Sites zu den Freundes listen hinzu gefügt werden, treffend. Viele Platt formen unter scheiden ledig lich nach einem binären Code „Freund/Nicht Freund“ und dieser kann die Vielschichtig keit sozialer Beziehungen nur unzu reichend ab bilden. Im Durch schnitt haben die be fragten jugend lichen Nutzer der JIMStudie auf den Netz werken 206 Kontakte (MPFS, 2011). Einzelne Nutzer er reichen aber deut lich mehr Kontakte – es ist schlichtweg nicht möglich, dass sie zu allen eine sehr enge Beziehung unter halten, die im allgemeinen deutschen Sprach gebrauch als Freund schaft be zeichnet wird. Befürchtet wurde die Ent wertung des Begriffs, von der insbesondere Jugend liche be troffen sein könnten (vgl. WynneJones, 2009). Auf diesen Umstand machte bspw. eine Werbekampagne der Tages zeitung Welt Kompakt mit der Aussage „Wir haben so viele Freunde im Internet, dass wir ein neues Wort für die echten brauchen“ (vgl. Koch, 2010) auf merksam. Ob der Begriff Freund schaft in seiner Bedeu tung jedoch durch die Ver wendung von den Platt formAnbietern tatsäch lich ent wertet wird, ist fragwürdig. Die Nutzer der Platt formen ver stehen durch aus, dass es sich bei den Kontakten auf den Platt formen nicht um Freunde im engen Sinn handelt. Sorgte die Begrifflich keit „Freund“ in der Presse und evtl. auch bei älteren Usern für Irrita tionen, differenzie ren die jungen Nutzer den Begriff. Sie unter scheiden beispiels weise zwischen „SocialNetworkFreunden“ und 27 „echten“ Freunden und ihnen ist zumeist klar, dass nicht zu allen auf den Platt formen gesammelten Kontakten enge Bindun gen be stehen (Boyd, 2006). Nur wenige Nutzer ver folgen die Strategie, sich über das Sammeln von Kon tak ten als sozial beliebt darzu stellen (Niemann, Scherer & Schlütz, 2010). Diese Strategie wird zudem schnell von anderen Nutzern durch schaut und als unangebracht be wertet (Krämer & Haferkamp, 2011). Hat ein Nutzer „zu viele“ SocialNetworkingFreunde, nimmt seine Attraktivi tät in den Augen anderer Nutzer ab (Tom Tong, Van Der Heide, Langwell & Walther, 2008). Neben den reziproken Beziehungen sind auf einigen Sozialen Netz werk platt formen, z. B. auf Facebook, auch einseitige Beziehungen möglich. Ein Nutzer, der eine solche Beziehung ein geht, wird „Fan“ oder „Follower“ ge nannt, die Seite, von der er Fan wird, ist eine Fanpage. Personen des öffent lichen Lebens, aber auch Unter nehmen und Marken und andere Körperschaften unter halten solche Fanpages. Fans bzw. Follower wurden nach dem Vorbild von MicrobloggingPlatt formen auf Facebook und anderen Platt formen ein gerichtet (Spiegel Online, 2011). Zum einen können solche Beziehungen dazu dienen, über die Neuig keiten, die auf der Fanpage ge postet werden, auf dem Laufenden zu bleiben, zum anderen kann durch das Liken der Fanpage die Identifika tion des Nutzers mit dieser Seite symbolisiert werden. Soziale Netz werk platt formen er möglichen und er leichtern die Kommunika tion zwischen ihren Nutzern. Sie kommen damit dem in der modernen Gesell schaft ge wachsenen „Bedürfnis nach individueller und aktiv be triebener Bezie hungs pflege“ (Neuberger, 2011, S. 38, im Original kursiv) nach und eignen sich auf grund ihrer Struktur in einigen Fällen vielleicht sogar besser als andere Medien dafür. Die Kommunika tion kann innerhalb der Platt formen auf ver schiedenen Kanälen er folgen, die unter schied liche Eigen schaften auf weisen. Neuberger (2011) unter scheidet zwischen Zugänglich keit und Relevanz (öffent lich, privat), Teilnehmerzahl und Rollen vertei lung (‚onetoone‘, ‚onetomany‘, ‚manytoone‘, ‚manytomany‘), zeit licher Struktur (synchron, asynchron) sowie ver schiedenen Codes (Text, Bild, Video, etc.) (S. 38). Zu den gängigsten Kommu ni ka tionsTools, die auf den meisten Sozialen Netz werk platt formen vor handen sind, ge hören private Nachrichten, Chat, Status meldun gen und Pinnwand einträge. Diese und ihre speziellen Eigen schaften sollen im Folgenden kurz be schrieben werden, da es für die Privatsphäre relevant ist, auf welchem Kanal eine Selbstoffenba rung erfolgt. Bei privaten Nachrichten werden Informa tionen zwischen zwei oder mehr Kommunikatoren aus getauscht. Die ver sendete Nachricht ist nur für die Adressa ten der Konversa tion einseh bar. Die Kommunika tion kann, ähnlich wie bei EMails, asynchron ver laufen und im Nach hinein von den Kommunika tions partnern immer wieder ab gerufen werden. Der Chat ist eine andere Möglich keit der privaten Kommunika tion, mit dem Unter schied, dass die Kommunika tion hier synchron ver läuft. D. h. alle Kommunika tions partner sind während 28 des Chattens anwesend und sie kommunizie ren wechselseitig. Ab gesehen von den be teiligten Kommunika tions partnern kann kein anderer Nutzer die Kom munika tion einsehen. Status meldun gen und Pinnwandeinträge bilden hingegen Formen der (semi)öffent lichen Kommunika tion und ver laufen in der Regel asynchron. Sie sind für alle Dritten, die Zugang zum Profil des Nutzers haben, sicht bar. Beim Pinnwandeintrag wird ein anderer Nutzer direkt adressiert, während eine Status meldung sich allgemein an das gesamte Netz werk des Nutzers richtet. Wer genau zum potenziellen Publikum gehört, kann der Kommunikator über die Wahl der PrivatsphäreEinstel lungen fest legen. Wir be zeichnen Status meldun gen und Pinnwandeinträge daher als Formen der (semi)öffent lichen Kommunika tion, weil in der Regel der Empfänger kreis nicht genau definiert ist oder exakt ab gegrenzt wird. Die Kommunika tion erfolgt gegen über einem Publikum, das in der Regel unspezifisch ist. Eine Nachricht, die ein Nutzer einem anderen an die FacebookPinnwand postet, kann in der Regel5 von allen Kontakten des Kommunikators sowie von allen Kontakten des Empfängers rezipiert werden. Möglicher weise sind unter den Kontakten des Empfängers auch Personen, die der Sender der Informa tion nicht kennt. Alle vier hier auf geführten Formen der Kommunika tion auf Sozialen Netz werk platt formen sind in ihrem Ursprung textbasiert. Sie können aber durch das Anhängen von Bildern oder Videos bzw. Links auch multimedial werden. Der Upload von Fotos und Videos auf das Nutzer profil bzw. in FotoAlben gehört eben falls zum StandardRepertoire der Netz werk platt formen. Bei vielen Platt formen ist es möglich, andere User auf dem Bild zu ver linken, so dass erkenn bar ist, wer darauf ab gebildet ist. Gleiches ist auch mit Videos möglich. Der Upload von Fotos wird gerade in letzter Zeit auch auf grund der fortschrei ten den techni schen Ent wick lung, die Gesichts erken nung möglich macht, dis kutiert. Durch die Gesichts erken nung wird es möglich, Personen in den visuellen Informa tionen zu identifizie ren, obwohl sie nicht ver linkt wurden. Einen nonverbalen Aus druck von Zustim mung bietet der Gefälltmir oder LikeButton. Diesen Button betäti gen Nutzer, wenn sie aus drücken möchten, dass ihnen der Post, das Foto oder ein anderer öffent licher Beitrag eines anderen Nutzers ge fällt. Der ge likte Beitrag er scheint danach nicht nur im Profil des Urhebers, sondern auch in dem Profil der Person, die den LikeButton ge drückt hat. Somit wird der Inhalt für einen weiteren Personen kreis sicht bar und kann eine höhere Auf merksam keit in der Community er halten. Zum Schutz der sozialen Privatsphäre können auf den Sozialen Netz werk platt formen PrivatsphäreOptionen ein gestellt werden. Ein Nutzer kann damit fest legen, welche anderen Nutzer(gruppen) Zugriff auf Profildaten und andere 5 Je nach Einstel lung der PrivatsphäreOptionen. 29 Bereiche seiner Präsenz in den Platt formen haben. Mittlerweile bieten die meisten Anbieter sehr differenzierte Einstell möglich keiten, die es er lauben, die Kontakte hinsicht lich ver schiedener Aspekte in unter schied liche Gruppen zu unter teilen, z. B. in Bekannte und enge Freunde. Außerdem ist es zumindest auf Facebook möglich, für jeden kommunikativen Akt und für einzelne Bereiche des eigenen Profils das Publikum dezidiert fest zulegen. Das Publikum ist – je nach Einstel lungen in den PrivatsphäreOptionen – mehr oder weniger groß, es besteht aus engen Freunden oder auch einer er weiterten persön lichen Öffent lich keit. So wird es möglich, bspw. Kontaktinforma tionen nur einem kleinen Kreis zugäng lich zu machen, ein Wohnungs angebot aber innerhalb des ganzen eigenen Netz werks zu posten. Neben den hier geschilderten Funktionen und Bestand teilen gibt es viele weitere Features, die an dieser Stelle nicht im Detail be handelt werden können. So können Nutzer auf einigen Platt formen z. B. Ver anstal tungen planen, themati schen (Diskus sions)Gruppen beitreten und Spiele spielen. Insbesondere Face book zeichnet sich durch einen hohen Funk tions umfang aus und dadurch, dass es Drittanbietern erlaubt, Applika tionen in die Platt form einzu binden. 2.1.3 Nutzung Aus der ARD/ZDFOnlinestudie (2011) geht hervor, dass 42 Prozent der deutschen Onliner ab 14 Jahren mindestens ge legent lich private Netz werke und Communitys nutzen. Dieser Wert ist im Ver gleich zum Vorjahr weiter an gestiegen, wenn auch nicht mehr so stark, wie in den Jahren zuvor. Von allen weib lichen Bundes bürgern über 14 Jahren nutzen 37 Prozent der Frauen die Platt formen. Dieser Anteil ist gering fügig höher als bei den Männern (35 Pro zent). Unter gliedert nach Alter zeigen sich deut liche Unter schiede. Bei den 14 bis 29jähri gen Internetnutzern be suchen 71 Prozent mindestens einmal wöchent lich ein privates Netz werk. Ältere Personen nutzen die An gebote in geringe rem Maße, holen bei den Nutzer zahlen aber in den letzten Jahren auf. In der Gruppe der 30 bis 49Jährigen be suchen nur 28 Prozent, bei den 50 bis 69Jährigen 14 Prozent und in der Gruppe der Über70Jährigen zumindest noch 10 Prozent wöchent lich Soziale Netz werk platt formen. Die An gebote werden häufig frequentiert, von 23 Prozent der deutsch sprachigen Onlinenutzer sogar täglich. Die Nutzung be ruflicher Platt formen ist im Ver gleich zu den privaten als gering einzu stufen, nur 6 Prozent nutzen solche An gebote zumindest ge legent lich (vgl. Busemann & Gscheidle, 2011). Insbesondere für Jugend liche und junge Erwachsene sind Soziale Netz werk platt formen attraktiv. Der Prozent satz der 12 bis 24jähri gen Befragten, die angaben eine Platt form mindestens mehrmals wöchent lich zu nutzen, lag 2009 in der Studie „Heran wachsen im Social Web“ bereits bei 70 Prozent (Hase brink & Rohde, 2009). Die JIMStudie des Medien pädagogi schen Forschungs 30 verbunds Südwest aus demselben Jahr dokumentiert einen ähnlichen Wert von 72 Prozent. Die aktuelle JIMStudie 2011 zeigt, dass dieser Anteil weiter ge stiegen ist. Sie liegt in der von der JIMStudie be trach teten Alters gruppe 12 bis 19 Jahre mittlerweile bei 78 Prozent (MPFS, 2011). Nur 12 Prozent der Befragten der JIMStudie 2011 geben hingegen an, gar keinen Gebrauch von Sozialen Netz werk platt formen zu machen. Sowohl die Studie von Schmidt et al. als auch die JIMStudien zeigen, dass weib liche Jugend liche die An gebote etwas häufiger nutzen als männ liche. Die Nutzungs frequenz er reicht im Alter von etwa 16 Jahren ein Maximum (Hasebrink & Rohde, 2009). Die Jugend lichen sind bei durch schnitt lich 1,4 Platt formen an gemeldet, am häufigsten wird auch in dieser Alters gruppe der Markt führer Facebook ge nutzt (MPFS, 2011). Ledig lich bei den sehr jungen, den 12 bis 15jähri gen Nutzern er reicht auch schülerVZ eine ge wisse Relevanz. Neben der Nutzung des eigenen Profils und dem Stöbern in den Profilen anderer, sind die ver schiedenen Kommunika tions formen für die Jugend lichen und jungen Erwachsenen relevant. Die privaten Kommunika tions formen Chat und das Schreiben privater Nachrichten werden dabei am häufigsten ge nutzt. Über 70 Prozent der Befragten führen diese Tätig keiten mindestens mehrmals pro Woche aus (MPFS, 2011). Öffent liche Formen der Kommunika tion, wie das Schreiben an die Pinnwände anderer (46 Prozent) und das Posten einer Status meldung (32 Prozent) sind eben falls ver breitet, kommen aber insgesamt seltener vor. 2.1.4 Nutzungs motive Wenn man ver stehen will, warum sich gerade die jungen Nutzer in diesem Maße Sozialen Netz werk platt formen zuwenden, muss man sich mit dem Nutzen be schäfti gen, den sie daraus ziehen. Eine in der Kommunika tions wissen schaft weit ver breitete Heran gehens weise an diese Fragestel lungen bietet der Uses andGratifica tionsApproach (NutzenundBeloh nungsAnsatz; Blumler & Katz, 1974; vgl. Schenk, 2007, S. 686). Der Ansatz besagt, dass Bedürf nisse, welche soziale und psychologi sche Ursprünge haben, zu Erwar tungen an die (Massen) Medien und andere Quellen führen, wie diese Bedürf nisse zu be friedi gen sind. Ein Rezipient be wertet die funktionalen Alternativen, z. B. die Nutzung eines Medien angebotes, wie einer be stimmten TVSendung, im Hinblick darauf, ob sie zur Bedürfnis befriedi gung beitragen können. Die Bedürf nisse schlagen sich dabei in den Motiven, mit denen sich der Rezipient den Massen medien zuwen det, nieder und führen ggf. zur Medien nutzung. Als Resultat der Medien nutzung kann einer seits die Bedürfnis gratifika tion ent stehen, wenn die Nutzung tatsäch lich zum vom Rezipienten antizipierten Ziel führt. Anderer seits können andere, vom Rezipient unvorher gesehene oder un beabsichtigte Konsequenzen ent stehen; bspw. können Gratifika tionen nicht eintreten oder andere als die er warteten 31 Gratifika tionen ent stehen. Die Konsequenzen führen zu einer Neubewer tung der ge nutzten Hand lungs alternative. Erhaltene Gratifika tionen schlagen sich daher auch in den Nutzungs motiven, die zur Hinwen dung zu einem be stimmten Medien angebot führen, nieder. Wie Neuberger (2011) fest stellt, weisen Soziale Netz werk platt formen im Ver gleich zu den Print und Rundfunkmedien, auf die der UsesandGratifica tionsAnsatz ursprüng lich an gewendet wurde, einige Besonder heiten auf. Zum einen konkurrie ren die Platt formen als Unter hal tungs oder Informa tions medien nicht nur mit den klassi schen Massen medien. Medien der inter personalen Kommunika tion stellen eben falls funktionale Alternativen dar. Als „Produser“ ziehen die Nutzer eventuell einen Teil ihrer Gratifika tion auch aus ihren eigenen kommunikativen Handlun gen. Gerade diese Gratifika tionen sind zudem ab hängig vom Publikum, der persön lichen Öffentlich keit, auf die sich User auf den Platt formen be ziehen. Sie ent stehen eventuell auch erst im Rahmen der Inter aktion mit anderen. Daher dürfen bei einer Betrach tung der Netz werk platt formen unter motivationalen Gesichtspunkten nicht nur klassi sche Medien nut zungs motive ge messen, sondern müssen soziale Gratifika tionen ver stärkt mit be rücksichtigt werden. Viele Studien haben sich bereits auf Basis des UsesandGratifica tions Ansatzes mit den Nutzungs motiven und den Gratifika tionen befasst, die der Hinwen dung zu Sozialen Netz werk platt formen zugrunde liegen. Dabei wurden zum einen die Motive klassi scher Massen medien auf die OnlineAngebote über tragen, zum anderen wurden spezielle Nutzungs motive für die Platt formen auf gezeigt (vgl. Weissens teiner & Leiner, 2011). Ebenso divers wie die heraus gestellten Nutzungs motive ge staltet sich auch das methodi sche Vor gehen bei ihrer Messung, die teils auf qualitativen, teils auf quantitativen Methoden oder auf Methoden kombina tionen beruht (ebd.). Bei der Messung wird zumeist auf einen Selbst bericht der Teilnehmer zurück gegriffen, indem die ver schiedenen Nutzungs motive (= ge suchte Gratifika tionen) ab gefragt werden. Allgemein lässt sich fest stellen, dass durch Soziale Netz werk platt formen eine multifunktionale Nutzen befriedi gung er reicht wird (Stern & Taylor, 2007; Sheldon, 2008). Es fällt aber auf, dass insbesondere soziale Motive oder Gratifika tionen in den meisten Studien eine heraus ragende Stellung einnehmen (Brand tzæg & Heim, 2009; Cheung, Chiu & Lee, 2011; Flöck, Schäfer & Steinkamp, 2011; Joinson, 2008; Lampe, Ellison & Steinfield, 2008; Park, Kee & Valenzuela, 2009; Prommer et al., 2009; QuanHaase & Young, 2010; Raacke & BondsRaacke, 2008; Schorb, Kießling, Würfel & Keilhauer, 2011; Stern & Taylor, 2007). Das Pflegen von be stehen den Kontakten, zu denen ent weder aktuell ein sehr enger Kontakt besteht (strong ties) oder ent fernte ren Bekannten bzw. alten Freund schaften (weak ties), steht dabei im Vordergrund, deut lich vor dem Knüpfen neuer Bekannt schaften (Schorb et al., 2011; Stern & Taylor, 2007). Für die engen Beziehungen stellen Soziale Netz werk platt formen 32 einen zusätz lichen Kommunika tions kanal dar, der er gänzend zu anderen Kanä len ge nutzt wird (Enz, 2010). Für das Wieder auffri schen bereits ab gebrochener Kontakte und das Auf rechterhalten von Beziehungen bei hoher räum licher Distanz, was z. B. beim Wechsel in eine andere Lebens phase oft vor kommt, sind Soziale Netz werk platt formen be sonders gut ge eignet (Ellison, Steinfield & Lampe, 2007). Die Pflege dieser Kontakte er fordert nur einen minimalen Aufwand. Die sozialen Motive umfassen aber nicht nur die Pflege von Kon takten, sondern auch ganz allgemein die Integra tion und Bindung an die Gruppe der Gleichaltri gen. Neben den sozialen Aspekten gibt es viele weitere Motive, die zwar eine geringere Bedeu tung haben, aber über ver schiedene Studien hinweg wieder kehren. Dazu ge hören Eskapismus und Zeit vertreib (Barker, 2009; Flöck et al., 2011; QuanHaase & Young, 2010; Schorb et al., 2011), Unter haltung (Barker, 2009; Krisanic, 2008; Park et al., 2009), Informa tion (Flöck et al., 2011; Krisanic, 2008; Raacke & BondsRaacke, 2008) und Selbst darstel lung (Joinson, 2008; Krisanic, 2008; Prommer et al., 2009; Raacke & BondsRaacke, 2008; Schorb et al., 2011; Urista, Dong & Day, 2009; Utz, 2008). 2.2 Identi täts konstruk tion auf Sozialen Netz werk platt formen Nachdem im vorigen Ab schnitt auf gezeigt wurde, dass Soziale Netz werk platt formen insbesondere von Jugend lichen und jungen Erwachsenen ge nutzt werden, zeigen wir an dieser Stelle auf, weshalb sie gerade für diese Zielgruppe so attraktiv sind: Die Anwen dungen des Social Web und insbesondere Sozialer Netz werk platt formen kommen den Ent wick lungs aufgaben zwischen (Vor) Pubertät und jungem Erwachsenenalter ent gegen. In dieser Lebens phase finden psychi sche und geistigseelische Ent wick lungs aufgaben statt, die durch Soziale Netz werk platt formen be sonders gut unter stützt werden können. Der Terminus „Ent wick lungs aufgabe“ (Harvinghurst, 1984/1972) weist darauf hin, dass die Ent wick lungen nicht zwangs läufig und automatisch ab laufen, sondern von den Jugend lichen aktiv auf genommen und be wältigt wer den müssen. Im Vordergrund steht in der Adoles zenz – neben der körper lichen Ver ände rung – die Ent wick lung einer eigenen Identität (Stier & Weissen rieder, 2006). Der Begriff Identität wird in der Psychologie als die „einzigartige Persönlich keits struktur, ver bunden mit dem Bild, das andere von dieser Per sönlich keits struktur haben“, definiert (Oerter & Dreher, 2008, S. 303). Zusätz lich sind auch „das eigene Ver ständnis für die Identität, die Selbsterkenntnis und der Sinn für das, was man ist bzw. sein will“ (ebd.) Teil der Identität. Sie definiert über einen längeren Zeitraum und ver schiedene Situa tionen hinweg, wie eine Person sich selbst wahrnimmt (Wiswede, 2004). 33 Dennoch ist die Identität so variabel, dass sie sich im Ver lauf eines Lebens ver ändern kann. Der Begriff Identität ist nicht leicht von den Begriffen Selbst und Selbst konzept abzu grenzen. Mummendey (2006) stellt fest, dass die Begriffe Selbst, Selbst konzept und Identität grundsätz lich dasselbe aus drücken: „Ein Mensch besitzt ver schiedene soziale und situative Identi täten und ist doch stets mit sich selbst identisch. Er repräsentiert und präsentiert unter schied liche Arten des ‚Selbst‘ und ver fügt zugleich über ein mehr oder weniger stabiles Konzept von der eigenen Person“ (S. 86). Die heutige Jugendforschung in der Tradi tion Eriksons (1976) be greift die Identi täts bildung als lebens langen Prozess, der nach der Adoles zenz zwar nicht als final ab geschlossen gilt, dort jedoch seinen Schwerpunkt hat (Poser, 2005). Dass gerade in der Adoles zenz die Frage nach der eigenen Identität in den Vordergrund rückt, kann auf den Stand der kognitiven Ent wick lung, äußeren Druck, sich mit der eigenen Zukunft zu be schäfti gen, und auf körper liche, psy chi sche und soziale Ver ände rungen zurück geführt werden (Fuhrer & Trautner, 2005). Die Aufgabe der Identi täts entwick lung ist alles andere als einfach. Der Jugend liche steht zwischen dem gesell schaft lichen Werte system und den unter schied lichen Lebens konzepten auf der einen Seite und den Individualisie rungs prozessen unserer Gesell schaft auf der anderen Seite (Schmidt, PausHasebrink, Hasebrink & Lampert, 2009). Bei der Identi täts konstruk tion findet ein permanentes Aus handeln zwischen Innen und Außen perspektive statt (Kraus & Mitz scher lich, 1998). Eine Vielzahl möglicher Selbst entwürfe muss ge prüft und an schließend über nommen oder ver worfen werden (Fuhrer & Trautner, 2005). Der Prozess basiert auf einem Zusammen spiel zwischen Selbstanalyse und der Analyse der Reaktionen, die Bezugs personen auf das Handeln zeigen. Der Jugend liche bildet zunächst ein Selbst konzept und gleicht es damit ab, wie andere darauf reagie ren. Mit steigen dem Alter werden die Selbst beschrei bungen von Jugend lichen zunehmend differenzierter und organisierter (Oerter & Dreher, 2008). Jugend liche konstruie ren ihr Selbst – im Gegen satz zu Kindern – kontextspezifisch, geben sich bspw. in der Familie anders als in der Schule. Ihnen wird die Diskrepanz zwischen tatsäch lichem und idealisiertem Selbst bild klar, und sie unter scheiden bei sich und anderen zwischen dem authenti schen, „wahren“ Selbst und dem unauthen ti schen, „vor getäuschten“ (Pinquart & Silbereisen, 2000). Authentisch ist die „Selbst darstel lung dann, wenn sie im Kern mit dem wahrgenommenen Selbst über einstimmt“ (Scherer & Wirth, 2002, S. 342). Die Peergroup steht als Referenz gruppe für die Identi täts konstruk tion in der Adoles zenz be sonders im Vordergrund. Peers bieten während der zunehmen den Distanzie rung vom Elternhaus emotionale Geborgen heit, machen neue Identifika tions möglich keiten sicht bar und helfen bei der Auswahl persön licher Ziele (Grob, 2007). Gleichaltrige können auch deshalb be sonders zur Identi 34 täts bildung beitragen, weil sie sich in einer ähnlichen Ent wick lungs phase be finden, ver schiedene Lebens stile auf zeigen und Bestäti gung der Selbst darstel lung bieten (Oerter & Dreher, 2008). Die Ent wick lungs aufgaben der Pubertät sind heutzutage nicht nur auf die OfflineWelt be schränkt, sondern finden auch im Social Web statt. Schmidt (2011; Schmidt, PausHasebrink & Hasebrink, 2009) unter scheidet in Bezug auf die Ent wick lungs aufgaben, die online statt finden, zwischen dem Informa tions, dem Identi täts und dem Beziehungs management. Er ver steht darunter folgende Hand lungs komponenten (Schmidt, 2011, S. 73): – Identi täts management: Zugäng lich machen von Aspekten der eigenen Person – Beziehungs management: Pflege be stehen der und Knüpfen neuer Relationen – Informa tions management: Selektie ren, Filtern, Bewerten und Ver walten von Informa tionen Diese Auf gaben, die bisher vor allem im Privaten ab liefen, ver lagern sich mit der Ent stehung des Social Web zunehmend in einen (semi)öffent lichen Bereich. Insbesondere Identi täts und Beziehungs management, also die Selbst und die Sozial auseinander setzung, er scheinen im Kontext der Privatsphäre auf Sozialen Netz werk platt formen bei jungen Nutzern relevant, da es sich hierbei um Auf gaben handelt, bei denen etwas über das Selbst preis gegeben werden muss. Wir werden kurz darauf ein gehen. Beide Aspekte sind stark miteinander ver knüpft: Die Identität bekommt erst mit Bezug auf das Gegen über eine Bedeu tung und das Beziehungs management ent hält immer die Relation zwischen den Repräsenta tionen der be teiligten Individuen. Es ist daher ohne Aus druck des Selbst nicht möglich. In der frühen Internet forschung und bisweilen auch heute noch wurde zwischen der Offline und der OnlineIdentität oder auch der „virtuellen Identität“ unter schieden (z. B. Opaschowski, 1999; Rötzer, 1996; Schelske, 2007). Zwischen den persön lichen Informa tionen, die digital und somit öffent lich ver fügbar sind, und denen aus dem OfflineLeben zu trennen, ist praktisch nicht immer sinn voll, denn beide Bereiche existie ren simultan, sind unter Umständen eng miteinander ver knüpft und wirken aufeinander. Gerade auf Sozialen Netz werk platt formen inter agie ren die Nutzer ver stärkt mit den Perso nen, die auch offline ihr soziales Umfeld bilden (vgl. Ab schnitt 2.1.2). Daher sind sie in der Regel daran interessiert, dort zu ihrer OfflineDarstel lung kongruente Selbst bilder zu ver mitteln (McKenna, Buffardi & Seidman, 2005) und streben eine im Sinne ihres Selbst konzepts authenti sche Darstel lung an (Schmidt et al., 2009). Dennoch sind die Bedin gungen, unter denen die Online Selbst darstel lung statt findet, speziell. Das Nutzer profil und die private und (semi)öffent liche Kommunika tion auf Sozialen Netz werk platt formen er möglichen neue Formen des Experi men tierens mit der Identität, die aus ver schiedenen Gründen attraktiv sind. Technisch 35 ist es sehr einfach, sich dort zu präsentie ren und die Hemmschwelle ist gering. Trotz möglicher Risiken für die Privatsphäre (vgl. Kap. 2.3) ist es relativ sicher, sich dort auszu probie ren und die sozialpsychologi schen Auf gaben der Adoles zenz zu be wälti gen (Livingstone, 2008). Online besteht zunächst eine erhöhte Kontrolle darüber, wie sich eine Person präsentie ren möchte (McKenna et al., 2005; AmichaiHamburger, 2007). Die Inszenie rung des Selbst kann genau ge plant und jederzeit aktualisiert werden. Spontanes, flexibles Handeln wie in FacetoFaceInterak tions situa tionen ist nicht er forder lich. Dadurch eignen sich OnlineUmgebun gen be sonders zur er weiterten Selbstreflek tion und Selbsterfah rung, zum Einholen von Feedback und zur sozialen und kulturellen Ver ortung (Stern, 2008). Insbesondere für schüchterne Personen könnte daher die Online Selbstoffenba rung im Ver gleich zur OfflineSelbstoffenba rung Potenzial bieten, da die Inszenie rung der eigenen Person plan barer ist (Orr et al., 2009; Sheeks & Birchmeier, 2007). Angleichungen der OnlineSelbst darstel lungen an das idealisierte Selbst sind durch ge zielte Manipula tion und Beschöni gungen theoretisch sehr einfach möglich. Persönlich keits aspekte können durch Texteingaben oder den Upload von Fotos und anderen Dateien heraus gestellt und jederzeit variabel an gepasst werden. Die Frage, inwiefern das online präsentierte Selbst mit dem tatsäch lichen Selbst oder einer idealisierten Ver sion davon über einstimmt, wurde bereits mehrfach unter sucht. Die Ergeb nisse zeigen, dass junge Erwachsene strategisch vor gehen, wenn es darum geht, sich selbst online darzu stellen (Krämer & Winter, 2008). Von den Nutzern selbst werden die Identi täten, die sie durch ihre Profile kreieren, als ver besserte, aber dennoch authenti sche Ver sion ihres Selbst gesehen (Stern, 2008). Die eigene Selbst wahrneh mung von Profil besitzern stimmt dabei tatsäch lich mit der Fremdeinschät zung ihrer Profile überein (Back et al., 2010). Die OnlineSelbst darstel lungen sind also mit der Identität, die auch außerhalb des Internet präsentiert wird, ver knüpft. Interessanter weise unter stellten die Interviewten in einer Studie von Hafer kamp (2011) bei fremden Profilen die ge zielte Manipula tion und nehmen, insbesondere bei der Präsenta tion heraus ragen der Vorzüge, eine nicht wahr heits gemäße Darstel lung an. Für sich selbst weisen sie ein solches Ver halten von sich. Der Ver such, das eigene Image in den Augen von anderen zu be einflussen, ist kein Aspekt, der erst mit Sozialen Netz werk platt formen auf gekommen ist. Diese zielorientierte Kontrollaktivi tät, bei der ver sucht wird, das eigene Bild in den Augen anderer zu be einflussen, wird als Impression Management be zeichnet. Der strategi sche Einsatz der Selbst präsenta tion einer Person gegen über ihrer sozialen Umgebung steht dabei im Mittelpunkt, und die Kommunika tion über die eigene Person wird an den sozialen Umständen aus gerichtet. Prinzipiell kann jede Form der Kommunika tion zum Impression Management benutzt werden (Mummendey, 2006). Die medial ver mittelten sozialen Räume, die auf Netz werk platt formen ent stehen, eignen sich dafür 36 natür lich auch, sie bilden aber eine be sondere Heraus forde rung. Paradoxer weise wird die Selbst darstel lung in Sozialen Netz werk platt formen durch die Eigen schaften von OnlineUmgebun gen auf der einen Seite kontrollier barer, auf der anderen Seite birgt sie große Unsicher heiten, wie wir im nächsten Ab schnitt auf zeigen. In FacetoFaceSitua tionen nehmen die Akteure – wie Schauspieler – be stimmte Rollen an, die die Situa tion definie ren (Goffman, 1959). In Inter aktionen richtet eine agierende Person normaler weise das Ver ständnis der Rolle, die sie über nimmt, am Gegen über aus. So wird sie anders auf treten, je nachdem, ob sie mit Freunden ver abredet ist oder ein Vor stel lungs gespräch hat. Auf Sozialen Netz werk platt formen ist dies jedoch nicht so einfach, da die OnlineSelbst darstel lung nicht so ge zielt an das jeweilige Gegen über an gepasst werden kann. Erstens ist das Publikum der Inter aktion häufig un bekannt oder zumindest nicht klar abzu grenzen. Zweitens ist unter Umständen kein unmittel bares Feedback vor handen, so dass die Selbst darstel lung nicht (umgehend) nach korrigiert werden kann. Drittens können online unter schied liche Selbst darstel lungen parallel existie ren, bspw. ein be rufliches Profil bei XING und ein freizeitorientiertes auf Facebook. Die Identi täts informa tionen aus ver schiedenen Kontexten liegen zeit gleich und parallel vor. Ein Betrachter kann sie theoretisch neben einanderlegen, ver gleichen und Unstimmig keiten auf decken. Das Heraus lösen der Selbst darstel lung, die mit einer be stimmten Inten tion an ein definiertes Publikum gerichtet war, aus ihrem Kontext wird möglicher weise vom sich selbst darstellen den Individuum als unangenehm und unangemessen empfunden. Durch die Eigen schaften des Web (vgl. Kap. 2.3.2) ist die Gefahr der Rekontex tua lisie rung von Selbst darstel lungen erhöht. Deshalb er weitert die Ver netzung auf Sozialen Netz werk platt formen die Möglich keit, die Wahrneh mung der OnlineIdentität durch andere zu be einflussen nicht nur, sondern sie ver ringert sie auf der anderen Seite auch. Obwohl das Experimentie ren mit der Identität im Social Web sehr einfach ge worden ist, ist ein User des Social Web daher stärker an seine Einzelidenti täten ge bunden, als dies offline der Fall ist (Palfrey & Gasser, 2008). In der OnlineSelbst darstel lung ist es, wie oben be schrieben, möglich, die Wirkung, die bei anderen erzielt werden soll, zu manipulie ren. Gerade Nutzer profile, die über einen längeren Zeitraum hinweg be stehen, werden intentional an gelegt (Haferkamp & Krämer, 2010). Ver mutlich werden jedoch nicht alle Eindrücke, die bei anderen erzeugt werden, bewusst ge steuert, so dass Inkonsis tenzen ent stehen können. Z. B. können hoch geladene Bilder der text lichen Selbst darstel lung wider sprechen (Boyle & Johnson, 2010). Eine ständige Kon trolle und Ab gleichung jeglicher Kommunika tion mit einem fiktiven Image, das ver mittelt werden soll, ist praktisch kaum zu leisten, und schon um kognitive Dissonanzen zu ver meiden, ist es aus Sicht der Nutzer zielführend, sich auf Sozialen Netz werk platt formen ent sprechend ihres Selbst bildes zu präsentie ren. 37 Außerdem wird die OnlineIdentität nicht nur vom Nutzer alleine be stimmt. Über die (semi)öffent liche Kommunika tion der Nutzer unter einander, bspw. den Upload von persön lichen Fotos und Videos sowie das Ver linken von Beiträgen, tragen zu einem großen Teil auch andere User persön liche Informa tionen zusammen. Diese Beiträge können zum Problem werden, wenn sie nicht mit der Selbst wahrneh mung des Nutzers über einstimmen. Die OnlineSelbst darstel lung kann auch auf die Wahrneh mung des Selbst und die Identität zurück wirken: Bei positivem Feedback auf eine möglicher weise optimierte Ver sion des Selbst, ist die Chance groß, dass sich die Online Darstel lung auf die OfflineDarstel lung über trägt (Stern, 2008). Dies führt dann zu einem ge steigerten Selbst wert gefühl (Gonzales & Hancock, 2011). Damit so eine Rück wirkung möglich ist, ist eine Selbst darstel lung, die kongruent zur Selbst wahrneh mung ist, wichtig: Würden sich die Jugend liche auf den Sozialen Netz werk platt formen nicht glaubwürdig darstellen, wäre die Reaktion, die sie von ihrer Umwelt und ihrer Peergroup er halten, bedeu tungs los. In ihrer Suche nach Bestäti gung und Kontakt wird schließ lich auf schluss reiches Feed back be nötigt. Tatsäch lich nehmen Profil besitzer und Rezipienten die Persönlich keit der Profil besitzer sehr ähnlich wahr. Auf den Profilen findet keine unrealisti sche Selbsterhöhung, sondern authenti sche SelbstPräsenta tion statt (Gosling, Gaddis & Vazire, 2007). In den OnlineSelbst darstel lungen stellen die Nutzer zwar ihre positiven Seiten be sonders heraus und idealisie ren sie bis zu einem ge wissen Grad, dennoch be findet sich die präsentierte Identität im Einklang mit dem Selbst. Aus unseren Aus führungen zum Identi täts management wird schnell klar, dass es nur schwer vom Beziehungs management zu trennen ist. Die Beziehung zum Gegen über und sein Feedback spielen stets eine Rolle. Durch Ver ände rungen der Selbst präsenta tion sind die Relationen zum Gegen über potenziell be troffen. Bspw. fördert das Kommunizie ren einer optimierten Ver sion des Selbst online das Knüpfen von Freund schaften (Bargh, McKenna & Fitz simons, 2002). Daran kann man ablesen, dass das Aus handeln der eigenen Identität in der Adoles zenz kein Selbst zweck ist. Es dient dazu, eine soziale Rolle zu finden – ohne den sozialen Kontext ist die Selbst darstel lung kaum denk bar. Auf Sozialen Netz werk platt formen handelt es sich dabei vor rangig um Beziehungen zu den Peers (Boyd, 2007; Boyd, 2010). Ähnlich wie das Identi täts management er reicht die Bedeu tung der Peergroup im Jugendalter einen Höhepunkt. Einer seits können Peers wie geschildert bei der Ent wick lung der Identität helfen, anderer seits wird durch Inter aktions prozesse unter Gleichaltri gen auch die gegen seitige Sozialisa tion ge fördert (Oswald & Uhlendorff, 2008). Peers liefern wichtige Regeln für den Aufbau und die Auf rechterhal tung von sozialen Beziehungen und er möglichen Freiraum, neue Ver haltens weisen aus testen zu können (Grob, 2007). Außerdem er leichtert es die Peergroup, die von 38 den Jugend lichen an gestrebte Autonomie zu er reichen, ohne dass auf soziale Beziehungen ver zichtet werden muss (Oerter & Dreher, 2008). Soziale Netz werk platt formen dienen der Organisa tion des persön lichen sozialen Netz werks. Sie stellen durch die Speiche rung von Kontakt daten und durch die vielfälti gen Kommunika tions kanäle, die sie integrie ren, Werkzeuge für das Beziehungs management dar, was sich auch in der Nutzen erwar tung an diese Anwen dungen zeigt (vgl. Ab schnitt 2.1.3). Die Komplexi tät sozialer Beziehungen, man denke nur an die Unter schei dung zwischen Freunden und Bekannten, können sie durch die dichotome Struktur von Ver bindungen, die auf den Platt formen zumeist vor herrscht, nur unzu reichend ab bilden. Viele An gebote unter scheiden nur, ob ein Kontakt besteht oder nicht. Soziale Nähe, Dauer des Kennens oder Art der Beziehung können nicht differenziert werden. Dennoch scheinen Soziale Netz werk platt formen auch in Hinblick auf die Sozial auseinander setzung für die Jugend lichen be sonders attraktiv zu sein. Auch wenn Außen stehende Beziehungs art und tiefe nicht evaluie ren können, kann der Nutzer dies selbst verständ lich tun. Über die Wahl ver schiedener Kommunika tions kanäle definiert sich dabei auch die Beziehung zum Gegen über und zum Umfeld. So kann eine Nachricht, die auf der Pinnwand eines anderen Nutzers hinter lassen wird, einer seits dem Empfänger eine Botschaft signalisie ren, anderer seits wird die Bedeu tung der Beziehung auch Dritten gegen über demonstriert. Zudem er möglichen Soziale Netz werk platt formen es, soziale und persön liche Anerken nung zu er halten, z. B. durch einen Klick auf den LikeButton oder wenn ein Kommentar unter ein ge poste tes Foto geschrie ben wird. Solche Gesten der Anerken nung durch die Peergroup sind wichtig, sie geben Feedback darüber, ob die Nutzer in ihren Wünschen, Gedanken und Erfah rungen der sozialen Norm ent sprechen. Durch die Speiche rung im Internet wird das (positive) Feedback manifest. Es ist jederzeit ab rufbar und wird einem er weiterten Empfänger kreis zugäng lich ge macht. Gerade für Jugend liche können Soziale Netz werk platt formen eine be sonders heraus ragende Bedeu tung er langen, denn sie sind Rückzugs orte, die nicht so stark reglementiert sind, wie ihr rest liches Leben (z. B. in der Schule und im Elternhaus). Sie er möglichen es, sich zusammen zufinden und auszu tauschen, insbesondere auch in Situa tionen, in denen Erwachsene nicht in die Inter aktion einbezogen sind und bieten so Räume, in denen sich Kinder und Jugend liche ver gleichs weise „unkontrollierter“ bewegen können (Boyd, 2007, S. 21). Zudem sind die Peers, die in diesem Alter so wichtig sind, dort rund um die Uhr er reich bar. Es nimmt daher nicht wunder, dass Jugend liche „ihre persön lichen Öffentlich keiten auf Netz werk platt formen als eigenen und selbst bestimmt ange eigneten Raum wahr[nehmen]“ (Schmidt et al., 2009, S. 11). Über wachungs versuche oder gar Kontakt aufnahmen von Eltern, Lehrern oder Fremden werden dementsprechend als störend empfunden (Boyd & Marwick, 2011; Stutzman, 2006). Soziale Netz werk platt formen sind Orte der PeerKommunika tion, in 39 denen die Jugend lichen unter sich bleiben wollen. Sie geben den Jugend lichen und jungen Erwachsenen das Gefühl, zu einer Gemein schaft zu ge hören und gleichzeitig bieten sie eine Platt form, um Grenzen auszu testen und die Rolle in der Peergroup zu finden (Stern, 2008). Deshalb nehmen sie eine be sondere Rolle in der Adoles zenz ein. 2.3 Privatsphäre im Social Web Die Partizipa tion an Sozialen Netz werk diensten bringt es mit sich, dass an ver schiedenen Stellen Informa tionen über das Selbst preis gegeben werden müssen. Diese Preis gabe hat natür lich Aus wirkungen auf die Privatsphäre der Nutzer, was vor allem in den Medien kritisch be wertet wird. Von „Selbst ent blößung im Netz“ (Süd deutsche. de, 2009) und „SeelenStriptease bei schülerVZ“ (Müller, 2009) ist die Rede. Die Daten, die auf den Platt formen preis gegeben werden, seien „wesent lich dichter und detaillierter, als die StandardErfassungs bögen der Staats sicher heit“ bemerkt Hendrik Speck, Professor für Informatik an der Fach hoch schule Kaisers lautern auf Süd deutsche. de (2009). Fälle, bei denen ein unvorsichti ger Umgang mit den eigenen Daten zu negativen Kon sequen zen auch außerhalb des Internet ge führt hat, ergeben immer wieder auf sehen erregende Schlagzeilen in den Medien. Bekannt ge worden ist im Sommer 2011 beispiels weise der Fall einer Schülerin, die ver sehent lich öffent lich zu ihrem 16. Geburts tag einlud. Mehrere Tausend Gäste meldeten sich zu der Party an, und obwohl diese ab gesagt wurde, folgten trotzdem 1.600 Per sonen der Einla dung, ver ursachten Ruhestö rungen und Sach beschädi gungen (Süddeutsche. de, 2011). Warum genau gerade Soziale Netz werk platt formen als be sonders invasiv für die Privatsphäre an gesehen werden können, be sprechen wir am Ende dieses Ab schnitts. Zunächst möchten wir den Begriff der Privatsphäre aus psychologi scher Perspektive be leuchten und greifen dabei auf die wissen schaft lich etablier ten Kon zepte von Westin (1967), Altman (1975; 1977) und Petronio (2002; vgl. Margulis, 2011) sowie die philosophi schen Über legungen von Rössler (2001) zurück. 2.3.1 Privatsphäre als psychologi sches Konstrukt Westin definiert Privatsphäre als „the claim of an individual to determine what information about himself or herself should be known to others“ (Westin, 2003, S. 431; 1967, S. 7). Diese Defini tion ent hält zwei Aspekte, die wir hervor heben möchten: Erstens geht es bei der Privatsphäre darum, eine Unter schei dung zwischen privaten und nichtprivaten Informa tionen zu treffen. Zweitens kann diese Grenze zwischen Privatem und NichtPrivatem nicht normativ ge zogen werden, sondern muss vom be troffenen Individuum persön lich definiert werden. 40 Wie Rössler (2001) fest stellt, „ist die Trenn linie zwischen dem, was als öffent lich, und dem was als privat zu gelten hat […] konstruiert und liegt nicht fest; die Grenzen selbst stehen in liberalen Gesell schaften zur Debatte“ (S. 25). Der Wert der Privatsphäre liegt nicht alleine darin, sich um jeden Preis gegen andere abzu schotten. Es geht darum, die Kontrolle zu be halten, also selbst be stimmen zu können, wer wann welche Informa tionen über die eigene Person be sitzen und ver wenden darf. Aus dieser Ver teilung von Informa tionen ent stehen Hand lungs spiel räume. Aus Privat heit resultiert folg lich persön liche Autonomie (Rössler, 2001). Burgoon et al (1989) stellt vier Teil bereiche der Privatsphäre heraus: (1) Unter physischer Privatsphäre ver stehen sie den Wunsch danach allein zu sein und nicht heim lich be obachtet zu werden. Ein wichti ger Aspekt ist hier der persön liche Raum. (2) Die psychologi sche Privatsphäre beinhaltet den Wunsch nach Kontrolle darüber, welche persön lichen Daten ver öffent licht werden und welche nicht. Dabei kommt es sowohl auf die Art der preis gegebenen Informa tionen, als auch auf die Detailtiefe an. Ziel ist es, die eigenen Gedanken und Gefühle vor äußerer Einfluss nahme zu schützen. Die psychologi sche Privatsphäre ist im Kontext des Social Web be sonders relevant und ge fährdet. (3) Die inter aktionale Privatsphäre be trifft den Schutz sozialer Aus tausch prozesse. Sie ist der Wunsch nach Kontrolle darüber, wo und mit wem soziale Beziehungen statt finden. (4) Die informatio nelle Privatsphäre ist der Wunsch nach Kontrolle darüber, wer Informa tionen über das Selbst sammelt, ver wendet und ver breitet. Das Moment der Kontrolle ist auch bei Rössler zentral: „als privat gilt etwas dann, wenn man selbst den Zugang zu diesem ‚etwas‘ kontrollie ren kann“ (2001, S. 23), wobei sie „kann“ auch im Sinne von „sollte“ und „darf“ ver standen wissen will. Für Westin wirkt Privatsphäre sowohl auf individuellem Level als auch auf der Gruppen und Organisa tions ebene. Eingriffe in die ver schiedenen Bereiche der Privatsphäre von Einzelnen werden wahrgenommen, be sonders kritisch sind Eingriffe in die informatio nelle und psychologi sche Privatsphäre (Burgoon et al., 1989; Cho & LaRose, 1999). Ein empfundener Mangel an Privatsphäre kann zu psychi schen Problemen führen, denn Menschen brauchen Privatsphäre, um sich emotional an inter perso nelle Alltags situa tionen anzu passen und sich selbst ver wirk lichen zu können. Ebenso kann ein Über fluss an Privatsphäre als be lastend empfunden werden, nämlich dann, wenn eine Person keine Möglich keit hat, sich in privatem Rahmen über persön liche Gedanken und Sorgen auszu tauschen und Feedback einzu holen. Die Privatsphäre erfüllt als psychologi sche Ressource vier zentrale Funktionen (Westin, 1967): Erstens er möglicht sie persön liche Autonomie, d. h. sie erfüllt den Wunsch danach, nicht von anderen manipuliert, dominiert oder bloß gestellt zu werden. Zweitens bietet sie emotionale Erleichte rung, denn durch sie ist es möglich, den (Rollen)Zwängen des sozialen Lebens eine Zeit lang zu ent gehen. Darüber hinaus besteht drittens durch Privatsphäre die Möglich 41 keit der Selbstevalua tion. Ver gangene Erfah rungen und auf genommene Informa tionen können ver arbeitet und be wertet werden, zukünftige Schritte und Ver haltens weisen können ge plant werden. Außerdem ist viertens in einem privaten Rahmen geschützte Kommunika tion möglich, die das Teilen persön licher (intimer) Informa tionen mit anderen ge stattet. Privatsphäre dient auch dazu, den Intimi täts gehalt von sozialen Kontakten zu regulie ren und eine Preis gabe privater Informa tionen auf ver traute Personen zu be schränken. Sie ist daher ein wichti ger Faktor in Beziehungen zwischen Freunden, in der Familie und in Liebes beziehungen. Der Sozialpsychologe Altman (1975) definiert Privatsphäre als die selektive Kontrolle des Zugangs zum Selbst. Altman be schreibt in seiner Privatsphäre theorie Privat heit als einen dialekti schen und dynami schen Regula tions prozess, in dem die Grenze zwischen Privat heit und Publizi tät individuell „aus gehandelt“ und kontinuier lich den jeweili gen Umständen und Situa tionen an gepasst wird. Er be handelt Privatsphäre eben falls auf individuellem Level wie auch auf Gruppen level und ver steht Privatsphäre als Optimie rungs prozess, bei dem es neben dem als optimal empfundenen Level an Privatsphäre auch zu viel oder zu wenig Privatsphäre geben kann. Ein Mensch, der sozial isoliert ist und keine Möglich keit hat, seine Emotionen oder Meinun gen mit anderen zu teilen, empfindet in diesem Sinne zu viel Privatsphäre. Ein anderer, der keinen Rückzugs ort hat, oder dessen Sorgen und Probleme öffent lich diskutiert werden, hat auf der anderen Seite zu wenig Privatsphäre. Die Regulie rung der Privat heit ist weder statisch noch regelgeleitet, sondern erfolgt in Ab hängig keit vom jeweili gen sozialen Kontext: Personen optimie ren ihre „Zugänglich keit“ ent lang eines Spektrums, von „Offen heit“ bis „Geschlossen heit“ (Altman, 1977). An gestrebt wird eine intrapsychi sche Balance von Privat heit und Selbstoffenba rung, die individuell ver schieden ist: Die Privatsphäre wird dann als optimal empfunden, wenn an gestrebtes und tatsäch lich er reichtes Niveau über einstimmen (Altman, 1975) und wenn Kontrolle über die Weiter verbrei tung von Informa tionen besteht (Boyd, 2010, Abs. 2). Öffentlich keit und Privat heit sind daher keine Gegen sätze (ebd.: Abs. 3). Es geht vielmehr darum, eine Balance zwischen Öffnung und Ver schließung des Selbst gegen über anderen zu finden. Altman geht von einem System ver schiedener Hand lungs mechanismen, mit denen die Privatsphäre reguliert werden kann, aus. Zentral ist dabei das Maß, in dem Personen sich gegen über anderen öffnen. In der Sozialpsychologie wird dies als Selbstoffenba rung be zeichnet. Die Selbstoffenba rung umfasst dabei „jede Informa tion über das Selbst, die eine Person einer anderen mitteilt“ (Wheeless & Grotz, 1976, S. 338, Über setzung vgl. Tad dicken & Schenk, 2011, S. 320). Mit Selbstoffenba rung ist sowohl die ge wollte, mehr oder weniger be wusste Selbst darstel lung im Rahmen des ImpressionManagement ge meint, als auch die un gewollte Selbstenthül lung (Schulz von Thun, 1981/2011). Sie findet in jedem Kommunika tions prozess statt und erfolgt immer kontextspezifisch 42 und ab gestimmt auf die jeweili gen Kommunika tions partner (Cozby, 1973; Wheeless, 1976). Selbstoffenba rung ist dabei kein Selbst zweck. Dadurch, dass anderen Personen Informa tionen über das Selbst, z. B. Meinun gen oder Gefühle, mitgeteilt werden, wird der Aufbau und die Pflege sozialer Beziehungen über haupt erst möglich (Altman & Taylor, 1973; Lauren ceau, Feldman Barret & Pietromaco, 1998). Inwiefern Personen sich selbst anderen offen baren (möchten), ist von ihren individuellen Voraus setzungen ab hängig. Frauen geben generell mehr von sich preis als Männer (Archer, 1979). Persönlich keits eigen schaften (Traits), wie beispiels weise die Extra version, be einflussen die Selbstoffenba rung ebenso wie aktuelle Zustände (States). Gerade der Wunsch, emotional eng mit anderen Menschen ver bunden zu sein („emotional closeness“), führt zu einer Öffnung und zu mehr Selbstenthül lung, Über legungen zur Privatsphäre ver lieren dann an Gewicht. Hinzu kommt, dass – ab gesehen von Freunden – die Personen, mit denen signifikante Beziehungen be stehen, es er warten, dass sich der Einzelne öffnet, sich also durch die Selbstenthül lung ver letz lich macht (Ben Ze’ev, 2003). Es besteht ein Reziprozi täts effekt: Selbstoffenba rung von Seiten eines Teilnehmers einer Konversa tion erhöht die Bereit schaft der anderen Teilnehmer, intime Informa tionen mitzu teilen (Cozby, 1973). Im Prozess, sich emotional näher zu kommen, wird die Bandbreite von Privatsphäre definiert. Dabei ist Privatsphäre kontextabhängig: Die Grenzen der Privatsphäre werden vom Typ der Beziehung und der Art der ent hüllten Informa tionen be stimmt (BenZe’ev, 2003; Nissen baum, 2004). In Petronios (2002) „Privacy Management Theorie“ werden in Fortfüh rung der Arbeiten von Altman die Grenzen der Privatsphäre eben falls als dynami scher und dialekti scher Prozess charakterisiert. Privatsphäre reicht von völli ger Offen heit bis zu kompletter Geschlossen heit. Wir passen unseren Level von Privatsphäre und Selbstoffenba rung ständig an interne und externe Zustände an. Um unsere Autonomie zu er halten, müssen wir gleichzeitig offen und sozial sein wie privat und reserviert. Den Aus gangs punkt bildet ein regel basiertes PrivatsphäreManagementSystem, mit dem der Grad der Durch lässig keit von Grenzen (wie viel Informa tion wird preis gegeben) reguliert wird und die Ver bindungen (wer soll etwas er fahren, wissen) ge managt werden. Die individuellen Privatsphäreregeln basieren auf kulturellen Werten und Orientie rungen, Motiven und KostenNutzenAbwägun gen, die in Ab hängig keit vom jeweili gen Kontext ge troffen werden. Wird private Informa tion ge teilt, werden andere MitBesitzer der Informa tion, unter liegen jedoch aus Sicht des Besitzers be stimmten Ver pflich tungen und sollen den Regeln des Original besitzers nach kommen. Diese Regeln werden zwischen Besitzer und CoBesitzer aus gehandelt. Es gibt etwa Ver bin dungs regeln (wer darf davon wissen), Regeln zum Umfang an Informa tionen (wie viel dürfen andere wissen) und Regeln zum Besitz (wie viel Kontrolle haben die CoBesitzer über die Informa tionen). 43 Gerade bei den in dieser Arbeit im Vordergrund stehen den Netz werk platt formen sind diese Regeln von Belang, werden doch auf den Platt formen viele Informa tionen preis gegeben und mit anderen ge teilt, in der Erwar tung, dass solche Regeln von anderen ein gehalten werden. So ist das Weiter leiten von Informa tionen seitens der CoBesitzer nicht unproblematisch und es kann Turbulenzen geben, wenn Regeln nicht ein gehalten werden oder die Koor di nation fehlschlägt (Petronio, 2002). Die Grenzen der Privatsphäre müssen daher nicht nur auf individuellem Level, sondern auch auf kollektiver Ebene ge managt werden. Kollektives Grenzmanagement er fordert die Inter aktion mit anderen. Privat heit hat – wie ge zeigt – zahl reiche Funktionen. Der Nutzen der Privat heit ist als weitreichend anzu sehen; in psychologi scher Hinsicht ist vor allem auf die Ent wick lung des Selbst, den Schutz der persön lichen Autonomie, Ent lastung usw. zu ver weisen. Die Kosten, keine Privat heit zu er langen, liegen in vielerlei Hinsicht im Bereich der psychologi schen und sozialen Kontrolle (Margulis, 2003). Die vor gestellten Privatsphärekontexte sind empirisch schwer zu er fassen, weil sie elastisch sind und philosophi sche, recht liche und ver haltens wissen schaft liche Aspekte einschließen. Über die Ansätze hinweg wird eine Perspek tive er sicht lich, die auf eine „Limitie rung des Zugangs zum Selbst“ hinaus läuft (Allen, 1988; Margulis, 1977). Allerdings dürften die individuellen Ver haltens weisen im Hinblick auf die Wahrung der Privatsphäre recht unter schied lich sein, da ver schiedene weitere Einflüsse, wie z. B. Kontext, persön liche Werte und Orientie rungen, Kosten und Nutzen überle gungen zu be rücksichti gen sind. 2.3.2 Besondere Bedin gungen der Privatsphäre im Social Web Das Social Web ist in ver schiedener Hinsicht ein spezieller Privatsphärekontext, dessen Konsequenzen mittlerweile ein viel diskutiertes Thema sind, das deut lich in den Fokus der Öffentlich keit gerückt ist. Es stellt sich uns nun die Frage, welche Eigen schaften die OnlineUmgebun gen auf weisen, die sie mit Blick auf die Privatsphäre zu be sonde ren Räumen machen. Warum wird gerade im Internet so viel offenbart, und warum sind gerade dort die Konsequenzen be sonders weitreichend? Diese Fragen sollen in den ver bleiben den Ab sätzen dieses Kapitels ge klärt werden. Zunächst wurde für die computer vermittelte Kommunika tion ein im Ver gleich zu FacetoFaceSitua tionen ent hemmen der Effekt in Bezug auf die Preis gabe persön licher Informa tionen nach gewiesen: Es zeigt sich eine gene rell erhöhte Aus kunfts bereit schaft und eine größere Offen heit (Joinson, 2001; Tad dicken, 2008). Über die Anonymi tät und das Fehlen von Gestik, Mimik und Stimme in der vornehm lich textbasierten OnlineKommunika tion kann erklärt werden, dass die Nutzer die informa tions arme Umgebung durch eine 44 erhöhte Preis gabe aus gleichen. Es wäre aber zu kurz ge griffen, die erhöhte Selbstoffenba rung der jungen Nutzer ledig lich auf die Gegeben heiten des Mediums Internet zurück zuführen. Kinder und Jugend lichen wollen eigene Öffentlich keiten schaffen und das Social Web bietet den mediatisierten Rahmen dafür. Boyd und Marwick (2011) sprechen von Netz werkÖffentlich keiten („network publics“), die vier Eigen schaften be sitzen und die typischer weise nicht in einem durch FacetoFaceKommunika tion ge prägten öffent lichen Leben vor handen sind. Mittels dieser Eigen schaften können unmittel bare Öffentlich keiten von Netz werköffentlich keiten ab gegrenzt werden (Boyd, 2007; 2008): 1. Persistenz: Anders als bei kommunikativen Handlun gen in unmittel baren Öffentlich keiten werden in Netz werköffentlich keiten die kommunikativen Handlun gen für post kommunikative Zwecke und Situa tionen auf gezeichnet und archiviert. Die einzelnen kommunikativen Handlun gen existie ren da durch lange Zeit. 2. Durchsuch bar keit: Da die kommunikativen Handlun gen textuell auf gezeich net werden, ist es möglich, über eine Suche sehr leicht Ver knüp fungen herzu stellen und so Informa tionen zu einer Person, die an unter schied lichen Stellen im Social Web ge speichert sind, zu aggregie ren. 3. Replizier bar keit: Kommunikative Handlun gen in Netz werköffentlich keiten können von einem Platz zum anderen kopiert werden, so dass das „Original“ nicht von der „Kopie“ unter schieden werden kann. Digitale Inhalte können leicht dupliziert werden. 4. Skalier bar keit: Obwohl auch die Kommunika tion im Social Web stets in einem be stimmten Kontext und an ein intendiertes Publikum gerichtet wird, ist die potenzielle Reichweite der Inhalte gegen über der Kommunika tion in FacetoFaceSitua tionen sehr hoch. Die Inhalte können leicht an eine breite Öffentlich keit ge langen. 5. Unsicht bares Publikum: Während die meisten Personen bei kommunikativen Handlun gen in unmittel baren Räumen erkannt werden können, sind die Personen in der virtuellen Öffentlich keit, die unsere kommunikativen Hand lun gen wahrnehmen, nicht alle erkenn bar. Hinzu kommt, dass unsere kom munikativen Handlun gen an ganz anderen Plätzen und zu unter schied lichen Zeiten wahrgenommen werden können als im Original. Die potenzielle Sicht bar keit digitaler Inhalte ist sehr groß. Die vier Eigen schaften be einflussen sowohl die Größe des potenziellen Publi kums als auch den Kontext, in welchem die kommunikativen Handlun gen von anderen auf genommen werden. Durch die Beschaffen heit des Social Web ent steht die Gefahr der Rekontextualisie rung (vgl. Tad dicken, 2010). Die Selbst offenba rung, die immer vor einem kontextspezifi schen Hinter grund und in Bezug zu einem intendierten Publikum besteht, kann im Social Web aus diesem 45 Kontext heraus gelöst werden und dabei unangebracht er scheinen. Die Netz werköffentlich keiten be stehen aus diversen sozialen Beziehungen, die in der großen Gruppe der „Freunde“ zusammen gefasst sind, ver schiedene soziale Welten können dabei durch aus kollidie ren (Boyd & Marwick, 2011). Die Kommunika tion in Netz werköffentlich keiten, wie z. B. auf Facebook, bewegt sich auf einem Kontinuum, das als Publizi tät und Privat heit charakteri siert werden kann. Die Profile, die die User anlegen, sind prinzipiell öffent lich zugäng lich. Durch die von den Anbietern bereit gestellten PrivatsphäreEinstel lungen können die Teilnehmer allerdings restringie ren, wer was sehen oder lesen darf. Durch be wusste Ent schei dungen kann die Privat heit in ge wisser Weise gesichert und die Publizi tät ein geschränkt werden. Öffent liches Zurver fügungs tellen persön licher Informa tionen und restringiertes bzw. limitiertes Zugänglichmachen solcher Informa tionen stehen in einem Span nungs verhältnis, so dass die Nutzer stets ent scheiden müssen, wie viel sie von sich preis geben möchten. Es erfolgt ein kontinuier liches Management zwischen den ver schie denen Sphären des kommunikativen Handelns und dem Ausmaß der Selbst ent hül lung innerhalb dieser Sphären. Die Partizipa tion in der sozialen Welt er fordert die selektive Ent hüllung persön licher Informa tionen – insbesondere auch in der Netz werköffentlich keit. Die Auf rechterhal tung eines ge wünschten Maßes an Privat heit oder „Geschlossen heit“ er fordert häufig eine Ent hüllung persön licher Informa tionen (Palen & Dourish, 2003). Dabei können selbst persön liche Informa tionen, die nur wenigen Freunden preis gegeben werden, eine Ver letzung der Privatsphäre nach sich ziehen. Auch sind die Ver suche, die Privatsphäre zu regulie ren, nicht immer erfolg reich, können doch persön liche Informa tionen auf grund der Ignoranz von „Freunden“ unter Missach tung der Privat heit und Sicher heit an andere Personen weiter gegeben werden, für die sie nicht ge dacht waren (Xu, Parks, Chu & Zhang, 2010). Die CoBesitzer von persön lichen Informa tionen halten sich nicht an die Regeln, die Informa tionen geraten in die falschen Hände. Die „Kosten des Ver lustes“ der Privat heit können im Einzelfall be trächt lich sein (Margulis, 2003, S. 247). Solche Komplika tionen bei der Ver brei tung von Informa tionen über Dritte sind wahrschein lich, deshalb gehen die Nutzer auch durch aus unter schied lich mit der Aus hand lung von Privat heit und Öffentlich keit um. Sie ver folgen dabei unter schied liche Konzepte. Wildemuth (2006) weist in Anleh nung an Umfrage ergeb nisse aus den USA darauf hin, dass es drei Kategorien von Personen gibt, die sich im Hinblick auf die Privatsphären wahrneh mung unter scheiden: 1. Privat sphäreFundamentalisten, denen ihre Privatsphären wahrung überaus wichtig ist, 2. Gleichgültige, die sich hinsicht lich ihrer OnlinePrivatsphäre keine Sorgen machen und 3. Pragmatisten, denen die Wahrung ihrer Privatsphäre sehr wichtig ist, und die deshalb daran arbeiten, ihre OnlinePrivatsphäre zu schützen. Sie werden auch ver suchen, in der Kommunika tion und Inter aktion mit anderen die Wahrung ihrer Privatsphäre zu regeln. Die Privatsphäre einstel lungen, die 46 die Netz werk betreiber technisch er möglichen, dürften in dem Zusammen hang von großer Bedeu tung sein. Zwischen Privat heit und Publizi tät (allgemeiner Öffentlich keit) ist ein Span nungs verhältnis zu konstatie ren, das jedoch nicht nur auf inter perso neller Ebene besteht, sondern zunächst vom Nutzer individuell aus gehandelt werden muss: Um persön liche und soziale Beziehungen zu er halten, ist grundsätz lich ein Kompromiss hinsicht lich der Privat heit er forder lich. Studien, die dieses Span nungs verhältnis er forschen und den Zusammen hang zwischen den Einstel lungen von Personen zur Privatsphäre und ihrem Grad an Öffentlich keit im Internet unter suchen, kommen regelmäßig zu dem Ergebnis, dass beides nicht im an genommenen Maße korrespondiert (Acquisti & Gross, 2006; Christofides, Muise & Desmarais, 2009; Joinson, Reips, Buchanan, Schofield & Paine, 2010; Tad dicken & Schenk, 2011). Das PrivacyParadox be schreibt, dass Onliner einer seits an geben, sich um ihre Privatsphäre zu sorgen und diese zu schützen, aber anderer seits bereit willig Informa tionen über sich preis geben. Das PrivacyParadox ist dabei unter Umständen auch darauf zurück zuführen, dass Internetnutzer unter schied liche Arten der Privatsphären differenzie ren, wenn sie von OnlinePrivatsphäre sprechen, nämlich die Privatsphäre gegen über ihrem sozialen Umfeld und gegen über einem weiteren Kreis von un bekannten Personen oder Institu tionen. Die Nutzer wollen mit ihrer Netz öffentlich keit in Kontakt treten, aber nicht, dass Unter nehmen ihre Daten aus schlachten. Bei der Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen werden die Informa tionen einer seits mit anderen Nutzern ge teilt, anderer seits zwangs läufig mit dem Anbieter des An gebots. Dadurch ent stehen Risiken für die Privatsphäre an zwei Fronten. Wenn die Risiken durch andere Internetnutzer ent stehen, be treffen sie die soziale Privatsphäre; wenn die Risiken durch den Anbieter oder andere daten verarbeitende Institu tionen, wie z. B. Werbetreibende, ent stehen, be treffen sie die institutio nelle Privatsphäre (vgl. RaynesGoldie, 2010). Auf beide Aspekte werden wir im Folgenden kurz ein gehen. Die soziale Privatsphäre wird einer seits durch die Personen ge fährdet, die der Nutzer adressiert, wenn er online eine Selbstoffenba rungs hand lung durch führt. Dieses intendierte Publikum besteht auf Sozialen Netz werk platt formen vielleicht aus seinen engeren Freunden und Bekannten, ver mutlich aus Personen, die der Nutzer mehr oder weniger gut kennt. Darüber hinaus könnten aber unter Umständen auch weitere Personen, die der Nutzer nicht an sprechen wollte, auf die Inhalte zugreifen. Je nachdem, wie die Inhalte durch die Privatsphäre Optionen geschützt werden, können das potenzielle und das tatsäch liche Publi kum er heblich vom intendierten Publikum ab weichen. Unter Umständen können völlig un bekannte Personen auf die Selbstoffenba rung zugreifen. Diese Personen sind vielleicht nicht nur vom Nutzer nicht adressiert, eventuell rechnet er nicht einmal damit, dass sie auf seine Inhalte zugreifen, oder dieser Zugriff ist unter Umständen sogar unerwünscht. Wer zum tatsäch lichen Empfänger kreis der 47 Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen gehört, wird er heblich davon be stimmt, welche PrivatsphäreOptionen ein Nutzer wählt. Die institutio nelle Privatsphäre ist auf Sozialen Netz werk platt formen ge fährdet, weil Informa tionen nicht nur anderen Personen mitgeteilt werden, sondern auch dem Anbieter der Platt form und über diesen eventuell auch weiteren Organisa tionen, z. B. der werbetreiben den Wirtschaft. Darüber hinaus könnten auch daten verarbeitende Unter nehmen auf die Inhalte der Nutzer zugreifen, wenn diese nicht durch PrivatsphäreOptionen geschützt werden. Die Anbieter werden in den meisten Fällen keine intendierten Adressaten der kommunikativen Äußerun gen auf den Platt formen sein. Unabhängig von den ge wählten PrivatsphäreOptionen haben sie dennoch zwangs läufig Zugriff auf die dort ver öffent lichten Informa tionen und be halten sich zumeist in ihren AGBs vor, diese Daten zu sammeln, zu speichern und für ihre Zwecke auszu werten und zu bewirt schaften. Es gibt zudem oft Unklar heiten bei den Löschrege lungen von Daten (Reiß mann, 2009). Aus Sicht der Nutzer ist die Bewirtschaf tung der von ihnen bereit gestellten persön lichen Daten möglicher weise ein (zwangs läufiges) Tausch geschäft, das sie für die kosten lose Nutzung der Platt formen mit den Betreibern ein gehen. Der Nutzen, den die Anwen dungen stiften, über trifft dabei Risiken der Offen legung von Informa tionen (Debatin, Lovejoy, Horn & Hughes, 2009). Ein zusätz lich brisanter Aspekt für die Privatsphäre ist, dass personen bezogene Informa tionen in den Daten banken der Anbieter unter Umständen nicht hinreichend gegen Data Mining6 geschützt sind (FraunhoferSIT, 2008, S. 66). Auf grund der Komplexi tät der Anwen dungen kann ein HackerAngriff nie völlig aus geschlossen werden, und solche Angriffe wurden in der Ver gan gen heit auch schon erfolg reich durch geführt (vgl. stern.de/DPA/ AP, 2009). Auch die Stiftung Warentest be tätigte sich 2010 als Hacker, um die Daten sicher heit in Onlinenetz werken zu über prüfen. Sechs Netz werk betreiber, darunter die VZNetz werke und werkenntwen, ge nehmigten den Test, bei dem Nutzer daten aus gespäht werden sollten. Dabei wurden bei allen Netz werken Sicher heits mängel auf gedeckt. Als be sonders bedenk lich stellten die Tester fest, dass der Zugang zu den Netz werken von mobilen Endgeräten wie Handys völlig un geschützt ist. Die Betreiber von XING sowie der USamerikani schen Netz werke Facebook, Myspace und LinkedIn ver weigerten hingegen die Koopera tion und wurden daher im Bereich Transparenz ab gewertet. Deutliche Mängel in den AGB und schlechte Noten für Jugendschutz, Nutzungs rechte, Umgang mit Nutzer daten und Daten sicher heit ver wiesen die USNetz werke auf die hinter sten Plätze. schülerVZ und studiVZ schnitten dagegen ver gleichs weise positiv ab, Umgang mit Nutzer daten und die Nutzungs rechte wurden mit gut 6 Data Mining be zeichnet Algorithmen zum Auf spüren von Zusammen hängen in großen Daten beständen. 48 bis sehr gut be wertet. Aber auch hier wurden Mängel bei der Daten sicher heit und beim Jugendschutz fest gestellt (Stiftung Warentest, 2010). Gerade, weil die Aus gestal tung der PrivatsphäreOptionen insbesondere bei den USamerikani schen Netz werken als komplex und ver wirrend be wertet wird, werden relativ lockere Vor einstel lungen, die einen hohen Einblick in die ver öffent lichten Daten geben, als un genügend kritisiert (vgl. Butler, McCann & Thomas, 2011, S. 41; IWGDPT, 2008). Es liegt natür lich im ökonomi schen Interesse der Anbieter, dass die ge teilten Informa tionen möglichst öffent lich sind: Zum einen ver bessert sich durch eine hohe Menge persön licher Daten für die Anbieter und ihre Werbekunden die Möglich keit, personalisierte Wer bung zu schalten. Applika tionen und Fanpages können automatisiert auf die Daten zugreifen und diese aus werten. Zum anderen sind öffent liche Daten auch von externen Suchmaschinen durch such bar, was den Traffic auf der Seite steigert. Auch der potenzielle Nutzen aus Sicht der User könnte sich dadurch steigern, wenn möglichst viele Daten öffent lich zugäng lich sind. Die Suche nach sozialen Informa tionen über ent ferntere Kontakte wird dadurch er leichtert (Westerman, Van Der Heide, Klein & Walther, 2008). Durch die Ver öffent lichung des vollen Namens, eines aktuellen Fotos und von Kontaktinforma tio nen, steigt die Wahrscheinlich keit, von anderen ge funden zu werden und somit er reich bar zu sein und das eigene Netz werk weiter aus bauen zu können. 2.3.3 Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen Im vorigen Ab schnitt wurden die Besonder heiten von OnlineUmgebun gen mit Bezug auf die Privatsphäre auf gezeigt. Für die Teilnahme am Social Web ist die Selbstoffenba rung eine notwendige Voraus setzung, gerade, wenn neben rezeptiven Gratifika tionen auch kommunikative erfüllt werden sollen (Taddicken & Jers, 2011; Trepte & Reinecke, 2009). Die Nutzer schaffen durch die Ver öffent lichung und das Feedback bei den anderen Nutzern Ver trauen, um sich im Gegen zug in ein soziales Netz integrie ren zu können und Informa tionen aus dem Netz werk zu er halten (Ellison, Steinfield & Lampe, 2006; Burke, Marlow & Lento, 2009). Besonders diejenigen, die einen starken sozialen Druck zum Erwidern von Informa tionen spüren, geben viele Informa tionen über sich preis (Blumberg, Möhring & Schneider, 2010). In diesem Ab schnitt schildern wir die Ergeb nisse, die die bisherige empiri sche Forschung zur Selbstoffenba rung bereits er bracht hat. Wir gehen dabei auf vier Aspekte ein, die die Selbstoffenba rung in Sozialen Netz werk platt formen kennzeichnen: (1) Die Informa tionen, die die Nutzer in ihrem Nutzer profil ver öffent lichen, (2) die dynami schen Inhalte, die sie z. B. durch (semi)öffent liche Kommunika tion ge nerie ren, (3) die Einstel lungen, die sie in den PrivatsphäreOptionen wählen und (4) die Kontakte, mit denen sie sich in den Anwen dungen ver knüpfen. 49 Die kommunika tions wissen schaft liche Forschung hat sich bei der Frage nach der Selbstoffenba rung im Social Web und auf Sozialen Netz werk platt formen bisher stark auf die Informa tionen konzentriert, welche die User in den Profilen bereit stellen (z. B. Boyle & Johnson, 2010; Christofides, Muise & Desmarais, 2009). Das ist sehr naheliegend, denn die Selbstoffenba rung ist dort ver gleichs weise umfassend und wird zudem an einer zentralen Stelle aggregiert. Meist ent halten die Profile recht detaillierte Selbst beschrei bungen, in denen bisweilen mehr preis gegeben wird als in der FacetoFaceKommunika tion (Christofides et al., 2009; Haferkamp, 2010). Die Informa tionen können dabei nach ihrem Intimi täts grad geordnet werden. So er scheint die Angabe des Vornamens oder des Geschlechts weniger intim zu sein als die Angabe von Telefon nummer oder politi scher Orientie rung. Allgemeine Informa tionen wie Geschlecht, Sternzeichen, ethnische Zu gehörig keit und Heimatort werden von mehr Personen preis gegeben als intime (Boyle & Johnson, 2010; Stutzman, 2006). Dementsprechend werden die Kontaktinforma tionen auch von den Nut zern be sonders restriktiv be handelt (Dwyer, Hiltz & Passerini, 2007; Taraszow, Aristodemou, Shitta, Laouris & Arsoy, 2010). Dies be gründet sich durch die höhere Vulnerabili tät, die durch die Angabe von Kontakt oder anderen intimen Informa tionen aus gelöst werden kann (Tad dicken, 2010). Doch auch, wenn nicht explizit Kontakt daten an gegeben werden, er möglichen die Nutzer durch ihre Angaben die Identifika tion ihrer Person. Die meisten geben ihren wahren Namen inkl. Nachnamen an und laden ein Profil bild hoch, auf dem sie erkenn bar sind (Prommer et al., 2009). Anzahl und Intimi täts grad der ge teilten Informa tionen hängen miteinander zusammen: Wer eher allgemeine Daten wie Name und Geschlecht offenbart, offenbart auch eher intime Informa tionen (Nosko, Wood & Molema, 2010). Die Informa tionen, die die Nutzer selbst auf dem Profil in der Eingabemaske eintragen, werden durch weitere Elemente, zum Beispiel die Mitglied schaft in Gruppen oder das Liken einer Fanpage, ergänzt. Gruppen namen und Marken, die auf dem Profil an gezeigt werden, werden als identi täts stiftend empfunden und bilden daher be liebte er gänzende Elemente (Utz, 2008). Ver gleicht man die Geschlechter hinsicht lich der Anzahl der Profilinfor ma tionen und Wahr heits gehalt, so geben sich Männer auf Sozialen Netz werk platt formen offener als Frauen (Prommer et al., 2009; Boyd, 2006). Sie geben auch eher ihre Kontakt daten an (Fogel & Nehmad, 2009; Taraszow et al., 2010). Möglicher weise ist die Vor sicht der Mädchen und Frauen auf eine unter schied liche Erziehung zurück zuführen, oder darauf, dass weib liche Jugend liche potenziell häufiger Opfer unerwünschter sexueller Über griffe werden (Herrmann, Schäfer & Schmetz, 2006). Zweifels frei handelt es sich bei der Aus gestal tung des persön lichen Profils auf einer Netz werk platt form um einen wichti gen Aspekt der OnlineSelbst offenba rung. Es muss jedoch be achtet werden, dass diese Selbst darstel lung 50 unter be sonde ren Gesichtspunkten statt findet: Die Aus gestal tung und Instandhal tung des eigenen Profils stellt die Nutzer sehr explizit vor die Ent schei dung, welche Informa tionen (semi)öffent lich und welche privat sein sollen. Bei der Auswahl und Formulie rung der Profilinforma tionen handelt es sich um eine reflektierte Handlung, die vor allem zu Beginn der Mitglied schaft bei einer Sozialen Netz werk platt form vor kommt, und die als be wusste Selbst darstel lung im Sinne des Impression Management ver standen werden kann (Boyd, 2007; Haferkamp & Krämer, 2010). Die vom Nutzer ein getragenen Profilinforma tionen sind heute längst nicht mehr die einzigen Stellen, an denen die Selbstoffenba rung in Sozialen Netz werk platt formen sicht bar wird. Die Anbieter integrie ren zunehmend Features, die die Netz werke dynami scher machen, wie bspw. den News feed bei Facebook oder das Taggen von Personen auf einem hoch geladenen Foto. Durch diese techni schen Erweite rungen wird der Nutzer zusätz lich sicht bar, die Online Identität wird darauf aus gedehnt. In der Wahrneh mung von Personen nimmt die Bedeu tung der dynami schen Inhalte zu (Boyd & Marwick, 2011). Im Prinzip können viele Handlun gen, die ein Nutzer auf der Platt form vollzieht, als Selbstoffenba rungs hand lung ver standen werden. Auf Facebook wird dies sehr deut lich: Ruft ein Nutzer die Seite eines anderen Nutzers auf, so werden ihm zunächst dessen Aktionen wie Status meldun gen und Posts an gezeigt, die er in der ver gangenen Zeit ge tätigt hat. Das statische Profil ist erst über einen weiteren Klick auf rufbar, und somit wirkt die dort hinter legte Informa tion zweitrangig. Bei dem Feed, der zunächst sicht bar wird, handelt es sich aber nicht nur um vom User selbst ge nerierte Inhalte, also eigene Selbst offenba rungs hand lungen: Es können auch die öffent lich publizierten Nachrichten anderer ent halten sein und Informa tionen, die durch den Anbieter ge neriert wurden, bspw. wenn der Nutzer eine Freundschafts anfrage annimmt oder auf einen GefälltmirButton klickt. Die Selbstoffenba rung, die durch das Posten von Beiträgen oder das Aus führen von Aktionen ent steht, ist dabei für den Nutzer weniger offensicht lich als die beim Anlegen des (statischen) Profils. Sie geschieht beiläufiger. Bei der Generie rung solcher eher dynami schen Inhalte steht die Selbst präsenta tion eventuell weniger stark und explizit im Vordergrund. Ver mutlich hat ein Nutzer beim Posten eines Kommentars nicht zwangs läufig ein Gesamt konzept für seine OnlineSelbstoffenba rung im Hinter kopf. Ob diese Handlun gen eher spontan und weniger strategisch ge plant ab laufen, wurde bislang nicht ge prüft. In Bezug auf die soziale Privatsphäre auf Sozialen Netz werk platt formen sind nicht allein die Anzahl und der Intimi täts grad der preis gegebenen Informa tionen relevant. Darüber hinaus spielt auch die Zugänglich keit der Selbstoffenba rung eine Rolle. Selbst darstel lung findet nicht kontext los, sondern immer in Ab hängig keit von einem Publikum statt. Wer zum Publikum der Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen gehört, wird einer seits durch die Privat 51 sphäreOptionen be stimmt, die der Nutzer fest gelegt hat (vgl. Ab schnitt 2.1.2). Häufig sind die PrivatsphäreOptionen von den Anbietern so vor eingestellt, dass die Inhalte, die ein Nutzer ver öffent licht, nur den Kontakten, die er auf der Platt form be stätigt hat, zugäng lich sind. Insbesondere frühe und USameri kani sche Erhebun gen belegen, dass nur wenige Nutzer Gebrauch von den PrivatsphäreOptionen machten (Lange & Lampe, 2008; Lewis, Kaufman & Christakis, 2008). Eine Studie an Studenten aus Großbritannien ergab, dass Nutzer sich kaum die Zeit nehmen, ihre PrivatsphäreEinstel lungen zu über prüfen und sie bleiben nicht auf dem Laufenden, wenn die Anbieter die Einstel lungs möglich keiten abändern. Die antizipierten und die tatsäch lich ge tätigten Einstel lungen stimmen oft nicht überein (Butler et al., 2011). Lewis, Kaufman und Christakis (2008) stellen heraus, dass CollegeStudenten eher private Profile haben, wenn ihre Freunde eben falls die PrivatsphäreEinstel lungen an gepasst haben, sie sehr aktive Nutzer des Social Web sind und sie weib lich sind. Insbesondere Nutzungs erfah rung ist ein relevantes Kriterium. Im Gegen satz zu landläufig ver tretenen Meinun gen führt eine aktive Nutzung der Anwen dungen nicht dazu, dass offener mit den eigenen Daten um gegangen wird. In der Längs schnitt studie von Patchin und Hinduja (2010) war der Anteil der jeni gen, die ihr Profil privat hielten, nach einem Jahr deut lich ge stiegen. Ein damit in Ver bindung stehen der Einfluss faktor sind die Erfah rungen, die Personen bereits im Umgang mit den Platt formen ge macht haben. Eigene negative Erleb nisse führen dazu, dass die Nutzer sensibler für die Nutzung der Optionen sind (Debatin et al., 2009). Debatin et al. (2009) ver muten, dass die nach lässige Handha bung der PrivatsphäreOptionen auf den hohen Gratifika tionen, die eine weitere Ver brei tung der eigenen Inhalte bietet, auf speziellen Nutzungs mustern und einer Art ThirdPersonEffekt beruht. Die Nutzer sehen die Gefahren zwar bei anderen, fühlen sich selbst davon aber nicht be troffen. Die Ergeb nisse gerade USamerikani scher Studien sind aber auf grund unter schied licher kultureller Hinter gründe nicht ohne weiteres auf Deutschland über trag bar. Der Schutz der Privatsphäre ist offen bar stark in der deutschen Kultur ver ankert (Stöcker, 2011). Dementsprechend scheint – gerade in neueren Studien – eine höhere Sensibili tät gegen über den Daten schutz einstel lungen zu be stehen. Die meisten deutschen Nutzer (86 Prozent) be schäfti gen sich nach ihrer Anmel dung oder später mit den Einstel lungs möglich keiten und passen diese an (77 Prozent; Bitcom, 2011). Insbesondere bei den unter 30Jährigen ist die Sensibili tät für die Nutzung der PrivatsphäreOptionen hoch (ebd.). Dieses Bewusstsein für die eigene Privatsphäre in OnlineUmgebun gen scheint gerade bei den jungen Nutzern in den letzten Jahren ge stiegen zu sein (Utz & Krämer, 2009). Neuere Erhebun gen aus den USA spiegeln diese positive Ent wick lung eben falls (Boyd & Hargittai, 2010; Patchin & Hinduja, 2010). Neben den vom Anbieter vor gesehenen Möglich keiten, haben einige Nutzer weitere Strategien ent wickelt, um ihre Privatsphäre zu schützen. Eine häufig 52 ge wählte Strategie ist die der Anonymisie rung oder Pseudonymisie rung. Manche Nutzer ver wenden einen falschen oder ver fremdeten Namen, einen Nickname und/oder spicken ihr Profil mit Falschangaben, so dass die Identifika tion er schwert wird (RaynesGoldie, 2010; Youn, 2005; Blumberg et al., 2010; Boyd, 2007, Strater & Lipford, 2008). Auch das Anlegen von mehreren Profilen, die an ver schiedene Publika gerichtet sind, kann dazu dienen, die Privatsphäre zu schützen (z. B. ein Profil auf das nur die engsten Freunde Zugriff haben, und ein „offizielles“ Profil, für Eltern und Lehrer mit weniger expliziten Inhalten; Boyd, 2007). Viele Nutzer wahren ihre Konformi tät, indem sie nur un verfäng liche Informa tionen über sich preis geben und darauf achten, Informa tionen, die sie als zu privat empfinden, gar nicht erst ins Internet zu stellen (Brand tzæg, Lüders & Skjetne, 2010). Andere ver suchen, die digitalen Spuren, die sie hinter lassen, möglichst zu be seiti gen (RaynesGoldie, 2010). Sie löschen dabei Einträge auf den Pinnwänden und die Tags von Fotos, auf denen sie ab gebildet sind, ent weder sofort oder nach einiger Zeit. Neben der Zugänglich keit spielt die Größe und Zusammen setzung des Publikums eine Rolle. Je nach ge wählten Einstel lungen in den Privatsphäre Optionen können aus gewählte Personen, alle Kontakte die ein Nutzer auf dem Netz werk hat, alle Nutzer des Netz werks oder gar alle Internetnutzer zum potenziellen Publikum der Selbstoffenba rung ge hören. Besonders im Fokus stehen hier die Kontakte, die ein Nutzer auf der Platt form selbst hinzu gefügt oder be stätigt hat und die dadurch in seiner Kontakt liste an gezeigt werden. Die Strategie, die eigene Privatsphäre dadurch zu managen, dass nur be kannte Personen auf die eigenen Inhalte zugreifen können, ist sehr beliebt (Stutz mann & KramerDuffield, 2010). Jeder neue Kontakt auf den Platt formen schränkt die Freiheit, die ein Nutzer in der Selbst darstel lung hat, jedoch potenziell ein, da durch ein heterogenes Publikum Rollenkonflikte auf treten können (Boyd, 2006). Wang (2010) be obachtet, dass die Anzahl der Netz werk kontakte zunimmt. Insbesondere stark aktive Nutzer haben viele Kontakte. Neben der reinen Anzahl der Kontakte ist relevant, ob der Nutzer seine Kontakte persön lich kennt und in welchem Ver hältnis der Nutzer zu ihnen steht. Wie bereits be schrieben, sind Soziale Netz werke Orte der PeerKommunika tion, auf denen die Nutzer vor rangig unter ihres gleichen bleiben. Allerdings handelt es sich oft auch um eher flüchtige Bekannt schaften oder ent fernte Bekannte im Sinne des Bridging Social Capital (Adkins, 2009; Brand tzæg et al., 2010; Ellison et al., 2007). Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen ist ein vielschichti ges Konzept, das ver schiedene Aspekte umfasst. Neben den Profilinforma tionen, die bereits umfassend unter sucht wurden, sind zunehmend dynami sche Aspekte der (semi)öffent lichen Kommunika tion relevant, die integrativer Bestand teil der OnlineSelbst darstel lung werden, weil die Anbieter sie aggregie ren und mit den Profilmerkmalen ver knüpfen. Die Selbstoffenba rung wird durch die Nutzung der PrivatsphäreOptionen ein geschränkt, und 53 so können die Nutzer ihre Privatsphäre zumindest in sozialer Hinsicht schützen. Die soziale Privatsphäre wird eben falls durch Art und Zusammen setzung des Publikums determiniert, welches die persön liche Öffentlich keit des Nutzers bildet. Der Nutzer kann die Zusammen setzung und Größe dieses Publikums durch Nutzung der PrivatsphäreOptionen und seine Strategie beim Hinzufügen und Bestäti gen von Kontakten auf der Platt form selbst be stimmen. 2.3.4 Erklä rungs modell der OnlineSelbstoffenba rung So vielfältig die Studien, die die Selbstoffenba rung im Social Web be schreiben, auch sind, so un befriedigend sind die Ergeb nisse der Studien, die ver suchen, die Selbstoffenba rung auf das Wissen über die möglichen Risiken und die Sorge um die Privatsphäre zurück zuführen (vgl. Ab schnitt 2.3.1 zum Privacy Paradox). Reine KostenNutzenErwägun gen, die zudem nur die Seite der unangenehmen Konsequenzen be leuchten, können das Handeln der Nutzer Sozialer Netz werk platt formen nicht oder nur unzu reichend er klären. In diesem Ab schnitt werden daher noch weitere mögliche Einfluss faktoren einbezogen. In einem Modell werden ver schiedene er klärende Faktoren heran gezogen und auch die gegen sätz lichen Bedürf nisse zwischen Privat heit und Öffentlich keit der Nutzer be rücksichtigt. Folgt man den dem PrivacyParadox zugrunde liegen den Annahmen, so ist es zunächst naheliegend, dass sich die Sorge um die Privatsphäre hand lungs leitend aus wirkt. Die Sorge um die Privatsphäre stellt eine wesent liche Einstel lungs komponente dar, die das Ver halten in der Netzöffentlich keit be einflusst. Daneben könnten aber auch weitere Einstel lungs komponenten das Selbst offenbarungs verhalten prägen, nämlich solche, die auf den Nutzen und die Vor teile gerichtet sind, die die Nutzer aus den Netz werk platt formen ziehen: Die Nutzungs motive, deren kognitive Zielorientie rung eben falls als Einstel lungen ver standen werden können (KroeberRiel, 1992), be einflussen mit, was die Nutzer in den Netz werk platt formen über sich preis geben (Blumberg et al., 2010; Krisanic, 2008). Wie Neuberger (2011) fest stellt, sind die Nutzer Sozialer Netz werk platt formen keine reinen ‚homines oeconomici‘, sondern richten ihr eigenes Handeln daran aus, wie sich ihr Umfeld ver hält (‚homo sociologicus‘). Sie nehmen z. B. wahr, wer und wie viele ihrer Freunde und Bekannten auf den jeweili gen Platt formen sind und was sie von sich preis geben. Darin, wie viel sie von sich selbst preis geben, orientie ren sie sich an anderen (Burke et al., 2009), und auch die Einstel lungen der PrivatsphäreOptionen wählen sie so, dass sie mit denen ihrer Freunde und Bekannten über einstimmen (Lewis et al., 2008; Utz & Krämer, 2009). Neben Vor stel lungen über die Nutzen erwar tung und Vor stel lungen über die Risiken, die das Selbstoffenba rungs verhalten auf sozialen Netz werk platt formen birgt, spielen daher die sozialen Normen, die ein Nutzer 54 in seiner Umgebung wahrnimmt, eine Rolle. Hierbei können sich auch be stimmte Erwar tungen seitens wichtig empfundener Peers auf die Selbst präsenta tionen der Nutzer aus wirken. Die Kombina tion aus Einstel lungen einer seits und sozialen Normen anderer seits be findet sich in Über einstim mung mit der von Fishbein (1967) vor gestellten Theory of Reasoned Action (TRA), die Ver halten über die Ver haltens inten tion erklärt. Die Ver haltens inten tion wird ihrer seits von den Einstel lungen und subjektiven Normen be stimmt. In Weiter führung der Theorie des ge planten Ver haltens (TRB) haben Ajzen und Fishbein (2010) als dritte Komponente die wahrgenommene Ver haltens kontrolle auf genommen, welche die wahrgenommene Leichtig keit oder Schwierig keit be schreibt, mit der ein be stimmtes Ver halten aus geführt werden kann (Ajzen, 2005). Ver halten ist demnach auch ab hängig von den Fähig keiten einer Person und den durch die Umwelt ge gebenen Grenzen7. In seinem integrierten Ver haltens modell (IBM) führt Fishbein (2000) das Konstrukt der Selbst wirksam keit ein. Auch diese er scheint für die Erklä rung des Selbstoffenba rungs verhaltens in der Netz werköffentlich keit zweckmäßig. Die Selbst wirksam keit wurde bereits in Zusammen hang mit dem Ver halten im Social Web ge bracht (Schenk, Jers & Gölz, 2012; Jers, 2012). Dieses Konstrukt, das auf die sozial kognitive Theorie Banduras (2001) zurück geht, ist dem der wahrgenommenen Ver haltens kontrolle sehr ähnlich, aber nicht völlig deckungs gleich (Ross mann, 2011). Je nach der ge wählten Operationalisie rung be schreiben die Konstrukte sogar identi sche Phänomene. Die Selbst wirksam keit be schreibt das generelle Ver trauen in die eigene Fähig keit, ein be stimmtes Ver halten trotz eventueller Schwierig keiten aus führen zu können, nicht die wahrgenommene Schwierig keit des Ver haltens an sich. Bezogen auf die Themen stel lung der vor liegen den Arbeit, kann die Selbst wirksam keit als Ver trauen in die eigene Fähig keit an gesehen werden, in der Netz werköffentlich keit an gemessen zu agieren. Abbil dung 1 zeigt die drei Komponenten im Zu sam men hang auf. Die drei ab gelei teten Komponenten sind relevant für das Ver halten und er scheinen allesamt ge eignet, die Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen zu er klären. Die Selbstoffenba rung steht jedoch wie in Ab schnitt 2.3.1 ab geleitet in einem Span nungs feld aus wider sprüch lichen Einflüssen. Wir nehmen dabei an, dass in jedem der Bereiche ein Faktor oder eine Gruppe von Faktoren existiert, die das Selbstoffenba rungs verhalten fördern und einer bzw. solche, die es hemmen. Wir haben es jeweils mit konkurrie ren den Einstel lungen und Vor stel lungen sowie Normen und Selbst wirksam keits erwar tungen zu tun, die sich wider sprechen können. Die jeweils konkurrie ren den Einflüsse sind in Abbil dung 2 dargestellt. 7 Die Anwend bar keit der TPB auf den Gegen stand der Privatsphäre im Social Web wird bei Yao (2011) diskutiert. Allerdings wird dort aus schließ lich auf Schutz verhalten, nicht auf Selbstoffenba rung, ab gestellt. 55 Abbil dung 2: Konkurrierende Einfluss dimensionen auf das Selbst darstel lungs verhalten Sehr deut lich wird das Span nungs feld am Beispiel der Normen: Einer seits dürfte jeder Nutzer einer Sozialen Netz werk platt form subjektiv in seinem Umfeld wahrnehmen, in welchem Rahmen es an gebracht ist, online zu parti zipie ren und selbst aktiv Inhalte einzu stellen, um nicht sozial isoliert zu werden und Kontakte pflegen zu können. Anderer seits be stehen auch Normen zur Zurück haltung und zum Schutz der eigenen Privatsphäre. Beispiels weise wäre auch eine Norm dazu denk bar, wie die Privatsphäreop tionen ein gestellt werden sollen und ob auch Personen zu den Kontakten ge hören sollen, die nur flüchtig bekannt sind. So besteht vielleicht für einen jungen Nutzer einer seits ein sozialer Druck, auf Facebook oder einer anderen Platt form präsent zu sein und dort möglichst viel zu kommunizie ren. Anderer seits können der Umfang und der Verhaltensspezifische Vorstellungen und Einstellungen Subjektive Norm Selbstwirksamkeit Selbstoffenbarung auf Sozialen Netzwerkplattformen Verhaltensintention Motive zur Nutzung von SNP Bewusstsein für Risiken Norm zur Nutzung von SNP Norm zum Erhalt der Privatsphäre Social-Web- Selbstwirksamkeit Privatsphäre- Selbstwirksamkeit Selbstoffenbarung auf Sozialen Netzwerkplattformen Vorstellungen Normen Selbstwirksamkeit + – + – – + Abbil dung 1: Einfluss variablen in Anleh nung an das integrierte Ver haltens modell 56 Intimi täts grad der dort ver öffent lichten Inhalte mehr oder weniger an gebracht sein und eine Norm zur Zurück haltung be stehen. Auch die Vor stel lungen in Bezug auf die Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen stehen in Konkurrenz zueinander. Erstens können die Nutzungs motive, mit denen die User die Sozialen Netz werk platt formen ver wenden, als positive Ergebnis erwar tungen in Bezug auf den Nutzen gesehen werden. Motive sind er lernte Gratifika tions erwar tungen, die Nutzer in Bezug auf ihre Partizipa tion haben. Sie geben an, inwiefern die Nutzung der Platt form zur Befriedi gung von Bedürf nissen beiträgt und bilden somit positive Vor stel lungen in Bezug auf den Nutzen. Durch die Zuschrei bung von hohem Nutzen in be stimmten Bereichen könnte daher das Selbstoffenba rungs verhalten ge fördert werden. Zweitens schwingen aber im Hinter grund eventuell die Sorgen und Ängste mit, die die Nutzer sich in Bezug auf ihre OnlinePrivatsphäre und die daraus resultierende Einschrän kung ihrer Autonomie machen. Diese Vor stel lungen hemmen die Selbstoffenba rung unter Umständen. Bei der Selbst wirksam keit ist es ähnlich. Einer seits kann sich diese auf die Fähig keit be ziehen, ein Ver halten aus führen zu können – also beispiels weise auf einer Sozialen Netz werk platt form eine Status meldung posten zu können. Anderer seits kann sich die Selbst wirksam keit auf die Fähig keit be ziehen, die eigene Privatsphäre schützen zu können. Es ist zu er warten, dass beide Selbst wirksam keits erwar tungen in hohem Maße miteinander zusammen hängen, da anzu nehmen ist, dass Personen, die generell ein hohes Ver trauen in ihre Fähig keiten be sitzen, auf beiden spezifi schen Selbst wirksam keits erwar tungen hohe Werte auf weisen. Daher ist zu er warten, dass in dem Modell nur eine der beiden Variablen zur Selbst wirksam keit greifen wird. Weitere Zusammen hänge zwischen allen unabhängi gen Variablen sind zudem anzu nehmen. Wir haben in den vorigen Ab schnitten die Komplexi tät des Themas Privat heit und Öffentlich keit auf Sozialen Netz werk platt formen be leuchtet. Dabei haben wir neben einem Einblick in die Welt der Sozialen Netz werk platt formen und ihrer Ver brei tung (Ab schnitt 2.1) auch die be sondere Bedeu tung auf gezeigt, die sie für Jugend liche und junge Erwachsene haben (Ab schnitt 2.2). Im Anschluss wurde das Konstrukt der Privatsphäre detailliert be schrieben und die be sonde ren Umstände, denen sie im Social Web unter liegt, auf gezeigt. Auch die jungen Nutzer be dürfen der Privat heit, um sich zu ent wickeln und zu ent falten. Netz werköffentlich keiten sind Räume, in denen sie sich mit Peers und Gleich gesinnten „unkontrolliert“ aus tauschen können. Aus diesem Grund sind sehr viele Kinder und Jugend liche auf diesen Platt formen zu finden. Trotz vieler Vor teile, die mit der Nutzung solcher Platt formen assoziiert werden, sind Nachteile und Risiken, die vor allem ein Ver lust der OnlinePrivatsphäre mit sich bringen kann, nicht unerheb lich. In der vor liegen den Studie sollen daher die auf die Privatsphäre be zogenen Einstel lungen und Ver haltens weisen der Jugend lichen und jungen Erwachsenen ein gehend unter sucht werden. 57 Literatur ARD/ZDFOnlinestudie (2011). Ver fügbar unter: www. ardzdfonlinestudie.de/ index. php Acquisti, A. & Gross, R. (2006, June 28–30). Imagined Communities: Awareness, Information Sharing, and Privacy on the Facebook. Privacy Enhancing Technologies Workshop (PET), Cambridge. Adkins, A. M. (2009). Myspace, Facebook, and the Strength of Internet Ties: Online Social Networking and Bridging Social Capital (Dissertation). University of Akron. Ver fügbar unter: etd.ohiolink.edu/etd/sendpdf.cgi/Adkins%20Angela%20 M. pdf?akron1239389919 Ajzen, I. (2005). Attitudes, personality, and behavior (2. Aufl.). Maidenhead, Berkshire, England, New York: Open University Press. Fishbein, M. & Ajzen, I. (2010). Predicting and changing behavior: The reasoned action approach. New York: Psychology Press. 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Im Rahmen unserer Studie soll zunächst aus differenziert werden, welchen Stellen wert Jugend liche und junge Erwachsene der Privatsphäre zuschreiben und inwiefern sie diese als schützens wertes Gut be trachten (kogni tiver Aspekt). Des Weiteren gilt es zu unter suchen, wie das psychologi sche Bedürfnis nach Privatsphäre einer seits und Öffentlich keit anderer seits be schaffen ist (emotionaler Aspekt). Auf dieser Grundlage stellt sich dann die zentrale Frage, was Jugend liche und junge Erwachsene unter „privat“ und „öffent lich“ ver stehen und welche persön lichen Informa tionen in der Folge als eher privat oder öffent lich ein gestuft werden. Die erste Forschungs frage lautet daher: FF1: Welche Bedeu tungs konzepte von Öffentlich keit und Privat heit legen Digital Natives zugrunde? Diese Forschungs frage beinhaltet vor dem Hinter grund des Kontextes auch die Beziehung zwischen Bedeu tungs konzepten von Privat heit und Öffentlich keit einer seits und deren Umset zung in Online und OfflineUmgebun gen anderer seits. Es soll daher auch exploriert werden, wie Jugend liche und junge Erwach sene ihr Ver ständnis von Privat heit und Öffentlich keit in der sozialen Inter aktion mit anderen realisie ren (sozialer Aspekt). Die Besonder heiten in der Konstruk tion von Privat heit und Öffentlich keit durch Digital Natives werden be sonders deut lich, wenn sie mit den Vor stel lungen älterer Genera tionen verg lichen werden können. Junge Nutzer ver wenden Soziale Netz werk platt formen ganz anders als ältere (Boyd, 2008). Sie ver bringen 72 dort insgesamt mehr Zeit und be schäfti gen sich mit Personen aus ihrem sozialen Umfeld, ver ändern ihre Profile häufiger und ver fassen Kommentare. Erwachsene hingegen be treiben eher wirk liches „Networking“. Sie nutzen SocialNetworking Sites, um alte Bekannte wieder zufinden, Geschäfts kontakte zu pflegen oder als Informa tions quelle. Die Heraus forde rungen von OnlineIdenti täten be treffen aber nicht aus schließ lich die Digital Natives. Heute sind sehr viele digitale Informa tionen über jeden ver fügbar, der sich im Social Web bewegt. Auch An gehörige älterer Genera tionen er schaffen OnlineIdenti täten. Auch bei ihnen lassen sich Hand lungs weisen be obachten, die nicht von einem vor sichti gen Umgang mit der eigenen Privatsphäre zeugen. So sind be sonders ältere Menschen ge fährdet, Opfer von OnlineBetrug zu werden (Görgen, 2009) und beim OnlineDating geben Singles jeden Alters intime Details über sich preis (Gibbs, Ellison & Heino, 2006). Im Unter schied zu den Digital Natives er lernen die Digital Immigrants den Umgang mit den neuen Technologien meist nicht beiläufig, sondern durch selbstorganisiertes oder selbst gesteuertes Lernen (Fromme, 2002, S. 159). Die Art, wie Menschen online mit der Privatsphäre umgehen, hängt zum Teil von ihren Fähig keiten ab (Boyd & Hargittai, 2010), die Unter schiede sind aber (auch) durch frühere Erfah rungen aus der OfflineWelt bedingt. Die Digital Immigrants haben strukturell andere Sozialisa tions prozesse hinter sich, die sie zu anderen Formen der Selbst darstel lung und zu einem anderen Konzept von Privat heit und Öffentlich keit ge führt haben können: „youth focus on all that they have to gain when ent ering into public spaces while adults are talking about all that they have to lose“ (Boyd, 2010, Abs. 5). Ab hängig von ihren persön lichen be ruflichen und privaten Erfah rungen und ihrer Expertise im Umgang mit den digitalen Medien reagie ren Menschen also anders auf die Chancen und Risiken des Social Web. Dadurch, dass die Digital Natives mit den digitalen Medien auf gewachsen sind, besteht bei ihnen wahrschein lich ein größeres Ver trauen in die neuen Technologien. Dieser Umstand könnte sich auch auf den Umgang und die Ver öffent lichung von eigenen und fremden personen bezogenen Daten aus wirken: Es er scheint daher plausibel, dass Digital Natives und Digital Immigrants mit anderen Maßstäben be urteilen, was als privat gelten sollte und auf grund dessen anders handeln. Die zweite Forschungs frage be schäftigt sich deshalb damit, ob es einen Unter schied zwischen den Digital Natives und Immigrants gibt: 73 FF2: Wie unter scheiden sich ältere und jüngere Nutzer des Social Web hinsicht lich ihrer Neigung zur Selbstoffenba rung und ihrer Sorge um die Privatsphäre im Social Web? Die zunehmende Integra tion des Internet in den Alltag und die steigende Bedeu tung des Social Web führen dazu, dass immer mehr Personen Inhalte im Netz publizie ren. Vor allem Soziale Netz werk platt formen dienen den Nutzern zur Kontakt aufnahme, pflege und zum Meinungs austausch, mit der Bedin gung, dass persön liche Informa tionen preis gegeben werden. Die Selbstoffen ba rung ist Voraus setzung für die Partizipa tion und soziale Inter aktion auf den Anwen dungen (Buchanan et al., 2007; speziell für das Social Web: Tad dicken, 2010). Wie und in welchem Umfang die Selbstoffenba rung auf den Platt formen statt findet, soll auch in unserer Studie evaluiert werden: FF3: In welchem Maße offen baren sich Jugend liche und junge Erwachsene auf Sozialen Netz werk platt formen? Die Risiken, die online ge speicherte Daten mit sich bringen, haben wir in Teil I bereits er läutert. In der Regel ver bleiben digital gesammelte Daten nicht un genutzt in be liebigen Daten banken: Sie werden be wirtschaftet, Firmen tauschen sie unter Umständen aus. Die Daten be finden sich in unter schied lichen Händen und ihre Nutzung unter liegt unter schied lichen Regeln. Die Ver brei tung und Ver vielfälti gung der Informa tionen ent zieht sich von Anfang an einer Kontrolle, denn die Ent schei dungs gewalt darüber, was mit den Daten geschieht, liegt zumeist beim Daten sammler und nicht beim Nutzer, wenn dieser erst einmal den Nutzungs bestim mungen eines Webangebots zu gestimmt hat. Es konnte bereits auf gezeigt werden, dass Nutzer unter schied lich besorgt sind, was den Schutz ihrer OnlinePrivatsphäre angeht. Erfreu licher weise scheint bei einem großen Teil der jungen User ein Problembewusstsein in Hinblick auf den eigenen Daten schutz vor handen zu sein (Boyd & Hargittai, 2010; Hasebrink & Rohde, 2009). Gerade jüngere Jugend liche zeigen sich jedoch im Umgang mit den Risiken eher un bekümmert (Wagner, Brüggen & Gebel, 2009). Die Konsequenzen der Selbstoffenba rung im Social Web sind eher diffus und ab strakt. Personen, die bisher keine negativen Erfah rungen ge macht haben, fühlen sich im Umgang mit dem Internet sicherer, als solche, die bereits schlechte Erfah rungen ge macht haben (Hasebrink & Rohde, 2009). Für sie ist es schwieri ger, die negativen Folgen ihrer Social WebNutzung abzu schätzen. Die Gefahr, dass Daten über sie systematisch zusammen getragen und aus gewertet werden könnten, wird von den Digital Natives allgemein als eher gering ein geschätzt (Palfrey & Gasser, 2008). Zu den Risiken, die durch eine wirtschaft liche Nutzung der Daten ent stehen, kommen noch zusätz lich diejenigen, die sich durch andere Nutzer ergeben. Denn nicht nur die eigenen personen bezogenen Daten werden auf sozialen Netz werk platt formen ge teilt. Wie in Teil III Ab schnitt 2.4 erwähnt, sind neben der Kommunika tion über 74 das Selbst auch Informa tionen über andere Personen Bestand teile der Online Identität. Häufig handelt es sich um Personen aus dem Umfeld, die Peers, die viel zur Ver brei tung personen bezogener Daten beitragen. Es gibt Hinweise darauf, dass im Social Web von einer Art „MainstreamEffekt“ auszu gehen ist: Die einzelnen User fühlen sich in ihrer Hand lungs weise be stätigt, weil die meisten anderen genauso handeln. Das Ver öffent lichen von fremden Daten ohne vor herige Ab sprache ist eine übliche Praxis, bei der unter Umständen kein Unrechts bewusstsein besteht (vgl. Teil III, Rechts gutachten). Diese Über legungen führen zu folgen den Forschungs fragen: FF4: In welchem Maße machen sich Jugend liche und junge Erwachsene Sorgen um ihre Privatsphäre auf Sozialen Netz werk platt formen? FF5: Über welche Einstel lung zu den Risiken von digitaler Informa tions- freizügig keit mit Blick auf ihre eigenen Persönlich keits rechte und die Persönlich keits rechte Dritter ver fügen junge Menschen? Neben den problemati schen Aspekten des Social Web und den mit der Nutzung ver bundenen Risiken halten wir es für unumgäng lich, den positiven Nutzen in den Blick zu nehmen, der Jugend lichen und jungen Erwachsenen durch Soziale Netz werk platt formen ent stehen kann. Im Sinne des UsesandGratifica tions Ansatzes der Kommunika tions wissen schaft wählen Menschen die Medien angebote aus, die ihre Bedürf nisse am besten er füllen (vgl. Schenk, 2007). Nur, wenn man auch diese Nutzen seite be trachtet, ist es möglich, die Handlun gen auf Sozialen Netz werk platt formen, die häufig auch Risiken mit sich bringen, nach zuvollziehen. Auch bietet das Social Web – wie in Teil I, Ab schnitt 2.2 dargestellt – positives Potenzial für Jugend liche sowohl im Hinblick auf ihre Identi täts entwick lung als auch beispiels weise für die Organisa tion ihres Alltags oder ihre be ruflichen Chancen. Interessant ist hierbei, welche Vor teile des Social Web und welche positiven Folgen der Nutzung die Jugend lichen und jungen Erwachsenen selbst wahrnehmen und erleben. Es sollen daher im Rahmen der Studie eben falls die positiven Folgen der Social WebNutzung aus Sicht der jungen Nutzer in den Blick ge nommen werden: FF6: Welchen Nutzen ziehen Jugend liche und junge Erwachsene aus der (aktiven) Teilhabe an Sozialen Netz werk platt formen? In früheren Studien konnte bereits be obachtet werden, dass eine Diskrepanz zwischen dem Wissen und der Einstel lung zur Privatsphäre auf der einen und der Preis gabe von Informa tionen auf der anderen Seite besteht (Acquisti & Gross, 2006; Blumberg, Möhring & Schneider, 2010). Dieses Phänomen wird als „PrivatsphäreParadoxon“ be zeichnet. In einer früheren Studie zum Zusam men hang von PrivatsphäreEinstel lungen und Selbstoffenba rung im Social Web zeigt sich, dass die Personen, die am aktivsten am Social Web teilhaben, die stärkste Sorge um ihre Privatsphäre zeigen (Schenk, Jers & Gölz, 2012). Selbst 75 jeder zweite Internetnutzer, der angibt, grundsätz lich eine geringe Bereit schaft zur Selbstoffenba rung zu haben, offenbart im Social Web persön liche Informa tionen (vgl. Tad dicken & Schenk, 2010). Diese Diskrepanz zwischen Einstel lungen zur Privatsphäre einer seits und selbstoffenbaren dem Handeln anderer seits ist auf fällig. Es ist daher notwendig, den Zusammen hang zwischen Einstel lungen und Handeln genauer zu unter suchen und insbesondere auch für junge Nutzer zu über prüfen, bei denen dieses Paradox möglicher weise noch stärker aus geprägt ist als bei Internetnutzern im Allgemeinen. In Forschungs frage 7 soll daher unter sucht werden, wie das Wissen und der Stellen wert der Privatsphäre die tatsäch lichen Hand lungs schemata von jungen Nutzern be einflusst: FF7: Welchen Einfluss hat die Sorge um die Privatsphäre auf das Handeln auf Sozialen Netz werk platt formen? Die Sensibilisie rung für die Risiken und die Zuschrei bung von Relevanz sind erste Voraus setzungen für den ver antwor tungs bewussten Umgang mit eigenen und fremden Daten im Social Web. Sie sind notwendig, jedoch ist der Prozess, der zur Ver öffent lichung personen bezogener Daten führt, komplex. Einige Autoren gehen von einer permanenten KostenNutzenAbwägung aus. Die Risiken der öffent lichen Personendaten werden gegen den Nutzen, den die Social WebNutzung bringt, ab gewogen (Blumberg et al., 2010; Palfrey & Gasser, 2008). Ob der Prozess der Selbstoffenba rung tatsäch lich durch Einzel entschei dungen ge steuert wird oder implizit durch Hand lungs schemata geschieht, wurde bisher nicht ge klärt. Ziel unserer Studie ist es heraus zufinden, in welcher Form bei Jugend lichen und jungen Erwachsenen Über legungen zur Privatsphäre bei der Ver öffent lichung von Informa tionen in Sozialen Netz werk platt formen eine Rolle spielen und welche weiteren Variablen, z. B. Persönlich keits merkmale wichtig sind. Gruppen normen sowie Selbst wirksam keits erwar tungen könnten die Nutzungs weisen eben falls be einflussen. FF8: Welche weiteren Variablen be einflussen die Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen? Zur Beantwor tung dieser Forschungs frage soll insbesondere das in Teil I, Kap. 2.3.4 auf gestellte Modell ge prüft werden. Digital Natives ver fügen einer seits über beacht liches Wissen und Kreativi tät im alltäg lichen und „handwerk lichen“ Umgang mit Informa tions und Kommunika tions technologien und sind dabei ihren Eltern und Lehrern oft über legen. Anderer seits ver wenden sie digitale Medien zum großen Teil auch einseitig zu einer spezifi schen Form der Kommunika tion (und nicht etwa zur Artikula tion und inhalt lichen Kollabora tion) und ohne aus geprägte kritische Haltung (vgl. zusammen fassend Schulmeister, 2009). Die neuen – auch hand werk lichen – techni schen Fähig keiten sind notwendig, um in der digitalen Welt 76 im Allgemeinen und im Social Web im Besonde ren be stehen zu können. Weil sich Lehrer und Eltern nicht zwangs läufig aktiv mit dem Social Web auseinan der setzen, können sie diese Welt oft nicht nach vollziehen und treffen dann womög lich Ent schei dungen (in Form von Ver boten und anderen Restrik tionen), deren Konsequenzen sie nicht ab schätzen können. Hinzu kommt, dass An gehö rige der älteren Genera tionen das Social Web vor einem anderen Hinter grund interpretie ren als Jugend liche und junge Erwachsene. „Die Erfah rungen der eigenen Mediensozialisa tion im Kindes und Jugendalter fließen in das auf Medien be zogene er zieheri sche Denken und Handeln ein, ohne dass dieser Zu sammen hang i. d. R. hinreichend reflektiert würde“ (Fromme, 2002, S. 158). Einige Digital Natives sind im Schutz ihrer Privatsphäre wahrschein lich schon ver sierter als ihre Eltern und Lehrer. Viele aber schätzen die Risiken gering oder zumindest anders ein als ältere Genera tionen. Eltern und Lehrer können den Digital Natives auf grund ihrer Lebens erfah rung Denkanstöße mit auf den Weg geben. Ein erster Schritt für Eltern und Lehrer ist es, kluges Handeln vorzu leben. Bisher wissen Eltern und Lehrer jedoch noch nicht, wie sich die Lebens erfah rung in der digitalen Welt anwenden lässt. Hier bietet sich eine Chance für den ge nera tions übergreifen den Dialog: Die gemeinsamen Normen für an gebrachtes Handeln im Social Web müssen die Digital Natives selbst ent wickeln. Sie können jedoch darin unter stützt werden, sich in der Daten flut zurecht zufinden und ihre persön lichen Informa tionen zu schützen. Damit sie in die Lage ver setzt werden, kluge Ent schei dungen zu treffen und ihre Schüler bzw. Kinder anleiten zu können, ist es wichtig, dass sie die digitalen OnlineWelten und die darin herrschen den Normen zu ver stehen lernen. Eltern haus und Schule müssten hier gemeinsam agieren. Es er scheint wenig gewinn bringend, allein den Eltern diese Aufgabe zu über tragen. Gerade „für die Schule gilt, dass [ihr] große Bedeu tung bei der Stärkung des Bewusstseins für Chancen und Risiken im Umgang mit dem Social Web zukommt. Dies gilt es, in Bezug auf medien pädagogi sche Konzepte und Projekte zu be achten“ (PausHasebrink, Wijnen & Brüssel, 2009, S. 206). Daher wird im Rahmen der vor liegen den Arbeit auch der Blick auf die folgende Frage ge lenkt: FF9: Über welches Wissen müssen Eltern, Pädagogen und weitere gesell- schaft liche Ent scheider ver fügen, um junge Menschen adäquat in ihrer digitalen Nutzung zu be gleiten bzw. auf den Ordnungs rahmen einzu wirken? Wenn mehr Klarheit darüber besteht, über welches Wissen Eltern, Pädagogen und weitere gesell schaft liche Ent scheider ver fügen müssen, um junge Menschen adäquat in ihrer digitalen Nutzung zu be gleiten bzw. auf den Ordnungs rahmen einzu wirken, stellt sich die Frage, wie diese Zielgruppen ein solches Wissen er langen und wie sie es im Umgang mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen umsetzen sollen. Ähnlich wie bei jungen Menschen reichen auch bei Erwachse 77 nen bloße Informa tionen für den Erwerb von Wissen oder gar den Aufbau von Kompetenzen in der Regel nicht aus. Insbesondere Eltern und Pädagogen benöti gen Bera tungs und Fortbil dungs angebote, die über eine bloße Rezep tion von Informa tion hinaus gehen. Wie derartige Bera tungs und Fortbil dungs angebote aus sehen könnten, dürfte aber noch einmal deut licher werden, wenn die Frage be antwortet ist, wie man junge Menschen über Daten schutz und Wahrung von Persönlich keits rechten am besten informie ren, auf die damit ver bundenen Heraus forde rungen vor bereiten und ihnen dabei helfen kann, diese Aspekte in ihrem digitalen Handeln auch zu be rücksichti gen. Auch dies er fordert nämlich medien pädagogi sche Kompetenzen, die Eltern und Pädagogen oft erst ent wickeln müssen. Es stellt sich daher die Frage: FF10: Wie kann Medien pädagogik junge Menschen zielgruppen gerecht für Fragen des Daten schutzes und der Wahrung von Persönlich keits- rechten sensibilisie ren? 1.2 Über blick über das Forschungs design Dieses Einfüh rungs kapitel gibt eine kurze Zusammen fassung des Forschungs designs. Detailliertere Informa tionen zur Umset zung können den einzelnen Methoden kapiteln ent nommen werden. Zur Beantwor tung der Forschungs fragen wurde eine Kombina tion aus qualitativen und quantitativen Methoden an gewendet. Die einzelnen Phasen wurden ineinander ver schränkt. Insgesamt gliedert sich das Projekt in vier Studien phasen, von denen je zwei den quali tativen und den quantitativen Methoden der empiri schen Sozialforschung zuzu rechnen sind: – Sekundäranalyse der Daten des DFGProjekts „Die Diffusion der Medien innova tion Web 2.0“ – Qualitative Einzelinterviews mit Jugend lichen – Standardisierte Befra gung und Tracking in der Nutzungs situa tion – Qualitative Experten interviews Eine Zuord nung der im vorigen Ab schnitt auf gestellten Forschungs fragen zu den Erhe bungs schritten bietet Tabelle 2. 78 Tabelle 2: Zuord nung der Forschungs fragen zu den Unter suchungs schritten Qualitative Interviews mit Jugend- lichen Sekundär- analyse Standar- disierte Befra gung mit Tracking Qualitative Interviews mit Experten FF1: Welche Bedeu tungs konzepte von Öffen- tlich keit und Privat heit legen Digital Natives zugrunde? × FF2: Wie unter scheiden sich ältere und jüngere Nutzer des Social Web hinsicht lich ihrer Neigung zur Selbstoffenba rung und ihrer Sorge um die Privatsphäre im Social Web? × FF3: In welchem Maße offen baren sich Jugend- liche und junge Erwachsene auf Sozialen Netz werk platt formen? × × FF4: In welchem Maße machen sich Jugend liche und junge Erwachsene Sorgen um ihre Privatsphäre auf Sozialen Netz werk platt- formen? × × FF5: Über welche Einstel lung zu den Risiken von digitaler Informa tions freizügig keit mit Blick auf ihre eigenen Persönlich keits rechte und die Persönlich keits rechte Dritter ver fügen junge Menschen? × × FF6: Welchen Nutzen ziehen Jugend liche und junge Erwachsene aus der (aktiven) Teil- habe an Sozialen Netz werk platt formen? × × FF7: Welchen Einfluss hat die Sorge um die Privatsphäre auf das Handeln auf Sozialen Netz werk platt formen? × FF8: Welche weiteren Variablen be einflussen die Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk- platt formen? × FF9: Über welches Wissen müssen Eltern, Pädagogen und weitere gesell schaft liche Ent scheider ver fügen, um junge Menschen adäquat in ihrer digitalen Nutzung zu be- gleiten bzw. auf den Ordnungs rahmen einzu wirken? × FF10: Wie kann Medien pädagogik junge Men- schen zielgruppen gerecht für Fragen des Daten schutzes und der Wahrung von Persönlich keits rechten sensibilisie ren? × Zunächst wurde in der ersten Studien phase mit Hilfe einer Sekundäranalyse das unter schied liche Ver halten von jüngeren und älteren Nutzern gegen über gestellt. Die Daten der durch die DFG finanzierten Studie „Die Diffusion der Medien innova tion Web 2.0“ eigneten sich hierzu be sonders gut, da an einer Quoten stichprobe, die die deutsche OnlineBevölke rung ab 14 Jahren ab deckte, Aspekte des Nutzungs verhaltens und der Sorge um die Privatsphäre unter sucht wurden. Die Nutzungs weisen, Nutzungs motive und Sorge um die Privatsphäre der Digital Natives konnten so denen der Digital Immigrants gegen über gestellt werden. 79 Als nächster Unter suchungs schritt er folgten qualitative Einzelinterviews mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen. Zur Beantwor tung der Forschungs frage, die die Bedeu tungs konzepte von Öffentlich keit und Privat heit be trifft, war diese qualitative Vor gehens weise an gebracht, da nicht vom prinzipiell be obacht baren Umgang mit Privat heit und Öffentlich keit (der leichter zu operationalisie ren wäre) auf die Auffas sung von Privat heit und Öffentlich keit geschlossen werden kann. Auch hat man beim Ver halten als Indikator das Problem, dass man vor der Unter suchung mangels Alternativen eine traditio nelle Auf fassung von Privat heit und Öffentlich keit als Defini tion ver wenden müsste. Wenn man dann den Umgang mit der so definierten Privat heit und Öffentlich keit unter sucht, ist es kaum möglich, daraus auf die Auf fassung junger Menschen zu schließen. Folglich muss man an den mentalen Konzepten direkt ansetzen. Das heißt allerdings nicht, dass man diese auch direkt er fragen kann, denn derartige Konzepte lassen sich nicht leicht artikulie ren. Dies gilt vor allem dann, wenn sie implizit wirken, wovon im ge gebenen Fall auszu gehen ist. Man be nötigt also zumindest auch indirekte Fragen, die sehr sorgfältig konzipiert und den jeweili gen Alters gruppen an gepasst werden müssen. Insgesamt wurden 24 Ein zel interviews mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen ge führt. Dabei kamen teilstrukturierte Interviewleit fäden zum Einsatz, in denen aus schließ lich offene Fragen ge stellt wurden. Da bereits theoretisch wie auch empirisch be gründ bare Annahmen be stehen, wurde eine fokussierte Befra gung bevor zugt, die einen Ver gleich der qualitativ er hobenen Daten er möglicht. Die Aus wertung er folgte nach einem reduktiven Ver fahren. Parallel dazu wurde eine standardisierte OnlineUmfrage konzipiert, mit der die Fragestel lungen der qualitativen Interviews mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen quantifiziert wurden. Befragt wurden Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen im Alter zwischen 12 und 24 Jahren. Die Befra gungs teilnehmer wurden über ein OnlineAccessPanel rekrutiert, dabei gab es Quoten vorgaben für Alter, Geschlecht und formale Bildung. Insgesamt besteht die Stichprobe aus 1.301 Nutzern. Im zweiten Teil der standardisierten Erhebung wurde mit Hilfe eines BrowserPlugins an einer Teilstichprobe ein Online Tracking durch geführt, das es er möglichte, während die User auf den interessie ren den Social Networking Sites surften, zusätz liche Befra gungen einzu blen den. Diese Kontext fragebögen wurden auf gerufen, nachdem eine privatsphäre sensitive Handlung durch geführt wurde. Diese Form der OnlineBeobach tung wurde bisher vor allem in der Markt und UsabilityForschung als Methode zur Erforschung der Medien nutzung ein gesetzt, in der Kommunika tions wissen schaft stellt sie eine Innova tion dar. Da OnlineTrackings sehr auf wendig und zudem privatsphäreinvasiv sind, wurde das Tracking nur mit einer Teilstich probe von 199 Teilnehmern durch geführt. Alle Teilnehmer des Trackings hatten zuvor an der standardisierten OnlineBefra gung teilgenommen. Die Kombina tion aus Befra gung und Tracking bietet den Vorteil, dass neben Meinun gen 80 und Einstel lungen auch Handlun gen im Social Web optimal erfasst werden konnten. Um zu explorie ren, über welches Wissen Eltern, Pädagogen und weitere gesell schaft liche Ent scheider als Voraus setzung für adäquates Handeln gegen über Jugend lichen ver fügen sollten, waren erneut qualitative Ver fahren an gezeigt. Es wurden Experten interviews mit Personen, die bereits Erfah rungen etwa in der Informa tion, Beratung und Fortbil dung von Eltern und Pädagogen sowie Erfah rung in der Medienarbeit mit Jugend lichen haben, durch geführt. Insgesamt wurden 13 Einzelinterviews, mit Teilnehmern aus den Domänen Schule (Lehrer), Jugendarbeit (Medien pädagogen) und Medien (Portal betreiber, ContentErsteller) ge führt. 81 Literatur Acquisti, A. & Gross, R. (2006, June 28–30). Imagined Communities: Awareness, Information Sharing, and Privacy on the Facebook: Preproceedings version. 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Konstanz: UVK Ver lags gesell schaft. 83 2 Qualitative Befra gung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen Gabi Reinmann & JanMathis Schnurr unter Mitarbeit von Tamara Ranner, Alexander Florian & Marianne Kamper 2.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens 2.1.1 Qualitative Interviews Bei der Konstruk tion des Interviewleit fadens1, mit dem wir insgesamt 24 Jugend liche und junge Erwachsene befragt haben, haben wir uns inhalt lich zum einen an den Forschungs fragen der Gesamt studie orientiert, zum anderen flossen Erkennt nisse einer sekundären Analyse der Interviews der Vor gänger studie (Schmidt, Hasebrink & PausHasebrink, 2009) ein. Bei der Gestal tung des Leitfadens haben wir uns an folgen den Kriterien orientiert: Erstens sollte die Sicht weise der Interviewten durch die Fragen möglichst wenig be einflusst werden. Zweitens sollte die Besonder heit der Perspektive und Situa tions defini tion der Interviewten so gut es geht er halten bleiben. Drittens sollte zwar ein breites Spektrum an Antworten zu den Forschungs fragen in der Studie ge neriert, die Offen heit für eigene Ideen der Interviewten dabei aber nicht zu stark be einträchtigt werden. Viertens sollten der persön liche Bezugs rahmen der Interviewten und damit die individuellen Lebens umstände und Lebens erfah rungen be rücksichtigt werden. Der Interviewleit faden folgt in dieser Ausrich tung dem ent decken den Ver fahren der Heuristi schen Sozialforschung (Kleining, 1982; Krotz, 2005). Dieser Forschungs typus be schreibt ein regel geleite tes, im besten Fall auch theoriegen erieren des Ver fahren, bei dem Aus sagen von Interviewten erst einzeln be trachtet und an schließend auf Gemeinsam keiten hin analysiert werden. 1 Der Interviewleit faden kann im OnlineAnhang ein gesehen werden, ebenso wie der VorabFragebogen und das Informa tions schreiben für die Eltern. 84 Das Ziel der Interviews bestand darin, mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen ins Gespräch zu kommen, Informa tionen über ihre Ver haltens weisen und Meinun gen einzu holen und darüber hinaus Einblick in das nicht unmittel bar ver fügbare implizite Wissen zu er halten und dieses, soweit es geht, zu explizie ren. Die Heraus forde rung bei der Formulie rung der Interviewfragen bestand ent sprechend darin, diese einer seits präzise zu ge stalten, um unnötige „Daten berge“ zu ver hindern, sie anderer seits auch offen zu lassen, um die Jugend lichen und jungen Erwachsenen zu eigenen Darstel lungs und Sicht weisen zu er muntern. Für die Dauer der Einzelinterviews waren 60 Minuten als Obergrenze an gesetzt. Der Leitfaden gliedert sich dieser Vorgabe folgend in die drei Bereiche Öffentlich keit und Privat heit in OfflineUmgebun gen (ca. 15 Minuten), Nut zungs weise des Internet (ca. 10 Minuten) sowie Öffentlich keit und Privat heit in OnlineUmgebun gen (ca. 25 Minuten). Ein vierter Bereich zielt auf Angaben zum biografi schen Kontext und zur Lebens situa tion der Interviewten (ca. 10 Minuten) ab. 2.1.2 Stichprobe und Erhebung Im Rahmen der Studie wurden 24 Jugend liche und junge Erwachsene interviewt. Die Auswahl der Interviewten zielte auf eine Varia tion der Perspektiven ab. Kriterien waren Alter, Geschlecht, Wohnort im städti schen oder länd lichen Gebiet, Bildungs hintergrund, Geräten utzung beim Zugriff auf Internetange bote und dienste, Gratifika tionen der Internetnut zung sowie ge nutzte Internet angebote und dienste. Angaben zu diesen Daten wurden über einen Vorab Fragebogen erfasst. Die Zusammen stel lung der Stichprobe begann im Februar 2011. Die primären Ansprechpartner hierfür waren leitende Personen in nichtstaat lichen Schulen sowie in Sport vereinen. Ein sekundärer Weg, um Interviewte zu akquirie ren, ver lief über Soziale Netz werk platt formen. Dazu wurden Kontakte von Kontakten aus den Netz werken der Forschergruppe aktiviert. Die er mittelten Personen er hielten Anfragen zur Teilnahme an einem Interview, sofern sie in das Raster der Stichprobe passten. Für das Raster der Stichproben zusammen stel lung wurde aus der Vor gänger studie (Schmidt, Hasebrink & PausHasebrink, 2009) die Eintei lung in vier Alters gruppen über nommen: 12 bis 14 Jahre, 15 bis 17 Jahre, 18 bis 20 Jahre sowie 21 bis 24 Jahre. Differenziert wurde in dem VorabFragebogen ferner nach Bildungs niveau, nach der Internetnut zung bzw. affini tät sowie danach, ob die Interviewten ihrer Aus bildung oder ihrem Beruf in der Stadt (München) 85 oder im Umland (von München) nach gehen. Die folgende Tabelle liefert eine Über sicht über die Zusammen stel lung der Stichprobe2. Tabelle 3: Zusammen stel lung der Stichprobe für die Interviews mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre Geschlecht 4 männ lich 3 männ lich 2 männ lich 3 männ lich 2 weib lich 3 weib lich 4 weib lich 3 weib lich Schule/Aus - bildung/Beruf 2 Gymnasium 2 Gymnasium 2 Gymnasium 2 Hoch schule 2 Realschule 2 Realschule 2 Hoch schule 2 Aus bildung 2 Haupt schule 2 Haupt schule 2 Aus bildung 2 Beruf Netznut zung/ Netzaffini tät 2 gering 0 gering 1 gering 0 gering 3 mittel 4 mittel 2 mittel 3 mittel 1 hoch 2 hoch 3 hoch 3 hoch Stadt/Umland 3 Umland 3 Umland 3 Umland 3 Umland 3 Stadt 3 Stadt 3 Stadt 3 Stadt Die Erziehungs berechtigten von Minderjähri gen wurden vor der Ver ein barung eines Interviews über einen Elternbrief und ge gebenen falls Gespräche über die Ziele der Studie und die konkreten Fragen informiert. Daten schutz hinweise er folgten sowohl zu Beginn als auch am Ende jedes Interviews3. Die Interviews fanden in fast allen Fällen in privaten Wohnräumen der Interviewten statt, in manchen Fällen auch in ruhigen Um gebun gen öffent licher Einrich tungen. Die Situie rung der Interviews an Orten, welche die Interviewten bereits kannten, zielte darauf ab, dass diese sich wohl fühlten. Dies sollte die Offen heit der Interviewsitua tionen erhöhen. Kosten für die Anmie tung von Räumlich keiten ent fielen zugunsten von geringen Kosten für Anfahrten zu den Interviews im Raum München. Die Interviewten er hielten eine kleine Auf wandsentschädi gung in Form eines Gutscheins für einen OnlineHändler. Die Dauer der Interviews betrug zwischen 45 und 70 Minuten. In den meisten Interviews wurde der Zeitrahmen von 60 Minuten aus geschöpft. Der Leitfaden erwies sich als passend für die an gesetzte Zeit. Bei Interviewten, die umfang reiche Reflexionen äußerten, konnte über die Fragen auf der ersten Ebene (im 2 Anzumerken ist an dieser Stelle, dass ursprüng lich jeweils drei weib liche und drei männ liche Interviewte in allen vier Alters gruppen sowie jeweils zwei Nutzer mit geringer, mittle rer und intensiver Netznut zung in allen vier Alters gruppen ge plant waren. Die GenderVertei lung ließ sich aus organisatori schen Gründen nicht ganz so umsetzen; bei der Netznut zung/Netzaffini tät er kannten wir bei der Aus wertung, dass nicht alle Fragebogen angaben sinn voll waren. München und Umland wurden ge wählt, um trotz knapper Ressourcen FacetoFaceGespräche mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen führen zu können. 3 Für jedes Interview wurde bei Minderjähri gen eine Einverständnis erklä rung der Erziehungs berechtigten, von Volljähri gen eine Einwilli gungs erklä rung ein geholt. Erläute rungen zum Daten schutz und deren eventuelle Fragen er folgten in allen Fällen gleich. Über die Ver wertung der Daten im Rahmen von Forschungs zwecken wurden die Interviewten ebenso informiert wie über das späteste Datum der Löschung der digitalen Gesprächs aufzeich nungen und die Möglich keit der Einsicht in die Forschungs ergeb nisse. 86 Leitfaden mit schwarzen Kreisen markiert) ein breites Spektrum von Antworten zu den intendierten Forschungs fragen er mittelt werden. Für Interviewte, die eher knapp antwor teten, standen ge zielte Nach und Folgefragen in aus reichen dem Umfang zur Ver fügung (weiße Kreise). Alle Interviews wurden von demselben wissen schaft lichen Mitarbeiter ge führt. Forschungs relevante Elemente in den Interviewsitua tionen, die über die auf genommenen und trans kribierten Gespräche hinaus gehen (Gesprächs atmo sphäre, Rapport, Gesprächsverlauf, auf fallende Themen etc.), wurden notiert und in der Aus wertung be rücksichtigt. 2.1.3 Aus wertung und Darstel lung In der Interviewstudie mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen war ein Relevanz system aus Kategorien und Kodes durch die Forschungs fragen vor gegeben. Der Interviewleit faden folgte diesem Relevanz system. Die Aus wertung sah daher eine zusammen fassende Inhalts analyse (Mayring, 2000) vor: Theore ti sche Vor arbeiten legen be stimmte Kategorien und Kodes nahe, deren Existenz im Material ge prüft wird. Der Aus wer tungs leit faden be gründet Kategorien und Kodes mit Bezug zu den Forschungs fragen und gibt zudem Beispiele und Vor gehens weisen für die Kodie rung vor, da die Aus wertung von mehreren wissen schaft lichen Mitarbeitern durch geführt wurde. Die Trans kripte der Interviews wurden zunächst mit MAXQDA kodiert. Nach der Kodie rung wurde für jedes Interview eine ca. vier bis sechs seitige zusammen fassende Aus wertung an gefertigt. Diese wiederum bildete die Grundlage für die ab schließende Suche nach Gemeinsam keiten und Unter schieden zwischen den Interviewten. Wir haben bei der Akquise der Stichprobe von 24 Jugend lichen und jungen Erwachsenen zwischen 12 und 24 Jahren darauf ge achtet (siehe oben), dass kein spezieller, vor allem soziodemografi scher Faktor systemati sche Effekte bei unseren Interviews hervor ruft: So haben wir insgesamt be trachtet gleich viele Mädchen und Jungen befragt sowie gleich viele Personen, die eher in städti scher und eher in länd licher Umgebung wohnen. Wir haben alle Schularten (Haupt schule, Realschule, Gymnasium) be rücksichtigt und junge Erwachsene sowohl im Beruf oder in der Berufs ausbil dung als auch im Studium einbezogen. Dies darf aber kein Anlass dafür sein, wie im quantitativen Teil der Studie nach Zusammen hängen zu suchen, denn hierfür ist selbstredend die Stichprobe zu klein. Beim Fest legen des Umfangs der Stichprobe haben wir uns dafür ent schieden, eine Anzahl zu be rücksichti gen, die einen Blick auf ver schiedene Lebens bedin gungen erlaubt. Gleichzeitig be deutet das im Kontext der Ressour cen für diese Studie, dass wir keine 24 biografisch orientierten Einzelfall auswer tungen und systemati schen Fall vergleiche vornehmen konnten. Was die Ergeb nisse der Interviews also leisten können, ist ein Einblick in die Nutzungs weisen, Kennt nisse, Bedürf nisse und Einstel lungen, die man bei Jugend lichen 87 und junge Erwachsenen im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen be obachtet. Dabei besteht die Chance, sowohl Konstanten als auch Individuali tät zu er kennen sowie die Ab hängig keit von persön lichen Lebens bedin gungen exemplarisch zu ver deut lichen. Dieses Ziel hat auch die Darstel lung der Ergeb nisse be einflusst: In einem ersten Schritt wird jeder unserer Interviewpartner in einem Profil kurz vor gestellt. Diese Profile umfassen die Angaben zur Lebens situa tion sowie einen knappen Über blick über die Interviewergeb nisse und machen nicht ganz zwei Drittel der Ergebnis darstel lung aus. In einem zweiten Schritt werden die Interviewergeb nisse über alle Befragten, gruppiert nach den vier Alters gruppen, in Bezug auf Fragen zu Nutzungs mustern, Gratifika tionen, Risikobewusstsein sowie Umgang mit und Einstel lung zu Privat heit und Öffentlich keit zusammen gefasst. Eine Gruppie rung nach Alters gruppen er schien nach den ersten Ana lysen des Daten materials sinn voll, da deut liche Ver ände rungen mit zunehmen dem Alter auf fast allen Aus wer tungs dimensionen zu er kennen sind. Dabei haben wir auf konkrete Quantifizie rungen zugunsten von qualitativen Angaben ver zichtet: Es geht nicht darum, einzelne Aus sagen zu zählen, sondern sie zu einem Bild zusammen zusetzen. Die bei Schritt 2 und 3 ver wendeten Zitate dienen der exemplari schen Ver anschau lichung und nicht dem direkten Beleg einzelner Interpreta tionen. Letzteres hätte den Rahmen der Darstel lungen in diesem Bericht ge sprengt. In einem dritten Schritt (eine Art Aus blick) stellen wir erste Über legungen dazu an, welche Präferenzen uns nach den Interviews mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen auf gefallen sind, und formulie ren auf dieser Basis drei Präferenz dimensionen. Vom Ver such einer Typen bildung haben wir nach Aus wertung der Interviews Abstand ge nommen. Zum einen sind die Persönlich keiten der von uns interviewten Jugend lichen und jungen Erwachsenen so vielschichtig, dass eine Zuord nung zu einem Typus nicht adäquat er scheint. Zum anderen ist die Alters spanne von 12 Jahren zu weit, um über alle Alters gruppen hinweg über haupt sinn voll Typen bilden zu können. 88 2.2 Ergeb nisse 2.2.1 Profile der Jugend lichen/jungen Erwachsenen Jugend liche zwischen 12 und 14 Jahren Robert (12 Jahre) Robert besucht eine Haupt schule in der Stadt. Seine Mutter ist alleinerziehend und schließt derzeit eine Aus bildung im Erziehungs bereich ab; sein Vater arbeitet im Handwerk. Robert hat einen Bruder, der die erste Klasse besucht. Von sich aus weist Robert darauf hin, dass er sich vor einer Lehrerin fürchtet. In der Schule scheint er sich nicht wohl zu fühlen. Besser fühlt er sich, wenn er sich mit seinen Freunden über gemeinsame Interessen aus tauschen kann. Er kennt eine breite Palette von Internetangeboten wie YouTube, Facebook, Lokalisten, Habbo und Skype und nutzt diese oft, um unter haltsame Inhalte zu suchen. Er spricht offen darüber, dass er sich gerne Filme und andere Medien inhalte über ver schiedene Dienste herunter lädt. In seiner Freizeit ist Robert in einem Sport verein aktiv. Sein Traum ist es, später einmal Pilot zu werden. ■■ Früher nutzte Robert die Soziale Netz werk platt form Lokalisten. Kürzlich wechselte er zu Facebook, wo er mit einer über schau baren Anzahl an Freunden, Mitschülern und Ver wandten Kontakt hat und chattet. Teilweise spielt er auch in Facebook zusammen mit anderen. Robert greift zudem auf Skype zurück, um mit Ver wandten im Ausland zu sprechen. ■■ Robert dient das Internet vor allem der Unter haltung (Musik, Video, Spiele), zum Download von Videospielen und ge legent lich zur Informa tions recherche. Soziale Netz werk platt formen und Messenger-Dienste nutzt er zur Kommunika tion. ■■ Robert zeigt in seinem Profil bei Facebook, welchen Sportarten er nach geht und welche Filme er gesehen hat. Über seine Ängste oder Probleme in der Schule schreibt er in Sozialen Netz werk platt formen dagegen nicht. Er hat seinen Namen an gegeben und will noch ein Profil bild einstellen. Privatsphäre-Einstel lungen hat er an scheinend nicht an gepasst. Er will keine Daten über Dritte preis geben, weil er Sorge hat, dass diese es dann auch mit seinen Daten tun. ■■ Was Risiken auf Sozialen Netz werk platt formen oder im Internet generell sind, kann Robert teil weise sagen; teil weise äußert er sich auch wider sprüch lich und wirkt ver unsichert. Welche Informa tionen privat sind und welche nicht, oder was alles zum Privaten gehört, kann Robert nicht genau sagen. Er spricht pein liche Bilder an, die er schon gesehen und selbst nicht ver öffent licht hätte. Dabei äußert er auch Angst vor Sanktionen anderer, wenn er ohne ihr Einverständnis Fotos ver öffent lichen würde. Robert orientiert sich bei der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen in hohem Maße an seinem Freundes kreis, der ihm wichtig ist. Er ist in vieler Hinsicht besorgt, aus geschlossen zu werden, und passt sich in seinem Ver halten den Freunden an. „Meine Freunde haben immer nur über Facebook geredet. Viele haben ge fragt: Bist du in Facebook? Ich sagte nein. Sie sagten: Melde dich an … Das hab ich auch jetzt ge macht.“ 89 Felix (12 Jahre) Felix lebt mit seiner Familie in einiger Ent fernung zur Stadt in einer länd lichen Gegend. Er besucht eine Realschule. Sein Vater ist Mitarbeiter in einem mittelständi schen Unter nehmen, seine Mutter arbeitet in einem Reisebüro. Die Empfeh lung, er solle sich bei den Lokalisten registrie ren, kam aus seinem Freundes kreis. Seine ältere Schwester hat ihm ge zeigt, wie er sich ein eigenes Profil einrichten und sich mit seinen Freunden aus tauschen kann. Beim Interview ist sein letzter Besuch auf der Seite Lokalisten bereits zwei Wochen her. Er sagt, dass er manchmal ver gisst, die Seite aufzu rufen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Im Interview ist Felix eher schüchtern. Er ist Mitglied in zwei Sport vereinen, spielt Fußball und macht Wintersport. Außerdem lernt er Gitarre. ■■ Felix ist ver hältnis mäßig selten im Internet. Er nutzt die Soziale Netz werk platt form Loka- listen, ist dabei aber recht zurück haltend. In Lokalisten hat er nur zu seinen Freunden Kontakt, und zwar aus schließ lich asynchron über die Nachrichten funk tion. ■■ Felix sieht den Nutzen Sozialer Netz werke wie Lokalisten ver halten: Eines seiner wenigen Ziele bei der Nutzung ist, sich mit Freunden zu ver abreden. Er möchte sich jedoch bald bei Lokalisten ab melden, weil viele seiner Freunde zu Facebook ge wechselt sind. ■■ Mit seinen privaten Daten geht Felix auf der Sozialen Netz werk platt form Lokalisten sehr restriktiv um, ver wendet einen ab geänderten Namen und hat kein Profil bild ein gestellt. Er ver öffent licht nur sein Alter. Bei der Nutzung des Netz werks orientiert er sich vor allem an seiner großen Schwester, die bei Lokalisten wie auch Facebook aktiv ist. ■■ Aus mehreren Äußerun gen lässt sich ent nehmen, dass sich Felix vor möglichen Konse- quenzen seiner Internetnut zung fürchtet, etwa dass Einbrecher kommen, wenn er den Wohnort angibt, dass die Polizei vor der Türe steht, wenn im Internet über Delikte kom- muniziert wird oder dass er Geld be zahlen muss, wenn er auf Links klickt, die ihm un bekannt sind. Seine Kompetenzen im Umgang mit sozialen Netz werken sind ein geschränkt. Trotzdem glaubt er nicht, dass er einen weiteren Bera tungs bedarf im Hinblick auf „sichere Internet- nut zung“ hat. ■■ Für Felix fallen sein Wohnort sowie seine Schulleis tungen in einen privaten Bereich, den er nur mit guten Freunden be spricht. Ärger liche An gelegen heiten, wie z. B. Streit mit den Eltern, klärt er im Kreis der Familie und trägt nichts davon nach außen. Felix hat eine eher gering aus geprägte Netzaffini tät und ist äußerst vor sichtig im Umgang mit dem Internet. Im Interview antwortet er sehr knapp und scheint auch hier eher vor sichtig zu sein. Mit dem Wort Privatsphäre kann Felix trotz Nach hakens seitens des Interviewers nichts anfangen. Er hat aber eine Vor stel lung davon, was für ihn privat ist. „Ich find das nicht so gut, weil dann kommt irgendein Hacker, der weiß das dann, wo man wohnt und dann bricht der dann ins Haus ein, wenn niemand da ist oder so etwas.“ 90 Stefanie (12 Jahre) Stefanie besucht das Gymnasium in einem länd lichen Bereich. Das Wohnhaus ihrer Eltern liegt in direkter Nähe ihrer Großeltern. Im Alltag außerhalb der Schule und ihres Freundes- kreises hat sie sehr viel mit ihren Eltern, ihrer jüngeren Schwester und ihren Großeltern zu tun. Beide Eltern sind be rufstätig: der Vater im Handel, die Mutter im Finanzwesen. In ihrer Freizeit übt Stefanie alleine oder mit Freundinnen auf dem Trampolin. Zusätz lich geht sie zwei- oder dreimal in der Woche in ein Leis tungs training. Im Internet informiert sie sich über Trainingstipps und neue Tricks. Sie spielt darüber hinaus Klavier. Das Internet ist für sie die schnellste Möglich keit, bei Langeweile etwas zu tun zu haben. Vor allem Facebook bietet ihr ständig Neuig keiten aus dem Freundes kreis. Ohne das Internet wäre ihr öfter langweilig. ■■ Stefanie greift auf Internet-Angebote von ver schiedenen PCs aus zu oder auch mobil mit einem iPod. Sie nutzt Internetportale, Facebook, Messenger und E-Mails. In der Facebook- Kontakt liste hat sie nur Bekannte, wobei diese auch aus dem weiteren Umfeld kommen können. Die Kommunika tion mit anderen ist ihr wichtig. ■■ Das Internet dient Stefanie zur Unter haltung (Videos oder Spiele), zur Informa tion (etwa für die eigene Sportart) sowie zur Kommunika tion und Kontakt pflege mit ihren Freunden. Sie möchte sich online nicht anders präsentie ren als offline. ■■ Stefanie macht nur wenige Informa tionen über sich öffent lich und diese auch nur für ihre Kontakte. Insbesondere achtet sie darauf, möglichst wenige Bilder zu ver öffent lichen. Sie nutzt Facebook auch, um Beiträge zu kommentie ren oder zu „liken“; zudem ver öffent licht sie ge legent lich Links zu YouTube-Videos oder witzige Einträge von anderen Seiten. Über Dritte gibt sie nur Informa tionen weiter, die sie als un verfäng lich einschätzt. Sie orientiert sich in ihrer Internetnut zung an ihrem Vater und wendet sich daneben bei Fragen an ihre Mitschüler. ■■ Stefanie wird regelmäßig über sicher heits relevantes Ver halten im Internet informiert, vor allem in der Schule. Sie hat ihre Privatsphäre-Einstel lungen an gepasst und ver sucht, sich risikobewusst zu ver halten. Außerdem hat sie schon über prüft, was von ihr ge funden werden kann. Im Umfeld hat sie schon erlebt, dass sich hinter schein bar be kannten Profilen fremde Personen ver bergen können. ■■ Mit dem Begriff Privatsphäre kann Stefanie nicht viel anfangen, aber ihr ist bewusst, was private Informa tionen sind und achtet darauf, diese nur aus gewählten Personen mitzu teilen. Stefanie ist für ihr Alter gut mit digitalen Medien aus gerüstet und ver wendet diese recht ge zielt. Spaß und prakti sche Vor teile sind ihr wichtig, aber sie ist auch gut über Risiken informiert und ver sucht, diese zu ver meiden. Sie gehört zu einigen der wenigen, die die Schule als Quelle für relevante Informa tionen nennen, und fühlt sich gut informiert. „Oft schau ich einfach nur in Facebook, ob es grad was Neues gibt oder so. Und wenn nichts da ist, seh’ ich halt, ah da ist jemand on, oder mich schreibt jemand an, und wenn ich grad Lust habe, dann schreib ich halt zurück …“ 91 Patrick (13 Jahre) Patrick besucht die Unter stufe eines Gymnasiums in der Stadt. Sein Vater ist Geschäfts- mann; seine Mutter arbeitet als Dolmetscherin. Im Internet ist er noch nicht lange aktiv und be schränkt sich auf E-Mail-Kommunika tion und wenige Internet seiten. Sein Interesse gilt vor allem Videospielen. Mit Flugsimulatoren ver bringt er viel Zeit. Bei seiner Internetnut zung orientiert er sich stark an seinen Eltern, die nicht möchten, dass er in seinem Alter schon Soziale Netz werk platt formen nutzt. Im Internet ver bringt er deswegen nicht allzu viel Zeit. In seiner Freizeit interessiert sich Patrick für mehrere Aktivi täten wie Klavier spiel oder Wintersport. Außerdem ist er gerade dabei, Chinesisch zu lernen. Er weist für sein Alter ein hohes Sprachniveau und Refle xions vermögen auf. ■■ Im Internet interessiert sich Patrick für Wikipedia, Flugsimulatoren und Google-Anwen- dungen. Er hat eine eigene E-Mail-Adresse und greift auf das Internet mit seinem eigenen Computer zu. Soziale Netz werk platt formen nutzt er nicht. ■■ Für Patrick besteht der Nutzen des Internet vor allem darin, Informa tionen (z. B. für die Schule) zu suchen und Unter haltung zu finden. Er würde auch gerne Facebook nutzen, weil ein Teil seiner Freunde schon dort ist und er einen ge wissen Gruppen druck spürt. Seine Eltern er lauben ihm das aber noch nicht. ■■ Patrick möchte selbst die Kontrolle darüber be halten, was er von sich wem ver fügbar macht, z. B. ist sein Profil bild bei Google Mail (ein Hubschrauber) nur für seine Kontakte sicht bar. Bei seiner Internetnut zung orientiert er sich an seinen Eltern, die er fragt, bevor er sich bei einer neuen Anwen dung anmeldet. ■■ Trotz der eher geringen Interneterfah rung kennt Patrick die Risiken gut, die es gibt, wenn man zu viel über sich online offen legt. Ihm ist klar, dass z. B. Partybilder auf Facebook zu einem negativen Eindruck bei einem späteren Arbeit geber führen könnten. Seine eigenen Internet kennt nisse reflektiert er kritisch und weiß, dass er noch dazu lernen kann. ■■ Probleme be spricht Patrick vor allem mit seinen Eltern und manchmal auch mit Freunden. Konflikte mit Freunden regelt er persön lich und würde das nicht online machen. Die Kontrolle über seine Daten im Internet ist ihm wichtig. Aus dem Grund ver wendet er z. B. auf Spiele- Portalen eine anonymisierte E-Mail-Adresse. Patrick ist einer seits als wenig er fahrener Internet-Nutzer einzu schätzen, zeigt sich aber dennoch sehr risikobewusst. Bei seiner Internetnut zung orientiert er sich stark an seinen Eltern und richtet sich nach deren Vor gaben. Deswegen ist er auch auf Sozialen Netz werk- platt formen (noch) nicht unter wegs. Er ist spielebegeistert und greift in diesem Zusammen- hang auch auf das Internet zurück, ver hält sich dabei aber sehr vor sichtig. Insgesamt ver bringt er ver gleichs weise wenig Zeit im Internet. Seine zahl reichen Hobbys und Aktivi- täten haben in seinem Alltag eine höhere Bedeu tung. „Die meinen halt, wenn ich noch so zwei, drei Jahre älter bin, dann würden sie mich da hinlassen, weil ich dann vielleicht noch besser damit umgehen könnte, weil ich jetzt ja noch ein bisschen jung wäre und nicht gut mit meinen Daten vielleicht umgehen könnte.“ 92 Florian (14 Jahre) Florian besucht eine Realschule in der Stadt. Die meisten seiner Freunde hat er in der Schule kennen gelernt. Seine Eltern sind geschieden. Florian wohnt bei der Mutter. An jedem zweiten Wochen ende besucht er seinen Vater. Außerdem kümmern sich seine Großeltern um ihn. Sein Vater arbeitet im Energiebereich, seine Mutter in der Tourismus branche. Florian geht aktiv zwei Sportarten nach. Er kennt sich nach eigener Einschät zung gut mit Computern aus und be geistert sich für Videospiele. Mit Freunden tauscht er sich darüber hinaus gerne über aktuelle Mode und digitale Spiele aus. Er sagt von sich, er sei ein sehr guter Koch und möchte sich – so seine derzeitige Idee – von einem kleinen Hilfs koch zum Chefkoch hocharbeiten. ■■ Im Internet nutzt Florian vor allem Facebook und YouTube. Über Facebook tauscht er sich vor rangig mit seinen Freunden aus. Er nimmt dort auch Anfragen von Personen an, die er bislang nicht kannte. Er ver sucht, sich vorher über die Profilinforma tionen ein Bild von den Anfragen den zu machen. ■■ Der primäre Gewinn von Facebook besteht für Florian darin, mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben, die eben falls alle Facebook nutzen. Dort kann er sich über seine Kontakte genauer informie ren, mit ihnen Ver abre dungen treffen und ihnen von seinen Erleb- nissen be richten. ■■ Florian gibt in Facebook seinen Namen an und be richtet offen von seinen Hobbys und Interessen. Er ver meidet es aber, seine Kontakt daten, pein liche Informa tionen oder Fotos von sich, aber auch von anderen, dort einzu stellen. Sein Profil ist für Personen, die nicht in seiner Kontakt liste sind, nicht einseh bar. ■■ Spezifi sche Sorgen in Bezug auf Daten schutz macht sich Florian tendenziell nicht. Er kann aber sagen, was er im Internet nicht machen würde, weil es anderen schaden könnte, z. B. zu lästern oder pein liche Fotos von anderen zu ver öffent lichen. Außerdem findet er es nicht gut, wenn Lehrer auf sein Profil zugreifen können oder Firmen für Werbung seine Daten abrufen. ■■ Private Dinge wie Sorgen, Probleme oder Gefühle ge hören für Florian nicht ins Internet. Sport oder Partys sind für ihn allerdings nichts, was er geheim halten möchte. Wenn andere auf Facebook falsche Angaben machen, vor allem beim Namen, findet er das nicht gut, weil er wissen möchte, mit wem er es zu tun hat. Florian ist als durch schnitt licher Internetnutzer einzu stufen, der vor allem Facebook gerne nutzt, um mit Freunden, die auch weiter weg wohnen, in Kontakt zu bleiben. Er macht in Facebook einige Daten von sich öffent lich (Name, Hobbys, Fotos), schützt aber sein Profil, indem nur be stätigte Kontakte Zugriff auf seine Daten er halten. Eine be sonders kritische Haltung zum Umgang mit eigenen Daten im Internet legt Florian nicht an den Tag. Seiner Meinung nach gibt es Dinge, die jeder über ihn wissen kann. Anderes dagegen, z. B. pein- liche Fotos, die in Facebook ein gestellt werden, sieht er kritisch. „Ich schau mir die Bilder an, da erfährt man so den ersten Eindruck. Dann schau ich auch noch mal die Info nach, welche Interessen haben die, was machen die so. Darüber erfahr ich sehr viel.“ 93 Anna (14 Jahre) Anna besucht eine Haupt schule im länd lichen Raum. Da beide Eltern be rufstätig sind, ver- sorgt sie sich nach der Schule zu Hause meistens selbst. Ihr Vater arbeitet in einem Hotel, die Mutter ist Ver käuferin. Sie hat einen Bruder, der in einer Fabrik arbeitet. In ihrer Freizeit trifft sich Anna mit Freunden und Bekannten. Früher waren ein paar Sportarten ihr Hobby; das ist derzeit nicht mehr so. Weitere Hobbys nennt sie nicht. Anna glaubt, dass andere über sie denken, sie würde ziem lich viel Zeit in ihrem Zimmer ver bringen. Die Nutzung des Internet zum Aus tausch im Freundes kreis und zur Unter haltung nimmt in ihrem Alltag eine wichtige Rolle ein. Nach dem Schulabschluss möchte sie eine Aus bildung als pharma- zeutisch-techni sche Assistentin machen. ■■ Anna ist in Facebook und in einer lokalen Sozialen Netz werk platt form registriert, nutzt Skype und YouTube. Sie geht mehrmals täglich online und hat in Sozialen Netz werken auch Freunde, die sie nur über einen Nachrichten austausch kennen gelernt hat. ■■ Soziale Netz werk platt formen dienen Anna vor allem dazu, mit all ihren Bekannten jederzeit in Kontakt treten zu können und über Neuig keiten wie Ver anstal tungen oder Erleb nisse ihrer Freundinnen informiert zu werden. Zudem sieht sie den Vorteil, Konflikte besser mit Hilfe dieser Dienste als persön lich lösen zu können. ■■ Anna hat auf den Netz werk platt formen ihren Namen, Hobbys sowie ein Profil bild öffent- lich ge macht – weitere Informa tionen wie Geburts tag, Wohnort und Telefon nummer, Schul- noten und An gelegen heiten ihrer Familie sind für sie privat. Einen öffent lich sicht baren Aus tausch im Netz werk pflegt sie zu Themen wie Musik, Film, Serien, sofern sie sicher ist, mit ihren Vor lieben nicht alleine dazu stehen. ■■ Vor unerwünschten Kontaktanfragen hat Anna keine Angst: Sie kontrolliert die Daten von Personen, die sie kontaktie ren und erkennt auf diesem Wege auch Fake-Accounts, deren Anfragen sie dann ignoriert. Dass Freundinnen pein liche Videos auf Facebook zeigen, findet sie lustig, geht aber selbst vor sichtig damit um: Familie und Ver wandte könnten darauf zugreifen. Sind Informa tionen von ihr ohne ihr Einverständnis öffent lich, so sorgt sie dafür, dass diese ge löscht werden. ■■ Familiäre An gelegen heiten und Beziehungs fragen sind für Anna private Themen. Sie hat ein aus geklügeltes System, mit wem sie über welche Themen spricht: mit Eltern über den Schulabschluss, aber nicht das Wochen ende; mit besten Freundinnen über Wochen end- aktivi täten, aber nicht über Probleme ihrer Familie und so weiter. Für Anna sind das Internet und speziell Soziale Netz werk platt formen ein sehr wichti ges Medium, um sich mit Freunden offen auszu tauschen. Durch die Mitglied schaft im Netz werk fühlt sie sich sozial ein gebunden und präsentiert sich dort ihrer Meinung nach weniger schüchtern als real. Sie geht relativ offen, aber auch „ab gestuft“ mit ihren Daten im Internet um. Auf un gewollte Kontaktanfragen reagiert sie selbst bewusst. „Ja, also im Internet schreibt man halt offener so … – da muss man halt nicht jemandem ins Gesicht sehen, wenn man mit dem reden will oder so und irgendeinen Streit auf klären will.“ 94 Jugend liche zwischen 15 und 17 Jahren Jonas (15 Jahre) Jonas besucht ein Gymnasium in der Stadt. Er lebt zusammen mit seinen Eltern und zwei jüngeren Geschwistern in einem Vorort. Sein Vater arbeitet in einer staat lichen Einrich tung. Seine Mutter ist freiberuf lich tätig. Jonas gibt an, er habe nach einem Umzug Schwierig- keiten damit gehabt, neue Freunde zu finden. Er be schäftigt sich in seiner Freizeit mit einer Vielzahl von Spielen, die er alleine oder in seinem kleinen Freundes kreis spielt: Strategiespiele, Karten spiele, Offline- oder Online-Videospiele. Im Internet nutzt er vor allem An gebote aus dem Bereich des Online-Gaming. Für diese be nötigt er selten mehr Angaben als ein Pseudonym und eine E-Mail-Adresse. Umfang reiche Profile hat er im Internet nicht. Über Soziale Netz werk platt formen tauscht sich Jonas mit seinen Freunden kaum aus. Nach dem Abitur möchte er Chemie oder Informatik studie ren. ■■ Jonas ist nicht täglich im Netz aktiv, unter anderem, weil ihm das die Eltern mit dem Ziel ver bieten, dass er sich besser in der Schule konzentrie ren soll. Er hat einen Laptop und einen Desktop-Rechner und nutzt diese Geräte vor rangig zum Spielen. Skype ver wendet er ab und zu zur Kommunika tion, um mit seinen Freunden Kontakt zu halten. ■■ Soziale Netz werk platt formen ver wendet Jonas kaum und inzwischen so gut wie gar nicht mehr. Der einzige mögliche Nutzen, den er sieht, besteht darin, sich bei Social Games auf Facebook unter einander zu helfen. ■■ Entsprechend hat Jonas auf Facebook wenige persön liche Daten von sich ein gestellt: nämlich nur den Namen und das Geburts datum. Bei Online-Spielen ver wendet er Pseudo- nyme. Fotos möchte er nicht von sich ver öffent lichen. ■■ Ob er in Facebook schon einmal Privatsphäre-Einstel lungen vor genommen hat, kann Jonas nicht sagen. Da er Soziale Netz werk platt formen kaum nutzt und nur wenige Daten ein gegeben hat, sieht er keinen Anlass, sich darüber Gedanken zu machen. Speziell mit Bank daten ist er vor sichtig, weil er durch aus Betrüger im Netz ver mutet. ■■ Privat sind für Jonas vor allem das Familien leben und Sorgen rund um die Schule. Aber auch die eigenen Einkäufe sind etwas, was er nicht mit anderen teilen möchte. Welche Interessen er hat, dürfen andere dagegen von ihm wissen. Jonas Beispiel im Umgang mit dem Internet zeigt, dass es auch Jugend liche gibt, die kein Interesse an Sozialen Netz werken haben. Der Grund hierfür scheint darin zu liegen, dass er nur wenige Freunde hat, mit denen er sich ver netzen kann. Für das Interessens gebiet Spiel sind andere Internetanwen dungen wichti ger; Selbst darstel lung und Kommunika tion spielen dabei keine nennens werte Rolle. Ent sprechend gering ist Jonas Wissen und Risikobewusstsein in punkto Soziale Netz werk platt formen. „Es ist mir relativ egal, was Leute, die ich nicht kenne, von mir denken, weil die mich wahrschein lich auch nicht kennen. Höchstens übers Internet und dann dürfen sie ruhig denken, was sie wollen. Meine Freunde, die sehe ich ja mehr oder weniger auf täglicher Basis dann, die wissen ja sowieso, dass ich anders bin, wie’s vielleicht rüberkommt im Internet.“ 95 Sarah (15 Jahre) Sarah besucht eine Haupt schule in der Stadt. Sie ist Einzel kind und wohnt zusammen mit ihren Eltern in einem ge hobenen Viertel im innerstädti schen Bereich. Ihr Vater arbeitet in einem inter nationalen Groß konzern, ihre Mutter ist Haus frau. Nach mehreren Umzügen innerhalb von Deutschland ist ihr Freundes kreis über das Bundes gebiet ver teilt. Sarah investiert viel Zeit, um frühere Freund schaften mittels Sozialer Netz werk platt formen zu halten. Neue Freund schaften knüpfte sie nach eigenem Empfinden mühe los am jeweils neuen Wohnort ihrer Familie. Soziale Netz werk platt formen empfindet sie dabei als Erleichte- rung. Mit Freunden ver bringt sie viel Zeit in der Stadt und beim Einkaufen. Sie nimmt sich als beliebt wahr. Sie möchte in der nächsten Zeit möglichst am selben Ort wohnen. Wenn es in der Schule gut läuft, möchte sie auf eine weiter führende Schule. ■■ Sarah ist es ge wohnt, mit ihrem Smartphone immer im Internet zu sein. Dass ihr in der Schule die Nutzung des Geräts für die Dauer des Unter richts ver wehrt wird, empfindet sie als autoritären Eingriff in ihren Hand lungs spiel raum. ■■ Facebook gibt Sarah die Möglich keit, Personen, mit denen sie das erste Mal zu tun hatte, leichter kennen zulernen als durch persön liche Gespräche. Nach Umzügen ist Facebook für Sarah eine einfache Möglich keit, neuen Klassen kameraden Einblicke zu geben, wer sie ist und was sie macht. Facebook ist für Sarah außerdem ein Kommunika tions raum, in dem sie von Lehrern und Eltern unabhängig ist. ■■ Sarah hat einmal die Daten schutz einstel lungen in Facebook so geändert, dass nur ihre Freunde auf ihre Beiträge zugreifen können. Telefon nummern, E-Mail-Adressen und alle anderen Daten macht sie ihren Freunden zugäng lich. Sarah schreibt gerne Beiträge über andere oder nimmt an Umfragen über andere teil. Wenn sie Fotos von anderen ver öffent- licht, fragt sie nicht nach, ob die ab gebildeten Personen damit einverstanden sind. Sarah schreibt in ihrer Pinnwand bei Facebook über alles, was sie in ihrem Alltag be schäftigt. ■■ Sarahs Risikobewusstsein ist gering aus geprägt. Wie sich der Anbieter Facebook finanziert, weiß sie nicht. Sie hat noch nicht darüber nach gedacht, wie ihre Daten ver arbeitet werden. Mit den Einstel lungen für den Daten schutz hat sie sich bisher kaum be schäftigt. ■■ Sarah hat ein aus geprägtes Bedürfnis nach Privat heit außerhalb der Kontrolle von Autori- täts figuren. Es gibt Themen, die sie nur mit Freunden be spricht; der Raum dafür ist Facebook. Als privat empfindet sie aber auch das Zuhause, in dem sie wohnt. Dort gibt es Themen, die sie nur mit ihrer Familie be spricht. Facebook ist für Sarah ein sehr wichti ger und eigenständi ger Kommunika tions raum, in dem sie sich von Erwachsenen unabhängig fühlt. Sie ist wenig risikobewusst und macht sich wenig Gedanken über die Sicher heit in Sozialen Netz werk platt formen. „Ich find’s gut, wenn meine Lehrer oder meine Eltern nicht mitlesen können, was ich auf Facebook so schreibe. Ich würde da sonst nicht so viel schreiben und ich will nicht, dass die mich da aus spionie ren.“ 96 Julia (15 Jahre) Julia besucht eine Realschule in der Stadt. Sie wohnt zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder in einer Reihen haussied lung. Ihre Mutter ist im Pflegebereich tätig. Ihr Vater hat eine kaufmänni sche Aus bildung, ist aber momentan ohne Arbeits stelle. Julia empfindet sich in der Klassen gemein schaft als eher isoliert und ärgert sich über das Ver halten ihrer Klassen- kameraden, die sie häufig als kindisch wahrnimmt. Auf der einen Seite fühlt sich Julia ihnen über legen, auf der anderen Seite be drücken sie die Probleme im Umgang mit anderen offen bar. Ihre Internetnut zung ist analog zum Ver hältnis zu ihren Mitschülern: Sie ver wendet nur wenig Zeit darauf, sich mit Personen aus ihrem Schulalltag über Soziale Netz werk platt- formen zu ver netzen. Die Beiträge ihrer Peers findet sie wenig interessant. Sie hat Berufs- wünsche wie Archäologin oder Rechts anwältin. Wenn ihre Noten gut genug sind, möchte sie das Abitur nach holen und studie ren. ■■ Julia ver sucht, jeden Tag online zu gehen, aber nur kurz, um E-Mails zu ver schicken und in Facebook nach neuen Nachrichten zu sehen. Am Computer zu sitzen, findet sie eher langweilig. Bei Facebook nimmt sie nur Kontaktanfragen von Personen an, die sie schon einmal persön lich ge troffen hat. ■■ Soziale Netz werkseiten sind für Julia vor allem dazu da, um mit Freunden und Mitschülern Kontakt zu halten. Dazu wurde ihr auch geraten. Sie hat in Facebook weniger als 40 Kontakte. ■■ Julia geht mit ihren Daten im Internet sehr vor sichtig um und macht kaum etwas über sich öffent lich – keine Fotos und keinen vollen Namen. Sie diskutiert auch keine Themen mit anderen online, wenn die Beiträge für andere sicht bar sind. Wenn andere falsche Angaben im Internet machen, stört es sie nicht. Dass Fotos von ihr ohne ihr Wissen online sind, möchte sie möglichst ver hindern. ■■ Julia schildert von sich aus zahl reiche Risiken im Umgang mit Sozialen Netz werk platt- formen, die sie insbesondere aus dem Fernsehen kennt, aber auch durch Eltern und Lehrer er fahren hat. ■■ Privat sind für Julia persön liche oder familiäre Probleme, die sie nur mit Personen be- spricht, die ihr sehr nahe stehen. Solche Dinge ge hören für sie nicht ins Internet. Julia will zudem keinen Kontakt mit fremden Personen in Netz werken und lehnt es ab, dass man Informa tionen über sie im Internet findet. Julia ist eher unerfahren im Umgang mit dem Internet, weil sie darauf ver gleichs weise wenig Zeit ver wendet. Sie findet es nicht gut, wenn andere viel Zeit im Internet ver bringen. Sie ist wegen ver schiedener Gefahren im Internet (Daten klau, Mobbing etc.), die sie kennt, be- unruhigt. Sie be zeichnet sich selbst als anders im Ver gleich zu anderen, be urteilt das aber ambivalent. Die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen ist für sie eher ein soziales „Muss“ und weniger ein An gebot, das sie persön lich schätzt. „Ich hab immer allgemein Angst, wenn ich was an klicke, dass irgendwas dann gleich passie ren kann. Ent weder ich frage meinen Bruder oder meinen Vater oder meine Freundin. Also die eigent lich mehr Ahnung haben.“ 97 Martin (16 Jahre) Martin besucht eine Haupt schule im länd lichen Raum. Er be zeichnet sich selbst als lusti gen Menschen, der manchmal ein wenig unzu verlässig sein kann. In seiner Freizeit trifft er sich mit Freunden, spielt Videospiele oder liest im Internet aktuelle Meldun gen. Soziale Netz- werk platt formen sind ein täglicher Begleiter. Er ist sehr an Sport themen interessiert und selbst sport lich aktiv. Zusammen mit seinem Vater be geistert er sich für Rennsport. Martin gibt an, sich früher zu dick ge funden zu haben. Außerdem macht er sich Gedanken darüber, dass er am Gymnasium gescheitert ist, das er früher besucht hat. Er möchte jetzt seinen Schulabschluss ziel strebiger ver folgen und eventuell sogar studie ren, um später Sport- journa list werden zu können. ■■ Martin nutzt täglich Facebook und eine lokale Netz werk platt form. Zudem besucht er Internet seiten, die sein Sport-Interesse be dienen. In seinen Kontakt listen gibt es viele Personen, die er nicht persön lich, sondern nur vom Namen her oder nur über die Platt form kennt. Mit Kontaktanfragen geht er kulant um und nimmt sie meistens an. ■■ Soziale Netz werk platt formen nutzt Martin vor allem, um sich mit anderen zu ver abreden, sich über andere zu informie ren und sich auszu tauschen. Er ver wendet auch Status meldun- gen, um sich über spannende Erleb nisse zu äußern und Meinun gen zu ver treten, mit denen er bei seinen Freunden durch aus aneckt oder in Streit gerät. ■■ Martin unter scheidet bei privaten Daten zwischen Freunden, die sein Profil sehen können, und anderen Netz werknutzern, mit denen er nicht be freundet ist. Freunde informiert er in Facebook über Beziehungs status, Interessen und Alltags erleb nisse, Außen stehende dagegen nicht. Das einzige, was er nicht im Netz angibt, ist sein Wohnort. Sensible Informa tionen anderer, wie z. B. Ärger mit Freundinnen oder Erleb nisse, die mit Drogen zu tun haben, gibt er grundsätz lich nicht weiter. ■■ Vor Recherchen nach seiner Person hat Martin keine Angst, weil er aus seiner Sicht keine problemati schen Beiträge ver öffent licht. Bei seinen Mitschülerinnen sieht er die Gefahr, dass sie Opfer von Kontakt aufforde rungen älterer Männer werden, weiß aber auch um Hilfen bei solchen Problemen (z. B. Meldung an Netz werk betreiber). ■■ Privat sind für Martin familiäre und Beziehungs angelegen heiten, aber auch sein Schul- abstieg vom Gymnasium. Sein Wohnraum zu Hause sowie die sexuelle Beziehung zu seiner Freundin sind für ihn eben falls privat. Martin gibt sehr offen Aus kunft darüber, wie er Soziale Netz werk platt formen nutzt. Auch im Internet äußert er sich offen und begibt sich schon mal in hitzige Diskussionen. Die Konsequenzen seiner Ver öffent lichungen (auch Schimpfwörter; sich über andere lustig machen usw.) sind ihm teils bewusst, teils äußert er sich hierzu aber auch wider sprüch lich. „Ja so wenn ich auf Fotos markiert bin, auf denen dann – also ich lieber nicht drauf [bin], auf denen meine ganzen Freunde dann rauchen und stehen mit der Kippe herum und der Bierfla sche …, – dann mache ich die Markie rung weg.“ 98 Bastian (16 Jahre) Bastian besucht eine Realschule im länd lichen Raum. Nach der Grundschule wechselte er zunächst in die Haupt schule; später be suchte er ein Gymnasium und zuletzt wechselte er auf die Realschule. Seine Eltern leben ge trennt; beide sind im Handwerk tätig. Sein Bruder studiert. Seine Haupt bezugs gruppe in der Freizeit sind Freunde aus seinem Fußball verein und weitere Fußball begeisterte aus anderen Städten. Er interessiert sich für Graffiti-Kunst und möchte nach dem Schulabschluss eine Aus bildung zum Produk tions designer oder zum Medien gestalter be ginnen. Bastian nutzt seit mehreren Jahren eine lokale soziale Netz werk platt form, ver lagert seine Aktivität in letzter Zeit aber zu Facebook. Er informiert sich darin vor allem über Trainingstermine seiner Fußball gruppe. ■■ Bastian ist in Facebook und einer lokalen Netz werk platt form registriert und greift auf diese täglich am Nachmittag und abends zu. Er hat nur Personen in seinen Kontakt listen, die er persön lich kennt und sympathisch findet. ■■ In Sozialen Netz werken hat sich Bastian auf Ratschlag seiner Freunde registriert. In- zwischen schätzt er dort vor allem die Möglich keit, sich per Nachrichten auszu tauschen. Zudem informiert er sich in Facebook z. B. über Sport-Termine. ■■ Bastian ver öffent licht Informa tionen zu seinen Interessen (z. B. Musik) und Hobbys, sowie sein Alter und seine aktuelle Schule. Bei Fotos von Partys ist er dagegen vor sichtig. Informa- tionen über seine Freunde, z. B. zu ihren Aktivi täten oder privaten An gelegen heiten, würde er nicht un gefragt weiter geben. An ihnen orientiert er sich auch, wenn er Fragen zur Nutzung von Facebook hat. ■■ Dass andere Personen nach seinem Profil recherchie ren können, ist Bastian bewusst und er trifft daher auch Vor kehrungen: Zum einen achtet er darauf, dass seine Postings un verfäng lich sind; zum anderen ist er Mitglied in der Gruppe „Achtung, Facebook“, in der Diskussionen zum Daten schutz ge führt werden. ■■ Zur Privatsphäre ge hören für Bastian Informa tionen darüber, wo er wohnt oder sich gerade aufhält, die Beziehung zu seiner Freundin sowie schuli sche und familiäre An gelegen heiten. Diese persön lichen Informa tionen teilt er nur unter besten Freunden. In Facebook nutzt er einen Spitz namen, um vor rangig mit guten Freunden, die ihn und seinen Spitz namen kennen, Kontakt zu pflegen. Bastian zeigt im Interview, dass er sich Gedanken zur Nutzung von Sozialen Netz werk- platt formen macht: Er ver gleicht ver schiedene Dienste und passt auch sein Profil an die unter schied lichen Daten schutz einstel lungen der beiden Netz werke an, die er ver wendet. Seine Mitglied schaft in einer Gruppe zum Daten schutz bei Facebook zeigt, dass er für Fragen der Privatsphäre und Sicher heit von Daten im Internet sensibilisiert ist. „Ja, also, ich finde, dass man nicht sein ganzes Leben auf Facebook posten muss, wo man immer ist oder so. Ja, und wie’s einem geht. Da gibt’s schon so Leute, die machen das.“ 99 Lisa (17 Jahre) Lisa besucht die Oberstufe eines Gymnasiums in einem Stadt vorort. Ihr Vater arbeitet in der Technik branche, ihre Mutter im Medizinbereich. Im Haus der Familie wohnen außerdem zwei Brüder. Sie greift auf das Internet hauptsäch lich mit einem Desktop-Rechner in ihrem eigenen Zimmer zu. Sie besitzt zwar ein Smartphone, ver fügt aber nicht über einen Ver trag, der ihr damit einen Zugang zum Internet er möglicht. Damit sie schnell auf neue Nachrichten aus ihrem weit ver zweigten Bekannten kreis reagie ren kann, ist Lisa zu Hause ständig im Internet, auch wenn sie sich gerade mit anderen Dingen be schäftigt. Zu ihren Aktivi täten gehört ihre Arbeit als Schüler sprecherin. Sie geht in Ver einen mehreren Sportarten nach und spielt Klavier. Sie hat vielseitige Hobbys und einen breiten Bekannten kreis. Sie hat noch keine Ziele für die Zeit nach der Schule. ■■ Lisa ist zu Hause stets online, nicht aber unter wegs. Soziale Netz werk platt formen spielen eine große Rolle für sie, um immer er reich bar zu sein. Sie nutzt vor allem Facebook, den Internet-Messenger ICQ und den Webmailer Web. de. ■■ Sie schätzt an den Sozialen Netz werk platt formen die Integra tion von ver schiedenen Kommunika tions werkzeugen, mit denen sie die Form der Kommunika tion an ihre Anforde- rungen anpassen kann: z. B. längere Texte an einzelne Personen über persön liche Nach- richten, schnelle Fragen und Antworten über den Chat, dauer hafte Darstel lungen von Erfolgen (z. B. sport licher Art) und interessante Themen aus ihrem Bekannten kreis über die Pinnwand. ■■ Für Lisa sind in Facebook vor allem Kommunika tions werkzeuge wichtig. Daher ist sie nicht sonder lich interessiert daran, viel von sich zu zeigen. Sie möchte nicht, dass andere Personen detaillierte Angaben über sie finden. ■■ In ihrer Art der Nutzung sieht Lisa wenig Grund zur Besorgnis in Sachen Daten schutz und Privatsphäre. Sie glaubt, über Risiken gut informiert zu sein, und kann auch konkret be nennen, welche Daten sie wem zeigt. Eine ge wisse Orientie rung scheint ihr hier ihr Vater zu geben. Lehrern traut Lisa nicht zu, Jugend liche für sichere Nutzungs weisen sensibilisie- ren zu können, da zu ihnen ein Ver trauens verhältnis fehle. ■■ Lisa möchte nicht den Eindruck er wecken, jemand zu sein, der viel Zeit in das eigene Profil steckt, so dass man meinen könnte, man habe keine anderen Interessen. Interessen hat Lisa nämlich viele. Allerdings ist sie auch der Ansicht, Angaben wie der echte Name oder ein echtes Bild seien er forder lich, um ge funden zu werden und kommunizie ren zu können. Das solle aber jeder selbst ent scheiden. Lisa ist viel im Internet und möchte sich dort vor allem mit anderen aus tauschen, auch über ihre Interessen und Freizeitaktivi täten, die breit ge streut sind. Der schnelle Aus tausch mit ge zielt einsetz baren Werkzeugen steht bei ihrer Nutzungs weise im Vordergrund. Damit sie schnell auf neue Nachrichten reagie ren kann, ist sie zuhause ständig im Internet, auch wenn sie sich gerade mit anderen Dingen be schäftigt. „Ich mache nicht so viele Angaben. Es ist mir eigent lich schon wichtig, dass ich eben nicht so rüberkomme, als hätte ich kein Leben und müsste alles da an geben im Internet.“ 100 Jugend liche zwischen 18 und 20 Jahren Johanna (18 Jahre) Johanna durch läuft eine Aus bildung als Kauffrau im Einzelhandel. Eine frühere Aus bildung im Friseurhandwerk hat sie nach Konflikten ab gebrochen. An ihrem jetzigen Arbeits platz schätzt sie den Umgang zwischen den Mitarbeiterinnen. Ihr Vater und ihr Mutter gehen kaufmänni schen Berufen nach. Sie kommt sehr gut mit ihren Eltern aus und sucht häufig bei ihnen Rat, wenn sie Unter stüt zung oder Rück halt in schwieri gen Situa tionen be nötigt. Gleichzeitig betont sie, dass es ihr wichtig ist, ein eigenes Leben zu haben und nicht alle Gedanken mit ihren Eltern zu teilen. In ihrer Freizeit geht sie mit ihren Freunden gerne lange aus. Soziale Netz werk platt formen spielen für sie keine Rolle. Derzeit be reitet sie sich auf ihre Ab schlussprü fung vor. ■■ Johanna nutzt bislang aus schließ lich Internetdienste, die nur wenige persön liche Daten er fordern: E-Mail und Internet seiten, keine Sozialen Netz werk platt formen oder Messenger- Dienste. Mit diesem Nutzungs muster ist sie im Kreis ihrer Freundinnen zunehmend isoliert, weil diese ver mehrt diese Dienste nutzen. ■■ Johanna informiert sich im Internet über Themen, die sie interessie ren und die für ihre Aus bildung wichtig sind. Einen Aus tausch mit engen Bezugs personen praktiziert sie über E-Mail. Soziale Netz werk platt formen ver sprechen nach ihrem Wissens stand keinen ver tieften Aus tausch, der über die Möglich keiten der E-Mail hinaus ginge. ■■ Was die Regula tion ihrer Privatsphäre angeht, fühlt sich Johanna sicher, weil sie nur sehr wenige An gebote nutzt und das Erstellen von umfang reichen Profilen im Netz bislang für sich aus schließt. Dabei gerät sie allerdings in den Konflikt mit den Erwar tungen aus ihrem Freundes kreis. ■■ Johanna ver öffent licht so gut wie keine Informa tionen über sich im Internet. Ihre Erfah- rungen mit, aber auch Kennt nisse über Dienste des Social Web sind gering. Sie legt eine skepti sche bis ab lehnende Haltung gegen über Sozialen Netz werk platt formen an den Tag und ver weist dabei auf die Negativberichterstat tung der Medien. ■■ Enge, ver trauens volle Beziehungen haben für Johanna eine hohe Bedeu tung. Gegen über fremden Personen ist sie sehr vor sichtig. Sie kommuniziert daher im Internet nur mit bereits be kannten Personen und, weil es nicht anders geht, mit Personen, mit denen sie sich über Ver anstal tungen im Rahmen ihrer Aus bildung ab stimmen muss. Dienste mit persön lichen Profilen, die fremden Personen dargeboten werden, sind ihr ein Gräuel. Soziale Netz werk- platt formen ver letzen Johannas Bedürfnis, welche ihrer persön lichen Daten privat bleiben sollten. Im Ver gleich zu den anderen Interviews mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen sticht Johanna mit ihrer ab lehnen den Haltung stark heraus, die andere so nicht teilen können. Ein wichti ger Grund scheint bei ihr die Negativberichterstat tung in den Medien zu sein. In der Folge weiß sie auch kaum etwas über Soziale Netz werk platt formen. „Wenn man da mal Probleme hat mit Beziehungen, Freund, was weiß ich, dann schreib ich schon auch mal eine E-Mail … Ich würd das nie bei Lokalisten machen, wo es dann jeder sehen kann.“ 101 Dennis (18 Jahre) Dennis besucht die Oberstufe eines Gymnasiums in einem Vorort der Stadt. Sein Vater leitet eine Agentur, die unter anderem Kampagnen auf Sozialen Netz werk platt formen betreut. Sein älterer Bruder studiert. Dennis gibt an, sowohl mit seinem Vater als auch mit seiner Mutter über alles reden zu können. Seine Bezugs gruppen in der Freizeit sind seine Fußball- mann schaft sowie Freundes kreise an seinem Wohnort. Seine Freunde lernt er nur außerhalb des Internet kennen. In der Schule war Dennis in einer sogenannten Laptopklasse; dort war der eigene Computer für ihn ein alltäg liches Arbeits gerät. Nach dem Abitur möchte er ein Studium be ginnen, um später als Wirtschafts ingenieur, Sportjournalist oder Marketing- berater arbeiten zu können. ■■ Dennis ist bis zu drei Stunden am Tag online; nur einen geringen Teil davon wendet er für die schuli sche Nutzung auf. Er nutzt vor allem Facebook sowie Informa tions- (Fußball), Unter hal tungs- und Spieleseiten, zusätz lich noch Messenger und E-Mails. Die Endgeräte hierfür sind ein Laptop und ein iPhone. In seiner Kontakt liste hat Dennis primär Bekannte aus dem schuli schen Umfeld, wobei ihm manche Kontakte kaum persön lich bekannt sind. ■■ Für Dennis liegt der Nutzen Sozialer Netz werk platt formen darin, dass er damit Zugang zu Informa tionen hat und sich mit anderen aus tauschen, koordinie ren oder ver abreden kann. In seinem Profil will er sich möglichst natür lich präsentie ren. ■■ Informa tionen ver öffent licht Dennis sehr ge zielt an aus gewählte Benutzer gruppen, wobei er sich mit persön lichen Daten über Dritte stark zurück hält und private An gelegen heit lieber persön lich be spricht. Er achtet darauf, dass nur un verfäng liche Partybilder oder Aufenthalts- orts angaben ver fügbar sind. Er ver öffent licht aber Informa tionen über seine Interessen und Aktivi täten. Er orientiert sich vor allem an seinen Freunden. In Aus nahmefällen wendet er sich auch an seinen Vater. ■■ Dennis ist sich der Risiken von Sozialen Netz werken bewusst und kennt sich mit Privat- sphäre-Optionen und anderen Einstel lungen gut aus. Insgesamt gibt er kaum bzw. nur sehr ge zielt an aus gewählte Personen persön liche Daten weiter. ■■ Privat sind für Dennis vor allem Gefühle, z. B. ver liebt zu sein oder Ärger zu haben, was er aus schließ lich mit Freunden be spricht. Intime Gefühle haben seiner Ansicht nach nichts im Internet zu suchen. Dennis hat viel Erfah rung im Umgang mit Computer und Internet. Er nutzt auch Soziale Netz werk platt formen reflektiert und mit klarem Bezug zu den eigenen Zielen. Beratung sowohl in der Familie (professio nelle Beschäfti gung mit digitalen Medien) als auch in der Schule (Besuch einer Laptop-Klasse) scheinen Dennis gut „ge wappnet“ zu haben. Was privat und für Soziale Netz werk platt formen unge eignet ist, benennt er klar und knapp. Online-Netz werke sind in seine realen sozialen Beziehungen ein gebettet. „Meine Freunde such ich mir eigent lich nicht über die sozialen Netz werke; eher pfleg ich den Kontakt, den ich mit denen hab, einfach darüber weiter. Die Freunde, die ich hab, hab ich zum Beispiel über die Schule oder den Sport verein oder die lern ich auf … Partys kennen.“ 102 Erik (19 Jahre) Erik hat zum Zeitpunkt des Gesprächs gerade sein Abitur an einem Gymnasium in der Stadt ab geschlossen. In Bezug auf seinen weiteren Werdegang ist er noch unsicher. Er weiß nicht genau, was er studie ren soll, hat sich aber auch noch wenig informiert. Er spielt seit der vierten Klasse Handball in ver schiedenen Ver einen. Zu den meisten seiner Freunde hat er kein Ver trauens verhältnis. Über persön liche Themen spricht er nur mit der Familie oder wenigen engen Freunden. Weder das Internet generell noch speziell Soziale Netz- werk platt formen wie Facebook nutzt Erik sonder lich oft. Während ihn der Aus tausch mit Freunden und Bekannten nur wenig interessiert, be geistert er sich für die Möglich keiten von Facebook, mit Menschen aus der ganzen Welt in Kontakt zu kommen, die seinen Familiennamen tragen. ■■ Erik nutzt das Internet nur sporadisch und wenig aktiv. Am häufigsten greift er auf Facebook und seine E-Mail-Adresse bei MSN zu. Dafür ver wendet er in der Regel seinen eigenen Computer. Eigene Beiträge auf Facebook ver fasst er nicht. ■■ Dass Erik Facebook nutzt, liegt vor allem daran, dass seine Freunde und Schul kameraden das auch tun und es beinahe schon einen Zwang dazu gibt. So liefen z. B. die Planun gen seines Abiturjahrgangs zur Abi-Fahrt komplett über Facebook. Weil er nicht so oft im Netz ist, hat er manches zu spät mitbekommen. ■■ Erik hat in Facebook seinen Namen ein gegeben; mit Aus nahme einiger alter Fotos sowie Ver linkungen auf Fotos seiner Freunde findet sich kaum etwas über ihn. Für Fremde hat er sein Profil ge sperrt. Daten anderer gibt er online nicht weiter, kommentiert nur ab und zu Fotos. Ver linkungen auf sein Profil, die ihm nicht ge fallen, löscht er. ■■ Mit möglichen Risiken in Bezug auf Daten miss brauch im Internet kennt sich Erik wenig aus und ist unsicher in Bezug auf seine Privatsphäre-Einstel lungen bei Facebook. Daher geht er lieber vor sichtig mit seinen eigenen Daten um. ■■ Eigene Probleme stellen für Erik Themen dar, die er nur mit seiner Familie oder einigen wenigen Freunden be spricht. Im Internet möchte er das nicht. Er lehnt es auch ab, dass Fremde Zugriff auf seine Daten haben; wenn sein Profil dadurch langweilig er scheint, ist ihm das egal. Nachrichten von anderen auf seiner Pinnwand findet er unangenehm, da ihm diese Form der Kommunika tion schon zu öffent lich ist. Erik ist kein intensiver Internetnutzer. Auch in Facebook ist er wenig aktiv und macht kaum etwas über sich öffent lich. Zu seinen Freunden scheint er kein richti ges Ver trauens verhältnis zu haben. Über private Dinge spricht er nur mit der Familie oder einigen wenigen Freunden. Soziale Netz werk platt formen spielen in seinem Alltag kaum eine Rolle. Am ehesten ver folgt er noch ein spezielles Interesse (Familiennamen) im Internet. „Bei diesen Profilen im Internet für Fremde habe ich jetzt eigent lich, hoffe ich, glaube ich, alles ge sperrt. Für Freunde, da habe ich das Profil einmal so ungefähr aktualisiert, ganz am Anfang, als ich mich an gemeldet habe, und seitdem steht da quasi so gut wie nichts drin, aber ein bisschen was halt.“ 103 Franziska (20 Jahre) Franziska studiert und strebt einen Ab schluss in einem Bachelorstudiengang an. In ihrer Freizeit ist sie in einem Handball verein aktiv. Derzeit lebt sie noch im Haus ihrer Familie in einem Vorort ihrer Universi täts stadt. Ihre Mutter ist vor einigen Jahren ver storben. Seitdem nimmt sie sich häufiger in der Rolle einer Ver trauens person in ihrem Freundes kreis wahr. Sie wird an gesprochen, wenn sich ihre Freunde Rat in schwieri gen Situa tionen er hoffen. Franziska ver mutet, dies läge daran, dass sie schon Erfah rungen mit Kummer und der Ver arbei tung schwieri ger Lebens situa tionen habe. Internet und Soziale Netz werk platt formen nutzt sie pragmatisch. Nach ihrem Studium möchte sie in einem Ver siche rungs unternehmen arbeiten oder einer Tätig keit im Umwelt sektor nach gehen. ■■ Franziska nutzt neben der Homepage ihres Studien faches be sonders häufig Facebook. In ihrer Kontakt liste be finden sich Menschen, die sie kennt und regelmäßig trifft. Bekommt sie Freundschafts anfragen von jemandem, den sie nicht leiden kann, ignoriert sie die Anfrage. ■■ Auf Facebook kann Franziska über Informa tionen und Fotos an den Aktivi täten ihres Handball vereins teilhaben. Zudem tauscht sie sich auf Facebook innerhalb von Lerngruppen ihres Studiengangs sowie mit alten Schul kameraden aus. Bei Profil bildern achtet sie darauf, sich dort aus ihrer Sicht gut zu präsentie ren. ■■ Ihre Daten kontrolliert Franziska in Facebook bewusst: Sie ver öffent licht ihre Telefon- nummer, E-Mail-Adresse, Wohnort und den kompletten Namen nicht. Die Daten anderer Personen gibt sie nicht un gefragt weiter. Themen, über die sie in Facebook kommuniziert, sind z. B. Musik oder Videos, die sie unter haltsam findet. ■■ Dass andere nach ihren persön lichen Daten suchen könnten, erfüllt Franziska mit Sorge. Sie be fürchtet, dass Leute ihr – sofern sie viel über ihre Person er fahren – etwas „antun“ könnten. Um sich davor zu schützen, nutzt sie zum einen eine Firewall und selektiert zum anderen sehr über legt die persön lichen Informa tionen, die sie im Internet öffent lich macht. ■■ Für Franziska sind ihr Zimmer, ihre Gefühle, Informa tionen zu ihrer Aus bildung und ihrem Leben sowie ihre Familie Teil eines privaten Raumes, den sie vor Eingriffen von Fremden schützen möchte. Informa tionen aus diesem privaten Raum gibt sie nur Personen weiter, denen sie ver traut. Bei Personen, denen sie ver traut, erhofft sie sich Ver ständnis für ihre Gefühle oder Einschät zungen. Die Nutzung des Internet spielt für einen Aus tausch mit ver trauten Personen kaum eine Rolle. Franziska achtet sowohl im als auch außerhalb des Internet sehr bewusst darauf, welche persön lichen Informa tionen sie mit wem teilt. Für sie sind Ver trauen in Freundschafts- oder Familien beziehungen die Voraus setzung dafür, sich bzw. die eigene Person zu öffnen. Nach außen kontrolliert sie das Bild, das andere von ihr haben sollen, sehr genau. „Ich kann mir vor stellen, dass man da schon ganz schön jemanden damit irgendwie in der Hand hat, wenn man so seinen ganzen Lebens lauf kennt.“ 104 Michaela (20 Jahre) Michaela hat nach dem Abitur eine dreijährige Aus bildung zur Medien gestalterin be gonnen. Sie nimmt ein Aus bil dungs angebot in einer Berufs schule in der Stadt wahr und arbeitet parallel in einem Unter nehmen der Druck- und Medien wirtschaft. Ihr Vater und ihre Mutter arbeiten in einem gemeinsamen Betrieb; der Bruder ist im Elektrohandwerk tätig. Michaelas Kontakt zu ihren Eltern ist vor einiger Zeit nach einem familien internen Streit ab gekühlt. Nach einem Umzug in die Stadt baut sie sich nun ein neues Leben auf. Dabei nutzt sie neben Ver eins angeboten in starkem Umfang das Internet. Michaela möchte später in einer Marketingagentur arbeiten, um sich stärker auf den Bereich der Gestal tung von digitalen Marketingkampagnen zu konzentrie ren. ■■ Michaela besitzt schon seit ihrer Jugend digitale Geräte, auch für ihr Hobby und ihren heuti gen Beruf. Soziale Netz werk platt formen, Foren, Blogs und E-Mails sind für Michaela ein un verzicht barer Bestand teil ihres täglichen Lebens. Sie kommuniziert täglich und sammelt viele Kontakte in Facebook. Facebook hat für sie inzwischen fast alle anderen Anwen dungen zur Kommunika tion ersetzt. ■■ Michaela nutzt das Internet als Werkzeug, um ihre handwerk lichen Leiden schaften und sozialen Kontakte zu intensivie ren. Soziale Netz werk platt formen wie Facebook er möglichen es ihr, ein bewusst ge stalte tes Schaufenster in ihr privates Leben und in ihre be ruflichen Fortschritte aufzu bauen. Im Internet soll man ihre besten Seiten sehen können und Kontakt mit ihr auf nehmen können. Sie ist sehr oft online. ■■ Michaela macht alle persön lichen Daten öffent lich, die sie gut darstellen und es anderen er lauben, sie zu kontaktie ren. Konflikte (z. B. Ärger mit jemandem) oder Krank heiten dagegen ver lagert sie in den Bereich von persön lichen Gesprächen. Risiken dieser öffent lichen Präsenz im Internet sieht sie für sich nicht. ■■ Michaela geht davon aus, dass Jugend liche und junge Erwachsene ähnlich hohe Kom- petenzen in der sicheren Nutzung des Social Web mitbringen wie sie selbst. Sie ver weist dabei vor allem auf ihr persön liches Umfeld; gegen läufigen Medien berichten glaubt sie nicht. Fotosamm lungen, Kontakt daten oder Beiträge über persön liche Erleb nisse sind für Michaela nicht zwingend sensitive Daten. ■■ Michaela möchte sich nicht in einen privaten Raum zurück ziehen, sondern eine öffent liche Person sein. Jeder soll sich über sie informie ren und sie an sprechen können. Sie möchte im Internet nur wenige Informa tionen über sich (Konflikte, Krank heiten, Kontodaten) zurück- halten. Michaela möchte nichts ver passen und nutzt Soziale Netz werk platt formen intensiv. Es besteht eine ge wisse Sammelleiden schaft von Kontakten und im Interview gibt es Momente, in denen Michaela mit der Masse von Beiträgen und Nachrichten, die sie täglich erhält, über fordert wirkt. Ihr Risikobewusstsein ist eher gering; ihr ist es allerdings wichtig, eigen- ständig über ihr Nutzungs verhalten ent scheiden zu können. „Facebook und mein Blog sind für mich wie ein Schaufenster in mein Leben. Ich schreib da nicht über alles, aber das, was ich da schreibe, das stimmt schon. Das können andere gerne mitlesen.“ 105 Nina (20 Jahre) Nina studiert an einer Universi tät außerhalb der Stadt. Ihr Vater und ihre Mutter sind Kaufleute; der Bruder ist be rufstätig. Seit ihrem Umzug aus der Heimat an den Studien ort nutzt sie das Internet intensiv zum ständi gen Aus tausch mit ihrer Familie, mit ihrem Freund und Freundes kreis. Hauptsäch lich greift sie auf die Soziale Netz werk platt form Facebook, manch- mal auch auf Chat-Platt formen zurück. Sie ist sehr daran interessiert, auf dem Laufenden zu bleiben, was sich im Leben von Personen ab spielt, die sie seit ihrem Umzug seltener sieht. Sie geht vor sichtig mit ihren persön lichen Daten um, was auch mit dem ein geschla- genen Berufsweg zu tun hat. Sie wurde in der mit dem Studium ver bundenen Aus bildung zu daten schutz recht lichen Vor gaben ver pflichtet. ■■ Nina ist eine sehr aktive Internet-Nutzerin, die auch von unter wegs über ihr Handy auf das Internet zugreift und ihren Facebook-Status aktualisiert. In ihrer Kontakt liste hat sie aber nur Personen, die sie auch kennt. Personen, mit denen sie wenig bis gar keinen Kontakt hat, ent fernt sie wieder aus ihrer Kontakt liste. ■■ Nina ist von studiVZ auf Facebook um gestiegen und nutzt es, um mit Familie, Freunden und Bekannten im Kontakt zu bleiben, und sich unter einander zu informie ren. Sie möchte im Internet nicht anders er scheinen als in ihrem Offline-Leben, auch wenn sie im Internet nicht so viel von sich zeigt wie im Alltag. Das Internet dient ihr aber auch dazu, an für sie wichtige Informa tionen zu ge langen. ■■ Nina macht einige Informa tionen über sich in ihrem Profil auf Facebook öffent lich, die aber nur für ihre Kontakte sicht bar sind. Diskussionen über private und ernste Themen wie Politik meidet sie in der Kommunika tion über Facebook. Daten anderer gibt sie im Internet nicht weiter und ver öffent licht z. B. Fotos von anderen nur mit deren Zustim mung. Es ist Nina wichtig, selbst darüber zu ent scheiden, welche Daten und Informa tionen über sie öffent lich werden. ■■ Den Sicher heits- und Privatsphäre-Einstel lungen im Internet ver traut Nina nur bedingt, weshalb sie Daten wie die genaue Adresse oder Kontodaten nicht angibt. Sie zeigt sich besorgt, dass kritische Beiträge, die online sind, ver breitet werden, und meidet deshalb be stimmte Themen. Für den Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen fühlt sie sich gerüstet und nutzt alle ihr be kannten Sicher heits vorkeh rungen. ■■ Private Dinge wie Familien- oder Beziehungs probleme ge hören für Nina nicht in die Öffentlich keit und daher auch nicht ins Internet. Sie möchte nicht, dass fremde Personen zu viel über sie er fahren und auch nicht, dass solche Personen sie online kontaktie ren können. Nina nutzt das Internet intensiv und oft, geht aber reflektiert damit um, ver meidet es z. B., private Dinge oder kritische Themen online zu diskutie ren. Ihre privaten Daten ver sucht sie zu schützen, so gut es geht. „Zum Beispiel Facebook. Also da ist mir schon wichtig, dass sich jetzt mein Handy nicht sofort irgendwo einloggt und sagt, jetzt ist die gerade da und jetzt macht sie gerade das. Sondern da möchte ich schon noch Kontrolle drüber haben.“ 106 Jugend liche und junge Erwachsene zwischen 21 und 24 Jahren Christian (21 Jahre) Christian hat vor kurzer Zeit eine Aus bildung zum Ver käufer in der Branche der Unter hal- tungs elektronik ab geschlossen und wurde von seinem Arbeit geber über nommen. Dies sieht er als Wende in seinem Leben, da er in den Jahren zuvor erst sein Abitur ver fehlt und an- schließend zu lange Zeit mit niedrig be zahlten Tätig keiten ver schwendet habe. Sein Vater ist Ver treter, seine Mutter Haus frau. In seiner Jugend war er stark in E-Sportarten involviert und be nötigte für dieses Hobby leis tungs starke Rechner. Mittlerweile hat Christian seine Aktivi täten in diesem Bereich reduziert. Seine Technikaffini tät war bereits an seinem Aus- bil dungs platz von Vorteil. Außerdem unter stützt er einen Lehrer seiner ehemali gen Schule bei der Zusammen stel lung und Wartung der Computer ausstat tung. Er will be ruflich weiter auf steigen, weil er mehr ver dienen möchte und der Über zeugung ist, in seiner be ruflichen Tätig keit mehr leisten zu können. ■■ Christian hat seit langem eine hohe Technikaffini tät. Er nutzt täglich und primär Foren zu Computer- oder Unter hal tungs themen. Soziale Netz werk platt formen sind nicht sein Haupt- interesse, er nutzt aber inzwischen mehrmals die Woche Facebook. ■■ Soziale Netz werk platt formen dienen Christian vor rangig zur Koordina tion mit Personen, mit denen er außerhalb des Internet Kontakt hat. In Foren tauscht er sich mit ihm persön- lich nicht be kannten Personen über Themen aus, die aus seiner Sicht nicht gesell schaft lich akzeptiert sind. Den Aus tausch über Pseudonyme nutzt er, um Seiten seiner Persönlich keit auszu leben, die er vor anderen ver bergen will. ■■ Pseudonyme spielen für Christian eine große Rolle. Er findet es gut, in Foren ver schiedene Identi täten aus probie ren zu können. Er kann dies ohne die Preis gabe persön licher Daten tun, was in Sozialen Netz werken nicht möglich ist. Sein Umgang mit Privat heit bzw. Öffentlich keit ist über Pseudonyme in Foren ent sprechend anders als in Sozialen Netz werk- platt formen. ■■ Christian will im Netz nicht identifiziert werden können – jeden falls nicht in Foren. Er be- fürchtet, dass sowohl Fremde als auch Freunde durch seine Beiträge einen falschen Eindruck von ihm er halten könnten. ■■ Problemati sche Themen sollten Christian zufolge nicht in Diensten wie Facebook thema- tisiert werden. So möchte er auch selbst be stimmte Informa tionen über seine Freunde nicht haben, weil er be fürchtet, dass Dinge zu Tage kommen könnten, die zum Ende der Freund- schaft führen. Für Christian spielen Soziale Netz werk platt formen nur eine geringe Rolle. Wichti ger sind ihm Foren mit Pseudonymen, wo er sich über Themen und Interessen aus tauscht, die er in Sozialen Netz werk platt formen nicht thematisie ren möchte. Andere sollen kein falsches Bild von ihm haben. „So etwas schreibe ich wenn über haupt nur über Pseudonym und am besten noch über einen Proxy-Server, damit ganz be stimmt niemand auf die Idee kommt, herauszufinden, wer ich bin …“ 107 Claudia (23 Jahre) Claudia studiert derzeit ein geistes wissen schaft liches Fach an einer Universi tät. Die Eltern sind Akademiker. Sie hat zwei Brüder; einer studiert eben falls, der zweite ist bereits fertig. Sie selbst will ihr Studium möglichst schnell hinter sich bringen, sich an schließend bei Filmhoch schulen be werben und dann erst anfangen, zu arbeiten. Claudia arbeitet darauf hin, mit eigenen Filmen ihr Geld ver dienen zu können. Erfah rungen dazu hat sie in einem Volontariat gesammelt. Außerdem dreht sie momentan Dokumentarfilme. Daneben ver fügt sie über langjährige Erfah rungen mit digitalen Technologien. Sie arbeitet als Community- Administratorin für ein großes Nachrichten portal. Zur Nutzung von Sozialen Netz werk platt- formen hat sie eine eher kritische Haltung. Sie ver sucht, so wenige Informa tionen wie möglich über sich im Internet zu ver öffent lichen. ■■ Claudia ist ständig online: Sie nutzt das Internet privat, für das Studium und Bank geschäfte sowie im Rahmen ihrer Arbeit als Community-Administratorin. In ihrer Kontakt liste bei Facebook sind zahl reiche Personen, die sie nicht kennt, da sie auf grund ihrer Arbeits stelle mit flüchtig Bekannten be freundet sein „muss“. ■■ Der individuelle Nutzen von Facebook ist für Claudia sehr be grenzt: Registriert hat sie sich auf Anwei sung ihrer Chefin. Zwar liest sie ab und zu Beiträge zu interessanten Links oder ver abredet sich manchmal per Facebook. Die Selbst darstel lung in Netz werken empfindet sie aber als Wichtigtuerei und ignoriert dies weit gehend. ■■ Claudia sorgt dafür, dass kaum Informa tionen über sie öffent lich sind. Sie gibt nur Namen, Wohnort und Studien fach an und nutzt fast nie Status meldun gen oder persön liche Nach- richten. Sie recherchiert in den Profilen ihrer Freunde, um zu sehen, wie schwer oder leicht es ist, im Netz an sensible Daten von Personen zu kommen. ■■ Aufgrund ihrer Vor erfah rungen im Internet (z. B. Schulung für die Arbeit als Community- Managerin) kennt sie sich mit Sicher heits einstel lungen gut aus. Sie ver wendet Nicknames und Fake-E-Mail-Adressen, um bei be stimmten Foren oder Webseiten unerkannt zu bleiben. Sie hat Sorge, dass sich andere über sie lustig machen oder sie ver letzen, wenn sie persön- liche Inhalte, etwa selbst ge drehte Filme, ver öffent licht. ■■ Claudia teilt Beziehungen zu Menschen in ihrem Umfeld in drei Grade ein: sehr eng (Familie, beste Freunde), mittel (Kommilitonen), ent fernt (Arbeits kollegen). Je nach Beziehungs- grad teilt sie private Informa tionen oder nicht. Privat sind für sie familiäre und Beziehungs- angelegen heiten, Ängste und Fragen der Selbst wahrneh mung. Claudia hat schon lange Erfah rungen mit dem Internet und nutzt es ge zielt und ge konnt. Der Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen steht sie dennoch relativ kritisch gegen über und sorgt dafür, dass ihre Person im Internet schlecht zu finden ist. In Bezug auf ihre Privatsphäre hat sie eine klare Vor stel lung und Praxis, wem sie welche Informa tionen weiter- gibt. „Es ist glaube ich dann auch schon so eine Art Selbst aufwer tung, wenn man die Status meldun gen von andern Leuten sieht … Ist vielleicht ein bisschen so wie so ein RTL 2 Frauentausch angucken und dann sich denken, hach Leute, was habt ihr doch für ein komischen Alltag.“ 108 Tanja (23 Jahre) Tanja hat nach dem Abitur eine Schreinerlehre be gonnen. Ihr Stiefvater ist Designer, ihre Mutter schließt gerade eine neue Aus bildung ab. Eine jüngere Schwester besucht noch das Gymnasium. Tanja ist mit sechzehn Jahren bereits aus der Wohnung der Eltern aus- gezogen. Sie lebt in einer Wohngemein schaft in der Stadt. In ihrer Freizeit be schäftigt sie sich mit Literatur, Fotografie und Reisen. Computer und Internet sind selbst verständ licher Bestand teil ihres Alltags. Sie be treibt Mannschafts sport und geht Bergsteigen. Für ihr Alter untypisch empfindet Tanja an sich, dass sie zwar viel unter wegs ist, am Wochen ende aber Ruhe sucht und deshalb nicht lange aus geht oder feiert. In der nahen Zukunft möchte sie ein gutes Gesellenstück ab liefern und Innen architektur studie ren. ■■ Am häufigsten ver wendet Tanja Facebook, daneben Informa tions portale, Fotoforen und Skype. Sie ist täglich mehrmals online und ver wendet neben einem Laptop auch ein iPhone. Sie nimmt nur Kontaktanfragen aus dem eigenen Umfeld an. ■■ Facebook hilft Tanja, auf dem Laufenden zu bleiben, sich auszu tauschen und mit anderen zu koordinie ren. Auf die Selbst darstel lung legt sie wenig Wert. Dennoch findet sie es schmeichel haft, wenn andere Informa tionen von ihr suchen. Eigene Fotoprojekte teilt und diskutiert sie gerne mit be stimmten Personen. ■■ Eigene Beiträge (z. B. Musik- und Lektüre-Vorlieben) und Bilder macht Tanja aus gewählten Personen ver fügbar. Wenn ihr Beiträge nicht ge fallen, löscht sie diese oder bittet andere darum, diese zu löschen. Mit den Daten Dritter geht sie sorgfältig um und fragt nach, bevor sie Informa tionen ver öffent licht. Bei Fragen oder Problemen kontaktiert sie einen Ver wandten, der als Anwalt auf Online-Recht spezialisiert ist. ■■ Tanja ist bewusst, dass sie sich im Internet nicht so frei wie bei persön lichen Gesprächen aus drücken kann, weshalb sie darauf achtet, was sie wo für wen sicht bar ver öffent licht. Sie kontrolliert regelmäßig die von ihr ver fügbaren Bilder, meint aber auch, dass sie bisweilen zu nach lässig ist. Wenn sie auf Funk tions ände rungen in der Platt form hin gewiesen wird, die Anpas sungen in den Privatsphäre-Einstel lungen er fordern, reagiert sie rasch. Sie hat Ver ständnis, dass andere Personen auf Sozialen Netz werk platt formen anonym sein möchten, findet es aber gleichzeitig bei der Kontakt aufnahme unpraktisch, weil diese Personen über die Suche nicht zu finden sind. ■■ Zu den ver trauten Personen im Alltag zählt Tanja eine Freundin, ihren Partner und in ge wisser Weise auch den Chef und eine Kollegin. Als Themen des Privatlebens gelten Beziehungen, Familien probleme und eigene, noch unaus gereifte Gedanken. Einen öffent- lichen Aus tausch über ihr Privatleben im Internet möchte sie nicht. Tanja nutzt das Internet viel, aber ge zielt und ist am prakti schen Nutzen orientiert. Es stört sie nicht, wenn andere Personen nach schauen, welche Informa tionen über sie im Internet zu finden sind, da sie nicht viele Informa tionen von sich ver öffent licht. „… also man kriegt doch immer so Mittei lungen, was jetzt wo irgendwie geändert wurde oder dass die Seite für irgendwelche Werbezwecke ver wendet werden könnte. Bei so was schalt ich sofort immer alles aus. Also des möchte ich natür lich auf keinen Fall.“ 109 Ralf (23 Jahre) Ralf studiert an einer Universi tät außerhalb der Stadt. Sein Vater arbeitet im Baugewerbe, seine Mutter im Telekommunika tions bereich, seine Schwester bei der Polizei. Er nutzt das Internet recht intensiv, geht dabei jedoch vor sichtig mit seinen Daten um. Er ist bei seiner Internetnut zung vor allem an Informa tionen und Unter haltung interessiert, aber auch daran, Kontakt zu Freunden und Bekannten zu halten. Ralf informiert sich im Internet über ver- schiedene Themen, die ihn interessie ren, wie zum Beispiel Sport, Politik, Umwelt oder Videospiele. Er glaubt, dass sein großes Interesse an Videospielen in seinem Freundes kreis nicht anerkannt wird, weshalb er dieses im Aus tausch mit seinen Freunden eher ver birgt. ■■ Ralf nutzt das Internet täglich und beinahe rund um die Uhr. Dabei kommuniziert er mit Freunden und Bekannten via Facebook, in der Regel über Chat; Informa tionen holt er sich auch in einem Forum. Er akzeptiert Kontaktanfragen von Fremden bzw. stellt selbst welche, wenn er zu diesen Personen einen Bezug über Freunde herstellen kann. Unter wegs nutzt auch mal sein Handy, um ins Internet zu kommen. ■■ Für Ralf ist das Internet in erster Linie wichtig, um sich über Themen, die ihn interessie- ren zu informie ren und sich mit seinen Freunden und Bekannten auszu tauschen. Er schreibt nur selten Beiträge, die für alle seine Kontakte sicht bar sind, weil er über wichtige Themen nur etwas sagen möchte, wenn er sich gut damit aus kennt. ■■ Auf Facebook gibt Ralf zwar einige Daten, wie seinen Namen, die Universi tät, an der er studiert, oder seine Lieblings serie, an, ver zichtet aber auf ein Profil bild von sich selbst und auf die automati sche Standortbestim mung. Wenn er sich mit anderen über ihn interessierende Themen aus tauscht, achtet er darauf, dass er nur dann online Beiträge dazu ver fasst, wenn er sich mit dem Thema aus kennt. ■■ Christian ist bewusst, dass es nach teilig sein kann, zu viel von sich im Internet anzu geben, dass z. B. Partybilder oder private Status meldun gen negative Wirkun gen auf die Karriere haben könnten. Er macht sich Gedanken über seine Medien nutzung und informiert sich im Internet über Themen, bei denen er sich unsicher ist. ■■ Private Probleme und einige seiner Interessen macht Christian nicht öffent lich, weil er der Meinung ist, dass nicht jeder alles über ihn wissen muss und er auch nicht falsch ver- standen werden möchte. Wenn seine Facebook-Kontakte alles in ihrem Leben online kommentie ren, setzt er sie auf die Ignorie ren-Liste, weil es ihn nervt. Ralf nutzt das Internet intensiv, geht dabei jedoch vor sichtig mit seinen Daten um. Informa- tionen, Kontakte und Unter haltung sind ihm wichtig, nicht aber, sich zu profilie ren. Was er öffent lich von sich gibt, soll Hand und Fuß haben. Seine Interessen und Hobbys will er nicht alle mit anderen teilen, weil er einige davon gesell schaft lich als nicht akzeptiert einschätzt. „Ich lege eben Wert darauf, dass wenn ich meine Meinung sage, dass es eine gewisse Qualität hat und ich das auch schrift lich einiger maßen sauber hin bringe. Von dem her ist es auch gar nicht möglich, so viel zu schreiben. … Alle zwei Monate vielleicht schreib ich dann selber was.“ 110 Moritz (24 Jahre) Moritz arbeitet als Mechatroniker. Berufs begleitend durch läuft er an einer Schule für Techniker eine Weiter bildung zum staat lich ge prüften Elektrotechniker. Sein Vater ist in der Technik- Branche, seine Mutter im Büro tätig; er hat eine jüngere Schwester. Moritz wohnt zusammen mit zwei anderen jungen Erwachsenen in einer Wohngemein schaft. Er spielt in einer Band, fährt zum Klettern in die Berge und engagiert sich als Techniker in einem Jugendzentrum. Seine Hauptinteressen fasst er mit „Musik, Bier, Berge“ zusammen. Er sieht sich als Teil einer Randgruppe, die neben einem harten Musik geschmack ähnliche Aus gren zungs erfah- rungen in der Jugend teilt. Moritz hat eine ab lehnende Haltung gegen über Neonazis und der Subkultur Hip Hop. Er möchte in nächster Zeit in erster Linie seine Techniker ausbil dung ab schließen. ■■ Das Internet ist für Moritz ein ständi ger Begleiter im Alltag. Er nutzt die Sozialen Netz- werk platt formen Lokalisten (häufiger) und Facebook (seltener). Er ist in mehreren Foren aktiv und ver wendet auch Chat-Platt formen und Portale zur Informa tion. Er besitzt ein Smartphone, nutzt dies allerdings nur selten für den Zugriff auf das Internet und dann nur, um schnell Informa tionen nach zusehen. ■■ Soziale Netz werk platt formen er leichtern Moritz den Kontakt mit Personen aus seinem er weiterten Bekannten kreis. Für die Kommunika tion mit Personen aus seinem engeren Bekannten kreis nutzt er andere Kommunika tions werkzeuge. ■■ Moritz ver öffent licht nur Daten und Informa tionen, die seiner Einschät zung nach keine nach teili gen Aus wirkungen für ihn haben können. Dabei macht er sich mehr Gedanken darüber, wie er auf Vor gesetzte und potenzielle Arbeit geber wirkt, als darüber, wie er auf Freunde oder Bekannte wirkt. ■■ Wenn er die Netz-Beiträge anderer be obachtet, hält sich Moritz für vor sichti ger als andere Personen. Er ist sich bewusst, dass sich persön liche Daten leicht und unkontrolliert im Internet ver breiten können. Seine Strategie für den Umgang mit diesem Risiko, ist, nichts zu ver öffent lichen, was für ihn unangenehm werden könnte. ■■ Die Ver fügbar keit von Informa tionen über Tätig keiten, Interessen oder Zu gehörig keiten von Personen, die gesell schaft lich nicht negativ sanktioniert werden, empfindet Moritz als praktisch, weil sie es ihm er möglicht, sich über das Internet ein Bild von Personen zu machen, die er noch nicht be sonders gut kennt. Dazu ge hören Name, Bilder oder Interessen der Menschen, für die er sich interessiert. Moritz will sich im Internet einer seits offen und un verfälscht darstellen, achtet anderer seits aber streng darauf, dass nichts dabei ist, was negative Folgen nach sich ziehen könnte. Moritz sieht sich als Teil einer gesell schaft lichen „Randgruppe“, ver tritt seine Interessen und Meinun gen aber offensiv. „Wenn ich mich im Internet darstelle … dann so, wie ich wirk lich bin. Ich dichte da nichts dazu und ich lass nichts weg; einfach so, wie ich wirk lich bin.“ 111 Ariane (24 Jahre) Ariane arbeitet in einer Gemeinschafts praxis in der Stadt. Sie durch läuft derzeit außerdem eine Aus bildung als Assistentin. Darüber hinaus gibt sie Schulun gen zum Krank heits bild Diabetes mellitus. Ihr Vater arbeitet in einer öffent lichen Einrich tung; die Mutter ist Haus frau, die Schwester studiert. Beruf lich kommt sie vor allem mit Ärzten, Pflegekräften, Apotheken- mitarbeitern sowie Patienten und deren An gehöri gen in Kontakt. Ein be sonde res Thema im Gespräch mit Ariane ist die Ver schwiegen heits pflicht, zu der sie in ihrer be ruflichen Tätig keit in der medizini schen Praxis ver pflichtet ist. Ihre Eltern er laubten Ariane mit sechzehn Jahren eine unbe aufsichtigte Nutzung des Internet. In ihrem Empfinden war dies ein später Zeitpunkt. ■■ Ariane be zeichnet sich selbst als „dauer-online“; sie nutzt neben dem Computer auch ihr iPhone für den Internet-Zugang. Dabei ruft sie primär Facebook auf, nutzt aber auch diverse Informa tions angebote (für be rufliche Zwecke) sowie E-Mails und Messenger. Im Messenger hat sie nur engste Freunde in der Kontakt liste, bei Facebook auch Bekannte aus dem Freundes kreis. Bei Lokalisten erhält sie regelmäßig Kontaktanfragen von Un- bekannten, die sie aber allesamt löscht. ■■ Online möchte sich Ariane ebenso ver halten, wie sie es offline praktiziert, und sich selbst- bewusst präsentie ren. Allerdings achtet sie darauf, nicht zu viele Informa tionen von sich zu ver öffent lichen. Primär nutzt sie Facebook für den Aus tausch und die Koordina tion mit Freunden und Bekannten. ■■ Ariane hat die Privatsphäre-Einstel lungen in Facebook aktiviert und ver öffent licht nur ge zielt Informa tionen für ihre Freunde. Insbesondere über ihr Privatleben und auch über Daten Dritter schreibt sie keine bzw. kaum Beiträge. ■■ Ariane ist sich der Risiken in Sozialen Netz werken bewusst. Sie hat ihre Privatsphäre- Einstel lungen relativ genau im Blick. Zudem kontrolliert sie regelmäßig, welche Informa tionen über sie online ver fügbar sind und ent fernt Personen aus ihrer Kontakt liste, die sie nicht mehr einordnen kann. Ergänzend fordert sie, dass die Sicher heits einstel lungen standardmäßig hoch sein sollten. Ihr ist nicht bekannt, dass Werbung auf ihre Profil-Daten bzw. -Einträge ab gestimmt ist. ■■ Für Ariane gibt es zwischen online und offline einen klaren Unter schied, was das Private be trifft: Sowohl private als auch be rufliche Informa tionen stellt sie aus ihrer Sicht wenig online. Für private Gespräche bevor zugt sie meist persön liche Treffen. Was alles unter „privat“ fällt, kann sie nicht genau darstellen. Ariane ist eine intensive Internet-Nutzerin – auch unter wegs. Sie ver hält sich risikobewusst und hat auch die be rufliche Ver antwor tung präsent, wenn sie Soziale Netz werk platt formen nutzt. Ihr Profil in Facebook ist nicht leicht zu finden. Sie ist wenig besorgt und ver hält sich sowohl offline als auch online nach eigenen Angaben selbst bewusst. „Meine Chefinnen wissen ja, wenn ich mich ärgere, aber ich find das geht Dritte nichts an, denen ich das nicht auch persön lich erzähle. Am Schluss kriegt das mal ein Patient mit oder es ist was Praxisinternes … ich finde Patienten z. B. würde des jetzt nichts an gehen.“ 112 2.2.2 Konstanten und individuelle Besonder heiten Wie 12 bis 24Jährige das Internet und Soziale Netz werk platt formen nutzen Die von uns interviewten Jugend lichen zwischen 12 und 14 Jahren ge hören noch nicht zur Gruppe derjenigen, die immer und überall mit mobilen End geräten wie Smartphones online sind. Die meisten von ihnen greifen nicht mobil auf das Internet zu. Facebook nutzen im Interview vier von sechs Jugend lichen aus dieser Alters gruppe. Ein Jugend licher aus der Alters gruppe ist Mitglied der Lokalisten. Gleichzeitig ver weisen die Interviewten auch auf andere InternetAnwen dungen wie lokale Netz werk platt formen, Chat und EMailAnwen dungen ver schiedener Anbieter sowie Wikipedia und YouTube. Diese Anwen dungen werden individuell sehr unter schied lich ge nutzt. Es kommt auch vor, dass sich Jugend liche nicht für Soziale Netz werk platt formen interessie ren: Zwei unserer Gesprächspartner haben ihre Präferenzen beim Spielen und meiden Soziale Netz werk platt formen eher. Auch das zeit liche Nutzungs muster ist höchst variabel. Die Jugend lichen zwischen 12 und 14 Jahren, mit denen wir ge sprochen haben, akzeptie ren keines wegs wahl los ein gehende Kontakt anfragen in Sozialen Netz werken. Sie betonen, dass sie die Anfragen den kennen (oder kennen lernen) wollen, bevor sie sie akzeptie ren. Die Vor stel lung von „Kennen“ ist allerdings durch aus unter schied lich und steckt einen breiten Rahmen ab: Kennen als „schon mal gesehen“, über „Name ist mir bekannt“ bis zu „lerne ich eben über einen Nachrichten austausch erst noch kennen“. Die sechs Jugend lichen zwischen 15 und 17 Jahren, die wir interviewt haben, gehen eben falls noch vor rangig über einen DesktopComputer ins Internet. Es gibt nur eine Aus nahme, die bereits einen mobilen InternetZugang nutzt. Bis auf eine Person sind alle Interviewten in Facebook aktiv, be schrän ken sich darauf aber nicht. Auch in dieser Alters gruppe werden wie bei den Jüngeren viele weitere Anwen dungen zur Informa tion und Unter haltung ge nannt, häufig ergänzt durch YouTube als be liebtes Videoportal. Die Jugend lichen, mit denen wir ge sprochen haben, gehen fast täglich ins Netz und be suchen dabei auch jeden Tag Facebook. Es wird deut lich, dass unsere Gesprächspartner in dieser Alters gruppe die OnlineKommunika tion bereits als festen Bestand teil in ihr tägliches Handeln integriert haben, wobei es aber eine Aus nahme gibt. Während die jüngeren Interview partner das Kennen von Personen, die Kontaktanfragen senden, in den Vorder grund rücken, betonen die 15 bis 17Jährigen öfter und aus führ licher, dass auch die Sympathie eine Rolle spielt, ob man jemanden in seine Kontakt liste auf nimmt oder nicht. Kennen wird nicht mehr als alleinige, ver einzelt auch „Ich hab jeden Tag das Handy dabei und geh damit auch ins Internet. Auch in der Schule. Da ist es eigent lich nicht erlaubt, aber ich tu das immer unten in die Tasche rein und schalte auf stumm.“ (Sarah, 15) 113 nicht als zwingende Bedin gung ge nannt, um mit jemandem online in Kontakt zu treten. Mehrere der von uns interviewten sechs Jugend lichen zwischen 18 und 20 Jahren nutzen netzfähige Handys oder Smartphones, um ins Internet zu ge langen. Praktische Anwen dungen wie Suchdienste und Portale etwa für die (akademi sche) Aus bildung kommen zu den Anwen dungen hinzu, die auch die beiden jüngeren Alters gruppen an geben. Die Individuali tät der InternetNutzung wie auch der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen ist in dieser Alters gruppe groß. Es finden sich bei unseren sechs Gesprächspartnern mehrere Varianten an Haltun gen und Nutzungs weisen: Von einer großen Distanz zu allen WebAnwen dungen über eine prag mati sche Nutzung mit täglichem Abruf wichti ger Informa tionen bis zu ständi ger Erreich bar keit im Netz. Alle Interviewten können dafür Gründe an geben; einige fühlen sich bei eher ab stinenter Hal tung gegen über sozialen Netz werken inzwischen unter Druck gesetzt. Die große Spann breite an Nut zungs mustern spiegelt sich auch bei der konkrete Fragen nach dem Umgang mit Kontaktanfragen wider. Hier finden sich Äußerun gen, die bereits bei den jüngsten InterviewPartnern zu finden sind: z. B., dass nur be kannte Personen auf genommen werden oder dass Sympathie eine Voraus setzung zur Auf nahme in die Kontakt liste ist. Es gibt aber auch Aus sagen, die zeigen, dass die Hürden zu Kontakt aufnahme und annahme klein ge halten werden. Für die sechs von uns interviewten jungen Erwachsenen zwischen 21 und 24 Jahren werden mobile Geräte und die Möglich keit, auch von unter wegs ins Internet zu kommen, immer wichti ger. Facebook wird von allen Interviewten dieses Alters ver wendet, aber zu durch aus unter schied lichen Zwecken ge nutzt. Dazu kommen etliche andere Anwen dungen, die jeweils eng mit den Interessen und be ruflichen oder aus bil dungs bezogenen Anforde rungen zu tun haben. Mehrere unserer Gesprächspartner in dieser Alters gruppe tendie ren dazu, wo immer es geht online zu sein („rund um die Uhr“). Soziale Netz werk platt formen wie Facebook spielen dabei eine große, aber nicht die einzige Rolle. Die jungen Erwachsenen, die mit uns ge sprochen haben, suchen darüber hinaus auch ver mehrt Foren auf, in denen die Diskussion von Themen ganz offensicht lich eine größere Rolle spielt als in Sozialen Netz werken. Der Umgang mit Kontaktanfragen ist bei ihnen sehr heterogen: Restriktive Vor gehens weisen, nur mit be kannten Personen „Ich bin eher so der Mensch, der sich dann eher mit den Leuten trifft oder eher telefoniert, weniger der, der sich übers Internet über haupt unter hält oder der sich im Internet trifft oder über haupt im Internet ist.“ (Erik, 19) „Ich habe auf der Arbeit immer Facebook offen und E-Mails. Ich schaue da immer mal wieder rein, ob jemand was Neues ge postet hat und schreib dann zurück, wenn ich es gut finde. Ich schreib auch immer so kurz, dass mich das mittlerweile praktisch nicht mehr ablenkt.“ (Michaela, 20) 114 Kontakt aufzu nehmen, werden genauso ge nannt wie ein eher sorg loses Sammeln vieler Kontakte; ein pragmati scher Umgang mit dem Ziel, Personen leicht zu kontaktie ren, ist ebenso zu finden wie ein sehr ge zielter Umgang, ab gestimmt auf spezielle Freundschafts und Bekannt schafts grade (inklusive notwendi ger Geschäfts kontakte). Warum 12 bis 24Jährige Soziale Netz werk platt formen nutzen Mit Freunden in Kontakt zu bleiben, sich auszu tauschen, Kontakt zu anderen zu haben und dazu zugehören, ist für die von uns interviewten 12 bis 14Jähri gen der eindeutig wichtigste Grund, warum sie einer Sozialen Netz werk platt form an gehören (falls sie es tun und die Eltern es nicht ver bieten, wie in einem Fall). Dabei äußern mehrere Jugend liche explizit oder implizit, dass es bereits eine Art Gruppen zwang ist, in einer Netz werk platt form dabei zu sein. Einige finden es aber einfach nur praktisch, Soziale Netz werk platt formen zu nutzen, um sich über Treffen abzu stimmen. Wenn sie sich über die Dinge infor mie ren wollen, die nicht konkret mit Personen (z. B. Informa tion über das Aus sehen oder die Interessen) zu tun haben, greifen die Jugend lichen lieber auf andere Anwen dungen wie Wikipedia oder spezifische Internetangebote wie Nach richtenPortale zurück. Wer eher schüchtern ist, kann von einer Sozialen Netz werk platt form noch anderweitig profitie ren und sich in der Inter aktion mit anderen auf diesem Wege mehr trauen. In punkto Selbst darstel lung zeigen sich unsere Gesprächspartner in dieser Alters gruppe zurück haltend. Es sind die direkten Kommunika tions funk tionen, welche die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen für sie attraktiv machen. Bei den von uns interviewten 15 bis 17Jährigen sind KontaktHalten, Kommunika tion und Koordina tion ähnlich wie bei den Jüngeren die wichtigsten Vorzüge, die über die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen erlebt werden. Auch in dieser Alters gruppe klingt an, dass man z. B. in Facebook registriert sein müsse – nicht nur weil es „cool“ sei, sondern auch deswegen, weil man sonst wichtige Termine ver passe und nicht mehr auf dem Laufenden sei. Explizit wird auf die Möglich keit ver wiesen, dass man mithilfe Sozialer Netz werk platt formen auch mit Menschen in Kontakt bleiben kann, die weiter weg wohnen – ein Umstand, der etwa nach Umzügen für diese Alters gruppe eine wichtige Rolle spielt. Das Thema Selbst darstel lung wird wenig und allen falls implizit an gesprochen. Spezielle „Gewinne“ bei der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen offen baren sich, wenn man mit Jugend lichen dieses Alters tiefer ins Gespräch kommt: Zu solchen Gewinnen ge hören dann beispiels weise die „Ich wollte eigent lich auch mal mit ein paar Freunden chatten und ich fand es halt auch einfach cool, da [bei Facebook] dabei zu sein. Da kann man auch mehr über andere er fahren, was machen die so, wie sind die eigent lich so drauf.“ (Florian, 14) 115 Möglich keit, ver schlüsselte Botschaften via Status leisten zu ver senden, aber auch verbale Aggressionen loszu werden, ohne sich direkt zeigen zu müssen. Ein Interviewter hat vor zwei Jahren das Interesse an Sozialen Netz werk platt formen ver loren und be schäftigt sich lieber mit OnlineSpielen. Die von uns interviewten 18 bis 20Jährigen zeigen sich in ihren Gründen, warum sie Soziale Netz werk platt formen nutzen oder eben nicht nutzen, noch mals heterogener als die beiden jüngeren Alters gruppen, was auf die komplexer werden den Lebens situa tionen zurück zuführen sein dürfte: Auch hier sind soziale Gründe zwar führend – und zwar sowohl prakti sche soziale Gründe wie Informa tionen über Termine, die man aus sozialen Netz werken holt, als auch emotional ge färbte soziale Gründe wie die Auf rechterhal tung von Freundschafts beziehungen mit Personen, die weiter weg wohnen. Häufiger ge nannt wird von unseren Gesprächspartnern dieser Alters gruppe als von den Jüngeren, dass Online Com mu nities hilf reich sind, um sich ein Bild von anderen Personen zu machen und das im wört lichen Sinne (über Fotos) wie auch im über tragenen Sinne (über Profildaten). Die eigene Selbst darstel lung spielt nur bei wenigen unserer Gesprächspartner eine Rolle; dieser Aspekt scheint als Grund für die Platt formNutzung eher wenig relevant zu sein. Wenn man sich in sozialen Netz werken zeigen möchte, dann authentisch, aber nicht mit zu vielen Informa tionen. Ver einzelt wird auch in dieser Alters gruppe über einen sozialen Zwang ge klagt, Soziale Netz werk platt formen in das eigene Kommunika tions verhalten zu inte grie ren, um in den eigenen Bezugs gruppen nicht außen vor zu bleiben. Die von uns interviewten 21 bis 24Jährigen nennen und er läutern viele unter schied liche Gründe, warum sie Soziale Netz werk platt formen nutzen. Diese ähneln den Gründen, die auch die jüngeren Nutzer nennen, werden aber auch ergänzt: Häufiger kommen die jungen Erwachsenen z. B. darauf zu sprechen, dass Soziale Netz werk platt formen eine Möglich keit sind, sich über Inhalte zu informie ren. Öfter als von den Jüngeren werden zudem Status meldun gen in Facebook ge nannt, die einem Informa tionen darüber geben, wo jemand gerade ist oder wo gerade etwas passiert. Während genau das einige sehr gut finden, gibt es dazu auch eine gegen teilige Meinung. Selbst darstel lung im Netz mittels Sozialer Netz werk platt formen scheint bei den Ältesten unserer „Bei mir ist es schon so, dass ich ganz gern mit Leuten übers Internet spreche, … also vor allem auf Facebook, weil auch bei mir die meisten Leute eigent lich auf Facebook sind und ich mit denen eigent lich auch viel über den ihren Alltag und auch über meinen Alltag mit denen kommuniziere.“ (Nina, 20) „Wenn ich jetzt irgendwo ein Mädel kennen lerne und weiß den Namen, dann schau ich auch mal bei Loka- listen [oder] bei Face- book. Es ist im Internet natür lich einfacher, etwas über die raus zufinden, als sie persön lich zu fragen. Ganz klar. Ich finde das schon praktisch.“ (Moritz, 24) 116 Gesprächspartner eher ambivalent ein geschätzt zu werden. Große Ambitionen zu einer be sonde ren Präsenta tion der eigenen Person hat keiner der Interviewten von sich aus geäußert. Der unkomplizierte Aus tausch und die Kontakt pflege bleibt auch in dieser Alters gruppe das offen bar stärkste Motiv zur Nutzung. Eine Art gemeinsamer Nenner in den Aus sagen der Interviewten aller Alters gruppen ist, dass Jugend liche und junge Erwachsene ihre eigenen Status und/oder Pinnwandbeiträge und die ihrer Kontakte als „nicht be sonders“ empfinden. Weil sie die Beiträge als nicht be sonders empfinden und daher davon aus gehen, dass niemand sich an ihnen stören könnte, nehmen sie die Ver öffent lichung tendenziell nicht oder kaum als Risiko wahr. Jugend liche und junge Erwachsene schreiben so gesehen nicht wahl los Beiträge über ihren Alltag, sondern nur das, was aus ihrer Sicht „nichts Besonde res“ und damit eher „risikofrei“ ist. Wie 12 bis 24Jährige in Sozialen Netz werk platt formen mit Privat heit bzw. Öffentlich keit umgehen Wohnort, Telefon nummern oder das genaue Geburts datum macht kaum einer der von uns Interviewten in der Alters gruppe zwischen 12 und 14 in Sozialen Netz werk platt formen öffent lich. Bank daten oder Krank heits fälle schließen sie aus nahms los von der Ver öffent lichung aus. Unter den sechs Jugend lichen findet sich sowohl eine sehr ängst liche als auch eine ver gleichs weise sorg lose und recht wider sprüch liche Person im Umgang mit persön lichen Daten. Alle dif ferenzie ren mindestens zwischen Fremden und Freunden, denen man mehr oder weniger von sich zeigen kann, und nutzen dazu meistens auch ent sprechende Einstel lungen in Sozialen Netz werk platt formen. Fast alle von uns Interviewten in diesem Alter haben keine Bedenken, ihre Interessen und Hobbys (Sport, Mode, Spiele etc.) sowie Lieblings filme, Musik präferenzen und ähnliches (inklusive dazu gehöri ger Links und z. B. Videos) in Sozialen Netz werk platt formen öffent lich zu machen. Dies sind auch die bevor zugten Themen, über die in Sozialen Netz werken geschrieben und ge sprochen wird. Die Schule wird als Thema dagegen kaum ge nannt. Der Umgang mit eigenen Fotos ist sehr heterogen: Während manche Interviewten nichts dagegen haben, wenn Fotos von ihnen zu sehen sind, möchten andere dies ver meiden. Gemeinsam ist allen Interviewten, dass niemand von ihnen potenziell pein liche Fotos von sich im Netz sehen möchte. Gegen über den Daten anderer zeigen sich die meisten sehr vor sichtig, wobei man in den Gesprächen zu diesem Thema deut lich merkt, dass Jugend liche das gegen seitige Ver trauen unter einander für sehr wichtig halten, sich aber auch nicht immer darauf ver lassen möchten oder können. Zur Orientie rung in punkto Umgang mit Privat heit bzw. Öffentlich keit „Man muss ja nicht jeden kleinsten Gedanken in die ganze Welt rausschreien.“ (Patrick, 13) 117 dienen den Jugend lichen zwischen 12 und 14, mit denen wir ge sprochen haben, vor allem die Eltern und Geschwister, in einem Fall auch ein guter Freund. Die Schule spielt nur bei einem Interviewten aus dieser Alters gruppe eine Rolle. In der Alters gruppe zwischen 15 und 17 haben uns unsere Gesprächspartner tendenziell mehr über ihren Umgang mit Privat heit und Öffentlich keit be richtet als die Jüngeren. Die sechs Interviews machen deut lich, dass die Ver haltens weisen in Sozialen Netz werk platt formen als Teil der gesamten Lebens situa tion gesehen werden müssen. Ver gleicht man die Aus sagen der sechs Jugend lichen, die damit zu tun haben, welche Daten und Informa tionen wem öffent lich ge macht werden und welche nicht, lassen sich kaum über greifende Tendenzen aus machen. Eindeutige TabuThemen sind allerdings und allein An gelegen heiten der Familie (z. B. die Eltern be treffend), in einem einzelnen Fall auch Wissen um krimi nelle Handlun gen. Bei allen ande ren Daten und Themen hat jeder Interviewte eine weit gehend eigene Meinung: Während eine Person am liebsten gar nichts im Internet öffent lich macht und nur angibt, was man für eine Registrie rung in Sozialen Netz werk platt formen zwingend braucht, gibt eine andere Person Einblick in fast alle die eigene Person be treffen den Informa tionen. Die meisten differenzie ren klar zwischen engen Freunden und Bekannten und nutzen die PrivatsphäreEinstel lungen sozialer Netz werk platt formen ge zielt, sofern sie sich in Sozialen Netz werken auf halten. Die Einschät zungen darüber, wie es zu be werten ist, wenn Mitglieder Sozialer Netz werk platt formen falsche Angaben machen, gehen auseinander: Einige finden dies in Ordnung, weil ihnen wichtig ist, alle Ent schei dungen im Netz selbst zu treffen. Andere sprechen sich dagegen aus, weil es die prakti schen Vor teile, z. B. schnell jemanden zu finden und in Kontakt zu treten, er heblich stört. Wie bei den Jüngeren, so zeigt sich auch in der Alters gruppe zwischen 15 und 17, dass fast alle von uns Interviewten kein Problem darin sehen, im Internet über die eigenen Interessen, Hobbys, musikali sche Vor lieben und Ähnliches zu schreiben – als private Informa tion wird dies in der Regel nicht ge wertet. Persön lich wichtige Ereig nisse machen dagegen nur wenige Interviewte anderen zugäng lich. Wiederum ähnlich wie bei den Jünge ren, scheint es auch bei den 15 bis 17Jährigen implizite Normen zu geben, was die Weiter gabe von Informa tionen anderer be trifft, insbesondere die Weiter gabe von problemati schen Fotos. Allerdings gibt es hier durch aus „Aus reißer“. Wenn es um den Umgang mit Privat heit bzw. Öffentlich keit geht, orientie ren „Ich nehme seit neuestem nur die, die ich kenne oder vom Sehen her kenne aus meiner alten Schule oder so als Kontakte an. Nur wenigstens ungefähr oder vom Hören auch, damit ich ungefähr weiß, wie die Person ist.“ (Julia, 15) „Über so Probleme daheim, wenn es Stress gibt bei den Eltern, wenn die Eltern Stress haben, das erzähle ich nur wirk- lich sehr guten Freunden dann.“ (Martin, 16) 118 sich die Jugend lichen zwischen 15 und 17, mit denen wir ge sprochen haben, ähnlich wie die Jüngeren, noch an Eltern und Geschwistern, zunehmend häufiger aber auch an Freunden, die besser Bescheid wissen. Die Schule wiederum hat auch in dieser Alters gruppe keine Orientie rungs funk tion. In der Alters gruppe zwischen 18 und 20 zeigt sich ein ähnliches Bild wie in der Alters gruppe zwischen 15 und 17: Was Jugend liche bzw. junge Erwach sene in diesem Alter öffent lich machen, ist individuell sehr ver schieden und lässt sich in der Regel nur im Zusammen hang mit der jeweili gen Lebens situa tion sinn voll deuten. Für manche sind Präferenzen im Freizeitbereich oder politi sche Meinun gen nicht in dem Sinne privat, dass man sie nicht öffent lich machen dürfte, für andere schon. Erklären lässt sich das in der Regel, wenn man die Lebens umstände (z. B. Besonder heiten in Schule, Beruf oder Studium) be rücksichtigt. Von sich aus häufiger thematisie ren die Interviewten in dieser Alters spanne die Bedeu tung von Status meldun gen, mit denen unter schied lich ver fahren wird: Dass andere wissen, was man gerade macht, was man erlebt hat und wo man sich aufhält, finden die einen gut und nicht problematisch, andere empfinden dies als Angriff auf ihre Privatsphäre. Konstant ist an sich nur die durch aus ge zielte Gestal tung der Zu gänglich keit ver schiedener Informa tio nen, die in Sozialen Netz werk platt formen ein gestellt werden. Was den Umgang mit Daten und Informa tionen anderer be trifft, so lassen die Äußerun gen der von uns interviewten sechs Jugend lichen bzw. jungen Erwachsenen ein klares morali sches Bewusst sein er kennen, das aber nicht immer mit dem not wendi gen Wissen ver knüpft ist, das man bräuchte, um es im Internet auch umzu setzen (z. B. Wissen im Bereich Fotos, persön liche Mittei lungen etc.). Wenn es um die Frage geht, wo sie sich Orientie rung im Umgang mit Privat heit bzw. Öffentlich keit holen, ver weisen die von uns Inter viewten manchmal auf Eltern, häufiger aber auf Freunde. Nur in einem Fall diente die Schule als Orientie rung im Umgang mit dem Internet. Auf fällig ist, dass mehrere Inter viewte die Schule als Ort der Orientie rung explizit ab lehnen. Generell ist eine große Skepsis gegen über der Vor stel lung zu ver spüren, in Sachen Sicher heit in irgendeiner Weise „belehrt“ zu werden. Wenn man jeman den etwas fragt, weil man sich unsicher ist, dann muss dies bei den meisten eine Person sein, der man ver traut, die aber auch gut Bescheid wissen muss. In der Alters gruppe zwischen 21 und 24 fällt in den Interviews auf, dass die sechs jungen Erwachsenen mögliche Ver haltens weisen und Haltun gen des Umfelds in Aus bildung, Studium und Beruf stärker als die Jüngeren als Ent schei dungs grundlage für Fragen der Ver öffent lichung von Daten und Informa tionen über die eigene Person mit einbeziehen. Die Bekanntgabe von Name, „Also politisch würd ich mich immer sehr raushalten, weil das einfach viele einfach falsch ver stehen. (…) So auf kritische Themen, was weiß ich so Ab trei- bung oder so was oder Todes strafe, (…) da würd ich mich jetzt ein bisschen zurück halten.“ (Dennis, 18) 119 Wohnort, aktueller Tätig keit und Ähnliches scheint darüber hinaus einen anderen Charakter zu be kommen als dies bei Jüngeren der Fall ist: Die Sorge, dass der Zugang zu diesen Daten ein Problem sein könnte, wird kleiner; eher gelten diese als notwendige Eckdaten. Dagegen werden Themen, die die persön lichen Interessen oder Vor lieben be treffen, von mehreren der von uns inter viewten jungen Erwachsenen nicht mehr oder nur einem sehr kleinen Freundes kreis zugäng lich ge macht. Dasselbe gilt für persön liche Eigen schaften. Deutlich ist in dieser Alters gruppe die Ab hängig keit der Ent schei dungen von der persön lichen Lebens situa tion: Es ist eben auch für den Umgang mit persön lichen Daten und Informa tionen ein Unter schied, ob man sich noch in der Berufs ausbil dung, schon im Beruf oder im Studium be findet, welcher Organisa tion man sich ver pflichtet fühlt, wie weit weg man von Freunden und Bekannten wohnt etc. In dieser Alters gruppe finden die Interviewten im Bedarfs fall andere WebAnwen dungen (Themen foren oder FlirtPortale), in denen sie unerkannt andere Identi täten aus probie ren oder genau die Informa tionen von sich weiter geben können, die sie in Sozialen Netz werk platt formen nicht ver breiten. Der Umgang mit Status meldun gen ist ähnlich heterogen wie in der Alters gruppe zwischen 18 und 20. Dies gilt weit gehend auch für den Umgang mit Daten und Informa tionen Dritter: Fast alle machen deut lich, dass sie hier keine morali schen Grenzen durch Ver breiten unangenehmer Fotos oder Informa tionen über private Beziehungen und Ähnliches über schreiten möchten. Die meisten jungen Erwachsenen zwischen 21 und 24, mit denen wir ge sprochen haben, sind in ge wissem Sinne Autodidakten, was ihr Wissen und Können im Umgang mit Privat heit und Öffentlich keit im Internet be trifft. Dies er staunt wenig, wird doch erst seit einigen Jahren ver mehrt auf das Thema etwa in den Medien hin gewiesen – zu einer Zeit, in der die von uns Interviewten bereits allein ihre ersten Erfah rungen ge macht haben und Eltern und Peers kaum Vor sprung haben konnten. Orientie rungs personen sind am ehesten noch Freunde. In einem Fall wird ein Ver wandter mit profes sio nellen Kennt nissen als Ansprechpartner ge nannt. Ent gegen der Erwar tung findet sich unter den sechs jungen Erwach senen, mit denen wir ge sprochen haben, eine Person, die in der Schule zum Thema Sicher heit im Internet unter richtet bzw. beraten worden ist. Wie 12 bis 24Jährige die Risiken in Sozialen Netz werk platt formen wahrnehmen Die von uns interviewten Jugend lichen zwischen 12 und 14 Jahren haben im Ver gleich zu den älteren Interviewten tendenziell extreme Gefahren der Nutzung des Internet im Allgemeinen und der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen im Speziellen präsent, wenn man auf dieses Thema zu sprechen kommt oder indirekt Anker dafür bietet: Befürchtet werden (nicht von allen, aber von einigen) Einbrüche, wenn Wohn und Aufenthaltsort bekannt ge geben werden, 120 finanzielle Kosten, die man aus Ver sehen ver ursacht, indem man auf etwas klickt, oder Selbst mord nach Cybermobbing. Genannt werden aber auch Nach teile in der Schule (z. B. wenn Lehrer auf Facebook sind) oder für das spätere Berufs leben (z. B. wenn potenziellen Arbeit gebern das eigene Profil miss fällt). Gleichzeitig sind Aspekte wie Spaß und Witz bei der Bewer tung dessen wichtig, was man öffent lich machen oder zumindest selbst in sozialen Netz werken an schauen kann und darf. Nur wenige haben ein tatsäch lich aus geprägtes Wissen über die heute be kannten Risiken und deren Wahrscheinlich keit und Tragweite. In der jüngsten Alters gruppe lassen die Interviews darauf schließen, dass Warnun gen von Eltern wie auch in den Medien bei vielen (wenn auch nicht allen) jungen Nutzern an gekommen sind und zumindest verbal wieder gege ben werden. Teils stimmt dies mit den tatsäch lichen (vor sichti gen) Umgangs weisen im Zusammen hang mit privaten Daten und Informa tionen überein, teils gibt es eine Diskrepanz zwischen dem, was die Jugend lichen sagen, und dem, was sie tun. Von sich aus thematisie ren allerdings nur zwei der Jugend lichen, mit denen wir ge sprochen haben, einen Bera tungs bedarf zu Risiken im Netz. Die Jugend lichen zwischen 15 und 17 Jahren aus unseren Interviews be nennen weniger Ängste vor extremen Gefahren und thematisie ren von sich aus häufiger als die Jüngeren ökonomi sche Risiken im Zusammen hang mit Sozialen Netz werk platt formen: So werden z. B. „Daten klau“ und eine für Firmen zweck dien liche Ver arbei tung privater Daten be fürch tet. Die meisten äußern sich darüber ver ärgert und arti kulie ren bei diesem Thema einen deut lichen Be darf an mehr Informa tionen: Was macht Facebook mit meinen Daten? Wie kommt individualisierte Werbung zustande? Wer kann meine Daten, eventuell aber auch die ganze Identität, stehlen? Dies sind Fragen, auf welche die Jugend lichen, mit denen wir ge sprochen haben, gerne eine Antwort hätten. Für andere Risiken dagegen scheinen sich die meisten der von uns interviewten Jugend lichen aus dieser Alters gruppe aus reichend ge wappnet zu fühlen und nennen Strategien, wie man sich dagegen wehren kann. Zudem wird von einigen ver mutet, es schon mitzu bekommen, wenn etwas gefähr lich ist oder wird. Es gibt aber auch Jugend liche, die sich explizit als ver unsichert be zeichnen. Die Spann breite im Risikobewusstsein bei den uns interviewten 15 bis 17Jährigen ist groß. Die Jugend lichen zwischen 18 und 20 Jahren zeigen sich in unseren Inter views eben falls unter schied lich risikobewusst und nennen eine ganze Reihe von Aspekten, die ihnen Angst machen oder Sorgen be reiten. Wie schon bei „Ich finde das, ja, total schlecht, wenn die da gucken, was ich da schreibe, und dann bei meinen Freunden rechts auf der Seite auf taucht: [Dein Kontakt] mag [das Produkt]. Ich finde, Werbung wie das stört und man sollte das auch ab schalten können. Werbung hat auf Facebook nichts zu suchen.“ (Sarah, 15) 121 den 15 bis 17Jährigen wird die Ver wendung persön licher Daten zu Werbe zwecken kritisiert, wobei eine Person thematisch auf Interessen zu geschnittene Werbung für unproblematisch hält; ge nannt werden in dem Zusammen hang auch andere Formen von „Daten klau“. Im Hinblick auf die Ver ände rungen in der Lebens situa tion dieser Alters gruppe ist es nach vollzieh bar, dass faktische oder potenzielle Arbeit geber eine zunehmend wich ti ger werdende Rolle im Risikobewusstsein der Interviewten spielen: Daten und Informa tionen nur restriktiv in Sozialen Netz werk platt formen einzu stellen bzw. zugäng lich zu machen, wird oft damit be gründet, dass hier Fehler große Karrieren achteile nach sich ziehen könnten. In einem Fall werden auch Ängste vor drasti schen Gefahren wie bei der jüngsten Interviewgruppe ge nannt; dies ist gleichzeitig mit be sonders geringen Kennt nissen zum Thema Daten sicher heit ver bunden. Schließ lich werden ver einzelt auch „falsche Bilder oder Eindrücke“, die die Dar stel lung der eigenen Person im Netz ver ursachen könnten, als Risiko themati siert. Stärker als die Jüngeren geben die von uns interviewten 18 bis 20Jährigen an, dass sowohl Schulen als auch Netz werk betreiber mehr, bessere und vor allem leichter ver ständ liche Informa tionen zum Thema Daten sicher heit in Sozialen Netz werk platt formen bereit stellen könnten. Die jungen Erwachsenen zwischen 21 und 24 Jahren aus unseren Interviews zeigen sich in Sachen Risikobewusstsein ähnlich wie die Alters gruppe zwischen 18 und 20. Es werden ver gleich bare Sorgen und Ängste ge nannt, wobei zusätz liche Hinweise etwa zur Problematik mit Spam ge macht werden. Selbstredend hat der Beruf für diese Alters gruppe eine wichtige Bedeu tung und wird beim Umgang mit Risiken in hohem Maße be rück sichtigt. Die Skepsis der Inter viewten gegen über Ver sprechungen der Anbieter Sozialer Netz werk platt formen wird tendenziell größer. Zudem wird von Einzelnen ver mutet, dass sich techni sche Hürden ver gleichs weise einfach über winden lassen. Keiner der jungen Erwachsenen, mit denen wir ge sprochen haben, zeigt gravierende Lücken im Wissen um Sicher heits probleme in Sozialen Netz werk platt for men und Strategien, damit umzu gehen, auch wenn es hier durch aus individuelle Unter schiede gibt (ins besondere beim Thema Werbung). Dennoch wird von mehreren ein deut licher Bera tungs bedarf signali siert, wobei ganz konkrete Themen ge nannt werden, „Die [Sicher heits einstel- lungen bei Facebook] waren halt irgendwann. Da kam keine große Nachricht und irgend- wann hab ich das halt dann so beim Durch- klicken mal gesehen. Und dass sie diese Sicher heits einstel lungen nicht von Anfang an gleich hoch gesetzt haben, sondern immer niedrig ge blieben sind, fand ich auch schade.“ (Ariane, 24) „Das ist was, das schreibst du anonym in so ein Forum, damit jeder darüber lachen kann. Aber ich mache mich doch nicht vor meinen Freunden lächer- lich, damit die das in Facebook alle sehen. Das, glaube ich, ist klar.“ (Christian, 21) 122 wie z. B. PrivatsphäreEinstel lungen bei Facebook oder Fragen zu legalem und illegalem Downloaden von Musik dateien. Was 12 bis 24Jährige über Privat heit bzw. Öffentlich keit im Internet denken In der Alters gruppe zwischen 12 und 14 Jahren haben einige der von uns interviewten Jugend lichen eine relativ klare Vor stel lung davon, was Privat heit für sie be deutet: Alles, was zu Hause in den eigenen vier Wänden, im eigenen Zimmer und mit der Familie passiert, ist privat. Als privat gelten vor allem familiäre An gelegen heiten, über die man nicht gerne spricht, weil sie negativ be lastet sind (Arbeits losig keit, Krank heiten etc.). „Richtig privat“ ist das, was man nicht mal mit den besten Freunden be spricht. Ansprechpartner für ernst hafte Probleme sind bei den von uns Inter viewten meist die Eltern. Zwei unserer Fälle zeigen jedoch, dass Soziale Netz werk platt formen „ein sprin gen“ können bzw. müssen, wenn es kein aus reichend großes Ver trauens verhältnis zu den Eltern gibt. Dies kann ge lingen, aber auch zu neuen Problemen (Angst vor Aus gren zung) führen. Gedanken und Gefühle werden von einigen aus dieser Alters gruppe eben falls zur Privatsphäre ge zählt, die man in Sozialen Netz werk platt formen normaler weise nicht öffent lich macht. Soziodemografi sche Angaben wie das Alter, der Wohnort etc. werden im realen Leben meist nicht mit Privat heit assoziiert, aber im Internet als sensible und folg lich private Daten ein gestuft. Ein ge wisses Dilemma wird offen kundig, wenn man in den Ge sprächen mit den Jugend lichen auf soziale Inter aktionen in Ver bindung mit der Frage nach Privat heit kommt: Einer seits haben die sechs Jugend lichen zwischen 12 und 14 aus unseren Interviews ein hohes Sicher heits bedürfnis, wünschen sich aber anderer seits von Kontakten in sozialen Netz werken, dass diese ihren echten Namen, even tuell ein Bild und authenti sche Informa tionen über sich ver fügbar machen. Dass es sich dabei um sich wider sprechende Bedürf nisse (PrivacyParadox) han delt, ist den Jugend lichen nicht bewusst. Auch in der Alters gruppe zwischen 15 und 17 Jah ren gelten den interviewten Jugend lichen vor allem familiäre An gelegen heiten als privat. Ver mehrt wer den nun auch Beziehungen zu Freund oder Freundin zur Privatsphäre gerechnet, über die man allen falls „Bei Privatsphäre denke ich an meine persön lichen Sachen, also was ich jetzt hier daheim mache oder ob ich jetzt die oder die Sendung an schaue, wo die anderen denken könnten, die ist ja total langweilig oder total blöd.“ (Florian, 14) „Daten sind für mich eigent lich meine privaten Sachen, wie z. B. wenn ich irgendein Foto habe oder halt so was, dann sag ich halt, das ist mein Foto, das will ich vielleicht nicht, dass du das an schaust, das [sind] meine Daten und ich will nicht, dass jemand anderes sie an- schaut.“ (Patrick, 13) 123 mit engen Freunden persön lich spricht. Während die Eltern nach wie vor oft als Ver trauens personen für Privates ge nannt werden, wird im Ver gleich zu den Jüngeren der Freundes kreis wichti ger. Ähnlich wie die Jüngeren werden vor allem Konflikte und Probleme mit sich, der Familie und in der Schule als privat definiert, was man in Sozialen Netz werk platt formen in der Regel weder ver breiten noch diskutie ren möchte. In einigen Interviews mit den 15 bis 17Jährigen wurde deut lich, dass Merkmale, die als persön licher Makel (wie z. B. Fettleibig keit oder schlechte Noten in der Schule) interpretiert werden, be sonders sensible Aspekte sind, die als Privatsphäre an gesehen werden. In diesen Punkten gibt es wenig Dissens unter den sechs Interviewten. Unter schied liche Meinun gen dagegen treten auf, wenn es um Eckdaten wie Namen, Wohnort und Geburts datum geht: Die Jugend lichen zwischen 15 und 17 Jahren, mit denen wir ge sprochen haben, ver weisen teil weise selbst darauf, dass es schwierig ist, einer seits die Identität zu ver stecken und anderer seits bei Kontakten auf authenti sche Informa tionen zu hoffen. Das Ver ständnis für unscharfe Profil bilder, Spitz namen oder Pseudonyme aber ist insgesamt groß, weil dies die Privatsphäre schütze. Schließ lich wird in unseren Interviews ver einzelt auch die Position ver treten, dass Soziale Netz werk platt formen wie Facebook neue private Räume schaffen können, von denen sich Lehrer und Eltern systematisch aus schließen lassen. Die von uns interviewten Jugend lichen bzw. jungen Erwachsenen in der Alters gruppe zwischen 18 und 20 Jahren nennen von sich aus weniger häufig als Jüngere den eigenen physischen Raum oder soziodemografi sche Angaben, wenn es um Privatsphäre generell und im Internet geht. Vielmehr thematisie ren sie ver stärkt emotionale Zustände und Gefühle, wie Ver liebt sein oder Trauer. Als privat gelten aber auch ihnen auf jeden Fall Familien probleme; dazu kommen nun auch Beziehungs probleme sowie Probleme in Aus bildung oder Studium und Zukunfts ängste. Diese Dinge werden von den meisten als unge eignete Themen für Soziale Netz werk platt formen ge nannt, wobei es auch eine Aus nahme gibt, die in der digitalen Diskussion eine mögliche Bewälti gungs strategie sieht. Zur Privatsphäre zählen einige persön liche Vor lieben und Eitel keiten sowie politi sche Meinun gen. Allzu persön liche oder zu „ernste“ Themen bringen die Interviewten in dieser Alters gruppe nicht gerne öffent lich zur Sprache. Eine Auf fassung aus dem Kreis der von uns interviewten 18 bis 20Jährigen fällt aus dem Rahmen: Sie besteht darin, dass Privatsphäre das Recht sei, öffent lich sagen und denken zu können, was man will, und dennoch in Ruhe ge lassen zu werden. Diese Auf fassung – das macht das gesamte Interview deut lich – er wächst aus einem großen Erfah rungs schatz im Umgang mit sozialen Netz werken und anderen InternetAnwen dungen und zeigt, dass es bei VielNutzern des Internet durch aus Ver schie bungen in der Auf fassung dessen geben kann, was zur Privat heit zählt. Deutlich ist, dass Defini tionen von Privat heit stark mit der Frage ver knüpft werden, wem man etwas anvertraut: 124 Die 18 bis 20Jährigen nennen hier seltener die Eltern, öfter enge Freunde, und leider gibt es auch einen Fall, in dem keine Ver trauens personen vor handen sind. Soziale Netz werk platt formen können hier nicht helfen, weil sich in diesen in der Regel die realen sozialen Beziehungen wider spiegeln. Die Äußerun gen zur Auf fassung von Privat heit und Öffentlich keit der jungen Erwachsenen in der Alters gruppe zwischen 21 und 24 Jahren, mit denen wir ge sprochen haben, gleichen in vielen Aspekten denen der 18 bis 20Jährigen. Zu den „eigenen vier Wänden“ als physische Privat heit kommt auch der eigene Körper. Gefühle und Erleb nisse in der Beziehung zu Freund oder Freundin werden oft als Privatangelegen heit dargestellt, ebenso die bereits mehrfach ge nannten Probleme in den ver schiedenen Systemen, an denen man teilhat. Mehr fach und in dieser Alters gruppe neu ge nannt werden eigene finanzielle Schwierig keiten, die man in Sozia len Netz werken nicht preis gibt. Die von uns inter viewten jungen Erwachsenen ver weisen expliziter als die anderen Alters gruppen auf das „Innen leben“ als Privatangelegen heit, zu dem neben ver schiedenen Gefühlslagen auch die Selbst wahrneh mung sowie politi sche und religiöse Auf fassungen ge hören. Zu Letzterem gibt es allerdings unter schied liche Meinun gen. Einige der 21 bis 24Jährigen, möchten ihren Alltag auf keinen Fall öffent lich werden lassen, was zu ihrer Ab lehnung von Status meldun gen führt. Andere dagegen sehen Angaben zum Alltag (einschließ lich Aufent haltsort) als potenziell öffent lichen Aspekt an. Fast alle aber betonen, dass es ihnen wichtig ist, selbst fest legen zu können, was privat und was öffent lich ist – gerade auch in Sozialen Netz werk platt formen. 2.2.3 Folge rungen: Präferenz dimensionen Typen bildung im Zusammen hang mit der Unter suchung des Nutzungs verhaltens von Menschen im Umgang mit dem Internet oder speziellen WebAnwen dungen reduzie ren einer seits die unüber sicht liche Komplexi tät und legen anderer seits – auf den ersten Blick zumindest – Hand lungs strategien nahe, speziell wenn es darum geht, be stimmte Ver haltens weisen von Personen zu fördern oder zu ver hindern, ihnen etwas zu ver kaufen oder sie zu beraten. Wie zu Beginn des Kapitels bereits an gedeutet, halten wir eine Typen bildung auf der Basis unserer Interviewdaten mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen zwischen 12 und 24 Jahren nicht für sinn voll. Stattdessen wollen wir drei Dimensionen vor stellen, die uns ge eignet er scheinen, um in künfti gen Forschungs und/oder Ent wick lungs projekten als theoreti sche Grundlage ver wendet zu werden. Wir nennen diese Dimensionen Präferenz dimensionen, auf denen unsere jungen Gesprächspartner ganz ver schiedene, in Bezug auf ihre konkrete Lebens situa „Bei Privatsphäre denke ich sofort ans Internet und vielleicht auch an diesen Konflikt, einer seits Privatsphäre, anderer seits Sicher heit, also wie weit darf man jemanden über wachen.“ (Ralf, 23) 125 tion aber durch aus nach vollzieh bare Ent schei dungen treffen, Einstel lungen aus bilden und dabei ihr subjektives Wohl befinden zu regulie ren scheinen. Es handelt sich um die Dimensionen Nähe versus Distanz, Einzigartig keit versus Zu gehörig keit sowie Freiheit versus Sicher heit. Präferenz Nähe versus Distanz (Zugänglich keit) Soziale Netz werk platt formen ver binden, wie die Bezeich nung nahelegt, konkrete Personen miteinander. Sie er füllen das Bedürfnis, sich über gemeinsame Inte ressen zu orientie ren, Kontakte zu knüpfen, auf recht zuerhalten und zu ver tiefen, Personen zu suchen und zu finden und mitunter auch Ver trauen zu einzelnen Personen aufzu bauen. Von daher muss man sich über die Mitglieder Sozialer Netz werk platt formen ein „Bild“ im wört lichen und über tragenen Sinne machen können. Vor diesem Hinter grund ist es nach vollzieh bar, dass Nutzer persön liche Daten auf Sozialen Netz werk platt formen an geben müssen, um diese ihrem Zweck ent sprechend ver wenden zu können. Dazu ge hören zunächst der reale Namen und einige Eckdaten (z. B. Alter und Geschlecht). Das eigene Profilfoto liefert z. B. weitere Hinweise, ob es sich um die ge suchte Person handelt. Profilinforma tionen ver tiefen die Vor stel lung, die Teilnehmer in Sozialen Netz werken von sich auf bauen. Soziale Netz werk platt formen er lauben es, sich über standardisierte und kontrollierte Felder einen ersten Eindruck von Personen zu machen, diese als die ge suchten Personen zu identifizie ren oder eben näher „kennen zulernen“ bzw. ihnen näherzukommen. Die meisten Interviewten geben denn auch zunächst an, dass mindestens der reale Name auf den Platt formen an gegeben werden sollte. Auch Bilder und (vor allem bei jüngeren Nutzern) Interessen gelten vielen als wichtige Informa tionen über die Person. Einige der Jugend lichen und jungen Erwachsenen weisen darauf hin, dass man in Foren, bei OnlineSpielen oder zur Nutzung von MessengerDiensten deut lich weniger persön liche Daten preis gegeben müsse und solle, weil bei der Teilnahme die Identität der Personen nicht im Vordergrund steht. Die jungen Nutzer nehmen vor diesem Hinter grund den ge nuinen Zweck Sozialer Netz werk platt formen also intuitiv „richtig“ wahr und ver halten sich ent sprechend. Gleichzeitig aber geben nicht wenige unserer Gesprächspartner an, dass sie „gar nichts“ über sich im Internet preis geben, auch wenn sie im Interview nicht direkt danach ge fragt werden. Bei konkreten (Nach)Fragen machen sie dann Einschrän kungen zu dieser Aussage und relativie ren sie wieder. Dabei kann es sich um einen Effekt sozialer Erwünscht heit handeln: Die jungen Nutzer er fahren aus den Medien, in der Schule oder von den Eltern von Risiken im Internet und ver suchen dann, den Erwar tungen ihrer sozialen Bezugs personen zumindest in Gesprächen zu ent sprechen – selbst dann, wenn es gar nicht ihrer Lebens realität ent spricht. Es kann aber ebenso sein, dass tatsäch lich ein Bedürfnis besteht, nicht nur Nähe aufzu bauen, sondern auch eine ge wisse Distanz zu anderen 126 oder gar zu ihrem „digitalen Lebens umfeld“ zu halten. Die Tatsache, dass einige der Interviewten von sich aus einen sozialen Druck oder gar Zwang zur Teilnahme an Sozialen Netz werken an gesprochen haben, weist darauf hin, dass nicht alle Jugend lichen und jungen Erwachsenen Nähe im Internet suchen und wollen, die auf Sozialen Netz werk platt formen möglich ist oder auch ver langt wird. Was in den Äußerun gen zu diesem Thema seitens der jungen Nutzer nur Wieder holungen vor gegebener Normen sind, die als sozial er wünscht gelten, und was tatsäch lich Aus druck des Wunsches nach Distanz ist, lässt sich schwer einschätzen. Zusammen fassend kann man fest halten: Auf der PräferenzDimension Nähe versus Distanz regulie ren Jugend liche und junge Erwachsene ihre Zugänglich keit, indem sie diese individuell, situativ oder nach sozialen Normen anpassen. Dazu gibt es auf Sozialen Netz werk platt formen zahl reiche Möglich keiten: Man kann im Chat sicht bar sein oder bewusst die Sicht bar keit im Chat ver bergen; man kann seine EMailAdresse an geben, um kontaktiert werden zu können, oder sie ver stecken; man kann die Kontakt daten auf den physischen Ort er weitern oder Wohnort bzw. Adresse nicht an geben; man kann ein Profil bild hochladen, darauf ver zichten oder undeut liche Bilder ver wenden; man kann seinen richti gen Namen nennen, oder auch einen er fundenen oder ver änderten; man kann seinen aktuellen Aufenthaltsort ver öffent lichen oder darauf ver zichten. Diese Möglich keiten nehmen die von uns interviewten Jugend lichen und jungen Erwachsenen teils ent sprechend ihrer Bedürf nisse wahr, teils in Anpas sung an vor gegebene Normen und soziale Erwar tungen. In der Folge ver stricken sie sich mitunter in deut liche Wider sprüche und Konflikte (PrivacyParadox). Präferenz Einzigartig keit versus Zu gehörig keit (Selbst wert) In den Medien und aus der Sicht vieler Experten (siehe hierzu auch Kap. 5.2) dienen Soziale Netz werk platt formen nicht nur der Kommunika tion, sondern auch als Ort der Selbst darstel lung bis hin zur Identi täts entwick lung. Wenn sich Personen vor allem selbst darstellen wollen, dann kommt es ihnen darauf an, einzigartig zu sein, dabei vor allem positive oder aus gefallene Eigen schaften der eigenen Person zu zeigen oder auch be sonders authentisch (und damit un verwechsel bar) aufzu treten. Profile auf Sozialen Netz werk platt formen bieten be liebig viele Möglich keiten, die eigene Person darzu stellen. Interessanter weise wird dieses Bedürfnis von den interviewten Jugend lichen und jungen Erwach senen ver gleichs weise wenig direkt in unseren Interviews artikuliert. Im Ver gleich zur Kommunika tion wird die Selbst darstel lung offen bar nicht als primäre Funktion Sozialer Netz werk platt formen wahrgenommen. Es finden sich aber indirekte Aus sagen, die darauf hindeuten, dass sich junge InternetNutzer durch aus abheben und ab grenzen, also nicht (immer) genauso sein und genauso 127 handeln wollen wie die anderen: So weisen sie oft darauf hin, dass andere Nutzer irrelevante Informa tionen preis geben, unvorteil hafte Fotos von sich ver öffent lichen oder sich in Sozialen Netz werken in Beiträgen nicht an ständig ver halten – ge paart mit der Fest stel lung, dass sie dies anders handhaben. Auch bei diesen Äußerun gen ist selbstredend eine soziale Erwünscht heit nicht aus geschlossen. Allerdings zeigen die Einzelinterviews, dass Hinweise dieser Art zusammen mit anderen Aus sagen manchmal die Ent wick lung einer eigenen Identität andeuten. Ver einzelt teilen Interviewte aber auch un vermittelt mit, dass sie stolz darauf sind, anders zu sein oder anders zu handeln und dies dann gerade deswegen öffent lich machen (wollen). Der Wunsch, in relevanten Bezugs gruppen „nichts zu ver passen“, mitreden zu können und in der Folge vor allem dazu zugehören, scheint allerdings bei den meisten jungen Platt formenNutzern aus geprägter zu sein. Etablie rung, Erhal tung und Ver tiefung von Freund schaften ge hören relativ deut lich zu den wichtigsten Gratifika tionen der Teilhabe an Sozialen Netz werken. Dies kann so weit gehen, dass man lieber darauf ver zichtet, die eigene Meinung darzu stellen, wenn man diese als ab weichend von der Mehr heits meinung einschätzt oder ver mutet, dass dies bei anderen einen „falschen Eindruck“ von der eigenen Person hinter lasse. Merkmale, die einen von den anderen abheben, werden dann nicht öffent lich ge macht, um keinen Anlass für Aus gren zung zu bieten. Die interviewten Jugend lichen und jungen Erwachsenen haben mehrfach an gegeben, eher „nicht be sondere“, risikofreie Dinge zu ver öffent lichen, damit Gespräche in Sozialen Netz werken ent stehen können. Deutlich wird das im um gekehrten Sinne z. B. an Interviewten, die in ihrem Schulalltag nur gering sozial integriert sind: Sie haben kein großes Interesse, sich auf Sozialen Netz werk platt formen mit ihren Mitschülern zu ver netzen und sich dort darzu stellen, weil sie ohnehin nicht be sonders gut mit ihnen aus kommen. Der Wunsch nach Einzigartig keit kann, muss aber nicht, mit dem Bedürfnis nach Distanz zusammen hängen; dasselbe gilt für den Zusammen hang zwischen dem Wunsch nach Zu gehörig keit und dem Bedürfnis nach Nähe. Während Nähe versus Distanz eher eine Dimension ist, die mit Zugänglich keit zu tun hat und sich rasch, auch situativ, ändern kann, stellt Einzigartig keit versus Zu gehörig keit eher eine Dimension dar, die den Selbst wert einer Person tangiert. Zusammen fassend kann man fest halten: Auf der PräferenzDimension Ein zigartig keit versus Zu gehörig keit regulie ren Jugend liche und junge Erwachsene Aspekte ihres Selbst werts. Soziale Netz werk platt formen bieten für beides prinzipiell einen Rahmen: Man sieht dort, wie andere denken und handeln, kann sich an schließen und dann dazu gehören. Genauso aber bieten Soziale Netz werk platt formen einen breiten Raum zur Darstel lung der eigenen Person in ihrer Einzigartig keit. Auch diese beiden Bedürf nisse können in Konflikt geraten. Hinweise darauf finden sich in den Interviews allerdings nur indirekt. 128 Präferenz Freiheit versus Sicher heit (Hand lungs spiel raum) Im Vordergrund stehen bei der Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen affirmative Ziele, also die Einbet tung in die soziale Gruppe, emotionaler Zu spruch und der Aus tausch über Gemeinsam keiten. Konflikt themen be sprechen auch die von uns interviewten Jugend lichen und jungen Erwachsenen in privaten Nachrichten, nicht aber in Teilöffentlich keiten von Pinnwänden. Hierfür suchen sie eher die Sicher heit einer EinszueinsSitua tion ent weder im Internet über persön liche Nachrichten, über Foren beiträge unter Nutzung von Pseudonymen oder außerhalb des Internet über Telefonate oder persön liche Gespräche. Damit zeigen die Jugend lichen und jungen Erwachsenen ein Bewusstsein dafür, wer bei einem öffent lich aus gehandelten Konflikt noch alles mitlesen könnte. Soziale Netz werk platt formen werden primär dazu ge nutzt, das außerhalb des Internet be stehende soziale Netz werk abzu bilden. Das Sammeln von Kontakten über den persön lichen Bekannten kreis hinaus spielt bei den Interviewten dagegen kaum eine Rolle. Auf Sozialen Netz werk platt formen suchen junge Nutzer also eben falls primär die Sicher heit persön licher Bekannt schaften und die Sicher heit vor Eingriffen fremder oder unerwünschter Personen, was schon in anderen Studien er mittelt werden konnte (Schmidt, PausHasebrink & Hasebrink, 2009). Gleichzeitig finden sich aber auch Äußerun gen in unseren Interviews, die darauf hinweisen, dass der Aspekte der Freiheit in Sozialen Netz werken eben falls ein Gut ist, das Jugend liche und junge Erwachsene nutzen wollen: z. B. die Freiheit, sich eigene soziale Bezugs gruppen, im Bedarfs fall auch einmal fernab der realen Bezugs gruppe oder ent gegen der Erwar tungen der Elterngenera tion, zu suchen und Kontakte zu knüpfen, die man ohne das Internet nicht knüpfen könnte. Ver einzelt wird auch das Bedürfnis nach Freiheit in dem Sinne geäußert, sich auf Sozialen Netz werk platt formen geben zu können, wie man ist, oder auch eine öffent liche Person sein zu dürfen. Zudem betonen viele junge Nutzer, dass es ihnen wichtig ist, selbst und damit frei ent scheiden zu können, welche Daten und Informa tionen sie freigeben und mit wem sie sich ver netzen oder eben nicht. Dass der Wunsch nach Sicher heit einer seits und nach Freiheit anderer seits auf Sozialen Netz werk platt formen unter schied lich aus gelebt werden kann, lässt sich leicht ver anschau lichen: Man kann z. B. in Facebook ein Profil be stehend aus Minimaldaten mit dem aus schließ lichen Ziel anlegen, Zugriff auf OnlineSpiele zu haben (oder andere Dienste zu nutzen) und maximiert damit seine Sicher heit. Man kann Scheinnetz werke mit ge fälschten Profil anga ben anlegen, um beispiels weise unerkannt Mitschüler kennen zulernen, in die man ver liebt ist, und bleibt auch dabei eher „auf der sicheren Seite“. Wenn man sich aus schließ lich mit Personen ver netzt, die man außerhalb des Internet kennt, fühlt man sich eben falls tendenziell sicher. Ein stärke rer Wunsch nach Freiheit dagegen kommt zum Aus druck, wenn man (bewusst) ver schiedene Netz werke mischt (z. B. be rufliche und private Kontakte) oder diese so weit 129 öffnet, dass auch Personen integriert werden, die man nur aus dem Internet kennt oder erst noch kennen lernen will. Alle diese ver schiedenen Formen der Aus gestal tung des eigenen Netz werks in Sozialen Netz werk platt formen finden sich in den Aus sagen der interviewten Jugend lichen und jungen Erwachsenen wieder. Zusammen fassend kann man fest halten: Auf der PräferenzDimension Sicher heit versus Freiheit regulie ren Jugend liche und junge Erwachsene ihren Hand lungs spiel raum, indem sie zum einen selbst die Art und Rolle ihrer Netz werke bzw. ihrer Netz werk zugehörig keit definie ren und aus gestalten. Zum anderen tun sie dies durch ihre Ent schei dung, wie frei sie mit ihren eigenen Daten umgehen und als Person öffent lich sein wollen. Letzteres wird in unseren Interviews eher von jungen Erwachsenen explizit an gesprochen. Diese Gruppe lebt gegen über den jüngeren Interviewten in komplexe ren Lebens umständen und kennt mehr Kontakte aus dem persön lichen Umfeld außerhalb des Internet. Ihr Hand lungs spiel raum ist dadurch größer. Dass Soziale Netz werk platt formen sowohl eine Chance als auch ein Risiko sind, ist allen Nutzern, auch den jungen, wohl bewusst. Keiner der Interviewten zeigte sich hier völlig un bedarft. Wie man die ver schiedenen Chancen und Risiken ge wichtet und gegen einander auf wiegt, ist von drei Wissens bereichen ab hängig: dem Sachwissen über die Möglich keiten von Sozialen Netz werk platt formen; dem Hand lungs wissen da rüber, wie Funktionen ge nutzt werden können, um er wünschte Ziele zu er reichen und unerwünschte Effekte zu ver meiden; und dem Begrün dungs wissen, wie wichtig einem „Werte“ wie Sicher heit und Freiheit sind. 130 Literatur Kleining, G. (1982). Umriß zu einer Methodologie qualitativer Sozialforschung. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 34(2), 224–253. Krotz, F. (2005). Neue Theorien ent wickeln: Eine Einfüh rung in die Grounded Theory, die Heuristi sche Sozialforschung und Ethnographie anhand von Beispielen aus der Kommunika tions forschung. Köln: von Halem. Mayring, P. (2000). Qualitative Inhalts analyse: Grundlagen und Techniken (7. Aufl.). Weinheim: Deutscher Studien Verlag. Schmidt, J.H., PausHasebrink, I. & Hasebrink, U. (2009). Heranwachsen mit dem Social Web: Zur Rolle von Web 2.0Angeboten im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen. Schriften reihe Medien forschung der Landes anstalt für Medien NordrheinWest falen: Bd. 62. Berlin: VISTAS. 131 3 Digital Natives und Digital Immigrants – eine Sekundäranalyse Julia Niemann & Michael Schenk Die Heraus forde rungen von OnlineIdenti täten und der Selbstoffenba rung im Social Web be treffen nicht aus schließ lich die jungen Nutzer oder Digital Natives. Heute sind sehr viele digitale Informa tionen über jeden Internetnutzer ver fügbar. Auch An gehörige älterer Genera tionen bewegen sich im Social Web und er schaffen OnlineIdenti täten. Bei ihnen lassen sich ebenso Hand lungs weisen be obachten, die nicht von einem vor sichti gen Umgang mit der eigenen Privat sphäre zeugen. So sind be sonders ältere Menschen ge fährdet, Opfer von Online Betrug zu werden, da sie krimi nelle Ab sichten bisweilen schlecht durch schauen (Görgen, 2009), und beim OnlineDating geben Singles jeden Alters intime Details über sich preis (Gibbs, Ellison & Heino, 2006). Jugend liche und junge Erwachsene nutzen das Internet jedoch anders als ältere Erwachsene, daher stellt sich die Forschungs frage „Wie unter scheiden sich ältere und jüngere Nutzer des Social Web hinsicht lich ihrer Neigung zur Selbstoffenba rung und ihrer Sorge um die Privatsphäre im Social Web?“. Einer seits sind junge User wesent lich häufiger online und nutzen das Netz intensiver. Die ARDZDFOnlinestudie (2011) zeigt, dass die Ver brei tung der Internetnut zung weiter zunimmt, aber dass sie auch stark vom Alter abhängt. Nahezu alle unter 20Jährigen gaben in der Umfrage an, das Internet innerhalb der letzten vier Wochen ge nutzt zu haben. Dieser Anteil sinkt bei steigen dem Alter und bei den über 60Jährigen beträgt der Anteil der Internetnutzer gerade noch 35 Prozent. Auch bei der Nutzung einzelner Anwen dungen des Social Web lassen sich deut liche Alters unterschiede fest stellen (Busemann & Gscheidle, 2011). Schon rein quantitativ ergeben sich also Unter schiede ver schiedener Genera tionen, nicht nur bei der Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen. Insbesondere Jugend liche im Alter zwischen etwa 15 und 17 Jahren nutzen die Platt formen be sonders stark (Hasebrink & Rohde, 2009), in den Alters gruppen der 18 bis 20 und 21 bis 24Jährigen hingegen nimmt die Nutzung leicht ab. Die Nutzung des Internet und insbesondere des Social Web und von Sozialen Netz werk platt formen durch ver schiedene Alters gruppen unter scheidet sich aber 132 nicht nur quantitativ sondern auch funktional, wie Boyd (2008) be schreibt: Jugend liche be schäfti gen sich auf Sozialen Netz werk platt formen mit Personen aus ihrem sozialen Umfeld, sie ver ändern ihre Profile häufiger und ver fassen Kommentare auf den Profilseiten ihrer Freunde. Das Netz ist stark in die Lebens welt der Digital Natives integriert, sie finden dort einen Ort, an dem sie – weit gehend un beobachtet durch Eltern oder Lehrer – auf ihre Peergroup treffen (Boyd & Marwick, 2011). Erwachsene hingegen be treiben auf Sozialen Netz werk platt formen eher wirk liches „Networking“, sie nutzen sie zur Auf rechterhal tung oder zum Ausbau ihres sozialen Kapitals. Ihnen ist es be sonders wichtig, dort alte Bekannte wieder zufinden, Geschäfts kontakte zu pflegen oder die Platt formen als Informa tions quelle zu ver wenden (Boyd, 2008). Die Unter schiede zwischen jüngeren und älteren Nutzern auf das Geburts jahr zurück zuführen, wäre jedoch zu kurz ge griffen. „Der Genera tionen zusam men hang ent steht […] nicht auf grund der chronologi schen Gleichzeitig keit der Geburt, sondern vielmehr durch die gemeinsame Teilhabe an be stimmten histo ri schen Ereig nissen oder umfassen den Ver ände rungen, welche Lebens stil und Weltanschauung mass geblich [sic!] prägen.“ (Seufert, 2007, S. 6). Genera tionen werden durch politi sche Ereig nisse, Mode und Zeit geist sowie durch technologi sche Innova tionen, mit denen sie auf wachsen, ge prägt. Die Zusam men gehörig keit einer solchen „soziologi schen Genera tion“ ist daher an Geburts jahrgängen fest zumachen, der Geburts jahrgang ist aber nicht die Ursache für die Zu gehörig keit. Die Genera tion der Digital Natives ist mit den neuen Informa tions techno logien, mit Internet und Mobilfunk auf gewachsen, die der Digital Immigrants nicht. Als groben Richt wert findet man in der Literatur die Geburts jahrgänge ab den 1980ern als Digital Natives (Fromme, 2002; Palfrey & Gasser, 2008). Im Gegen satz zu den Digital Natives sind die älteren Nutzer nicht mit dem Internet auf gewachsen. Anders als die jungen Nutzer er lernen sie den Umgang mit den neuen Technologien meist nicht beiläufig, sondern durch selbst organi siertes oder selbst gesteuertes Lernen (Fromme, 2002). Die Digital Immigrants haben strukturell andere Sozialisa tions prozesse hinter sich, die sie zu anderen Formen der Selbst darstel lung und zu einem anderen Konzept von Privat heit und Öffentlich keit ge führt haben. Zum Teil hängen die Unter schiede in Bezug auf die Selbstoffenba rung im Internet auch von den generellen techni schen Fertig keiten ab (Boyd & Hargittai, 2010). Die Unter schiede in der Art, wie Menschen online mit ihrer Privatsphäre umgehen, sind durch frühere Erfah rungen, auch aus der OfflineWelt, bedingt. Das Konzept der Älteren ist gegenüber dem der Jüngeren negativ geprägt: „youth focus on all that they have to gain when entering into public spaces while adults are talking about all that they have to lose“ (Boyd, 2010, Abs. 5). Abhängig von ihren persön lichen be ruflichen und privaten Erfah rungen und ihrer Expertise im Umgang mit den digitalen Medien reagie ren Menschen anders auf die Chancen und Risiken des Social Web. Dadurch, dass die Digital Natives mit den digitalen 133 Medien auf gewachsen sind, besteht bei ihnen ver mutlich ein größeres Ver trauen in die neuen Technologien. Da sie auf eine jahrelange Erfah rung im Umgang mit den Technologien zurück blicken und diese beiläufig erlernt haben, wähnen sie sich in der Lage, Konsequenzen und Gefahren im Netz ab schätzen zu können. Dieser Umstand könnte sich auch auf den Umgang und die Ver öffent lichung von eigenen und fremden personen bezogenen Daten aus wirken: Es er scheint daher plausibel, dass Digital Natives und Digital Immigrants mit anderen Maßstäben be urteilen, was als privat gelten sollte und was nicht. Es liegt nahe, dass es zwischen den Digital Natives und den Digital Immi grants einen Unter schied hinsicht lich der Hand lungs weisen im Social Web und der Einstel lung zur Privatsphäre gibt. Die Besonder heiten des Umgangs mit dem Social Web und mit Privat heit und Öffentlich keit im Internet, die bei jungen Nutzern eventuell vor liegen, können zudem be sonders deut lich auf gezeigt werden, wenn sie einer Ver gleichs gruppe älterer Internetnutzer gegen über gestellt werden. Dieser Ver gleich soll im Folgenden unter Rück griff auf eine sekundär analyti sche Unter suchung geschehen. 3.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens Zur Kontrastie rung der Unter schiede zwischen Digital Natives und Digital Immigrants hinsicht lich ihrer Nutzung des Social Web, ihrer Sorge um die eigene Privatsphäre und dem Selbstoffenba rungs verhalten, wird auf die Studie „Die Diffusion der Medien innova tion Social Web: Determinanten und Aus wirkungen aus der Perspektive des Nutzers“ zurück gegriffen. Dieses Projekt wurde von 2008 bis 2011 an der Universi tät Hohenheim unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. habil. Michael Schenk durch geführt und von der Deutschen Forschungs gemein schaft ge fördert. Die Studie liefert ein umfassen des Bild von der Nutzung und den Nutzungs motiven sowie eventuellen Folgen des Social Web in der deutschen InternetNutzer schaft. Dabei wurden nicht nur Fragestel lungen auf individueller Ebene auf gestellt, sondern auch Aus wirkungen für Gruppen und Gesellschafts prozesse diskutiert. Das Projekt umfasste ein mehrstufiges Forschungs design, das quantitative und qualitative Methoden integrierte. Dabei wurden nicht nur Soziale Netz werk platt formen, sondern auch fünf weitere Anwen dungen des Social Web fokussiert. Es handelt sich um Bilder und Videoplatt formen, Blogs, Wikis und Diskus sions foren. Für die Beantwor tung der Forschungs frage 2, wie unter scheiden sich ältere und jüngere Nutzer des Social Web hinsicht lich ihrer Neigung zur Selbstoffen ba rung und ihrer Sorge um die Privatsphäre im Social Web?, wurden die quantitativen Daten des DFG Projekts sekundäranalytisch unter sucht. Diese wurden im Rahmen einer WebBefra gung, bei der die Teilnehmer über ein OnlineAccessPanel rekrutiert wurden, gesammelt. Die Struktur des Samples 134 ent spricht hinsicht lich Alter, Geschlecht und Bundes land der Grundgesamt heit der deutschen OnlineBevölke rung laut AGOF zum Erhe bungs zeitpunkt (vgl. Schenk, Jers & Gölz, 2012). Die Teilnehmer der Umfrage sind jedoch deut lich höher ge bildet als der Durch schnitt der OnlineBevölke rung. Insgesamt nahmen 3.030 Personen zwischen 13 und 83 Jahren an der Umfrage teil. Um Digital Natives und Digital Immigrants hinsicht lich der Sorge um die Privatsphäre und dem OnlineSelbstoffenba rungs verhalten miteinander ver gleichen zu können, wurden drei Alters gruppen ge bildet. Als Gruppe der Digital Natives wurden Personen im Alter zwischen 13 und 24 Jahren definiert (n = 624). Diese sind deut lich später als 1980 ge boren und somit eindeutig nach und während der Ver brei tung des Internet auf gewachsen. Da die Alters grenze zwischen Digital Natives und Digital Immigrants fließend ver läuft und nicht an einem be stimmten Geburts jahr fest zumachen ist, wurde zusätz lich eine Mittelgruppe ge bildet, die die beiden interessie ren den Gruppen Digital Natives und Digital Immigrants voneinander separiert. Diese Mittelgruppe reicht von 24 bis zu 34 Jahren (n = 565). Es handelt sich um Personen, die zwar in ihrer Jugend die Anfänge der Ent wick lung neuer Informa tions technologien miterlebt haben, deren Jugendphase aber nicht zwangs läufig so stark von der zunehmen den Mediatisie rung durch Informa tions technologien ge prägt war, wie die der Digital Natives. Personen über 35 Jahren bilden die Gruppe der Digital Immi grants (n = 1.841). Diese Gruppe konnte die Informa tions technologien Internet und Mobilfunk nicht in ihrer Kindheit und Adoles zenz er lernen, sondern kam erst in einer späteren Lebens phase damit in Berüh rung. Sie ge hören diesbezüg lich einer anderen soziologi schen Genera tion an. Der Schilde rung der Ergeb nisse der Sekundäranalyse geht im Folgenden jeweils eine Beschrei bung der operationalisierten Konstrukte voraus. Die Um frage ent hielt neben der Abfrage der Nutzungs häufig keit der ver schiedenen Social WebAnwen dungen auch eine Skala zum Persönlich keits merkmal Nei gung zur Selbstoffenba rung und zur Internet und Social WebSelbst wirksam keit. Außerdem wurden die Sorge um die Privatsphäre im Social Web und das Selbstoffenba rungs verhalten ab gefragt. Die hier auf gezählten Konstrukte wurden dahin gehend unter sucht, ob sie sich bei den drei Alters gruppen unter scheiden. 3.2 Ergeb nisse 3.2.1 Nutzungs aktivi tät Zunächst wurde in der Onlinebefra gung nach der Nutzungs häufig keit ver schiedener Anwen dungen des Social Web ge fragt (Abbil dung 3). Insgesamt be suchen die Digital Natives deut lich häufiger die ver schiedenen Anwen dungen des Social Web. Soziale Netz werk platt formen stechen heraus, denn sie werden 135 in jeder Alters gruppe am häufigsten frequentiert. Die Digital Immigrants nutzen sie im Durch schnitt zumindest mehrmals wöchent lich und auch die anderen Alters gruppen weisen bei den Sozialen Netz werk platt formen jeweils ihre höchste Nutzungs frequenz auf. Auf fallend ist jedoch das starke Gefälle zwischen den Alters gruppen. Während die jungen Nutzer an geben, diese An gebote im Schnitt mindestens wöchent lich zu nutzen, sinkt der Durch schnitts wert bei den anderen Alters gruppen deut lich, was auch den Erwar tungen ent spricht. Abbil dung 3: Nutzungs häufig keit der Social Web-Anwen dungen Skala: 1 = nie; 2 = seltener; 3 = mehrmals monatlich; 4 = einmal wöchentlich; 5 = mehrmals wöchentlich; 6 = einmal täglich; 7 = mehrmals täglich Der Aktivi täts grad im Social Web bemisst sich nicht nur an der Nutzungs frequenz oder dauer, die die User mit SocialWebAktivi täten ver bringen. Viel relevanter in Bezug auf die Privatsphäre ist es, welche Aktivi täten die User im Social Web aus führen und wie sie dies jeweils tun. Einer seits ist es möglich, die An gebote des Social Web passivrezipierend zu nutzen, anderer seits zeichnet sich das Social Web gerade dadurch aus, dass Nutzer sich einbringen und vom Rezipient zum „Produser“ werden, der aktiv eigene Inhalte ge neriert. Um die SocialWebNutzung nicht über eine reine Häufig keits abfrage zu er fassen, wurde in der Diffu sionsStudie eine Nutzer typologie ge bildet, die den Aktivi täts grad ab bildet. Für die sechs unter suchten Anwen dungsTypen des Social Web wurden Aus sagen formuliert, die die rezipierende, partizipierende oder produzierende Nutzung des jeweili gen Anwen dungsTyps aus drücken. So wurde 5,15 4,60 3,61 2,81 4,15 3,41 2,61 3,24 4,21 3,48 3,09 3,71 2,70 2,58 2,47 2,09 2,70 2,60 0 1 2 3 4 5 6 7 Soziale Netzwerk- plattformen Video- plattformen Bilder- plattformen Blogs Wikis Diskussions- foren Digital Natives (n = 624) Mittelgruppe (n = 565) Digital Immigrants (n = 1.841) 136 für Videoplatt formen beispiels weise ab gefragt, ob ein Nutzer dort nur Videos ansieht (rezipierende Nutzung), sie darüber hinaus auch kommentiert (partizi pierende Nutzung) oder zudem auch eigene Videos hochlädt (produzierende Nutzung). Die Anwen dungen differenzie ren hinsicht lich der Nutzungs aktivi tät sehr stark (Abbil dung 4). Es fällt auf, dass sich insbesondere Soziale Netz werk platt formen durch eine hohe partizipierende und produzierende Nutzungs weise aus zeichnen. Sie werden also nicht nur be sonders häufig, sondern auch mit sehr hohem Partizipa tions grad ge nutzt. Abbil dung 4: Aktivi täts grad pro Anwen dung Basierend auf den je drei Items zu den sechs ab gefragten Anwen dungs typen und der Nutzungs aktivi tät wurde eine Nutzer typologie auf gestellt, die den Aktivi täts grad der User im Social Web wider spiegelt. Die fünf Nutzer gruppen werden in Tabelle 4 be schrieben (vgl. Jers et al., 2010). 77% 12% 64% 36% 46% 50% 7% 31% 16% 25% 11% 14% 15% 57% 20% 39% 43% 36% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Wikis (n = 1.965) Soziale Netzwerk- plattformen (n = 1.964) Video- plattformen (n = 1.944) Diskussions- foren (n = 1.912) Bilder- plattformen (n = 1.891) Blogs (n = 1.312) rezipierende Nutzung partizipierende Nutzung produzierende Nutzung 137 Tabelle 4: Nutzer typologie nach Aktivi täts grad Gruppe n Nichtnutzer Diese Gruppe nutzt keine der sechs ab gefragten Social Web- Anwen dungen in irgendeiner Weise. Diese Gruppe ist nicht im Social Web aktiv. 291 Konsumierende Nutzer Rezipierende Nutzer nutzen zwar eine oder mehrere der ab- gefragten Social Web-Anwen dungen, jedoch be richten sie nur von rezipie ren der Nutzung. Diese Nutzer ge nerie ren weder eigene Inhalte, noch partizipie ren sie, indem sie die Inhalte anderer kommentie ren oder be werten. Umgangs sprach lich könnten sie auch als „Lurker“ be zeichnet werden. Ihr Aktivi täts- niveau ist daher gering. 573 Partizipierende Nutzer Mitglieder dieser Gruppe nutzen mindestens eine der ab- gefragten Social Web-Anwen dungen in partizipie ren der Weise. Sie stellen zwar keine eigenen Inhalte bereit, aber sie reagie ren auf die Inhalte anderer, indem sie sie kommentie ren oder be- werten. 534 Produzierende Nutzer Diese Nutzer produzie ren eigene Inhalte und ge nerie ren damit Content in einer oder zwei der ab gefragten Social Web-Anwen- dungen. 1.072 Vielseitig produzierende Nutzer Bei den vielseitig produzie ren den Nutzern handelt es sich um Personen, die in drei oder mehr Anwen dungen eigene Inhalte bereit stellen und das höchste Aktivi täts niveau in der Typologie auf weisen. 560 Basis: N = 3.030 Zunächst soll ge zeigt werden, inwiefern die ge bildeten Alters gruppen hin sicht lich der SocialWebNutzung variieren. Für diesen Ver gleich wurde eine Häufig keits auszäh lung des Aktivi täts grades, auf gesplittet nach den drei Alters gruppen, vor genommen, die in Abbil dung 5 dargestellt ist. Es zeigt sich, dass die Alters gruppen hinsicht lich ihres Aktivi täts grades deut lich differie ren. Wie er wartet, ist die produzierende Nutzung im Jugend und jungen Erwachsenen alter am aus geprägtesten. Eine deut liche Mehrheit von 83 Prozent der 13 bis 24Jährigen produziert und ver öffent licht eigene Inhalte in mindestens einer der sechs unter suchten Social WebAnwen dungen. In der Ver gleichs gruppe der Digital Immigrants geben nur 40 Prozent der be fragten Internetnutzer an, schon einmal eigene Inhalte ins Netz ge stellt zu haben. Die Gruppe der Nichtnutzer ist im Gegen zug in dieser Gruppe am größten (14 Prozent). In der Gruppe der jungen Nutzer sind hingegen kaum NichtNutzer zu finden (1 Prozent). Die deskriptiven Ergeb nisse be stätigten sich auch in einem χ²Test (χ² = 399,53; p < ,001) und auch die er klärte Varianz (η = ,34) spricht für einen starken Zusammen hang zwischen Alters gruppe und Aktivi täts grad. Folglich kann fest gehalten werden, dass wie er wartet die jungen Nutzer das Social Web intensiver und vor allem mit einem höheren Partizipa tions grad nutzen als die älteren. 138 Abbil dung 5: Alters gruppen nach Aktivi täts grad im Social Web 3.2.2 Selbst wirksam keit Nicht nur die Erfah rung im produzie ren den Umgang mit dem Social Web liefert eine Begrün dung, inwiefern Personen unter schied lich mit den Heraus forde rungen von Selbstoffenba rung und Privatsphäre im Social Web umgehen. Auch die Einschät zung der Selbst wirksam keit eigener techni scher Fähig keiten bedingt, inwiefern Personen das Gefühl haben, die OnlineSelbstoffenba rung selbst kontrollie ren zu können. Dies kann auch Aus wirkungen auf Art und Umfang der OnlineSelbst darstel lung haben. Die Abfrage der InternetSelbst wirksam keit basierte auf drei Items aus einer Skala von Eastin und LaRose (2000), die ins Deutsche über setzt wurden. Um auch die Social Webspezifi sche Selbst wirksam keit ab fragen zu können, wurden innerhalb des Ursp rungs projekts fünf weitere Items formuliert, die unter schied liche Social WebAnwen dungen ab decken4. Diese Sub skala wurde innerhalb eines Pretest validiert. Die Abfrage er folgte sowohl bei der Internet als auch bei der Social WebSelbst wirksam keit über eine fünfstufige Antwort skala. Beide Subs kalen ver fügten über eine aus reichend hohe Reliabili tät, so dass zur weiteren Aus wertung 4 Die Items aller ver wendeten Skalen be finden sich im OnlineAnhang. 29% 24% 13% 54% 41% 27% 9% 17% 21% 7% 12% 25% 1% 6% 14% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Digital Natives 13–24 Jahre (n = 624) Mittelgruppe 25–34 Jahre (n = 565) Digital Immigrants 35+ Jahre (n = 1.841) Vielseitig produzierende Nutzer Produzierende Nutzer Partizipierende Nutzer Konsumierende Nutzer Nichtnutzer 139 Mittelwertindices ge bildet wurden. Das Cronbach’s α betrug für InternetSelbst wirksam keit α = ,76 und für Social WebSelbst wirksam keit α = ,91. Ob die Einschät zung der eigenen Selbst wirksam keit in Bezug auf das Internet und das Social Web zwischen den Alters gruppen variiert, wurde mit zwei einfaktoriellen Varianzanalysen und an schließen dem PostHocTest ge prüft (Tabelle 5). Es zeigen sich nur sehr geringe Mittelwert unterschiede und kleine Effekt stärken. Den Ergeb nissen der Analyse zu Folge haben die Digital Natives und Personen unter 35 Jahren eine leicht höhere InternetSelbst wirksam keit gegen über den Digital Immigrants. Ältere Personen fühlen sich im Umgang mit dem Internet demnach nur ein wenig unsiche rer als jüngere Personen. Insgesamt ist die Internetselbst wirksam keit jedoch hoch aus geprägt; mit einem Durschnitt von M = 3,90 liegen selbst die älteren Nutzer deut lich über dem Mittelwert der Skala. Tabelle 5: Internet- und Social-Web-Selbst wirksam keit nach Alters gruppen Digital Natives 13–24 Jahre Mittelgruppe 25–34 Jahre Digital Immigrants 35+ Jahre F Sign. (n = 623) (n = 565) (n = 1.841) Index Internet- Selbst wirksam keit* M 4,09a 4,09a 3,90b 23,15 p < ,001 SD 0,69 0,70 0,76 Index Social Web- Selbst wirksam keit* M 3,79a 3,70a 3,07b 142,64 p < ,001 SD 0,92 1,02 1,14 Varianzanalysen; Basis N = 3.029 Skala 1 = sehr niedrig bis 5 = sehr hoch a, b Mittelwerte mit unter schied lichen Kennbuchstaben unter scheiden sich signifikant nach dem Games HowellPostHocTest (p < ,05) * LeveneTest auf Homogeni tät der Varianzen signifikant (p < ,05) Bei der Social WebSelbst wirksam keit fallen die Differenzen zum Mittelwert der Skala nicht so stark aus wie bei der InternetSelbst wirksam keit. Insbesondere bei den beiden jüngeren Alters gruppen liegen die Mittelwerte aber dennoch deut lich darüber. Dementsprechend fällt bei der Social WebSelbst wirksam keit auch der Mittelwert unterschied zwischen den jüngeren beiden Alters gruppen und der älteren Gruppe deut licher aus. Die jüngste Alters gruppe unter schei det sich signifikant von der ältesten und der Mittelwert unterschied beträgt 0,72 Skalen punkte. Das be deutet, die jüngeren Nutzer ver fügen über eine deut lich höhere Selbst wirksam keits erwar tung als die älteren. Dies ver wundert nicht, denn wie bereits in der Analyse des Aktivi täts grades fest gestellt, ver fügen die jüngeren Nutzer über eine deut lich höhere Praxis erfah rung. Diese könnte wechselseitig zu dem ge steigerten Selbst wirksam keits empfinden führen, aus dem wiederum eine aktiv partizipierende oder produzierende Nutzung hervor gehen könnte. 140 3.2.3 Neigung zur Selbstoffenba rung Die generelle Neigung zur Selbstoffenba rung ist – unabhängig von der Selbst enthül lung im Internet – bei ver schiedenen Personen ganz unter schied lich stark aus geprägt. Schon per Defini tion geben extro vertierte Menschen mehr von sich preis als intro vertierte, und Frauen neigen bspw. eher zur Selbstoffenba rung als Männer (Dindia & Allena, 1992). Es er scheint naheliegend, dass Personen, die generell in FacetoFaceSitua tionen zu einer er höhten Selbstoffenba rung neigen, dies auch online tun. Für die Einschät zung der generellen Neigung zur Selbstenthül lung wurde eine Sub skala der von Buss (2001) ent wickelten Privacy Scale ver wendet. Diese SelfDisclosure Scale ent hält sechs Items, die das Ausmaß der Selbstenthül lung des Befragten in OfflineGesprächs situa tionen er mittelt und wurde auf einer fünfstufigen Skala ab gefragt. Wegen geringer interner Konsistenz der Skala wurde ein Item aus der Analyse aus geschlossen, so dass der ge bildete Mittelwertindex auf fünf Items basiert und ein Cronbach’s α = ,75 auf weist. Um zu prüfen, ob die Bereit schaft zur Selbstenthül lung zwischen den Alters gruppen differiert, wurde in einer einfaktoriellen Varianzanalyse ge prüft, ob bei dem ge bildeten Index Mittelwert unterschiede in den ver schiedenen Alters gruppen vor liegen. Ein Mittelwert unterschied würde auf eine Ver ände rung hinsicht lich der Normen zur Selbstoffenba rung über die unter suchten Genera tionen hinweg hindeuten. Eine solche Ver ände rung kann jedoch mit den vor liegen den Daten nicht fest gestellt werden (Tabelle 6). Wie er wartet variiert das Merkmal Neigung zur Selbstoffenba rung nicht zwischen den Gruppen. Jugend liche und junge Erwachsene weisen keine, gegen über den anderen Alters gruppen erhöhte Selbst offenba rungs tendenz in Gesprächen auf. Die Neigung zur Selbstoffenba rung face to face ist folg lich über die ver schiedenen soziologi schen Genera tionen hinweg stabil. Insgesamt ist die Neigung zur Selbstoffenba rung in der Stichprobe weder als be sonders niedrig, noch als be sonders hoch zu be zeichnen. Die Mittelwerte aller Alters gruppen liegen sehr nah am Durch schnitts wert der Skala. Tabelle 6: Neigung zur Selbstoffenba rung nach Alters gruppen Digital Natives 13–24 Jahre Mittelgruppe 25–34 Jahre Digital Immigrants 35+ Jahre F Sign. (n = 621) (n = 563) (n = 1.835) Neigung zur Selbstoffenba rung* M 3,29 3,30 3,24 2,09 n. s. SD 0,78 0,72 0,73 Varianzanalysen; Basis N = 3.019 Skala der zu gehöri gen Items von 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu * LeveneTest auf Homogeni tät der Varianzen signifikant (p < ,05) 141 Es kann daher davon aus gegangen werden, dass heutige Jugend liche und junge Erwachsene sich hinsicht lich ihrer Selbstoffenba rungs tendenzen im OfflineLeben nicht unter scheiden und dass diesbezüg lich (bisher) keine gravie rende, durch das Social Web be günstigte Ver ände rung statt gefunden hat. Digital Immigrants und Digital Natives ver halten sich gleich. Dies kann jedoch in Bezug auf die OnlineSelbstoffenba rung und in Hinblick auf die Sorge um die eigene Privatsphäre in OnlineUmgebun gen anders aus sehen. Die „visuelle Anonymi tät“, die online weitest gehend noch immer vor herrscht, be günstigt einen höheren Level der Selbstoffenba rung (Joinson, 2001). 3.2.4 Sorge um die Privatsphäre und techni scher Schutz im Social Web Zur Messung der Sorge um die Privatsphäre wurde auf die Skala Adapted PCP (APCP) zurück gegriffen. Es handelt sich um eine Adaption der Skala Privacy Concern and Protec tion for Use on the Internet (PCP) von Buchanan, Paine, Joinson und Reips (2007). Die PCP wurde zu diesem Zweck auf die Gegeben heiten des Social Web an gepasst und ins Deutsche über setzt (Tad dicken, 2010, June 22). Die 27 Items lange APCP ent hält drei Subs kalen: Sorge um Privat sphäre, Generelle Vor sicht und Technischer Schutz. Die Abfrage er folgte wiederum über eine fünfstufige Antwort skala, und die drei Subs kalen wiesen eine aus reichende Reliabili tät auf, so dass auch hier Mittelwertindices ge bildet wurden (Sorge um die Privatsphäre: Cronbach’s α = ,92; Generelle Vor sicht: Cronbach’s α = ,81; Technischer Schutz: Cronbach’s α = ,72). Ob die Sorge um die eigene Privatsphäre bei der Nutzung des Internet und insbesondere des SocialWeb zwischen den Alters gruppen variiert, wurde wiederum mit einfaktoriellen Varianzanalysen und PostHocTests analysiert. Bei allen drei Subs kalen zeigen sich nur schwache, aber signifikante Mittelwert unterschiede (Tabelle 7). Demnach sind Jüngere online etwas unvorsichti ger und achten etwas weniger auf techni sche Schutz maßnahmen. Insbesondere bei der Sorge um die eigene Privatsphäre unter scheiden sich die Gruppen aber nur auf sehr geringem Niveau. 142 Tabelle 7: Sorge um Privatsphäre und techni scher Schutz im Social Web nach Alters gruppen Digital Natives 13–24 Jahre Mittelgruppe 25–34 Jahre Digital Immigrants 35+ Jahre F Sign. (n = 624) (n = 565) (n = 1.841) Generelle Vor sicht M 3,17a 3,34b 3,61c 62,78 p < ,001 SD 0,91 0,88 0,91 Technischer Schutz M 3,49a 3,74b 3,75b 29,07 p < ,001 SD 0,74 0,70 0,76 Sorge um die Privatsphäre M 3,30a 3,38ab 3,39b 3,00 p < ,05 SD 0,69 0,69 0,76 Varianzanalysen; Basis N = 3.030 Skala der zu gehöri gen Items von 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu a, b, c Mittelwerte mit unter schied lichen Kennbuchstaben unter scheiden sich signifikant nach dem Tukey PostHocTest (p < ,05) * LeveneTest auf Homogeni tät der Varianzen signifikant (p < ,05) Die Ergeb nisse weisen darauf hin, dass die Befragten aus unter schied lichen Alters gruppen sich in ähnlichem Umfang um die eigene Privatsphäre sorgen und auf techni schen Schutz bedacht sind. Die leichten Mittelwert unterschiede deuten eine Tendenz dahin gehend an, dass Jugend liche und junge Erwachsene hinsicht lich genereller Vor sicht, techni scher Schutz maßnahmen und ihrer Sorge um die Privatsphäre leicht von den älteren Alters gruppen differie ren, sie sind also etwas weniger vor sichtig. Dies unter streicht die Relevanz der weiteren empiri schen Parts der vor liegen den Studie. 3.3 Selbstoffenba rung im Social Web Um das Ausmaß der Selbstoffenba rung im Social Web zu er fassen, wurde ge fragt, welche Informa tionen die Teilnehmer bereits mindestens einmal im Internet ver öffent lich haben. Es handelt sich dabei um Basisinforma tionen (Vor name, Nachname, Geburts tag, Beruf), Kontaktinforma tionen (EMailAdresse, PostAdresse), visuelle Informa tionen (Fotos) und Informa tionen über be stehende Kontakte (private und be rufliche). Außerdem wurde nach eigenen Erleb nissen und Gedanken, eigenen Gefühlen und den negativen Gefühlen, nämlich Sorgen und Ängsten, ge fragt. Zusätz lich wurde für jede Informa tion erfasst, ob der Zugriff auf diese Informa tion auf be stimmte Gruppen be schränkt wurde (z. B. Ver öffent lichung der PostAdresse nur für persön liche Kontakte auf einer Sozialen Netz werk platt form). Nahezu durch gängig zeigt sich, dass die jüngeren Nutzer mehr Daten von sich im Internet preis geben als die älteren. Aber auch die Informa tions arten variieren hinsicht lich der Häufig keit, mit der sie ge teilt werden. Die Basisinfor 143 ma tionen Vorname, Nachname und Geburts tag ge hören, ebenso wie die EMail Adresse, zu den Informa tionen, die generell oft im Internet mitgeteilt werden. In allen Alters gruppen geben die Befragten zu über 80 Prozent an, diese Informa tion schon einmal über das Internet offenbart zu haben. Da es sich bei Name, Geburts tag und EMailAdresse um die Angaben handelt, die während der Registrie rung bei einem SocialWebDienst häufig be nötigt werden, ver wundert die hohe Rate nicht (Tad dicken & Schenk, 2010). Die Digital Natives teilen jedoch generell mehr Informa tionen mit als die älteren Alters gruppen. Einzige Aus nahme bilden offen bar Kontaktinforma tionen. Bei EMailAdresse und PostAdresse geben eher ältere Personen an, diese schon einmal ver öffent licht zu haben. Eine mögliche Erklä rung für dieses in Bezug auf die anderen Ergeb nisse konträre Resultat könnte sein, dass diese Angaben vor allem beim OnlineShopping be nötigt werden. OnlineShopping ist eher untypisch für die jüngeren Alters gruppen (ARDZDFOnlinestudie 2011). Darüber hinaus könnte es sein, dass die Angabe der PostAdresse vor rangig in einem be ruflichen Kontext erfolgt, z. B. im Rahmen der Impressums pflicht für Webseiten. Besonders die Angabe der PostAdresse könnte jedoch als sensitiv ein gestuft werden, da hier nicht nur Aus wirkungen auf die infor matio nelle, sondern auch auf die physische Privatsphäre ent stehen könnten. Daher ist dieses Ergebnis be merkens wert: Gerade bei den sehr sensitiven Kontaktinforma tionen weisen sich die älteren Nutzer durch eine hohe Selbst offenba rung aus. Eben falls als sensitiv einzu stufen ist das Teilen von Fotos, da diese unter Umständen eben falls die ab gebildete Person mit einem OfflineKontext sicht bar werden lassen. Hier be stehen deut liche Alters unterschiede. Die jungen Nutzer ver öffent lichen viel häufiger Bilder im Social Web. Ähnlich große Unter schiede finden sich auch beim Teilen privater Kontakte. Werden diese Informa tionen im Social Web ver öffent licht, wird die Person innerhalb ihres, auch in der OfflineWelt existie ren den, sozialen Netz werks sicht bar. Das Teilen privater Kontakte findet ver mutlich vor allem auf Sozialen Netz werk platt formen statt, die zwar nicht nur, aber vor rangig von jungen Nutzern besucht werden. Beruf liche Kontakte werden im Social Web generell nicht so häufig preis gegeben. Dies könnte daran liegen, dass üblicher weise be rufliche Kontakte nur in sehr speziellen Social WebFormaten ge teilt werden. Karriereorientierte SocialNetworkingSites, wie LinkedIn und XING, oder be ruflich orientierte Blogs sind Beispiele für solche Anwen dungen. Die Durch drin gung dieser An gebote ist insgesamt nicht sehr hoch (z. B. 7,5 Prozent Reichweite von XING laut AGOF internet facts 2010III). Die Mitglied schaft bei karriereorientierten SocialNetworkingSites macht zudem vor allem zu Beginn der be ruflichen Laufbahn Sinn, was daher er klären kann, dass die Nutzer unter 35 Jahren diese Informa tion be sonders häufig teilen. 144 97 % 90 % 97 % 87 % 86 % 52 % 90 % 76 % 33 % 67 % 64 % 53 % 41 % 96 % 89 % 92 % 80 % 87 % 54 % 76 % 64 % 33 % 53 % 53 % 43 % 32 % 90 % 82 % 84 % 71 % 89 % 59 % 53 % 35 % 24 % 43 % 47 % 35 % 30 % 0%10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 10 0% V or - na m e N ac h- na m e G eb ur ts - ta g B er uf E -M ai l Po st - A dr es se Fo to s Pr iv at e K on ta kt e B er uf lic he K on ta kt e E ig en e E rl eb - ni ss e E ig en e G ed an ke n E ig en e G ef üh le E ig en e So rg en un d Ä ng st e D ig ita l N at iv es 13 –2 4 Ja hr e (n = 6 24 ) M itt el gr up pe 25 –3 4 Ja hr e (n = 5 65 ) D ig ita l I m m ig ra nt s 35 + J ah re (n = 1 .8 41 ) A bb il du ng 6 : G et ei lt e In fo rm at io ne n im S oc ia l W eb n ac h A lt er sg ru pp en 145 Eher emotionale Aspekte wie eigene Erleb nisse, Gefühle, Gedanken, Ängste und Sorgen werden weit weniger häufig offenbart als die zur Registrie rung notwendi gen Daten Name und EMailAdresse. Dennoch, der Anteil der User, die an geben, diese doch eher sensitiven Informa tionen bereits über das Internet mit anderen ge teilt zu haben, ist er staun lich hoch. Er liegt in allen Alters gruppen und bei allen emotionalen Aspekten immer bei mindestens 30 Prozent. Gerade bei diesen Angaben finden sich tatsäch lich er hebliche Alters unterschiede. Jüngere Nutzer teilen diese Informa tionen häufiger im Social Web mit anderen. Jüngere Nutzer er weisen sich daher insgesamt als freigiebiger bei Fotos, privaten Kontakten, eigenen Erleb nissen, Gedanken und Gefühlen. 3.3.1 Zugang zu den ge teilten Informa tionen Die Tatsache, dass eine be stimmte Informa tion, bspw. die EMailAdresse, über das Internet ge teilt wird, be deutet nicht, dass sie dort öffent lich ver fügbar und für jedermann auf find bar ist. Die meisten Anwen dungen des Social Web bieten PrivatsphäreEinstel lungen, die die Zugänglich keit zu diesen Informa tionen regeln. Die Teilnehmer, die angaben, eine be stimmte Informa tion bereits ver öffent licht zu haben, wurden ge beten anzu kreuzen, ob diese Informa tion für die gesamte InternetÖffentlich keit oder nur für be stimmte Gruppen, z. B. die Freunde auf einer Sozialen Netz werk platt form, sicht bar sind. Mit der Einschrän kung der Zugänglich keit, z. B. durch PrivatsphäreOptionen, er langen die User eine ge wisse Kontrolle über ihre Selbstoffenba rung im Social Web. Der User kann selbst be stimmen, wer die eigenen Daten sehen darf und wer nicht. Deshalb ist eine differenzierte Betrach tung, ob und bei welchen Informa tionen diese Möglich keit ge nutzt wird, an gebracht. Sie wird in diesem Ab schnitt vor genommen. Bei der Differenzie rung zeigen sich zum Teil nur sehr geringe, zum Teil aber auch deut liche Unter schiede zwischen den Alters gruppen (Abbil dung 7 bis Abbil dung 9, S. 146–148). Im Folgenden wird insbesondere auf die Ab weichungen zwischen Digital Natives und Digital Immigrants ein gegangen. Bei den Basisinforma tionen zeigt sich, dass insbesondere der Vorname, der generell schon eher als öffent liche Informa tion be trachtet wird (vgl. Abbil dung 6), von den jungen Nutzern eher einer breiten Öffentlich keit zugäng lich ge macht wird als von älteren. Gleiches trifft auch im selben Umfang auf den Geburts tag und in geringe rem Maße auf den Nachnamen zu. Die Angabe dieser Merkmale im Social Web er leichtert die Auf find bar keit einer Person im Web. Offline und OnlineSelbst können so von anderen leicht miteinander in Ver bindung ge bracht werden. Dass junge User diese Daten eher an geben, könnte ein Hinweis darauf sein, dass sie ihre OnlineIdentität sehr eng mit ihrer OfflineIdentität ver knüpfen. 146 26 % 56 % 41 % 48 % 80 % 94 % 50 % 51 % 67 % 66 % 68 % 69 % 70 % 74 % 44 % 59 % 52 % 20 % 6% 50 % 49 % 33 % 34 % 32 % 31 % 30 % 0%10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 10 0% V or - na m e (n = 6 04 ) N ac h- na m e (n = 5 59 ) G eb ur ts - ta g (n = 6 01 ) B er uf (n = 5 38 ) E -M ai l- A dr es se (n = 5 32 ) Po st - A dr es se (n = 3 19 ) Fo to s (n = 5 56 ) Pr iv at e K on ta kt e (n = 4 72 ) B er uf - lic he K on ta kt e (n = 1 99 ) E ig en e E rl eb - ni ss e (n = 4 12 ) E ig en e G ed an ke n (n = 3 95 ) E ig en e G ef üh le (n = 3 25 ) E ig en e So rg en un d Ä ng st e (n = 2 56 ) nu r fü r be st im m te G ru pp e si ch tb ar al lg em ei n zu gä ng lic h A bb il du ng 7 : Z ug an g zu d en g e t ei lt en I n fo rm a t io ne n (A lt er s g ru pp e 13 –2 4 Ja hr e) 147 38 % 52 % 59 % 58 % 82 % 92 % 58 % 69 % 70 % 69 % 68 % 72 % 72 % 62 % 48 % 41 % 42 % 18 % 8% 42 % 31 % 30 % 31 % 32 % 28 % 28 % 0%10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 10 0% V or - na m e (n = 5 42 ) N ac h- na m e (n = 5 02 ) G eb ur ts - ta g (n = 5 13 ) B er uf (n = 4 53 ) E -M ai l- A dr es se (n = 4 90 ) Po st - A dr es se (n = 2 96 ) Fo to s (n = 4 28 ) Pr iv at e K on ta kt e (n = 3 58 ) B er uf - lic he K on ta kt e (n = 1 84 ) E ig en e E rl eb - ni ss e (n = 2 99 ) E ig en e G ed an ke n (n = 2 93 ) E ig en e G ef üh le (n = 2 37 ) E ig en e So rg en un d Ä ng st e (n = 1 80 ) nu r fü r be st im m te G ru pp e si ch tb ar al lg em ei n zu gä ng lic h A bb il du ng 8 : Z ug an g zu d en g e t ei lt en I n fo rm a t io ne n (A lt er s g ru pp e 25 –3 4 Ja hr e) 148 nu r fü r be st im m te G ru pp e si ch tb ar al lg em ei n zu gä ng lic h 56 % 68 % 74 % 72 % 74 % 88 % 58 % 75 % 79 % 68 % 68 % 70 % 69 % 44 % 32 % 26 % 28 % 26 % 12 % 42 % 25 % 21 % 32 % 32 % 30 % 31 % 0%10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 10 0% V or - na m e (n = 1 65 9) N ac h- na m e (n = 1 48 4) G eb ur ts - ta g (n = 1 54 3) B er uf (n = 1 30 0) E -M ai l- A dr es se (n = 1 63 3) Po st - A dr es se (n = 1 06 3) Fo to s (n = 9 56 ) Pr iv at e K on ta kt e (n = 6 44 ) B er uf - lic he K on ta kt e (n = 4 35 ) E ig en e E rl eb - ni ss e (n = 7 77 ) E ig en e G ed an ke n (n = 8 62 ) E ig en e G ef üh le (n = 6 25 ) E ig en e So rg en un d Ä ng st e (n = 5 42 ) A bb il du ng 9 : Z ug an g zu d en g e t ei lt en I n fo rm a t io ne n (A lt er s g ru pp e 35 + Ja hr e) 149 Auch die Angabe des Berufs ist bei den jungen Nutzern seltener auf be stimmte Gruppen be schränkt als bei älteren. Dies könnte zum einen daran liegen, dass ein Großteil der Befragten Digital Natives den Status Schüler oder Student hat und diese Informa tion deshalb so allgemein ist, dass sie nicht als privat ein geordnet wird. Zum anderen trägt die Identifika tion mit dem ge wähl ten Beruf eventuell im Jugendalter be deuten der zur Selbstidenti tät bei als im Alter. Bei den Kontaktinforma tionen, die als eher sensible Daten einzu ordnen sind, zeigt sich, dass diese, wenn sie im Internet an gegeben werden, normaler weise nicht der Allgemein heit zugäng lich ge macht werden. Hier be stehen nur kleine Unter schiede zwischen den Alters gruppen. Die älteren User schränken den Zugriff auf diese sensiblen Informa tionen jedoch weniger oft ein als die jungen. Dies ist be merkens wert, da Kontakt daten offen bar die einzigen Informa tions arten sind, bei denen ältere eher zur OnlineSelbstoffenba rung neigen (s. o.). Auch bei den Fotos ist der Unter schied zwischen den Alters gruppen nicht so groß. Hier sind es aber wieder die Jüngeren, die den Zugriff auf die Bilder seltener auf be stimmte Gruppen einschränken. Junge Nutzer ver öffent lichen also nicht nur eher Bilder im Web, sie schränken den Zugriff darauf auch weniger stark ein. Ein deut licher Unter schied zeigt sich bei den Kontakten zu Freunden und Bekannten. Wesent lich mehr junge Nutzer machen ihre be ruflichen und ins besondere privaten Kontakte öffent lich sicht bar als ältere. Eventuell ist das Sichtbarsein im sozialen Kontext, z. B. im Sinne einer Gruppen identi tät während der Adoles zenz und im jungen Erwachsenenalter, wichti ger als in späteren Lebens phasen. Ein über raschen des Ergebnis liefern die emotionalen Aspekte, das Teilen eigener Erleb nisse, Gedanken und Gefühle (inkl. Sorgen und Ängsten). Anders als intuitiv er wartet, gibt es bei ihnen keine oder nur minimale Ab weichungen zwischen den Alters gruppen. Die Gründe dafür, warum die Alters gruppen hier nicht voneinander ab weichen, können dennoch für jede Gruppe unter schied lich sein. Es kann ver mutet werden, dass die eigenen Erlebnis, Gedanken und Gefühlswelten ohnehin generell als sensible Informa tionen be wertet werden. Ältere Personen können ihre, in FacetoFaceSitua tionen er worbene Einstel lung zur Privatsphäre online anwenden; Junge haben eventuell bereits spezielle Medien kompetenz oder auch OnlinePrivatsphäreNormen ge bildet, die regeln, ob die Offenba rung dieser Informa tionen an gebracht ist oder nicht. Dennoch ist der Anteil derer, die emotionale Aspekte wie eigene Sorgen im Internet offen baren und diese Informa tionen nicht auf spezielle Gruppen einschränken, über alle Alters gruppen hinweg recht hoch. Insgesamt 30 Prozent der Personen, die solche Aspekte von sich öffent lich machen, offen baren diese emotionalen Aspekte ihres Selbst online in einem nicht durch Privatsphäre Optionen geschützten Rahmen. Ob sich jedoch tatsäch lich Bezüge zur Identität 150 der Personen herstellen lassen, bspw. über die Ver knüp fung mit Name oder Foto, kann an dieser Stelle nicht ge klärt werden. 3.3.2 Einflüsse auf die OnlineSelbstoffenba rung Um zu testen, ob das Alter – und die damit ver bundene Zu gehörig keit zu einer soziologi schen Genera tion wie bspw. den Digital Natives – eine ent scheidende Einfluss variable für das OnlineSelbstoffenba rungs verhalten ist, wurde eine multiple Regres sions analyse be rechnet. Neben dem Alter wurden auch weitere Faktoren einbezogen, denn es soll ge prüft werden, welches die ent scheiden den Einflüsse sind. Es handelt sich um den Social WebAktivi täts grad, Selbst wirksam keit, die soziodemografi schen Variablen sowie die generelle Neigung zur Selbstoffenba rung. Diese Variablen wurden aus gewählt, weil ein Einfluss auf das OnlineSelbstoffenba rungs verhalten plausibel er scheint, wie im nächsten Absatz einzeln er läutert wird. Es konnte bereits nach gewiesen werden, dass Selbstoffenba rung in Sozialen Netz werk platt formen und die Frequenz der Nutzung wechselseitig ver stärkend aufeinander wirken (Trepte, 2010). Die Nutzungs häufig keit ist jedoch vom Aktivi täts grad abzu grenzen. Personen, die regelmäßig im Social Web partizipie ren und eventuell auch eigene Inhalte produzie ren, haben ver mutlich eher den Willen und die Gelegen heit, Informa tionen über die eigene Person preis zugeben, als Personen, die das Social Web nur rezipierend oder gar nicht nutzen. Ebenso konnte bereits ge zeigt werden, dass Personen mit einer hohen Selbst wirksam keit zu aus führ licheren und aus gefallen eren Selbst präsenta tionen auf Social NetworkingSites neigen (Krämer & Winter, 2008). Bei der Selbst wirksam keit wurde zwischen der InternetSelbst wirksam keit und der Social WebSelbst wirksam keit unter schieden. Außerdem wurden Geschlecht und formale Bildung als soziodemografi sche Variablen und die Neigung zur Selbstoffenba rung in FacetoFaceSitua tionen, die als Persönlich keits eigen schaft interpretiert wird, einbezogen. Als ab hängige Variable wurde für die Analyse ein Summen index ge bildet, der die ver öffent lichten Informa tionen zur Selbstoffenba rung beinhaltet. Je nach Grad der Öffentlich keit der ent sprechen den Informa tion wurde eine unter schied liche Gewich tung vor genommen: Eine einzelne Informa tion wurde nicht ge zählt, wenn ein Befragter sie noch nie im Internet ver öffent licht hat, sie wurde einfach ge zählt, wenn er sie bereits ver öffent licht hat, aber den Zugriff auf be stimmte Personen gruppen ein geschränkt hat, und sie wurde doppelt ge zählt, wenn er die Informa tion ohne Einschrän kung für jeden Internetuser zugäng lich ins Netz ge stellt hat. Der so ge bildete Index variiert zwischen 0 = keine Informa tion jemals im Internet ver öffent licht und 26 = alle 13 ab gefragten Informa tionen wurden bereits im Netz öffent lich ver fügbar ge macht, der Zugriff wurde dabei nicht auf be stimmte Teilnehmer be schränkt. 151 In Tabelle 8 sind die Ergeb nisse der multiplen linearen Regression ab getragen. Drei der Prädiktoren weisen ein signifikantes βGewicht auf, das über ,10 liegt. Es handelt sich um den Social WebAktivi täts grad, das Alter und die Social WebSelbst wirksam keit. Formale Bildung und die generelle Neigung zur Selbstoffenba rung liefern zwar einen signifikanten, aber ver schwindend geringen Erklä rungs beitrag, daher werden sie an dieser Stelle nicht interpretiert. Geschlecht und InternetSelbst wirksam keit zeigen hingegen keinen signifikanten Einfluss und sind deshalb als Prädiktoren für das OnlineSelbst offenba rungs verhalten unge eignet. Tabelle 8: Prädiktoren der Online-Selbstoffenba rung B SE B β T Sig. Konfidenzinwtervall Untergr. Obergr. Konstante 10,05 0,85 11,80 p < ,001 8,38 11,72 Social Web-Aktivi täts grad (1 = Nichtnutzer bis 5 = Vielseitig partizipierende Nutzer) 1,29 0,08 0,32 16,21 p < ,001 1,14 1,45 Alter (in Jahren) – 0,06 0,01 – 0,16 – 8,64 p < ,001 – 0,07 – 0,04 Social Web-Selbst wirksam keit (1 = sehr niedrig bis 5 = sehr hoch) 0,59 0,10 0,13 5,77 p < ,001 0,39 0,79 Formale Bildung (1 = kein Ab schluss bis 5 = Abitur) – 0,28 0,08 – 0,06 – 3,55 p < ,001 – 0,44 – 0,13 Neigung zur Selbstenthül lung (1 = sehr niedrig bis 5 = sehr hoch) – 0,42 0,11 – 0,06 – 3,64 p < ,001 – 0,64 – 0,19 Geschlecht (1 = männ lich, 2 = weib lich) 0,14 0,18 0,01 0,81 n. s. – 0,20 0,49 Internet-Selbst wirksam keit (1 = sehr niedrig bis 5 = sehr hoch) 0,02 0,14 0,00 0,14 n. s. – 0,26 0,30 Multiple Regres sions analyse, EinschlussVerfahren, listen weiser Fall ausschluss. Sign. Effekte mit β ≥ ,1 wurden in der Darstel lung hervor gehoben. R² = ,23; R²Korr. = ,23; F = 120,82; p < ,001 Das Modell weist ein korrigiertes R² = ,229 auf. Dieser Wert ist als mittle rer Effekt zu be zeichnen. Es ist nicht ver wunder lich, dass die OnlineSelbst offenba rung nicht komplett durch die einbezogenen Variablen erklärt werden kann, da sie zumeist in einen komplexen Kontext ein gebunden ist, der über eine nach träg liche Befra gung nur schwer komplett erfasst werden kann. Sie hängt ver mutlich von weiteren, z. B. situativen Faktoren, ab, die nicht Teil der Erhebung waren. Der beste Indikator für die OnlineSelbstoffenba rung ist der Social Web Aktivi täts grad (β = ,32). Dies ist nicht weiter ver wunder lich, da die aktive 152 Teilnahme am Social Web eine erhöhte Selbstoffenba rung geradezu voraus setzt. Die Social WebSelbst wirksam keit ist eben falls ein ge eigneter Prädik tor (β = ,13). Personen, die für sich selbst einen souveränen Umgang mit dem Social Web proklamie ren, neigen demnach eher zur Selbstoffenba rung im Netz. Aber auch der prognostizierte Zusammen hang zwischen Alter und dem OnlineSelbstoffenba rungs verhalten zeigt sich in den Daten (β = –,16). Je jünger eine Person ist, desto höher ist auch der Selbstoffenba rungs index, der eine Kombina tion aus Anzahl und Öffentlich keits grad der ge teilten Informa tionen darstellt. Das βGewicht des Alters ist das zweithöchste im Modell. Wie an genommen ist das Lebens alter – und die darüber operationalisierte Zu gehörig keit zur Genera tion der Digital Natives – tatsäch lich ein ent scheiden der Prädiktor für das OnlineSelbstoffenba rungs verhalten. Der zuvor deskriptiv be schriebene Unter schied im Offenba rungs verhalten zwischen jungen und älteren Nutzern konnte somit auch in der Regression ge zeigt werden. Wie oben be schrieben, nutzen junge User das Social Web aktiver, und sie geben dabei mehr von sich preis als ältere. Da beide Regressoren in der Analyse einen – wenn auch im Fall des Alters relativ geringen – Effekt auf weisen, stellen sie relevante Ein fluss variablen dar, die unabhängig voneinander existie ren. Da bei der Analyse der Nutzung ver schiedener Anwen dungen bereits eine Sonder rolle der Sozialen Netz werk platt formen fest gestellt werden konnte, wurde eine zusätz liche Regression be rechnet, die als Einfluss faktoren statt der gene rellen Nutzer typologie die einzelne Nutzungs aktivi tät der sechs analysierten Social WebAnwen dungen ver wendet. Als Regressand ver bleibt weiter hin der ge bildete Selbstoffenba rungs index in der Analyse. Das Modell zeigt deut lich den Einfluss des Aktivi täts grades innerhalb von Sozialen Netz werk platt formen auf die OnlineSelbstoffenba rung. Dieser Regres sor hat in der neuen Analyse bei weitem den stärksten Einfluss auf die ab hängige Variable. Alter und Social WebSelbst wirksam keit ver bleiben als weitere Regressoren mit einem ge wissen Einfluss. Es fällt jedoch auf, dass keine der anderen Social WebAnwen dungen an die Erklä rungs kraft, die Soziale Netz werk platt formen für die OnlineSelbstoffenba rung bieten, heran reicht. Einer seits ist dies ver mutlich der Messung der OnlineSelbstoffenba rung ge schuldet. Diese erinnert sehr stark an die Profilinforma tionen, die auf Sozialen Netz werk platt formen ab gefragt werden. Auch hinsicht lich der Privatsphäre Einstel lungen kommen die Sozialen Netz werk platt formen der Abfrage eher ent gegen als andere Anwen dungen, die häufig nicht standardmäßig Privatsphäre Optionen bieten. Anderer seits unter streicht dieses Ergebnis die Relevanz, die gerade Soziale Netz werk platt formen für die OnlineSelbstoffenba rung haben. Diese Anwen dungen sind nicht nur be sonders beliebt, sie laden auch durch aktive Partizipa tion dazu ein, be sonders viele personen bezogene Informa tionen zu ver öffent lichen. 153 Tabelle 9: Prädiktoren der Online-Selbstoffenba rung inkl. Nutzungs aktivi tät der Social Web-Anwen dungen B SE B β T Sig. Konfidenzintervall Untergr. Obergr. Konstante 9,35 ,87 10,71 p < ,001 7,64 11,06 Soziale Netz werk platt formen* 0,62 ,05 ,27 12,19 p < ,001 ,52 ,72 Videoplatt formen* 0,11 ,07 ,04 1,54 n. s. –,03 ,25 Bilderplatt formen* 0,15 ,07 ,05 1,98 p < ,05 ,00 ,29 Blogs* 0,06 ,07 ,02 ,81 n. s. –,08 ,20 Wikis* – 0,12 ,06 –,05 – 1,94 p < ,05 –,24 ,00 Diskus sions foren* 0,11 ,06 ,04 1,91 n. s. –,00 ,23 Alter (in Jahren) – 0,04 ,01 –,11 – 5,55 p < ,001 –,05 –,03 Internet-Selbst wirksam keit (1 = sehr niedrig bis 5 = sehr hoch) – 0,01 ,14 –,00 –,10 n. s. –,29 ,27 Social Web-Selbst wirksam keit (1 = sehr niedrig bis 5 = sehr hoch) 0,72 ,10 ,16 7,12 p < ,001 ,53 ,92 Geschlecht (1 = männ lich, 2 = weib lich) 0,20 ,18 ,02 1,11 n. s. –,15 ,55 Formale Bildung (1 = kein Ab schluss bis 5 = Abitur) – 0,32 ,08 –,07 – 3,93 p < ,001 –,48 –,16 Neigung zur Selbstenthül lung (1 = sehr niedrig bis 5 = sehr hoch) – 0,47 ,12 –,07 – 4,13 p < ,001 –,70 –,25 Multiple Regres sions analyse, EinschlussVerfahren. Listen weiser Fall ausschluss. R² = ,23; Korr. R² = ,23; F = 71,27; p < ,001 * Skala: 1 = rezipierende Nutzung; 2 = partizipierende Nutzung; 3 = produzierende Nutzung 3.4 Diskussion Mit der sekundäranalyti schen Aus wertung konnte ein detaillierter Ver gleich von Digital Natives und Digital Immigrants hergestellt werden, der Aus sagen über die Gemeinsam keiten und Unter schiede hinsicht lich der Nutzung des und der Selbstoffenba rung im Social Web er möglicht. Auch die Sorge um die Privatsphäre wurde unter sucht. Der wichtigste Befund der Analyse ist, dass das Alter neben anderen Faktoren tatsäch lich einen Einfluss faktor für die OnlineSelbstoffenba rung darstellt. Das Alter wurde im be rechneten Regres sionsModell jedoch nicht als ursäch liche Variable ver standen, sondern als Operationalisie rung der sukzessiven Zu gehörig keit zu einer be stimmten soziolo gi schen Genera tion. Als ursäch lich ist nicht alleine der Geburts jahrgang zu ver stehen, sondern die damit ver bundene Prägung durch erlebte histori sche Ereig nisse, kulturelle Erfah rungen und den daraus resultie ren den Lebens stil, die in der Zu gehörig keit zu einer be stimmten soziologi schen Genera tion mündet. 154 Zwischen den ver schiedenen Genera tionen konnten zudem einige Unter schiede hinsicht lich der Nutzung des SocialWeb, des OnlineSelbstoffenba rungs verhaltens und der Sorge um die eigene OnlinePrivatsphäre fest gestellt werden. Diese Unter schiede be ziehen sich jedoch nur auf OnlineKontexte. Es konnte kein Unter schied zwischen den Genera tionen hinsicht lich des Selbstoffen barungs verhaltens in FacetoFaceSitua tionen fest gestellt werden. Darin lässt sich ablesen, dass eine eventuelle Ver ände rung hinsicht lich der Selbstoffen barungs gewohn heiten zwischen unter schied lichen Genera tionen sich (bisher) nicht auf OfflineKontexte aus gewirkt hat. Es gibt jedoch auch deut liche Unter schiede zwischen den Genera tionen. Die 13 bis 24jähri gen Nutzer ver fügen nicht nur über eine leicht höhere Internet Selbst wirksam keit als die über 35Jährigen, sondern auch über eine deut lich höhere Social WebSelbst wirksam keit. Hinsicht lich der Sorge um die Privat sphäre ergaben sich nur kleine Unter schiede zwischen den Gruppen, die darauf hindeuten, dass die jüngeren Nutzer nur leicht weniger besorgt um ihre Privat sphäre sind, sich weniger um ihren techni schen Schutz kümmern und auch etwas weniger vor sichtig sind. Die ge fundenen Differenzen sind jedoch so gering, dass eine finale Aussage über die Unter schiede hinsicht lich der Sorge der Digital Natives um die eigene Privatsphäre im Internet unangemessen er scheinen würde. Eine weitere Analyse er scheint hier an gebracht. Es lässt sich fest halten, dass sowohl ältere als auch jüngere Nutzer sich um ihre Privatsphäre im Internet sorgen. Die Sensibili tät hinsicht lich dieser Themen ist über alle unter suchten Alters gruppen in etwa gleich hoch, und die Indices der Subs kalen weisen Mittelwerte auf, die leicht im Zustimmungs bereich der Skala liegen. Die Analyse des Selbstoffenba rungs verhaltens zeigte, dass einige Informa tionen eher als öffent lich ver standen werden als andere. So zählen der Name, das Geburts datum und die EMailAdresse zu den Informa tionen, die öffent lich im Netz mitgeteilt werden. PostAdresse, private und be rufliche Kontakte, sowie Erleb nisse, Gedanken und Emotionen zählen weniger dazu. Hier gibt es jedoch zum Teil deut liche Alters unterschiede. Insbesondere Fotos, private Kontakte, sowie eigene Erleb nisse, Gedanken und Emotionen wurden bereits von mehr jüngeren Nutzern ge teilt. Die fest gestellten Unter schiede können darauf hinweisen, dass es in den Genera tionen unter schied liche Normen dahin gehend gibt, bei welchen Informa tionen es an gemessen er scheint, sie zu teilen und bei welchen nicht. Jugend liche und junge Erwachsene scheinen hinsicht lich der ge nannten Informa tionen etwas offener zu sein, was den Erwar tungen an die Genera tion der Digital Natives ent spricht (Palfrey & Gasser, 2008). Über raschend ist hingegen das Ergebnis, dass Kontaktinforma tionen etwas stärker von älteren Nutzern ge teilt werden. Solche Informa tionen könnten vor dem Hinter grund dessen, dass sie eine Inter aktion mit dem Nutzer er möglichen und dadurch weitreichendere Konsequenzen nicht nur für die informatio nelle, sondern z. B. auch für die physische Privatsphäre haben könnten, als be sonders 155 sensibel ein gestuft werden. Dies er scheint jedoch vor dem Hinter grund einer geschäfts mäßigen Internetnut zung plausibel. Zudem wähnen sich Erwachsene eher als Jugend liche in der Lage, sich gegen unerwünschte Eingriffe in die Privatsphäre wehren zu können und gehen vielleicht auch deswegen offener mit diesen Daten um. Die Nutzung der Möglich keit, ge teilte Informa tionen auf einen be stimmten Nutzer kreis einzu schränken, wird für die Informa tions arten recht unter schied lich häufig ge nutzt. Insbesondere bei KontaktInforma tionen wird davon Ge brauch ge macht, was aber wiederum auf die jüngeren Nutzer gruppen stärker zutrifft als auf die älteste. Name und Geburts datum sowie Fotos und private Kontakte werden hingegen weniger oft von den jüngeren Nutzern in ihrer Zugänglich keit ein geschränkt. Bei den emotionalen Aspekten liegt das Niveau der Zugänglich keit in allen Alters gruppen ungefähr auf gleicher Höhe. Die Unter schiede und Gemeinsam keiten hinsicht lich der Zugänglich keit von im Web ver öffent lichten Informa tionen könnten auf ein jeweils leicht unter schied liches Ver ständnis davon, welche Informa tionen als privat und welche als öffent lich gelten sollten, hinweisen. Dass sensitive Informa tionen ge teilt werden, be deutet nicht zwangs läufig, dass immer eine Ver knüp fung mit der Identität des Users statt findet. Es ist möglich, dass die User, die an geben, Erleb nisse, Gedanken und Gefühle zu teilen, dies während einer pseudonymen Nutzungs episode tun. Auch hier kann die sekundäranalyti sche Aus wertung keine tiefen Einblicke geben, weshalb eine detaillierte Analyse, wie sie im Weiteren folgt, weiter hin er forder lich er scheint. Ab schließend ist fest zustellen, dass ein zentraler Befund der Sekundäranalyse ist, dass Soziale Netz werk platt formen tatsäch lich eine Sonder rolle unter den Anwen dungen des Social Web darstellen. Über alle Alters gruppen hinweg bilden sie die am stärksten frequentierte Anwen dungsArt. Insbesondere von den jungen Nutzern werden sie sehr häufig ge nutzt. Soziale Netz werk platt formen werden aber nicht nur be sonders häufig auf gerufen, sie werden auch mit einem deut lich höheren Partizipa tions grad ge nutzt als andere Anwen dungen. Zudem hat eine er gänzende Regres sions analyse ge zeigt, dass insbesondere die aktive Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen die OnlineSelbstoffen barung be günstigt. Darin unter scheidet sich dieser Anwen dungs typ stark von den anderen An geboten des Social Web. Da gerade junge Nutzer diese Anwen dungen ver stärkt ver wenden und weil die Nutzungs aktivi tät insbesondere auf diesen Platt formen offen bar mit einer ge steigerten Selbstoffenba rung zusammen hängt, er scheint es sinn voll, in den folgen den empiri schen Analysen insbeson dere Soziale Netz werk platt formen zu fokussie ren. 156 Literatur ARD/ZDFOnlinestudie. (2011). 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Wissen schaft liches Symposium zum 25jähri gen Bestehen des Instituts für Journalistik und Kommunika tions forschung (IJK) der Hoch schule für Musik und Theater, Hannover. 159 4 Quantitative Befra gung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen Julia Niemann & Michael Schenk unter Mitarbeit von Doris Teutsch, Kim Wlach & Yvonne Allgeier 4.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens Um ver allgemeiner bare Aus sagen über die Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen, die Einstel lung zu Privat heit und Öffentlich keit sowie die Einschät zung der Risiken im Social Web treffen zu können, haben wir zusätz lich zu den qualitativen Phasen dieser Studie auch quantitative Ver fahren ein gesetzt. Zunächst wurden im Rahmen einer sekundäranalyti schen Aus wertung Unter schiede zwischen Digital Natives und Digital Immigrants exploriert (vgl. Kap. 3). Im Anschluss haben wir eine standardisierte OnlineBefra gung durch geführt und diese mit einer TrackingStudie kombiniert. Im Folgenden fokussie ren wir auf das Vor gehen bei der standardisierten OnlineBefra gung, die wir durch geführt haben und be schreiben die Stichprobe. Im Anschluss gehen wir auf die methodi schen Besonder heiten des Tracking ein. 4.1.1 Standardisierte OnlineBefra gung Als Modus der standardisierten Befra gung er schien die OnlineBefra gung an gebracht, da auf diese Weise kein Medien bruch statt fand – weder zum Gegen stand der Umfrage, noch zum nächsten Erhe bungs schritt, dem Tracking (siehe Ab schnitt 4.1.2). Rekrutiert wurde über ein OnlineAccessPanel. Als Nachteil der Rekrutie rung durch OnlineAccessPanels und von OnlineBefra gungen allgemein wird häufig an geführt, dass nur Teilnehmer er reicht werden können, die Internetnutzer sind. Dies fällt jedoch bei der vor liegen den Studie nicht ins Gewicht, da aus schließ lich Onliner, nämlich die Nutzer Sozialer Netz werk platt formen er reicht werden sollten. Ein weiterer Aspekt der Ver zerrung durch die Rekrutie rung in AccessPanels sind Aus wahlprozesse. Dass die Panelisten 160 nicht rein zufällig aus gewählt werden, sondern sich selbst zur Teilnahme in Panels anmelden, führt unter Umständen zu einem Bias und damit zu mangeln der Repräsentativi tät und Ver allgemeiner bar keit (Göritz, 2003, S. 235). Gegen über herkömm lichen, eben falls selbstselektierten Onlinestichproben fällt der Interessen bias in OnlineAccessPanels jedoch geringer aus (ebd., S. 232). Die Rekrutie rung über OnlineAccessPanels bietet neben der guten Erreich bar keit der Zielpersonen auch weitere methodi sche Vor teile: Im Laufe der Zeit ent wickeln die Panelteilnehmer (Panelisten) eine ver trauens volle Bindung zum Panelanbieter. Diese bewirkt, dass die Antworten der Panelisten gerade bei sensiblen Themen – wie dem Thema Privatsphäre – valider sein könnten als bei anderen Er hebungs formen (Göritz, Reinhold & Batinic, 2002). Ohnehin führen OnlineBefra gungen bei intimen Unter suchungs gegenständen zu valide rem Antwort verhalten als andere Befra gungs modi (Tad dicken, 2008). Ein weiterer Pluspunkt ist, dass die Teilnehmer den Fragebogen in Ruhe und zu einem selbst gewählten Zeitpunkt aus füllen konnten. Damit die Ergeb nisse mit früheren Studien (Schmidt, PausHasebrink & Hasebrink, 2009b) und mit regelmäßig durch geführten Studien (ARD/ZDF Onlinestudie, 2011; MPFS, 2011) ver gleich bar sind, haben wir das Erhe bungs instrument an diese an gelehnt. Neben den Bereichen des Fragebogens, die direkt der Beantwor tung der Forschungs fragen dienen (z. B. Selbstoffen barungs verhalten, Nutzungs motive), fragten wir weitere Konstrukte ab, die auf grund der theoreti schen Vorüber legungen Einfluss variablen bilden. Tabelle 10 gibt einen Über blick über den Fragebogen. Bei der Ent wick lung des Fragebogens haben wir, wenn möglich, auf etablierte Skalen zurück gegriffen. An vielen Stellen war dies jedoch nicht zielführend, da keine ge eigneten Skalen existierten, die im Hinblick auf den Kontext und die sehr junge Zielgruppe treffend er schienen. Denn diese Zielgruppe stellt be sondere Anforde rungen an die Auswahl ge eigneter Skalen und Formulie rungen. Da Kinder und Jugend liche ab 12 Jahren befragt wurden, haben wir die Fragen und Antwortmöglich keiten sehr leicht ver ständ lich formuliert und ver sucht, der Lebens wirklich keit der Zielpersonen zu ent sprechen. Anderer seits umfasste das Sample auch junge Erwachsene bis zu 24 Jahren, weshalb wir von speziellen Skalen für Kinder und zu kindgerech ten Formulie rungen ab gesehen haben. 161 Tabelle 10: Programm blöcke der standardisierten Online-Befra gung Programm block Fragen Internetnut zung Erfah rung der Internetnut zung Häufig keit der Internetnut zung Ort der Internetnut zung Social Web-Nutzung Häufig keit ge nutzter Applika tionen Nutzung Sozialer Netz werk platt formen Häufig keit ge nutzter Platt formen Haupt netz werk Anzahl der Freunde Nähe und Bekannt heit der Freunde Selbstoffenba rungs verhalten Häufig keit ge nutzter Features Upload von Fotos und Videos Schreiben von Status meldun gen Nutzung von Privatsphäre-Optionen Vor teile der Nutzung Nutzungs motive des Haupt netz werks (an gelehnt an Langzeit studie Massen kommunika tion, Ergän zung um soziale Motive) Soziales Kapital5 Risiken der Nutzung Einstel lung zur Online-Privatsphäre Einstel lung zu Risiken, die aus der Nutzung resultie ren Einschät zung eigener Rechte, Rechte Dritter und Copyright Soziale Normen Injunktive und deskriptive Normen in Bezug auf die Nutzung Injunktive und deskriptive Normen in Bezug auf die Privatsphäre Selbst wirksam keit Mit Bezug auf das Internet Mit Bezug auf das Social Web Mit Bezug auf den Schutz der Privatsphäre im Haupt netz werk Generelle Einstel lung zur Privatsphäre Physische Privatsphäre6 Psychologi sche Privatsphäre7 Inter aktionale Privatsphäre Informatio nelle Privatsphäre Persönlich keits merkmale Big-Five-Persönlich keits dimensionen8 Need to Belong9 Sozio-Demografie Alter Geschlecht Bildung Bundes land Nationali tät Wohnsitua tion Größe des Wohnorts Geld zur freien Ver fügung 5 6 7 8 9 5 Williamson, 2006 (5 Items) 6 Burger, 1995; Buss, 2001 (je 2 Items) 7 Buss, 2001 (1 Item) 8 BFI10 (John & Sistavara, 1999; SOAP) 9 Leary, Kelly, Cotrell & Schreindorfer, 2005 162 Wir haben den Fragebogen vorab in einem Pretest mit 124 jungen Nutzern Sozialer Netz werk platt formen ge testet. Anschließend haben wir die ver wendeten Skalen auf ihre Konsistenz ge prüft und gering fügige Änderun gen in den Formulie rungen der Items und Kürzun gen vor genommen. Bspw. wurden Items, die der Konsistenz von Skalen ent gegen liefen oder die eine extrem schiefe Ver teilung auf wiesen, ent fernt. Das Fragen programm wurde für den finalen Fragebogen in der Reihen folge ver ändert, da einige soziodemografi sche Anga ben im Screener des Fragebogens be nötigt wurden und um Reihen folge effekte zu ver meiden. Die Rekrutie rung der Befragten für die Haupt befra gung er folgte über das OnlineAccessPanel der Panelbiz GmbH (Berlin). Ziel der quantitativen Befra gung war es, eine Stichprobe zu er halten, die der Grundgesamt heit der 12 bis 24jähri gen deutschen User von Sozialen Netz werk platt formen möglichst gut ent sprach, und die wichtige soziodemografi sche Merkmale ab bildet. Bei der Rekrutie rung wurde neben einer Kreuzquote von Alter und Geschlecht zusätz lich nach formaler Bildung quotiert. Die Quotie rung orientiert sich dabei an Daten der Statisti schen Ämter des Bundes und der Länder (2011, 14. Februar). Zwar werden vom statisti schen Bundesamt keine Zahlen über die Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen aus gewiesen, jedoch kann an genommen werden, dass die meisten Nutzer dieser Alters klasse über einen Zugang zum Internet ver fügen. Zudem sind die meisten Internetnutzer im Jugendalter Mitglied einer Netz werk platt form (MPFS, 2011, S. 31). Wir nehmen dennoch an, dass es sich bei den be fragten Teilnehmern um typische Jugend liche und junge Erwachsene handelt, deren Einschät zung zu Privat heit und Öffentlich keit im Social Web gerade deshalb eine be sondere Relevanz erlangt, weil es sich um eher online affine Personen handelt. Die Mehrzahl der Befragten sind Personen, die sich selbst im AccessPanel registriert haben und die daher regelmäßig an Befra gungen teilnehmen. Bei Befragten, die zum Zeitpunkt der Befra gung 14 Jahre und älter waren, wurde die Einsichts fähig keit, die zur Teilnahme an Befra gungen zum Zweck der wissen schaft lichen Forschung notwendig ist, voraus gesetzt. Sie wurden direkt über ihre eigene Panel mitglied schaft rekrutiert. Diese Praxis ent spricht den forschungs ethischen Richtlinien des Arbeits kreises Deutsche Markt forscher e. V. (ADM, 2006). Nur 12 bis 14jährige Teilnehmer wurden über die Panel mitglied schaft ihrer Eltern ein geladen, denn so konnten wir sicherstellen, dass die Eltern der Befra gung ihrer evtl. noch nicht einsichts fähigen Kinder zu stimmten. Die Eltern wurden an schließend ge beten, den Raum zu ver lassen, damit die jugend lichen Teilnehmer den Fragebogen unbe einflusst aus füllen konnten. 163 Die Feldzeit reichte vom 25. August bis 29. September 2011. An geschriebene Teilnehmer wurden, falls nötig, durch den PanelAnbieter mehrfach an den Fragebogen erinnert, um die Aus schöp fungs quote zu erhöhen. Die lange Zeit spanne der Erhebung ergibt sich dadurch, dass während der Laufzeit be schlossen wurde, das Sample zu ver größern. Insgesamt nahmen 1.430 Personen teil. Einige dieser Teilnehmer wurden in der Daten bereini gung wegen einer unrealis tisch kurzen Ausfüll dauer, unplausiblem oder monotonem Ankreuz verhalten aus geschlossen, so dass sich eine endgültige Fallzahl von 1.301 ergab. Die Ab weichungen der ge planten Quotie rung von der tatsäch lichen Stichprobe können Tabelle 11 ent nommen werden. Sie sind – mit Aus nahme der Bildungs variablen – extrem gering und be tragen zumeist unter einem Prozent. Während der Erhebung erwies es sich als schwierig, formal niedrig ge bildete Teilnehmer zu mobilisie ren. Formal sehr hoch ge bildete Teilnehmer sind hingegen über repräsentiert. Daher wurde eine Gewich tungs variable be rechnet, die die Über bzw. Unter repräsentie rung aus gleicht. Die Gewich tung wird in allen folgen den Aus wertungen an gewendet, sofern nicht anders an gegeben. Tabelle 11: Quoten erfül lung der standardisierten Online-Umfrage Geplante Quote Bereinigte Stichprobe Ab weichung (N = 1.301) Bildung Haupt schule bzw. Haupt schulabschluss 25,0 19,2 – 5,8 Realschule bzw. Realschulabschluss 35,0 35,9 0,9 Gymnasium bzw. Abitur 40,0 44,9 4,9 Kreuzquote Alter/Geschlecht männ lich, 12–14 Jahre 10,4 9,9 – 0,4 männ lich, 15–17 Jahre 11,1 10,9 – 0,2 männ lich, 18–20 Jahre 12,8 12,2 – 0,6 männ lich, 21–24 Jahre 16,9 16,1 – 0,7 weib lich, 12–14 Jahre 9,8 10,2 0,4 weib lich, 15–17 Jahre 10,6 11,0 0,4 weib lich, 18–20 Jahre 12,2 12,7 0,5 weib lich, 21–24 Jahre 16,3 16,9 0,6 Angaben in Prozent Obwohl nicht nach Bundes ländern quotiert wurde, ergab sich eine Ver teilung, die den Ver gleichs daten des Statisti schen Bundesamtes sehr gut ent spricht (Tabelle 12). Zusätz lich wurde anhand des Fragebogens eine Auf teilung nach Einwohner anzahl des Wohnortes vor genommen. In länd lichen Regionen leben demnach 20 Prozent, zwei von zehn der Befragten leben in einer Kleinstadt und 23 Prozent leben in einer mittelgroßen Stadt mit 20.000 bis 100.000 Ein wohnern. Die Mehrheit der Befragten lebt in einer Groß stadt mit 100.000 und mehr Einwohnern (29 Prozent). 164 Tabelle 12: Teilnehmer nach Bundes ländern Soll Ist Differenz Baden-Würt temberg 13 10 – 3 Bayern 15 13 – 2 Berlin 4 6 2 Branden burg 3 2 – 1 Bremen 1 1 0 Hamburg 2 2 0 Hessen 7 6 – 1 Mecklen burg-Vorpommern 2 3 1 Nieder sachsen 10 13 3 Nordrhein-West falen 22 22 0 Rheinland-Pfalz 5 3 – 2 Saarland 1 0 – 1 Sachsen 5 6 1 Sachsen-Anhalt 3 3 0 Schleswig-Holstein 4 6 2 Thüringen 3 2 – 1 Angaben in Prozent Die Abfrage des be ruflichen Status ergab, dass der Großteil der Teilnehmer noch zur Schule geht. Etwa ein Fünftel be findet sich in einer be ruflichen Aus bildung, fast ebenso viele sind voll/teilberufstätig. Die Minder heit der Befrag ten bilden die 17 Prozent der Studenten, ein sehr geringer Anteil ist zur Zeit arbeits los (4 Prozent) bzw. nicht be rufstätig oder leistet seinen Dienst bei der Bun des wehr oder im Zivildienst (5 Prozent). Die Ver teilung des be ruflichen Status er scheint für die Alters gruppe der 12 bis 24Jährigen insgesamt plausibel. Da die meisten Befragten Schüler sind, ist es nicht ver wunder lich, dass die Jugend lichen und jungen Erwachsenen der Stichprobe zum Großteil noch bei ihren Eltern leben (62 Prozent). Nur selten wohnen sie schon allein (12 Prozent) oder zusammen mit ihrem Partner (16 Prozent), ein eher geringer Anteil (6 Prozent) wohnt in einer WG und 4 Prozent in sonsti ger Wohnsitua tion. Dabei leben die meisten zu viert (26 Prozent) bzw. zu dritt (26 Prozent) in einem Haushalt, ein Fünftel zu zweit und 16 Prozent mit fünf oder mehr Personen. Der über wiegende Teil der Befragten ist deutscher Nationali tät (97 Prozent), die rest lichen Befragten be sitzen die Staats bürger schaft anderer EULänder (3 Prozent), einige wenige kommen aus NichtEULändern wie der Türkei, Korea, Vietnam, Eritrea, USA und dem arabischen Raum. 4.1.2 Tracking mit Befra gung in der Nutzungs situa tion Die Befra gung ist die optimale Methode, um Wissen, Einstel lungen und Meinun gen zu erheben (Möhring & Schlütz, 2002, S. 15). Handlun gen kön nen in be stimmten Fällen jedoch besser durch eine Beobach tung oder eine 165 Methoden kombina tion erfasst werden. Zusätz lich zu Wissen und Einstel lungen unter suchen wir im quantitativen Teil dieser Studie die Hand lungs weisen der Zielgruppe auf Sozialen Netz werk platt formen, um insbesondere mögliche Diskrepanzen zwischen Wissen und Einstel lungen einer seits und Handeln anderer seits auf decken zu können. Es wurde daher ein OnlineTracking durch geführt, das einige methodi sche Besonder heiten auf weist, die in diesem Ab schnitt er läutert werden sollen. Als Methode zur Erfas sung von Hand lungs weisen in der Rezep tions forschung eignet sich die Befra gung nur bedingt, da sie sowohl zeit lich als auch situativ unabhängig von der Medien nutzung geschieht (Scherer & Schlütz, 2002, S. 134). Dem Befragten werden große Gedächtnis leis tungen ab verlangt, wenn er sich detailliert an die Nutzungs situa tion zurück erinnern soll. Gerade bei alltäg lichen, routinearti gen Handlun gen ist die Erinne rungs leis tung der Befragten ver zerrt. Darüber hinaus spielen soziale Erwünscht heit und nach träg liches Rationalisie ren des eigenen Handelns in Befra gungen gerade bei sensiblen Themen wie dem Daten schutz eine Rolle. Bei den Routinehand lungen im Social Web steht das Thema Privatsphäre nicht un bedingt immer im Vordergrund. Die Motive für oder wider eine Ent schei dung, die zu einer be stimmten Handlung führt, können im Nach hinein nur schwer ab gerufen werden. Die starke Diskrepanz zwischen Einstel lung und Hand lungs weisen kann daher ver mutlich teil weise durch die methodi schen Probleme der nach träg lichen Befra gung erklärt werden. Von der Explora tion privatsphäresensitiver Hand lungs weisen im Social Web allein durch herkömm liche, standardisierte Befra gungen ist deshalb abzu sehen. Zusätz lich zu der umfang reichen Befra gung haben wir mit einer Teilstich probe ein OnlineTracking durch geführt. Das TrackingTool zeichnete dabei anonymisiert alle auf vier aus gewählten Sozialen Netz werk platt formen auf gerufenen URLs inklusive ihrer Ver weildauer auf. Im Zuge des Trackings haben wir zudem Handlun gen („Events“) definiert, die auf Sozialen Netz werk platt formen vor kommen und die das Thema Daten schutz und Privatsphäre im Social Web in be sonde rer Weise be treffen. Beim Tracking wurde ge speichert, wie oft der Teilnehmer innerhalb der Feldzeit die folgen den Handlun gen auf einer SocialNetworkingSite aus führte: – Änderun gen im Profil vornehmen – Upload eines neuen ProfilFotos – Upload von Fotos in Fotoalben – Änderung an den Daten schutz einstel lungen vornehmen – Neue Freunde hinzu fügen – Freundschafts anfragen be stäti gen – Etwas an eine Pinnwand schreiben – Status meldun gen ab geben – Fan einer Seite werden 166 Die von uns aus gewählten Events stellen eine Auswahl aller möglichen Aktionen auf SocialNetworkingSites dar, die aus inhalt lichen Über legungen ge troffen wurde. Es handelt sich um die Aktionen, die ver gleichs weise häufig auf treten und/oder die Privatsphäre und Selbstenthül lung eines Users be treffen können, weil der Teilnehmer beim Aus führen der Handlung ent weder eine Selbstoffen barung aus führt oder weil er das potenzielle Publikum zukünfti ger und ver gangener Selbstoffenba rungs hand lungen er weitert. Dadurch, dass ein Event be obachtet wird, kann jedoch noch nicht auf die Inten tion des Handelnden oder auf Risiken für den Daten schutz geschlossen werden. Der Inhalt der Handlung ist unklar, wie dieses Beispiel ver deut licht: Ein User be stätigt einen neuen Freund auf einer SocialNetworkingPlatt form. Er teilt durch diese Handlung seine Profilinforma tionen mit dem neuen Kontakt. Es ist jedoch nicht sicher, ob es sich bei dem neuen Freund um eine tatsäch lich aus dem OfflineLeben be kannte Person handelt oder um einen mehr oder weniger un bekannten Kontakt rein virtueller Natur: Zwei Möglich keiten, die ganz unter schied lich zu be werten sind hinsicht lich ihrer Wirkung auf die Privatsphäre des Users. Um die auf geführten Handlun gen noch detaillierter unter suchen zu können, er folgte eine kurze Kontextbefra gung direkt in der Nutzungs situa tion. Dieses Vor gehen ent spricht der „Experience Sampling Method“, bei der ver sucht wird, bei den Teilnehmern eine be stimmte Anzahl an Selbst beobach tungen zu initiie ren. Wenn der Teilnehmer eines der neun definierten Events aus führte, wurde ein kurzer Fragebogen an gezeigt. Gegen über der reinen Befra gung bietet die kombinierte Beobach tung mit Kontextbefra gung einige Vorzüge: Dieses Ver fahren ist nicht auf die Erinne rungs leis tung der Befragten an gewiesen. Mit Hilfe des Tracking können auch wenig be wusste Ver haltens weisen erfasst werden, und da direkt in der Nutzungs situa tion befragt wird, ist nach träg liches Einordnen und Rationalisie ren weniger stark aus geprägt als bei einer Befra gung, die erst später und ohne konkreten Bezug zur Nutzungs situa tion durch geführt wird. Anders als herkömm liche Laborbeobach tungen findet das Tracking in natür licher Umgebung statt. Im Gegen satz zu den üblichen Feldbeobach tungen ist trotzdem die Anwesen heit des Beobachters nicht notwendig. Es kann daher davon aus gegangen werden, dass die Teilnehmer weitest gehend ihre üblichen Nutzungs muster zeigen. Scherer und Schlütz (2002) er zielten in einer ähnlich an gelegten Studie zu situativen Gratifika tionen bei der Medien rezep tion bereits auf schluss reiche Ergeb nisse. Waren es 2002 bei Scherer und Schlütz noch Pager, die den Befragten viermal täglich zu unter schied lichen Tages zeiten auf forderten einen PaperPencilFragebogen auszu füllen, be nutzten Karnowski und Doedens (2010) zur Unter suchung des mobilen Medien nut zungs verhaltens elektroni sche Einla dungen direkt auf dem mobilen Endgerät. Vorteil dieses Vor gehens ist, dass die Befra gung situativ, direkt in der Nutzungs situa tion und ohne Medien bruch statt findet. Ähnlich sind wir auch in der vor liegen den Studie vor gegangen, nur dass die Einla dung zur 167 Kontextbefra gung nicht zu einem zufälli gen Zeitpunkt geschah, sondern direkt im Anschluss an das Aus führen einer relevanten Handlung. Die Erhebung ist also sehr nah an der Nutzungs situa tion. Ein herkömm liches TrackingTool registriert das Aus lösen eines Events, bietet jedoch keinerlei inhalt liche Informa tionen. Daher wurden jeweils im ersten Teil jedes Kontext fragebogens zunächst Details zum aus geführten Event erhoben. Da die Events unter schied licher Natur sind, unter schieden sich die Kontext fragebögen, vor allem im vorderen Teil der jeweili gen Befra gung. Zur Ver anschau lichung: Wurde die Freundschafts anfrage eines anderen Netz werknutzers be stätigt, erhob der Fragebogen, woher und wie gut der Befragte diese Person kennt. So kann nach vollzogen werden, ob ein guter Freund Zugang zu den Profildaten des Befragten erhält, oder ob es sich dabei um einen flüch ti gen Bekannten oder um einen Fremden handelt. Wurde dagegen eine Profil angabe hinzu gefügt oder geändert, sollen die Teilnehmer an geben, um was für eine Informa tion es sich handelt und ob ihre Angabe der Wahrheit ent spricht. So kann ein geschätzt werden, ob die Befragten eher sensible Informa tionen wie ihre Adresse ver öffent lichen oder einen Interpreten zu den Angaben über ihre Lieblings musik hinzu fügen. Wenn der Fragebogen durch das Ver öffent lichen einer Status meldung oder eines Posts auf der Pinnwand eines anderen Nutzers aus gelöst wurde, wurden die Bestand teile und der Inhalt des Posts erhoben. Außerdem machten die Befragten Angaben zum imaginierten Publi kum. Sie kreuzten an, wer ihrer Meinung nach den Eintrag sehen wird. Der zweite Block der Kontext fragebögen wurde soweit wie möglich konstant ge halten, indem nur die Formulie rungen an die Events an gepasst und einzelne Items bei Bedarf ergänzt wurden. Zunächst wurde das Bewusstsein für die Sensibili tät einer Handlung erhoben. Die Befragten gaben auf einer fünfstufigen Skala an, für wie privat sie die eben aus geführte Handlung einschätzen. Die Antwortmöglich keiten reichen von überhaupt nicht privat bis zu sehr privat. Diese Angaben geben Auf schluss darüber, ob die Privat heit der ver schiedenen Events in der Nutzungs situa tion unter schied lich be wertet wird. Vor allem kann nach vollzogen werden, ob die Einschät zung der Nutzer vom Inhalt ihrer Hand lung ab hängig ist. Außerdem war es von Interesse zu er fahren, ob be stimmten Aktivi täten auf Sozialen Netz werk platt formen längeres Abwägen voraus geht oder ob die Ent schei dungen eher spontan und un überlegt ge troffen werden. Daher wurde in allen Kontext fragebögen zum einen die subjektive Dauer des Ent schei dungs prozesses erhoben, zum anderen sollten die Befragten an geben, ob sie über mögliche Konsequenzen ihrer Handlung nach gedacht haben. Die Dauer wird auf einer fünfstufigen Skala ab gefragt. Hier können die Befragten an kreuzen, ob sie spontan handelten oder ob sie länger nach dachten, bevor sie eine Aktion aus führten. Die zweite Frage zum Ent schei dungs prozess gibt mehrere Aspekte vor, über die ein Nutzer sich Gedanken machen könnte, bevor er innerhalb des 168 Netz werks aktiv wird: Welche Folgen hat die Handlung für die Privatsphäre, welche Nutzer werden sehen, dass man die Aktion aus geführt hat, wie wirkt man dadurch auf andere Nutzer und welches sind die Vor und Nachteile? Die Befragten können jeweils auf einer fünfstufigen Skala an geben, ob sie sich über diese Aspekte Gedanken ge macht haben. Die Antwortmöglich keiten reichen von trifft über haupt nicht zu bis trifft voll und ganz zu. Zum Ab schluss wurde in jedem Fragebogen nach den Motiven für die Handlung auf der Sozialen Netz werk platt form ge fragt. Eine Aus nahme bildete dabei die Änderung der PrivatsphäreEinstel lungen: Hier wurden keine Motive ab gefragt, da herkömm liche Medien nut zungs motive für dieses Event unzu treffend er scheinen. Um die Hand lungs motive für die ver schiedenen Events ver gleichen zu können, ist der Großteil der Antwort vorgaben konstant. Elf Motive wurden aus der Haupt befra gung in jeden Kontext fragebogen über nom men. Diese wurden um ein weiteres Item, das auf die Selbst darstel lung abzielt, sowie um eventspezifi sche Motive ergänzt. So können die Befragten im Frage bogen zur Bestäti gung einer Freundschafts anfrage beispiels weise an kreuzen, diese an genommen zu haben, weil sie es unhöf lich finden, eine Freundschafts anfrage abzu lehnen. Auch hier sollen die Probanden auf einer fünfstufigen Skala an geben, wie sehr die ge nannten Motive für ihre Handlung relevant waren. Die Durch führung des Tracking er folgte in Zusammen arbeit mit der eyesquare GmbH (Berlin), die die notwendige Programmierarbeit über nahm. Die Teilnehmer des Tracking, die sich be reiterklärten und deren Computer die techni schen Voraus setzungen er füllte, installierten das Tool i²server auf dem Rechner, den sie am häufigsten nutzen. Das TrackingTool leitete den Traffic, der von den Teilnehmern produziert wurde, über einen eigenen Server um und zeichnete Surf verhalten und die Anzahl der auf treten den Events auf. Außerdem sorgte das Tool dafür, dass – ge steuert über eine Zufalls variable – die Kontext fragebögen ein geblendet wurden, wenn ein Teilnehmer eines der definierten Events aus löste. Da die Haupt befra gung ergeben hatte, dass Facebook und die VZNetz werke die am häufigsten ge nutzten An gebote Sozialer Netz werk platt formen waren, wurden diese für das Tracking aus gewählt. Die Feldzeit dauerte vom 13. September bis zum 19. Oktober 2011. Rekru tiert wurde innerhalb der Stichprobe der zuvor be fragten Teilnehmer im Online AccessPanel von Panelbiz. Dazu er folgte eine kurze Informa tion über den zweiten Teil der Studie und die Incentivie rung am Ende des standardisierten Fragebogens der Haupt befra gung. Die Rekrutie rung innerhalb der Befra gungs Stichprobe bot den Vorteil, dass über die be obach teten Teilnehmer bereits Daten aus der standardisierten Befra gung vor lagen und diese in Beziehung zu den Ergeb nissen der Beobach tungs studie gesetzt werden konnten. Knapp 60 Pro zent der Teilnehmer der standardisierten OnlineBefra gung er klärten sich grundsätz lich bereit dazu, an der RemoteStudie teilzunehmen. Diese wurden 169 zum Tracking ein geladen, es zeigte sich jedoch, dass einige der Teilnehmer nach detaillierter Informa tion über das Vor gehen bei der Studie doch von einer Teilnahme absahen oder dass sie die techni schen Voraus setzungen, die für die Teilnahme notwendig waren, nicht er füllten. Insbesondere durch die techni schen Voraus setzungen10 wurde die Anzahl der Teilnahmewilli gen er heblich dezimiert, weshalb bereits während der Erhebung be schlossen wurde, das Sample der Haupt befra gung auszu weiten, um auf eine an gemessene Stich proben größe im Tracking nach rekrutie ren zu können. Insgesamt haben 211 Teil nehmer das TrackingTool installiert. Einige brachen jedoch in der Erhe bungs phase ab. Die finale Stichprobe bilden N = 199 Teilnehmer, die das Tool über einen Zeitraum von mindesten fünf, durch schnitt lich aber 30 Tagen installiert hatten. Da während der Erhebung nach rekrutiert wurde, ist die Feldzeit der einzelnen Teilnehmer unein heit lich, was bei der Aus wertung be rücksichtigt wurde. Etwas über die Hälfte der Teilnehmer des Tracking waren weib lich (54 Pro zent). Das Durch schnitts alter lag bei 18,7 Jahren. Die meisten Teilnehmer waren 18 bis 20 Jahre alt (33 Prozent). Der Anteil der 21 bis 24Jährigen war am zweit größten (29 Prozent). 24 Prozent der Befragten waren zwischen 15 und 17 Jahre alt, während nur 14 Prozent der Alters gruppe der 12 bis 14Jährigen zuzu ordnen waren. Über die Hälfte der Teilnehmer waren Gymnasiasten oder hatten Abitur (52 Prozent). Der Anteil der Realschüler bzw. Personen mit Realschulabschluss lag bei 31 Prozent. In nur 18 Prozent der Fälle, die die Stichprobe für das Tracking bildeten, waren die Teilnehmer Haupt schüler oder hatten einen Haupt schulabschluss. Die Stichprobe ver teilt sich sehr ungleichmäßig auf die vier Sozialen Netz werk platt formen. Es zeigte sich, dass die große Mehrheit der Teilnehmer Facebook als einziges Netz werk (56 Prozent) nutzte, ein weiterer großer Teil nutzte Facebook und eines oder mehrere der VZNetz werke (43 Prozent). Nur zwei Teilnehmer waren aus schließ liche VZNutzer. Im Schnitt be suchten die User einmal am Tag eine Netz werk platt form. Während der Feldzeit wurde insgesamt 5.409 Mal eines der ge trackten Events aus gelöst. Diese Anzahl ist auf 175 Teilnehmer zurück zuführen. Die übrigen 29 Teilnehmer be suchten zwar die ge trackten An gebote von Facebook und den VZNetz werken, führten dabei aber keine der be obach teten Events aus. Pro Tag und User sind damit im Durch schnitt 1,1 der definierten Events auf getreten. Das TrackingTool speicherte außerdem die URLs aller Seiten, die die Teil nehmer im Ver lauf der Feldphase auf den vier aus gewählten Netz werk platt formen be suchten. 97.628 URLVisits wurden erfasst und an schließend codiert. 10 Die Teilnehmer mussten bereit sein, das TrackingTool auf dem Rechner, den sie zu Hause nutzten, zu installie ren. Als Betriebs system war eine be liebige Ver sion von Windows vor gegeben und der Computer musste zudem über eine aktuelle Ver sion des Internet Explorers (ab Ver sion 7) oder Firefox ver fügen. 170 Dabei wurde induktiv vor gegangen: Die ver schiedenen URLs wurden auf gerufen, um den Inhalt der Seite mit einem Schlagwort be schreiben zu können, das als Kategorie auf genommen wurde. Auf diese Weise kamen 76 Kategorien zustande. Diese wurden schließ lich zusammen gefasst, so dass alle URLVisits einer von 28 Kategorien zu geordnet sind (Vgl. Kap. 4.2). In die Aus wertung der Trackingdaten gingen nur Studienteilnehmern ein, die das TrackingTool mindestens 5 Tage lang auf ihrem Rechner installiert hatten. Bei Personen, die weniger als 5 Tage an der Studie teilgenommen haben, besteht die Gefahr, dass ihre Daten das Ergebnis ver zerren. In diesen Fällen ist der Zeitraum zu kurz, um einen ver läss lichen Eindruck vom Nutzungs verhalten der Teilnehmer zu er halten. Die Installa tions dauer innerhalb der Stichprobe schwankt zwischen 5 und 37 Tagen, was dazu führt, dass die Anzahl der er zeugten URLVisits stark in Ab hängig keit von der Installa tions dauer variiert. Anstatt die ab soluten Seiten aufrufe in den Kategorien zu ver gleichen, werden die Häufig keiten pro Tag und User verg lichen. So kann man er kennen, wie oft Seiten einer be stimmten Kategorie durch schnitt lich am Tag von einem Nutzer auf gerufen werden. Neben der Häufig keit, mit der die ver schiedenen Anwen dungen auf Sozialen Netz werk platt formen ge nutzt werden, interessiert auch die Dauer. Die Tracking Daten er teilen Aus kunft darüber, wie oft und wie lange sich die Nutzer auf den Seiten der ver schiedenen Kategorien auf gehalten haben. Für die Aus wertung wurden all die URLVisits aus geschlossen, bei denen sich ein Studienteilnehmer weniger als eine Sekunde auf einer Seite auf gehalten hat. Es ist anzu nehmen, dass Nutzer den Inhalt einer Seite kaum wahrnehmen können, wenn sie diese kürzer als eine Sekunde be trachten. In diesen Fällen kann daher auch nicht von der Nutzung der Seite ge sprochen werden. Anders als die Häufig keit wurden die Mittelwerte der Dauer nicht pro Tag und User be rechnet, sondern ent sprechen dem Durch schnitts wert aller Studienteilnehmer für den gesamten Unter suchungs zeitraum. Vor dem Start der Kontextbefra gungen wurde eine zweiwöchige Vor phase durch geführt, in der zwar das Surf verhalten ge trackt wurde, aber keine Kontext befra gungen an gezeigt wurden. Dieses Vor gehen diente dazu, die Teilnehmer an die Handha bung des Tools zu ge wöhnen, eventuell auf tretende Paneleffekte zu neutralisie ren und eine Zufalls zahl für die Anzeigewahrscheinlich keit der Kontext fragebögen der neun Events zu er mitteln. Die neun Kontext fragebögen waren sehr kurz ge halten, um die Teilnehmer nur minimal in ihrer Nutzungs situa tion zu stören. Mit einem Pretest wurde sicher gestellt, dass die Ausfüll dauer zwei Minuten nicht über schritt. Da anzu nehmen war, dass die Events im Unter suchungs zeitraum, ab hängig vom Nut zungs verhalten des Teilnehmers, sehr häufig auf treten könnten und um eine Zufalls auswahl zu gewährleisten, wurde das Anzeigen der Kontextbefra gung durch eine Zufalls zahl ge steuert. Außerdem wurde ein Capping ein gerichtet, 171 das sicherstellte, dass ein Befragter maximal drei Fragebögen pro Tag be antworten konnte11. Eine völlige Gleich vertei lung der Fragebögen über Events und Teilnehmer hinweg war nicht möglich und wurde auch nicht an gestrebt, da die User in ihrem Aktivi täts grad variieren und auch die Events unter schied lich häufig auf treten. Zudem gab es die Möglich keit, den Fragebogen zu schließen und nicht zu be antworten, was die Ausfall quote natür lich erhöhte. Diese Maßnahme er schien uns jedoch notwendig, um Reaktanzen zu ver meiden und die Abbruchquote gering zu halten. Inhalt lich wurden die Kontext frage bögen an die ent sprechen den Events an gepasst, wobei ver sucht wurde, die Fragen weit gehend zu parallelisie ren und in allen neun Fragebögen abzu fragen, um einen Ver gleich zu er möglichen (z. B. bei der Frage nach den Nutzungs motiven). Insgesamt wurden 1.354 Kontext fragebögen aus gefüllt, von denen 1.016 als vollständig an gesehen wurden. Leider mussten einige Fragebögen wegen Mustern, die sich in den Ergeb nissen zeigten, aus sortiert werden, oder weil nach der Erhebung fest gestellt wurde, dass die Teilnehmer in der standar disierten OnlineBefra gung keine gülti gen Fragebögen ge liefert hatten. Bei den 116 Teilnehmern der Kontextbefra gung lag der Anteil der Frauen noch etwas höher als in der Stichprobe der TrackingBefra gung: 59 Prozent der Teilnehmer waren weib lich. Auch war der Anteil der 18 bis 20Jährigen am höchsten (42 Prozent) ge folgt von den 15 bis 17Jährigen (27 Prozent). Der Anteil der Teilnehmer zwischen 21 und 24 Jahren lag bei 2 Prozent. Die 12 bis 14Jährigen bilden mit 8 Prozent wiederum die kleinste Alters gruppe. Das Durch schnitts alter der Befragten beträgt 18,6 Jahre. Die Bildung der Teilnehmer der Kontextbefra gung ist ähnlich ver teilt wie bei der gesamten Tracking Stichprobe: Der Großteil besucht das Gymnasium oder hat Abitur (57,8 Prozent), der Anteil der Realschüler liegt bei 29 Prozent und der der Haupt schüler bei 13 Prozent. Nur drei Personen, die Kontext fragebögen aus gefüllt hatten, hatten in der Haupt befra gung eines der VZNetz werke als Haupt netz werk an gegeben. Dagegen nannten 110 Teilnehmer (94,8 Prozent) Facebook als Haupt netz werk, und drei weitere Personen hatten eine andere soziale Netz werk platt form als Haupt netz werk an gegeben. Wie zu er warten war, traten einige Events wesent lich häufiger auf als andere und dementsprechend wurden auch die Kontextbefra gungen sehr unter schied lich oft aus gefüllt. Die Fallzahlen der Events können Tabelle 13 ent nommen werden. Gegen übergestellt wird in der Tabelle die Anzahl der aus gefüllten Kontext fragebögen zum jeweili gen Event. Da die Events Upload eines neuen ProfilFotos, Upload Foto in ein Fotoalbum und Änderun gen an den Daten schutz einstel lungen insgesamt sehr selten auf traten und eine für statisti sche Zwecke unzu reichende Anzahl an Kontext fragebögen zu diesen Events aus 11 Eine Aus nahme hiervon bildeten nur die Events, die sich als sehr selten heraus stellten. Kontext fragebögen zu diesen Events wurden auch an gezeigt, wenn ein Befragter bereits drei andere Fragebögen aus gefüllt hatte. 172 gefüllt wurde, wurde von einer ge sonderten Analyse dieser Fragebögen ab gesehen. Eine Über sicht über die Anzahl der Events, der Befragten, die ein Event über haupt aus lösten und die gültige Fallzahl der Kontextbefra gungen gibt Tabelle 13 (siehe ausführlich Kapitel 4.3. Tabelle 13: Auf treten der Events und Fallzahl der Kontext fragebögen im Ver gleich Event Auf treten des Events Anzahl Befragte Gültige Fallzahl Kontext- befra gung Anzahl Befragte Änderun gen im Profil vornehmen 243 76 27 19 Upload neues Profil-Foto 115 46 18 13 Upload Foto in Fotoalbum 84 30 9 6 Änderung an den Daten schutz - einstel lungen vornehmen 65 24 13 11 Neue Freunde hinzu fügen 946 130 215 72 Freundschafts anfragen be stäti gen 746 128 116 54 Etwas an eine Pinnwand schreiben 1.093 138 320 79 Status meldun gen ab geben 1.403 128 191 65 VZ-Gruppe beitreten/ Eine Fanpage liken (Facebook) 714 111 107 50 Summe 5.409 175 1.016 116 4.2 Ergeb nisse zur Nutzung des Internet und von Sozialen Netz werk platt formen In diesem Kapitel zeigen wir auf, wie Jugend liche und junge Erwachsene das Internet und insbesondere Soziale Netz werk platt formen ver wenden, und welchen Nutzen sie daraus ziehen. Dabei be trachten wir zunächst die relevanten Aspekte des Internetnut zungs verhaltens und ihre Ver brei tung in der Gruppe der 12 bis 24Jährigen. Im Anschluss werden Soziale Netz werk platt formen fokussiert, wobei hier ein Hauptaugen merk auch auf den Nutzungs motiven liegt, mit denen die jungen Nutzer sich diesen An geboten zuwenden. Bei der Analyse wurde sowohl auf die Daten der standardisierten OnlineUmfrage als auch auf die TrackingDaten zurück gegriffen. Die Ergeb nisse der qualitativen Interviews mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen werden auf gegriffen und dienen zur Illustra tion und dazu, die Interpreta tion zu stützen. Das Kapitel gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil be leuchten wir die Internetnut zung der 12 bis 24Jährigen. Dabei gehen wir speziell auf ihre Nutzungs erfah rung mit dem Internet ein und be schreiben wie oft, wie lange und wo sie das Internet nutzen und welche unter schied lichen Aktivi täten sie aus führen. Im zweiten Teil des Kapitels gehen wir auf die Nutzung der Sozialen Netz werk platt formen ein und be leuchten die hauptsäch lich ge nutzten Anbieter der 12 bis 24Jährigen sowie ihre genauen Aktivi täten auf diesen Seiten. Der 173 dritte und letzte Teil des Kapitels umfasst die Nutzungs motive der Jugend lichen und jungen Erwachsenen. 4.2.1 Der Rahmen: Internetnut zung Nutzungs erfah rung, Häufig keit, Dauer und Ort der Internetnut zung Die Grundgesamt heit der standardisierten OnlineBefra gung bilden 12 bis 24jährige Onliner, die zumindest mehrfach pro Monat Soziale Netz werk platt formen nutzen. Obwohl die Ver brei tung dieser WebAngebote in dieser Ziel gruppe sehr hoch ist, ist anzu nehmen, dass die hier präsentierte Stichprobe im Ver gleich mit der Grundgesamt heit aller 12 bis 24jähri gen Deutschen als internetaffiner zu be zeichnen ist. Die Internetnut zungs erfah rung in der Stichprobe ist dementsprechend hoch (Tabelle 14). Insgesamt über 89 Prozent der Nutzer geben an, dass sie sich bereits seit mindestens drei Jahren im Internet bewegen. Der Anteil der Nutzer, die ledig lich über eine geringe Nutzungs erfah rung von unter einem Jahr ver fügen, ist mit 1 Prozent sehr gering. In der jüngsten be trach teten Alters gruppe ist dieser Anteil mit 4 Prozent etwas höher. Die Internetnut zungs erfah rung der älteren Teilnehmer ist plausibler weise auch insgesamt gesehen höher als die der jüngeren. Die Nutzungs erfah rung korreliert mit dem Alter auf dem Niveau von Pearson’s r = ,57 (p < ,001). Dieser Wert ent spricht einem hohen, aber nicht perfekten Zusammen hang, und so finden sich auch in der ältesten Alters gruppe einige wenige Fälle mit geringer Nutzungs erfah rung. Zwischen den Geschlech tern zeigen sich hingegen kaum Unter schiede. Mit Blick auf die formale Bildung (Tabelle 15) ver fügen höher Gebildete über eine längere Nutzungs erfah rung (Pearson’s r = ,16; p < ,001). Tabelle 14: Interneterfah rung in Jahren nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) weniger als 1 Jahr 1 1 0 4 0 0 0 1 bis 2 Jahre 11 9 13 38 7 3 3 3 bis 5 Jahre 40 40 40 47 65 39 20 6 bis 10 Jahre 41 43 38 10 27 52 60 mehr als 10 Jahre 8 8 9 1 1 7 18 Gesamt 100 100 100 100 100 100 100 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent 174 Tabelle 15: Interneterfah rung in Jahren nach formaler Bildung Gesamt Haupt schule Realschule Gymnasium (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) weniger als 1 Jahr 1 3 1 0 1 bis 2 Jahre 11 15 12 7 3 bis 5 Jahre 40 44 40 37 6 bis 10 Jahre 41 32 38 49 mehr als 10 Jahre 8 7 9 8 Gesamt 100 100 100 100 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Die Häufig keit der Internetnut zung in einer normalen Woche ist eben falls hoch. Die allermeisten Befragten (82 Prozent) nutzen das Internet täglich, der Durch schnitt beträgt 6,6 Tage pro Woche. Nur die allerjüngste Teilnehmergruppe der 12 bis 14Jährigen weist einen gering fügig niedrige ren Durch schnitts wert von 6,2 Tagen auf. Unter schiede zwischen männ lichen und weib lichen Teil nehmern be stehen nicht. Beim Ver gleich der formalen Bildung stechen die Gymnasiasten und Abiturienten leicht mit einer über durch schnitt lichen Nut zungs häufig keit von 6,8 Tagen pro Woche hervor. Insgesamt lässt sich sagen, dass die quasi tägliche Nutzung unter den jungen Nutzern Sozialer Netz werk platt formen Standard ist. Die tägliche Nutzungs dauer des Internet wurde nicht absolut in Stunden und Minuten, sondern in Kategorien ab gefragt, daher kann keine durch schnitt liche tägliche Nutzungs dauer an gegeben werden12. Dennoch lassen sich generelle Tendenzen be schreiben (Tabelle 16). Ledig lich eine Minder heit der Befragten nutzt das Internet weniger als eine Stunde pro Tag (15 Prozent). Die Anteile derjenigen, die das Internet ein bis zwei Stunden nutzen und derer, die es zwei bis vier Stunden nutzen, sind in etwa gleich hoch (30 bzw. 32 Prozent). Mehr als vier Stunden wird das Netz von etwas über einem Fünftel der Stichprobe ge nutzt. Die tägliche Nutzungs dauer steigt mit dem Alter an, was neben einer steigen den Nutzung für private Zwecke auch auf die Nutzung für Beruf und Aus bil dungs zwecke zurück zuführen sein kann. Bei der Betrach tung der forma len Bildung fällt auf, dass die tägliche Nutzungs dauer bei steigen dem Bildungs grad abnimmt (Tabelle 17). Zwischen männ lichen und weib lichen Nutzern ergeben sich hingegen keine nennens werten Unter schiede. 12 Diese Abfrage wurde ge wählt, um den zum Teil noch sehr jungen Aus füllern das Antworten zu er leichtern und unplausible Werte sowie eine hohe Abbruchquote zu ver meiden. 175 Tabelle 16: Dauer der täglichen Internetnut zung nach Geschlecht und Alters gruppe Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Weniger als eine Stunde 15 14 17 30 13 13 10 Eine Stunde bis zwei Stunden 30 30 30 39 32 25 28 Zwei Stunden bis vier Stunden 32 33 31 23 34 34 36 Mehr als vier Stunden 22 22 22 7 21 28 26 Gesamt 100 100 100 100 100 100 100 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Tabelle 17: Dauer der täglichen Internetnut zung nach formaler Bildung Gesamt Haupt schule Realschule Gymnasium (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) Weniger als eine Stunde 15 12 16 17 Eine Stunde bis zwei Stunden 30 32 30 29 Zwei Stunden bis vier Stunden 32 30 31 35 Mehr als vier Stunden 22 26 22 19 Gesamt 100 100 100 100 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Bei der Abfrage möglicher Nutzungs orte waren Mehrfachnen nungen möglich. Der mit Abstand von den meisten an gegebene Ort war der Zugriff auf das Internet von zu Hause aus, und zwar mit dem eigenen Computer (90 Prozent). Im Umkehrschluss be deutet dies, dass nur 10 Prozent der von uns unter suchten Jugend lichen nicht über einen eigenen Computer mit Internetanschluss ver fügen. Der Anteil der Befragten mit eigenem Internetanschluss ist in unserem Sample ver gleichs weise hoch. Den Befunden der JIMStudie 2011 zufolge be sitzen zwar 79 Prozent der Jugend lichen zwischen 12 und 19 Jahren einen eigenen Rechner, aber nur 45 Prozent ver fügen auch über einen eigenen Internet zugang (MPFS, 2011). Dies könnte dafür sprechen, dass der eigene Internetanschluss für die Jugend lichen und jungen Erwachsenen die Teilnahme an Sozialen Netz werk platt formen fördert. Erwar tungs gemäß ist der Anteil der Nutzer mit eigenem Computer bei den männ lichen Teilnehmern, den älteren beiden Alters gruppen und bei den höher Gebildeten über durch schnitt lich. Der Anteil der Befragten, die an geben, das Internet zwar von zu Hause aus, aber über einen Rechner, der ihnen nicht persön lich gehört, zu nutzen, ist mit 21 Prozent ver gleichs weise geringer. Weibliche Teilnehmer, jüngere Nutzer und Personen mit niedri gem 176 oder mittle rem Bildungs grad geben häufiger an, sich zu Hause einen Computer mit anderen Nutzern zu teilen. Mit 45 Prozent liegt die Nutzung an Orten wie dem Aus bil dungs oder Arbeits platz bzw. der Schule oder Hoch schule auf dem gleichen Level wie die Nutzung über mobile Endgeräte, wie aus Tabelle 18 zu ent nehmen ist. Die mobile Nutzung ist in den letzten Jahren stark an gestiegen (MPFS, 2011). Tabelle 18: Ort der Internetnut zung nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Zu Hause, eigener Computer 90 93 88 79 89 95 95 Zu Hause, ge teilter Computer 21 16 27 32 26 17 15 Schule/Universi tät/ Arbeits platz 45 48 42 34 43 46 53 Mobile Nutzung 45 49 40 27 50 46 52 Bei Freunden oder Bekannten 35 34 35 25 45 36 32 Internet-Café 5 7 4 5 6 7 4 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Mehrfachnen nungen waren möglich Wiederum sind es die männ lichen Teilnehmer, die höher Gebildeten und die Älteren, die eher zur mobilen Nutzung neigen. Auf fallend ist aber ins besondere der Zuwachs zwischen der jüngsten Alters gruppe und der Gruppe der 15 bis 17Jährigen. Der Anteil ver doppelt sich zwischen diesen Alters gruppen nahezu. Diese Alters gruppe, die sich auch ansonsten durch eine über durch schnitt liche Internetnut zung aus zeichnet, markiert den Einstieg in die mobile Nutzung. Der Zugang über Freunde und Bekannte wird von einem guten Drittel der Befragten ver wendet. Dieser Zugang wird eben falls gerade im Alter zwischen 15 und 17 Jahren und von niedri ger ge bildeten Personen be sonders stark ge nutzt (Tabelle 19), was für eine intensivere gemein schaft liche Nutzung des Internet in diesen Gruppen spricht. InternetCafés haben eher eine geringe Bedeu tung. 177 Tabelle 19: Ort der Internetnut zung nach formaler Bildung Gesamt Hauptschule Realschule Gymnasium (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) Zu Hause, eigener Computer 90 87 89 94 Zu Hause, ge teilter Computer 21 26 23 17 Schule/Universi tät/Arbeits platz 45 32 41 57 Mobile Nutzung 45 42 44 47 Bei Freunden oder Bekannten 35 39 37 30 Internet-Café 5 8 5 5 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Mehrfachnen nungen waren möglich Aktivi täten beim Umgang mit dem Internet Ver gleicht man die Häufig keit, mit der ver schiedene Aktivi täten des Social Web ge nutzt werden, ist zu be rücksichti gen, dass nur Personen in die Stichprobe ge langt sind, die an gegeben haben, Soziale Netz werk platt formen zumindest mehrfach im Monat zu nutzen (Tabelle 20). Der sehr hohe Wert von 97 Prozent zumindest wöchent licher Nutzung bei den Sozialen Netz werk platt formen erklärt sich daher teil weise über das Screening. Aber auch aus anderen Studien ist bekannt, dass Soziale Netz werk platt formen mittlerweile andere WebAnwen dungen wie EMail und InstantMessaging über holt haben (MPFS, 2011). Aus den Daten lässt sich schließen, dass für die Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen diese An gebote so be deutsam sind, dass sie sie häufiger frequen tie ren als andere Anwen dungen und dass die Nutzung mit einer sehr hohen Nutzungs frequenz erfolgt. Auf geteilt nach soziodemografi schen Merkmalen lassen sich nur leichte Unter schiede in der wöchent lichen Nutzung Sozialer Netz werk platt formen fest stellen. Der Anteil fällt bei den weib lichen Teilnehmern gering fügig höher aus und auch beim Alter ergeben sich leichte Unter schiede. Die beiden mittle ren Alters gruppen weisen einen etwas höheren Prozent satz wöchent licher Nutzer auf als die jüngsten und die ältesten. Auch diese Ergeb nisse – eine leichte Hochphase der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen in der späten Jugend und eine höhere Nutzungs frequenz durch weib liche Teilnehmer – stimmen mit Ergeb nissen anderer Studien überein (MPFS, 2011; Schenk, Jers, & Gölz, 2012; Schmidt & Gutjahr, 2009). Gerade in der späten Jugend haben die Sozialen Netz werk platt formen eventuell eine be sondere Anziehungs kraft. Die Bedeu tung der Peergruppe für die Ent wick lung ist in dieser Lebens phase be sonders hoch (Oswald & Uhlendorff, 2008) und Soziale Netz werk platt formen sind ein Ort, an dem sich die Nutzer außerhalb des Einflusses von Erwachsenen aus tauschen können (Boyd & Marwick, 2011). 178 Des Weiteren wurde die EMailNutzung der Jugend lichen und jungen Erwachsenen unter sucht. Diese wurde deshalb in die Studie auf genommen, da EMails zwar nicht im engeren Sinne zum SocialWeb ge hören, sie aber als Tool zur Kommunika tion ver wendet werden, das prinzipiell ähnliche Funktionen ab decken könnte wie Soziale Netz werk platt formen. Zwischen den Geschlechtern gibt es keinen Unter schied bei der EMailNutzung. Ledig lich beim Alter lässt sich fest stellen, dass die 12 bis 14Jährigen etwas weniger diese Form der Kom munika tion nutzen, ganz im Gegen satz zu den drei älteren Alters gruppen. Hinsicht lich der wöchent lichen Nutzung von Videoplatt formen und Instant Messaging lässt sich er kennen, dass männ liche Jugend liche und junge Erwach sene deut lich eher zu dieser Form der Aktivität greifen als weib liche. Bei der Unter teilung nach Alter liegen die 15 bis 17Jährigen klar vor allen anderen Alters gruppen. Bei den Wikis, die gut die Hälfte aller Befragten nutzen, sprechen sich ver mehrt die männ lichen Jugend lichen für deren Ver wendung aus. Bei dieser Form der Aktivität liegen die 15 bis 17Jährigen und die älteste Alters gruppe vorn. Bei der Ver wendung von OnlineShops ändert sich das Bild etwas. Zwar ist auch hier der Anteil der männ lichen Teilnehmer höher, unter teilt in Alters gruppen aber weisen die beiden ältesten Gruppen einen höheren Prozent satz aus. Bei der Nutzung der OnlineGames liegt der Anteil der weib lichen Teilnehmer leicht unter dem der männ lichen. Beim Alter ergeben sich größere Unter schiede. Die jüngste Gruppe nutzt diese Form der Aktivität am häufigsten, ge folgt von den 21 bis 24Jährigen. Am Wenigsten sprechen sich die 15 bis 17Jährigen für diese Aktion aus. Tabelle 20: Internetaktivi täten nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Soziale Netz werk- platt formen 97 96 99 96 98 99 96 E-Mail 95 96 95 85 97 98 98 Videoplatt formen 87 91 82 89 94 87 80 Instant-Messaging 67 74 61 61 74 70 64 Wikis 55 61 50 49 61 53 58 Online-Shops 49 54 45 35 43 53 60 Online-Games 42 43 41 49 36 40 43 Internettelefonie 33 40 25 40 35 30 29 Diskus sions foren 22 29 15 18 20 26 24 Weblogs 20 25 15 14 23 18 23 Chats 19 21 16 23 15 20 18 Bilderplatt formen 17 19 14 21 14 14 18 Microblogging 17 19 14 19 19 16 14 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die an geben eine Anwen dung zumindest wöchent lich zu nutzen, in Prozent Mehrfachnen nungen waren möglich 179 Nur jeweils wenige Nutzer be schäfti gen sich hingegen mehrmals pro Woche mit Diskus sions foren, Weblogs, Chats, Bilderplatt formen und Microblogging. Bei diesen Anwen dungen ist ein Unter schied zwischen männ lichen und weib lichen Nutzern zu sehen. Der Anteil der männ lichen Teilnehmer fällt deut lich höher aus. Bezüg lich des Alters gibt es keinen Trend. Bei den Diskus sions foren liegen die zwei ältesten Gruppen vorn. Weblogs spielen für die 15 bis 17Jähri gen sowie für die 21 bis 24Jährigen eine größere Rolle und Chats, Bilderplatt formen und Microblogging werden eher von der jüngsten Alters gruppe ver wendet. Ver glichen mit den Nutzungs zahlen aus der aktuellen JIMStudie lässt sich fest stellen, dass einige Anwen dungen von der von uns unter suchten Stichprobe deut lich stärker frequentiert werden (z. B. InstantMessaging, Internettelefonie und Microblogging). Dies kann – neben Unter schieden beim methodi schen Vor gehen – daran liegen, dass es sich bei der von uns unter suchten Popula tion um die Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen handelt, die möglicher weise per se aktivere Nutzer darstellen als die Internetnutzer allgemein. Andere Platt formen werden also nicht durch den Gebrauch von Sozialen Netz werk platt formen substituiert, sondern sie er gänzen den Gebrauch. Eine Aus nahme bilden allerdings Chats, die nach unseren Daten im Ver gleich zur aktuellen JIMStudie weniger stark ge nutzt werden (19 Prozent gegen über 40 Prozent). Es ist möglich, dass die ChatFunktion, die in vielen Sozialen Netz werk platt formen bereits integriert ist, für die be sonders aktiven Nutzer dieser Platt formen eigenständige ChatAnwen dungen ersetzt. 4.2.2 Nutzung Sozialer Netz werk platt formen Lieblings angebote Wie bereits bemerkt, sind auf dem deutschen Markt viele Anbieter von Sozialen Netz werk platt formen ver treten, die zum Teil spezielle Themen interessen ab decken. Da es möglich ist, dass ein Nutzer das An gebot mehrerer Sozialer Netz werk platt formen ver wendet, wurde zunächst ab gefragt, welche An gebote wie häufig auf gerufen werden. Neben einer Auswahl liste von Netz werken, die anhand der AGOFStatistiken er mittelt wurde, hatten die Nutzer auch die Möglich keit, ein Netz werk frei anzu geben. Im zweiten Schritt wurde er mittelt, welche Platt form von den Teilnehmern am häufigsten besucht wird, somit das hauptsäch lich ge nutzte Netz werk – das Haupt netz werk (HNW) – darstellt. Nachfolgende Fragen im Fragebogen be ziehen sich auf das vom Teilnehmer an gegebene Haupt netz werk. Die Mehrfachnut zung ver schiedener Netz werk platt formen ist in der Stich probe recht ver breitet: 68 Prozent der Nutzer gaben an, mehrmals im Monat mindestens zwei ver schiedene Netz werk platt formen zu nutzen. Im Durch schnitt 180 be suchen die Nutzer sogar 2,5 Platt formen im Monat. Die Ver brei tung der Netz werke, die auch die Mehrfachnut zung einschließt, ist in Tabelle 21 an gegeben. Tabelle 21: Genutzte Netz werk platt formen nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Facebook 92 94 89 84 98 93 90 schülerVZ 25 27 24 62 31 15 7 meinVZ 16 14 18 13 6 18 23 studiVZ 14 13 15 11 3 14 24 wer-kennt-wen 13 13 13 23 7 11 13 Sonstige 12 10 15 12 13 11 12 Myspace 9 10 8 13 6 10 8 Schüler. cc 8 9 7 17 8 6 3 Lokalisten 6 7 6 10 3 5 7 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die an geben eine Soziale Netz werk platt form zumindest wöchent lich zu nutzen, in Prozent Mit 92 Prozent liegt Facebook mit weitem Abstand vor allen anderen Netz werken. Der einstige Markt führer studiVZ macht in unserer Stichprobe nur noch einen geringen Anteil aus. Dieses Netz werk liegt auf gleichem Niveau wie meinVZ. Einzig das SchülerNetz werk schülerVZ wird noch von jedem vierten Teilnehmer ge nutzt und liegt somit an zweiter Stelle. Hinsicht lich des Geschlechts ergeben sich keine Netz werk präferenzen von weib lichen oder männ lichen Nutzern. Beim Alter sah die Situa tion zum Er hebungs zeitpunkt noch etwas anders aus. Zwar ist selbst bei den jungen 12 bis 14Jährigen Facebook Markt führer, jedoch hat schülerVZ mit 62 Prozent auch eine hohe Bedeu tung. Der Anteil von werkenntwen ist eben falls auf fallend hoch (23 Prozent). Bei den ältesten Befragten spielen neben Facebook noch meinVZ (23 Prozent) und studiVZ (24 Prozent) eine ge wisse Rolle. Eine interessante Beobach tung ist, dass Facebook bei den Realschülern und Realschulabsolventen eine geringere Ver brei tung auf weist als bei den beiden anderen Bildungs niveaus. meinVZ spielt bei Haupt schülern und Haupt schul absolventen eine ver gleichs weise höhere Rolle, während es bei Gymnasiasten und Abiturienten kaum ver breitet ist. studiVZ spricht eher Gymnasiasten und Abiturienten an – was ver mutlich auf den Namen und die ursprüng liche Begren zung auf die Zielgruppe der Studenten zurück zuführen ist (Tabelle 22). 181 Tabelle 22: Genutzte Netz werk platt formen nach formaler Bildung Gesamt Haupt schule Realschule Gymnasium (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) Facebook 92 93 88 94 schülerVZ 25 29 25 23 meinVZ 16 25 19 7 studiVZ 14 14 11 17 wer-kennt-wen 13 19 15 8 Sonstige 12 17 12 9 Myspace 9 13 8 7 Schüler. cc 8 13 8 5 Lokalisten 6 9 6 4 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die an geben eine Soziale Netz werk platt form zumindest wöchent lich zu nutzen, in Prozent Im Ganzen zeigt sich, dass der Markt der Sozialen Netz werk platt formen sehr differenziert ist, so dass auch viele Nischen anbieter wie Myspace, Schüler. cc oder Lokalisten von Zielgruppen er reicht werden, die sie regelmäßig frequen tie ren. Im Gegen satz zu Facebook sind diese Zielgruppen größen mäßig jedoch sehr klein. Die Markt führer schaft von Facebook be stätigt sich, wenn an statt der Mehrfachnut zung die hauptsäch lich ge nutzte Platt form er mittelt wird (Tabelle 23). Mehr als vier von fünf Befragten geben an, dass es sich bei dem USamerikani schen Anbieter um ihr hauptsäch lich ge nutztes Netz werk handelt. Bei den 15 bis 17jähri gen Nutzern ist die Ver brei tung be sonders hoch, außer dem geben mehr männ liche und hoch ge bildete Befragte als weib liche und niedrig ge bildete Personen Facebook als Haupt netz werk an (Tabelle 24). Mit Aus nahme von schülerVZ, das bei den unter 15Jährigen mit einem Nutzer anteil von 22 Prozent eine ge wisse Relevanz er reicht, liegt der Anteil aller anderen Netz werke in jeder be trach teten Gruppe deut lich unter 10 Prozent. Der Markt besteht demnach aus einem großen und sehr vielen kleinen Anbietern. Diese kleine ren Anbieter haben für einzelne Zielgruppen segmente ver mutlich dennoch eine wichtige Bedeu tung, denn es gibt bei den meisten Anbietern einen geringen Anteil an Personen, die sie intensiv nutzen. 182 Tabelle 23: Haupt netz werk nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Facebook 82 85 80 63 93 87 83 schülerVZ 6 7 5 22 4 2 0 Sonstige 3 2 4 4 2 2 5 meinVZ 3 2 3 1 – 3 5 studiVZ 2 1 3 1 – 1 5 wer-kennt-wen 2 2 2 4 1 2 2 Schüler. cc 1 1 1 5 0 – 0 Myspace 1 1 1 0 – 2 0 Lokalisten 0 0 0 1 – 0 0 Gesamt 101 99 101 100 99 100 101 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Tabelle 24: Haupt netz werk nach formaler Bildung Gesamt Haupt schule Realschule Gymnasium (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) Facebook 82 77 80 87 schülerVZ 6 7 6 5 Sonstige 3 7 3 2 meinVZ 3 3 5 1 studiVZ 2 1 2 3 wer-kennt-wen 2 3 3 1 Schüler. cc 1 2 1 1 Myspace 1 2 0 0 Lokalisten 0 – 0 0 Gesamt 100 102 100 100 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Als Fazit der Betrach tung der Internetnut zung und der soziodemografi schen Merkmale der Nutzer Sozialer Netz werk platt formen lässt sich fest stellen, dass es den prototypi schen Nutzer nicht gibt. Soziale Netz werk platt formen haben sich bei den 12 bis 24Jährigen voll etabliert. Die Nutzer in dieser Zielgruppe variieren in ihrer Interneterfah rung, der Dauer der täglichen Nutzung und den Anwen dungen, die sie zusätz lich nutzen. Was alle Nutzer Sozialer Netz werk platt formen ver bindet, ist, dass sie sehr häufig, d. h. nahezu täglich, das Internet nutzen. Den typischen Nutzer mag es zwar nicht geben, die typische Netz werk platt form gibt es mittlerweile durch aus. Die Ent wick lung hin zur Monopol stel lung von Facebook war während der Erhe bungs phase im Herbst 2011 bereits ab sehbar, dennoch über rascht die Deutlich keit der Markt führer schaft Facebooks in unseren Ergeb nissen zu diesem Zeitpunkt, auch wenn sie nicht unplausibel 183 er scheint. Das Ende der VZNetz werke wurde intensiv Ende des Jahres 2011 in der Blogosphäre thematisiert (Vogel, 2011) und Mitte 2012 gab Holtz brinck Pläne für eine Umbenen nung und themati sche Neu ausrich tung von schülerVZ bekannt (Sued deutsche. de, 2012). Durch den Netzeffekt, der besagt, dass der Nutzen eines Netz werks für den Einzelnen wächst, wenn die Nutzer zahl ins gesamt steigt, ist die Monopolisie rung plausibel erklär bar. Da es für den Nutzer Aufwand ver ursacht, mehrere SocialNetworkingSites parallel zu pflegen, ist eine Ab wande rung der Nutzer kleine rer Netz werk platt formen hin zum Markt führer wahrschein lich. Im Hinblick auf den Daten schutz und die Achtung der Persönlich keits rechte ist das Ergebnis be achtens wert, da Experten und Unter suchungen zu dem Schluss kommen, dass Facebook im Ver gleich zu den deutschen Anbietern diesbezüg lich Mängel auf weist (Stiftung Warentest, 2010). Aktivi täten auf Sozialen Netz werk platt formen Ergeb nisse aus der standardisierten Befra gung Wenn User ein Netz werk als ihr Haupt netz werk be zeichnen und es häufig be suchen, be deutet das nicht, dass sie dort be sonders aktiv sind oder sich dort be sonders stark exponie ren. Deshalb haben wir in der Befra gung und mit Hilfe der TrackingDaten unter sucht, welche Aktivi täten die Nutzer wie oft aus führen. Nicht alle Aktionen, die die User auf Sozialen Netz werk platt formen durch führen, fallen in die Kategorie der für die Privatsphäre sensitiven Handlun gen, die für die Selbstoffenba rung der Jugend lichen und jungen Erwachsenen inte ressant er scheinen und Aus wirkungen auf die soziale Privatsphäre haben. In Abbil dung 10 wurden die Handlun gen ent sprechend ihres Kommunika tions modus in fünf Kategorien ein geteilt. Diese sind: rezeptive Nutzung, private und (semi)öffent liche Kommunika tion, multimediale Kommunika tion und sonstige Handlun gen. Die häufigste Tätig keit der rezeptiven Nutzung ist das Lesen von Neuig keiten. Dies wird von den Befragten mindestens täglich durch geführt (MW = 4,15). An zweiter und dritter Stelle folgen das Ansehen von Fotos (MW = 3,48) und das Stöbern in den Profilen der anderen Netz werk mitglieder (MW = 3,28). Die Suchfunk tion wird von den Jugend lichen und jungen Erwachsenen häufiger ge nutzt (MW = 2,87) als die Möglich keit in Gruppen zu lesen (MW = 2,80). Beide Handlun gen liegen im unteren Bereich der Skala, jedoch noch nahe am Mittel. Videos anzu sehen und Nachrichten auf Fanseiten zu lesen, nutzen die Befragten mehrmals im Monat und somit am wenigsten aus der Kategorie der rezeptiven Nutzung. Im Bereich der priva ten Kommunika tion liegt das Chatten (MW = 3,71) an erster Stelle vor dem Schreiben von privaten Nachrichten (MW = 3,39). Das Kommentie ren von Neuig keiten wird am häufigsten von den Befragten im Bereich der (semi) öffent lichen Kommunika tion ge tätigt (MW = 3,19). Danach folgt das Posten 184 von Status meldun gen (MW = 2,88) und das Schreiben auf die Pinnwand von anderen Netz werk mitgliedern (MW = 2,80). Auf fallend bei den Kategorien der multimedialen Kommunika tion und der sonsti gen Handlun gen ist, dass alle Werte im Ableh nungs bereich der Skala liegen. Die Jugend lichen und jungen Erwachsenen nutzen diese Hand lungs möglich keiten mehrmals im Monat bis seltener oder nie. Bei der multimedialen Kommunika tion sticht heraus, dass die Befragten über wiegend Fotos kommentie ren (MW = 2,62). An zweiter Stelle Abbildung 10: Durchschnittliche Häufigkeit kommunikativer Handlungen 4,15 3,48 3,28 2,87 2,80 2,36 2,18 3,71 3,39 3,19 2,88 2,80 2,62 2,08 2,04 1,87 1,53 2,34 2,19 1,95 1,48 1,43 0 1 2 3 4 5 Neuigkeiten lesen Fotos ansehen Stöbern in Profilen Suchfunktion In Gruppen lesen Videos ansehen Nachrichten auf Fanseiten lesen Chatten Private Nachrichten schreiben Neuigkeiten kommentieren Statusmeldungen posten Auf Pinnwände schreiben Fotos kommentieren Fotos hochladen Videos kommentieren Personen auf Fotos verlinken Videos hochladen Rezeptive Nutzung Private Kommunikation (Semi-)Öffentliche Kommunikation Multimediale Kommunikation Sonstige Handlungen Profil aktualisieren Games spielen Apps nutzen Veranstaltungen organisieren Gruppen/Fanseiten gründen Basis: N = 1.301, gewichtete Stichprobe Mittelwertindices, Skala: 1 = seltener/nie, 2 = mehrmals im Monat, 3 = mehrmals pro Woche, 4 = täglich, 5 = mehrmals täglich 185 kommt das Hochladen von Fotos (MW = 2,08). Das Kommentie ren und Hoch laden von Videos und auch das Ver linken von Personen auf Fotos werden weniger häufig durch geführt. Bei den sonsti gen Handlun gen wird meist das eigene Profil aktualisiert (MW = 2,34). Danach folgen die Möglich keiten Games zu spielen (MW = 2,19) und Apps zu nutzen (MW = 1,95). Die Jugend lichen und jungen Erwachsenen gründen eher selten Gruppen oder Fanseiten oder organisie ren Ver anstal tungen. Die mit 93 Prozent von den meisten Nutzern mindestens wöchent lich aus geführte Aktivität ist rein rezeptiv (Tabelle 25). Es handelt sich um das Lesen der Neuig keiten, die seit dem letzten Besuch auf der Platt form passiert sind. Auch die rezeptiven Aktivi täten wie Fotos ansehen (83 Prozent) und Stöbern in den Profilen anderer (72 Prozent) stellen häufige Aktivi täten dar. Sie rezipie ren so ver mutlich vor allem die durch ihr soziales Netz werk bereit gestellten Inhalte. Die Inhalte, die potenziell nicht aus dem eigenen sozialen Netz werk stammen, wie News in Gruppen und Nachrichten auf Fanseiten, werden weniger oft ge nutzt. Bei den Handlun gen, bei denen der Nutzer als Kommunikator auf tritt, haben wir drei Kategorien differenziert. Die private Kommunika tion, die sich an einen klar ab gegrenzten, ver mutlich eher kleinen Empfänger kreis richtet (Eins zueinsKommunika tion), ist von der (semi)öffent lichen Kommunika tion, bei der der Inhalt an ein prinzipiell breite res, nicht genau definiertes Publikum gerichtet wird, abzu grenzen. Bei der (semi)öffent lichen Kommunika tion hat ein Nutzer keine direkte Kontrolle über die Rezep tion durch andere13. Zudem fiel in der faktoren analyti schen Betrach tung der Daten auf, dass die Beschäfti gung mit multimedialen Inhalten, der Upload und das Kommentie ren von Fotos und Videos, eine ge sonderte Kategorie darstellt, die separat zu be trachten ist. Im Rahmen der privaten Kommunika tion chatten 84 Prozent der Nutzer mehrmals pro Woche mit ihren Kontakten und 79 Prozent schreiben private Nachrichten. Diese Aktivi täten treten damit häufiger auf als die der (semi) öffent lichen Kommunika tion. Bei der (semi)öffent lichen Kommunika tion ist das Kommentie ren von Beiträgen anderer Nutzer die häufigste Aktivität, 74 Prozent kommentie ren zumindest wöchent lich. Es kommt öfter vor, dass Nutzer auf andere reagie ren, als dass sie auf ihrer Seite eigene Status meldun gen posten (61 Prozent) oder an die Pinnwände anderer schreiben (59 Prozent). Dennoch lässt sich sagen, dass die Handlun gen der (semi)öffent lichen Kom mu nika tion von vielen Nutzern häufig aus geübt werden. Auch im Bereich der Beschäfti gung mit multimedialer Kommunika tion kommentie ren mehr Befragte Fotos (52 Prozent) und Videos (31 Prozent). Nur jeweils etwa halb so viele (25 bzw. 21 Prozent) laden hingegen eigene Inhalte hoch. 13 Zum Zeitpunkt der Studie war die individuelle Einstel lung von PrivatsphäreOptionen pro Post auf den unter suchten Netz werken nicht möglich. Facebook führte dieses Feature im Herbst 2011 ein. 186 Tabelle 25: Aktivi täten auf Sozialen Netz werk platt formen nach Geschlecht und Alter Gesamt männ- lich weib- lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Rezeptive Nutzung Neuig keiten lesen 93 91 94 89 96 95 91 Fotos ansehen 83 82 83 78 88 85 81 Stöbern in Profilen 72 70 75 69 77 73 71 Suchfunk tion 60 62 58 56 70 61 56 In Gruppen lesen 57 62 52 63 58 56 54 Videos ansehen 42 48 34 53 39 39 38 Nachrichten auf Fanseiten lesen 35 37 32 44 41 30 29 Private Kommunika tion Chatten 84 83 85 84 90 85 80 Private Nachrichten schreiben 79 79 79 70 85 79 79 (Semi-)Öffent liche Kommunika tion Neuig keiten kommen- tie ren 74 73 74 66 83 77 70 Status meldun gen posten 61 62 59 64 67 60 55 Anderen auf die Pinnwand schreiben 59 56 63 58 67 60 54 Multimediale Kommunika tion Fotos kommentie ren 52 52 52 49 64 52 47 Fotos hochladen 25 25 25 32 24 24 21 Videos kommentie ren 31 37 24 33 32 30 28 Personen auf Fotos ver linken 21 21 20 24 22 21 18 Videos hochladen 14 19 10 21 11 16 12 Sonstige Handlun gen Profil aktualisie ren 35 34 36 39 38 33 32 Games spielen 35 33 38 49 27 32 35 Apps nutzen 28 30 26 35 26 29 25 Ver anstal tungen organisie ren 12 15 9 14 8 15 12 Gruppen/Fanseiten gründen 12 16 8 17 10 12 11 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die an geben, eine Aktivität zumindest wöchent lich auszu führen, in Prozent Mehrfachnen nungen waren möglich Die Zahlen be stäti gen das Ergebnis der qualitativen Befra gung, nachdem die Sozialen Netz werk platt formen vor rangig als Kommunika tions platt form ge nutzt werden, auf der im engeren Bekannten kreis kommuniziert wird. Wir halten fest, dass die Aktivi täten der privaten Kommunika tion von mehr Personen häufig praktiziert werden als die der (semi)öffent lichen Kommunika tion. Es ist also nicht so, dass Jugend liche und junge Erwachsene – nur weil sie die 187 Möglich keiten einer sozialen Netz werk platt form nutzen – auf hören zu differen zie ren, welche Kommunika tion in welchem sozialen Kreis statt finden soll. Die Sozialen Netz werk platt formen ver einen dabei ver schiedene Kommunika tions formen, die in ihrem speziellen Gebrauch ver mutlich unter schied lichen Zwecken dienen. Wie bereits aus der qualitativen Befra gung hervor ging, ver fügen die Digital Natives über ein aus geklügeltes System, welche Informa tionen sie in welchem Rahmen öffent lich machen. Auf geschlüsselt nach soziodemografi schen Merkmalen gibt es gering fügige Unter schiede bei den Befragten, die Neuig keiten lesen, die seit ihrem letzten Besuch der Sozialen Netz werk platt form passiert sind. Die weib lichen Teil nehmerinnen weisen einen minimal höheren Prozent satz auf als die männ lichen. Auf geteilt nach Alter tätigen die 15 bis 17Jährigen diese Aktivität am häufigsten, ge folgt von der zweitältesten Gruppe. Fotos ansehen wird von beiden Geschlechtern im gleichen Maße ge tätigt. Hier sind auch wieder die 15 bis 17Jährigen vorn, die jüngste Alters gruppe nutzt diese Möglich keit am wenigsten. Das Stöbern in den Profilen der anderen Netz werk mitglieder wird eher von den weib lichen Jugend lichen und jungen Erwachsenen wahrgenommen. Bei dieser Aktivität liegen auch wieder die beiden mittle ren Alters gruppen vorne. Die Möglich keit in Gruppen zu lesen, Videos anzu sehen und Fanseiten zu be suchen, um dort Nachrichten zu lesen, nehmen eher die männ lichen Teilnehmer in Anspruch. Auf geteilt nach Alter liegt hier, bei allen drei Aktivi täten, die jüngste Alters gruppe klar vor den anderen. Die weib lichen Befragten chatten ein wenig mehr als die männ lichen. Am wenigsten wird diese Art der privaten Kommunika tion von den Personen im Alter von 21 bis 24 Jahren ver wendet, am häufigsten von den 15 bis 17Jähri gen. Beim Schreiben von privaten Nachrichten gibt es keinen Unter schied zwischen den männ lichen und den weib lichen Teilnehmern. Spitzen reiter hier sind wieder die 15 bis 17Jährigen, ge folgt von den beiden älteren Alters gruppen. Beim Kommentie ren von Neuig keiten, was als (semi)öffent liche Kommu ni ka tion erfasst wird, gibt es keinen nennens werten Unter schied zwischen den Geschlechtern. Die jüngste Alters gruppe nimmt diese Aktivität am wenigsten in Anspruch. Diese wird von der zweitjüngsten Gruppe am häufigsten aus geführt. Status meldun gen posten eher die männ lichen Jugend lichen und jungen Erwachsenen. Hier liegen auch wieder die 15 bis 17Jährigen vorn. Pinn wand einträge schreiben hingegen eher die weib lichen Befragten. Auch hier liegen die 15 bis 17Jährigen an erster Stelle, ge folgt von der jüngsten Alters gruppe. Die Aktivität Fotos kommentie ren, welche gut die Hälfte aller Teilnehmer auf wöchent licher Basis aus führt, weist keinen Geschlechter unterschied auf. Hier liegt die zweitjüngste Alters gruppe mit großem Abstand vorn. Auch das Hochladen von Fotos wird von den männ lichen und weib lichen Teilnehmern in gleichem Maße ge nutzt. Vor allem 12 bis 14Jährige nehmen diese Form 188 der multimedialen Kommunika tion wahr. Bei der Aktivität des Kommentierens von Videos weisen die männ lichen Teilnehmer einen be deutend höheren Anteil auf. Es ergeben sich jedoch keine nennens werten Unter schiede be züglich des Alters. Sonstige Handlun gen wie Profile aktualisie ren und Games spielen werden eher von den weib lichen Jugend lichen und jungen Erwachsenen durch geführt. Hier liegt die jüngste Alters gruppe vor allen anderen. Auf geschlüsselt nach dem Haupt netz werk werden die Tätig keiten der rezep tiven Nutzung, in allen Fällen von Befragten mit einem FacebookAccount am häufigsten aus geführt (Tabelle 26). Gymnasiasten lesen etwas häufiger die Neuig keiten aus ihrem Netz werk als die beiden anderen Bildungs niveaus. Realschüler und Realschulabsolventen sehen sich eher Fotos an und stöbern in Profilen. Minimal liegen die Haupt schüler und Haupt schulabsolventen vorn, wenn es darum geht, etwas zu suchen und Nachrichten auf Fanseiten zu lesen. In Gruppen lesen und Videos ansehen wird eher von Gymnasiasten und Abiturienten bejaht. Facebook ist auch das Haupt netz werk der Befragten, wenn es um Aktivi täten der privaten und (semi)öffent lichen Kommunika tion geht. Beim Chatten weisen die Haupt schüler und Haupt schulabsolventen den größten Anteil auf, ge folgt von den Realschülern und Realschulabsolventen. Private Nachrichten schreiben hingegen wird von den Gymnasiasten und Abiturienten am häufigsten aus geführt. Haupt schüler und Haupt schulabsolventen kommentie ren eher Neuig keiten und posten Status meldun gen. Die Aktivi täten der multimedialen Kommunika tion, wie Fotos und Videos kommentie ren und hochladen, sowie Personen auf Fotos ver linken, werden am häufigsten und meist mit einem deut lichen Vor sprung von Haupt schülern und Haupt schulabsolventen aus geführt. Hier zeigt sich jedoch ein differenziertes Bild, wenn es um das Haupt netz werk geht. Das Kommentie ren von Fotos und Videos wird in den meisten Fällen von Personen mit einem FacebookAccount aus geführt. Hochladen von Videos und Fotos hingegen wird eher von Personen mit sonsti gen Netz werken durch geführt. Bei den sonsti gen Handlun gen, zu denen die Aktualisie rung des Profils, Games spielen, Apps nutzen und Gruppen/Fanseiten gründen ge hören, liegen auch hier wieder die Haupt schüler und Haupt schulabsolventen vorn. Hier steht bei keiner der Aktivi täten Facebook an erster Stelle der Haupt netz werke. Games spielen und Apps nutzen wird eher von Mitgliedern der VZNetz werke in Anspruch ge nommen. Die Befragten, die sonstige Netz werke als ihr Haupt netz werk an gegeben haben, aktualisie ren eher ihr Profil und gründen Gruppen/ Fanseiten. 189 Tabelle 26: Aktivi täten auf Sozialen Netz werk platt formen nach formaler Bildung und Haupt netz werk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) Rezeptive Nutzung Neuig keiten lesen 93 92 92 94 96 76 79 Fotos ansehen 83 82 85 82 86 58 76 Stöbern in Profilen 72 72 73 72 74 63 72 Suchfunk tion 60 62 58 61 63 51 48 In Gruppen lesen 57 56 54 60 60 42 49 Videos ansehen 42 43 42 40 43 30 38 Nachrichten auf Fan- seiten lesen 35 40 35 32 37 26 23 Private Kommunika tion Chatten 84 92 83 80 87 66 76 Private Nachrichten schreiben 79 78 75 82 81 64 74 (Semi-)Öffent liche Kommunika tion Neuig keiten kommen- tie ren 74 77 71 74 80 38 53 Status meldun gen posten 61 75 59 53 64 41 55 Auf die Pinnwand von anderen schreiben 59 58 57 62 62 38 51 Multimediale Kommunika tion Fotos kommentie ren 52 56 53 49 57 25 39 Fotos hochladen 25 32 26 20 25 20 28 Videos kommentie ren 31 38 31 26 33 13 26 Personen auf Fotos ver linken 21 29 22 14 21 15 24 Videos hochladen 14 20 15 11 15 9 17 Sonstige Handlun gen Profil aktualisie ren 35 47 37 26 35 28 42 Games spielen 35 47 36 28 35 48 26 Apps nutzen 28 32 30 24 29 30 20 Ver anstal tungen organisie ren 12 14 14 9 12 12 17 Gruppen/Fanseiten gründen 12 20 11 9 12 14 15 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die an geben eine Aktivität zumindest wöchent lich auszu führen, in Prozent 190 Ergeb nisse aus der Tracking-Studie Mit Hilfe der TrackingDaten konnten wir das tatsäch liche Nutzungs verhalten eines Teils der Teilnehmer über den Zeitraum von einem Monat auf zeichnen. So lässt sich fest stellen, welche Seiten die Nutzer am häufigsten be suchen und welche Anwen dungen auf Sozialen Netz werk platt formen am intensivsten ge nutzt werden. Das TrackingTool er fasste jede URL, die die Teilnehmer auf riefen und zusätz lich die Dauer eines Besuchs. Diese Angaben er möglichen es, Aus sagen über Häufig keit und Intensi tät der Nutzung einer be stimmten Seite oder Anwen dung auf der Sozialen Netz werk platt form zu machen und zu ver gleichen. Da für das Forschungs interesse nicht einzelne Subseiten oder Applika tionen auf Sozialen Netz werk platt formen von Interesse sind, sondern vielmehr Typen von An geboten, wurden die 97.628 URLVisits zu 21 inhalt lich relevanten Kategorien ver dichtet14. Um die Strukturie rung, die sich aus der Befra gung ergeben hat, beizu behalten, wurden die Codes sachlogisch denselben fünf Kategorien zu geordnet (rezeptive Nutzung, private Kommunika tion, (semi) öffent liche Kommunika tion, multimediale Kommunika tion, sonstige URLs). Im Durch schnitt rufen die User etwa einmal am Tag eine Soziale Netz werk platt form auf. Dieser Wert schwankt sehr stark zwischen den Nutzern. Der aktivste User im Tracking kam auf über 21 Aufrufe pro Tag, er war auf drei Platt formen aktiv. Allerdings be finden sich in unserem Sample auch viele wenig aktive Nutzer, die sich während der Feldzeit seltener als alle zwei Tage ein geloggt haben (67 Prozent). Da uns dieser Wert sehr gering vorkam, haben wir die Befra gungs daten dieser wenig aktiven Nutzer erneut analysiert. Die Ergeb nisse deuten darauf hin, dass diese weniger aktiven Nutzer ihre Nutzungs frequenz über schätzen. Über 90 Prozent gaben in der Befra gung an, zumindest täglich die ge trackten Sozialen Netz werk platt formen zu be suchen und dabei zumeist oder aus schließ lich von zu Hause aus auf das Internet zuzu greifen. Die Diskrepanz zwischen den ge trackten und dem be obachte tem Ver halten kann zum einen die Ursache haben, dass die Nutzer ihr Nutzungs verhalten über schätzen, zum anderen wäre es möglich, dass bei der techni schen Messung des Tracking nicht alle Vor gänge auf gezeichnet wurden, z. B. weil die Teil nehmer einen nicht mit dem TrackingTool kompatiblen Browser nutzten. 14 Die beiden Kategorien, Fehlermel dungen und Skripte wurden bei der Aus wertung nicht be rücksichtigt, weil davon auszu gehen ist, dass diese URLs nicht bewusst von den Nutzern auf gerufen wurden. Sie sind daher unge eignet, das Nutzungs verhalten auf Sozialen Netz werk platt formen zu be schreiben. Auch die Kategorie Logout wird nicht be trachtet. Zwar machen die LogoutURLs einen großen Anteil aus, dennoch bieten sie keine Einblicke in das Nutzungs verhalten auf der Seite. Da der LoginVorgang nicht als eigenständige Kategorie erfasst werden konnte, ist auch kein Ver gleich zwischen der Häufig keit des Logins und des Logouts möglich. 191 Tabelle 27: Häufig keit, Anzahl der Nutzer und Dauer der Domain-Visits und URL-Aufrufe je Nutzungs aktivi tät Durch schnitt- liche Auf ruf- häufig keit (pro Tag und Nutzer) Nutzer, die diese Seiten aufrufen Anzahl der URL- Aufrufe Dauer des Seiten aufrufs in Minuten Anzahl in Prozent N M SD Rezeptive Nutzung (Persön liche) Start seite 5,80 195 98 34.657 12,11 30,43 Eigenes Profil ansehen* 1,12 166 83 6.677 13,10 16,28 Fotos ansehen (eigene und andere) 1,05 163 82 6.288 6,21 11,00 Profile (anderer) ansehen 0,80 164 82 4.805 6,52 10,73 Gruppen und Fanpages 0,80 169 85 4.767 7,73 11,58 Suchfunktion 0,10 88 44 588 3,06 7,75 Ver anstal tungen ansehen 0,07 76 38 399 9,56 11,67 Betrach tung reiner Werbe-Seiten 0,01 11 6 59 1,94 6,58 Private Kommunikation Private Nachrichten schreiben 0,23 131 66 1.390 7,25 11,13 Chatten 0,12 31 16 734 5,74 10,51 Gruscheln/poken 0,00 5 3 12 0,14 0,21 (Semi-)Öffent liche Kommunikation Pinnwand 0,07 68 34 429 8,24 11,41 Multimediale Kommunikation Fotos hochladen und be arbeiten 0,01 27 14 84 0,21 0,68 Videos hochladen und be arbeiten 0,00 12 6 22 8,20 11,73 Sonstiges Games** 0,98 98 49 5.878 8,18 11,87 Apps und Umfragen 0,82 121 61 4.897 3,72 7,96 Kontakte be arbeiten 0,17 82 41 1.036 1,93 6,28 Account-Settings 0,08 112 56 459 3,47 7,56 Eigenes Profil be arbeiten 0,08 97 49 446 4,40 8,66 Infos des Betreibers lesen 0,07 61 31 389 5,75 9,85 Geschäft liche Nutzung und Marketplace 0,02 15 8 131 10,90 15,63 Gesamt 199 100 87.364 * nur Facebook, da bei den VZNetz werken nicht vom Ansehen fremder Profile differenzierbar ** nur Facebook, da bei den VZNetz werken nicht von sonsti gen Applika tionen differenzierbar Die durch schnitt liche Dauer eines Besuchs auf Sozialen Netz werk platt formen liegt bei 128 Minuten. Die Dauer variiert sehr stark (SD = 499,8). Ein großer Teil der Besuche dauert nur bis zu fünf Minuten (39 Prozent), und etwa ebenso viele sind zwischen fünf Minuten und einer Stunde lang (38 Prozent). Sehr aus giebige Besuche von über einer Stunde kommen zwar etwas seltener vor (23 Prozent), ver zerren aber den Mittelwert der Durch schnitts dauer stark nach oben. Der längste ge messen Login in unserem Sample dauerte knapp sieben 192 Tage. Aus sagekräfti ger für die Dauer der Besuche auf Sozialen Netz werk platt formen ist daher der Median, der bei 17 Minuten liegt. Pro Tag rufen die TrackingTeilnehmer im Durch schnitt 14,6 ver schiedene URLs auf Sozialen Netz werk platt formen auf. Diese ver teilen sich wie zu er warten war recht ungleichmäßig auf die von uns ge bildeten Kategorien. Ver gleicht man die ver schiedenen Kategorien miteinander (Tabelle 27), wird schnell deut lich, dass Soziale Netz werk platt formen tatsäch lich am häufigsten und die meiste Zeit rezeptiv ge nutzt werden. Die mit Abstand am häufigsten ge nutzte Seite ist die persön liche Start seite, ein Nutzer ruft sie pro Tag im Durch schnitt 5,8 mal auf und ver weilt dort mit über zwölf Minuten auch relativ lange. Dies ver wundert nicht, denn auf den ge trackten Netz werk platt formen bietet die Start seite Orientie rung, was seit dem letzten Besuch Neues passiert ist. Auf Facebook ist dies die Seite mit dem News feed, auf dem alle Aktualisie rungen der Kontakte und abonnierten Fanpages an gezeigt werden und auch in den VZNetz werken wird auf dieser Seite der „Busch funk“ an gezeigt. Das eigene FacebookProfil15 haben 83 Prozent der Teilnehmer im Er hebungs zeitraum auf gerufen, was um gerechnet auf alle Nutzer einen durch schnitt lichen Aufruf von 1,1 mal pro Tag ergibt. So ein Besuch auf dem eigenen Profil dauert im Mittel 13 Minuten und damit etwas länger als der Besuch der Start seite. Auf der ProfilSeite können die Nutzer Beiträge ansehen, die andere auf ihrer Pinnwand hinter lassen haben, oder eigene Aktivi täten und Angaben auf dem Profil über prüfen. Eben falls etwa 1,1 mal täglich und für 6,2 Minuten sehen sich die Nutzer Sozialer Netz werk platt formen Fotos an, die dort ein gestellt wurden. Dass dies relativ häufig vor kommt, liegt ver mutlich auch daran, dass die Netz werk platt formen einen Hinweis ge nerie ren, wenn ein Nutzer neue Bilder hoch geladen hat. Dieser er scheint prominent auf der persön lichen Start seite aller Freunde. Profile anderer Nutzer werden seltener als einmal täglich auf gerufen (0,8 mal). Ein Aufenthalt auf dem Profil eines anderen Netz werkNutzers dauert etwa 6,5 Minuten. Da vor allem FacebookNutzer über jede Änderung auf dem Profil ihrer Freunde durch den „News feed“ auf ihrer persön lichen Start seite informiert werden, scheint es plausibel, dass andere Profile eher selten auf gesucht werden. Möglicher weise sehen sich die Nutzer eher Profile von Personen an, mit denen sie noch nicht be freundet sind oder die sie eben erst als Freund hinzu gefügt haben. Gruppen und Fanpages werden eben falls durch schnitt lich 0,8 mal besucht. Die Nutzer ver bringen pro Aufruf fast 8 Minuten damit, Informa tionen zu lesen, die auf den Seiten ver öffent licht wurden. 15 Bei FacebookNutzern konnte anhand der URL identifiziert werden, dass sie das eigene Profil auf gerufen haben. Die URLs der VZNetz werke lassen hingegen nicht er kennen, ob die User ihr eigenes Profil oder das eines anderen Nutzers be trachten. Daher kann das Auf rufen des persön lichen Profils nur für Facebook separat aus gewiesen werden. 193 Ferner fallen die Nutzung der Suchfunk tion, das Ansehen von Ver anstal tungen und reinen Werbeseiten unter die rezeptive Nutzung Sozialer Netz werk platt formen. Diese Seiten werden im Durch schnitt nur sehr selten pro Tag besucht. Weniger als die Hälfte der Nutzer haben solche Handlun gen im Ver lauf der TrackingStudie aus geführt. Seiten, auf denen Werbeanzeigen präsentiert werden, wurden nur von 6 Prozent der Teilnehmer auf gerufen. Für die alltäg liche Nutzung Sozialer Netz werk platt formen scheinen diese Seiten eine ver gleichs weise geringe Bedeu tung zu haben. Private Kommunika tion, bei der der Aus tausch von Informa tion auf zwei oder wenige Nutzer be schränkt ist, findet auf Sozialen Netz werk platt formen seltener statt als rezeptive Handlun gen. Im Ver lauf der TrackingStudie haben 66 Nutzer private Nachrichten geschrieben, durch schnitt lich 0,2 pro Tag, wobei sie etwa sieben Minuten damit ver bracht haben, eine private Nachricht zu schreiben. Nur 16 Prozent der Studienteilnehmer nutzten die Chatfunk tion ihrer Sozialen Netz werk platt form. Im Durch schnitt wurde 0,1 mal am Tag knapp sechs Minuten lang gechattet. Der Anteil derjenigen, die nonverbal via „Gruscheln“ oder „Poken“ kommuniziert haben, liegt bei nur 3 Prozent16. Unter die Kategorie (semi)öffent liche Kommunika tion fällt in der Tracking Studie nur das Ver öffent lichen von Pinnwandeinträgen17. Diese kommunikative Handlung wurde von 34 Prozent der Studienteilnehmer aus geführt. Knapp 0,1 mal pro Tag hinter lassen die Nutzer einen Eintrag auf der Pinnwand eines anderen Mitglieds der Netz werk platt form und benöti gen dafür durch schnitt lich etwas mehr als acht Minuten. Ver gleicht man private und (semi)öffent liche Kommunika tion, be stätigt sich das Ver hältnis aus der Befra gung: Es wird etwas häufiger privat kommuniziert als (semi)öffent lich. Allerdings wird den Trackingdaten zufolge deut lich seltener gechattet, als in der Befra gung an gegeben wurde. Dort hatten die Befragten an gegeben, täglich die ChatFunktion ihrer Netz werk platt form zu nutzen, aber nur mehrmals pro Woche private Nachrichten zu schreiben. Diese Selbst auskunft stimmt nicht mit den Tracking Daten überein. Dies könnte aber auch der Konvergenz von Chat und Nach richtenFunktion geschuldet sein. Bei Facebook wird der Ver lauf eines Chats unter den privaten Nachrichten ge speichert. Wird eine Nachricht an einen User ver sendet, der zur gleichen Zeit auf der Sozialen Netz werk platt form ein geloggt ist, öffnet sich bei diesem das ChatFenster. Es ist daher möglich, dass sich die Trennung, die Nutzer zwischen Chatten und Nachrichten schreiben ziehen, nicht mit den Daten deckt, die beim Tracking erfasst wurden. 16 „Gruscheln“ und „Poken“ sind nonverbale Hilfs mittel, um mit anderen Mitgliedern des Netz werks Kontakt aufzu nehmen. Das Wort „Gruscheln“ setzt sich aus Grüßen und Kuscheln zusammen. „Poken“ kommt aus dem englischen Sprach gebrauch und lässt sich am ehesten mit „an stupsen“ über setzen. Beim Gruscheln und Poken bekommt der andere Teilnehmer eine Informa tion darüber, wer Kontakt mit ihm auf nimmt. 17 Status meldun gen oder Kommentare zu Beiträgen anderer Nutzer konnten nicht anhand der URL erkannt werden. 194 In die Kategorie Multimediale Kommunika tion wurden die URLs ein geordnet, die beim Hochladen und Bearbeiten von Fotos und Videos erzeugt wurden. Der Anteil derjenigen, die multimediale Inhalte auf einer Sozialen Netz werk platt form einbinden oder be arbeiten, ist mit 14 Prozent bei Fotos und 6 Prozent bei Videos in beiden Fällen gering. Auch die durch schnitt liche Häufig keit pro Tag ist sehr gering. Hier spiegeln die Ergeb nisse des Trackings die Einschät zung aus der Befra gung wider, dass Fotos oder Videos höchstens mehrmals pro Monat hoch geladen werden. Bei sonsti gen Anwen dungen Sozialer Netz werk platt formen zeigt sich, dass knapp die Hälfte der Teilnehmer 0,98 mal pro Tag ein Game auf Facebook nutzt und damit im Mittel acht Minuten ver bringt. Apps und Umfragen werden von 61 Prozent der Nutzer im Durch schnitt 0,82 mal pro Tag knapp vier Minuten lang ge nutzt. Damit wurden Games und Apps, die auf Sozialen Netz werk platt formen an geboten werden, von den Teilnehmern der TrackingStudie häufiger ge nutzt als die Ergeb nisse der Befra gung nahelegen: Hier hatten nur 35 Prozent der Nutzer an gegeben, mehrmals wöchent lich Games zu spielen. Weitere Tätig keiten, die eher selten aus geführt werden, sind unter anderem das Bearbeiten der eigenen Kontakt liste, um beispiels weise FreundesListen anzu legen, Über prüfen oder Ändern der AccountSettings oder des eigenen Profils sowie Lesen der vom Betreiber zur Ver fügung ge stellten Informa tionen. Im Wesent lichen be stäti gen die Ergeb nisse der TrackingStudie die der Befra gung: Der Großteil der kommunikativen Handlun gen ist rezeptiv. Bei der Kommunika tion über wiegen nichtöffent liche Formen gegen über der (semi) öffent lichen Kommunika tion. Multimediale Inhalte werden nur von einem geringen Anteil der Nutzer – und auch von dem nur selten – ver öffent licht. 4.2.3 Nutzungs motive Nachdem wir be trachtet haben, wie die Nutzer Soziale Netz werk platt formen ver wenden, richten wir nun den Blick darauf, welchen Nutzen sie daraus ziehen, bzw. welche Gratifika tions erwar tungen sie an die Platt formen stellen. Die standardisierte Befra gung ent hielt eine umfang reiche ItemBatterie mit ver schiedenen Medien nut zungs motiven. Ent sprechend den Ergeb nissen aus der qualitativen Studie sind auch klassi sche Medien nut zungs motive mit ent halten. Wir haben darüber hinaus einen be sonde ren Schwerpunkt auf soziale Motive gelegt. Insgesamt werden sechs Motive zur Nutzung Sozialer Netz werk platt formen unter sucht: Informa tion, Unter haltung, Eskapismus, Selbst darstel lung, Pflege sozialer Beziehungen und ein eher allgemeines Zu gehörig keits gefühl, das sich nicht auf konkrete soziale Kontakte bezieht. Alle MotivSubs kalen weisen eine aus reichende Skalen reliabili tät auf, so dass wir pro Motivdimension einen Mittelwertindex ge bildet haben (Tabelle 28). 195 Tabelle 28: Mittelwerte und Standardabweichung der Nutzungs motive M SD Cronbach’s α Informa tion 2,83 0,84 ,769 … damit ich mitreden kann. 3,02 1,23 … weil ich mich informie ren möchte. 3,38 1,11 … weil ich dort Dinge erfahre, die für meinen Alltag nütz lich sind. 3,07 1,16 Unter haltung 3,83 0,92 ,766 … weil es mir Spaß macht. 3,88 1,04 … weil es unter haltsam ist. 3,79 1,01 Eskapismus 2,87 0,98 ,712 … weil ich damit den Alltag ver gessen möchte. 2,39 1,26 … weil es aus Gewohn heit dazu gehört. 3,26 1,23 … weil ich mich ab lenken möchte. 2,96 1,21 Selbst darstel lung 2,68 0,97 ,766 … um anderen meine Meinung mitzu teilen. 3,05 1,17 … um Auf merksam keit von anderen zu be kommen. 2,23 1,15 … weil ich etwas über mich mitteilen möchte. 2,75 1,21 Pflege sozialer Beziehungen 3,53 0,72 ,757 … um mich mit anderen auszu tauschen. 3,87 1,00 … um für andere da zu sein. 3,21 1,18 … um in Kontakt mit Freunden zu bleiben, die ich oft sehe. 3,75 1,13 … um Beziehungen mit Personen zu pflegen, die ich nicht sehr oft sehe. 4,04 1,03 … um den Kontakt zu alten Freunden wieder herzu stellen. 3,77 1,08 … um mir die Profile von anderen anzu sehen. 3,37 1,15 Knüpfen neuer Kontakte … weil ich dort neue Leute kennen lerne. 2,72 1,30 – Motiv Zu gehörig keit 2,64 1,03 ,758 … weil ich mich dann nicht allein fühle. 2,37 1,28 … um mich mit anderen ver bunden zu fühlen. 3,00 1,19 … um dazu zugehören. 2,56 1,29 Items und Mittelwertindices auf einer Skala von 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu Bei einem Ver gleich der unter schied lichen Motive für die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen stechen zwei Dimensionen heraus, deren Mittelwerte im Annahmebereich der Skala liegen (Abbil dung 11). Soziale Netz werk platt formen dienen insbesondere der Unter haltung und der Pflege sozialer Beziehungen, denn diese Motive sind den be fragten Nutzern be sonders wichtig. Auch die Interviewpartner der qualitativen Studie be tonten die Bedeu tung der Platt formen für die Pflege ihrer sozialen Beziehungen und zu Unter hal tungs zwecken. Tatsäch lich scheinen dies die beiden Haupt gründe für die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen zu sein. Die anderen fünf Motive liegen im Ableh nungs bereich der Skala, weisen aber dennoch Werte auf, die noch nah am Mittel der Skala sind. Soziale Netz werk platt formen dienen einigen Befragten durch aus auch zum Eskapismus, zu Informa tions zwecken und zum Knüpfen neuer Kontakte sowie zur Selbst darstel lung und zur Erzeu gung eines eher allgemeinen 196 Zu gehörig keits gefühls. Diese fünf Motive werden nicht von allen Befragten kategorisch ab gelehnt, stehen aber weniger im Vordergrund. Interessant ist insbesondere das Ver hältnis von Selbst darstel lung und Beziehungs pflege. Beide Motive korrelie ren auf dem Niveau Pearson’s r = ,57 (p < ,001) miteinander. Wie sich aus den qualitativen Parts dieser Studie ergibt, geht es den jungen Nutzern nicht primär darum, sich selbst zu präsentie ren und in den Mittelpunkt zu rücken, sondern darum, über ihre Selbstoffenba rung Inter aktion mit anderen zu er möglichen. Auch die Daten lage der quantitativen Befra gung spricht dafür, dass Selbst darstel lung nicht das primäre Ziel der Teilnahme an Sozialen Netz werk platt formen ist. Vielmehr ist sie Mittel zum Zweck. Ohne eine ge wisse Selbst darstel lung (Selbstoffenba rung) wäre die soziale Inter aktion online nicht möglich. Abbil dung 11: Nutzungs motive Sozialer Netz werk platt formen Basis: N = 1.301, gewichtete Stichprobe Skala: 1 = sehr unwichtig bis 5 = sehr wichtig Interessante Ergeb nisse liefert die Betrach tung der Motive nach Geschlech tern und den Alters gruppen (Tabelle 29): Jungen und junge Männer sehen eher als die weib lichen Nutzer den Informa tions nutzen und geben auch höhere Werte beim Motiv Selbst darstel lung und beim Knüpfen neuer Kontakte an. Nutze rinnen dagegen stimmen den Motiven Unter haltung, Eskapismus und Bezie hungs pflege mehr zu als männ liche Nutzer. Hinsicht lich der ver schiedenen 3,83 3,53 2,87 2,83 2,72 2,68 2,64 0 1 2 3 4 5 Unter- haltung Beziehungs- pflege Eskapis- mus Information Knüpfen neuer Kontakte Selbst- darstellung Zugehörig- keitsgefühl 197 Alters gruppen weisen jüngere Teilnehmer über alle MotivIndices eine höhere Zustimmungs tendenz auf. Junge Nutzer ziehen ver mutlich einen höheren Nutzen aus der Ver wendung Sozialer Netz werk platt formen. Dies könnte der Fall sein, weil sie in ihren inter aktiven Möglich keiten außerhalb des Social Web stärker ein geschränkt sind als ältere Jugend liche und junge Erwachsene. Tabelle 29: Nutzungs motive nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Informa tion 2,83 2,91 2,75 3,01 2,86 2,83 2,69 Unter haltung 3,83 3,70 3,98 3,98 3,90 3,78 3,75 Eskapismus 2,87 2,80 2,94 2,96 2,67 2,66 2,55 Selbst darstel lung 2,68 2,75 2,61 2,95 2,55 2,61 2,47 Beziehungs pflege 3,53 3,44 3,64 3,57 3,59 3,51 3,49 Knüpfen neuer Kontakte 2,72 2,80 2,64 3,14 2,71 2,61 2,56 Zu gehörig keits gefühl 2,64 2,68 2,61 3,05 2,89 2,90 2,80 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Mittelwertindices, Skala der zu gehöri gen Items von 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu Bei der Analyse der Mittelwerte der MotivIndices nach formaler Bildung ergibt sich ein ähnliches Bild wie bei der Unter suchung nach alters spezifi schen Unter schieden (Tabelle 30). Haupt schüler stimmen den Nutzungs motiven stärker zu als höher ge bildete Jugend liche. Ergänzend zur Betrach tung soziodemografi scher Merkmale der Nutzer haben wir auch eine Analyse durch geführt, bei der die Nutzer ver schiedener An gebote miteinander verg lichen wurden (Tabelle 30). Auf Grund geringer Fallzahlen wurden dabei jeweils alle drei VZNetz werke und alle Sonsti gen Netz werke zusammen gefasst und dem Markt führer Facebook gegen über gestellt. Hinsicht lich der Nutzungs motive ergaben sich kaum signifikanten Unter schiede18. Ledig lich bei den Sonsti gen Netz werken weist das Motiv Knüpfen neuer Kontakte einen höheren Mittelwert auf. Dies ist ver mutlich deshalb der Fall, weil einige Teilnehmer in dieser Gruppe Platt formen an gegeben haben, bei denen Dating mehr im Vordergrund steht. Dennoch stellen wir fest, dass die unter suchten Anbieter aus Nutzer sicht ähnliche Funktionen er füllen und dass sie somit zu Recht unter dem Sammel begriff Soziale Netz werk platt formen zusammen gefasst werden können, obwohl sie im Einzelnen unter schied liche techni sche Features auf weisen mögen. 18 Die vollständige varianzanalyti sche Aus wertung be findet sich im OnlineAnhang. 198 Tabelle 30: Nutzungs motive nach formaler Bildung und Haupt netz werk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) Informa tion 2,83 2,91 2,83 2,78 2,85 2,77 2,68 Unter haltung 3,83 3,95 3,83 3,77 3,85 3,69 3,93 Eskapismus 2,87 3,12 2,90 2,69 2,88 2,73 2,93 Selbst darstel lung 2,68 2,93 2,73 2,48 2,68 2,66 2,72 Beziehungs pflege 3,53 3,65 3,56 3,44 3,54 3,50 3,53 Knüpfen neuer Kontakte 2,72 3,10 2,84 2,38 2,65 2,99 3,13 Zu gehörig keits gefühl 2,64 2,76 2,67 2,55 2,62 2,75 2,78 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Mittelwertindices, Skala der zu gehöri gen Items von 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu Im Ver gleich zu früheren Studien be stätigt sich auch in unserer Studie eine multifunktionale Nutzen befriedi gung. Soziale Motive, und hier insbesondere die Pflege bereits be stehen der Kontakte, sind wichtige Beweggründe der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen (vgl. Teil I Ab schnitt 2.1.4). Daneben stellt die Unter haltung eine be deutende Gratifika tion dar, was nahelegt, dass die soziale Inter aktion auf den Platt formen als unter haltsam empfunden wird. Die Selbst darstel lung spielt hingegen eine unter geordnete Rolle. Wie in Ab schnitt 2.2 bereits fest gestellt, dient sie ver mutlich eher dazu, die Partizipa tion zu er möglichen und dadurch darüber hinaus gehende Gratifika tionen zugäng lich zu machen. Wie genau die Selbstoffenba rung der jungen Nutzer aus gestaltet ist, wird im nächsten Kapitel er läutert. 4.3 Ergeb nisse zur Selbstoffenba rung Zur Beantwor tung der Forschungs frage „In welchem Maße offen baren Jugend liche sich selbst auf Sozialen Netz werk platt formen?“ werden im Folgenden die vier in Teil I Ab schnitt 2.3.3 ab gelei teten Aspekte der Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen – Profilinforma tionen, (semi)öffent liche Kommunika tion, PrivatsphäreOptionen und Kontakte – be trachtet und auf Basis der Daten der standardisierten Befra gung be schrieben. Zusätz lich zur deskriptiven Aus wertung be findet sich im OnlineAnhang eine varianzanalyti sche Betrach tung, die die ge fundenen Ergeb nisse nach Alters gruppen, Ge schlecht, formaler Bildung und nach der ge nutzten Sozialen Netz werk platt form unter scheidet. Da den kommunikativen Aktivi täten, die die Nutzer auf Sozialen Netz werk platt formen aus führen, eine zunehmend be deutsame Rolle bei der Selbst offenba rung zukommt, wurden diese detailliert auch während der Trackingstudie mit Hilfe der Kontextbefra gungen unter sucht. Im Anschluss werden cluster analytisch ge bildete Selbstoffenba rungs typen vor gestellt. 199 4.3.1 Das Nutzer profil Inhalte des Nutzer profils Die Pflege von Profilseiten ist für viele Jugend liche und junge Erwachsene eine der wichtigsten und zugleich offensicht lichsten Formen des Identi täts managements im Social Web (Schmidt, PausHasebrink & Hasebrink, 2009a). Beim Anlegen und der Pflege der Profilseiten setzen sich die Nutzer mehr oder weniger bewusst damit auseinander, wer sie sind und wie sie sich online darstellen möchten. Das Profil auf einer Sozialen Netz werk platt form ist eine eher statische Repräsentanz der Grundeigen schaften des Nutzers auf der Platt form. Die meisten Befragten unserer Studie scheinen die Informa tionen auf ihrem Profil dennoch aktuell zu halten: Drei Viertel gaben an, das eigene Profil mehrmals im Monat oder sogar noch öfter anzu passen. Insgesamt 15 Prozent aktualisie ren es sogar täglich. Ein knappes Viertel der Befragten aktualisiert sein Profil selten oder nie (24 Prozent). Um zu er fahren, welche Informa tionen die Nutzer auf ihren Profilen ver öffent lichen, wurde eine Frage konzipiert, die sich an den FormularFeldern orientiert, die eine Soziale Netz werk platt form in der Eingabemaske für das Nutzer profil üblicher weise auf weist. Dabei wurde zurück gegriffen auf die Netz werke Facebook, die VZNetz werke, werkenntwen, Lokalisten, Schüler. cc und Myspace. Aus früheren Studien ist bekannt, dass einige Nutzer des Social Web die Strategie der Pseudonymisie rung ver folgen und dabei Falschangaben oder Nicknames nutzen, um anonym zu bleiben. Wenn diese Strategie an gewendet wird, ist damit die Selbstoffenba rung ein geschränkt und ein poten zielles Risiko für die Privatsphäre wäre geringer. Nicht das bloße Aus füllen der Angaben in den Profilinforma tionen ist daher relevant, sondern vor allem der „Wahr heits gehalt“ der dort präsentierten Selbst auskünfte. Daher wurde in der Frageformulie rung explizit nach den Informa tionen ge fragt, die auch tatsäch lich der Wahrheit ent sprechen. Bei der Betrach tung der Eingabemasken fiel der unter schied liche Intimitäts grad der von den Anbietern ab gefragten Informa tionen auf, die hier anhand der vier Kategorien Name, allgemeine Informa tionen, Kontaktinforma tionen und intime Informa tionen unter schieden werden19. Einige Informa tionen wie der Name oder das Geschlecht können als sehr allgemein und offensicht lich gelten, während andere wie die sexuelle Orientie rung und die Anschrift eher intim sind und einen potenziell größeren Eingriff in die Privatsphäre be deuten könnten, wenn sie bekannt sind. Die ver schiedenen Kategorien von Profil Informa tionen werden von den Jugend lichen und jungen Erwachsenen in sehr 19 Diese vier Kategorien sind das Ergebnis einer explanativen Faktoren analyse der Profilinforma tionen mit VarimaxRotation nach Kaiserkriterium (er klärte Gesamtvarianz: 47 Prozent; KMO = ,80). 200 unter schied lichem Maße ver öffent licht. Die in Abbil dung 12 auf geführten Werte zeigen, wie viel Prozent der Befragten die jeweilige Informa tion in ihrem Profil wahr heits gemäß an gegeben haben, geben aber keinen Auf schluss darüber, wie öffent lich die ge teilten Daten jeweils sind. Es ist möglich, dass die Nutzer, die diese Angaben machen, den Zugriff darauf durch restriktive Einstel lungen in den PrivatsphäreOptionen einschränken, so dass nur eine kleine Anzahl von aus gewählten Dritten darauf Zugriff bekommt. Unabhängig von der sozialen Privatsphäre erhält jedoch der Anbieter in jedem Fall Zugriff auf die Daten, und auch die Speiche rung in einer Daten bank kann Risiken in sich bergen. Abbil dung 12: Preis gabe von Profilinforma tion Basis: N = 1.301, gewichtete Stichprobe In der ersten Kategorie, beim Namen, zeichnet sich be sonders der Vorname durch eine hohe Ver öffentlichungs quote aus. Über 90 Prozent der Befragten geben ihren richti gen Vornamen auf der von ihnen am häufigsten ge nutzten Netz werk platt form an. Da es sich üblicher weise um eine Pflichtangabe handelt, steht zu ver muten, dass die übrigen 8 Prozent der Nutzer eine Falschangabe, Lieblingsbücher/-filme/-musik 92% 75% 94% 82% 80% 73% 66% 59% 58% 56% 46% 16% 4% 4% 29% 20% 19% 0 20% 40% 60% 80% 100% Vorname Nachname Geschlecht Geburtsdatum Profil-Foto Interessen, Hobbys Ausbildung/Beruf Wohnort Beziehungsstatus E-Mail-Adresse Instant Messenger Anschrift Telefon-/Handynummer Name Allgemeine Informationen Kontaktinformationen Intime Informationen Sexuelle Orientierung Religion Politische Einstellung 201 einen Nickname oder eine Ab kürzung ihres Vornamens ver wenden, und somit die Privatsphäreschutz strategien Anonymisie rung und Pseudonymisie rung zur Anwen dung kommen, die sich zum Teil auch im qualitativen Teil der Studie wieder finden. Insgesamt machen von diesen Strategien aber nur wenige Nutzer Gebrauch. Auch der Nachname ist eine Informa tion, die drei Viertel der Befragten ehrlich aus füllen. Im Sinne der Auf find bar keit und der Ver knüp fung der OnlineIdentität mit dem subjektiven Selbst sind die hohen Quoten des Vor und Nachnamens plausibel, denn ohne dass zumindest der Vorname an gegeben wird, ist eine Person auf der Sozialen Netz werk platt form schwer zu finden und wieder zuerkennen. Die Ver ifika tion wird durch die fehlende Angabe eventuell ver hindert, was das Knüpfen neuer Kontakte, das Über tragen von FacetoFaceKontakten in die Platt form und das Wieder herstellen alter Bekannt schaften er schwert. Einige Interviewte der qualitativen Studie weisen eben falls auf diesen Aspekt hin. Zu den allgemeinen Informa tionen, die auf dem Profil präsentiert werden, ge hören Geburts datum, Geschlecht sowie die Angabe des Wohnortes und Informa tionen über die Aus bildung, wie Schule und Hoch schule oder bisherige und aktuelle Arbeit geber. In diese Kategorie fallen eben falls Interessen und Hobbys und Angaben zu Lieblings büchern, filmen oder musik. Auch das Profilfoto ist den allgemeinen Informa tionen zuzu ordnen. Interessanter weise fällt der Beziehungs status/Familien stand eben falls in diese Kategorie, obwohl es sich bei dieser Angabe um eine ver gleichs weise intime Informa tion handelt. Die allgemeinen Informa tionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr unter schied lich häufig an gegeben werden. Dass die jungen Nutzer Sozialer Netz werk platt formen stark differenzie ren, welche Informa tionen für sie jeweils als öffent lich gelten und welche als privat und dass dieses Empfinden individuell sehr unter schied lich sein kann, haben wir in der Analyse der qualitativen Erhebung bereits deut lich ge macht. Gerade bei den allgemeinen Profilinforma tio nen scheinen sehr unter schied liche Ansichten dazu zu gelten, ob sie zur OnlineIdentität auf einer Sozialen Netz werk platt form dazu gehören oder nicht. Die Angabe des Geschlechts (94 Prozent) stellt für den Großteil der Befragten eine Selbst verständlich keit dar und auch das Geburts datum wird von einer großen Mehrheit der Befragten preis gegeben. Zwei Drittel stellen in ihrer Netz werk platt form Informa tionen zu Aus bildung und Beruf bereit, wie bspw. ihre Schule bzw. Hoch schule, ihre Aus bildung oder ihren Arbeit geber. Sechs von zehn Teilnehmern geben zudem ihren Wohnort und beinahe ebenso viele ihren Beziehungs status an. Die bisher in der Kategorie der allgemeinen Informa tionen auf gezählten Daten könnten ebenso wie der Name das „Gefunden werden“ innerhalb der Platt form er leichtern. Diese Angaben dienen eventuell eben falls der Herstel lung von Ver bindlich keit und Ver trauen. In die Kategorie der all gemeinen Profilinforma tionen ge hören aber noch zwei weitere Typen von Informa tionen, nämlich das Profilfoto, das eine visuelle Subkategorie dar 202 stellt, die von 80 Prozent der Befragten offenbart wird, und Informa tionen zu Lieblings büchern, filmen und musik sowie Hobbys, die als Aus druck des Geschmacks oder der eigenen Persönlich keit ver standen werden können. Ins besondere für Jugend liche und junge Erwachsene stellen diese Angaben evtl. einen Weg dar, mit dem sie sich von anderen ab grenzen und ihr Selbst aus drücken können. Daher ver wundert es nicht, dass 73 Prozent der Teilnehmer Angaben zu ihren Hobbys und immerhin noch 56 Prozent Angaben über Lieblings medien machen. Vier von fünf Befragten geben an, ein Profilfoto auf der Platt form hoch geladen zu haben. Der Upload von visuellen Informa tionen ins Internet wird gerade in letzter Zeit und vor dem Hinter grund der Gesichts erken nung pro blematisiert. Das plasti sche Beispiel des Partyfotos, das in einer Sozialen Netz werk platt form hoch geladen wurde und während eines Bewer bungs prozesses dem Personal verantwort lichen negativ auf fällt, wird häufig zitiert um die Pro blematik zu ver anschau lichen (Palfrey & Gasser, 2008; Tad dicken, 2011). Kontaktinforma tionen werden ver gleichs weise selten ge teilt. Am häufigsten findet sich die Angabe der EMailAdresse auf den Profilen der Befragten wieder (46 Prozent). Dies ver wundert nicht, da es sich bei allen unter suchten Sozialen Netz werk platt formen um eine Pflichtangabe handelt, die während der Registrie rung ge macht werden muss. Viel seltener findet sich die Angabe der InstantMessengerAdresse (16 Prozent). Nur 4 Prozent der Befragten geben ihre Telefon/Handynummer oder gar ihre Anschrift an. Letztere Informa tionen können als sehr sensibel für die eigene Privatsphäre be trachtet werden, denn ein Eingriff in die Privatsphäre unter Nutzung von Telefon und Anschrift könnte weitreichende Konsequenzen mit sich bringen. Eine unerwünschte EMail oder InstantMessengerNachricht kann im Gegen satz dazu sehr leicht ignoriert und der Ab sender technisch ge blockt werden, so dass der Eingriff in die Privatsphäre weniger stark ist als bei unerwünschten Anrufen oder gar Besuchen. Sexuelle Orientie rung, Religion und politi sche Einstel lung wurden in der Kategorie „intime Informa tionen“ zusammen gefasst. Diese Angaben werden jeweils nur von einer Minder heit der Nutzer ver öffent licht. Drei von zehn Nutzern teilen ihre sexuelle Orientie rung mit, jeweils ein Fünftel informiert über Religion und politi sche Einstel lung. Ein Teil der Nutzer macht eventuell Angaben zu be stimmten Profilinforma tionen, einfach weil diese ab gefragt werden. Das leere Formular ver führt beim Erstellen des eigenen Profils unter Umständen dazu, detailliertere Angaben zu machen als ohne diese Vor gaben (Utz, 2008). Die relativ niedri gen Ausfüll quoten in dieser Kategorie geben aber einen Hinweis darauf, dass dies nur in geringem Maße der Fall sein kann. Die Mehrheit der Befragten der Stichprobe hat sich gegen das Aus füllen der intimen Informa tionen zu sexueller Orientie rung, Religion und politi scher Einstel lung ent schieden. 203 Ver glichen mit den Werten, die für die SocialWebNutzung im DFGProjekt „Die Diffusion der Medien innova tion Web 2.0“ ge messen wurden (vgl. Kap. 3.3, Abbil dung 6), sind die Angaben, die die jungen Nutzer auf Sozialen Netz werk platt formen machen, weniger detailliert. Beispiels weise teilen weniger Personen in unserer Stichprobe ihren vollen Namen mit, und auch bei der Angabe von EMail und PostAdresse sind die Nutzer deut lich zurück halten der. Dies kann zum einen daran liegen, dass die Nutzer in den zwei Jahren, die zwischen der Erhebung liegen, tatsäch lich vor sichti ger im Umgang mit ihren persön lichen Daten ge worden sind. Zum anderen ist es eventuell darauf zurück zuführen, dass die Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen – im Gegen satz zu anderen WebAnwen dungen, wie bspw. OnlineShopping – diese Angaben nicht zwangs läufig er fordert. Um den möglichen Einfluss soziodemografi scher Variablen und des jeweili gen Netz werks zu klären, wurden in Tabelle 31 und Tabelle 32 die Anteile der Teilnehmer, die eine Profilinforma tion an gegeben haben, gegen über gestellt. Zwischen den Geschlechtern zeigen sich ein paar interessante Unter schiede. Tendenziell scheinen junge Frauen eher allgemeine Profilinforma tionen mitzu teilen und insbesondere ist ihnen die Darstel lung des Profilfotos wichtig. Junge Männer hingegen geben eher intime Informa tionen, ihren vollen Namen und Kontakt daten preis. Diese Ergeb nisse decken sich mit denen aus früheren USamerikani schen Studien (Fogel & Nehmad, 2009; Tufekci, 2008). Für das Alter zeigen die Ergeb nisse, dass es einen Anstieg der ge teilten Profilinforma tionen vor allem in der Alters gruppe 15 bis 17 Jahre gibt. Ins besondere der richtige Name, die allgemeinen und die intimen Profilinforma tionen werden in dieser Alters gruppe von be sonders vielen Personen ge teilt. Die sehr jungen 12 bis 14Jährigen und die Befragten in der Alters gruppe 21 bis 24 Jahre teilen tendenziell weniger Informa tionen. Diese Ergeb nisse könnten als Hinweis darauf ge deutet werden, dass in den mittle ren Alters klassen die Nutzung der Sozialen Netz werk platt formen und die damit ver bundene Selbstoffenba rung be sonders be deutsam sind. Die 12 bis 14Jährigen sind seltener dazu bereit ihren Nachnamen anzu geben, jedoch gibt es einen relativ hohen Prozent satz derjenigen, die ihre Anschrift ver öffent lichen. Generell lässt sich fest halten, dass das Mitteilen von Informa tionen, sei es der Name, all gemeine Profilinforma tionen, Kontakt und intime Profilinforma tionen, mit dem Alter zunächst zunimmt. Bei den 18 bis 20Jährigen ist die Bereit schaft, Informa tionen über sich selbst preis zugeben am höchsten, noch ältere Befragte gaben jedoch an, weniger Informa tionen auf ihren Profilen bereit zustellen. 204 Tabelle 31: Profilinforma tionen nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Name Vorname 92 93 91 94 94 94 88 Nachname 75 77 72 63 84 79 73 Allgemeine Profilinforma tionen Geschlecht 94 95 94 90 97 95 95 Geburts datum 82 80 84 65 90 86 84 Profil-Foto 80 76 84 62 86 85 83 Interessen, Hobbys 73 74 72 70 79 76 67 Aus bildung/Beruf 66 66 67 62 75 68 62 Wohnort 59 57 61 52 56 61 64 Beziehungs status 58 55 60 42 61 61 63 Lieblings bücher, -filme, -musik 56 53 59 50 66 59 52 Kontaktinforma tionen E-Mail-Adresse 46 50 42 45 56 46 41 Instant-Messenger- Adresse 16 18 14 12 19 20 14 Anschrift 4 5 3 6 3 3 5 Telefon-/Handynummer 4 5 3 3 6 4 3 Intime Profilinforma tionen Sexuelle Orientie rung 29 34 23 19 37 33 24 Religion 20 21 19 10 30 21 17 Politische Einstel lung 19 22 15 12 26 21 16 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Bei der Betrach tung der formalen Bildung zeigen sich kaum Unter schiede, das Ausfüll verhalten ist in den drei be trach teten Gruppen sehr ähnlich. Ledig lich bei den intimen Informa tionen be stehen Unter schiede. Mit steigen der Bildung nimmt der Anteil der Befragten ab, die die Kategorien sexuelle Orientie rung, Religion und politi sche Einstel lung auf ihrem Profil ein getragen haben. Bei der Analyse nach Netz werken ist be merkens wert, dass die Nutzer der Platt form Facebook häufiger ihren Namen an geben als die Nutzer der VZNetz werke und sonsti ger Netz werke. Dies könnte auf die Policy der USamerikani schen Platt form zurück zuführen sein. Facebook hält seine Nutzer explizit zur Angabe ihrer wahren Identität an, anders die deutschen Netz werke, die eine pseudonyme Nutzung explizit er möglichen. Eventuell legen die Nutzer von Facebook aber auch tatsäch lich mehr Wert darauf, im Netz werk auf find bar zu sein. 205 Tabelle 32: Profilinforma tionen nach formaler Bildung und Haupt netz werk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) Name Vorname 92 90 92 93 94 89 75 Nachname 75 73 75 76 81 50 45 Allgemeine Profilinforma tionen Geschlecht 94 95 94 95 95 90 94 Geburts datum 82 85 82 80 83 76 75 Profil-Foto 80 75 78 84 83 63 71 Interessen, Hobbys 73 69 76 72 73 67 82 Aus bildung/Beruf 66 53 65 75 67 74 45 Wohnort 59 60 61 57 61 47 52 Beziehungs status 58 65 61 50 57 54 68 Lieblings bücher, -filme, -musik 56 50 59 59 57 55 50 Kontaktinforma tionen E-Mail-Adresse 46 48 44 47 49 32 38 Instant-Messenger- Adresse 16 17 17 15 15 22 14 Anschrift 4 6 5 2 4 4 4 Telefon-/Handynummer 4 4 4 4 4 1 2 Intime Profilinforma tionen Sexuelle Orientie rung 29 33 33 23 29 –* 39 Religion 20 24 21 17 20 –* 11 Politische Einstel lung 19 23 19 16 18 24 47 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent * Sexuelle Orientie rung und Religion sind kein Teil der Eingabemaske bei den VZNetz werken. Änderun gen im Profil vornehmen Mit Hilfe der TrackingStudie konnten wir heraus finden, welche Profilangaben die Nutzer ändern und aus welchen Gründen sie dies tun. Der Fragebogen zum Event Änderun gen im Profil vornehmen, wurde 27 Mal aus gefüllt. In 63 Prozent der Fälle hatten die Nutzer eine Angabe im Profil aktualisiert, die nicht mehr aktuell war. Die übrigen 37 Prozent hatten eine Informa tion hinzu gefügt, die sie bisher noch nicht ein getragen hatten. In keinem Fall wurde eine Angabe aus dem Profil ge löscht. Am häufigsten wurden Informa tionen zur Aus bildung, Interessen und Hobbys, der Beziehungs status sowie sonstige Informa tionen wie Zitate oder frei formulierte Beschrei bungen der eigenen Person geändert (jeweils n = 5). Die Ent schei dung, diese Profilinforma tionen zu ändern, trafen die 206 Teilnehmer eher spontan (M = 2,37; SD = 1,33)20. Dabei dachten die Befragten vor allem darüber nach, wie sie auf ihrem Profil wirken (M = 3,37; SD = 1,36). Über die Vor teile (M = 2,78; SD = 1,37) und Nachteile (M = 2,48; SD = 1,55) der Änderung und deren Bedeu tung für ihre Privatsphäre (M = 2,85, SD = 1,32) machten sich die Nutzer weniger Gedanken (Abbil dung 13). Auch dachten sie eher nicht darüber nach, wer die geänderten Informa tionen sehen darf und damit zum Publikum ihrer Selbstoffenba rung gehört (M = 2,52; SD = 1,48). Abbil dung 13: Über legungen beim Ändern des Profils (Mittelwerte) Basis: n = 27; Anzahl Befragte = 19 Skala: 1 = trifft überhaupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu Mit der Änderung ihres Profils wollen die Befragten vor allem anderen Nutzern etwas mitteilen (M = 3,44; SD = 1,25)21. Betrachtet man die Informa tionen, die geändert wurden – Aus bildung, Interessen oder der Beziehungs stand – er scheint es plausibel, dass Nutzer anderen Netz werkMitgliedern etwas mitteilen, wenn sie diese Angaben be arbeiten. So werden die Kontakte über Ver ände rungen im Leben des Nutzers auf dem Laufenden ge halten. Weitere Motive sind Spaß (M = 2,81; SD = 1,47) und der Aus tausch mit anderen 20 Fünfstufige Skala: 1 = spontan; 2 = eher spontan; 3 = teils/teils; 4 = eher längeres Nachdenken; 5 = längeres Nachdenken 21 Fünfstufige Skala: 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu 2,85 2,52 3,37 2,78 2,48 0 1 2 3 4 5 … was es für meine Privatsphäre bedeutet. … wer diese neuen Informationen sehen darf. … wie ich auf dem Profil wirke. … welche Vorteile es für mich hat, das Profil zu ändern. … welche Nachteile es für mich hat, das Profil zu ändern. Ich habe beim Ändern des Profils darüber nachgedacht, … 207 (M = 2,81; SD = 1,42). Das Profil wird jedoch eher nicht geändert, um „dazu zugehören“ (M = 1,70; SD = 0,99) oder aus be ruflichen Gründen (M = 1,70; SD = 1,27). Dass Letzteres kein Motiv für die Selbst darstel lung auf Sozialen Netz werk platt formen darstellt, ist ein Indiz dafür, dass Handlun gen an die Peers gerichtet sind und keine profes sio nellen Ziele damit ver folgt werden. Fan einer Seite werden Auch das Fan werden einer Seite von einem Künstler, einem Unter nehmen oder einer anderen Institu tion hat Aus wirkungen auf das Nutzer profil. Die Mitglied schaft bei der Fanseite wird – ebenso wie die Gruppen, denen ein Nutzer beitritt – auf seinem Profil an gezeigt. Witzige Namen, sowie Seiten, die den Geschmack der Person aus drücken, können der Selbst darstel lung und dem ImpressionManagement dienen. Der Meinungs austausch, der auf diesen Seiten passiert, ist für die Profil besitzer dabei unter Umständen zweitrangig (Haferkamp, 2011). Daher werden in diesem Ab schnitt die Events des Trackings be trachtet, bei denen FacebookNutzer durch Klicken des GefälltmirButtons Fan einer Seite ge worden sind. Der ent sprechende Fragebogen zum Beitritt zu einer Gruppe in einem der VZNetz werke wurde nur drei Mal be antwortet. Diese Fallzahl war zu gering, um Berech nungen anzu stellen und es er schien nicht sinn voll, die Fälle gemeinsam auszu werten. Wann immer ein Nutzer den GefälltmirButton einer Fanpage an klickt, hinter lässt diese Aktion Spuren. Zum einen er scheint ein Hinweis im News Feed aller Freunde des Nutzers, der ihnen mitteilt, dass dem Nutzer diese Seite ge fällt. Zum anderen ver bleibt ein Link zur Fanpage auf dem Profil des Nutzers. Je nachdem, ob es sich bei der Fanpage um die Seite eines Autors oder eines Sportlers handelt, wird diese automatisch in die ent sprechende Kategorie „Bücher“ oder „Lieblings sportler“ ein geordnet. Kann eine Fanpage nicht zu geordnet werden, er scheint sie unter „Sonsti ges“ bei den Profilinforma tionen des Nutzers. Alle Fanpages, die auf diese Weise auf dem Profil eines Nutzers er scheinen, können als Teil der Selbst darstel lung be trachtet werden. Wie die Ergeb nisse zeigen, ist es für die Nutzer von Bedeu tung, welche Vor teile damit ver knüpft sind, Fan einer Seite zu werden. Ein Link zu einer Fanpage auf dem persön lichen Profil ist dann er wünscht, wenn er für die Selbst darstel lung vorteil haft ist. In 24 Prozent der Fälle ist ein Nutzer Fan einer Seite ge worden, die der Kategorie Unter haltung zu geordnet wird (Abbil dung 14). Am zweithäufigsten handelte es sich um eine Seite aus dem Bereich Musik oder um eine Seite, deren Titel ein Motto oder eine Lebens weis heit ent hielt. In mehr als 70 Prozent der Fälle hatten die Befragten nicht vor, in Form von Einträgen auf der Pinnwand der Seite aktiv zu werden. Nur knapp 3 Prozent planten, an der Kommunika tion auf der Seite aktiv teilzunehmen. Das übrige Viertel konnte 208 sich nicht fest legen. Fanpages werden demnach auch in erster Linie rezeptiv ge nutzt. Abbil dung 14: Thema der Seite Basis: n = 104; Anzahl Befragte = 50 Mehrfachantworten möglich Die Befragten haben sich spontan dazu ent schlossen, den LikeButton einer Seite zu klicken (Abbil dung 15). Dabei haben sie am ehesten darüber nach gedacht, welche Vor teile dies für sie hat (M = 2,91; SD = 1,48). Am wenigsten dachten sie dabei über die Nachteile ihrer Handlung nach (M = 1,82; SD = 1,13) und darüber, was es für ihre Privatsphäre be deutet (M = 1,97; SD = 1,23). Da die Werte aller Angaben im Ableh nungs bereich der Skala liegen, können wir davon aus gehen, dass generell nicht viel über die Folgen dieser Handlung nach gedacht wird. 24% 18% 18% 15% 12% 10% 7% 5% 4% 4% 3% 3% 2% 2% 1% 0% 5% 10% 15% 20% 25% 30% Unterhaltung Musik Motto/Spruch Veranstaltung, Café, Bar Sonstiges Marke Hobbys Website Sport Essen Mode Engagement/Politik Stadt Beziehungen Kultur 209 Abbil dung 15: Über legungen beim Fan einer Seite werden (Mittelwerte) Basis: n = 104; Anzahl Befragte = 48 Skala: 1 = trifft überhaupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu Fan einer Seite werden die Nutzer vor allem, weil es ihnen Spaß macht (M = 3,18; SD = 1,36) und weil sie sich über etwas informie ren möchten (M = 3,10; SD = 1,28). Es er scheint plausibel, dass Fanseiten beide Funktionen er füllen. Die Inhalte der Seiten können je nach Aus rich tung Unter haltung oder Informa tion bieten. Darüber hinaus kann das eigene Profil auf gepeppt werden, wenn der Nutzer Fan einer Seite wird, die einen lusti gen Spruch als Titel hat. Dagegen spielt es keine Rolle, ob die Seite einen Befragten gut be schreibt (M = 1,59; SD = 1,09) oder ob er be ruflich etwas davon hat (M = 1,50; SD = 1,42). ImpressionManagement spielt also beim Fan einer Seite werden durch aus eine Rolle, steht aber nicht im Vordergrund. 4.3.2 Kommunika tion auf Sozialen Netz werk platt formen Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen ist nicht allein auf die Angaben be schränkt, die Nutzer auf ihren Profilen ver öffent lichen. Alle Hand lun gen, die (semi)öffent licher Kommunika tion ent sprechen oder zu system generierten Informa tionen auf der Pinnwand der Nutzer führen, bleiben lange Zeit auf den Netz werk platt formen sicht bar und werden so zu einem Teil der Selbstoffenba rung. Im vorigen Ab schnitt wurde fest gestellt, dass die User Sozialer Netz werk platt formen sich vielfach rezeptiv ver halten und vor allem Ich habe mir zuvor Gedanken gemacht, … 1,97 2,26 2,91 1,82 0 1 2 3 4 5 … was es für meine Privatsphäre bedeutet. … wer sehen wird, dass ich Fan dieser Seite bin. … welche Vorteile es für mich hat, Fan dieser Seite zu sein. … welche Nachteile es für mich hat, Fan dieser Seite zu sein. 210 privat mit anderen kommunizie ren. Kommunika tion, bei der Nutzer sich bei der OnetomanyKommunika tion einem nicht immer über schau baren Publikum offen baren, spielt aber eben falls eine wichtige Rolle bei der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen. Die ver schiedenen Formen der kommunikativen Nutzung Sozialer Netz werk platt formen werden im Folgenden näher be trachtet. Dazu werden zum einen Daten zu den kommunikativen Aktivi täten der Haupt befra gung, die auch schon in Kapitel 4.2.2 er läutert wurden und die in diesem Ab schnitt hinsicht lich soziodemografi scher Unter schiede verg lichen werden, heran gezogen. Zum anderen präsentie ren wir einige Detail ergeb nisse zu Status meldun gen und multimedialer Kommunika tion aus der standardisierten Befra gung und den Ergeb nissen der Kontextbefra gungen aus der TrackingStudie zu diesem Thema. Die Aktivi täten der privaten, (semi)öffent lichen und multimedialen Kom mu nika tion auf Sozialen Netz werk platt formen wurden zu Indices zusammen gefasst, die aus drücken, ob mindestens eine der in diesem Bereich zusammen gefassten Aktivi täten wöchent lich aus geführt wird. Sehr deut lich zeigt sich, dass ein Großteil der Befragten auf Sozialen Netz werk platt formen privat (91 Prozent) und (semi) öffent lich (84 Prozent) kommuniziert, die multimediale Kommunika tion ist mit 59 Prozent weniger häufig, wird aber auch von der Mehrheit der Befragten aus geführt. Betrachtet man das Geschlecht ergeben sich nur wenige Unter schiede. Junge Frauen nutzen etwas weniger oft als junge Männer die Möglich keiten der multimedialen Kommunika tion auf Sozialen Netz werk platt formen, bei der privaten und (semi)öffent lichen Kommunika tion ist es um gekehrt. Über die vier Alters gruppen hinweg werden die Kommunika tions möglich keiten auf Sozialen Netz werk platt formen häufig ge nutzt (Tabelle 33). Die Gruppe der 15 bis 17Jährigen zeigt sich jedoch be sonders kommunikativ, genauso wie Haupt schüler und Haupt schulabsolventen (Tabelle 34). Bei der Unter schei dung nach Haupt netz werk lässt sich fest stellen, dass die Nutzer von Facebook kom munikativ wesent lich aktiver sind und im Ver gleich zu den VZNetz werkUsern alle Kommunika tions arten deut lich häufiger aus führen. Tabelle 33: Kommunika tion nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Private Kommunika tion 91 90 92 90 94 93 89 (Semi-)Öffent liche Kommunika tion 84 82 86 82 90 87 78 Multimediale Kommunika tion 59 61 57 58 68 60 52 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die mindestens eine der jeweili gen Aktivi täten mehrmals pro Woche aus führen, in Prozent 211 Tabelle 34: Kommunika tion nach formaler Bildung und Haupt netz werk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) Private Kommunika tion 91 93 89 92 94 78 82 (Semi-)Öffent liche Kommunika tion 84 86 82 83 87 62 72 Multimediale Kommunika tion 59 63 59 56 63 34 46 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die mindestens eine der jeweili gen Aktivi täten mehrmals pro Woche aus führen, in Prozent Im Kontext der OnlineSelbstoffenba rung er scheinen be sonders die Inhalte der Status meldun gen und die multimedialen Informa tionen, die die jungen Nutzer hochladen, interessant. Bei Status meldun gen handeln die Nutzer auf eigene Inten tion und be ziehen sich nicht direkt auf voraus gegangene kommu nikative Handlun gen anderer. Fotos und Videos eröffnen durch ihre visuelle/ multimediale Form er weiterte Möglich keiten der Selbst darstel lung. Inhalte der Status meldun gen Ergeb nisse aus der standardisierten Befra gung In der standardisierten Befra gung wurden diejenigen Personen, die an gegeben hatten, zumindest mehrmals im Monat Status meldun gen zu posten, nach den Inhalten ihrer Beiträge ge fragt. Mehrfachnen nungen waren dabei möglich. In einer Faktoren analyse wurden die Inhalte zu vier Faktoren ver dichtet (Tabelle 35). Wir differenzie ren zwischen dem Aus druck der eigenen Meinung, positiven und negativen Emotionen und Links. Positive Emotionen werden ganz klar am häufigsten ver öffent licht (M = 3,52; SD = 0,93). Darauf folgen Meinun gen (M = 2,93; SD = 1,02) und negative Emotionen (M = 2,74; SD = 1,14). Viel seltener werden Links (M = 2,22; SD = 0,96) zu eigenen oder anderen Websites publik ge macht (Abbil dung 16). 212 Tabelle 35: Faktoren analyse der Status meldun gen Meinun - gen positive Emotionen Links negative Emotionen Dinge, in denen du anderen nicht zustimmst ,76 Dinge, in denen du anderen zustimmst ,74 Dinge, vor denen du andere warnen möchtest ,60 Dinge, die du anderen empfehlen möchtest ,58 ,42 Etwas, das du gut findest ,80 Etwas, das dich freut ,72 Links zu den Webseiten von Bekannten und Freunden ,86 Links zu eigener Webseite/Blog ,76 Links zu anderen Webseiten ,44 Etwas, das dir Sorgen/Angst macht ,76 Etwas, das dich ärgert ,69 Erklärte Varianz 20,67 15,91 15,63 13,81 Eigen wert 2,27 1,75 1,72 1,52 Cronbach’s α ,86 ,84 ,74 ,84 Mittelwert 2,93 3,52 2,22 2,74 Standardabweichung 1,02 0,93 0,96 1,14 Haupt komponenten analyse, VarimaxRotation, Extrak tion nach ScreeKriterium Erklärte Gesamtvarianz: 77,9 Prozent; KMO = ,85 Ladungen < .4 wurden in der Darstel lung aus geblendet Mittelwertindices auf einer Skala von 1 = seltener/nie, 2 = mehrmals im Monat, 3 = mehrmals wöchent lich; 4 = täglich; 5 = mehrmals täglich Abbil dung 16: Typen von Status meldun gen Basis: N = 1.053, gewichtete Stichprobe Mittelwertindices, Skala: 1 = überhaupt nicht/nie; 5 = sehr häufig 3,52 2,93 2,74 2,22 0 1 2 3 4 5 Ausdruck positiver Emotionen Ausdruck von Meinungen Ausdruck negativer Emotionen Links 213 Dass positive Emotionen die am häufigsten ge teilten Inhalte in Status mel dun gen sind, ver wundert nicht. Schließ lich hilft das Teilen positiver Erleb nisse und Gefühle dem Kommunikator dabei, seine Glücksmomente auszu kosten, während er gleichzeitig inter personale Beziehungen aus bauen kann (Reis et al., 2010). Das Mitteilen der positiven Erleb nisse erhöht ihren Wert, gerade wenn andere ent husiastisch darauf reagie ren. Möglich keiten zum positiven Feedback sind auf Sozialen Netz werk platt formen durch das Kommentie ren des Posts oder auch nonverbal durch klicken des LikeButtons ge geben. Da das Feedback auf der Platt form ge speichert wird, ist es eventuell sogar manifester als in einer flüchti gen FacetoFaceSitua tion, wodurch sich die Sozialen Netz werk platt formen möglicher weise be sonders für diese positive Ver stär kung eignen. Negative Emotionen werden insgesamt seltener, von einigen Nutzern dennoch ab und zu ge teilt. Der Nutzer erhält im Gegen zug evtl. Auf merksam keit, Ver ständnis, Mitgefühl oder Trost, was er klären könnte, warum Nutzer diese sehr sensiblen Informa tionen dennoch teilen. Anders als in der qualitativen Befra gung geben in der quantitativen Befra gung doch einige Personen an, dass sie auch negative Gefühle wie Ärger und Sorge online auf Sozialen Netz werk platt formen teilen. Es sind jedoch ver hältnis mäßig wenige. Das Mitteilen von Meinun gen über be stimmte Sach verhalte, also eine subjektive Ansicht oder auf der Grundlage eigener Erfah rung ge bildete Einstel lungen zu Personen und Ereig nissen, soll den eigenen Standpunkt ver deut lichen. Jedoch nehmen auch hier soziale Normen Einfluss und werden immer dann sicht bar, wenn sich die Nutzer über be stimmte Themen ab grenzen wollen (Boyd & Marwick, 2011). Meinun gen ge hören damit eben falls zu den Informa tionen, die von Digital Natives bewusst ver öffent licht werden, um die eigene Identität zu konstruie ren (Palfrey & Gasser, 2008). Das Teilen von Links für den Neuig keitenFeed oder an der Pinnwand von Freunden soll andere an dem Gefundenen teilhaben lassen und kann als Inter aktions hand lung ver standen werden. Oftmals wird der ver öffentlichte Link von ver schiedenen Nutzern kommentiert und bietet Anregung für einen kommunikativen Aus tausch. Ergeb nisse aus der Kontextbefra gung Was die Nutzer Sozialer Netz werk platt formen tatsäch lich auf ihrer eigenen oder auf der Pinnwand eines Freundes mitteilen, haben wir im Rahmen der TrackingStudie unter sucht. Der Fragebogen zum Event „Etwas an eine Pinn wand schreiben“ wurde 320 Mal von Teilnehmern der TrackingStudie be antwortet, auf das Ab geben einer Status meldung folgte in 191 Fällen eine Befra gung. Nahezu jeder Eintrag auf der eigenen Pinnwand oder auf der eines anderen Nutzers ent hielt Text (Abbil dung 17). In weniger als einem Prozent der Fälle wurde ein Link oder ein Foto auf der Seite eines anderen Netz werk Users ge postet. Status meldun gen ent hielten in vier Prozent der Fälle einen Link 214 und in weniger als drei Prozent der Fälle wurde ein Foto via Status meldung ver öffent licht. Ein Video wurde in keinem Fall ge postet. Auf grund der geringen Zahl der Fälle, in denen ein Link oder ein Foto ver öffent licht wurde, werden spezifi sche Angaben zum Inhalt des Fotos oder des Links in den folgen den Aus wertungen nicht be rücksichtigt. Abbil dung 17: Form von Status meldun gen und Pinnwandeinträgen Mehrfachantworten möglich Auf der Pinnwand eines anderen Nutzers wurden am häufigsten Glück wünsche hinter lassen (Abbil dung 18). Dabei handelt es sich ver mutlich vor allem um Glück wünsche zum Geburts tag. Die unter suchten Netz werk platt formen ver fügen über eine Funktion, durch die Nutzer an den Geburts tag einer Person erinnert werden, mit der sie ver netzt sind. Darüber hinaus er scheinen Glück wünsche, die gemeinsame Freunde bereits auf der Pinnwand des Geburts tags kinds hinter lassen haben, im NewsFeed der Nutzer. Es ent steht ver mutlich ein ge wisser Druck, sich den Gratulanten anzu schließen und eben falls einen Glück wunsch zu hinter lassen. Außerdem brachten die Befragten auf den Pinn wänden anderer Nutzer positive Emotionen oder ihre Meinung zum Aus druck. Negative Emotionen werden in diesem Kontext dagegen kaum ver öffent licht. Auch Status meldun gen werden in den meisten Fällen ver fasst, um positive Emotionen oder Meinun gen mit den Kontakten auf der Sozialen Netz werk platt form zu teilen. Auch persön liche Erleb nisse des Ver fassers oder etwas, das er lustig findet, zählen zu den Inhalten der Status meldun gen. Deutlich 96% 4% 3% 0% 99% 1% 1% 0% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Text Link Foto Video Statusmeldungen abgeben: n = 191; Anzahl Befragte = 65 Etwas an eine Pinnwand schreiben: n = 320; Anzahl Befragte = 79 215 häufiger als bei den Pinnwandeinträgen werden auf dem eigenen Profil auch negative Emotionen zum Aus druck ge bracht. Glück wünsche kommen ver ständ licher weise äußerst selten vor. Was erfreu lich ist: Informa tionen über den aktuellen Aufenthaltsort haben die Befragten nur in wenigen Fällen ge postet. Dies gilt gleichermaßen für Pinnwandeinträge und Status meldun gen. In der Befra gung hatten die Teilnehmer ihr Ver halten hinsicht lich (semi)öffent licher Kommunika tion recht gut ein geschätzt: Die Ergeb nisse der TrackingStudie zeigen, dass positive Emotionen und Meinun gen tatsäch lich oft Inhalt von Status meldun gen und Pinnwandeinträgen sind. Negative Emotionen werden allerdings noch seltener ge teilt, als von den Befragten an gegeben. Es scheint, dass die Nutzer vor allem un verfäng liche Informa tionen posten, die in keinem Kontext und von keinem Publikum negativ aus gelegt werden können (vgl. Ellison, Vitak, Steinfeld, Gray & Lampe, 2011). Abbil dung 18: Inhalte von Status meldun gen und Pinnwandeinträgen Mehrfachantworten möglich Unabhängig davon, ob ein Pinnwandeintrag ver fasst oder eine Status meldung ver öffent licht wurde, stellen die Befragten sich vor, dass ihr Eintrag vor allem von guten Freunden, ihren besten Freunden sowie Bekannten und Ver wandten ge lesen wird (Abbil dung 19). Lehrer, Dozenten, Arbeit geber sowie die eigenen Eltern ge hören zumeist nicht zum imaginierten Publikum. Dieses Ergebnis betont erneut, dass die Adressaten kommunikativer Handlun gen Alters genossen sind. Allerdings geben die Befragten in über 40 Prozent der Fälle, in denen 34% 24% 14% 12% 11% 3% 1% 14% 13% 6% 8% 2% 1% 55% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% Positive Emotionen Meinungen Erlebnisse Etwas Lustiges Negative Emotionen Aufent- haltsort Glück- wünsche Statusmeldungen: n = 191; Anzahl Befragte = 65 Pinnwand: n = 320; Anzahl Befragte = 79 216 ein Pinnwandeintrag ver öffent licht wurde, an, dass Personen, die sie nicht kennen, den Eintrag sehen können. Bei Status meldun gen trifft dies nur in 20 Prozent der Fälle zu. Dies können wir als Hinweis darauf nehmen, dass den Nutzern durch aus bewusst ist, dass Un bekannte Botschaften lesen können, die sie auf der Pinnwand eines Freundes hinter lassen. Die Nutzer differenzie ren also den Grad der Öffentlich keit beider Publika tions formen. Abbil dung 19: Imaginiertes Publikum von Status meldun gen und Pinnwandeinträgen Mehrfachantworten möglich Eine Über sicht über die Bewer tung der Ent schei dungs prozesse bei Pinn wand einträgen und Status meldun gen liefert Abbil dung 20. In den Fällen, in denen ein Pinnwandeintrag ver fasst wurde, denken die Befragten am ehesten darüber nach, welche Vor teile diese Handlung für sie hat (M = 2,68; SD = 1,45) und wie sie dadurch auf andere wirken (M = 2,47; SD = 1,34). Allerdings liegen selbst die Mittelwerte für diese Items im Ableh nungs bereich der Skala. Die Bedeu tung der Handlung für die Privatsphäre des Befragten (M = 1,96; SD = 1,26) sowie deren Nachteile werden noch weniger reflektiert (M = 2,04; SD = 1,26). Die Wirkung auf andere (M = 2,56; SD = 1,43) sowie die Vor teile (M = 2,52; SD = 1,51) be schäfti gen die Befragten auch beim Ab geben einer Status meldung mehr als die Bedeu tung für die Privatsphäre (M = 2,07; SD = 1,38) und die Nachteile ihrer Handlung (M = 2,15; SD = 1,37). Zu beiden Handlun gen ent schieden sich die Teilnehmer eher spontan, ohne großes Ab wägen. engster Freundes- kreis Freundes- kreis Bekannte/ Verwandte Eltern Lehrer/ Dozenten/ Arbeitgeber Unbekannte Pinnwand: n = 320; Anzahl Befragte = 79 Statusmeldungen: n = 191; Anzahl Befragte = 65 64% 78% 68% 15% 9% 44% 76% 84% 72% 34% 12% 21% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% 217 Abbil dung 20: Über legungen beim Posten von Pinnwandeinträgen und Status meldun gen Skala: 1 = trifft überhaupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu Während Pinnwandeinträge vor allem der Beziehungs pflege dienen (M = 3,65; SD = 1,29), ver öffent lichen die Befragten Status meldun gen zum Spaß (M = 3,20; SD = 1,46) und um etwas über sich mitzu teilen (M = 3,09; SD = 1,46). Die eigene Meinung mitzu teilen (M = 2,89; SD = 1,48), Auf merksam keit (M = 2,64; SD = 1,38) und Unter stüt zung (M = 2,27; SD = 1,34) von anderen zu be kommen sowie sich mit anderen auszu tauschen (M = 2,94; SD = 1,47) spielt beim Ver öffent lichen einer Status meldung eine signifikant größere Rolle als beim Ver fassen eines Pinnwandeintrags. Letzteres wird dagegen eher aus Gewohn heit getan (M = 2,66; SD = 1,42). Beide Formen der öffent lichen Kommunika tion dienen nicht dazu, neue Leute kennen zulernen oder be ruflich etwas davon zu haben. Multimediale Inhalte Visuelle Inhalte sind deshalb so interessant, weil sie der OnlineSelbstoffen barung eine neue Qualität ver leihen. Sie können gegen über rein textbasierter Kommunika tion Nähe und Präsenz schaffen, so dass die Kommunika tions qualität online steigt. Zudem dient die Produk tion und Präsenta tion eigener 1,96 2,34 2,47 2,68 2,042,07 2,36 2,56 2,52 2,15 0 1 2 3 4 5 … was es für meine Privatsphäre bedeutet. … wer diesen Eintrag lesen darf. … wie ich dadurch auf andere wirke. … welche Vorteile es für mich hat, diesen Eintrag zu schreiben. … welche Nachteile es für mich hat, diesen Eintrag zu schreiben. Etwas an eine Pinnwand schreiben: n = 320; Anzahl Befragte = 79 Statusmeldungen abgeben: n = 191; Anzahl Befragte = 65 Ich hatte mir zuvor Gedanken gemacht, … 218 kreativer Inhalte dem Aus druck der Persönlich keit und der Ent wick lung des Selbst (Stern, 2008). Aus diesem Grund haben wir uns dazu ent schlossen, die visuellen und multimedialen Inhalte hier ge sondert aufzu greifen. Beim Teilen multimedialer Inhalte dominie ren Fotos deut lich gegen über Videos. Insgesamt 69 Prozent der Nutzer zwischen 12 und 24 Jahren laden mindestens mehrmals im Monat Fotos hoch, bei Videos ist der Anteil deut lich geringer, aber mit 32 Prozent der Nutzer ist der Anteil bei den VideoUploads dennoch nicht klein. Für die Analyse des visuellen Selbstoffenba rungs verhaltens sollten die Befragten Angaben zur Art der Fotos machen, die sie schon einmal in Alben auf Sozialen Netz werk platt formen hoch geladen haben. Hierbei waren Mehr fach nen nungen möglich. Unter den hoch geladenen Bildern über wiegen Fotos, auf denen die Personen selbst zu er kennen sind. Neben sach licher, personen zentrierter Selbst darstel lung in Form von Profilfotos werden auch die Kontexte Urlaub und Party häufig visualisiert. Mehr als die Hälfte derjenigen Nutzer, die berich teten, mehrfach im Monat Fotos hochzuladen, haben demnach schon einmal Urlaubs fotos ge teilt, auf denen sie ab gebildet sind (54 Prozent). Bei Bildern von Partys und Feiern ver hält es sich ähnlich. Sehr viele Nutzer (47 Prozent) haben schon einmal Partyfotos online ge stellt, auf denen sie zu er kennen sind. Zwar werden auch Urlaubs und Partyfotos, auf denen die Personen selbst nicht zu er kennen sind, ver öffent licht (26 bzw. 22 Prozent), jedoch geschieht dies in be deutend geringe rem Maße. Wenn Bilder auf Sozialen Netz werk platt formen dem Aus druck der eigenen Identität dienen, sind anonyme visuelle Darstel lungen eventuell wider sinnig. Den Nutzern ist es ver mutlich wichtig, dass sie selbst ab gebildet sind, um von den Rezipienten direkt zu geordnet zu werden und um ihr Selbst durch die visuellen Informa tionen zu er weitern und Nähe herstellen zu können. Obwohl es ge meinhin als un verzicht bar für die Erweite rung des Selbst gilt, sich nicht als sozial isoliert darzu stellen, scheint die visuelle Darstel lung der eigenen Person auf Sozialen Netz werk platt formen wichti ger zu sein (Abbil dung 21). Der Anteil derjenigen, die schon einmal Porträt fotos (48 Prozent), Urlaubs (54 Prozent) oder Partyfotos (47 Prozent), auf denen sie zu er kennen sind, hoch geladen haben, ist signifikant höher als der Anteil jener Nutzer, die bereits Fotos von Ver wandten und Freunden hoch geladen haben (38 Prozent). Ver gleicht man die Werte bei den ab gefragten Bildarten, kann man daraus schließen, dass es insbesondere wichtig ist, das Selbst durch die Fotos in einen Kontext zu rücken. Beim Teilen von Videos dominie ren fremde Inhalte aus dem Internet – 56 Prozent der User, die angaben, bisweilen Videos zu teilen, haben schon einmal Videos hoch geladen, die sie zuvor im Netz ge funden hatten (in Bezug auf die Gesamtstichprobe handelt es sich um 18 Prozent der Nutzer). Ein etwas geringe rer Anteil von Personen teilt auf Sozialen Netz werk platt formen selbst 219 ge drehte Clips. Von den 387 Teilnehmern, die an geben mehrmals pro Monat Videos in ihrem Haupt netz werk zu ver öffent lichen, be richten 45 Prozent, dass es sich dabei um selbst ge drehte Videos handelt. Bezogen auf die Gesamt stichprobe be deutet das, dass 14 Prozent der Nutzer zwischen 12 und 24 Jahren eigene Videos drehen und auf Sozialen Netz werk platt formen ver öffent lichen. 4.3.3 Nutzung der PrivatsphäreOptionen Aus den vorigen Ergeb nissen alleine kann nicht geschlossen werden, dass sich die Jugend lichen und jungen Erwachsenen stark exponie ren. Es kommt darauf an, welcher Öffentlich keit sie diese Daten zugäng lich machen. Schreibt ein Jugend licher bspw. sehr viele und intime Details über sich selbst in sein Profil, macht dieses aber nur seinem engsten Freundes kreis zugäng lich, dem diese Informa tionen ohnehin schon bekannt sind, be deutet dies eventuell weniger Einschrän kungen für die Privatsphäre als weniger sensitive Details, die einem sehr großen und dispersen Publikum mitgeteilt werden. Gerade das Bewusstsein für die PrivatsphäreOptionen scheint in jüngster Ver gangen heit stark ge stiegen zu sein (MPFS, 2011). Im Folgenden wird ge prüft, ob dies auch für die deutschen Nutzer zwischen 12 und 24 Jahren zutrifft. 48% 54% 26% 47% 22% 38% 34% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% Pass- oder Porträt- fotos Urlaubs- fotos, erkennbar Urlaubs- fotos, anonym Party- fotos, erkennbar Party- fotos, anonym Fotos von Verwandten oder Freunden Sonstige Fotos Basis: n = 895, gewichtete Stichprobe; Mehrfachantworten möglich Abbil dung 21: Fotos in Fotoalben 220 Bei der Messung und dem Ver gleich der PrivatsphäreOptionen auf ver schiedenen Platt formen ergab sich eine Problematik bei der Operationalisie rung, da auf unter schied lichen Platt formen unter schied liche Optionen zur Ver fügung stehen und diese zum Teil sehr differenziert auch für einzelne Elemente ein gestellt werden können. In Facebook kann der Nutzer die Sicht bar keit von Informa tionen auf seinem Profil, Fotos, aber auch Status meldun gen kleinteilig auf ver schiedene Personen kreise be schränken. Diese Einstel lungs möglich keiten reichen von der vollständi gen Zugänglich keit aller Internetnutzer bis hin zur Begren zung auf aus gewählte Freunde. Es ist auch möglich, ver schiedene Kon takt listen anzu legen und diesen den Zugang zu nur be stimmten Inhalten zu er lauben. Theoretisch ist es möglich, ein spezielles Album nur seinen engsten Freunden zu zeigen, ein anderes von der Firmen feier dann z. B. wiederum nur den Arbeits kollegen. Bei Schüler. CC geht dies nicht so explizit, Jugend liche können auf dieser Platt form nur die Optionen „nur meine Freunde“ anwählen oder die ver öffent lichten Inhalte allen Nutzern der Platt form zugäng lich machen. Wir haben daher be schlossen, die fünf Bereiche Profilinforma tionen, Status meldun gen, Fotos, Kontakt liste und Kontaktinforma tionen allgemein abzu fragen. Als Antwortop tionen wurden jedem Teilnehmer die Optionen an geboten, die auf seiner hauptsäch lich ge nutzten Netz werk platt form zur Ver fügung stehen. Bei den in der Studie unter suchten Netz werken wurden insgesamt sechs ver schiedene Stufen der Einschrän kungen der Öffentlich keit mit unter schied licher Restriktivi tät aus gemacht. Die restriktivste Stufe ist, wenn niemand außer dem Nutzer selbst Zugriff auf eine Informa tion hat22. Danach folgt die Möglich keit, den Zugriff auf be stimmte Freunde aus der Freundes liste einzu schränken und dann die Option, die ent sprechende Informa tion allen Kontakten aus der Freundes liste bereit zustellen. Eine weitere Einstel lungs möglich keit ist auf vielen Netz werk platt formen ein er weiterter Freundes kreis, in den auch Freunde von Freunden einbezogen werden. Als eher offene PrivatsphäreEinstel lung wurde es an gesehen, wenn die Befragten ihre Informa tionen allen Teilnehmern ihrer Sozialen Netz werk platt form zugäng lich machten. Noch offener ist nur die Möglich keit, die Informa tionen auch außerhalb der Netz werk platt form, theore tisch mit der gesamten Internet gemeinde, zu teilen. Von den 1.301 Befragten haben neun Prozent ihre PrivatsphäreOptionen noch nie an gepasst. Diese Befragten haben also die Standardeinstel lungen des jeweili gen Netz werks, die häufig als unzu reichend kritisiert werden, beibehal ten23. Die übrige, große Mehrheit der Befragten hat sich bereits mindestens einmal mit der Einstel lung dieser Optionen befasst. Nur wenige Personen geben 22 Dies ist zum Beispiel bei der EMailAdresse auf einigen Netz werken der Fall. Die EMailAdresse muss im Rahmen der Registrie rung zwangs läufig an gegeben werden, kann dann aber vor anderen Nutzern ver borgen werden. 23 In der folgen den Aus wertung wurde bei diesen Teilnehmern die Standardeinstel lung ihres jeweili gen Netz werks an genommen. 221 in den fünf ab gefragten Bereichen an, nicht genau zu wissen wie die Privat sphäreOptionen dort jeweils ein gestellt sind (je unter ein Prozent). Bei dem Ver gleich der PrivatsphäreOptionen fällt auf, dass alle ab gefragten Informa tions bereiche sehr ähnlich ge handhabt werden (Abbil dung 22). Insge samt nur wenige Nutzer machen einzelne Informa tionen der breite ren Öffentlich keit ver fügbar. Die Option „sicht bar für die Kontakte“, die in vielen Netz werk plattformen die Standardop tion ist, wird von den Nutzern auch am häufigsten ver wendet. Diese Option scheint von der breiten Masse der User als adäquat akzeptiert zu werden. Insgesamt machen wenige User sich die Mühe, innerhalb ihrer Kontakte Listen zu pflegen, mit denen sie die Zugänglich keit zu be stimmten Informa tionen präzise steuern können. Die Kontaktinforma tionen stechen in Abbil dung 22 heraus, sie werden etwas restriktiver be handelt als andere Bereiche. Im Ab schnitt zu den Profilinforma tionen haben wir bereits heraus gestellt, dass diese Informa tionen ohnehin nur von wenigen Nutzern ge teilt werden. Die Nutzer haben die Sensibili tät dieser Daten offen bar erkannt und schützen sie daher be sonders. Am wenigsten Einschrän kungen machen Nutzer bei der Sicht bar keit ihrer Kontakt liste, dies liegt ver mutlich auch daran, dass auf einigen Netz werk platt formen das ge sonderte Einstellen der Sicht bar keit der Kontakt liste nicht möglich ist. Auf Facebook wurde diese Option beispiels weise erst nach träg lich ein geführt. Da eben diese Kontakte auf den Platt formen, das zentrale Publikum oder auch die persön liche Öffentlich keit der jeweili gen Nutzer darstellt, ist es relevant zu evaluie ren, wer zu dem Publikum, also zu den vom Nutzer hinzu gefügten oder be stätigten Kontakten, gehört. Dies erfolgt in Ab schnitt 4.3.4. Abbil dung 22: Restriktivi tät der Privatsphäre-Optionen Basis: N = 1.301, gewichtete Stichprobe; Beschriftungen von Zellen < 5 % wurden in der Darstellung ausgeblendet 5% 23% 12% 13% 11% 11% 65% 56% 63% 61% 63% 5% 12% 17% 13% 12% 18% 5% 13% 12% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Kontaktinformationen Kontaktliste Fotos Statusmeldungen Profilinformationen Nur der Nutzer selbst Ausgewählte Freunde/Kontakte Alle Freunde/Kontakte Freunde/Kontakte und deren Freunde/Kontakte Alle Mitglieder der Netzwerkplattform Öffentlich im Internet 222 Die Einschrän kung der PrivatsphäreOptionen auf das Kontakt netz werk wird von weib lichen Nutzern eher ver wendet als von männ lichen (Tabelle 36). Die gilt für die meisten Bereiche, nur die Kontakt liste, die ohnehin weniger restriktiv be handelt wird, bildet eine Aus nahme. Gründe dafür können in der Erziehung oder in einem höheren Risikobewusstsein liegen. Eventuell sind die Konsequenzen, die bei der Heraus gabe von Kontaktinforma tionen be stehen und die sich bis auf die physische Ebene der Privatsphäre aus wirken können, den Mädchen und jungen Frauen be wusster als den männ lichen Teilnehmern. Bei der Betrach tung soziodemografi scher Unter schiede ergeben sich hin sicht lich der PrivatsphäreOptionen nur wenige Besonder heiten. Es fällt auf, dass es in der Gruppe der Jüngsten, der 12 bis 14Jährigen einen höheren Anteil an Nutzern gibt, die ihre PrivatsphäreOptionen noch nie ein gestellt haben (17 Prozent). Insbesondere bei den Status meldun gen schränken weniger junge Nutzer die Zugänglich keit auf ihr Kontakt netz werk ein. Der Anteil der 12 bis 14Jährigen, die die Sicht bar keit ihrer Kontakt liste einschränken, ist dagegen höher als bei den anderen Alters gruppen. Dies er scheint plausibel, da sie sich häufiger auf Platt formen mit standardmäßig restriktiven Daten schutz einstel lungen, wie schülerVZ, bewegen. Tabelle 36: Privatsphäre-Optionen nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Sicht bar keit der Profilinforma tionen 74 70 79 71 73 76 77 Sicht bar keit der Status - meldun gen 72 70 75 65 70 77 76 Sicht bar keit der Fotos 77 74 81 71 75 80 80 Sicht bar keit der Kontakt - liste 69 68 69 68 59 73 72 Sicht bar keit der Kontakt- informa tionen 93 91 95 90 90 96 94 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die die jeweili gen PrivatsphäreOptionen auf ihre Kontakte oder noch restriktiver ein gestellt haben, in Prozent Auch bei der Bildung ergeben sich leichte Unter schiede (Tabelle 37). Haupt schüler und Haupt schulabsolventen haben etwas häufiger ihre Privatsphäre Optionen noch nie an gepasst (14 Prozent), aber sie be richten dennoch nicht, wesent lich offenere Einstel lungen in den PrivatsphäreOptionen zu ver wenden. Dies könnte darauf zurück zuführen sein, dass Haupt schüler weniger häufig USamerikani sche Netz werke als Haupt platt form nutzen. Diese stehen in der Kritik, offenere StandardEinstel lungen bei den PrivatsphäreOptionen zu haben als die Netz werke mit Firmensitz in Deutschland. 223 Tabelle 37: Privatsphäre-Optionen nach formaler Bildung und Haupt netz werk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) Sicht bar keit der Profilinforma tionen 74 71 72 79 75 75 72 Sicht bar keit der Status - meldun gen 72 66 71 78 73 75 61 Sicht bar keit der Fotos 77 73 76 81 77 80 80 Sicht bar keit der Kontakt - liste 69 70 69 67 66 76 84 Sicht bar keit der Kontakt- informa tionen 93 91 93 94 93 89 98 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die die jeweili gen PrivatsphäreOptionen auf ihre Kontakte oder noch restriktiver ein gestellt haben, in Prozent Der Ver gleich mit den Netz werk platt formen ist nicht eindeutig. Bei Profil informa tionen und Fotos liegen die Werte generell auf gleicher Höhe. Die Status meldun gen werden auf den Sonsti gen Netz werken offener be handelt, während die Kontakt liste bei Facebook sehr öffent lich ist und die Kontaktinfor ma tionen am ehesten auf den VZNetz werken nicht auf das persön liche Netz werk be schränkt werden. 4.3.4 Kontakte und Freunde Anzahl, Bekannt heit und Nähe zu den Kontakten Auch die Anzahl von und die Nähe zu den Kontakten sind ein Aspekt der Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen. Wie bei der Analyse der PrivatsphäreOptionen fest gestellt, geben die meisten der be fragten 12 bis 24jähri gen Nutzer ihre Informa tionen für ein Publikum frei, das aus eben diesen Kontakten besteht. Im Durch schnitt haben die Befragten 185 Kontakte. Die hohe Standardabweichung dieses Mittelwerts (SD = 169) zeigt jedoch, dass dieser Wert stark schwankt. So reicht die Spann weite in der Stichprobe von einem Kontakt bis hin zu maximal 2.500 Kontakten. Nutzer, die weniger als 50 bzw. mehr als 500 Kontakte haben, bilden aber eher die Aus nahme (Abbil dung 23). 224 Abbil dung 23: Anzahl der Kontakte Bei der zum Teil sehr hohen Anzahl von Freunden wird schnell klar, dass es sich hier nicht um den engsten Freundes kreis handelt, sondern dass von einem er weiterten Bekannten kreis auszu gehen ist. Der persön liche Bekannt heits grad und die Nähe zu den Kontakten sind dabei stark unter schied lich aus geprägt. Beim Bekannt heits grad wurde ab gefragt, welche Kontakte der Befragte schon einmal persön lich ge troffen hat. Ein großer Anteil von 44 Pro zent der Befragten gibt an, alle Kontakte in der eigenen Kontakt liste persön lich zu kennen (Abbil dung 24). Um gekehrt be deutet dies aber auch, dass über die Hälfte der Befragten, nämlich 56 Prozent, mit Personen ver netzt sind, die sie zum Teil noch nie facetoface ge troffen haben. Knapp ein Fünftel der Teil nehmer gibt sogar an, nur die Hälfte oder noch weniger ihrer Kontakte per sön lich zu kennen. Es er scheint plausibel, dass es diejenigen sind, die über be sonders große Netz werke ver fügen. Tatsäch lich haben sie aber mit im Durch schnitt 193 Kontakten nur leicht größere OnlineNetz werke. Wie er wartet, ist die durch schnitt liche Nähe zu den Kontakten im OnlineNetz werk gering. Nur 3 Prozent der Befragten geben an, allen ihren Kontakten so nahe zu stehen, dass sie diese zu ihrer Geburts tags feier einladen würden. Diese Personen haben mit 77 Kontakten be sonders kleine Netz werke. Es ver wundert nicht, dass sich die meisten Befragten bei den Antwortop tionen etwa die Hälfte und weniger als die Hälfte einordnen. Die Frage kann auf grund ihrer Formulie rung nur als Annähe rung an den NäheBegriff, wie er durch Generatoren im Rahmen von sozialen Netz werkanalysen erhoben wird, ver standen werden. Es wird deut lich, dass die Kontakte auf Sozialen Netz werk platt formen sich nicht als enge Freund 16% 17% 16% 11% 11% 8% 6% 5% 3% 2% 5% 0% 5% 10% 15% 20% 1 bis 49 50 bis 99 100 bis 149 150 bis 199 200 bis 249 250 bis 299 300 bis 349 350 bis 399 400 bis 449 450 bis 499 500 und mehr 225 schaften, aber zum Großteil zumindest als Bekannt schaften charakterisie ren lassen. Abbil dung 24: Bekannt heits grad und Nähe der Kontakte Basis: N = 1.301, gewichtete Stichprobe Allgemeine Normen zum Vor gehen beim Hinzufügen von Freunden scheinen sich noch nicht endgültig ge formt zu haben. Jeder ent scheidet individuell, ob er den Kontakt nach einmali gem Treffen mit einer Person im realen Leben anhand einer Freundschafts anfrage oder auch annahme intensivie ren will oder nicht. Auch in den qualitativen Interviews äußerten die Befragten unter schied liche Ver haltens weisen beim Herstellen von Kontakten auf den Netz werk platt formen. Zwischen dem einen Extrem, eine Ver bindung herzu stellen, sobald ein Bezug fest gestellt werden kann, oder gar aktiv neue Kontakte zu akquirie ren, und dem anderen Extrem, nur Personen zu be stäti gen und hinzu zufügen, die persön lich bekannt und sympathisch sind, ist viel Spiel raum. Bei den Geschlechtern ergaben sich nur geringe Unter schiede (Tabelle 38). Junge Frauen und Männer haben etwa gleich viele Freunde und sie unter scheiden sich auch nicht darin, ob sie ihnen nahe stehen oder ob sie die Personen schon einmal persön lich ge troffen haben. Hinsicht lich der Unter schei dung nach Alters gruppen ergab sich bei der Betrach tung der 12 bis 14Jährigen ein plausibles Ergebnis. Jugend liche in diesem Alter haben weniger Kontakte (M = 116) und kennen diese auch besser. Sie empfinden eine im Ver hältnis zu den anderen Alters gruppen geringere Nähe zu diesen Personen. Prozentsatz der Befragten, die angeben, wieviele ihrer Kontakte sie persönlich kennen, bzw. wieviele ihnen so nahestehen, dass sie sie zu ihrer Geburtstagsparty einladen würden. 44% 37% 8% 9% 2%3% 14% 20% 52% 12% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% Alle Die meisten Etwa die Hälfte Weniger als die Hälfte Kaum jemand Bekanntheit Nähe 226 Tabelle 38: Kontakte nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Anzahl der Kontakte 185 194 177 116 266 211 155 Persön liche Bekannt heit* 2,46 2,50 2,42 2,63 2,46 2,38 2,42 Nähe zu den Kontakten* 4,12 4,12 4,13 3,63 4,18 4,26 4,28 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe * An gegeben sind Mittelwerte über die Antwort kategorien 1 = kaum jemand 2 = weniger als die Hälfte, 3 = etwa die Hälfte, 4 = die meisten, 5 = alle Die formale Bildung hingegen scheint ein be deutende rer Einfluss faktor zu sein, wie in Tabelle 39 zu sehen ist. Auf fällig ist, dass Haupt schüler und Haupt schulabsolventen weniger Kontakte haben (M = 147). Realschüler und Realschulabsolventen haben im Schnitt etwa 25 Kontakte mehr und Gymna siasten bzw. Abiturienten haben wiederum 45 Kontakte mehr als die Realschüler und Realschulabsolventen. Ver mutlich ist dieser lineare Anstieg der Kontakte zum Bildungs grad auf den mit der höheren Bildung einher gehenden Wirkungs kreis im Alltag zurück zuführen. Ähnlich der jüngsten Alters gruppe kennen Haupt und Realschüler bzw. absolventen ihre Kontakte eher persön lich und empfinden tendenziell eine geringere Nähe zu ihren Kontakten als Nutzer höherer Bildungs grade. Tabelle 39: Kontakte nach formaler Bildung und Haupt netz werk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) Anzahl der Kontakte 185 147 174 219 202 103 116 Persön liche Bekannt heit* 2,46 2,67 2,54 2,26 2,44 2,58 2,49 Nähe zu den Kontakten* 4,12 3,80 4,11 4,34 4,20 3,85 3,72 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe * An gegeben sind Mittelwerte über die Antwort kategorien 1 = kaum jemand 2 = weniger als die Hälfte, 3 = etwa die Hälfte, 4 = die meisten, 5 = alle Geht man möglichen Unter schieden je Haupt netz werk nach, so ergibt sich, dass Nutzer auf Facebook im Schnitt 202 Kontakte haben. Das sind be deutend mehr als bei Usern auf den VZNetz werken, aber auch auf sonsti gen Netz werk platt formen. Dies könnte vor allem an der Inter nationali tät von Facebook liegen, so dass Nutzer die Möglich keit haben, auch Freunde aus dem Ausland hinzu zufügen. Zusätz lich kämpfen die VZNetz werke gegen den Ab wande rungs strom an. Es bleiben immer weniger Nutzer dort, damit minimiert sich eben falls der Kreis an Kontakten. Der Grad der Bekannt heit der Kontakte ist 227 auf Facebook geringer, während eine höhere Nähe zu den Kontakten empfun den wird. Kontakte hinzu fügen und Kontakte be stäti gen Wie gut die Nutzer ihre Kontakte wirk lich kennen und warum eine Person in die Freundes liste auf genommen wird, konnte durch die Kontextbefra gung besser be leuchtet werden. Das Hinzufügen eines neuen Freundes löste 215 situative Befra gungen aus, und der Fragebogen zur Bestäti gung einer Freundschafts anfrage wurde in 116 Fällen be antwortet (Abbil dung 25). Es zeigt sich, dass in beiden Fällen der größte Anteil der neuen Freunde auf der Sozialen Netz werk platt form Personen waren, die die Befragten eher flüchtig kannten. Mehr als ein Viertel der neuen Freunde zählte zum Freundes kreis der Nutzer. In knapp 22 Prozent der Fälle wurde eine eingehende Freundschafts anfrage eines „Freundes von einem Freund“ be stätigt, wohingegen nur in knapp 11 Prozent der Fälle „Freunde von Freunden“ aktiv hinzu gefügt wurden. Während bei weniger als 2 Prozent der Events eine Freundschafts anfrage von fremden Personen an genommen wurde, wurden in über 10 Prozent der Fälle Personen zur Freundes liste hinzu gefügt, die der Befragte gar nicht kannte. Ein interessan tes Ergebnis, das offenbart, dass ein Teil der Nutzer Sozialer Netz werk platt formen Freundschafts anfragen an un bekannte Personen sendet. Abbil dung 25: Bekannt heits grad der hinzu gefügten und be stätigten Kontakte (Tracking) 10% 4% 11% 48% 27% 2% 3% 22% 45% 28% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% Unbekannte Person Internetkontakt Freund eines Freundes Bekannter Person aus dem Freundeskreis Freunde hinzufügen: n = 215; Anzahl Befragte = 72 Freundschaftsanfragen bestätigen: n = 116; Anzahl Befragte = 54 228 Sowohl beim Hinzufügen eines Freundes als auch beim Annehmen einer Freundschafts anfrage kannten die Befragten in der Mehrheit der Fälle die Person bereits seit einem Jahr oder länger (Abbil dung 26). Die Zahl der Fälle, in denen die Befragten eine Person zu ihrer Freundes liste hinzu fügten, die sie kürzer als eine Woche kannten, lag bei knapp 11 Prozent. In 15 Prozent der Fälle wurde die Freundschafts anfrage einer Person be stätigt, die der Befragte erst seit wenigen Tagen kannte. Demnach besteht nicht die Tendenz, dass die Teilnehmer Personen, denen sie in einer realen Situa tion im Alltag be gegnet sind, sofort auf einer Sozialen Netz werk platt form aus findig machen, um sie zur Liste ihrer Freunde hinzu zufügen. Der hohe Anteil der Personen, mit denen die Nutzer schon mehr als ein Jahr be freundet sind, spricht dafür, dass Jugend liche auf Sozialen Netz werk platt formen auch Bekannte wieder finden, die ihnen in der Ver gangen heit nahegestanden haben, zum Beispiel Klassen kameraden aus der Grundschule oder ehemalige Nachbarn. „Totes“ soziales Kapital kann so wieder belebt und eventuell zu einem späteren Zeitpunkt ab gerufen werden (Ellison, Steinfield & Lampe, 2007). Abbil dung 26: Dauer des Kennens Beim Hinzufügen eines neuen Freundes (M = 2,76; SD = 1,47) und beim Bestäti gen einer Freundschafts anfrage (M = 2,42; SD = 1,52) dachten die Pro banden am ehesten darüber nach, welche Vor teile es für sie hat, die Person zu ihren Kontakten hinzu zufügen (Abbil dung 27). Bei beiden Events machten sich die Befragten eher keine Gedanken darüber, was andere von ihnen denken. kürzer als eine Woche eine Woche bis zu einem Monat ein Monat bis zu einem Jahr ein Jahr oder länger Freunde hinzufügen: n = 215; Anzahl Befragte = 72 Freundschaftsanfragen bestätigen: n = 116; Anzahl Befragte = 54 11% 12% 16% 51% 15% 8% 14% 62% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% 229 Wird eine Freundschafts anfrage an genommen, denken die Befragten tenden ziell mehr darüber nach, was diese Handlung für ihre Privatsphäre be deutet (M = 2,13; SD = 1,49), welche Nachteile sich daraus ergeben könnten (M = 2,19; SD = 1,49) und welche Informa tionen der neue Freund von ihnen sehen wird (M = 2,35; SD = 1,55), als beim Hinzufügen eines neuen Freundes. Sowohl das Ver senden als auch das Bestäti gen einer Freundschafts anfrage sind Handlun gen, die spontan aus geführt werden, ohne länger über die Konsequenzen nach zudenken. Abbil dung 27: Über legungen beim Freunde hinzu fügen und Freundschafts anfragen be- antworten Skala: 1 = trifft überhaupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu Das Hinzufügen eines neuen Freundes dient vor allem dem Aus tausch mit anderen (M = 3,12; SD = 1,45) und der Beziehungs pflege (M = 2,98; SD = 1,39). Außerdem fügen die Befragten Personen zu ihrer Freundes liste hinzu, um sich deren Profil ansehen zu können (M = 3,08; SD = 1,45). Voyeurismus ist demnach ein Motiv, das eine ent scheidende Rolle spielt, wenn ein neuer Freund hinzu gefügt wird. Freundschafts anfragen werden vor allem be stätigt, um Beziehungen zu pflegen (M = 3,09; SD = 1,40). Außerdem nannten die Befragten Spaß (M = 2,84; SD = 1,43) und Gewohn heit (M = 2,83; SD = 1,42) als weitere Motive Ich habe mir zuvor Gedanken gemacht, … 1,92 2,24 1,95 2,76 2,032,13 2,35 1,84 2,42 2,19 0 1 2 3 4 5 … was es für meine Privatsphäre bedeutet. … welche Informationen er/sie von mir sehen wird. … was andere von mir denken. … welche Vorteile es für mich hat, diese Person hinzuzufügen. … welche Nachteile es für mich hat, diese Person hinzuzufügen. Freunde hinzufügen: n = 215; Anzahl Befragte = 72 Freundschaftsanfragen bestätigen: n = 116; Anzahl Befragte = 54 230 für das Annehmen von Freundschafts anfragen. Bei beiden Events er halten die Motive „Freundes liste er weitern“, „sich mit anderen ver bunden fühlen“ und „neue Leute kennen lernen“ moderate Zustim mung. In den Fällen, in denen eine Freundschafts anfrage an genommen wurde, hielten die Befragten es für unhöf lich, diese abzu lehnen (M = 2,29; SD = 1,31). Die Befragten wollen durch das Hinzufügen neuer Freunde und Bestäti gen von Freundschafts anfragen weder etwas mitteilen, noch Auf merksam keit von anderen be kommen, dazu gehören oder be ruflich etwas davon haben. 4.3.5 Selbstoffenba rungs typen Insgesamt lässt sich fest stellen, dass die in den Ab schnitten 4.3.1 bis 4.3.4 analysierten Unter schiede in den ver schiedenen Selbstoffenba rungs dimensionen hinsicht lich Alter, Geschlecht und formaler Bildung gering sind. Da sozio demografi sche Variablen offen bar nur ein geschränkt Einfluss auf das Online Selbstoffenba rungs verhalten haben, müssen andere Strukturen be dingen, wie sich die Jugend lichen und jungen Erwachsenen auf Sozialen Netz werk platt formen präsentie ren. Um das Selbstoffenba rungs verhalten detaillierter be trachten zu können, wurden die Befra gungs teilnehmer anhand der vier Dimensionen der OnlineSelbstoffenba rung in einer Cluster analyse24 zu Selbstoffenba rungs Typen ver dichtet. Als clusterbildend wurden dabei die schon zuvor be schriebe nen Variablen aus den Bereichen Profilinforma tionen, kommunikative Handlun gen, Nutzung der PrivatsphäreOptionen und Kontakte ver wendet. Dabei wurden Mittelwertindices der Variablen ver wendet. Die Anzahl der Kontakte floss in gruppierter Form ein, um extreme Aus reißer nach oben zu ver meiden. Eine varianzanalyti sche Aus wertung der clusterbilden den Variablen nach den drei ge bildeten Selbstoffenba rungs typen findet sich in Tabelle 40. Die Cluster wurden auf grund ihres spezifi schen Selbstoffenba rungs verhaltens auf Sozialen Netz werk platt formen als Vieloffen barer, Wenigoffen barer und Privatsphäre Manager benannt. Diese Klassifizie rung erinnert sehr an die bereits durch Taylor (2006) identifizierten Gruppen, der die Einstel lungen zur OnlinePrivat sphäre an einer repräsentativen Stichprobe von USBürgern unter suchte. 24 Als clusterbilden des Ver fahren wurde die TwoStepCluster analyse mit euklidi schem Distanzmaß und einer Rausch verzer rung von 1 Prozent ver wendet. Die Ent schei dung für drei Cluster er folgte auf grund einer Analyse mit dem WardVerfahren und aus Gründen der Interpretier bar keit. 231 Tabelle 40: Selbstoffenba rung nach Selbstoffenba rungs typ Viel- offen barer Wenig- offen barer Privatsphäre- Manager F Sign. (n = 164) (n = 581) (n = 468) M SD M SD M SD Profil-Informa tionen Name 0,89a 0,26 0,80b 0,32 0,90a 0,22 21,66 p < ,001 Allgemeine Informa tionen 0,74a 0,26 0,62b 0,26 0,82c 0,19 85,46 p < ,001 Kontaktinforma tionen 0,21a 0,21 0,14b 0,17 0,22a 0,23 24,97 p < ,001 Intime Profilinforma tionen 0,26a 0,38 0,12b 0,26 0,34c 0,38 62,43 p < ,001 (Skala: 0 = keine Informa tion an gegeben, 1 = alle Informa tionen an gegeben) Kommunikative Handlun gen Private Kommunika tion 3,28a 0,99 3,03b 0,84 4,27c 0,67 323,57 p < ,001 (Semi-)Öffent liche Kommunika tion 2,76a 0,98 2,38b 0,77 3,79c 0,74 424,99 p < ,001 Kommunika tion durch und über multimediale Inhalte 1,98a 0,87 1,63b 0,58 2,57c 0,94 190,53 p < ,001 (Mittelwertindices auf einer Skala von 1 = seltener/nie, 2 = mehrmals im Monat, 3 = mehrmals wöchent lich; 4 = täglich; 5 = mehrmals täglich) Nutzung der Privatsphäre-Optionen Sicht bar keit Profilinforma tionen 4,78a 0,94 3,04b 0,62 3,00b 0,61 270,60 p < ,001 Sicht bar keit Status meldun gen 4,89a 0,77 3,09b 0,66 2,98c 0,59 303,75 p < ,001 Sicht bar keit Fotos 4,64a 0,93 2,97b 0,61 2,94b 0,59 261,48 p < ,001 Sicht bar keit Liste der Kontakte 4,77a 0,86 3,15b 0,77 3,13b 0,80 156,66 p < ,001 Sicht bar keit Kontaktinforma tionen 3,34a 1,25 2,72b 0,71 2,76b 0,59 26,01 p < ,001 (Skala 1 = sehr restriktiv, 6 = sehr offen) Kontakte Anzahl Kontakte 3,71a 2,73 3,28a 2,01 5,80b 2,90 138,79 p < ,001 (gruppiert: 1 = 1–50 Kontakte, 2 = 51–100 Kontakte … 11 = 500 und mehr Kontakte) Nähe zu Kontakten 3,54 1,01 3,48 1,04 3,42 0,89 0,95 n. s. (Skala 1 = kaum jemand, 6 = alle) Bekannt heit der Kontakte 4,76a 1,11 5,31b 0,96 5,10c 0,95 21,07 p < ,001 (Skala 1 = kaum jemand, 6 = alle) Varianzanalysen; Basis N = 1.213, ge wichtete Stichprobe a, b, c Mittelwerte mit unter schied lichen Kennbuchstaben unter scheiden sich signifikant nach dem Games HowellPostHocTest (p < ,05) * LeveneTest sign. mit p < ,05 Der Cluster der Vieloffen barer ist mit 164 Befragten am kleinsten (14 Pro zent). Personen, die zu dieser Gruppe ge hören, fallen vor allem durch ihre ver hältnis mäßig offenen PrivatsphäreEinstel lungen auf. Sie teilen auch häufiger ihren echten Namen und Kontaktinforma tionen mit als die Wenigoffen barer. Bei der Durch führung kommunikativer Handlun gen liegen sie im mittle ren Bereich, zwischen den Wenigoffenbarern und den PrivatsphäreManagern. Sie haben zwar in etwa genauso viele Kontakte wie die Wenigoffen barer, kennen diese aber persön lich seltener als die anderen Gruppen. Daraus könnte man schließen, dass es sich bei den Vieloffenbarern evtl. um Personen handelt, bei denen das Knüpfen neuer Kontakte über die Platt formen be sonders im Vorder 232 grund steht. Sie er leichtern durch Angabe ihres echten Namens und der Kontakt informa tionen ihre Auf find bar keit und das An geschrieben werden. Die relativ gesehen lockere ren PrivatsphäreOptionen tragen zusätz lich dazu bei, Kontakte knüpfen zu können. Dafür, dass die Vieloffen barer tatsäch lich auf Kontakt suche in den Netz werken sind, könnte auch der relativ gesehen geringe Bekannt heits grad ihrer Kontakte sprechen. Die Wenigoffen barer sind mit 581 Befragten in unserem Sample die größte Gruppe (48 Prozent). Sie fallen dadurch auf, dass sie nur wenige Informa tionen auf ihrem Profil teilen und weniger oft kommunikative Handlun gen auf den Platt formen aus führen als die anderen Gruppen. Ihre PrivatsphäreOptionen sind restriktiver und obwohl sie ähnlich viele Kontakte wie die Vieloffen barer auf weisen, kennen sie diese Kontakte am häufigsten persön lich. Die Gruppe der Wenigoffen barer zeichnet sich vor allem durch Zurück haltung in der Selbstoffenba rung aus. Man kann sie jedoch nicht als passiv be zeichnen. Obwohl die Werte bei den kommunikativen Handlun gen relativ zu den anderen Gruppen gering er scheinen, sprechen sie doch für eine regelmäßige Beteili gung an der Kommunika tion auf Sozialen Netz werk platt formen. Außerdem zeigen die relativ gesehen restriktiv ein gestellten PrivatsphäreOptionen, dass die Wenigoffen barer sich mit ihnen be schäftigt und sie aktiv ein gestellt haben. Bei den Wenig offenbarern findet sich am ehesten die PrivatsphäreStrategie der Anonymi sie rung/Pseudonymisie rung wieder. In dieser Gruppe haben nur 80 Prozent ihren vollen Namen an gegeben. In Hinblick auf ihre Selbstoffen barung auf Sozialen Netz werk platt formen könnte man die Wenigoffen barer auch als „un auffällige Mitläufer“ be zeichnen, die zwar die Netz werke nutzen wollen, um mit ihnen be kannten Personen kommunizie ren zu können, aber die nicht mit Fremden inter agie ren möchten. Die dritte und letzte von uns identifizierte Gruppe sind die Privatsphäre Manager, es handelt sich um 468 Befragte (39 Prozent). Die Privatsphäre Manager gehen – ebenso wie die Wenigoffen barer – restriktiv bei der Einstel lung ihrer PrivatsphäreOptionen vor. Im Gegen satz zu ihnen offen baren sie aber viele Informa tionen innerhalb des Kreises ihrer Kontakte, zum einen über die Profilinforma tionen, zum anderen durch Kommunika tion auf den Platt formen. Sie sind deut lich kommunikativer als andere Nutzer und haben die mit Abstand größten Kontakt netz werke. Zusammen fassend ist diese Gruppe zwar sehr kommunikativ und offen herzig, aber sie schützt ihre Daten im Rahmen der sozialen Privatsphäre gegen über Außen stehen den durch die Nutzung der PrivatsphäreOptionen. Es lässt sich ver muten, dass diese Nutzer die Netz werk platt formEnthusiasten darstellen. Sie nutzen die kommunikativen Features intensiver als andere und „managen“ den Zugang zu ihren Informa tionen durch die Benut zung der vom Anbieter bereit gestellten Optionen. Im nächsten Analyseschritt be schreiben wir, wie sich die ge bildeten Cluster hinsicht lich soziodemografi scher Variablen und hinsicht lich der Nutzung 233 Sozialer Netz werk platt formen und der Nutzungs motive, die sie den An geboten zuschreiben, unter scheiden (Tabelle 41). Interessant ist zunächst, dass sich be züglich des Geschlechts keine signifikanten Unter schiede zwischen den drei Gruppen ergeben. Männliche und weib liche Befragte ver teilen sich in allen drei Clustern gleichmäßig. Beim Alter und der Bildung hingegen ergeben sich leichte Differenzen. Tabelle 41: Sozio-Demografie, Nutzungs häufig keit und Nutzungs motive nach Selbstoffen- barungs typ Viel- offen barer Wenig- offen barer Privatsphäre- Manager F Sign. (n = 164) (n = 581) (n = 468) M SD M SD M SD Alter* in Jahren 17,81a 3,69 18,94b 3,72 18,28a 3,21 8,46 p < ,001 Geschlecht* 1,41 0,49 1,51 0,50 1,47 0,50 2,62 n. s. (1 = männ lich, 2 = weib lich) Formale Bildung 1,97a 0,80 2,22b 0,78 2,19b 0,79 6,85 p < ,01 (1 = Haupt schule/Haupt schulabschluss; 2 = Realschule/Realschulabschluss; 3 = Gymnasium/Abitur) Facebook als Haupt netz werk* 0,90a 0,31 0,81b 0,39 0,96a 0,20 28,05 p < ,001 VZ-Netz werk als Haupt netz werk* 0,09a 0,29 0,18b 0,38 0,04a 0,20 26,34 p < ,001 Nutzungs häufig keit von SNS* 4,35a 0,90 4,33a 0,88 4,82b 0,46 59,39 p < ,001 (1 = seltener/nie, 2 = mehrmals im Monat, 3 = mehrmals wöchent lich; 4 = täglich; 5 = mehrmals täglich) Motiv Informa tion* 2,81a 0,84 2,59b 0,72 3,16a 0,85 69,33 p < ,001 Motiv Unter haltung 3,84a 0,90 3,57b 0,94 4,14c 0,82 52,92 p < ,001 Motiv Eskapismus 2,98a 0,94 2,59b 0,92 3,17a 0,95 52,39 p < ,001 Motiv Selbst darstel lung 2,92a 0,99 2,34b 0,86 3,02a 0,93 79,52 p < ,001 Motiv Pflege sozialer Beziehungen 3,50a 0,70 3,28b 0,68 3,86c 0,61 99,92 p < ,001 Motiv Knüpfen neuer Kontakte* 3,02a 1,18 2,34b 1,18 3,03a 1,34 46,35 p < ,001 Motiv Zu gehörig keits gefühl* 2,77a 1,05 2,41b 0,95 2,85a 1,05 27,02 p < ,001 (Skala: 1 = sehr unwichtig, 5 = sehr wichtig) Varianzanalysen; Basis N = 1.213, ge wichtete Stichprobe a, b, c Mittelwerte mit unter schied lichen Kennbuchstaben unter scheiden sich signifikant nach dem Games HowellPostHocTest (p < ,05) * LeveneTest sign. mit p < ,05 Die Vieloffen barer sind am jüngsten (M = 17,81; SD = 3,69) und weniger ge bildet (M = 1,97; SD = 0,80) als die beiden anderen Gruppen. Wie alle Gruppen sind sie am häufigsten bei Facebook aktiv (M = 0,90; SD = 0,31) und sie nutzen die Platt form im Durch schnitt täglich. Da es sich bei dem Selbst offenba rungs verhalten der Vieloffen barer im Ver gleich zu den anderen um das relativ gesehen riskanteste handelt, kann man ab leiten, dass es bei dem Umgang mit den PrivatsphäreOptionen auf Sozialen Netz werk platt formen noch ein leichtes Defizit bei Personen mit niedri ger Bildung und jüngeren Personen gibt. Soziale Netz werk platt formen werden, wie bereits fest gestellt, vor allem aus 234 dem Motiv der Unter haltung und der Beziehungs pflege heraus ge nutzt. Die Vieloffen barer liegen hinsicht lich ihrer Zustim mung zu diesen beiden Motiven im mittle ren Bereich zwischen den Wenigoffenbarern und den Privatsphäre Managern. Die Wenigoffen barer sind im Gegen satz zu den anderen Gruppen leicht älter (M = 19,94, SD = 3,72). Auf fallend ist, dass sie weniger oft Facebook als Haupt netz werk nutzen als die anderen Gruppen (M = 0,81; SD = 0,39). Dieser Umstand be stätigt den Eindruck von der Trägheit und des „Mitläufertums“ dieser Gruppe. Sie ge hören nicht zu den EarlyAdoptern von Facebook. Dem allgemeinen Sog hin zu dem USamerikani schen Anbieter haben die Wenig offen barer bisher offen bar am stärksten wieder standen. Natür lich ist die Markt führer schaft von Facebook in dieser Gruppe dennoch unangefochten und deut lich. Kaum über raschend ist, dass die Wenigoffen barer die Sozialen Netz werk platt formen seltener nutzen. Ver blüffend hingegen ist, dass sie dennoch im Mittel zumindest täglich auf die An gebote zugreifen (M = 4,33; SD = 0,88). Dieses Ergebnis zeigt sehr deut lich, dass selbst Personen, die auf Sozialen Netz werk platt formen hinsicht lich kommunikativer Aktionen weniger aktiv sind, die An gebote durch aus regelmäßig rezeptiv nutzen. Das Dabeisein und nichts zu ver passen scheint für diese relativ gesehen große Gruppe an Nutzern ein wichti ger Punkt bei der Teilnahme zu sein. Sie nehmen zwar nicht täglich aktiv an der Selbstoffenba rung teil, möchten aber über die Neuig keiten auf der Platt form informiert bleiben. Dieses Ver haltens muster wurde auch schon in den qualitativen Interviews identifiziert. Den Motiven Unter haltung und Be ziehungs pflege stimmen auch die Wenigoffen barer über wiegend zu. Insgesamt weisen sie aber bei allen Motiven geringere Werte auf als die anderen Cluster. Ihre zurück haltende, im Ver gleich zu den anderen Clustern als passiv zu be zeichnende Nutzung, könnte sowohl als Grund als auch als Folge der ver gleichs weise geringen Gratifika tionen gesehen werden. Die PrivatsphäreManager liegen beim Alter im mittle ren Bereich (M = 18,28; SD = 3,21) und heben sich nicht durch die formale Bildung von den Wenig offenbarern ab (M = 2,19; SD = 0,79). Sie nutzen Facebook als hauptsäch liches Netz werk (M = 0,96; SD = 0,20). Wie er wartet, handelt es sich bei ihnen um die aktivsten Nutzer. Sie frequentie ren ihre Soziale Netz werk platt form mit einem Mittelwert von M = 4,82 noch häufiger als die anderen Gruppen. Die PrivatsphäreManager stimmen allen von uns ab gefragten Motiven ver hältnis mäßig stark zu, dem Unter hal tungs motiv und dem Motiv, das die Pflege und Auf rechterhal tung sozialer Beziehung be schreibt, sogar noch stärker als die Vieloffen barer. Und auch bei den Motiven Informa tion und Eskapismus liegen ihre Mittelwerte deut lich im Zustimmungs bereich der Skala. Dieser Umstand ver stärkt den Eindruck, dass es sich bei ihnen um die Netz werk platt form Enthusiasten handelt, die dort am aktivsten sind und die höchste Gratifika tion aus den Platt formen ziehen können. 235 4.4 Ergeb nisse zur Privatsphäre und zum Daten schutz Jugend liche und junge Erwachsene nutzen Soziale Netz werk platt formen sehr intensiv und ziehen daraus vielfältige Gratifika tionen. Vielleicht wird ihnen deshalb so schnell unter stellt, dass sie sich weniger um den Schutz ihrer Privatsphäre sorgen als ältere Nutzer. Ein undifferenziertes Pauschalurteil kann jedoch auf Basis der durch geführten Sekundäranalyse und auf grund der Ergeb nisse der qualitativen Befra gung so nicht beibehalten werden. Die Analyse der Daten aus der quantitativen Befra gung wird im ersten Ab schnitt dieses Kapitels ein detaillierte res Bild liefern. Ein wichti ger Aspekt im Rahmen der Sorge um die Privatsphäre ist der mögliche Ver lust von Autonomie, der Kontroll verlust, den Selbstoffenba rungs hand lungen im Social Web mit sich bringen. Zudem sollen die möglichen Risiken, die durch die Ver öffent lichung gegen über dem Betreiber und durch Dritte ent stehen können, quantifiziert werden. Im zweiten Teil dieses Kapitels widmen wir uns den negativen Erfah rungen, die junge Nutzer auf Sozialen Netz werk platt formen und im Internet bereits ge macht haben. Im letzten Ab schnitt dieses Kapitels be schäfti gen wir uns mit Urheber rechten und den Persönlich keits rechten. 4.4.1 Sorge um die Privatsphäre und Beurtei lung der Risiken Um der Frage nach der Sorge und Privatsphäre auf quantitativer Basis nach zukommen, wurde eine neue Kurz skala ent wickelt, da herkömm liche Skalen für den Gegen stand Sozialer Netz werk platt formen und insbesondere für die unter suchte Alters gruppe unge eignet er schienen. Die Skala teilt sich in einer explorativen Faktoren analyse in zwei Subdimensionen, das Autonomiebedürfnis und die Sorge um die eigene Privatsphäre hinsicht lich bereits online ver öffentlichter Informa tionen (Tabelle 42). Die Dimension Autonomiebedürfnis mag zunächst über raschen; da die Einschrän kung des autonomen Handelns aber die Haupt konsequenz einer ein geschränkten Privatsphäre ist (Rössler, 2001), stellt das Autonomiebedürfnis um gekehrt einen wichti gen Teil der Sorge um die Privatsphäre dar. Die andere Dimension deckt Sorgen ab, die sich auf bereits ver öffentlichte Inhalte der Nutzer be ziehen. Beide Dimensionen korrelie ren schwach negativ miteinander (Pearson’s r = –,13; p < ,001). Demnach hängt ein ver stärktes Autonomiebedürfnis hinsicht lich der OnlinePrivatsphäre mit weniger starken Sorgen auf grund bereits ver öffentlichter Inhalte zusammen. 236 Tabelle 42: Faktoren analyse zur Sorge um die Privatsphäre Autonomie- bedürfnis Sorge auf grund ver- öffentlichter Inhalte Es ist mir wichtig, selbst be stimmen zu können, wer im Internet etwas über mich erfährt und wer nicht. ,85 Es ist mir wichtig, selbst zu be stimmen, wer im Internet Kontakt mit mir auf nehmen kann. ,81 Ich über lege mir sehr genau, welche Informa tionen ich auf Sozialen Netz werk platt formen über mich preis gebe und welche nicht. ,81 Ich finde es be ängstigend, wie viele Informa tionen online über mich ver fügbar sind. ,80 Einige Inhalte, die über mich im Netz zu finden sind, sind mir pein lich. ,79 Jemand, der un bedingt etwas Persön liches über mich heraus finden möchte, kann das im Internet sehr leicht tun. ,78 Erklärte Varianz 34,51 31,36 Eigen wert 2,07 1,88 Cronbach’s α ,77 ,70 Mittelwert 4,15 2,52 Standardabweichung 0,83 0,96 Haupt komponenten analyse, VarimaxRotation, Extrak tion nach Kaiserkriterium Erklärte Gesamtvarianz: 65,8 Prozent; KMO = ,7 Ladungen < .4 wurden in der Darstel lung aus geblendet Skala:1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu In Ergän zung zu der im vorigen Absatz geschilderten Skala wurden die Teilnehmer zu ihrer Einschät zung potenzieller Gefahren quellen auf der von ihnen hauptsäch lich ge nutzten Netz werk platt form ge fragt. Dabei wurden neben Risiken, die durch den Anbieter ent stehen können, vor allem Risiken durch die Peergroup, aber auch Risiken durch Eltern und Lehrer, sowie Krimi nelle ab gefragt. Über raschender weise zeigte eine explorative Faktoren analyse, dass sich die Items in die Subdimensionen Risiken durch natür liche Personen und Risiken durch den Anbieter auf teilen (Tabelle 43). Alle natür lichen Personen, sogar solche, die Krimi nelles im Schilde führen, laden auf demselben Faktor. Diese Zweitei lung ent spricht der Annahme von RaynesGoldie (2010), dass die Nutzer zwischen einer sozialen und einer institu tio nellen Privatsphäre differen zie ren. Die soziale Privatsphäre bezieht sich auf die Privatsphäre im sozialen Umfeld, gegen über Personen, die mehr oder weniger bekannt sind. Die institutio nelle Privatsphäre bezieht sich auf die Privat heit gegen über daten verarbeiten den Organisa tionen und der werbetreiben den Wirtschaft, von der an genommen werden kann, dass sie zwar personen bezogene Daten ver knüpft, aber anonymi siert ver arbeitet. Die beiden Subdimensionen korrelie ren auf dem Niveau Pearson’s r = ,38 (p < ,001). Je misstraui scher ein Nutzer gegen über dem Betreiber ist, desto misstraui scher ist er auch gegen über natür lichen Personen. 237 Tabelle 43: Faktoren analyse zur Risikoeinschät zung Ich halte es für wahrschein lich, dass … Risiken durch natür lich Personen Risiken durch den Anbieter … Bekannte oder Freunde von mir auf [Netz werk platt form] Informa tionen über mich ver öffent lichen, von denen ich nicht möchte, dass sie öffent lich sind. 0,84 … Bekannte von mir Informa tionen auf [Netz werk platt form] dazu be nutzen, um mich zu ärgern und zu ver spotten. 0,84 … Bekannte oder Freunde von mir Fotos auf [Netz werk- platt form] hochladen, von denen ich nicht möchte, dass sie öffent lich sind. 0,82 … ein Krimi neller mein Profil auf [Netz werk platt form] dazu benutzt, um mich heim lich zu be obachten. 0,76 … Bekannte oder Freunde von mir mein Profil auf [Netz werk platt form] dazu be nutzen, um mich heim lich zu be obachten. 0,69 … andere Personen (z. B. Eltern, Lehrer/Dozenten, Arbeit- geber) mein Profil auf [Netz werk platt form] dazu be nutzen, um mich auszu spionie ren. 0,62 … die Betreiber von [Netz werk platt form] meine Daten für Werbung nutzen. 0,91 … die Betreiber von [Netz werk platt form] meine persön- lichen Daten an andere Firmen weiter geben. 0,87 Erklärte Varianz 3,57 1,81 Eigen wert 44,61 22,62 Cronbach’s α ,87 ,80 Mittelwert 2,49 3,34 Standardabweichung 0,95 1,18 Haupt komponenten analyse, VarimaxRotation, Extrak tion nach Kaiserkriterium Erklärte Gesamtvarianz: 67,2 Prozent; KMO = ,85 Ladungen < .4 wurden in der Darstel lung aus geblendet Skala: Von 1 = stimme über haupt nicht zu bis 5 = stimme voll und ganz zu Die vier Faktoren aus beiden Fragen wiesen jeweils eine aus reichende Reliabili tät von Cronbach’s α ≥ ,7 auf und wurden als Mittelwertindices ge bildet. Drei der Indices ver teilen sich annähernd normal, der Index zum Autonomiebedürfnis weist eine deut lich links schiefe Ver teilung und einen Decken effekt auf. Über 28 Prozent der Stichprobe stimmten allen drei Auto nomieItems voll und ganz zu. Den Teilnehmern ist ihre Autonomie im Social Web also durch aus wichtig, wie auch der hohe Mittelwert von M = 4,15 (SD = 0,83) aus drückt. Der Durch schnitt des Indices, der be schreibt, inwiefern sich die Nutzer Sorgen auf grund der von ihnen bereits ver öffent lichten Inhalte machen, ist dagegen mit M = 2,52 (SD = 0,96) geringer und liegt im Ableh nungs bereich der Skala. Die Befragten sorgen sich also insgesamt gesehen weniger darum, dass die von ihnen ver öffent lichten Inhalte dazu beitragen könnten, ihre Privatsphäre zu ver letzen. Neben der Erklä rung, dass junge Men schen sich keine Sorgen machen, obwohl sie viele Daten über sich ver öffent licht 238 haben, ist es ebenso plausibel anzu nehmen, dass sie ihr eigenes Selbstoffen barungs verhalten auf Sozialen Netz werk platt formen als an gemessen empfinden und dass es im Einklang mit ihrem subjektiven Privatsphäre empfinden steht. In Kombina tion mit den Ergeb nissen zum Selbstoffen barungsverhalten aus Ab schnitt 4.3 kann dies als erneute Bestäti gung für das PrivacyParadox an gesehen werden. Obwohl die Teilnehmer Sozialer Netz werk platt formen zum Teil sehr detaillierte Informa tionen über sich offen baren, sorgen sie sich gleich wohl um ihre Privatsphäre und geben an, ein hohes Bedürfnis nach Autonomie zu haben. Von welchen Gruppen Bedrohungen für die eigene Privatsphäre aus gehen, wird von den Jugend lichen unter schied lich ein geschätzt. Die Risiken zur sozialen Privatsphäre (M = 2,49; SD = 0,95) werden dabei als geringer ein geschätzt als die zur institu tio nellen (M = 3,34; SD = 1,18). Dieses Ergebnis ver wundert nicht, da eines der Items, auf denen der Index „Risiken durch den Betreiber“ basiert, auf die Nutzung der persön lichen Daten für Werbezwecke abzielt. Diese Praxis ent spricht der Realität und den Geschäfts modellen der Anbieter, was auch der Mehrzahl der Jugend lichen und jungen Erwachsenen bekannt ist. Aber auch das andere Item, das die Einschät zung der Weiter gabe personen bezogener Daten erfasst, weist einen ähnlich hohen Durch schnitts wert auf, so dass von einem Misstrauen gegen über den Geschäfts praktiken der Betreiber Sozialer Netz werk platt formen ge sprochen werden kann. Der ver gleichs weise hohe Mittelwert der Einschät zung von Risiken durch den Betreiber zeigt, dass den Jugend lichen und jungen Erwachsenen durch aus bewusst ist, dass hinter der von ihnen ge nutzten Sozialen Netz werk platt form ein Anbieter steht, der mit der Bereit stel lung der von ihnen ge nutzten Infrastruktur Geld ver dient. Wenn diese Risiken bewusst in Kauf ge nommen werden, gehen die Nutzer damit eine Art Tausch handel – kosten lose Nutzung der Platt form gegen Bewirtschaf tung ihrer persön lichen Daten – ein (Hann, Hui, Lee & Png, 2002). Die Gefahr, dass natür liche Personen die Angaben in Sozialen Netz werk platt formen missbräuch lich ver wenden könnten, wird aber dennoch von den Befragten wahrgenommen, wie der Mittelwert des Indices nahe dem Skalen mittel zeigt. Da in dem Index, der die Risikoeinschät zung durch natür liche Personen be schreibt, sehr unter schied liche Gefahren zusammen gefasst wurden, erfolgt in Tabelle 44 eine Auf listung der Mittelwerte der einzelnen Items. Es fällt auf, dass die Gefahr, der heim lichen Beobach tung durch Peers oder Dritte höher ein geschätzt wird als der Upload unerwünschter Inhalte. Die Gefahr wegen der Inhalte, die auf Sozialen Netz werk platt formen ver fügbar sind, Opfer von Spott und Hänseleien oder gar CyberMobbing zu werden, wird eben falls eher gering ein geschätzt. Die Gefahr, dass ihre Angaben auf Sozialen Netz werk platt formen krimi nellen Machen schaften dien lich sein könnten, hat eben falls einen relativ geringen Mittelwert. 239 Tabelle 44: Mittelwerte und Standardabweichung der Risikoeinschät zung Ich halte es für wahrschein lich, dass … Mittelwert Standard- ab weichung Risiken durch den Anbieter … die Betreiber von [Haupt netz werk] meine persön lichen Daten an andere Firmen weiter geben. 3,21 1,24 … die Betreiber von [Haupt netz werk] meine Daten für Werbung nutzen. 3,47 1,34 Risiken durch natür liche Personen … Bekannte oder Freunde von mir auf [Haupt netz werk] Informa- tionen über mich ver öffent lichen, von denen ich nicht möchte, dass sie öffent lich sind. 2,42 1,18 … Bekannte oder Freunde von mir Fotos auf [Haupt netz werk] hochladen, von denen ich nicht möchte, dass sie öffent lich sind. 2,49 1,20 … Bekannte oder Freunde von mir mein Profil auf [Haupt netz- werk] dazu be nutzen, um mich heim lich zu be obachten. 2,71 1,26 … Bekannte von mir Informa tionen auf [Haupt netz werk] dazu be nutzen, um mich zu ärgern und zu ver spotten. 2,23 1,23 … andere Personen (z. B. Eltern, Lehrer/Dozenten, Arbeit geber) mein Profil auf [Haupt netz werk] dazu be nutzen, um mich auszu- spionie ren. 2,71 1,28 … ein Krimi neller mein Profil auf [Haupt netz werk] dazu benutzt, um mich heim lich zu be obachten. 2,37 1,19 N = 1.301, ge wichtete Stichprobe Skala: 1 = stimme über haupt nicht zu bis 5 = stimme voll und ganz zu Ein interessantes Detail ergebnis liefert ein Blick auf die Korrela tionen zwischen den vier Einstel lungs indices, die die Sorge um die Privatsphäre aus drücken, wie in Tabelle 45 zu sehen ist. Der stärkste Zusammen hang findet sich zwischen der Sorge, die sich Personen auf grund der von ihnen ver öffent lichten Inhalte machen und den Risiken, die sie durch die missbräuch liche Nutzung von Privatpersonen sehen (Pearsons’s r = ,54; p < ,001). Den Befragten ist bewusst, dass sich die Risiken, die für ihre soziale Privatsphäre ent stehen können, erhöhen, wenn sie viel von sich preis geben. Die hier ge messene Risikoeinschät zung ist ver mutlich ab hängig vom Selbstoffenba rungs verhalten der Nutzer. Da die Unter suchung als Querschnitt an gelegt wurde, kann die Frage der Kausali tät an dieser Stelle nicht ab schließend ge klärt werden. 240 Tabelle 45: Korrela tionen zwischen den Indices zur Sorge um die Privatsphäre Autonomie- bedürfnis Sorge auf- grund ver- öffentlichter Inhalte Risiken durch natür lich Personen Risiken durch den Anbieter Autonomiebedürfnis – –,13* –,16* ,02 Sorge auf grund ver öffentlichter Inhalte – ,54* ,20* Risiken durch natür liche Personen – ,38* Risiken durch den Anbieter – N = 1.301, ge wichtete Stichprobe Zweiseitige Korrela tion nach Pearson * signifikant auf dem Level p < ,001 Wie bereits in den Ab schnitten 4.2.2 und 4.3.1, sollen nun die Unter schiede in der Sorge um die Privatsphäre hinsicht lich der soziodemografi schen Merk male Geschlecht, Alter und Bildung sowie der ge nutzten Netz werk platt form fest gestellt werden. Tabelle 46: Sorge, Autonomiebedürfnis und Risiken nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Autonomiebedürfnis 4,15 4,03 4,26 4,11 4,05 4,11 4,26 Sorge durch bereits ver öffentlichte Inhalte 2,52 2,59 2,44 2,55 2,52 2,59 2,44 Risiken durch Betreiber 3,34 3,51 3,16 3,02 3,31 3,53 3,40 Risiken durch natür liche Personen 2,49 2,57 2,40 2,52 2,52 2,55 2,40 N = 1.301, ge wichtete Stichprobe Mittelwertindices, Skala: 1 = stimme über haupt nicht zu bis 5 = stimme voll und ganz zu Die Mittelwert unterschiede hinsicht lich des Geschlechts sind wenig über raschend (Tabelle 46). Während weib liche Nutzer ihr Bedürfnis nach Autonomie betonen, sind männ liche Nutzer ver gleichs weise eher besorgt auf grund der Inhalte, die bereits im Netz über sie öffent lich sind, und sie schätzen die Risiken hinsicht lich der institu tio nellen und sozialen Privatsphäre höher ein. Aus den Daten lässt sich ab leiten, dass gerade für junge Frauen die Autonomie noch wichti ger ist als für junge Männer. Männliche Jugend liche und junge Erwach sene hingegen schätzen die Risiken durch den Betreiber oder natür liche Personen höher ein. Beim Ver gleich der Indices nach Alters gruppen fällt zunächst auf, dass weder die Sorge auf grund bereits ver öffentlichter Inhalte, noch die Einschät zung von Risiken, die durch das Umfeld oder andere Personen ent stehen könnten, variieren. Beide steigen also nicht im Laufe des Alters an. Dieses 241 Ergebnis ist zunächst ver blüffend, da ver mutet werden könnte, dass mit zuneh men dem Alter und damit gleichzeitig zunehmen der Zeit, die online ver bracht wurde, die Zahl an OnlineSelbstoffenba rungs akten an steigt. Ein kleiner Unter schied zeigt sich aber bei der Einschät zung von Risiken durch den Betreiber. 12 bis 14jährige Nutzer schätzen diese als geringer ein als alle anderen Alters gruppen. Dies ist plausibel, da sie ver mutlich noch ein geringe res Ver ständnis für die Business modelle und die Geschäfts absicht der Anbieter mit bringen. Plausibler weise ist das Autonomiebedürfnis der 21 bis 24Jährigen am höchsten. Diese Alters gruppe hat die Lebens phase Jugend bereits hinter sich ge lassen und be findet sich im jungen Erwachsenenalter. Es sind jedoch nicht die Jüngsten, die einen signifikanten Mittelwert unterschied zu den Ältesten auf weisen, sondern die Gruppe der 15 bis 17Jährigen, die durch ein vergleichs weise geringes Autonomiebedürfnis auf fällt. Diese Alters gruppe zeichnete sich bereits in Kapitel 4.3 durch eine hohe Selbstoffenba rung aus. Die erneute Auf fällig keit kann als Hinweis darauf ge deutet werden, dass die Selbstoffen barung auf Sozialen Netz werk platt formen speziell in der späten Jugend eine be sondere Funktion einnimmt und dass Zusammen hänge zwischen der Sorge um die Privat sphäre und dem Alter nicht als linear an genommen werden dürfen. In Bezug auf die Bildung sind den höher Gebildeten zwar die Risiken durch die Betreiber der Sozialen Netz werk platt formen be wusster, jedoch sorgen sich Haupt schüler eher als Gymnasiasten um Risiken, die durch natür liche Personen ver ursacht werden (Tabelle 47). Bei der Unter schei dung nach den ge nutzten Haupt netz werken ergibt sich ein be sonders be merkens werter Unter schied: Demnach sehen die Nutzer von Facebook in dem Betreiber eher einen Risiko verursacher (M = 3,45; SD = 1,16) als die Nutzer der VZNetz werke (M = 3,02; SD = 1,10) oder sonsti ger Netz werke (M = 2,52; SD = 1,12). Den FacebookNutzern ist eventuell be sonders bewusst, dass sich der Anbieter über die wirtschaft liche Nutzung ihrer personen bezogenen Daten finanziert, da gerade der USamerika ni sche Anbieter diesbezüg lich anhalten der Medien kritik aus gesetzt ist. Tabelle 47: Sorge, Autonomiebedürfnis und Risiken nach formaler Bildung und Haupt- netzwerk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) Autonomiebedürfnis 4,15 4,11 4,17 4,14 4,12 4,21 4,29 Sorge durch bereits ver öffentlichte Inhalte 2,52 2,59 2,54 2,46 2,54 2,43 2,41 Risiken durch Betreiber 3,34 2,98 3,31 3,59 3,45 3,02 2,52 Risiken durch natür liche Personen 2,49 2,57 2,54 2,39 2,49 2,55 2,39 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Mittelwertindices auf einer Skala von 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu 242 In der varianzanalyti schen Betrach tung der Selbstoffenba rungs typen hinsicht lich der Sorge um die Privatsphäre fällt zunächst auf, dass sich die Vieloffen barer durch ein, im Ver hältnis zu den anderen Typen, geringes Autonomie bedürf nis aus zeichnen (Tabelle 48). Ihnen ist es offen bar weniger wichtig, dass sie ihren zukünfti gen Hand lungs spiel raum durch Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen einschränken, oder das Bewusstsein dafür ist bei ihnen geringer aus geprägt. Insgesamt geben aber auch die Vieloffen barer an, ein hohes Bedürfnis nach Autonomie zu haben (M = 3,76). Die Wenigoffen barer machen sich geringere Sorgen auf grund der von ihnen bereits ver öffent lichten Inhalte als die anderen Gruppen. Das ist nicht ver wunder lich, schließ lich ver öffent lichen sie kaum etwas. Obwohl die PrivatsphäreManager den Zugriff auf ihre Daten stark einschränken, unter scheidet sich die von dieser Gruppe aus gedrückte Sorge auf grund der von ihnen ver öffent lichten Inhalte nicht von der der Vieloffen barer. Hinsicht lich der Einschät zung von Risiken durch den Betreiber unter scheiden sich die drei Cluster nicht. Gegen über den Risiken be züglich der sozialen Privatsphäre zeigen sich insbesondere die Privatsphäre Manager sensibel, sie schätzen diese signifikant höher ein als beispiels weise die Wenigoffen barer. Die Gruppe der PrivatsphäreManager zeichnet sich insgesamt durch ein hohes Risikobewusstsein aus, was ihr kontrolliertes Han deln, bei dem zwar viel ver öffent licht wird, aber auch ver sucht wird, Kontrolle über das Publikum zu be halten, plausibel er scheinen lässt. Tabelle 48: Sorge, Autonomiebedürfnis und Risiken nach Selbstoffenba rungs typ Viel- offen barer Wenig- offenbarer Privatsphäre- Manager F Sign. (n = 164) (n = 581) (n = 468) M SD M SD M SD Autonomiebedürfnis* 3,76a 0,95 4,23b 0,80 4,14b 0,80 20,83 p < ,001 Sorge durch bereits ver öffentlichte Inhalte* 2,67a 0,93 2,38b 0,89 2,66a 1,01 13,14 p < ,001 Risiken durch den Betreiber 3,38 1,20 3,36 1,12 3,45 1,18 0,84 n. s. Risiken durch natür liche Personen* 2,50 0,96 2,35a 0,85 2,69b 1,02 16,89 p < ,001 Varianzanalysen; Basis N = 1.213, ge wichtete Stichprobe a, b Mittelwerte mit unter schied lichen Kennbuchstaben unter scheiden sich signifikant nach dem Games HowellPostHocTest (p < ,05) * LeveneTest sign. mit p < ,05 Skala: 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu 243 4.4.2 Negative Erfah rungen und Einstel lung zu Persönlich keits und Urheber rechten Dass Jugend liche auf unter schied liche Weise in Sozialen Netz werk platt formen Informa tionen von sich preis geben, haben wir bereits fest gestellt (Kap. 4.3). Dass sie dabei zum Teil sehr freizügig mit den eigenen Informa tionen umgehen, er scheint bedenk lich, wenn diese Freizügig keit un beabsichtigt oder auf grund der Unkenntnis von PrivatsphäreOptionen geschieht. Wenn Personen selbst ihre eigene Privatsphäre durch unvorsichti ges Ver halten ge fährden, ist dies eine Sache – eine andere, neue Qualität bekommt das Thema jedoch, wenn durch das Ver öffent lichen von Textinforma tionen oder Bildern die Rechte Dritter missachtet werden. Darauf werden wir in diesem Ab schnitt ein gehen. Zunächst be trachten wir die negativen Erfah rungen, die die Nutzer bereits auf Sozialen Netz werk platt formen ge macht haben. Im Anschluss fokussie ren wir auf die Ver letzung von Persönlich keits rechten im Internet und die Einstel lung der Nutzer Sozialer Netz werk platt formen diesbezüg lich. Danach gehen wir auf Ver letzungen des Urheber rechts ein. Zum Ab schluss evaluie ren wir, wie sich diese Punkte hinsicht lich der drei von uns ge bildeten Selbstoffenba rungs typen unter scheiden. Von den von uns be fragten Jugend lichen und jungen Erwachsenen geben 14 Prozent an, dass sie ganz allgemein bereits negative Erfah rungen auf Sozia len Netz werk platt formen ge macht haben. Männliche Teilnehmer, die 15 bis 17Jährigen und Gymnasiasten stimmen dieser Frage eher zu als ihre jeweiligen Ver gleichs gruppen (Tabelle 49). Außerdem weisen auch die Nutzer kleine rer Netz werke (Sonstige) hier einen höheren Wert auf als die Nutzer von Facebook oder der VZNetz werke. In der offenen Abfrage, die der Frage nach negativen Erleb nissen folgte, wurden vor allem das un gewollte Ver öffent lichen von Fotos ohne vor herige Erlaubnis ge nannt (29 Nennun gen). Auf Platz zwei und drei folgen Beleidi gungen (19 Nennun gen) und das Einfangen von Viren durch FakeLinks (18 Nennun gen). Aber auch, dass keine Kontrolle über die ver öffentlichte Informa tion besteht, thematisie ren die Befragten (14 Nennun gen). Zudem geben einige an, bereits von Cybermobbing be troffen ge wesen zu sein (13 Nennun gen). Technische Probleme (12 Nennun gen) und (sexuelle) Belästi gung sind weitere Punkte, die häufiger ge nannt werden (11 Nennun gen). Da das un gefragte Ver öffent lichen von Fotos oder anderen Informa tionen ein Problem auf Sozialen Netz werk platt formen darstellt, das die Privatsphäre in be sonde rer Weise be trifft, wurden nach folgend alle Teilnehmer ge fragt, inwiefern sie bereits davon be troffen waren und ob sie bereits selbst Inhalte ins Netz ge stellt haben, über die sich andere be schwert haben (Tabelle 49). Es zeigt sich, dass insgesamt 38 Prozent der Stichprobe – also viel mehr als auf die allgemeine Frage reagiert haben – bereits mit Inhalten im Netz konfrontiert wurden, mit denen sie nicht einverstanden waren. Um gekehrt geben nur 23 Pro 244 zent an, dass bereits Beschwerden von anderen über die von ihnen ver öffent lichten Inhalte ein gegangen sind. Männliche Teilnehmer und Jugend liche der mittle ren beiden Alters gruppen stimmen den Items eher zu. Zudem nimmt in unserer Stichprobe die Zustim mung zu beiden Items mit steigen der Bildung ab. Gegen über den Sonsti gen Netz werken geben die Nutzer von Facebook an, häufiger mit den Inhalten, die andere von ihnen ins Netz stellen, nicht ein verstanden zu sein (Tabelle 50). Dass Jungen und junge Männer eher von diesen Erfah rungen be troffen sind, deckt sich mit den Ergeb nissen der Studie von Hasebrink und Rohde (2009). Die Autoren stellen jedoch auch einen be deutsamen Anstieg gerade in der Alters klasse der 18 bis 20Jährigen fest, der bei unseren Daten schon in der Alters klasse der 15 bis 17Jährigen statt findet und geringer aus fällt. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass sich das Alter, in dem die ersten negativen Erfah rungen mit dem Internet geschehen, etwas weiter ab gesenkt hat. Zudem ist fest zustellen, dass die von uns er mittelten Werte ein deut lich höheres Niveau auf weisen, das neben Unter schieden im methodi schen Vor gehen und be züglich der Stichprobe25 auch darauf zurück zuführen sein kann, dass der Umgang mit der Ver öffent lichung von Inhalten, die andere zeigen oder be treffen, sich zwischen 2009 und 2011 weiter liberalisiert hat. Tabelle 49: Negative Erfah rungen nach Geschlecht und Alter Befragte, … Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) … die bereits negative Erfah rungen auf Sozialen Netz werk platt formen ge- macht haben. 14 17 11 15 17 14 13 … von denen jemand Fotos oder Informa tionen ins Netz ge stellt hat, mit denen sie nicht einver- standen waren. 38 41 34 30 42 44 34 … die selbst schon einmal Dinge ins Internet ge stellt haben, über die sich jemand be schwert hat. 23 29 16 23 26 24 20 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die dem jeweili gen Item zumindest teil weise zustimmen, in Prozent 25 Bei der Stichprobe des HansBredowInstituts handelte es sich um 12 bis 24jährige Onliner, die per CATI interviewt wurden. Die Frage wurde zudem dichotom formuliert. 245 Tabelle 50: Negative Erfah rungen nach formaler Bildung und Haupt netz werk Befragte, … Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) … die bereits negative Erfah rungen auf Sozialen Netz werk platt formen ge- macht haben. 14 14 13 16 14 14 20 … von denen jemand Fotos oder Informa tionen ins Netz ge stellt hat, mit denen sie nicht einver- standen waren. 38 41 39 35 39 35 29 … die selbst schon einmal Dinge ins Internet ge stellt haben, über die sich jemand be schwert hat. 23 28 24 19 23 20 22 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die dem jeweili gen Item zumindest teil weise zustimmen, in Prozent Insgesamt stellen wir fest, dass ein Großteil der jungen Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen bereits negative Erfah rungen, die sich insbesondere auf das Ver öffent lichen von Inhalten be ziehen, ge macht hat. Es muss sich dabei nicht aus schließ lich um böswillige Ver öffent lichungen handeln, sondern auch das Hochladen von Inhalten, das zwar in guter Absicht geschah, aber dennoch als unangemessen empfunden wird, kann zu Beschwerden führen. Darum ist es relevant, welche Einstel lung die Nutzer gegen über der Wahrung ihrer eigenen und der Persönlich keits rechte anderer haben (Tabelle 51 und Tabelle 52). Wir haben die Teilnehmer ge fragt, inwiefern sie es in Ordnung finden, Inhalte zu ver öffent lichen, die andere Personen be treffen, ohne diese vorher zu fragen. Außerdem haben wir ab gefragt, wie die Befragten es selbst be werten, wenn ohne ihre Erlaubnis Inhalte über sie online ge stellt werden. Mit 39 Prozent hat ein großer Teil der Stichprobe keine Bedenken, Fotos (oder andere Inhalte) online zu stellen, auf denen auch andere Personen ab gebildet sind, ohne zuvor die Zustim mung dieser einzu holen. Ihre Einstel lung zur Achtung der Persönlich keits rechte anderer ist also recht locker. Um gekehrt finden es sogar 42 Prozent der Teilnehmer auch okay, wenn sie selbst von dieser Praxis be troffen sind. Die Mehrheit der Nutzer sieht sich aber dadurch in ihren Persönlich keits rechten be einträchtigt. Beide Items korrelie ren auf sehr hohem Niveau von Pearson’s r = ,73 (p < ,001). Das be deutet, dass die Bereit schaft, die Persönlich keits rechte anderer zu missachten, mit einer ge steigerten Akzeptanz dieses Ver haltens einher geht, wenn die Nutzer selbst be troffen sind und um gekehrt. Wiederum zeigen männ liche Teilnehmer eine höhere Toleranz gegen über Ver letzungen von Persönlich keits rechten durch Dritte, und auch die beiden 246 mittle ren Alters gruppen weisen einen höheren Anteil an Personen auf, die diesen Items zustimmen (Tabelle 51). Die Unter schiede bei der Bildung sind hingegen nur gering (Tabelle 52). Beim Haupt netz werk sticht Facebook be sonders hervor. Die Nutzer dieses Netz werks zeigen sich wesent lich toleranter, sowohl mit Blick auf die Ver letzung der eigenen als auch auf die Persönlich keits rechte anderer. Tabelle 51: Einstel lung zu Persönlich keits rechten nach Geschlecht und Alter Befragte, … Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) … die es in Ordnung finden, Inhalte, in denen andere auf tauchen, ins Internet zu stellen, ohne diese vorher zu fragen. 39 42 35 29 42 45 37 … die es in Ordnung finden, wenn andere Informa tionen über sie ins Internet stellen, ohne sie vorher zu fragen. 42 45 38 29 48 46 42 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Tabelle 52: Einstel lung zu Persönlich keits rechten nach formaler Bildung und Haupt netz werk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) … die es in Ordnung finden, Inhalte, in denen andere auf tauchen, ins In- ternet zu stellen, ohne diese vorher zu fragen. 39 40 37 39 41 27 24 … die es in Ordnung finden, wenn andere Informa tionen über sie ins Internet stellen, ohne sie vorher zu fragen. 42 43 41 42 44 28 34 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Aus den qualitativen Leitfaden interviews wissen wir, dass es zu dem Umgang mit den Persönlich keits rechten recht differenzierte Meinun gen gibt. Einige Interviewte äußerten dort, dass sie unter allen Umständen stets darüber infor miert sein wollen, was über sie im Netz zu finden ist. Andere machen sich darüber kaum Gedanken oder gehen davon aus, dass der Upload von Fotos und Videos im Sinne ihrer Freunde und Bekannten in Ordnung ist, und dass die eigenen Kontakte im Sinne der Betroffenen handeln und schon nichts 247 Negatives online stellen werden. Dass die Digital Natives in dieser Frage ge spalten sind, zeigen auch die quantitativen Ergeb nisse ganz deut lich. Eine allgemeingültige Norm, wie mit der Wahrung der Persönlich keits rechte anderer umzu gehen ist, existiert bisher nicht. Auch wenn die Mehrheit das un gefragte Teilen persön licher Inhalte Dritter über das Netz ablehnt, findet es ein beacht licher Anteil der 12 bis 24Jährigen in Ordnung, die Persönlich keits rechte anderer nicht zu wahren, indem zuvor die Zustim mung ein geholt wird. Ein weiterer Punkt, der viel diskutiert wird, ist der Umgang der Digital Natives mit Urheber rechten. Wir haben im Fragebogen danach ge fragt, ob die Nutzer schon einmal Inhalte (Texte, Fotos, Videos) online ge stellt haben, an denen sie kein Urheber recht besaßen, und inwiefern sie dieses Ver halten tolerie ren. Insgesamt 47 Prozent der Stichprobe stimmten beiden Items mehr heit lich zu. Der Umgang mit Urheber rechten ist damit noch etwas laxer als bei den Persönlich keits rechten. Die Korrela tion zwischen beiden Items zum Urheber recht beträgt Pearson’s r = ,41 (p < ,001), was verg lichen mit den anderen be rechneten Koeffizienten in diesem Ab schnitt gering ist. Der Zusammen hang zwischen der Einstel lung zum Urheber recht und tatsäch lichen Ver letzungen desselben ist weniger groß. Eventuell ist den Befragten, die bereits gegen das Urheber recht ver stoßen haben, indem sie Inhalte hoch geladen haben, dieser Rechts verstoß bewusst. Insgesamt lässt sich fest stellen, dass den jungen Nutzern die im Rechts gutachten (Teil III) be handelten Problematiken damit wenig bewusst sind oder sie diese ignorie ren. Hinsicht lich soziodemografi scher Merkmale und dem Haupt netz werk zeich net sich dasselbe Muster wie bei den Persönlich keits rechten ab. Männliche Nutzer haben bereits häufiger gegen das Urheber recht ver stoßen als weib liche und tolerie ren dies auch eher. Die 15 bis 17Jährigen geben am häufigsten an, bereits gegen das Urheber recht ver stoßen zu haben (Tabelle 53). Die Akzeptanz von Ver stößen hingegen ist bei der Alters gruppe 18 bis 20 Jahre be sonders hoch. Formale Bildung scheint die Einstel lung und das Ver halten mit Bezug auf das Urheber recht in ge wisser Weise zu be einflussen. Haupt schüler geben be sonders häufig an, bereits gegen das Urheber recht ver stoßen zu haben, wäh rend Gymnasiasten Ver stöße gegen das Urheber recht eher tolerie ren (Tabelle 54). Erneut sind es die FacebookNutzer, die zu einem be sonders hohen Prozent satz an geben, gegen das Urheber recht ver stoßen zu haben und dieses Ver halten auch in Ordnung finden. 248 Tabelle 53: Umgang mit Urheber rechten nach Geschlecht und Alter Befragte, … Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) … die selbst schon Dinge ins Internet ge stellt haben, an denen sie kein Urheber recht besaßen. 47 49 45 45 52 48 44 … die es in Ordnung finden, etwas ins Internet zu stellen, woran sie kein Urheber recht be sitzen. 47 52 41 39 49 54 44 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Tabelle 54: Umgang mit Urheber rechten nach formaler Bildung und Haupt netz werk Befragte, … Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) … die selbst schon Dinge ins Internet ge stellt haben, an denen sie kein Urheber recht besaßen. 47 50 47 45 49 34 40 … die es in Ordnung finden, etwas ins Internet zu stellen, woran sie kein Urheber recht be sitzen. 47 44 46 49 49 36 35 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Zum Schluss dieses Ab schnitts werfen wir erneut einen Blick auf die Selbstoffenba rungs typologie, die wir in Ab schnitt 4.3.5 ge bildet haben und ver gleichen sie hinsicht lich der negativen Erfah rungen, die sie bereits ge macht haben, ihren Einstel lungen zu Persönlich keits rechten und zum Urheber recht. Diese Ver gleiche er folgen mittels einfaktorieller Varianzanalysen, deshalb wurden nicht die prozentuierten Werte der Zustim mung zu den Items ver wendet, sondern die Originalitems auf der fünfstufigen Skala (Tabelle 55). Über raschender weise sind es insbesondere die PrivatsphäreManager, die sich dadurch aus zeichnen, eher negative Erfah rungen auf Sozialen Netz werk platt formen ge macht zu haben (M = 0,18; SD = 0,39). Sie unter scheiden sich damit signifikant von den Wenigoffenbarern (M = 0,11; SD = 0,32), aber nicht von den Vieloffenbarern (M = ,12; SD = ,33). Dies ist be merkens wert, denn das Ver öffentlichungs verhalten der Vieloffen barer ist ver gleichs weise riskanter. Das Muster, dass die PrivatsphäreManager hohe Werte auf weisen, sich aber nicht signifikant von den Vieloffenbarern unter scheiden, zeigt sich in allen unter suchten Bereichen. Die PrivatsphäreManager und Vieloffen barer scheinen eher 249 schlechte Erfah rungen ge macht zu haben. Sie neigen eher zu Ver stößen gegen Persönlich keits und Urheber recht und sind gegen über diesen auch toleranter ein gestellt als die Wenigoffen barer. Die Wenigoffen barer zeichnen sich durch niedrige Werte in allen Bereichen aus. Sie haben weniger oft etwas ins Internet ge stellt, über das sich andere be schwert haben und waren auch um gekehrt bisher weniger oft davon be troffen, dass jemand etwas über sie ins Internet ge stellt hat, mit dem sie nicht ein verstanden waren. Auch bei Persönlich keits rechten und Urheber recht fallen sie durch geringe Zustimmungs werte auf. Die zurück haltende und vor sichtige Selbstoffenba rungs strategie der Wenigoffen barer auf Sozialen Netz werk platt Tabelle 55: Negative Erfah rungen, Umgang mit Persönlich keits rechten und Urheber recht nach Selbstoffenba rungs typ Befragte, … Viel- offen barer Wenig- offenbarer Privatsphäre- Manager F Sign. (n = 164) (n = 581) (n = 468) M SD M SD M SD Negative Erfah rungen … die bereits negative Erfah run- gen auf Sozialen Netz werk platt- formen ge macht haben. (0 = nein, 1 = ja) 0,12 0,33 0,11a 0,32 0,18b 0,39 5,07 p < ,01 … von denen jemand Fotos oder Informa tionen ins Netz ge stellt hat, mit denen sie nicht einverstanden waren.* 1,90a 1,27 1,56b 1,06 1,98a 1,33 17,78 p < ,001 … die selbst schon einmal Dinge ins Internet ge stellt haben, über die sich jemand be schwert hat.* 2,37 1,42 2,11a 1,34 2,52b 1,45 11,58 p < ,001 Umgang mit Persönlich keits rechten … die es in Ordnung finden, Inhalte, in denen andere auf- tauchen, ins Internet zu stellen, ohne diese vorher zu fragen. 2,33a 1,26 2,07b 1,09 2,48a 1,25 16,05 p < ,001 … die es in Ordnung finden, wenn andere Informa tionen über sie ins Internet stellen, ohne sie vorher zu fragen. 2,40a 1,29 2,07b 1,09 2,55a 1,23 22,18 p < ,001 Umgang mit Urheber rechten … die selbst schon Dinge ins Internet ge stellt haben, an denen sie kein Urheber recht besaßen. 2,74a 1,47 2,17b 1,37 2,97a 1,49 42,45 p < ,001 … die es in Ordnung finden, etwas ins Internet zu stellen, woran sie kein Urheber recht be sitzen. 2,49 1,24 2,28a 1,16 2,69b 1,28 14,94 p < ,001 Varianzanalysen; Basis: N = 1.213, ge wichtete Stichprobe a, b Mittelwerte mit unter schied lichen Kennbuchstaben unter scheiden sich signifikant nach dem Games HowellPostHocTest (p < ,05) * LeveneTest sign. mit p < ,05 Skala: 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu, sofern nicht anders an gegeben 250 formen ist also nicht darauf zurück zuführen, dass sie bereits eigene schlechte Erfah rungen ge macht haben. 4.5 Ergeb nisse zum PrivacyParadox 4.5.1 Regres sions analyti sche Betrach tung des PrivacyParadox Unsere nächste empiri sche Forschungs frage bezieht sich auf den Einfluss, den die Sorge um die Privatsphäre auf das tatsäch liche Selbstoffenba rungs verhalten hat. Es er scheint plausibel anzu nehmen, dass Personen, die sich in hohem Maße um die eigene Privatsphäre sorgen, weniger ver öffent lichen und sich auch sonst im Onlinebereich vor sichti ger ver halten. Tatsäch lich zeigen frühere Studien jedoch, dass dies nicht, oder nur in sehr geringem Umfang, der Fall ist (vgl. Ab schnitt 4.3.5). Dieser Umstand wird als PrivacyParadox be zeichnet. Zur Über prüfung des PrivacyParadox mit unseren Daten haben wir zunächst vier Regressionen be rechnet. Dabei wurde der Einfluss der unabhängi gen Variablen (Sorge um die Privatsphäre und Risikoeinschät zung) auf die vier Selbstoffenba rungs dimensionen fest gestellt. Wir haben dabei die gleichen Dimensionen der Selbstoffenba rung ver wendet wie in Ab schnitt 4.3.5, allerdings wurden zur Ver einfachung der Darstel lung be stimmte Kennwerte aus gewählt. So wird die Dimension Profilinforma tionen durch einen Summen index aus gedrückt, der angibt, wie viele Einzelinforma tionen ein Befragter auf seinem Profil aus gefüllt hat (maximal 17). Bei den Selbstoffenba rungs hand lungen wurden das Schreiben von Status meldun gen und Pinnwandeinträgen, sowie das Hochladen und Kommentie ren von Fotos als be sonders typische Handlun gen der Kommunika tion auf Sozialen Netz werk platt formen zu einem Mittelwert index zusammen gefasst. Bei den PrivatsphäreOptionen wurden alle ab gefragten Bereiche, in denen diese ein gestellt werden können, eben falls zu einem Summen index zusammen gefasst. Obgleich die so ge bildete Skala ordinales Daten niveau besitzt, wird sie im Folgenden als quasimetrisch be trachtet. In Bezug auf das Publikum wurde die Anzahl der Freunde heraus gegriffen. Die Ergeb nisse der Regres sions analysen finden sich in Tabelle 56. Insgesamt zeigt sich, dass die Ergeb nisse zwar signifikant sind, aber die Variablen der Selbstoffenba rung meist nur zu einem sehr geringen Anteil durch die unabhän gi gen Variablen erklärt werden können. Das korrigierte R² liegt bis auf eine Aus nahme nahe Null. Die Summe der Profilinforma tionen, die Restriktivi tät der PrivatsphäreOptionen und die Anzahl der Kontakte auf Sozialen Netz werk platt formen lassen sich nicht durch die Sorge er klären. 251 Tabelle 56: Einfluss der Sorge um die Privatsphäre auf die Online-Selbstoffenba rung Unabhängige Variablen Ab hängige Variablen Anzahl Profilinfor- ma tionen Selbstoffen- ba rungs- Handlun gen Privat- sphäre- Optionen Anzahl Kontakte Modell 1 2 4 5 Beta Beta Beta Beta Sorge auf grund ver öffentlichter Inhalte –,00 ,20*** –,10*** –,09** Autonomiebedürfnis –,08** ,02 ,05 ,04 Risiken durch den Betreiber ,09** –,10*** ,01 ,17*** Risiken durch natür liche Personen –,04 ,20*** –,12** ,00 R² 0,01 ,33 0,02 0,04 Korr. R² 0,01 ,11 0,02 0,04 F 3,54** 40,17*** 5,67*** 13,07*** df 4 4 4 4 Basis: N = 1.301, ge wichtete Stichprobe Multiple Regres sions analyse, EinschlussVerfahren, listen weiser Fall ausschluss * p < ,05 ** p < ,01 *** p < ,001 Einzig bei den Handlun gen wird eine er klärte Varianz von korr. R² = ,11 er reicht. Der Einfluss der Einschät zung von Risiken durch den Betreiber liefert dabei einen geringen negativen Erklä rungs beitrag β = –,10. Eine höhere Ein schät zung der Risiken, die durch den Betreiber drohen, führt demnach zu weniger Aktivi täten der (semi)öffent lichen Kommunika tion auf den Netz werk platt formen. Die Erklä rungs beiträge der Variablen Sorge auf grund bereits ver öffentlichter Inhalte und Risiken durch natür liche Personen sind mit β = ,20 höher. Diese sind jedoch, anders als er wartet, positiv gerichtet. Es scheint demnach so zu sein, dass Personen, die sich diesbezüg lich mehr Sorgen machen, auch mehr Inhalte ver öffent lichen. Plausibel wäre es, anzu nehmen, dass die Sorge um die Privatsphäre aus dem bereits ge tätigten Ver halten resultiert. Mit den Querschnittdaten kann die Kausali tät des Zusammen hangs nicht ab schließend ge klärt werden. Fest zuhalten ist jedoch, dass der Einfluss der Sorge auf das Selbstoffenba rungs verhalten auch in unserer Studie gering ist und sich somit das PrivacyParadox erneut be stätigt. Wie auch aus den quali tativen Parts dieser Studie zu schließen ist, ist das Ver hältnis der jungen Nutzer zu ihrer Privatsphäre konträr. Einer seits sind sie sich der Risiken bewusst, die die Teilnahme an Sozialen Netz werk platt formen mit sich bringt. Anderer seits er fordert die Teilnahme tendenziell eine Aufgabe der eigenen Privatsphäre und eine Restrukturie rung dessen, was als privat und was als öffent lich gelten soll. Dies führt zu einem Wider spruch zwischen Einstel lungen und Handlun gen. Da die Sorge um die Privatsphäre nicht das ent scheidende Element bei der Erklä rung der Selbstoffenba rung zu sein scheint, wurde nach anderen Einfluss variablen ge sucht. In einigen früheren Studien wurden bereits Zusammen hänge 252 zwischen Persönlich keits merkmalen und der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen hergestellt. Der BigFiveAnsatz hat sich als psychologi sches Konzept zur Erfas sung der Persönlich keit bereits in den 1980er Jahren zur Beschrei bung von individuellen Unter schieden durch gesetzt und etabliert (Asendorpf, 2007; John & Srivastava, 1999). Die BigFivePersönlich keits eigen schaften wurden im Fragebogen mittels einer Kurz skala ab gefragt und zu Mittelwertindices zusammen gefasst. Zusätz lich wurde er gänzend das Persönlich keits merkmal „Need to Belong“ auf gegriffen, weil es als sich gerade in jüngeren Studien als be deutsamer Einfluss faktor für die Beteili gung auf Sozialen Netz werk platt formen er wiesen hat (Winter, Haferkamp, Stock & Kramer, 2011). Auch hier wurde ein Mittelwertindex ge bildet26. Eine regres sions analyti sche Betrach tung mit den sechs Persönlich keits variablen als Regressoren, er brachte eben falls nur geringe Erklä rungs beiträge und un befriedigende Ergeb nisse (Tabelle 57). Wieder ist das Modell, in dem 26 Die Skalen zu Ver träglich keit, Neurotizismus und Offen heit für Erfah rungen wiesen Cronbach’s α < ,7 auf. Die ver gleichs weise geringe interne Konsistenz der Skalen resultiert ver mutlich aus der inhalt lich breiten Erfas sung der Faktoren, die nur auf drei Items pro Skala beruht („Reliabili tätsValidi tätsDilemma“ vgl. Lang and Lüdtke, 2005, S. 35). Da an genommen werden kann, dass die BigFiveDimensionen tatsäch lich ver schiedene Unter dimensionen ab bilden, werden die niedri gen Reliabili täts werte akzeptiert und die Skalen wurden dennoch als Mittelwertindices ge bildet, nachdem die Items, die der Konsistenz der Skalen stark ent gegen standen, ent fernt wurden. Tabelle 57: Einfluss der Persönlich keits eigen schaften auf die Online-Selbstoffenba rung Unabhängige Variablen Ab hängige Variablen Anzahl Profilinfor- ma tionen Selbstoffen- ba rungs- Handlun gen Privat- sphäre- Optionen Anzahl Kontakte Modell 1 2 3 4 Beta Beta Beta Beta Ver träglich keit 0,06 – 0,06* 0,12*** – 0,03 Gewissen haftig keit – 0,02 0,00 – 0,07* – 0,09** Extra version 0,09** 0,22*** – 0,11*** 0,26*** Neurotizismus 0,00 0,11*** – 0,119*** – 0,01 Offen heit für Erfah rungen 0,03 0,09 – 0,03 – 0,03 Need to Belong 0,05 0,13*** 0,06 0,08* R² 0,02 0,11 0,03 0,06 Korr. R² 0,02 ,10 0,03 0,06 F 4,84*** 26,16*** 6,81*** 14,08*** df 6 6 6 6 Basis: N = 1.301, ge wichtete Stichprobe Multiple Regres sions analyse, EinschlussVerfahren, listen weiser Fall ausschluss * p < ,05 ** p < ,01 *** p < ,001 253 die Selbstoffenba rungsAktivi täten die ab hängige Variable bilden, am besten durch die BigFiveMerkmale erklär bar, doch auch hier ist das korrigierte R² gering. Die Variable, die über alle Modelle hinweg den höchsten Erklä rungs beitrag liefert, ist Extra version. Extra vertierte Personen offen baren sich mehr als andere. 4.5.2 Der Einfluss von Motiven, Einstel lungen, sozialen Normen und Selbst wirksam keit Da auch die Betrach tung der Persönlich keits merkmale zu Ergeb nissen führte, die das Selbstoffenba rungs verhalten auf Sozialen Netz werk platt formen nur unzu reichend er klären können, prüfen wir im Anschluss das in Teil I Ab schnitt 2.3.4 ab geleitete Modell. Es bezieht Nutzungs motive und Einstel lungen, Normen und Selbst wirksam keits erwar tungen als Prädiktoren der Selbstoffen barung ein. Da in unserer Querschnitts erhe bung eine vollständige Prüfung des integrierten Ver haltens modells nicht möglich war – hierzu wären mindestens zwei Erhe bungs zeitpunkte notwendig ge wesen und die zusätz liche Abfrage der Bewer tung von Vor stel lungen – be trachten wir nur die in Abbil dung 2 (Teil I, Kap. 2.3.4) wieder gegebenen Einfluss dimensionen und be rechnen ihren Einfluss auf die von den Befragten an gegebene Selbstoffenba rung. Um das Modell kompakt zu halten, wurden nur aus gewählte Einfluss variablen auf genommen. Auf die Auf nahme von Persönlich keits merkmalen und soziodemografi schen Eigen schaften, die ihrer seits Einfluss auf Motive, Einstel lungen, Normen und Selbst wirksam keit ausüben könnten, haben wir bewusst ver zichtet. Bei den Motiven haben wir uns für die Selbst darstel lung und die Beziehungs pflege ent schieden, da diese beiden Variablen im Gegen satz zu den anderen Dimensionen die Selbstoffenba rung be sonders be einflussen könnten. Unter haltung, Eskapismus und Informa tion sind Gratifika tionen, die schon durch eine rein rezeptive Nutzung Sozialer Netz werk platt formen er reicht werden können; auch das Zu gehörig keits gefühl kann, so wie es in unserer Studie operationalisiert wurde, bereits durch rein rezeptive Handlun gen be friedigt werden. Selbst darstel lung und Beziehungs pflege hingegen nicht27. Hinsicht lich der Einstel lungen, die die Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen hemmen könnten, haben wir uns für die soziale Privatsphäre, also die Wahrneh mung von Risiken, die durch natür liche Personen ver ursacht werden, ent schieden. Außerdem geht die Ansicht der Befragten zur Autonomie ein, weil unsere vorher gehenden Analysen ge zeigt haben, dass hier ein ge wisser 27 Es wird nicht aus geschlossen, dass auch die anderen vier Gratifika tionen sich durch aktive Teilhabe an Sozialen Netz werken erhöhen. Da das Motiv Knüpfen neuer Kontakte nur durch ein einzelnes Item ab gefragt wurde und dieses Motiv bei den Nutzern nicht im Vordergrund stand, wurde es eben falls aus der Analyse aus geschlossen. 254 Zusammen hang mit der Selbstoffenba rung besteht. Bei den subjektiven Normen zur Nutzung Sozialer Netz werk platt formen und zur Privatsphäre haben wir uns auf deskriptive Normen be schränkt, die in zwei Mess modellen ab gebildet wurden; sie be schreiben, welches Ver halten ein Nutzer in seiner sozialen Umgebung bei den anderen wahrnimmt. Die deskriptiven Normen sind im Ver gleich zu den injunktiven Normen im Kontext der Social Networking Sites evtl. kognitiv leichter ab rufbar. Bezüg lich der Selbst wirksam keit unter scheiden wir die SocialWebSelbst wirksam keit von der PrivatsphäreSelbst wirksam keit. Die SocialWebSelbst wirksam keit drückt aus, inwiefern die Befragten sich in der Lage sehen, eigene Inhalte im Social Web zu ver öffent lichen, während sich die PrivatsphäreSelbst wirksam keit darauf bezieht, inwiefern sie es für möglich halten, ihre Privatsphäre dort schützen zu können. Wir prüfen im Folgenden unser Modell dahin gehend, welche unabhängi gen Variablen die Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werkseiten be einflussen. Ins gesamt analysie ren wir das Modell für jede der vier Dimensionen der Selbst offenba rung ge sondert: Erstens für die Anzahl der Profilinforma tionen, zweitens für die kommunikativen Selbstoffenba rungs aktivi täten, drittens für die Restrik tivi tät der PrivatsphäreEinstel lungen, und viertens für die Anzahl der Kontakte. Tabelle 58: Korrela tionen zwischen Motiven, Einstel lungen, Normen und Selbst wirksam keit Motiv Selbst- darstel - lung Motiv Bezie- hungs- pflege Risiken der sozialen Privat- sphäre Einstel - lung zur Autono- mie Normen zur Nutzung von SNP Normen zur Privat- sphäre in SNP Social- Web- Selbst- wirksam- keit Motiv Beziehungs- pflege ,74*** – – – – – – Risiken der sozialen Privatsphäre ,39*** ,16*** – – – – – Autonomie –,17*** ,16*** –,22*** – – – – Normen zur Nutzung von SNP ,25*** ,51*** ,11** ,22*** – – – Normen zur Privat- sphäre in SNP ,22*** ,31*** –,04 ,31*** ,15*** – – Social-Web- Selbst wirksam keit ,04 ,20*** –,06 ,19*** ,28*** ,06 – Privatsphäre- Selbstwirksam keit ,01 ,21*** –,17*** ,34*** ,26*** ,24*** ,62*** Basis: N = 1.301 Zweiseitige Korrela tion nach Pearson * p < ,05 ** p < ,01 *** p < ,001 In den nach stehen den Abbil dungen (Abbil dung 28 bis Abbil dung 31) wurden die unabhängi gen Variablen aus Darstel lungs gründen durch Ellipsen symboli siert. Hinter jeder unabhängi gen Variable steht ein Mess modell, das einen 255 aus reichen den Modelfit von CFI > ,90 und RMSEA < ,10 auf weist. Detaillierte Angaben zu den Mess modellen können dem OnlineAnhang ent nommen wer den. In den Strukturgleichungs modellen wurden Korrela tionen zwischen den unabhängi gen Variablen zu gelassen, denn es er scheint plausibel, dass diese unter einander zusammen hängen und/oder von Drittvariablen, wie z. B. den Persönlich keits eigen schaften, be einflusst werden. Die Korrela tionen zwischen den unabhängi gen Variablen können Tabelle 58 ent nommen werden. Diese Korrela tionen werden später in den Darstel lungen der Strukturgleichungs modelle durch graue Pfeile symbolisiert. Die Werte der Korrela tionen werden aus Darstel lungs gründen nicht in diese Abbil dungen über tragen. Als ab hängige Variablen werden im Modell die bereits ge nannten vier Dimensionen der Selbstoffenba rung be trachtet. Das Modell wurde daher ins gesamt viermal empirisch ge prüft. Die vier Modelle werden im Folgenden be schrieben und an schließend verg lichen. Die erste ab hängige Variable in Modell 1 bildet die Anzahl der Profilinforma tionen, die ein Nutzer insgesamt auf seinem Profil ver öffent licht hat (Abbil dung 28). Abbil dung 28: Modell 1 – Strukturmodell mit der Anzahl der Profilinforma tionen als ab- hängige Variable χ² = 6262,4; p < ,001 df = 1840 CFI = ,937 RMSEA = ,021 N = 1.301 * p < ,05; ** p < ,01; *** p < ,001 Motiv Selbstdarstellung Motiv Beziehungspflege Risiken der sozia- len Privatsphäre Einstellung zur Autonomie Normen zur Nutzung von SNP Normen zur Privatsphäre in SNP Social-Web- Selbstwirksamkeit Privatsphäre- Selbstwirksamkeit Motive, Einstellungen und Vorstellungen Subjektive Normen Selbst- wirksamkeit Anzahl der Profilinformationen ,16 –,07 ,29** –,20*** –,09* ,10* –,07* ,19*** ,02 256 Das Modell er reicht eine Varianz aufklä rung von R² = 16, die als eher klein zu be werten ist. Dennoch lässt sich fest stellen, dass die von uns integrierten Variablen die Summe der auf dem Profil ver öffent lichten Informa tionen – im Gegen satz zur reinen Betrach tung der Risikowahrneh mung und der Sorge um die Privatsphäre (Tabelle 56) – zu einem ge wissen Grad er klären können. Es tragen jedoch nicht alle Faktoren in gleicher Weise zur Varianz aufklä rung bei: Drei Variablen, das Motiv Selbst darstel lung, die Norm zur Nutzung Sozialer Netz werk platt formen und die PrivatsphäreSelbst wirksam keit, leisten keinen signifikanten Beitrag. Die Anzahl der Profilinforma tionen ist also nicht von diesen Regressoren ab hängig. Insbesondere das Motiv der Beziehungs pflege ist be deutsam (β = ,29). Dies ist plausibel, denn viele aus gefüllte Informa tionen auf dem Profil können die Beziehungs pflege er leichtern, z. B. können durch die Angabe von Hobbys und Interessen Gemeinsam keiten betont werden und durch die Angabe von weite ren Kontakt möglich keiten, wie z. B. der InstantMessengerAdresse, kann die Kontakt aufnahme er möglicht werden. Ein ge steigertes Nutzungs motiv zur Pflege sozialer Beziehungen führt daher dazu, mehr Informa tionen auf dem Profil zu ver öffent lichen. Ein weiterer Regressor, der einen ge wissen Einfluss ausübt, ist die SocialWebSelbst wirksam keit (β = ,19). Personen, die sich in der Lage sehen, das Social Web wirksam zu be dienen, neigen eben falls dazu, mehr Profilinforma tionen auszu füllen. Wie er wartet, üben die subjektiven Normen zur Privatsphäre einen negativen Einfluss aus (β = –,07), während die Normen zur Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen einen positiven Beitrag leisten (β = ,10). Insgesamt haben die subjektiven Normen für die Selbstoffen barung über Profilinforma tionen eine ver gleichs weise geringe Bedeu tung. Bei den Einstel lungen zu den Risiken ist es so, dass sowohl eine hohe Wahrneh mung der Risiken zur sozialen Privatsphäre zu weniger aus gefüllten Informa tionen auf dem Profil führt (β = –,09), als auch eine höhere Wertschät zung der Autonomie (β = –,20). Diese Variablen haben also durch aus einen Einfluss auf die OnlineSelbstoffenba rung, jedoch ist dieser im Zusammen spiel mit dem Nutzen, sozialen Normen und der Selbst wirksam keit zu sehen, die die Selbstoffenba rung eben falls be einflussen. Bei den Nutzer profilen handelt es sich um eher statische Formen der Selbstoffenba rung. Sie bleiben über einen längeren Zeitraum be stehen und werden nur selten ver ändert, wie die TrackingAnalyse ge zeigt hat. Dynamische Formen der Selbstoffenba rung – einzelne Kommunika tions akte – gewinnen zunehmend an Bedeu tung und haben gerade auf Facebook – dem von unserer Stichprobe am häufigsten ge nutzten Netz werk – einen identi täts stiften den Stellen wert. Dieser Teil bereich der Selbstoffenba rung er scheint be sonders relevant, da sich hier die Selbstoffenba rung durch Hinzufügen von immer neuen Inhalten aggregiert und be ständig im Umfang zunimmt und sich ver ändert. Daher be trachten wir im zweiten Modell als ab hängige Variable die Häufig keit, 257 mit der solche Handlun gen aus geführt werden (Abbil dung 29). Die Variable Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen aggregiert dabei als Mittel wertindex die durch schnitt liche Häufig keit, mit der die Aktivi täten Status mel dun gen posten, an Pinnwände schreiben, Fotos hochladen und Fotos kommen tie ren aus geführt werden. Abbil dung 29: Modell 2 – Strukturmodell mit den Selbstoffenba rungs-Aktivi täten als ab- hängige Variable Das Modell liefert eine gute Varianz aufklä rung von R² = ,43. Das von uns ver mutete Zusammen spiel von Motiven, Einstel lungen und Normen leistet einen wichti gen Beitrag zur Erklä rung von Selbstoffenba rungs hand lungen auf Sozialen Netz werk platt formen. Selbst wirksam keits erwar tungen spielen hingegen keine Rolle, sie sind keine signifikanten Prädiktoren. Den höchsten Einzel betrag liefert das Motiv Selbst darstel lung (β = ,37). Das Posten von Inhalten erfüllt offen bar diese Gratifika tions leis tung. Dem Uses andGratifica tionsAnsatz folgend ist es plausibel, dass daher Personen, die mit diesem Motiv die Platt formen nutzen, ver stärkt dazu neigen, häufiger Selbstoffenba rungsAktivi täten in Form von Posts und FotoUploads auszu χ² = 6293,6; p < ,001 df = 1840 CFI = ,938 RMSEA = ,022 N = 1.301 * p < ,05; ** p < ,01; *** p < ,001 Motiv Selbstdarstellung Motiv Beziehungspflege Risiken der sozia- len Privatsphäre Einstellung zur Autonomie Normen zur Nutzung von SNP Normen zur Privatsphäre in SNP Social-Web- Selbstwirksamkeit Privatsphäre- Selbstwirksamkeit Motive, Einstellungen und Vorstellungen Subjektive Normen Selbst- wirksamkeit Selbstoffenbarungs- Aktivitäten aus SNP ,43 ,37*** ,07 –,15*** ,07* ,22*** ,17*** ,06 ,02 258 führen und so ihre OnlineIdentität aktiv zu ge stalten. Interessanter weise spielt die Beziehungs pflege als Prädiktor für die Selbstoffenba rungs aktivi täten keine Rolle. Obwohl es sich um kommunikative Aktivi täten handelt, scheint die Präsenta tion der eigenen Person als Motiv bei der (semi)öffent lichen Kommu ni ka tion deut lich im Vordergrund zu stehen. Während die Einschät zung von Risiken zur sozialen Privatsphäre (β = ,07) kaum einen Einfluss hat, führt eine erhöhte Sensitivi tät in Bezug auf die Autonomie dazu, dass weniger ge postet, hoch geladen und kommentiert wird (β = –,15). Selbstoffenba rungs hand lungen könnten schließ lich die Autonomie zukünftig einschränken. Personen, die sehr viel Wert darauf legen, ver halten sich dementsprechend zurück halten der. Der Einfluss der Normen, sowohl zur Nutzung Sozialer Netz werk platt formen (β = ,22) als auch der zum Umgang mit der Privatsphäre auf den Netz werk platt formen, ist positiv (β = ,17). Für die Nutzung der Platt formen er scheint die positive Richtung auf Anhieb schlüssig. Dass auch der Einfluss der Normen zur Privatsphäre positiv ist, mag zunächst über raschen: Ein als gering wahr genommener Privatsphäreschutz der Referenz gruppe führt nicht dazu, dass auch weniger auf die eigene Privatsphäre ge achtet wird, indem ver stärkt eigene Inhalte hoch geladen werden. Stattdessen ist es so, dass Personen, die in ihrem Umfeld den sorgsamen Umgang mit der Privatsphäre fest stellen, dazu neigen, öfter Selbstoffenba rungsAktivi täten auszu führen. In einem Klima des gegen seiti gen Ver trauens ist der Upload von Inhalten an gemessener und wird häufiger durch geführt. Nutzer, die in ihrem Umfeld einen nach lässigen Umgang be obachten, ver halten sich hingegen zurück haltend. Wer zum sozialen Umfeld, in dem die Informa tionen ge postet werden, gehört, kann der Nutzer theoretisch einschränken, indem er die Privatsphäre Optionen ent sprechend anpasst. Die Zugänglich keit zu den ge teilten Informa tionen ist die ab hängige Variable in Modell 3 (Abbil dung 30). Dabei wurde ein Mittelwertindex über alle ab gefragten Bereiche, für die PrivatsphäreEinstel lungen vor genommen wurden, ge bildet. Aus der deskriptiven Aus wertung wissen wir, dass die Varianz in der Stichprobe bei den Privatsphäreop tionen gering ist. Die meisten Nutzer wählen die Einstel lung so, dass alle ihre Inhalte nur ihren Freunden auf der Kontakt liste zugäng lich sind. Das dritte Modell weist die geringste Varianz aufklä rung auf (R² = ,07)28. Vor stel lungen, Normen und Selbst wirksam keit er klären die Restriktivi tät der PrivatsphäreOptionen nur unzu reichend. Die ab hängige Variable ist unter Umständen aus zwei Gründen unge eignet für die Betrach tung in einem Struktur gleichungs modell. Streng genommen besitzt sie nur ordinales Daten niveau und außerdem weist die Mehrzahl der Befragten denselben Wert auf (M = 3,18; 28 Da die Frage nach der Einstel lung der PrivatsphäreOptionen nicht von allen Befragten be antwortet wurde, weißt Modell 3 eine geringere Fallzahl von N = 1.220 auf. 259 SD = ,66): Die Nutzer be schränken den Zugriff auf ihre Informa tionen auf die Kontakte, mit denen sie auf den Sozialen Netz werk platt formen ver bunden sind. In Kapitel 4.3 haben wir bereits fest gestellt, dass sich dieser Standard offen bar etabliert hat. Nur wenige weichen davon ab und ver wenden restriktivere oder offenere Einstel lungen in den PrivatsphäreOptionen. Dieses Ver halten ist offen bar nur bis zu einem ge wissen Grad ab hängig von Einstel lungen, subjek tiven Normen und der Selbst wirksam keit. Ver gleicht man die Einflüsse der Regressoren in dem Modell unter einander, sind diese einleuchtend: Die beiden Nutzungs motive haben keinen Einfluss, ebenso wenig wie die Normen zur Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen und die SocialWebSelbst wirksam keit. Die PrivatsphäreSelbst wirksam keit liefert den höchsten Erklä rungs beitrag (β = –,18). Die wahrgenommene Fähig keit, die eigene Privatsphäre schützen zu können, führt demnach dazu, dass die PrivatsphäreOptionen restriktiver ein gestellt werden. Je höher die Teil nehmer die Risiken der sozialen Privatsphäre be werten (β = –,13) und ihre Autonomie wertschätzen (β = –,14), desto restriktiver sind ihre Privatsphäre χ² = 4069,3; p < ,001 df = 1840 CFI = ,928 RMSEA = ,022 N = 1.220 * p < ,05; ** p < ,01; *** p < ,001 Motiv Selbstdarstellung Motiv Beziehungspflege Risiken der sozia- len Privatsphäre Einstellung zur Autonomie Normen zur Nutzung von SNP Normen zur Privatsphäre in SNP Social-Web- Selbstwirksamkeit Privatsphäre- Selbstwirksamkeit Motive, Einstellungen und Vorstellungen Subjektive Normen Selbst- wirksamkeit Privatsphäre-Optionen (1 = sehr restriktiv, 6 = sehr offen) ,07 –,02 ,10 –,14*** –,13*** –,05 –,08* ,07 –,18*** Abbil dung 30: Modell 3 – Strukturmodell mit den Privatsphäre-Optionen als ab hängige Variable 260 Optionen ein gestellt. Die Normen zur Privatsphäre weisen nur einen schwachen Einfluss auf (β = –,08). In der Tendenz spielen in Modell 3 vor allem die auf die Privatsphäre gerich teten Bestand teile eine Rolle, während die Motive, soziale Normen und Selbst wirksam keits einschät zung, die sich auf die Partizipa tion be ziehen, keine signifikanten Effekte auf weisen. Dies er scheint plausibel, denn Gratifika tionen in Form von Selbst darstel lung und Beziehungs pflege können unabhängig von den ge wählten PrivatsphäreOptionen realisiert werden. Obwohl die Zusam men hänge innerhalb des Modells schlüssig er scheinen, stellen wir fest, dass sich diese Ver haltens dimension nur unzu reichend durch die Kombina tion aus Motiven, Einstel lungen, sozialen Normen und Selbst wirksam keit er klären lässt. Wir richten unseren Blick daher wieder auf die Größe der Netz werke, die zu dem Publikum der Selbstoffenba rungs hand lungen ge hören. In Modell 4 be trachten wir die Anzahl der Kontakte als ab hängige Variable (Abbil dung 31). Abbil dung 31: Modell 4 – Strukturmodell mit der Anzahl der Kontakte als ab hängige Variable χ² = 6256,4; p < ,001 df = 1840 CFI = ,937 RMSEA = ,021 N = 1.301 * p < ,05; ** p < ,01; *** p < ,001 Motiv Selbstdarstellung Motiv Beziehungspflege Risiken der sozia- len Privatsphäre Autonomie Normen zur Nutzung von SNP Normen zur Privatsphäre in SNP Social-Web- Selbstwirksamkeit Privatsphäre- Selbstwirksamkeit Motive, Einstellungen und Vorstellungen Subjektive Normen Selbst- wirksamkeit Anzahl Kontakte ,15 –,30*** ,31** –,25*** ,08* ,15*** –,01 ,15*** ,07 261 Auch dieses Modell hat eine insgesamt kleine Varianz aufklä rung (R² = ,15). Die Motive haben auf die Kontaktanzahl einen ver gleichs weise starken Einfluss, der jedoch bei beiden Motivdimensionen unter schied lich gerichtet ist. Das Motiv Selbst darstel lung (β = –,30) wirkt sich negativ auf die Anzahl der Kontakte aus, während Beziehungs pflege sich positiv darauf aus wirkt (β = ,31). Ver wunder lich daran ist, dass die Personen, denen die Selbst darstel lung auf Sozialen Netz werk platt formen be sonders wichtig ist, offen bar nicht über be sonders große Publika ver fügen. Die Einschät zung der Risiken für die soziale Privatsphäre ist ein signifikanter Prädiktor, der jedoch nur eine geringe Effekt stärke auf weist (β = ,08). Die jenigen, die diese Risiken als be sonders hoch einschätzen, haben also nicht weniger Kontakte, sondern tendenziell sogar etwas mehr. Personen, die Autono mie be sonders hoch be werten, haben hingegen kleinere Kontakt netz werke (β = –,25). Die Wertschät zung der eigenen Autonomie führt folg lich dazu, dass weniger Kontakte auf Sozialen Netz werk platt formen ge knüpft werden. Dieser Zusammen hang ist äußerst plausibel: Ein größeres Publikum hieße, eventuell Personen aus ver schiedenen Kontexten zu integrie ren (z. B. Klassen kameraden, Ver wandte und Vor gesetzte). Dadurch würden Rollenkonflikte wahrschein licher und ein autonomes Ver halten wäre nicht mehr uneingeschränkt möglich. Wenn Personen in ihrem Umfeld eine be sonders starke Norm zur Nutzung Sozialer Netz werk platt formen wahrnehmen, führt dies zu mehr Kontakten auf der Platt form (β = ,15). Wer ver stärkt aus seinem Umfeld wahrnimmt, dass es an gebracht ist, auf den Platt formen präsent zu sein, hat dort mehr Kontakte. Auch die SocialWebSelbst wirksam keit hängt mit einer größeren Kontaktanzahl zusammen (β = ,15). Das Ver trauen in die eigenen Fähig keiten bei der Nutzung des Social Web führt also auch dazu, dass dort in höherem Umfang Kontakte be stehen. Die höhere Anzahl an Kontakten könnte dadurch erklärt werden, dass es sich eventuell nicht nur um aus dem OfflineLeben be kannte Personen, sondern auch um neue Bekannt schaften handelt, die im Internet ge knüpft wurden. Insbesondere bei Modell 4 ist jedoch eine um gekehrte Wirkrich tung der Einflüsse denk bar. Eventuell ist es so, dass eine hohe Kontaktanzahl dazu führt, dass die soziale Norm zur Nutzung der Platt formen ver stärkt wahr genom men wird. Die große Kontaktanzahl kann den sozialen Druck erhöhen, auf den Platt formen präsent zu sein. Außerdem könnte mit zunehmen der Anzahl der Kontakte das Ver trauen in die eigenen Fähig keiten steigen, das Netz nutzen zu können. Die Kontakte bieten eventuell Hilfestel lung bei Problemen, die die Nutzung er leichtern. 262 Zusammen fassung Die vier von uns unter suchten Teil bereiche der Selbstoffenba rung lassen sich unter schied lich gut durch die einzelnen Modelle er klären. Die Selbst darstel lung auf Sozialen Netz werk platt formen findet tatsäch lich in einem Span nungs feld aus positiven und negativen Vor stel lungen statt. Subjektiv wahrgenommene Normen und Selbst wirksam keits erwar tungen haben sich als zweckmäßige Erklä rungs variablen be wiesen. Jedoch spielen nicht alle ver muteten Einfluss variablen in allen Teil bereichen der Selbstoffenba rung dieselbe Rolle. Dass die Dimensionen der Selbstoffenba rung sich stark unter schied lich gut er klären lassen und dass die Einflüsse der Normen zum Teil gegen sätz lich sind, spricht dafür, dass wir es bei der Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werkseiten tatsäch lich mit unter schied lichen Teil bereichen zu tun haben. Das Selbstoffen barungs verhalten setzt sich aus diesen zusammen. Besonders bei den kommunikativen Aktivi täten (Modell 2) wird deut lich, dass ein Span nungs feld zwischen Motiven der Nutzung und dem Schutz der Privatsphäre existiert. Das Motiv Beziehungs pflege und die sozialen Normen leisten hohe Erklä rungs beiträge, die die der Risikoeinschät zung und der Sorge um die Privatsphäre über steigen. Es ist daher richtig, den Blick nicht auf die negativen Folgen, die neue Kommunika tions medien wie Soziale Netz werk plattformen haben können, einzu schränken, sondern auch die positive Seite zu be trachten. Für Jugend liche und junge Erwachsene steht weniger im Mittelpunkt, was sie bei der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen ver lieren können, sondern das, was sie dadurch gewinnen (vgl. Boyd, 2010): Der Nutzen, der aus der Teilhabe an Sozialen Netz werk platt formen ent steht, scheint die Risiken zu über wiegen. Auch die sozialen Normen sind treibende Kräfte, die das OnlineVerhalten der jungen Nutzer zu einem ge wissen Grad be einflussen. Die Nutzer nehmen das Ver halten ihrer Referenz gruppen wahr und stimmen ihr eigenes Handeln darauf ab. Dabei kann man nicht davon sprechen, dass sie das, was sie bei anderen be obachten, unreflektiert kopieren, wie die Ergeb nisse zu den kommu nikativen Aktivi täten (Modell 2) zeigen. Anders als an genommen, wird die Anzahl der Selbstoffenba rungs aktivi täten nicht negativ von den Normen zur Privatsphäre be einflusst, sondern positiv. Die Nutzer reagie ren auf die von ihnen im Umfeld wahrgenommenen Normen beim Umgang mit der Privatsphäre, indem sie sich bei einem als defizitär wahrgenommenen Umfeld zurück haltend ver halten und sich in einem ver trauens würdi gen häufiger offen baren. Wie bereits erwähnt, wäre eine Prüfung der Zusammen hänge im Längs schnitt wünschens wert. Einer seits, um lang fristige Ver ände rungen fest stellen zu können, anderer seits, um die Kausali tät und mögliche Wechselwir kungen zwischen Motiven, Einstel lungen, Normen, der Selbst wirksam keit und der Selbstoffenba rung klären zu können. Die im Modell an genommene Wirkrich 263 tung er scheint uns logisch, aber Rück und Wechselwir kungen der Selbstoffen barung auf die im Modell als Regressoren be trach teten Variablen schließen wir nicht aus. Zudem ist zu be achten, dass die von uns be trach teten Dimensio nen der Selbstoffenba rung ver mutlich nicht unabhängig voneinander existie ren, sondern in einer Wechsel beziehung stehen. Insgesamt sind die von uns ver muteten Zusammen hänge nach weis bar. Motive, Einstel lungen, subjektive Normen und Selbst wirksam keit bieten viel versprechende Ansatz punkte bei medien pädagogi schen Vor haben zur Privat sphäre und Selbstoffenba rung im Social Web. Besonders das Modell 2, welches die Selbstoffenba rungs aktivi täten als ab hängige Variable be trachtet, zeigt einen guten Erklä rungs beitrag. Bei diesem Modell handelt es sich von allen vier Modellen um das interessanteste, da hier die Häufig keit der Selbstoffen barungs aktivi täten als ab hängige Variable unmittel bar im Vordergrund steht. Die anderen drei ab hängi gen Variablen bilden eher länger fristige Zustände ab. Nutzer ent scheiden nicht jeden Tag aufs Neue, auf ihrem Profil mehr oder weniger von sich preis zugeben, und sie stellen auch nicht täglich ihre Privat sphäreOptionen neu ein. Wie die Ergeb nisse des Trackings ge zeigt haben, sind Änderun gen im Profil oder das Anpassen der PrivatsphäreOptionen sehr selten (vgl. Kap. 4.3) und daher sind die beiden Selbstoffenba rungs dimensionen eher als lang fristige Ent schei dungen zu ver stehen. Eben falls lang fristig ist die Ent schei dung, wer zu den Kontakten und Freunden auf Sozialen Netz werk platt formen gehört und damit auch die un gefähre Anzahl dieser Kontakte. Auch in den qualitativen Interviews wurde fest gestellt, dass einige Nutzer eine Policy dazu ent wickeln, mit wem und mit wie vielen Personen sie be freundet sein möchten (vgl. Kap. 2.2). In den Selbstoffenba rungs hand lungen, den Foto Uploads und der Häufig keit von Textbeiträgen drückt sich hingegen tägliches Ver halten aus. Ob den einzelnen Aktivi täten im Sinne der Theory of Planned Behavior tatsäch lich jedes Mal einen Ab wägungs prozess voraus geht, bei dem rationale Ent schei dungen ge troffen werden oder ob diese Handlun gen routiniert ab laufen, kann mit unserer Studie nicht ab schließend ge klärt werden. Die Ergeb nisse aus der Tracking Studie (z. B. Abbil dung 13) weisen aber darauf hin, dass be stimmte Selbstoffenba rungs akte eher spontan und wenig reflektiert er folgen. 4.6 Ergeb nisse im inter nationalen Ver gleich Im Anschluss an unsere eigene quantitative empiri sche Erhebung möchten wir die Ergeb nisse noch einmal im Rück bezug auf Teil I und inter national ver orten. Obwohl Soziale Netz werk platt formen mittlerweile ein gut unter suchtes For schungs feld darstellen und sowohl die Selbst darstel lung, als auch die Ein stellung zur Privatsphäre als eigene Forschungs bereiche innerhalb der kommunika tions 264 wissen schaft lichen Forschung zu Sozialen Netz werk platt formen zu identifizie ren sind (Weissens teiner & Leiner, 2011), gibt es inter national nur wenige Studien, die die Sach verhalte umfassend und an einer Stichprobe ab 12 Jahren be trachten. Zum Ver gleich be sonders relevant und ge eignet er scheinen die Studie EUKidsOnline, die das Internet verhalten von 9 bis 16Jährigen in 23 Europäi schen Ländern unter sucht und die Forschungs berichte des Pew American LifeProject, die sich auf USamerikani sche Grundgesamt heiten be ziehen. Im Folgenden werden daher Ergeb nisse aus diesen beiden Quellen unseren Ergeb nissen gegen über gestellt. Sie werden – wenn es sich anbietet – um weitere Forschungs berichte ergänzt. Auch wenn die Grundgesamt heiten ab weichen, können dennoch Hinweise auf Unter schiede und Gemeinsam keiten hinsicht lich der Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen heraus gestellt werden. Zunächst stellten wir einen deut lichen Unter schied in der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen zwischen älteren und jüngeren Nutzern fest (vgl. Teil III, Kap. 3). Dieser Unter schied zeigt sich auch in weiteren Studien, die als Grund gesamt heit die deutsche Bevölke rung ab bilden. Die älteren Nutzer holen zwar sowohl bei der Internetnut zung als auch bei der Nutzung Sozialer Netz werke auf, dennoch haben diese Platt formen vor allem in der jungen Zielgruppe der unter 30Jährigen eine hohe Reichweite (ARD/ZDFOnlinestudie, 2011; Bitcom, 2011). Auch inter national und in den USA klafft eine Schere zwischen Jung und Alt, was die Adaption der OnlineCommunities angeht. Madden und Zickuhr (2011) stellen in einem Bericht des Pew Internet & American Life Project fest, dass die älteren Onliner bei der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen eben falls auf holen. Den 83 Prozent der unter 30jähri gen Nutzer stehen mittlerweile 70 Prozent 30 bis 49Jährige, 51 Prozent 50 bis 64Jährige und immerhin 33 Prozent über 65Jährige gegen über. Wie Madden (2012) zeigt, posten junge Nutzer zwar häufiger Informa tionen, die sie später bereuen, sie ver halten sich aber auch beim Management ihrer OnlineIdentität offensiver und löschen unerwünschte Kommentare und Tags auf Fotos. Außerdem ent fernen sie eher als ältere Nutzer Personen aus ihrer Kontakt liste. Generell kann ein Trend zur Einschrän kung der OnlineIdentität fest gestellt werden. Auch in Bezug auf Sicher heits vorkeh rungen im Internet besagt die EUKidsOnlineStudie, dass zwei Drittel der europäi schen Jugend lichen im Alter von 9 bis 16 Jahren der Meinung sind, sich im Internet und mit dorti gen Sicher heits vorkeh rungen besser auszu kennen als ihre Eltern (Livingstone, Haddon, Görzig & Ólafsson, 2010). Die Beliebt heit und hohe Nutzungs frequenz von Facebook und Co. unter jungen Nutzern lässt sich auch inter national fest stellen. In Europa sind Soziale Netz werk platt formen vor allem in den Niederlanden beliebt, denn dort besaßen 2010 bereits 78 Prozent der 9 bis 16Jährigen ein eigenes Profil. Eben falls zu den Spitzen reitern ge hören Slowenien (76 Prozent) und Litauen (75 Prozent). 265 Deutschland (50 Prozent) zählt dagegen neben der Türkei und Rumänien (jeweils 47 Prozent) zu den Schluss lichtern (Livingstone & Haddon, 2009). In den USA ver wendeten zu selben Zeit fast drei Viertel (73 Prozent) der Jugend lichen und 72 Prozent der jungen Erwachsenen soziale Netz werkseiten (Lenhart, Purcell, Smith & Zickuhr, 2010). Die Befragten unserer Studie griffen am häufigsten mit dem eigenen Com puter von zu Hause aus auf das Internet zu (90 Prozent). Etwa die Hälfte (45 Prozent) der Befragten nutzt das Internet zusätz lich an Orten wie dem Aus bil dungs oder Arbeits platz bzw. der Schule oder Hoch schule. Lampert (2010) stellt fest, dass auch in anderen Ländern die Nutzung daheim sehr hoch aus geprägt ist. In manchen Ländern findet dies aber auch in hohem Maße von der Schule aus statt: In Großbritannien sind dies 92 Prozent (zu Hause) bzw. 89 Prozent (Schule) und in Dänemark 99 Prozent (zu Hause) bzw. 80 Prozent (Schule). Deutschland liegt in ihrer Betrach tung im Mittelfeld (92 Prozent nutzen das Internet von zu Hause aus, 55 Prozent in der Schule). Große Diskrepanzen zwischen den Orten ergeben sich in Litauen (95 Prozent vs. 25 Prozent), Rumänien (87 Prozent vs. 28 Prozent) und Bulgarien (85 Prozent vs. 29 Prozent). Auch in den USA ge hören die Sozialen Netz werk platt formen zu den be liebtesten An geboten (Lenhart et al., 2010). Im Kontext zum European Safer InternetProjekt EUKidsOnline unter suchen Taraszow, Aristodemou, Shitta, Laouris und Arsoy (2010) die Preis gabe von Informa tionen über das Selbst auf Sozialen Netz werk platt formen. Obwohl fast alle der Befragten angaben, sich Sorgen um den Schutz ihrer Daten zu machen, zeigen die Ergeb nisse, dass es trotzdem eine sehr hohe Bereit schaft zur Preis gabe persön licher Informa tionen gibt. Fast alle (96 Prozent) gaben ihren echten Namen an, genauso wie alle ihr Geburts datum und ihr Geschlecht (97 Prozent) ver öffent lichten. Ein ebenso hoher Anteil ver öffent licht ein Profil foto von sich. Diese Ergeb nisse können wir in unserer Studie für deutsche Jugend liche nicht in so hohem Maße fest stellen. Zwar weisen auch die meisten Profile der deutschen Nutzer einen echten Namen, die Angabe des Geschlechts und ein Profilfoto auf, jedoch sind die von uns er mittelten Werte etwas geringer. Taraszow et al. (2010) stellen fest, dass drei Viertel der Nutzer ihr Profil nur für Freunde zugäng lich machen. Mit 82 Prozent sind auch die meisten Profile in unserer Stichprobe nach Nutzer angaben nur für ihr eigenes Kontakt netz werk zugäng lich. Die allgemeine Einschät zung der Forscher des EUKidsOnlineProjekts ordnet die Jugend lichen aus Finnland, Slowenien und den Niederlanden als über durch schnitt lich kompetent be züglich ihrer Kennt nisse über das Internet und dortige Sicher heits vorkeh rungen ein (Livingstone et al., 2010). Diese gaben an, über vier der acht ab gefragten Fähig keiten zu ver fügen. Zu diesen zählt unter anderem, dass die Nutzer sich in der Lage fühlen, Informa tionen über den sicheren Umgang im Internet heraus zufinden. Seine PrivatsphäreEinstel 266 lungen für das eigene Profil auf einer Sozialen Netz werk platt form ändern zu können, stellt eine weitere Fähig keit dar. Deutschland liegt dabei knapp unter dem Durch schnitt. Die Schluss lichter bilden Irland, Ungarn, Italien, Rumänien und die Türkei. Diese Einschät zung deckt sich nicht mit der Selbsteinstu fung der von uns be fragten Jugend lichen und jungen Erwachsenen, die sich eine relativ hohe Internet, SocialWeb und PrivatsphäreSelbst wirksam keit zuschrei ben. Die von uns unter suchte Stichprobe belegt im Gegen satz zu den in EUKidsOnline unter suchten, dass sich deutsche Jugend liche als kompetent zeigen, was die Einstel lungen ihrer Privatsphäreop tionen angeht. Ledig lich die ganz jungen 12 bis 14jähri gen Nutzer und Personen mit niedri gem formalen Bildungs grad weisen Defizite auf und haben ihre PrivatsphäreEinstel lungen weniger oft an gepasst. Den Gender Gap in der Nutzung von Privatsphäre Einstel lungen (Madden, 2012) können wir für Deutschland tendenziell be stäti gen. Weibliche Nutzer haben die PrivatsphäreOptionen bereits häufiger an gepasst und stellen ihre Privatsphäre restriktiver ein. Livingstone (2008) unter sucht das Nutzungs verhalten Jugend licher auf Sozia len Netz werk platt formen anhand der qualitativen Befra gung von britischen 13 bis 16Jährigen, um die Ver bindungen zwischen Chancen und Risiken des Internet aus findig zu machen. Vielen Jugend lichen ist eine aus giebige Beschäfti gung mit den Sicher heits einstel lungen oft zu auf wendig, dennoch ist ihnen der Daten schutz und die Privatsphäre ein Anliegen. Sie achten deshalb darauf, nicht allzu viele persön liche Informa tionen über sich online zu stellen. Teenager gehen nach dem Aus schlussprinzip vor und über legen eher, welche Inhalte sie nicht ver öffent lichen wollen, an statt sich Gedanken darüber zu machen, was sie preis geben möchten (Boyd & Marwick, 2011). Das spiegelt sich auch in unseren Ergeb nissen wider. Die Ergeb nisse unserer standardisierten Befra gung zur Sorge um die Privat sphäre weisen darauf hin, dass sich die be fragten Jugend lichen und jungen Erwachsenen über die unter suchten Alters gruppen hinweg in ähnlichem Umfang um die eigene Privatsphäre sorgen und sich anhand techni scher Einstel lungen schützen wollen. Jüngere Nutzer sind ebenso wie junge Erwachsene sensibilisiert für dieses Thema. Ebenso wie die USamerikani schen Jugend lichen in einer Studie des Pew Internet & American Life Project ver walten die meisten ihre persön lichen Informa tionen aktiv (Lenhart & Madden, 2007). 267 Literatur ADM (2006). ADM Richtlinie Daten schutz. 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Ziel der Interviews war es, das Wissen, die Erfah rungen und die Ansichten von ver schiedenen Experten dazu zu eruieren, welche Heraus forde rungen und Möglich keiten das Internet im Allgemeinen und Soziale Netz werk platt formen im Besonde ren für Jugend liche und junge Erwachsene bieten und wie man sie darin unter stützen kann, mit diesen Heraus forde rungen und Möglich keiten umzu gehen. Auf gegriffen wurde damit die der Gesamt studie zugrunde liegende Fragestel lung, über welches Wissen Eltern, Pädagogen und weitere gesell schaft liche Ent scheider als Voraus setzung für adäquates Handeln gegen über Jugend lichen ver fügen sollten. Dieses Erkenntnis interesse gliederte den ver wendeten Inter view leit faden (siehe OnlineAnhang) in drei Bereiche: In einem ersten Bereich (Sachwissen) zielten unsere Fragen darauf ab, welche Nutzungs weisen des Social Web durch Jugend liche und junge Erwachsene den Experten bekannt sind, was sie über die Interessen und Deutungs muster der Jugend lichen und jungen Erwachsenen bei der Nutzung wissen und welche Risikobereiche der Ver öffent lichung persön licher Daten für sie be deutsam sind. In einem zweiten Bereich (Hand lungs wissen) sind wir im Interview der Frage nach gegangen, wie nach Ansicht der Interviewten Jugend liche und junge Erwachsene an die sichere Internetnut zung heran geführt werden könnten (proaktive Maßnahmen) und welche Möglich keiten es gibt, junge Nutzer im Umgang mit z. B. nicht intendierten Konsequenzen der Ver öffent lichung persön licher Daten zu unter stützen (reaktive Maßnahmen). In einem dritten Bereich (Begrün dungs wissen) schließ lich ging es darum, welche Werte und Einstel lungen die Experten im 272 Zusammen hang mit dem Social Web verbalisie ren, welche Empfeh lungen sie vor diesem Hinter grund für den Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen haben und welche Effekte sie bei Jugend lichen und jungen Erwachsenen er warten. Die methodi schen Leitlinien hinter der Konstruk tion des Interviewleit fadens (siehe OnlineAnhang) ent sprechen weit gehend denen, die wir auch bei der Konstruk tion des Interviewleit fadens für Jugend liche und junge Erwachsene zugrunde gelegt haben (siehe Kap. 3.1). Die Regeldauer der Experten interviews war mit 45 Minuten an gesetzt. Die Interviews dauerten zusammen mit dem Gesprächs einstieg und ende zwischen 35 Minuten und einer knappen Stunde. 11 der 13 Interviews dauerten 45 Minuten und länger; die beiden anderen Interviews fielen mit 35 und 39 Minuten etwas kürzer aus. 9 der 13 Interviews wurden – je nach techni scher Aus stat tung der Interviewten und mit deren Einverständnis – am Telefon oder über einen Internettelefondienst auf gezeichnet. Drei Interviews fanden in den Arbeits räumen der Interviewten statt. Ein Interview wurde spontan – da alle Konferenz räume belegt und die Arbeits räume nicht un gestört waren – in ein öffent liches Café ver lagert. 5.1.2 Stichprobe und Erhebung Die Interviews fanden im Zeitraum von August bis November 2011 statt. Ziel bei der Akquise der Experten aus ganz Deutschland war es, zusätz lich zu den Interviews mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen ein breites Spektrum an Erfah rungen und Einstel lungen auch aus Experten sicht einzu fangen. Kriterien bei der Auswahl der Interviewten waren Alter, Tätig keiten (Schule, Jugendarbeit, Medien), Berufs erfah rung sowie institutio nelle Einbet tung (Führungs kraft, An gestellte, Freiberufler, Ehren amtliche). Das Profil der Interviewten recher chier ten wir jeweils vor der Kontakt aufnahme. Die Tabelle 59 liefert eine knappe Über sicht der Interviewten. Wir haben bei der Zusammen stel lung der Stichprobe darauf ge achtet, dass die Experten aus ver schiedenen Kontexten kommen. Experten aus der Domäne Schule sollten Lehrer mit der Fähig keit zur kritischen Reflexion ihrer Berufs praxis oder im schuli schen Umfeld aktive Mitarbeiter von Initiativen mit Erfah rungen in der Fortbil dung von Pädagogen sein. Experten aus der Domäne Jugendarbeit sollten selbst in medien pädagogi schen Projekten mit Jugend lichen arbeiten oder Erfah rungen in der Sensibilisie rung von Pädagogen und Eltern auf weisen. Experten aus der Domäne Medien sind Personen, die von Jugend lichen und jungen Erwachsenen ge nutzte Medien angebote im Internet selbst ge stalten oder sich kritisch mit diesen auseinander setzen. Über die Ver wertung der Daten im Rahmen von Forschungs zwecken wurden die Interviewten ebenso informiert wie über das späteste Datum der Löschung der digitalen Gesprächs aufzeich nungen und die Möglich keit der Einsicht in die Aus wertungen nach 273 deren Publika tion. Alle Interviews wurden von demselben wissen schaft lichen Mitarbeiter ge führt. Forschungs relevante Elemente in den Interviewsitua tionen, die über die auf genommenen Gespräche hinaus gehen, wurden notiert und in der Aus wertung be rücksichtigt. 5.1.3 Aus wertung und Darstel lung In der Interviewstudie mit Experten ist in analoger Form zur Interviewstudie mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen das Relevanz system durch die Forschungs fragen vor gegeben und der Interviewleit faden ent sprechend vor geprägt. Die Aus wertung wurde nach demselben Muster in Form einer zusam men fassen den Inhalts analyse und anhand eines ähnlichen Aus wer tungs leit fadens mit Kategorien, Kodes, Begrün dungen und Beispielen vor genommen wie bei den Jugend lichen und jungen Erwachsenen (vgl. Ab schnitt 2.1.3). Auch die Tabelle 59: Zusammen stel lung der Stichprobe für die Interviews mit Experten Name, Alter und Tätig keits beschrei bung D o m än e S ch ul e Richard R. (Mitte 40) Fachlehrer an einem Gymnasium. Sein pädagogisch-didakti scher Schwerpunkt liegt in der Nutzung moderner Medien im Unter richt. Tom F. (Ende 50) Oberstudienrat an einem Gymnasium. Engagiert sich für medien pädagogi sche Projekte. Betreut derzeit ein Projekt der Peer-Educa tion. Karl E. (Anfang 40) Mitarbeiter in einer Stiftung. Ver netzt Leh- rende und unter stützt sie in der Nutzung digitaler Technologien im Unter richt. Matthias S. (Anfang 40) Selbst ständi ger Unter nehmer und externer Daten schutz beauftragter. Informiert in Schulen Jugend liche über Daten schutz im Internet. D o m än e Ju g en d ar b ei t Sabine R. (Ende 40) Freiberuf liche Medien pädagogin. Arbeitet mit Jugend lichen und deren Eltern und informiert zur Medien nutzung. Peter P. (Mitte 50) Vor stand einer medien pädagogi schen Fach- einrich tung. Leitet An gebote für Kinder und Jugend liche. Ver öffent licht Projekterfah rungen. Frank O. (Mitte 40) Selbst ständi ger Rechts anwalt mit Spezialisie rung auf Jugend und Sozial- recht. Schult Jugendarbeiter im Jugend- medien schutz recht. Alexander M. (Mitte 30) Referent eines von der Europäi schen Union ge förderten Projekts zur Sensibilisie rung für Internet sicher heit und Medien kompetenz. Kerstin H. (Mitte 30) Medien pädagogi sche Ansprechpartnerin einer Medien fach bera tung. Bietet Projekte mit Jugend lichen an und berät Jugend- arbeiter. D o m än e M ed ie n Karsten S. (Mitte 30) Freiberuf licher Autor. Ver tritt die These, dass die Ver brei tung von persön lichen Daten im Internet nicht reguliert werden kann. Tamara N. (Mitte 20) Media Educa tion Manager einer Sozialen Netz- werk platt form. Unter stützt Lehrer, Schüler und Eltern im Umgang mit persön lichen Daten. Klaus G. (Ende 20) Social Media Manager in einer Online- Marketing-Agentur. Konzipiert und betreut Kampagnen in Sozialen Netz werk platt- formen. Bernd D. (Anfang 30) Jugendmedien schutz referent in einer Selbst- kontrollorganisa tion von Medien verbänden und Unter nehmen der Online-Wirtschaft. 274 Experten interviews wurden trans kribiert, mit MAXQDA kodiert, danach auf ca. vier bis sechs Seiten zusammen gefasst und als Basis für die Suche nach Gemeinsam keiten und Unter schieden zwischen den Interviewten ver wendet. Noch mehr als bei der Interviewstudie mit den 24 Jugend lichen und jungen Erwachsenen gilt, dass sich aus unseren qualitativen Daten keine Zusammen hänge zwischen der Domänen zugehörig keit der Experten einer seits und deren Wissen, Einschät zungen und Empfeh lungen anderer seits ab leiten lassen. Wenn dennoch an einigen Stellen die Aus führungen der Experten nach Domänen ge bündelt werden, dann geschieht dies nur an Stellen, wo sich tendenziell Unter schiede er kennen lassen. Ver gleich bar zur Darstel lung der Resultate unserer qualitativen Studie mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen be ginnen wir die Darstel lung der Ergeb nisse in einem ersten Schritt mit kurzen Profilen der 13 Experten, mit denen wir ge sprochen haben. Diese Profile umfassen zum einen Angaben zum be ruflichen Hinter grund und zur Tätig keit, welche die Interviewten zu Experten in Sachen Nutzung sozialer Netz werke machen, und zum anderen einen kurzen Über blick über die Resultate. In einem zweiten Schritt werden die Interview ergeb nisse wiederum über alle Befragten hinweg zusammen gefasst, und zwar in Bezug auf das Fremdbild über die jugend liche Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen, die eigene Auf fassung von Privat heit und Öffentlich keit, die Einschät zung von Chancen und Risiken Sozialer Netz werk platt formen sowie in Bezug auf Annahmen über er forder liche Kompetenzen im Umgang mit diesen und über mögliche und wünschens werte Maßnahmen zur Kompetenz förde rung. In einem dritten Schritt formulie ren wir Empfeh lungen, die man aus den Experten interviews heraus lesen kann, und gruppie ren diese zu insgesamt vier ver schiedenen Tendenzen. 275 5.2 Ergeb nisse 5.2.1 Profile der Experten Experten aus der Domäne Schule Richard R. Richard R. (Mitte 40) unter richtet seit Ende der 1990er Jahre die Fächer Englisch und Deutsch an einem Gymnasium. Nach einem Kompakt studium unter richtet er seit Mitte des Jahres 2000 zusätz lich das Fach Informatik. Sein pädagogisch-didakti scher Schwerpunkt ist die Nutzung moderner Medien im Unter richt. Er ist zudem Mitarbeiter in der Lehrer- ausbil dung an einer Universi tät. Richard R. führt einen Blog, in dem er öffent lich über seinen Alltag in der Schule be richtete. Er thematisiert Daten schutz und Persönlich keits rechte im Social Web in seinem Unter richt. Er ist stark an Werkzeugen der digitalen Öffentlich keit interessiert und pflegt Profile in Diensten wie Facebook, Twitter, Google+, Flickr, YouTube, Delicious, Mister Wong und Skype. ■■ Richard R. ver wendet selbst mehrere Platt formen, um zu kommunizie ren. Er geht davon aus, dass Schüler ab der siebten Klasse Soziale Netz werk platt formen nutzen und vor allem in Facebook aktiv sind, wo sie nur wenig Text selbst produzie ren. In Facebook ist er selbst mit seinen Schülern be freundet. ■■ Als privat be wertet Richard R. Informa tionen über die eigene Familie und Stimmungs lage. In Twitter schreibt er kürzere Bemer kungen und Status meldun gen, jedoch nicht über Kollegen, Schüler oder die Schullei tung. ■■ Ein Risiko der Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen sieht Richard R. darin, dass Personen unerlaubt auf Fotos markiert werden oder Cybermobbing be trieben wird. Dennoch könnten Medien, auch Facebook, im Unter richt ver wendet werden. Jugend liche schätzt Richard R. so ein, dass sie eher nach komfortablen Lösungen (wie Facebook) suchen, die sie einfach und ohne Aufwand anwenden können, an statt sich mit ver schiedenen Medien intensiv auseinander zusetzen. ■■ Richard R. fordert, dass Jugend liche Lese verstehen und techni sches Wissen er werben sollten. Sie sollten ein Bewusstsein für Öffentlich keit und Privat heit ent wickeln. Um die Jugend lichen zu unter stützen, müssten sie aktiviert werden, eigene Erfah rungen zu sammeln; das sei effektiv. Lehrer sollten den Schülern als kompetente Ansprechpartner bei Problemen zur Ver fügung stehen. An sich, so Richard R., müsse man die Themen Daten schutz und Persönlich keits rechte mit in den Lehrplan auf nehmen. Ver mitt lung und Wissens austausch durch Peers sieht er kritisch. Richard R. kann auf vielfältige Erfah rungen aus dem Schulalltag zurück greifen. Er ist selbst in sozialen Netz werken aktiv und bringt viele Vor schläge dafür ein, welche Kompetenzen man wie für eine Nutzung Sozialer Netz werk platt formen fördern sollte. „Ich mache es so, dass ich eigent lich von den aktuellen Schülern, die ich in dem Jahr habe, die Freundschafts anfragen akzeptiere und am Ende des Schuljahres dann wieder lösche. So bin ich doch für die Schüler er reich bar, wenn sie etwas wissen wollen.“ 276 Tom F. Tom F. (Ende 50) ist Oberstudienrat an einem Gymnasium. Er unter richtet die Fächer Biologie, Politik und Sozialwissen schaften. Früher war er Mitarbeiter im Bereich digitale Medien an einem Landesinstitut. Seit 2011 betreut er ein Projekt, das dem Ansatz der „Peer-Educa tion“ folgt, bei dem Schüler andere Schüler in der Medien nutzung unter stützen. Schon früher hat er sich im Bereich Medien kompetenz engagiert. Er schrieb für das Portal Lehrer-Online und initiierte Medien-Initiativen an Schulen. Für das Portal Klicksafe ver fasst er Publika tionen und Unter richts material für Lehrende. Darunter sind auch Unter richts materialien zu Sozialen Netz werken, Daten schutz und Cyber-Mobbing. ■■ Tom F. nutzt selbst ver schiedene Medien und ver sucht, immer auf dem Laufenden zu bleiben. Er denkt, dass die Medien nutzung für Jugend liche eine große Rolle spielt, vor allem für die Kommunika tion. Die digitale Welt generell (nicht nur Soziale Netz werk platt formen) empfindet er als sehr schnell lebig und hochdynamisch. ■■ Es gibt einige Daten, die Tom F. zufolge nicht im Internet ver öffent licht werden sollten; dazu zählt unter anderem die persön liche Stimmungs lage. Ver öffent licht werden sollte nur, was man kontrollie ren kann. Jeder Nutzer sollte sich immer Gedanken darüber machen, was auf welcher Platt form ver öffent licht wird. ■■ Risiken in der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen sieht Tom F. darin, dass nur schwer zu kontrollie ren ist, wer ver öffentlichte Daten sehen kann, und dass diese auch noch nach Jahren im Internet zu finden sind. Jugend liche schätzt Tom F. so ein, dass sie kein Gespür für ihre Daten haben. Mit Sorge be obachtet er den Trend, dass immer mehr ver öffent licht wird und nur noch Weniges privat bleibt. ■■ Einer seits schätzt Tom F. Jugend liche als durch aus kompetent im Umgang mit dem Internet ein. Anderer seits be obachtet er eine große Sorglosig keit. Um Jugend liche zu unter- stützen, ein höheres Bewusstsein für die „Trageweite“ ihrer Ver öffent lichungen im Netz zu er langen, sollten Beispiele aus ihren Lebens welten ver wendet werden. Zudem sollte man Jugend lichen die Möglich keit geben, möglichst viel selbst auszu probie ren. Für Tom F. haben die Peers große Einfluss möglich keiten, was man nutzen sollte, um Jugend liche zu sensibilisie- ren. Er plädiert für eine positive Grundstim mung bei allen Beteiligten, weil nur so Unter stüt- zung in Sachen Daten schutz ge lingen könne. Die Peer-Gruppe hat für Tom F. in Sachen Unter stüt zung von Jugend lichen einen sehr hohen Stellen wert. Er hat viel Erfah rung und weiß, dass Freunde, aber auch Eltern, einen anderen Einfluss als Lehrer oder Vor tragende haben. Seine Über zeugung setzt Tom F. auch in konkreten Projekten um, die er neben seiner Lehrtätig keit betreut. „Was ich hoffent lich er reiche, ist natür lich eine Sensibilisie rung. Ich muss sagen, viele Jugend liche gehen nicht sehr sensibel mit ihren Daten um. Sie haben einfach kein Gespür dafür, was jetzt eigent lich öffent lich sein darf und wo man ein bisschen auf- passen sollte …“ 277 Karl E. Karl E. (Anfang 40) studierte die Fächer Englisch, Deutsch und Biologie auf Lehramt. Er unter richtete an einer Realschule neben Englisch und Biologie auch Informa tions- und Kommunika tions technologien. Aus Passion für das Lernen mit neuen Medien unter stützte er in einem Internetportal den Aufbau eines Bereichs zum Online-Lernen für Schüler und Lehrkräfte. Seit 2004 ist er Mitarbeiter einer Stiftung. In einem Schul- bzw. Lehrer-Projekt, das sich mit Fragen der Heterogeni tät be schäftigt, arbeitet er aktuell daran, dass Lehrende ihre Erfah rungen aus tauschen und sich ver netzen und dabei digitale Technologien nutzen, Anwen dungen des Social Web im Unter richt ver wenden und mit dem Elternhaus zusammen- arbeiten. Soziale Netz werk platt formen sieht Karl E. auch als Chance für die Kommunika tion zwischen Lehrenden. Er ist seit einigen Jahren Mitorganisator von Barcamps und EduCamps. ■■ Bedingt durch sein Projekt nutzt Karl E. unter anderem auch Facebook. Infolge seiner bisheri gen und aktuellen Tätig keiten ist er mit neuen digitalen Anwen dungen sehr ver traut. Aus seiner Sicht nutzen Lehrer das Internet primär zur Informa tions beschaf fung. Jugend- liche dagegen seien eher an den Kommunika tions möglich keiten im Netz, aber auch an Spielen am Computer interessiert. ■■ Private Familien bilder oder Fotos von Feiern sind für Karl E. nicht für die Öffentlich keit ge eignet, sondern allen falls für den privaten Kreis, zu dem man Ver trauen hat. Generell be wertet er personen bezogene Daten im Internet kritisch und ist der Meinung, dass die Wahrung der Persönlich keits rechte zunehmend schwierig wird. Wichtig ist Karl E. jedoch die Möglich keit einer freien Meinungs äuße rung. ■■ Als Risiko be wertet Karl E. die Tatsache, dass alles, was im Internet und damit auch auf Sozialen Netz werk platt formen ver öffent licht wird, für jeden einseh bar ist und daraus Nachteile ent stehen können. Eine große Chance von Sozialen Netz werk platt formen erkennt er in Möglich keiten der hierarchiefreien Kommunika tion. ■■ Karl E. fordert, vor allem kritische Medien kompetenz zu fördern, unter anderem im Umgang mit personen bezogenen Daten. Hier dürfe man auch nicht zu spät be ginnen – bereits in der Grundschule müsse hier an gesetzt werden. Schüler müssen laut Karl E. aktiviert werden und selbst lernen. Aber auch die Eltern sollten sich in die Medien bildung der Schüler einbringen, dafür den Kontakt zur Schule suchen und sich selbst im Umgang mit digitalen Medien fortbilden. Karl E. sieht viele Vor teile und Möglich keiten von sozialen Netz werken – gerade auch für Lehrer. Er ist jedoch auch sehr kritisch, wenn es um personen bezogene Daten geht. Seine Zielgruppe sind weniger die Jugend lichen selbst als vielmehr deren Lehrer. Diese sieht er in Sachen Unter stüt zung ebenso in der Pflicht wie die Eltern. „Aber spätestens in der Grundschule, finde ich, wäre es schon an der Zeit, um auch wirk lich in engere Gespräche einzu tauchen, das kann ein Informa tions abend für Eltern sein, wo auch jemand ein geladen wird, der sich richtig mit dem Thema aus- kennt, das kann jemand aus dem Kollegium sein, das kann aber auch jemand von außerhalb sein.“ 278 Matthias S. Matthias S. (Anfang 40) ist Diplom-Betriebs wirt mit Schwerpunkt Wirtschafts informatik und leitet eine Unter nehmens bera tung. Als externer Daten schutz beauftragter berät er Firmen in Fragen zu Daten schutz und Daten sicher heit. Seit Mitte 2000 ist er Mitglied im Berufs verband der Daten schutz beauftragten Deutschland e. V. (BvD) und engagiert sich als Regionalgruppen- und Arbeits kreis leiter. Über dieses Engagement kam er mit dem Arbeits kreis „Daten schutz geht zur Schule“ in Kontakt. Darin be suchen er und Kollegen aus dem BvD Schulen in ganz Deutschland und ver mitteln Schülern, wie sie in der Nutzung von Mobiltelefonen, Sozialen Netz werk platt formen oder anderen Diensten die Kontrolle über ihre persön lichen Daten zurück gewinnen. Im Rahmen dieser Tätig keit hat Matthias S. bisher mehrere tausend Jugend liche betreut. In Zukunft will der BvD ein bundes weites Netz von Referenten auf- bauen. ■■ Matthias S. ist medienerfahren, äußert sich aber nicht zu seinem konkreten Nutzungs- verhalten. Er geht davon aus, dass Jugend liche die meiste Zeit im Internet ver bringen, um nichts zu ver passen; das gelte insbesondere für Soziale Netz werk platt formen. Er ver mutet, dass sich Jugend liche in ihrer Selbst darstel lung im Internet vor allem an der Werbung orientie ren. ■■ Für Matthias S. ist ein sehr sorgsamer Umgang mit seinen Daten wichtig. So achtet er genau darauf, welche Daten über ihn im Internet zu finden sind und ver nichtet Post mit personen bezogenen Inhalten. Er ist der Ansicht, dass man mit digitalen Medien gut umgehen kann, wenn es einem ge lingt, die Risiken zu minimie ren. ■■ Jugend liche ver stehen Matthias S. zufolge oftmals nicht die Tragweite dessen, was sie im Internet ver öffent lichen. Ein weiteres Risiko sieht er in der Ver brei tung von Trojanern. Er betont aber auch die Vor teile des Internet, die darin be stehen, dass man einfach und schnell miteinander kommunizie ren kann. ■■ Jugend liche müssten ein Bewusstsein dafür ent wickeln, dass einmal ver öffentlichte Inhalte im Internet nicht ver schwinden, sondern auch noch nach Jahren auf find bar sind. Matthias S. plädiert vor diesem Hinter grund für Vor träge über den Daten schutz, um Jugend liche über dieses Risiko in sozialen Netz werken zu informie ren. Schulen, Eltern und Lehrer sollten solche An gebote annehmen. Zudem wäre es wünschens wert, wenn Anbieter von sozialen Netz werken Jugend liche darin unter stützen würden, Daten zu löschen. Für Matthias S. sind, infolge seines Berufes, daten schutz recht liche Aspekte bei der Internet- nut zung zentral. Seine Argumente spiegeln vor allem seine Rolle als Daten schutz beauftragten wider. Obschon er vor allem die Gefahren, die von Sozialen Netz werk platt formen aus gehen, benennt, hält er es durch aus für möglich, mit diesen ver nünftig umzu gehen und junge Menschen durch Informa tion für die Risiken zu sensibilisie ren. „Ich denke einfach, wenn man weiß, was man tut und wenn man die Risiken so weit wie möglich minimiert, dann kann man auch mit den ganzen Neuen Medien umgehen. Das Problem ist bloß: Wer weiß eigent lich noch wirk lich, was er tut?“ 279 Experten aus der Domäne Jugendarbeit Sabine R. Sabine R. (Ende 40) ist Diplom-Pädagogin und arbeitet seit Ende der 1990er Jahre als freiberuf liche Medien pädagogin. Sie ver fügt über Aus bildungen als Familien mediatorin und systemati sche Beraterin. Sie arbeitete als freie Mitarbeiterin für ver schiedene Institute und Landes anstalten sowie als Beraterin im Bereich Senioren und inter kulturelle Bildung. Sie ist durch ihre Arbeit mit vielen Jugend lichen ver netzt, und kommt dadurch immer wieder in Kontakt mit privaten Beiträgen, die in Platt formen wie Facebook oder schülerVZ unabsicht- lich und teil weise bewusst öffent lich sicht bar ge macht werden. Es ist ihr ein Anliegen, Eltern zu ver mitteln, dass es zu ihren wichtigsten Erziehungs aufgaben gehört, mit ihren Kindern gemeinsam positive Medien erleb nisse zu haben. ■■ Soziale Netz werk platt formen wie Facebook werden auch von Sabine R. ge nutzt. Sie denkt allerdings, dass Jugend liche weniger Erfah rungen und Weit sicht im Umgang mit dem Internet haben als Erwachsene und sich weniger Gedanken über den Schutz der Privatsphäre machen. Die Nutzung von Netz werken ist bei den Jugend lichen aus ihrer Sicht stark vom Trend ab hängig. ■■ Persön liche Daten wie Wohnort, Fotos, Freunde, Hobbys ver öffent licht Sabine R. selbst nicht. Öffent lich schreibt sie nur über be rufliche Aspekte. Wichtig ist ihr, dass das Ver linken von Fotos kontrolliert wird und wenn möglich, Bilder im Internet ganz ver mieden werden. ■■ Sabine R. sieht in Fotos, die auf Sozialen Netz werk platt formen kursie ren, ein be sonde res Risiko. Dass man auf diesen Platt formen sehr einfach kommunizie ren kann, findet sie dagegen gut. Die Medien kompetenz von Jugend lichen schätzt Sabine R. als eher gering ein; die nötige Ernst haftig keit und Reflexion über die Konsequenzen des eigenen Tuns sei gerade bei Jüngeren nicht vor handen. ■■ Eltern können ihre Kinder Sabine R. zufolge dadurch unter stützen, dass sie sich selbst über den Daten schutz informie ren und ver suchen, das Handeln der Jugend lichen nach- zuvollziehen. Dazu müssten sie selbst das Internet, vor allem Spiele oder Chaträume, aus- probie ren. Lehrer sollten dem Thema Medien deut lich mehr Raum geben und sich darauf einlassen. Internetdienst leister sieht Sabine R. in der Pflicht, ihre Privatsphäre-Einstel lungen transparenter und intuitiver zu ge stalten. Sabine R. kennt sich mit der prakti schen Handha bung von Sozialen Netz werk platt formen gut aus und hat viel Kontakt zu Jugend lichen. Ihr ist es ein Anliegen, Jugend liche und ihre Eltern zu informie ren wie auch zu sensibilisie ren. Von den Eltern er wartet sie, dass sie die Aktivi täten ihrer Kinder im Internet nicht ver urteilen, sondern das selbst aus probie ren, um sich eine Meinung zu bilden. „Es ist eine Ambivalenz vor handen: Wenn mich einer persön lich nach Daten fragt, bin ich ganz skeptisch und misstrauisch und sage ‚Warum fragen Sie mich das? Sag ich Ihnen nicht‘, aber anderer seits bin ich ganz selbst verständ lich und dränge den Leuten meine Daten auf mit den Möglich keiten, die ich habe.“ 280 Peter P. Peter P. (Mitte 50) ist geschäfts führen der Vor stand eines Mitte der 1990er Jahre ge gründeten Ver eins, der eine bundes weit agierende medien pädagogi sche Facheinrich tung trägt. Diese ist als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt. Mit seinen fest an gestellten und freien Mitarbeitern bietet der Verein unter anderem regelmäßige Computerclubs, Ver anstal tungen und pädagogi sche Handreichungen im Bereich Computer/Internet und Kinder/Jugend liche an. Ziel des Ver eins ist es, digitale Heraus forde rungen praxisnah und kritisch aufzu greifen und die ge wonnenen Erfah rungen an pädagogisch Ver antwort liche und Interessierte weiter- zugeben. Peter P. ist selbst aktiver Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen und ver öffent- licht darüber hinaus Artikel und Bücher. ■■ Peter P. ist auf mehreren Netz werk platt formen aktiv, ver netzt sich dort aber nicht mit Jugend lichen und Kollegen. Er postet keine privaten Dinge oder Belanglosig keiten und findet dies auch bei der Internetnut zung Jugend licher nicht gut. Im Internet ist aus be- ruflichen Gründen dennoch viel über ihn zu finden. ■■ Privat heit und Öffentlich keit haben für Peter P. auch eine politi sche Komponente. Er ver- weist auf die Volks zählung 1984, bei der er selbst engagiert gegen die Erhebung von persön lichen Daten ge kämpft hat. Auch heute gibt er keine personen bezogenen Daten preis. Was Privat heit ist, be findet sich seiner Meinung nach im Wandel und ist auch davon ab hängig, auf welche (Teil-)Öffentlich keit man sich bezieht. ■■ Neben Mobbing nennt Peter P. als weiteres Risiko für Jugend liche, dass sich diese nicht darüber bewusst sind, was mit ihren Daten passiert (kein Weitblick) und für welche Zwecke ihre Daten (politisch) ge nutzt werden können. Hier sollten die Jugend lichen auch ruhig mal auf den Rat von Erwachsenen hören. ■■ Jugend liche sollten Peter P. zufolge die Tragweite ihrer Ent schei dungen besser einschätzen lernen. Zudem sei es wichtig, dass ver stärkt Werte und Normen gelebt und soziale Kompe- tenzen in und für das Internet aus gebildet werden. Aktive Medienarbeit biete die Chance, mit den Jugend lichen ins Gespräch zu kommen und sie zu aktivie ren. Eltern seien oft zu wenig informiert und oft zu negativ ein gestellt, so dass ihre Beleh rungen ihre Kinder nicht er reichen. Eltern und andere Unter stüt zungs personen müssen laut Peter P. mit dem Internet ver traut, aber auch offen sein, ihre Kinder wertschätzen und ihnen Ver trauen ent gegen- bringen. Peter P. kennt sich mit sozialen Netz werken gut aus und hat vielfach engen Kontakt mit Jugend lichen. Politische Aktivität ist ihm wichtig – auch oder gerade im Zusammen hang mit Sozialen Netz werk platt formen. Er kritisiert, dass sich Jugend liche und junge Erwachsene zu wenig Gedanken um die politi schen und gesell schaft lichen Konsequenzen ihrer Handlun- gen machen. Er fände es gut, wenn sie bei be stimmten Themen auch mal auf den Rat der Älteren hören würden, betont dabei aber die große Rolle des Ver trauens. „Also Facebook ist ja darauf an gelegt, dass man alles von sich preis gibt oder möglichst viel. Es ist ja ein Forum. Also das ist der Wider spruch. Facebook ist gegen den gesamten Daten schutz, weil die Philosophie, die dahinter steht, dem Daten- schutz wider spricht.“ 281 Frank O. Frank O. (Mitte 40) ist seit Mitte der 1990er Jahre selbst ständi ger Rechts anwalt und hat sich in seiner Kanzlei auf die Themen Jugend und Sozial recht spezialisiert. Er engagiert sich seit seiner eigenen Jugend ehren amtlich in der Jugendarbeit. Jedes Jahr ist er in ungefähr 50 Ver anstal tungen als Referent in der deutschlandweiten Aus bildung von Mit- arbeitern der Jugendarbeit tätig. Hierzu hat er auch ein Handbuch ver öffent licht. Er über- nimmt Schulun gen zur Auf sichtspf licht im Rahmen von Ferien fahrten, Lagern oder Internet- projekten, berät zu Rechts fragen der offenen Kinder- und Jugendarbeit und informiert über den Jugendmedien schutz im Internet. Ein immer stärke rer Themen punkt seiner Referenten- tätig keit sind Möglich keiten, wie Jugendleiter die von ihnen be treuten Jugend lichen und jungen Erwachsenen im Umgang mit digitalen Medien unter stützen können. ■■ Selbst nutzt Frank O. digitale Medien eher in geringem Umfang. Er ist zwar in einigen Sozialen Netz werk platt formen an gemeldet, dies aber vor allem, um sich im Hinblick auf die Internetnut zung seiner eigenen Kinder „weiter zubilden“ und um bei Vor trägen eigene Erfah- rungen einfließen lassen zu können. ■■ Seine Einstel lung zu Privat heit bzw. Öffentlich keit wird nicht ganz klar. Er stellt vor allem Fotos als wichtige private An gelegen heit heraus, die nicht öffent lich ge macht werden sollten. ■■ Frank O. schildert die Risiken wie auch Chancen der Internetnut zung eher aus der „Drittperspektive“ denn aus seiner eigenen Beobach tung heraus. Er weist darauf hin, dass in den Medien eine Darstel lung der Risiken über wiege. Dies ist nach seiner Auf fassung nur eine Seite der Medaille: Das Internet und damit auch Soziale Netz werk platt formen könnten zu Bildungs zwecken, zur Koordina tion in Jugendgruppen und ähnlichem eben falls ein gesetzt werden. Kinder und Jugend liche hält Frank O. für technisch ver sierter als ihre Eltern, sieht aber dennoch Bera tungs bedarf. ■■ Jugendarbeiter haben nach Frank O. oft die be sseren Chancen als Eltern und Lehrer, positiven Einfluss auf das Ver halten von Jugend lichen zu nehmen. Er be gründet dies damit, dass Jugendarbeiter häufig jünger (als Eltern und Lehrer) sind, selbst digitale Medien nutzen und Streitig keiten oder andere kritische Themen einem offenen Dialog nicht im Weg stehen. Wichtig sei, auf Augenhöhe mit den Jugend lichen zu kommunizie ren und keine Vor schriften zu machen, sondern eher zu sensibilisie ren. Frank O. hat beim Thema Privat heit bzw. Öffentlich keit in Sozialen Netz werken und die hierfür er forder lichen Kompetenzen vor allem die Jugendarbeit im Blick. Ihm ist es sehr wichtig, Kinder und Jugend liche für die sichere Nutzung neuer Medien zu sensibilisie ren. Anders als einige andere Experten ver knüpft er das aber nicht mit intensive ren eigenen Netz-Aktivi täten, sondern konzentriert sich auf Informa tion für Multiplikatoren. „Die Eltern wissen durch die Presse, dass diese sozialen Netz werke möglicher weise schäd lich sein können. […] Die Eltern stellen sehr stark gegen über ihren Kindern die möglichen Gefahren heraus und ver suchen dann eher auf der Ver bots schiene dieses Problem zu regeln.“ 282 Alexander M. Alexander M. (Mitte 30) ist aus gebildeter Lehrer und Diplom-Soziologe. Er arbeitet als Referent eines von der Europäi schen Union ge förderten Projekts, das die Bevölke rung für das Thema Internet sicher heit sensibilisie ren und Medien kompetenz fördern soll. Über ein Internet-Portal ver öffent lichen die Projekt verantwort lichen Informa tionen zu aktuellen Ent- wick lungen im Internet. Unter richts materialien für die Lehrer schaft machen mit dem Thema ver traut und liefern methodisch-didakti sche Hinweise dazu, Jugend liche im Unter richt und deren Erziehungs berechtigte auf Elternaben den zu sensibilisie ren. Darüber hinaus werden Multiplikatoren-Schulun gen und regelmäßige Diskussionen mit Jugend lichen durch geführt. ■■ Alexander M. nutzt selbst nur die Soziale Netz werk platt form Xing. Bei Facebook oder anderen vor rangig privat ge nutzten Sozialen Netz werk platt formen ist er nicht „persön lich“ aktiv, sondern nur über ein anonymes Profil im Rahmen des Projekts ver treten. Für Jugend- liche aber seien Facebook, YouTube und Spiele sehr wichtig. ■■ Der Privatsphäre-Begriff von Alexander M. ist ver gleichs weise eng: Er möchte sowohl offline als auch online „Herr seiner Daten“ sein. Offline zeigt sich dies darin, dass er z. B. selten an Gewinn spielen teilnimmt und keine Kunden karten nutzt. Online trennt er strikt zwischen Beruf lichem und Privatem und stellt keine persön lichen Informa tionen über sich ein. Die Defini tion, was privat und was öffent lich ist, be findet sich seiner Ansicht nach – nicht zuletzt durch Online-Communities – im Wandel. ■■ Als Haupt risiko schätzt Alexander M. ein, dass man keine Kontrolle darüber hat, was z. B. Dritte über die eigene Person im Internet ver öffent lichen (insbesondere Fotos). Speziell auf die Gruppe der Jugend lichen bezogen, hält er es für riskant, dass diese sich nicht der Reichweite und Dynamik Sozialer Netz werkseiten bewusst sind. Daneben seien Soziale Netz werkseiten aber auch ein Raum, wo Jugend liche unter sich sein könnten. ■■ Alexander M. be obachtet, dass das Thema Daten sicher heit ganz oben auf der Agenda steht und Jugend liche inzwischen sensibilisiert sind. Er plädiert dafür, Jugend liche als „Experten“ ernst zu nehmen und bei Unter stüt zungs angeboten auch die positiven Seiten der Internetnut zung zu thematisie ren. Eltern und Lehrer müssten sich mit den Möglich keiten von Internetdiensten ver traut machen, bevor sie in den Dialog mit Jugend lichen treten. Bei Anbietern ist Alexander M. für ver einfachte Sicher heits einstel lungen und ein stufen weises Freischalten von Funk tions möglich keiten. Alexander M. kennt zahl reiche Funk tions möglich keiten des Internet, obwohl er selbst die für Jugend liche aus seiner Sicht wichtigste Soziale Netz werk platt form Facebook nicht nutzt. Er zeigt sich eher besorgt in Sachen Daten schutz und -sicher heit und ver weist auf das Dilemma, das sich dadurch ergibt, denn zum Funktionie ren einer Sozialen Netz werk platt- form gehöre es eben dazu, be stimmte Daten mit anderen zu teilen. „Und die sozialen Netz werke sind natür lich auch für viele Jugend liche ganz klar ein Raum, wo sie sich eben auch außerhalb von Erwachsenen welten bewegen möchten und da eben auch frei agieren können in weiten Teilen.“ 283 Kerstin H. Kerstin H. (Mitte 30) arbeitet als medien pädagogi sche Ansprechpartnerin in einer Medien- fach bera tung. Sie organisiert regionale und über regionale medien pädagogi sche Projekte mit Kindern und Jugend lichen in den Bereichen Video, Audio, Foto und Multimedia, unter- stützt Institu tionen und Jugendmedien gruppen, ver mittelt Kontakte zu Fachreferenten, organisiert Seminare, Fortbil dungen, Fachta gungen, Vor träge und Elternabende und berät zu Finanzie rungs möglich keiten von Medien projekten. Sie studierte Diplom-Pädagogik mit dem Wahlpflicht fach Medien pädagogik und arbeitete zunächst in einer städti schen Medienste- lle. Von Mitte bis Ende 2010 war sie ehren amtliche Medien fach beraterin. Seit Ende 2010 arbeitet sie hauptamt lich in dieser Domäne weiter. ■■ Kerstin H. nutzt Facebook be ruflich, um Kontakte zu Personen und Institu tionen zu halten, die ihr wichtig sind. Ein privates Benutzer konto dient nur dem eigenen Experimentie ren. In ihren Augen kommunizie ren Jugend liche fast nur noch über Soziale Netz werk platt formen, weil dies schneller und einfacher gehe als beispiels weise via E-Mail. Dabei schätzt sie die Jugend lichen nur bedingt risikobewusst ein. ■■ Für Kerstin H. be deutet Privatsphäre, selbst ent scheiden zu können, mit wem sie welche Daten teilt. Bei persön lichen Informa tionen trennt sie zwischen privaten und be ruflichen. Private Daten vollständig zu schützen hält sie für nicht möglich. In Zukunft werde man wohl die Privatsphäre nicht mehr so hoch halten. ■■ Dass unerwünscht Fotos auf Sozialen Netz werk platt formen ver öffent licht werden, er scheint Kerstin H. als eines der größten Risiken. Ihr kommen aber noch zahl reiche weitere Gefahren in den Sinn, so z. B. Daten ab fangende Gewinn spiele, gegen seitige Ver letzungen durch be leidigende Beiträge, aber auch drastischere Probleme wie Einbrüche infolge von Informa- tionen über Ab wesen heits zeiten. ■■ Kerstin M. beklagt das gering aus geprägte Bewusstsein Jugend licher im Umgang mit Fotos. Gleichzeitig be obachtet sie, dass Jugend liche in den letzten Jahren vor sichti ger ge worden sind. Wichtig ist aus ihrer Sicht ein stärke rer Aus tausch zwischen Jugend lichen und ihren Eltern, wobei die Eltern nicht nur die Gefahren des Netzes sehen dürften. Des Weiteren kommen der Jugendarbeit, informellen Gesprächen und konstruktiven Rückmel- dungen eine wichtige Funktion zu. Auch die Medien anbieter sieht sie in der Pflicht, leichter ver ständ liche Einstel lungs optionen anzu bieten. Kerstin H. hat viele Erfah rungen mit Jugend lichen und kennt sowohl die Vorzüge als auch die Gefahren auf Sozialen Netz werk platt formen aus der eigenen Erfah rung in der medien- pädagogi schen Arbeit. Auch sie thematisiert das Span nungs verhältnis zwischen hohem Daten schutz und Privatsphäre einer seits und einem offenen Aus tausch in sozialen Netz- werken anderer seits. Eine be sondere Rolle weist sie den Eltern zu, die ihren Kindern Orientie rung geben müssten, auch wenn diese ihnen technisch über legen sein sollten. „Seine Daten komplett zu schützen, ist meiner Meinung nach nicht mehr un bedingt möglich. […] Ich denke, die Einstel lung dazu wird sich ver schieben und mit der nach- kommen den Genera tion wahrschein lich auch lockern.“ 284 Experten aus der Domäne Medien Karsten S. Karsten S. (Mitte 30) lebt in einer Groß stadt und ist im Netz unter einem Pseudonym bekannt. Seit Mitte 2000 ist er mit ver schiedenen Projekten im Internet aktiv. Er gründete eigene Initiativen rund um Twitter, be treibt einen Podcast und mehrere Blogs. Er schreibt Zeitungs artikel und Beiträge in Online-Publika tionen. Karsten S. be schäftigt sich in seinen Texten und Vor trägen primär mit dem Ver lust der Kontrolle über die persön lichen Daten im Internet. Er ver tritt die These, dass Informa tionen im Zeitalter des Internet nicht be herrsch- bar sind und damit das Konzept der informa tio nellen Selbst bestim mung, wie es das Daten- schutz recht vor sieht, nicht mehr greift. Karsten S. studierte Kulturwissen schaften und arbeitet gegen wärtig an seiner Doktorarbeit. ■■ Berufs bedingt nutzt Karsten S. das Internet sehr intensiv. Er ver wendet Kurznachrichten- Dienste, Blogs und Podcasts und ist ent sprechend viel im Netz unter wegs. Ob und wie er auch Soziale Netz werk platt formen ver wendet, wird nicht ganz klar. Dass Facebook bei Jugend lichen primär ist, steht für ihn fest. Aber auch YouTube spiele bei ihnen eine große Rolle, was nach wie vor unter schätzt werde. ■■ Im Internet gibt es Privatsphäre laut Karsten S. höchstens bei Kommunika tion zwischen zwei Personen (E-Mail, Chat). Alles andere sei per se öffent lich – auch dann, wenn es zunächst nur an eine ein geschränkte Öffentlich keit gerichtet ist. Das Konzept von Privatsphäre werde sich in den nächsten 20 Jahren ändern, da sich unsere Gesell schaft mit den Jugend- lichen ver ändert. Für Karsten S. selbst gibt es nichts, bei dem er nicht er tragen könnte, wenn es im Internet auf taucht. ■■ Die wahren Risiken des Internet sieht Karsten S. nicht in Privatsphäre-Fragen oder Pornographie, sondern im Mobbing. Hier gibt es seiner Ansicht nach Bedarf, Jugend lichen unter stützend zur Seite zu stehen. In der Diskussion über den Daten schutz sieht er hingegen eher eine Gefahr, da vor dem Hinter grund der Kontroll verlust these schnell eine falsche Sicher heit ent stehe. ■■ Karsten S. schlägt vor, dass Jugend liche eine Einfüh rung in die Daten banktechnik er halten sollten, da man so am besten die Chancen und Risiken, die bei der Ver knüp fung von Daten ent stehen, er kennen kann. Hier sieht er auch die Schulen in der Pflicht. Eltern sollten bei der Internetnut zung Ansprechpartner für ihre Kinder sein. Jugend lichen zu sagen, wie sie handeln sollten, lehnt Karsten S. allerdings ab. Privatsphäre-Einstel lungen auf Sozialen Netz werk platt formen sollten auf ein binäres Maß ver einfacht werden, da sie sowieso eine falsche Sicher heit vor gaukeln. Karsten S. konzentriert sich auf das aus seiner Sicht nicht mehr greifende Konzept der informa tio nellen Selbst bestim mung. Seine Kernthese ist, dass Daten im Internet per se nicht zu kontrollie ren sind. Aus seiner Perspektive ist die Daten schutz-Diskussion sinn los. Jugend- liche sollten besten falls eine „informierte Ent schei dung“ treffen können. „Also wir sind auf jeden Fall an einem Punkt, wo die Rede von informa tio neller Selbst bestim mung zunehmend absurd wird.“ 285 Tamara N. Tamara N. (Ende 20) arbeitet seit Ende 2000 als „Media Educa tion Manager“ einer großen Sozialen Netz werk platt form. Unter ihrer Leitung sensibilisiert ihr Team junge Nutzer für eine ver antwor tungs bewusste, respekt volle und sichere Nutzung des Internet. Neben der direkten Arbeit in der Platt form be suchen die Mitarbeiter Schulen in ganz Deutschland, um zusammen mit Schülern, Eltern und Lehrern durch das Internet zu surfen und über Chancen und Risiken zu sprechen. Der Fokus dieser Aktivi täten liegt auf dem Umgang mit persön lichen Daten und auf dem Schutz der eigenen Privatsphäre. Tamara N. findet die Chancen der Dienste in der öffent lichen Debatte unter repräsentiert. Sie studierte bis vor kurzem Sprach-, Kommunika tions- und Medien wissen schaft. ■■ Tamara N. nutzt be ruflich wie privat das Internet und ist auch in Sozialen Netz werk platt- formen aktiv. Sie ist eher zurück haltend, was das Ver öffent lichen von Daten angeht und findet die strengen deutschen Daten schutz richtlinien gut. Jugend liche ver bringen ihrer Wahrneh mung nach sehr viel Zeit in Sozialen Netz werk platt formen und würden sich dabei zu wenig für den Daten schutz interessie ren. ■■ Privatsphäre online und offline sind für Tamara N. schwer voneinander zu trennen. Im Zentrum steht jeweils die Kontrolle darüber, welche persön lichen Daten welchen (Teil-) Öffentlich keiten oder gar nicht weiter gegeben werden. Tamara N. denkt, dass sich im Wandel be findet, was man unter privat und öffent lich ver steht. ■■ Für Tamara N. ist es riskant, wenn Jugend liche nur un genügend darüber nach denken, was alles mit ihren Daten passie ren kann. Die Jugend lichen wüssten zu wenig über Unter- schiede zwischen ver schiedenen Platt formen Bescheid (z. B. dass man bei Facebook sein Recht am Bild abtritt). Sie kritisiert außerdem, dass Schüler zu „lasch“ mit ihrer eigenen Daten sicher heit umgingen. Auch wenn die Sensibili tät dafür langsam steige, ver- mutet Tamara N., dass es noch lange Bera tungs bedarf geben wird. ■■ Jugend liche sollten aus Sicht von Tamara N. eine reflektierte Ent schei dung im Umgang mit ihren Daten fällen, wozu auch die Kenntnis der Daten schutz bestim mungen der Anbieter gehört. Weiter hin wichtig seien soziale Kompetenzen. Sie sieht Eltern wie auch Lehrer in der Pflicht, Jugend liche zu unter stützen. Diese hätten aber zu viel Angst und würden erst bei Gefahren hell hörig werden. Internetanbieter müssten die Daten schutz vorgaben alters- gerecht und klar ver ständ lich formulie ren. Tamara N. arbeitet ge wissermaßen an der Schnitt fläche von Jugendarbeit und Medien und ist inhalt lich in Sachen Internetnut zung und Soziale Netz werk sehr ver siert. Es fällt auf, dass sie den eigenen Anbieter, bei dem sie arbeitet, in Sachen Daten schutz besser einschätzt als die Konkurrenten. Tamara N. sieht klar die Anbieter in der Pflicht, was die Unter stüt zung Jugend licher angeht, appelliert aber auch an die Eltern, neben Risiken die Chancen wahrzunehmen und über haupt Interesse zu zeigen. „Es ist leider oft so, dass man [bei Eltern] oftmals mit dem Negativen ansetzen muss. Also immer wenn irgendwie was passiert oder wenn Eltern er fahren, dass ihrem Kind was im Netz passiert ist, dass es ge mobbt wird und so weiter, dann ist das Interesse sehr groß.“ 286 Klaus G. Klaus G. (Ende 20) ist Social Media Manager einer Online-Marketing-Agentur. Er konzipiert und betreut die Aktivi täten von Unter nehmen im Bereich Social Media. Haupt schwerpunkt seiner Arbeit sind Marketing-Kampagnen auf der Sozialen Netz werk platt form Facebook mit bis zu 300.000 aktiven Teilnehmern. Im Berufsalltag be obachtet Klaus G. täglich die Beiträge von Jugend lichen und jungen Erwachsenen und schreitet ge gebenen falls ein, wenn diese persön liche Daten über sich oder über andere Nutzer preis geben. Ende 2000 hat er sein Studium im Medien bereich ab geschlossen. Während der Olympischen Spiele 2008 arbeitete er als Berichterstatter für zwei Zeitun gen. Privat betrieb er zwischen Mitte und Ende 2010 ein eigenes Blog. ■■ Klaus G. ist selbst aktiver Nutzer von Facebook. Auch mit anderen Web-Anwen dungen hat er Erfah rung. In mobilen Anwen dungen sieht er die Zukunft. Von der Regulie rung Sozialer Netz werk platt formen hält er wenig, obschon er bei Jugend lichen wahrnimmt, dass diese zu viel von sich ver öffent lichen. Dabei würden sich allerdings auch viele belang lose Dinge be finden. ■■ Privatsphäre bilden für Klaus G. die Informa tionen, die er nicht mit allen Menschen teilen will. Privat sind für ihn auch Daten wie Adresse und Telefon nummer. Gleichzeitig sieht er sich aber als Person, die öffent lich die eigene Meinung ver tritt. ■■ Klaus G. ver mutet, dass speziell schnell wachsende Dienste dem Wachstum zuliebe den Daten schutz ver nachlässigen. Das sei dann für die jugend lichen Nutzer auf jeden Fall ein Risiko, insbesondere weil diese recht freizügig mit ihren Daten umgehen würden. Auf der anderen Seite meint Klaus G. aber auch, dass sich deutsche Nutzer noch ver gleichs weise vor sichtig auf Sozialen Netz werk platt formen ver halten würden. ■■ Klaus G. stellt klar, dass das Community Management von Unter nehmen keine Erziehungs- funk tionen über nehmen könnte. Er selbst aber und seine Kollegen würden immerhin sensitive Daten, die er im Rahmen seiner be ruflichen Tätig keit ent deckt, ent fernen. Unter stützen könnten laut Klaus G. vor allem die Eltern, be sonders, wenn sie selbst Soziale Netz werk- platt formen nutzen, aber auch Schule, Jugendarbeit sowie die (Massen-)Medien mit ihrer Berichterstat tung. Außerdem sollten die Nutzer selbst lernen, z. B. kritische Beiträge zu melden. Klaus G. ist infolge seiner Tätig keit (werb liche Kampagnen auf Sozialen Netz werk platt formen) ge wissermaßen ge zwungen, eine genuin pädagogi sche Perspektive auf Fragen zu Privat heit und Öffentlich keit der jugend lichen Nutzer eher außer Acht zu lassen. Er hält eine Regulie- rung Sozialer Netz werk platt formen für schwierig, plädiert aber für Unter stüt zung von vielen Seiten, damit Jugend liche informierte Ent schei dungen treffen können. „Es gibt ja immer diesen irrigen Glauben, dass alles, was ich irgendwie auf Facebook poste, jeder sehen kann. Das ist eine immer noch weit ver breitete Ansicht, obwohl es so ja nicht praktiziert wird. Es ist ja tatsäch lich so, dass die Profile noch größtenteils ab geschottet sind.“ 287 Bernd D. Bernd D. (Anfang 30) ist Rechts anwalt und arbeitet derzeit im Jugendmedien schutz recht für die Freiwillige Selbst kontrolle Multimedia-Dienste anbieter e. V. (FSM). Die Selbst kontroll- organisa tion wurde 1997 von Medien verbänden und Unter nehmen der Online-Wirtschaft ge gründet. Sie fungiert als Beschwerdestelle, an die sich auch Jugend liche und junge Erwachsene wenden können, wenn sie mit problemati schen Inhalten oder problemati schen Ver haltens weisen im Internet konfrontiert sind. Vor zwei Jahren hat der Verein einen Ver- haltens kodex für Anbieter von Sozialen Netz werk platt formen initiiert, dem sich die drei deutschen Anbieter VZ-Netz werke, Lokalisten Media und RTL inter active ver pflich teten. Bernd D. referiert in Bildungs einrich tungen über recht liche Fragen der Internetnut zung und berät Unter nehmen in der Gestal tung ihrer An gebote. ■■ Bernd D. ist selbst aktiver Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen und war früher Moderator in einem Computer spieleforum. Nicht alle Aktivi täten von Jugend lichen, aber auch die von Erwachsenen, kann er be fürworten, z. B. das exzessive Teilen von privaten Fotos und Videos sowie das Beschreiben von aktuellen Aktivi täten. ■■ Privatsphäre offline be schreibt Bernd D. als das Recht, allein ge lassen zu werden und darüber be stimmen zu können, was andere (z. B. Staat, Ver mieter, Nachbar) über einen wissen dürfen. Online fasst er den Begriff der Privatsphäre enger: Es gehe primär darum, welche digitalen Informa tionen von einer Person im Netz ver fügbar sind, wer Zugang dazu hat und was derjenige damit machen darf. ■■ Risiken sieht Bernd D. speziell in Cyberbullying, Ehrverlet zungen und darin, dass für die Jugend lichen nicht abzu schätzen sei, was mit ihren Informa tionen tatsäch lich passiert. Er sieht große Unter schiede in der Medien kompetenz der Jugend lichen. Manche seien komplett sorg los, andere würden sehr vor sichtig mit ihren Daten umgehen. Die Mehrheit hätte inzwischen aber eine differenzierte Sicht weise und wüsste, dass man nicht alles, was technisch geht, auch wirk lich machen sollte. ■■ Jugend liche sollten laut Bernd D. die gesetz lichen Vor gaben (Urheber recht, Recht am Bild) kennen, sich aber auch un geschriebener Gesetze bewusst sein (soziale Kompetenz). Jugend liche in der sicheren Internetnut zung zu unter stützen, sei eine gesamt gesell schaft- liche Aufgabe (Eltern, Lehrer, Peers, Jugendarbeiter). Die Internetdienst leister sieht Bernd D. inter national in der Pflicht. Bernd D. hat umfang reiche Kennt nisse und Erfah rungen mit dem Internet und Sozialen Netz werk platt formen. Um Jugend liche in der sicheren Internetnut zung zu unter stützen, plädiert er für einen „globalen Ansatz“. Es ist ihm wichtig, auf die inter nationale Problematik bei Sicher heits bestim mungen hinzu weisen. Hier einheit liche Schutz maßnahmen zu finden, sei noch ein langer Weg. „Es gibt Jugend liche, die völlig sorgen frei sind, … völlig undifferenziert Internetdienste nutzen und alle Informa tionen von sich preis geben … Es gibt das andere Extrem, dass junge Leute sagen ‚Ich möchte über haupt nichts von mir preis geben, ich möchte Internetdienste so passiv und so anonym wie möglich nutzen, wie’s nur geht‘.“ 288 5.2.2 Konstanten und Besonder heiten bei den Experten Wie Experten die Internetnut zung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen einschätzen Alle 13 Experten aus den Domänen Schule, Jugendarbeit und Medien, mit denen wir ge sprochen haben, sind sich darin einig, dass Soziale Netz werk platt formen un verzicht barer Bestand teil im Leben Jugend licher ge worden sind, um unter einander in Kontakt zu bleiben, zu kommunizie ren, nichts zu ver passen und sich zu koordinie ren. Facebook, so eben falls die fast einhellige Meinung der interviewten Experten, habe unter den Sozialen Netz werk platt formen den Siegeszug an getreten und eine heraus ragende Stellung im Alltag junger Internetnutzer erlangt. Die Hälfte der Experten betont darüber hinaus, dass es für Jugend liche wichtig sei, vor allem Fotos und Videos ins Internet zu stellen und anzu sehen. Eine ent sprechend große Bedeu tung habe die Platt form YouTube. Einer der Experten weist im Interview darauf hin, dass YouTube nicht nur zum Hochladen und Anschauen von Videos, sondern in ge wisser Weise auch zur Kommunika tion ge nutzt und in dieser Funktion von den Erwachsenen unter schätzt werde. Computer spiele halten vor allem Experten aus der Jugendarbeit und ansatz weise auch die aus der Domäne Schule be sonders für männ liche Jugend liche neben Sozialen Netz werk platt formen für eine be deutsame Computer und InternetAnwen dung. Alle interviewten Experten aus der Domäne Schule äußern sich eher skep tisch zum Risikobewusstsein von Jugend lichen im Internet und in Sozialen Netz werk platt formen, betonen aber, eine erhöhte Sensibilisie rung für Sicher heits fragen in der letzten Zeit wahrzunehmen. Ver gleichs weise aus führ liche Darstel lungen zum mangelnden Wissen und Können junger Nutzer finden sich in den Interviews mit Experten aus der Domäne Jugendarbeit. Doch auch sie meinen hier einen ge wissen Wandel er kennen zu können. Viele Beiträge von Jugend lichen im Netz – so diese Experten – seien aber eher banal. Das Wissen und Können in Sachen Sicher heit halten auch die vier von uns interviewten Medien experten für nicht allzu hoch aus geprägt, er läutern dies aber weni ger aus führ lich und weniger negativ. Insgesamt be trachtet ergibt sich durch aus eine Diskrepanz zwischen dem Selbst bild der von uns interviewten 24 Jugend lichen und jungen Erwachsenen zwischen 12 und 24 Jahren einer seits und dem Fremdbild der 13 Experten aus Schule, Jugendarbeit und Medien, mit denen wir ge sprochen haben, anderer seits: Jugend liche und junge Erwachsene geben zwar einige Wissens lücken im „Ich muss sagen, viele Jugend liche gehen nicht sehr sensibel mit ihren Daten um. Sie haben einfach kein Gespür dafür, was jetzt eigent- lich öffent lich sein darf und wo man ein bisschen auf passen sollte und wie man damit umgehen muss.“ (Tom F., Domäne Schule) 289 Umgang mit dem Internet und Sozialen Netz werk platt formen zu und zeigen sich in einigen Fällen auch offen sorg los. Das Bild, das man nach den Ge sprächen mit ihnen von ihrem Nutzungs verhalten und Risikobewusstsein hat, ist aber weitaus hetero gener als das, welches die Experten aus unseren Interviews in dieser Hinsicht von den jungen Nutzern zeichnen. Die be fragten Experten nehmen auch bei der Internetnut zung Jugend licher und junger Erwach sener offen bar eine relativ große Homogeni tät an, die wir in den Interviews mit unserer Zielgruppe so nicht fest stellen können. Allerdings geben viele der Experten aus allen drei Domänen an, eine positive Ver ände rung im Sicher heits verhalten und in Kennt nissen bei Jugend lichen und jungen Erwachsenen in letzter Zeit zu er kennen. Zudem stimmen die Ein schät zungen der Experten im Hinblick auf die hohe Bedeu tung von Fotos und Videos in Sozialen Netz werk platt formen mit vielen Aus sagen der Jugend lichen und jungen Erwachsenen überein. Erwähnt wird von mehreren Experten zudem, dass Soziale Netz werk platt formen vor allem für die Kommunika tion von banalen Inhalten ge nutzt werden würden. Hier stimmen auch einige (aber keines wegs alle) der Jugend lichen und jungen Erwachsenen in den Inter views zu: In Sozialen Netz werk platt formen kursiert auch ihrer Ansicht nach viel Belang loses, was in ihren Augen aber vor allem für die Beiträge anderer gilt, und man ver breite Dinge, die „nicht be sonders“ sind, was dann auch auf die eigenen Beiträge bezogen wird. Was Experten über Privat heit bzw. Öffentlich keit im Netz denken Was für die von uns interviewten Experten als privat gilt und ent sprechend nicht im Internet ver öffent licht werden sollte, unter scheidet sich nicht wesent lich von dem, was auch viele Jugend liche und junge Erwachsene, mit denen wir ge sprochen haben, über Privat heit und Öffentlich keit denken. Zumindest wird so gut wie alles, was auch Jugend liche und junge Erwachsene ge nannt haben, von mindestens einem der 13 Experten exemplarisch als zur Privatsphäre zu gehörig empfunden, darunter: Daten zu Wohnort und Telefon nummern, Informa tionen über Familie und Partner schaft, über Gemüts lagen und Erkran kungen, über Aufenthaltsorte und Ver mögens verhält nisse sowie Bilder von einem selbst. Unter schiede zwischen den Experten aus den ver schiedenen „Ich denke, es ist mittlerweile tatsäch lich so, dass viele jugend- liche Nutzer schon sehr informiert damit umgehen und sich auch sehr bewusst dafür entscheiden, welche Informa tion sie teilen und welche nicht und welchen Risiken sie sich damit möglicher weise aus setzen.“ (Bernd D., Domäne Medien) „Wenn ich immer so lese, ‚War heute Laufen‘ und ‚Mache jetzt gerade das‘, da denke ich: ‚Wen interessiert’s?‘ Da kann man jetzt sagen, okay, das ist die Banalität des Alltags.“ (Peter P., Domäne Jugendarbeit) 290 Domänen sind nur in einigen wenigen Punkten zu er kennen. Fast alle Experten definie ren Privatsphäre im Internet ab strakt als das, worüber man Kontrolle hat und worauf man selbst Einfluss nehmen kann. Experten speziell aus der Domäne Medien neigen dazu, Privat heit mit dem Recht zu ver knüpfen, sich zurück ziehen zu können – auch von Kontakten im Internet. Dies dürfte damit zu tun haben, dass diese Experten eine be sonders hohe und intensive Medien nutzung (schon allein aus be ruflichen Gründen) aufzu weisen haben und eine hohe Ver bindung der eigenen Identität mit der OnlineWelt naheliegt. Diese Lesart von Privat heit wurde im Übrigen auch bei den Jugend lichen und jungen Erwachsenen deut lich, die starke Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen sind. Mehrere Experten aus den Domänen Jugend arbeit und Medien äußern explizit die Ver mutung, dass das, was man als privat und öffent lich definiert, einem steti gen, wenn auch langsamen Wandel unter zogen sei und gerade gesell schaft lich neu ver handelt werde (oder werden müsse). Ver einzelt wird von den von uns interviewten Experten auch darauf hin gewiesen, dass es schwierig sei, Privatsphäre bzw. Daten schutz in Sozialen Netz werken eng zu definie ren, da dies im Wider spruch zu deren Philosophie und Funk tions weise stehe – eine Erkenntnis, die, wenn auch einfacher formuliert, einige der Jugend lichen und jungen Erwachsenen im Gespräch mit uns eben falls an gedeutet haben. Wie Experten die Risiken in sozialen Netz werken einschätzen Was Experten als Risiken im Internet im Allgemei nen und in Sozialen Netz werk platt formen im Spe ziellen einschätzen, ergibt – ver gleicht man die Ein schät zungen der Experten aus den drei Domänen Schule, Jugendarbeit und Medien – ein relativ homo genes Bild: Fast alle weisen auf das große Problem hin, dass einmal ver öffentlichte Daten „nicht ver gessen“ werden, also potenziell sehr lange zugäng lich bleiben, nicht komplett „zurück geholt“ werden und auf ver schiedenste Weise zum Nachteil der Betroffenen ver wendet werden könnten. Dies wird mehrfach auch direkt oder indirekt als Kontroll verlust be zeichnet. Eben falls häufig und damit zusammen hängend werden MobbingPhänomene (CyberMobbing, Cyberbullying) vor allem, aber nicht „Privatsphäre gibt es für mich im Internet eigent- lich nicht. Ich ver suche meine persön lichen Daten eher aus dem Internet raus zuhalten.“ (Kerstin H., Domäne Jugendarbeit) „Privatsphäre be deutet für mich, dass ich selbst ent scheiden kann, welche Informa tionen ich im Internet … öffent lich ver fügbar mache oder nicht.“ (Karl E., Domäne Schule) „Ein Problem ist natür- lich auch heute noch, dass vor allem gerade die jüngeren Jugend- lichen die Reichweite, Dynamik und Nach haltig- keit von ein gestellten Inhalten noch nicht ab- schätzen können.“ (Alexander M., Domäne Jugendarbeit) 291 nur, von den interviewten Experten aus den Domänen Schule und Jugendarbeit als großes Risiko benannt. Mehrfach wird schließ lich die Gefahr artikuliert, dass es zu Daten miss brauch speziell zu Werbe zwecken, zu „Identi täts klau“ und zur Ver brei tung von Troja nern infolge eines zu sorg losen Umgangs mit privaten Daten in Sozialen Netz werk platt formen kommen könne. Eine Person aus unseren Interviews ver weist auch auf die Einbruchs gefahr infolge von Status meldun gen und Voyeurismus. Zwei Experten aus der Domäne Medien er gänzen diese, auch in den Inter views mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen oft auf tauchen den, Risiko beschrei bun gen durch zwei weitere, etwas anders ge lagerte Pro bleme: Dabei handelt es sich zum einen um die Inter nationali tät des Internet, die effektive Daten schutz vorkeh rungen schwierig und für junge Nutzer auch undurchschau bar macht, und zum anderen um die Wachstums gier von WebUnternehmen, denen steigende Nutzer zahlen wichti ger seien als Daten schutz. Einer der Medien experten, mit denen wir ge sprochen haben, gibt zudem an, welche Risiken er für über schätzt hält, nämlich beispiels weise Google Street View oder LikeButtons bei Facebook. Man kann fest stellen, dass die meisten Experten in unseren Interviews zwar tendenziell mehr und aus führ licher Risiken als Chancen Sozialer Netz werk platt formen thematisie ren, aber über alle Domänen hinweg auch Vor teile und positive Nutzungs möglich keiten er kennen. Fast alle Experten betonen, dass Soziale Netz werk platt formen die Kommunika tion einfacher und schneller machen, dabei helfen, soziale Kontakte zu pflegen, manchmal auch herzu stellen, und sich effektiv zu koordinie ren. Dies haben uns auch fast alle interviewten Jugend lichen und jungen Erwachsenen, die Soziale Netz werk platt formen nutzen, in hohem Maße be stätigt. Nicht so einhellig, aber von der Tendenz her klar, betonen viele Experten die Chance Sozialer Netz werk platt formen, sich selbst darzu stellen bzw. sich zu präsentie ren (Stichwort Identi täts bildung). Die Angaben der jungen Nutzer, mit denen wir ge spro chen haben, sind hier im Ver gleich zu den Experten einschät zungen allerdings weniger einheit lich: Selbst darstel lung wird eher nicht als be sondere Chance Sozialer Netz werk platt formen bzw. nur von wenigen so wahrgenommen. Über die Domänen ver streut nennen die von uns be fragten „Wenn wir ein Gewinn- spiel durch führen, fragen wir auf Facebook die Daten innerhalb einer Applika tion ab, weil die dürfen nicht öffent lich an der Pinnwand ab gefragt werden. Und da sind Jugend liche teil weise doch schon relativ freizügig und posten direkt auf der Pinnwand – was wir natür lich dann sofort wieder löschen.“ (Klaus G., Medien) „Ich ver suche immer zu ermuti gen und zu sagen: ‚Ihr habt ja die Experten hier an der Schule. Das sind nämlich eure Schüler. Lasst … die doch mal kommen, es kann doch nur noch einen guten Fluss geben, und ihr könnt ganz viel lernen von denen‘.“ (Sabine R., Domäne Jugendarbeit) 292 Experten ver einzelt weitere Chancen, die Online Communities mit sich bringen können: deren Nut zung zum Lernen, zur Ent wick lung sozialer Fertig keiten, zur hierarchiefreien Kommunika tion und zur Ab gren zung von der Erwachsenen welt. Auch für Lehrer werden von einem unserer Experten Vor teile Sozialer Netz werk platt formen an gesprochen: Sie könn ten die Koopera tion in der Lehrer schaft er leichtern und als Werkzeuge im Schul unterricht ein gesetzt werden. Welche Kompetenzen Experten für Jugend liche und junge Erwachsene als notwendig erachten Welche Kompetenzen Jugend liche und junge Erwach sene für einen sicheren Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen benöti gen, darüber besteht bei den von uns interviewten Experten über die Domänen Schule, Jugendarbeit und Medien hinweg eine relativ über einstimmende Meinung – jeden falls im Kern dessen, was man diesbezüg lich als Medien kompe tenz definie ren könnte: Alle nennen hier unter Ver wendung teils gleicher, teils unter schied licher Be zeich nungen eine kritische Medien kompetenz, die insbesondere das Bewusstsein für die Risiken in Sozialen Netz werken (siehe oben) einschließt. Man könnte die Einschät zung der Experten also auch so formulie ren: Wer die Risiken, die mit der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen einher gehen (potenzieller Kontroll verlust über private Daten, Urheber rechts verlet zungen, Mobbing etc.) kennt und diese bei seinem Handeln im Internet be rücksichtigt, sei kom pe tent. Daneben nennen Experten aus der Domäne Schule noch konkreter folgende Fähig keiten und Fertig keiten, die sie für notwendig halten: Infor mationen recherchie ren und im Hinblick auf ihren Wahr heits gehalt be urteilen können, die Qualität und die Aus wirkungen von Beiträgen einschätzen und be urteilen können sowie Freundschafts beziehungen in sozialen Netz werken richtig einord nen können. Ein Experte sieht auch Lesekompetenz als wichtig für eine ver antwor tungs volle Nutzung des Internet. Aus allen Domänen heraus ver weisen mehrere Ex per ten zudem darauf, dass junge Nutzer neben recht „Dann ist es natür lich wichtig bei solchen An- geboten im Internet, dass man sich von den Erwachsenen ein bisschen ab grenzt.“ (Tamara N., Domäne Medien) „Und da kann man dann schon ver suchen, den Kindern mal die Rechts lage klar zu machen. Da haben sie einfach Defizite, so dass sie ein illegales Ver halten nicht richtig einschätzen können.“ (Frank O., Domäne Jugendarbeit) „… kritische Medien- nut zungs kompetenz … heißt, dass erst einmal das Bewusstsein dafür geschaffen werden muss, dass alles, was im Internet steht, wirk lich … öffent lich ver fügbar ist, und dass darin auch ein großes Risiko liegen kann.“ (Karl E., Domäne Schule) 293 lichen Vor gaben auch „un geschriebene Gesetze“ kennen müssten, die mit gegen seiti gem Respekt und Einfüh lungs vermögen zu tun haben. Genannt werden auch techni sches Wissen und Ver ständnis (etwa über Daten banken und den Aufbau von Sozialen Netz werk platt formen) sowie ganz konkret BedienKom petenzen etwa bei Privat sphäreEinstel lungen. Einige Experten aus der Domäne Jugendarbeit, mit denen wir ge sprochen haben, fügen noch einen weiteren Aspekt von Kompetenz im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen an: Man sollte wissen, an wen man sich wenden kann, wenn man Hilfe braucht, und nicht glauben, alle Probleme allein lösen zu müssen oder zu können. Wie man diese Kompetenzen bei Jugend lichen und jungen Erwachsenen aus der Sicht der Experten fördern könnte oder sollte Während sich die insgesamt 13 Experten aus den Domänen Schule, Jugend arbeit und Medien nur wenig in ihren Einschät zungen voneinander unter scheiden, welche Kompetenzen Jugend liche und junge Erwachsene im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen haben oder aus bilden sollten, zeigen sich zwischen ihnen in der Frage nach der Kompetenzförde rung neben einigen Gemeinsam keiten doch deut liche Unter schiede. Die größte Gemeinsam keit besteht darin, dass fast jeder der Experten, mit denen wir ge sprochen haben, die Ver antwor tung für den Aufbau und die Förde rung von Kompetenzen bei Jugend lichen und jungen Er wachsenen auf mehrere Schultern ver teilt sehen will: Eltern, Lehrer bzw. die Schule, Pädagogen außerhalb der Schule bzw. Jugendeinrich tungen, aber auch die Anbieter Sozialer Netz werk platt formen und der Gesetz geber seien in der Pflicht. Allerdings sind die Gewich tungen, wie effektiv die ver schiedenen Per so nen und Institu tionen agieren können, durch aus unter schied lich. Unter schied licher argumentie ren die Experten dagegen in Sachen Kompetenzförde rung. Erstaun lich sind die Meinungs unterschiede einer seits nicht, bringen doch Personen aus ver schiedenen Domänen infolge ihrer be ruflichen Tätig keit, ihres Tätig keits umfelds und ihrer Erfah rungen jeweils andere Perspektiven auf die Thematik mit. Anderer seits haben alle von uns interviewten Experten mehr oder weniger aus geprägten Kontakt zu den jeweils anderen Domänen, so dass die fest zustellen den Unter schiede durch aus be achtens wert er scheinen. Die von uns interviewten vier Experten aus der Domäne Schule thematisie ren stärker als die anderen Interviewpartner die Möglich keiten der Kompetenz förde rung in und durch die Schule, insbesondere auch die Rolle des Unter richts. „Ich hab es oft genug erlebt, dass man zum Beispiel Urheber rechts- regeln thematisiert und be spricht. Und das können die Schüler auch. Aber völlig unab hängig davon … und zwei Wochen später spielt es für die Praxis keine Rolle … denn für den Alltag gelten ganz andere Regeln.“ (Richard R., Domäne Schule) 294 Während ver einzelt auch Experten aus den Domänen Jugendarbeit und Medien auf die Bedeu tung von Schule und Unter richt ver weisen, dabei aber recht vage bleiben, be nennen die Experten aus der Schule eine Reihe konkreter Möglich keiten: Man könne im Unter richt über Risiken und Sicher heits fragen informie ren. Man könne Projekte im Unter richt an stoßen, in denen vor allem Web Anwen dungen wie Blogs, Wikis sowie Soziale Netz werk platt formen zum Einsatz kommen und den Schülern eigene Erfah rungen er möglichen. Man könne Schüler aber auch individuell an sprechen und für Gespräche mit ihnen offen sein. Die von uns be fragten Experten aus der Domäne Schule sprechen sich zudem dafür aus, dass Schulen die Eltern informie ren und diese für Gefahren sensibilisie ren, ohne aber bei den Risiken stehen zubleiben. Allerdings bestehe ein Problem darin, dass die Schule zwar Wissen ver mitteln kann, der Alltag der Jugend lichen und jungen Erwachsenen aber nach anderen Regeln funktioniert, so dass sie Gelerntes ignorierten. Dies sei z. B. dann der Fall, wenn sie be stimmte persön liche Daten wider be sseres Wissen in Sozialen Netz werk platt formen preis gäben, um sich den Erwar tungen ihrer Mitschüler anzu passen. Die von uns interviewten Experten aus der Domäne Schule fordern mehrfach von den Eltern, dass sie Interesse an den Aktivi täten ihrer Kinder im Netz haben sollten. Eltern, aber auch die Lehrer, so ihre Meinung, müssten sich weiter bilden, Informa tions angebote annehmen und selbst kompetent im Umgang mit Medien sein, um als Vorbild wirken zu können. Einer der Experten schlägt Koopera tions verein ba rungen zwischen Schule und Eltern vor. Die Peer group erwähnt nur eine Person aus der Domäne Schule als wichtig für die Kompetenz förde rung. Neben diesen personalen Voraus setzungen sind nach Ansicht der Experten aus dem Schul bereich auch schuli sche Bedin gungen er forder lich: Um den Um gang mit dem Internet und damit auch mit Sozialen Netz werk platt formen in der Schule be handeln zu können, müsse man dafür Platz im Lehrplan schaf fen, aus reichend Zeit einräumen, die er forder liche techni sche Infrastruktur bereit stellen und den Leh rern Fortbil dungs möglich keiten (die auch von außen stammen könnten) bieten. Von Internetdienst leistern fordern die Experten, die mit uns ge sprochen haben, PrivatsphäreEinstel lungen zu ver einfachen, besser über Rechts fragen zu infor mie ren und beim Löschen von Daten aktiv zu helfen. Ver einzelt wird auch für bessere gesetz liche Lösungen an stelle bloßen Ver trauens auf Selbstregula tion plädiert. Die fünf Experten aus der Domäne Jugendarbeit, mit denen wir ge sprochen haben, sehen zwar eben falls unter anderem die Schule in der Pflicht, wenn es „In der Schule ist es doch so: man will dazu- gehören, also muss man sich be stimmten Regeln unter werfen, manchmal in der Clique, manchmal, weil man bei irgendwas dabei sein will. Im Internet ist es natür lich noch viel schlimmer.“ (Matthias S., Domäne Schule) 295 um die Kompetenzförde rung im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen geht. Stärker als die von uns be fragten Experten aus der Schule aber werden explizit Dialog und informeller Aus tausch ohne „er hobenen Zeigefinger“ in den Vordergrund gerückt: Genannt werden Dialog und Aus tauschmöglich keiten auf Messen und anderen Ver anstal tungen, in Projekten der aktiven Medienarbeit und bei unge plan ten konkreten Anlässen. Zwar wird auch in dieser Experten gruppe auf Informa tions material (z. B. Broschüren) zur Kompetenzförde rung ver wie sen: Hier hat man dabei allerdings vor allem Eltern und Pädagogen im Blick, die wiederum Jugend liche und junge Erwachsene sensibilisie ren sollen. Als schwierig für Fördermaßnahmen wird mitunter ein geschätzt, dass Jugend liche um die Risiken von Sozialen Netz werk platt formen wüssten, diese aber in Kauf nehmen, da für sie die Mehrwerte über wiegen. Zweimal werden in dieser Experten gruppe die Peers ge nannt, wenn es darum geht, Kompeten zen zu ent wickeln: Jugend liche könnten sich zum einen gegen seitig unter stützen und z. B. auch gegen seitig vor Gefahren warnen und sie könnten zum anderen als „Experten“ für weniger er fahrene, aber auch ältere Personen fungie ren und etwas er klären, was sie selbst schon wissen. Im Ver gleich zu den Experten aus der Domäne Schule zeigen sich die von uns interviewten Experten aus der Domäne Jugendarbeit etwas skepti scher, was die Möglich keiten der Eltern für die Kompetenzförde rung ihrer Kinder be trifft: Zwar gehen auch diese Experten davon aus, dass es alle in der Gesell schaft angehe, wie Jugend liche und junge Erwachsene mit dem Internet im Allgemeinen und Sozialen Netz werk platt formen im Besonde ren umgehen. Es wird aber von ihnen häufi ger thematisiert, dass Ver bote und Ängste sowie zu wenig Wissen und Erfah rung gerade bei den Eltern eine effektive Unter stüt zung oft schwierig machen. Offen heit, gute Kennt nisse und prakti sches Können werden generell als Voraus setzung für diejenigen Personen an gesehen, die Kompetenz entwick lung wirkungs voll initiie ren und be gleiten. Experten aus der Domäne Jugendarbeit weisen in unseren Interviews be sonders oft und intensiv darauf hin, wie wichtig ein Ver trauens verhältnis zwischen Jugend lichen und ihren „Betreuern“ ist: Letztere müssten den Jugend lichen auf Augenhöhe be gegnen, diese ernst nehmen und dürften sie nicht bevor munden. Besonders „Der ein oder andere Jugend liche sagt vielleicht ‚Ich weiß, dass all das, was eben in sozialen Netz werken ein- gestellt wird [vom Anbieter] als Daten aus- gewertet oder für personalisierte Werbung ge nutzt wird …, aber trotz alledem ist einfach dieser Mehrwert dieses sozialen Netz werks für mich höher an gesiedelt.‘“ (Alexander M., Domäne Jugendarbeit) „Diese starke Ver- trauens posi tion [der Jugendarbeiter], die in vielen Fällen deut lich mehr Einfluss er möglicht als die Eltern, die wollen wir aus nutzen, um hier den Kindern einen ver- nünfti gen Umgang zu ver mitteln.“ (Frank O., Domäne Jugendarbeit) 296 problematisch sei es, wenn Eltern (oder Pädagogen) Jugend lichen im Netz hinter herspionie ren, denn dies zerstöre die dringend er forder liche Ver trauens basis. Neben den Eltern sehen Experten aus der Jugendarbeit daher Pädagogen außerhalb der Schule als wirkungs volle Unter stüt zungs personen; zu diesen, so einer der Experten, würden auch Trainer im Sportbereich ge hören. Schulen, so ihre Forde rung, sollten Lehrer besser fortbilden, damit diese Sicher heitsthemen im Internet zum Unter richts gegen stand machen können. Einer der Experten weist darauf hin, dass auch Jugendeinrich tungen auf holen müssten, denn deren Strategien der Kontakt aufnahme zu Jugend lichen seien teil weise ver altet. Im Ver gleich zu den Experten aus der Domäne Schule machen die fünf von uns interviewten Experten aus der Domäne Jugendarbeit mehr und noch konkretere Vor schläge, was speziell die Internetdienst leister tun müssten: Die Daten schutz optionen in sozialen Netz werken müssten einfacher und ver ständ licher sein; Vor einstel lungen sollten einen hohen Daten schutz umsetzen; jüngeren Nutzern könnte man ver schiedene Funktionali täten erst nach und nach freischalten; Neuerun gen (z. B. personalisierte Werbung) müssten zunächst deaktiviert sein; über Ver ände rungen müsste klarer informiert werden; bei der er stmali gen Anmel dung sollte ein Identi täts check statt finden; bei krimi nellen Delikten müsste man mehr Möglich keiten haben, Personen aufzu spüren, die Netz werke zu krimi nellen Zwecken nutzen; man sollte z. B. nach Pädophilen aktiv suchen; nach zehn Jahren sollten Anbieter alles löschen; und schließ lich sollten Internet dienst leister mehr mit Pädagogen und Jugend lichen kooperie ren. Die von uns be fragten vier Experten aus der Domäne Medien neigen dazu, die Möglich keiten der Kompetenzförde rung nicht allzu hoch einzu schätzen – jeden falls lässt sich das indirekt aus einigen der Aus sagen in den Interviews er schließen. Am häufigsten wird in diesen Interviews zunächst die eigene Ver antwor tung als Ver treter der Medien reflektiert und in diesem Zusammen hang fest gestellt, dass es hier enge Grenzen gäbe. Bis auf eine Aus nahme werden „er zieheri sche“ Maßnahmen ab gelehnt und teil weise auch als wirkungs los be urteilt. Es wird aber durch aus auch die Schule in der Plicht gesehen, wobei kaum einer der Interviewten genauer darlegt, wie dies (neben der Ver teilung von Informa tion) im Detail aus sehen könnte. Einer der Experten aus der Domäne Medien ver weist allerdings auf eigene OnlineAktivi täten seiner Organisa tion, die aktivie ren den Charakter haben und Jugend liche dabei unter stützen sollen, Erfah rungen zu sammeln und dabei Kompetenzen aufzu bauen. Informa tionen, Gespräche, „LearningbyDoing“ sowie die allgemeine Medien berichterstat tung bzw. die Rezep tion von Medien berichten werden als weitere Möglich keiten zur Kom petenz entwick lung in Sachen sozialer Netz werke ge nannt. „Als Anbieter von sozialen Netz werken, Messenger-Systemen oder Chatprogrammen hab ich immer die Pflicht, dem Nutzer die Privatsphäre-Einstel- lungen näher zu bringen.“ (Tamara N., Domäne Medien) 297 Einig sind sich die Experten aus der Domäne Medien mit denen aus den Domänen Schule und Jugendarbeit allerdings darin, dass die Unter stüt zung junger Nutzer für einen ver antwor tungs vollen Um gang mit dem Internet und Sozialen Netz werk platt formen eine gesamt gesell schaft liche Aufgabe ist. Ähnlich wie die Experten aus der Jugendarbeit warnen die von uns interviewten Medien experten davor, diffuse Ängste zu schüren, und plädie ren dafür, dass Unter stüt zungs personen interessiert, offen und gut informiert sein müssten sowie ein Ver trauens verhältnis zu den Jugend lichen bräuchten. Die Schule wird zwar als ein wichti ger Lernort ein geschätzt, dessen Wirksam keit in Sachen Kompe tenz förde rung bei Jugend lichen allerdings tendenziell an gezweifelt oder zumin dest als schwierig be urteilt wird. Auch Experten aus der Domäne Medien, mit denen wir ge sprochen haben, sehen Ver besse rungs möglich keiten bei Internet dienst leistern, ohne aller dings so umfang reiche Maßnahmen zu nennen wie die Experten aus der Domäne Jugendarbeit: Genannt werden die Gestal tung der An gebote, so dass man sie auf geklärt nutzen kann, die Ent wick lung und Umset zung eines Ver haltens kodex (wobei vor allem inter nationale Soziale Netz werk platt formen ein Pro blem seien, da sie sich nicht an schließen würden), Daten schutz bestim mungen in deutscher Sprache und generell neue Standards. In einem Fall wird jedoch auch die Ansicht ver treten, dass PrivatsphäreEinstel lungen auf Sozialen Netz werk platt formen nur eine falsche Sicher heit vor gaukeln würden. Selbstregulie rungs ansätze werden tendenziell als wichti ger an gesehen als gesetz liche Rege lun gen. 5.2.3 Folge rungen: Empfeh lungs tendenzen Selbstredend ist es nicht möglich, aus Interviews mit nur 13 Experten empirisch gesicherte Leitlinien zu extrahie ren, mit denen man pädagogi sche Maßnahmen zur Kompetenz entwick lung im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen ge stalten kann. Ähnlich wie bei den Jugend lichen und jungen Erwachsenen, muss man unserer Ansicht nach auch bei den Experten aus den ver schiedenen Domänen nicht nur deren aktuelle Tätig keit, sondern auch deren Alter, be ruf liche Sozialisa tion und eigene Medienerfah rung sowie Einstel lungen be rück sichti gen, will man ihre Vor schläge an gemessen einordnen. Aus diesem Grund „Also ich halte grundsätz lich nicht so viel von Privatsphäre- Einstel lungen auf Social Networks, weil sie eine falsche Sicher heit vor- gaukeln.“ (Karsten S., Domäne Medien) „Es ist aber in der Tat richtig, dass es schwierig ist, wenn so ein Ver- haltens kodex nicht alle maß geblichen Player einer Branche umfasst. … Deshalb ist es natür lich ein ganz starker Anspruch, auch die inter nationalen Netz- werke mit an Bord zu holen. … Da ist noch viel Über zeu gungs arbeit zu leisten …“ (Bernd D., Domäne Medien) 298 haben wir uns auch dafür ent schieden, bei den Experten ähnlich wie bei den Jugend lichen und jungen Erwachsenen neben einer zusammen fassen den Aus wertung auf den uns interessie ren den Dimensionen kurze Profile zu er stellen. Ab schließend be schränken wir uns daher auf einige Empfeh lungs tendenzen, die in den Interviews mit den Experten über die drei Domänen hinweg deut lich ge worden sind. Dabei geht es nicht darum, die häufigsten Empfeh lungen zu nennen, sondern die artikulierten Vor schläge zu ordnen und in eine Reihung zu bringen. Tendenz „externe Regula tion“ Ein nicht unerheb licher Teil von Experten vorschlägen geht in die Richtung, recht liche und techni sche Mechanismen zu implementie ren, mit denen man einen höheren Schutz der Privatsphäre gewährleisten kann. Gesetz liche Vor gaben in Deutschland werden bereits als relativ restriktiv erachtet. Probleme be reiten daher vor allem inter nationale Internetdienst leister und bringen einen ent sprechen den Hand lungs bedarf mit sich. Mehr noch als gesetz liche Vor gaben aber richten sich viele Vor schläge an die Technik und streben eine Regulie rung von außen durch eine spezielle Gestal tung Sozialer Netz werk platt formen an. Der Grund tenor ver schiedener Aus führungen hierzu geht dahin, „konservative“ Vor gaben zur Privat heit als Vor einstel lungen zu ver wenden, so dass Nutzer die Voraus setzungen für eine groß zügigere Freigabe privater Daten und Informa tionen aktiv herstellen müssen (statt um gekehrt). Durch diese Vor einstel lungen wird der Rahmen ver ändert, innerhalb dessen Nutzer mit Privat heit und Öffent lich keit umgehen, was indirekt zu einer externen Regula tion führt. Einen Schritt weiter in diese Richtung geht der Vor schlag, einzelne Einstel lungen, die mit einer großen Reichweite online publizierter Daten und Informa tionen einher gehen, ent sprechend des Alters der Nutzer erst sukzessive freizugeben. Es werden aber auch direkte Formen der externen Regula tion vor geschlagen, so z. B. die Über prüfung der Identität von Nutzern, um falsche Angaben zu ver hindern, was im Übrigen auch eine Bedin gung für die Umset zung des voran gegangen Vor schlags wäre. Eine solche Regula tions maßnahme würde allerdings mit dem Bemühen mancher Jugend licher und junger Erwachsener kollidie ren, durch leicht geänderte Angaben ihre Privatsphäre gerade zu schützen. Nochmals eingreifen der sind Vor schläge, die Internetdienst leister dazu ver pflichten wollen, aktiv nach Personen im Netz zu suchen, die krimi nelle Handlun gen planen oder aus führen könnten. Externe Regula tion allein führt noch nicht zum Kompetenz aufbau; eher handelt es sich um SchutzMaßnahmen. 299 Tendenz „Sensibilisie rung“ Viele Vor schläge der von uns interviewten Experten setzen auf die Wirkung von Informa tionen über Aufbau, Funk tions weise und Rahmen bedin gungen Sozialer Netz werk platt formen sowie über Folgen einer un bedachten Nutzung derselben einer seits und einen Dialog über diese Informa tionen anderer seits. An gemessene Ent schei dungen beim Handeln in Sozialen Netz werk platt formen, so die meist ge wählte Argumenta tion, setzen voraus, dass man Kennt nisse über die Technik und die damit möglichen Prozesse hat. Nur dann nämlich kann man von „informierten Ent schei dungen“ sprechen, die von allen Seiten ge fordert werden. Informa tions angebote sind eine ver gleichs weise einfache und hoch skalier bare Möglich keit, den Kenntnis erwerb zu initiie ren und zu unter stützen. Als Argument für Informa tion als Fördermaßnahme scheint zu sprechen, dass der Kenntnis stand bei jungen Nutzern Sozialer Netz werk platt formen in Sachen Sicher heit im Internet in den letzten Jahren ge stiegen ist, was auf eine wachsende Informa tion darüber zurück geführt werden könnte. Wichtig dabei ist, wie die Informa tion ge staltet ist und durch wen sie ver mittelt wird. Konkrete Informa tionen mit Beispielen aus der Lebens welt von jungen Menschen sollten ab strakten Informa tionen vor gezogen werden. In den Interviews wird deut lich, dass man Eltern mit der Aufgabe, Jugend liche und junge Erwachsene sach lich zu informie ren, in der Regel über fordert. Eher sind sie eine weitere Zielgruppe für Informa tion. Vor diesem Hinter grund rücken die Schule sowie Jugendeinrich tungen und initiativen, aber auch die Massen medien als Informa tions geber in den Mittelpunkt. Eltern spielen dagegen eine heraus ragende Rolle, wenn es um den Dialog über Nutzungs weisen und um die Ver mitt lung von Werten geht: Selbst wenn Eltern kein aus geprägtes Wissen über Soziale Netz werk platt formen haben, können sie als ver trauens würdige Dialogpartner positiven Einfluss auf einen ver antwor tungs vollen Umgang mit Privat heit und Öffentlich keit ihrer Kinder nehmen. Dialoge mit Eltern, aber auch mit Lehrern und Pädagogen in der Jugendarbeit helfen Jugend lichen und jungen Erwachsenen vor allem dann, wenn sie sich auf konkret erlebte Anlässe be ziehen und man sich dabei „auf Augenhöhe“ be gegnet. Informie ren und miteinander sprechen sind Maßnahmen, die noch nicht per se das Können im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen erhöhen, aber ein Bewusstsein für Risiken und Chancen schaffen können und damit Maßnahmen der Sensibilisie rung sind. Tendenz „Aktivie rung“ Manchen der von uns interviewten Experten sind Maßnahmen zur Sensibilisie rung in Form von Informa tion und Dialog zu wenig, um Kompetenzen im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen zu erhöhen. Sie plädie ren für eine Aktivie rung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen in der Weise, dass sie 300 darin an geleitet und unter stützt werden, eigene Erfah rungen im Internet im Allgemeinen und in Sozialen Netz werken im Besonde ren zu sammeln. Maß nahmen zur Aktivie rung zielen darauf ab, dass junge Nutzer über Risiken, aber auch über Chancen nicht nur nach denken und sprechen, sondern selbst aktiv werden. Dazu gehört einer seits, dass man z. B. PrivatsphäreEinstel lungen eigenständig aus probiert, mit ver schiedenen Funktionali täten diverser Platt formen experimentiert oder andere Bedien fertig keiten direkt einübt. Anderer seits ge hören dazu auch Projekte der aktiven Medienarbeit: Indem man eigene multimediale Inhalte produziert, ver breitet und sich mit anderen darüber aus tauscht, kann man ge wissermaßen am eigenen Leib spüren, was passiert und wie es sich anfühlt, wenn man in Sozialen Netz werk platt formen erfolg reich oder auch zu sorg los agiert. Da junge Nutzer natür lich infolge der Ver wendung Sozialer Netz werk platt formen ohnehin praktisch tätig sind, man also auch argumentie ren könnte, dass eine Aktivie rung gar nicht nötig sei, muss zu dieser eine pädagogi sche Beglei tung kommen, damit die ge machten Erfah rungen von ver schiedenen Seiten be leuchtet und reflektiert werden können. An dieser Stelle kommt erneut der oben schon be schriebene Dialog ins Spiel, der, so einige Hinweise, Bestand teil aktiver Medienarbeit sein muss. Ähnlich wie bei Informa tions angeboten ist es auch bei Erfah rungs angeboten eine wichtige Frage, wie man diese ge staltet, um positive Wirkun gen zu er zielen. Dazu finden sich in den Aus sagen der interviewten Experten leider kaum konkrete Anhaltspunkte. In ver gleich barer Weise wie bei Maßnahmen der Sensibilisie rung ist auch bei Maßnahmen der Aktivie rung zu fragen, wo der am besten ge eignete Ort dafür ist: Hier kommt zunächst die Schule in Frage, die dazu aber deut lich mehr Freiräume geben müsste, als es in der Regel der Fall ist. Vor diesem Hinter grund er scheinen aktuell zumindest außerschuli sche Orte für Maßnahmen der Aktivie rung offen bar die bessere Wahl. Eigene Erfah rungen zu machen und darin be gleitet zu werden, hat wohl die größte Chance, Einfluss nicht nur auf Einstel lungen, sondern auf konkrete Ver haltens weisen von Jugend lichen und jungen Erwachsenen zu nehmen. Tendenz „Selbstregula tion“ Ein kleiner Teil der Experten vorschläge wählt ge wissermaßen das Gegen teil der ersten Tendenz, die wir als „externe Regula tion“ be zeichnet haben. Vor schläge, die sich in Richtung „Selbstregula tion“ als Gegen pol zur externen Regula tion bewegen, nehmen die Annahme zum Aus gangs punkt, dass wir im Internet im Allgemeinen und auf Sozialen Netz werk platt formen im Besonde ren längst die Kontrolle über private Daten und Informa tionen ver loren haben bzw. eine solche Kontrolle gar nicht möglich sei. Diese Annahme geht mit der Forde rung einher, dass wir einen Wandel in der Auf fassung über Privat heit und Öffentlich keit brauchen. Damit ist nicht ge meint, dass man sich mit der 301 unkontrollierten Ver brei tung persön licher privater Daten und Informa tionen ge wissermaßen passiv ab findet und vor dieser neuen Situa tion resigniert. Vielmehr geht es darum, die Idee von informa tio neller Selbst bestim mung zu über denken und zu lernen, dass im Internet publizierte Informa tionen öffent liche Informa tionen per se sind. Ändern müssten sich daher nicht die Platt formen, sondern die Handlun gen und das Bewusstsein der Nutzer, die selbst Ver antwor tung dafür über nehmen müssen, wie sie mit ihren Daten im Internet umgehen. Im weitesten Sinne zur Selbstregula tion könnte man zudem Vor schläge zählen, die darauf hinaus laufen, dass die Nutzer das Netz im Allge meinen und Soziale Netz werk platt formen im Besonde ren selbst kontrollie ren und sich auf diesem Wege gegen seitig schützen. Dazu gehört z. B., Auf fällig keiten an Internetdienst leister zu melden, aber auch „un geschriebene Gesetze“ zu etablie ren und weiter zugeben, die insbesondere den gegen seiti gen Respekt aus drücken und fördern. Empfeh lungen dieser Art propagie ren einen kulturellen Wandel in der netzbasierten sozialen Inter aktion, der sich nicht extern ver ordnen und auch nicht direkt be einflussen lässt, sondern sich nur allmäh lich ent wickeln kann. 303 6 Zusammen fassung Julia Niemann & Michael Schenk Zum Ab schluss des empiri schen Teils und bevor in Teil III eine juristi sche Betrach tung erfolgt, werden hier die wichtigsten Ergeb nisse der durch geführten Studien noch einmal kurz zusammen gefasst. Ein resümie ren des Fazit erfolgt zu Beginn von Teil IV, der auch Hand lungs empfeh lungen ent hält. Zur Beantwor tung der Forschungs fragen wurde eine Kombina tion aus quantitativen und qualitativen Methoden ver wendet, die Leitfaden interviews mit jungen Nutzern und Experten, eine Sekundäranalyse und eine standardisierte Befra gung mit Tracking beinhaltete. Über die ver schiedenen Einzelstudien hinweg lassen sich Parallelen und allgemeine Trends be obachten. Die Sekundäranalyse der Daten aus dem von der DFG ge förderten Projekt ergab deut liche Unter schiede zwischen Digital Natives und Digital Immigrants. Die jungen Nutzer ver halten sich bei der SocialWebNutzung insgesamt aktiver. Soziale Netz werk platt formen werden von den Digital Natives deut lich häufiger ge nutzt. Digital Natives geben häufiger ihren Namen, Geburts tag und ihren Beruf an. Sensible Daten wie Kontaktinforma tionen werden von allen Alters gruppen seltener ge teilt. Junge Nutzer ver öffent lichen öfter Bilder als die älteren und schränken den Zugriff auf diese weniger oft ein. Ein ähnlicher Unter schied ist bei der Sicht bar keit von Kontakten fest zustellen. Dennoch gibt es bei der Sorge um die eigene Privatsphäre keine Unter schiede zwischen den Alters gruppen. Jüngere Personen sind jedoch etwas unvorsichti ger als ältere, wenn es um techni sche Schutz maßnahmen geht. Mit Hilfe einer Regres sions analyse konnte ge zeigt werden, dass das Alter einen Einfluss auf die Selbstoffenba rung im Social Web ausübt. Dieser fällt jedoch geringer aus, wenn die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen als zusätz licher Einfluss faktor in das Modell ein geführt wird. Da die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen den größten Erklä rungs beitrag für die OnlineSelbstoffenba rung liefert, er scheinen die Platt formen in diesem Kontext be sonders relevant zu sein. Die Daten der aktuellen standardisierten Befra gung und auch der qualitativen Interviews be stäti gen, dass Soziale Netz werk platt formen in der Alters gruppe 304 der 12 bis 24Jährigen tatsäch lich die am häufigsten ver wendeten SocialWeb Anwen dungen darstellen. Dabei ist Facebook das am weitesten ver breitete An gebot. Die Dauer und Häufig keit, mit der Netz werk platt formen ge nutzt werden, steigt mit zunehmen dem Alter an. Grundsätz lich können unter schied liche Gratifika tionen bei der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen ent stehen, primär dienen sie aber dazu, bereits be stehende, offline ge knüpfte Kontakte zu pflegen. Dass die rezeptive Nutzung gegen über der kommunikativen über wiegt, ver wundert nicht. Die ver schiedenen Kommunika tions funk tionen der Platt formen sind dennoch die zentralen Elemente und werden differenziert ge nutzt. Die Möglich keit, sich selbst darzu stellen und über die Platt formen das eigene Identi täts management voran zutreiben, steht aus Sicht der Nutzer gegen über der sozialen Inter aktion im Hinter grund. Die eigene Selbst darstel lung wird notwendig, um online inter agie ren zu können. Es ist den jungen Nutzern wichtig, auch online authentisch, einzigartig und positiv zu er scheinen. Zum Selbstoffenba rungs verhalten haben wir insbesondere im quantitativen Part vier Bereiche differenziert: Das Teilen von Informa tionen im Nutzer profil, die Kommunika tion auf den Platt formen, Schutz verhalten über die Nutzung der PrivatsphäreOptionen und die Größe und Zusammen setzung der Kontakt listen, die die jungen Nutzer pflegen. Auf dem Nutzer profil teilen die Befragten viele Informa tionen mit, wie Name, Geschlecht, Geburts datum und Hobby, die sie identifizier bar machen. Kontaktinforma tionen und intime Details, die dort mitunter ab gefragt werden, be handeln sie aber ver hältnis mäßig restriktiv. Wenn über die Platt formen kommuniziert wird, erfolgt zumeist eine differenzierte Wahl der Kommunika tions mittel. Für private Konversa tionen werden private Kommunika tions kanäle, wie der Chat oder die private Nachricht, ver wendet. (Semi)öffent liche Kom mu ni ka tion erfolgt seltener und die Jugend lichen und jungen Erwachsenen posten dabei vor rangig positive oder wertneutrale Inhalte, die sie selbst als risikofrei ansehen. So können sie sicherstellen, dass ihre OnlineSelbst darstel lung in keinem sozialen Kontext als unangemessen empfunden wird. Der Großteil der Nutzer hat sich bereits mit den PrivatsphäreOptionen be schäftigt. Der Zugriff auf die Inhalte wird mehr heit lich auf die be stätigten und selbst hinzu gefügten Kontakte be schränkt, weshalb diesem Kontakt netz werk eine hohe Bedeu tung zukommt. Die Befragten ver fügen im Durch schnitt über 169 Kontakte. Nur 44 Prozent geben an, dass sie alle dieser Kontakte bereits persön lich ge troffen haben. Im Umkehrschluss be deutet das, dass die Mehrheit der jungen Nutzer Kontakte in ihrer Kontakt liste hat, die sie nicht aus dem OfflineLeben kennen. Aus den Variablen zur Selbstoffenba rung konnten drei grundständige Ver haltens typen ge bildet werden, die in ihrer Aus rich tung differie ren. Nur eine Gruppe zeigt als Vieloffen barer ein in Bezug auf die eigene Privatsphäre irrationales Ver halten. Sie ist mit 14 Prozent der Nutzer die kleinste. Die anderen 305 beiden Gruppen zeichnen sich ent weder durch generelle Zurück haltung bei der OnlineSelbstoffenba rung aus (Wenigoffen barer) oder regulie ren ihre Privat sphäre über die restriktive Einstel lung der PrivatsphäreOptionen und kom munizie ren innerhalb ihrer ver hältnis mäßig großen Netz werke (Privatsphäre Manager). Dass die Digital Natives un bedacht und sorg los mit ihren Daten umgehen, können wir nicht be stäti gen. Ein Pauschalurteil er scheint ohnehin unangebracht. Diesen Eindruck be stäti gen auch die be fragten Experten. Die jungen Nutzer sehen in den Anwen dungen Gefahren, die sich jedoch eher auf die institutio nelle Privatsphäre, also die Nutzung ihrer Daten durch den Anbieter be ziehen. Soziale Risiken werden geringer ein geschätzt. In Bezug auf die Privatsphäre gibt es be stimmte Tabuthemen, die online nicht thematisiert werden, wie Familien angelegen heiten und persön liche Probleme in der Be zie hung, der Aus bildung oder im Beruf und finanzielle Schwierig keiten. Allein durch die Sorge um die Privatsphäre kann das Handeln auf Sozialen Netz werk platt formen hingegen kaum erklärt werden. Weitere Einfluss variablen, wie die subjektiv wahrgenommenen sozialen Normen und die Nutzungs motive, spielen eine wichtige Rolle. Teil III Rechts gutachten zum Daten schutz und zu Persönlich keits rechten im Social Web, insbesondere von Social Networking-Sites Silke Jandt & Alexander Roßnagel 309 1 Fragestel lung des Gutachtens Thema der Unter suchung ist die Fragestel lung, wie der Daten schutz und die Gewährleis tung der Persönlich keits rechte auf Social NetworkingSites effektiv um gesetzt werden können. Die neuen Dienste angebote des Web 2.0 be gründen neue Chancen und Risiken für den Daten schutz und die Persönlich keits rechte, indem sie neue Hand lungs möglich keiten eröffnen. Die neuen techni schen Möglich keiten dürfen nicht dazu führen, dass die ver fassungs recht lich garan tierten Schutz güter des Daten schutzes und der freien Persönlich keits entfal tung faktisch unter laufen werden. Die Effektivi tät und Wirksam keit der Rechts ordnung muss daher immer wieder im Hinblick auf die techni sche Fort entwick lung über prüft und ge gebenen falls in Bezug auf die neuen Risiken an gepasst werden. Um den Gefähr dungen des Internet für den Daten schutz und die Persönlich keits rechte zu be gegnen, wurden in der Ver gangen heit bereits vom Gesetz geber be reichs spezifi sche Vor schriften er lassen, und in der Literatur finden sich zahl reiche Ver öffent lichungen, die sich mit Einzelfragen be schäfti gen. Diesen Vor schriften und Unter suchungen ist jedoch gemeinsam, dass sie in Bezug auf die Internetdienste von einem klaren AnbieterNutzerVerhältnis aus gehen. Dies hat zur Folge, dass gesetz liche Rechte und Pflichten eindeutig zu geordnet werden konnten. Im Web 2.0 kann potenziell jeder sowohl Anbieter als auch Nutzer von Informa tion sein, so dass auch die Rechte und Pflichten nicht mehr eindeutig adressiert werden können. Im Folgenden wird unter sucht, wo durch die An gebote des Web 2.0 der gesetz liche Daten und Persönlich keits schutz an seine Grenzen stößt und welche Schutz defizite ent stehen. Dies erfolgt durch die Ermitt lung der Chancen und Risiken anhand von beispiel haft aus gewählten An geboten sozialer Netz werk dienste. Des Weiteren wird eine detaillierte Prüfung der für Soziale Netz werk platt formen gelten den daten schutz recht lichen Anforde rungen unter Berücksichti gung der spezifi schen Anforde rungen für Kinder und Jugend liche vor genommen. Ab schließend werden die recht lichen Rege lungs defizite zusammen fassend dargestellt. 311 2 Social NetworkDienste, Foren & Co. Das Internet hat sich mit rasender Geschwindig keit in der Bevölke rung ver breitet und nimmt mittlerweile einen be deuten den Stellen wert nicht nur im Berufs, sondern auch im Privatleben ein. Mit dem Web 2.0 hat das World Wide Web (WWW) bereits eine neue Stufe er reicht. Die ursprüng lich be stehende Trennung zwischen Anbietern des WWW auf der einen und Nutzern des WWW auf der anderen Seite wird zunehmend auf gehoben. Im so ge nannten MitmachInternet hat sich eine neue Konstella tion ergeben. Jeder kann zum Akteur, jeder kann zum Autor von Inhalten im Internet avancie ren. Die Provider über nehmen nicht mehr primär die Funktion, Inhalte und Dienste angebote im Internet zur Ver fügung zu stellen, sondern zielen durch die Bereit stel lung von Mitmachplatt formen auf die Aktivie rung der breiten Masse der Internetnutzer ab. Diese werden in immer stärke rem Maß auf gefordert, das World Wide Web aktiv mitzu gestalten. Zu den zahl reichen An geboten des Social Web zählen Film und Bildsamm lungen, Weblogs, Foren und Wikis, Podcasts und NetworkingPlatt formen, Feed Reader und FeedAggregatoren, kollektive Ver schlagwor tungs systeme und SocialNewsDienste. Einige der in Deutschland be kanntesten und er folgreichsten Beispiele sind studiVZ, Myspace, Xing, Twitter, Facebook oder spickmich, die für Millionen eher junger Menschen zu Platt formen der Selbst darstel lung und des Aus tauschs ge worden sind. Im allgemeinen Sprach gebrauch werden soziale Netz werk dienste als Kom mu nika tions platt formen im OnlineBereich definiert, die es dem Einzelnen er möglichen, sich Netz werken von gleich gesinnten Nutzern anzu schließen oder solche zu be gründen (Art. 29Daten schutz gruppe, 2009, S. 163). Im recht lichen Sinne handelt es sich beim An gebot Sozialer Netz werk platt formen um Dienst leis tungen der Informa tions gesell schaft gemäß Art. 1 Nr. 2 der Richtlinie für die Dienste der Informa tions gesell schaft. Faktisch weisen alle sozialen Netz werk dienste be stimmte gemeinsame Merkmale auf (Art. 29Daten schutz gruppe, 2009, S. 163). Erstens werden die Nutzer auf gefordert, personen bezogene Daten zur Erstel lung einer Beschrei bung von sich selbst anzu geben, die ein persön liches Profil ergeben. Zweitens bieten die Sozialen Netz werk platt formen Funk 312 tionen an, mit denen die Nutzer selbst ge nerierte Inhalte, wie zum Beispiel Bilder, Tagebuch einträge, Musik oder Videoclips ver öffent lichen können. Drittens, die Nutzung des sozialen Netz werks erfolgt über vor gegebene Platt formfunk tionen wie zum Beispiel Kontakt listen oder Adress bücher, mittels derer die Ver weise auf die anderen Mitglieder der Netzgemein schaft ver waltet und zu Inter aktionen mit diesen ge nutzt werden können. Soziale Netz werk platt formen sind in vielerlei Hinsicht für die Nutzer funk tional. Zu den wichtigsten Gratifika tionen gehört, neben sozialkommunikativen, auch die Selbst darstel lung der Nutzer (vgl. Teil I Ab schnitt 2.1.4). Das Internet ist das moderne Nach schlagewerk schlechthin. Gegen über herkömm lichen Informa tions samm lungen und medien wie zum Beispiel Zeit schriften und Zeitun gen, TV und Radioprogrammen oder Lexika weist die Informa tions vermitt lung über das Web 2.0 zahl reiche Vor teile auf. Die Vielfalt der Informa tionen steigt enorm an, indem grundsätz lich jeder Internetnutzer sein „Experten“Wissen über dieses Medium ver breiten kann. Eine Filte rung oder Kontrolle der Informa tionen findet nicht statt. Die Kenntnis nahme ist eben falls grundsätz lich durch jeden Internetnutzer möglich. Zudem findet auf den Informa tions platt formen vielfach eine Reflexion der Informa tionen durch die Empfänger statt, indem ihnen Werkzeuge zur Korrektur und Bewer tung zur Ver fügung ge stellt werden. Neben der Vielfalt liegt auch eine stark ver besserte Ver fügbar keit der Informa tionen vor. Das Internet ver gisst grundsätz lich nicht. Selbst Internet seiten, die deaktiviert oder ge löscht worden sind, können häufig noch in einer ge spiegelten Form im Internet auf gefunden werden. Mittlerweile werden auf grund der Schnell lebig keit des Internet auch Archive von Internet seiten er stellt.1 Durch diese Maßnahmen soll der Zeitraum der Ver fügbar keit von Informa tionen im Internet demjenigen medien gebundener Informa tionen auf Papier oder elektroni schen Daten speichern an genähert wer den. Über mobile Endgeräte, die den Zugriff auf das Internet oder spezifi sche Apps er möglichen, ist es technisch möglich, die Informa tionen jederzeit und von jedem Ort aus abzu rufen. Während Informa tions bereit stel lung und abruf jeweils als einseitige und voneinander unabhängige Nutzungs formen des Internet charakterisiert werden können, er fordert Kommunika tion und Inter aktion bi oder multipolare Bezie hungen der Internetnutzer. Im ursprüng lichen Ver ständnis ist Kommunika tion eine soziale Handlung, die der Problemlö sung und der Über windung von Hinder nissen dient. Etwas spezifi scher wird unter Kommunika tion der Aus tausch sowohl von Wissen, Erkenntnis und Erfah rungen als auch von Gedanken, Vor stel lungen und Meinun gen zwischen Individuen ver standen. Im Zusammen hang mit der Informa tions und Kommunika tions technologie fließen auch 1 S. www.archive. org/. 313 techni sche Aspekte wie die Signal übertra gung, wechselseitige Steue rung oder auch einfach die Ver bindung techni scher Geräte in die Begriffs defini tion mit ein. Die Vor teile, die das Web 2.0 im Kontext der Informa tion bietet, gelten auch für den Bereich Kommunika tion und Inter aktion. Die Anzahl der Personen, die von jedermann über das Web 2.0 er reicht werden kann, ist ungleich höher, als die bei den bisheri gen Kommunika tions medien. Rundfunk und Fernsehen können zwar eine ver gleich bare Breiten wirkung er reichen, bieten aber nur sehr be grenzte Möglich keiten für Aus tausch und Inter aktion. Im Web 2.0 können sich dagegen neue Ideen durch Blogs inter aktiv heraus bilden und in kurzer Zeit zu be eindrucken den Projekten weiter entwickeln. Neue Partner für unter schied lichste Projekte können über Social Software auf grund ihrer EPortfolios ge funden und in Projekt netz werke ein gebunden werden (Beyer, Kirchner, Kreuzberger & Schmeling, 2008, S. 598). Multi User OnlineSpiele wie Second Life oder World of Warcraft er lauben den Teilnehmern in neue Rollen zu schlüpfen und sich in einer Phantasiewelt auszu leben und zu ent wickeln.2 Der Aufbau und die Pflege sozialer Beziehungen basiert im Wesent lichen auf Kommunika tion und Inter aktion. Dennoch kommt dieser Kategorie eine darüber hinaus gehende Bedeu tung zu. Kommunika tion und Inter aktion findet zwischen Individuen auch einmalig zum Beispiel zu einem isolierten Thema oder einem Projekt statt. Soziale Beziehungen setzen dagegen Inter aktions ketten voraus und be stehen nur dann, wenn das Denken, Handeln und Fühlen von zwei Individuen oder Gruppen gegen seitig aufeinander bezogen ist. Unabhängig von der Frage, ob soziale Beziehungen, die nur im Cyberspace statt finden, reale soziale Beziehungen vollständig er setzen können oder sollten, existie ren beide Beziehungs formen. Insbesondere die SocialNetworkSites Stay Friends, VZNetz werke (studi, schüler oder mein) oder werkenntwen sind darauf aus gerichtet, dass die Nutzer ihnen be kannte Personen, die sie im realen Leben aus den Augen ver loren haben, wieder finden. Sie leisten damit einen wesent lichen Beitrag zur Beziehungs pflege. Auf grund der immer weiter zunehmen den Mobilität der Menschen kann diese nicht mehr nur durch ein unmittel bares Zusammentreffen gewährleistet werden, das zudem immer auf wendi ger wird. Die gleiche Funktion er füllen auch Facebook, Myspace, spickmich oder Xing, die allerdings als weiteren Schwerpunkt die Gründung von OnlineCommunitys erfolg reich fokussie ren. Schließ lich ist das Web 2.0 ein neues und optimales Forum für die Selbst darstel lung. Darunter sind alle be wussten Handlun gen einer Person oder Per sonen gruppe zu ver stehen, die ihr Erschei nungs bild in der öffent lichen Wahr 2 S. zu Massive Multiplayer Online Roleplay Games (MMORPG) und ihren Rechtsproblemen z. B. Krasemann, MMR 2006, S. 351; Koch, JurPC WebDok. 57/2006; Lober/Weber, MMR 2005, S. 653; dies., CR 2006, S. 837; Trump/Wedemeyer, K&R 2006, S. 397; Rippert/Weimer, ZUM 2007, S. 272. 314 neh mung be einflussen. Selbst darstel lung im Web 2.0 erfolgt sowohl, wenn über YouTube eigene Darbie tungen präsentiert werden als auch durch die Teilnahme an Blogs und Meinungs foren. Das für die Selbst darstel lung er forder liche Publikum findet sich im Internet ohne Probleme, da die Nutzung der sozialen Netz werk dienste in der Regel kosten los ist. Das Web 2.0 eröffnet gegen über der Selbst darstel lung in der realen Welt wesent liche neue Möglich keiten. Die Virtuali tät und grundsätz liche Anonymi tät des Internet erlaubt es, in ganz unter schied lichen Kontexten unter schied liche Identi täten anzu nehmen und damit die Selbst darstel lung viel facetten reicher zu ge stalten, als dies im realen Leben möglich ist. 315 3 Chancen und Risiken sozialer Netz werk dienste Die bisheri gen Aus führungen lassen den Eindruck ent stehen, dass das Web 2.0 zu einem enormen Gewinn an Freiheit führt: Die Freiheit, un gefiltert Informa tionen zu ver breiten und zu konsumie ren. Die Freiheit, über räum liche Ent fernungen und Ländergrenzen hinweg zu kommunizie ren und zu inter agie ren. Schließ lich die Freiheit, sich selbst der Weltöffentlich keit in Form von Bildern, Filmen, Sprachsequenzen, Geschichten, Gewohn heiten, Meinun gen und Einstel lungen darzu stellen und Gemein schaften zuzu ordnen. Die Kehrseite der Frei heits ausü bung ist allerdings häufig die mit ihr einher gehende Frei heits begren zung anderer. Wird die Freiheit im Web 2.0 nicht ver antwor tungs voll aus geübt, sondern missbraucht, werden die Rechte Dritter ver letzt. Das Web 2.0 bietet auch einen neuen Raum für krimi nelle Aktionen, Kriegs und Gewalt verherr lichungen sowie Kinder und Jugendgefähr dungen. Von be sonde rem Interesse sind jedoch die Missbräuche, die die spezifi schen Stärken des Web 2.0 aus nutzen. Im Folgenden werden daher die Chancen und Risiken dargestellt, die das Web 2.0 in Bezug auf die frei heit lich demokrati sche Grundord nung und insbesondere die im Grundgesetz ver bürgten Frei heits rechte hat. 3.1 Chancen Web 2.0 ver spricht die Träume von Freiheit und Demokratie in einer „civil informa tion society“, die ursprüng lich mit dem Internet ver bunden waren (Roßnagel, 1997, S. 26 ff.), zu er füllen. Die dargestellten Funktionen des Web 2.0 fördern unmittel bar die Persönlich keits entfal tung und informatio nelle Selbst bestim mung, Meinungs und Informa tions frei heit, die soziale Kommunika tion und Bildung sowie die Gemeinschafts bildung. Sie er weitern den Kreis der Freiheit und ver bessern die Ver wirklichungs bedin gungen der ge nannten Grund rechte. Neue Chancen für die freie Persönlich keits entfal tung bietet das Web 2.0 nicht nur durch den freien Zugang zu SocialWebAngeboten, sondern vor allem durch die neuen Hand lungs optionen, die diese offerie ren. Web 2.0 fördert 316 allgemein die freie Ent faltung der Persönlich keit und – so wider sprüch lich es zunächst auch klingen mag – die informatio nelle Selbst bestim mung des Einzel nen als be sondere Aus prägung dieses Grundrechts. Das Grundgesetz (GG) schützt durch Art. 2 Abs. 1 die freie Ent faltung der Persönlich keit. Dieses Grund recht ist vom Bundes verfassungs gericht einer seits zur allgemeinen Hand lungs frei heit aus geweitet worden, anderer seits wurde es unter Berufung auf Art. 1 Abs. 1 GG zu einzelnen Persönlich keits rechten fort entwickelt. Als Antwort auf die „modernen Bedin gungen der Daten verarbei tung“ hat das Bundes verfassungs gericht auch das Recht auf informatio nelle Selbst bestim mung aus den ge nannten Grundrechten ab geleitet. „Das Grundrecht gewährleistet die Befugnis des Einzelnen, grundsätz lich selbst über die Preis gabe und Ver wendung seiner persön lichen Daten zu be stimmen“ (BVerfGE 65, 1, 43). Es schützt als be sondere Aus prägung des Rechts auf freie Ent faltung der Persönlich keit die selbst bestimmte Ent wick lung und Ent faltung des Einzelnen. Diese kann nur in einer für ihn kontrollier baren Selbst darstel lung in unter schied lichen sozialen Rollen und der Rückspiege lung durch die Kommunika tion mit anderen ge lingen. Dementsprechend muss er in der Lage sein, selbst zu ent scheiden, welche Daten er über sich in welcher Rolle und in welcher Kommunika tion preis gibt. Die informatio nelle Selbst bestim mung richtet sich dagegen, dass Dritte personen bezogene Daten über den Betroffenen gegen dessen Willen erheben, ver arbeiten oder nutzen. Sie richtet sich jedoch nicht gegen die selbst bestimmte Ver öffent lichung eigener Daten. Durch sie be stimmt der Betroffene vielmehr selbst über die Preis gabe seiner Daten und übt damit gerade seine informatio nelle Selbst bestim mung aus. Sie umfasst auch die Freiheit zur Selbstexhibi tion, der im Web 2.0 kaum Grenzen gesetzt werden. Wenn Nutzer un gefiltert durch Mediatoren unmittel bar mit anderen Nutzern kommunizie ren können, er weitert das Web 2.0 ihre aktive Kommunika tions, Informa tions und Meinungs frei heit und dies nicht nur in Bezug auf Themen des Privatlebens, sondern auch auf gesell schaft licher und insbesondere politi scher Ebene. Diese Grundrechte beruhen auf Art. 5 Abs. 1 und Abs. 2 GG. Die Meinungs äuße rungs frei heit gemäß Art. 5 Abs. 1 Satz 1, 1. Halbsatz GG gewähr leistet das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu ver breiten. Die Informa tions frei heit ist in Art. 5 Abs. 1 Satz 1, 2. Halbsatz GG als das Recht definiert, sich aus allgemein zugäng lichen Quellen un gehindert zu unter richten. Die Kommunika tions frei heit wird aus der Gesamt heit der in Art. 5 GG gewährleis teten Freiheiten als auch der Pressefrei heit sowie der Freiheit der Rundfunk und Filmberichterstat tung ab geleitet. Die Meinungs frei heit be trifft die Perspektive des Kommunikators, die Informa tions frei heit diejenige des Rezipienten und die Medien frei heit schützt die Mittler der Kom munika tion. Neue Chancen für die Kommunika tions frei heit bietet das Web 2.0, indem nicht mehr nur Zeitun gen und Rundfunksen der, sondern vor allem Blogs zu ent scheiden den Medien in der politi schen Willens bildung und zu relevanten 317 Instrumenten von Wahl kämpfen werden. Für den letzten amerikani schen Wahl kampf billigten Medien analysen diesen Web 2.0Anwen dungen sogar eine größere politi sche Relevanz zu als „Mainstream Media“ (Moll, 2008, S. 36 f.; Brauck, Hornig & Hülsen, 2008, S. 95 f.). Web 2.0 be seitigt Hierarchien und er möglicht jedem die direkte Teilnahme an der Bildung von Meinun gen, dem Ent stehen von Moden, an der Fort entwick lung der Kultur und an der demokrati schen Willens bildung. Während in Art. 26 der Allgemeinen Erklä rung der Menschen rechte aus drück lich ein Recht auf Bildung deklariert wird, formuliert das Grundgesetz kein derarti ges Grundrecht. Es kann aber aus ver schiedenen Grundrechten die Pflicht des Staates ab geleitet werden, Bildungs chancen zu offerie ren. Die Pflicht zur Einrich tung des Bildungs wesens ergibt sich zum einem aus dem Gleich heits grundsatz gemäß Art. 3 Abs. 3 GG. Die Chancen gleich heit fordert, dass jeder die gleichen Zugangs möglich keiten zur Bildung er halten muss. Daneben hat Art. 7 GG das Wohl von Kindern und Jugend lichen im Auge und ist eben falls ein Aus druck der staat lichen Ver pflich tung zur möglichst gleichen Ver gabe der Bildungs chancen. Schließ lich lässt sich das Recht auf Bildung auch aus dem Sozialstaatsprinzip ab leiten. Soziale Netz werk dienste er lauben einen un kontrollierten und un begrenzten Zugang zu unzähli gen Informa tions und Bildungs angeboten. Das Web 2.0 er möglicht vielfach den Zugriff auf Tages zeitun gen, Lehrbücher, wissen schaft liche Publika tionen, OnlineEnzyklopädien, Fernseh und Rundfunk programme. Daneben finden sich auch konkrete Lern angebote zum Beispiel für Fremdsprachen. Die Gemeinschafts bildung wird im Grundgesetz maß geblich durch die sogenannten Kollektivgrundrechte gewährleistet. Hierzu ge hören die Ver samm lungs frei heit gemäß Art. 8 GG und die Ver eini gungs und Koali tions frei heit gemäß Art. 9 GG. Zwar umfasst die Ver samm lungs frei heit nur ein tatsäch liches Zusammen kommen der Grundrechts träger an einem physischen Ort (Depen heuer, 2011, Art. 8 GG, Rn. 45). Allerdings können diese Ver samm lungen durch das Web 2.0 er heblich leichter organisiert werden, wie die Beispiele zahl reicher Flashmobs zeigen, so dass sie die Chancen der Grundrechts ausü bung er weitern. Die allgemeine Ver eini gungs frei heit schützt die Freiheit natür licher oder juristi scher Personen, sich für längere Zeit zu einem gemeinsamen Zweck zu einer Ver eini gung zusammen zuschließen und einer gemeinsamen Willens bildung zu unter werfen. Web 2.0 bietet, wie die statt findende aus geprägte Community Bildung zeigt, ver besserte Möglich keiten über Landes grenzen hinweg Personen aufzu spüren, die die gleichen Interessen ver binden, und die Kommunika tion und Organisa tion der WebCommunitys zu ver einfachen. 318 3.2 Risiken Web 2.0 wäre ein ideales Medium für die Persönlich keits entfal tung und für die Stärkung der Meinungs und Informa tions frei heit, wenn immer nur ver antwort lich mit ihm um gegangen würde. Da dies nicht der Fall ist, wird es auch zu einem Instrument massiver Beeinträchti gungen der gleichen Frei heits gewährleis tungen, die das Web 2.0 fördert. Die Ausübung der freien Ent faltung der Persönlich keit des Einzelnen kann gleichzeitig Risiken für den Persönlich keits schutz der anderen Grundrechts träger ent falten. Soziale OnlineNetz werke werden zunehmend ge nutzt, um andere Personen an den Pranger zu stellen oder persön liche „Rachefeldzüge“ durch zuführen. Durch die Anonymi tät des Internet und die fehlende persön liche Präsenz ent steht offensicht lich eine Distanz, die solche Hand lungs weisen fördert. Immer mehr Menschen finden sich gegen ihren Willen mit ihrem Foto, ihrem Namen, ihrer Adresse, Lebens weg und Vor lieben auf Websites wieder, weil sie anderen miss liebig auf gefallen sind. Der be kannteste Fall ist der elektroni sche Pranger des „Dog Shit Girl“, einer jungen Koreanerin, deren Schoß hund in der UBahn seinen Darm ent leeren musste. Da sie den Haufen nicht be seiti gen wollte, fotografierte ein Zeuge das Geschehen und lud die Bilder in einen populären Blog hoch. Innerhalb von Stunden hatten andere Namen und Lebens geschichte der Hundehalterin zusam men getragen und im Internet ver öffent licht. Monatelang wurde über das Ver halten, aber auch die Persönlich keit des Mädchens öffent lich im Web diskutiert (Oehmke, Spiegel 31/2008, S. 144). Inzwischen sind in Flickr Menschen zu sehen, denen vor geworfen wird, zu laut in ihr Handy zu sprechen. In Meinprof werden Tausende von Professoren be wertet (Heise Online vom 28. 4. 2008) und in spickmich eine sehr große Zahl von Lehrern be urteilt (OLG Köln, K&R 2008, S. 40; LG Duisburg, ZUM 2008, S. 700; LG Köln, MMR 2007, S. 734). In YouTube gibt es massen haft mit der Handykamera auf genommene Kurzfilme über „aus flippende Lehrer“ oder sich blamierende Mitschüler. Ent täuschte Ehepartner rächen sich an ihren Ehemali gen durch „InternetShaming“, indem sie intime Details ver öffent lichen. Auf Dontdatehimgirl warnen Frauen vor schlechten Liebhabern. Auf Plate Wire werden Nummernschilder von an geblich schlechten Autofahrern gesammelt. In Rottenneighbor sind Häuser in Stadt plänen markiert, in denen an geblich ver kommene Menschen, streitsüchtige Nachbarn oder gar Kinder schänder leben (Oehmke, Spiegel 31/2008, S. 144; Roggen kamp, 2008, S. 326). Rechts radikale ver öffent lichen die persön lichen Daten linker Aktivisten im Netz (Kleinhubbert, 2008, S. 52). Die von diesen Aktionen be troffenen Personen werden durch Diffamie rungen, Beleidi gungen und Rufschädi gung in ihren Persönlich keits rechten ver letzt. Diesen Personen wird die Möglich keit ge nommen, über ihre Selbst darstel lung und ihr Auf treten in der Öffentlich keit frei zu be stimmen. Sie 319 können weder die Inhalte noch die Empfänger dieser Inhalte be einflussen, geschweige denn kontrollie ren. Sobald die Bilder, Videos oder Bewer tungen einen konkreten Personen bezug – wenn auch nur für einzelne Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen – auf weisen, wird durch diese Ver öffent lichungen zudem die informatio nelle Selbst bestim mung der be troffenen Personen massiv be einträchtigt. Das Recht darüber zu ent scheiden, wer was wann bei welcher Gelegen heit über mich weiß, wird nahezu auf gehoben. Hinzu kommt das Risiko der Daten auswer tung. Dritte können die im Internet ver fügbaren Daten aus werten, mit anderen Daten zusammen führen, zu Bezie hungs, Interessen und Persönlich keits profilen ver arbeiten und diese ver kaufen oder nutzen. Interessiert an den Daten könnten viele sein: Arbeit geber, Ver mieter, Aus kunfteien, Ver siche rungen, Ver trags partner, Kollegen, Konkurrenten und auch Behörden. Wer etwa zur Imagepolitur Bilder oder Videos vom Koma Trinken oder von Extremsport ins Web stellt oder in seinem Blog über persön liche Konflikte oder Schulden be richtet, darf sich nicht wundern, wenn er später Schwierig keiten hat, einen Arbeits platz oder eine Wohnung zu finden. Aber auch wer weniger brisante Informa tionen ver öffent licht, muss damit rechnen, dass Daten aus dem Kontext gerissen werden und in andere Zusammen hänge ge stellt ein unzu treffen des Bild über ihn ergeben. Teilweise zerren Medien unternehmen einzelne Personen und ihre Geschichte in die Öffentlich keit und er zielen Auf merksam keit damit, dass sie Kuriosi täten dieser Personen darstellen (BVerfGE 101, 361; BVerfG, NJW 2008, 1793; EGMR, NJW 2004, 2674; Gounalakis & Rhode, 2002, S. 99, 186 ff.; HoffmannRiem, 2009, S. 20). Diese Risiken bilden die be kannten Probleme des Presse, Daten, Arbeitnehmer und Ver braucher schutzes. Nicht nur der Umfang der zur Aus wertung im Web 2.0 zur Ver fügung stehen den Daten steigt, sondern auch die techni schen Möglich keiten der Daten auswer tung werden immer weiter ver bessert. Aktuell weisen zwar häufig Bilder und Videos von Personen nur für diejenigen SocialNet worker einen Personen bezug auf, die die Person im realen Leben kennen. Dies wird sich aber ver mutlich mit den immer größeren Fortschritten von Bilderken nungs programmen in kürzester Zeit ändern (Heise Online vom 13. 3. 2009 und vom 4. 5. 2010). Ein be sonde res Risiko ent steht im MitmachInternet durch die Unkontrolliert heit der Inhalte. Niemand über prüft die Richtig keit oder den Wahr heits gehalt vor der Ver öffent lichung. Diese Publika tionen können ganze Lebens wege zerstören – in einer Zeit, in der immer mehr Menschen – vom potenziellen Arbeit geber über den ehemali gen Schulfreund bis hin zum Flirtpartner – andere Menschen vor einem näheren Kennen lernen erst mal „googeln“. Diese Nach richten sind nicht mehr erfolg reich zu löschen. Sie werden irgendwo im Internet immer ge speichert bleiben und über Suchmaschinen für alle er reich bar bleiben. Dies gilt für die proaktive Imagepflege durch EPortfolios und sonstige Formen der Selbst darstel lung, die die Nutzer selbst ins Netz stellen, ebenso wie für die 320 Abbil dung sozialer OnlineNetz werke, die stolz zur Demonstra tion sozialer Bedeu tung präsentiert werden. Auch wenn be stimmte Darstel lungen der eigenen Persönlich keit oder der Kontakt zu be stimmten Personen zu einem späteren Zeitpunkt lieber ge leugnet würden – das Internet ver gisst nichts. Prinzipiell kann alles ge funden werden, was jemals zu der ge suchten Person im Netz er schienen ist. Der Nutzer ver liert die Kontrolle über seine Daten (Beyer, Kirchner, Kreuzberger et al., 2008, S. 598). Die Förde rung der Kommunika tions frei heit durch Bildung von Social Com munities setzt die Möglich keit des Zugangs zum Internet voraus. Seit Mitte der neunziger Jahre hat sich in diesem Zusammen hang der Begriff „Digital Divide“ etabliert. Der Begriff steht für die Befürch tung und damit das Risiko, dass die Chancen auf den Zugang zum Internet und anderen (digitalen) Informa tions und Kommunika tions techniken ungleich ver teilt und stark von sozialen Faktoren ab hängig sind. Diese Chancen unterschiede wirken sich als gesell schaft liches Risiko aus, dass nicht alle sozialen Gruppen die gleichen Chancen auf Informa tion und Bildung haben. Der Förde rung sozialer Kommunika tion und Gemeinschafts bildung durch soziale Netz werk dienste stehen die Risiken der Ab stempe lung und Aus gren zung gegen über. Dies bezieht sich nicht auf die techni sche Möglich keit der Teilnahme, sondern die faktisch statt findende Aus gren zung einzelner Personen, wie sie in jeder sozialen Gruppe aus unter schied lichen Gründen er folgen kann. Jeder hat zwar auch das Recht, auf den sozialen Aus tausch und die Mitglied schaft in Communitys freiwillig zu ver zichten. In der Regel gibt es zwar keine Zugangs vorausset zungen zu den sozialen Netz werk diensten und SocialCommu nities, allerdings kann das Ignorie ren von Beiträgen faktisch dazu führen, nicht in eine Gruppe integriert zu werden. Zudem werden zum Beispiel durch die Rückmel dung und Bewer tung von ge posteten Beiträgen häufig einzelne Personen ab gestempelt. Zusammen gefasst kann fest gehalten werden: Die neuen Möglich keiten der Frei heits ausü bung bieten auch neue Formen des Frei heits missbrauchs. Das Web 2.0 er weitert nicht nur die Persönlich keits entfal tung, sondern schränkt sie auch ein. 321 4 Privatsphäre in der Psychologie und im Recht In sozialen Netz werk diensten werden Handlun gen durch geführt, die die freie Ent faltung der Person fördern und die Privatsphäre in unter schied licher Weise be treffen. Wie bereits dargestellt, ist es eine essenzielle Aufgabe des Rechts, die Persönlich keits entfal tung und die Privatsphäre zu schützen. Umfang und Grenzen der Schutz bereiche werden allerdings nicht ab strakt durch den Gesetz geber fest gelegt, sondern sie folgen aus der individuellen Lebens wirklich keit des Einzelnen sowie der Aus gestal tung und Ent wick lung der Gesell schaft. Diese werden wiederum maß geblich durch techni sche Ent wick lungen be einflusst. Das Recht muss dabei die Funktion über nehmen, die Technik zu steuern, indem rechts widrige Technologien ver hindert werden und grundsätz lich rechtmäßige Technologien die recht liche Werteord nung nicht unter laufen. Dabei ist jedoch zu be achten, dass auch die gesell schaft lichen Werte einem Wandel unter liegen. Die computer vermittelte Kommunika tion weist zum Beispiel einen ent hemmen den Effekt in Bezug auf die Selbstoffenba rung auf (vgl. Teil I, Ab schnitt 2.3.3). Faktisch kann dies dazu führen, dass der Nutzer die Grenzen seiner Privatsphäre aktiv ver schiebt. Immer mehr Aspekte des Privatlebens werden im Social Web ein gestellt und somit zum Gegen stand des öffent lichen Lebens ge macht. Aus recht licher Sicht muss daher über prüft werden, ob auch der ver fassungs recht lich gewährte Schutz bereich der Privatsphäre den gesell schaft lichen Bedürf nissen an gepasst werden sollte. Der Begriff der Privatsphäre wird jedoch nicht nur im juristi schen Kontext, sondern gleichermaßen in der Psychologie ver wendet und als selektive Kontrolle des Zugangs zum Selbst ver standen (vgl. Teil I, Ab schnitt 2.3.1). Das Ausmaß der an gestrebten Privatsphäre ist für jede Person und in Ab hängig keit von der jeweili gen Situa tion ver schieden. Es unter liegt daher ebenso wie das recht liche Ver ständnis von der Privatsphäre einem zeit lichen Wandel. Um in dem For schungs projekt die recht lichen und die psychologi schen Unter suchungen zur Privatsphäre miteinander zu ver knüpfen, wird vor der Über prüfung des An passungs bedarfs der recht lichen Schutz bereichs gewährleis tung eine fachspezifi sche Gegen überstel lung der ver schiedenen Dimensionen und Teilaspekte vor genommen. 322 Die Psychologie unter scheidet vier unter schied liche Dimensionen der Privat sphäre, die einen zunehmen den Öffentlich keits bezug auf weisen. Den Kernbereich der Privatsphäre bildet die physische Privatsphäre, die in einem persön lichen räum lichen Rückzugs bereich des Individuums besteht. Die psychologi sche Privatsphäre der zweiten Dimension schützt dagegen den Einzelnen vor der äußeren Einfluss nahme auf persön liche Gedanken, Werte und Einstel lungen. Die dritte Dimension der inter aktionalen Privatsphäre er fordert die Kontrolle darüber, wo und mit wem soziale Beziehungen statt finden und schließ lich umfasst die informatio nelle Privatsphäre als vierte Dimension die Kontrolle darüber, wer Informa tionen über das Selbst sammelt und ver breitet. Jeder dieser psychologi schen Dimensionen der Privatsphäre kann ein spezifi sches Grundrecht und damit eine recht liche Schutz gewährleis tung gegen über gestellt werden. Ein physischräum licher Schutz der Privatsphäre wird durch die Un verletzlich keit der Wohnung gemäß Art. 13 Abs. 1 GG gewährleistet. Das Grundrecht soll dem Einzelnen einen elementaren Raum zur freien Ent faltung der Persönlich keit gewährleisten (BVerfGE 42, 212, 219; 51, 97, 110) und ihm das Recht geben, in Ruhe ge lassen zu werden (BVerfGE 27, 1, 6). Der Begriff Wohnung soll aus drück lich die räum liche Privatsphäre er fassen (BVerfGE 65, 1, 40). Der psychologi schen Privatsphäre der zweiten Dimension kann aus dem recht lichen Kontext die durch Art. 5 Abs. 1 GG gewährleistete Meinungs und Willens bil dungs frei heit gegen über gestellt werden. Diese sind der primäre Zweck, dem die Meinungs äuße rungs und Informa tions frei heit dienen. Ohne den Diskurs und die Möglich keit, sich umfassend aus unter schied lichen Quellen zu informie ren, ist eine für die Persönlich keits entfal tung ent scheidende freie Meinungs und Willens bildung nicht denk bar. Die Inter aktion mit anderen – die dritte Dimen sion der Privatsphäre in der Psychologie – wird in der Ver fassung, soweit sie nicht von der Kommunika tions frei heit umfasst ist, durch die Kollektivgrund rechte der Ver samm lungs und Ver eini gungs frei heit gemäß Art. 8 und Art. 9 GG und das Auffang grundrecht der allgemeinen Hand lungs frei heit des Art. 2 Abs. 1 GG geschützt. Die Kollektivgrundrechte gewährleisten jeweils auch die negative Ausübung der Grundrechte, indem es jedem freisteht, an keiner Ver samm lung teilzunehmen und sich keiner Ver eini gung anzu schließen. Die allgemeine Hand lungs frei heit in dem weiten Ver ständnis, dass jeder tun und lassen kann, was er will, schließt auch ein, keine Kontakte zu anderen Personen zu pflegen. Schließ lich ent spricht die vierte Dimension der informa tio nellen Privatsphäre dem Schutz bereich der informa tio nellen Selbst bestim mung gemäß Art. 2 Abs. 1 in Ver bindung mit Art. 1 Abs. 1 GG. Jeder soll selbst darüber ent scheiden können, wann und innerhalb welcher Grenzen persön liche Lebens sach verhalte über ihn offenbart werden (BVerfGE 65, 1, 42). Dies hat das Bundes verfassungs gericht aus drück lich in Bezug auf die be sonde ren Risiken, die mit der elektroni schen Daten verarbei tung einher gehen, fest gestellt (BVerfGE 65, 1, 43). Ergänzend gewährleistet das Grundgesetz in weiteren Einzel bestim 323 mungen die Privatsphäre insbesondere durch den be reichs spezifi schen Schutz der Ehe in Art. 6 GG sowie den Ver traulich keits schutz der Kommunika tion durch das Brief und Fern meldegeheimnis in Art. 10 GG (Nettes heim, 2010, S. 5). Über greifend zu diesen spezifi schen Grundrechten greift das Auffang grundrecht des allgemeinen Persönlich keits rechts. Durch dieses wird zum Beispiel die räum liche Privatsphäre auch über den Schutz bereich des Art. 13 Abs. 1 GG hinaus geschützt, auch wenn deut lich weitere Beschrän kungen des Grundrechts aus Art. 2 Abs. 1 GG möglich sind. Abbil dung 32: Privatsphäre in der Psychologie und im Recht Psychologie Recht Physische Privatsphäre: Raum Schutz der Wohnung: Art. 13 GG Psychologische Privatsphäre: Meinungs-, Willensbildungs- & Werte und Einstellungen Informationsfreiheit: Art. 5 I GG Interaktionale Privatsphäre: Versammlungs- & Vereinigungs- soziale Beziehungen freiheit: Art. 8 & Art. 9 | GG Handlungsfreiheit: Art. 2 I GG Informationelle Privatsphäre: Informationelle Selbstdarstellung durch Selbstbestimmung: Informationen Art. 2 I i.V.m. 1 I GG A llg . P e r sö n lic h k e itsre c h t: A r t. 2 I i.V .m . 1 I G G 325 5 Grundlagen des Daten schutz rechts Die Risiken, die durch die automatisierte Daten verarbei tung anderer ent stehen, zu minimie ren oder zu ver hindern, ist eigent lich die normative Aufgabe der informa tio nellen Selbst bestim mung. Um sie zu schützen, regeln viele Daten schutz gesetze Anforde rungen an die Zulässig keit und die Art und Weise des Umgangs mit personen bezogenen Daten. Diese Regelun gen sind jedoch aus zwei Gründen nicht ge eignet, den Daten schutz im Web 2.0 aus reichend zu gewährleisten. Erstens ist die Anwend bar keit und Durch setz barkeit nationaler Gesetze grundsätz lich auf das jeweilige staat liche Territorium be grenzt, für das der Gesetz geber über die Gesetz gebungs hoheit ver fügt (Ipsen, 2004, S. 244). Das Web 2.0 kennt dem gegen über keine staat lichen Grenzen, so dass den inter nationalen daten schutz recht lichen Gefähr dungen nicht mit einem rein nationalen Schutz konzept wirksam be gegnet werden kann. Zweitens ent halten auch die be sonde ren Vor schriften des Telemedien gesetzes, das den Daten schutz in der Internet kommunika tion regelt, keine risikospezifi schen Vor gaben für die Dienste angebote des Web 2.0. Zum Schutz der personen bezogenen Daten in Blogs, Chatrooms, Video und Fotosamm lungen können allen falls die allgemeinen Daten schutz regeln heran gezogen werden. Sofern man den Daten schutz über die be stehen den gesetz lichen Vor schriften hinaus als Gestal tungs aufgabe sowohl der Technik entwick lung als auch der Rechts fortbil dung be greift, kann zudem auf die allgemeinen daten schutz recht lichen Grundprinzipien zurück gegriffen werden. 5.1 Daten schutz im welt weiten Web 2.0 Das Web 2.0 kennt keine staat lichen Grenzen. Wer im Web 2.0 agiert, wird sehr schnell in die Situa tion geraten, dass bei seinen Handlun gen ein Aus lands bezug ent steht, ohne dass er sich dessen bewusst sein muss. Sei es, weil er eine im Ausland ge hostete SocialNetworkSite benutzt, wie zum Beispiel facebook. com, mit aus ländi schen Nutzern der Social Community kommuniziert oder die von ihm über die Soziale Netz werk platt form zur Ver fügung ge stellten 326 Informa tionen im Ausland ab gerufen werden. Es stellt sich immer die Frage, ob der Daten und Persönlich keits schutz im Web 2.0 und somit in einer Rege lungs materie, die sowohl auf der rein techni schen als auch auf der Anwen dungs ebene inter national aus gerichtet ist, effektiv durch recht liche Vor gaben gewährleistet wird. Im recht lichen Kontext stellen sich bei Sach verhalten mit Aus lands bezug parallel immer die beiden Fragen, welche Rechts ordnung anwend bar ist sowie in welchem Staat die Rechte geltend zu machen und durch zusetzen sind. Grund vorausset zung für den Schutz der Persönlich keit im Web 2.0 für deutsche Nutzer wäre eine lücken lose Anwend bar keit und Durch setz barkeit nationaler und inter nationaler Daten schutz vorschriften. Zu be achten ist allerdings, dass nicht in allen Ländern ein ent sprechend hohes Daten schutz niveau wie in Deutschland besteht be ziehungs weise in einigen Ländern auch gar keine Daten schutz gesetze vor handen sind. In Deutschland existie ren mit dem Telemedien gesetz und den Daten schutz gesetzen des Bundes und der Länder gesetz liche Vor schriften, die dem Schutz der informa tio nellen Selbst bestim mung der Web 2.0Nutzer dienen. Diese Regelun gen ent halten insbesondere detaillierte Bestim mungen, unter welchen Voraus setzungen personen bezogene Daten rechtmäßig erhoben, ver arbeitet und ge nutzt werden dürfen, welche Rechte den Betroffenen der Daten verarbei tung zustehen und wie die Einhal tung der Daten schutz vorschriften kontrolliert und ge ahndet werden kann. Die Durch setzung der Daten schutz vorschriften obliegt dabei zum einen den deutschen Daten schutz behörden als Kontrollorgane und zum anderen können individuelle Rechts verlet zungen von den Betroffenen selbst an deutschen Gerichten geltend ge macht werden. Das deutsche Daten schutz recht wurde maß geblich durch die europäi schen Vor gaben ge prägt. Zahl reiche deutsche Daten schutz vorschriften dienen der Umset zung ent sprechen der europäi scher Richtlinien, wie zum Beispiel die allgemeine Daten schutz richtlinie (DSRL) vom 24. Oktober 1995,3 die Daten schutz richtlinie für die elektroni sche Kommunika tion (EKDSRL) vom 12. Juli 20024 und die Richtlinie über die Vorrats speiche rung von Daten (VDRL) vom 3 Richtlinie 95/46/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 24. Oktober 1995 zum Schutz natür licher Personen bei der Ver arbei tung personen bezogener Daten und zum freien Daten verkehr („Daten schutz richtlinie“), ABl. EG 1995, L 281, 21 vom 23. 11. 1995, s. zum Hinter grund und dem Inhalt der Richtlinie Simitis, in: ders., 2011, Einl. Rn. 203 ff.; Burkert, in: Roßnagel, 2003, Kap. 2.3, Rn. 44 ff.; Dammann, in: Simitis, 2011, Einl. BDSG, Rn. 1 ff.; Ehmann/Helfrich, 1999, Einl. DSRL, Rn. 1 ff. 4 Richtlinie 02/58/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 12. Juli 2002 über die Ver arbei tung personen bezogener Daten und den Schutz der Privatsphäre in der elektroni schen Kommunika tion („Daten schutz richtlinie für elektroni sche Kommunika tion“), ABl. EG 2002, L 201, 37 vom 31. 7. 2002. Die Richtlinie ersetzt gemäß Art. 19 der Daten schutz richtlinie für elektroni sche Kommunika tion die Telekommunika tions Daten schutz richtlinie von 1997, RL 97/66/ EG. 327 15. März 2006.5 Insofern besteht in den Ländern der Europäi schen Union und dem Europäi schen Wirtschafts raum (EWR) ein nahezu einheit lich hohes Daten schutz niveau, auch wenn die Richtlinien den Mitgliedstaaten in Detailfragen teil weise einen Umset zungs spiel raum be lassen. Dem Betroffenen ist es allerdings grundsätz lich nicht möglich, sich hinsicht lich seiner daten schutz recht lichen Belange direkt auf die Richtlinien zu berufen. Stattdessen muss er seine daten schutz recht lichen Ansprüche immer auf das Umset zungs gesetz des jeweili gen Landes stützen. Ent sprechend erfolgt die Rechts durchset zung auch zunächst durch die jeweili gen nationalen Behörden und vor den Gerichten der jeweili gen Mitgliedstaaten.6 Zu den Staaten außerhalb der Europäi schen Union und des Europäi schen Wirtschafts raums, den so ge nannten Dritt staaten, können keine allgemeingül tigen Aus sagen über das Bestehen von Daten schutz vorschriften und deren Durch set zungs möglich keiten ge troffen werden. Erfolgt die Rechts beeinträchti gung im außereuropäi schen Ausland, gelten grundsätz lich die Gesetze desjenigen Staates, und die Rechts durchset zung muss auch in diesem Staat er folgen. Das Recht stößt somit bei einer inter nationalen Rege lungs materie zwangs läufig an seine Grenzen. Sowohl die Gesetz gebungs hoheit als auch die Gesetzes durchset zung ist von der Grundidee national be grenzt. Es existie ren zwar Vor schriften, die Lösungen für recht liche Kolli sions probleme vor sehen, diese führen jedoch keines falls zu einem inter national einheit lichen Rechts niveau. Insbesondere das deutsche Recht zum Schutz der Privatsphäre und personen bezogener Daten weist im inter nationalen Ver gleich einen hohen Standard auf. Auch der Jugendschutz hat in Deutschland eine ver gleich bar hohe Bedeu tung, so dass ent sprechend viele Regulie rungs maßnahmen er griffen worden sind, die in anderen Ländern nicht un bedingt vor herr schen. Wenn das Recht in dieser technik geprägten Materie nur bedingt ge eignet ist, Daten schutz und Privatsphäre der Nutzer zu gewährleisten, ist er gänzend ein alternativer Ansatz zu wählen. Das Daten schutz recht muss durch die Technik selbst unter stützt werden (Roßnagel, 2007, S. 173). Daten schutz techniken können unmittel bar inter national wirken und haben somit Aus wirkungen auf die Rege lungs materie in ihrer Gesamt heit. Bezogen auf das Web 2.0 be deutet dies insbesondere, dass die Dienstangebote so fort entwickelt werden sollten, dass die recht lichen Grundsätze der Transparenz, Zweck begren zung, Selbst bestim 5 Richtlinie 06/24/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 15. 3. 2006 über die Vorrats speiche rung von Daten, die bei der Bereit stel lung öffent lich zugäng licher Kommunika tions dienste oder öffent licher Kommunika tions netze erzeugt oder ver arbeitet werden („Richtlinie zur Vorrats daten speiche rung“), und zur Änderung der Richtlinie 02/58/ EG, ABl. EG 2006, L 105, 54 vom 13. 4. 2006. 6 Nur im Aus nahmen fall ist es nach den Europäi schen Ver trägen von der Daten verarbei tung be troffenen EUBürgern möglich, direkt gegen Maßnahmen, wie zum Beispiel eine Richtlinie der Europäi schen Union, zu klagen, wenn sie davon „unmittel bar und direkt“ be troffen sind. 328 mung und des Schutzes der Persönlich keits sphäre implementiert werden.7 Dem Schutz der Persönlich keit dient es zum Beispiel, wenn soziale Netz werk dienste anonyme oder pseudonyme Nutzungs möglich keiten vor sehen oder dem Nutzer Konfigura tions möglich keiten für die Ab rufbar keit online ge stellter Daten anbieten. Es ist allerdings zu be rücksichti gen, dass die Ver brei tung und Effektivi tät der Daten schutz technik um gekehrt wieder auf das Daten schutz recht an gewiesen ist (Roßnagel, 2007, S. 173). Das Recht kann frühzeitig auf Technik entwick lungen einwirken, indem sozialschäd liche Technologien oder unerwünschte Technik folgen frühzeitig ver boten und sozialfreund liche ent sprechend ge fördert werden können (Jandt, 2008, S. 38). Außerdem kann auf die Einsatz möglich keiten und die Aus gestal tung einer Technologie so Einfluss ge nommen werden, dass eine ursprüng lich als rechts widrig zu be urteilende Technik zumindest für einzelne Einsatz möglich keiten rechtmäßig wird. Das deutsche Recht sollte daher der technologi schen Ent wick lung voran gehen und techni sche Innova tionen er möglichen und fördern (Roßnagel, 2001, S. 198), in der Hoffnung, dass sich die Daten schutz technik zu einem inter nationalen Technikstandard ent wickelt. 5.2 Schutz konzept des Daten schutz rechts Das Grundrecht auf informatio nelle Selbst bestim mung ist die ver fassungs recht liche Antwort auf die be sonde ren Risiken der automatisierten Daten verarbei tung für die Selbst bestim mung des Individuums. Es ent faltet eine Ab wehrfunk tion gegen über staat lichen Eingriffen und eine Schutz funk tion des Staates gegen über privaten Eingriffen. Um dem zunächst „ab strakten“ Grundrecht zu einer effektiven Wirksam keit zu ver helfen, hat das Bundes verfassungs gericht in mehreren Ent schei dungen Anforde rungen zum Schutz der informa tio nellen Selbst bestim mung ab geleitet. Die Vor schriften der Daten schutz gesetze dienen in vielen Bereichen der Umset zung dieses normativen Schutz programms und ent sprechen auch den Grundprinzipien des Daten schutzes, wie sie in der Europäi schen Daten schutz richtlinie fest gelegt sind. Führen der Einsatz neuer Technik oder neuer Technikanwen dungen zu neuen daten schutz recht lichen Risiken, muss gewährleistet werden, dass diese durch eine konsequente Um set zung des Schutz konzepts des Daten schutz rechts minimiert werden. 7 Dieser Ansatz wird auch als privacy by design be zeichnet. 329 5.2.1 Zulassungs vorausset zung Jeder Umgang mit personen bezogenen Daten stellt nach der Konzep tion der informa tio nellen Selbst bestim mung einen Eingriff in dieses Grundrecht dar (BVerfGE 100, 313, 366; BVerfGE 84, 192, 195).8 Die Daten verwen dung ist daher nur zulässig, wenn der Gesetz geber sie durch eine Erlaubnis vorschrift oder der Betroffene selbst durch seine Einwilli gung ge billigt haben (Roßnagel, Jandt, Müller et al., 2006, S. 36 f.). § 12 Abs. 1 TMG und § 4 Abs. 1 BDSG stellen mit ihrem Zulassungs vorbehalt für Informa tions eingriffe die im jeweili gen Anwen dungs bereich zentrale Norm im Gesamt konzept des Daten schutz rechts zur Siche rung der Selbst bestim mung dar (Walz, 2011, § 4 BDSG, Rn. 2). Im Anwen dungs bereich des Telemedien gesetzes sind § 14 TMG für Bestand daten und § 15 TMG für Nutzungs daten die maß geblichen Erlaubnis tatbestände. Zentraler Zulassungs tatbestand für nichtöffent liche Stellen im Anwen dungs bereich des Bundes daten schutz gesetztes ist § 28 BDSG. Dieser regelt die Daten verarbei tung zu eigenen Zwecken. Daneben normiert der Zulassungs tatbestand des § 29 BDSG die Daten verarbei tung nichtöffent licher Stellen für fremde Zwecke. Allerdings ver weist dieser be züglich ent scheiden der Aspekte auf § 28 BDSG. Durch § 28 BDSG werden die Erhebung, Speiche rung, Ver ände rung und Über mitt lung personen bezogener Daten zur Erfül lung des Geschäfts zwecks legitimiert, wenn es zum einen der Zweck bestim mung eines Ver trags verhältnis ses mit dem Betroffenen dient (Hoeren, in: Roßnagel, 2003, Kap. 4.6, Rn. 17 ff.)9 oder zum anderen zur Wahrung be rechtigter Interessen der ver antwort lichen Stelle er forder lich ist, sofern kein Grund zu der Annahme besteht, dass das schutz würdige Interesse des Betroffenen an dem Aus schluss der Ver arbei tung oder Nutzung über wiegt (Hoeren, in: Roßnagel, 2003, Kap. 4.6, Rn. 31 ff.).10 Die Grundnorm für die daten schutz recht liche Einwilli gung ist § 4a BDSG. Dieser legt die Anforde rungen an die Einwilli gung des Betroffenen fest. Für ihre Wirksam keit wird von dem gelten den Daten schutz recht, mit Ab weichungen im Einzelnen, eine umfassende und recht zeitige Unter rich tung über die be absichtigte Daten erhe bung und Daten verarbei tung sowie eine be wusste, frei willige und aus drück liche Erklä rung grundsätz lich in schrift licher Form ver langt. Im Anwen dungs bereich des Telemedien gesetzes sieht § 13 Abs. 2 TMG Locke rungen der strengen Einwilli gungs vorausset zungen vor, indem auch die elektroni sche Erklä rung der daten schutz recht lichen Einwilli gung zulässig ist.11 8 Dies gilt auch für die Daten verwen dung durch private Stellen – s. BVerfGE 84, 192, 195. 9 § 28 Abs. 1 Nr. 1 BDSG; s. z. B. Hoeren, in: Roßnagel, 2003, Kap. 4.6, Rn. 17 ff. 10 § 28 Abs. 1 Nr. 2 BDSG; s. z. B. Hoeren, in: Roßnagel, 2003, Kap. 4.6, Rn. 31 ff. 11 Davon zu unter scheiden ist die grundsätz liche Möglich keit der daten schutz recht lichen Einwilli gung in elektroni scher Form gemäß § 126 Abs. 3 in Ver bindung mit § 126a BGB: 330 5.2.2 Daten vermei dung und Daten sparsam keit Das Prinzip der Daten vermei dung fordert, dass die Gestal tung und Auswahl von Daten verarbei tungs systemen sich an dem Ziel orientiert, keine oder so wenig personen bezogene Daten wie möglich zu erheben, zu ver arbeiten oder zu nutzen, wobei der Begriff Daten vermei dung ent gegen seinem Wortlaut nicht die Ver meidung von Daten schlechthin, sondern nur die Ver meidung des Personen bezuges von Daten beinhaltet (Roßnagel, in: Eifert & HoffmannRiem, 2011, S. 46). Die Reduzie rung des Auf kommens personen bezogener Daten ver ringert zugleich das Schaden spotenzial der techni schen Systeme (Scholz, 2003, S. 373). Neben der Erforderlich keit fordert dieses neue Daten schutz kriterium, dem eine Gestal tungs funk tion zukommt, den Zweck selbst zum Gegen stand der Erforderlich keits prüfung zu machen. Es soll ein prinzipieller Ver zicht auf personen bezogene Angaben er reicht werden, indem von den daten verarbeiten den Stellen eine aktive Gestal tung ihrer technischorganisatori schen Ver fahren in der Form ver langt wird, dass diese keine oder so wenig perso nen bezogene Daten wie möglich ver arbeiten (Roßnagel, Pfitz mann & Garstka, 2001, S. 101). Einer von vornherein Daten ver meiden den Technik muss der Vorrang vor einer Technik, die ein großes Daten volumen be nötigt, ein geräumt werden. Die ge gebenen oder ge planten Konstanten (Zwecke, techni sches System, Daten verarbei tungs prozess) können so ver ändert werden, dass der Personen bezug nicht mehr er forder lich ist (Roßnagel, Pfitz mann & Garstka, 2001, S. 101). Aus dieser Gestal tungs anforde rung resultiert für die daten verarbeitende Stelle die Rechtspf licht, die Ver fahren und Systeme „daten sparsam“ zu ge stalten, wenn dies technisch möglich und ver hältnis mäßig ist. Dieses daten schutz recht liche Grundprinzip ist somit dreistufig an gelegt (Roßnagel, 2011, S. 46). Zunächst ent hält es die Vorgabe, auf personen bezogene Daten vollständig zu ver zichten, wenn die Funktion auch anderweitig er bracht werden kann. Wenn dieses Ziel mangels alternativer Möglich keiten nicht er reicht werden kann, ist die Ver arbei tungs stelle ge halten, den Ver arbei tungs prozess so zu ge stalten, dass die Ver wendung personen bezogener Daten minimal ist. Die zweite Stufe beinhaltet somit den Grundsatz der Daten sparsam keit, der die Ver arbei tung von Daten auf den für das Erreichen eines be stimmten oder ver einbarten Zwecks un bedingt notwendi gen Umfang be grenzt. Die dritte Stufe beinhaltet die zeit liche Be schrän kung, die personen bezogenen Daten frühest möglich zu löschen, zu anonymisie ren oder zu pseudonymisie ren (Roßnagel, 2003, Kap. 1, Rn. 40). 5.2.3 Zweck bindung Die gesetz lichen Erlaubnis vorschriften und auch die Einwilli gung be ziehen die daten schutz recht liche Erlaubnis immer auf einen be stimmten Zweck (BVerfGE 65, 1, 46). Die Zulässig keit der Erhebung, Ver arbei tung und Nutzung 331 personen bezogener Daten ist daher immer auf diesen Zweck be grenzt. Sollen die Daten für weitere Zwecke ver wendet werden, bedarf diese Zweckände rung einer eigenständi gen Erlaubnis. Ziel der daten schutz recht lichen Zweck bindung ist es, Betroffene in die Lage zu ver setzen, die Ver wendung der auf ihre Person be zogenen Daten ent sprechend ihrer sozialen Rolle im jeweili gen sozialen Kontext selbst zu steuern (v. Zezschwitz, 2003, S. 221 ff.). Die Zweck bindung macht es er forder lich, eine informatio nelle Gewaltentei lung sicher zustellen und den Zugriff Un berechtigter auf diese Daten zum Beispiel durch den Einsatz von Zugriffs schutz mechanismen zu ver hindern (BVerfGE 65, 1, 49). Zudem ist eine Daten verarbei tung auf Vorrat grundsätz lich unter sagt12 und die Bildung umfassen der personen bezogener Persönlich keits und Bewe gungs profile ver boten (BVerfGE 65, 1, 46, 52 f.; Roßnagel, Jandt, Müller et al., 2006, S. 41 f.; Jandt, 2008, S. 95 ff.). 5.2.4 Erforderlich keit Die Ver wendung personen bezogener Daten ist immer nur dann zulässig, wenn sie er forder lich ist, um den zulässigen Zweck zu er reichen. Das Erforderlich keits prinzip be schreibt somit eine ZweckMittelRelation. Erforder lich ist die Daten verarbei tung, wenn auf sie zum Erreichen des Zwecks nicht ver zichtet werden kann, also wenn die aus dem Zweck sich er gebende Aufgabe der ver antwort lichen Stelle ohne die Daten verarbei tung nicht, nicht recht zeitig, nicht vollständig oder nur mit un verhältnis mäßigem Aufwand erfüllt werden könnte (Roßnagel, Pfitz mann & Garstka, 2001, S. 98). Die bloße Eignung oder Zweck mäßig keit eines Datums zur Auf gabenerfül lung allein be gründet keines falls die Erforderlich keit. Die Geeignet heit ist zwar notwendige, nicht aber hin reichende Bedin gung der Erfül lung des Erforderlich keits begriffs (Globig, 2003, Kap. 4.7, Rn. 58). In zeit licher Hinsicht ist die Daten verarbei tung auf die Phasen zu be schränken, die für das Erreichen des Zwecks notwendig sind. Ist der Zweck er reicht und ent fällt somit die Erforderlich keit der Daten, sind sie zu löschen (BVerfGE 65, 1, 46; Roßnagel, Jandt, Müller et al., 2006, S. 43 ff.). 5.2.5 Transparenz Informatio nelle Selbst bestim mung setzt voraus, dass die Daten verarbei tung gegen über der be troffenen Person transparent ist. Sie muss in der Lage sein zu er fahren, „wer was wann und bei welcher Gelegen heit über sie weiß“ (BVerfGE 65, 1, 43). Nur, wenn der Betroffene über aus reichende Informa tionen be züglich der Erhebung personen bezogener Daten, über die Umstände, Ver 12 S. hierzu auch BVerfG, NJW 2010, 833, Rn. 213 ff. zur Vorrats speiche rung von Telekommunika tions verkehrs daten. 332 fahren und Struktur ihrer Ver arbei tung und die Zwecke ihrer Ver wendung ver fügt, kann er ihre Rechtmäßig keit über prüfen und ihre Rechte in Bezug auf die Daten verarbei tung geltend machen. Dies gilt für alle Phasen der Daten verarbei tung. Ohne Transparenz der Daten verarbei tungs vorgänge geht das Recht auf informatio nelle Selbst bestim mung ins Leere und die be troffene Person wird faktisch recht los ge stellt (Roßnagel, Pfitz mann & Garstka, 2001, 82). Daher sind die personen bezogenen Daten grundsätz lich beim Betroffenen zu erheben. Als weitere ver fahrens recht liche Schutz vorkeh rungen sind dem Betroffenen umfassende Auf klä rungs und Aus kunfts rechte zur Seite zu stellen (BVerfGE 65, 1, 46), die ihm individuelle Kontroll möglich keiten er möglichen. Zur Gewährleis tung der Transparenz stehen somit zahl reiche, komplementär wirkende Instrumente zur Ver fügung – wie Unter rich tungen, Hinweise, Kennt lichmachungen, Zugriffs möglich keiten, Aus künfte.13 5.2.6 Mitwir kung Informatio nelle Selbst bestim mung er fordert, dass dem Betroffenen Kontroll und Mitwirkungs rechte zustehen. Ein Teil dieser Betroffenen rechte – Auf klä rungs und Aus kunfts ansprüche – wurden bereits als konkrete Voraus setzung für die Gewährleis tung der Transparenz ge nannt. Über den reinen Informa tions anspruch hinaus muss der Betroffene aber auch spezifi sche Mitwirkungs rechte haben, um die Daten verarbei tung ge zielt be einflussen zu können. Denn der Grundrechts eingriff wird selbst verständ lich nicht bereits dadurch zulässig und aus geglichen, dass der Betroffene darüber Kenntnis er langen kann, sondern er muss ge zielt auf die Daten verarbei tung Einfluss nehmen können. Der Betrof fene muss zum Beispiel eine Berichti gung inhalt lich falscher oder eine Löschung unzu lässiger weise er hobener personen bezogener Daten er reichen können. Nor miert sind daher zugunsten der Betroffenen Aus kunfts rechte, Korrekturrechte hinsicht lich Berichti gung, Sperrung und Löschung sowie das Recht zum Wider spruch (Wedde, 2003, Kap. 4.4, Rn. 12 ff.).14 Außerdem besteht die Möglich keit, Schadens ersatz einzu fordern, wenn durch die unzu lässige oder unrichtige Ver arbei tung personen bezogener Daten ein Schaden ein getreten ist (Wedde, 2003, Kap. 4.4, Rn. 35 ff.; Roßnagel, Jandt, Müller et al., 2006, S. 47). 5.2.7 Kontrolle Auch wenn dem Betroffenen grundsätz lich eigene Instrumente zur Siche rung seines Rechts auf informatio nelle Selbst bestim mung zustehen, so erübri gen sich dadurch nicht über greifende und unabhängige Daten schutz kontrolleinrich 13 S. z. B. §§ 4 Abs. 2 und 3, 4a Abs. 1, 6b Abs. 2 und 4, 6c Abs. 1, 2 und 3, 19, 19a, 33 und 34 BDSG. 14 Z. B. §§ 19, 19a, 33, 34, 35 BDSG. 333 tungen. Sie haben zum einen die Funktion, dem Betroffenen bei der Durch setzung seiner Rechte behilf lich zu sein, zum anderen in präventiver Weise die Einhal tung der Daten schutz bestim mungen zu über wachen (Heil, 2003, Kap. 5.1, Rn. 1 ff.). Daneben obliegt ihnen auch die Aufgabe der Beratung der be treffen den ver antwort lichen Stellen. Daten schutz kontrolle kann in Form der Fremdkontrolle durch unabhängige Kontrollstellen, aber auch in Form einer Selbst kontrolle durch be trieb liche und behörd liche Daten schutz beauftragte durch geführt werden. Ihre Befug nisse und Möglich keiten be stehen grundsätz lich aus Aus kunfts und Kontroll rechten und ihnen stehen Beanstan dungs, Bera tungs und Berichts kompetenz zu. Eine Befugnis, eine Sperrung, Löschung oder Ver nich tung von Daten anzu ordnen, besteht seit dem 1. September 2009. Bei schwerwiegen den Ver stößen oder Mängeln, insbesondere solchen mit einer be sonde ren Gefähr dung des Persönlich keits rechts, kann die Auf sichts behörde unter einschränken den Bedin gungen sogar den Umgang mit personen bezogenen Daten unter sagen (Roßnagel, 2009, S. 2721). 5.3 Daten schutz für Kinder und Jugend liche Ziel des Projekts Daten schutz und Persönlich keits rechte im Social Web, Foren und Co. ist es, das diesbezüg liche Problembewusstsein junger Nutzer zu analy sie ren und darauf auf bauend Konsequenzen für medien pädagogi sches Handeln abzu leiten. Die Zielgruppe besteht aus Jugend lichen und jungen Erwachsenen im Alter von 12 bis 24 Jahren.15 Diese wird in weitere Subgruppen der Alters gruppe 12 bis 14 Jahre, 15 bis 17 Jahre, 18 bis 20 Jahre und 21 bis 24 Jahre unter gliedert.16 Diese für die Empirie ge troffene Eintei lung in Alters gruppen findet allerdings recht lich keine Ent sprechung. Das Recht trifft zwar auch Alters defini tionen, an die unter schied liche Rechte und Pflichten an knüpfen, aber in anderer Weise.17 Die recht lichen Aus sagen, die sich auf be stimmte Alters gruppen be ziehen, ent sprechen somit nicht immer den Alters gruppen, die in den empiri schen Studien unter schieden werden. Das Zivil recht differenziert grundsätz lich zwischen Minderjähri gen und Volljähri gen. Volljährig ist gemäß § 2 BGB jede Person, die das achtzehnte Lebens jahr vollendet hat.18 Ab diesem Lebens alter gilt eine Person als er wachsen. Für volljährige Personen existie ren nur noch wenige gesetz liche 15 S. Teil II, Kap. 1. 16 S. Teil II, Kap. 2. 17 Im Folgenden wird nur auf die gesetz lichen Alters grenzen ein gegangen, die gesetz lich eindeutig fest gelegt und im vor liegen den Kontext relevant sind. 18 Ab der Volljährig keit erlangt eine Person z. B. auch das passive Wahl recht gemäß Art. 38 Abs. 2 GG, das heißt die Fähig keit ge wählt werden zu können, so dass die zivil recht liche Defini tion auch Aus wirkungen auf andere Rechts gebiete hat. 334 Alters differenzie rungen. Eine wichtige Aus nahme stellt hier das Strafrecht dar. Im Straf und Jugendstrafrecht wird differenziert zwischen Kindern, Jugend lichen, Heran wachsen den und Erwachsenen. Kinder, das heißt Personen bis vierzehn Jahren, sind gemäß § 19 StGB schuldunfähig und daher strafun mündig. Sie können für die von ihnen be gangenen Straftaten strafrecht lich nicht ver folgt werden. Jugend liche im Alter von vierzehn bis achtzehn Jahren sind dagegen strafmündig, aber für sie gelten gemäß § 1 Abs. 1 Jugendgerichts gesetz (JGG) be sondere Ver fahrens vorschriften. Auf Heran wachsende im Alter von achtzehn bis einundzwanzig Jahren kann gemäß § 1 Abs. 2 JGG aus nahms weise das Jugendstrafrecht an gewendet werden. Das Jugendschutz gesetz kennt diese Zwischen stufe zum Erwachsenen allerdings nicht, sondern differenziert gemäß § 1 Abs. 1 Jugendschutz gesetz nur zwischen Kindern, Personen, die noch nicht vierzehn sind, und Jugend lichen, Personen, die vierzehn, aber noch nicht achtzehn Jahre alt sind. Im Daten schutz recht gibt es keine aus drück lichen Vor schriften, die an eine Alters differenzie rung an knüpfen. Tabelle 60: Alters grenzen der empiri schen Studie und im Recht Alter 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 Empirische Studien 12–14 15–17 18–20 21–24 Zivilrecht Minderjährig: geschäftsunfähig Minderjährig: beschränkt geschäftsfähig Volljährig: geschäftsfähig Strafrecht Kinder: strafunmündig Jugend- liche: straf- mündig, JGG an- wendbar Heran- wach- sende: straf- mündig, JGG aus- nahms- weise anwend- bar Erwach- sene: Straf- mündig, StPO anwend- bar Jugendschutzrecht Kinder Jugendliche Datenschutzrecht Nicht einwilligungs- fähig Einwilligungsfähig 5.3.1 Grundrechts fähig keit und Grundrechts mündig keit Das Recht auf informatio nelle Selbst bestim mung gewährleistet den Schutz des Einzelnen, selbst darüber zu be stimmen, wer was wann bei welcher Gelegen heit über ihn weiß. Der Grundrechts schutz der informa tio nellen Selbst bestim mung steht jeder natür lichen Person im Anwen dungs bereich des deutschen Grundgesetzes unabhängig von seinem Alter zu (Starck, 2010, Art. 2 GG, Rn. 43 f.). Auch Kinder und Jugend liche haben ein ver fassungs recht lich gewähr leiste tes Recht auf ihre informatio nelle Selbst bestim mung und sind somit 335 Grundrechts träger. Die Pflicht des Staates, die grundrecht lichen Gewähr leistungen zu schützen, be schränkt sich im Kontext der informa tio nellen Selbst bestim mung darauf zu ver hindern, dass zwangs weise personen bezogene Daten erhoben, ver arbeitet und ge nutzt werden. Der Schutz auftrag des Staates, den er durch den Erlass von Daten schutz gesetzen erfüllt, endet daher grundsätz lich, wenn personen bezogene Daten freiwillig preis gegeben werden. Hier schlägt das staat liche Schutz prinzip in das frei heit liche Ver antwortlich keits prinzip des Bürgers um. Für den Bereich der sozialen Netz werk dienste ergibt sich daher, dass die grundsätz lich freie Ent schei dung, in einer Social Community mitzu wirken, der Regulie rung des Staates ent zogen ist oder sogar sein sollte (Gurlit, 2006, S. 4). Nach dem Ver antwortlich keits prinzip muss jeder selbst die Konse quenzen seines Handelns tragen. Dies gilt zumindest, sofern die Person er wachsen ist. Dies schließt allerdings nicht aus, dass der Staat einen Missbrauch von Ver trags macht mit Regelun gen des Daten und Ver braucher schutzes ent gegen tritt. Gegen über Minderjähri gen und Jugend lichen be stehen deut lich weiter rei chende Schutz pflichten des Staates. Die Pflege und Erziehung von Kindern sind zwar gemäß Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG das natür liche Recht der Eltern und die ihnen zuvorderst obliegende Pflicht, allerdings ist dem Staat gemäß Art. 6 Abs. 2 Satz 2 GG ein diesbezüg liches Wächteramt zu gewiesen. Dieses beruht primär auf dem be sonde ren Schutz bedürfnis des Kindes und dient somit dem Interesse des Kindes wohls. Diese Schutz funk tion des Staates, die sich in der allgemeinen Aus rich tung der Rechts ordnung nieder schlägt, wirkt sich auch auf die informatio nelle Selbst bestim mung aus. Während die Grundrechts träger schaft von natür lichen Personen unstreitig ab der Geburt ge geben ist, besteht in Bezug auf das Grundrecht der informa tio nellen Selbst bestim mung Uneinig keit, ab wann Kinder und Jugend liche die Fähig keit zur Grundrechts ausü bung haben. Für die informatio nelle Selbst bestim mung besteht eine aktive Grundrechts ausü bung darin, personen bezogene Daten selbst bestimmt an Dritte weiter zugeben oder offen zulegen. Die daten schutz recht liche Einwilli gung ist somit eine Ausübung des Rechts auf infor matio nelle Selbst bestim mung, da durch sie der Umgang mit den personen bezogenen Daten legitimiert wird (vgl. Bäumler, Breinlinger & Schrader, 2003, „E“ S. 1; Gola & Schomerus, 2010, § 4a BDSG, Rn. 2 f.; Geiger, 1989, S. 37).19 Mangels einer spezialgesetz lichen Regelung wird das Problem, ab welchem Alter ein Minderjähri ger zur Grundrechts ausü bung be rechtigt ist – also ins besondere eine daten schutz recht lich wirksame Einwilli gung er teilen kann – 19 A. A. Robbers, JuS 1985, S. 928, der in der Einwilli gung einen (partiellen) Grundrechts verzicht sieht. 336 unter dem Stichwort der Grundrechts mündig keit20 oder im Kontext der Frage nach der Rechts natur der Einwilli gung be handelt.21 Einig keit besteht insofern, als keine allgemeingültige Aussage ge troffen werden kann, ab welchem Alter die Einsichts fähig keit anzu nehmen ist. Unab hängig von der Rechts natur der Einwilli gung wird einer nach dem konkreten Ver wen dungs zusammen hang differenzie ren den Betrach tungs weise der Vorzug ge geben. Im Kontext der daten schutz recht lichen Einwilli gung wird deut lich, dass Selbst bestim mung die Einwilli gungs fähig keit voraus setzt, das be deutet die Einsichts fähig keit des Betroffenen in die Tragweite seiner Ent schei dung (Scholz, 2003, S. 279 ff.; Gola & Schomerus, 2010, § 4a BDSG, Rn. 10; Berg mann, Möhrle & Herb 2004, § 4 BDSG, Rn. 28a; Tinnefeld & Ehmann, 1998, S. 214). Andernfalls ergeht seine Ent schei dung nicht wie von § 4 Abs. 1 BDSG ge fordert freiwillig. Bei Kindern und Jugend lichen wird davon aus gegangen, dass die Einwilli gungs fähig keit noch nicht im gleichen Maße aus geprägt ist, wie bei Erwachsenen. Das Ver antwortlich keits prinzip ist daher bei Kindern und Jugend lichen insofern ein geschränkt, als ihnen die Einwilli gungs fähig keit nicht oder nur be schränkt zu gestanden wird. Hierdurch wird nicht ihr Grund rechts schutz ver kürzt, sondern sie werden ledig lich in der Grundrechts ausü bung ein geschränkt. Dies dient dazu, Kinder und Jugend liche davor zu schützen, dass sie ihren Grundrechts schutz selbst be schränken, ohne die Konsequenzen über blicken zu können. Die Einsichts fähig keit des Minderjähri gen muss somit im Einzelfall positiv fest gestellt werden. Ab gesehen von der Frage, welche Möglich keiten über haupt be stehen, um bei OnlinePortalen die Einsichts fähig keit eines minder jähri gen Nutzers prüfen zu können, führt die Individualfest stel lung für die daten verarbeiten den Stellen zu einer er heblichen Rechts unsicher heit. 5.3.2 Einwilli gungs und Geschäfts fähig keit Wie bereits dargelegt, finden sich im Daten schutz recht keine aus drück lichen Vor schriften, die an das Alter des Betroffenen der Daten verarbei tung an knüpfen. Allerdings ist eine Voraus setzung einer wirksamen daten schutz recht lichen Einwilli gung gemäß § 4a Abs. 1 Satz 1 BDSG, dass sie auf einer freien Ent schei dung des Betroffenen beruht. Dabei kommt es mangels rechts geschäft lichen 20 Allgemeine Aus führungen zur Grundrechts mündig keit s. Schwenke, 2006, S. 183 sowie Hohm, NJW 1986, S. 3109 ff., der aber die Grundrechts mündig keit als ver fassungs recht liche Kategorie grundsätz lich im Ergebnis ablehnt. 21 Die daten schutz recht liche Einwilli gung wird ent weder als tatsäch liche Handlung, so z. B. Gola & Schomerus, 2010, § 4a BDSG, Rn. 10; Schaffland & Wiltfang 2005, § 4a BDSG, Rn. 21, als geschäfts ähnliche Handlung, Holznagel & Sonntag, 2003, Kap. 4.8 Rn. 21 ff. oder als rechts geschäft liche Willen serklä rung an gesehen, so z. B. Simitis, in: ders., 2011, § 4a BDSG, Rn. 20. Bei den beiden letzt genannten Ansichten werden die zivil recht lichen Vor schriften über die Willen serklä rung analog oder unmittel bar an gewendet. Aus führ lich zum Stand der Diskussion Schwenke, 2006, S. 182 ff. 337 Charakters der Einwilli gung nicht auf die Geschäfts fähig keit des Betroffenen, sondern ledig lich auf seine Fähig keit an, ob er die Konsequenzen seiner Einwilli gung zu über sehen vermag (Schaffland & Wiltfang, 2005, § 4a BDSG, Rn. 21; Auernhammer, 1993, § 4 Rn. 11; Gola & Schomerus, 2010, § 4a BDSG, Rn. 10; aber Weichert, 2003, Kap. 132, Rn. 154; Bergmann, Möhrle & Herb, 2004, § 4 BDSG, Rn. 28, 28a m. w. N.; Podlech & Pfeifer, 1998, S. 152; Kothe, 1985, S. 152 ff.).22 Dem geschäfts unfähigen Minderjähri gen wird in Anleh nung an § 104 Nr. 1 BGB oder die Strafmündig keit gemäß § 19 StGB die Einwilli gungs fähig keit grundsätz lich ab gesprochen. Seine Einwilli gungs erklä rung ist recht lich unwirksam (Bizer, 1999, S. 346). Werden personen bezogene Daten eines Minderjähri gen unter sieben Jahren ver wendet, so muss die daten schutz recht liche Einwilli gung des gesetz lichen Ver treters, in der Regel der Erziehungs berechtigte, ein geholt werden. Minderjährige über sieben Jahre können dagegen grundsätz lich in eine Ver wendung ihrer Daten einwilli gen.23 Von der Frage der Wirksam keit daten schutz recht licher Einwilli gungen von Kindern und Jugend lichen streng zu unter scheiden ist die Frage, ob sie einen wirksamen Dienst leis tungs vertrag über die Nutzung der sozialen Netz werk dienste ab schließen können.24 Hierfür ist nicht die Einwilli gungs fähig keit, sondern die Geschäfts fähig keit des Handelnden maß geblich. Gemäß § 104 Nr. 1 BGB sind Kinder unter sieben Jahre nicht geschäfts fähig. Kindern und Jugend lichen im Alter von sieben bis achtzehn Jahren wird gemäß § 106 BGB eine be schränkte Geschäfts fähig keit zu gebilligt. Von ihnen ab gegebene Willens erklä rungen sind grundsätz lich unwirksam, es sei denn, es liegt die Zustim mung des gesetz lichen Ver treters vor. Erfolgt keine vor herige Zustim mung (Einwilli gung), ist das Rechts geschäft bis zur Ertei lung der nach träg lichen Zustim mung (Genehmi gung) schwebend unwirksam (Heinrichs, 2010, § 108 BGB, Rn. 1). Von diesem Grundsatz be stehen im Wesent lichen drei Aus nahmen. Bringt der Ab schluss eines Rechts geschäfts für den Minderjähri gen ledig lich einen recht lichen Vorteil, ist die von ihm ab gegebene Willen serklä rung gemäß § 107 BGB wirksam. Ist Folge der Willen serklä rung (auch) ein recht licher Nachteil, ist die Wirksam keit der Willen serklä rung gemäß § 107 und § 108 BGB wiederum von der Zustim mung des gesetz lichen Ver treters ab hängig. Die zweite Aus nahme für eine wirksame Willen serklä rung von be schränkt geschäfts fähigen Kindern 22 Keine Geschäfts fähig keit ver langt auch Simitis, in: ders., 2011, § 4 BDSG, Rn. 28, der in der Einwilli gung aber gleichwohleine rechts geschäft liche Erklä rung sieht. Letzteres hat vor allem für die Frage der Anfech tung Bedeu tung. S. hierzu etwa Larenz & Wolf, 2004, § 22 Rn. 34. 23 Zur Problematik der Einwilli gung durch Minderjährige s. Bizer, 1999, S. 346; Tinnefeld & Ehmann, 1998, S. 214 f. Nach Ansicht des LG Bremen, DuD 2001, S. 620 f. ver stößt die unter schieds los und undifferenziert sowohl von Geschäfts unfähigen, be schränkt Geschäfts fähigen und uneingeschränkt Geschäfts fähigen ab verlangte, formularmäßig fest gelegte Einwilli gungs erklä rung – jeden falls bei den ersten beiden Gruppen – gegen §§ 104 ff. BGB und damit gegen § 307 Abs. 2 Nr. 1 BGB (= § 9 Abs. 2 Nr. 1 AGBG a. F.). 24 Ein Dienst leis tungs vertrag, der die gegen seiti gen Rechte und Pflichten zwischen Anbieter und Nutzer der SocialNetworks regelt, wird auch dann geschlossen, wenn der Dienst un entgelt lich an geboten wird. 338 und Jugend lichen sieht die sogenannte Taschen geldrege lung gemäß § 110 BGB vor. Kann die be schränkt geschäfts fähige Person den recht lichen Nachteil – insbesondere eine Zahlungs pflicht – mit Mitteln er füllen, die ihr von einem Dritten zur freien Ver fügung über lassen worden sind, ist das Recht geschäft eben falls von Anfang an wirksam. Die dritte Aus nahme ist im Arbeits bereich an gesiedelt. Jeder Minderjährige über sieben Jahre kann gemäß § 113 Abs. 1 BGB bei einer ent sprechen den Ermächti gung des gesetz lichen Ver treters durch eine eigene wirksame Willen serklä rung ein Dienst oder Arbeits verhältnis be gründen (Heinrichs, 2010, § 113 BGB). Nehmen Personen im Alter von sieben bis achtzehn Jahren an einer Sozialen Netz werk platt form teil, ist zu prüfen, ob ihre Willen serklä rung zur Begrün dung der Mitglied schaft, die auch konkludent durch die Anmel dung bei dem Dienst erklärt werden kann, wirksam ist. Bei einem kosten losen Dienste angebot liegt die Ver mutung nahe, dass dieses Dienste angebot als ledig lich recht lich vor teil haft ge wertet werden könnte. Ein recht licher Nachteil ist allerdings nicht allein in einer Geldleis tungs pflicht zu sehen. Ent scheidend ist nicht die wirt schaft liche Betrach tung, sondern maß geblich sind alle für den Minderjähri gen ent stehen den recht lichen Folgen (Heinrichs, 2010, § 107 BGB, Rn. 2). Umfasst wird jegliche Ver schlechte rung von Rechtsposi tionen als Folge des Ab schlusses des Rechts geschäfts. Folge des Ab schlusses des Nutzungs vertrags ist häufig, dass die von dem Platt formbetreiber fest gelegten Allgemeinen Geschäfts bedin gungen gelten. Diese ent halten regelmäßig von den gesetz lichen Vor gaben zu Lasten des Ver brauchers ab weichende Bestim mungen. Bereits diese Ver schlech te rung der Rechtsposi tion ist als recht licher Nachteil zu werten. Des Weiteren stellt die ver trag lich be gründete Mitglied schaft in Social Communities für den Dienste anbieter auf grund des hierdurch be gründeten AnbieterNutzerVerhält nisses in Ver bindung mit den §§ 14 und 15 TMG die Legitimie rung der Ver arbei tung der personen bezogenen Daten dar.25 Durch die Mitglied schaft in der Social Community wird somit das Recht der informa tio nellen Selbst bestim mung der Kinder und Jugend lichen ein geschränkt. Dies stellt einen recht lichen Nachteil dar, so dass für die Wirksam keit der Willen serklä rung die Zustim mung des gesetz lichen Ver treters er forder lich ist. Die Voraus setzungen von § 110 BGB sind eben falls nicht ge geben, da die ver trags mäßig geschuldete nach teilige Leistung von dem Minderjähri gen nicht mit Mitteln bewirkt werden kann, die ihm zur Ver fügung ge stellt worden sind. Über lassene Mittel im Sinn des § 110 BGB sind Geld oder andere Ver mögens werte (Schmitt, 2006, § 110 BGB, Rn. 18), aber gerade keine immateriellen Pflichten.26 Die Leis tungs pflicht 25 S. hierzu aus führ lich Kap. 6. Die Daten verarbei tung personen bezogener Daten Minderjähri ger kann auch nicht auf § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BDSG ge stützt werden, wenn auf grund der Minderjährig keit ein unwirksamer Ver trag vor liegt. 26 S. hierzu aus führ lich Hofmann, 1986, S. 6 f., der auch die analoge Anwen dung von § 110 BGB be gründet ablehnt. 339 des Minderjähri gen besteht bei der Ein gehung des Nutzungs verhält nisses aber in einem Ver zicht auf eine immaterielle und nicht materielle Rechtsposi tion, so dass die Leistung nicht mit Ver mögens werten bewirkt werden kann. Die zivil recht lichen Vor schriften zur Geschäfts fähig keit Minderjähri ger wirken sich somit mittel bar auch auf das Daten schutz recht aus. Ist der Dienst leis tungs vertrag über die Inanspruchnahme des Social NetworkAngebots nicht zustande ge kommen, weil die Willen serklä rung des Kindes oder Jugend lichen unwirksam ist, ist auch der Umgang mit den personen bezogenen Daten unzu lässig, sofern keine formwirksame daten schutz recht liche Einwilli gung vor liegt. Grundsätz lich ist der Anbieter gemäß § 14 und § 15 TMG be rechtigt, die Bestands und Nutzungs daten zu erheben, zu ver arbeiten und zu nutzen, die für das Ver trags verhältnis und die Erfül lung der Ver trags pflichten er forder lich sind. Der Ver trags schluss hat somit die Folge, dass die Ver arbei tung personen bezogener Daten durch den Dienste anbieter für den Ver trags zweck erlaubt ist, wenn die weiteren Voraus setzungen der Vor schriften vor liegen. Ist der Ver trag allerdings unwirksam, kann die Daten verarbei tung nicht auf § 14 und § 15 TMG ge stützt werden. Das Alter des Minderjähri gen ist somit ein wesent liches Kriterium für die daten schutz recht liche Zulässig keit des für den Platt form betreiber er forder lichen Umgangs mit personen bezogenen Daten. Um zu gewähr leisten, dass die §§ 14 und 15 TMG als Erlaubnis tatbestand greifen, müsste er somit vor dem Ab schluss des Nutzungs vertrags immer das Alter des potenziellen Nutzers mittels eines taug lichen Alters verifika tions systems über prüfen. Nur wenn der Nutzer volljährig ist, liegen die Voraus setzungen der daten schutz recht lichen Erlaubnis vorschriften vor. 5.3.3 Interessen abwä gung Die daten schutz recht lichen Erlaubnis tatbestände dienen dazu, Daten verarbei tungen in be stimmten Beziehungen zwischen daten verarbeiten den Stellen und Betroffenen sowie in be stimmten Anwen dungs konstella tionen, die regelmäßig und in hoher Anzahl auf treten, zu legitimie ren. In diesen Fällen hat der Gesetz geber die Interessen abwä gung zwischen der Notwendig keit der Daten verarbei tung und dem Schutz der informa tio nellen Selbst bestim mung allgemeingültig ent schieden. Einen Kompromiss zwischen einer generellen Erlaubnis vorschrift und einer individuellen Einwilli gung zur Legitimie rung von Daten verarbei tungs vorgängen stellen diejenigen Erlaubnis normen dar, die Aus nahmen vom Regelfall durch das Erfordernis einer Interessen abwä gung einfangen, wie zum Beispiel § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 und Nr. 3 BDSG. Die Zulässig keit der Daten verarbei tung er fordert bei diesen Erlaubnis tatbeständen mit unter schied lichen Ab stufungen neben der Erfül lung weiterer Tatbestands vorausset zungen, dass das schutz würdige Interesse des Betroffenen gegen über den Interessen des Daten verarbeiters nicht oder nicht offensicht lich über wiegt. Das Interesse auf 340 Seiten des Betroffenen besteht grundsätz lich in dem Schutz seiner informa tio nellen Selbst bestim mung. Für die Bewer tung der Beeinträchti gung des Grund rechts schutzes durch die Daten verarbei tungs maßnahme sind als Kriterien die Eingriffs intensi tät, die Eingriffs dauer und der Eingriffs zweck zu be rücksichti gen. Die Eingriffs intensi tät be stimmt sich vor allem nach Art und Umfang der personen bezogenen Daten sowie der konkreten Beziehung zur daten verarbeiten den Stelle. Die Eingriffs dauer kann von wenigen Minuten bis hin zu einer lebens langen Speiche rung variieren. Werden Daten im Internet bereit gestellt, ist bei der Eingriffs dauer auch zu be rücksichti gen, dass die daten verarbeitende Stelle zwar die Daten auf ihrem Server löschen kann, aber die Daten in der Regel irgendwo an anderer Stelle im Internet dauer haft ver fügbar bleiben. Der Zweck der Daten verarbei tung ist in Relation zum Eingriff zu be werten. Es ist insbesondere zu über prüfen, ob neben der daten verarbeiten den Stelle der Betroffene nicht einen eigenen Zweck mit der Daten verarbei tung ver folgt. Sind Kinder oder Jugend liche von der Daten verarbei tung be troffen, muss ihre be sondere Schutz bedürftig keit immer er gänzend bei der Interessen abwä gung be rücksichtigt werden. Diese liegt darin be gründet, dass Kinder und Jugend liche in der Regel nicht in der Lage sein werden, die Gefahren und lang fristi gen Konsequenzen der Bereit stel lung personen bezogener Daten im Internet einzu schätzen. Zudem kann nicht voraus gesetzt werden, dass sie über aus reichende Kennt nisse über mögliche Schutz maßnahmen und die ihnen zustehen den Rechte einschließ lich ihrer Durch set zungs möglich keiten ver fügen. Insofern ist dem Daten schutz für Kinder und Jugend liche bei der Interessen abwä gung in be sonde rer Weise Rechnung zu tragen. 341 6 Daten verarbei tung in Social NetworkDiensten Bei der Inanspruchnahme von Social NetworkDiensten werden regelmäßig sehr viele Nutzer daten ver arbeitet. Die Teilnahme an den ver schiedenen Com mu nities er fordert häufig eine Anmel dung, bei jedem Vorgang des Einloggens wird mindestens die IPAdresse des Rechners be nötigt, die Nutzer über mitteln Daten unter schiedlichster Art und rufen gleichzeitig Daten anderer Nutzer ab, die der Betreiber der Platt form be reithält. Alle diese Daten verarbei tungs vorgänge haben nur eine daten schutz recht liche Relevanz, wenn es sich dabei um personen bezogene Daten handelt. Denn nur der Umgang mit personen bezogenen Daten stellt nach der Konzep tion der informa tio nellen Selbst bestim mung einen Eingriff in dieses Grundrecht dar (BVerfGE 100, 313, 366).27 Daraus folgt, dass der Umgang mit nicht personen bezogenen Daten keinen daten schutz recht lichen Beschrän kungen unter worfen ist. 6.1 Anwend bares Daten schutz recht Das Bundes daten schutz gesetz gilt gemäß § 1 Abs. 2 BDSG für alle öffent lichen Stellen des Bundes (Nr. 1), für die öffent lichen Stellen der Länder nur, soweit der Daten schutz nicht durch Landes gesetze geregelt ist (Nr. 2), und für nicht öffent liche Stellen (Nr. 3). § 1 Abs. 3 Satz 1 BDSG normiert aber den Grundsatz der Subsidiari tät des Bundes daten schutz gesetzes gegen über anderen spezial gesetz lichen Vor schriften. Spezialgesetz liche Daten schutz vorschriften für Inter net dienst leis tungen sind in den §§ 11 bis 15a TMG geregelt. Gemäß § 1 Abs. 1 TMG ist der Anwen dungs bereich des Gesetzes dahin gehend fest gelegt, dass es für alle Telemedien gilt, das heißt für alle elektroni schen Informa tions und Kommunika tions dienste, soweit sie nicht Telekommunika tions dienste nach § 3 Nr. 24 TKG, telekommunika tions gestützte Dienste nach § 3 Nr. 25 TKG oder Rundfunk nach § 3 RStV sind. Zu den Telemediendiensten ge hören alle Online 27 Dies gilt auch für die Daten verwen dung durch private Stellen – s. BVerfGE 84, 192 (195). 342 Angebote von Waren und Dienst leis tungen, die unmittel bar ge nutzt werden können.28 Social NetworkDienste sind in den vor gestellten Formen als Tele medien dienst zu qualifizie ren, so dass die Daten schutz vorschriften des Tele medien gesetzes vor rangig und diejenigen des Bundes daten schutz gesetzes sub sidiär zu be achten sind. 6.2 Personen bezogene Daten Personen bezogene Daten sind nach der Legaldefini tion des § 3 Abs. 1 BDSG und dem ihm ähnlichen Art. 2 Lit. a Daten schutz richtlinie „Einzelangaben über persön liche oder sach liche Ver hält nisse einer be stimmten oder be stimm baren natür lichen Person (Betroffener)“. Unter diesen Begriff fallen alle Einzelangaben, die Informa tionen über den Betroffenen selbst oder über einen auf ihn bezieh baren Sach verhalt ent halten (Roßnagel & Scholz, 2000, S. 722 f.; Gola & Schomerus, 2010, § 3 BDSG, Rn. 5 f.). Die Person ist be stimmt, wenn die Informa tionen selbst ohne zusätz liche komplexe Opera tionen einen unmittel baren Rückschluss auf die Identität der Person zulassen. Eben falls aus reichend ist nach dem Wortlaut des Gesetzes die Bestimm bar keit der Person. Dies ist der Fall, wenn sie objektiv, also nach allgemeiner Lebens erfah rung und mittels des Zusatz wissens des Daten verwenders, identifiziert werden kann (Roßnagel & Scholz, 2000, S. 723). Dies hat zur Folge, dass die Personen bezogen heit relativ ist und dieselben Daten für den einen Daten verwen der personen bezogen sein können, für den anderen aber nicht (Gola & Schomerus, 2010, § 3 BDSG, Rn. 9). Der Begriff der Einzelangaben wird weit interpretiert, so dass grundsätz lich jede Informa tion, einschließ lich von Werturteilen erfasst ist, die über die Person etwas auszu sagen vermag (Dammann, 2011, § 3 BDSG, Rn. 12). Es kommt nicht darauf an, zu welchem Zweck die Informa tionen erfasst worden sind, woher sie stammen und in welcher Form sie repräsentiert werden (z. B. auch Bild und Tondaten) (Dammann, 2011, § 3 BDSG, Rn. 4). Auch die Formulie rung „sach lich“ und „persön lich“ hat der Gesetz geber ge wählt, da er alle Daten, die über die Bezugs person etwas aus sagen, schützen will, unabhängig davon, unter welchem Aspekt sie gesehen werden oder welcher Lebens bereich an gesprochen ist (Dammann, 2011, § 3 BDSG, Rn. 7). Eine präzise Defini tion der Begriffe ist daher nicht er forder lich. Angaben über sach liche und persön liche Ver hält nisse sind beispiels weise Name, Anschrift, Telefon nummer, EMail Adresse, Familien stand, Geburts datum, Staats angehörig keit, Konfession, Beruf und Gesund heits zustand, aber auch Rasse des Haustie res oder das Fabrikat des Fahr rades. Nicht personen bezogene Daten sind dagegen Daten, die keine 28 S. die aus führ lichen Beispiele der Gesetzes begrün dung BTDrs. 16/3078, 13 f. 343 Personen angaben beinhalten. Diese sind daten schutz recht lich irrelevant (Roß nagel & Scholz, 2000, S. 723).29 Eine be sondere Bedeu tung kommt im Daten schutz recht den anonymen und pseudonymen Daten zu. Nach allgemeinem Ver ständnis sind anonyme Daten Einzelangaben über eine Person, ohne dass die Person bekannt ist (Tinnefeld & Ehmann, 1998, S. 187; Scholz, 2003, S. 186). Die anonymen Daten sind zwischen den nicht personen bezogenen und den personen bezieh baren Daten an gesiedelt und daher nach beiden Seiten abzu grenzen. Den allgemeinen Anforde rungen des Daten schutz rechts unter liegen die anonymen Daten aber nur, wenn sie personen bezieh bar sind. Bei anonymen Daten ist die Möglich keit, die Einzel angaben über die Person dieser zuzu ordnen nicht grundsätz lich aus geschlossen, sondern es besteht ledig lich die Besonder heit, dass die Kenntnis der Zuord nungs möglich keit von Anfang an fehlt oder nach träg lich be seitigt wurde (Roß nagel & Scholz, 2000, S. 723). Zusatz wissen, durch das der Personen bezug hergestellt werden kann, ist aber vor handen, so dass das Risiko einer DeAnony misie rung nicht vollständig aus geschlossen werden kann. Die Personen bezieh bar keit anonymer Daten ist somit eine Frage der Wahrscheinlich keit (Roß nagel & Scholz, 2000, S. 723). In Anleh nung an § 3 Abs. 6 BDSG, wonach für das Fehlen eines Personen bezuges aus reichend ist, wenn die Zuord nung „nur mit einem un verhältnis mäßig großen Aufwand an Zeit, Kosten und Arbeits kraft“ möglich ist, ist Anonymi tät dadurch ge kennzeichnet, dass die Wahrschein lich keit der Herstel lung eines Personen bezuges so gering ist, dass sie nach der Lebens erfah rung oder dem Stand der Wissen schaft praktisch aus scheidet. Nach dieser Defini tion sind anonyme Daten keine personen bezogenen Daten. Auch die Pseudonymisie rung hat ebenso wie die Anonymisie rung das Ziel, den Personen bezug auszu schließen. Die Ver wendung eines Pseudonyms er möglicht aber anders als die Anonymi tät, dass die Identität des Nutzers im Aus nahmefall auf gedeckt werden kann. „Pseudonymisie ren“ ist in § 3 Abs. 6a BDSG als „das Ersetzen des Namens und anderer Identifika tions merkmale durch ein Kennzeichen zu dem Zweck, die Bestim mung des Betroffenen auszu schließen oder wesent lich zu er schwe ren“ definiert. Die Herstel lung des Perso nen bezuges erfolgt bei pseudonymen Daten über eine Zuord nungs regel, in der das Zusatz wissen ab gespeichert ist. Im Zusammen hang mit der Frage, ob Pseudonyme personen bezieh bar sind, ist die Relativi tät des Personen bezuges von er heblicher Bedeu tung. Denn für den Kenner der Zuord nungs regel ist die Identifizie rung der sich hinter dem Pseudonym verber genden Person einfach, so dass die Daten für ihn personen bezieh bar sind (Scholz, 2003, S. 189). Fehlt anderen Daten verarbeitern die Zuord nungs regel, besteht hinsicht lich der Ab 29 Aggregierte Daten, die keine Einzelangaben über eine Person ent halten, sind keine anonymen Daten, sondern Daten ohne Angaben über eine Person, so z. B. Roßnagel & Scholz, 2000, S. 723. 344 gren zung zu personen bezieh baren Daten kein Unter schied zu anonymen Daten (Scholz, 2003, S. 189). Ebenso wie bei diesen ist darauf abzu stellen, ob es nach Aufwand an Zeit, Kosten und Arbeits kraft ver hältnis mäßig ist, den Personen bezug herzu stellen (s. Scholz, 2003, S. 190 ff.).30 Die Klassifizie rung eines Datums als personen bezogen, nicht personen bezogen, anonym oder pseudonym ist weder an einen Zeitpunkt – z. B. die Erhebung – ge bunden, noch für die Zukunft fest geschrieben. Jedes Datum durch läuft in dem Zeitraum, in dem es in Daten verarbei tungs vorgängen ver wendet wird, eine variable Ent wick lung. So kann ein nicht personen bezogenes Datum durch die Weiter verarbei tung (zum Beispiel Kombina tion mit anderen Daten) zu einem personen bezogenen Datum werden. Es kann keine allgemeingültige Aussage ge troffen werden, ob Social Net workDienste personen bezogene Daten ver arbeiten und daher die Berücksichti gung der Daten schutz vorschriften er fordern oder nicht. Es ist jeweils im Einzelfall zu prüfen, ob der Dienste anbieter objektiv einen Umgang mit per sonen bezogenen Daten vornimmt. Dies ist immer anzu nehmen, wenn ein SocialNetworkAngebot so aus gestaltet ist, dass der Nutzer bei der Anmel dung seinen bürger lichen Namen und ge gebenen falls noch weitere personen bezogene Angaben, wie zum Beispiel Geburts datum, Wohnort oder be suchte Schulen an geben muss. Dies ist in der Regel der Fall, wenn die Netzgemein schaft zu dem Zweck ge gründet worden ist, bereits in der realen Welt existierende Gemein schaften zu ver netzen. In diesen Fällen wird der bürger liche Name be nötigt, damit sich die Mitglieder dieser Gemein schaften finden und wieder erkennen können. Zu diesen Social NetworkDiensten zählen zum Beispiel Stay Friends, das den Zweck ver folgt, Schulfreunde wieder zusammen zuführen, studiVZ, das aus gerichtet auf Studien freund schaften ist, oder Xing, das den Schwerpunkt auf die Ver netzung von Berufs und Karrierekontakten legt. Foren sind dagegen im Schwerpunkt themen bezogen und dienen der Ver netzung von Personen, die die gleichen Interessen ver folgen und sich gegen seitig in be stimmten Themen gebieten bei Problemen unter stützen, wie zum Beispiel ein Forum für Garten freunde oder Freizeit köche. Blogs dienen meist sehr allgemein der Darstel lung von Aspekten des eigenen Lebens oder der Äußerung von Meinun gen sowie dem Aus tausch von Informa tionen, Gedanken und Erfah rungen als auch der Kommunika tion. Die Teilnahme an Foren und Blogs erfolgt daher sehr häufig unter einem Pseudonym, so dass die Daten für den Anbieter der Social NetworkDienste nicht personen bezogen sind. Ein Sonderproblem besteht bei der Einord nung der IPAdressen der Nutzer von Social NetworkDiensten, deren Ver arbei tung technisch bei jeder In 30 Es ist eine weiter gehende Differenzie rung anhand unter schied licher Pseudonymarten möglich, die auf grund ihrer be sonde ren Eigen schaften unter schied liche Wahrscheinlich keit für die Personen bezieh bar keit aus weisen. 345 anspruch nahme eines Telemediendienstes er forder lich ist. IPAdressen sind für den jeweili gen Internet zugangsProvider (auch Acces sprovider ge nannt) der Nutzer personen bezogene Daten (BGH, MDR 2011, S. 343).31 Dieser ist in seiner Funktion als Telekommunika tions dienst leister gemäß § 111 Abs. 1 Nr. 1 bis Nr. 3 TKG ver pflichtet, bei der Anmel dung eines Internetanschlusses neben der Anschluss kennung auch den Namen, die Anschrift und das Geburts datum des Anschlussinhabers zu erheben und für die Dauer des Ver trags zu speichern. Auf grund der Relativi tät des Personen bezugs könnte die IPAdresse der Nutzer dennoch für den Anbieter der Social NetworkPlatt form ein nicht personen bezogenes Datum sein. Recht lich ist zu differenzie ren, ob es sich um eine statische oder eine dynami sche IPAdresse handelt. In Bezug auf statische IPAdressen besteht in Literatur und Rechtsprechung Einig keit, dass diese für Anbieter von Social NetworkAngeboten personen bezieh bare Daten sind (Schmitz, 2011, Teil 16.2, Rn. 81). Der Personen bezug kann relativ einfach hergestellt werden, da statische IPAdressen einem be stimmten Nutzer oder dessen Rechner dauer haft zu gewiesen werden. Höchst umstritten in Recht sprechung und Literatur ist dagegen die Frage, ob dynami sche IPAdressen für andere Internetdienst leister als Acces sprovider personen bezogene Daten sind.32 Das Amts gericht München lehnt den Personen bezug von dynami schen IPAdres sen für Serviceprovider ab (AG München, K&R 2008, S. 767 f.). Eine Identifizie rung des Nutzers sei dem Betreiber der Webseite nur möglich, wenn ihm illegaler weise von dem Zugangs provider mitgeteilt werden würde, welcher Person er die IPAdresse zu einem be stimmten Zeitpunkt zu geordnet hatte. Diese theoreti sche Möglich keit könne aber nicht die Grundlage dafür bilden, dynami sche IPAdressen als personen bezogen anzu sehen.33 Für das Amts gericht Berlin ist dagegen gerade die potenzielle Missbrauchs möglich keit das ent scheidende Argument, um den Personen bezug dynami scher IPAdressen für Serviceprovider generell zu bejahen (AG Berlin, 2007, S. 600 f.). Es bleibt zu konstatie ren, dass eine gesicherte Rechts lage zu dieser Proble matik nicht besteht. Ein viel wesent licherer Aspekt bei der recht lichen Bewer tung des Bestehens eines Personen bezugs sind gegen über der potenziellen Missbrauchs möglich keit die techni schen Möglich keiten, einen Personen bezug durch das Zusammen führen und Aus werten im Internet ver fügbarer Daten herstellen zu können. Selbst wenn die Einschät zung, dass aktuell zu hohe techni sche Spezialkennt nisse er forder lich sind und ein zu hoher Aufwand be 31 Der BGH geht davon aus, dass eine Erlaubnis norm für die Speiche rung der IPAdresse durch den Tele kommunika tions dienst leister ge geben sein muss. 32 Ausführ lich zu diesem Problem Kirch bergLennartz & Weber, 2010, S. 479 ff. 33 S. auch Schmitz, in: Hoeren/Sieber, 2011, Teil 16.2, Rn. 83, der zudem argumentiert, dass es eben keine vielfälti gen Möglich keiten zur Zusammen führung personen bezogener Daten im Internet gibt, da die IPAdres sen nicht in einer öffent lichen oder zentralen Datei vor gehalten werden. 346 trieben werden müsste, um diesen noch als ver hältnis mäßig hoch zu be werten, zutreffend ist, so kann sich dies mit der techni schen Weiter entwick lung sehr schnell ändern. Unter Berücksichti gung zukünfti ger Risiken ist daher davon auszu gehen, dass die dynami sche IPAdresse zukünftig auch für Serviceprovider als personen bezogenes Datum zu be werten sein wird. 6.3 Ver antwort liche Stelle Neben dem Betroffenen der Daten verarbei tung knüpft das Daten schutz recht die normierten Rechte und Pflichten an den Begriff der ver antwort lichen Stelle an. Dieser wird in § 3 Abs. 7 BDSG definiert als jede Person oder Stelle, die personen bezogene Daten für sich selbst erhebt, ver arbeitet oder nutzt oder dies durch andere im Auftrag vornehmen lässt. Als ver antwort liche Stelle kommt somit jeder in Betracht, der Träger von Rechten und Pflichten sein kann und damit rechts fähig ist. Dies sind neben natür lichen Personen die juristi schen Personen des Privatrechts und des öffent lichen Rechts (Dammann, 2011, § 3 BDSG, Rn. 225). Die Defini tion der ver antwort lichen Stelle schließt nach ihrem Wortlaut auch nicht aus, dass der Betroffene selbst ver antwort liche Stelle sein könnte. Allerdings sind die Vor schriften des Bundes daten schutz gesetzes auf den Umgang mit Daten zu seiner eigenen Person nicht anwend bar, weil sich in dieser Konstella tion die Risiken für die informatio nelle Selbst bestim mung gerade nicht ver wirk lichen (Dammann, 2011, § 3 BDSG, Rn. 226). Bei der Nutzung von Social NetworkDiensten ist die Beantwor tung der Frage, wer ver antwort liche Stelle ist, durch aus problematisch, auch wenn sie in Literatur und Rechtsprechung bisher kaum diskutiert wird.34 Regelmäßig wird mit Selbst verständlich keit davon aus gegangen, dass der Anbieter der Sozialen Netz werk platt form die daten schutz recht lich ver antwort liche Stelle ist (s. z. B. Erd, 2011, S. 20 f.). Dies mag in Bezug auf einige Daten verarbei tungs vorgänge, die bei Social NetworkDiensten er folgen, zutreffend sein. Daneben sollte in Erwägung ge zogen werden, dass der Nutzer der Sozialen Netz werk platt form auch ver antwort liche Stelle sein kann, wenn er personen bezogene Daten Dritter über das Netz werk ver öffent licht. Fraglich ist daher, was die wesent lichen Elemente zur Unter schei dung des für die Ver arbei tung Ver antwort lichen von anderen Akteuren sind. Die Kom mentarliteratur zu § 3 Abs. 7 BDSG ver weist diesbezüg lich im Wesent lichen auf die Vor gaben von Art. 2 lit. d 1 DSRL (Gola & Schomerus, 2010, § 3 BDSG, Rn. 48). Dort wird der Begriff „für die Ver arbei tung Ver antwort licher“ als eine Rolle im europäi schen Daten schutz recht definiert. Ab gesehen von dem personen 34 S. die sehr knappen Aus führungen z. B. bei Kamp, 2011, S. 23. 347 bezogenen (natür liche oder juristi sche Person, Behörde, Einrich tung oder jede andere Stelle) und dem pluralisti schen Aspekt („allein oder gemeinsam mit anderen“) wird voraus gesetzt, dass der Ver antwort liche „über die Zwecke und Mittel der Ver arbei tung von personen bezogenen Daten ent scheidet“ (Art. 29 Daten schutz gruppe, WP 169, S. 1). Die Fähig keit über eine Daten verarbei tung ent scheiden zu können, setzt weder eine formale Benen nung voraus, noch ist sie, falls sie erfolgt ist, maß geblich. Relevant ist vielmehr, wer bei einer Analyse der faktischen Elemente und Umstände auf die Daten verarbei tung einen tatsäch lichen Einfluss ge nommen hat, zum Beispiel indem er sie ver anlasst hat, und bei wem daher de facto die Ver antwor tung liegt (Art. 29Daten schutz gruppe, WP 169, S. 11). Die Ent schei dungs möglich keit muss sich jedoch nicht nur auf das „Ob“, sondern auch auf das „Wie“ der Daten verarbei tung be ziehen. Die Ent schei dung über das „Mittel“ umfasst techni sche und organisatori sche Fragen, zum Beispiel welche Hard und Software ein gesetzt wird, sowie die konkreten Umstände, zum Beispiel die Art der Daten, die Speicherdauer und die Zugriffs möglich keiten (Art. 29Daten schutz gruppe, WP 169, S. 17). Die Ent schei dung über den „Zweck“ legt das Ergebnis fest, das be absichtigt ist oder die ge planten Aktionen leitet (Art. 29Daten schutz gruppe, WP 169, S. 16). Prägnant ge fasst be stimmen die Mittel das „Wie“ und der Zweck das „Warum“ der Daten verarbei tung. Die Ent schei dung über den Zweck ist die Schwelle für die Begrün dung daten schutz recht licher Ver antwortlich keit. Wer diese Ent schei dung trifft, ist de facto für die Ver arbei tung Ver antwort licher. Die Ent schei dung über die Mittel kann dagegen delegiert werden, zum Beispiel auf den Auf trags daten verarbeiter, ohne dass die daten schutz recht liche Ver antwortlich keit automatisch ent fällt. Bezogen auf Social NetworkDienste lässt sich dennoch keine eindeutige Aussage treffen, wer die ver antwort liche Stelle ist. Die Ent schei dung über den Zweck der Daten verarbei tung wird durch die Aus gestal tung der Platt form – die Fest legung des themati schen Kontexts und die ver schiedenen Funktionen – teil weise von dem Dienste anbieter vor gegeben oder zumindest be einflusst. Diese Einfluss nahme kann sehr unter schied lich aus geprägt sein. Je enger die Vor gaben auf einer Platt form sind und je weniger Gestal tungs optionen sie dem Nutzer be lassen, desto eher ist von einer aus schließ lichen Ver antwortlich keit des Platt formbetreibers auszu gehen. Einige Personen bewer tungs portale, wie zum Beispiel spickmich. de und meinprof. de, geben Rahmen angaben, Bewer tungs kriterien und das Bewer tungs system sehr detailliert vor. Die Abgabe der Lehrer oder ProfessorenBewer tung gleicht dem Aus füllen eines Formulars, so dass sie dem Nutzer so gut wie keinen inhalt lichen Gestal tungs spiel raum belässt. Neben dem Zweck, der Community eine Platt form zur Ver fügung zu stellen, wird zudem von dem Dienste anbieter der weitere Zweck ver folgt, individualisierte Werbung anbieten zu können. Im Detail ent scheidet aber auch der die Daten ein gebende Nutzer über den Zweck der Daten verarbei tung, indem 348 er die Daten aus wählt, ihren Ver brei tungs grad fest legt und auch Einfluss auf die Dauer der Ver fügbar keit durch Löschung nehmen kann. Die Ent schei dungs macht über die techni sche und organisatori sche Aus gestal tung der Daten verarbei tung liegt wiederum eindeutig beim Dienste anbieter. Ist faktisch eine eindeutige Zuord nung der Ver antwortlich keit nicht möglich, ist zu prüfen, ob nicht eine kumulative Ver antwortlich keit in Betracht kommt. Die Defini tion der ver antwort lichen Stelle in § 3 Abs. 7 BDSG trifft hierzu keine Aussage. In der Literatur wird aber zum Beispiel im Zusammen hang mit Ver bund dateien, in die mehrere Stellen selbst ständig Daten sätze ein geben können und in der diese Stellen auch zur Ver ände rung der Daten sätze be rechtigt sind, die kumulative Ver antwortlich keit bejaht (Weichert, 2007, § 3 BDSG, Rn. 54). Die Daten schutz richtlinie normiert zudem aus drück lich den pluralisti schen Ansatz mit der Formulie rung „allein oder gemeinsam“. Soweit die Daten schutz richtlinie aus drück lich eine kumulative Ver antwor tung vor sieht, ist diese im Zweifel durch das nationale Recht umzu setzen. Es ist daher auch im deutschen Daten schutz recht davon auszu gehen, dass mehrere Stellen gleich zeitig für eine Daten verarbei tung ver antwort lich sein können. Die Anbieter sozialer Netz werk dienste sind für die Ver arbei tung ver antwort lich, weil sie sowohl über die Zwecke als auch die Mittel der personen bezogenen Daten von Nutzern und Dritten ent scheiden. Die Nutzer der Netz werke sind, wenn sie personen bezogene Daten über das Netz werk ver öffent lichen, eben falls als Ver antwort liche einzu stufen (Art. 29Daten schutz gruppe, WP 169, S. 26). Sofern nur ihre eigenen personen bezogenen Daten be troffen sind, sind allerdings die Vor schriften des Daten schutz rechts nicht anwend bar, so dass die daten schutz recht liche Ver antwortlich keit nur in Bezug auf die personen bezogenen Daten Dritter besteht. Zu be achten ist allerdings, dass nichtöffent liche Stellen gemäß § 1 Abs. 2 Nr. 3 BDSG nicht der Reglementie rung des Gesetzes unter liegen, wenn die Erhebung, Ver arbei tung oder Nutzung der Daten aus schließ lich für persön liche oder familiäre Tätig keiten erfolgt. Persön liche Tätig keiten bilden den Gegen satz zu be ruflichen oder gewerb lichen Tätig keiten und be ziehen sich auf die Privatperson des Einzelnen. Diese Form der Daten verarbei tung umfasst zum Beispiel Adressen von Freunden oder Korrespondenz, die der Freizeit zuzu ordnen ist (Dammann, 2011, § 1 BDSG, Rn. 149 ff.). Familiäre Tätig keiten be ziehen sich auf die Rolle des Einzelnen im Rahmen der Familie, wie zum Beispiel den Kontakt mit Ver wandten (Dammann, 2011, § 1 BDSG, Rn. 151). Diese Tätig keiten werden unter der Annahme, dass sie keine Risiken für die Privatsphäre des Einzelnen mit sich bringen, da die Daten verarbei tung ledig lich im eigenen häus lichen Bereich und nur für den eigenen Gebrauch erfolgt, aus dem Anwen dungs bereich des Daten schutz rechts heraus genommen (Brühann, 2009, Art. 3 DSRL, Rn. 13). Ab gesehen von der Frage, ob diese Risikoeinschät zung grundsätz lich zutreffend ist, wenn Daten über das Internet ver breitet 349 werden und durch Suchmaschinen für jedermann auf find bar sind, können ver schiedene Kriterien als Indiz für eine nicht rein persön liche und private Tätig keit heran gezogen werden. Dies ist zunächst der Zweck der Sozialen Netz werk platt form selbst. Besteht dieser zum Beispiel darin, be rufliche Kontakte zu knüpfen, liegen die Voraus setzungen von § 1 Abs. 2 Nr. 3 BDSG eindeutig nicht vor. Auch Anwen dungs platt formen zur Förde rung kommerzieller, politi scher oder karitativer Zielset zungen liegen außerhalb rein privater oder familiärer Tätig keiten. Zudem finanzie ren sich alle erfolg reich ver brei teten sozialen Netz werk dienste über Werbe einnahmen. Denn die Daten werden nach dem Einstellen auf die Platt form nicht nur von „Freunden“ ab gerufen, sondern sie sind auch für den Platt formbetreiber aus wert bar. Ein weiteres Indiz sind die Zugriffs möglich keiten auf Profilinforma tionen. Selbst wenn der Nutzer den Zugriff auf seine Daten auf „Freunde“ be grenzt und die Informa tionen auch nicht über Suchmaschinen allen Internetnutzern zugäng lich sind, sind diese Daten nicht dem Zugriff des Platt formbetreibers ent zogen, so dass auch dann nicht von einer aus schließ lich persön lichen oder familiären Tätig keit aus gegangen werden kann. Dies gilt erst recht, wenn alle Mitglieder einer Community die Daten einsehen. Dann hat der Nutzer nicht einmal Kenntnis davon, wer alles auf seine Daten zugreifen kann, geschweige denn, dass eine persön liche Beziehung zu allen CommunityMitgliedern besteht. Sind die Daten nicht der Indexie rung durch Suchmaschinen ent zogen, ist auch nicht aus geschlossen, dass über die Snippets der Ergebnis liste personen bezogene Daten der breiten Öffentlich keit zugäng lich ge macht werden. In diesem Fall greift die Aus nahme vorschrift des § 1 Abs. 2 Nr. 3 BDSG eben falls nicht (Art. 29Daten schutz gruppe, WP 163, S. 8).35 Bei der Über prüfung der Einzelfälle ist immer zu be rücksichti gen, dass § 1 Abs. 2 Nr. 3 BDSG als Aus nahme vorschrift restriktiv auszu legen ist (Dammann, 2011, § 1 BDSG, Rn. 148). Soweit Zweifel auf tauchen, ob die Daten verarbei tung aus schließ lich familiäre oder persön liche Aktivi täten be trifft, sind diese zu gunsten einer Anwend bar keit der Bundes daten schutz gesetzes auszu räumen. Nur so können wesent liche Lücken des Daten schutzes ver mieden werden. Parallel zu der Regelung in § 1 Abs. 2 Nr. 3 BDSG gelten die in den §§ 27 bis 32 BDSG geregelten Rechts grundlagen der Daten verarbei tung gemäß § 27 Abs. 2 Satz 1 BDSG nicht, wenn der Umgang mit den personen bezogenen Daten aus schließ lich für persön liche oder familiäre Zwecke erfolgt. 35 Zu be rücksichti gen ist allerdings, dass Nutzer sozialer Netz werk dienste unter weitere Aus nahmerege lungen fallen können, so beispiels weise unter die Aus nahme der Ver arbei tung personen bezogener Daten, die allein zu journalisti schen, künstleri schen oder literari schen Zwecken erfolgt. In diesen Fällen ist die Freiheit der Meinungs äuße rung gegen das Recht auf Privatsphäre abzu wägen, Art. 29Daten schutz gruppe, WP 163, S. 8. 350 6.4 Zulässig keit der Daten verarbei tung Die Konzep tion des Daten schutz rechts er fordert es, grundsätz lich jeden einzel nen Umgang mit personen bezogenen Daten einzeln und in Bezug auf die konkrete daten verarbeitende Stelle daten schutz recht lich zu über prüfen. Ent sprechend der zeit lichen Abfolge wird zunächst die Zulässig keit der Daten verarbei tung durch den Nutzer des Social NetworkDienstes über prüft. Ein Umgang mit den personen bezogenen Daten der Nutzer und Dritter erfolgt eben falls durch den Platt formbetreiber. Hier werden im Folgenden im Schwer punkt das zur Ver fügung stellen der personen bezogenen Daten für den Abruf der Mitglieder der Social Community und die Aus wertung der Nutzer daten durch den Platt formbetreiber für Werbedienst leis tungen analysiert. Zusätz liche Risiken ergeben sich bei Social NetworkDiensten aber, wie dargelegt (s. Kap. 3.2), durch die Begehrlich keiten anderer Dienste anbieter an diesem Daten pool, wie zum Beispiel Headhunter, die auf Social NetworkPlatt formen auf der Suche nach qualifizierten Arbeits kräften sind. Ist allerdings die Daten verarbei tung durch den Nutzer oder den Platt formbetreiber nicht rechtmäßig erfolgt, so ist jegliche weitere Daten verarbei tung eben falls rechts widrig. Schließ lich ist neben der daten schutz recht lichen Zulässig keit des Umgangs mit Bild nissen, die gleichzeitig personen bezogene Daten sind, die urheber recht liche Zulässig keit zu prüfen. 6.4.1 Daten verarbei tung durch die Nutzer von sozialen Netz werk diensten Adressaten des Telemedien gesetzes sind Dienste anbieter gemäß § 2 Nr. 1 TMG. Nach dieser Vor schrift ist Dienste anbieter jede natür liche oder juristi sche Person, die eigene oder fremde Telemedien zur Nutzung be reithält oder den Zugang zur Nutzung ver mittelt. Grundsätz lich können unter einer Domain meh rere Telemediendienste an geboten werden, so dass sowohl der Portal betreiber als auch ein Nutzer, zum Beispiel wenn er auf einer Ver kaufsplatt form ein ge werb liches An gebot einstellt und Waren oder Dienst leis tungen anbietet, Dienste anbieter sein kann (LG München I, WRP 2005, S. 1042; LG Memmingen, MMR 2004, S. 769; LG Berlin, WRP 2004, S. 1198). Liegt allerdings ein einheit lich ge stalte ter Gesamt auftritt vor, innerhalb dessen die Unter seiten keine hinreichende kommunika tions bezogene Eigenständig keit auf weisen, liegt nur ein Telemediendienst vor und nur der Portal betreiber ist Dienste anbieter im Sinne des § 2 Nr. 1 TMG. Dies ist auch bei den Social NetworkDiensten anzu nehmen, da sie regelmäßig themati sche und einheit liche ge stalteri sche Vor gaben geben. Daher sind in Bezug auf die Nutzer als ver antwort liche Stelle nicht die Daten schutz vorschriften des Telemedien gesetzes vor rangig anwend bar, sondern aus schließ lich das Bundes daten schutz gesetz. 351 Anschließend stellt sich die Frage, ob der Nutzer als ver antwort liche Stelle gemäß § 3 Abs. 7 BDSG selbst die Daten verarbei tung vornimmt oder ob er sie durch den Platt formbetreiber im Auftrag vornehmen lässt. Letzteres wäre nur rechtmäßig, wenn zwischen Nutzer und Platt formbetreiber eine zulässige und wirksame Daten verarbei tung im Auftrag gemäß § 11 BDSG vor liegen würde. Wäre dies der Fall, bliebe der Nutzer gemäß § 11 Abs. 1 Satz 1 BDSG die ver antwort liche Stelle. Die Vor schrift ent faltet eine Zurech nungs wirkung, indem sie die daten schutz recht liche Ver antwortlich keit des Auftrag gebers (Nutzer der Sozialen Netz werk platt formen) für die fremden Handlun gen des Auf tragnehmers be gründet (Sutschet, 2004, S. 98). Die Daten verarbei tung im Auftrag setzt gemäß § 11 BDSG voraus, dass die durch den Auf tragnehmer (Platt form betreiber) er brachte Daten verwen dung durch Weisun gen oder durch über lassene Werkzeuge (zum Beispiel Programme) sehr genau be stimmt wurde und keine recht liche Ver fügungs befugnis über die zu ver wenden den Daten besteht. Der Auf trags schwerpunkt ist auf die Durch führung der Daten verarbei tung gerichtet und der Auf tragnehmer steht weder in einer eigenen recht lichen Beziehung zum Betroffenen noch hat er ein eigenes inhalt liches Interesse an den Daten (Kilian & Heussen, 2009, Rn. 36 f.; Regie rungs präsidium Darmstadt 2007, S. 2). Als Indizien gegen eine Auf trags daten verarbei tung können die Kriterien heran gezogen werden, inwieweit die Daten verwen dung auf eigene Rechnung erfolgt und eigene, über die über tragene Daten verwen dung hinaus gehende Geschäfts zwecke ver folgt werden. Weiter hin sprechen die fehlende Einfluss möglich keit des Auftrag gebers auf Teil bereiche der Daten verarbei tung und die Tatsache, dass die zu ver arbeiten den Daten erst auf grund einer eigenständi gen Rechts beziehung des Auf tragnehmers mit dem Betroffenen erhoben werden, gegen eine Auf trags daten verarbei tung. Wie bereits aus geführt, haben sowohl der Nutzer als auch der Platt form betreiber eigenständige Ent schei dungs befug nisse in Bezug auf Zweck und Mittel der Daten verarbei tung. Ein Über und Unter ord nungs verhältnis derart, dass der Nutzer gegen über dem Platt formbetreiber weisungs befugt sei und die Daten verarbei tung einseitig steuern kann, besteht aber gerade nicht. Sind die personen bezogenen Daten auf dem Server des Platt formbetreibers ge speichert, ver folgt dieser eigene Interessen an den Daten. Der Platt formbetreiber wertet die Nutzer daten aus, um individualisierte Werbung auf den Nutzer seiten zu platzie ren. Für diese Dienst leis tung zahlen die werben den Firmen nicht unerheb liche Preise. Bei Social NetworkDiensten erfolgt parallel die eigene Daten verarbei tung durch den Nutzer, für den Zweck der Teilnahme an Social Communities und unabhängig davon die Daten verarbei tung durch den Platt formbetreiber zu wirtschaft lichen Zwecken. Eine Auf trags daten verarbei tung gemäß § 11 BDSG liegt somit nicht vor. Für die Daten verarbei tung durch die Nutzer ist gemäß § 4 Abs. 1 BDSG eine Rechts grundlage er forder lich, wenn dieser personen bezogene Daten Dritter 352 über die OnlinePlatt form zur Ver fügung stellt und diese Daten verarbei tung nicht aus schließ lich für persön liche oder familiäre Tätig keiten erfolgt. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn eine Person in einem Blogeintrag aus führ lich über eine Lehr veranstal tung eines be stimmten Professors be richtet und diese Informa tionen allen oder nur den als Freunden deklarierten Nutzern des Social Network Dienstes zugäng lich sind. Grundsätz lich kommen die gesetz lichen Erlaubnis tatbestände für die Daten verarbei tung nichtöffent licher Stellen gemäß §§ 28 ff. BDSG in Betracht. Das Hochladen der Daten durch den Nutzer auf den Server des Dienste anbieters stellt gemäß § 3 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 BDSG eine Über mitt lung von Daten dar. Problematisch ist allerdings, dass alle Erlaubnis tatbestände des Bundes daten schutz gesetzes für private Stellen die Ver folgung eines eigenen Geschäfts zwecks oder die geschäfts mäßige Daten verarbei tung voraus setzen. Obwohl die Formulie rung ledig lich den akzessori schen Charakter der Ver arbei tung ver deut licht, muss letzt lich die Daten verarbei tung als Hilfs mittel für einen geschäft lichen, be ruflichen oder gewerb lichen Zweck auf einen wirtschaft lichen Erfolg aus gerichtet sein (Gola & Schomerus, 2010, § 28 BDSG, Rn. 4; Simitis, 2011, § 28 BDSG, Rn. 23). Dies trifft zwar auf die Anbieter der Social NetworkDienste zu, aber allen falls im Aus nahmefall auf deren Nutzer, die personen bezogene Daten Dritter auf der CommunityPlatt form einstellen. Eine einschlägige Erlaub nis vorschrift für die Daten verarbei tung ist im Bundes daten schutz gesetz somit nicht ge geben. Die Tatsache, dass für nichtöffent liche Stellen aus schließ lich Erlaubnis vorschriften für gewerb liche Daten verarbei tung existie ren, nicht aber für die private Daten verarbei tung, ist vor dem histori schen Hinter grund des Bundes daten schutz gesetzes nach vollzieh bar. Ursprüng lich hat der Gesetz geber die Daten schutz vorschriften mit dem Vor stel lungs bild einer Technologie er lassen, die der öffent lichen Ver waltung und privaten Unter nehmen gleichermaßen helfen sollten, Informa tions probleme effektiver be wälti gen zu können (Simitis, 2011, § 27 BDSG, Rn. 45). Die modernen Informa tions und Kommunika tions technologien stehen mittlerweile aber gleichermaßen Privaten zur Ver fügung und werden auch für private Zwecke im er heblichen Umfang ge nutzt. Ein undifferenziertes Aus klammern aller Ver arbei tungen personen bezogener Daten zu privaten oder familiären Zwecken führt allerdings dazu, die Wirksam keit und auch die Glaubwürdig keit des Daten schutzes er heblich in Frage zu stellen. Dies gilt insbesondere in Bezug auf die Internettechnologie, die immer das Risiko der „öffent lichen“ Daten verarbei tung in sich birgt. Diese ursprüng liche Vor stel lung des Gesetz gebers ent spricht somit spätestens seit der flächen decken den Ver brei tung des Internet auch in Privathaushalten nicht mehr der Realität. Privatpersonen ver arbeiten in enormen Umfang perso nen bezogene Daten und nehmen auch die Möglich keit wahr, sie über das Internet einem un begrenzten Personen kreis zugäng lich zu machen. Es ist daher 353 zwar nicht der Grundgedanke des Bundes daten schutz gesetzes, rein private oder familiäre Daten verarbei tungen aus dem Anwen dungs bereich der Daten schutz gesetze heraus zunehmen, von der Realität über holt worden. Es sind aber wohl die ge wählten Ab gren zungs kriterien nicht mehr technikadäquat. Die daten schutz recht lichen Risiken ver wirk lichen sich nicht durch die Zweck bestim mung be ruflich, geschäft lich oder gewerb lich im Gegen satz zu familiär oder privat. Aus gehend von der Grundinten tion der informa tio nellen Selbst bestim mung als Schutz der freien Ent faltung der Persönlich keit ist vielmehr der öffent liche oder allgemein zugäng liche Umgang mit personen bezogenen Daten als Gegen satz zu einer rein privaten oder familiären Tätig keit zu sehen. In Bezug auf den Umgang mit personen bezogenen Daten durch Private zu privaten Zwecken, die nicht aus dem Anwen dungs bereich des Bundes daten schutz gesetzes heraus fallen, ist eine analoge Anwen dung der §§ 28 ff. BDSG zu über prüfen.36 Die Analogie kann unter drei Voraus setzungen vor genommen werden (Larenz & Wolf, 2004, § 4 Rn. 80; Larenz, 1991, S. 381 ff.): Erstens darf für einen be stimmten Sach verhalt keine Rechts norm existie ren, so dass eine Rege lungs lücke vor liegt. Diese Rege lungs lücke darf zweitens vom Gesetz geber nicht be absichtigt ge wesen, sondern muss planwidrig sein. Drittens muss zwischen dem un geregelten Sach verhalt und dem Tatbestand, dessen Rechts folge über nommen werden soll, eine ver gleich bare Interessen lage vor liegen. Eine Rege lungs lücke besteht, da die Daten verarbei tung durch Privatpersonen für private Zwecke, wie sie zum Beispiel bei der Teilnahme an Social Network Diensten erfolgt, zwar in den Anwen dungs bereich des Bundes daten schutz gesetzes fällt, aber die Erlaubnis tatbestände für nichtöffent liche Stellen nicht anwend bar sind. Vor dem dargestellten histori schen Hinter grund ist davon auszu gehen, dass diese Rege lungs lücke nicht vom Gesetz geber ge wollt war. Unter der Prämisse, dass die Ver arbei tung personen bezogener Daten zu privaten Zweck nicht in den Anwen dungs bereich fiel, war es schlicht nicht er forder lich, diesbezüg liche gesetz liche Erlaubnis tatbestände in das Bundes daten schutz gesetz aufzu nehmen. Gleichzeitig ist das mit dieser Daten verarbei tung ver bundene Risiko für die informatio nelle Selbst bestim mung der Betroffenen deut lich geringer, als wenn die Daten verarbei tung zu gewerb lichen Zwecken von Unter nehmen durch geführt wird. Diese Daten verarbei tung muss daher erst recht unter den gegen über einer daten schutz recht lichen Einwilli gung er leichterten Bedin gungen einer gesetz lichen Erlaubnis möglich sein. Da zwischen dem Nutzer eines Social NetworkDienstes und dem Betroffenen kein irgendwie gearte tes rechts geschäft liches Ver hältnis besteht, ent spricht die Interessen lage am ehesten derjenigen gemäß § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 BDSG. Nach dieser Vor schrift ist der Umgang mit personen bezogenen Daten zulässig, soweit er 36 In der Rechts wissen schaft ist eine Analogie die Über tragung der für einen Tatbestand im Gesetz vor gesehenen Rechts folge auf einen anderen, aber rechts ähnlichen Tatbestand. 354 zur Wahrung be rechtigter Interessen der ver antwort lichen Stelle er forder lich ist und keine Anhaltspunkte für ein über wiegen des ent gegen stehen des Interesse des Betroffenen be stehen. Die Interessen abwä gung umschreibt den noch trag baren Kompromiss im Wider streit zwischen der informa tio nellen Selbst bestim mung des Betroffenen und dem Recht auf freie Meinungs äuße rung und Kom munika tions frei heit des Nutzers von Social NetworkDiensten (Simitis, 2011, § 28 BDSG, Rn. 133).37 Stellt ein Nutzer personen bezogene Daten Dritter auf der Sozialen Netzwerk platt form zur Ver fügung, ist diese Daten verarbei tung gemäß § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 BDSG analog zulässig, wenn seine be rechtigten Interessen dasjenige des Betroffenen am Aus schluss der Ver arbei tung oder Nutzung über wiegen. Berech tigtes Interesse des AccountInhabers ist in erster Linie seine von Art. 5 Abs. 1 GG geschützte Meinungs frei heit. Nicht von der Meinungs frei heit geschützt sind allerdings alle personen bezogenen Daten, die falsche Tatsachen wieder geben, eine Formal beleidi gung38 oder Schmähkritik39 darstellen (BVerfGE 54, 208, 219; Schemmer, 2011, Art. 5 GG, Rn. 6 ff.). In diesen Fällen ist bereits das be rechtigte Interesse des Nutzers abzu lehnen. Das schutz würdige Interesse des Betroffenen liegt vor allem im Schutz seiner informa tio nellen Selbst bestim mung. Die Funktion der informa tio nellen Selbst bestim mung er schöpft sich nicht im Abwehr recht gegen den Staat, sondern ent faltet als Grundrecht auch Dritt wirkung gegen über der Daten verarbei tung Privater (BGH, NJW 2009, S. 2891). Die notwendige Ab wägung zwischen beiden Interessen muss immer im Einzelfall er folgen, da prägende Bestand teile der (legitime) Zweck des Nutzers und die Qualität der personen bezogenen Daten sind. Gleichzeitig hat der Einzelne keine ab solute Herrschaft über seine personen bezogenen Daten, die jede Ver wendung durch Dritte aus schließen würde (BGH, NJW 2009, S. 2891). Der einzelne muss als Teil der sozialen Gemein schaft im Gemein schafts interesse grundsätz lich Einschrän kungen seiner informa tio nellen Selbst bestim mung in Kauf nehmen. Liegt ein über wiegen des Interesse des Betroffenen am Aus schluss der Daten verarbei tung vor, ist das Einstellen der personen bezogenen Daten Dritter durch die Nutzer von Social NetworkDiensten nur zulässig, wenn eine wirksame Einwilli gung des Dritten gemäß § 4a BDSG vor liegt. Dies wird insbesondere auf grund des Schrift formerforder nisses gemäß § 4a Abs. 1 Satz 2 BDSG nicht der Fall sein. 37 Von dieser Interessen konstella tion geht auch BGH, NJW 2009, S. 2891 aus. 38 Eine Formal beleidi gung ist eine be leidigende Äußerung wahrer Tatsachen. Diese ist nur aus nahms weise gemäß § 192 StGB straf bar. Dies kann z. B. der Fall sein, wenn ein be sonders herab würdi gen der Ton oder eine be sonders ge hässige Einklei dung ge wählt wird. 39 Schmähkritik ist eine Äußerung, durch welche eine Person ver ächt lich ge macht werden soll und bei der es nicht mehr um eine Auseinander setzung in der Sache geht. 355 6.4.2 Daten verarbei tung durch den Anbieter des Social NetworkDienstes Die Daten verarbei tung der Anbieter der Sozialen Netz werk platt form ist gemäß § 12 Abs. 1 TMG nur zulässig, wenn eine gesetz liche Ermächti gungs grundlage sie erlaubt oder eine Einwilli gung des Betroffenen vor liegt. Social Network Diensten ist gemeinsam, dass von den Nutzern personen bezogene Daten auf die Platt form hoch geladen und von dem Dienste anbieter zum Abruf durch andere Nutzer zur Ver fügung ge stellt werden. Häufig bieten die Social Network Dienste zudem die Möglich keit an, Nutzer profile, zum Beispiel mit Angaben über Hobbys, Interessen, Urlaubs ziele, und soziale Beziehungen innerhalb des Systems fest zulegen, etwa Kontakte innerhalb einer Freundes liste oder Personen, über deren Einträge der Nutzer automatisch be nachrichtigt werden möchte. Schließ lich werten die Platt formbetreiber die Nutzer daten aus, um anderen Unter nehmen die Dienst leis tung individuell platzierter Werbung auf der Social NetworkPlatt form anzu bieten. Werden die Daten von dem Nutzer auf der Platt form ein gestellt, ist dies gleichzeitig für den Platt formbetreiber eine Erhebung von Daten gemäß § 3 Abs. 3 DBSG.40 Das Beschaffen von Daten im Sinne der Norm er fordert nicht die konkrete Abfrage einzelner Informa tionen, sondern es reicht aus, wenn die Platt form gerade den Zweck ver folgt, dass der Nutzer Informa tionen für Dritte bereit stellen kann.41 Die er stmalig vom Nutzer er hobenen personen bezogenen Daten werden in mehrfacher Hinsicht ver arbeitet. Um die Ab rufbar keit der Daten für andere Nutzer zu er möglichen, speichert der Dienste anbieter sie gemäß § 3 Abs. 4 Nr. 1 BDSG. Bereits das Bereithalten personen bezogener Daten zur Einsicht oder zum Abruf durch Dritte erfüllt zudem die Voraus setzungen einer Daten übermitt lung gemäß § 3 Abs. 4 Nr. 3b BDSG. Schließ lich finanzie ren sich nahezu alle Social NetworkDienste über Werbe einblen dungen. Die Nutzer daten werden daher in der Regel aus gewertet, um individualisierte Werbung vornehmen zu können. Dies stellt gemäß § 3 Abs. 4 BDSG eine Ver arbei tung und gemäß § 3 Abs. 5 BDSG eine Nutzung von Daten dar. Die Daten verarbei tung durch den Dienste anbieter weist somit ver schiedene Facetten auf, die differenziert zu unter suchen sind. Zunächst wird der Umgang mit den personen bezogenen Daten der CommunityMitglieder zu den unmittel baren Zwecken des Social NetworkDienstes und zu Werbezwecken unter sucht. Anschließend werden die gleichen Zulässig keits fragen in Bezug auf den Umgang mit personen bezogenen Daten Dritter be antwortet. 40 Aufgrund der kollektiven Ver antwortlich keit von Nutzer und Platt formbetreiber besteht kein Wider spruch darin, einen Daten verarbei tungs vorgang für eine ver antwort liche Stelle als Über mitt lung und für den Empfänger als Erhebung anzu sehen. 41 Ein Erheben liegt nicht vor, wenn die personen bezogenen Daten unaufgefordert zu geschickt werden, Gola & Schomerus, 2010, § 3 BDSG, Rn. 24. S. auch kritisch hierzu Feldmann, AnwBl. 2011, S. 251. 356 6.4.2.1 Ver arbei tung der Daten von Nutzern Es ist zu prüfen, ob diese Daten verarbei tungs vorgänge gemäß § 14 oder § 15 TMG zulässig sind.42 Gemäß § 14 Abs. 1 TMG ist die Erhebung und Ver wendung von personen bezogenen Daten durch den Dienste anbieter ohne die Einwilli gung des Nutzers zulässig, soweit sie für die Begrün dung, inhalt liche Aus gestal tung oder Änderung eines Ver trags verhält nisses mit ihm über die Nutzung von Telemedien er forder lich sind. Diese Daten werden als Bestands daten be zeichnet. Hierzu zählen bei der Inanspruchnahme von Social NetworkDiensten insbeson dere die Anmeldedaten, sofern der Zugang auf die Platt form von einem An melde erfordernis ab hängig ist. § 15 Abs. 1 Satz 1 TMG erlaubt die Erhebung und Ver wendung personen bezogener Daten, soweit dies er forder lich ist, um die Inanspruchnahme von Telemedien zu er möglichen und abzu rechnen. Zu diesen Nutzungs daten zählen insbesondere Merkmale zur Identifika tion des Nutzers, wie zum Beispiel die Nutzer kennung einschließ lich der Identifikations nummer (PIN), Transak tions nummern (TANs), IPAdressen, Angaben über Beginn und Ende sowie über den Umfang der jeweili gen Nutzung einschließ lich der an gefallenen Gebühren einheiten, wenn es ein kosten pflichti ger Dienst ist (Geis, 2002, S. 668 f.). Als Bestands und Nutzungs daten sind Profile und Fest legun gen über die sozialen Kontakte innerhalb des Systems anzu sehen. Diese Informa tionen wirken sich unmittel bar auf die konkrete Aus gestal tung des Dienstes für den einzelnen Nutzer aus. Die Dienst leis tung des Platt form betreibers umfasst häufig die Teilleis tungen, das Informa tions angebot auf grund des Nutzer profils nutzer spezifisch anzu passen und personen bezogene Daten nur für be stimmte Mitglieder der Community sicht bar zu machen, für andere dagegen zu sperren. Die Ab gren zung von Bestands und Nutzungs daten ist somit nicht immer eindeutig und kann sich auch über schneiden (Jandt & Laue, 2006, S. 320). Auch Nutzer name und Pass wort sind in der Regel Bestands daten und gleichzeitig Nutzungs daten, wenn sich der Nutzer vor jeder einzelnen Inanspruchnahme des Dienstes neu einloggen muss. Die Frage der Zulässig keit der Daten verarbei tung ist daher in Bezug auf jeden einzelnen Daten verarbei tungs vorgang ge sondert zu über prüfen. Fraglich ist jedoch die Einord nung derjenigen personen bezogenen Daten in die Dogmatik des Telemediendaten rechts, die sich in den vom Nutzer selbst vor genommenen Einträgen finden und an die anderen CommunityMitglieder adressiert sind. Diese Daten könnten allen falls als Nutzungs daten qualifiziert werden. Dagegen spricht allerdings, dass sie zwar bei einem Nutzungs vorgang von einem Nutzer des Social NetworkDienstes von diesem ein gegeben werden, aber nicht auf grund der techni schen Ab wick lung des Dienstes ent stehen. Durch die Erbrin gung des Telemediendienstes mittels Telekommunika tion ent stehen 42 Zur Anwend bar keit des Telemedien gesetzes s. Kap. 6.1. 357 spezifi sche Risiken der Daten verarbei tung, die durch die daten schutz recht lichen Erlaubnis tatbestände des Telemedien gesetzes ab gefangen werden sollen. Bei den Nutzerinhalten be stehen diese spezifi schen Risiken aber gerade nicht, da sie keine eigenständige Funktion bei der Erbrin gung oder Ab rech nung des Telemediendienstes er füllen (Grimm, Löhndorf & Scholz, 1999, S. 275). Sie sind daher nicht als Bestands oder Nutzungs daten zu be werten. In Ab gren zung zu diesen werden sie als Inhalts daten be zeichnet (s. auch Lerch, Krause, Hotho et al., 2010, S. 456 f.; Spindler & Nink, 2010, § 15 TMG, Rn. 5a). Zur Gruppe der Inhalts daten ge hören all diejenigen Informa tionen, die sich aus den für andere Mitglieder der Community ab rufbaren Einträgen der Nutzer ergeben, unabhängig davon, ob sie für alle oder nur einige Nutzer der Community sicht bar sind. Die Zulässig keit des Umgangs mit personen bezogenen Inhalts daten richtet sich mangels Spezial rege lungen im Telemedien gesetz nach den Vor schriften des Bundes daten schutz gesetzes. Maß gebliche Erlaubnis vorschriften für den Umgang mit personen bezogenen Daten durch private Stellen sind die §§ 28 ff. BDSG. Der Bundes gerichts hof hat in Bezug auf ein Schüler bewer tungs portal aus drück lich klargestellt, dass das Medien privileg des § 41 BDSG in Ver bindung mit § 57 RStV ent gegen der in der Literatur teil weise ver tretenen Ansicht (Greve & Schärdel, 2008, S. 647 f.; Plog, 2007, S. 669; a. A. Walz, 2011, § 41 BDSG, Rn. 7 ff.) nicht zugunsten der Betreiber von sozialen Netz werk diensten greift (BGH, NJW 2009, S. 2890). Mögliche Rechts grundlage für die Daten verarbei tung ist ent weder § 28 oder § 29 BDSG. Es ist im Einzelfall zu über prüfen, ob der Portal betreiber ent sprechend der Voraus setzung gemäß § 28 BDSG einen eigenen Geschäfts zweck ver folgt oder dieser allein im Zweck der Über mitt lung besteht. Ein rein altruisti sches An gebot, das aus schließ lich der Unter stüt zung der CommunityBildung dient und bei dem die Nutzer daten nicht zu anderen Zwecken aus gewertet werden, wird wohl nur sehr selten ge geben sein. In der Regel werden die Dienste anbieter mehrere Zwecke ver folgen, so dass auf den Schwerpunkt der Zweckset zung abzu stellen ist. Der Bundes gerichts hof ist zum Beispiel bei der Bewer tungs platt form spickmich. de davon aus gegangen, dass § 29 BDSG und nicht, wie von den Vor instanzen an genommen, § 28 BDSG anwend bar sei (BGH, NJW 2009, S. 2891; OLG Köln, MMR 2008, S. 675). Die Portal betreiber würden ent gegen der Voraus setzung von § 28 BDSG keinen eigenen Geschäfts zweck ver folgen. Dieser darf nicht in der Daten verarbei tung selbst be stehen, sondern das geschäft liche Interesse muss auf einen darüber hinaus gehen den wirtschaft lichen Erfolg aus gerichtet sein (Gola & Schomerus, 2010, § 28 BDSG, Rn. 4). Die Daten verarbei tung darf ledig lich ein Mittel darstellen, um diesen Geschäfts zweck zu er reichen. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Onlineshop personen bezogene Daten ver arbeitet, um den Kauf vertrag er füllen und die Ware an den Kunden ver senden zu können. § 29 BDSG regelt dagegen die Zulässig keit der 358 geschäfts mäßigen Erhebung, Speiche rung, Ver ände rung oder Nutzung personen bezogener Daten zum Zweck der Über mitt lung. Wesent liches Ab gren zungs merkmal zwischen diesen beiden Erlaubnis tatbeständen ist das Eigen interesse der ver antwort lichen Stelle an den personen bezogenen Daten, weil sie mit dem Betroffenen in Kontakt steht oder treten will (Gola & Schomerus, 2010, § 28 BDSG, Rn. 4). Der Bundes gerichts hof hat bei spickmich. de an genommen, dass der Anbieter mit der Bereit stel lung einer CommunityPlatt form den Zweck ver folge, Interessen gemein schaften zu ver netzen sowie den gegen seiti gen Aus tausch von Informa tionen und die Kommunika tion der Mitglieder unter einander zu er möglichen (BGH, NJW 2009, S. 2891). Daher würden die Daten für die Über mitt lung an Dritte erhoben und ge speichert. Die Geschäfts mäßig keit ergäbe sich bereits aus der Tatsache, dass die Tätig keit auf Wieder holung gerichtet und auf eine ge wisse Dauer an gelegt sei (BGH, NJW 2009, S. 2891). Eine Gewerbs mäßig keit sei darüber hinaus nicht er forder lich, so dass die Voraus setzungen von § 29 BDSG erfüllt seien, unabhängig davon, ob es sich um ein kosten pflichti ges oder kosten freies An gebot handele. Die Finanzie rung des Internetportals über Werbe einnahmen stelle nicht den Hauptz weck des Dienstes dar. Über andere Soziale Netz werk platt formen ist hingegen bekannt, dass die Direkt werbung wesent licher Bestand teil ihres Geschäfts modells ist und ihnen er hebliche Einnahmen garantiert. Dabei werden ganz unter schied liche Werbe modelle ver folgt, die auch in unter schied lichem Umfang die Aus wertung der Nutzer daten voraus setzen. Kontextbezogene Werbung ist auf die Inhalte zu geschnitten, die der Nutzer innerhalb der Social Community aufruft. Segment bezogene Werbung ver sorgt ge wisse Zielgruppen von Nutzern mit Werbeprojek tionen. Die Zuord nung der Nutzer zu be stimmten Gruppen erfolgt durch den Nutzer selbst, indem er sich vor gegebenen Gruppen an schließt, oder er wird von dem Platt formbetreiber durch eine Aus wertung der vom Nutzer zur Ver fügung ge stellten Informa tionen ein geordnet. Ver haltens bezogene Werbung orientiert sich an der Beobach tung und Analyse der Aktivi täten des Nutzers über einen ge wissen Zeitraum. Die Analyse der Nutzer daten erfolgt bei den meisten Geschäfts modellen durch die Platt formbetreiber selbst: Die indivi dua lisierte Werbung wird direkt auf der Social NetworkPlatt form ein geblendet. Denkbar ist jedoch auch, dass der Platt formbetreiber die aus gewer teten Nutzer daten an Firmen für Marketingzwecke ver kauft und diese andere Werbe maßnahmen, wie zum Beispiel EMailWerbung, selbst ständig vornehmen. Liegt der Schwerpunkt der Tätig keit des Platt formbetreibers tatsäch lich in der Förde rung der Informa tion und Kommunika tion der CommunityMitglieder, ist § 29 BDSG die maß gebliche Rechts grundlage. Die Erhebung und Speiche rung personen bezogener Daten für den Geschäfts zweck der Daten übermitt lung ist gemäß § 29 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 2 BDSG insbesondere erlaubt, wenn ent weder kein Grund zu der Annahme besteht, dass das schutz würdige Interesse 359 des Betroffenen an dem Aus schluss des Daten umgangs über wiegt oder die Daten aus öffent lich zugäng lichen Quellen stammen. Stellt der Betroffene Daten über die eigene Person auf einer Social NetworkPlatt form zur Ver fügung, ent spricht dies seinem eigenen Interesse. Es liegen somit keine Anhaltspunkte für die Über prüfung eines ent gegen stehen den Interesses des Betroffenen vor. Der Anbieter des Social NetworkDienstes ist gemäß § 29 Abs. 1 Nr. 1 BDSG be rechtigt, die personen bezogenen Daten zum Abruf durch andere Community Mitglieder bereit zuhalten. Dient die Soziale Netz werk platt form dagegen dem Dienste anbieter primär dazu, an zahl reiche personen bezogene Daten zu ge langen, um diese für Marke tingdienst leis tungen nutz bar zu machen, ver folgt er einen eigenen Geschäfts zweck. Maß gebliche Rechts grundlage für den Abruf der personen bezogenen Daten für andere CommunityMitglieder ist § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BDSG. Diese Vor schrift erlaubt das Über mitteln der Daten, wenn es für die Durch führung des rechts geschäft lichen Schuld verhält nisses mit dem Betroffenen er forder lich ist. Die Teilnahme an einer Social Community erfolgt nicht nur, um Daten über sich zu präsentie ren, sondern sie be friedigt auch die eigene Neugier, mehr über die anderen CommunityMitglieder zu er fahren. Gegen stand der Dienst leis tung des Platt formbetreibers ist es also, die personen bezo genen Daten aller CommunityMitglieder ab rufbar zu halten. Somit liegt die Erforderlich keit gemäß § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BDSG vor. Differenzierte Regelun gen für die darüber hinaus gehende Daten auswer tung für die Marketingdienst leis tung finden sich in § 28 Abs. 3 BDSG. Aus Abs. 3 Satz 1 folgt der Grundsatz, dass der Umgang mit personen bezogenen Daten für Werbezwecke nur zulässig ist, soweit der Betroffene ein gewilligt hat. Eine Aus nahme besteht durch das in Abs. 3 Satz 2 der Vor schrift normierte Listen privileg (s. aus führ lich Patzak & Beyerlein, 2009, S. 525; Roßnagel, 2009, S. 2720). Dieses greift allerdings nur im Hinblick auf Werbung für eigene Angebote, die be rufliche Tätig keit des Betroffenen unter seiner be ruflichen Anschrift oder für Spenden werbung. Alle drei Aus nahmefälle werden bei Social NetworkDiensten regelmäßig nicht ge geben sein. Für die Werbung für fremde An gebote dürfen die Daten gemäß § 28 Abs. 3 Satz 5 ge nutzt werden, wenn für den Betroffenen bei der Ansprache zum Zwecke der Werbung die ver antwort liche Stelle eindeutig erkenn bar ist. Durch diese Aus nahme wird zum Beispiel die Einschal tung eines LetterShops privilegiert, der „im Auftrag“ der ver antwort lichen Stelle die von dem Werbenden bereit gestellte Post ver sendet (Gola & Schomerus, 2010, § 28 BDSG, Rn. 58). Will ein Platt formbetreiber die Aus wertung der Nutzer daten zu Werbezwecken auf diese Vor schrift stützen, muss er sich demnach eindeutig als Ab sender der jeweili gen Werbung zu er kennen geben. Liegt dagegen keine der ge nannten Aus nahmen vor, ist die Aus wertung der Nutzer daten für die Marketingdienst leis tungen aus schließ lich mit einer wirksamen Einwilli gung der Betroffenen möglich. 360 6.4.2.2 Ver arbei tung der Daten von Dritten Werden personen bezogene Daten von dritten Personen, unabhängig davon, ob sie ein Mitglied der Community sind oder nicht, über diese ver breitet, ist die maß gebliche Recht grundlage § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2, § 28 Abs. 3 oder § 29 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 2 BDSG. Die Über prüfung der Voraus setzung sowohl des § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 als auch des § 29 Abs. 1 Nr. 1 BDSG setzt notwendiger weise eine Interessen abwä gung voraus (Gola & Schomerus, 2010, § 29 BDSG, Rn. 10). Von dem be rechtigten Interesse der daten verarbeiten den Stelle geht der Gesetz geber gemäß § 29 Abs. 1 BDSG aus, wenn diese im Rahmen der vor gegebenen Zweck bestim mungen erfolgt. Ein ent gegen stehen des Interesse des Betroffenen kann sich insbesondere aus einer un verhältnis mäßigen Beeinträchti gung seiner grund recht lich geschützten Rechts güter ergeben. Wie bereits dargelegt, stellt die Ver brei tung personen bezogener Daten eine Ver letzung der informa tio nellen Selbst bestim mung des Betroffenen gemäß Art. 2 Abs. 1 in Ver bindung mit Art. 1 Abs. 1 GG dar. Je nach Inhalt der Daten kann darüber hinaus eine Ver letzung seines allgemeinen Persönlich keits rechts vor liegen, wenn die Informa tionen falsche Tatsachen wieder geben, eine Formal belei dung43 oder Schmähkritik44 darstellen. Die Qualifizie rung einer Äußerung als Werturteil oder Tatsachen behaup tung ist nach ihrem Inhalt zu be stimmen, so wie sie in ihrem Gesamt zusammen hang von den an gesprochenen Ver kehrs kreisen ver standen wird (BGH, NJW 1988, S. 1589). Ein Eintrag auf einer Sozialen Netz werk platt form ist insgesamt trotz werten der Elemente als Tatsache zu werten, wenn die Wertung sich als zusammen fassen der Aus druck von Tatsachen behaup tungen darstellt und damit eine Beweis aufnahme über die Wahrheit der behaup teten tatsäch lichen Umstände möglich ist (BVerfG, AfP 2003, S. 43, 45). Ist die Äußerung hingegen durch die Elemente der Stellung nahme, der Beurtei lung und der Wertung ge prägt, liegt eine Meinungs äuße rung vor (BVerfG, NJW 1985, S. 3303; OLG Hamburg, AfP 1992, S. 165; Wenzel & Burk hardt, 2003, Kap. 4, Rn. 48). Das Gleiche gilt, wenn der tatsäch liche Gehalt der Äußerung so substanzarm ist, dass er gegen über dem Wertungs charakter in den Hinter grund tritt (BGH, NJW 1992, S. 1439, 1440; BGH, NJWRR 2001, S. 411). Die Zulässig keit des Umgangs mit personen bezogenen Daten Dritter kann demnach nicht pauschal fest gestellt werden, sondern bedarf einer inhalt lichen Einzelfall prüfung. 43 Eine Formal beleidi gung ist eine be leidigende Äußerung wahrer Tatsachen. Diese ist nur aus nahms weise gemäß § 192 StGB straf bar. Dies kann z. B. der Fall sein, wenn ein be sonders herab würdi gen der Ton oder eine be sonders ge hässige Einklei dung ge wählt wird. 44 Schmähkritik ist eine Äußerung, durch welche eine Person ver ächt lich ge macht werden soll und bei der es nicht mehr um eine Auseinander setzung in der Sache geht. 361 Das Daten schutz recht fordert demnach vom Platt formbetreiber, die be schriebene Interessen abwä gung in Bezug auf jeden einzelnen Nutzer eintrag, der personen bezogene Daten Dritter beinhaltet, zu über prüfen. Ab gesehen davon, dass dies in Bezug auf Anzahl und Umfang der Nutzer einträge nicht zu leisten ist,45 ist der Platt formbetreiber nicht in der Lage, den jeweili gen Wahr heits gehalt der Äußerun gen zu be urteilen. Die von § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 und § 29 Abs. 1 Nr. 1 BDSG ge forderte Interessen abwä gung kann der Platt formbetreiber faktisch nicht vornehmen. Da einer seits das Recht nichts Unmög liches ver langen darf und anderer seits der Daten schutz umfassend gewährleistet werden muss, ist die be stehende gemeinsame daten schutz recht liche Ver ant wort lich keit des Nutzers und des Platt formbetreibers in eine ge stufte kollektive Ver antwortlich keit zu konkretisie ren. Danach kann jede Daten ver arbeitende Stelle nur für die Einhal tung derjenigen Daten schutz vorschriften ver antwort lich sein, die sie tatsäch lich er füllen kann. Dieser Gedanke ent spricht den Ver antwortlich keits vorschriften der §§ 7 ff. TMG.46 Gemäß § 7 Abs. 1 TMG ist der Dienste anbieter nur für eigene Informa tionen in vollem Umfang ver antwort lich. Für fremde Informa tionen besteht gemäß §§ 8 bis 10 TMG eine ge stufte Ver antwortlich keit, je nach Art seiner Tätig keit und damit einher gehenden inhalt lichen und techni schen Einfluss möglich keiten als Network und AccessProvider (§ 8 TMG), CacheProvider (§ 9 TMG) oder HostProvider (§ 10 TMG). Über tragen auf die daten schutz recht liche Ver antwortlich keit ist der Nutzer, der personen bezogene Daten Dritter auf der CommunityPlatt form zum Abruf bereit stellt, primär für die daten schutz recht liche Zulässig keit dieser Daten verarbei tung ver antwort lich, da es seine eigenen Informa tionen sind. Diese Daten dürfen von dem Platt formbetreiber grundsätz lich ohne eine detaillierte Interessen abwä gung ver wendet werden. Erhöhte Anforde rungen an die Interes sen abwä gung können sich aber zum Beispiel dadurch ergeben, dass der Dienste anbieter durch die Themen vorgabe des Portals die Wahrscheinlich keit unwahrer Tatsachen behaup tungen und Beleidi gungen selbst erhöht. Erhält er allerdings konkrete Anhaltspunkte, dass ent gegen stehende Interessen des Betroffenen vor liegen, ist er spätestens von diesem Zeitpunkt an zur Vornahme einer einzel fallspezifi schen Interessen abwä gung ver pflichtet (Gola & Schomerus, 2010, § 29 BDSG, Rn. 14). Gegebenen falls tritt dann auch eine Löschungs pflicht für die Daten ein. Gemäß § 29 Abs. 1 Nr. 1 BDSG ist der Umgang mit personen bezogenen Daten Dritter dem Dienste anbieter eines Social NetworkDienstes zudem ge 45 Das soziale Netz werk „Facebook“ hat mittlerweile allein in Deutschland 20 Millionen Mitglieder, die sich mindestens einmal im Monat im Netz werk anmelden, s. www.datenschutzzentrum.de/suchmaschinen/ 20080206datenschutzbeisuchmaschinen. html. 54 S. z. B. www.netzpolitik.org/2011/facebookaktiviertautomatischegesichtserkennung/. 366 Abs. 1 GG. Das Recht am eigenen Bild sichert dem Einzelnen Einfluss und Ent schei dungs möglich keiten in Bezug auf die Anferti gung und Ver wendung von Fotografien oder Auf zeich nungen seiner Person durch andere Personen (BVerfGE 34, 238, 246; 35, 202, 220; 87, 334, 340; 97, 228, 268 f.). Die einfach gesetz liche Aus gestal tung des Rechts am eigenen Bild findet sich in § 22 Kunsturheber gesetz (KUG). Gemäß dieser Vor schrift dürfen Bildnisse nur mit Einwilli gung des Ab gebildeten ver breitet oder öffent lich zur Schau ge stellt werden. Die Ver wendung von Bildern auf Social NetworkPlatt formen muss daher nicht nur daten schutz recht lich, sondern auch urheber recht lich erlaubt sein. In sehr vielen Social NetworkDiensten bildet der Aus tausch von persön lichen Fotografien einen wesent lichen Bestand teil der in der Community kommunizierten Inhalte. Gemäß § 22 KUG bedarf die Ver brei tung von Bild nissen der Einwilli gung des Ab gebildeten. Bildnis im Sinne der Vor schrift ist die Darstel lung einer oder mehrerer Personen, die die äußere Erschei nung des Ab gebildeten in einer für Dritte erkenn baren Weise wieder gibt (Götting, in: Schricker/Löwenheim, 2010, § 22 KUG, Rn. 14). Auf dem Bild muss erkenn bar eine reale Person ab gebildet sein. Die Tatbestand vorausset zung des Ver breitens er fordert den Ver trieb von körper lichen Bildnissen, so dass sie nicht durch eine Ver öffent lichung eines digitalen Fotos im Internet erfüllt werden kann. Die nicht körper liche Ver brei tung wird aber durch die Tatbestandsalternative des öffent lichen Zurschaustellens ab gedeckt. Hierunter ist jegliche Handlung zu ver stehen, durch die einer nicht be grenzten Anzahl von Personen die Möglich keit eröffnet wird, das Bildnis wahrzunehmen (Schertz, in: Schricker/Löwen heim, 2010, § 18 KUG, Rn. 13). Daraus folgt, dass bereits das Hochladen eines Fotos mit Personen der Einwilli gung der Ab gebildeten bedarf. Fehlt sie, liegt eine rechts widrige Ver letzung des Rechts am eigenen Bild vor. Durch das Bereithalten der Fotos zum Abruf durch den Anbieter des Social Network Dienstes begeht er eine eigenständige Ver letzung von § 22 KUG. Die Rechts natur der urheber recht lichen Einwilli gung ist ebenso um stritten, wie diejenige der daten schutz recht lichen Einwilli gung. Insofern ist auch hier die Einwilli gungs fähig keit von Minderjähri gen von deren Einsichts fähig keit ab hängig (s. Kap. 5.3.2). Im Unter schied zur daten schutz recht lichen Einwilli gung ist die urheber recht liche Einwilli gung nicht an eine be sondere Form ge bunden. Sie kann daher aus drück lich, konkludent oder sogar stillschwei gend er folgen (Götting, in: Schricker & Löwenheim, 2010, § 22 KUG, Rn. 43). Von einer stillschweigen den Einwilli gung ist zum Beispiel auszu gehen, wenn die ab gebildete Person die Herstel lung der Auf nahme in Kenntnis ihres Zwecks billigt (BGH, GRUR 1968, S. 654). Werden die Fotos von vornherein für den Zweck der Ver öffent lichung im Internet an gefertigt, so ist von einer Einwilli gung der ab gebildeten Personen auszu gehen. Die Einwilli gung bezieht sich dann nicht nur auf das er stmalige Hochladen der Fotos, sondern gilt 367 auch für alle im Internet üblichen Nutzungs vorgänge. Hierzu zählt insbesondere auch die Ver wertung der Fotos durch Suchmaschinen. Die Rechtsprechung geht in einer Ent schei dung über einen urheber recht lich be gründeten Unter lassungs anspruch davon aus, dass derjenige, der Bilder im Internet ohne Einschrän kungen frei zugäng lich macht, mit den üblichen Nutzungs hand lungen rechnen muss. Das Crawlen der Internet seiten durch Suchmaschinen und die Ver linkung der Seiten in der Trefferliste gehört zu den üblichen Nutzungs hand lungen, denen im Internet repräsentierte Informa tionen aus gesetzt sind. Ergreift der Berechtigte keine techni schen Siche rungs maßnahmen, um das Auf finden von Informa tionen durch oder die Zugänglich keiten der Internet seiten für Such maschinen zu ver hindern, so ist von einer (schlichten) Einwilli gung des Berech tigten in diese Nutzungs hand lungen auszu gehen (BGH, MMR 2010, 479). Die urheber recht lichen Anforde rungen für die rechtmäßige Ver wendung von Bildnissen auf Social NetworkPlatt formen und deren weitere Ver wendung durch andere Internetdienst leister und insbesondere die Betreiber von Such maschinen sind demnach deut lich niedri ger im Ver gleich zu den daten schutz recht lichen Anforde rungen. Ist ein Bildnis gleichzeitig als personen bezogenes Datum zu qualifizie ren, sind sowohl die Voraus setzungen von § 22 KUG als auch der §§ 28 f. BDSG zu er füllen. 6.5 Transparenz Die Transparenz der Ver wendung personen bezogener Daten wird im Wesent lichen durch zwei Gestal tungs ansätze gewährleistet, die an unter schied lichen Phasen der Daten verarbei tung ansetzen. Der Ursprung jeden Umgangs mit personen bezogenen Daten liegt in deren Erhebung. Hat der Betroffene keine Kenntnis davon, welche personen bezogenen Daten über ihn existie ren, ist eine transparente Daten verwen dung per se aus geschlossen. Daher manifestiert § 4 Abs. 2 Satz 1 BDSG den Grundsatz, dass personen bezogene Daten direkt beim Betroffenen zu erheben sind, sofern nicht eine der in § 4 Abs. 2 Satz 2 BDSG normierten Aus nahmen vor liegt. Dieser Grundsatz steht zumindest teil weise in einem Wider spruch zur Funk tions weise von Social NetworkDiensten. Diese dienen der Begrün dung und Pflege sozialer Kontakte im Internet und dem Aus tausch von Interessen gemein schaften. Daher ist es ein ihnen wesent liches Merkmal, dass sich die Informa tionen, die von den einzelnen CommunityMitgliedern im Netz werk zur Ver fügung ge stellt werden, auch gerade auf ihre soziale Integra tion be ziehen. Die Informa tionen umfassen daher häufig nicht nur eigene personen bezogene Daten, sondern auch diejenigen Dritter. Besonders deut lich wird dieser Zusammen hang bei Personen bewer tungs platt formen, die grundsätz lich jedem be liebigen sozialen 368 Kontext zu geordnet sein können.55 Stellt ein CommunityMitglied personen bezogene Daten Dritter in der Social Community zur Ver fügung, wird dies häufig ohne Kenntnis des Betroffenen er folgen.56 Die Daten erhe bung ver stößt somit grundsätz lich gegen das Prinzip der Direkterhe bung beim Betroffenen (so auch ULD, 2009, S. 4). Fraglich ist, ob zugunsten der Erhebung durch den Nutzer einer der Aus nahmetatbestände des § 4 Abs. 2 Satz 2 Nr. 1, Nr. 2a oder 2b BDSG eingreift. Die Tatbestands vorausset zungen von Nr. 1 sind erfüllt, wenn die Rechts vorschrift aus drück lich fest legt, dass Daten zur Erfül lung einer Aufgabe ohne Mitwir kung des Betroffenen erhoben werden dürfen (Gola & Schomerus, 2010, § 4 BDSG, Rn. 23). Nicht aus reichend ist eine allgemeine Ermächti gungs grundlage, die die Daten erhe bung ge stattet. Die Voraus setzungen von § 4 Abs. 2 Satz 2 Nr. 2 BDSG sind eben falls nicht erfüllt, da nicht er sicht lich ist, dass der Geschäfts zweck der Social NetworkDienste eine Erhebung ohne Mitwir kung des Betrof fenen ver langt oder die Pflicht zur Mitwir kung des Betroffenen für den Nutzer einen un verhältnis mäßigen Aufwand im Sinn des § 4 Abs. 2 Nr. 2b BDSG darstellt.57 Für die Erhebung durch den Platt formbetreiber gelten grundsätz lich die gleichen Argumente. Darüber hinaus zeichnen sich Social NetworkDienste gerade durch die freie inhalt liche Aus gestal tung der Nutzer aus. Der Platt formbetreiber gibt in der Regel allen falls Rubriken für mögliche Eintra gungen vor, um so eine Systematisie rung der Informa tionen zu er reichen, die maß geblich für eine schnelle Auf find bar keit ist. Die Nutzer sind aber gerade nicht ver pflichtet, be stimmte Informa tionen bereit zustellen. Der Geschäfts zweck von Social NetworkPlatt formen besteht zwar auch darin, dass Nutzer sich gegen seitig Informa tionen zur Ver fügung stellen, die Ent schei dung über den Umfang und die Auswahl der Inhalte wird aber bewusst dem Nutzer selbst über lassen. Da die Voraus setzungen der Aus nahmetatbestände des § 4 Abs. 2 BDSG sowohl in Bezug auf den Nutzer als auch den Platt formbetreiber nicht ge geben sind, müsste grundsätz lich eine Direkterhe bung beim Betroffenen er folgen. Selbst wenn davon auszu gehen wäre, dass eine Aus nahme von dem Grund satz der Direkterhe bung zulässig ist, würde sich das weitere Problem der 55 Z. B. Bewer tungs foren für Lehrer, Ärzte oder Rechts anwälte. Der Bewertende be richtet über seine persön lichen Erfah rungen mit dem Bewer tungs subjekt, das – häufig im Unter schied zum Bewerten den selbst – nament lich ge nannt wird. 56 Fotografiert der Nutzer eine Person, so ist in der Erstel lung des Fotos die originäre Erhebung personen bezogener Daten zu sehen. Diese ver stößt allerdings in der Regel nicht gegen den Grundsatz der Direkterhe bung, wenn die Person mitbekommt, dass sie fotografiert wird und sich nicht dagegen wehrt. Stellt der Nutzer dieses Foto auf einer Platt form im Internet ein, ist dies gleichzeitig für den Platt formbetreiber eine Erhebung personen bezogener Daten. 57 So im Ergebnis auch ULD, 2009, S. 12 aus schließ lich in Bezug auf Tarife gemäß § 40 Abs. 3 EnWG, ab lehnend aber, wenn nur Ab rech nungs daten über einen be stimmten Ab rech nungs zeitraum be nötigt werden ULD, 2009, S. 5 f. 369 Benachrichti gungs pflicht gemäß § 33 BDSG an schließen (Sokol, in: Simitis, 2011, § 4 BDSG, Rn. 38). Gemäß § 33 Abs. 1 Satz 1 BDSG ist der Betroffene von der ver antwort lichen Stelle zu be nachrichti gen, wenn erstmals personen bezogene Daten ohne seine Kenntnis ge speichert werden. Die Benachrichti gung muss Informa tionen über die Speiche rung, die Art der Daten, die Zweck bestim mung der Erhebung, Ver arbei tung oder Nutzung und die Identität der ver antwort lichen Stelle umfassen. Diese Benachrichti gungs pflicht trifft den Nutzer, der Daten von Dritten auf Social NetworkPlatt formen einstellt und somit die er stmalige Speiche rung vornimmt. Werden personen bezogene Daten geschäfts mäßig zum Zweck der Über mitt lung ohne Kenntnis des Betroffenen ge speichert, ist dieser gemäß § 33 Abs. 1 Satz 2 BDSG von der er stmali gen Über mitt lung und der Art der über mittelten Daten zu be nachrichti gen. Diese Benachrichti gungs pflicht ist vom Platt form betreiber zu er füllen und sie ent steht spätestens im Zeitpunkt des ersten Daten abrufs durch einen anderen Nutzer des Social NetworkDienstes.58 Gemäß § 33 Abs. 2 Satz 1 Nr. 7 BDSG ent fällt die Benachrichti gungs pflicht allerdings, wenn sie auf grund der Vielzahl von Fällen un verhältnis mäßig wäre oder der Ge schäfts zweck durch die Benachrichti gungs pflicht ge fährdet wäre und das Interesse an der Benachrichti gung die Gefähr dung nicht über wiegt. Eine er hebliche Gefähr dung liegt erst dann vor, wenn die Erreichung der Geschäfts zwecke unmög lich zu werden droht (Dix, in: Simitis, 2011, § 33 BDSG, Rn. 104). Rein praktisch kann der Platt formbetreiber die Benachrichti gungs pflicht gemäß § 33 Abs. 1 Satz 2 BDSG nur er füllen, wenn die Person, ohne deren Wissen Daten ein gestellt worden sind, eben falls bei dem sozialen Netz werk dienst an gemeldet ist. Anderen falls ver fügt der Dienstanbieter über keine Kontakt mög lich keit zu dem Betroffenen. In Bezug auf die CommunityMitglieder würde die Erfül lung der Benachrichti gungs pflicht voraus setzen, dass der Dienste anbieter alle Daten, die die Nutzer auf der Platt form einstellen, auf ihren Personen bezug über prüft. Der hierfür er forder liche Aufwand würde dazu führen dazu, dass das Geschäfts modell der Social NetworkDienste nicht mehr umzu setzen wäre. Die Benachrichti gungs pflicht muss daher ent fallen. Im Anschluss an die Phase der Daten erhe bung wird die Transparenz der weiteren Daten verarbei tung durch die gesetz liche Aus kunfts pflicht ab gesichert. Der Betroffene kann gemäß § 34 Abs. 1 Satz 1 BDSG Aus kunft über die zu seiner Person ge speicherten Daten (Nr. 1), Empfänger oder Kategorien von Empfängern bei einer Daten weitergabe (Nr. 2) sowie den Zweck der Speiche rung ver langen (Nr. 3). Die Nutzer von Social NetworkDiensten können diesen Aus kunfts anspruch gegen über dem Platt formbetreiber gelten machen. Die von 58 Kritisch zur Benachrichti gungs und Aus kunfts pflicht allerdings ohne recht liche Prüfung Feldmann, AnwBl. 2011, S. 251. 370 der Daten verarbei tung be troffenen Dritten, über die eben falls personen bezogene Daten auf der Platt form ab rufbar sind, können die Aus kunft zusätz lich vom dem Nutzer ver langen, der die Informa tionen über sie online ge stellt hat. Problematisch in Bezug auf Social NetworkDienste ist die Erfül lung der Aus kunft über die Empfänger bei einer Daten weitergabe. Die Aus kunfts pflicht gemäß Nr. 2 bezieht sich im Unter schied zu derjenigen gemäß Nr. 1 gemäß § 33 Abs. 1 Satz 3 BDSG aus drück lich nicht auf die ohnehin ge speicherten Daten (Dix, in: Simitis, 2011, § 34 BDSG, Rn. 23). Innerhalb eines sozialen Netz werk dienstes erfolgt die Daten übermitt lung häufig zum Beispiel durch den Aufruf der Seiten einzelner Mitglieder. Sofern die Anzahl der Abrufe vom Platt formbetreiber ge speichert werden,59 ist der Dienstanbieter demnach ver pflichtet, jeden Abruf der einzelnen Seiten durch andere Mitglieder zu proto kollie ren (Roßnagel, Jandt, Müller et al., 2006, S. 88). Diese Protokoll pflicht ist vor dem Hinter grund daten schutz konformer Social NetworkDienst eher kontraproduktiv, da durch sie deut lich mehr personen bezogene Daten von dem Dienste anbieter ver arbeitet werden müssten, als die Erforderlich keit ge bietet. Zudem sind die Protokoll daten ge eignet, das jeweilige Nutzungs verhalten detailliert nach zuvollziehen. Die Pflicht zur Benachrichti gung gemäß § 34 Abs. 1 Satz 1 BDSG ent fällt allerdings gemäß § 34 Abs. 7 BDSG, wenn auch keine Pflicht zur Benachrichti gung des Betroffenen über die er stmalige Daten speiche rung besteht. Unabhängig von der Frage des Bestehens von Unter rich tungs und Benach richti gungs pflichten ergibt sich bei der Betroffen heit von Kindern und Jugend lichen die Frage, an wen die Unter rich tung oder Benachrichti gung zu richten ist. Grundsätz lich ist der Betroffene individuell zu informie ren (Dix, in: Simitis, 2011, § 33 BDSG, Rn. 38). Bei Minderjähri gen ist jedoch nicht auszu schließen, dass das Ziel der Transparenz, eine selbst bestimmte Daten verarbei tung zu er möglichen, nicht er reicht wird, wenn diese die Informa tionen schlicht nicht ver stehen. Ebenso wie bei der Einsichts fähig keit wird daher davon aus gegangen, dass Unter rich tungen und Benachrichti gungen nur dann an den Minderjähri gen selbst zu richten sind, wenn dieser die er forder liche Ver standes reife auf weist. Anderen falls müssen die Benachrichti gungen an dessen gesetz lichen Ver treter – also in der Regel die Eltern – er folgen (Däubler, in: Däubler, Klebe, Wedde & Weichert, 2007, § 33 BDSG, Rn. 13).60 Gleiches gilt für die Erfül lung der gesetz lichen Aus kunfts pflicht gemäß § 34 BDSG. Ist der Minderjährige selbst zu informie ren, ergeben sich zudem be sondere Anforde rungen an die Aus gestal tung der Unter rich tung. Um die Transparenz 59 Bei einigen Social Networks erhält der Nutzer regelmäßig eine Auf stel lung, wie viele Personen sein Profil in einem be stimmten Zeitraum auf gerufen haben. 60 Die Art. 29Daten schutz gruppe ver tritt die Auf fassung, dass bei Minderjähri gen die Informa tionen immer dem gesetz lichen Ver treter mitzu teilen sind und nach Erreichen der an gemessenen Kompetenz auch dem Minderjähri gen, s. Art. 29Daten schutz gruppe, WP 160, S. 11. 371 zu gewährleisten, muss die Unter rich tung für den Betroffenen unmiss verständ lich und nach vollzieh bar sein (Sokol, in: Simitis, 2011, § 4 BDSG, Rn. 55). Dies er fordert auch eine adressaten gerechte Auswahl, Darstel lung und Formulie rung der er forder lichen Informa tionen. Erhöhte Anforde rungen in Bezug auf Ver ständlich keit und Nachvollzieh bar keit müssen insbesondere von Social Network Diensten be achtet werden, die sich ge zielt an Kinder und Jugend liche richten, wie zum Beispiel schülerVZ (s. auch Art. 29Daten schutz gruppe, WP 160, S. 11). 6.6 Rechte der Betroffenen Der Persönlich keits schutz insbesondere in der Aus prägung der informa tio nellen Selbst bestim mung er fordert als Voraus setzung und als Bestand teil, dass dem Betroffenen Kontroll und Mitwirkungs rechte zustehen. Ein Teil dieser Betrof fe nen rechte – Auf klä rungs und Aus kunfts ansprüche – wurden bereits als konkrete Voraus setzung für die Gewährleis tung der Transparenz ge nannt. Über den reinen Informa tions anspruch hinaus muss der Betroffene aber auch spezifi sche Mitwirkungs rechte haben, um die Daten verarbei tung ge zielt be einflussen zu können. Denn der Grundrechts eingriff wird selbst verständ lich nicht bereits dadurch zulässig und aus geglichen, dass der Betroffene darüber Kenntnis er langen kann, sondern er muss zum Beispiel die Berichti gung inhalt lich falscher oder die Löschung unzu lässiger weise er hobener personen bezogener Daten er reichen können. Normiert sind daher zugunsten der Betroffenen Korrekturrechte hinsicht lich Berichti gung, Sperrung und Löschung sowie das Recht zum Wider spruch.61 Außerdem besteht die Möglich keit, nach den allgemeinen Vor schriften Schadens ersatz einzu fordern, wenn durch die unzu lässige oder unrichtige Ver arbei tung personen bezogener Daten ein Schaden ein getreten ist. Bei den Betroffenen rechten ist zu differenzie ren, gegen wen die Ansprüche gerichtet werden können. Im Kontext der Social NetworkPlatt formen können dem Betroffenen der Daten verarbei tung sowohl gegen über dem Platt form betreiber als auch ge gebenen falls gegen über anderen Social NetworkNutzern, wenn diese personen bezogene Daten eines anderen – des Betroffenen – auf der Platt form hinter legen, Berichti gungs, Sper rungs und Löschungs ansprüche zustehen. Gegen über dem Platt formbetreiber besteht gemäß § 35 Abs. 1 Satz 1 BDSG ein Anspruch auf Berichti gung unrichti ger personen bezogener Daten. Unrichtig sind die Daten, wenn ihr Tatsachen gehalt nicht mit der Realität über einstimmt, sie unvollständig sind oder sich auf grund eines Kontext verlustes oder einer Kontext verfälschung ein falsches Bild ergibt (Dix, in: Simitis, 2011, § 35 BDSG, 61 Z. B. §§ 19, 19a, 33, 34, 35 BDSG; s. auch Wedde, 2003, Kap. 4.4, Rn. 12 ff. 372 Rn. 9). Un beacht lich ist die Ursache, die zur Unrichtig keit der Daten ge führt hat. Die Berichti gungs pflicht der daten verarbeiten den Stelle ent steht, sobald sie Kenntnis von der Unrichtig keit der Daten erhält, unabhängig von einem Berich ti gungs verlangen des Betroffenen (Dix, in: Simitis, 2011, § 35 BDSG, Rn. 9). Der Anspruch wird erfüllt, indem die unrichti gen durch die richti gen Infor ma tionen ersetzt werden.62 Lässt sich weder die Richtig keit noch die Unrichtig keit der Daten fest stellen, tritt an die Stelle des Berichti gungs anspruchs gemäß § 35 Abs. 4 BDSG ein Anspruch auf Sperrung der Daten. Sperren ist gemäß § 3 Abs. 4 Nr. 4 BDSG das Kennzeichnen ge speicherter personen bezogener Daten, so dass ihre weitere Ver arbei tung oder Nutzung ein geschränkt ist. Ein Anspruch auf Löschung personen bezogener Daten kann gemäß § 35 Abs. 2 Satz 2 BDSG insbesondere be gründet sein, wenn die Speiche rung der Daten unzu lässig war (Nr. 1), die Richtig keit von be sonde ren Arten personen bezogener Daten gemäß § 3 Abs. 9 BDSG nicht von der ver arbeiten den Stelle be wiesen werden kann (Nr. 2) oder in Bezug auf Daten, die zu Über mitt lungs zwecken ge speichert worden sind, nach Weg fall der Erforderlich keit (Nr. 4). Eine Löschung er fordert gemäß § 3 Abs. 4 Satz 2 Nr. 5 BDSG das Unkennt lich machen der personen bezogenen Daten. Im Kontext der Social NetworkDienste ist § 35 Abs. 2 Satz 2 Nr. 4 BDSG von be sonde rer Relevanz. Konkrete Voraus setzung für den Löschungs anspruch ist, dass am Ende des dritten Kalender jahres be ginnend mit dem Kalender jahr, das der er stmali gen Speiche rung folgt, eine Über prüfung erfolgt, ob eine länger währende Speiche rung für den Über mitt lungs zweck er forder lich ist. Muss die Erforderlich keit ver neint werden, sind die Daten zu löschen. Soziale Netz werk platt formen weisen zum Beispiel regelmäßig die Funktion auf, dass jedes Mitglied der Netzgemein schaft ein persön liches Profil anlegt. Diese Daten sollen in der Regel für die Dauer der Zu gehörig keit zu der Community er halten bleiben – auch wenn sie lebens läng lich ist. Ob darüber hinaus auch jede Mit tei lung, die an die Community weiter gegeben wird, von einem dauer haften Interesse für die Netzgemein schaft ist, kann nicht pauschal be antwortet werden. Während die Idee von Blogs ursprüng lich ein elektroni sches und öffent liches Tagebuch war, das durch aus die Funktion haben kann, eine Ent wick lung zu dokumentie ren und somit auch aus der histori schen Perspektive interessant sein kann, ist die Besonder heit von TwitterNachrichten,63 dass sie in Echtzeit über das Internet ver breitet werden. Je nachdem, wie der Zweck der Zurverfü gungs tellung der personen bezogenen Daten definiert wird, wäre ein Löschungs anspruch ge geben oder nicht. Die Inten tion des Gesetz gebers war auf zeit lich be fristete Über mitt lungs zwecke aus gerichtet. Auf Social NetworkPlatt formen 62 Wäre bei Wikipedia z. B. als Geburts jahr von Mark Zuckerberg 1964 ge nannt, müsste es in 1984 geändert werden. 63 Twitter wird allerdings auch als Microblog be zeichnet. 373 ist dieser Gedanke nicht ohne Weiteres über trag bar und die Gesetzes formulie rung lässt hier zumindest sehr viel Spiel raum für Diskussionen. Ein Löschungs anspruch ist aber eindeutig immer dann ge geben, wenn sich eine Person bei einem sozialen Netz werk dienst ab gemeldet hat. Schließ lich kann dem Betroffenen ein Anspruch auf Schadens ersatz zustehen. Gegen über dem Platt formbetreiber kommt für die Nutzer der Platt form ins besondere ein ver trag licher Anspruch gemäß § 280 BGB bei einer schuld haften Ver letzung der Daten schutz vorschriften, zum Beispiel einer unzu lässigen oder unrichti gen Daten verwen dung, auf Ersatz eines hierdurch ent standenen Ver mögens schadens in Betracht. Immaterielle Schäden sind dagegen nur im Aus nahmefall bei einer gravie ren den Persönlich keits verlet zung ersatz fähig, indem sie durch ein Schmerzens geld aus geglichen werden. Gegen über be troffenen Dritten besteht keine ver trag liche Haftung, so dass ein Schadens ersatz anspruch nur als Folge der Delikts haftung gemäß § 7 BDSG be stehen kann. Gegen über dem die Daten einstellen den Nutzer des Social NetworkDienstes kann sich ein Schadens ersatz anspruch des Betroffenen eben falls nur aus der Delikts haftung gemäß § 7 BDSG ergeben, insbesondere wenn die ver öffent lichten Informa tionen die Intimsphäre be treffen oder Schmähkritik und Ver unglimp fungen darstellen. In diesem Fällen besteht eine Umkehr der Beweis last für die Sorgfalts widrig keit. Die daten verarbeitende Stelle muss nach weisen, dass sie die ge botene Sorgfalt be achtet hat. 375 7 Daten schutz recht liche Rege lungs defizite Das Daten schutz recht ent hält zahl reiche Regelun gen, die grundsätz lich auf das Web 2.0 anwend bar sind. Vielfach bietet es aus reichende Lösungs ansätze für die spezifi schen daten schutz recht lichen Risiken an, obwohl im Telemedien und Bundes daten schutz gesetz keine spezifi schen Regelun gen für das Web 2.0 vor handen sind. Allerdings sind auch einige Rege lungs defizite fest zustellen. Diese sind darauf zurück zuführen, dass sich seit dem Zeitpunkt des Erlasses der einschlägi gen Vor schriften sowohl die Geschäfts modelle des Internet als auch die Technik in eine Richtung weiter entwickelt haben, die nicht vorher gesehen und ent sprechend be rücksichtigt werden konnte. Das Recht muss stetig hinsicht lich seiner Tauglich keit an den ver änderten Wirklich keits bedin gungen über prüft und ge gebenen falls an gepasst werden, sofern eine Antizipa tion recht licher Risiken und des daraus resultie ren den recht lichen Rege lungs bedarfs nicht ge lungen ist. Bis auf wenige Aus nahmen greift das gesetz liche Daten schutz konzept erst, wenn ein Umgang mit personen bezogenen Daten vor liegt. Dies ist insbesondere in Bezug auf die Weiter entwick lung der Bilderken nungs programme und Such maschinen ein er hebliches Problem. Es ist davon auszu gehen, dass in naher Zukunft Personen auf Bildern anhand biometri scher Merkmale durch Gesichts erken nungs programme eindeutig be stimmt werden können, wenn ent sprechen des Ver gleichs material zur Ver fügung steht. Findet sich im Internet nur ein Foto von einer Person im Zusammen hang mit der Nennung des bürger lichen Namens, wie dies zum Beispiel bei Stay Friends üblich ist, können zukünftig ver mutlich alle anderen Fotos im Internet, auf denen dieselbe Person ab gebildet ist, auf gefunden und zu geordnet werden. Gleichzeitig können Suchmaschinen die Bilder mit allen im Internet über die Person auf find baren Daten zusammen führen. Die Prognose über die Bestimm bar keit des Personen bezugs von Daten wird sich demnach wesent lich ver ändern.64 Um diese Risiken abzu fangen, ist 64 S. zu gesetz geberi schen Maßnahmen zur Gesichts erken nungs diensten www.heise.de/newsticker/ meldung/AignersorgtsichumGesichtserkennungsdiensteimNetz1145134. html. 376 es daher er forder lich, ver stärkt daten schutz recht liche Vor sorgerege lungen zu er lassen (Roßnagel, Pfitz mann & Garstka, 2001, S. 61; Roßnagel, 2007, S. 185 ff.). Das Daten schutz recht geht von einer eindeuti gen Rollen vertei lung der ver antwort lichen Stelle, des Betroffenen und Dritter aus und weist dementsprechend eindeutige Ver antwortlich keits bereiche zu. Das Web 2.0 stellt insofern eine be sondere daten schutz recht liche Heraus forde rung dar, als diese eindeutige Rollen vertei lung insbesondere auf Social NetworkPlatt formen faktisch nicht ge geben ist. Die daten schutz recht liche Ver antwortlich keit der daten verarbeiten den Stelle setzte ursprüng lich voraus, sowohl inhalt lich als auch technisch Einfluss nehmen zu können.65 Inhalt lich traf die ver antwort liche Stelle die Ent schei dung über Art und Umfang des Umgangs mit personen bezogenen Daten ebenso wie über die Einhal tung der daten schutz recht lichen Grundsätze der Zweck bestim mung und der Erforderlich keit. Technisch musste die ver antwort liche Stelle insbesondere auf die Daten sicher heit Einfluss nehmen können. Im Web 2.0 trennen sich die inhalt liche und die techni sche Einfluss nahmemöglich keit zunehmend. Die Inhalte werden nicht primär von den Internetdienst leistern zur Ver fügung ge stellt, sondern fast aus schließ lich von den Nutzern. Der Schwerpunkt der Internetdienst leis tung liegt in der techni schen Umset zung eines Social NetworkAngebots. Aus gehend von dieser rein tatsäch lichen Trennung ergibt sich eine kollektive Ver antwortlich keit, die sich zwar mit der Defini tion der ver antwort lichen Stelle grundsätz lich ver einbaren lässt, allerdings Rechts unsicher heiten bei der Zuord nung der daten schutz recht lichen Pflichten auf wirft. Im Bundes daten schutz gesetz fehlen Regelun gen, die auch bei einer kollektiven Ver antwortlich keit eine klare Pflichten zuwei sung er möglichen und realen Umständen aus reichend Rechnung tragen. Für die Zulässig keit der Daten verarbei tung in Social NetworkDiensten ist der Begriff der allgemeinen Zugänglich keit personen bezogener Daten von ent scheiden der Bedeu tung. Der Gesetz geber wollte durch die Erlaubnis vorschriften, die auf die allgemeine Zugänglich keit personen bezogener Daten als Voraus setzung ab stellen, einen ver fassungs verträg lichen Aus gleich zwischen der infor ma tio nellen Selbst bestim mung der Betroffenen einer seits und der in Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG dem Einzelnen garantierten Informa tions frei heit anderer seits herbei führen (Simitis, in: ders., 2011, § 28 BDSG, Rn. 184 m. w. N.). Die Kon sequenzen dieser daten schutz recht lichen Erlaubnis vorschriften für das Informa tions medium Internet sind jedoch kaum über schau bar. Es führt letzt lich dazu, dass jede im Internet allgemein zugäng liche Informa tion unabhängig von ihrem Kontextbezug, ihrer Richtig keit und der Ver wen dungs absicht durch Dritte ge nutzt werden darf. Ob unter diesen Voraus setzungen noch von einem Interessen ausgleich ge sprochen werden kann, mag be zweifelt werden. 65 Weichert, 2011, S. 253 setzt an scheinend nur die techni sche Kontroll möglich keit voraus, sieht aber in der Rollendefini tion eben falls ein Gesetzes defizit in Bezug auf soziale Netz werke. 377 Vor schriften zum Kinder und Jugendschutz im Internet finden sich im Wesent lichen im Jugendmedien schutzStaats vertrag (JMStV). Gemäß § 1 JMStV ist es das Ziel des Staats vertrags, Jugend liche vor An geboten in elektroni schen Informa tions und Kommunika tions medien zu schützen, die deren Ent wick lung oder Erziehung be einträchti gen oder ge fährden, sowie der Schutz vor solchen An geboten in elektroni schen Informa tions und Kommunika tions medien, die die Menschen würde oder sonstige durch das Strafgesetz buch geschützte Rechts güter ver letzen. Die Schutz rich tung der Vor schriften ist somit eindeutig an gebotsorientiert. Wie die Auf listung unzu lässiger An gebote gemäß § 4 Abs. 1 JMStV ver deut licht, soll ver hindert werden, dass Kinder und Jugend liche durch per se jugendgefährdende An gebote be einträchtigt werden. Nicht vom Schutz ziel des Jugendmedien schutzStaats vertrags umfasst ist allerdings ein spezifi scher Daten schutz für Kinder und Jugend liche. Ab gesehen von den Einschrän kungen hinsicht lich der Einwilli gungs und Geschäfts fähig keit66 gelten die daten schutz recht lichen Erlaubnis vorschriften gleichermaßen für Erwachsene und Minderjährige. Hierbei bleibt nicht nur die Tatsache un berücksichtigt, dass viele Kinder und Jugend liche noch kein Risikobewusstsein in Bezug auf ihre personen bezogenen Daten ent wickelt haben (s. die Experten aussagen in Kap. 6.2.1). Ergänzend sind auch die daten schutz recht lichen Transparenz anforde rungen an den Ent wick lungs stand der Kinder und jungen Erwachsenen zum Beispiel bei der Erfül lung von Informa tions pflichten anzu passen (s. Aussage der Expertin Tamara N. Kap. 6.1.2 und der Jugend lichen Kap. 3.1.1). Selbst wenn der Gesetz geber allerdings be sondere Daten schutz vorschriften für Minder jährige einführen würde, stellt sich für die Internetdienst leister das Problem der zuverlässigen Alters verifika tion, wie es bereits im Kontext der Schutz vorschriften des Jugendmedien schutzStaats vertrags auf getreten ist (BGH, NJW 2008, S. 1882 ff.). Die Ent wick lung der Personal Computer und mobilen Endgeräte sowie des Internet haben dazu ge führt, dass personen bezogene Daten in großem Umfang nicht mehr vor rangig durch Behörden und Unter nehmen, sondern gleichermaßen durch Privatpersonen erhoben, ver arbeitet und ge nutzt werden. Privatpersonen werden, da dieser Umgang mit personen bezogenen Daten nicht mehr nur für private und familiäre Tätig keiten erfolgt, eben falls zu ver antwort lichen Stellen. Die daten schutz recht lichen Erlaubnis vorschriften setzen aber immer eine Ge schäfts mäßig keit voraus, die häufig nicht ge geben sein wird. Dies führt nach dem Wortlaut der Regelun gen in § 28 und § 29 BDSG zu einer un gerecht fertigten Privilegie rung kommerzieller Anbieter. Diese kann nur durch eine analoge Anwen dung dieser Erlaubnis tatbestände auf private, nicht geschäfts mäßige Daten verarbeiter aus geglichen werden (s. Kap. 6.4.1). Für die Rechts sicher heit 66 Die Geschäfts fähig keit ist bei den daten schutz recht lichen Erlaubnis tatbeständen er heblich, die auf einem wirksamen Ver trags schluss basieren, wie z. B. § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, 1. Alt. BDSG. 378 förder licher wäre jedoch, die Rege lungs lücke durch eine explizite Regelung zu schließen. Zudem stellt die Ab hängig keit der daten schutz recht lichen Erlaubnis tat bestände von der Interessen abwä gung die Anbieter von Social NetworkDiensten vor er hebliche prakti sche Probleme. Grundsätz lich haben die Anbieter kein Eigen interesse an dem Inhalt der Informa tionen, die durch die Nutzer für andere Nutzer über die Social NetworkPlatt form zur Ver fügung ge stellt werden. Zur Über prüfung der Rechtmäßig keit der von ihnen vor genommenen Daten verarbei tung ist es aber notwendig, die Daten inhalt lich auszu werten. Denn dies ist eine Voraus setzung sowohl für die Über prüfung der Herkunft der Daten – stammen sie vom Betroffenen selbst oder von einem Dritten – als auch für die gemäß § 28 Abs. 1 Nr. 3 und § 29 Abs. 1 Nr. 2 BDSG er forder liche Interessen abwä gung. Die daten schutz recht liche Anforde rung der Interessen abwä gung beinhaltet somit selbst eine daten schutz recht liche Beeinträchti gung. Schließ lich ent sprechen auch die Benachrichti gungs pflichten nicht mehr der ver änderten Realität. Der Daten umsatz von einigen Internetdienst leistern hat mittlerweile solche Ausmaße an genommen, dass insbesondere die Pflicht zur Aus kunft über die zu einem Betroffenen ge speicherten Daten gemäß § 34 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BDSG häufig die Grenzen der Zumut bar keit für den Dienste anbieter über schreiten wird. Eine ver hältnis mäßige Einschrän kung des Aus kunfts anspruchs könnte bei Social NetworkDiensten zum Beispiel dadurch er reicht werden, dass der Aus kunfts berechtigte sein Aus kunfts begehren konkretisie ren muss. Beispiels weise könnte er nur Aus kunft be gehren, welche personen bezogenen Daten von ihm auf den Seiten einzelner CommunityMitglieder ge speichert worden sind. Dies würde dem Platt formbetreiber eine ge zielte Suche nach diesen Daten er möglichen. Ein an schau liches Beispiel für Maßnahmen des Gesetz gebers mit dem Ziel ein Rege lungs defizit zu be seiti gen, bietet § 32 Abs. 6 Satz 3 des Gesetz entwurfes zur Neurege lung des Beschäftigtendaten schutzes.67 Sollte § 32 BDSGE in das Bundes daten schutz gesetz ein gefügt werden, würde er die erste Vor schrift darstellen, die aus drück lich den Umgang mit personen bezogenen Daten reguliert, die in Social NetworkDiensten ver fügbar sind. Dem Arbeit geber soll es nicht ge stattet sein, Daten von Bewerbern aus Social NetworkDiensten zu erheben, es sei denn, die Social Community dient der Darstel lung der be ruflichen Qualifika tion der Mitglieder.68 Ziel der Vor schrift ist es, die grundsätz lich zulässige Erhebung von personen bezogenen Daten aus allgemein zugäng lichen Quellen im Kontext des Arbeits verhält nisses zu be schränken. Der Gesetz geber führt hierzu aus, dass für den Bewerber eine be sondere Interessens beeinträchti 67 Entwurf eines Gesetzes zur Regelung des Beschäftigtendaten schutzes, BTDrs. 17/4230. 68 Dem Arbeit geber wäre gemäß § 32 Abs. 6 Satz 3 BDSGE z. B. die Suche nach Bewerbern in Xing erlaubt, bei Facebook aber ver boten. 379 gung ent steht, da die Daten teil weise schon sehr alt sein können, aus dem Kontext heraus gelöst werden und der Betroffene keine Herrschaft über die Daten hatte (BTDrs. 17/4230, S. 16). Auch kann es sein, dass sie nicht von ihm selbst ein gestellt worden sind oder dass sie nicht oder nicht mehr der Wahrheit ent sprechen. Sollte dieser Gesetz entwurf gelten des Recht werden, würde § 32 Abs. 6 BDSGE gerade auch in Bezug auf Minderjährige und Jugend liche eine für das zukünftige Arbeits leben wesent liche Schutz vorschrift darstellen. Personen, die jetzt minder jährig sind, wachsen bereits mit Social NetworkDiensten auf und eine Vielzahl von ihnen ist in Social Communities aktiv. Bis zu dem Zeitpunkt, in dem sie in das Berufs leben eintreten, ent weder in einen Aus bil dungs beruf unmittel bar nach dem Schulabschluss oder erst deut lich später nach Ab schluss eines Studiums, werden schon eine Unmenge personen bezogener Daten und Bildnisse von ihnen im Internet auf find bar sein. Diese können sich für den Einstieg in das Berufs leben durch aus negativ aus wirken. Durch die Social NetworkDienste wird sich zwar nicht Art und Umfang der „Jugend sünden“ ändern. Sind sie aber einmal auf einer Social NetworkPlatt form bekannt gemacht worden, sei es als eigene Prahlerei oder als böser Scherz von Dritten, können sie grundsätz lich dauer haft und durch jeden Internetnutzer auf gedeckt werden. Eine derartige Weit sichtig keit, dieses Risiko voraus zusehen, kann von Minderjähri gen und Jugend lichen nicht er wartet werden. 381 8 Geplante Rechts ände rungen Auf nationaler Ebene ist eine Novellie rung der Daten schutz vorschriften des Telemedien gesetzes vor gesehen. Ihre Notwendig keit wird primär mit den daten schutz recht lichen Risiken von Telemediendiensten mit nutzer generierten In halten, denen insbesondere Social NetworkDienste zu gerechnet werden, be gründet. Ent sprechend sieht der Gesetz entwurf vor, Sonder vorschriften für diese Dienste einzu führen. Nahezu zeit lich parallel wurde auf europäi scher Ebene die HerkulesAufgabe der Reform des europäi schen Daten schutz rechts in Angriff ge nommen. Die Europäi sche Kommission be absichtigt, die bisherige Daten schutz richtlinie69 durch eine „Daten schutzGrund verord nung“ und den Rahmen beschluss zur Daten verarbei tung im Bereich der Straf verfol gung und Gefahren abwehr70 durch eine ent sprechende Richtlinie zu er setzen (s. Hornung, ZD 2012, S. 99 ff.). In dem Ent wurf einer „Ver ordnung zum Schutz natür licher Personen bei der Ver arbei tung personen bezogener Daten und zum freien Daten verkehr“ (KOM, 2012, 11 endg. – im Folgenden DSGVOE) ist unter anderem eine detaillierte Regelung zum Daten schutz bei Kindern vor gesehen. 8.1 Novellie rung des Telemedien gesetzes Am 8. Juli 2011 hat der Bundesrat einen Ent wurf zur Änderung des Telemedien gesetzes in den Bundestag ein gebracht.71 Mit diesem Gesetz gebungs vorhaben wird das Ziel ver folgt, den Daten schutz in Social NetworkDiensten zu ver bessern. Kernrege lung ist die Einfüh rung eines neuen § 13a TMGE, der eine Reihe zusätz licher Pflichten für Anbieter von Telemedien mit nutzer generierten 69 Richtlinie 95/46/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 24. Oktober 1995 zum Schutz natür licher Personen bei der Ver arbei tung personen bezogener Daten und zum freien Daten verkehr (Daten schutz richtlinie). 70 Council Framework Decision 2008/977/JHA of 27 November 2008 on the protection of personal data processed in the framework of police and judicial cooperation in criminal matters. 71 Gesetz entwurf zur Änderung des Telemedien gesetzes vom 8. 7. 2011, BRDrs. 156/11. 382 Inhalten vor sieht. In dieser Norm ist zudem eine Sonder rege lung zum Minder jährigen schutz in Social NetworkDiensten vor gesehen. Durch die Änderung von § 13 Abs. 1 TMG soll allgemein die Transparenz der Daten verarbei tung durch die Erweite rung der Informa tions pflichten und zusätz liche Anforde rungen an ihre Darstel lung ver stärkt werden. Eine Spezial vorschrift für Social NetworkDienste findet sich in § 13 Abs. 4 TMGE. Gemäß Nr. 3 der Norm sollen die Dienste anbieter zur Einfüh rung eines neuen Bedien elements – eines Lösch knopfs für das Nutzer konto – ver pflichtet werden. Ein Nutzer konto ist gemäß § 2 Satz 1 Nr. 3 TMGE das persön liche Daten konto eines Nutzers bei einem Telemediendienst, be stehend aus Bestands daten und ge gebenen falls zusätz lichen personen bezogenen Daten, durch das der Nutzer die zugangs beschränkten Funktionen dieses Telemediendienstes nutzen kann. Der Lösch knopf soll dem Nutzer eine einfache, jederzeit ver fügbare und schnelle Möglich keit bieten, dem Anbieter mitzu teilen, dass er sein Nutzer konto löschen möchte.72 Die Umset zung der Löschung erfolgt allerdings erst durch den Anbieter selbst (BTDrs. 17/6765, S. 9). Durch § 3 Abs. 4 Nr. 4 TMGE werden Anbieter von Social NetworkDiensten zudem ver pflichtet, eine Löschroutine für Nutzer konten einzu halten. Die Funk tions weise von Social NetworkPlatt formen ist auf ein Dauernut zungs verhältnis aus gelegt. In der wenn auch kurzen Geschichte dieses Dienstangebots ist jedoch zu be obachten, dass häufig nach einer mehr oder weniger intensiven Nutzungs phase, der Dienst bei den Nutzern nach und nach in Ver gessen heit gerät. Der Nutzer trifft in der Regel keine be wusste Ent schei dung darüber, ab welchem Zeitpunkt er den Dienst nicht mehr in Anspruch nehmen möchte, so dass das Nutzungs verhältnis auch nicht durch einen be wussten Akt beendet wird. Der Anbieter selbst hat kein Interesse, ein Nutzungs konto zu löschen, selbst wenn es über einen langen Zeitraum nicht in Anspruch ge nommen wurde. Die Einfüh rung der Löschroutine soll ver hindern, dass beim Anbieter umfang reiche „Daten friedhöfe“ ent stehen, deren Risikopotenzial für die Persönlich keits rechte des Nutzers nicht automatisch durch den Zeitablauf ver ringert wird. Die Löschungs pflicht ent steht mit Ablauf des Jahres, das dem Jahr der letzten Nutzung folgt. Diese etwas umständ liche Frist fest legung dient dem Interesse des Anbieters, nicht täglich und individuell bezogen auf jeden einzelnen Nutzer die Löschroutine praktizie ren zu müssen, denn dies wäre mit einem un verhältnis mäßigen Aufwand ver bunden (BTDrs. 17/6765, S. 9). Eine Spezial vorschrift nur für Dienste angebote mit nutzer generierten Inhal ten, wie sie insbesondere Social NetworkDienste darstellen, ist § 13a TMGE. Gemäß Abs. 1 der Norm sollen die Anbieter dazu ver pflichtet werden, vor der ersten Nutzung eines Kontos die Sicher heits einstel lungen auf der höchsten 72 Eine aktive Unter stüt zung bei der Löschung von Daten schlagen auch die Medien experten als ge eignete Maßnahme vor und sehen diesbezüg lich den Gesetz geber in der Pflicht s. Kap. 6.2.1 S. 24 und 25. 383 Sicher heits stufe gemäß dem Stand der Technik vor einzustellen73 und die Nutzer über diese Vor einstel lungen zum Schutz der Privatsphäre zu unter richten.74 Es ist zwingend, die Einstel lungs möglich keit anzu bieten, dass das Nutzer konto sowie sonstige nutzer generierte Inhalte nicht von externen Suchmaschinen ge funden oder aus gelesen werden können. Diese Einstel lung muss bei Nutzern unter sechzehn Jahren solange aktiviert bleiben, bis sie das Alter von sechzehn Jahren er reicht und die Sicher heits einstel lung geändert haben.75 Gemäß Abs. 2 der Norm sind die Nutzer über Risiken für Daten schutz und Persönlich keits rechte der Nutzer und auch Dritter zu unter richten. Alle nutzer generierten Inhalte des Nutzers sind im Fall der Löschung des Nutzer kontos zu löschen oder zu anonymisie ren. Diese Regelun gen zu den Sicher heits einstel lungen zielen insgesamt auf die Ver besse rung des Selbst daten schutzes und damit der Selbst bestim mung ab. In der Ver gangen heit waren die Sicher heits einstel lungen der Anbieter, sofern sie denn einen ab gestuften Daten schutz er möglichten, auf dem niedrigsten Niveau vor eingestellt. Unmittel bar nach der ersten Anmel dung zum Social Network Dienst stehen für den Nutzer die ver schiedenen Funktionen des Dienstes und seine Nutzungs optionen im Vordergrund und nicht die Sicher heits einstel lungen, die zudem in der Regel schwer auf find bar sind. Dem Risiko, dass die Möglich keit von Sicher heits einstel lungen über haupt erst wahrgenommen wird, wenn die Daten des Nutzers in nicht von ihm ge wollten Umfang ver arbeitet werden, soll durch die Pflicht der Vor einstel lung der höchsten Sicher heits stufe be gegnet werden. Ein niedrige res Sicher heits niveau muss bewusst vom Nutzer ein gestellt werden. Es ist davon auszu gehen, dass er sich dabei der jeweili gen Konsequen zen bewusst ist. Inwieweit durch diese Ver pflich tung der Dienste anbieter tatsäch lich eine Ver besse rung des Nutzer daten schutzes er reicht werden kann, ist allerdings frag lich, da flankierend keine grundsätz liche Pflicht normiert wurde, be stimmte Sicher heits einstel lungen in den Dienst zu implementie ren. Eine Aus nahme hiervon stellt die Regelung gemäß § 13a Abs. 1 Satz 3 TMGE dar. Es muss die Einstel lungs möglich keit vor handen sein, die perso nen bezogenen Daten vor einem Auf finden durch externe Suchmaschinen zu schützen (BTDrs 17/6765, S. 10). Diese Regelung soll primär die Zweck bindung der Daten gewährleisten. Grundsätz lich er fordert die Nutzung von Social NetworkDiensten eine NutzerAnmel dung. Dadurch wird der Eindruck sugge riert, dass die personen bezogenen Daten nur von legitimierten Nutzern des Social NetworkDienstes ein gesehen werden können. Die Regelung dient der Lösung des Problems, dass derzeit häufig die auf den Nutzer kreis be grenzte 73 Dieser Ansatz wird als privacy by default be zeichnet. 74 Eine Ver einfachung der Privatsphäre einstel lungen wird auch allgemein von den Medien experten ge fordert s. Kap. 6.2.1 S. 23 f. und 25 und Kap. 6.2.2. 75 Von den Experten wurde allgemein vor geschlagen, dass Internetdienst leister Neuerun gen des Dienstes nicht einführen dürfen, ohne dass sie zuvor von den Nutzern aktiviert werden, s. Kap. 6.2.1 S. 25 und Kap. 6.2.2. 384 Kenntnis nahme der Daten durch deren Auf find bar keit durch externe Such maschinen und die Anzeige als Suchergebnis unter laufen wird. Die daten schutz recht liche Wirkung dieser Vor schrift sollte allerdings nicht über schätzt werden, da durch das Anmelde erfordernis letzt lich rein faktisch niemand der Zugang zu Social NetworkPlatt formen ver weigert wird. Daneben erzeugt die Vor schrift aber noch eine weitere, in der Gesetzes begrün dung nicht er wähnte Rechts wirkung. Personen bezogene Daten, die über Suchmaschinen auf find bar sind, gelten gleichzeitig als Daten, die allgemein zugäng lich sind. Auf dieses Kriterium stellen mehrere daten schutz recht liche Erlaubnis tatbestände ab – wie z. B. § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 oder § 29 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 BDSG – und be gründen damit, dass die Daten zu be liebigen Zwecken ver wendet werden dürfen, sofern nicht ein offensicht lich über wiegen des Interesse des Betroffenen am Aus schluss der Ver arbei tung besteht. § 13a Abs. 1 Satz 3 TMGE hat somit den Nebeneffekt, dass der Wirkungs bereich dieser gesetz lichen Erlaubnis tatbestände deut lich ein geschränkt wird, wenn der Nutzer die Einstel lung aktiviert hat. Allerdings bietet die Einschrän kung in § 13a Abs. 1 Satz 4 TMGE, dass Satz 3 nicht für Telemediendienste gelten soll, deren Zweck bei objektiver Betrach tung die Auf find bar keit oder Ausles barkeit von Inhalten mittels externer Suchmaschinen umfasst, viel Raum für eine Umgehung dieser Sicher heits einstel lung. Als Beispiel für derartige Dienste werden in der Gesetzes begrün dung allgemein zugäng liche Blogs und Diskus sions foren – sofern sie nicht Bestand teil eines Social NetworkDienstes sind – ge nannt. Die gleiche Funktion beinhaltet derzeit die häufig an gebotene Möglich keit, personen bezogene Daten nur zur Kenntnis nahme durch be stimmte Nutzer innerhalb des Social Network Dienstes – zum Beispiel „Freunde“ oder „Freunde und deren Freunde“ – freizugeben. Hierdurch wird regelmäßig auch die Auf find bar keit durch Such maschinen technisch unter bunden. Durch die vor gesehene gesetz liche Regelung wird somit ein Mindest schutz niveau an gestrebt, das allerdings durch differen zierte und effektivere Einstel lungs möglich keiten, die bereits häufig in der Praxis an geboten werden, ver bessert werden kann.76 Im Zusammen hang mit der Einstel lungs möglich keit zur Auf find bar keit der Daten auf Social NetworkPlatt formen durch Suchmaschinen ist in dem Gesetz entwurf auch eine Stärkung des Minderjährigen schutzes vor gesehen. Personen unter sechzehn Jahren dürfen keine Einwilli gung zur Ausles barkeit und Auf find bar keit ihrer personen bezogenen Daten in Suchmaschinen geben. Da der Gesetz geber davon aus geht, dass eine zuverlässige Alters verifika tion nicht möglich oder mit einem unzu mutbaren Aufwand für die Dienste anbieter ver bunden ist, greift dieser Minderjährigen schutz allerdings nur bei denjenigen Nutzern, die bei der Anmel dung selbst ein Alter unter sechzehn Jahren an 76 S. hierzu Ver haltens subkodex für Betreiber von Social Communities der FSM, 12 f., ab rufbar unter http:// www.fsm.de/inhalt.doc/VK_Social_Networks. pdf. 385 geben. Die Anbieter dürfen auf die Alters angabe der Nutzer ver trauen. Diese Regelung ist kaum ge eignet, einen effektiven Daten schutz für Minderjährige zu gewährleisten. Die be sonde ren Vor schriften werden nur er forder lich, weil gerade nicht davon aus gegangen werden kann, dass Minderjährige die Risiken von Social NetworkDiensten für ihren Persönlich keits schutz einschätzen kön nen. Warum sollten sie dann aber bei der Nutzung von Social NetworkDiensten ihr Alter zutreffend an geben, wenn sie sich dadurch Nutzungs möglich keiten der Social NetworkDienste ab schneiden? § 13a Abs. 2 TMGE kommt neben der Transparenz funk tion eine weitere daten schutz recht liche und auch eine jugendschutz recht liche Funktion zu. Die Auf klärung der Nutzer von Social NetworkPlatt formen über die Risiken der Ver öffent lichung von personen bezogenen Daten soll nicht nur be wirken, dass sie in Bezug auf die Bereit stel lung ihrer eigenen personen bezogenen Daten eine größere Sorgfalt walten lassen. Indem die Nutzer darauf auf merksam ge macht werden, dass die Einstel lung personen bezogener Daten Dritter nur mit deren vor heri ger, schrift licher Einwilli gung rechtmäßig ist, soll das Ver antwor tungs bewusstsein der Nutzer von Social NetworkDiensten an gesprochen werden. Nur so kann auch der Daten schutz derjenigen Nutzer oder auch NichtNutzer der Netz werke ge stärkt werden, deren Daten von anderen ver öffent licht werden (BTDrs. 17/6765, S. 11). Diese eindeutige Rechts lage wird den wenigsten Nutzern von Social NetworkDiensten bekannt sein, so dass Auf klä rungs bedarf besteht. Der Jugendschutz wird in dieser Norm adressiert, indem die Warnhin weise nicht nur in allgemein ver ständ licher, sondern in einer für den Nutzer ver ständ lichen Form an geboten werden müssen. Der Dienste anbieter hat bei der Formu lie rung und beim Umfang der Unter rich tungs pflichten die Auf fassungs fähig keit seiner potenziellen Kunden zu be rücksichtigten. Richtet sich eine Soziale Netz werk platt form ge zielt an Kinder und Jugend liche, müssen die Informa tionen für diese ver ständ lich sein (BTDrs. 17/6765, S. 11). Die in § 13a Abs. 3 TMGE vor gesehene Ver pflich tung bei einer Löschung des Nutzer kontos auch alle nutzer generierten Inhalte eines Nutzers zu löschen, be gründet nicht erst die Rechtspf licht, sondern dient dazu, Rechts unsicher heiten zu ver meiden (BTDrs. 17/6765, S. 12).77 Eine wesent liche Eigen schaft von Social NetworkDiensten ist es, dass die Beiträge der Nutzer unter einander ver netzt werden, so dass Informa tionen von und über eine Person nicht nur in ihrem „Nutzer konto“ vor handen, sondern im gesamten Netz werk ver teilt sind. Um zweck widrige Ver wendungen der personen bezogenen Daten zu ver meiden, muss der Nutzer die Gewiss heit haben, dass bei einem Aus tritt aus dem Netz werk alle Daten über ihn ge löscht werden. Nur aus nahms weise ist gemäß § 13a 77 Die Pflicht zur Löschung der personen bezogenen Nutzer daten ergibt sich bereits aus der allgemeinen Löschungs pflicht gemäß § 35 Abs. 2 Satz 2 BDSG, die mit der Beendi gung des Nutzungs verhält nisses besteht. 386 Abs. 3 Satz 2 TMGE die Anonymisie rung der Daten aus reichend. Diese und die in § 13 Abs. 4 Nr. 3 und Nr. 4 TMGE normierte Löschungs pflicht sind zwar grundsätz lich daten schutz fördernd, dennoch be stehen gegen sie auch Bedenken. Sie suggerie ren dem Nutzer, er könnte die Daten tatsäch lich aus der Welt schaffen. Das ist jedoch auf grund der welt weit möglichen Speiche rung aller einmal im Internet ver öffent lichten Daten ein gefähr licher Trugschluss. Ab gesehen von den bereits dargelegten Kritik punkten ist es grundsätz lich zu be grüßen, dass der Gesetz geber das Daten schutz recht auf grund der Ent wick lung des An gebots der Social NetworkDienste novellie ren möchte. Aller dings reichen die vor gesehen Regelun gen nicht aus, um die dargestellten Rege lungs defizite zu be seiti gen (s. Kap. 7). Der Gesetzes entwurf sieht keine Vor sorgerege lungen für den Umgang mit nicht personen bezogenen Daten vor, zu denen sich auf grund der fortschreiten den Technik entwick lung, zum Beispiel bei der Bilderken nungs software, ver mutlich sehr bald ein Personen bezug her stellen lassen wird. Das Problem der kollektiven Ver antwortlich keit – insbeson dere der immer weiter zunehmen den Daten verarbei tung durch Private zu nicht geschäfts mäßigen Zwecken – wird eben falls keiner Lösung zu geführt (s. aus führ lich Jandt & Roßnagel, ZD 2011, S. 160). Schließ lich kommt der Gesetz geber seiner Pflicht zum Schutz der Jugend nicht aus reichend nach, wenn er auf eine gesetz lich ver pflichtende Alters verifika tion ver zichtet. Dabei ist zu be rücksichti gen, dass die Alters verifika tion nicht nur im Zusammen hang mit § 13a Abs. 1 Satz 5 TMGE er forder lich ist, sondern bereits, um die Voraus setzungen der Zulässig keit der Daten verarbei tung über prüfen zu können (Kap. 5.3.2; Jandt & Roßnagel, MMR 2011, S. 673). Mit der Einfüh rung des elektroni schen Personal ausweises, zu dessen Besitz jeder Bundes bürger ab sechzehn Jahren ver pflichtet ist, gibt es eine kosten günstige und sichere Möglich keit der Alters verifika tion. Dies sollte sich auch in den daten schutz recht lichen Vor schriften nieder schla gen. Die Anpas sung des Daten schutz rechts an die Heraus forde rungen der neuen Technik entwick lung und der neuen Dienste angebote wird aber vor allem nicht dadurch er reicht, dass das be stehende Daten schutz recht um einzelne spezifi sche Vor schriften ergänzt wird. Dabei wird über sehen, dass der grundsätz liche Interessen ausgleich, der durch viele be stehende Regelun gen erzielt werden soll, auf nicht mehr ge gebenen tatsäch lichen Grundannahmen basiert. Dies ist bei den Erlaubnis tatbeständen, die an das Kriterium der allgemeinen Zugänglich keit personen bezogener Daten an knüpfen, be sonders deut lich. Als diese Vor schriften er lassen worden sind, existierte das Internet noch nicht mit der Möglich keit, dass jeder eine potenziell un begrenzte Anzahl von Informa tionen einer potenziell un begrenzten Anzahl von Personen zugäng lich machen konnte. Allgemein zugäng lich waren vor allem Daten in Zeitschriften, Büchern oder auf Flugblättern – alles Medien, die einen deut lich geringe ren Ver brei tungs grad auf weisen und die zudem nicht jedem für die Ver öffent lichung von Informa 387 tionen zur Ver fügung standen. Daher ist es er forder lich, alle be stehen den Vor schriften auf ihre Konsequenzen auf Social NetworkDienste im Einzelnen zu über prüfen. Dies wird dazu führen, dass eine grundsätz liche Neukonzep tion des Daten schutz rechts er forder lich ist. 8.2 Reform des europäi schen Daten schutz rechts Am 25. Januar 2012 hat die EUKommission einen lange er warteten Vor schlag für die Reform des europäi schen Daten schutz rechts vor gelegt. Kernbestand teil ist der Ent wurf einer „Daten schutzGrund verord nung“. Der Wechsel des europa recht lichen Instruments zur Regulie rung des Daten schutz rechts von einer Richtlinie hin zu einer Ver ordnung hat weitreichende recht liche Folgen für die Mitgliedstaaten (Hornung, ZD 2012, S. 100). Bezogen auf den Daten schutz auf Social NetworkPlatt formen sind insbesondere die materiellrecht lichen Konse quenzen relevant. Dem nationalen Gesetz geber wäre es – sofern die Daten schutzGrund verord nung gelten des Europarecht werden würde – zukünftig bis auf spezifisch normierte Aus nahmen ver wehrt, konkretisierende nationale Bestim mungen zu er lassen. Die Daten schutzGrund verord nung würde die Daten schutz vorschriften des Telemedien gesetzes einschließ lich der ge planten Neurege lung und das Bundes daten schutz gesetz nahezu gegen stands los werden lassen. Maß geblich für die daten schutz recht liche Bewer tung von Social Network Diensten wäre dann primär das Europarecht. Im Unter schied zur europäi schen Daten schutz richtlinie (DSRL) und zum aktuellen nationalen Daten schutz recht sind in der Daten schutzGrund verord nung Detail rege lungen zum Daten schutz bei Kindern vor gesehen. Gemäß Art. 4 Abs. 8 DSGVOE sind Kinder alle Personen unter achtzehn Jahren. Die be sondere Schutz bedürftig keit von Kindern wird damit be gründet, dass sich diese den Risiken, Folgen, Vor sichts maßnahmen und ihrer Rechte bei der Ver arbeitung personen bezogener Daten weniger bewusst seien (Erwä gungs grund 29 DSGVOE). Die wichtigste Regelung in Art. 8 Abs. 1 DSGVOE gilt allerdings aus drück lich nur für Kinder bis zum vollendeten dreizehnten Lebens jahr. Die Ver arbei tung personen bezogener Daten von Kindern bis zu dieser Alters grenze ist nur rechtmäßig, wenn die Einwilli gung oder Zustim mung der Erziehungs berechtigten vor liegt. Diese stringente Regelung erfährt allerdings durch Art. 8 Abs. 1 Satz 2 DSGVOE eine starke Ab schwächung, da der für die Ver arbei tung Ver antwort liche unter Berücksichti gung vor handener Techno logien ledig lich an gemessene Anstren gungen unter nehmen muss, um eine nach prüf bare Einwilli gung zu er halten. Des Weiteren soll dem Daten schutz von Minderjähri gen durch Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVOE Rechnung ge tragen werden. Im Daten schutz recht ist die Zulässig keit der Ver arbei tung personen bezogener Daten häufig durch eine 388 Interessen abwä gung zu be urteilen (s. Kap. 5.3.3). Hierbei sind die be rechtigten Interessen der daten verarbeiten den Stelle den Interessen der be troffenen Person am Schutz ihrer personen bezogenen Daten gegen über zustellen. Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVOE geht im Grundsatz davon aus, dass eine für die Interessen der daten verarbeiten den Stelle er forder liche Daten verarbei tung erst dann nicht mehr zulässig ist, wenn die Interessen des Betroffenen über wiegen. Dieses Über wiegen kann ent sprechend der weiteren Formulie rung insbesondere dann vor liegen, wenn es sich bei der be troffenen Person um ein Kind handelt. Durch diesen Zusatz soll allerdings der dargestellte Grundsatz des für die Unzulässig keit er forder lichen über wiegen den Interesses des Betroffenen nicht zugunsten des Kindes ver schoben werden, sondern es ist ledig lich eine be sonders sorg fältige Interesseabwä gung er forder lich (Erwä gungs grund 38 DSGVOE). Dem Zusatz kommt somit eine klarstellende Funktion zu, indem darauf hin gewiesen wird, dass die be sondere Schutz bedürftig keit von Kindern immer bei der Interessen abwä gung zu be rücksichti gen ist. Gegen über der bisheri gen Rechts lage nach nationalem Daten schutz recht würde diese Vor schrift keine Änderung be wirken, sondern unter Berücksichti gung der Erwä gungs gründe ledig lich zu einer Klarstel lung führen (s. Kap. 5.3.3). Der Daten schutz von Minderjähri gen soll auch durch die Umset zung von Transparenz anforde rungen ver bessert werden. Gemäß Art. 11 Abs. 2 DSGVE sind durch die daten verarbeitende Stelle alle Informa tionen und Mittei lungen in ver ständ licher Form unter Ver wendung einer klaren, einfachen und adressaten gerechten Sprache zur Ver fügung zu stellen. Richtet sich die Daten verarbei tung speziell an Kinder, konkretisiert sich diese Anforde rung zu einer kindgerechten Sprache (Erwä gungs grund 46 DSGVOE). Diese Regelung korrespondiert mit dem hierfür fest gestellten Rege lungs bedarf (s. Kap. 7) und würde insofern eine Rechts lücke schließen, die aktuell im nationalen Daten schutz recht besteht. Allerdings ist die Wirksam keit der in der Daten schutzGrund verord nung vor gesehenen Regelung ungewiss. Erstens ergibt sich die Konkretisie rung für die Minderjähri gen nicht unmittel bar aus der Vor schrift der Ver ordnung, sondern nur aus den er gänzen den Erwä gungs gründen. Zweitens handelt es sich nicht um eine zwingende Norm, wie der Formulie rung „sollten“ statt „müssen“ zu ent nehmen ist, so dass die Nichteinhal tung ver mutlich keine Rechts folgen aus lösen wird. Drittens – und dies wiegt am schwersten – steht diese Transparenz anforde rung unter der Einschrän kung, dass sich die Daten verarbei tung speziell an Kinder richtet. Die Social NetworkDienste, die sich bei Kindern und Jugend lichen aktuell der größten Beliebt heit er freuen, sind gerade kein aus drück lich an diese gerichte tes An gebot, sondern sie werden auch rein faktisch gleichermaßen von Erwachsenen ge nutzt. Dies hätte ver mutlich zur Folge, dass die Transparenz anforde rung für Kinder und Jugend liche vielfach nicht greifen würde. 389 Die Daten schutzGrund verord nung trägt auch im Zusammen hang mit dem in Art. 17 Abs. 1 vor gesehenen Recht auf Ver gessen werden dem Minderjährigen schutz Rechnung. Mit diesem Recht soll dem Grundsatz, dass das Internet auf grund seiner techni schen Infrastruktur nichts ver gisst, ent gegen getreten werden. Die daten verarbeitende Stelle soll bei einer Ver öffent lichung der Daten ver pflichtet werden, alle ver tret baren Schritte zu unter nehmen, um Dritte, die die Daten ver arbeiten, über die Löschung der Quell daten und die daher er forder liche Löschung der Quer verweise auf diese Daten oder von Kopien oder Replika tionen zu informie ren. Es ist sehr zweifel haft, inwieweit dieses Recht auf Ver gessen werden zu einem gegen über dem Löschungs anspruch ver besserten Daten schutz führen kann (Hornung, ZD 2012, 103). Gegen über der in § 13a Abs. 3 TMGE vor gesehenen spezifi schen Löschungs pflicht nutzer generierter Inhalte bei einer Löschung des Nutzer kontos würde diese Regelung allerdings einen weiter reichen den Daten schutz gewährleisten. Schließ lich wird der Daten schutz von Kindern in Art. 33 Abs. 2 lit. d DS GVOE als spezifi sches Risiko hervor gehoben, so dass der für die Ver arbei tung Ver antwort liche vorab immer zu einer Daten schutzFolgen abschät zung ver pflichtet ist. 390 Literatur Art. 29Daten schutz gruppe (2009). Stellung nahme 2/2009 zum Schutz der personen bezogenen Daten von Kindern (Allgemeine Leitlinien und Anwen dungs fall Schulen). WP 160. Art. 29Daten schutz gruppe (2009). Stellung nahme 5/2009 zur Nutzung sozialer Online Netz werke. WP 163. Art. 29Daten schutz gruppe (2010). Stellung nahme 1/2010 zu den Begriffen „für die Ver arbei tung Ver antwort licher“ und „Auf trags verarbeiter“. WP 169. Auernhammer, H. (1993). Bundes daten schutz gesetz: Kommentar. Köln: Heymanns Verlag GmbH. Bäumler, H., Breinlinger, A. & Schrader, H.H. (2003). Daten schutz von AZ. Neuwied: HaufeLexware. Beckedahl, M. (2011, 7. Juni). Facebook aktiviert automati sche Gesichts erken nung. Netzpolitik Online. 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Ver fügbar unter: www.zeit.de/online/2009/08/facebookagbsgeschaeftsbedingungenprotest 413 2 Hand lungs empfeh lungen an die Medien pädagogik Gabi Reinmann unter Mitarbeit von JanMathis Schnur 2.1 Akteure und Adressaten von Hand lungs empfeh lungen Wenn es im Rahmen dieser Studie ab schließend darum geht, Hand lungs empfeh lungen an die Medien pädagogik zu geben, muss man zunächst einmal genauer spezifizie ren, wer „die Medien pädagogik“ ist. Da hier nicht der Ort einer akademi schen Begriffs bestim mung (Schiefner, 2011; Tulodziecki, 1997) sein kann, sondern an gesichts der Ziele der Studie eine pragmati sche Antwort ver langt wird, kann man ver einfacht fest halten: Medien pädagogik muss Wissen schaft und Praxis gleichermaßen umfassen und sich letzt lich auch an konkreten Personen und Personen gruppen festmachen. Folglich bilden medien pädagogisch arbeitende Wissen schaftler, Lehrer und Pädagogen außerhalb der Schule (z. B. in Jugendeinrich tungen) zusammen „die Medien pädagogik“ bzw. Akteure der Medien pädagogik. Die Akteure aus der medien pädagogi schen Praxis sind aber gleichzeitig auch Adressaten von Hand lungs empfeh lungen. Letzteres gilt ebenso für weniger medienaffine und erfahrene Lehrer und Pädagogen oder mit pädagogi schen Auf gaben be traute Personen außerhalb der Schule, die mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen inter agie ren und prinzipiell Einfluss auf diese bzw. auf deren Kennt nisse, Fähig keiten und Haltun gen im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen nehmen können. Zu diesen kommen die Eltern, die eben falls nur in Aus nahmefällen (z. B. auf grund be stimmter Berufe oder spezieller Sozialisa tions erfah rungen) be sonders medienaffin und erfahren sind und damit meistens einen Bedarf an Hand lungs empfeh lungen haben. Einfluss nehmen schließ lich auch die Medien auf das Bewusstsein und die Ver haltens weisen Jugend licher und junger Erwachsener in OnlineCommunities, ohne aber Akteure speziell der Medien pädagogik zu sein. Die jungen Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen sind die primäre Zielgruppe aller Maßnah men; ihr Denken und Handeln ist somit auch das eigent liche Ziel aller Emp feh lungen. 414 Die nach folgende Abbil dung ver deut licht, dass Wissen schaftler sowie medien affine und erfahrene Lehrer und Pädagogen außerhalb der Schule (Experten, wie auch wir sie interviewt haben) zusammen die Akteure medien pädagogi scher Hand lungs empfeh lungen bilden: Die Theorien, empiri schen Erkennt nisse, prakti schen Erpro bungen und Erfah rungen sowie im besten Fall die wissen schaft lich initiierten und/oder beglei teten Ent wick lungs und For schungs projekte dieser Akteure können Hinweise für eine be rechtige Formulie rung von Empfeh lungen geben. Diese richten sich an Eltern, weniger medien affine und erfahrene Lehrer und Pädagogen, die mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen zu tun haben, oder auch direkt an die Jugend lichen und jungen Erwachsenen. Eine Sonder stel lung nehmen die Medien ein, die wissen schaft liche Erkennt nisse oder auch Thesen auf nehmen, bisweilen eigen willig filtern und oftmals direkt von den jungen Nutzern Sozialer Netz werk platt formen, aber natür lich auch von Eltern, Pädagogen und anderen Bezugs personen rezipiert werden. Wichtig ist, dass es immer auch Rück wirkun gen der Adressaten solcher Empfeh lungen auf die Akteure gibt. Abbil dung 33: Akteure und Adressaten medien pädagogi scher Hand lungs empfeh lungen Wenn man sich den Informa tions fluss zwischen Akteuren und Adressaten medien pädagogi scher Hand lungs empfeh lungen vor Augen hält, wird deut lich, dass diese auf ihrem Weg vielfälti gen Ver ände rungs und Anpassungs prozessen aus gesetzt sein können. Das kann vor teil haft sein, weil auf diese Weise eventuell zu praxis fern formulierte Empfeh lungen an be stehende Erforder nisse an gepasst werden. Es kann sich aber auch nach teilig aus wirken, vor allem, wenn die Adressaten in ihrer Rolle als pädagogi sche Akteure eine mangelnde Offen heit Wissenschaftler/innen Medienaffine und -erfahrene Lehrer/innen Medienaffine und -erfahrene Pädagogen Eltern Lehrer/innen Pädagogen Jugendliche und junge Erwachsene Medien MedienMedien 415 mitbringen und/oder die er haltenen Empfeh lungen nur unter einer speziellen, eventuell ein geschränkten Perspektive wahrnehmen, ver stehen und umsetzen können. Diese Hinweise sollen den Empfeh lungs teil nicht ver komplizie ren, sondern nur darauf auf merksam machen, dass das vielschichtige Beziehungs und Kommunika tions geflecht zwischen Akteuren und Adressaten bei der Weiter gabe und Umset zung medien pädagogi scher Empfeh lungen be rücksichtigt werden muss. Als Grundlage der folgen den Hand lungs empfeh lungen für Eltern, Lehrer und Pädagogen sowie Personen mit pädagogi schen Auf gaben außerhalb der Schule (z. B. in Jugendeinrich tungen) werden die Ergeb nisse sowohl des quanti tativen als auch des qualitativen Teils der vor liegen den Studie heran gezogen und mit Erkennt nissen aus anderen Forschungs projekten sowie der aktuellen Theorielage ver bunden. Für die Struktur der Empfeh lungen leitend sind die Ergeb nisse der Experten interviews, in welchen insgesamt 13 Fachleute aus den Domänen Schule, Jugendarbeit und Medien ihre Empfeh lungen für eine wirk same Kompetenzförde rung dargelegt haben (vgl. Teil II Kap. 6). Die folgen den Empfeh lungen werden zu zwei Gruppen ge bündelt, die jeweils ein be sonde res Span nungs feld im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen thematisie ren: zum einen das Span nungs feld zwischen Wissen und Handeln, in welchem wir die beiden zentralen Interven tionen des Sensibilisierens und des Aktivierens einordnen werden, und zum anderen das Span nungs feld zwi schen Steue rung und Kontroll verlust, in welchem wir zwei Heraus forde rungen für einen kulturellen Wandel – Beteili gung und Ver ände rung – positionie ren werden. In beiden Empfeh lungs gruppen werden wir jeweils Vor schläge für die Familie, die Schule und Jugendeinrich tungen formulie ren. 2.2 Empfeh lungen für das Handeln im Span nungs feld Wissen und Handeln 2.2.1 Das Span nungs feld Wissen und Handeln Informa tions und Dialogangebote sind die am nächsten liegen den pädagogi schen Interven tionen, wenn man fest stellt, dass das Wissen und Risikobewusst sein von Jugend lichen und jungen Erwachsenen im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen nicht hoch ist oder zumindest nicht aus reicht. Informa tion und Dialog sind adäquate Maßnahmen, um junge Nutzer für die Gefahren, aber auch Chancen Sozialer Netz werk platt formen zu sensibilisie ren und sie wissen der zu machen. Die Ergeb nisse der vor liegen den Studie legen nahe, dass speziell das Risikowissen der Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen höher ist als noch vor ein paar Jahren, was auf jeden Fall auch auf einen ge wissen Erfolg zahl reicher Informa tions angebote und Medien berichte zurück geführt 416 werden könnte. Auf die Bedeu tung der Medien zur Ver brei tung einer Art „Grundwissen“ speziell zu Risiken im Internet ver weisen auch viele der Jugend lichen und jungen Erwachsenen in unseren Interviews. Wissen führt aber nicht automatisch zum Handeln bzw. Risikowissen ist keine hinreichende Bedin gung für risikoarmes Ver halten. Das gilt selbst verständ lich auch für das Wissen um Chancen von OnlineCommunitys: Auch diese muss man kennen, um sie nutzen zu können, ohne dass es in der Regel aus reicht, nur Kennt nisse darüber zu haben. Die Ergeb nisse unserer Interviews und der standardisierten Befra gung machen an mehreren Stellen deut lich, dass zwischen Wissen und Handeln zum einen eine Kluft liegen kann (das heißt, man handelt wider be sseren Wissens), zum anderen aber auch Konflikte auf treten können: Einer seits existie ren eigene Bedürf nisse und Emotionen sowie soziale Normen, die den aktiven Gebrauch Sozialer Netz werk platt formen fördern, insbesondere um in Netz werken präsent zu sein und am sozialen Aus tausch teilhaben zu können. Anderer seits stehen diese im Wider streit zum Wissen über Risiken, zu Sorgen und Ängsten sowie zu Ge und Ver boten, die sich vor allem auf den Schutz der Privatsphäre be ziehen. Erfah rungs und Unter stüt zungs angebote etwa in Form von Projekten der aktiven Medienarbeit ver suchen, diese Schwierig keit aufzu greifen und Jugend liche und junge Erwachsene nicht nur zu sensibilisie ren, sondern auch zu aktivie ren. Eigene Erfah rungen anzu regen und zu unter stützen (z. B. indem die ge machten Erfah rungen auch unter einander aus getauscht und reflektiert werden), sind Zielset zungen, die man mit ver schiedenen pädagogi schen Interven tionen er reichen kann. Gemeinsam ist diesen in der Regel, dass nicht allein, sondern in der Gruppe etwas aus probiert und/oder produktiv erarbeitet wird, dass dabei eigene Vor stel lungen der Jugend lichen integriert werden und „Fehler“ erlaubt sind. Eigene Erfah rung und deren Unter stüt zung machen die Teilnehmer solcher Maßnahmen im besten Fall hand lungs fähiger. Aus den Ergeb nissen der vor liegen den Studie lässt sich schließen, dass sich eine ganze Reihe von jungen Nutzern von Sozialen Netz werk platt formen immer oder unter be stimmten Bedin gungen durch aus kompetent ver hält, Ent schei dungen auf der Basis aus reichen der Informa tionen trifft und das eigene Handeln auch im Hinblick auf länger fristige Folgen aus richtet. Bei einigen ist dies aber nicht, nicht zweifels frei oder nicht immer der Fall. Vor diesem Hinter grund sind Maßnahmen der Aktivie rung neben Maßnahmen der Sensibilisie rung auf jeden Fall an gezeigt, da sie mehr als bloße Informa tions und Dialogangebote nicht nur Einfluss auf das Wissen, sondern auch auf das Handeln nehmen können. Allerdings können Projektarbeit oder das Einüben von Bedien fertig keiten ohne Wissen auch zu unreflektierten Routinen und Ver haltens weisen führen. Außerdem ent wickeln sich aus einmalig aus probierten Handlun gen meist noch keine Haltun gen und Disposi tionen, die ein lang fristi ges sowohl risikobewusstes als auch die Chancen nutzen des Handeln auf Sozialen Netz werk platt formen sicherstellen. 417 Wissen und Handeln sind so gesehen ein Span nungs feld: Hand lungs empfeh lungen müssen in der Folge beide Seiten – das Wissen und das Handeln – be rücksichti gen und dürfen nicht das eine auf Kosten des anderen über treiben. Anzustreben ist eine Balance zwischen Informa tions und Dialogangeboten auf der einen Seite und Erfah rungs und Unter stüt zungs angeboten auf der anderen Seite. Bei beiden Maßnahmen gruppen kann es auch ein Zuviel geben: Zu viele, zu umfang reiche und zu einseitig die Risiken thematisierende Informa tionen und Dialoge können Ab lehnung aus lösen, aber auch Ver wirrung stiften. Zu viele oder über fordernde Anregun gen für eigene Erfah rungen und ein Zwang zur Reflexion können als Einmischung in die eigene Lebens welt erlebt werden und vor allem bei jüngeren Nutzern auf mehr Skepsis als Zustim mung stoßen. Wissen kann das Handeln be fördern, aber auch be hindern oder mit diesem in Konflikt geraten. Bisherige pädagogi sche Interven tionen be rücksichti gen diesen Span nungs aspekt mitunter zu wenig und unter schätzen die möglicher weise resultie ren den Konflikte für Jugend liche und junge Erwachsene. 2.2.2 Inhalte für pädagogi sche Interven tionen Aus gehend von den empiri schen Ergeb nissen der vor liegen den Studie gibt es trotz der ge wachsenen Kennt nisse auf Seiten junger Nutzer Sozialer Netz werk platt formen noch eine ganze Reihe von Wissens lücken, die speziell Gegen stand von Informa tions angeboten sein können. Nennen möchten wir hier be sonders – das Wissen darüber, wie sich persön liche Daten im Internet ver breiten und wie dies mit Eigen schaften von Informa tion im Internet zusammen hängt (Boyd, 2007, S. 9; Boyd, 2008, S. 27; Boase & Wellmann, 2004, S. 2 f.): Persistenz (Inhalte werden automatisch ge speichert und archiviert), Replizier bar keit (Inhalte können ohne nennens werte Kosten dupliziert werden), Durch such bar keit (Inhalte können über eine Suche auf gefunden werden), Bearbeit bar keit (Inhalte können ver ändert werden), Skalier bar keit (potenzielle Reichweite der Inhalte ist sehr hoch und das Publikum nicht bekannt) und Kontext übertra gung (Inhalte können mit anderen Inhalte ver knüpft und in Informa tions kontexte über tragen werden); – das Wissen darüber, wie persön liche Daten im Internet von Unter nehmen ge nutzt werden: z. B. Aus wertung von Interessen, Hobbys, Kauf vorlieben und anderen persön lichen Daten für Zwecke der Markt forschung, Adress daten samm lung durch Gewinn spiele, Integra tion von Unter nehmens werbe bot schaften in persön liche soziale Netz werke (z. B. „Sponsored Stories“ in Facebook) sowie Aus wertung von Profilinforma tionen für personalisierte Werbung etc.; – das Wissen darüber, wie persön liche Daten aus Sozialen Netz werk platt formen von Privatpersonen ge nutzt werden: Suche nach Profilen durch 418 Personen, die als er wünschte Kontakte gelten (z. B. Schulfreunde), und solche, die unerwünschte Kontakte sind (z. B. Pädophile), Hochladen oder Ver knüpfen unerwünschter Fotos, Weiter gabe persön licher Informa tionen an fremde Personen oder Bullying/Mobbing etc.; – das Wissen über Rechte (und Pflichten) sowie über juristi sche Folgen etwaiger un bedachter oder auch be absichtigter Handlun gen auf Sozialen Netz werk platt formen, die im Wider streit zu Gesetzen stehen. Dazu ge hören z. B. Ver letzungen der Persönlich keits rechte und des Urheber rechts. Problematisch ist neben fehlen der (oder auch falscher) Informa tion, wenn die Kommunika tion zwischen Jugend lichen und Erwachsenen abreißt, weil beide Seiten dem Medien nut zungs verhalten der jeweils anderen Genera tion ab lehnend gegen über stehen. Negativismus in der Medien berichterstat tung oder Informa tions veranstal tungen, die einseitig nur die Risiken be handeln, er schwe ren die Kommunika tion zwischen den Genera tionen. Diese Problembereiche wurden von mehreren der von uns interviewten Experten verbalisiert. Vor diesem Hinter grund sind Dialogangebote von essenzieller Bedeu tung, um fehlen des Wissen wie auch Vor urteile bzw. unangemessene Annahmen abzu bauen. Dazu gehört z. B. – das Wissen darüber, warum Jugend liche und junge Erwachsene Soziale Netz werk platt formen nutzen und was sie daran be geistert (vgl. Teil II, Kap. 5.2.3; vgl. BITKOM, 2011; vgl. Boyd, 2007; vgl. Döring, 2011; vgl. Garitaonandia & Garmenida, 2007; vgl. Gerhards, Klingler & Trump, 2008; vgl. Lampert, 2010; vgl. Schmidt, PausHasebrink & Hasebrink, 2009), – das Wissen darüber, wie Jugend liche und junge Erwachsene mittels Sozialer Netz werk platt formen ihren Alltag organisie ren und welche Kommunika tions formen sie dabei wählen (z. B. Freizeitpla nung im Freundes kreis, sozio emotionale Unter stüt zung in persön lichen oder teilöffent lichen Nachrichten, virtueller Aus tausch über den Schulalltag, Informa tion über be liebte Themen und Aktivi täten zur Siche rung der sozialen Zu gehörig keit etc.), – das Bewusstsein, dass die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen durch Jugend liche und junge Erwachsene dann nicht mehr optional, sondern Voraus setzung für soziale Teilhabe ist, wenn die Kommunika tion in ihrem sozialen Umfeld hauptsäch lich darüber abläuft (RaynesGoldie, 2010), – das Bewusstsein, dass Soziale Netz werk platt formen für Jugend liche und junge Erwachsene ein virtueller Lebens raum sind, in den man sich als Erwachsener nicht unerlaubt „einschleichen“ sollte (Holzer, 2011, S. 181; Schmidt, PausHasebrink & Hasebrink, 2009, S. 208 ff.; Boyd & Elison 2008, S. 211), – das Bewusstsein, dass die Ver öffent lichung persön licher Daten im Internet durch Jugend liche und junge Erwachsene von Eltern, Lehrern oder Päda 419 gogen nicht kontrolliert werden kann wie eine Anzeige in der Zeitung oder der Aushang an einer physischen Pinnwand etc. 2.2.3 Pädagogi sche Hand lungs empfeh lungen zwischen Sensibilisie rung und Aktivie rung Der Kontext Familie Eltern sind eine wichtige Zielgruppe für Informa tionen über das Internet und Soziale Netz werk platt formen und deren Bedeu tung im Leben Jugend licher und junger Erwachsener. Um mit ihren Kindern im Dialog bleiben und als An sprechpartner im Bedarfs fall bereit stehen zu können, ist es wichtig, dass sich Eltern vom Informa tions fluss über digitale Medien nicht ab koppeln, sondern im Gegen teil möglichst gut informiert sind. Die Ergeb nisse unserer Studie zeigen, dass speziell für jüngere Nutzer die Eltern nach wie vor wichtige Ver trauens personen sind, die sie vor allem auch dann nennen, wenn es um private Daten und Informa tionen sowie um Konflikte ver schiedenster Art geht. Eltern sind ein Teil dessen, was viele Jugend liche als „Privat heit“ definie ren. Umso wichti ger ist, dass sie sich an ihre Eltern wenden können, wenn sie sich in ihrer Privatsphäre etwa durch Ereig nisse auf Sozialen Netz werk platt formen bedroht fühlen (vgl. Boyd & Marwick, 2011), sich Sorgen um ihre persön lichen Informa tionen machen oder ver unsichert sind, weil sie sich wider sprüch lichen Anforde rungen (z. B. Zu gehörig keit zu virtuellen sozialen Gruppen und Schutz der Privat heit) aus gesetzt sehen (vgl. Barnes, 2006). Informa tions angebote für Eltern sind daher aus unserer Sicht von großer Bedeu tung, wobei es wenig sinn voll er scheint, einseitig die Risiken darzu stellen und auf diesem Wege ein Klima der Angst zu produzie ren, das zu Ver boten und im Bedarfs fall zu wenig kompetenter Unter stüt zung der eigenen Kinder führt. Aus gewogene und aktuelle Informa tionen können Eltern unter stützen, ihre Rolle als Dialogpartner wahr zunehmen. Ein Dialog vor allem über die Risiken in Sozialen Netz werk platt formen – das be stäti gen vor allem die interviewten Experten auf diesem Gebiet – funktioniert nur vor dem Hinter grund einer trag fähigen Ver trauens basis. Hierfür bringen Eltern aus den oben schon ge nannten Gründen prinzipiell eine gute Voraus setzung mit, die es ent sprechend zu nutzen gilt. Im Dialog können Eltern ge eignetes Informa tions material an ihre Kinder auch weiter geben, wenn dieses aus reichend einfach und kurz ge staltet ist. Informa tionen auf Papier oder online, als Text, Audio oder Video können dann auch als gemeinsamer Anker für Diskussionen dienen. Aus einem linearen Informa tions fluss, der auch Probleme be reiten kann (z. B. wenn Eltern falsch ver standene Informa tionen weiter geben) ent steht so ein Dialog über ver fügbare Informa tionen. Nicht zu unter schätzen sind schließ lich (ältere) Geschwister in den Familien, von denen Jugend liche und junge Erwachsene Rat einholen und auch 420 be kommen, wenn es um Fragen und Heraus forde rungen rund um Online Communities geht. Dies macht deut lich wie wichtig es ist, Informa tionen auch für Jugend liche und junge Erwachsene direkt zur Ver fügung zu stellen und nicht nur über den Filter durch Eltern, Lehrer oder Pädagogen oder andere Personen außerhalb der Schule. Eine direkte Aktivie rung von eigenen Erfah rungen und deren Unter stüt zung er scheint im Elternhaus dagegen schwierig. Worauf Eltern allerdings achten sollten ist, dass ihre Kinder Erfah rungen im Internet und auf Sozialen Netz werk platt formen machen können, wenn sie dies wollen. Eltern sollten zudem bereit sein, Jugend liche als „wissen der“ zu akzep tie ren, wenn diese sich besser als sie selbst mit der techni schen Bedie nung von Sozialen Netz werk platt formen aus kennen. Wenn dies funktioniert, lassen sich Jugend liche auch ihrer seits eher da von technisch ver sierte ren Peers informie ren, wo sie selbst noch Lücken haben. Der Kontext Schule Die Schule wird von den meisten der von uns interviewten Jugend lichen und jungen Erwachsenen kaum ge nannt, wenn es um die Auf klärung über Risiken auf Sozialen Netz werk platt formen und darum geht, wie man diesen be gegnen kann. Eher wird auf ein tendenziell geringes Ver trauens verhältnis zu den Lehrern hin gewiesen. Dennoch ver weisen die von uns interviewten Experten mehrfach auf die Schule als möglichen Ort zum Erwerb von Kompetenzen, wobei fast immer ein hoher Fortbil dungs bedarf bei den Lehrenden artiku liert wird (vgl. Breiter, Welling & Stolpmann, 2010; vgl. Homann, Reisser, Schleihagen & Weisel, 2011). Vor diesem Hinter grund sind neben den Eltern die Lehrer eine weitere wichtige Zielgruppe für Informa tion. Informa tions angebote für Lehrer können in vielen Aspekten denen für Eltern gleichen. Ergänzt werden sollten diese mit Hinweisen, wie Lehrende in ihrer Vor berei tungs und Unter richtspraxis selbst OnlineCommunities nutzen können und worauf sie dabei zu achten haben. Nur durch eigene Medien praxis machen Lehrer unmittel bare Erfah rungen mit Sozialen Netz werk platt formen. Das er scheint in der Schule wichti ger als im Elternhaus, denn: Lehrer sind zunächst einmal keine natür lichen Ver trauens personen von Jugend lichen und jungen Erwachsenen. Sie können sich aber als Dialogpartner „qualifizie ren“, indem sie selbst als Vorbild im Umgang mit digitalen Medien fungie ren. Des Weiteren können sie sich zumindest durch aus reichen des Wissen und Ver ständnis für die Lebens welt Jugend licher als Ansprechpartner anbieten. Prinzipiell ist die Schule als Ort für die direkte Informa tion von jungen Nutzern erst einmal prädestiniert, weil auf diesem Wege alle Jugend lichen und jungen Erwachsenen er reicht werden können. In den Interviews mit Experten wurde deut lich, dass die Schulfächer an sich aus reichend Anker für Informa tions angebote zu Privat heit und Öffentlich keit im Netz (Dietz, 2011) bieten. Anders als Informa tion 421 benöti gen dagegen Erfah rungs und Unter stüt zungs angebote zur Aktivie rung von Schülern ver gleichs weise viel Zeit. Hier setzen starre und/oder volle Lehrpläne pädagogi schen Interven tionen enge Grenzen. Als ebenso ungünstig er weisen sich die vielfach praktizierten Ver bote der Nutzung internet fähiger Handys und Smartphones in der Schule. Projekte der aktiven Medienarbeit sind in Schulen zwar möglich, er fordern aber höchst engagierte Lehrkräfte und Schulleiter, die bereit sind, die notwendi gen Spiel räume dafür zu finden und zu nutzen. Hier besteht aus unserer Sicht noch ein großer Nach holbedarf (vgl. Breiter, Welling & Stolpmann, 2010). Kaum ge nutzt wird in der Regel die Chance, die zahl reichen Vor komm nisse an Schulen, die in einem engen Zusammen hang mit der Ver letzung von Privat sphäre oder Rechten anderer stehen, als Anlass für pädagogi sche Interven tionen zu nutzen und alters gerecht aufzu greifen. Hier mangelt es sowohl an der notwendi gen Aus bildung der Lehrer als auch an einem aus reichend flexiblen Umfeld, welches es zulässt, auch und gerade unplan bare Ereig nisse pädagogisch aufzu greifen und sowohl für eine Sensibilisie rung als auch für eine Aktivie rung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen heran zuziehen. Genau solche Vor gehens weisen aber, die mit der persön lichen Betroffen heit von Jugend lichen und jungen Erwachsenen arbeiten, würden in hohem Maße der in den Interviews oft ge nannten Forde rung nach kommen, an der Lebens welt der Jugend lichen und an konkreten Beispielen anzu setzen. In der Folge würde man keine „Wissens konserven“ produzie ren, sondern situativ ver ankerte Erkennt nisse. Der Kontext Jugendeinrich tung Jugendeinrich tungen sind seit jeher der bevor zugte Ort für pädagogi sche Inter ven tionen, mit denen Jugend liche und junge Erwachsene im Umgang mit digitalen Medien aktiviert, also zu eigenen Erfah rungen an geregt und dabei unter stützt werden können und sollen. Sie bieten sich deswegen an, weil sie sich anders als die Schule eine hohe Flexibili tät in ihrem Programm er lauben können und damit anderen Rahmen bedin gungen unter liegen. Die Teilnahme an Projekten ist freiwillig, was die soziale Inter aktion mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen tendenziell einfacher macht. Dieser Vorzug ist gleich zeitig ein Nachteil pädagogi scher Inven tionen an Jugendeinrich tungen: Es kann immer nur ein kleiner Teil von Jugend lichen und jungen Erwachsenen er reicht werden. Von daher würden sich auch Koopera tionen zwischen Schulen und Jugendeinrich tungen anbieten, die es teil weise bereits gibt, aber in jedem Fall aus baufähig wären. Projekte mit Social Media sind in der Jugendarbeit durch aus bereits an gekommen. Es fehlen aber nach wie vor der Erfah rungs schatz und auch die flächen deckende Ver brei tung, die man beispiels weise bei Radio oder vor allem Filmprojekten hat. Recht liche Bedenken und Unsicher heiten gerade im Hinblick auf Privatsphäre und Urheber recht sowie techni sche Hürden 422 insbesondere infolge der Schnell lebig keit von Endgeräten und OnlineAnwen dungen stellen nicht nur für die Schule, sondern auch für Jugendeinrich tungen ein Problem dar: Projekte der aktiven Medienarbeit er fordern authenti sche Bedin gungen, die gleichzeitig nicht risiko los sind und hohe Anforde rungen an die be teiligten Pädagogen stellen. Auch Personen in Jugendeinrich tungen können vor diesem Hinter grund selbst Zielgruppe von Informa tions angeboten sein und benöti gen die Unter stüt zung vor allem von Rechts experten wie auch von Personen mit hoher techni scher Expertise. Gleichzeitig sind Jugendeinrich tungen natür lich auch ihrer seits Informa tions geber sowohl für Eltern und Lehrer (was z. B. ein Anlass für die gerade ge nannte Koopera tion sein kann) als auch für die Jugend lichen und jungen Erwachsenen. In der Folge kann es in aktivie ren den Projekten z. B. auch darum gehen, sich das er forder liche Wissen für einen ver antwor tungs vollen Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen gemeinsam zu erarbeiten. Schließ lich haben Jugendeinrich tungen wohl die besten Voraus setzungen dafür, die Chance einer „Peer Educa tion“ zu nutzen und das Lernen von Jugend lichen und jungen Erwachsenen unter einander zu unter stützen. Auch wenn die von uns interviewten Experten diesem Ansatz eher skeptisch be gegnen, ver weisen die Jugend lichen und jungen Erwachsenen in unseren Inter views doch in hohem Maße auf die Bedeu tung von Peers, wenn sie einen Informa tions oder Dialogbedarf haben. Dieses Ergebnis zeigt sich auch in der quantitativen Daten erhe bung und analyse, insbesondere wenn man das Struktur gleichungs modell (Teil II, Kap. 4.5.2) be trachtet. Jugend liche und junge Erwach sene richten ihr Ver halten auf den Platt formen an den Normen aus, die sie bei Gleichaltri gen und Freunden be obachten. In einigen Bereichen, wie etwa bei der Handha bung der PrivatsphäreEinstel lungen, haben sich bereits Standards etabliert, von denen nur wenige Nutzer ab weichen. Andere Bereiche werden (noch) individuell ge handhabt. Gerade vor dem Hinter grund eher spontaner Aktivi täten im Social Web können die subjektiv wahrgenommenen Normen der PeerGruppe hand lungs leitend wirken. Wir halten es daher für einen viel versprechen den Ansatz, die Auseinander setzung darüber, welches Ver halten an gemessen ist und welches nicht, auch zwischen Gleichaltri gen zu fördern. 2.3 Empfeh lungen für das Handeln im Span nungs feld Steue rung und Kontroll verlust 2.3.1 Das Span nungs feld Steue rung und Kontroll verlust Sensibilisie rung und Aktivie rung sind pädagogi sche Maßnahmen, die Jugend liche und junge Erwachsene weit gehend als Adressaten an sprechen (wenn auch mit dem Ziel, deren Wissen und Hand lungs fähig keit als „Akteure in Sozialen Netz werk platt formen“ zu erhöhen). Diese Maßnahmen setzen am Individuum 423 an und wollen individuelle Kompetenzen (im Sinne von Wissen, Können und Haltun gen) auf bauen und stärken. Richtet man seine Auf merksam keit aus schließ lich auf den Kompetenzaspekt, ist man in vielen Fällen in einer reaktiven Rolle: Soziale Netz werk platt formen ver ändern sich, führen neue Funktionali täten ein, ge stalten die techni schen Rahmen bedin gungen neu oder stellen neue Anforde rungen für die Mitglied schaft. Maßnahmen mit dem Ziel, Informa tion, Dialog, Erfah rung und Unter stüt zung anzu bieten, können darauf besten falls rasch reagie ren, junge Nutzer für Neuerun gen „fit zu machen“ und damit immer nur indirekt auf die Ent wick lungen Einfluss nehmen. Wechselt man allerdings die Perspektive von pädagogi schen Interven tionen zu kulturellen Prozessen, wird deut lich, dass Jugend liche und junge Erwachsene nicht nur Adressaten von InternetAngeboten wie auch von pädagogi schen An geboten sind, sondern auch Akteure des kulturellen Wandels sein können. Mit diesem Perspektiven wechsel vom Adressaten zum Akteur bzw. von der Interven tion zur Kultur ist selbstredend auch eine Ver ände rung des Zeithorizonts ver bunden: Während man pädagogi sche Interven tionen punktuell und zeit lich be grenzt implementie ren kann, sind kulturelle Prozesse lang fristi ger Natur und nicht „implementier bar“ in dem Sinne, dass man diese in irgendeiner Form anbieten oder gar ver ordnen kann. Empfeh lungen dazu, wie man im Span nungs feld von Wissen und Handeln pädagogisch agieren kann, bewegen sich letzt lich auf dem klassi schen Feld der Medien erziehung und können die dort ge machten zahl reichen Erfah rungen nutzen und für Fragen des be sseren Umgangs mit Sozialen Netz werk platt formen bzw. mit Privat heit und Öffentlich keit im Netz anpassen. Empfeh lungen dazu, wie man im Span nungs feld von Steue rung und Kontroll verlust (Backes, 2011, S. 194; Seemann, 2011) hand lungs fähig bleiben kann, können dagegen kaum auf ge wachsene und be währte Erkennt nisse zurück greifen. Während die Medien erziehung von Normen aus geht, welche die Gestal tung pädagogi scher Interven tionen leiten (im Falle von Netz werk diensten z. B. die Norm, die Privatsphäre, wie wir sie bisher kennen, zu schützen), stehen wir bei kulturellen Prozessen im Zusammen hang mit dem Internet und den dort existenten Sozialen Netz werk platt formen vor der Schwierig keit, dass Normen ins Wanken geraten oder zumindest in Frage ge stellt werden, weil sie z. B. mit der Funk tions fähig keit Sozialer Netz werk platt formen kollidie ren (Barnes, 2006). Unsere Studien haben ge zeigt, dass auch junge Nutzer diesen Wider spruch bereits direkt erleben; die interviewten Experten formulie ren diesen mitunter explizit: Einer seits leben Soziale Netz werk platt formen von der Weiter gabe privater Daten, und persön liche Informa tionen machen die Funk tions weise derselben aus. Anderer seits stellt der Umgang mit privaten Daten und persön lichen Informa tionen auf Sozialen Netz werk platt formen ein Risiko dar, das den Nutzer auch über fordern kann. In der Folge werden zum einen die Rufe nach mehr Regulie rung (Bundes ministerium des Innern, 2011) und recht licher (Bundes ministerium des Innern, 424 2012; Dreyer, 2011; LeutheusserSchnarren berger; 2011; Krempl, 2011; Ott, 2011; dpa, 2010) sowie techni scher Kontrolle (Kindelan, 2011; Landgraf, 2010) lauter. Zum anderen werden aber auch die Stimmen zahl reicher, die Daten und Informa tionen für öffent lich halten, sobald sie im Internet ver fügbar sind, und Ver suche als ver geblich be zeichnen, deren Ver brei tung zu kontrollie ren oder diese für ver schiedene Nutzer oder Zwecke zu be grenzen bzw. zu filtern (Biermann, 2011; Seemann, 2011). Diesem komplexen Span nungs feld kann man be gegnen, indem man den dahinter stehen den Wandel (z. B. mit recht lichen Mitteln) be kämpft und ver sucht, den früheren Status quo wieder herzu stellen. Die meisten der Experten, mit denen wir ge sprochen haben, halten das aber für ein erfolg loses Unter fangen. Alternativ kann man ver suchen, auch dieses Span nungs feld in medien pädagogi sche Hand lungs empfeh lungen aufzu nehmen und ent sprechend neue Vor schläge zu machen. Es ist damit zu rechnen, dass man mit solchen neuen Vor schlägen erst einmal experimentie ren muss (sowohl in Form von Gedanken experimenten als auch in Form von Realexperimenten) bevor man diese als Empfeh lungen einer breite ren Zielgruppe weiter geben kann. Teilhaben und Ver ändern sind aus unserer Sicht zwei Richtun gen, die man einschlagen kann, wenn es darum geht, dass auch Jugend liche und junge Erwachsene die Rolle von Akteuren nicht nur als Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen, sondern als Bürger2 in kulturellen Ent wick lungs prozessen über nehmen. Zur Über nahme dieser Rolle kann man sie einer seits ermuti gen, anderer seits kann man sie dabei be gleiten. Wenn Jugend liche und junge Erwach sene am kulturellen Wandel teilhaben, be deutet das allerdings genau nicht, dass man sie darin konkret anleiten kann, denn das hieße ja, das man bereits genau weiß, wohin der Wandel geht. Dennoch setzt eine Teilhabe natür lich Wissen und Können voraus, also z. B. Risikowissen und Hand lungs fähig keit im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen, wie man es mit pädagogi schen Interven tionen zur Sensibilisie rung und Aktivie rung er reichen kann. Eine auf geklärte Teilhabe an der digitalen Gesell schaft setzt ebenso voraus, die eigene Auf fassung von Privat heit und Öffentlich keit und den faktischen Einfluss digitaler Technologien auf diese Konzepte zu reflektie ren und im Bedarfs fall anzu passen: Wenn Daten und Informa tionen im Internet per se öffent lich sind und ein Aus tausch derselben in Sozialen Netz werk platt formen de facto nicht nur ein Kommunika tions akt, sondern ein Publika tions akt ist, dann ver schiebt dies das Ver hältnis zwischen Privat heit und Öffentlich keit eben nicht nur individuell für den einzelnen Nutzer, sondern auch für die gesamte Gesell schaft. 2 Die Ver wendung des Wortes „Bürger“ impliziert, dass sich, wie in der Vor gänger studie (Schmidt, Paus Hasebrink, & Hasebrink, 2009) bereits an gedeutet, der geschützte Raum der Jugend auflöst. Während früher Eltern ihre Kinder bis zu einem be stimmten Alter in den schützen den und disziplinie ren den Institu tionen des Elternhauses und der Schule kontrollie ren konnten, ver lassen die Jugend lichen über das Internet heute er heblich früher selbst diese Kontroll räume. Sie kommen dadurch früher mit Risiken in Kontakt. 425 Ändern müssen sich dann nicht nur individuelle Ver haltens weisen im Internet (z. B. Wahl anderer Werkzeuge für im engeren Sinne private bzw. persön liche Kommunika tion), sondern auch Normen und Regeln ver schiedener gesell schaft licher Systeme in der Nutzung des Internet (z. B. Wirtschaft und Arbeit geber und deren Rekrutie rungs strategien unter Nutzung Sozialer Netz werke). Als Jugend licher und junger Erwachsener an solchen Prozessen teilzuhaben, be deutet, dass die eigenen Nutzungs weisen und Strategien nicht nur Gegen stand pädagogi scher Interven tionen, sondern auch ein Aspekt gesamt gesell schaft licher Prozesse ebenso wie ein Anlass für die Gestal tung solcher Prozesse sind. Noch einen Schritt weiter als die Teilhabe geht die Verände rung: Man kann Jugend liche und junge Erwachsene auch als Akteure von direkten Ver ände rungen im Umgang mit Privat heit und Öffentlich keit unter Nutzung digitaler Technologien sehen. In unseren Experten interviews wurde ver einzelt das politi sche Engagement an gesprochen, das man bei Jugend lichen und jungen Erwach senen heute vielerorts ver misst. Genau dieses politi sche Engagement ist es, das die Teilhabe zur expliziten Ver ände rung macht bzw. machen kann. Das Potenzial zur Ver ände rung geht mit der Forde rung einher, dass auch junge Nutzer in ihrer Rolle als Bürger Ver antwor tung nicht nur für sich, sondern auch für ihr soziales Umfeld über nehmen. Es sind stets konkrete Menschen bzw. die Auf summie rung vieler Einzel entschei dungen, die das Internet im Allgemeinen und Soziale Netz werk platt formen im Besonde ren ver ändern und weiter entwickeln; dasselbe gilt für recht liche Rahmen bedin gungen und techni sche Möglich keiten. Überall dort finden sich Anker und Anlässe für Ver ände rungen, die auch von Jugend lichen und jungen Erwachsenen kommen können, wo speziell die Peers als Einfluss größen auf den Umgang auch mit Privat heit und Öffentlich keit explizit ins Spiel kommen. Kultureller Wandel im Span nungs feld Steue rung und Kontroll verlust unter Nutzung von Konzepten wie „politi sches Engagement“ mag an dieser Stelle noch vage klingen: Ereig nisse in der arabischen Welt, bei denen das Internet und Soziale Netz werk platt formen gerade unter jungen Menschen auch einen wichtige Rolle ge spielt haben und nach wie vor spielen, sowie die Ent stehung neuer politi scher Gruppie rungen, die das Internet und Forde rungen nach Öffnung und Transparenz im Umgang mit Informa tion zum Leitbild erhoben haben, könnten durch aus als Anzeichen für Ent wick lungen in diese Richtung ge deutet werden. Diese Anzeichen und damit ver bundenen Ziel rich tungen auch im Kontext pädagogi scher Hand lungs empfeh lungen zum Umgang mit Privat heit und Öffentlich keit mitzu denken, ist unserer Einschät zung nach eine Aufgabe, der man sich in Familie, Schule und in Jugendeinrich tungen stellen sollte. 426 2.3.2 Pädagogi sche Hand lungs empfeh lungen zwischen Steue rung und Kontroll verlust Der Kontext Familie Immer dann, wenn es nicht so sehr um zeit lich und thematisch be grenzte pädagogi sche Interven tionen, sondern um länger fristige Prozesse, um Meinun gen und Haltun gen sowie um Kultur und kulturelle Prozesse geht, ist die Familie ein wichti ger und wirkungs voller Ort: Zu denken ist etwa an die Vor bildfunk tion von Eltern, Geschwistern und anderen Familien mitgliedern, denen man täglich oder zumindest oft be gegnet, oder an die zahl reichen informellen Gespräche, die man an gesichts ebenso vielfälti ger Anlässe in der Familie führt. Geht man davon aus, dass Jugend liche und junge Erwachsene im Umgang mit dem Internet und Sozialen Netz werk platt formen nicht nur Adressaten pädagogi scher Interven tionen, sondern auch Akteure eines kulturellen Wandels sind, dann ist die Familie ein Kontext, dem man aus reichend Beach tung schenken muss. „Empfehlen“ kann man Familien vor diesem Hinter grund, dass sie sich vor dem technologi schen Wandel nicht ver schließen, sondern diesen, so gut es geht, in ihr Leben integrie ren und dort nach eigenen Bedürf nissen ge stalten. Das heißt: Wenn Familien digitale Medien zur Informa tion, Kommunika tion, Bildung und Unter haltung sicht bar und integriert in den Alltag nutzen, haben Jugend liche eine Chance, an ver schiedenen digitalen Welten teilzuhaben. Wenn Familien digitale Medien in diesem Zusammen hang auch hinter fragen und an ihre Bedürf nisse anpassen, wenn sie informierte Ent schei dungen treffen und selbst er proben, was diese ihnen nutzen und wo sie ihnen eher schaden, dann er möglichen sie auch den Jugend lichen nicht nur die Über nahme sozialer Routinen (bis hin zu Zwängen), sondern die Teilhabe im hier ver standenen Sinne. Nur wenn Jugend liche und junge Erwachsene am Internet teilhaben, können sie sich bewusst auch an den Stellen von digitalen (Teil)Öffentlich keiten (vgl. Schmidt, 2009, S. 105) ab grenzen, wo dies den persön lichen Wün schen und Bedürf nissen oder selbst ge bildeten Meinun gen und Positionen zuwiderläuft. Der Kontext Schule Auch die Schule kann auf ihre Weise Jugend lichen und jungen Erwachsenen eine Teilhabe an der digitalen Gesell schaft er möglichen, indem sie Computer und Internet als selbst verständ lichen Bestand teil heuti ger Informa tion und Kommunika tion in die Schule integriert. Dazu gehört allem voran die Nutzung digitaler Räume und Werkzeuge, aber auch digitaler Sozialer Netz werke im Fach unterricht. Es mangelt nicht an theoretisch und empirisch unter fütterten didakti schen Empfeh lungen dafür, wie man Computer und Internet sinn voll 427 für LehrLernprozesse nutzen kann. Es fehlt aber immer noch an der ent sprechen den Aus und Fortbil dung der Lehrenden, an der techni schen Infra struktur und vor allem am politi schen Willen, auch die Rahmen bedin gungen so zu ge stalten, dass sie den Medien einsatz im Unter richt (und damit das Engagement medienaffiner und erfahrener Lehrer) fördern und nicht be hindern (Breiter, Welling & Stolpmann, 2010). Zwar ver fügen 89,5 Prozent der Schulen bereits über Computer, allerdings stehen in nur 7,5 Prozent der Fälle tatsäch lich jedem Schüler im Klassenzimmer ein PC, Notebook oder Netbook zur Ver fügung. Die Ver mitt lung von digitaler Kompetenz wird dem privaten Umfeld über lassen (Peterhans & Sagl, 2011). Empfeh lungen für die Schule, die weniger das Span nungs feld Wissen und Handeln, sondern eher das Span nungs feld Steue rung und Kontroll verlust im Blick haben, sind daher nicht so sehr medien erzieheri scher, sondern zunächst einmal mediendidakti scher Art: Erst wenn die digitalen Medien zum Alltags geschäft der Schule ge hören, können Lehrer und Schüler deren Chancen und Risiken für Informa tion, Kommunika tion und Lernen gemeinsam erleben. Das wiederum ist die Voraus setzung dafür, auf der Grundlage von Wissen und Erfah rungen die Vor und Nachteile der Medien nutzung zu ge wichten und die Nutzungs formen ent sprechend auszu bal ancieren. Auf diesem Wege schafft man Normen und neue Standards im Umgang mit digitalen Technologien und kann die Schüler daran direkt be teili gen. Punktuell wird das heute bereits deut lich, wenn einzelne medienaffine Lehrer selbst Mitglied bei OnlineCommunities sind. So haben sich noch keine sozialen Regeln dafür etablie ren können, wie ein solcher Lehrer z. B. mit Kontakt anfragen seiner Schüler umgehen sollte. Soziale Regeln aber können sich nur aus bilden, wenn sie aus gehandelt werden und sich be währen. Während man in der Schule – mehr Offen heit im skizzierten Sinne voraus gesetzt – aus unserer Sicht prinzipiell gute Möglich keit hat, die Teilhabe zu fördern, dürfte es an gesichts der vielfälti gen Auf gaben der heuti gen Schulen in den meisten Fällen eher eine Über forde rung darstellen, auch die Ver ände rung im Sinne eines politi schen Engagements im schuli schen Umfeld auf die Agenda zu nehmen. Der Kontext Jugendeinrich tungen Jugend liche und junge Erwachsene in ihrer Rolle als Akteure der Verände rung zu sehen und sie darin zu ermuti gen wie auch zu be gleiten, könnte be sonders gut in Jugendeinrich tungen ge lingen. Wenn wir an dieser Stelle von Jugend einrich tungen sprechen, haben wir allerdings nicht nur die klassi schen Jugend verbände und vereine im Blick, die sich dem Feld der sozialen Arbeit zuordnen lassen. Jugendarbeit im weitesten Sinne be treiben auch Sport, Musik und Freizeiteinrich tungen sowie Einrich tungen, in denen sich speziell junge Erwach sene ehren amtlich oder im Rahmen eines sozialen Jahres oder im Zuge des Bundes freiwilligendienstes einbringen. Diese Erweite rung ist für das Handeln 428 im Span nungs feld Steue rung und Kontroll verlust deswegen von großer Bedeu tung, weil nur in einer Vielzahl von Hand lungs kontexten so etwas wie kultureller Wandel an gestoßen und ge staltet werden kann. Exemplarisch möchten wir an dieser Stelle zunächst auf den Sport bzw. auf Sport verbände und vereine ver weisen, die auch in einem der Experten interviews zur Sprache ge kommen sind und in der Lebens welt vieler Jugend licher und junger Erwachsener laut eigenen Darstel lungen in unseren Interviews eine nicht unerheb liche Rolle spielen3: Im Sport treffen Jugend liche und junge Erwachsene mit ver schiedenen sozialen und bil dungs bezogenen Hinter gründen zusammen, so dass bereits aus diesem Grund eine Vielfalt an gesell schaft lichen Themen präsent ist, z. B. Freund schaft und zwischen mensch liche Konflikte oder soziale Einbin dung und Aus gren zung. Im Sport konzentrie ren sich junge Menschen auf den ersten Blick nur auf einen Aspekt, nämlich die gemeinsame Bewegung, das Spiel und/oder den Wett bewerb. Genau dabei aber werden eben falls viele darüber hinaus gehende Themen tangiert: z. B. Fairness und Regel konformi tät, Konkurrenz und sozialer Ver gleich etc. Die Koordina tion im Mannschafts wie im Freizeitsport wird von vielen Jugend lichen und jungen Erwachsenen über Soziale Netz werk platt formen ab gewickelt; Erleb nisse und Fotos aus dem Sport werden in Online Communities ver breitet, körper liche Mängel und Misserfolge sind potenzielle Anlässe z. B. für CyberMobbing bzw. Bullying (Brandzaeg, Staksrud, Hagen & Wold, 2009; Grimm, Rhein & ClausenMuradian, 2008; Smith, Mahdavi, Carvalho & Tippett, 2006). Der Sport ist für viele junge Menschen eine Lebens welt, die sich auch auf Sozialen Netz werk platt formen wider spiegelt und in der es viele Anlässe gibt, nicht nur über Privat heit und Öffentlich keit nach zudenken, sondern damit auch zu experimentie ren und einen ausbal ancierten Umgang mit den damit ver bundenen Freiheiten und neuen Begren zungen zu finden. Bislang allerdings sind Trainer und Übungs leiter im Sport für diese Heraus forde rungen, Jugend liche bei der Teilhabe an digitalen (Teil)Öffentlich keiten indirekt zu be gleiten, in der Regel noch weniger vor bereitet als Lehrer oder Pädagogen an Jugendeinrich tungen im engeren Sinne. Auch hinken Sporteinrich tungen bei der Nutzung digitaler Medien für ihren Gegen stand häufig der techni schen Ent wick lung hinter her. Hier kann man mit Informa tions angeboten und Koopera tionen ent sprechend ansetzen. Ein Feld für politi sches Engagement schließ lich, das in unseren Interviews mit jungen Erwachsenen nur einmal direkt ge nannt wurde, sind keines wegs nur Parteien, sondern auch Ver eine und Ver bände, die soziale oder ökologi sche Ziele ver folgen. All diese Felder können und sollen unserer Einschät zung nach nicht zu Akteuren aktiver Medienarbeit im klassi schen Sinne werden. Jedoch sollten sie ihr Potenzial er kennen, den 3 An der Stelle muss man zwar er gänzen, dass der Kontakt zu ungefähr einem Drittel der Jugend lichen im Rahmen der Studie über Sport vereine zustande kam; allerdings waren auch die Jugend lichen, die nicht über Sport vereine rekrutiert wurden, mehr heit lich Mitglied in mindestens einem Sport verein. 429 kulturellen Wandel im Umgang mit Privat heit und Öffentlich keit bei Jugend lichen und jungen Erwachsenen mitzu gestalten. 2.4 Zusammen fassung Über welches Wissen müssen Eltern, Pädagogen und weitere gesell schaft liche Ent scheider ver fügen, um junge Menschen adäquat in ihrer digitalen Nutzung zu be gleiten bzw. auf den Ordnungs rahmen einzu wirken? Wie kann Medien pädagogik junge Menschen zielgruppen gerecht für Fragen des Daten schutzes und der Wahrung von Persönlich keits rechten (Andrejevic, 2005; Astheimer, 2011; Boyd & Marwick, 2011; Preibusch, 2011; Solove, 2007) sensibilisie ren? Fragen dieser Art, die – neben anderen Fragen – der vor liegen den Studie zugrunde lagen, ver langen nach Hand lungs empfeh lungen, die sich aus den empiri schen Daten der Studie nicht direkt ab leiten lassen. Bei genaue rer Betrach tung der Erkenntnis lage drängen sich zudem Zweifel auf, ob die klassi schen Formen der Sensibilisie rung und Aktivie rung, die auch im Falle der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen in jedem Fall (noch) an gezeigt sind, die besten und die einzigen Maßnahmen sind. Ob insbesondere Wissen aus reicht, um die Probleme, die Jugend liche und junge Erwachsene in OnlineCommunities haben, zu lösen, er scheint wenig wahrschein lich. Welches Wissen dies zudem genau sein muss, lässt sich nur aktuell be stimmen und kann in kurzer Zeit auf grund des technologi schen Wandels schon wieder ver altet sein. Vor diesem Hinter grund haben wir uns als Grundgerüst für die „Hand lungs empfeh lungen an die Medien pädagogik“ für ein Modell ent schieden, welches die Empfeh lungen zum einen auf das Span nungs feld zwischen Wissen und Handeln lenkt, mit denen eher klassi sche pädagogi sche Interven tionen an gesprochen sind. Zum anderen richtet es die Empfeh lungen auf ein zweites Span nungs feld aus, für das es wenig be währte Erkennt nisse gibt: Auf dem Span nungs feld zwischen Steue rung und Kontroll verlust geht es weniger um punktuelle pädagogi sche Interven tionen als um einen kulturellen Wandel. Mit den Begriffen „Teilhabe“ und „Ver ände rung“ haben wir ver sucht, erste Vor schläge zu ent wickeln, wie man Jugend liche und junge Erwachsene in ihrer Rolle als Akteure im Internet und in der Gesell schaft ermuti gen und be gleiten kann. Diese Vor schläge haben zum gegen wärti gen Zeitpunkt orientie ren den Charakter. Für die so ent stehen den „vier Felder“ (siehe hierzu die nach folgende Abbil dung) haben wir die Kontexte Familie, Schule und Jugendeinrich tungen näher be leuchtet und ent sprechende Empfeh lungen bzw. Hinweise formuliert und Argumente ge liefert, die in der medien pädagogi schen Diskussion auf gegriffen werden könnten. 430 Abbil dung 34: Span nungs felder medien pädagogi scher Hand lungs empfeh lungen Sensibilisieren Aktivieren Teilhaben Verändern S p an n u n g sf el d S p an n u n g sfeld Pädagogische Intervention Kultureller Wandel W is se n & H an d el n W is se n & H an d el n S teu eru n g & K o n tro llv erlu st S teu eru n g & K o n tro llv erlu st 431 Literatur Andrejevic, M. (2005). The work of watching one another: Lateral surveillance, risk, and governance. Surveillance & Society, 2(4), 479–497. Verfügbar unter: http:// www.surveillanceandsociety.org/articles2(4)/ lateral. pdf Astheimer, J. (2011). 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Sie sind stattdessen so zu ge stalten, dass die Nutzer die Chancen zur Persönlich keits entfal tung, Informa tions und Meinungs frei heit wahrnehmen können und gleichzeitig die Risiken der Ver letzung von Persönlich keits rechten und von der informa tio nellen Selbst bestim mung minimiert werden. Jedes Grundrecht muss bei der Inanspruchnahme von Social NetworkDiensten in dem jeweils weitest gehenden Umfang ver wirk licht werden können. Dieser Interessen ausgleich kann nicht nur durch gesetz liche Ge und Ver bote herbei geführt werden, sondern auch durch die Gestal tung von Social NetworkPlatt formen – insbesondere des organisatori schen Umgangs mit den personen bezogenen Daten. Die bereits vor gestellten und weiteren Regulie rungs hinweise sollten diese Gestal tungs vorgaben flankie ren, damit sie recht liche Ver bindlich keit er halten. Die folgen den Schutz vorkeh rungen orientie ren sich an den dar gestellten daten schutz recht lichen Prinzipien, die das grundsätz liche Schutz programm im Daten schutz recht darstellen.4 Bei den folgen den Gestal tungs vorschlägen ist zu be rücksichti gen, dass diese sich auf die Aus gestal tung der Social NetworkDienste be ziehen und somit an die Anbieter von Social NetworkDiensten adressiert sind. Die maß gebliche Weichen stel lung für einen effektiven Daten schutz ist allerdings häufig die Ent schei dung, personen bezogene Daten auf die Social NetworkPlatt form einzu stellen. Dieser Akt fällt in die Ver antwortlich keit der Nutzer der Social Network Dienste, sowohl in Bezug auf eigene personen bezogene Daten als auch in Bezug auf die personen bezogenen Daten Dritter, die von ihnen ver öffent licht werden. Einwirkungs möglich keiten des Anbieters be stehen hier eher be grenzt. Es ist 4 S. zu den Prinzipien Teil III Kap 5. 2. 436 aber zumindest möglich, für die Nutzung von Social NetworkDiensten ver bind liche Nutzungs regeln in Form eines communityinternen Ver haltens kodex aufzu stellen, die der Nutzer beim Anmelde vorgang akzeptie ren muss. Bestand teil der Nutzungs regeln sollte zum Beispiel in Anleh nung an § 13a Abs. 2 TMGE die Vorgabe sein, dass personen bezogene Daten nur mit der Einwilli gung des Betroffenen sowie strafrecht lich oder jugendrecht lich unzu lässige Inhalte5 gar nicht ver öffent licht werden dürfen. Erhält der Anbieter Hinweise, dass gegen die Nutzungs regeln ver stoßen worden ist, muss er Auf klä rungs maßnahmen er greifen und die umstrittenen Inhalte sollten bis zu einer eindeuti gen Klärung ge sperrt werden. Auch sollten Sanktionen für einen Ver stoß gegen die Ver haltens regeln bis hin zum Aus schluss aus der Social Community ein deutig fest gelegt und auch bei einem Zuwider handeln vollzogen werden. 3.1 Anmel dung und Profiler stel lung Die Anmel dung auf einer Social NetworkPlatt form erfolgt in der Regel mit der Absicht, Kontakte und Freundes kreise auf einer Platt form abzu bilden und somit private Kommunika tion zu ver einfachen. Der Aspekt, neue Kontakte zu knüpfen und Menschen kennen zulernen, steht nicht un bedingt im Vordergrund.6 Wer einen Social NetworkDienst nutzt, möchte daher in diesem ge funden werden und um gekehrt aber auch andere Personen finden und wissen, mit wem er es zu tun hat. Dies ist das Hauptargument der Anbieter für die Anmel dung mit realem Vor und Nachnamen und gegen das daten schutz fördernde An gebot pseudonymer Netz werke.7 Dieses Argument mag für einige soziale Netz werk platt formen, zum Beispiel Stay Friends oder studiVZ, zutreffend sein, aber längst nicht für alle, zum Beispiel Foren und Blogs. Setzt die sinn volle Nutzung des Dienstes tatsäch lich die Ver wendung des bürger lichen Namens voraus, so wird die Identität der Nutzer durch die derzeit üblichen Anmelde vorgänge nicht gewährleistet. In der Regel werden bei der Anmel dung neben dem Namen die EMailAdresse, das Geburts datum und das Geschlecht ab gefragt. Dies sind alles Informa tionen, die sich von anderen Personen sehr leicht heraus finden lassen. Es erfolgt keine Über prüfung, ob sich tatsäch lich die Person in dem Netz werk anmeldet, die vor gegeben wird. Die Anbieter ver zichten auf eine 5 Verbotene Inhalte sind z. B. Propagandamittel und Kennzeichen ver fassungs widri ger Organisa tionen, Aus schwitz lüge, Kinder, Tier oder Gewaltpornografie, Menschen rechts verlet zungen. S. auch die Auf listung im Ver haltens subkodex für Betreiber von Social Communities der FSM, 11, www.fsm.de/inhalt.doc/ VK_Social_Networks. pdf. 6 S. Teil II, Ab schnitt Kap. 4.2.3. 7 S. Ver haltens subkodex für Betreiber von Social Communities der FSM, 13, www.fsm.de/inhalt.doc/ VK_Social_Networks. pdf. 437 Identi täts prüfung, da sie nicht nur für sie selbst, sondern insbesondere für den Nutzer mit einem höheren Aufwand ver bunden ist, der diesen von der Anmel dung ab halten könnte. Es existie ren allerdings ganz unter schied liche Möglich keiten der Identi täts prüfung. Ein deut lich be sserer Schutz könnte bereits durch die zusätz liche Abfrage der Personal ausweis nummer er reicht werden. Ein sicherer Identi täts schutz er fordert aber den Einsatz des Post IdentVerfahrens, des elektroni schen Personal ausweises und der DeMail. Der Nachteil des Post IdentVerfahrens ist allerdings, dass es einen Medien bruch er fordert, da es nicht rein elektronisch ab gewickelt werden kann. Insofern sind die ge nannten alternativen Ver fahren vorzu ziehen. Die sichere Identifizie rung bietet nicht nur die Gewähr dafür, dass die Nutzer über den Social NetworkDienst mit dem „echten“ alten Freund oder Bekannten kommunizie ren können, sondern sie ist auch die Voraus setzung dafür, die Nutzer bei Rechts verstößen in der Social Community haft bar zu machen. Ein weiterer Vorteil der Identi täts prüfung ist, dass diese unmittel bar mit einer zuverlässigen Alters verifika tion ge koppelt werden kann. Diese ist er forder lich, um die Voraus setzungen der Zulässig keit des Umgangs mit personen bezogenen Daten über prüfen zu können. Sollte § 13a TMGE gelten des Recht werden, wären zudem die Sicher heits einstel lungen alters abhängig differenziert einzu stellen. Im unmittel baren zeit lichen Zusammen hang mit der Anmel dung sollte der Nutzer auf die Privatsphäre einstel lungen hin gewiesen werden. Diese sollten nicht nur wie von § 13a Abs. 1 Satz 3 TMGE ge fordert, die Einstel lungs möglich keit bieten, dass die nutzer generierten Inhalte nicht von externen Suchmaschinen auf gefunden werden können. Darüber hinaus sollten differen zierte Einstel lungs profile über die Zugänglich keit der nutzer generierten Inhalte – Fotos, Freundes listen, Profildaten, Status meldun gen – im Social Network Dienst selbst, wie zum Beispiel die Fest legung, dass die Daten nur von aner kannten Freunden ein gesehen werden können, vor handen sein. Auch sollte differenziert werden können, ob andere Nutzer durch automati sche Hinweise über Daten informiert werden, die neu auf der Sozialen Netz werk platt form ein gestellt worden sind, oder ob die Daten nur auf der Seite des jeweili gen Nutzers einseh bar sind. Jeder Nutzer sollte selbst darüber be stimmen können, ob andere Nutzer Einträge auf seiner Seite, zum Beispiel auf einer Pinnwand, vornehmen oder ob von anderen Nutzern ein gestellte Informa tionen mit den eigenen ver linkt werden können, sogenanntes Tagging. Eine Ab stufung dahin gehend, dass Beiträge aus geschlossen, nur nach Bestäti gung sicht bar oder un beschränkt möglich sind, ist hier sinn voll. Häufig werden von dem Social NetworkDienst automatisch Nutzungs vorgänge, wie zum Beispiel das Ansehen eines Nutzer profils oder die Nutzung einer integrierten Applika tion, dokumen tiert und ver öffent licht. Auch dies sollte der Nutzer durch eine Einstel lungs option ver hindern können. Diese Privatsphäre einstel lungen sollten, wie von 438 § 13a Abs. 1 Satz 1 TMGE ge fordert, standardmäßig auf dem höchsten Sicher heits niveau vor eingestellt sein. Unmittel bar im Anschluss an die Anmel dung erfolgt regelmäßig die Erstel lung des eigenen Nutzer profils. Auf den Profilseiten von Social NetworkPlatt formen finden sich vor gegebene Kategorien, wie zum Beispiel Basisinforma tionen, Kontaktinforma tionen, Aus bildung oder Beruf, mit jeweils vor definierten Einzelangaben, wie zum Beispiel in der Rubrik Basisinforma tionen Geburts datum, Wohnsitz und Familien stand. Social NetworkDienste, die eine pseudo nyme Nutzungs möglich keit vor sehen, sollten die Profilinforma tionen so gering wie möglich halten, damit diese keine Auf deckung des Profils er möglichen. Zum Schutz von Minderjähri gen sollte keine Eingabemöglich keit für Kontakt daten, insbesondere Adresse und Telefon nummer, vor gesehen sein, um das Risiko der Kontakt aufnahme mit den Minderjähri gen außerhalb der Platt form einzu schränken. 3.2 Nutzungs funk tionen Die Nutzungs funk tionen von Social NetworkDiensten sind so vielfältig und werden ständig weiter entwickelt, so dass hier nur ansatz weise Gestal tungs vorschläge ent wickelt werden können. Jegliche Funktion muss den Grundsatz der informa tio nellen Selbst bestim mung der Nutzer be rücksichti gen, der auf die einfachste Formulie rung ge bracht be deutet, dass jeder selbst be stimmen können muss, wer was wann über ihn weiß. Mit diesem Grundsatz ist es insbesondere nicht ver einbar, dass neue Funktionen in Social NetworkDiensten implementiert werden, ohne dass der Nutzer diese aktivie ren muss, geschweige denn über haupt über die Änderung informiert wird.8 Gerade das Negativbeispiel der automati schen Gesichts erken nung auf von Nutzern ein gestellten Fotos hat gravierende Folgen für die informatio nelle Selbst bestim mung der be troffenen Personen.9 Werden die auf dem Foto ab gebildeten Personen durch die Gesichts erken nungs software identifiziert, handelt es sich um personen bezogene Daten die aus schließ lich mit Einwilli gung des Betroffenen ver öffent licht werden dürfen. Nicht dem Schutz der informa tio nellen Selbst bestim mung, aber dem Schutz der freien Ent faltung der Persönlich keit wider sprechen Maßnahmen des Anbie ters, die den über das Netz werk über mittelten Nachrichten strom an den Nutzer für diesen nicht erkenn bar be einflussen. Nicht nur bei Suchmaschinen, sondern 8 S. z. B. die Einfüh rung der automati schen Gesichts erken nung von Facebook, www.faz.net/aktuell/ technikmotor/computerinternet/gesichtserkennungbeifacebookgesuchterkanntverlinkt1657009. html. 9 S. zur daten und urheber recht lichen Bewer tung Teil III Kap. 6.4.4 439 auch in Social Netz works ist mittlerweile der Einsatz von Algorithmen üblich, die zu einer nutzerindividuellen Filte rung von Informa tionen führen.10 Somit ent scheiden die Software und die Anwender der Dienste angebote, welche Informa tionen ein Nutzer erhält. In vielen Fällen mögen die Filter Voraus setzung dafür sein, dass die Nutzer die Informa tions flut – auch in Social Networks – über haupt be wälti gen können. Gleichzeitig bergen sie aber das enorme Risiko der Beschnei dung der Informa tions und Meinungs frei heit und können die grundsätz lich freie Persönlich keits entfal tung massiv be einträchti gen (s. Teil III Kap. 3.1). Ein Aus gleich dieses Interessen konflikts kann nur er reicht werden, wenn derartige Funk tions ände rungen für den Nutzer transparent er folgen und – sofern möglich – von ihm aktiviert werden müssen. Nahezu alle sozialen Netz werk dienste ver fügen über eine interne Suchfunk tion, durch die die anderen Nutzer auf gefunden werden können. Hier ist ein Aus gleich zwischen der Effektivi tät der Suchfunk tion und dem Persönlich keits schutz er forder lich, der durch die Auf find bar keit für andere be einträchtigt wird. Zum einen kann ein individueller Persönlich keits schutz er reicht werden, indem die Profileinstel lungen die Funktion auf weist, nur be stimmte Informa tionen für die Suchfunk tion zu aktive ren. Ein allgemeiner Persönlich keits und insbesondere auch Minderjährigen schutz er fordert darüber hinaus, be stimmte Informa tionen als Suchkritierien auszu schließen. Hierzu sollten insbesondere die Kontakt daten ge hören, sofern sie im Profil hinter legt sind und bei Minder jähri gen zusätz lich das Alter und Geburts datum. Fast alle Social NetworkDienste finanzie ren sich über Werbung. Unabhängig von der Frage, ob den Nutzern bekannt ist, dass ihre personen bezogenen Daten – Profildaten, nutzer generierte Inhalte und Nutzungs daten – für personalisierte Werbung aus gewertet werden, ist dies nur mit der aus drück lichen Einwilli gung des Nutzers daten schutz schutz recht lich zulässig (s. Teil III Kap. 6.4.3). Die Einblen dung nicht personalisierter Werbung ist dagegen daten schutz recht lich irrelevant. Die Social NetworkDienste müssen demnach so ge staltet werden, dass bei einer fehlen den Einwilli gung eines Nutzers, seine Daten zu Werbe zwecken auszu werten, auch tatsäch lich keine Daten auswer tung erfolgt. Um zudem den Minderjährigen schutz zu gewährleisten, ist es er forder lich, dass Werbe einblen dungen auf Minderjährige ab gestimmt sein müssen. Unzulässig ist insbesondere Werbung für Produkte, die nicht an Minderjähri gen ver kauft werden dürfen, wie zum Beispiel Alkohol oder jugendgefährdende Bücher, Videos, CDs oder Sport wetten sowie Werbung, die in ihrer konkreten Aus gestal tung ge eignet ist, die Unerfahren heit von Kindern und Jugend lichen auszu nutzen (BGH, MMR 2009, S. 112 f.). 10 S. hierzu www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,750111,00. html. 440 3.3 Ab meldung Auch wenn das Internet nichts ver gisst und somit nie aus geschlossen werden kann, dass einmal in das Internet ein gestellte Daten auf irgendeinem Server oder in irgendeinem Cachespeicher dauer haft ver fügbar sind, ist die Löschung von Daten von er heblicher Bedeu tung. Ent sprechend der Forde rung von § 13 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 und Satz 2 TMGE sollte jede Social NetworkPlatt form über ein leicht erkenn bares, unmittel bar er reich bares und ständig ver fügbares Bedien element ver fügen, durch das der Nutzer alle seine personen bezogenen Daten unmittel bar löschen oder zumindest die Löschung durch den Dienste anbieter ver anlassen kann. Die Löschung muss das Nutzer profil, alle weiteren nutzer generierten Inhalte und auch die Nutzungs daten umfassen. Waren die personen bezogenen Daten des Nutzers mit anderen Inhalten in der Platt form ver linkt, so müssen diese Links nach der Löschung ins Leere führen oder eben falls ge löscht werden. 441 Abbildungs und Tabellenverzeichnis Abbildungen Abbil dung 1: Einfluss variablen in Anleh nung an das integrierte Ver haltens modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 Abbil dung 2: Konkurrierende Einfluss dimensionen auf das Selbst darstel lungs verhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 Abbil dung 3: Nutzungs häufig keit der Social WebAnwen dungen . . . . . . . 135 Abbil dung 4: Aktivi täts grad pro Anwen dung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136 Abbil dung 5: Alters gruppen nach Aktivi täts grad im Social Web . . . . . . . . 138 Abbildung 6: Geteilte Informationen im Social Web nach Altersgruppen . . . 144 Abbil dung 7: Zugang zu den ge teilten Informa tionen (Alters gruppe 13–24 Jahre) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146 Abbil dung 8: Zugang zu den ge teilten Informa tionen (Alters gruppe 25–34 Jahre) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 Abbil dung 9: Zugang zu den ge teilten Informa tionen (Alters gruppe 35+ Jahre) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 Abbildung 10: Durchschnittliche Häufigkeit kommunikativer Handlungen . . . 184 Abbil dung 11: Nutzungs motive Sozialer Netz werk platt formen . . . . . . . . . 196 Abbil dung 12: Preis gabe von Profilinforma tion . . . . . . . . . . . . . . . . . 200 Abbil dung 13: Über legungen beim Ändern des Profils (Mittelwerte) . . . . . . 206 Abbil dung 14: Thema der Seite . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208 Abbil dung 15: Über legungen beim Fan einer Seite werden (Mittelwerte) . . . . 209 Abbil dung 16: Typen von Status meldun gen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212 Abbil dung 17: Form von Status meldun gen und Pinnwandeinträgen . . . . . . . 214 Abbil dung 18: Inhalte von Status meldun gen und Pinnwandeinträgen . . . . . . 215 Abbil dung 19: Imaginiertes Publikum von Status meldun gen und Pinnwand einträgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216 Abbil dung 20: Über legungen beim Posten von Pinnwandeinträgen und Status meldun gen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217 Abbil dung 21: Fotos in Fotoalben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 Abbil dung 22: Restriktivi tät der PrivatsphäreOptionen . . . . . . . . . . . . . 221 Abbil dung 23: Anzahl der Kontakte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224 Abbil dung 24: Bekannt heits grad und Nähe der Kontakte . . . . . . . . . . . . 225 Abbil dung 25: Bekannt heits grad der hinzu gefügten und be stätigten Kontakte (Tracking) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227 442 Abbil dung 26: Dauer des Kennens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228 Abbil dung 27: Über legungen beim Freunde hinzu fügen und Freundschafts anfragen be antworten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229 Abbil dung 28: Modell 1 – Strukturmodell mit der Anzahl der Profil informa tionen als ab hängige Variable . . . . . . . . . . . . . . 255 Abbil dung 29: Modell 2 – Strukturmodell mit den Selbstoffenba rungs Aktivi täten als ab hängige Variable . . . . . . . . . . . . . . . . 257 Abbil dung 30: Modell 3 – Strukturmodell mit den PrivatsphäreOptionen als ab hängige Variable . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259 Abbil dung 31: Modell 4 – Strukturmodell mit der Anzahl der Kontakte als ab hängige Variable . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260 Abbil dung 32: Privatsphäre in der Psychologie und im Recht . . . . . . . . . . 323 Abbil dung 33: Akteure und Adressaten medien pädagogi scher Hand lungs empfeh lungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 414 Abbil dung 34: Span nungs felder medien pädagogi scher Hand lungs empfeh lungen 430 Tabellen Tabelle 1: Soziale Netz werk platt formen in Deutschland . . . . . . . . . . . . 22 Tabelle 2: Zuord nung der Forschungs fragen zu den Unter suchungs schritten . 78 Tabelle 3: Zusammen stel lung der Stichprobe für die Interviews mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen . . . . . . . . . . . . . . . . 85 Tabelle 4: Nutzer typologie nach Aktivi täts grad . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 Tabelle 5: Internet und SocialWebSelbst wirksam keit nach Alters gruppen . 139 Tabelle 6: Neigung zur Selbstoffenba rung nach Alters gruppen . . . . . . . . 140 Tabelle 7: Sorge um Privatsphäre und techni scher Schutz im Social Web nach Alters gruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142 Tabelle 8: Prädiktoren der OnlineSelbstoffenba rung . . . . . . . . . . . . . . 151 Tabelle 9: Prädiktoren der OnlineSelbstoffenba rung inkl. Nutzungs aktivi tät der Social WebAnwen dungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 Tabelle 10: Programm blöcke der standardisierten OnlineBefra gung . . . . . . 161 Tabelle 11: Quoten erfül lung der standardisierten OnlineUmfrage . . . . . . . 163 Tabelle 12: Teilnehmer nach Bundes ländern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 Tabelle 13: Auf treten der Events und Fallzahl der Kontext fragebögen im Ver gleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 Tabelle 14: Interneterfah rung in Jahren nach Geschlecht und Alter . . . . . . . 173 Tabelle 15: Interneterfah rung in Jahren nach formaler Bildung . . . . . . . . . 174 Tabelle 16: Dauer der täglichen Internetnut zung nach Geschlecht und Alters gruppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 Tabelle 17: Dauer der täglichen Internetnut zung nach formaler Bildung . . . . 175 Tabelle 18: Ort der Internetnut zung nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . 176 Tabelle 19: Ort der Internetnut zung nach formaler Bildung . . . . . . . . . . . 177 Tabelle 20: Internetaktivi täten nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . 178 Tabelle 21: Genutzte Netz werk platt formen nach Geschlecht und Alter . . . . . 180 443 Tabelle 22: Genutzte Netz werk platt formen nach formaler Bildung . . . . . . . 181 Tabelle 23: Haupt netz werk nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . 182 Tabelle 24: Haupt netz werk nach formaler Bildung . . . . . . . . . . . . . . . . 182 Tabelle 25: Aktivi täten auf Sozialen Netz werk platt formen nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186 Tabelle 26: Aktivi täten auf Sozialen Netz werk platt formen nach formaler Bildung und Haupt netz werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 Tabelle 27: Häufig keit, Anzahl der Nutzer und Dauer der DomainVisits und URLAufrufe je Nutzungs aktivi tät . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 Tabelle 28: Mittelwerte und Standardabweichung der Nutzungs motive . . . . . 195 Tabelle 29: Nutzungs motive nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . 197 Tabelle 30: Nutzungs motive nach formaler Bildung und Haupt netz werk . . . . 198 Tabelle 31: Profilinforma tionen nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . 204 Tabelle 32: Profilinforma tionen nach formaler Bildung und Haupt netz werk . . 205 Tabelle 33: Kommunika tion nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . 210 Tabelle 34: Kommunika tion nach formaler Bildung und Haupt netz werk . . . . 211 Tabelle 35: Faktoren analyse der Status meldun gen . . . . . . . . . . . . . . . . 212 Tabelle 36: PrivatsphäreOptionen nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . 222 Tabelle 37: PrivatsphäreOptionen nach formaler Bildung und Haupt netz werk . 223 Tabelle 38: Kontakte nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . . . . . 226 Tabelle 39: Kontakte nach formaler Bildung und Haupt netz werk . . . . . . . . 226 Tabelle 40: Selbstoffenba rung nach Selbstoffenba rungs typ . . . . . . . . . . . 231 Tabelle 41: SozioDemografie, Nutzungs häufig keit und Nutzungs motive nach Selbstoffenba rungs typ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 Tabelle 42: Faktoren analyse zur Sorge um die Privatsphäre . . . . . . . . . . . 236 Tabelle 43: Faktoren analyse zur Risikoeinschät zung . . . . . . . . . . . . . . . 237 Tabelle 44: Mittelwerte und Standardabweichung der Risikoeinschät zung . . . 239 Tabelle 45: Korrela tionen zwischen den Indices zur Sorge um die Privatsphäre 240 Tabelle 46: Sorge, Autonomiebedürfnis und Risiken nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240 Tabelle 47: Sorge, Autonomiebedürfnis und Risiken nach formaler Bildung und Haupt netzwerk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241 Tabelle 48: Sorge, Autonomiebedürfnis und Risiken nach Selbstoffen ba rungs typ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242 Tabelle 49: Negative Erfah rungen nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . 244 Tabelle 50: Negative Erfah rungen nach formaler Bildung und Haupt netz werk . 245 Tabelle 51: Einstel lung zu Persönlich keits rechten nach Geschlecht und Alter . 246 Tabelle 52: Einstel lung zu Persönlich keits rechten nach formaler Bildung und Haupt netz werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246 Tabelle 53: Umgang mit Urheber rechten nach Geschlecht und Alter . . . . . . 248 Tabelle 54: Umgang mit Urheber rechten nach formaler Bildung und Haupt netz werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248 Tabelle 55: Negative Erfah rungen, Umgang mit Persönlich keits rechten und Urheber recht nach Selbstoffenba rungs typ . . . . . . . . . . . . . . 249 Tabelle 56: Einfluss der Sorge um die Privatsphäre auf die OnlineSelbst offenba rung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 444 Tabelle 57: Einfluss der Persönlich keits eigen schaften auf die OnlineSelbst offenba rung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252 Tabelle 58: Korrela tionen zwischen Motiven, Einstel lungen, Normen und Selbst wirksam keit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254 Tabelle 59: Zusammen stel lung der Stichprobe für die Interviews mit Experten 273 Tabelle 60: Alters grenzen der empiri schen Studie und im Recht . . . . . . . . 334 445 Die Autoren Yvonne Allgeier, cand. B. Sc., studierte von 2009 bis 2012 den Bachelorstudien gang Kommunika tions wissen schaft an der Universi tät Hohenheim und war 2012 als studenti sche Mitarbeiterin an der Forschungs stelle für Medien wirtschaft und Kommunika tions forschung be schäftigt. Dr. Alexander Florian hat in Köln Pädagogik (Dipl.) studiert und in Augsburg promoviert. Ab 1998 war er am Lehrstuhl für Pädagogi sche Psychologie der Universi tät zu Köln be schäftigt. Von 2005 bis 2010 war er wissen schaft licher Mitarbeiter am Institut für Medien und Bildungs technologie der Universi tät Augsburg bei der Professur für Medien pädagogik. Parallel war er freiberuf lich als ELearningEntwickler tätig. Seit 2010 ist er an der Universi tät der Bundes wehr München bei der Professur für Lehren und Lernen mit Medien be schäftigt. Interessens felder sind ELearning und Mediendidaktik in Hoch schullehre und Erwachsenen bildung sowie die Ent wick lung techni scher Werkzeuge. Cornelia Graupner-Küsel studierte Pädagogik (Mag. phil.) mit dem Schwer punkt Beratung und Grundlagen der Psychotherapie sowie Psychologie an der Universi tät Innsbruck. Seit 2011 arbeitet sie als wissen schaft liche Mitarbeiterin an der Professur für Lehren und Lernen mit Medien an der Universi tät der Bundes wehr München. Ihre Interessen schwerpunkte liegen im Bereich Online Coaching, OnlinePsychotherapie, Selbst wahrneh mung bei Essstö rungen und be finden sich in der Schnitt menge von (Medien)Pädagogik, Psychologie und Mediendidaktik. Silvia Hartung, M. A., ist seit 2010 wissen schaft liche Mitarbeiterin an der Professur für Lehren und Lernen mit Medien an der Universi tät der Bundes wehr München. Zuvor war sie am Institut für Medien und Bildungs technologie (Professur für Medien pädagogik) der Universi tät Augsburg tätig, wo sie auch ihr Studium in „Medien und Kommunika tion“ (B. A. und M. A.) ab solviert hat. Ihre Arbeits schwerpunkte liegen in der Konzep tion, Durch führung und Evalua tion medien gestützter Lehre sowie in der Gestal tung kompetenzorientierter Assess ment und lernförder licher FeedbackVerfahren. 446 Dr. jur. Silke Jandt hat nach dem Studium der Rechts wissen schaften ihre Disserta tion mit „Ver trauen im Mobile Commerce – Vor schläge für die rechts verträg liche Gestal tung von Location Based Services“ 2008 ab geschlossen, die von der ErichBeckerStiftung, eine Stiftung der Fraport AG zur Förde rung von Wissen schaft und Forschung, durch einen Druck kosten zuschuss ge fördert wurde. Sie ist Preisträgerin des Wissenschafts preises 2008 der Gesell schaft für Daten schutz und Daten siche rung e. V. Seit Februar 2011 ist sie Geschäfts führerin der „Projekt gruppe ver fassungs verträg liche Technik gestal tung (provet)“ im Forschungs zentrum für Informa tions technikGestal tung der Universi tät Kassel. Marianne Kamper, M. A., ist seit 2010 wissen schaft liche Mitarbeiterin an der Professur für Lehren und Lernen mit Medien an der Universi tät der Bundes wehr München. An der Universi tät Augsburg hat sie das Studium „Medien und Kommunika tion“ und an der Hoch schule für Musik Nürnberg ein Studium der Elementaren Musik pädagogik und Klavierpädagogik ab solviert. Ihre Arbeits schwerpunkte liegen im Bereich EPortfolios, insbesondere der Unter stüt zung selbst gesteuerten und reflexiven Lernens sowie in der Ver bindung musik pädagogi scher und mediendidakti scher Themen, so z. B. dem Einsatz digitaler Medien in der künstleri schen Musiker ausbil dung. Julia Niemann, M. A., studierte von 2004 bis 2009 Medien management an der Hoch schule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Seit 2009 ist sie als wissen schaft liche Mitarbeiterin an der Universi tät Hohenheim im Fachgebiet Kommunika tions wissen schaft und Sozialforschung und an der Forschungs stelle für Medien wirtschaft und Kommunika tions forschung be schäftigt. Ihre Interes sen schwerpunkte liegen in der Medien wirkungs forschung und der Medien nutzung Jugend licher, insbesondere dem Social Web. Tamara Ranner, M. A., ist seit April 2010 wissen schaft liche Mitarbeiterin an der Professur für Lehren und Lernen mit Medien an der Universi tät der Bundes wehr München. Zuvor hat sie an der Universi tät Augsburg ihr Studium „Medien und Kommunika tion“ (B. A. und M. A.) ab geschlossen. An der Universi tät der Bundes wehr München ist sie vor wiegend für die Koordina tion und wissen schaft liche Beglei tung von Forschungs und Ent wick lungs projekten ver antwort lich. Ihre Arbeits schwerpunkte liegen im Bereich Videoreflexion, Implementa tions forschung und Mediendidaktik. 447 Prof. Dr. Gabi Reinmann studierte Psychologie (Dipl.), promovierte an der LudwigMaximiliansUniversi tät München in den Fächern Psychologie, Päda gogik und Psycholinguistik und habilitierte dort auch zum Thema Wissens management. Nach der Promo tion war sie wissen schaft liche Mitarbeiterin am Institut für Empirische Pädagogik und Pädagogi sche Psychologie (Lehrstuhl Prof. Mandl). 2001 bis 2010 ging sie als Professorin für Medien pädagogik an die Universi tät Augsburg; seit April 2010 hat sie eine Professur für Lehren und Lernen an der Universi tät der Bundes wehr München inne. Ihre Schwerpunkte in Forschung, Lehre und Ent wick lung sind Hoch schuldidaktik, Lehren und Lernen mit Medien in ver schiedenen Bildungs kontexten, Wissen und Lernen in Organisa tionen (Wissens management) sowie Evalua tions und Ent wick lungs forschung. Prof. Dr. jur. Alexander Roßnagel hat nach dem Studium der Rechts wissen schaften 1981 seine Disserta tion und 1991 seine Habilita tion ab geschlossen. Er ist Universi täts professor für Öffent liches Recht mit dem Schwerpunkt Recht der Technik und des Umweltschutzes an der Universi tät Kassel und wissen schaft licher Leiter der „Projekt gruppe ver fassungs verträg liche Technik gestal tung (provet)“ im Forschungs zentrum für Informa tions technikGestal tung der Uni versi tät Kassel. Von 2003 bis Februar 2011 war er Vizepräsident der Universität Kassel. 1993 erhielt er den Forschungs preis Technische Kommunika tion der AlcatelLucent Stiftung, 1995/96 war er Stif tungs professor der AlcatelLucent Stiftung am Zentrum für Interdis ziplinäre Technik forschung der Technischen Universi tät Darmstadt. Seit 1999 gibt er den wissen schaft lichen Kommentar zum Informa tions und Kommunika tions diensteGesetz und Mediendienste Staats vertrag „Recht der Multimediadienste“ heraus, der in der für 2013 an gekündigten Neu auflage unter dem Titel „Beck’scher Kommentar zum Recht der Telemediendienste“ fort geführt wird. 2001 er stellte er im Auftrag des Bundesinnen ministeriums ein Gutachten zur „Modernisie rung des Daten schutz rechts“ und gab 2003 das Handbuch Daten schutz recht heraus. 448 Prof. Dr. Dr. habil. Michael Schenk ist Leiter der Forschungs stelle für Medien wirtschaft und Kommunika tions forschung an der Universi tät Hohenheim (Stutt gart). Nach seinem Studium der Betriebs wirtschafts lehre an der Universi tät Regens burg, Promo tion und Habilita tion an der Universi tät Augsburg wirkte er von 1983 bis 1985 als Professor für Medien wirtschaft und Medien wirkung an der Universi tät Mainz. Seit 1986 ist er ordent licher Professor für Kommunika tions wissen schaft und Sozialforschung an der Universi tät Hohenheim (1986 bis 1991 als Stif tungs professor des Süd deutschen Rundfunks). Er leitete das Institut für Kommunika tions wissen schaft an der Universi tät Hohenheim bis Anfang 2012. Seit 2012 ist er zusätz lich als Gast professor für Medien und Kommunika tions wissen schaft an der Universi tät Fribourg/Schweiz tätig. Die Schwerpunkte der Forschung von Michael Schenk liegen im Bereich der Medien wirkungs forschung und der Neuen Medien. Von 2008 bis 2011 leitete er u. a. das von der Deutschen Forschungs gemein schaft ge förderte Projekt „Die Diffusion der Medien innova tion Web 2.0. Determinanten und Aus wirkung aus Perspektive der Nutzer“. Jan-Mathis Schnurr, M. A., ist seit 2011 wissen schaft licher Mitarbeiter an der Professur für Lehren und Lernen mit Medien an der Universi tät der Bundes wehr München. Im Jahr 2010 schloss er den Masterstudiengang „Medien und Kommunika tion“ an der Universi tät Augsburg ab. Dort war er in den Jahren 2008 und 2009 bereits an Forschungs und Ent wick lungs projekten im Bereich digitaler Medien be teiligt. Seine Arbeits schwerpunkte sind Kommunika tion, Kollabora tion und Koopera tion im Internet. Seit 2012 arbeitet er in einem Projekt mit der Forschungs gruppe Koopera tions systeme München an der Ein füh rung einer Sozialen Netz werk platt form für Sani täts offiziere der Bundes wehr. Doris Teutsch, B. A., schloss 2010 den Bachelor Kommunika tions wissen schaft an der LMU München ab. Seitdem studiert sie im Masterstudiengang Empirische Kommunika tions wissen schaft an der Universi tät Hohenheim und ist an der Forschungs stelle für Medien wirtschaft und Kommunika tions forschung als studenti sche Mitarbeiterin tätig. Kim Wlach, cand. B. Sc., studierte von 2009 bis 2012 im Bachelor Kommuni ka tions wissen schaft an der Universi tät Hohenheim und war von 2011 bis 2012 als studenti sche Mitarbeiterin an der Forschungs stelle für Medien wirtschaft und Kommunika tions forschung be schäftigt. Seit Oktober 2012 studiert sie im dualen Master Strategic Sales Management an der ESB Reutlingen. 69 65 S C H R I F T E N R E I H E M E D I E N F O R S C H U N G D E R L A N D E S A N S T A L T F Ü R M E D I E N N O R D R H E I N - W E S T F A L E N ( L f M ) 66 67 70 68 Werbung in Computerspielen: Herausforderungen für Regulierung und Medienpädagogik herausgegeben von Dieter Dörr, Christoph Klimmt und Gregor Maschmann Mitarbeit: Franziska Roth, Alexandra Sowka und Nicole Zorn 232 Seiten, 17 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-556-6 Euro 15,– (D) Unterhaltung ohne Grenzen? Der Schutzbereich der Menschenwürde in den Programmgrundsätzen der Medienstaatsverträge von Nadine Klass 148 Seiten, DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-554-2 Euro 12,– (D) Mit Computerspielern ins Spiel kommen Dokumentation von Fallanalysen von Jürgen Fritz und Wiebke Rohde 136 Seiten, DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-548-1 Euro 10,– (D) Wie Computerspieler ins Spiel kommen Theorien und Modelle zur Nutzung und Wirkung virtueller Spielwelten von Jürgen Fritz 176 Seiten, 12 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-547-4 Euro 12,– (D) Kompetenzen und exzessive Nutzung bei Computerspielern: Gefordert, gefördert, gefährdet von Jürgen Fritz, Claudia Lampert, Jan-Hinrik Schmidt und Tanja Witting Mitarbeit: Marius Drosselmeier, Wiebke Rohde, Christiane Schwinge und Sheela Teredesai 312 Seiten, 61 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-546-7 Euro 21,– (D) Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 66, 67 und 68; ISBN 978-3-89158-549-8 Gesamtpreis Euro 35,– (D) Skandalisierung im Fernsehen Strategien, Erscheinungsformen und Rezeption von Reality TV Formaten von Margreth Lünenborg, Dirk Martens, Tobias Köhler und Claudia Töpper 272 Seiten, 60 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-542-9 Euro 18,– (D) 64 58 59 60 61 63 62 Medienkompetenz in der Schule Integration von Medien in den weiterführenden Schulen in Nordrhein-Westfalen von Andreas Breiter, Stefan Welling und Björn Eric Stolpmann 352 Seiten, 88 Abb./Tab., DIN A5, 2010 ISBN 978-3-89158-539-9 Euro 22,– (D) Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund Umfragen und Gruppendissionen mit Personen türkischer Herkunft und russischen Aussiedlern im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in Nordrhein-Westfalen von Joachim Trebbe, Annett Heft und Hans-Jürgen Weiß. Mitarbeit Regine Hammeran 228 Seiten, 81 Abb./Tab., DIN A5, 2010 ISBN 978-3-89158-518-4 Euro 15,– (D) Heranwachsen mit dem Social Web Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen herausgegeben von Jan-Hinrik Schmidt, Ingrid Paus-Hasebrink und Uwe Hasebrink 360 Seiten, 84 Abb./Tab., DIN A5, 2. unveränderte Auflage, April 2011 ISBN 978-3-89158-509-2 Euro 22,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Fernsehen Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Fernsehens von Helmut Volpers, Uli Bernhard und Detlef Schnier 276 Seiten, 166 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-485-9 Euro 18,– (D) Journalistische Recherche im Internet Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online von Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker 412 Seiten, 127 Abb./Tab., DIN A5, 2. Auflage 2010 ISBN 978-3-89158-480-4 Euro 23,– (D) Mehr Vertrauen in Inhalte Das Potenzial von Ko- und Selbstregulierung in den digitalen Medien herausgegeben von Wolfgang Schulz und Thorsten Held 224 Seiten, 8 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-479-8 Euro 15,– (D) Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung Mediennutzung und Medienkompetenz von Mädchen und Jungen sowie medienpädagogische Handlungsmöglichkeiten von Renate Luca und Stefan Aufenanger 268 Seiten, 33 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-468-2 Euro 18,– (D) 53 VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 Telefon: 030 / 32 70 74 46 10781 Berlin Telefax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Der Medienverlag 51 50 54 55 56 Bürgerfernsehen in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse herausgegeben von Helmut Volpers und Petra Werner 236 Seiten, 94 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-453-8 Euro 15,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Radio Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Hörfunks von Helmut Volpers 264 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-449-1 Euro 18,– (D) Geschichte im Fernsehen Eine Untersuchung zur Entwicklung des Genres und der Gattungsästhetik geschichtlicher Darstellungen im Fernsehen 1995 bis 2003 von Edgar Lersch und Reinhold Viehoff 344 Seiten, 119 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-454-5 Euro 21,– (D) Die Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa von Alexander Roßnagel, Thomas Kleist und Alexander Scheuer 344 Seiten, 8 Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-445-3 Euro 20,– (D) Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse von Helmut Volpers, Detlef Schnier und Christian Salwiczek 220 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2006 ISBN 978-3-89158-420-0 Euro 15,– (D) Suchmaschinen: Neue Herausforderungen für die Medienpolitik herausgegeben von Marcel Machill und Norbert Schneider 200 Seiten, 65 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-410-1 Euro 15,– (D) Weitere Details zu allen Bänden in der Schriftenreihe der LfM finden Sie gerne im Internet : Soziale Netzwerkplattformen sind aus dem Internet nicht mehr wegzudenken. Gerade Jugendliche und junge Erwachsene nutzen sie, um Kontakte zu pflegen und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Dabei müssen und wollen sie zahlreiche Informationen über sich preisgeben. Dies kann dazu führen, dass sie ihre eigene Privatsphäre gefährden. Die Nutzung der Plattformen erfolgt in einem Spannungsfeld zwischen wahrgenommenen Chancen und Risiken. Die vorliegende Studie untersucht, wie 12- bis 24-Jährige Soziale Netzwerkplattformen nutzen, welche Informationen sie von sich dort preisgeben, wie sie die Risiken einschätzen und ihre Privatsphäre online schützen. Diese Fragestellungen wurden in einer empirischen Untersuchung mit einer Kombination aus qualitativen und quantitativen Methoden beantwortet. Neben qualitativen Interviews mit jungen Nutzern und Experten, wurde eine standardisierte Befragung inklusive einer Trackingstudie durchgeführt. Außerdem be inhaltet der Band ein ausführliches Rechtsgutachten zum Datenschutz. Anhand der Ergebnisse wurden Gestaltungsvorschläge für den Gesetzgeber und die Medienpädagogik formuliert. Die Herausgeber: V Prof. Dr. Dr. habil. Michael Schenk Leiter der „Forschungsstelle für Medienwirtschaft und Kommunikationsforschung“ der Universität Hohenheim V Julia Niemann M.A. Wissenschaftliche Mitarbeiterin der „Forschungsstelle für Medienwirtschaft und Kommunikationsforschung“ an der Universität Hohenheim V Prof. Dr. Gabi Reinmann Professorin für Lehren und Lernen mit Medien an der Universität der Bundeswehr München V Prof. Dr. jur. Alexander Roßnagel Leiter der „Projektgruppe verfassungsverträgliche Technikgestaltung (provet)“ im Forschungszentrum für Informationstechnik-Gestaltung der Universität Kassel Weitere Autoren: V Dr. jur. Silke Jandt Geschäftsführerin der „Projektgruppe verfassungsverträgliche Technikgestaltung (provet)“ im Forschungs- zentrum für Informationstechnik-Gestaltung der Universität Kassel V Jan-Mathis Schnurr M.A. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Lehren und Lernen mit Medien an der Universität der Bundeswehr München ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-577-1 Euro 25,- (D) Digitale Privatsphäre 71 Sc he nk , N ie m an n, R ei nm an n, R oß na ge l ( H rs g. ) Di gi ta le P ri va ts ph är e VV V V Heranwachsende und Datenschutz auf Sozialen Netzwerkplattformen Digitale Privatsphäre Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 71 Michael Schenk, Julia Niemann, Gabi Reinmann, Alexander Roßnagel (Hrsg.) Arbeitet bei: Goethe Schule Wohnt in Neustadt, Germany In einer Beziehung Geboren am 28.09.1978 Layout_LfM-Schriftenreihe_Band_71 Korr 5_. 05.09.12 08:12 Seite 1
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