Ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen wurde bereits im Netz von Erwachsenen zu einer Verabredung aufgefordert

Landesanstalt für Medien NRW veröffentlicht repräsentative Zahlen zur Erfahrung von Kindern zwischen 8 und 18 Jahren mit sexualisierter Ansprache im Netz

Dass Kinder und Jugendliche im Netz von Erwachsenen mit sexuellen Absichten kontaktiert werden, ist keine Seltenheit. Das zeigt eine repräsentative Befragung von Kindern und Jugendlichen, die die Landesanstalt für Medien NRW in Auftrag gegeben hat. Besonders das Phänomen des Cybergrooming, welches die Kontaktaufnahme Erwachsener mit sexuellen Absichten mit Kindern und Jugendlichen beschreibt, stand dabei im Zentrum der Befragung. Insgesamt wurden über 2.000 in Deutschland lebende Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 18 Jahren befragt, durchgeführt wurde die Erhebung von KB&B Family Marketing Experts.

Die Zahlen sind erschreckend. Fast ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen (24 %) wurde bereits im Netz von Erwachsenen zu einer Verabredung aufgefordert (8-9 J.: 9 %, 10-12 J.: 14 %, 13-15 J.: 25 %, 16-18 J.: 37 %). Jedes sechste Kind bzw. jeder sechste Jugendliche (16 %) gibt an, dass ihm bereits von einem erwachsenen Onlinekontakt eine Gegenleistung für ein Video oder Foto versprochen wurde. Jedes siebte Kind bzw. jede siebte Jugendliche (14 %) wurde aufgefordert, sich für einen Erwachsenen vor der Webcam auszuziehen oder die Kamera seines Smartphones anzuschalten. 15 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen geben außerdem an, ungefragt Nacktbilder zugesandt bekommen zu haben  – und das sind nur einige der Szenarien, die in der Befragung beschrieben und abgefragt wurden.

Über alle Schulformen hinweg beschreiben diese Erfahrungen relativ besonders häufig solche Kinder und Jugendliche, die auf eine Haupt- oder Berufsschule gehen. Die Befragung zeigt außerdem, dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen gibt. Beide Geschlechtergruppen erleben sexualisierte Ansprache von Erwachsenen im Netz gleichermaßen.

Auch die Kanäle, auf denen es zu einer sexualisierten Ansprache kam, wurden abgefragt. Vor allem bei Instagram haben die Befragten, die angaben, Erfahrungen mit sexualisierter Ansprache im Netz gemacht zu haben, diese Erfahrungen bereits gemacht (31 %), direkt gefolgt von WhatsApp (26 %) und Snapchat (24 %). Bei den Online-Games geben jeweils 9 Prozent an, bereits bei FIFA22 (9 %) und Minecraft (9 %) mit sexuellen Absichten angesprochen worden zu sein.

„Unser Leben findet viele Stunden am Tag im Netz statt. Zum Glück ist das heute möglich, sonst wäre in der Pandemie ziemlich Vieles zusammengebrochen. Doch die Ergebnisse unserer Befragung sind erschreckend und sie fordern uns - als Medienaufsicht, als Rechtsstaat, als Gesellschaft. Wir müssen Kinder und Jugendliche vor diesen Übergriffen schützen, ohne sie in ihren Freiheiten einzuschränken. Wir müssen aufklären, ohne Angst zu machen. Wir müssen die Täterinnen und Täter zur Verantwortung ziehen“, kommentiert Dr. Tobias Schmid, Direktor der Landesanstalt für Medien NRW, die Zahlen.

Bereits im Juni dieses Jahres hatte die Medienanstalt NRW ein Video zur Aufklärung über das Phänomen Cybergrooming und begleitendes Material für die Thematisierung in der Schule veröffentlicht. Der Wunsch, mehr Unterstützung in der Schule zu bekommen, zeigt sich nun auch in der veröffentlichten Befragung. 60 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen wünschen sich, dieses Thema im Schulkontext stärker zu behandeln, 45 Prozent es mit den Eltern zu besprechen. Jeweils über ein Drittel der Befragten (35 %) äußern außerdem den Wunsch, den Verdacht von Cybergrooming bei der Polizei zu melden oder bei einer unabhängigen Meldestelle prüfen zu lassen.

Besonders erschreckend sind auch die Ergebnisse einer Sonderauswertung der Befragung mit Fokus auf die Acht- bis Zehnjährigen. Bereits in dieser jungen Altersgruppe nutzen knapp 58 Prozent der befragten Kinder WhatsApp und über 30 Prozent TikTok. Und sie erleben Cybergooming. Über alle abgefragten Arten des Cybergrooming – wie beispielweise Verabredungen über das Internet, der Versand oder das Empfangen von Fotos – gibt fast jedes zehnte Kind an, diese Erfahrung bereits gemacht zu haben.

„Diese Zahlen zeigen eindrücklich, wie notwendig es ist, Kinder bei der Internetnutzung zu begleiten. Kinder bewegen sich vermeintlich sicher in der digitalen Umgebung, kennen die Apps, bedienen sie souverän. Doch bei der Einschätzung von Gefahren im Netz fehlen ihnen die notwendigen Kompetenzen. Eltern haben die Verantwortung, ihre Kinder zu schützen und sie im Umgang mit potentiellen Risiken zu stärken“, kommentiert Mechthild Appelhoff, Leiterin der Medienorientierung der Landesanstalt für Medien NRW, die aktuellen Zahlen.

Es zeigt sich, dass sich Kinder in dieser jungen Altersgruppe seltener gegen diese Kontaktaufnahmen wehren. Während im Durchschnitt der 8- bis 18-Jährigen rund 54 Prozent angeben, solche Kontaktaufnahmen zu blockieren, sind es bei den 8- bis 10-Jährigen nur rund 21 Prozent. Ähnlich sieht es damit aus, den Kontakt zu jemandem, der sich ihrem Empfinden nach ihnen gegenüber falsch verhalten hat, abzubrechen. Fast 44 Prozent der 8- bis 18-Jährigen brechen den Kontakt ab. Bei den 8- bis 10-Jährigen machen das nur knapp 20 Prozent.

Umso dringender wünscht sich die junge Altersgruppe, das Thema zuhause oder in der Schule besprechen zu können. Über 65 Prozent der Kinder geben an, dass es ihnen helfen würde, das Thema stärker in der Schule anzugehen (Gesamtdurchschnitt zum Vergleich: 60,2 %). Über 52 Prozent möchten es mehr zuhause besprechen (Gesamtdurchschnitt zum Vergleich: 44,7 %). Zurückhaltender sind die 8- bis 10-Jährigen damit, sich an die Polizei oder öffentliche Meldestellen zu richten.

„Eltern und Lehrkräfte sollten Kinder, gerade in Fällen von Cybergrooming, aber auch darüber hinaus präventiv begleiten. Kinder müssen sich darauf verlassen können, dass sie auch bei Fragen und Ängsten im digitalen Raum Hilfe bei ihren Eltern und Lehrkräften finden. Und zwar ohne, dass sie dadurch aus Unsicherheit direkt Verbote fürchten müssen. Das ist zu oft der Grund dafür, dass Kinder sich nicht an erwachsene Vertrauenspersonen wenden“, rät Mechthild Appelhoff außerdem.

Die Erhebung erfolgte über das Online-Panel FACT family. Das ist eine Datenbank mit über 30.000 aktiven Accounts von Kindern zwischen null und achtzehn Jahren und ihren Eltern – damit ist es das einzige Online-Panel in Deutschland zur repräsentativen Befragung von Kindern und deren Eltern.