31.10.2018

Im Gespräch mit Dr. Tobias Schmid

Der Direktor der Landesanstalt für Medien NRW spricht im Medienkompetenzbericht 2018 über Verantwortung und Chancen in der digitalen Welt

Direktor Dr. Tobias Schmid

Was heißt Medienkompetenz für die Landesanstalt für Medien NRW und wie ist 
ihre Grundausrichtung?

Der kompetente Umgang mit Medien bildet eine wesentliche Grundlage zur Wahrnehmung der eigenen digitalen Verantwortung. Unser Anspruch ist es, Bürgerinnen und Bürger in Nordrhein-Westfalen dabei zu unterstützen, die Chancen digitaler Medien zu nutzen und die vorhandenen Risiken einzuordnen. So sollen sich möglichst alle Menschen in NRW sicher und selbstbewusst in den Medien bewegen – egal, ob sie als Rezipientinnen oder Rezipienten unterwegs sind, aktiv Inhalte verbreiten oder Inhalte selbstständig produzieren.

Medienkompetenz bedeutet, sich der Möglichkeiten, aber auch der Probleme bewusst zu sein, die sich aus der Mediennutzung ergeben können und sich entsprechend zu verhalten. Dabei tragen alle Mediennutzerinnen und Mediennutzer Verantwortung für einen angemessenen sozialen Umgang miteinander im Internet. Fälle von Hassrede, Fake News oder Cybermobbing machen aber leider immer wieder deutlich, dass die Auslotung der Debattenkultur im Internet ein noch nicht abgeschlossener Prozess ist. Nicht jedem ist klar, dass Menschenwürde, Jugendschutz, Vielfalt und der Schutz der Nutzerinnen und Nutzer auch im digitalen Raum zentrale Schutzgüter unserer Gesellschaft sind. Sie sind nicht verhandelbar, und dafür setzen wir uns als Landesanstalt für Medien NRW ein.

Wir wollen Menschen dabei unterstützen, wissend, offen und kritisch mit Medien umzugehen.

Was bedeutet die fortschreitende Digitalisierung für die medienpädagogische Ausrichtung der Landesanstalt für Medien NRW und in welche Richtung entwickelt sich ihr Angebot?

Auf die mit der Digitalisierung einhergehenden Veränderungen muss sich auch  das medienpädagogische Angebot der Landesanstalt für Medien NRW fortlaufend  einstellen. Im Bildungsbereich sind wir dabei bereits auf einem guten Weg. Projekte wie Klicksafe oder Internet-ABC bieten eine verlässliche Unterstützung im Bereich der Medienkompetenzförderung. Unser Peer-to-Peer-Projekt Medienscouts NRW, bei dem Jugendliche andere Jugendliche beraten, ist mit bisher über 3.100 qualifizierten Schülerinnen und Schülern das größte seiner Art im deutschsprachigen Raum.

Allerdings stellen wir zunehmend fest, dass die dynamische Medienentwicklung die Bürgerinnen und Bürger vor neue Herausforderungen stellt. Daraus ergeben sich  individuelle Fragen und Hilfebedarfe, auf die wir derzeit noch nicht ausreichend reagieren. Im Bereich „Schutz und Hilfe“ werden wir deswegen verstärkt aktiv werden. Da solche komplexen Umbrüche immer Orientierungsphasen erfordern, stehen wir hier allerdings noch am Anfang.

Neben den Projekten der Medienkompetenz fördert die Landesanstalt für Medien NRW auch die aktive Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an den Medien. Wie wirken sich aktuelle Entwicklungen auf die Bürgermedienförderung in NRW aus?

Die Digitalisierung verändert die Medienwelt, das betrifft natürlich auch die öffentliche Kommunikation über Medien. Zeitgemäße Bürgermedien sollten deshalb auch im Internet präsent sein, Angebote sollten zeit- und ortsunabhängig rezipierbar sein und auf mobilen Geräten funktionieren. Mit unserer Bürgermedienplattform NRWision haben wir erstmalig einen zentralen Ort im Internet, an dem wir Inhalte aus allen  Bürgermedien – Bürgerfunk, Campus-Radios, Bürgerfernsehen – bündeln und crossmedial aufbereiten. Jeder Zulieferer, ob Audio- oder Videoproduzent, bekommt hier professionelles Feedback. Es freut uns, wie sich NRWision entwickelt und die thematische und regionale Vielfalt von Nordrhein-Westfalen widerspiegelt.

Zurzeit arbeiten wir darüber hinaus am Aufbau eines weiteren digitalen Qualifizierungsangebots. Hier sollen Bürgerinnen und Bürger unter anderem mit Hilfe interaktiver Module darin unterstützt werden, eigene Inhalte zu produzieren. Über diesen Weg sollen möglichst viele Menschen in NRW auch dezentral von diesem Angebot profitieren können.

Eine weitere wesentliche Aufgabe der Landesanstalt für Medien NRW ist die Medienaufsicht. Wie sehen Sie das Verhältnis von Aufsicht und Medienkompetenz?

Bei der Medienkompetenzförderung geht es in erster Linie darum, Bürgerinnen und Bürger zu unterstützen, wissend, offen und kritisch mit Medien umzugehen. Das hat natürlich bei der Förderung von Kindern und Jugendlichen auch noch eine gewisse erzieherische Komponente. Insgesamt steht bei der Medienkompetenz aber der Gedanke im Vordergrund, die Nutzerinnen und Nutzer in ihrer Selbstbestimmtheit zu stärken, ohne Vorschriften zu machen oder bevormundend zu sein.

Meinungsfreiheit ist ein wichtiges gesellschaftliches Gut, das aber endet, wenn andere beleidigt oder gedemütigt werden. Und wenn zentrale Grundwerte unseres Zusammenlebens verletzt werden, können wir durch unsere Aufsichtsfunktion tätig werden. Um dies nach außen zu tragen, haben wir unter anderem die Initiative „Verfolgen statt nur Löschen“ ins Leben gerufen.

Stichwort „Verfolgen statt nur Löschen – Rechtsdurchsetzung im Internet“: 
Welche Ziele möchten Sie mit dieser Initiative in Nordrhein-Westfalen erreichen?

Mit der Initiative „Verfolgen statt nur Löschen – Rechtsdurchsetzung im Internet“, in der Medienhäuser, Strafverfolgungsbehörden und Medienaufsicht koordiniert zusammenarbeiten, setzen wir auf einen generalpräventiven Ansatz. Indem die Verfasser strafrechtlich relevanter Hasskommentare juristisch zur Verantwortung gezogen werden, machen wir klar: Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, und wir sind auch nicht gewillt, einer Minderheit von rassistischen, frauenfeindlichen und homophoben Hassrednern das Netz zu überlassen. Allerdings ist nicht jeder Kommentar, den wir als anstößig oder „unter der Gürtellinie“ empfinden, gleich auch strafrechtlich relevant. Hier setzen wir wieder auf Mittel aus der Medienkompetenz, zum Beispiel indem wir Online-Redaktionen Techniken vermitteln, mit denen sie entgleitende Forumsdiskussionen wieder versachlichen und zivilisieren können.

Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, und wir sind auch nicht gewillt, einer Minderheit von rassistischen, frauenfeindlichen und homophoben Hassrednern das Netz zu überlassen.


Damit spielen Sie auf den Maßnahmenkatalog für Medien „Hasskommentare im Netz. Steuerungsstrategien für Redaktionen“ an, den die Landesanstalt für Medien NRW im Sommer 2018 herausgegeben hat?

Ja. Wir wissen, auch durch den Austausch mit unseren Partnern im Projekt „Verfolgen statt nur Löschen“, dass Redaktionen ganz unmittelbar von übergriffigen und unangemessenen Kommentaren betroffen sind. Das geht einher mit der Unsicherheit bei der Frage, wie man damit am besten umgeht. Dies war für uns der Anlass, unterschiedliche Maßnahmen wissenschaftlich zu untersuchen und vor allem: sie in der Online- Redaktion einer Lokalzeitung auf ihre Effektivität und Anwendbarkeit hin zu testen. Herausgekommen ist ein Zehn-Punkte-Maßnahmenkatalog, der Redaktionen hilft, Diskussionen etwa in Kommentarspalten oder in Foren zu begleiten.

Warum forscht die Landesanstalt für Medien NRW überhaupt?

Die Erforschung der Digitalisierung und ihrer Folgen ist Bestandteil unseres gesetzlichen Auftrags. Besonders wichtig ist uns dabei der konkrete Anwendungsbezug. Bleiben wir beispielsweise bei der Studie „Hasskommentare im Netz. Steuerungsstrategien für Redaktionen“. Das Vorhaben zielte von Beginn an darauf ab, Redakteurinnen und Redakteure sowie Social-Media-Managerinnen und -Manager in den Forschungsprozess einzubinden, um Erkenntnisse zu gewinnen, die empirisch fundiert und ohne großen Aufwand in den Redaktionsalltag zu übernehmen sind. Kurz gesagt: Das Forschungsprojekt wurde gemeinsam mit der Praxis durchgeführt, in der Praxis erprobt und ist für die Praxis gemacht worden. Und dank unserer forsa-Studie zu Hass im Netz wissen wir, dass nur ein verschwindend geringer Anteil der Nutzerinnen und Nutzer hetzt und trollt – eine laute Minderheit, die wir, da bin ich optimistisch, in den Griff bekommen werden. Dazu wollen wir mit unseren Aktivitäten in den Bereichen Regulierung und Medienkompetenz einen Beitrag leisten.

Erschienen in Digitale Gesellschaft - digitale Verantwortung: Medienkompetenzbericht 2017/18.